Allgemeine deutsche Real - Encglüopadie für die gebildeten Stande. k -Ri Conversations - Lexikon Neunte Originalaullage. In fünfzehn Bänden. siebenter Heim bis Juwelen. New Vork, bei Wilhelm Radde, 322 , Kroadway. Leipzig, bei F. A. Brock Haus. 1 8 4 6 . H * ^eim (Ernst Ludw.), ein ausgezeichneter praktischer Arzt, geb. am 22. Juli 1747 zu Solz im Herzogthnm Sachsen-Meiningen, wo sein Vater, Joh. Ludw. H., der Herausgeber der „Hennebergischen Chronik" (3 Bde., Meining. >767 — 77 , 4 .) als Pastor 1785 starb, kam 176-1 auf das Lyceum zu Meiningen und >766 auf die Universität zu Halle, wo er sich der Heilkunde widmete. Nachdem er schon als Student viele Kranke in origineller Art behandelt hatte, erhielt er >772 die medicinische Doctorwürde, gleichzeitig mit seinem Freunde Muzell, mit welchem er dann eine wissenschaftliche Reise machte, zu der Muzell's Vater, der Leibarzt Friedrich's >1. war, das Geld gab. Sie besuchten Nord- deutschland, Holland, wo sie längere Zeit in Lehden sich aufhielten, England und Frankreich. Auf der Rückreise über Strasburg und durch Süddeutschland war der von Jugend auf im Klettern geübte H. kühn genug, bis auf den Querbalken des Kreuzes aufdem Münster cmporzuklimmen. Nach der Rückkehr im I. > 775 hielt er sich noch einige Zeit in seiner Heimat auf; dann ging er nach Berlin und von hier, nachdem er die Prüfungen für den Staatsdienst rühmlich bestanden hatte, >776 nach Spandau, wo er noch in demselben Jahre als Physikus und einige Jahre später als Kreisphysikus des Havellands angestellt wurde. Im I. 1778 bekam er den Hofrathstitel; 1783 wendete er sich auf Zureden seiner Freunde, besonders des Vaters seines unter der Zeit gestorbenen Freundes Muzell, nach Berlin, wo er 1799 zum Geh. Hofrath ernannt wurde. Nur kurzer Zeit bedurfte es, um hier ihm und seinem segensreichen Wirken unter den höchsten Ständen wie unter den niedrigsten Anerkennung zu verschaffen. Seine Krankenlisten, nach denen er jährlich 3—4006 arme Kranke unentgeltlich behandelte, oft noch selbst unterstützte, sowie das Vertrauen der königlichen Familie, besonders in der Krankheit der Königin Luise, welche ihn, ohne daß er ihr eigentlicher Leibarzt war, in Hufeland's Abwesenheit während ihrer letzten Lebenstage stets um sich hatte, bezeugen hinlänglich, daß menschliche Tugenden und ärztliche Vorzüge sich bei ihm in seltener Vereinigung fanden und daß die Originalität, deren Stempel beide trugen, ihm sehr wohl stand. Der > 5 . Apr. 1822 , wo er sein fünfzigjähriges Doctorjubi- läum feierte, wurde fast wie ein Volksfest begangen. Nachdem der heitere Greis, der noch im 70 . Lebensjahre rüstig den milischauer Berg bei Teplitz bestieg und weite Wege zu Pfrrd machte, im I. 1830 seine goldene Hochzeit, umgeben von einem zahlreichen Familienkreise, gefeiert hatte, nahm ihn ein sanfter Tod am 15 . Sept. >834 hinweg. Trotz der ungemeinen Ansprüche, die an H.'s Thätigkeit gemacht wurden, und der vielen Krankheiten, die er zu überstehen hatte, zeichnete er sorgfältig Alles, was ihm in seiner Praxis wie im gewöhnlichen Leben interessant war, in seinen Tagebüchern auf; doch hat er nur einige kleinere Aufsätze im Druck erscheiüen lassen. Eine Sarnmlung seiner „Vermischten medicinischen Schriften" aus seinen Papieren veranstaltete Paetsch (Lpz. > 836 ). H. war der Erste, der in Berlin die Kuhpocken einimpfte, und in der Botanik verwendete er besonder» Fleiß auf die Kenntniß der Moose. Vgl. das von seinem Schwiegersöhne Keßler aus den hinter- lassenen Briefen und Tagebüchern zusammengestellte „Leben H.'S" (2 Bde., Lpz. 1835 ). — H. hatte fünf Brüder. Der älteste, Joh. Ludw. H., geb. 1741 , gest. 1819 als sach- sen-meining. Consistorialrath, Vicepräsident und Wirklicher Geh. Rath, beschäftigte sich viel mit Geologie und gab eine klassische „Geologische Beschreibung des Thüringerwaldg»- birgs" (6 Bde., Meining. > 796 — 1812 ) heraus, wozu sich die Belege in dem Museum der Universität Jena finden, dem er seine Mineraliensammlung vermachte. — Georg Christoph H-, geb. 1743 , gest. 1807 als Pfarrer zu Gumpelstedt, schrieb eine „Deutsche Conv.-Lex. Neunte Ausl. VII. 1 2 Heimat Heimbnrg Flora" (2 Bde., Berl. und Lp;. >70»—>899) und trieb einen nicht unbedeutenden Verkehr mit Steinsammlungcn und getrockneten Herbarien, von denen er eins selbst für die Kaiserin Josephinc zu fertigen Auftrag bekam. - - A nt. Christoph H., geb. >7-19, gest. 1813 als herzoglich sachsen-meniing. Hofadvocat und Hofrath. — Friedr. Timotheus H-, geb. 1751, gest. als Pfarrer zu Effelder, machte sich insbesondere auch durch sehr glückliche Beförderung der Obstbaumzucht verdient und gab des Freiherrn Truchseß von Wctz- hausen zu Bettenburg „Systematische Classtficirung und Beschreibung der Kirschensorten" (Stuttg. 1819) heraus. — Joh. ChristophH., geb. 1753, starb 1813 als Nachfolger seines Vaters in Solz. Heimat nennt man den Geburtsort eines Menschen, wo ihm, wenn er sonst nirgend ein Unterkommen findet, Aufenthalt, Armenpflege und die letzte Ruhestätte gewährt werden müssen. In seiner Heimat müssen ihm diejenigen Rechte zugestanden werden, welche zur physischen und bürgerlichen Existenz gehören, die Aufnahme zum Orts- und Staatsbürger, wenn er die allgemeinen Bedingungen erfüllt, die Betreibung erlaubter Gewerbe, die Erlangung öffentlicher Ämter und Würden, wenn er sich dazu fähig gemacht hat, die Gründung eines eigenen Hauswesens und einer Familie, und die Versorgung, wenn er verarmt ist. Diese Rechte behalten fortwährend ihre Geltung und können selbst freiwillig nicht aufgegeben werden, weshalb auch ;. B. Ausgewanderte, wenn sie nirgend anders Unterkommen können, in die Heimat zurückkehren. Dafür bleibt aber auch die Heimat, sowol daS Geburtsland wie der Geburtsort selbst, in der Entfernung der Punkt, nach welchem sich die Rechte und Pflichten des Bürgers richten; er darf auch im Auslande keine Handlung begehen, wodurch die Gesetze und Rechte der Heimat verletzt werden, und. sogar Derjenige^ welcher in einem andern Staate .das Bürgerrecht (die Naturalisation) erlangt hat,' ist zwar von allen positiven Verbindlichkeiten gegen seine Heimat entbunden, darf aber doch nicht die Waffen gegen dieselbe ergreifen. Das Heimatsrecht in einem Orte und Lande wird erworben durch Geburt oder Aufnahme. Allein in Ansehung der Geburt sind nur wenige Staaten so freisinnig wie England und Frankreich, welche auch dem nur bei zufälliger Anwesenheit der Mutter im Lande geborenen Kinde das Recht der Eingeborenen verleihen. Die meisten andern Staaten, wie Ostreich, Baiern und fast alle deutsche Länder, sehen nicht auf den Ort der Geburt, sondern auf das Staatsbürgcrrecht der Altern oder bei unehelichen Kindern der Mutter. Auch den im Auslande geborenen Kindern ihrer Staatsbürger gestehen England und Frankreich das Jndigenat zu. Am schwierigsten gehen einzelne Orte daran, Fremden das Heimatsrecht durch Aufnahme zu bewilligen, weil sie immer an die Möglichkeit denken, daß die Versorgung Derer, welche etwa verarmen, der Ortsgemeinde zur Last falle. Da nun nach einem beinahe allgemeinen Princip der selbständige Aufenthalt an einem Orte, mit eigener Wohnung und Haushaltung, wenn er eine gewisse Reihe von Jahren gedauert hat, das Heimatsrecht gibt, so sind die Gemeinden sehr wachsam, Auswärtige, welche auf irgend eine Weise einen vorübergehenden Aufenthalt im Orte haben, vor Ablauf dieser Zeit zu entfernen, wodurch nicht selten die ganze bürgerliche Existenz einer redlichen und arbeitsamen Familie ohne alle Nothwendigkeit ver» nichtet wird. Gleichwol ist die unbedingte Annahme, d'aß jederzeit der Geburtsort die Versorgungspflicht haben solle, auch mit Härten und Unzuträglichkelten verknüpft, indem hier der Verarmte oft aus seinen Verhältnissen gerissen und einem Orte, wo er vielleicht ganz unbekannt geworden, als eine hülflose unwillkommene Last zugeschoben wird. Den schlimmsten Übeln wird nur durch eine umfassende Organisation des Armenwesens zu einem allgemeinen Landesverbände abgeholfen werden können. Für Deutschland wird übrigens der Wunsch eines allgemeinen deutschen Heimatgesehes immer dringlicher und vielleicht ln keinem Zweige der Gesetzgebung wirkt die Verschiedenheit so nachtheilig. Vgl. A. Müller, „Die deutschen Auswanderungs-, Freizügigkeits- und Heimatsverhältnisse" (Lpz- >811). Heimburg (Gregor), einer der größten Männer seiner Zeit, geb. zu Anfänge des 15. Jahrh. zu Würzburg, lenkte zuerst während des ConcilS zu Basel die Aufmerksamkeit aus sich, wo er als Secretair des Äneas Sylvius, nachmaligen Pavsts Pius'II., erschien, indem er sich energisch gegen die päpstlichen Anmaßungen erklärte. Die Folge davon war, daß er seine bisherige Stellung aufgeben mußte, worauf er 1131 als Rechtsconsulent in HeimfaÜ Heimweh 3 Nürnberg sich nicdcrließ. Als solcher erlangte er bald einen so großen Ruf, daß man in den wichtigsten staats-, kirchcn- und privatrechtlichen Streitigkeiten aus allen Theilcn Deutschlands sein Gutachten einholte. In der Folge wurde er Rath des Herzogs Sigismund von Ostreich und ging 145» als dessen Gesandter zur Versammlung nach Mantua, wo er mit Papst Pius II. in Streit gerieth, der ihn 1461 in den Bann that. Er begab sich nun unter den Schutz des Hussitenkönigs Georg Podiebrad von Böhmen; als aber auch bis dorthin der päpstliche Haß ihn verfolgte, fand er eine Zuflucht in Dresden am Hofe der sachs. Fürsten, die ihn schon zu verschiedenen Malen in wichtigen Angelegenheiten zu Rathe gezogen hatten und durch deren Vermittlung er, da unterdeß sein Widersacher gestorben war, von dessen Nachfolger, Sixtus IV., vom Banne befreit wurde. Kurz darauf, im Aug. 1472, starb er in Dresden und wurde in der dasigen Sophienkirche beigesetzt. Seine Schriften, meist staats- und kirchenrechtlichen Inhalts, in denen sich, wie in seinem ganzen Streben und Wesen ebenso viel Scharfsinn als edle Freimüthigkeit ausspricht, erschienen später unter dem Titel „Scripta nervosa justitiaecpie pleno, ex mann- scriptis nnne priinnin eruta" (Franks. >668, 4.). H.'s Verhältniß zu Ancas SylviuS hat neuerdings G.Pfizer zum Gegenstände eines schönen poetischen Werks „Der Deutsche und der Welsche" (Stuttg. 1844) gewählt. Übrigens hebt Ullmann in seinem Werke „Die Reformatoren vor der Reformation" (2 Bde., Hamb. >841—42) H.'s Bemühungen um Verbesserung der kirchlichen Zustände seiner Zeit gebührend hervor; seinen Charakter aber und sein ganzes Wirken hat Hagen in der Schrift „Zur politischen Geschichte Deutschlands" (Stuttg. 1842) treffend geschildert. Heimfall, bei Lehen Apertur, heißt das Zurückfallen einer Sache, oder eines Guts an Denjenigen, von welchem es einem Andern mit diesem Vorbehalt verliehen worden ist, oder an dessen Erben. So fällt das Lehen dem Lehensherrn heim, wenn derStamm des Beliehenen erlischt. Ebenso fällt eine Rente, welche einer Person auf ihr Leben oder einer Familie zu bestimmten Zwecken, unter dem Vorbehalt des Heimfalls bestellt ist, an den Bestellenden heim, wenn die Person stirbt, die Familie erlischt oder der Zweck aufhört. Dieses heimfallsrecht versteht sich in den meisten Fällen von selbst, doch ist es rathsam, sich und den Seinigen solches bei Stiftungen auf längere oder unbestimmte Zeit ausdrücklich vorzubehalten. Von dem Heimfallsrecht ist das Recht auf erblose Güter, üroit «i'epsvez, und die Erblosigkeit der Fremden, clroit ü'aubaine (s. ^ubaine) verschieden. Heimliches Gericht, s. Femgerichte. Heimskringla, s. Sturluson (Snorro> Heimweh (nostsl^i») ist eine durch unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat oder den heimatlichen Verhältnissen hervorgerufene Melancholie, welche zugleich die körperliche Gesundheit angreift und so zum Tode führen kann. Der Heimwehkranke wird erst von tiefer Traurigkeit befallen, worauf sich Verdauungsstörungen einstellen, denen Fieber mancherlei Art, allgemeine Erschöpfung und, wenn keine passende Hülfe geleistet wird, der Tod folgen. Der Verlauf der Krankheit ist je nach der Individualität des Kranken und den begleitenden Nebenumständen kürzer oder länger. Ein jedes Volk liefert Beispiele von Heimwehkranken; besonders aber verfallen die Gebirgsbewohner und überhaupt Die, welche an ein einfaches Naturleben gewöhnt sind, daher auch namentlich uncultivirte Völker und Menschen in diese Krankheit, und dieses um so mehr, wenn die Verhältnisse, in die sie kommen, mit den gewohnten in einem auffallenden Contraste stehen, wenn die Entfernung aus der Heimat eine mehr gezwungene, wenn das neue Verhältniß mit Widerwärtigkeiten und Misgeschick verbunden ist oder wenn durch Krankheit die Entfernung von den Angehörigen besonders fühlbar wird. Als Hauptmittel gegen das Heimweh wird allgemein die Rückkehr in die Heimat oder die gewohnten Verhältnisse anerkannt, und ist diese nicht möglich, so muß wenigstens die Hoffnung dazu erweckt und erhalten werden. Außerdem muß man durch angestrengtere oder veränderte Thätigkeit den Gedanken des Kranken eine andere Richtung zu geben versuchen. Kommt das Heimweh zu einer körperlichen Krankheit hinzu, so wirkt eS, wie alle deprimirenden Gemüthsstimmungen, äußerst verderblich ein und kann die geringste Unpäßlichkeit oder die unbedeutendste Wunde höchst 4 Heine gefährlich machen. Die Leichenöffnungen weisen einen bedeutenden Unterschied de» Heimwehs von andern Arten der Melancholie und Monomanie nach. Auch die Thiere sind dem Heimweh unterworfen; besonders hat man es an ausgeführten Schweizerkühen beobachtet, welche bei der Melodie des Kuhreihens wild und rasend wurden. Vgl. Zangerl, „Über das Heimweh" (Wien >821). Heine (Heinr.), bekannt als Dichter, Humorist und witziger Prosaist, gcb. in Düs- scldorf am >3. Dec. 1799 von jüd. Altern, studirte in Bonn, Berlin und Güttingen die Rechte und erlangte an letzterm Orte die juristische Doktorwürde. Hierauf lebte er abwechselnd in Hamburg, Berlin und München, bis er, durch den Wirbel der durch die franz. Julirevolution erregten Hoffnungen fortgerissen, seit >830 Paris zu seinem bleibenden Aufenthaltsorte wählte. In die christliche Kirche wurde er am 28. Juni 1825 ausgenommen. Übrigens bietet sein Leben keine hervorstechenden Momente, außer daß er der Kategorie des literarischen Jungen Deutschlands (s. d.) beigesellt wurde. Seinen Aufenthalt in Paris unterbrach er durch mancherlei Ausflüge, zuletzt im I. 1833 durch eine Reise nach Hamburg. Wenn auch seine „Gedichte" (Berl. 1822) und seine im folgenden Jahre erschienenen Tragödien „Almansor" und „Radcliff", sowie das „Lyrische Intermezzo" ohne großes Aufsehen vorübcrgingen, obschon besonders das letztere einen kleinen Krcis von Freunden der Poesie auf das Talent des Verfassers aufmerksam machte, so zog er um so mehr durch die beiden ersten Bande der „Neisebilder" (Hamb. 1826—27), die später noch durch zwei neue Bände vermehrt wurden (Hamb. 1836—31; zusammen 3 Bde., 2. Aufl., 1836—33) die Blicke des Publicums auf sich, indem er namentlich auf die jüngcrn Ge- müther enthusiastisch wirkte. Vorzugsweise gefielen seine zum Theil sehr originellen Lieder, welche er in seinem „Buch der Lieder" (Hamb. 1827; 5. Aufl., >833) gesammelt verausgab. Hierauf folgten die kleinere Schrift „Kahldorf über den Adel, in Briefen an den Grafen M. von Moltke" (Hamb. >831); die „Beiträge zur Geschichte der neuern schönen Literatur in Deutschland" (2 Bde., Hamb. 1833); „Franz. Zustände" (Hamb. 1833), eigentlich nur eine Sammlung seiner aus Paris für die augsburger „Allgemeine Zeitung" geschriebenen Aufsätze; „Der Salon" (3 Bde., Hamb. 1835—36); „Die romantische Schule" (Hamb. 1836); „Shakspeare's Mädchen und Frauen mit Erläuterungen" (Par. und Lpz. >836); „Über Börne" (Hamb. 1836) und endlich seine „Neuen Gedichte" (Hamb. 1833). H.'s Talent kann man unzweifelhaft ein sehr bedeutendes nennen; glücklich als raisonnirender Prosaist, erscheint er noch glücklicher als lyrischer Dichter, indem er bald die zartesten Saiten anschlägt, bald sie in ironisch schneidenden Dissonanzen, bald in witziger Lust klingen läßt. Mit Menzel (s. d.) und Börne (s. d.) gehört er zu Denen, welche, ohne die große weltgeschichtliche Katastrophe vom I. 1836 zu ahnen, unbewußt die Gemüther in Deutschland für den Eindruck der Julirevolution stimmten und empfänglich machten. Man war des trockenen Tons satt, welcher längere Zeit in der deutschen Literatur geherrscht hatte; daher der ungeheuere Enthusiasmus, welchen H.'s Sta- chellicder, sein pietätloser Witz und seine nichtsschonende Satire erregten. Mit dem I. 1830 hatte seine Mission eigentlich ein Ende; er wiederholte sich; er war den Ideen der neuen Zeit nicht gewachsen, weil es ihm an Ehrlichkeit der Gesinnung und Festigkeit des Charakters fehlte. Man kann sagen, daß er jetzt mit allen Parteien sein Spiel treibt und das Höchste, Edelste und Heiligste häufig als, einen Gegenstand betrachtet, um seinen Witz daran zu üben, der sich in seinem Buche „Über Börne" und in seinen „Neuen Liedern" oft bis zum Frivolen, Cynischen und Frechen steigert. Eine nur scheinbar sich selbst iro- nisirende Arroganz und ein bei den Deutschen beliebtes Schönthun mit Sentimentalität und Gefühl sind nicht die geringsten Mängel des Dichters, dessen ganze Manier überhaupt die betrübendsten Folgen gehabt hat. Auch seine Manier in der Lyrik drohte bei seinen Nachfolgern alle feste rhythmische Gesetze aufzulösen, während bei H. selbst wenigstens ein musikalischer Wohllaut für die Flatterhaftigkeit in der Form Ersah leistet. Wie ungründlich H. zu Werke geht, zeigen unter Andern; seine von der „Kevue cke-, cleux m»n727 nach Frankfurt an der Oder, wo er 1731 den Titel eines Geh. Raths erhielt. Im I. >733 kehrte er als Professor der Rechte und Philosophie wieder nach Halle zurück, wo er am 31. Aug. 17-11 starb. Durch ein genaues Studium der Philosophie vorbereitet und durch eine nicht gemeine Kenntniß der alten Sprachen und der Alter- thümer und Völkergeschichte unterstützt, besaß er eine tiefe Einsicht in alle Theile der Rechtswissenschaft; insbesondere aber waren das röm. und das deutsche Recht seine Hauptfächer. Seine philosophischen und juristischen Lehrbücher, wie das „^nti^uitutum jus row. il- lustrsntium szmtsgma" (Halle 17IK; zuletzt von Haubold, Lpz. 1822), die „Llemsnta juris civilis secuucium orckinem institutionum" (Amst. 1725; zuletzt von Wiener, Lpj. 1815), „Elements juris civilis secunclum orüinon panckectariim" (Amst. 1728; zuletzt Franks. 1775), „Historis juris rom. et gern»." (Halle 1733; zuletzt von Schilter, Strasb. 1765), zeichnen sich auch durch logische Ordnung und gutes Latein aus, behaupteten lange klassisches Ansehen und wurden deshalb insgesammt immer von neuem bis auf die neuere Z eit herab wieder aufgelegt. — Sein Sohn, Joh. ChristianGottliebH., geb. 1 718 zu Halle, der lange Zeit als Professor an der Nitterakadcmie zu Liegnitz angestellt war und >791 zu Sagan starb, hat sich namentlich durch die Herausgabe mehrcr Schriften seines Vaters verdient gemacht, z. B. der „Llemeutujuris cambialis" (Amst. 1743; zuletzt von Gmelin, Nürnb. 1779), der Briffon'schen „Opuscnla postbuma" (Halle 1743), der „Opera oinnia" (9Bde., Genf 1744, 4.) und der „^iitchuitatss Oermuniae jurispru ckentium patriain illustrsntes" (2 Bde., Kopenh. >772). Heineccius (Joh. Mich.), der erste wissenschaftliche Bearbeiter der Siegelkunde (s. d.), der ältere Bruder des Vorigen, geb. zu Eisenberg am I4.Dec. 1674, studirte in Jena, Frankfurt und Gießen, bereiste dann Frankreich und die Niederlande und hatte sich bereits in Helmstedt habilitirt, als er 1699 einen Ruf als Diakonus nach Goslar erhielt, dem er auch folgte. Im I. 1709 kam er als Prediger nach Halle, wo er in demselben Jahre von Helmstedt aus den theologischen Doctorhut erhielt, 1711 Oberpfarrer, 1719 auch Consistorialrath in Magdeburg, 1720 Vicegenecalsuperintendent wurde und am I I. Sept. >722 starb. Er war ein vorzüglicher Kanzelredner. Seine theologischen Schriften sind vergessen; sein Gedächtniß bewahren dagegen sein Werk „De veteribus Oermanornm aliarumgue natiouuin sigillis" (Lpz. 1710; 2. Aust., 1719, Fol.) und die mit Leuckfeld herausgegebenen „8er!ptores rer. germ." (Franks. 