Ovulation und Menstruation. 29
Gehen wir die einzelnen Beobachtungen durch, so vernehmen wir vonOldham 1 ), dass er Ovarien in den Schamlefzen sah, von denen alle 3—4 Wocheneines oder beide 4 Tage lang anschwollen, dann 3 Tage stationär blieben unddann zum Ruhestand zurückkehrten. Da aber bei der betreffenden Person Uterusund Tuben fehlten, konnte keine Menstruation eintreten. In einem zweiten Fallevon Verdier lag das rechte Ovarium vor, vergrösserte sich vor der Menstruationund schwoll ab nach der Blutung.
Ovula im Uterus bald nach der Menstruation wurden von Hyrtl 2 ) undLatheby 3 ) gefunden.
Bischoff untersuchte die Ovarien auf geplatzte Follikel und Corpora lutea.Unter 13 Beobachtungen waren einigemal die Follikel schon vor der Menstruationgeplatzt. Es existiren noch weitere Notizen von Kölliker, der unter 7 Fällen2mal kein frisches Corpus luteum, Coste, der eröffnete Eibläschen schon am1. Tage und gelegentlich noch geschlossene selbst 5 Tage nach der Menstrua-tion fand.
Endlich — last not least. — kommt die Schwangerschaftsrechnung alsBeweis für Zusammengehörigkeit und Periodicität dieser Vorgänge. Wenn dieOvulation regellos vorkäme, ohne irgend eine Beziehung zurMenstruation, so müsste auch die Schwangerschaftsdauer ausserjeder Beziehung zur Menstruation stehen. Und doch rechnen Laien undAerzte seit Hunderten von Jahren die Schwangerschaftsdauer nach der zuletztdagewesenen Regel aus. Diese Berechnung lässt zwar sehr oft im Stich, undwird man an der Gesetzmässigkeit leicht irre, um so leichter, wenn man zurDurchschnittsrechnung nur kleine Zahlenreihen benützt. Es sind aber auch schonrecht grosse Berechnungen angestellt worden, welche die Durchschnittsdauer derSchwangerschaft immer mit kleinen Unterschieden zu 280 Tagen nach dem Eintrittder letzten Regel und zu 272—273 Tagen nach dem fruchtbaren Coitus ergaben.Die älteste solcher Berechnungen stammt nach Hasler von Fortunato Fideleaus dem Jahr 1630. Hasler selbst konnte diese Zahlen bestätigen (280,5 und272,24 Tage). Der Zusammenhang zwischen Ovulation und Menstruation ist dochnicht zu verbannen, wenn man die zweite Hasler'sche Curve ansieht, nach welcherdie überwiegende Mehrzahl der Conceptionen unmittelbar nach Schluss der Men-struation eintritt. Eine Zusammenstellung, die mein Assistent Dr. Döderleinanfertigte, ergab als Durchschnittsdauer und höchste Procentziffer von der zuletztdagewesenen Periode weg 40 Wochen und zeigte neben vielen Schwankungendoch die höchst bemerkenswerthe Thatsache, dass noch zwei relative Maxima aufdie 36. und die 44. Woche fielen.
Unleugbar hat diese Beziehung der Schwangerschaftsdauer mit der Men-struation eine Beweiskraft auch für eine Periodicität der Ovulation. Die vielenFälle, welche mit dem Durchschnittsverhalten nicht übereinstimmen, zeigen nur,dass grosse Fehlerquellen bei der Berechnung mit unterlaufen, die wir zur Zeitnoch gar nicht alle übersehen können, die aber bei recht grossen Zahlenreihensich immer compensiren.
Im Widerspruch mit diesen Anschauungen befinden sich dieUntersuchungsergebnisse von Ritchie 4 ) und Leopold"'). Beide Autoren kamenzu dem Resultat, dass die Beratung eines Graafschen Follikels durchaus nichtperiodisch eintrete, sondern an jedem Tag zwischen 2 Blutungsperioden stattfindenkönne. Es hat besonders bei der Arbeit Leopold's an Gewissenhaftigkeit nichtgefehlt, und würde freilich die ganze Lehre einen Stoss bekommen, wenn sich jeneErgebnisse fortgesetzt bestätigten. Wir können aber nicht verhehlen, dass wir
*) Proceed. Roy. Soc. VIII. p. 377. — Farre, in Todd's Cyclopaedia V. p. 667.
2 ) Bischoff, Zeitschr. f. rat, Med. N. F. IV. p . 12 9. 1854.
3 ) Latheby, Froriep's neue Not. 1852. Nr. 603.
4 ) Froriep's neue Not. XXXI. p. 306. 1844.
5 ) Arch. f. Gyn. Bd. XXI. 347. 1883.