126 Zweiter Theil. Der irre Verbrecher.
halte es auch für irrthümlich, dass jede Spur des Leidens nachwenigen Stunden verschwunden, sowie dass demselben gar nichtsvoraufgegangen sein soll; ich wenigstens habe noch nach TagenSpuren gefunden. Zum Beweise mögen folgende zwei Fälledienen.
N. N. kommt eines Morgens nach Hause, geht auf seinZimmer, um Toilette zu machen, ergreift ein Rasirmesser,steigt in den Keller hinunter und schneidet sich beide Hodenab. Eine oder zwei Stunden danach antwortet er auf dieFrage, was er gethan: „Ich weiss es nicht, ich hoffe zu sterben."Tags darauf zeigte er sich auffallend heiter; die Frage, ob ihmder Verlust der Zeugungstheile nicht leid thue, belacht er alseinen Scherz. Die elektrische Reizung zeigt Abstumpfung desSchmerzgefühles, am Penis 36 mm, an der Eichel 56, an derZunge 68. — Er hatte von Jugend auf an Kopfweh gelitten,das besonders in geschlossenen Räumen sich verschlimmerte,aber seit 10 Jahren nachgelassen, worauf Schlaflosigkeit undAnfälle von Somnambulismus sich einstellten.
Als man ihn fragte, was und warum er es gethan, erin-nerte er sich endlich, an jenem Morgen mit dem Rasirmesserin der Hand im Keller sich befunden und einen hellen Scheingesehen zu haben. Dadurch wird der Anfall dem von Epi-lepsie um so ähnlicher. Kopfweh ist bekanntlich eine derhäufigsten Begleiterscheinungen der letzteren. Die heitere Stim-mung, welche N. N. bei Erwähnung des Verlustes seiner Männ-lichkeit äusserte, ist ein weiteres Zeichen des Krankheitszustandes.
Das junge Mädchen Namens R. entstammt, wie man glaubt,einer Diebesfamilie. Ihre Mutter sieht wie eine Kretine aus, dieeine ihrer beiden Schwestern ist tuberkulös, die andere herz-krank, sie selbst gesund, aber einem liederlichen Lebenswandelergeben. 12 Jahre alt, hat sie beim Tode ihres Vaters einenAnfall von Manie unter sehr starken Hallucinationen gehabt,worüber ich Näheres nicht erfahren konnte. Einer ihrer Lieb-haber stahl ihr eine Summe Geldes und gab ihr noch dazu eineOhrfeige. Wenige Stunden danach bekam sie einen Anfall,raste, glaubte bei einer Orgie sich zu befinden und betrunkenzu sein; ich selbst glaubte es gleichfalls eine kleine "Weile, bis