566 Italienische Sprache und Literatur
tat verzehrenden, geistigen Lebens, das wol ein halbes Jahrhundert vorgehalten hatte, all-malig von selbst aus Mangel an Nahrungsstoff erloschen wäre. Was sich aus den damals 'der Untersuchung vorliegenden, der Geschichte und Natur abgewonncnenMaterialien den-kend machen ließ, haben die edeln Geister Italiens geleistet; aber aus den Elementen, diesie mit ihren Mitteln noch nicht überwältigen konnten, bildete sich unvermeidlich eine reli-giöse Neaction, deren allmälige Bekämpfung den Denkern anderer Nationen aufbehaltenblieb. Als Sixtus V. aus innerm Haffe gegen alles Heidnische die Denkmäler Roms zuzerstören begann, fanden sich noch Cardinäle, die vor solcher Barbarei sich entsetzten unddawider demüthige Vorstellungen machten; Sixtus ließ sich auch bestimmen, dem Zerstö-rungswerke Einhalt zu thun, aber was er unvcrnichtet ließ, das sollte wenigstens denTriumph des Christenthums über den heidnischen Geist versinnbildlichen ; auf Kaisersaulcnpflanzte er Heiligenbilder und einer Minervenstatue gab er ein mächtiges Kreuz in dieHand.
Die Blüte des Humanismus war dahin. Wie klagte nicht schon Erasmus von Rotter-oam, selbst Melanchthon um den Verfall der Wissenschaften! Die Zeit des Sammlersteißcshatte begonnen, der geistlosen, Stoff aufhäusenden Gelehrsamkeit. Des Baronius (s.d.)großes kirchengeschichtliches Werk, auf päpstlichen Befehl gegen die „Magdeburger Cen-turien" zusammengetragen, gibt davon ein Beispiel. Die Wissenschaft wurde auf alleWeise wieder zur Magd der Kirche gemacht. Die Reform des Kalenders, die Gregor XIll.ausführen ließ und bei welcher sich ein sonst nicht sehr bekannter Calabrese, Luigi Lilie,durch Angabe der einfachsten Methode bemerklich machte, war nur der Berechnungder kirchlichen Feste wegen auf Wunsch des tridentiner Concils unternommen worden.Durch das tridentiner Concil war die Kirchenlehre ein für allemal festgestellt, und so derTheologie ein Ende gemacht; man wollte und mußte nun auch eine festgestellte Bibel ha-ben, eine solche, an der die Kritik kein Recht mehr hätte; deshalb publicirte Sixtus V. 1590einen authentischen Text der Vulgata, den jedoch schon 1592 Clemens VIII. authentisch ver- >bessern mußte. Eine neue lat. Übersetzung, welche 1607 in Genf erschien, war das Werk ,eines Protestanten, Gio. Deodati aus Lucca, und wurde von der Kirche verdammt.
Die Geschichtschreibung, welche in der Zeit der wiederaufblühenden Wissenschaftennach antiken Mustern getrieben worden war, nicht aus Interesse für die Sachen, sondernaus Lust an der Darstellung, aus Eifer, es den Alten nachzuthun und also mit weit über-wiegender, oft ausschließlicher Rücksicht auf elegante Latinität, sodaß unter der großenMasse von Geschichtschreibern nur wenige, wie Macchiavelli (s. d.), einen eigenthüni-lichen Charakter entwickelten, theilte um die Mitte des >6. Jahrh. das allgemeine Schick- lsal der ital. Literatur; sie wurde ängstlich, kleinlich und höfisch, sie beschränkte sich aufdie engsten Localitäten, auf die geringfügigsten Gegenstände, Inschriften, Alterthümereinzelner Städte, oder sie diente den kirchlichen Interessen, wie in den Werken des Baro-nius und seiner Fortsetzer, des Pallavicini und Paolo Sarpi über das tridentiner Con-cil. Es ist unglaublich, welch ein schwachherziger, spielender, eitler, geckischer Sinn überallin Italien einriß. Die Massen des Volkes, die überhaupt nur insofern von dem wissen-schaftlichen Aufstrebcn berührt gewesen waren, als sie den Widerschein desselben in Volks-dichtungen , Komödien und Liedern empfanden und sich zum Spott über kirchliche DingeHinreißen ließen, oder zur Auflehnung gegen mancherlei Druck und Last, wurden von den .Bettelmönchen und bald auch von den Jesuiten emsig bearbeitet und devot gemacht, ohne 'daß sie sich deshalb die Lust zu spotten und im Stillen zu raisonniren rauben ließen; sie läster-ten und beteten in einem Athem, schimpften Und ließen sich treten. Die Gebildeten lebtenan Höfen oder richteten sich nach dem Muster der Höfe, hatten keine Interesse» mehr alsHoffeste, Hofvermählungen, Schmausereien der Großen, Einholungen, Ehren und Be-förderungen, glatte Verse und wohlklingende Reime. Ein Streit, wie jener, ob die Schrift-sprache italienisch, toscanisch oder sanesisch zu nennen sei, erhitzte alle Köpfe, und zwar sei-ner oberflächlichsten Bedeutung nach, denn einen patriotischen Sinn gewannen ihm nurWenige ab; ganz Italien zerschlug sich in Parteien über den Werth eines Madrigals oder ,eines Dramas; so stritt man sich über den Stil und die Composition des Trauerspiels „6»-Iisce" von >543—90 unablässig IN Schriften und in allen Akademien herum, und Gua-rini's „Pastor 660" erregte 1585 einen Se»rm vnteb den Literaten, der gar nicht enden