Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
337
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Zweites Kapitel. Geheime Verbrecher. 337

Es muss endlich daran erinnert werden, dass die KlephtenRäuber, nicht bloss dem Namen nach, waren; ebenso, dass dermoralische Charakter vieler grossen Conquistadoren so beschaffenwar, dass man in ihnen die höheren Räuber nicht verkennenwird. Mit Recht äusserte daher Orved Barine (in Revuelitteraire 1887, 15. Aug.) beim Erblicken der schonen Phy-siognomie gewisser Räuber in den Abbildungen zu (Lombrosos)TJomo delinqaente:Es ist das ein Gewerbe, welches grossegeistige Eigenschaften erfordert, gewiss dieselben, wie die Con-quistadoren sie besitzen mussten, die nicht eben reich anmoralischem Gefühl waren. Die Geschichte bestätigt es, dassletzteres keineswegs zu den Funktionen der Intelligenz gehört.Die grossen Männer besassen oft so wenig davon, dass dieWelt sich genöthigt sah, für sie eine besondere Moral zu er-finden, die in den von ihnen (z. B. Napoleon und Benv.Cellini) öfters wiederholten fünf Worten ausgedrückt ist:Dem Genie ist alles erlaubt."

5. Geschützte Verbrecher. Wenn der wissen-schaftliche Geist eigentlich nur ausnahmsweise auf böseWege geräth, so geschieht es, weil er eine Umbildung, eineAbnutzung der Impulse in angemessener Arbeit findet. Esist gewiss derselbe Fall wie bei jenen Asketen und altenJungfern, die ihre fleischlichen Gelüste umsetzen in re-ligiöse, mit denen sich jene nachgerade verschmelzen undabnutzen.

Ein grosser Theil von ihnen, gewiss aber alle politischenVerbrecher, bildet sich nicht um, sondern verharrt in seinemverbrecherischen Treiben, das, weil unsichtbar, nicht strafbarist oder nicht bestraft wird, weil bei der Advokaten-Oligarchie,die Europa und besonders Italien beherrscht, die Denun-ziation den Ankläger, vielleicht sogar die Opfer selbst weiteher, als den Schuldigen in Gefahr bringt. Ich selbst ver-mag infolge dieser Gefahr es nicht, gewisse Genossen undbeinahe offenbare Häupter einer Camorra zu verfolgen, eben-sowenig wie einen Kollegen, der mich als Kind, als Jünglingund Mann bestohlen hat und der alle Zeichen eines geborenenVerbrechers an sich trägt.

Lombroso, Der Verbrecher. II. 22