An der Seite eines der ersten Männer des Landes zu leben,dabei die bedeutendsten Menschen, aber auch eine Fluth nichts-sagender Persönlichkeiten an sich vorüberziehen zu sehen —welche Gelegenheit für einen Beobachter, welche Ernte für einenSatiriker! La Bruyere fand auf solche Weise Gelegenheit, dieGalerie seiner „Charaktere“ im fürstlichen Hause der Condö zusammeln. Auch er hatte in der Comödie der vornehmen Weltmitzuspielen, aber seine Rolle war klein, und er blieb unbetheiligtgenug, um das Spiel kritischen Auges verfolgen und sehen zukönnen, wie es oftmals zur Posse umschlug, manchmal auch zurTragödie wurde. Seine Erfahrungen regten ihn an, jene scharf-gezeichneten Profile und Charakterköpfe zu entwerfen und jenenicht minder scharf gedachten Urtheile auszusprechen, die sichin seinem Buche von den „Charakteren“ so trefflich mit einanderverbinden und gegenseitig ergänzen.
Es sollte eigentlich genügen, den Anlass zu kennen, derLa Bruyere zu seinem Werke ermuthigte. Weiter zu fragen, dasGeheimniss seiner Composition erforschen, die Urbilder seinerSkizzen suchen zu wollen, führt leicht zu Irrungen. Er war jakein einfacher Copist, sondern ein Künstler, der die Züge zuseinen Porträts zumeist mehreren Personen entlehnte. In manchenFällen sass zwar auch ein einzelner Mensch zum Bild, und wennderselbe eine historische Bedeutung hatte, muss uns eine Angabedarüber von Werth sein. Allein es ist uns bei den meisten Por-träts gleichgiltig, ob man ihnen eine bestimmte Unterschrift gebenkann oder nicht. Solche Namen sind nur ein nichtssagenderKlang, und der Scandalsüchtige allein findet dabei eine Genug-thuung, den Kitzel eines neu aufgewärmten Klatsches. La
Zur Culturgeschichte Frankreichs. 11