Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
312
Einzelbild herunterladen
 

312

diesem Gebiete kaum von einer besonderen selbstständigenAuffassung des Künstlers, einer Umwandlung durch seineKunst, einer stylistischen Steigerung die Rede sein könne.Dennoch zeigt sich auch hier jene Zwiespältigkeit der künst-lerischen Anschauung, welche wir auf allen Gebieten derKunst beobachten.

Es giebt eine ideale und eine naturalistische Portrait-malerei und Bildnerei.

Wie auf allen anderen Kunstgebieten haben diese ab-wechselnd die Oberhand gehabt und den grösseren Beifall;schon in der alten Welt, welche uns in Werken der Bild-hauerkunst einen reichen Schatz von Bildnissen hinter-lassen hat.

Was hat dir das arme Glas gethan? Sieh' deinenSpiegel nicht so hässlich an," sagt Göthe irgendwo, aberwenn es auf's Portrait ankommt, so ist der Spiegel derdarstellende Künstler, ein selbstständiger, und könnte inder That uns hässlich ansehen, ohne dass wir eben Schulddaran wären, und wie dieser Spiegel uns ansieht, so er-scheinen wir im Bilde; mit edlem Sinne aufgefasst, wirdwohl auch das Gemeine veredelt, mit Gemeinem erscheintselbst das Schönste trivial. <

In neuerer Zeit hat eine technische Erfindung uns inBezug auf das Portrait beinahe vollständig irre gemacht.Die Photographie liefert ein Bild, welchem wir die vollsteWahrheit des Spiegelbildes zugestehen, obgleich vielleichtauch diese Anerkennung ein nicht ganz zweifelloser Glaubens-artikel sein dürfte. Indessen vorläufig glauben wir ein-mal daran und gerathen in diesem Glauben auf ein Ur-theil, welches aller idealen Kunst urfeindlich und vernich-tend wird.

Sehen wir die Producte der Photographie in Bildnissenrichtig an, so würden sie uns gerade lehren, wie viel desKünstlers erfassende Individualität zum Bildniss hinzugefügtoder demselben nimmt und wie viel Unterschied zwischender Auffassung eines todten Instrumentes und der mit dem