7
dadurch, daß sie Aufschlüsse über die Natur und Kraft desSchonen gewahrt, die Würde und den erhabenen Rang derfreyen Künste auf eine wissenschaftliche Weise darthut, dasGöttliche in der Kunst zeiget, den Schönheitssinn wecket, denGeist gegen jede Verbildung sichert, und die Liebe zu den'Kün-sten anfachet; dadurch aber auch auf die Sitten der Volkermächtig einwirket.
6 .
Die Kunst bestand lange vor der Kunstwissenschaft. DieAlten hatten keine förmliche Ästhetik, ihre Forschungen bezo-gen sich entweder auf einige allgemeine ästhetische Gegenstände,oder' auf besondere einzelne Künste oder deren Regeln. Auchdiese Forschungen reichen nicht über das griechische Zeitalter hin-aus. Plato war der erste, welcher mit Erhabenheit über dasSchone sich aussprach. Ihm war die Kunst etwas Göttliches,die Künstler erschienen ihm als Verkündiger göttlicher Geheim-nisse; und sein Hauptsatz war: die höchste Schönheit ist inGott. Aristoteles weihte der Kunst eine eigene Schrift; dochdiese umfaßte nicht das Ganze der Kunst; selbst die Poetikumfaßte nur das Epos und Drama. Seine Theorie ist ausden besten der ihm bekannt gewordenen Kunstwerke der Grie-chen entwickelt. Er setzte das Wesen der Kunst in die Nach-ahmung, und die Quelle des Vergnügens an den Kunstwerkenin die Beschäftigung des Geistes bey Vergleichung der Nach-ahmung mit dem Urbilde. Von den späteren Griechen verdie-nen noch Dionysius von Halikarnaß wegen seiner rhetorischenSchriften, und Longinos wegen des Werkes über das Erhabene,Erwähnung.
Die streng logische Consequenz der Poetik des Aristotelesfand allgemeine Achtung, und verschaffte dem Werke das höchsteAnsehen. Horaz in seiner Epistel über die Poetik folgte dem-selben größten Theils. Cicero und Quintilian lieferten Bey-träge für die Rhetorik; im Allgemeinen geschah bey den Rö-mern für Ästhetik nur wenig.