Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
272
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272 Dritter Theil. Der Gelegenkeitsverbrecher.

Interesse daran haben zu schweigen, um nicht das Gazen zuverlieren und auch weil sie die höheren Kosten scheuen.

Sogar der zu grosse Beifall, mit welchem die Lehre vomGelegenheitsverbrechen aufgenommen worden ist, hätte Ferribedenklich machen müssen, ob seine Anschauung der Wahrheitvollkommen entspreche, denn in Sachen der Wissenschaftist nichts Unsichereres als was mit zu grosser Leichtigkeit auf-genommen wird. Und das war hier wirklich der Fall.

Thatsächlich verschwinden viele der Dinge, die zumNachweis des Gelegenheitsverbrechens so hübsch zusammenstimmten, vor einer strengeren Prüfung und vor der Einzel-beobachtung, welche mit der Zeit das so oft täuschende Er-gebniss der Statistik berichtigt, ganz ebenso wie das Experimentdie Schlüsse der induktiven Theorien berichtigt hat undwie es überhaupt mit den dem grossen Publikum wegen ihrerspeziellen Durchführung annehmbaren Theorien geschieht.

Hierbei, wiederhole ich mit Garofalo, handelt es sichum die ernste psychologische Frage, ob ein Dieb lediglichGelegenheitsdieb sein kann. Ich glaube in der That, dass dasaltehrwürdige Sprüchwort: Gelegenheit macht Di ehe,irrthümlich oder vielmehr unvollständig ist und heissen müsste,die Gelegenheit ergiebt es, dass der Dieb stiehlt. 1

Ein Mangel an angeborenem Rechtsgefühl oder vielmehrdessen, was man Instinkt der Rechtschaffenheit nennt, ist eineder unerlässlichen Bedingungen für jeden Angriff auf fremdesEigen thum.

In der That findet sich stets bei jeder Handlung, sogarbei denen der Irren, noch mehr aber bei denen der Verbrecher,eine grössere oder geringere Gelegenheit, die gleichwohl nirrdem Tropfen gleicht, der den Becher überschäumen lässt. Beiden wenig bekannten erblichen Anlagen, bei der Lügenhaftig-keit der Verbrecher, bei der im Publikum gering verbreitetenKenntniss des menschlichen Herzens und dem Bedürfniss nachVergegenwärtigung fernliegender Dinge ist es ein Leichtes,

1 Also anstatt: l'occasione fa il ladro l'occasione fa si, che illadro rubi.