6
4 -
Kunst, als praktisches Vermögen, bezieht sich auf das Schaf»fen außer uns. Sie unterscheidet sich von Wissenschaft, welchein weiterer Bedeutung der Inbegriff in einander gegründe-ter, auf einen allgemeinen Grundsatz zurückgeführter Wahr-heiten ; und in engerer Bedeutung Erkennrniß aus Principiena priori ist.
5 .
Ästhetik ist dem Wortbegriffe nach, Empfindungslehre. DemSachbegriffe nach wurde sie bald als Geschmackslehre; bald alsTheorie der schonen Wissenschaften behandelt. Die Geschmacks-lehre betrachtet jedoch nur das Schone in seinem Verhältnissezu dem Empfindungsvermögen; die besondere Art des Wohl-gefallens, welches mir der Anschauung des Schönen verbun-den ist. Dadurch entspricht sie aber der Forderung einer Wis-senschaft, welche mir dem eigentlichen Wesen der Dinge sichzu befassen hat, keineswegs hinlänglich. Die Theorie der schönenWissenschaften beschränkt sich aus Rede- und Dichtkunst, undumfaßt daher nicht das Ganze der Kunst. Dieser letzteren For-derung zu entsprechen, muß sie Kunstlehre seyn; und in die-sem Sinne ist Ästhetik Kunstwissenschaft, oder die Wissenschaftvon dem Wesen und den Formen der Kunst.
6 .
Die Kunstwissenschaft hat keineswegs den Zweck, Künst-ler zu bilden; sie ist nicht Technik der Kunst; ihr Beruf ist,den Geist der Kunst überhaupt, und die Formen derselben,oder die Eigenrhumlichkeiten einer jeden einzelnen Kunst ins-besondere zu entziffern. Sie macht einen Theil der Philosophieaus. Das Schaffen der Kunstwerke kann weder gelehrt, nocherlernt werden ; denn das Kunstwerk ist eine Frucht des Genies.Der Künstler muß geboren werden.
7 -
Wenn aber auch die Kunstwissenschaft nicht selbst Künstlerbilden kann, so gewahrt sie doch einen ausgebreiteten Nutzen