1707, Fol.). Heinecken (Christian Heim.), bekannt unter dem Namen der Knabe von Lübeck, ein Wunderkind, wurde zu Lübeck am 6. Febr. 1721 geboren, ein Sohn des Malers PaulH. Mit einem außerordentlichen Gedächtnisse verband das Kind zugleich eine uner- müdete Lernbegierde, vielen Verstand und große Überlegung. Schon im vierten Lebensjahre erregte es durch seine Geistesfähigkeiten und unerhörte Frühreife die allgemeine Aufmerksamkeit. Fremde strömten in Menge nach Lübeck, um das Wunder mit eigenen Augen zu schauen; auch wurde das Kind nach Kopenhagen gebracht und dem Könige vorgestellt. Nach der Rückkehr von dort sing es aber an zu kränkeln und starb am 27. Juni 1725. Vgl. Chr. von Schöneich, „H.'s Leben, Thaten, Reisen und Tod" (Lüb. 1726; 2. Aust., Gött. 1779). — Der ältere Bruder des Wunderkindes war der als Archäolog, Kunstkenner und eifriger Förderer der schönen Künste rühmlichst bekannte Karl H einr. von H., geb. zu Lübeck >706, gest. auf seinem Gute Alt-Döbern in der Niederlausitz am 23. Jan. 1791. Als Privatsecretair des Grafen Brühl wurde er wegen seinerVerdienste um Sachsen geadelt und zum Geh. Rath ernannt; nach Brühl's Tode aber verhaftet, jedoch sehr bald wieder freigelassen. Er ließ auf seine Kosten das Prachtwerk „Kscueil ck'estawpes ck'apres les plus celebres tsblesux , Dresd. und Lpz. I 786); „Itle'e generale el'une collectivn cvmplete eLestsm;,«!«" (Lpz. und Wien 177») und das nur bis zum Buchstaben v reichende „victinnimiro 821 zu Frankfurt am Main aufgetreten, kam sie an die Bühne in Kassel, wo Spohr sehrpiel zu ihrer weitern Ausbildung beitrug. Der große Beifall, den sie bei einem Gastspiele in Berlin gefunden hatte, veranlaßte sie, ohne weitere Kündigung ihre Stelle in Kassel aufzugeben und nach Paris zu gehen, wo sie sich im ital. Kunstgesangc vervoll- kommnete und in der ital. Oper mit Erfolg auftrat. JmJ. > 829 nach Deutschland zurück- gekehrt, nannte sie sich zur Empfehlung ihrer Gastspiele erste Sängerin der ital. Oper zu Paris, widmete sich in Wien wieder dem deutschen Gesänge, gastirte 1832 an der Scala in Mailand und trat dann wieder in Berlin, Dresden, wo sie ein halbes Jahr lang enga- girt war, und an andern Orten Deutschlands auf, ohne irgendwo auszudauern oder ein Engagement zu finden. Sie war eine mit den schönsten Mitteln ausgestattcte, reich be- gabte Sängerin und zeigte auch für die Darstellung ein schönes Talent; nur irrte sie von den Grundsähen des einfach Schönen häufig ab und misbrauchte ihre durchaus trefflichen Anlagen zu künstlichen Effecten, die als Manier erschienen und von der höhern Kritik nicht gebilligt werden konnten.— Ihre zweite Schwester, Klara H., nach ihrer Vermählung Stöckl-Heine fetter genannt, gegenwärtig in Wien, begleitete längere Zeit ihre ältere Schwester auf deren Kunstreisen und ist, wenn auch weniger großartig begabt als diese, doch freier von Manier und trefflicher geschult. Die jüngste Schwester, Kathinka H., geb. 182», empfing ihre musikalische Bildung an der großen Oper in Paris, wo sie gegen Ende des I. 184» mit dem glänzendsten Erfolge auftrat, den sie vielleicht noch mehr ihrem trefflichen Darstellungstalente als ihren Leistungen im Gesänge verdankte. Im I. l 842 erhielt sie eine Anstellung bei dem Theater in Brüssel. Ihr abenteuerlicher Sinn, zum Theil, wie es scheint, auch Eigennutz, verstrickten sie bald in ein ziemlich zweideutiges Vcr- hältniß mit zwei jüngern Rechtsgelehrten, welches bei einem Souper, das in ihrer Wohnung stattfand, mit einer blutigen Katastrophe endigte, indem nach einem heftigen Wort- Wechsel und daraus hervorgegangenen Thätlichkeiten ihr Hausfreund Sirey von ihrem früher» Liebhaber, dem Advocaten Caumartin aus Paris, eine tödtliche Wunde erhielt, an der er nach wenigen Augenblicken verschied. Zwar wurde Caumartin, dessen Verthei- diger der berühmte Chaix d'Estange war, als thätlich und brutal Angegriffener, und da alle Umstände, selbst die Aussagen von Augenzeugen der Gegenpartei dafür sprachen, daß Sirey sich in blinder Wuth an Caumartin's Waffe selbst aufgerannt, von dem Assisenge- richt zu Brüssel freigesprochen und nur in die Proceßkosten verurtheilt; es warf indeß die- ser Proceß aus die Sängerin und noch mehr auf ihre nächsten Umgebungen, namentlich auf ihre Gesellschaftsdame Kertz, ein so höchst ungünstiges Licht, daß selbst der General- advocat seiner Entrüstung über ein so widriges Gewebe von Unmoralität, über die Hab- sucht und Sittenlosigkeit der Kathinka H. und über das Gewerbe der Gesellschaftsdame Kertz in den stärksten Ausdrücken Luft zu machen sich nicht enthalten konnte. Kathinka H. scheint jedoch, obgleich sie bei ihrem nächsten Auftreten mit den stärksten Zeichen der Mis- billigung empfangen wurde, später ihrem Talente die Anerkennung wieder verschafft zu haben, die man ihrem Charakter versagen mußte. Hemicke (Samuel), der Begründer eines aus wissenschaftlichen Grundsätzen abge- leiteten Taubstummenunterrichts im nördlichen Deutschland und der ersten Lehranstalt für gemeinsamen Unterricht Taubstummer, war zu Nautschütz bei Weißenfels am I ».Apr. 1729 geboren. Nachdem er bei seinen Altern bis in fein 21. Jahr den Landbau getrieben hatte, ging er unter die kurfürstliche Leibgarde nach Dresden, wo er sich durch Fleiß und vieles Lesen nützlicher Schriften einige wissenschaftliche Kenntnisse erwarb. Er hatte sich vcrheirathet und schon um seinen Abschied angehalten, als dey Siebenjährige Krieg aus- 7 Heinrich I. (deutscher König) brach, der alle seine Hoffnungen vernichtete. Bei Pirna gefangen genommen, war sein Loos in Dresden ein sehr trauriges; er suchte deshalb sein Heil in der Flucht, entkam glücklich und wendete sich sodann mit Frau und Kind erst in die Heimat, dann nach Jena, wo er sich > 757 als Student inscribiren ließ. Im solgendcn Jahre ging er nach Hamburg, wo ihm sehr bald in den angesehensten Familien der Unterricht ihrer Kinder übertragen wurde. Namentlich auf Klopstock's Empfehlung, dessen erste Gattin er in Hamburg unterrichtet hatte, kam er 176» als Hauslehrer und Sccretair in das Haus des Grafen Schimmcl- mann, in welchem er blieb, bis er >768 die Cantorstelle in Eppendorf erhielt. Schon vorher als Soldat hatte er sich mit dem Unterrichte eines taubstummen Knaben beschäftigt; da er in Eppendorf wieder einen Taubstummen fand, so versuchte er sich nun in einer neuen Methode des Taubstummenunterrichts (s. d.). Taubstumme aus allen Gegenden wurden ihm nach und nach anvertraut, um sie zu unterrichten, und binnen kurzem erlangte er einen solchen Ruf, daß der Kurfürst von Sachsen >778 sich bewogen fand, ihn in sein Vaterland zurückzurufen. Da es ihm freigestellt war, sich einen beliebigen Aufenthaltsort zu erwählen, so ging er nach Leipzig und gründete die dasige Taubstummenanstalt, der er bis zu seinem Tode, am 3». Apr. >79», als Director Vorstand. Bei allen seinen Vorzügen als Taubstummenlchrer trug jedoch sein ganzes Benehmen das Gepräge seiner frühem Schicksale und erst spät erhaltener literarischer Bildung an sich, wie er denn auch seine Zöglinge mit militairischer Strenge behandelte. Unter seinen Schriften erwähnen wir: „Beobachtungen über Stumme und die menschliche Sprache" (Hamb. 1778), „Uber die Denkart der Taubstummen und die Mishandlungen, denen sie durch unsinnige Euren und Lehrarten ausgesetzt sind^ (Lpz. >783) und „Wichtige Entdeckungen und Beiträge zur Seelcnlehre und zur menschlichen Sprache" (Lpz. 1786). Heinrich!., mit dem Beinamen der Finkler, Vogler oder Vogelsteller, der erste deutsche König aus dem sächs. Hause, 9>9—936, gcb. 876, war der Sohn Otto des Erlauchten, Herzogs von Sachsen. Schon bei Lebzeiten seines Vaters hatte H. mit glücklichem Erfolge gegen die angrenzenden slawischen Völkerschaften gestritten. Nach dessen Tode im J.9I2 zum Herzog erhoben, mußte er mit König Konrad I., der ihm einen Thcil der geerbten Länder, namentlich Thüringen, entziehen wollte, einen harten, wechselvollen Kampf bestehen. Die Schlacht bei Eresburg indeß, in welcher Konrad's Bruder Eberhard mit seinem ganzen Heere erlag, und die listig verbreitete Nachricht des Grafen Dietmar während der Belagerung H.'s in der Burg Erona durch Konrad, daß ein neuer Haufe zur Unterstützung H.'s erschienen sei, bestimmten 918 in: Verein mit der schlimnzen Botschaft von dem Abfalle der Lothringer König Konrad zum Aufbruch, und H. blieb von nun an ungestört im Besitze des Herzogthums Sachsen. Auf dem Sterbebette empfahl Konrad seinen.bisherigen Gegner H. den deutschen Fürsten als den Würdigsten zur deutschen Krone und so wurde H. 919 von den Franken und Sachsen zu Fritzlar gewählt. Später» Schriftstellern zufolge trafen ihn die Gesandten der Fürsten bei seinem Vogelheerde unweit Quedlinburg, weshalb ihm der Beiname des Finklers gegeben worden sein soll; bezeichnender nennt man ihn den Städteerbaucr. Sein erstes Geschäft war die Wiederherstellung der innern Ruhe und Einheit des Reichs. Er zog gegen den Herzog Burchard von Alemannicn und brachte ihn ohne Schwertstreich zur Unterwerfung; hierauf wendete er sich gegen den Herzog Arnulf von Baiern, der selbst nach der Königskrone getrachtet hatte, gewann ihn, als wiederholte Gefechte und die Belagerung Negensburgs nicht schnell zum Ziele führten, durch kluge Überredung und Einräumung unbeschränkterer Gewalt, namentlich des Jnvestiturrechts in seinem Herzogthumc, und vermählte seinen Sohn Heinrich mit dessen Tochter Judith. Lothringen, dessen letzten Überrest König Karl III. von Frankreich sich zuzueiznen im Begriff stand, wurde theils durch die Gewalt der Waffen, theils durch die gewonnene Zuneigung der Großen des Landes, während der Streitigkeiten um den franz. Thron, 923 an Deutschland zurückgebracht und dessen neuer Herzog Gisilbrecht durch die Vermählung mit H.'s Tochter Gerberga ihm eng verbunden. Kaum aber war das Reich im Innern in solcher Weise beruhigt, als von außen her, im Südosten des Reichs, die Ungarn ihre seit 902 begonnenen Raubzüge erneuerten, während die Slawen im Nordostcn häufige Einfälle mackteck. H., von den Ungarn bei Bichin geschlagen, 8 Heinrich H. (rom.-dentscher Kaiser) mußte, da der Kern seines Heers gefallen war, mit dem Überreste in die Feste Werte sich flüchten und das Land der Verheerung prcisgebcn. Als aber bald darauf bei einem Ausfälle einer der vorzüglichsten ungar. Führer in deutsche Gefangenschaft kam, verlangte H. als Preis der Befr^'ung einen neunjährigen Waffenstillstand, den die Feinde gegen Zahlung eines Tributs auch bewilligten. Diese Zeit benutzte nun H. mit kluger Umsicht, Deutschland in starken Vertheidigungszustand zu setzen und die Einrichtung des Heerwesens zu verbessern. Zu dem Ende vermehrte er zunächst die Zahl der Städte im Innern Deutschlands, umgab sie mit Thürmen und Mauern, bevölkerte sic durch Aushebung aus den Heerbannpflichtigen Grundbesitzern des offenen Landes, von denen der neunte Mann in die Stadt ziehen mußte, und schuf aus diesen Leuten ein wohlorganisirtes Fußvolk; zu- gleich ließ er in den Städten Gebäude zur Aufbewahrung des Getreides und zum Schutz der Landbewohner und ihrer Habe aufführen, verlegte die Gauversammlungen, die Ge- richte und Feierlichkeiten hinein und wurde so der Begründer des deutschen Städtewesens. Zugleich war er daraus bedacht, den Ungarn gegenüber, eine tüchtige Reiterei zu bilden, zu welchem Behufe er auch die alten Kriegsspiele wiederherstellte. Nach solchen Vorbereitungen fing er nun wieder den Kampf gegen die Slawen an und bekriegte zunächst die He- veller, deren Hauptstadt Brennaborch, d. i. Brandenburg, er im Winter 927 auf 928 nahm. - Hierauf wendete er sich gegen die Daleminzier, die sich ihm nach der Eroberung ihrer Hauptfeste Gana unterwerfen mußten. Dann zog er gegen die Milziener, die sich ihm ebenfalls unterwerfen mußten. Zuletzt erlagen die Redarier, die nach einem erneuten mit den größten Grausamkeiten verbundenen Aufstande 929 in der mörderischen Schlacht bei Lunkini (Lenzen unweit der Elbe) besiegt wurden. Nur eine kurze Zeit war noch bis zum Ablauf des Waffenstillstandes übrig. H. benutzte dieselbe, die Dänen, welche ihre alten Räubereien an den Küsten wieder angefangen hatten, zu züchtigen. Als 933 die ungar. Gesandten erschienen, um den Tribut einzusodern, ließ ihnen H. mit beschimpfender Anspielung auf ihren Namen einen verstümmelten, räudigen Hund überreichen. Die Folge davon war, daß nun die Ungarn in zwei großen Heeren durch Franken in Thüringen einbrachen. Aber H. schlug 933 beide, das eine bei Jechaburg unweit Sondershausen, das andere größere bei Keuschberg in der Nähe von Merseburg so vollständig, daß die Ungarn 22 Jahre lang keinen Angriff auf Deutschland wieder wagten. H. starb 938 zu Mcmleben und wurde zu Quedlinburg begraben. Ihm folgte sein Sohn O tto I. (s. d.), welchen ihm seine zweite Gemahlin Mathilde, nebst zwei andern Söhnen, Heinrich und Bruno, und zwei Töchrern, Gerberga und Haduwin, geboren hatte. Vgl. Waitz, „Jahrbücher des Deutschen Reichs unter der Herrschaft König H.'s l." (Berl. 1837). Heinrich U-, der Heilige oder der Lahme, röm.-deutscher Kaiser, 1992—23, der letzte aus dem sächs. Fürstenhause, grb. 972, war ein Sohn Heinrich des Zänkers von Baiern und ein Urenkel Kaiser Heinrich's I. Nach seines Vaters Tode, 995, erbte er das Herzogthum Baiern und begleitete l OOl den Kaiser Otto III. nach Rom, wo seine Ent- schloffenheit den Aufstand der Römer beschwor. Als Otto in Italien starb, bemächtigte sich H. der Reichskleinodien; doch vermochte er gegen seine Mitbewerber um die deutsche Königskrone, den Markgrafen Eckhard von Meißen und den Herzog Hermann von Schwaben, nur durch den Einfluß des Grafen. Lothar von Bernburg und des Mainzer Erzbischofs Willigis sich zu behaupten und wurde hierauf am 6. Juni l 992 zu Mainz gekrönt. Gleich im Anfänge seiner Regierung hatte er einen harten Kampf mit seinem Bruder Bruno und dem Markgrafen Heinrich von Schweinfurt, die beide mit den Waffen in der Hand Ansprüche auf das erledigte Herzogthum Baiern machten, zu bestehen, besiegte sie aber trotz der Hülse, die ihnen Boleslaw II. von Polen gewährte, bei Kreußen im Baireuthischen in einer Hauptschlacht. Baiern verlieh er nun 199-1 dem Bruder seiner Gemahlin, Heinrich von Luxemburg. Unterdeß hatten die Italiener, nach Otto's kinderlosem Tode, den Markgrafen Harduin von Jvrea zu ihrem Könige erhoben. Von den ital. Bischöfen, welche Harduin feind waren, gerufen, eilte H. nach Italien, siegte und ließ sich zu Pavia die Eiserne Krone aufsetzen. Die Bürger von Pavia aber, die zu Harduin hielten, empörten sich und belagerten den Kaiser in seinem Palast; nur durch einen Sprung aus dem Fenster, in Folge dessen er zeitlebens hiykend blieb, rettete er sich und kehrte hierauf, Heinrich Hl. (rörn.-deutscher Kaiser) 9 nachdem er zuvor Rache genommen, nach Deutschland zurück. Hier war Boleslaw von Polen, welcher seine Herrschaft über ganz Böhmen ausgedehnt hatte, in die Lausitz und Meißen eingefallen. H. unternahm wiederholte Kriegszüge gegen ihn, entriß ihm Böhmen, gab cs dem böhm. Herzogssohne Jaromir zu Lehen, griff hierauf Boleslaw in Polen selbst an und brachte ihn endlich im Frieden zu Budisstn am 3». Jan. 1018 zur völligen Unterwerfung. Diese Händel hatte Harduin in Italien benutzt, um sich wiederum zum König aufzuwerfen. Daher zog H. 1013 aufs neue, diesmal von seiner Gemahlin, der heil. Kunigunde begleitet, nach Italien, zwang Harduin zur Niederlegung der ital. Krone und ging hierauf nach Rom, wo Papst Benedict VIII. ihn mit seiner Gemahlin krönte und ihm zum ersten Mal den goldenen Reichsapfel, als Sinnbild der kaiserlichen Weltherrschaft, übergab. Einen dritten Kriegszug nach Italien unternahm er I 022, als Papst Benedict ihn gegen die Griechen in Unteritalien, die fortgesetzt ihre Macht zu erweitern suchten, zu Hülfe rief. Der Kaiser war glücklich gegen die Griechen, vereinigte die Truppen der Nor- mannen mit seinem Heere und sicherte ihnen als Wächtern des Reichs gegen die Griechen feste Wohnsitze in Unteritalien. Außerdem hatte H. noch manche Kämpfe meist in Deutschland selbst zu bestehen. Ein Bruder seiner Gemahlin, Adalbero, erhob sich eigenmächtig zum Erzbischof von Trier. H. zog gegen ihn, belagerte ihn vier Monate in Trier, und sah sich, als Adalbero bei seinem Bruder, dem Herzog Heinrich von Baiern, Schutz fand, auch mit diesem in eine Fehde verwickelt, die mit dessen Absetzung endigte. So empörten sich der Graf von Flandern und der neue Markgraf von Meißen; doch auch sie bezwang H. Wegen Burgund schloß H. mit dem kinderlosen Herzoge Rudolflll. einen Vertrag, demgemäß dieses Land, über welches die deutschen Könige schon früher eine Art Lehnshoheit geübt hatten, nach Rudolfs Tode an das Deutsche Reich fallen sollte. Ebenso setzte der Kaiser denPapst Benedict VIII., der 1014 vor dem Gegenpapst Gregor nach Deutschland hatte flüchten müssen, wieder in seine Würde ein. Zum Danke dafür kam Benedict 1020, als H. die Erfüllung seines Lieblingsplans, die Gründung des Bisthums Bamberg, auf einer Versammlung der Bischöfe zu Frankfurt im J. >007 durch fußfälliges Flehen erreicht hatte, persönlich nach Deutschland, um das neue Hochstift, dem H. sein ganzes Familiengut vermachte, feierlich einzuweihen. Fromm, ein Freund der Geistlichen und Beförderer der Herrschaft der Kirche, wurde H., der am 13. Juli 1024 zu Grona bei Göttingen starb und zu Bamberg seine Ruhestätte fand, von Papst Eugen III. unter die Heiligen versetzt. Seine glcichfromme Gemahlin, Kunigunde, die i« jungfräulicher Keuschheit mit ihrem Gemahl gelebt haben soll und die Klöster Neuburg an der Donau und Kaufungen in Hessen stiftete, starb 1038 zu Kaufungen im Kloster und wurde später gleichfalls heilig gesprochen. Auf dem Throne folgte ihm Konrad II. (s. d.). Heinrich III., röm.-deutscher Kaiser, 1039—56, der zweite aus dem Hause der sali- schen Franken, Kaiser Konrad's II. (s. d.) und Gisela's Sohn, geb. 1017 zu Osterbeck in Geldern, wurde schon 1026 zum deutschen König erwählt, 1027 Herzog von Baiern, 1038 Herzog von Schwaben und Burgund und folgte seinem Vater 1039 in der Kaiscrwürde. Durch ausgezeichnete Naturgaben und eine treffliche Erziehung unterstützt, frühzeitig schon in den Waffen geübt, von strengem, gebieterischem Charakter, hielt er, gleich Karl dem Großen, die Zügel des Reichs und der Kirche in starker Hand und war überhaupt einer der gewaltigsten und unternehmendsten Herrscher Deutschlands. Um zunächst die Gefährlichkeit der übermächtig gewordenen Herzoge für die Krone abzuwen- den, behielt er entweder die verfallenen Herzogthümer für sich und seine Familie, oder vergab sic, wie Baiern und Kärnten, an mindermächtige Herren. Nur Bernhard von Sachsen behauptete sein Ansehen; allein auch ihm gab H. in dem Landgrafen Ludwig dem Bärtigen von Thüringen und in dem überzwölfBisthümer herrschenden ErzbischofAdalbert von Bremen, ein mächtiges Gegengewicht. Um die Ehre des Reichs und seine Macht auch bei fremden Völkern zu sichern, bekriegte er gleich 1039 den Herzog Bretislaw von Böhmen, der einen Beutezug gegen das in sich uneinige Polen gemacht, Breslau zerstört, Krakau ausgeplündert und die Leiche des heil. Adalbert aus Gnesen nach Prag entführt hatte. Nachdem er Prag 1041 überwältigt, mußte Herzog Bretislaw um Frieden bitten und 1042 zu Regensburg sein Herzogthum Böhmen zn Lehen nehmen. Hierauf begann er die Kriegs- 10 Heinrich IV. (röm.