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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
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14
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14 Desinfectionslehre.

Anmerkung. Die Lister'sohe Wundbehandlung ging in ihren sämmtlichenVorschriften von dem Grundgedanken aus, keine Zersetzungserreger zu den Wundenzu bringen, weder durch Hände, noch durch Instrumente, noch durch die Luft. Esist nicht zu leugnen, dass zuerst gerade auf die Reinigung der Luft das meisteGewicht gelegt wurde, während die Luft weit weniger Gefahr bringt als die Be-rührungsübertragung durch Hände und Instrumente. Die folgerichtige Entwick-lung der Antisepsis liess deswegen die Desinfection der Luft immer mehr zurück-treten gegenüber den Contactinfectionen. So ist man Schritt vor Schritt zu denrigorosen Desinfectionsvorschriften für Hände und Instrumente gelangt.

Der Gedankengang von Lister's System der antiseptischen Wundbehandlunghatte allerdings noch eine Voraussetzung, nämlich dass das lebende und gesundeGewebe bei Menschen und Thieren von allen Zersetzungserregern frei sei. Diestrifft im allgemeinen für die im Körperinnem befindlichen Organe, Milz, Herz,Nieren u. s. w., zu, dagegen nicht für die Scheide. Sicher ist nach zahlreichenUntersuchungen, welche Dr. Döderlein bei der Leipziger Klinik in der Folge seinerArbeit über die Lochien von gesunden und kranken Wöchnerinnen angestellt hat,erwiesen worden, dass in der Scheide aller Schwangeren viele .und vielerlei Micro-organismen und darunter auch pathogene vorkommen. Wie sich dies in der Vaginabei erwachsenen Virgines intactae verhält, konnten wir bisher nicht untersuchenund ist selbstverständlich die Beantwortung dieser Frage nur schwer möglich. Beineugeborenen Mädchen fehlen Untersuchungen ebenfalls. Merkwürdiger Weisewurden dagegen durch Impfungen aus der Vagina junger Kaninchen 2mal Micro-organismen gezüchtet. Beide Male jedoch Reinculturen einer bestimmten Species.

So sehr es nun selbstverständliche Pflicht der Chirurgen ist, ihre Aufmerk-samkeit nicht nur auf ihre Hände und Instrumente zu richten, sondern auch dieKörperoberfläche streng zu desinficiren, da dieselbe ja stets der Uebersähung mitallen möglichen Microorganismen ausgesetzt ist, ebenso muss es das Bestreben derGeburtshelfer sein, die Geburtswege zu desinficiren, weil man erfahrenhat, dass sie von selbst nicht keimfrei sind, ja sogar pathogene Keime bergen.

So einfach nun die Forderung a priori erscheint, die Scheide zu desinficiren,so erwies es sich geradezu als unmöglich, dieselbe keimfrei zu erhalten, selbst wennsie durch die Desinfection keimfrei gemacht war. Es kam auch ohne neue Con-tactinfectionen von aussen in kurzer Zeit, in 12mal 24 Stunden, zu einer Reinfectionund zwar, wie dies die Untersuchungen meines Assistenten Dr. Döderlein erwiesen,von dem Schleimpfropf im unteren Theile des Cervicalcanales aus, der den Des-infectionsbestrebungen widerstand.

Aber auch abgesehen von dieser Schwierigkeit, die einmal keimfrei gemachteVagina keimfrei zu erhalten, erwies sich die methodische Desinfection der Scheideals keineswegs einfach und nützlich.

Ausspülungen mit den üblichen Desinfectionslösungen hatten gar keinenErfolg. Schon wenige Stunden nachher waren wieder zahllose Coccen und Bacterienin der Scheide zu finden. Ein Ausreiben der Schleimhautfalten mittelst der Fingerunter Benützung von sterilisirtem Mollin und nachherigem Ausreiben unter Be-rieseln der Scheide durch Sublimatlösung hatte nur auf höchstens 2 Tage denErfolg, dass die Vagina keimfrei blieb. Später war selbst in Fällen, wo der Ab-schluss der Genitalien nach aussen vollkommen normal war, eine Reinfection vomSchleim des Cervicalcanales aus erfolgt.

Die Sublimatlösung hebt bei dieser Manipulation die Schlüpfrigkeit derSchleimhaut vollständig auf. Wir sahen auf eine consequente Anwendung desVerfahrens die Morbidität steigen statt sinken, wahrscheinlich weil um der auf-gehobenen Schlüpfrigkeit willen viel mehr kleine Schleimhautrisse entstanden,welche bei der Reinfection der Lochien ebenso viele Impfstellen darstellten. Injedem so desinficirten Falle zeigten auch die Lochien der Scheide wieder Coccenund Bacterien wie gewöhnlich.

Seit langer Zeit wird in der Leipziger Klinik auf mein Geheiss die Des-infection im Anfang der Geburt, also nach begonnener Eröffnung des Haiscanales,unter Ausspülen, in einzelnen Fällen mit Ausreiben des Cervical- und des Scheiden-