Sechstes Kapitel. Der hysterische Verbrecher. 231
sie an unheilbaren Krämpfen; mit 20 Jahren traten Ekstase,besonders wenn sie das Abendmahl nahm, und Katalepsie mitVerzückungen ein. Später zeigte sie am Fest der ReinigungMaria neben Krampf in den Händen die Wundmale,Stigmata Christi, d. h. Blutpunkte am Kopf und an denHänden, danach auch an den Füssen und in der Seite; dieBlutergüsse nahmen zu am Donnerstag und am Freitag.
Fast dasselbe geschah bei der Luise Lateau.
Bei dieser Angelegenheit dürfen wir auf die vielen vonLegränd berichteten Fälle von Hysterie verweisen, die sichunter wahren Anfällen von Tugendhaftigkeit entwickelt. Dasind Viele, die sich für religiöse Dinge begeistern, den ArmenAlmosen spenden, Kranke besuchen, bei Todten wachen undbeständig mühsame Werke der Barmherzigkeit üben, aber fürihre Wirthschaft und ihren Gatten nicht viel Zeit übrig haben.Ihre Wohlthätigkeit ist immer eine gespreizte, Aufsehen er-regende , oder doch wenigstens geräuschvolle. Sie betreibenfromme Werke wie die Geschäftsleute die Spekulation auf. zuerhoffende Dividenden.
„Diese Frauen sind bei einem häuslichen Unglück, beieiner öffentlichen Katastrophe, einer Feuersbrunst, einerEpidemie die Vorsehung selbst, denn mit kältestem Blute, mitgrösster Aufopferung Avissen sie für alles zu sorgen, weinenmit dem Einen, pflegen den Anderen, stürzen sich in die Flamme,um ein Kind zu retten; bei einem Aufstande stellen sie sichan die Spitze, oder widersetzen sich mit der Waffe in derHand einer ganzen Bande, um z. B. ein öffentliches Gebäudezu A'ertheidigen; bei Epidemien ermuntern sie die Wächterund sind die rechte Hand der Aerzte, beerdigen sogar dieTodten. (Legrand.)
In Buhe hat aber diese ihre Tugend ein Ende; • mitkaltem Blut können sie auch nicht einmal Wohlthaten er-weisen. Das Opfer ist für sie eine Gelegenheit zu nothwendigenAusgaben. — Bei schrecklichen Unfällen bleiben sie heiterbei ihren Lieben, sorgen für die kleinsten Bedürfnisse.Ihr Gleichmuth kann aber auch in das Gegentheil um-schlagen."