8 Desinfectionslehre.
chiren kann. Der Leichengeruch tritt zwar immer nach dem Waschenauf kurze Zeit zurück; aber weil derselbe immer wiederkehrt, wenndie Haut etwas warm und feucht wird, können wir aus dieser ein-fachen Thatsache erkennen, dass die Keime keineswegs so leicht vonder Hand wegzuwaschen sind. Es haften die septischen Stoffe sofest an der Haut, wahrscheinlich weil sie in Poren einzudringen ver-mögen, dass sie die gewöhnliche Waschung der Hände nicht mehrerreicht.
Nun gibt es aber für einen practischen Arzt Verhältnisse, wo esvon entscheidendem Werth ist zu wissen, wie weit eine gründlicheDesinfection die septischen Keime zu zerstören vermag, und fürsolche Verhältnisse geben wir später die Vorschriften an.
Nehmen wir als Beispiel an, dass ein Arzt eine Section gemachthat und einige Stunden später zu einer Kreissenden gerufen wird,welche eine lebensgefährliche Nachblutung hat. Darf er dabei „nachgründlichster Desinfection" die Placentarlösung vornehmen oder nicht?Nach dem oben Gesagten thäto er besser, sich zu enthalten — umvielleicht dabei zuzusehen, wie die Mutter zu Grunde geht! Wenn dieAlternative so steht, dann ist die Entscheidung einfach; der unmittel-baren und sicheren Lebensgefahr ist die Operation, wenn der Ausgangauch ungewiss ist, doch vorzuziehen. Aber so steht die Sachlage ge-wöhnlich nicht. In den meisten Fällen Hesse sich recht gut ein andererArzt holen und ist durchaus keine Zwangslage gegeben, welche denEingriff des nicht immunen Arztes unbedingt und ohne Säumen noth-wendig machte. Der wahre Grund des Sträubens der Aerzte gegen dieForderung der Abstinenz ist — das Interesse der Aerzte, der Kampfums Dasein. Dieser Grund steigert jedoch die Verantwortlichkeit desArztes vor seinem eigenen Gewissen ins unermessliche.
Es hat zwar schon lange Aerzte und Geburtshelfer vom Fachgegeben, die sich und Andere in Sicherheit wiegten, dass eine gründ-liche Desinfection unbedenklich genüge, jede Gefahr zu vermeiden. Auchwir können für mehrere Fälle bestätigen, dass nach Carboldesinfectionkeine Puerperalerkrankung eintrat, trotzdem die Finger einige Stundenfrüher mit übelriechenden Lochien und anderen verdächtigen Dingen inBerührung waren. Aber wir haben auch entgegengesetzte Erfahrungengemacht. Nach einer Operationsübung am Cadaver (die Kranke waran chronischer Pyämie gestorben), nach welcher mit Carbol- und Essig-säure desinficirt, mit Bürste und Seife sehr oft gründlich gewaschenworden war, folgte am dritten Tag, also mehr als 2mal 24 Stundenspäter, eine Wendung. Vor derselben ward nochmals mit aller Ge-nauigkeit desinficirt, die Hand hatte auch keinen Leichengeruch mehrwahrnehmen lassen und trotz dieser Prophylaxis trat eine Ansteckungein, welcher die Wöchnerin bald erlag. Auch das Kind ging an einerInfection zu Grunde. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansteckungdieser Quelle entstammte, wurde noch erhöht, weil die Untersuchungeiner Kreissenden, von derselben Hand an einem der folgenden Tageausgeführt, wiederum Puerperalfieber nach sich zog. Ein anderes Mal