Druckschrift 
2 (1901) Buddenbrooks : Verfall einer Familie ; Roman
Entstehung
Seite
260
Einzelbild herunterladen
 

260

alterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein Zucken,eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde,furchtsame Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie dieArme aus, und mit einer so stoßartigen und unver-mittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischenDem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nichtein Augenblick rief sie laut mit dem Ausdruck desunbedingtesten Gehorsams und einer grenzenlosen,angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung:

Hier bin ich!" . . . und verschied.

Alle waren zusammengeschrocken. Was war Dasgewesen? Wer hatte gerufen, daß sie sofort gefolgtwar?

Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschtedie Kerzen, während Doktor Grabow mit mildemGesicht der Toten die Augen schloß.

Alle fröstelten in dem fahlen Herbstmorgen, dernun das Zimmer erfüllte. Schwester Leandra ver-kleidete den Toilettenspiegel mit einem Tuche.

2 .

Durch die offene Thür sah man im SterbezimmerFrau Permaneder im Gebete liegen. Sie befand sichallein und kniete, ihre Trauergewänder um sich herauf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes,an einem Stuhle, indem sie die fest gefalteten Händeauf dem Sitze ruhen ließ und gebeugten Hauptesmurmelte . . . Sie hörte sehr Wohl, daß ihr Bruderund ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten,