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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
36
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gg Der Vorgang der Befruchtung.

Bei der Befruchtung des reifen Eies dringt normaler Weise,trotzdem das Ei von unzähligen Samenfäden umschwärmt wird, nurein Samenfaden und zwar der erste, der sich demselben nähert, indas Ei ein. Dem Kopf des ersten Samenfadens gegenüber streckt dasEi einen erst flacheren, dann stärker und stärker sich erhebenden Fort-satz aus, der den Kopf desselben in Empfang nimmt und mit demselbenverschmilzt. So wie dies geschehen ist, kann unter normalen Ver-hältnissen keine einzige Samenzelle mehr eindringen. Der beweglicheFaden der Samenzelle verschwindet, der Kopf jedoch, welcher geradewie der wichtigste Bestandtheil des Eies von der Kernsubstanz einerZelle abstammt, rückt nun nach seiner Vereinigung mit Eiprotoplasmavon der Dotterhaut aus gegen das Centrum, gegen den Eikern vor.Um ihn herum ordnet sich das Protoplasma des Eies in radiären Bahnenan und bildet eine Strahlenfigur, welche langsam immer mehr und mehran Ausdehnung gewinnt.

Fig. 10. Fig. 11.

Zur Befruchtung des Eies beim Seeigel (nach Hertwig).sk Samenkern, ek Eikern.

Wenn Samenkern und Eikern auf einander treffen, ver-schmelzen sie zu einem einzigen Kern. Die Befruchtungist vollendet, die erste Furchungskugel gebildet, aus welcherdurch weiter und weiter gehende Zelltheilung das neue Individuumentsteht (vgl. Fig. 12).

Anmerkung. Wenn auch das Eintreten eines Samenfadens im Thier- undPflanzenreich nach zahlreichen Beobachtungen die Regel büdet, so kommt es dochausnahmsweise vor, dass auch zwei und mehr Samenfäden an der BefruchtungTheil nehmen (Polyspermie, Ueberfruchtung).

Das bemerkenswertheste ist dabei, dass dies künstlich hervorgerufen werdenkann, wenn man die Eizellen höheren oder niederen Temperaturen aussetzt, siechloroformirt, mit Chloralhydrat, Morphium, Strychnin, Nicotin, Chinin etc. be-handelt. Vom Grad der Schwächung des Eies hängt geradezu die Vielzahl voneindringenden Samenfäden ab, so dass z. B. in Eier, welche stärker mit Chloralhy-drat behandelt wurden, sich mehr Samenfäden einbohren können. Fol vermuthet,dass die Zwei- und Mehrfachbildungen (Zwillinge resp. Doppelanlagen) auf dasEindringen von 2 und mehr Samenfäden zurückzuführen sei (0. Hertwig).

Anmerkung. Eine Besprechung über die Ursache des Geschlechtes könnteman eigentlich weglassen, denn vonWissen" ist dabei nicht die Rede, sondernnur vonVermuthen". Ob es je gelingt, die Ursache der Geschlechtsbildung zu