Druckschrift 
1 (1825) Theorie der Beredsamkeit für alle Formen prosaischer Darstellung : nach den besten Quellen der Alten und der Neuern bearbeitet, und mit Mustern und Beyspielen belegt
Entstehung
Seite
316
Einzelbild herunterladen
 

3i6

1. weil die Veranlassungen zu diesen Briefen einen sehrkleinen Umfang haben, und daher fast immer die nähmli-chen sind; . '

2. weil nebst dieser Einförmigkeit ihr Stoff meistens sehrdürftig, erschöpft und abgenützt ist;

3. weil die Vereinigung von Empfindung und Convenienz,die hier Statt finden soll, an und für sich schon eine sehr be-schwerliche Aufgabe ist.

Für die gefährlichsten Klippen dieser Briefgattung erklärtPölitz: die Übertreibung der Theilnahme; die sichtbare Erkün-stelung der vorgespiegelten Empfindung; trockene zurückstoßendeKälte; unnöthigen Schmuck in der Darstellung: ermüdendeWeitschweifigkeit in der Behandlung eines einförmigen Gegen-standes.Wer nicht durch den gesellschaftlichen Umgang gebil-det, und in den gewandten Ton der höhern Convenienz einge-weiht ist; wer nicht zugleich die Geschicklichkeit besitzt, sich indie muthmaßliche Stimmung und Empfindung des Empfängers,bey der Abfassung eines Wohlstandsbriefes, hinein zu denken unddie, durch die Veranlassung zum Wohlstandsbriefe in ihm er-weckte Empfindung mit der nöthigen Feinheit zu berühren; wernicht das Einförmige und Alltägliche des Gegenstandes, oderden Abgang alles höhern Interesse an demselben durch die Ein-kleidung, Wendung und Haltung des Ganzen zu ersetzen ver-steht: der wird bey seinen Wohlstandsbriefen ins Widrige undUnerträgliche fallen."

§. i3.

Sentimentaler oder Empfindungsbrief.

Da dieser Brief an solche Personen gerichtet wird, mitwelchen wir durch die nächsten und schönsten Lebensverhältniffeverbunden sind (Älter», Gatten, Geliebte, Freundere.): soversteht sich von selbst, daß hier die Empfindung freyen Spiel-raum erhalten, folglich in einem solchen Briese der Ausdruckder wahrsten Gefühle, die Sprache echter Herzlichkeit herr-schen muß.