Desinfectionslehre. 9
touchirte ein Examinand 54 Stunden nach einer Section und inficirtedie Kreissende trotz gründlichster Desinfection.
Solche Erfahrungen legen die Vermuthung nahe, dass selbst diegründlichste Desinfection nur äusserst schwer alle septischen Keimevernichten kann. Und die kürzlich erschienene Arbeit von Fürbringer,welche beweist, welcher ausserordentlichen Anstrengung und Sorgfaltes bedarf, um die Hände so zu desinficiren, dass sie von allen Keimenfrei sind, gibt mir doch vollkommen Recht, dass die behauptete Sicher-heit bei der bisher geübten Desinfection gar nicht vorhanden war.Wahrscheinlich bestehen für die septischen Stoffe, mit denen man inBerührung kommt, grosse Unterschiede: Nicht jede Leiche ist in glei-chem Grade infectiös. Da wo aber die Hände mit intensiv infectiösen. Leichentheilen oder anderen Infectionsstoffen so innig und so lange inBerührung kamen, wie bei einer Section, Leichenoperation oder wiebei der Entfernung faulender Piacentarreste und den Intrauterin-Injec-tionen einer septisch erkrankten Wöchnerin, mögen sich Aerzfce undHebammen vorsehen, die Leitung einer Geburt, beziehungsweise eineOperation zu übernehmen. In England wird unter den gleichen Ver-hältnissen gewöhnlich eine Woche Vacanz gemacht. Wenn auf meinerKlinik eine Wöchnerin septisch krank wird, darf der Assistent, welcherdie Behandlung derselben übernommen hat, erst 7 Tage nach Ablaufder Erkrankung wieder normale Geburten leiten. An dieser Einrichtunghalte ich für meine Klinik unbedingt fest und verlange für Assistentenund Practicanten deren genaue Befolgung, so lange bis eine jahrelangeUebung der verschärften Desinfection und sowohl die experimentelleControle derselben als auch ein Vergleich von Morbidität und Mortalitätzwischen Kliniken, in denen Abstinenz verlangt oder nicht beachtetwird, die vollkommene Zuverlässigkeit der Desinfection selbst bei in-ficirten Händen bewiesen hat. So weit sind wir bis jetzt noch nicht.
Die Forderung der Immunität der Hände des Geburts-helfers und die davon abhängige vorübergehende Abstinenz vonder Geburtshülfe, so weit sie das Eingehen der Hand in die Geni-talien nothwendig macht, wo keine Immunität vorhanden ist, könnenwir als erste und natürlichste Consequenz der Semmelweiss'schenLehre bezeichnen. Sie ist die unbequemste Bestimmung der Antisepsisund es ist begreiflich, dass von allen Seiten schon lange dahin gestrebtwurde, die Hände durch die Desinfectionsmittel wieder keimfrei, alsofür jede Ansteckung unfähig zu machen, um ungehindert die Geburts-hülfe in ihrem ganzen Umfang ausüben zu können, selbst wenn manunmittelbar vorher infectiöse Stoffe berührte. Solche Versuche haben,je genauer die Methode der experimentellen Controle war, um so mehrergeben, wie ausserordentlich schwierig diese vollständige Des-infection der Hände ist. Die neueste Arbeit von Fürbringerhat durch die genauere Controle gezeigt, dass die früheren Vorschriftenvon Forst er und Kümmell noch ungenügend waren.
Die Vorschriften hat Fürbringer selbst in folgenden Sätzenzusammengestellt: