77
§- 9 -
Nähere Entwicklung der einzelnen Charakter-züge/ welche den Unterschied der alcen undder neuern Dichtkunst begründen.
Noch viel klarer wird Schiller's Ansicht, wenn wir inKürze noch Horen, wie Jenisch *) hiernach die einzelnenCharaklerzüge entwickelt, welche den Unterschied der alten(naiven) und der neuern (sentimentalen) Dichtungsweise be-gründen. Er zeigt dieses zuerst dem Inhalte nach, dannder Form nach.
Dein Inha,lte nach charakterisirt er die Verschiedenheitbeyder Dichtungsmeisen in Kürze also:
I. Die Alten schildern eine rüstige, kraft- und muthvolleMenschheit; die Neuern eine milde und zartere.
II. Die Alten schildern den Menschen in sehr einfachenCultur-Verhältniffen, die Neuern in höchst verwickelten.
III. Die Alten beschränken sich auf einen gewissen Kreisvon Charakteren, tragischen Geschichten und Situationen:die Mannigfaltigkeit der neuern Darstellung ist gränzenlos.
Aus dem Charakterzug I. leitet Jenisch folgende Eigen-thümlichkeiten beyder Dichtungsweisen ab:
a) Die Alten sind vorzüglich in Darstellungen der Männ-lichkeit, die Neuern in Darstellung der Weiblichkeit.
b) Die Gemüthsstimmung der alcen Dichter ist mehr he-roisch , die der neuern mehr elegisch.
c) Die Alten äußern überall wenig Empfindsamkeit fürdie Schönheiten, besonders der leblosen Natur: die Neuernsind enthusiastische Bewunderer der Naturschönheiten.
Aus dem Charakterzug II. folgende Eigenthümlichkeitender Neuern:
a) Erhöhte Schwierigkeit der Darstellung.
*) Siehe dessen Vorlesungen über die Meisterwerke der griechi-schen Poesie-