-deutscher Kaiser) züge gegen Ungarn, um den von seinem Oheim Samuel Aba vertriebenen König Peter, der sich in H.'s Arme geworfen hatte, wieder auf den Thron zu sehen. Nach der Eroberung von Heimburg und Prcsburg kam er 10-12 bis nach Gran; noch weiter drang er, von einer Flotte unterstützt, >015 vor; doch ließ er, da Peter bei den Ungarn zu verhasst war, Aba unter der Bedingung, daß er alles Land zwischen dem Kahlenberg bis zur Leitha abträte, im Besitze des Throns. Als indeß auch Aba durch Tyrannei und Willkür sich verhaßt zu machen anfing, zog H. >o^ zum dritten Mal nach Ungarn, schlug den an Hcersmacht ihm überlegenen Aba in einer blutigen Schlacht, eroberte Raab und übergab Peter, unter der Bedingung der Lehnsabhängigkeit, und später, als Peter von den Ungarn verjagt wurde, an Andreas >047 unter gleichem Vorbehalte den ungar,Thron. Auch in Oberitalien, besonders in Mailand, gelang es ihm, sehr bald die Zwistigkeiten der Parteien zu beschwichtigen, und die Normannen in Apulien und Calabrien durch Anerkennung der von ihnen eroberten Länder zu seinen Vasallen zu machen. Größer« Widerstand erfuhr er in Lothringen, wo Herzog Gottfried von Nicdcrlothringen nach seines Vaters Tode auch Oberlothringen unter seiner Herrschaft vereinigen wollte. Zweimal mußte er gegen ihn zu Felde ziehen, ehe er 10-10 des Herzogthums sich bemächtigen konnte; auch trat Gottfried später in Italien, wo er nach seiner Fluckt Beatrix von Toscana geheiratet, gegen den Kaiser auf. Die durch drei gleichzeitige Päpste, welche mit ihrer hohen Würde ein ruchloses Spiel trieben, geschändete Ehre des heil. Stuhls wiederherzustellen, ließ er im I. 10-16 bei Gelegenheit seines Zugs nach Italien auf einer Versammlung der Bischöfe zu Sutri in Italien Benedict IX., Sylvester III. und Gregor VI. absetzen und den deutschen Bischof Suitger von Bamberg als Clemens 11. zum Papste wählen. Jetzt nun wirkte H. im Verein mit den nacheinander von ihm eingesetzten Kirchenhäuptern eifrigst für Ausrottung der vielen Gebrechen der Kirche und die Umwandlung der Lebensweise der Geistlichen, und schon glaubte er sich am Ziele seiner Wünsche. Allein Hildebrand, der nachmalige Papst Gregor VII., hatte als Cardinal-Subdiakon, während er sich äußerlich für die Zwecke des Kaisers thätig zeigte, mit bewundernswürdiger Feinheit die Absichten desselben zu durchkreuzen und im Geheimen nach und nach dessen Einfluß aufdiePapstwahl planmäßigzu untergraben gewußt, sodaß, alsH. >056 starb, die vorbereitenden Schritte zur Befreiung der päpstlichen Macht von dem kaiserlichen Einflüsse vollständig gethan waren. Vor seinem Tode, der in Botfeld am Harze, nicht ohne Verdacht der Vergiftung, erfolgte, hatte der Kaiser den von Agnes von Poitiers, seiner zweiten Gemahlin, ihm geborenen Sohn Heinrich >05-1 zum röm. Könige ernennen lassen, dcrunterdemNamen Heinrich IV.ss.d.) sein Nachfolger wurde. Nicht blos für die Begründung einer wirklichen monarchischen Kaisermacht und einer für Deutschland wohlthätigen Einheit des Reichs, sondern auch für die Wissenschaften und Künste, deren Förderer und Beschützer H. war, kam sein Tod zu früh. Er stiftete zahlreiche Klosterschulen, besetzte dieselben mit gelehrten Mönchen aus Britannien, baute die Dome zu Worms, Mainz und Spcier, in welchem letzter« er beigesetzt wurde, und begünstigte namentlich auch das Aufblühen der Musik und Geschichtschreibung. Heinrich IV., röm.-deutscher Kaiser, 1056—1106, der Sohn des Vorigen, geb. 1050, war beim Ableben seines Vaters ein Kind von fünf Jahren; die Verwaltung des Reichs fiel daher zugleich mit der Erziehung seiner Mutter Agnes zu. Obgleich mit vielen Vorzügen begabt und bei denRcgierungsgeschäften zuerst vom Papst VictorII., später vom Bischof Heinrich von Augsburg thätig unterstützt, war die Kaiserin doch der schwierigen Stellung, in welcher sie sich den anspruchsvollen, unbändigen Reichsfürsten und der aufstrebenden Papstmacht gegenüber befand, keineswegs gewachsen. Um zunächst die gereizten Ge- müther der von Heinrich III. niedergedrückten Fürsten in Deutschland zu beruhigen und sie mit dem Königshause zu versöhnen, gab sie dem Herzoge Gottfried das ihm von ihrem Gc- mahle entrissene Lothringen zurück; der Graf Rudolf von Rheinfelden, der ihre Tochter Mathilde entführt hatte, erhielt zur Mitgift das Herzogthum Schwaben, während sic dem Grafen Berthold von Zähringen, der nach ihres Gemahls Zusage gerechte Ansprüche auf dieses Herzogthum hatte, mit Kärnten entschädigte, und dem kühnen und mächtigen sächs. Grasen Otto von Nordheim das erledigte Herzogthum Baiern verlieh. Während jedoch die Kaiserin einzelnen Fürsten Zugeständnisse dieser Art machte, oder auf die Regierung ihnen II Heinrich IV. (röm,-deutscher Kaiser) Einfluß «erstattete, sahen andere, unter ihnen besonders Erzbischof Hanno von Köln, sich dadurch zurückgesetzt und gekränkt und faßten den Entschluß, der Person des jungen Königs und somit der Reichsverwaltung sich selbst zu bemächtigen. Man lockte H. auf ein Rhein- schiff und entführte ihn 106 2 nach Köln, und Hanno empfing nunmehr mit dem Besitze des Königs auch die Zügel des Reichs in^seinc Hand. Von diesem Augenblicke an verbreitete sich Verwirrung und Gewaltthat über Deutschland, und Alles ging aus den Fugen der Ordnung und gesetzlichen Verfassung. Hanno aber erregte bald durch Eigennutz, Herrschsucht und gewissenlose Verschwendung der Reichsgüter sich eine solche Menge Neider und Wider- sacher, daß er, um seine Stellung zu behaupten, sich genöthigt sah, den ErzbischofAdalbert von Bremen an derRegierung und der Erziehung H.'s Theil nehmen zu lassen. Für H. jedoch war dadurch nichts gewonnen. Denn wenn Hanno's Erziehung durch ihre zu große Härte und Strenge auf den Charakter des jungen, schon verzogenen H. nacktheilig gewirkt hatte, so äußerte Adalbert s übermäßig milde und nachsichtsvolle Behandlung, die den erwachenden Leidenschaften und Launen des Zöglings sich schmeichlerisch anbeguemte, noch nachteiligere Folgen. Bald nämlich schloßH. mit voller und alleiniger Zuneigung sich an Adalbert an, der seinerseits diese Anhänglichkeit benutzte, dem jungen Könige seine Grundsätze über die unumschränkte Gewaltfülle des Throns, seinen Haß gegen die sächs. Fürsten einzupflan- zcn und sich selbst die oberste Verwaltung des Staats in die Hände zu spielen. Zur Erreichung besonders des letztem Zwecks, ließ Adalbert den 14jährigen H. nach der Rückkehr von seinem ersten Feldzuge gegen die Ungarn, wohin er ihn selbst begleitet hatte, 1065 zu Worms in feierlicher Fürstenversammlung für mündig erklären und regierte nun für denselben. Bald aber wurden die übrigen Fürsten der Willkürlichkelten und Bedrückungen des Erzbischofs müde, beriefen eine Versammlung eigenmächtig nach Tribur und setzten es durch, daß H. von Adalbert sich trennen und die Reichsverwaltung Hanno üherlas- sen mußte. Während dieser nun die Angelegenheiten des Reichs wieder zu ordnen suchte, gab der König, unbekümmert um die Regierung, sich wie früher willenlos einem wüsten, schwelgerischen Leben hin, in Folge dessen er endlich in eine schwere Krankheit fiel, von der er nur langsam genas. Um ihn von neuen Ausschweifungen zurückzuhalten, vermochte ihn Hanno, die längst demselben verlobte Bertha, Tochter des ital. Markgrafen von Susa, zu heirathen. Kaum aber war die Vermählung zu Tribur erfolgt, als H. sich von seiner Gemahlin, die er nicht liebte, entfernte, einzig mit dem Gedanken beschäftigt, derselben sich wieder zu entledigen. In dieser Absicht wendete er sich an den Erzbischof Siegfried von Main; mit dem Versprechen, die Thüringer zu der gewünschten Leistung des Zehnten an ihn zu zwingen, wenn der Erzbischof seine Ehescheidung durchsetzen wolle. Aber der Einspruch des Papstes, dem die Fürsten auf dem Reichstage zu Worms unerwartet beitraten, hinderte den Plan, und unter Gefahr und Zwang mußte H. sich fügen. Zwar sah er seitdem lange Zeit die Königin nicht, später aber vereinigte er sich mit ihr wieder und behandelte sie, nachdem sie ihm 1071 einen Sohn geboren, fortan mit Zärtlichkeit und Liebe. Unterdeß war Herzog Otto von Baiern durch einen gewissen Egino eines Mordanschlags gegen den König angeklagt, vor cknen Fürstcntag nach Mainz vorgeladcn und verurtheilt worden, seine Unschuld im Zweikampfe gegen den Ankläger darzuthun. Da er aber bei dem zu Goslar anberaumten Gottesgerichte, aus Furcht vorVerrath, nicht erschien, sondern die Waffen ergriff, wurde er seines Herzogthums für verlustig erklärt und dasselbe seinem treulosen und habsüchtigen Schwiegersöhne Welf gegeben. Seine Güter und Besitzungen wurden nun verwüstet, bis er endlich im Juni 1071 sich mit seinem Verbündeten, dem Herzoge Magnus von Sachsen, dem Könige unterwarf. Auch dem Herzoge Berthold von Zähringen wurde aus den Verdacht aufrührerischer Gesinnung sein Herzogthum Kärnten genommen, und Rudolf von Schwaben, ebenfalls geheimer Umtriebe angeklagt, entging dem gleichen Schicksale nur durch Fürsprache seiner Schwiegermutter, der Kaiserin Agnes. Nach einiger Zeit wurde nun zwar Otto vom Könige freigelasscn, Magnus aber auf Adaldert's Rath, der wieder Einfluß am Hofe gewonnen hatte, von seinem Herzogthume fern, auf der Harzburg gefangen gehalten. Zugleich ließ der König, um seine Herrschaft in Sachsen ferner zu sichern, durch das ganze Land feste Schlösser anlegen mit zahlreichen Besatzungen, die ihren Unterhalt aus den benachbarten Dörfern raubten; auch setzte er 12 Heinrich IV. (röm.-deutscher Kaiser) auf einer Synode zu Erfurt mit Gewalt die Bewilligung des thüring. Zehnten an den Erzbischof von Mainz durch. Da nun H. überdies unter dem Vorgehen eines Feldzugs nach Polen ein großes Heer sammelte, so traten die sächs. Großen, hierdurch besorgt gemacht, unter Otto von Nordheim schnell zu einem Bunde zusammen, zogen mit 60000 M. gegen Goslar heran und belagerten H. in der Harzburg. Zwar wurde er aus derselben von Berthold von Zähringen auf Schleifwegen durch die Flucht gerettet, aber die Anschließung der Thü- ringer an die Sachsen, die Befreiung des Herzogs Magnus und die Weigerung derHülfs- leistung Seitens der oberdeutschen Fürsten zwangen ihn endlich, besonders als das gegen die Empörer neugesammelte Heer zu kämpfen sich weigerte, den demüthigenden Frieden zu Goslar im I. >074 einzugehen, nach welchem über Otto's von Nordheim Anrecht auf Baiern binnen Jahresfrist durch ein Fürstengericht entschieden und sämmtliche Zwingburgen in Sachsen sogleich gebrochen werden sollten. Allein die gottlose Art, wie das gemeine Volk außer der Harzburg auch die dort befindliche Kirche zerstörte und die Grabdenkmale sowie die Gebeine der dort begrabenen Verwandten des Königs beschimpft hatte, veranlaßte H., sich mit schweren Klagen an den Papst zu wenden, der diese Gelegenheit, in die deutschen Angelegenheiten sich zu mischen, gern ergriff und Bevollmächtigte zur Untersuchung der sächs. Streitsache sendete, zugleich aber auch an den Kaiser ein Verbot des zeither widerrechtlich getriebenen Handels'mit den geistlichen Ämtern ergehen ließ. Ehe jedoch diese Botschaft anlangte, hatte H. sich schon selbst aufs neue gegen die Sachsen gerüstet. Mit starker Kriegsmacht zog er gegen sie heran, lieferte ihnen am 13. Juni 1075 die Schlacht bei Hohenburg an der Unstrut, wiederholte diesen Heerszug im Oct. noch einmal, brachte sie nebst den Thüringern zu völliger Unterwerfung, ließ ihre Fürsten gefangen nehmen und alle zerstörte Burgen wiederaufbauen. Inzwischen halten H.'s Räthe den Verkauf der geistlichen Pfründen unter seinem Schutze unbekümmert fortgetrieben. Da H. trotz der päpstlichen Anmahnungen sie nicht strafte, auch die durch Kauf in Besitz ihrer Würden gekommenen Bischöfe nicht aus seiner Nähe entließ, vielmehr dem Papste, der ihn zur Verthcidigung wegen der gegen ihn erhobenen Anklagen nach Rom foderte, mit Absetzung durch eine Versammlung deutscher Bischöfe und Äbte zu Worms am 24. Juni 1076 antwortete, so sprach Gregor Vll. (s. d.) den Bann über ihn aus, entsetzte ihn der Neichsverwaltung und entband die Unterthanen des Gehorsams gegen ihn. Anfangs spottete H. des päpstlichen Gewaltspruchs; als aber die süddeutschen Fürsten allmälig von ihm absielen, sich mit den misvergnügten Sachsen verbanden, die ihnen zur Verwahrung übergebenen gefangenen Fürsten freiließen und die gebannten Bischöfe beim Papste Verzeihung suchten und fanden, als zuletzt gar ein Reichstag zuTribur 1076 ihm die Verwaltung des Reichs absprach und ihm die Bedingung stellte, binnen Jahresfrist sich des Banns zu entledigen, wenn er nicht der Krone verlustig gehen wollte, da eilte er mitten im strengen Winter, unter unsäglichen Mühseligkeiten, nur von seiner treuen Gemahlip und seinem Sohne begleitet, über die Alpen nach Italien, traf den Papstim Schlosse Canossa (s.d.) bei der Markgräfin Mathilde und erlangte durch Fürsprache derselben endlich, daß er sich zur Buße stellen durfte. Drei Tage mußte nun H. im Schloßhofe von Canossa (25. — 28. Jan. 1077) bei großer Kälte, baarfuß, im härenen Gewände büßend stehen, che er vom Banne losgesprochen wurde. Doch dieses übermüthige Benutzen erlangter Vortheile von Seiten des Papstes brachte eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Die ital. Großen, längst mit Gregor VII. unzufrieden, boten H. ihren Beistand an. Da die deutschen Fürsten unterdeß, durch ein päpstliches Schreiben von ihres Königs tiefer Erniedrigung unterrichtet, mit Hülse der päpstlichen Legaten zu Forchheim 1077 den Herzog Rudolf von Schwaben (s. d.) zum Könige gewählt hatten, kehrte H. nach Deutschland zurück, wo er schnell ein großes Heer, besonders durch Beihülfe der ihm treu ergebenen Städte sammelte. Da er aber nach den Erfolgen der Schlachten bei Melrichstadt > 078 und bei Fladenheim 1080 schon unterliegen zu müssen schien, so wurde er von Gregor VII. aufs neue mit dem Kirchcnbanne belegt und der Krone für verlustig erklärt. Dagegen ließ nun H. durch eine Versammlung von Bischöfen, die wegen der gewaltsamen Einführung des Cölibats dem Papste zürnten, zu Brixen Gregor VII. absetzen und an seiner Statt den Erzbischof Guibcrt von Ravenna unter dem 13 Heinrich IV. (röm.-deutscher Kaiser) Namen Clemens UI. wählen. Zwar verlor er das Treffen an der Elster unweit Merseburg am 15. Oct. 1080; aber der Gegenkönig Rudolf blieb. Hierauf eilte er selbst, die Vermal- tung Deutschlands seinem Schwiegersöhne, Friedrich von Hohenstaufen, überlassend, I V8l mit einem Hwere über die Alpen, durchzog siegreich Oberitalien und stand' zu Pfingsten vor Rom. Doch konnte er erst nach drei Jahren, im März 1084 der Stadt sich bemächtigen, worauf er sich und seine Gemahlin von Clemens HI. am Osterfeste feierlich krönen ließ; Gregor VII. aber hatte sich inzwischen in die Engelsburg geflüchtet. Schon aber heischten die Verhältnisse in Deutschland aufs neue dringend seine Gegenwart. Hier war nämlich unterdeß Graf Hermann von Luxemburg am 9. Aug 1081 zum König erwählt worden, wodurch ein neuer verheerender Bürgerkrieg begann. Inzwischen dankte Hermann, obgleich er in der Schlacht bei Würzburg am 11. Aug. 1085 über H. siegte, der Abhängigkeit von dem mit ihm verbündeten Fürsten müde," 1087 freiwillig ab und starb bald darauf. Von einem gefährlichem Feinde, dem Markgrafen Eckbert von Meißen, der sich selbst als Gegenkönig aufgestellt und H. bereits in mehren Gefechten besiegt hatte, befreite ihn 1089 der Tod. Unterdeß war auch Gregor VII. am 25. Mai 1085 zu Salerno, wohin ihn die Römer vertrieben hatten, gestorben und an seine Stelle erst Victor III. und nach dessen baldigem Tode Urban II. von der gregoria- Nischen Partei gewählt worden. Um Clemens III. zu schützen und zugleich sein eigenes Übergewicht in Italien aufrecht zu halten, zog H. 1090 zum dritten Male über die Alpen. Schon hatte er Mantua erobert und über Welf, den Gemahl der ital. Gräfin Mathilde, mehrfache Siege gewonnen, da traf ihn die Kunde, daß sein Sohn Konrad zu seinen Feinden überge- gangen, zu Monza zum König von Italien gekrönt worden sei und daß zugleich die Lombarden mit Herzog Welf gegen ihn ein Bündniß geschloffen hätten. Da verzweifelte der Kaiser und, zurückgezogen in eine Burg, lebte er lange unthätig, bis er 1098 sich wieder ermannte, nach Deutschland zurückkehrte und durch Zugeständnisse die mächtigsten Fürsten, unter ihnen selbst den Herzog Welf, wieder gewann. Man schien jetzt mit ihm zufrieden und willfahrte ihm in Allem. Seinem Wunsche gemäß wurde sein ältester Sohn Konrad auf dem Reichstage zu Mainz der Königswürde für verlustig erklärt und basier sein zweiter Sohn Heinrich zu seinem Nachfolger bestimmt; selbst die Sachsen zeigten ihm treue Ergebenheit, und da um diese Zeit PapstUrban (1099) und Clemens (1100), sowie der abtrünnige Konrad (1001) in Italien starben, so schien endlich Ruhe und Friede in das zerrüttete Reich zurückkehren zu wollen. Aber Paschalis II., ein noch größerer Gegner der Laieninvestitur als selbst Urban, sprach bald nach seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl über den Kaiser, der fortwährend Bisthümer vergab, aufs neue den Bann aus; zugleich erhoben sich einzelne misvergnügte Große und suchten den König Heinrich anzureizen, dem Vater die Krone zu entreißen. Der ehrgeizige Jüngling folgte der lockenden Ermunterung, zog gegen den Vater zu Felde, trieb ihn zur Flucht, wußte dann, als die Städte ein Heer für ihn zusammen- gebracht, ihn durch friedliche Worte zu überlisten, nahm ihn gefangen und zwang ihn, der Regierung zu entsagen. Zwar entkam der Kaiser bald darauf aus der Haft, flüchtete nach Lüttich, fand auch jetzt wieder treuen Anhang unter den Städten, starb aber schon am 7. Aug. 1106 zu Lüttich. Der dortige Bischof ließ ihn mit kaiserlicherPracht begraben; doch des Verstorbenen Feinde setzten es durch, daß die Leiche wieder ausgegraben, nach Speier geschafft und hier in einer nicht geweihten Seitenkapelle in einem steinernen Sarge so lange unbeerdigt blieb, bis die Lösung des Banns erfolgte, was erst nach fünf Zähren geschah. Kein anderer Kaiser hat ein so wunderbar wechselvolles Leben, eine so stürmische Regierung geführt als H. Neben den Fehlern der Leidenschaftlichkeit, des Leichtsinns, der Herrschbe- gierde und der Unzuverlässigkeit besaß er auch herrliche Gaben des Geistes und Herzens. Er war treu und erkenntlich gegen seine aufrichtigen Anhänger, mitleidig gegen Arme und Kranke, scharfsinnig im Rathe, listig in Gefahr, tapfer im Kampfe und ein Freund des da- mals zuerst aufblühenden Bürgerstands, sowie überhaupt des Volks, das er gern und oft gegen die Bedrückungen der Großen in Schutz nahm. Aber es gehörte ein klarer, durchge- bildcter Geist, ein energischer, consequenter Charakter, Eigenschaften, wie sie H. nicht hatte, dazu, um die große Aufgabe zu lösen, die seine Zeit dem Kaiserthume in Besiegung des auf» 14 Heinrich V. (röm.-deutscher Kaiser) strebenden Vasallenübermutks und der furchtbar sich entwickelnden Papstmacht ihm stellte, vollständig und würdig zu lösen. Ihm folgte als Kaiser sein Sohn, H einrich V. (s. d.). Heinrich V., röm.-deutscher Kaiser, I IW—2',, der Sohn des Vorigen, geb. IWI, wurde >698, als sein älterer Bruder Konrad sich gegen den Vater empört hatte, zum röm. König erwählt und auf des Papstes Paschalis'II. Betrieb noch bei Lebzeiten seines Vaters I IW zu Mainz als König anerkannt. Schon seit 11W hatte er gegen seinen Vater bald mit den unwürdigsten Künsten der Heuchelei und Wortbrüchigkeit, bald mit den Waffen der Gewalt um die Krone gekämpft; im Besitze derselben ließ er die Anhänger des Vaters, wie z. B. die Stadt Köln und den Herzog Heinrich von Lothringen, für ihre Treue hart büßen. Dann eilte er, die gesunkene Königsmacht durch Züchtigung der meuderischen und übermüthigen Großen des Reichs im Innern und durch Bezwingung der Fürsten von Polen und Böhmen nach außen hin wieder zu Ansehen zu bringen, während er dem Papste fortdauernd noch die größte Ergebenheit heuchelte. Er lud Paschalis ll., welcher auf der Kirchenversammlung zu Guastalla I IW das schon früher gegebene Verbot der Investitur durch Laienhand mit Strenge wiederholte, zur friedlichen Ausgleichung zum Reichstage nach Augsburg ein, ging dem Papste, als dieser sich plötzlich nach Frankreich begab, bis an die Grenzen des Reichs entgegen und unterhandelte auf das freundlichste mit den Legaten, obwol er dabei nicht unterließ, unter der Hand die Bischöfe von Verdun und Halberstadt mit Ring und Stab zu belehnen. Als jedoch H. seine Macht im Reiche befestigt glaubte, versuchte er durch eine feierliche Gesandtschaft den Weg friedlicher Vermittelung noch einmal, zog aber, als diese fehlschlug, > > >6 mit .16666 M. nach Italien, ließ auf den concalischen Feldern von den oberital. Städten sich huldigen, rückte bis Sutri vor, nahm durch Unterhandlungen Rom ein und ließ, als der Papst ihn ohne die Abtretung des Jn- vestiturrechts nicht krönen wollte, denselben nebst den meisten Cardinälen gefangen sehen. Erst nach zwei Monaten erhielt der Papst, nach Entsagung jeder Rache, namentlich durch einen Bannspruch, und Bestätigung des Investiturrechts, seine Freiheit wieder und krönte hieraus am st. Apr. I l 11 den Kaiser. Kaum aber war H. nach Deutschland zurück, als Paschalis, zwar nicht selbst, aber durch den Erzbischof Guido von Vienne auf einer Synode der burgund. Bischöfe über den Kaiser den Bann aussprach, den jedoch dieser jetzt um so weniger achtete, als er gerade mit einem Krieg gegen seine Vasallen in Deutschland beschäftigt war. Es hatten nämlich die sächs. Fürsten wegen der Willkür, mit welcher H. über Güter und Personen schaltete, zunächst wegen Einziehung der orlamünd. Erbschaft einen Aufstand erregt, der, obwol durch den Sieg seines Feldherrn, des Grafen Hoyer von Mansfeld, bei Warenstädt scheinbar beruhigt, von den rhein. und westfäl. Fürsten erneuert wurde und in der Schlacht am Welfesholze an der Wipper im I. l > l 5 einen unglücklichen Ausgang für ihn nahm. Die üble Lage, in welche der Kaiser hierdurch gerieth, benutzten die ihm feindlich gesinnten Erzbischöfe von Köln und Mainz, um den Bann nochmals über ihn auszusprechen. Dies und der am 2t. Juli I 115 erfolgte Tod derMarkgxä- fin Mathilde, deren hinterlaffene Länder und Güter er in Besitz zu nehmen eilte, bewog ihn, die Vertheidigung Deutschlands den treugebstebenen Fürsten Schwabens überlassend, aufs neue > H6 nach Italien zu eilen, wo er, nach Besitzergreifung der Mathildischen Erbschaft, Paschalis II. aus Rom vertrieb und nach dessen Tode Gregor V III. zum Papst wählte, dem jedoch die Priesterpartci in der Person Gelasius' II. einen Nebenbuhler cntgegensteltte. Der letztere sprach aufs neue den Bann über den Kaiser aus und eütfloh dann nach Frankreich. Ünterdcß hatte der Bürgerkrieg in Deutschland mit wechselndem Glücke fortgcdauert, und da die deutschen Fürsten desselben müde, H. bereits mit Absetzung bedrohten, auch nach Gelasius' Tode 1119 der ihm furchtbare Erzbischof von Vienne unter dem Namen Ealir- tus I I. zum Papst erwählt worden war, so eilte H. nach Deutschland, legte auf dem Reichstage zu Tribur die Zwistigkeiten mit den Fürsten durch Festsetzung eines Landfriedens und das Versprechen, jedem Beraubten sein Eigeythum wiederzuerstatten, bei und erneuerte beides nach einem abermaligen zweijährigen Bürgerkriege aus dem Reichstage zu Würzburg >121. Auch mit Calixtus, der ihn auf einer Kirchenversammlung von 427 Geistlichen zu RheimS aufs neue mit dem Banne belegt hatte, verglich er sich auf einem Reichstage zu Worms > 122 dahin, daß die Wahl der Bischöfe von den Domcapiteln, ihre Be- Heinrich VI. (röm.