Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 107
ein Vergnügen handelt, das rasch und mühelos sich verschaffenlässt, sie lieben das Neue, wenn es das Gehirn nicht angreift,und haben an der Berührung mit ihren Genossen eine Freude,die mit einer tiefern Zuneigung nichts zu schaffen hat, — ganzso, wie man es bei den Verbrechern beobachtet.
9. Kauderwälsch. — Dem geselligen Beisammenlebender Kinder entspringt eine Art von Jargon, der in gewissenZeichen mit der Hand und — oft wechselnden, aber dochgewissen Regeln unterworfenen — "Wortverdrehungen bestehtund ursprünglich wohl den Zweck hat, ihre Geheimnisse derKenntniss der Vorgesetzten zu entziehen.
Ich babe das in vielen Schulen bei den Kindern von 7 bis12 Jahren beobachtet. 1
10. Eitelkeit. — Auch jene hochgradige Eitelkeit undder Eigendünkel, die den Grundzug des Grössenwahnes und deserblichen Verbrecherthums bilden, sind bei Kindern sehr aus-gesprochen. In zwei Familien, wo die Grundsätze der Gleich,heit das Erbtheil der Eltern waren, äusserten die Kinder schonim dritten Lebensjahre ein Verständniss für die vermeintlichenkünstlichen Standesunterschiede und behandelten die Armenvon oben herab, die gleichalterigen Kinder der Reichen da-gegen mit Respekt. Auch unter den Thieren findet manähnliches, z. B. beim Hunde, der den Bettler anbellt.
Ein schweigsames, wenig begabtes Kind, das von seinervortrefflichen, über alle Standesunterschiede erhabenen Mutterselbst erzogen wurde, forderte von der Tochter ihrer Dienerinbeim Spielen allerlei Dienste und schalt sie aus. Kam hierbeiauch die Nachahmung etwas ins Spiel, so war doch vielesauf Rechnung der Grössenvorstellung zu stellen.
Alle Kinder, schon im Alter von 7 bis 8 Monaten, sindauf die neuen Stiefel oder.Hüte eitel, die man ihnen anzieht,
1 Auch in deutschen Knaben- und Töchterschulen und Gymnasienist das der Fall und — seltsamerweise — haben die Grundregeln dermannigfaltigen neugebildeten Sprachen grosse Aehnlichkeit mit denender deutschen Gaunersprachen, wie wir sie aus Thiele, Die jüdischenGauner, kennen lernen, d. h. abgesehen von den der hebräischen undder Zigeunersprache entnommenen Ausdrücken. Uebers.