Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern 105
Sterbelager einer seiner Schwestern geführt hatte, nur vonihrer Aehnlichkeit mit einem seiner Kameraden betroffen undhatte nichts eiliger zu thun, als das seiner Mutter mitzutheilen.— Ein anderer vierjähriger Knabe hatte seinen liebsten Freundverloren, der Vater des letzteren schloss ihn schluchzend in dieArme; er aber machte sich rasch los und sagte: „Nun daPeter todt ist, wirst du mir sein Pferd und seine Trommelgeben, nicht wahr?"
Wenn die Kinder uns zu lieben scheinen, so hängen sieim Grunde, wie die feilen Weiber, nur um der Geschenkewillen, die sie erhalten haben und zu erhalten hoffen, an uns,und ihre Liebe ist dahin, sobald sie nichts mehr zu erwartenhaben.
Ausnahmen giebt es wohl. — Doch die Seltenheit solcherFälle, wie die der wenigen gutmüthigen Naturen unter denWilden, den Wedas, den Santola, bekräftigt die Regel, zumalda fast immer, weil es eben Ausnahmen sind und weil diesefrühzeitige Gemüthsfülle eine kräftige Körperentwickelung nichtzulässt, solche Kinder uns vor der Zeit entrissen werden. —Das ist nur zu wahr!
7. Grausamkeit. —• „Cet äge est sans pitie," sagt Lafon-taine, der treue Maler der Natur. — Die Grausamkeit ist inder That einer der gewöhnlichsten Charakterzüge im Kindes-alter. Schwerlich giebt es ein Kind, sagt Bkoussais (Irritationet folie, S. 20), das seine Kraft Schwächern gegenüber nichtmissbraucht. Es ist das seine erste Regung, aber die Klagendes Opfers halten es zurück, wenn es nicht von Natur grau-sam ist, bis es durch einen neuen instinktmässigen Impulszu neuem Vorgehen getrieben wird.
Im allgemeinen zieht das Kind das Böse dem Guten vor,es ist mehr grausam als gut, weil dadurch sein Gemüth kräf-tiger erregt wird und zugleich einen Beweis von unbeschränkterKraftäusserung geben kann. Darum zerbrechen Kinder sogern leblose Gegenstände. — Sie finden Vergnügen daran,Schmetterlinge aufzuspiessen, Fliegen zu ertränken, Hundezu schlagen, Spatzen zu ersticken. Manche überziehen Mai-und Hirschkäfer mit Wachs, um sie als Soldaten zu verkleiden