-deutscher Kaiser) 15 ftätigung vom Papst abhängcn solle, der Kaiser aber über ihre weltlichen Güter und Rechte mittels des Scepters sie zu belehnen habe. Nach dieser Zeit beschäftigten den Kaiser noch einzelne Fehden im Innern, namentlich in Meißen, wo Konrad von Wettin dem Grafen Wlprecht von Groitsch das vom Kaiser erhaltene Markgrafenthum streitig machte, sowie die Belagerung und Eroberung von Worms, das sich ihm widersetzt hatte. Er starb am 23. Mai l >25 und wurde zu Speier beigesetzt. Mit ihm starb das salische oder fränkische Kaisergeschlecht aus. Sein Nachfolger war Lothar der Sachse (s.d.). Heinrich VI., röm.-deutscher Kaiser, 119« — 97, der dritte aus dem Eeschlechte der Hohenstaufen, der Sohn Friedrich's I. (s. d.) und der Beatrix vonBurgund, geb. 1165, wurde schon 1169 zum röm. König gekrönt, lebte früher in Italien, seit > 1-88 aber, wo sein Vater den Kreuz'zug nach Palästina unternahm, als Neichsverweser in Deutschland. Schon als solcher mußte er gegen Heinrich den Löwen, welcher Kaiser Friedrich's I. Abwesenheit zur Rückkehr aus seiner Verbannung benutzt hatte, den Kampf beginnen, zu dessen friedlicher Ausgleichung ihn jedoch >191 die durch den Tod des König Wilhelm's 11. erfolgte Erledigung des sicilian. Königthrons nöthigte, auf welchem ihm durch seine Gemahlin Constanzia das Recht der Nachfolge zustand. Auf die Nachricht, daß die sicilian. Stände, welche die Herrschaft der Deutschen verabscheuten, den Grafen Tancred von Lecca, einen unehelichen Sohn von Constanzia's Bruder, auf den Thron gehoben, eilte H. nach Italien. Er brachte durch kluges Benehmen schnell die lombard. Städte auf seine Seite, gewann die Römer durch treulose Auslieferung der ihnen verhaßten Nachbarstadt Tusculum, die hierauf von den Römern völlig zerstört wurde, ließ sich von Pavst Cölestin >11. zu Ostern >191 zum Kaiser krönen und eroberte Apulien und das Königreich Neapel. Nur die Hauptstadt Neapel, vom Grafen von Acerra tapfer vertheidigt, widerstand so lange, bis nach drei Monaten eine im Lager ausgebrochene rasch um sich greifende Pest den Kaiser zum Abzüge zwang. Nach Deutschland zurückgekehrt, empfing H. die durch den kurz zuvor erfolgten Tod Herzog Welfs VI. ihm zugefallene, reiche Erbschaft, übertrug das durch Herzog Friedrich's Ableben erledigte Schwaben seinem Bruder Konrad und erneuerte den Kampf mit Heinrich dem Löwen, bis dieser sich unterwarf. In Italien war indeßTancred 1193 gestorben und dessen Sohn Wilhelm 111-, für den seine Mutter Sibylle die Regentschaft führen sollte, zum König ausgerufen worden. Durch diese günstigen Umstände gereizt und durch die bedeutenden Geldsummen (15«««« Mark) unterstützt, welche er von dem aus dem Morgenlande heimkehrenden, in Ostreich gefangen genommenen und vom Herzog Leopold an ihn ausgelicferten König von England, Richard Löwenherz, als Lösegeld erhalten chatte, zog H. aufs neue nach Italien, um seinen Hauptplan, die feste Vereinigung der sicilian. Krone nnt der deutschen vollends zu erreichen; Neapel öffnete ihm die Thore, Salerno wurde gestürmt, auch Sicilien unterwarf sich, und am 3v. Nov. 1193 hielt der Kaiser seinen feierlichen Einzug in Palermo. Jetzt entsagten Sibylle und Wilhelm gegen das Versprechen, die Grafschaft Lecca und Tarent behalten zu dürfen, der Krone Siciliens. AberH. ließ unter dem Vorwände einer Verschwörung bald darauf die Königin Sibylle und ihre Tochter verhaften und nach dem Kloster Hohenburg im Elsaß bringen, Wilhelm blenden und entmannen, selbst Tancred's Leichnam mißhandeln und alle Anhänger des normännischen Königshauses ergreifen und ohne weitere Untersuchung hin- richten. Zwar verbreitete sich in ganz Sicilien über diese Gewaltthätigkeiten Unwille und Erbitterung, auch der Papst, durch diese Handhabung dcrMacht geschreckt, schleuderte seinen Bann gegen den Kaiser, aber die Furcht vor der Grausamkeit H.'s und die reichen Belohnungen, die er an seine Freunde verschwendete, sicherten seine Herrschaft so, daß er ohne Besorgnisse nach Deutschland zurückkehren konnte. Hier hatte H. einzelne in seiner Abwesenheit entstandene Fehden beizulegen; alsdann trat er auf den Reichstagen zu Worms und Würzburg l l 96 mit dem großen politischen Plane hervor, in seinem Hause die deutsche Königskrone für immer erblich zu machen. Da er jedoch bei dem Widerspruche der geistlichen Fürsten und der Gegenwirkung des Papstes für jetzt nur die Wahl seines zwei- jäbrigen Sohnes Friedrich zum deutschen Könige erlangen konnte, so bewog er eine Anzahl deutscher Fürsten, ihn zu einem angeblichen Kreuzzuge zu begleiten. Mit ihrer Hülfe stillte er die neuentstandenen Unruhen in Sicilien, ließ die Mauern von Capua und Neapel nie- 16 Heinrich VH. (röm.-deutscher Kaiser) Heinrich II. (König v. Frankreich) verreißen, mehre Vornehme desLandes hinrichten, auchzwang erden griech. Kaiser Alexius, der seinen Bruder Isaak vom Throne gestoßen hatte, durch Drohungen zur Zahlung eines bedeutenden Tributs. Griechenland, auf das er durch Irene, seines Bruders Philipp Gemahlin, Jsaak's Tochter, Erbansxrüche zu haben glaubte, hatte er eigentlich die Absicht zu erobern und somit die Hoheit des Deutschen Reichs über den ganzen christlichen Orient auszudehnen. Er starb am 28. Sept. 1197 in Folge eines kalten Trunks oder an Gift zu Messina und wurde zu Palermo begraben. Ihm folgten die beiden Eegenkaiser Philipp von Schwaben und O t t o IV. (s. d.) ' Heinrich VII., röm.-deutscher Kaiser, 1398— 13, ein Sohn des GrafenHeinrich's l l. von Luxemburg, geb. >262, wurde nach dem Tode Albrecht's I. (s. d.) und nach einer Zwischenregierung von sieben Monaten, am 29. Nov. 1398 zum Kaiser erwählt. Seine Wahl hatte er nächst dem Rufe ritterlicher Tugenden der Unbedeutendheit seiner Hausmacht, weil die Reichsfürsten keinen mächtigen Kaiser wünschten, und besonders dem Einflüsse des ihm befreundeten Erzbischofs von Mainz, Peter Aichspalter, zu verdanken. Gleich nach Antritt seiner Regierung sah er sich genöthigt, dem Herzoge von Kärnten das Königreich Böhmen, das dieser mit tyrannischer Willkür regierte, abzusprechen und als, erledigtes Reichslehn, nach dem Wunsche der Böhmen selbst, auf dem Reichstage zu Speier 1309 an seinen Sohn Johann feierlich zu übertragen, der hierauf mit der böhm. Prinzessin Elisabeth sich vermählte. Durch klugeBenutzung der Umstände verschaffte er sich hierzu die Einwilligung der östr. Fürsten, welche gerechte Ansprüche auf dieses Land hatten. Hierauf erklärte er die Mörder des Königs Albrecht's l. wie auch den wilden Grafen Eberhard von Würtembcrg wegen seiner Bedrückungen der Stände und Städte in die Acht, zog alsdann, durch Gesandte aufgefodert, mit einem nur kleinen Heere in das durch die Kämpfe der Ghibcllinen und Guelfen zerrissene Italien und suchte, anfangs mit Jubel empfangen, hier Ruhe und Frieden herzustellen, Recht und Gesetz ins Leben wieder einzuführen. Da er aber keine Partei durch besondere Begünstigungen auszeichnete und zum Solde seiner Truppen sehr bald Abgaben fodcrn mußte, wurden die lombard. Städte seiner überdrüssig und vereinigten sich, Mailand an der Spitze, zum Aufruhr gegen ihn, welchen er nur mit Mühe und strenger Züchtigung zu dämpfen vermochte. Statt jetzt nach Deutschland zurückzukehren, das indessen durch die wilden Fehden Waldemar's von Brandenburg mit Friedrich dem Gebissenen Eberhard's von Würtembcrg mit den Städten verwüstet wurde, eilte er nach Rom und ließ, wie früher zu Mailand am S. Jan. >311 die Eiserne, so hier am 29. Juni 1312 die Kaiserkrone sich aufs Haupt setzen. Von Rom aber hatte er nur einen Theil erobern können, da König Robert von Neapel, auf die Ausbreitung der Macht H.'S in Italien eifersüchtig, den andern mit einem überlegenen Heere besetzt hielt. Zugleich umgaben andere zahlreiche feindliche Heerhaufen von allen Seiten die Stadt. In dieser schwierigen Lage entschied er sich endlich für die Ghibcllinen und faßte den tollkühn erscheinenden Plan, Neapel zu erobern. Alsbald sendeten viele mächtige Städte, wie Pisa, Genua, Spoleto u. s. w. ihm Truppen; der König von Sicilien schloß ein Bündniß mit ihm und so erklärte er trotz der Drohungen des Papstes den König Robert in die Acht und war schon im Begriff, Neapel zu Wasser und zu Lande einzuschließen, als ihn zu Buonconvento am 21 . Aug. 1313 ein schneller Tod hinwegraffte. Die Vergiftung durch einen Dominicaner- mönch beim Abendmahle mittels einer Hostie, die er aus Frömmigkeit angeblich durch ein Brechmittel wieder zu entfernen sich scheute, wird als Ursache desselben angegeben. Außer seinem Sohne Johann hinterließ er zwei Töchter, von denen die eine, Beatrix, an den König KarlRobert von Ungarn, die andere an König Karl IV. von Frankreich vermählt war. Ihm folgte in der Kaiserwürde Ludwig IV. (s. d.) oder der Baier mit seinem Gegenkönig Herzog Friedrich von Ostreich. Vgl. Barthold, „Der Römerzug König H.'S von Lützel- bürg" (2 Bde., Königsb. 1839). Heinrich II-, König von Frankreich, 1547 — 59, der Sohn Franz I. (s. d.), aus der Ehe mit Claudia, der Tochter Ludwig's XII., wurde am 31. März 1518 geboren und vermählte sich 1533 mit Katharina von Medici (s. d.). Obwol kampfbegicrig, und nach Ruhm dürstend, besaß er doch einen haltlosen Charakter und war unfähig, dem Übergewichte deS Hauses Habsburg zu begegnen und die religiösen Zeitwirren zu schlichten Heinrich II (König von Frankreich) 17 Sein Vater hatte ihm die königliche Gewalt unumschränkt, den Schatz gefüllt, das Reich beruhigt hinterlassen und ihn sterbend vor der Herrsucht des Hauses Guise (s.d.) gewarnt. Dessenungeachtet überließ H., als er 1547 den Thron bestiegen, die Staatsverwaltung den Emsen, rief den verwiesenen Connetable Montmorency (s. d.) zurück und ergab sich ganz einer alten Geliebten seines Vaters, der Diane von Poitiers, die er zur Herzogin von Valentinois erhob. Alle diese Personen, zu denen noch die herrschsüchtige Königin hinzukam, bildeten verschiedene Parteien, die im Streite um die politische Gewalt den Staat durch Willkür und Raubsucht zerrütteten. So setzte der Hof die Verfolgung der Reformirten fort, weil sich Diane durch deren Güter bereicherte und die Guisen nach der Gunst des niedern Volks strebten. Nach außen mußte sich H. in die schot. Angelegenheiten (s. S chottland) mischen und einen Krieg mit England beginnen, der im März l 550 die Rückgabe der Stadt Boulogne an die franz. Krone zur Folge hatte. Mit dem Kaiser hatten bereits die Händel um Parma begonnen. Am 15. Jan. 1552 schloß H. mit dem Kurfürsten Moritz (s.d.) von Sachsen und dessen protestantischen Bundesgenossen das Bündniß gegen den Kaiser zu Chambord- Während Moritz in Deutschland vordrang, fiel H. mit 35000 M. im März in Lothringen ein, eroberte Toul und Verdun, besetzte Nancy, während der Connetable am 10. Apr. durch Verrätherei Metz nahm. Von Strasburg, das er vergeblich überfiel, wendete sich der König nach Niederelsaß und besetzte die Gegend von Hagenau bis Wcißen- burg. Karl V., nachdem er am 27. Mai 1552 den Separatfrieden zu Paffau mit den pro- testanstischen Fürsten geschloffen, ließ im Oct. den Herzog Alba mit einem bedeutenden Heere vor Metz rücken, das jedoch Frans, von Guise (s. d.) auf das heldenmüthigste ver- theidigte. Im Feldzuge von 1554 stellte H. drei Armeen ins Feld, die Artois, Hennegau und Lüttich verwüsteten, viele feste Plätze Wegnahmen und die Kaiserlichen bei Renty schlugen. Auch inJtalien hatteH. den Krieg seit 1552 geführt. DerMarschall Brissac (s. d.) kämpfte glücklich in Piemont; eine franz.-türk. Flotte unter dem türk- Anführer Dragut sollte die Eroberung des Königreichs Neapel unterstützen, die jedoch daran scheiterte, daß sich die franz. Marschälle Paul von Termes und Peter Strozzi zu Siena nicht behaupten konnten. Erschöpft schloß H. mit dem Kaiser zu Vaucelles im Febr. 1556 einen fünfjährigen Waffenstillstand. Der Papst Paul IV. bestimmte jedoch den franz. Hof zum Bruche dieses Friedens, und schon im folgenden Jahre mußte derHerzog von Guise mit 20000 M. nach Italien zur Eroberung Neapels aufbrechen. Das Unternehmen scheiterte an der Feigheit des Papstes und dem Erscheinen Alba's mit einem starken Heere. Noch unglücklicher führte H. seine Sache an den niederländ.Grenzen. Hier hatte Philipp II. von Spanien, mit Hülfe seiner Gemahlin, der Königin Maria von England, ein Heer von 60000 M. aufgestellt, das unter dem Befehle Emanuel Philibert's von Savoyen Saint-Quenlin in der Picardie belagerte. Der Connetable Montmorency, der mit 28000 Franzosen zum Entsatz herbeieilte, wurde am 10. Aug. 1557 gänzlich geschlagen und gerieth mit der Blüte des franz. Adels in span. Gefangenschaft. Der König, durch dieses große Unglück außer Fassung gebracht, rief den Herzog von Guise herbei und übertrug ihm die Statthalterschaft über has ganze Königreich. Dieser entriß nun am 8. Jan. 1558 nach achttägiger Belagerung den Engländern das schwach besetzte Calais, das 210 Jahre in deren Händen gewesen, und eroberte die Festung Thionville, während Termes Dünkirchen verheerte. Aus Haß gegen den Herzog von Guise verband sich jedoch die Herzogin von Valentinois mit Montmorency, und beide beredeten den König zum Frieden, der nach langen Unterhandlungen am 3. Apr. 1559 zwischen Frankreich, Spanien und England zu Chateau-Cam- bresis geschlossen wurde. H. bewilligte für die Rückgabe von Ham, Saint-Quentin, Castelet und die Freilassung de§ Connetable das eroberte Piemont und überhaupt 198 feste Plätze. Ein geheimer Artikel dieses schimpflichen Friedens verpflichtete auch den König zur Ausrottung der Ketzerei, die nun mit erneuerter Wuth begann. Mitten unter den Greueln wurde zur Befestigung des Friedens die Vermählung von H 's ältester Tochter, Elisabeth, mit Philipp II- von Spanien vollzogen. H. hatte bei dieser Feier ein dreitägiges Turnier nach alter Weise angeordnet, wobei er in Person in den Schranken erschien. Am Abend des zweiten Tags zwang er noch den Grafen Montgomery, den berühmtesten Tur- C onv.'Lex. Neunte Aufl. VII. 2 18 Heinrich III. (König von Frankreich) nierrttter seiner Zeit, zur Ehre der Damen zu einem Gange. Beide zersplitterten ihre Lanzen auf den ersten Anlauf. Der Graf jedoch, der sein Pferd nicht halten konnte, fuhr dem ^ Könige unglücklicherweise mit dem zerbrochenen Schafte ins rechte Auge. Zehn Tage darauf, am >0. Juli 1559, starb H. an dieser Verwundung. Die Königin bestand auf dem Tode des Grafen, verfolgte ihn 1 5 Jahre und ließ ihn 157-1 hinrichten. H. hinterließ -10 Mill. Livres Schulden und das Reich durch Krieg erschöpft, durch Parteihcrrschaft zerrüttet. An seinem Hofe herrschten alle Laster. Von seinen Söhnen (s. Valois) folgte ihm zunächst der älteste, Franz ll. (s. d.), auf dem Throne. Heinrich 1!I-, König von Frankreich, 1571—89, vorher Herzog von Anjou, der dritte Sohn Heinrich's II. (s. d.) und Katharina's von Medici, wurde am l O.Sept. I55l geboren. Seine trefflichen Charakteranlagen verdarben zeitig in der Schule seiner ^ Mutter, deren Lieblingssohn er war. Nach dem Tode des Connetable Montmovcncy erhielt er in dem Bürgerkriege den Oberbefehl, siegte 1569 in den Schlachten von Jarnac und Moncontour, befleckte aber diese jugendlichen Lorbern durch die Theilnahme an den Greueln der Bartholomäusnacht. Katharina verschaffte ihm 1570, nachdem König Sigismund August von Polen gestorben, durch Jntrigue die poln. Krone. Er wurde am 15. , Febr. 1571 zu Krakau gekrönt, verließ jedoch, mit seiner Lage unzufrieden, am 18 . Juni heimlich Polen, um den durch den Tod seines Bruders, Karl's IX. (s. d.), erledig ! ten Thron von Frankreich einzunehmen. Schon im Beginn seiner Regierung zeigte er sich träge, verschwenderisch, sittenlos und bigott. Die Euisen und seine Mutter bewogen ihn > leicht zur Fortsetzung des Bürgerkriegs. Die Hugenotten (s. d.) verbanden sich darum § mit den sogenannten Politikern, einer mit dem königlichen Despotismus unzufriedenen , Adelspartei, und der Krieg gegen den Hof begann in allen Provinzen. Unbekümmert um < sein und des Reichs Schicksal, ließ sich H. am 15. Febr. > 575 zu Rheims krönen und hei- > rathete am folgenden Tage Luise von Lothringen, eine Verwandte der Guisen, die dadurch , noch einflußreicher wurden. Unterdeß erschienen in Frankreich der Prinz Heinrich Condc » , (s. d.) und der Pfalzgraf Johann Kasimir mit einem deutschen Truppencorps, an dessen i Spitze sich sogar der Herzog von Alencon, der Bruder des Königs, stellte, während Hein- ^ cich von Navarra in Guyenne den Aufstand erregte. Die Königin-Mutter beeilte sich in s dieser bedrängten Lage im Namen des trägen Sohns am 6.Mai 1576 in der Abtei Beau- e lieu, unweit Loches in Touraine, einen Frieden zu schließen, der den Hugenotten freie Reli- r gionsübung, mehre Sicherheitsplätze und die Besetzung der Parlamentsstcllen ;ur Hälfte ; (clliambres mi-p-rrtios) gewährte, während Alencon aber dasHerzogthum Anjou, Condcdas s Gouvernement der Picardie erhielt. Diese Aussöhnung durchkreuzte die politischen Anschläge s des Herzogs Heinrich vonGuise (s. d.), der jetzt unter d-em Deckmantel des Neligionsinteres- ( ses die sogenannte Heilige Ligue (s.d.) stiftete. H. begriff die Gefährlichkeit dieses Bundes ( und trat deshalb auf dem Reichstage zu Blois, im Nov. 1576, demselben mit bei, womit er z zugleich genöthigt war, das Pacificationsedict wieder aufzuheben. Der Kampf begann nun r abermals, wurde aber schon im Sept. > 577 durch den Frieden von Bergerac auf Grund der ä frühem Bedingungen beigelegt, weil die Absichten des Herzogs von Gusse auf eine Thron- L revolution immer deutlicher hcrvortraten. Um die Großen an den Thron zu ketten, stiftete p H. am I. Jan. 1579 den Hciligengeistordcn, und Katharina trat zu Ncrac in geheime Uu- r si terhandlungen mit Heinrich von Navarra, wobei die Hugenotten noch einige Vortheile er- v hielten. Kaum sahen jedoch der König und seine Mutter ihre Macht in etwas befestigt, als u sie auch im Nov. 1579 bei Auslieferung der Sicherheitsplätze den Frieden mit den Prote- r stauten verletzten. Die Feindseligkeiten wurden von Heinrich von Navarra in Guyenne, d von Conde in der Picardie eröffnet; doch stellte ein im Nov. >580 zu Fleix in Peri- r gord geschlossener Vertrag die Ruhe nochmals her. Der König verlor sich mit dem Fric- z den gänzlich in Ausschweifung und Verschwendung, während seine Mutter die Regie- n rung führte und die Guisen unter der Maske der Religion den Thron untergruben. Des t Nachts überließ sich H. mit seinen Lieblingen (Wgnon«) den schändlichsten Lüsten; am Tage - ( zog er an der Spitze einer von ihm gestifteten geistlichen Brüderschaft durch die Straßen si von Paris, ein Büßerhemd, eine Geißel und vor dem Gesicht eine Maske tragend. Die e Abgaben waren unter diesen Umständen seit der vorigen Negierung von neun auf 32 Mill. 19 Heinrich Hl (König von Frankreich) gestiegen und das Volk seufzte unter den harten Lasten. Endlich schreckte der Tod des Herzogs von Anjou, seines Bruders und künftigen Nachfolgers, am 10. Juni 1584, den König aus diesem Taumel. Er trat sogleich mit dem Könige von Navarra (s. Heinrich I V.) in Unterhandlung und sicherte demselben die franz. Thronfolge unter der Bedingung zu, daß er zum