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Die Poesie ist eine schöne Kunst, das heißt: sieerhebt sich durch die Phantasie zu dem Schönen undIdealen *). Hieraus geht hervor, daß bloße Darstellungder Wirklichkeit, so wie sie vorhanden ist, noch nicht ei-gentliche Poesie seyn kann.
Die Poesie bedient sich, zur Darstellung des Idealen,der Sprache. Durch dieses Darstellungsmittel unterscheidetsie sich von den übrigen freyen und schönen Künsten. Dieseletzter« wirken, mehr oder weniger, unmittelbar auf dieSinne (z. B. Musik, Bildhauerkunst).
Poesie aber, als die geistigste von allen, spricht zu-nächst und unmittelbar zur Einbildungskraft. Sie ist daher diehöchste und reinste unter den Künsten, und jedem echtenKunstgenie (es sey Mahler, Musiker, Bildner re.) mußpoetischer, das ist, schöpferischer Geist, gleichsam als diebelebende Seele jedes Kunstfaches innewohnen.
Durch die Zergliederung dieser Hauptmerkmahle wurdedas Wesen der Poesie hier mehr beschrieben als definirtim strengsten Sinne. Ich bin hierin J..P. Fr. Richters Grund-sätzen gefolgt, welche er in der folgenden Stelle entwickelt,indem er behauptet, „das Wesen'der dichterischen Darstellungsey, wie alles Leben, nur durch eine zweyte darzustellen."
„Sogar bloße Gleichnisse," fahrt er fort, „können oftmehr als Worterklärungen aussagen, z. B. „die Poesie ist dieeinzige zweyte Welt in der hiesigen; oder: wie Singen zumReden, so verhält sich Poesie zur Prosa; die Singstimme steht(nach Haller) in ihrer größten Tiefe doch höher als der höchsteSprechton; und wie der Sington schon für sich allein Musikist, noch ohne Taet, ohne melodische Folge und ohne harmo-nische Verstärkung, so gibt es Poesie schon ohne Metrum,ohne dramatische oder epische Reihe, ohne lyrische Gewalt."Wenigstens würde in Bildern sich das verwandle Leben besser
*) Die Erklärung des Idealen gehört in das Gebieth derÄsthetik.