' Sechstes Kapitel. Der hysterische Verbrecher. 229
so wage ich die Vermuthung zu äussern, die Aussicht, dasMädchen, welches das grosse Unrecht hatte schön zu sein,geliebt zu werden und ihr Wohlwollen gezeigt zu haben, ver-leumden zu können, habe Antheil an der Ausführung desVerbrechens gehabt.
Schon das allein, sehen zu müssen, ein nicht hässlichesMädchen ihres Standes werde warm geliebt, dürfte genügthaben, das Verbrechen zu motiviren. Ich erinnere daran, mitwelcher Schlauheit sie bewirkte, dass sie die Steine von Pallottierhielt, wofür Wechsel hinterlassen werden mussten, die späterals Unterlage und Beweismittel für die Anschuldigung dienenkonnten. — Ich erinnere ferner an Bonvechiatos Hysterische,die den Arzt ersuchte, seinen Hund prügeln zu dürfen und,nach der Ursache befragt, antwortete, weil sie sehe, wie ervon Anderen stets gestreichelt werde.
Es ist für die Hysterie und die tiefe moralische Fühl-losigkeit charakteristisch, dass das Weib wie das Kind ander Verleumdung und Lüge mit grösster Zähigkeit festhält.Während Lacenaire und Dumollard gestanden, sehen wir dieLafarge biß zu ihrem Tode leugnen. Der Grund davon istder, dass Weiber wie Kinder die Wahrheit weit wenigerdeutlich erkennen und sie daher leichter verleugnen, vor allem,wenn sie hysterisch sind. Daher lassen sich auch leicht beiHysterischen die traurigsten Fälle obsiegender Verleumdung,Betrug und Lüge zusammenlesen, und das nicht bloss imStrudel von Volksversammlungen, sondern vor dem strengenForum der Gerichtssäle; die Hysterie bietet eben eine Hand-habe zur Bemäntelung des Unwahren mit Hülfe einer Energie,die das Bewusstsein der Wahrheit nicht geben würde. Dazukommen die wildesten Mordthaten, weil die Hysterie dasmoralische Gefühl nicht nur verkehrt, sondern auch dieMuskelkräfte in enormem Grade erhöht.
12. Giftmorde. Natürlich fehlen unter den hysterischenVerbrecherinnen die Giftmischerinnen nicht. Marie Jeannerethatte unter ihren Verwandten Geisteskranke, Hypochonderund Selbstmörder. Als Waise einem bewegten Leben aus-gesetzt, von Unglück betroffen, hielt sie sich für blind, nahm