Katholicismus zurückkehre. Da dieser Schritt die Guisen um Einfluß und Aussicht zu bringen drohte, mußte die Ligue zu den Waffen greifen, den Cardinal Karl von Bourbon, einen alten, schwachsinnigen Mann, zum rechtmäßigen Thronerben und ersten Prinzen von Geblüt erklären, der Papst Sixtus V. aber Heinrich von Navarra als Ketzer in den Bann thun. Der König wurde durch dieses energische Auftreten so eingeschüchtert, daß er auf Anrathen seiner Mutter am 7.Juli > 535 mit der Ligue zu Nemours einen Vergleich schloß, der über die Protestanten Verlust aller ihrer Rechte und Ver- bannung aus Frankreich verhing. Zugleich trat aus den Fanatikern und Priestern der Hauptstadt ein ähnlicher Bund, die sogenannte Ligue der Sechzehner, zusammen, durch den die Partei der Guisen einen furchtbaren Nachdruck erhielt. H. stellte nun gegen die Hugenotten drei Armeen ins Feld, von denen die eine der Herzog von Guise wider die an- dringcnden Deutschen, die andere der Herzog von Joyeusc gegen den König von Navarra und die dritte der König selbst an der Loire befehligte. Der Sieg, den der König von Navarra am 20. Oct. 1587 über Joyeusc bei Coutras davon trug, gab diesem sogenannten Kriege der drei Heinriche für die Liguisten und den Hof eine sehr üble Wendung. In dieser Lage beschloß der Herzog von Guise den verächtlichen und wankelmüthigen König vollends zu verderben. Die Häupter der Ligue legten H. im Jan. > 585 ein Ultimatum vor, in welchem derselbe zum aufrichtigen Anschluß an ihre Sache, Einführung der Inquisition u.s.w. aufgefodert wurde. Der König verwarf die Federungen mit ungewohnter Festigkeit und ließ, einen Anschlag fürchtend, 6000 M. Truppen in Paris einrücken. Am 12. Mai erregten hierauf die Sechzehner in den Straßen der Stadt einen Aufstand, wobei der König mit seiner Streitmacht unthätig blieb und vom Volk durch Barrikaden (la journee de« bsrricaäes) in seinem Palaste, dem Louvre, cing'eschlosscn wurde. Während jedoch der Herzog von Guise mit der beabsichtigten Gefangennahme des Königs zögerte, erhielt derselbe Gelegenheit, aus der Hauptstadt nach Chartres zu entfliehen. Dir Königin-Mutter errichtete nun mit dem Herzoge einen Vergleich, in welchem derselbe die Würde eines Ge- neralstatthalters, der Cardinal von Bourbon das Recht der Thronfolge und die Ligue das Versprechen der Kehervcrtilgung erhielt. Der König unterschrieb am 1V. Juli diesen schimpflichen Vergleich und mußte ihn sogar nochmals auf der Versammlung der NeichS- stände zu Blois im Oct. auf die Hostie beschworen. H. wußte längst, daß der Herzog von Guise mit dem Plane umging, chm das Schicksal des letzten Merovingers zu bereiten (s. Frankreich) und faßte während derVersammlung, auf welcher die Kühnheit des Her- zogs und seiner Anhänger besonders hervortrat, den Entschluß, diesen seinen, sonst unerreichbaren Feind durch Gewalt aus dsm Wege zu räumen. Der Herzog wurde am 25. Dec. 1588 in dem Vorzimmer des Königs ermordet, und sein Bruder, der Cardinal von Lothringen, erlitt das nämliche Schicksal am folgend« Tage im Gefängnisse. Diese Blut- that, weit entfernt die königliche Macht zu stärken, erregte besonders die Wuth der Hauptstadt, wo fanatische Mönche den Pöbel zur Rache auffoderten, die Sorbonne das Volk vom Gehorsam gegen den König lossprach und die Sechzehner das Parlament vertrieben und ein neues aus ihrer Mitte bildeten. Der unthätige, durch den Tod seiner Mutter völlig rathlose König floh nach Tours und warf sich, als er hörte, daß der Herzog von Mayenne, der Bruder der Ermordeten, zu Paris zum Generalstatthalter erklärt worden, Heinrich von Navarra in die Arme. Die Vereinigung geschah am 3V. Apr. 1589 und hatte zur Folge, daß auch über H. vom Papste der Bann verhängt wurde. Beide Könige zogen nun mit dem bis auf 40000 M. verstärkten Heere der Hugenotten nach Paris und brachten die von dem Herzog von Mayenne mit I OOOO M. vertheidigke Stadt sehr bald der Übergabe nahe. Wüthende, wahrscheinlich von den Guisen angestiftcte Priester bewogen jedoch einen jungen, fanatisirten Dominieanermönch, Namens Jacques Clement, den Ereignissen durch eine Blutthat eine Wendung zu geben. Derselbe drang mit einem Passe 2 * 20 Heinrich IV. (König von Frankreich) versehen am I. Aug. unter dem Vorgeben wichtiger Mittheilungen zum Könige und stieß demselben während der Audienz ein Messer in den Leib. Der König ^og sich das Instrument selbst heraus und verwundete damit den Mörder im Gesicht, der überdies von der her- -bcieilenden Wache sogleich getödtet wurde. Schon am folgenden Tage, den 2. Aug. 1 589, mußte H., nachdem er vorher, als das letzte Glied der Valois (s. d.), den König Heinrich von Navarra zum Thronerben eingesetzt, den Geist aufgeben. Die Freude der Liguisten war bei dieser Todesnachricht ausschweifend; die Geistlichkeit erklärte den Mörder der Märtyrerkrone würdig. Der Papst Sixtus V. aber hielt ein öffentliches Konsistorium, in welchem er die Tugend des Königsmörders pries und die That dem göttlichen Beistände zuschrieb. Vgl. Davila, „lstoriu 559 — 98" (Par. >644 ; franz. 3 Bde., Par. >757), Lacretelle, „üistoire ckskrsnee peucisnt les gnerres 6c re- li^ien" (5 Bde., Par. >8>4), Vitet, „ 1,0 mort 828). Heinrich IV., König von Frankreich, der Große und Gute genannt, >589 — >610, dritter Sohn Anton's von Bourbon (s. d.) und der Johanna von Albret, Tochter und Erbin Heinrich's, Königs von Navarra und Beärn, wurde am 4. Dec. >553 zu Pau in Beärn geboren. Von seinem Großvater ritterlich erzogen, von tüchtigen calvinistischen Lehrern gebildet, überdies zeitig in ein bewegtes Leben geworfen, erlangte seine südliche Natur nach Geist und Charakter ein kräftiges Gepräge. Sein Vater, nachdem er die Partei seines Hauses und der Reformirten aufgegeben, blieb > 562 vor Nouen. Um so fester hielt die Mutter zur Sache der Hugenotten. Sie wußte sich und ihren Sohn den Anschlägen Katharina's von Medici (s. d.) zu entziehen und erklärte den Jüngling nach der Ermordung Ludwig Conde's (s. d.) zum Haupte des protestantischen Bundes. Nach dem Frieden von St.-Eermain en Laye schlug der franz. Hof, um die Bundeshäupter her- beizulocken und zu verderben, die Vermählung H.'s mit Margaretha von Valois, Schwe- ster Karl's IX. (s.d.) vor. Johanna wurde das erste Opfer dieser List, sie starb am 9. Juni >572 bei Hofe, wahrscheinlich an Gift. H. nahm nun selbst den Titel eines Königs von Navarra an und vollzog arglos am >8. Aug. seine Vermählung. Schon am 24. brach über die Hugenotten die Bartholomäusnacht (s.d.) herein. Der Navarrer wurde zwar verschont, mußte aber fortan die Messe besuchen und als Gefangener am Hofe blei- ben, wo ihn, obschon er sich sonst klug benahm, sein feuriges Blut in die wilden Ausschweifungen der Valois stürzte. Da er sich bei der Verschwörung der Großen gegen die schlechte Regierung der Königin-Mutter betheiligte, durfte er erst nach der Thronbesteigung Heinrich's III. (s. d.) freier athmen. Er hatte dessen ganzes Vertrauen erworben, indem er die Ermordung des Herzogs von Alencon, des Bruders und Erben von Heinrich III., von sich wies. Endlich im Febr. >576, nachdem sein Schicksalsgenosse Heinrich Conde'(s. d.) längst die Waffen ergriffen, entwich auch H. vom Hofe, trat zum Protestantismus zurück, als dessen Beschützer er sich erklärte, und half mit gewaffneter Hand den vortheilhafter Religionsfrieden vom 6. Mai herbeiführen. Diese Stellung behielt er der Ligue (s. d.) und dem Hofe gegenüber, so oft ihn die Königin-Mutter auch durch Unterhandlung, Ver- sührung und Friedensschlüsse zu gewinnen suchte. Nach dem Tode des Herzogs von Anjou (Alencon) überkam H. als erster Prinz von Geblüt die Anwartschaft auf den franz. Thron, was die ehrgeizigen Psane der Guisen durchkreuzen mußte. Die Ligue erklärte daher auf Anstiften des Herzogs Heinrich von Guise (s. d.) den Cardinal von Bourbon zum recht- mäßigen Thronerben und griff zu den Waffen. Zugleich aber zwang man dem Könige das Edict von Nemours (7. Juli 1585) ab, welches dem Navarrer sein Recht raubte und die Hugenotten aufs neue mit Vernichtung bedrohte. H., überdies vom Papste Sixtus V. im Sept. l 585 geächtet, stellte sich wieder an die Spitze der Hugenotten und erfocht am 20. Oct. >587 den wichtigen Sieg bei CoutraS. Schon längst hatte Heinrich4Il., durch den Herzog von Guise mit einer Thronrevolution bedroht, eine feste Verbindung mit dem zuverlässigen Navarrer im Auge gehabt. Die schlimme Lage, in welche jener König durch die Ermordung des Herzogs der Ligue gegenüber gerieth, brachte endlich die Vereinigung am 3. Apr. >589 zu Tours zu Stande. H. führte nun sein durch den königlichen Anhang verstärktes Heer vor Paris, wo ihm plötzlich, inmitten der Belagerung, am 2. Aug. >589, Heinrich IV. (König von Frankreich) LI durch den Tod des durch Mörderhand verwundeten Königs, kraft des Salischen Gesetzes (s. d.) und der Verordnung des Sterbenden, die franz. Krone zufiel. Hoher Muth und Geistesgröße war erfoderlich, um den Kampf um den Thron gegen die von einer fanatischen Priesterschaft, dem Papste und dem Könige von Spanien unterstützte Ligue rüstig fortzuführen. Ungeachtet des Treueids fielen bald die katholischen Truppen und Anführer von H. ab. Da der Herzog von Mayenne (s. Guise) mit einem starken Heere anrückte, zerstreute der König seine Truppen, verschanzte sich mit 6000 M. hinter dem Flusse Bethune bei Dieppe und schlug in dieser Stellung am 21. Sept. 158» das 30000 M. starke Heer des Herzogs. Schon am I. Nov. erschien er wieder vor Paris, zog sich aber am folgenden Tage zurück und begann, von England durch Geld und Mannschaft unterstützt, die Eroberung der Provinzen. Die Sache der Liguisten befand sich in großer Verwirrung. Der König von Spanien hatte sich zum Bundeshaupte erklärt und hegte den Plan, seine Tochter Jsabella, die Nichte Heinrich's III., durch Umgehung des Tauschen Gesetzes auf den franz. Thron zu setzen. Um die span. Ränke zu hindern, ließ der Herzog von Mayenne am 21. Nov. 1589 den alten Cardinal von Bourbon als KarlX. zu Paris zum Könige ausrufen und ertheilte sich selbst die Würde eines Eeneralstatthalters. So gestalteten sich mehre Parteien, welche einander lähmten und dem Könige H. in die Hände arbeiteten. Durch ein span. Hülfscorps unter dem Grafen Egmond verstärkt, griff Mayenne den König am l-1. März >59« bei dem Flecken Jvry an der Eure an und verlor dabei 10000 M. und sein Geschütz. H. belagerte nun nochmals Paris, eroberte am 27. Juli die Vorstädte und stand schon wegen der Übergabe in Unterhandlung, als er sich vor der Ankunft des Herzogs von Parma, welcher der Ligue 15000 auserlesene Spanier aus den Niederlanden zuführte, zurückzichen mußte. Auch der Papst Gregor XIV. schickte Geld und ein Hülfscorps von 10000 M., und der Herzog von Savoyen eröffnet? in der Dauphine und Provence den Krieg. H., obschon durch engl, und deutsche Hülfsvölker all- mälig auf 30000 M. verstärkt, beschränkte sich jetzt auf die Einnahme fester Plätze. Der Umstand, daß auf der am 26. Jan. 1593 zuParis cröffneten Reichsversammlung die Anträge Spaniens zu Gunsten Jsabella's verworfen wurden, stimmte die Gemüther der Katholiken für ihn allmälig milder und trug dazu bei, daß Mayenne endlich in einen Waffenstillstand willigte. Und dennoch würde H. wahrscheinlich nie in den vollen Besitz seines Reichs gelangt sein, hätte er sich nicht jetzt auf den Rath seines klugen und redlichen Ministers de Rosny, später» Herzogs von S ul ly (s.d-) entschlossen, zumKatholicismns überzutreten. Dies geschah am 25. Juli 1593 in der Kirche zu St.-Denys. So sehr dieser Schritt die Hugenotten verletzte, setzte er die Katholiken, namentlich die arg bedrängte Hauptstadt, in große Freude. Der Adel und die wichtigsten Städte fielen ihm nun zu, und nachdem er sich am 27. Febr. 1593 zu Chartres hatte krönen lassen, öffnete ihm auch am 22. März Paris ohne Gewalt die Thore. Allmälig erst verglichen sich die Häupter der Ligue. Der Herzog von Mayenne unterwarf sich im Jan. 1596, nachdem H. einige Monate zuvor vom Papst Clemens VIII. die Absolution erhalten; der Herzog von Mercoeur führte sogar den Krieg in Bretagne bis 1598. Ungeachtet H. mit Weisheit, Eroßmuth und dem ihm eigenen Wohlwollen zu Werke ging, bedrohten ihn doch fortwährend die Dolche der von den Jesuiten angcstiftetcn Fanatiker. Da der span. Hof Alles aufbot, den Bürgerkrieg wieder anzufachen, so wurde demselben im Jan. 1595 förmlich der Krieg erklärt, der ohne große Erfolge an den Grenzen der Niederlande fortgeführt wurde, bis H., freilich ohne Rücksicht auf seinen Bundesgenossen England, am 2. Mai 1598 mit Spanien den Frieden zu Vervins schloß. Zu gleicher Zeit beruhigte er die Hugenotten (s. d.), am 13. Apr. 1598, durch das berühmte Edict von Nantes. Nach der Scheidung von seiner ersten Gemahlin, heirathete der König auf Zuthun des Papstes 1600 Maria von Medicis, die Tochter des damaligen Großherzogs Ferdinand von Toscana. Einen kurzen Krieg mit Savoyen um Saluzzo abgerechnet, hatte H. nun Ruhe, um an der Hebung des innern Zustandes seines tief zerrütteten Reichs zu arbeiten. Die Statthalter und großen Grundbesitzer hatten sich in den langen Wirren fast souverain gemacht; sie erhoben eigenmächtig Zölle, Abgaben, legten Frohndienste auf und spotteten des Parlaments, dessen Ansehen durch häufige Zersprengung gänzlich gesunken 22 Heinrich H. (König von England) war. Alle diese MiSbrauche wurden jetzt mit Festigkeit abgestellt. Zur neuen Begründung ves bürgerlichen Wohlstandes ließ H. Kanäle und Straßen bauen, ermunterte und unter» stützte Handel und Gewerbe und veranlaßte die Gründung franz. Colonien in Amerika. Auch der Ackerbau hob sich durch diese Maßregeln aus dem elendesten Zustande; soweit wollte cs der König noch bringen, daß „jeder Bauer des Sonntags sein Huhn im Topfe" habe. Der Hebel dieser Verbesserungen war aber die Ordnung und Herstellung der Finanzen, deren Verwaltung Sully seit >590 übernahm. Dreißig Will. Livres wurden dem Staate allein dadurch erhalten, daß jetzt die Unterpächter das Geld unmittelbar in den Schatz liefern mußtzen. Dabei wurden verschwenderische Gnadengehalte eingezogen, neue Contracte mit den Generalpächtern (s.d.) geschlossen und eine königliche Kammer errichtet, welche die Unterschlcife der Beamten untersuchte und bestrafte. Freilich ergriff man auch manche Maßregeln, die aufgeklärtere Zeiten verwarfen. So wurden unter H. durch die Paulette (s. Frankreich) die Staatsämter erblich gemacht. Ungeachtet 20 Mill. rückständiger Steuern erlaffen waren, hatte Sully nach zehn Friedensjahren die Staatsschuld von 330 Mill. bis auf SO abgezahlt und einen bedeutenden Schatz gesammelt, wozu die Reduction des Heers auf die Hälfte nicht wenig beitrug. Ein solcher Geist der Ordnung war den Großen, die aus der Anarchie Nutzen gezogen, anstößig; dieselben ließen sich darum mehr- fach in Conspirationen mit dem Auslande ein. Selbst in diesen Fällen ließ der König Gnade für Recht ergehen, nur der Marschall Biron mußte >602 das Schafot besteigen. Nachdem Frankreich im Innern gestärkt, faßte H. die äußere Politik ins Auge. Er hatte !>en riesenhaften Plan für eine allgemeine christliche Republik entworfen, von dessen Ausführung er überzeugt war. Zm Wesentlichen solltze Europa in >5, theils aristokratische, theils demokratische und monarchische Staaten getheilt werden, die, untereinander verbunden, einen obersten Friedenssenat au der Spitze hätten. Eine bedeutende Streitmacht sollte dieses Staatensystem gegen die Russen und Türken schützen, und Letztere überhaupt aus Europa treiben. Zunächst aber ging der Plan auf die Demüthigung des span.-östr. Hauses. H. verband sich zu diesem Zwecke mit den meisten Staaten Europas. Er selbst rüstete ein bedeutendes Heer, das zum Schrecken der damaligen Welt SO metalleneKanonen führte, und setzte diese Macht beim Ausbruche des jülichschen Successionsstreits, in dem er Kurbrandenburg und Pfalz-Neuburg unterstützen wollte, in Bewegung. Ganz Europa sah mit Spannung großen Ereignissen entgegen. Die Königin sollte während des Kriegs die Regentschaft führen und verlangte deshalb auf Eingebung ihres Günstlings Concini gekrönt zu werden. Nur ungern willigte H. in die Cercmonie, die am >3. Mai >610 stattfand. Nicht nur das Ungeheure seiner Entwürfe, sondern auch der Umstand, daß sich seit einigen Monaten in und außerhalb Frankreich das Gerücht verbreitete, H. sei ermordet worden, oder gehe doch diesem Schicksale entgegen, warfen trübe Ahnungen in sein sonst starkes Gemüth. Und in der Thal, er hatte sich nicht getäuscht. Am Tage nach der Krönung fuhr er, um den kranken Sully zu besuchen, Nachmittags gegen 4 Uhr durch die enge Straße la Feronnerie und wurde daselbst im Wagen, umgeben von mehren Großen, durch einen Mes- serstoß Ravaillac's (s. d.) ermordet. Man legte die Blutthat bald der Königin, bald den nst dem span. Hofe verbundenen Jesuiten zur Last; das Letztere ist sogar mehr als wahrscheinlich. Weder Spanien noch Ostreich hatten sich zu dem bevorstehenden Kampfe gerüstet. Frankreich verlor mitH., diesem als Mensch, Held und Herrscher großen Charakter, unermeßlich; bis auf die Gegenwart hat er dem Volke als der größte und beste König gegolten. Der einzige Schatten in seinem Leben sind die vielen Maitressen, darunter Ga- brielle d'Estrees (s.d.) und Henriette d'Entragues, an die er oft ungehörig Zeit und Geld verschwendete. Er hinterließ acht natürliche Kinder, für die er mit gleicher Zärtlichkeit sorgte. Von seinen Nachkommen aus zweiter Ehe (s. Bourbon) bestieg sein neunjähriger Sohn, Ludwig XIH. (s. d.), den Thron. Vgl. Pere'fixe, „Histoire Os Henri IV" (neue Aust., von Andrieur, Par. I8-ZS); Duplessis-Mornay, „Nemoires et correspon- «lanee, pour »ervir e l'instoire Oe Io retorination et Oes Fuerres civiles et rsl'igieiw«, en Vrsoce, Oepni» I'an 1571 jnsczu'en I623"(I5 Bde., Par. >825) und Capefigue, ,,II>«- toire Oe I» rekorma, l s-t—89, Sohn des Grasen Gottfried Plan» 23 Heinrich IV. (König von England) tagenet (s. d.) von Anjou und Mathilde's, der Tochter Heinrichs!, von England, wurde am 3. März 1133 in der Normandie geboren und von dem gelehrten Robert von Gloucc- ster trefflich erzogen. Nach dem Willen des Großvaters war seiner Mutter und ihm der engl. Thron bestimmt. Allein sein Vetter,-Stephan von Blois (s. Großbritannien), wußte sich denselben zuzueignen und gegen Mathilde zu behaupten. Vom Vater erbte H. 1 l5l Anjou und Maine, und durch Verheirathung mit der geschiedenen Gemahlin Lud- wig's VII. von Frankreich, Eleonore von Poitou, wurde er 1152 Allodialherr des dritten Theiles von Frankreich. Er begann nun mit dieser Hausmacht den Krieg gegen Stephan und zwang denselben, ihn zum Erben der engl. Krone einzusctzen. Demzufolge bestieg H. am >9. Dec. 1154 den Thron. Unter achtzehnjährigen Empörungen und Kriegen war das Land in tiefe Zerrüttung versunken. H. beschwor zwar den Freibrief seines Großvaters, zog aber auch die verschleuderten Krongüter wieder ein, bändigte den wilden, räuberischen Adel, milderte das Joch der Bauern und hob das Städtewesen, Handel und Gewerbe durch nützliche Privilegien. Die Heerbannpflichtigkeit verwandelte er, um die Krone von den Großen völlig unabhängig zu machen, in eine Geldleistung, das sogenannte Scutagium; zugleich trieb er die niederländ. Söldnerbanden aus dem Lande und warb in seinen eigenen Provinzen. Nachdem H. 1161 einen Kampf in Frankreich beendet, unterwarf er mit bedeutender Streitmacht die unruhigen Walliser und zwang deren Fürsten zur Huldigung. Dann suchte er dem Papste und dem Klerus solche Schranken zu setzen, daß deren Anmaßungen die Regierungseinheit nicht mehr störten. Die Prälaten mußten 1164 aus dem Reichstage zu Clarendon eine Kirchenconstitution unterschreiben, welche die Acte des Papstes der Krone unterstellte. Thomas B ecket (s. d.), den der König 1162 vom Kanzler zum Primas erhoben, wiegelte aber hinterher die Geistlichkeit auf und setzte das ganze Reich in Bewegung. Mn von H. im Unwillen über den treulosen Priester hingeworfenes Wort veranlaßte 1179 mehre Edelleute den Beckct am Altäre zu ermorden. Man beschuldigte den König, gewiß aber mit Unrecht, dieses Verbrechens, und nun brach Fanatismus und Empörung von allen Seiten los, besonders als die Priesterschaft den Ermordeten zum wunderthätigen Heiligen machte. H. mußte endlich, um den Bann von seinem Haupte zu wenden, am Grabe des Heiligen Buße thun und den Mord abschwörcn. Auch die Constitution wurde widerrufen. Dafür erlaubte der Papst dem Könige, das in sich zerrissene Irland (s. d.) zu erobern, was von l171 —V2 geschah. Viel