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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
19
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Die Mortalität im Wochenbett. \Q

Mit diesen Zahlen sind auch die Anfeindungen der Gebäranstaltenwiderlegt. Es ist gar nicht richtig, dass des Lehrzweckes wegen sound so viel Wöchnerinnen geopfert werden müssen. In einer gut ge-leiteten Klinik lässt sich ein ebenso niedriges Mortalitätsverhältniss er-zielen als in der Privatpraxis, ja es ist bereits durch die neueren Er-gebnisse bei verschärfter Desinfection weit besser geworden.

Nun ist es ja natürlich, dass unter der Zahl der Geburten diegleichen Individuen wiederholt als Gebärende zählen, und zwar wirdvon dem statistichen Bureau für Preussen angenommen, dass die durch-schnittliche Geburtenzahl für eine verheirathete Frau 4,114 beträgt.Bei der gefundenen Mortalität von annähernd 0,9 °/o würden von 100 ver-heiratheten Frauen 3,7026 am Puerperalfieber sterben; bei einer Millionalso 37,026, das heisst ungefähr der 26. Theil aller Ehefrauen.

Mag auch gerade dieser letzte Schluss nicht ganz zutreffen, in-dem ja am Puerperalfiebertod eine sehr grosse Zahl unehelich Ge-schwängerter theilnimmt, so entspricht es doch der Wahrheit, wennwir für die Zahl nicht mehr Ehefrauen, sondernMütter" einsetzen.

Die Correctur, in der Boehr'schen Statistik 113 statt 100 Puer-peraltodesfälle zu rechnen, kann willkürlich erscheinen. Höchst wahr-scheinlich ist aber das Verkennen des Puerperalfiebers noch häufiger,als es dieser Zahl entspricht. Während im Jahr 1875 für die ganzeStadt Berlin 183 Puerperaltodesfälle angemeldet waren, kamen aufden Leichentisch des pathologisch-anatomischen Instituts der Chariteallein 32 Fälle von den medicinischen Stationen und hieher bis aufeinige wenige alle von der Stadt herein. Wahrscheinlich waren vieleFälle darunter, die intra vitam nicht den Eindruck von puerperalerInfection gemacht hatten und erst als solche auf dem Sectionstischnachgewiesen wurden.

Die Arbeit von Boehr ist die erste Zusammenstellung für eingrosses Staatsgebiet und auf eine lange Reihe von Jahren. Die ge-fundenen Zahlen scheinen doch lebhaft dafür zu sprechen, dass dasKindbettfieber im Privathause keineswegs etwas so seltenes sei, dassman für dessen Einschränkung keine besonderen Massregeln noth-wendig hätte. Die Verheerungen sind, für ein ganzes Staatsgebiet zu-sammengestellt, colossal zu nennen.

Der grossen Zahl von Todesfällen an Puerperalfieber (363,627)steht eine Gesammtmortalität

an Cholera von 360,000 und

an Pocken von 431,287 Individuen gegenüber.

Zieht man aus diesen beiden Summen die Todesfälle für dasweibliehe Geschlecht heraus, wobei Kinder und Greisinnen eingerechnetsind, so betrug die Ziffer für

Choleratodesfälle 170,000 undfür Pocken 165,000.

Also sind während der 60 Jahre mehr Frauen im geschlechts-reif en Alter an Kindbettfieber, als weibliche Personen an Pocken undCholera zusammen gestorben.