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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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38
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38 Die Ursache des Geschlechtes.

Die stark abweichenden Zahlen von Noirot und Breslau zeigen, dassauch diese Hypothese nicht zu halten ist.

Eine andere ähnliche Vermuthung stammt von Thury. Je nach dem Zeit-punkt, in welchem das Ei nach seiner Loslösung aus dem Eierstock befruchtetwerde, entstehe männliches oder weibliches Geschlecht. Gerade die frühzeitigvon Zoospermien getroffenen Eier sollen Weibchen produciren, die spät befruchtetenMännchen. Auch diese Hypothese wurde durch Thatsachen widerlegt, z. B. durchdie eine, dass von den Eiern im Kaninchenuterus nicht die vordersten weiblich, dienachfolgenden männlich seien, sondern das Geschlecht ganz nach Zufall wechsle-

Die zuletzt zu erwähnenden Hypothesen stimmen darin überein, dass siedie Ursache des Geschlechtes in eine wechselnde Energie der Keimzellen legen.Dazu kommen noch die Hypothesen über regelmässig hermaphroditische,also doppelgeschlechtliche Anlage der einzelnen Individuen. Dies nahmPloss an. Das Geschlecht des Kindes entscheide sich dann nach der Qualitätund Quantität der Ernährung. Als Beispiel führte er an, dass Melonen undGurken, die an demselben Stamm männliche und weibliche Blüthen erzeugen, beigrosser Wärme nur männliche, in Schatten und Feuchtigkeit nur weibliche Blüthenzur Bildung bringen. Hensen bestreitet dieser Thatsache jede Beweiskraft, weildie analoge Frage beim Menschen nicht lauten würde, welches Geschlechtbeim Embryo entstehe, sondern unter welchen Bedingungen der Mann mehrSamen, die Frau mehr Eier zu erzeugen vermöge.

Die hermaphroditische Anlage kommt in der Thierwelt in grosser Aus-dehnung vor, und Waldeyer') vertritt den Standpunkt,dass die Uranlage dereinzelnen Individuen auch bei den höchsten Vertebraten eine hermaphroditische sei".

Eine höchst merkwürdige Thatsache, die für die Entscheidung dieser Fragegewiss von grosser Bedeutung ist, aber heute noch nicht entschieden werden kann,ist die alsfree Martin" bezeichnete Missbildung von Zwillingen des Rindes. DieseErscheinung, schon Hunter, Thomson, Simpson bekannt und von Spiegel-berg 2 ) und Bischoff weiter verfolgt, besteht darin, dass von 2 Zwillingen daseine anscheinend weibliche Thier steril ist, und dessen innere Genitalien imCharakter männlich, die äusseren dagegen weiblich sind. Das merkwürdige bestehtdarin, dass bei den Zwillingen des Rindes, so oft 2 weibliche Fötus kommen, beidenormal sind, ebenso wenn sie ungleiches Geschlecht haben. Sind aber beidemännlichen Geschlechts, so kommt häufig eines mit der hermaphroditischenVerkümmerung.

Ob dies nun bedeutet, dass, wenn eine Samenzelle bei einem Eiewirkt, sie nicht genug innewohnende Kraft zur Uebertragung des männlichen Ge-schlechts auf 2 Individuen hat, muss dahingestellt bleiben 3 ).

Inhaltsübersicht.

1) Die Reifung des Eies besteht in der Ausscheidung de?' Richtungs-körper oder Polzellen. Erst hierdurch wird dasselbe befruchtungsfähig.Dabei bleibt vom Keimbläschen nur noch ein Theil zurück derEikern".

2) Bei parthenogenetisch sich entivickelnden Eiern wird nur eine, beiallen anderen Eiern iverden 2 Polzellen ausgeschieden.

3) Die Befruchtung geschieht durch das Eindringen einer einzigenSamenzelle. Nur in geschivächte Eier vermögen mehrere einzudringen.Aus dem Kopf der Samenzelle bildet sich derSamenkern". Durch dasGegeneinanderräcken von Eikern und Samenkern und ein vollständigesVerschmelzen beider wird die Befruchtung vollendet.

*) Eierstock und Ei. p. 152.

2 ) Hensen p. 204.

3 ) Pflüger, Arch. f. Phys. Bd. XXIX. 1882. p. 13 ff.