Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
282
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282 Dritter Theil. Der Gelegenheitsverbrecher.

Boürde (En Oorse, 1887) berechnet auf Grund polizeilicherAngaben die Zahl der Banditen auf 5600. Alles, sagt er,läuft darauf hinaus, dass die in ihren Dörfern zu gründe ge-richteten Bauern, die dem Hauptmann des Clans feindlich sind,behaupten, es gebe keine Gerechtigkeit. Auch M. Mabraswiederholt den sprüchwörtlich gewordenen Schmerzensschrei:In Korsika giebt es keine Justiz!"

Die Korsen benehmen sich sehr stolz. Sie verachten dieHandarbeit und haben wenig Neigung für Ackerbau. GeistigeVorzüge stehen ihnen höher als die Moral; unter Glück undGewissen verstehen sie etwas ganz Eigenthümliches.

Ihre Organisation hat noch viel vom alt-römischen Pa-trizierwesen. Fünfzehn bis zwanzig Familien beherrschen alledie anderen. Einige verfügen nur über ein hundert Stimmen,andere dagegen über mehrere tausend Wähler, die sie nachihrem Willen abstimmen lassen. Fünfzig Familien sind einereinzigen seit mehr als zweihundert Jahren unterthan. Un-abhängiges Leben ist nicht möglich, weil der einzeln Stehendezu nichts kommt.

Die Glieder einer Familie setzen mit grösster Selbstver-leugnung ihr Leben aufs Spiel, um Einen der Ihrigen zuretten. Es herrschen auf der Insel zwei Arten von Bewusst-sein, das moderne, das für die allgemeinen Grundsätze vonBecht und Billigkeit schwärmt, und das alte korsische, das sichüber das Familieninteresse nicht hinwegsetzen kann. Dasletztere trägt fast immer den Sieg davon, wie es z. B. währendder Thätigkeit der für die Expropriation behufs der Eisenbahn-bauten eingesetzten, vereideten Beamten sich zeigte.

Die Vereidigten unter dem Vorsitz Casabiancas, des Führersder mächtigeren Partei auf der Insel, erwiesen sich ausser-ordentlich parteiisch. Benedetti, von der Gegenpartei, erhieltfür einen Weinberg von 16,96 Ar nur 2000 Francs, eine ge-wisse Ligia, Vasallin der Casabianßa, dagegen für einen Wein-berg von 18,90 Ar 13 000 Francs u. s. f. In Korsika nimmtman dergleichen Ungerechtigkeiten für natürlich, sogar seitensder Gegner, weil diese, wenn sie die Macht dazu hätten, fürihre Klienten ganz ebenso handeln würden.