Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

98

schlecht -bestehen würden, und welche in der That für diebildende Kunst eigentlich nicht darstellbar sind.

Obgleich' nicht zu der Schule gehörend, welcher diezuletzt angeführten Künstler angehören, muss ich hier Ed.Steinle anreihen, der ohne Zweifel einer der geistreichstenComponisten und einer der virtuosesten Zeichner ist, unterallen neueren deutschen Künstlern. Steinle ist am meistenbekannt und berühmt durch seine streng kirchlichen Dar-stellungen, und vielleicht mit Unrecht, ich wenigstens halteseine Kunst da besonders werth, wo sie sich mit märchen-haften und legendarischen Stoffen beschäftigt.

In zwei Oelgemälden, einerMadonna" und demhei-ligen Lucas, welcher die Madonna malt", beides Werkeaus früherer Zeit, erscheint der Meister nicht so vollendetund erfreulich, als in seinen Zeichnungen und Aquarellen;ebenso kann ich den Cartons zu Frescogemälden auf BurgRheineck keinen rechten Genuss abgewinnen; in den Dar-stellungen herrscht eine gewisse gesuchte Einfachheit, einStylbestreben, welches etwas gezwungen und zu absicht-lich erscheint; grossartig hingegen und vortrefflich com-ponirt und gezeichnet ist der farbige Carton:Die Erwar-tung des jüngsten Gerichts," ein Entwurf zu einem Fresco-bilde in der Abside des Domes in Berlin. Der Meister hatdiese Zeichnung in Concurrenz mit Cornelius, Overbeckund, wenn ich nicht irre, mit Ph. Veit für jenen Cyklusvon Wandgemälden gemacht, womit später Cornelius be-auftragt worden, und wahrlich, er ist nicht ohne Ruhmaus diesem Wettkampfe hervorgegangen.

Wäre nur nicht der Gegenstand des Bildes ein gar sounglücklicher! Die Erwartung des jüngsten Gerichts, alsonicht das jüngste Gericht, sondern ein Moment vorher, einMoment unbestimmter Dauer, ohne Handlung, ohne Ent-wicklung. Christus, der Weltrichter, thront in der Höhe,über und um ihn die himmlischen Heerschaaren; zu seinerRechten kniet fürbittend Maria, links stehen die Engel mitden Posaunen, das Wort des Befehls erwarten, weiter