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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
16
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15 Desinfectionslehre.

nach, der Entbindung mittelst einer Spülkanne (Irrigator) die Gebärmuttermit viel Wasser oder Carbollösung von 2 l J2 °/o ausgespült iverden.

Die Instrumente sind vor jedem Gebrauch 10 Minuten auszukochenoder ebenso lange in frische Carbol- beziv. Sublimatlösung *) zu legen.Allen äusseren Wunden ist die grösste Aufmerksamkeit zuzuwenden, dieStopftücher oder Unterlagen sollen sehr rein gehalten und häufig ge-wechselt 'werden.

Wir haben diese Anforderungen schon längere Zeit streng eingeführt undkönnen versichern, dass alles, was da angerathen wird, hei gutem Willen vonjedem practischen Geburtshelfer durchgeführt werden kann. Das unbequemsteist begreiflicher Weise das Pausiren in der geburtshülflichen Thätigkeit.

Zunächst ist es von vornherein begreiflich, dass diese Lehre Manchem rechtunbequem und unbehaglich ist. Wer eine ausgedehnte geburtshülfliche Praxishat und daneben in dem lobenswerthen Bestreben, sich weiter zu bilden, auchSectionen ausführt, wer eben eine septisch inficirte Wöchnerin behandelt hat undam gleichen Tag zu einer operativen Geburt gerufen wird, dem sind die Grund-sätze, dass eine einmalige recht gründliche Desinfection ihn ganz sicher immunmache, weit zusagender als das Gegentheil. Sie überhebt ihn mindestens einereigenen Verantwortlichkeit, selbst wenn eine Erkrankung trotz seiner Desinfectionfolgen würde. Würden, wie das in ärztlichen Gesellschaften ganz regelmässig vor-kommt, alle Fälle zusammengezählt, wo von den Einzelnen nach starker Infectionder Hände mit Jauchebestandtheilen durch eine einmalige Desinfection eine Er-krankung verhindert wurde, so ist ganz ausser Frage, dass die grosse Mehrheitsich gegen Abstinenz, gegen Nothwendigkeit und Zweckmässigkeit derselben ent-scheiden würde.

Solche Fragen werden jedoch niemals durch Mehrheitsbeschlüsse entschie-den, sondern nur durch objective Untersuchungen, sei es durch das Experimentoder die Statistik.

Dass es mit inficirt gewesenen Händen nach einer Desinfection möglich ist,Operationen auszuführen, ohne dass eine Erkrankung folgt, habe ich seihst schonangegeben. Wenn jedesmal nach der Imprägnation mit Leichentheilen die unter-suchte Kreissende Puerperalfieber bekommen hätte, so hätten sicherlich nichtProfessoren zugleich für Anatomie und Geburtshülfe angestellt und thätig seinkönnen. Wenn der Zusammenhang ein so consequenter wäre, hätte man nichtDecennien zur Erkenntniss des Zusammenhangs gebraucht. Die Frage lautet aberdurchaus nicht dahin, ob es nach Desinfection vorkommen könne, dass keine In-fection folgt, sondern ob die Desinfection in jedem Falle absolute Sicher-heit gebe?

Dies lässt sich erst nach längerer Erfahrung und mittelst ausgedehnterStatistik nachweisen. Ich bleibe für meine Klinik unbedingt auf der Forderungder Abstinenz stehen.

Zweckmässig kann es sein, die Hände zu wechseln, also Inficirendes immernur mit einer Hand zu berühren, geburtshülfliche Manipulationen, wenn sie nichtumgangen werden können, nur mit der anderen, aseptisch gehaltenen Hand vor-zunehmen.

Es gingen einzelne in den letzten Jahren gemachte Vorschläge zur Prophy-laxis noch viel weiter als die meinigen. Bischoff war der erste deutsche Ge-burtshelfer, der eine systematische Benützung von Lister's antisemitischem Ver-fahren in die Geburtshülfe zu übertragen versuchte. Im Beginn der Geburt wurdedie Körperoberfläche durch ein Bad, die Vagina durch Ausspülung mit einer

a ) Metallene Instrumente werden vom Sublimat, die elastischen Katheter vomCarbol angegriffen. Die letzteren greift es allerdings nur an, wenn sie längerdarin liegen.