Unheil verursachte ihm auch seine böse, auf die schöne Nosamunde C lisford (s. d.) eifersüchtige Gemahlin Eleonore. Dieselbe reizte den Kronprinzen Heinrich, der 1171 Mitregent geworden, zur Empörung. Der Prinz eröffnete mit seinen Brüdern und dem Könige von Frankreich gegen den Vater den Krieg in dessen franz. Besitzungen. Zugleich schlug König Wilhelm von Schottland los und der Graf Leicester erhob die Fahne des Aufruhrs in England. H. überwältigte das Heer des letzter« am 26. Aug. 1173 bei Dolen, machte sich durch den Sieg bei Alnwick am I3.Aug. 1174 den schot. König lehnspflichtig und setzte dann nach Frankreich über, wo er schnell Frieden schloß und den Söhnen verzieh. Große innere Reformen folgten diesen Wirren. H. schaffte gegen 1 >76 die Gottesurtheile ab, theilte das Land in Gerichtsbezirke, wie diese heute noch bestehen, führte die Assisen ein und milderte die Jagdgesetze und das Strandrecht. Auch die gegenwärtigen Gefttze Englands gegen Schuldner haben ihn zum Urheber. Im I. 118V brachen zu seinem Leidwesen die Zwiste mit seinen Kindern wieder aus, in die sich auch der König von Frankreich mischte; und kaum war dieser Krieg gegen die habsüchtigen Söhne beigelegt, als Richard die Waffen gegen den Vater 1188 nochmals ergriff und die franz. Besitzungen in Aufruhr brachte. H. gab deshalb den Entschluß zu einer Kreuzfahrt nach Palästina aus und rüstete in England. Als er aber auf der Liste der Empörer auch den Namen seines Lieblingsohnes, Johann, fand, warfihn der Schmerz auf das Krankenlager; er starb am 6. Juli l 189. Der einzige Fehler dieses großen, edeln und gebildeten Königs war wol, daß er Andern zu leicht Vertrauen schenkte. Da der älteste Sohn, Heinrich, 1183 gestorben, folgte ihm aus dem Throne der zweite, Ni chardI. (s. d.). Vgl. Lyttleton, „üistor)' nk Ille live oftzlenr^ II" (3 Bdc., Aond. 1767). Heinrich IV., König von England, 1399—1413, geb. 1367, der Sohn Johann's von Gaunt, Herzogs von Lancaster, und der Enkel König Eduard's III., führte früher die 24 Heinrich V. (König von England) Titel eines Grafen von Derby und Herzogs von Hereford. Zn seiner Jugend betheiligte er sich lebhaft an den innern Unruhen, und 1392 führte er einen Kreuzzug gegen die heidnischen Lithuuer, wobei er sich den Ruhm eines Helden erwarb. Der schwache König Richard II. (s. d.) fürchtete ihn als künftigen Parteimann und verbannte ihn, zufolge eines Streits mit dem Herzogen Norfolk, >398 auf immer aus England. Die gute Aufnahme, die H. in Frankreich fand, verstärkte den Haß des Königs. Als daher 1399 H.'s Vater, Herzog Johann von Lancaster, starb, zog Richard willkürlich die Güter und Rechte dcS Hauses Lancaster ein. H. erschien darauf am 3. Juli 1399 mit andern Unzufriedenen in der Grafschaft Dork und erhielt außerordentlichen Zulauf. Obschon er nur erklärte, daß er komme, um die Rechte seines Hauses mit gewaffneter Hand zu verlangen, zählte sein Heer bald mehr als 69990 M- Richard, der sich zum Unglück gerade in Irland befand, schickte ihm den Grafen von Salisbury entgegen, dessen Corps von 40099 M. jedoch leicht zerstreut wurde. Nicht glücklicher war der König selbst, als er endlich erschien. H. lockte denselben in seine Gewalt, indem er ihm Ergebenheit versicherte, steckte ihn aber dann in den Tower, zwang ihm am 29. Sept. 1399 eine Cessionsacte ab und klagte ihn dazu vor dem Parlamente an. Das Parlament erklärte den schwachen Richard sogleich der Krone unwürdig und ließ am 39. Sept. H. als König von England ausrufen. Richard starb wenige Wochen darauf eines gewaltsamen Todes. Da der siebenjährige Graf de la Marche, Edmund Mortimer, dem Hause Jork, wenn auch nur von weiblicher Seite entsprossen, ein näheres Anrecht auf den Thron besaß als das Haus Lancaster (s. Plantagenet), so ließ H. den Knaben einsperren. So schnell und glücklich auch die Gewaltthätigkeiten vollzogen wurden, erregten sie doch dem Usurpator viele Feinde. Der Graf von Salisbury verschwor sich mit andern Großen noch zu Gunsten Richard's, mußte aber im Jan. 1400 mit dem Kopfe bezahlen. Zugleich fiel der König Robert von Schottland ins Land, und in Wales erhob Owen Glendower, ein Abkömmling dervormaligen Fürsten, die Fahne des Aufruhrs. Mit LeHterm verband sich, zu Gunsten des Prinzen Mortimer, Heinrich Percy, Graf von Northumberland, der zur Thronerhebung H.'s wesentlich beigetragen, sich aber jetzt vernachlässigt glaubte. Sein ältester Sohn, Heinrich Percy, seiner Kühnheit wegen Hotspur, d- i. Heißsporn, genannt, stellte sich an die Spitze des Bundesheers und wurde vom Könige am 21. Juli 1403 in dem berühmten Treffen bei Shrewsbury geschlagen und gelödtct. Der alte Percy vermittelte hierauf zwar den Frieden, verband sich aber 1405 mit dem Erzbischof von Jork, Richard Scrope, nochmals zu H.'s Sturze. Der König ließ die Empörer durch Verrath gefangen nehmen und enthaupten. H. führte nun die Regierung in Ruhe und zeigte viel Klugheit, Wachsamkeit und Mäßigung. Das Parlament, dem er gegen den Adel manche Zugeständnisse machte, trug ihm mehrmals die Einziehung der geistlichen Güter an, was er jedoch ablehnte. Vielmehr suchte er sich bei der Geistlichkeit durch die Verfolgung der Wicliffiten beliebt zu machen. Gegen Schottland kämpfte H. glücklich. Wie- wol er den jungen Sohn König Robert'S in fortdauernder Gefangenschaft hielt, machte er dieses unedle Betragen doch durch eine treffliche Erziehung des Prinzen gut. An die Wie- dereroberung der franz. Besitzungen konnte er in seiner Lage nicht denken. Immer besorgt, die angemaßte Krone zu verlieren, und von Gewissensbissen verfolgt, fiel er in den letzten, Jahren in Geisteskrankheit. Er starb am 20. März 1413, als er sich zu einem Zuge nach Palästina vorbereitete. Sein Sohn Heinrich V. (s. d.), von dem er argwohnte, als trachte er ihm bei Lebzeiten nach der Krone, war sein Nachfolger. Heinrich V., König von England, 1413—22, auch Regent von Frankreich, der Sohn des Vorigen, war 1388 geboren. Von lebhaftem Naturell und durch seinen argwöhnischen Vater zur Thatenlosigkeit verurtheilt, gab er sich als Kronprinz der Gesellschaft wüster Gesellen hin, sodaß man ihn verachtete und an seiner Herrscherfähigkeit zweifelte. Doch legte er in manchen Fällen edle Züge an den Tag und benahm sich auch mit Muth und Einsicht in der Schlacht von Shrewsbury. Mit der Thronbesteigung entfernte er die unwürdige Gesellschaft, umgab sich mit den Rathen seines Vaters, deren harten Tadel er oft erlitten und zeigte sich ebenso tüchtig als König, wie liebenswürdig als Mensch. So empfing er den Oberrichter Gascoigne, der ihn früher wegen unziemlichen Betragens verhaftet, mit Auszeichnung. Durch eine allgemeine Amnestie suchte H. die Härten des Va> 25 Heinrich VII. (König von England) terS, besonder- an dem Hause Percy, auszugleichen. Dagegen opferte er die Anhänger Wicliffe's, die Lollharden (s. Großbritannien), der fanatischen Geistlichkeit. Um die Thatkraft der Nation nach außen zu leiten und die franz. Landschaften wiederzugewinnen, beschloß er den Krieg gegenFrankreich,das damals unter dem wahnsinnigen Karl Vl.(s.d-) von Parteien zerrüttet wurde. Nachdem er die Verschwörung des Grafen Richard von «Cambridge, Stammvater des Hauses Pork (s. Plantagenet), unterdrückt, erschien H. im Aug. I -115 mit 30000 M. in der Normandie und überwältigte Harfleur, gerieth aber mit dem Heere durch Mangel und Krankheit in die traurigste Lage. H. bot den Franzosen, die viermal stärker anrückten, den Frieden und die Rückgabe des Platzes für einen freien Abzug nach Calais. Allein diese foderten unbedingte Unterwerfung und griffen sein geschmolzenes Heer am25.Oct. l415 in der waldreichen Gegend beim Dorfe Azincourt (s. d.) an. Das Feldherrntalent des Königs, die kaltblütige Tapferkeit der Engländer und die Beschaffenheit des Terrains, das die Entfaltung der franz. Reiterei nicht gestattete, zog den Franzosen eine fast unglaubliche Niederlage zu. H. kehrte nach England zurück und verband sich mit demHerzog Johann von Burgund zurvölligen Eroberung Frankreichs (s.d.). Doch erschien er erst wieder im Aug. 1417 mit 25000 M. in der Normandie und eroberte binnen zwei Jahren fast diese ganze Provinz. Gern hätte sich der Herzog von Burgund von den Engländern losgesagt und mit dem Dauphin, nachherigen Karl VII. (s.d.) vereinigt, allein Letzterer haßte und fürchtete den Herzog und ließ ihn am l 0. Sept. 1419 sogar ermorden. Der nunmehrige Herzog Philipp der Gute von Burgund verband sich jetzt, um den Vater zu rächen, um so enger mit dem Könige von England. Dieses Bündniß führte endlich am 21. Mai 1420 zwischen H. und dem franz. Hofe den Vertrag von Troyes herbei. Gemäß der Übereinkunft vermählte sich H. mit Katharina, derTochterKarl's VI. und übernahm die Regentschaft von Frankreich unter der Bedingung, daß nach dem Ableben des wahnsinnigen Königs ihm und seinen Nachkommen aus dieser Ehe die franz. Krone zufal- ^ len sollte. Obschon die Rechte und Freiheiten beiderVölker dabei verbürgt waren, so erregte die Vereinigung der Kronen auf ein Haupt sogar in England wenig Freude, zumal der durch ein schot. Hülfscorps verstärkte Dauphin den einen Theil von Frankreich behauptete. Auf die Nachricht von der Niederlage des Herzogs von Clarence bei Be'aug in Anjou am 22. März 1421 eilte H. mit einem Heere von 25VVV M. nochmals nach Frankreich, konnte aber den Dauphin zu keinem entscheidenden Treffen bewegen. Er starb auf diesem Feldzuge in der Höhe seines Glücks und Ruhms am 31. Aug. 14 22 zu Vincennes, und einige Monate später folgte ihm sein unglücklicher Schwiegervater. H., dessen Charakter die Dichtungen Shakspeare's vorzüglich zeichnen, war von den Engländern geliebt und bewundert, selbst von den Franzosen als Feldherr und Mensch geachtet. Seine Negierung zeichnete sich durch strenge Handhabung des Gesetzes aus; überdies schaffte er die Lehn- miliz ab und führte,das bewaffnete Bürgerthum ein. In seinen politischen Entwürfen wurde er von dem Parlamente nur kärglich unterstützt. Die engl. Staatseinkünfte beliefen sich damals auf 55700, die gewöhnlichen Ausgaben auf 52200, die Subsidienbewilligun- gen aber während dieser Regierungsepoche auf nicht mehr als 203000 Pf. St. Oft mußte daher der König seine Kostbarkeiten, selbst die Krone versetzen; dennoch ließ er sich nie zu . Erpressungen verleiten. Sein neun Monate alter Sohn, Heinrich VI. (s. Eduard IV. und Großbritannien), geb. am 6. Dec. 1421, folgte ihm auf dem Throne von England und wurde 1430 zu Paris auch als König von Frankreich gekrönt. Katharina heira- lhete bald nach dem Tode ihres Gemahls den walesischen Edelmann Owen Tudor (s. d.), dessen Nachkommen später die engl. Krone erwarben. Vgl. Goodwin, „Historx ok tke reign okUenr^ V" (Lond. 1704). Heinrich VII., König von England, 1485—1509, geb. 1456, war derSohnMar- garetha's von Beaufort, Erbtochter des Hauses Lancaster (s. Plan tage net) und Edmund Tudor's, Grasen von Richmond, dessen Titel er auch führte. Nach der Vertreibung des Hauses Lancaster vom engl. Throne durch Eduard IV. (s. d.) aus dem Hause Aork, wurde der junge Richmond von seinem Oheim, dem Grafen Pembroke, nach der Bretagne gebracht. Vergeblich foderte hiep Eduard von dem Herzoge Franz II. Richmond's Auslieferung. Als nachher Richard III. (s. d.) den engl. Thron usurpirte, richteten sich auf 26 Heinrich (König von England) Richmond nicht nur die Augen der Lancastrier, sondern Aller, welche den Usurpator haßten und fürchteten. Der Herzog von Buckingham, der mit dem Sturze des Tyrannen umging, brachte sogar die Verlobung Nichmond's mit Elisabeth, der ältesten Tochter Eduard's IV. zu Stande, wodurch gewissermaßen das Interesse der feindlichen Häuser Aork und Lancaster ausgesöhnt und das Thronrecht Nichmond's gestärkt wurde. Indessen mußte Buckingham seinen Plan mit dem Kopfe bezahlen, und König Richard bewarb sich selbst um die Hand der Prinzessin. Richmond entschloß sich darum zu einer entscheidenden That. Er entwich, überdies durch den Günstling des Herzogs, Peter Landais, mit Auslieferung a» Richard bedroht, an den Hof Karl s VIll. von Frankreich und fand hier Unterstützung. Nachdem er eine Expedition von 200«» Engländern ausgerüstet, ging er zu Harfleur unter Segel und landete am 6. Aug. 1-185 zu Milford-Haven in Südwales, wo ihm sogleich beträchtliche Verstärkungen zufielen. Bei Bosworth endlich stieß Richmond am 22. Aug. >485 mit Richard zusammen, dessen Heer gegen 12000 Streiter zählte, während er selbst nur 6000 M. besaß. Im Beginn des Treffens trat jedoch Lord Stanley, der sich bisher sür keine Partei entschieden, mit 7000 Streitern zu Richmond über, und dies verursachte die völlige Niederlage der Königlichen. Richard selbst wurde getödtet. Seine Krone fanden die Sieger auf der Wahlstatt; sie wurde Richmond aufgesetzt und derselbe sogleich als König Heinrich VII. von England ausgerufen. Auch das Volk und die Großen, der Tyrannei und des Bürgerkriegs müde, empfingen den neuen König mit Jubel. H. konnte sein Thronrecht auf Eroberung, auf Vermählung mit Elisabeth, endlich auf seine Abstammung als Lancastrier gründen. Er wählte das Letztere und begann zugleich eine neue Verfolgung des Hauses Jork, indem er sich des jungen Grafen Warwick, des einzigen männlichen Sprüß- lings der Weißen Rose, versicherte. Erst nachdem er am 30. Oct. gekrönt und am 7. Nov. vom Parlament als König bestätigt worden, entschloß er sich zur Vermählung mit Elisabeth, der er ebenfalls seinen Haß gegen das Haus Jork empfinden ließ. Die Nation hatte den alten, unheilsvollen Hader gesühnt geglaubt, aber diese Verfolgung rief allenthalben Mißvergnügte hervor. Ein schlauer Priester zu Oxford, Simon, bewog den Sohn eines Bäckers, Lambert Simnel, sich für Richard von Aork, den Sohn Eduard's IV., bald darauf aber für den Grafen Warwick auszugeben. Dieser Betrüger spielte seine Rolle so trefflich, daß ihm die Großen Irlands als Eduard VI. krönten. Gefährlich wurde dieser Aufstand, als die verwitwete Herzogin von Burgund, die Schwester Eduard's IV-, unter dem Grafen Lincoln ein Hülfscorps nach Irland sandte, das, durch Irländer verstärkt, in England einsiel. H. schlug die Empörer im Juni 1387 bei Stoke in der Grafschaft Nottingham und rächte sich an dem gefangenen Simnel, daß er ihn als Küchenjungen in der Hofküche anstellte, während die Mitschuldigen an Geld gestraft wurden. Obschon die Politik H.'s nicht kriegerisch war, wurde er doch in den Streit des Herzogs vonBretagnemit Frankreich verwickelt. Er rüstete, anscheinend um die Gelegenheit zur Wiedercroberung der früher« engl. Besitzungen zu benutzen, ein starkes Heer und erschien mit demselben im Oct 1392 vor Boulogne, ließ sich aber sogleich den Frieden (am 30. Nov. zu Etaples) vom Könige Karl VIII. durch große Summen abkaufen. Unterdessen hatte die Herzogin von Burgund gegen H., den Feind ihres Hauses, einen neuen Prätendenten in der Person eines gewissen Perkin Warbeck, von jüdischer Abkunft, ausgestellt- Derselbe war während der Spannung am franz. Hose mit königlichen Ehren empfangen worden und erschien nach dem Frieden in Schottland, wo ihn König Jakob IV. als den Sohn Eduard's IV. aufnahm und mit einer Verwandten, Lady Gordon, vermählte. Zu Perkin's Gunsten, der sich Richard IV. nannte, siel Jakob sogar 1395 mit einem Heere in England ein. Erst 1397 machte er mit H. Friede und überließ Perkin, dem mittlerweile viele engl, in die Verschwörung eingeweihte Große gehuldigt hatten, seinem Schicksal. Perkin floh nach Cornwallis, wo das Volk mit den Erpressungen des.Königs unzufrieden war, und unternahm mit geringem Anhänge die Belagerung von Exeter. H. erwischte ihn hier, ließ ihn in den Tower sperren und später wegen wiederholten Fluchtversuchs hängen. Den Frieden benutzte nun H., um das zerrüttete Reich zu ordnen, aber auch seinen Thron zu befestigen und die Grenzen der königlichen Gewalt möglichst zu erweitern. Er entfaltete hierbei eine Thätigkeit, Festigkeit und Klugheit, die ihm den Ruhm des größten Politikers seiner Zeit erworben. H. 27 Heinrich VHI (König von England) schwächte die Macht des Adels, indem er demselben das Zerschlagen des großen Grundbesitzes erlaubte und'die Bauern gesetzlich von den Feudallasten befreite. Hingegen begün- stigte und hob er das Bürgerthum durch eine durchgängige Verbesserung der Gesetze und der Rechtspflege. Vorzüglich aber war sein AugeiWerk auf den Nerv des engl. Wesens, auf die Entfaltung des Handels und der Schiffahrt gerichtet, und hier half er sowol durch Gesetze wie durch oft bedeutende Geldopfer. Unter ihm wurde das erste engl. Kriegsschiff gebaut. Nur der Zufall verhinderte es, daß nicht er Colombo auf die Entdeckung der neuen Welt ansschickte; auch unterstützte er den Venetianer Caboto, der >497 das Festland von Amerika entdeckte. In seinem Charakter glich H. Wilhelm dem Eroberer; er war streng, berechnend und noch mehr gelbsüchtig als ehrgeizig; er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um durch Recht oder Unrecht den Schah zu vermehren, den er sammelte. H. starb am 22. Apr. > 599. Noch zuletzt erließ er eine Amnestie und verordnete die Zurückgabe erpreßter Gelder. Vgl. Marsolier, „klistoire »le Hmir^ VII" (Par. >799). Heinrich Vill., König von England »nd Irland, 1599—47, der Sohn des Vorigen, geb. am 28. Juni 1491, besaß tüchtige Eigenschaften des Geistes und Körpers und erhielt eine gelehrte, theologische Erziehung. Das von der Habsucht des Vaters geplagte Volk begrüßte seine Thronbesteigung mit Jubel und ließ sich von dem Glanze seines ersten Auftretens blenden. Nachdem sich H. > 799 mit Katharina von Aragonien, der Witwe seines Bruders Arthur und der Mutterschwcster Kaiser Karl's V., vermählt, blos um das Verhältnis mit Spanien gegen Frankreich sortzusehen, mischte er sich aus gleichem Grunde in die auswärtigen Händel. Er verband sich 1712 mit Maximilian I. gegen Ludwig XII. (s. d.). Obschon er am I7.Aug. 1719 mit dem Kaiser die sogenannte Sporenschlacht bei Guinegate gewann, gewährte ihm doch der kostspielige Krieg keinen Vortheil. Überdies von dem Eigennutz der Verbündeten empört, schloß er im Aug- >514 mit Ludwig XII. nicht nur Friede und gab ihm seine Schwester Maria zur Gemahlin, sondern mit Franz I. nachher sogar ein Schutzbündnis gegen Karl V. Auch Schottland, das in der Schlacht von Flodden am9.Sept. >719 König Jakob IV. verloren, erhielt einen billigen Frieden. Nach Franz' I. (s- d.) Thronbesteigung schien das Bündnis H.'s mit Frankreich um so fester, als beide Könige bei Bewerbung um die Kaiserkrone gegen Karl von Spanien durchgefallen waren. Doch H.'s Günstling, der Cardinal und Kanzler W o lsey (s. d.), wurde vom Kaiser Karl V. durch Aussichten auf die Papstwürde gewonnen und zog auch seinen Herrn von Frankreich ab. Im Nov. 1721 kam mit dem Kaiser und dem Könige von England ein geheimer Vertrag zu Stande, nach welchem H. im Juni 1522 einen höchst unpolitischen Krieg gegen Frankreich eröffncte. Ebenso willkürlich benahm er sich aber auch in der in- nern Politik. Nachdem er den Schatz seines Vaters verschwendet, griff er zu Erpressungen, zwang > 529 dem Parlament unter Androhung von Todesstrafen eine große Summe ab und regierte dann, über den Widerstand desselben ergrimmt, sieben Jahre ohne Parlament. Unterdessen hatte Wolsey in Rücksicht der Papstwahl mehrfache Täuschung erfahren und suchte nun aus Rache den König von der Sache des Kaisers zu trennen. Zwar wurde das engl. Heer aus Frankreich nicht zurückgerufen, als aber Franzi. bei Pavia 1525 in des Kaisers Gefangenschaft gerieth, ließ sich H. nicht mehr abhaltcn, mit dem franz. Hofe ein Freund- schaftsbündniß zu schließen. Der hereindrohende Kampf gab dem Könige Vorwand zu den härtesten Schatzungen und Erpressungen, sodaß das Volk in vielen Gegenden Englands in Aufruhr gerieth. Die Feindseligkeiten gegen den Kaiser von engl. Seite begannen jedoch erst zu Anfänge des 1.1728 und endeten mit dem Frieden zu Cambray am 7.Aug. 1529. Schon längst ging H. mit einer Scheidung von seiner Gemahlin, der Tante des Kaisers, um, und jetzt, nachdem das enge Verhältnis mit demselben gelöst, begann er die Ausführung dieses Plans. Er äußerte Gewissenszweifel über die unkanonische Verbindung mit der Witwe seines Bruders und erklärte sich mit der Dispensation des Papstes nicht beruhigt, da diese während seiner Minderjährigkeit ertheilt worden sei. Der Hauptgrund für die Scheidung war aber wvl, daß der König seine reizlose Gemahlin, von der er mir eine Tochter besaß, nicht liebte und die schöne Anna Boleyn (s. d.) heirathen wollte. Der Papst Clemens VII. suchte dieser