6
ver Kindheit lebte, und seine sinnige, ge-mütvolle, an Phantasie reiche Art sichunbefangen und unberührt von störendenfremden Einflüssen äußern konnte. Vieleder Namen sind daher von entzückendemWohlklange und unvergleichlicher Poesie.Man kann mit Bestimmtheit behaupten,daß in dieser wundervollen Namenwelt dieOötterverehrung, der Heldenmut, dieKühnheit, die Tapferkeit, das Strebennach allem Gewaltigen, Hohen und Edelnsich ausprägt, und in der allerältestenZeit, als die Namen gebildet wurden, warman sich der wörtlichen Bedeutung dieserNamen unzweifelhaft bewußt. Heute je-doch müssen wir auf eine wörtlicheÜbersetzung der Namen, die in den mei-sten Fällen allerdings noch möglich ist,verzichten, denn sie trägt eine ganz mo-derne Anschauung in die altgermanischeWelt. Arnefrid z. B. bedeutet wörtlichübersetzt „Adlerfriede“; Walther „derüber das Heer waltet“; Liubolf „der lie-be Wolf“; Hugipoto „der Geistesbote“;Fridurich „der König des Friedens“. Willman solche Namen verstehen, so ist esunbedingte Voraussetzung, daß man sichin die Denk- und Anschauungsweise je-ner Zeit zu versetzen vermag, d. h. daßman ihre Geschichte und besonders ihreKulturgeschichte genau kennt. Die ur-sprüngliche Bedeutung, welche den Erfin-dern der Eigennamen wohl bewußt war,ist aber wahrscheinlich rasch verblaßt,und es blieb nur eine leise Erinnerungdaran, daß in ihnen die Tugenden einesgermanischen Helden oder eines germani-schen Weibes oder die Namen der denGöttern heiligen Tiere (Rabe, Wolf, Bär,Schwan, Adler (Ar) u. a.) gekennzeichnetsind. Schließlich wurde überhaupt wohlbei der Namengebung nicht mehr nachder Bedeutung gefragt oder daran ge-dacht, sondern die Eltern wählten denEigennamen für ihr neugeborenes Kind
aus irgend einem Grunde der Liebhabereioder der Rücksichtnahme auf Verwandte.(Wie noch heute bei den sogenanntenTaufnamen.)
Scheinbar vermehrt wurde die Zahlder Eigennamen durch das Aufkommender sogenannten Kosenamen. Auchhierfür gab es wieder mannigfache Grün-de. Man kürzte einen Vollnamen entwederaus Zärtlichkeit oder Bequemlichkeit. Be-liebt Waren die Abkürzungen auf o oder z,z. B. Godo aus Godafried (oder Goda-bert, Godebalt, Godehart, Godescalc);Gero aus Gerhart (oder vielleicht Gerbert,Gerbalt); Heino und Heinz aus Heinrich;Fritz aus Friedrich. Diese abgeschliffe-nen Kose- oder Kurznamen erschienenschließlich fast als neue Namen und ver-drängten durchaus nicht immer den Voll-namen. So hielt sich neben Kuno, Kunzund Kurt immer noch der ursprünglicheKunrat; mancher mochte alle vier fürganz verschiedene Namen halten.
Aus den Quellen (Schriftwerken allerArt, besonders Urkunden) von 1050 bis1150 ergibt sich, daß in dieser Zeit diealte Reichhaltigkeit der Namen schwand;daran nahmen aber die Kurznamen eben-so gut teil wie die Vollnamen. Das warwieder nur die Folge einer gewissenMode.
Es kamen weiterhin auch noch übleEinflüsse anderer Art hinzu, welche denSchatz urdeutscher Namen schmälerten.Durch das Christentum wurden eine An-zahl jüdischer (z. B. Marie, Johannes[Hans], Elisabeth [Elise, Lise, Else], Jo-seph) und phönizischer (z. B. Anna, Dido)Namen übernommen; in der Zeit des Hu-manismus (etwa von 1450 an) fanden dieDeutschen Geschmack an zahlreichengriechischen und lateinischen Namen; undals der französische Einfluß mächtig wur-de, da bürgerten sich welsche Namen ein.Hier wie überall zeigt sich der Fluch des