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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
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Prophylaxis des Puerperalfiebers. 3

Es zeigt sich dabei dasselbe Bild, was sich bei der Entwicklungvon grossen Neuerungen fast immer dargeboten hat. Man discutirteund disputirte, ohne zuerst eine vollständige, sachliche Prüfung durch-geführt zu haben.

Die Prophylaxis des Kindbettfiebers datirt durchaus von Semmel-weiss; seine Lehren sind epochemachend gewesen. Zwar war schonvor ihm von einer Prophylaxis des Kindbettfiebers die Rede; aber diedamals gemachten Vorschläge waren so abenteuerlich, dass sie zu derZeit, als sie auftauchten, keine Beachtung fanden. Von einem Arztewurde empfohlen, jede Kreissende vor ihrer Entbindung mit Aloe zutractiren, denn wer viele Ausleerungen gehabt habe, besitze eine ge-ringere Disposition zu Peritonitis. Mehrere andere riethen, die Wochen-zimmer auf 5060° R. zu heizen und dadurch das Puerperalmiasmazu zerstören.

Eine wirklich nutzbringende Prophylaxis gegen das Kindbettfieberschuf erst Semmelweis s. Die öffentliche Begründung seiner An-sichten legte er in dem 1861 erschienenen Buche nieder. Dieselbenwaren zwar theilweise schon früher bekannt gemacht worden. Dochhörten die weiteren ärztlichen Kreise von seiner Lehre erst durch dieAnfechtungen seiner Gegner.

Semmelweiss trat im Jahr 1846 in der Gebärabtheilung fürAerzte in Wien als Assistent ein, jedoch vorläufig nur auf 4 Monate,Juli bis October. Die schauerliche Sterblichkeit unter den jugendlichen,früher gesunden und kräftigen Personen, welche dort wegen der Folgeneiner schwachen Stunde Obhut suchten, von denen aber im Allgemeinen15 °/o, bei der grossen Frequenz der Wiener Klinik viele Hunderte imJahr, ihr Leben Hessen, machte auf Semmelweiss einen unauslösch-lichen Eindruck. Kreissende mit langsamer Eröffnungsperiode, meistgesunde, blühende Erstgebärende, starben fast ohne Ausnahme. Dergrosse Jammer, dass so oft junge Leben unter Schmerzen und Stöhnenda enden mussten, wo nach denewigen, ehernen, grossen Gesetzen"des Weibes natürliche Bestimmung gerade das Fortleben erforderte,bedrückte Semmelweiss' Gemüth. Dieser Eindruck war um so ge-rechtfertigter, als so schlimme Zustände nur auf der Lehrabtheilungfür Aerzte bestanden, nicht aber auf derjenigen für Hebammen. DasGefühl, trotz sorgfältigster Pflichterfüllung so schlechte Resultate zuhaben, peinigte ihn, und die Missachtung, welcher die an der erstenKlinik Bediensteten bei den übrigen Hausleuten begegneten, verstimmteihn aufs höchste.

Als er im Frühjahr 1847 sein Amt kaum wieder übernommenhatte, starb der pathologische Anatom Professor Kolletschka aneiner Leichen Vergiftung. Die Section erwies ganz gleiche Veränderungen,wie bei den Puerperalfieber-Leichen. Dies war für Semmelweiss einLichtblick, der ihn auf die richtige Spur leitete.

Die Thatsachen, auf die er seine Anschauung baute, sind kurzfolgende:

Im Wiener Gebärhause war früher nur eine Abtheilung zum