58 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.
Auf den Gesellschaftsinseln (in Polynesien) bestand vorund noch lange nach der Ankunft der Europäer der Brauch derMenschenopfer, um die Gunst der Götter zu erwerben. Aufeinen Wink des Priesters konnte jeder Polynesier, besonders ausdem niederen Volke, ergriffen und den Göttern geopfert werden.
Und diese Sitte hat lange fortgedauert, sogar bei Völkern,welche später einen hohen Kulturgrad erreichten.
Die ältesten Griechen suchten durch das Darbringen vonKinderopfern die "Winde zu beruhigen. Herodot erzählt, dassMenelaus sich den Zorn der Aegypter zuzog, weil er auf ihremGebiete zwei Kinder opferte, in der Hoffnung, dadurch denwidrigen Wind zu ändern. Plutarch erzählt, dass Tbemistokles,bevor er gegen die Perser auszog, mehrere Gefangene tödtenHess, um sich die Gunst der Götter zu erwerben. Die alteGeschichte Spartas verzeichnet mehrere Fälle von Menschen-opfern. Aehnlich ging es auch in Rom zu. Livius erzählt,dass unter dem Konsulat von Paulus Aemilius und TerentiusVarro zwei Gallier und zwei Griechen in einer zu solchenOpfern hergerichteten Oisterne begraben wurden. 1
Die Bibel spricht von Menschenopfern bei den Hebräern,vom Opfer des Isaak, von dem der Tochter Jephthas und dersieben Nachkommen Sauls. (Samuel, II. 21.)
In Karthago opferte man einst dem Kronos (Moloch) dieedelsten und schönsten Kinder des Landes; später aber ver-wendete man dazu gekaufte und für die Opferung aufgezogeneKinder. Diese Sitte bestand auch bei den Phöniciern, denAegyptern, Kretern, Cyprioten, den Rhodiem und den Persern.
Wie sehr sie bei den Hebräern verbreitet war, das be-weist die Beschneidung, welche, wie Spencer dargethan, einUeberbleibsel der auf ihr geringstes Maass zurückgeführtenMenschenopfer darstellt. {Revue philosophique. 1878.)
Die Massageten, Skythen, Geten, Sarmaten, Skandinavenglaubten, dass man weder Wohlergehen noch Gunst erreichenkönne, ohne den Göttern Menschenopfer zu bringen. Die Skan-
1 Octavian liess 300 gefangene Bömer den Manen seines Oheims,Julius Caesar, opfern (Sueton).