Prophylaxis des Puerperalfiebers. 5
Semmelweiss sagt nun allerdings schon in seinem Buche,dass beim Puerperalfieber zersetzte, thierisch-organischeStoffe resorbirt, dass meistens diese Stof fe von ausse ndemJD.rganismus zugeführt, in seltenen Fällen aber dieselbeninnerhalb des Organismus durch Lochien, Blut etc. gebildetwerden. f*)*^/-
Die Gründe, mit welchen Semmelweiss seine Theorie verfocht,sind so einleuchtend, die Massregeln zur Verhütung hatten einen sodurchschlagenden Erfolg und boten dem Arzt so wenig Belästigungund Gefährdung, dass man heute ein Staunen darob nicht unterdrückenkann, dass die Specialcollegen zu jener Zeit Widerspruch erhoben, statterst die Semmelweiss'sche Lehre ernstlich zu prüfen.
Ein Grund für dieses Widerstreben lag in der ungeheuren Um-wälzung, welche diese Ansichten brachten und darin, dass dieselben beimanchem Collegen ein Gefühl von schwerer Schuld wach rufen mussten.Ein anderer Grund war jedoch auch die unerhörte Heftigkeit und Ge-reiztheit, mit welcher Semmelweiss auftrat, was zur Folge hatte,dass sein so verdienstvolles Buch bei dessen Erscheinen kaum be-achtet . wurde.
Es ist fraglich, ob seine letzte Krankheit die Ursache oder dieFolge der Gereiztheit war — jedenfalls ist es ein überaus tragischesGeschick, dass dieser Mann am 13. August 1865 im 47. Lebensjahrein einem Irrenhause bei Wien, wohin er wegen Geisteskrankheit im •Sommer 1865 verbracht worden war, und zwar an Pyämie in Folgeeiner Verletzung sterben musste.
Die Lehre, dass das Puerperalfieber eine Ansteckungskrankheitsei, führte in der folgenden Zeit zu den wichtigsten medicinischen Ent-deckungen.
Weil schon Semmelweiss das Puerperalfieber nicht anders auf-zufassen lehrte, als eine von den Genitalien ausgehende Pyämie oderSeptichämie, waren schliesslich alle wissenschaftlichen Fortschritte,welche bei diesen Krankheiten gemacht wurden, auf das Puerperalfieberübertragbar.
Die Lehre von Semmelweiss, dass d as Kin dbettfiebereine_ _von den Genitalien ausgehende Pyämie und keineKrankheit sui generis sei, begründete einen unermesslichenFortschritt.
In die Prophylaxis gegen das Puerperalfieber kam zunächst einStillstand. Zwar blieb das Thema auf der Tagesordnung; es kamenverschiedene neue Vorschläge, die nähere Ausführungen der Semmel-weiss'schen Lehre brachten. Wir zählen dahin die Publicationen vonStamm, Schröder, Barnes, Rummel, Hervieux. Aber schon zurgleichen Zeit kamen wichtige Untersuchungen hinzu, welche zwar da-mals noch wenig beachtet wurden, später jedoch für die Lehre vonder Prophylaxis, ja für die ganze medicinische Wissenschaft neue Aus-sichten eröffneten. Es wurde von Giraldes und Pasteur die Luftin den Gebäranstalten untersucht und neben allen möglichen Bei-