Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
339
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Drittes Kapitel. Epileptoide. 339

Ferner trägt die Erkenntniss, dass die angeborene Anomaliefür den epileptischen Anfall von um so hervorragenderer Be-deutung ist, je weniger noch die Krankheit sich eingenistethat, zu dem Verständniss der Verschmelzung von Krankheitund Deformation in dem geborenen Verbrecher bei, währendbei dem Leidenschafts- und Gelegenheitsverbrecher allmählicheAbstufungen stattfinden, die bis in die Kegion des normalenMenschen hinaufreichen.

Es mögen hier die geistvollen Betrachtungen des scharf-sinnigen Psychiaters Venturi Platz finden, die er in einemAufsatze über vasomotorische Epilepsie einem derartigenFalle voranschickt.

Bei jedem Schritte, den man im Wege der klinischenBeobachtung und Betrachtung des Geisteslebens thut; stösstman auf den Verdacht, die Epilepsie sei der Hebel, von demaus viele Vorgänge, und zwar nicht bloss solche, die mankrankhaft zu nennen pflegt, in Bewegung gesetzt werden.Einige ihrer Aeusserungen bringen uns auf die Vermuthung,dass sie fast nichts anderes, als eine etwas hochgespannteNormalfunktion des Nervenlebens darstellt, so dass einigeEpileptiker nichts anderes, als etwas stark gefärbte impulsiveNaturen zu sein scheinen, ohne dass ihre ungewöhnliche. Aus-drucksweise als etwas Krankhaftes bezeichnet werden kann.Daher erscheint die Epilepsie, wenn man von ihren monströsenAeusserungen absieht, als ein Symptomenkomplex, der nebendem Normalzustande wie ein Riese neben einem Zwerge, wieein Wilder neben einem schüchternen Landmann aussieht, die,einer wie der andere, aus Fleisch und Knochen bestehen undmit Trieben und Leidenschaften begabt sind aber freilichin verschiedenem Maasse. Der Bewegung, Empfindung, derGemüthsbewegung, dem Erröthen, den Thränen, dem Urtheildes Gesunden entspricht die Konvulsion, die Halluzination, derSchreck, die Wuth, die Kongestion, der Schaum vor demMunde, das Irrereden des Epileptischen. Also nicht imWesen liegt der Unterschied zwischen dem Einen und demAnderen, sondern im Stärkegrade der Ausdrucksweise desNervenlebens.