Viertes Kapitel. Psychologie. Unterschiede. 133
halten sie sich für verworfen und gottlos. Je nach ihrer Er-ziehung und nach den herrschenden Yorurtheilen kann dasBewusstsein, die Herrschaft über sich selbst verloren zu haben,bei Gebildeten die Vorstellung von Vergiftung, bei dem unge-bildeten Landmann den Wahn der Besessenheit, bei demKaufmann den des Buines erwecken und in weiterer Folgerungzu dem Glauben führen, man sei in ein Thier verwandelt, seiein Werwolf geworden und müsse die grausamsten Dingevollführen.
Die Meisten benehmen sich in Bewegung, Haltung, Klei-dung ihrer Wahnvorstellung entsprechend; ihre Schrift istklein, gekünstelt, senkrecht oder schräg geführt, mit besonderenSymbolen oder Unterstreichungen ausgestattet, und enthält oftwiederholte, ihnen bedeutungsvoll erscheinende Ausdrücke undBedewendungen, z. B. die höhere Gicht u. dgl. m.
Viele ziehen sich in die Einsamkeit zurück und lebennur in ihrem Ideenkreise; Viele bleiben stumm und ungerührt,wenn man eine Frage an sie richtet, oder sie antworten 'schrift-lich und schreiben seitenlange Autobiographien.
Oft ist ihr Wahn ein metabolischer. Bald sehen siein ihren Wärtern Minister, die sie beschützen, bald Spione,die sie verfolgen, oder auch das Bild von Freunden und Be-kannten aus früherer Zeit (Wiedererkennungswahn). Aus allemaber leuchtet die Neigung hervor, alles" auf die eigene Personzu beziehen. Finden sie eine Wirthshaus-Annonee, so er-kennen sie darin die Beschuldigung trunksüchtig zu sein.Gleichwie sie selbst beständig Symbole verwenden, so glaubensie, dass auch andere Leute ihnen gegenüber Symbole ge-brauchen. Ein Priester, der von gewissen Frauenzimmern ver-folgt zu sein wähnte, meinte, als er auf der Ausstellung in Turineinen Jagdhund des Erzbischofs erblickte: „Da schicken siemich hierher, um mich aus einem Priester zu einem Jäger zumachen." Sie haben ganz besonders die Neigung zur mystischenDeutung geschlechtlicher Symbole, — sie haben elektro-magne-tische Pollutionen, Visionen von nackten Heiligen u. dgl. m.,und versuchen mit feinster Unterscheidung die Wahrheit ihrerabgeschmacktesten Behauptungen zu belegen.