Die Fortbewegung des Eies. 31
dem Ei als ruhender Zelle eine vollkommen passive Rolle zuzuweisen,und zwar deswegen im Irrthum, weil Eier niederer Thiere bei derBefruchtung sehr activ sind, so besitzen doch die Eier keine selb-ständige Ortsbewegung. Und den Weg durch die Bauchhöhle kanndas Ei nur durch eine Saftströmung in Folge der Flimmerbewegungdurchlaufen. Wenn es aber diesen Weg machen kann, so ist die Fort-bewegung in der Tube ebenso gut möglich.
Man hat zu Zeiten schon Muskelcontractionen des Oviducts alstreibende Kraft angenommen. Sicher können solche aber in der weitenund faltenreichen Ampulle der Tube auf das minutiöse Gebilde keineWirkung haben. Contractionen kann man als treibende Kraft über-haupt nur bei etwas grösseren, also befruchteten Eiern denken.
Wir haben auch die Aufnahme des Eies in den Tubentrichterals eine Wirkung des Wimperstroms hingestellt, absichtlich aber dieGründe für die Thätigkeit der Flimmerung vorausgeschickt. Wenndie Bewegung der Flimmerhaare das Ei den grösseren Weg hinterdem Uterus herum in die Tube der anderen Seite treiben kann, sovermögen dieselben auch das Ovulum über die Fimbria ovarica, welcheebenfalls Flimmerepithelium trägt, hinweg in den Oviduct derselbenSeite zu bewegen. Der Eintritt des Eies in die Tube schien vor derKenntniss der Wimperung unerklärlich und musste man sich den Vor-gang zurechtlegen. Hypothetisch nahm man eine Anlagerung desTubentrichters an das Ovarium an und wurde in dieser Auffassungbestärkt durch Gefässinjectionen in die Arterien der Tube. SchonHall er 1 ) und Walter 2 ) fanden, dass bei diesen Füllungen der Art.spermatica das abdominale Ende des Oviducts sich aufrichte und dieFimbrien entfalte. Niemals umfasste aber das Fransenende den Eier-stock vollständig. Es wäre deswegen nur für die zunächstliegendenEier die Wahrscheinlichkeit gegeben, in den Oviduct zu gelangen.
Der Hauptgrund gegen die Bedeutung dieses Ueberlagerns desOstium abdominale tubae für die Befruchtung ist aber die BeobachtungBischoff's, dass die Turgescenz der inneren Genitalien, welche dieErection der Tube bedingt, nicht beim Bersten der Follikel, sondernerst später eintritt, nachdem das Ei schon in der Tube weit fortgerücktoder gar bis in den Uterus gekommen ist.
Anmerkung 1. Bei mehreren Thieren ist die Mündung der Tube relativweit vom Eierstock entfernt, so dass eine Berührung des Ovariums durch dasOstium abdominale unmöglich ist. Dennoch werden diese Thiere mit unfehlbarerRegelmässigkeit befruchtet.
Anmerkung 2. Schon oben sind zwei Fälle citirt worden, welche dieäussere Ueberwanderung des Eies beweisen. Am sichersten aber wurdedies festgestellt durch Thierexperimente Leopold's 3 ). Er schnitt vier weiblichenKaninchen die Ovarien der einen und ein Stück des Oviducts der anderen Seiteaus. Als er sie später mit Männchen wieder zusammenbrachte, wurden zwei
J ) Elementa physiol. VIII. 28.
2 ) Betrachtungen über die Geburtstheile des weiblichen Geschlechts. Berlin1776. p. 17.
3 ) Arch. f. Gyn. Bd. XV. p. 258.