11
sitzt von morgens bis abends hinter seinen Acten. Ichkomme nur so zwischendurch einmal in's Bureau und sageihm: „Lieb Männchen, Du arbeitest Dich doch nicht krank?"Dann giebt er mir einen Kuß und sagt: „Lieb Weibchen,jetzt laß mich hübsch in Ruhe, erst kommt das Geschäft,erst muß ich meine Klienten zufrieden stellen, aber abendsbei der Thecstunde fange ich an, Dir zu gehören."
Grotemeier (mit cimm Seufzer). „Lieb Männchen,lieb Weibchen!" so traulich hat es auch einmal bei mirgeklungen. Aber wissen Sie, Frau Doctorin, in demProceß, den ich führen will, kommen solche Titulaturennicht vor. Ich muß einen Advocaten haben, dem womöglichdas eigne Haus zu einer Art Hölle geworden ist, damiter sich warm für meine Sache interessiren kann. Eshandelt sich nämlich um eine Ehescheidung.
Käthchen. O, Sie armer Mann, haben Unfriedenin der Ehe? Das muß ja entsetzlich sein.
Grotemeier. Sehen Sie, Frau Jungheerd, daß einsolcher Proceß nicht für Ihren Herrn Gemahl paßt. Erwürde Mißtrauen in sein eigenes junges Glück bekommen,wenn er sähe, wie solche Honigmonde enden können.
Käthchen. Ganz und gar nicht mein Herr, undEhescheidungsprocesse sind gerade die Specialität meinesMannes. Er hat darin trotz seiner Jugend schon einengewissen Ruf.
Grotemeier. Aber wie kommt er denn gerade zudieser traurigen Specialität?
Käthchen. Eben weil er das Glück in der Ehe zuschätzen weiß, darum kann er auch dem ehelichen Unglückso recht von Herzen mitfühlen, und wenn er sieht, daßein Mann sein Alles daran setzt, seine Frau glücklich zumachen, daß er ihr alle Opfer bringt, die ein liebendeund nachsichtige Seele bringen kann, — und daß all dieseAufopferung dennoch vergebens ist, — dann — ja dann,kann er als ein Mann des Rechts nichts Besseres thun,als ein solch zur schweren Fessel gewordenes Ehebandlösen helfen.
Grotemeier (für sich). Wenn er ihr alle Opfer bringt,die eine liebende, nachsichtige Seele bringen kann. — (Laut)