4 Prophylaxis des Puerperalfiebers.
Unterricht für die angehenden Aerzte und Hebammen. Im Jahr 1833fand eine Trennung in 2 Abtheilungen statt.
Die Mortalitätsstatistik stieg vom Jahr 1823 enorm an.Von 1800—1822 starben von 47,409 Entbundenen 683 d.i. 1,44 °/o„ 1823—1846 „ „ 100,448 „ 6331 „ 6,30 „
„ 1847—1861 „ „ 113,710 „ 3509 „ 3,17 „
Auf die beiden Abtheilungen vertheilt betrug die Mortalitätin den Jahren 1833—39 auf d. I. Abth. 6,22 >, auf d. IL Abth. 5,73 °/o„ 1840-46 „ I. „ 9,76 „ „ II. „ 3,83 „„ 1847-61 , I. „ 3,31 . , II. , 2,92 ,
Die Zunahme der Sterblichkeit vom Jahre 1823 an musste einenbestimmten Grund haben. Zu den Ursachen, welche Puerperalfieberauch schon voran gemacht hatten, musste eine neue hinzugekommensein. Diese neue Ursache suchte Semmelweiss in__de£_X£rmehi'tenBeschäftigung der Studirenden .in der pathologischen Anatomie. „Beider anatomischen Richtung," führt Semmelweiss wörtlich aus, „habendie Professoren, Assistenten und Schüler häufig Gelegenheit, mit Leichenin Berührung zu kommen. Dass nach der gewöhnlichen Art desWaschens der Hände mit Seife die an der Hand klebenden Cadaver-theile nicht sämmtlich entfernt werden, beweist der cadaveröse Geruch,den die Hand für längere oder kürzere Zeit behält. Bei der Unter-suchung der Schwangeren, Kreissenden und Wöchnerinnen wird die mitCadavertheilen verunreinigte Hand mit den Genitalien dieser Individuenin Berührung gebracht, dadurch die Möglichkeit der Resorption undmittelst der Resorption Einbringung von Cadavertheilen in das Gefäss-system der Individuen bedingt."
Wie konnte das auffallende Zahlenverhältniss zwischen I. undIL Abtheilung anders erklärt werden, da ja alle übrigen Bedingungenfür beide vollständig gleich waren. Im Jahr 1847 führte Semmel-weiss als Assistent der ersten Abtheilung die Vorschrift ein, dassLehrer und Schüler ihre Hände mit Chlorwasser waschenmussten, bevor sie eine Untersuchung oder überhaupt eine Berührungder Genitalien bei Kreissenden und Wöchnerinnen unternahmen.Von diesem Zeitpunkt an sank die Mortalität auf der Klinik für Aerzteganz auffallend, und war von da an nicht mehr wesentlich höher alsauf der Hebammenabtheilung.
Auf die desinficirenden Waschungen fiel die Sterblichkeit inner-halb eines Jahres von 12,24 °/o auf 1,27 °/o ab.
Damit war ein bahnbrechender Fortschritt in der Lehre vomKindbettfieber gemacht und eine Massregel zur Verhütung anempfohlen,die eine thatsächliche Unterlage hatte.
Aber das Kindbettfieber hatte schon vor den pathologischen Studienbestanden. Puerperalfieber existirte ja selbst auf der IL Abtheilungnoch immer, viel stärker als in den ersten Decennien des Jahrhun-derts, und Puerperalfieberepidemieen gab es über Stadt und Land, wovon cadaveröser Ansteckung keine Rede sein konnte.