Druckschrift 
Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
63
Einzelbild herunterladen
 

Das Fruchtwasser. 63

Die Salze selbst sind vorwiegend phosphorsaures, schwefelsauresund kohlensaures Natron, schwefelsaurer und phosphorsaurer Kalk undSpuren von Kali.

Der interessanteste und für die Lehre vom Fruchtwasser schwer-wiegendste Befund ist der Harnstoffgehalt. Dass dieser im Frucht-wasser zu findende Harnstoff vom Fötus dahin secernirt werde, ist ge-wiss die naheliegendste Deutung.

Dagegen ist aber mit allen möglichen Einwendungen von Ahlfeld,Fehling, Porak und Krukenberg opponirt worden. Die Gründe fürdie Abstammung des Harnstoffgehaltes vom kindlichen Urin sind folgende:

1) Alle löslichen Medicamente, welche der Mutter einverleibt werden,sind im Harn und Blut des Fötus, sowie im Fruchtwasser wiederzu-finden. Wenn dies nicht immer gelang, so war daran die Methode desNachweises oder die Dosis Schuld.

2) Der Harnstoff ist aus dem Fruchtwasser dargestellt und nachden verschiedensten Verfahren bestimmt worden, wobei sich dessen Mengeschwankend, aber in der Regel beträchtlicher erwies, als in einfachenTranssudaten.

Die Bestimmungen Prochownik's ergaben ein Ansteigen derHarnstoffmenge von 0,0166 °/o in der ersten Zeit der Schwangerschaftbis zu durchschnittlich 0,023 °/o am Ende. Das Blutserum, welches beimVergleich einzig in Betracht kommen kann, enthält nach Picard 0,016°/o,nach Feliling 0,021 °/o Harnstoff, also weniger.

3) Gusserow erbrachte den Beweis durch die Darreichung vonBenzoesäure an Schwangere. Benzoesäure wird im Organismus ausschliess-lich in der Niere in Hippursäure umgewandelt, dagegen findet sich dieHippursäure niemals im Blut oder in anderen Körpersäften in nennens-werthen Quantitäten (Bunge und Schmiedeberg, Arch. f. experimen-telle Pathologie und Pharmakologie Bd. VI. p. 233). Der Nachweisvon Hippursäure im Fruchtwasser zeigt mit Sicherheit, dass die Um-setzung in den Nieren des Fötus geschieht und das umgesetzte Productmit dem Harn des Kindes ins Fruchtwasser entleert wird. Diese That-sachen sind jüngst in vollem Umfang vonDührssen bestätigt worden.

4) Bei Verschluss der fötalen Harnwege und gewaltiger Stauungin der Blase fand sich kein oder fast kein Fruchtwasser vor (Gusserow,Arch. f. Gyn. Bd. III. p. 248).

Die chemischen Analysen deuten darauf, dass das Fruchtwasserin der ersten Zeit der Schwangerschaft ein Transsudat sei. Dass in derzweiten Hälfte der Fötus durch Urinabsonderung dazu beitrage, ist nichtzu bestreiten; wie viel aber an Quantität auf Rechnung des Fötus ge-setzt werden könne, lässt sich nicht annähernd angeben.

Das Transsudat wird in der Hauptsache von dem Gefässsystemdes Fötus geliefert — kindliche Epidermis, Vasa propria der Grenz-membran des Chorion (Jungbluth) etc. Doch lässt sich nicht leugnen,dass auch aus dem Gefässsystem der Mutter und zwar aus den reichentwickelten Gefässen der Decidua vera ein Beitrag geliefert wird,weil in Versuchen, die Zuntz und Wiener angestellt haben, das einem