Druckschrift 
2 (1824) Bibliothek der Humanitäts-Wissenschaften zur Selbstbildung für Jünglinge von reiferem Alter : philosophische Wissenschaften
Entstehung
Seite
67
Einzelbild herunterladen
 

6 ?

spiegeln, als in todteil Begriffen , nur aber für jeden anders;denn nichts bringt die Eigemhümlichkeit der Menschen mehr zurSprache als die Wirkung, welche die Dichtkunst auf sie macht;und daher werden ihrer Definitionen eben so viele seyn alsihrer Leser und Zuhörer. Nur der Geist eines ganzen Bucheskan» die rechte enthalten."

Nach dieser Schutzrede für poetische Definitionen derPoesie dürfte wohl in der folgenden Strophe aus Schiller'sHuldigung der Künste, die Poesie ihr innerstes Wesen ambesten aussprechen:

Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke,

Frey schwing ich mich durch alle Räume fort;

Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke,

Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort.

Was sich bewegt im Himmel und auf Erden,

Was die Natur tief im Verborgnen schafft,

Muß mir enkschleyert und entsiegelt werden;

Denn nichts beschränkt die freye Dichterkcaft.

Doch Schön'res sind ich nichts, wie lang' ich wähle,

»Als in der schönen Form die schone Seele."

tz. 3.

Stoff und Form.

In der Poesie ist, so wie in jeder Kunst, der Stoff,das ist, der Gegenstand, welcher dargestellr wird, von derForm, das ist, von der Art und Weise, wie derselbe dar-gestellt wird, wohl zu unterscheiden. Die Poesie strebt zwar,das Ideale durch die Phantasie hervorzubringen; da aber die-ses ihr höchstes Ziel, nähmlich die Hervorbringung des Idealen,unerreichbar ist, so kann auch nicht das Ideale selbst ihrStoff seyn, sondern nur das Schöne, als ein Abglanzdes Idealen, von dem aber kein durchgängig gleicher Gradbestimmt werden kann.

Poetisch ist der Stoff, sobald er der Jdealisirungfähig ist. Es eignet sich daher nicht jeder Stoff zur poetischenBehandlung, sondern nur derjenige, welcher die Empfänglich-

E 2