Desinfectionslehre. 7
Wir brauchen nicht weiter auf das Lister'sche Verfahren desWundverbandes einzugehen, nachdem wir die leitenden Gedanken an-gegeben haben. Doch sei noch kurz darauf hingewiesen, dass ein vonder ursprünglichen Absicht gar nicht erwartetes Ergebniss durch dieantiseptische Methode thatsächlich erreicht wurde. Was zunächst nurgegen die Fäulniss, gegen die Zersetzung der Wundabsonderunggerichtet war, zeigte auch einen äusserst vortheilhaften Einfluss in Be-ziehung auf die Eiterbildung. Aus diesen Ergebnissen ist natürlichder Schluss gestattet, dass auch die Eiterbildung als eine Wirkungvon Reizen resp. von Keimen anzusehen sei, welche von aussen auf dieWunden gelangen. Dies ist auch vollständig bestätigt worden. Zunächsthaben die bacteriologischen Forschungen Rosenbach's bewiesen, dassbei der Eiterbildung ganz bestimmte, pyogene Microorganismenvorkommen, die keine stinkenden Gase, also auch keine faulige Zer-setzung bedingen und sich dadurch von den septischen unterscheiden.Da jedoch die gleichen Massregeln sowohl die eigentlichseptischen als auch die pyogenen Microorganismen ver-nichten, erwies sich die Antisepsis gleichmässig heilsamgegen Fäulniss und gegen Eiterbildung.
Die grossen Erfolge der chirurgischen Behandlung führten dazu,auch in der Geburtshülfe die antiseptischen Massregeln zu verschärfen,und es entstand die Frage, wie weit dieselben auf die Leitung derGeburten zu übertragen seien. Von vornherein musste die Anwendungdes ganzen Lister'schen Apparates mit Spray, Watteverband u. s. w.unnöthig erscheinen. Die Geburt ist ein physiologischer Vorgang, derschon von Natur aus so eingerichtet ist, dass eine septische Erkrankungdabei nicht vorkommen soll. Wenn trotzdem viele Menschen nach Ge-burten erliegen, so ist die septische Ansteckung die hauptsächlichsteVeranlassung, und diese wird erst hinzugebracht. Schon bei den Puer-peralfieberepidemieen der Gebäranstalten war die Immunität der soge-nannten Gassengeburten stets aufgefallen. Die schweren Puerperal-krankheiten entstehen, danach zu schliessen, in den meisten Fällendurch die Herbeiziehung von „Hülfe" während der Geburten.
Lister's Grundprincipien sind: mit vollkommen reinen Händenund Instrumenten zu operiren, während der Operation die zur Wundetretende Luft durch den Carbolspray zu reinigen, nachher keine andereals gereinigte Luft zu derselben gelangen zu lassen und endlich dieleicht zersetzlichen Secrete aus den Wunden zu entfernen.
Für die Geburtshülfe ist das erste Princip schon von Semmel-weiss mit allem Nachdruck verlangt worden; es ist ausser Frage, dassdarin die Hauptsache der Prophylaxis besteht. Finger und Instru-mente müssen aufs genaueste gereinigt werden. Was jedochunter dieser genauesten Reinigung zu verstehen sei, ist keineswegseinfach. Es soll dies später noch näher ausgeführt werden. Es istnicht möglich, mit den Fingern aashaft zersetzte Stoffe anzufassen, unddann von der gewöhnlichen Waschung zu erwarten, dass sie in wenigMinuten dieselben wieder so reinige, dass man ohne Gefährdung tou-