Angelegenheit aus Furcht vor dem Kaiser auszuweichen, schickte aber endlich den Cardinal Campeggio nach London, der mit Wolsey den Schei- 28 Heinrich VIII. (König von England) dungsproceß führen sollte. Ehe jedoch der Spruch geschah, rief Clemens den Legaten ,'m Aug. 1529 zurück und lud den König vor sein eigenes Tribunal nach Nom. Wolsey erfuhr zuerst den Zorn H.'s und wurde abgesetzt. AufCranmer's (s- d.) Rath, der sich hierdurch den Weg zum Primas bahnte- legte man nun die Ehesache des Königs den in- und ausländischen Universitäten, selbst den jüdischen Schriftgelehrten vor. Die berühmtesten Theologen erklärten, mit Ausnahme Luthers und Melanchthon's, die Ehe für ungesetzlich. Auch die engl. Geistlichkeit war natürlich dieser Ansicht, obschon die Universitäten Oxford und Cambridge aus Furcht vor der Reformation einen solchen EntscheidungS- weg misbilligten. H. hatte bisher als eifriger Katholik gegolten; mit Feuer und Schwert war er nicht nur den Wieliffiten/ sondern auch der Reformation Luther's entgegengetreten, ja seine Schriftstellern gegen Luther hatte ihm sogar vom Papste Leo X. den Titel des ve - fsnsor fitlei (s. d.) eingetragen. Jetzt aber, als der Papst hartnäckig jede Anbequemung verweigerte, beschloß er, sich und sein Reich von dem päpstlichen Stuhle, doch nur schrittweise, loszureißen. Die Aussicht auf die geistlichen Güter und die Erweiterung der königlichen Gewalt bestimmte hierbei gewiß den König ebenso sehr als seine Privatangelegenheit. Zm Jan. 1531 nun preßte er der Geistlichkeit eine große Geldsumme und das Be- kenntniß ab, daß nach einem uralten Statut der König der Protector und das Haupt der engl. Kirche sei; im nächsten Jahre hob das Parlament die Annaten auf. Nachdem H. das Freundschaftsbündniß mit Franz I. erneuert, vermählte er sich am >4. Nov. l 532 mit Anna Boleyn und ließ im Mai 1533 durch ein geistliches Gericht die Scheidung von Katharina aussprcchen. Das Parlament faßte zugleich ein Gesetz ab, nach welchem nur die Nachkommen zweiter. Ehe successionsfähig waren, und alle Unterthanen mußten unter Androhung von Hochverrathsstrafe dieses Erbsolgegesetz beschwören. Nur zwei würdige Man- ner, Thomas Moore (s. d.) und Bischof Fisher von Nochester, widersetzten sich und bestiegen dafür 1535 das Schafot. Das Parlament von 1 53-1 schaffte endlich die päpstliche Gewalt völlig ab. Es übertrug dem Könige die Einkünfte, die Gerichtsbarkeit, das Nefor- mationsrecht, die Ketzerverfolgung u. s. w. Schon 1 536 machte H. von dieser neuen Gewalt Gebrauch, indem er die geringer« Klöster aufheben und auf Cranmer's Rath die Bibel übersetzen ließ. Der Proceß und die Hinrichtung der unschuldigen Anna Boleyn am > S. Mai 1536 und die Vermählung H.'s am folgenden Tage mit Johanna Seymour unterbrachen einen Augenblick die geistlichen Umwälzungen. Das Parlament mußte hierbei eine neue Successionsacte geben, welche die Prinzessin Elisabeth aus zweiter Ehe enterbte und unerhörterweise dem Könige, in .Ermangelung von Nachkommen aus seiner dritten Ehe, das Recht ertheilte, über die Krone nach Gefallen zu verfügen. Furchtbare Strafandrohungen waren mit diesem Gesetze verbunden. Zur Feststellung des kirchlichen Lehrbcgriffs versammelte H. im Juni > 536 die Geist- lichkeit. Er ließ derselben sein Elaubensbekenntniß, ein Gemisch katholischer und protestantischer Satzungen, vorlegen, das nach langem streite auch angenommen und, nach abermaliger Abänderung von königlicher Hand als Glaubensregel anbefohlen wurde. Dieser unerhörte Despotismus erregte im Oct. 1536 in mehren Provinzen gefährliche, von Fanatikern geleitete Volksbewegungen, die nur mit Mühe bcigelegt werden konnten. Die Bewältigung der Jnsurrection, die Geburt des Prinzen Eduard am 12. Oct. 1537 , die jedoch den Tod der Königin mit sich führte, befestigte das Ansehen H.'s so gewaltig, daß er 1538 auch die reichern Klöster und Stiftungen einzog. Glücklicherweise verschleuderte er diese unermeßlichen Schätze und wirkte dadurch günstig aus den öffentlichen Verkehr. Der Klostersturm bewog endlich 1 538 den Papst Paul III-, die schon vor mehren Jahren erlassene Bannbulle gegen H. zu publiciren. Diese Maßregel that nicht die geringste Wirkung. Um jede Verschiedenheit der Religionsansichken auszurotten, legte der König dem Parlamente 1539 sechs Glaubensartikel vor, die ebenfalls angenommen und als Dogmen derengl.Kirche proclamirt und beschworen wurden. (S. Großbritannien.) Die blutigsten Anfeindungen der Protestanten, denen diese Artikel am wenigsten genügten, waren die nächste Folge. Auch die politische Freiheit gab das Parlament preis, indem es den Edicten des Königs, die dem Staatsrathe Vorgelegen, volle Gesetzeskraft ertheilte. Nach mancherlei Heirathsplanen vermählte sich H., der gern die deutsch-protestantischen Heinrich der Seefahrer 29 Fürsten zu Freunden haben wollte, am 6. Jan. 1540 mit Anna von Kleve. Da er aber die Prinzessin nicht liebgewann, ließ er sich schon im Juli von ihr scheiden. Er verwickelte zugleich seinen Kanzler, Thom. Cromwell, der ihm zu dieser Verbindung gerathen, in ei« nen Hochverrathsproceß und ließ ihn am 28. Juli schuldlos enthaupten. Durch den Einfluß der Katharina Howard, mit der sich H. am 8. Aug. 1540 vermählte, traten der Herzog von Norfolk und Gardiner (s. d.) an die Spitze der Geschäfte und begannen die Protestanten wüthend zu verfolgen. Viele ausgezeichnete Männer, welche die sechs Artikel bezweifelten, wurden verbrannt oder gehenkt. Unterdessen mußte der König zu seinem Schrecken erfahren, daß seine neue Gemahlin sehr unzüchtig gelebt habe und noch lebe. Der Tyrann war bis zu Thränen betrübt, ließ aber Katharina, deren eheliche Untreue nicht völlig erwiesen, dennoch am 12. Febr. 1542 mit ihren vermeintlichen Helfern und Liebhabern hinrichten. Vergeblich hatte H. seinen Neffen Jakob V. von Schottland zu einer gleichen Kirchenreformation zu bewegen gesucht und darum mit demselben Krieg angefangen. Demzufolge schlug ein engl. Strcifcorps von 500 M. am 24. Nov. 1542 die uneinigen Schotten am Solway, worauf Jakob aus Gram starb. H. faßte nun den Plan zur Vereinigung der schot. und engl. Krone und suchte mit Hülfe der Familie Hamilton (s. d.) die Verlobung seines Sohns mit Maria, der Erbtochter Jakob's V., durchzusetzen, sah sich aber durch die katholische Partei (s. Beaton) an seinen Entwürfen gehindert. Am 12. Juli 1543 heirathete H. die Witwe des Lord Latimer, Katharina Parr, die den eigensinni- geuTyrannen geschickt zu leiten und mit List dem Verdachte derKetzerei zu entgehen wußte. Noch einmal verband sich H. im Febr. 1543 mit dem Kaiser gegen Franz I., der ihn vielfach verspottet und besonders in der schot. Angelegenheit erzürnt hatte. Nachdem er das Thronrecht seinen Töchtern, Maria und Elisabeth, wiedergegeben, eröffnete er im Juli 1544 von Calais aus den Krieg gegen Frankreich, während der Kaiser in der Champagne vordrang. H.'s Eigensinn, der jedes gemeinschaftliche Vordringen verwarf, aber am 14. Sept. 1544 Boulogne eroberte, hatte zur Folge, daß der Kaiser schon am 18. Sept. den Frieden zu Crespy schloß. Erst im Juni. 1546 willigte der König in die Beilegung eines fast erfolglosen Kampfs, der England 1,300000 Pf. St. kostete. Gegen Ende des I. 1546 fiel H. in ein schleichendes Fieber, das ihn um so mehr beunruhigte, als sein Sohn erst neun Jahre alt war. Besonders fürchtete er den mächtigen Herzog von Norfolk und dessen Sohn, Graf von Surrey, einen talentvollen Jüngling, der sich einer aufgedmngenen Vermählung widersetzt hatte. Der König ließ den Sohn unter leerem Vorwand enthaupten. Der Vater aber entging dem Tode, indemH. am 28. Jan. 1547starb. Noch mit gebrochener Stimme hatte er den Befehl zur Hinrichtung für den nächsten Morgen gegeben. Unmittelbar verdankte England diesem grausamen, gewaltthätigen, verschwenderischen, aber kraftvollen Despoten sehr wenig. Während seiner Regierung erhielt durch die Successions- und Re- ligionsedicte der Begriff des Hochverraths eine so mannichfaltige Bedeutung und Anwendung, daß kein Haupt, auf das es abgesehen war, dem Todessireiche entgehen konnte. Die Großen rächten sogleich die Tyrannei, indem sie die Anordnungen H.'s während der Minderjährigkeit seines Sohns, Eduard's VI. (s. Tudor), umstießen und den Herzog von Somers et (s. d.) zum Protector erwählten. Heinrich der Seefahrer, Jnfant von Portugal, der vierte Sohn König Io- hrnn's l., geb. 1394, zeichnete sich 1415 bei der Eroberung von Ceuta so rühmlich aus, daß ihm sein Vater die Ritterwürde ertheilte. Portugal genoß damals einer glücklichen Ruhe; die Nation war thätig und unternehmend, und der Trieb, Entdeckungen und Eroberungen zu machen, fast allgemein. Besonders zeichnete sich hierin der Jnfant H. aus. Mehr noch als dieWaffen, obschon er früh glänzende Beweise seines Muths gegeben hatte, liebte er die Wissenschaften, besonders Mathematik, Sternkunde und Schiffahrtskunst. Nach dem Tode seines Vaters wählte er die Stadt Sagres in Algarbien, unweit des Vor- gebirgs St.-Vincent, zu seinem Aufenthalte und setzte den Krieg gegen die Mauren in Afrika rüstig fort. Er beunruhigte ihre Küsten durch seine Schiffe und seine Seeleute kamen auf diesen Zügen in Gegenden des Weltmeers, welche die Schiffahrcr jener'Zcit lange für unzugänglich gehalten hatten. Seine Hauptabsicht hierbei war die Entdeckung unbekannter Erdgegenden. Vertraut mit der Erdkunde, versäumte er während' seiner Feldzüge 30 Heinrich Raspe Heinrich der Erlauchte in Afrika keine Gelegenheit, durch die Mauren Kenntnisse von den Ländern zu erlangen, die an Ägypten grenzten, und nachzuforschcn, ob man um die Westküste von Afrika einen s Weg zu den Schätzen Indiens finden könnte. Zu Sagres errichtete er eine Sternwarte, mit welcher er eine Anstalt in Verhindung setzte, in welcher junge Edcllcute in allen zur Schiffahrtskunde erfoderlichen Wissenschaften unterrichtet wurden. Die hier Gebildeten sendete er später auf Entdeckungen an der Küste der Berberei und Guineas aus; doch blieben diese Reisen ohne wichtige Ergebnisse, bis Juan Gonsalez Jarco und Tristan V«, durch Stürme verschlagen, die Insel Puerto-Santo und 1418 Madeira (s. d.) entdeckten. Jetzt waren seine Gedanken auf die goldreiche Guineaküste gerichtet. Nur sein beharrlicher Muth konnte die Schwierigkeiten überwinden, die der Unternehmung entgegenstanden. Ohne auf die Äußerungen der Kurzsichtigkeit und den Spott zu achten, welcher seine kühnen Plane traf, ließ er 1433 Eilianez, einen seiner Seefahrer, unter Segel gehen, um das Vorgebirge Non, welches man bisher als den äußersten Punkt der Erde angesehen hatte, zu umsegeln. Glücklich umschiffte dieser das Vorgebirge Bojador und nahm Besitz von der Küste. Ein größeres Schiff, welches H. im folgenden Jahre ausscndete, kam noch 3«) Meilen über Bojador hinaus. Bei diesen glücklichen Unternehmungen verstummte all- mälig der Tadel. H.'s Bruder Pedro, der während Alfonsws V. Minderjährigkeit die Regierung führte, bestätigte ihm nicht nur die Schenkung der Inseln Puerto-Santo und Madeira, die H. schon vom Könige Eduard erhalten, sondern verhieß ihm auch kräftige Unter- stützung. Der Papst Martin V. bekräftigte ebenfalls die Schenkung der beiden Inseln und sprach zugleich den Portugiesen alle Länder, welche sie längs der afrik. Küste bis Indien entdecken würden, als Eigenthum zu. Als vollends Antonio Gonzalez und Nuno Tristan l 440 bis zum Weißen Vorgebirge vordrangen, eilten von allen Seiten Jünglinge herbei, um an diesen Entdeckungsreisen Thcil zu nehmen. H. hatte bisher alle Kosten allein bestritten; von nun an bildeten sich Gesellschaften^ die unter seiner Leitung auf Entdeckungen ausgingen, und was bisher die Sache eines einzigen Mannes gewesen war, wurde bald die ^ des ganzen Volks. H. wurde immer eifriger in seinen Bemühungen; Nuno Tristan umschiffte l446 das Grüne Vorgebirge, und Gonzalez Vallo entdeckte 1448 drei der Azori- schen Inseln. Er starb 1463, nachdem er noch die Freude gehabt, die Entdeckung der Küste Sierra-Leone zu erleben. Heinrich Raspe, Landgraf von Thüringen, der zweite Sohn des Ländgrafen Her- mann's I., verdrängte, trotz aller Vorstellungen des edeln Walther von Vargula, nach dem Tode seines ältern regierenden Bruders, Ludwig des Frommen, dessen Gemahlin, die heilige Elisabeth, sammt ihren Kindern und maßte sich die Herrschaft seines Neffen und Mündels, Hermann's ll., an. Zwar überließ er diesem, als derselbe >239 mündig geworden war, die Landgrafschaft Thüringen mit Hessen und behielt nur die Pfalzgrafschaft Sachsen, allein der plötzliche Tod Hermann's II. im I. 1242 wird wol nicht ganz mit Unrecht dem herrschsüchtigen Oheim, der ihn beerbte, zur Last gelegt. Mehr als nach innen war H. von nun an nach außen hin thätig; er stand den Böhmen gegen die einbrechenden Mongolen bei, gleichzeitig wurde er 1242 Reichsverwcser für den Sohn Kaiser Fricd- rich's H., dem jungen Konrad. Vermöge dieser hohen Stellung gelangte er zu bedeutendem Ansehen, und als der Papst den Kaiser >24) mit dem Bann belegt hatte, wurde H. e auf einer größtcnthcils aus geistlichen Fürsten bestehenden Ncichsvcrsammlung zu Würzburg im Mai 1246 zum Könige ausgerufen, deshalb aber auch spottweise dc>- Pfaffenkönig genannt. Mittels päpstlicher Gelder sammelte er ein großes Heer und br.. bte seinem Gegner, dem König Konrad, im Aug. 1246 eine vollständige Niederlage bei, wkrankte aber während des Kriegszugs und starb auf der Wartburg im Febr. >247, ohne m n einer seiner drei Gemahlinnen Nachkommenschaft zu hinterlassen. Mit ihm schloß sich die mit Ludwig dem Bärtigen anhebendc Reihe der aus fränk. Königstamme entsprossenen thüring. Ludovinger, und um sein reichesErbe erhob sich der thüring. Erbfolgestrcit. (S. Th ü r i n ge n.) Heinrich der Erlauchte, Markgraf von Meißen, war bei seines Vaters, Dietrich des Bedrängten (s. d.), Tode im I. >221 erst drei Jahre alt und stand anfangs unter Vormundschaft seines biedern Oheims, des Landgrafen Ludwig des Frommen von Thüringen, der auch eine Eventualbelehnung über Meißen erhielt, leider aber schon > 227 31 Heinrich I. (Fürst von Hessen) starb. Hierauf fing die herrschsüchtige Mutter, Jutta, eine Schwester des thüring. Landgrafen und zum zweiten Male mit dem Grafen Poppo von Henneberg vermählt, an, sich mehr-in die Landesangelegenheiten zu mischen. Indessen wurde der junge Markgraf frühzeitig mündig erklärt und schon >234 heirathete er die Tochter des Herzogs Leopold von Ostreich, Konstantia. Seine ersten Waffenthaten verrichtete er in dem Kreuzzuge gegen die Preußen; bald nachher gerieth er mit dem Markgrafen Johann von Brandenburg in Fehde; später aber nahmen ihn ausschließend die thüring. Successionsangelegenheiten in Anspruch. Schon im I. >242 hatte er vom Kaiser eine Eventualbelehnung mit Thüringen und der Pfalz Sachsen erhalten; als aber 1247 mit Heinrich Raspe (s.d.) der thüring. Mannsstamm wirklich erlosch, konnte er nur mit dem Schwerte sein Recht gegen die nähere Erbin Sophia, die Gemahlin Heinrich's II. von Brabant, sowie gegen einen an- dern Prätendenten, den Grafen Siegfried von Anhalt, behaupten. Die thüring. Stände huldigten ihm 1249 und im folgenden Jahre übernahm er auch, jedoch nur im Namen von Sophia's unmündigem Sohne, Heinrich dem Kinde (s. d.), die Regierung von Hessen; als indessen Sophia in Herzog Albrecht von Braunschweig einen Bundesgenossen erhielt, brach von neuem blutiger Streit aus, welcher nach der Schlacht bei Wettin im I. > 263 damit endigte, daß H. Hessen an Sophia's Sohn abtrat und dafür im ungestörten Besitz von Thüringen gelassen würbe. Über diesen Händeln hatte er verabsäumt, nach dem Aussterben des Babenbergischen Hauses im Z. 1,246 de« mit seiner Gemahlin Konstantia erworbenen Ansprüchen auf die Erbfolge in Ostreich Geltung zu verschaffen, und ließ sich mit einer unbedeutenden Entschädigung abstnden. Eine lange Reihe verderblicher häuslicher Zwistigkeiten trübte seine Regierung. Er hatte nämlich seinem ältesten Sohn, Albrecht dem Unartigen (s. d.), Thüringen, die Pfalz Sachsen und das Pleißner- land, dem jünger», Dietrich, die Mark Landsberg überlassen und für sich nur Meißen und die Niederlausitz behalten. Als nun Albrecht mit seinen Söhnen, Friedrich dem Gebissenen (s.d.) und Diezmann (s.d.), in Zwiespalt gerieth, wurden natürlich auch die übrigen Familienglieder und Landesthcile darein verflochten; noch verwickelter aber gestalteten sich H.'s häusliche Verhältnisse, als er sich nach einer zweiten aber kinderlosen Ehe mit Agnes von Böhmen (gest. 1268), zum dritten Male mit einer Ministerialin, Elisabeth von Maltitz, vermählte und dem mit dieser gezeugten Sohne, Friedrich dem Kleinen, einen Theil seines Erbes zuzuwcnden suchte. H. besaß große Für- stentugcnden, die ihm unter seinen Zeitgenossen zu hohem Ansehen erhoben; er war tapfer, edel, gerecht, kunstsinnig, wie seine Minnegesänge bezeugen, prachtliebend, wovon namentlich das glänzende Turnier zu Nordhausen den Beweis gibt; allein, wenn er auch viel zur Emporbringung seines Hauses, welches in den stürmischen Tagen des Interregnums eine der Hauptsäulen des Reichs hätte sein können, wirkte, so legte er doch durch seinen Mangel an Staatsklugheit, die freilich durch die damaligen Ansichten vom Staate, als einem thei- lungsfähigen Patrimonialeigenthume der Fürsten, sich einigermaßen entschuldigen läßt, den Keim zu mannichfachen Mishelligkeiten, die lange noch nach seinem Tode, der im I. 1288 erfolgte, sein Haus zerrütteten. Heinrich!., das Kind, erster alleiniger Fürst von Hessen, geb. 1244, war ein Sohn Herzog Heinrich des Großmüthigen von Brabant und Sophia's, einer Tochter des Landgrafen Ludwig des Frommen von Thüringen und der heil. Elisabeth. Seine Mutter betrachtete sich, als >247 mit Heinrich Raspe (s.d.) der landgräflich thüring. Mannsstamm ausstarb, als nächste und alleinige Erbin desselben, konnte aber, nach langer heldcn- müthiger Wehr gegen mehre Prätendenten und namentlich gegen ihren Hauptfeind, den Markgrafen Heinrich den Erlauchten (s.d.) von Meißen, kraft Vertrags vom I. 1263, nur Hessen erlangen, welches sie, als ihr Sohn, der bis dahin „das Kind von Brabant" genannt wurde, mündig geworden war, demselben nebst dem landgräflichen Titel überließ. H., dessen älterer gleichnamiger Bruder schon 1247 die Regierung von Brabant übernommen hatte, schlug seinen Sitz zu Kassel auf, säuberte das Land von Raubrittern, schützte cs gegen die Anmaßungen des Erzbischofs von Mainz und erwarb sich die Achtung der Hess. Großen, welche ihn als ihren Landesherrn anerkannten. So legte er den Grund zu der Größe seines Hauses, dessen unmittelbare Besitzungen sich anfangs auf die Graf- 32 Heinrich der Löwe (Herzog in Dachsen) schaft Gudensberg mit Einschluß der Landschaft an der Werra beschränkten, aber schon unter ihm, durch Erwerbung der Herrschaft Gießen, des Schlosses Grabenstein, der Stadt Jmmenhausen, Schartenberg u. s. w. beträchtlich erweitert wurden. In die zerrütteten Verhältnisse seines väterlichen Erbes Brabant, auf welches er keineswegs völlig verzichtet hatte, griff er ebenso kräftig und wohlthuend ein. Außerdem beschäftigten ihn nach außen hin seine Verhältnisse zu Kaiser Rudolf!., dem er zu dem Siege über Ottokar von Böhmen behülflich war. Durch seine in zwei Ehen erzeugten Söhne wurden gegen das Ende seines thatcnreichen Lebens Erbstreitigkeiten in seinem Hause veranlaßt, welche bei seinem Tode, im I. >308 auf eine Landestheilung hinausliefen, die jedoch, da nur einer der Söhne, Otto, den Stamm fortpflanzte, nicht von Dauer war. Heinrich der Löwe, Herzog in Sachsen, 1139—95, der merkwürdigste deutsche Fürst des l2. Zahrh., geb. > >29, war der Sohn Heinrich des Stolzen, Herzogs der Sach- sen, und mütterlicherseits ein Enkel des deutschen Königs Lothar. Da sein Vater schon l139 an Gift starb, so führten während seiner Minderjährigkeit seine Mutter Gertrud und seine Großmutter Richenza die Regierung im Herzogthume Sachsen. Nachdem H. >136 die Regierung selbst angetreten hatte, soderte er auf dem Fürstentage zu Frankfurt >137 vom Kaiser Konrad das Herzogthum Baiern zurück, welches seinem Vater entrissen worden war, und griff, als dieses nicht geschah, in Verbindung mit seinem Oheim Welf zu den Waffen, wurde aber durch Konrad's energische Maßregeln abgehalten, in Baiern einzu- fallen. Nach Konrad's Tode wurde ihm durch seinen Vetter, den Kaiser Friedrich !., 1153 Baiern zugesprochen. Seine Besitzungen erstreckten sich nun von der Nord- und Ostsee bis zum Adriatischen Meere. Ost- und Westfalen nebst Engern und das alte Herzogthum Sachsen vom Rhein bis zur