Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 109
welchem Maasse die Kinder zum Genüsse von geistigen Ge-tränken neigen, beim niederen Volke dagegen sieht man nur zuoft sogar Säuglinge, welche mit ganz eigenem WohlbehagenWein und Liqueure trinken, während ihre Eltern ein Ver-gnügen daran haben, sie betrunken zu sehen. (Mokeau, S. 115.)
Sträflinge haben mir oft erzählt, dass sie schon als kleineKinder von ihren Eltern berauscht worden sind.
Die Spielwuth der Kinder ist eine so bekannte Thatsache,dass man nichts weiter darüber zu sagen braucht.
12. Lüsterne Begierden zeigen sich auch bei Kindernschon im dritten und vierten Lebensjahre, wenn auch, infolgeder noch nicht vorgeschrittenen Entwickelung, in beschränkteremMaasse.
In allen Asylen wurden mir ein oder zwei Knaben gezeigt,die der Onanie ergeben waren — und es haben, wie wirspäter sehen werden, alle verkehrten Heize des Geschlechts-triebes, ebenso wie die verbrecherischen Neigungen schon imersten Kindesalter ihren Ausgangspunkt.
13. Nachahmungssucht. — Sogar das Gehen undSprechen, sagt Perez, ist grossentheils eine Folge des Nach-ahmungstriebes, und es wird natürlich sowohl das Gute alsauch das Schlechte nachgeahmt.
Die Tochter eines zornigen Vaters fing schon im 15. Mo-nate an, die Augenbrauen zu runzeln und zu kreischen wie ihrVater es that. Im Alter von 3 Jahren sagte sie zu Jemandem,der mit ihr stritt: „Schweige, du lassest mich ja nicht aus-sprechen!" ganz so wie ihr Vater es that. Die Nachahmungtritt also auch im Charakter schon auf, noch ehe wir darandenken, ihn beeinflussen zu wollen.
Ein Idiot, erzählt Gall, sah einst ein Schwein schlachten;sofort fiel ihm ein, einem Menschen den Kopf abschneiden zuwollen, und er that es.
Prosper Lucas erzählt den Fall, dass ein sechs- bis acht-jähriger Knabe seinen jüngeren Bruder erwürgte, weil, wie er dasGeschehene seinen zurückkehrenden Eltern weinend vortrug, eres dem Teufel habe nachahmen wollen, den er im Guignolden Polichinell habe erwürgen gesehen.