ßß Die Respiration des Fötus.
Im ersten Stadium der Gefässbildung übernehmen die Vasa om-phalo-enterica die Zufuhr von Nahrungsmaterial aus dem Dotter. DieHauptnahrungsquelle des Säugethierfötus ist aber die Placenta. Welcherwunderbare Bau dieselbe befähigt, das Nahrungsmaterial und den Sauer-stoff zur Athmung aus dem mütterlichen Blut direct dem Kind zuzu-führen, ist oben auseinandergesetzt worden. Zwischen beiden Blutartenliegt ja nur die Schicht der Zottenepithelien, und für den Uebergangvon Sauerstoff und Nahrungsmaterial ist im Grund dieselbe Gelegenheitund Leichtigkeit gegeben, wie in den Lungen und dem Verdauungs-tractus im extrauterinen Leben. Die Aufnahme von Sauerstoff ins Blutund Abgabe von Kohlensäure aus dem Blut ist das Wesentliche einerjeden Respiration. Wir können also diesen ebengenannten Austauschvon Sauerstoff und Kohlensäure zwischen mütterlichem und kindlichemBlut mit vollstem Recht „Respiration des Fötus" nennen, auchwenn es sich dabei keineswegs um Athembewegungen handelt.
Sobald man eine Ahnung von der Bedeutung des Sauerstoffesfür die Athmung hatte und sah, wie das Blut durch den Sauerstoffhellroth, bei Mangel an Sauerstoff dunkel wurde, forschte man auchbeim Fötus nach hell- und dunkelrothem Blut in den verschiedenenNabelgefässen. Der entsprechende Befund bei dem Säugethierfötuswurde aber stets vermisst, und selbst einer der bedeutendsten Physio-logen dieses Jahrhunderts, Johannes Müller, vermochte bei sehrvielen Versuchen keinen Unterschied zwischen der Blutfarbe von Nabel-venen und Nabelarterien zu bemerken.
Der Farbenunterschied beweist die Athmung stricte und unwiderleglich;aber alle dahin zielenden Experimente waren stets misslungen. Soviel nun auchschon an Gründen für die Existenz einer fötalen Athmung, besonders in der be-rühmten Arbeit von Schwartz, vorgebracht worden war, so fehlte doch noch immerder Beweis, und dieser Beweis ist nur zu erbringen durch das Experiment und diedirecte Demonstration des Sauerstoffes. Das letztere gelang mir bei neuge-borenen Kindern, nachdem deren Nabelstrang vor dem ersten Athemzug abge-klemmt worden war, durch den spectroskopischen Nachweis des Oxyhämo-globinstreifens im Blut. Auch die früher resultatlos gebliebenen Thierversuche,welche den Zweck hatten, den Farbenunterschied zwischen Nabelvenen(hellroth) und Nabelarterienblut zu erweisen, gelangen mir sofort, als ich dieMutterthiere mit dem Abdomen und vor dessen Eröffnung in eine auf 38—40° C.erwärmte Kochsalzlösung von 0,7% eintauchte und damit die störende Neben-wirkung der Abkühlung vermied.
Diese Versuche sind seitdem auch von Fehling, Zuntz, Preyer x )u. A. wiederholt worden und haben den directen Beweis der fötalenAthmung vollkommen bewiesen.
') Gegenüber den Prioritätsansprüchen Preyer's in seiner „speciellen Physio-logie des Embryo", Leipzig 1885, p. 137 u. 138 kann ich auf folgende Thatsachenverweisen. Von dem Stud. med. Albert Schmidt war in der vorläufigen Mit-theilung „lieber Dissociation des Sauerstoffhämoglobins", Centralbl. f. d. med.Wissenseh. 1874 der Satz eingefügt: „Das Herzblut der lebenden Meerschweinchen-fötus enthält vor dem ersten Athemzuge constant Sauerstoffbämoglobin". Ueberdie Methode der Untersuchung war nichts bestimmtes angegeben. Als die Arbeit