Über die deutschen Bigennamen und Familiennamen
verfaßt von Oberlehrer G. Goering, Altona-Barenfeid. 1895.
Ursprünglich gab es bei unsern Vor-fahren keine Familiennamen, ebensowe-nig wie bei den übrigen Germanen undden mit ihnen verwandten alten Griechen.Vielmehr hatte jeder einzelne, sowohlMann als Weib, nur einen einzigen Na-men, seinen „Eigennamen“ (Perso-nennamen). Wollte etwa einer seine Ab-stammung angeben, so setzte er hinterseinen Namen den des Vaters im Gene-tiv und fügte das Wort sunu hinzu, z. B.Hadubrant, Hiltibrantes sunu (Hadu-brand, Hildebrands Sohn). Einen „Ei-gennamen“ (eigenen Namen) hat auchheute noch jeder; wir nennen ihn nuranders und sagen Vornamen, Rufnamen,Taufnamen.
Bei dem schöpferischen Reichtumeder deutschen Sprache, die nächst dergriechischen die reichste unter den ari-schen Sprachen ist, wäre es möglich ge-wesen, jedem Manne und jedem Weibeeiner Bevölkerung von etwa 50 Millioneneinen eigenen Namen zu geben. Alleines ist ganz natürlich, daß sich alsbaldfür gewisse Eigennamen eine bestimmteVorliebe zeigte; diese war schon in alterZeit ihrerseits auch wieder dem Wech-sel unterworfen, wenn man nicht sagenwill — der Mode. So bildete sich schonsehr früh ein bestimmter Kreis von Wör-tern, sozusagen ein Ausschuß aus der ge-waltigen Fülle jener Wörter, die bei derNamengebung in Betracht kommen konn-ten. An diesen Ausschuß war man durchSitte und Gebrauch gebunden. Aber
selbst innerhalb dieses Rahmens pflegteman in der Regel einem neugeborenenKinde nicht einen solchen Namen zu ge-ben, der in dem eigenen Geschlechteüberhaupt noch nicht vorgekommenwäre; sondern man gab mit Vorliebeeinem Kinde den Namen des Großvatersoder der Großmutter, oder man wähltewenigstens einen Namen, der mit einerStammsilbe an einen Teil des großväter-lichen oder väterlichen Namens erinnerte;wenn z. B. der Großvater Gerbert hießund der Vater Gerhart, so nannte manden Enkel Gerbalt; oder Hiltibrant, Ha-dubrant, Hiltibert. Die Geschmacklosig-keit, die heute manche Eltern dadurchbekunden, daß sie ihrem Sohne oder ihrerTochter den eigenen Vornamen geben,dürfte bei unsern ältesten Vorfahrenschwerlich zu finden gewesen sein.
Die Bildung der Eigennamenmöge kurz folgendermaßen beschriebensein: Ursprünglich finden sich fast in je-dem Namen 2 Wortstämme; diese kön-nen häufig beliebig an erster oder zwei-ter Stelle stehen, z. B. Hartmut — Mut-hart, Wolfgang — Gangolf, Helmfried —Friedhelm. Die Anzahl der Silben istdemnach mindestens 2; es können aberauch 3 und 4 sein, z. B. Chlodowig, Ger-berga, Fredegunda, Swanahilda.
Die Bedeutung dieser alt-deutschen Eigennamen ist sehrschwierig zu beurteilen; die Gelehrtensind darüber noch keineswegs einig. UnserVolk schuf sie, als es noch im Alter nai-