Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
188
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138 Zweiter Theil. Der irre Verbrecher.

sich. Vorwürfe über sein Betragen macht und sich zu bessernversucht.

B., ein Delikatessenhändler, sagt Locatelli [Sorvegliantie SorvegMati, p. 150), äusserte im Zustande des Rausches eineso unsagbare Sucht sich als grossen Herrn aufzuspielen, dasser im Gefühl, sein Mobiliar sei für einen Millionär seines-gleichen unschicklich, dasselbe zum Fenster hinauswarf unddie Vorübergehenden beinahe todtgeschlagen hätte. Als seineFrau ihn daran zu hindern versuchte, verfolgte er sie miteinem langen Messer bewaffnet in voller Wuth. Die armeFrau konnte sich noch unter dem Bett verstecken; er aberglaubte sie getödtet zu haben und stürzte sich in plötzlicherVerzweiflung kopfüber aus dem Fenster. Nach einigen Mo-naten genas er und konnte sein vermeintliches Opfer wiederumarmen.

Dieselbe Gleichgültigkeit, welche der Alkoholgenuss nachund nach dem Verbrecher gegen die Leiden Anderer einflösst,macht ihn auch gegen seine eigenen Leiden unempfindlich undlässt ihn mit den Gedanken an den Tod Scherz treiben.

Nicht wenige (nach Brierre 20 unter 100 Selbstmördern)bringen sich um, weil sie sich zu schwach fühlen, der Trunk-sucht, der Schande und dem Verbrechen zu widerstehen, wohinjenes Laster führt. Wir haben schon von einem Vater ge-sprochen, den der Weingenuss zum Kleptomanen machte.Andere, die der Wein entnervt und zu Feiglingen gemachthat, fühlen sich zur Arbeit unfähig und ziehen einen raschenTod den Qualen des Hungers vor; sehr viele werden unbe-wusst, durch Hallucinatiouen, die der Weingeist erweckt, ur-plötzlich zum Selbstmord gebracht. Einer z. B. glaubte einenfeindlichen Soldaten zu erblicken, verfolgte das Bild und stürzteins Wasser; ein Anderer warf sich von oben herab, um einge-bildeten Bedrohungen zu entgehen u. s. w.

Daraus erklärt es sich, warum die Zahl der Selbstmordeinfolge von Trunksucht so gross ist und alljährlich noch wächst.Nach Lunier betrug ihre Zahl in Frankreich 7,0% im Jahre 1849,14,6% 1859, 17,0% 1875; in Sachsen betrug sie 10%, inRussland 38%, in Dänemark 17%, in Preussen 8,5, in Berlin