Elbe folgten seinem Heerbanne. Der größte Theil vonBaiern war als Lehen sein Eigenthum, und für die Welfischen Stammgüter in Italien mußten die dortigen Vasallen ihm 1153 den Lehnseid leisten. Die Regierung in Baiern übertrug er dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, um dem Herzogthume Sachsen seine ganze Sorgfalt zu widmen. Daß in den eroberten Landen die Bischöfe sich von ihm mit Ring und Stab mußten belehnen lassen, erregte deren Haß gegen ihn. Allmälig vereinigten sich seit 1163 seine Feinde, an deren Spitze der Erzbischof von Bremen, Hartwig, stand, und schlossen 1166 zu Merseburg ein Bündniß gegen ihn, dem sehr bald die Bischöfe von Magdeburg, Halberstadt und Hildesheim, sowie die Markgrafen von Thüringen und Brandenburg beitraten. H., der eben auf einem Zuge gegen die aufrührerischen Slawen begriffen war, wendete sich schnell gegen die Verbündeten, eroberte Bremen, nahm Oldenburg mit Sturm und vereitelte auf diese Weise ihre Plane, noch ehe sie zur Ausführung kamen. Um diese Zeit trennte er sich von seiner ersten Gemahlin und verehlichte sich mit Mathilde, der Tochter des König Heinrich's II. von England. Bald nachher unternahm er einen Zug nach Palästina. Während seiner Abwesenheit hatten seine Feinde Mancherlei wider ihn unternommen, und selbst Kaiser Friedrich I. hatte das Gerücht von seinem Tode benutzt, um Sachsens feste Plätze in seine Gewalt zu bekommen. Dies Alles machte H. mis- trauisch; zwar folgte er l > 73 dem Kaiser auf seinem fünften Zuge nach Italien; obch bei der Belagerung von Alessandria trennte er sich von ihm. Der Kaiser versuchte ihn bei einer Zusammenkunft zu Chiavenna zu versöhnen, jedoch vergebens. Eine Folge seines Abfalls war, daß der Kaiser am 29. Mai 1176 bei Legnano eine Schlacht gegen die ikal. Städte verlor und mit seinen Gegnern einen nachtheiligen Vertrag eingehen mußte. Jetzt erhoben sich H.'s alte Feinde von allen Seiten, zumal als der Kaiser selbst auf dem Reichstage zu Speier im I. 1178 sein Misvergnügen über H. äußerte. Er wurde zur Verantwortung auf den Reichstag zu Regensburg, nachher auf den zu Magdeburg und zuletzt auf den nach Goslar vorgeladen; da er aber nicht erschien, auf dem Reichstage zu Würzburg im1.1180 in die Acht und aller seiner Lehen verlustig erklärt und das Ur- theil sogleich vollzogen. Otto von Wittelsbach erhielt das Herzogthum Baiern, Bernhard von Askanien Sachsen und der Erzbischof von Köln Engern und Westfalen unter dem Titel eines Herzogthums. Den übrigen Erzbischöfen und Bischöfen wurden einzelne Theile verliehen. Das eigentliche Ostfalen war aber Allodium H.'s und konnte ihm durchReichs- Heinrich der Jüngere (Herzog von Braunschweig) 33 spruch nicht genommen werden. H. griff zu den Waffen, schlug bei Hallerfelde die kölnischen Heerhaufen, trieb seine Gegner aus Ostfalen und nahm den Halberstädter Bischof Ulrich gefangen; ja er würde sich aller seiner Feinde siegreich erwehrt haben, wenn er nicht den Grafen Adolf von Holstein dadurch, daß er die bei Hallerfelde gemachten Gefangenen ihm verweigerte, von sich abgewendet hätte. Der Kaiser rückte mit dem Neichshcere nach Sachsen; H.'s Vasallen wurde eine Frist gesetzt, binnen welcher sie die Fahnen des Geächteten verlassen oder selbst als Geächtete behandelt werden sollten. Verlassen flüchtete er nach England zu seinem Schwiegervater, König Heinrich II.; Braunschweig allein blieb ihm getreu und wurde vergeblich vom Bischof von Köln belagert. Um nicht Alles zu verlieren, bat er zu Erfurt l 182 fußfällig den Kaiser um Gnade, gewann aber nichts als die Zusicherung, daß seine Erblande, Braunschweig und Lüneburg, ihm verbleiben.sollten; jedoch mußte er drei Jahre hindurch außerhalb Deutschland als Verbannter leben und ging deshalb mit seiner Familie nach England. Vom Erzbischof zu Köln, Philipp, der sich mit dem Kaiser entzweit hatte, zur Rückkehr veranlaßt, lebte er seit I 184 zu Braunschweig ganz ruhig; doch der Kaiser traute ihm nicht, sondern verlangte, als er nach Palästina zog, daß er ihm entweder folge oder nochmals drei Jahre nach England gehe. H. wählte 1188 das Letztere; als man jedoch beim Tode seiner Geniahlin Mathilde zu Braunschweig das Versprechen, seine Allodicn nicht anzutasten, keineswegs hielt, glaubte auch er seines Versprechens sich enthoben, kam 1189 nach Stade, wurde von seinem ehemaligen Keinde, dem Erzbischof von Bremen, der jetzt seiner bedurfte, mit offenen Armen ausgenommen und schlug bald, da die treuen Vasallen von Wölpe, Schwerin und Ratzebgrg sich wieder zu ihm sammelten, die Dänen und Dithmarschen in die Flucht. Nachdem Hamburg, Plön und Itzehoe erobert waren, nahm er Bardowiek, welches sich nicht unterwerfen wollte, mit Sturm und zerstörte es fast ganz bis auf den Dom, an dessen Mauern er das Bild des rächenden Löwen mit der Inschrift „Vestigia L>eon',!>" setzen ließ. Schnell ergaben sich hierauf Lübeck und Lüneburg; doch in der Schlacht bei Segeburg gegen Adolf von Dassel, den Statthalter Holsteins, war H. unglücklich. In Gemeinschaft mit König Heinrich, den sein Vater als Reichsverweser in Deutschland gelassen hatte, belagerten nun die Bischöfe von Hildesheim und Halberstadt Braunsckweig, bis endlich l ISO durch Vermittelung der Erzbischöfe von Mainz und Köln ein Vergleich zu Stande kam. Zwar dauerte auch dieser Vergleich nicht lange; allein alle Feindschaft hatte ein Ende, als H.'s ältester Sohn, Heinrich, sich mit AgneS, der Erbtochter des Pfalzgrafen Konrad am Rhein, vermählte, welcher Kaiser Friedrich's Bruder war. H. starb zu Braunschwcig 1195 und wurde im dasigen Dome begraben, wo noch jetzt sein Denkmal vorhanden ist. Er war tapfer, großmüthig, unermüdet thätig und dabei fromm; aber auch starrsinnig und leidenschaftlich. Uber sein Zeitalter ragt er besonders dadurch hervor, daß er Handel, Gewerbfleiß, Bürgerglück und Wohlhabenheit in seinen Ländern zu verbreiten, die Künste emporzubringen und Gelehrsamkeit zu fördern bemüht war. Er unterlag nie seinem harten Schicksale, sondern kämpfte ihm rastlos entgegen. Ihm folgte in der Negierung sein Sohn, Heinrich der Schöne. Vgl. Böttiger, „H. der Löwe, Herzog der Sachsen undBaiern; ein biographischer Versuch" (Hannov. 1319). Heinrich der Jüngere, Herzog von Braunschweig, 1514—68, ein Sohn Hein- rich des Altern, geb. 1489, war der entschiedenste Gegner der Reformation. Bald nach seinem Regierungsantritte kam er mit dem Bischof von Hildesheim in Fehde, die für ihn sehr unglücklich endete, indem er in der Schlacht bei Soltau, am 29. Juni 1519, völlig geschlagen wurde. Durch die Gunst Kaiser Karl's V. wurden jedoch nachmals ihm und seinem Vetter Erich fast sämmtliche hildesheimische Stiftslande zugesprochen. Im Bauernkriege zog er dem Landgrafen von Hessen und dem Herzoge von Sachsen zu Hülfe und nahm Theil an der Schlacht bei Frankenhausen. Als er, nimmer ruhend, eine Fehde gegen Goslar erregt hatte und die Stadt belagerte, rief ihn Karl V. zu Hülfe gegen den Papst und Venedig. H. zog nach Italien mit 1090 wohlgerüsteten Reitern; allein das Heer wurde die Beute ansteckender Seuchen, und er selbst entkam mit genauer Nochmals Knecht verkleidet, den überall auflauern deiEei nden. Inzwischen hatte die Kicchrnverbesserung in Sony.-Lex. Neunte Ausl. 3 .14 Heinrich ll (Herzog v. Schlesien) Heinrich (Prinz v. Preußen) seinem Erblande reißend schnelle Fortschritte gemacht. H. wohnte dem Reichstage ;u AugS« bürg im I. 153» bei, lblieb aber der alten Lehre und dem Kaiser ergeben, vielleicht auch deshalb, weil er auf diesem Reichstage nebst seinem Vetter Erich mft den bstdesheimischen Gütern war belehnt worden. Bald nachher gelang eS ihm, seinen Bruder Wilhelm durch zwölfjährige Gefangenschaft zu einem Vertrage zu nöthigen, wodurch das Recht der Erstgeburt und Alleinregierung im braunschweig. Hause gesetzlich eingefnhrt wurde. Nachdem die protestantischen Fürsten 1537 den Bund zu Schmalkalden geschlossen, trat H nicht nur in den Gegenbund, an dessen Spitze der Kaiser selbst stand, sondern ließ sich sogar zum obersten Feldherrn des Bundes erklären. Beide Parteien rüsteten sich; H. bedrohte Goslar und Braunschweig; diese riefen die schmalkaldischen Bundesgenossen zu Hülfe, und sie erschienen unter Anführung des Kurfürsten von Sachsen und des Landgrafen von Hessen. H. wich vor ihrer Übermacht zurück, und sehr bald halten sie nicht nur sein Erbland, sondern sogar das feste Wolfenbüttel erobert. Jndeß hatte er doch ein bedeutendes Heer gesammelt; allein in der Schlacht beim Kloster Höckelem wurde er umzingelt und mußte sich mit seinem ältesten Sohne Victor zum Gefangenen ergeben. Als er nach der Schlacht bei Mühlberg, 15-17, wieder in Freiheit gesetzt wurde, sollte Braunschweig entgelten, was es zur Unterstützung seiner Feinde gethan. Doch während er noch die Stadt belagerte, siel Graf Volrath von Mansfeld in die wolfenbüttelschen Länder ein, und H. sah sich genöthigt, mit Braunschweig einen Vertrag abzuschließen, worauf er dann mit seinen beiden ältesten Söhnen, in Verbindung mit Kurfürst Moritz von Sachsen, gegen Jenen auszog. BeiSie- vershausen trafen am 9. Juli >553 die Heere aufeinander; H. siegte; allein seine beide» Söhne blieben auf dem Wahlplahe, und sein Bundesgenosse Moritz wurde so verwundet, daß er zwei Tage nachher starb. Noch einmal traf er den Feind in der Nähe von Steterburg und zwang ihn zur Flucht. Der Tod seiner Söhne hatte seinem Herzen eine tiefe Wunde geschlagen. Es blieb ihm nur ein Sohn, der stille, verwachsene Julius, dm er haßte, weil er dem Protestantismus zugethan war, weshalb er auch die Absichthatte, seinen natürlichen Sohn, Eitel Heinrich, vom Kaiser legitimiren zu lassen. Da ihm indeß dies nicht gelang, sq versöhnte er sich später mit Julius und zeigte sich im Alter selbst der Lehre Luther's nicht ganz abgeneigt. Erstarb >568. In der Romanenwelt ist er durch seine Liebe zu Eva von Trott bekannt, von der erzählt wird, daß sie scheinbar zu Gandersheim auf H.'s Befehl gestorben und beerdigt, dann aber im tiefsten Geheimnis auf die Feste Staufenburg geführt worden sei, wo er mit ihr sieben Kinder, unter diesen den erwähnten Eitel Heinrich, gezeugt habe. Noch zeigt man auf der verfallenen Staufenburg die Stelle, wo einer von Eva's Brüdern, der sie aufzuspüren gekommen, aufH.'S Geheiß den Tod fand. Heinrich u. oder der Fromme, Herzog von Schlesien und Großfürst von Polen, gcb. >191, ein Sohn Herzog Heinrich',! I. oder des Bärtigen und der heil. Hedwig, suchte bei seinem Regierungsantritte im 1.123» zunächst Polen, wo sein Vater 1225 zum Herrscher erwählt worden war, vor den Mongolen zu schützen, und als ihm dies nicht gelang, vertheidigte er wenigstens seine schles. Erblande. Er fiel 1241 in der Völkerschlacht bei Wahlstadt. Seine Söhne, auf welche von dem frommen und kräftigen Sinne des Vaters und der Großältern wenig übergegangen zu sein schien, konnten nicht nur nicht Polen be- Haupte«, sondern gericthen auch wegen Schlesien in Streitigkeiten, welche mit einer folgenreichen Erbtheilung endigten. Heinrich, Prinz von Preußen, eigentlich Friedr. Heinr. Ludw., der Bruder König Friedrich'- ll., wurde am 18. Jan. 1726 zu Berlin geboren und blieb wie seine Geschwister bis zum Tode seine- Vaters, Friedrich Wilhelm'« I., fast ohne alle Erziehung. Nach Friedrich'S II. Thronbesteigung-sorgte dieser für dcS Prinzen Unterricht und ließ ihn 1742 als Oberster bei der Armee eintreten, dir unter des Frldmarschalls Schwerin und de- König- Anführung in Mähren eindrang. Der Prinz wohnte 1742 der Schlacht bei Czas- lau bei, vertheidigte 1744 mit Erfolg die Stadt Tabor in Böhmen und that sich >745 in der Schlacht bei Hohenfrirdberg rühmlich hervor. Nach dem Frieden setzte er seine Studien mit Eifer kmd Glück fort, heirathetr 1752 die Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel und erhielt vom Könige einen eigenen Palast in Berlin und die schöne Domaine Rheins- berg. Durch theoretische Studien vorbereitet, trat er in dem bald darauf ausbrechenden 35 Heinrich (Herzog von Anhalt-Köthen) Siebenjährigen Kriege mit ausgebildetem Talent auf den Kampfplatz. Nachdem sein Math und sein fester sicherer Blick viel zur Entscheidung der Schlacht bei Prag beigetragen hatten, kämpfte er in der Schlacht bei Roßbach, in welcher er verwundet wurde, und erhielt dann den Oberbefehl über die Truppen in der leipziger Gegend. Im 1.17 58 wurde er an die Spitze der zweiten Armee von 25666 M. gestellt, mit dem Aufträge, Sachsen zu decken und den Angriffen der überlegenen Ncichsarniee zu begegnen. Er wußte hierbei durch kluge Manoeuvres und kleine Gefechte die Fortschritte der Gegner so zu hemmen, daß Friedrich Zeit zur Erreichung seiner andcrweiten Zwecke gewann, und deckte zuletzt seines Bruders Rückzug nach der Niederlage bei Hochkirch. Den glänzenden Feldzug von 1759 eröffnete er angriffsweise, drang in Böhmen ein, zerstörte die Magazine der Östrei- cher und wendete sich hierauf gegen die Reichsarmee in Franken, der er ihre Proviantvor- räthe und viele Gefangene abnahm. Sodann in die Mark Brandenburg gerufen, wußte er zuerst nach dem Verluste der Schlacht bei Kay am 23. Juni und noch mehr nach der Niederlage bei Kunersdorf am i 2. Aug. durch täuschende Bewegungen das östr. und ruff. Heer so lange in Unthäligkeit zu erhalten, bis sein Bruder den erlittenen Verlust ersetzt hatte. Im I. >760 bot er mit 36666 M. den Russen die Spitze, entsetzte nach mehren geschickten Märschen Breslau und zeigte namentlich darin die Überlegenheit seines Talents, daß er seine Zwecke erreichte, ohne eine Entscheidung zu wagen, die ungünstig für ihn hätte ausschlagen können. Weniger glänzend war der Feldzug von 1761, in welchem sich H. der Schwäche seines Heers wegen ganz auf die Vertheidigung beschränkt sah. Den Feldzug von 1762 eröffnete er durch einige wohlberechnete Angriffe, in denen er die Ostreicher zurückschlug. Hierauf folgten für ihn mehre Unfälle, da er eine zuweit ausgedehnte Linie zu vkrtheidigen hatte. Durch den Sieg aber, den er in der Schlacht bei Freiberg am 29. Oct. gewann, trug er nicht wenig dazu bei, das Ende des Kriegs herbeizuführen. Friedrich der Große sprach über ihn das ehrenvolle Urthcil aus: „er sei der einzige General in diesem Kriege gewesen, der keinen Fehler gemacht habe." Nach dem Friedensschlüsse ging er wieder nach Rheinsberg, seinen Freunden und den Musen zu leben; doch verursachte stin zu großes Vertrauen auf Personen, die dessen unwürdig waren, häusliche Verwirrungen, die ihn sogar veranlaßten, sich von seiner Gemahlin zu trennen. Der Antheil, welchen er während seines Aufenthalts in Petersburg im I. 1776 an den Verhandlungen über die Thei- lung Polens nahm, erwarb ihm den Ruf eines Diplomaten. In dem bair. Erbfolgekriege rückte er mit 96666 M. im Geheimen am l.Juli 1778 in Sachsen und, nachdem sich der Kurfürst mit ihm vereinigt, in Böhmen ein. Der Mangel an Lebensmitteln nöthigte ihn jedoch zum Rückzüge, noch ehe der bald darauf erfolgende Friede abgeschlossen wurde. Friedrich Wilhelm N. entfernte ihn von den Geschäften, weshalb er damit umging, seinen Aufenthalt in Frankreich zu nehmen. Die bereits drohenden Vorzeichen der Revolution ließen ihn aber seinen Entschluß nicht ausführen. An dem Kriege gegen Frankreich, der seinen Ansichten entgegen war, nahm er keinen Antheil, vielmehr lebte er fortan nur den Wissenschaften bis zu seinem Tode am 3. Aug. 1862. Vgl. „Vie jirivee, politi^ue et militsir« kl» prince U. eie krusse" (Par. I 869). Heinrich, Herzog von Anhalt-Köthen, Senior des GesammthauseS, geb. zu Pleß in Schlesien am 36. Juli >778, ist der dritte Sohn des am 12.Dec. 1797 verstorbenen Friedricb Erdmann von Anhalt-Pleß und dessen Gemahlin Luise Ferdinande, einer Toch- des Grafen Heinrich Ernst von Stolberg-Wernigerode. Nachdem sein älterer Bruder Ferdinand, welcher dem Vater in der Regierung von Anhalt-Pleß folgte, durch den frühen Tod des minderjährigen Herzogs Ludwig im I. 1818 zur Negierung des HerzogthumS Anhalt-Köthen gelangt war, erhielt der Prinz das Fürstenthum Anhalt-Pleß. Als auch der Bruder am 23. Aug. I83V ohne Nachkommen verstarb, folgte er demselben in der Regierung von Anhalt-Köthen und überließ nun das Fürstenthum von Anhalt-Pleß seinem jünger« Bruder Ludwig. Obgleich bald darauf in ganz Deutschland unruhige Bewegungen eintraten, für welche seines im I. 1825 mit seiner Gemahlin zur röm.-katho- lischen Kirche übergetretenen Bruders unbedachtsamer Kampf gegen die öffentliche Meinung Empfänglichkeit zu erwecken wol vermocht hätte, so blieb doch das Land, welches mit 3 » 36 Heinrich XX. (Fürst Reuß) Heinrich LX1I. (Fürst Neust) vollem Vertrauen dem neuen Regenten entgegengekommen war, ruhig. Rach dem Ab- leben des Herzogs Alexius von Anhalt-Bernburg, am 24. März >834, übernahm er das Scniorat des Gesammthauses Anhalt; unter seinen Auspicien wurde am >8. Nov. >83« von den Fürsten des Gesammthauses zum Andenken ihres Ahnherrn der Orden Albrecht des Bären gestiftet und >844 von ihnen das Prädicat Hoheit statt der bisherigen Durchlaucht angenommen. Der Herzog ist seit >819 mit der Prinzessin Auguste von Neuß- Köstritz, geb. am 3.Aug. > 794, in kinderloser Ehe vermählt. Mit seinem Bruder Ludwig, geb. >783, gest. >843, ist die Linie Anhalt-Pleß erloschen. Heinrich XX., älterer Linie, Fürst Reuß zu Greiz, geb. am 29. Juni >794, ist der Sohn des am 29. Jan. >817 verstorbenen Fürsten Heinrich's XIII. und dessen Gemahlin Luise Wilhelmine, einer Prinzessin von Nassau-Weilburg, die >837 verstarb. Unter den Augen seiner Altern erzogen, trug der mehrjährige Aufenthalt in Wien, wo er als Militair in kaiserlichen Diensten stand, wesentlich zu seiner weitern Ausbildung bei. Als sein Bruder, Heinrich XIX., geb. >79«, der demVater in derRegierung gefolgt war, am 3l. Oct. >836 ohne männliche Nachkommenschaft starb, ging auf ihn, den noch einzigen männlichen Sprößling der ältern Linie des Hauses Reuß, die Regierung in Greiz über, der er sich, gleich seinem Bruder, mit Ernst unterzog, aber freilich nur mit allmälig günsti- germ Erfolg, da die Schulden, welche eine frühere Zeit dem Lande aufgebürdet, und die dadurch fortdauernd bedingten hohen Abgaben, zu schwer auf den Bewohnern desselben lasten, als daß bei dem besten Willen eine durchgreifende Verbesserung ihres Zustandes sobald sich hätte herbeiführen lassen. (S. Neuß.) Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, der Prinzessin Sophie von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, die >838 starb, vermählte er sich >839 mit der Prinzessin Karoline von Hessen-Homburg, geb- am >9. März >8>9. Während seine erste Ehe kinderlos war, lebt aus der zweiten nur eine Tochter, Christiane, geb. >840. — Die Ehe seines Bruders Heinrich's XIX. mit Gasparine, einer Tochter des östr. Feldmarschalls, Fürsten Karl von Nohan-Rochefort und Montauban, geb. >800, war ebenfalls nur mit zwei Töchtern gesegnet, Luise, geb. >822 und >842 mit dem Prinzen Eduard von Sachsen-Altenburg vermählt, und Elisabeth, geb. >824 und >844 mit dem Erbprinzen Karl von Fürstenberg verlobt. Heinrich I^XH., jüngerer Linie, FürstReuß zuSchlciz, des Stamms ältester Fürst, geb. am 31 .Mai >785, ist der Sohn Heinrich's XU, Fürsten Reuß zuSchleiz und dessen noch lebender Gemahlin Henriette Karoline, einer Tochter des verstorbenen Fürsten von Hohenlohe-Kirchberg. Mit seinem jüngernBruder, Heinrich L.XVII., wurde er durch den nachmaligen Superintendenten Öder in Schleiz unterrichtet und in Begleitung des durch mehre historische Schriften bekannten Friede. Majer besuchte er >804—6 die Universitäten zu Würzburg und Erlangen. Als er nach dem Tode seines Vaters, am >7.Apr. >8l8, diesem in derRegierung gefolgt, war es sein unablässiges Bestreben, durch weise Sparsamkeit, die so weit ging, daß er im eigentlichen Sinne des Worts mitarbeitete, die Wunden, welche der Krieg seinen Unterthanen geschlagen, zu heilen und den zerrütteten Finanzzustand wiederherzustellen. (S. Reuß.) Ganz besonders ließ er sich die Verbesserung des Schulwesens angelegen sein. Nachdem er eine Menge trefflicher Einrichtungen zu Stande gebracht, mußte es ihn um so schmerzlicher berühren, als am 3.Juli >837 durch eine mit reißender Schnelligkeit, gerade während seiner Abwesenheit, sich verbreitete Feuersbrunst fast die ganze Stadt Schleiz, nebst dem Schlosse und allen öffentlichen Gebäuden in Asche gelegt wurde. Nur der Umstand, daß eine Zeit lang seine Herzensgute von Einzelnen misbraucht wurde, läßt es erklärlich finden, daß seine Popularität bei den unruhigen Bewegungen im I. > 830 auf kurze Zeit beeinträchtigt werden konnte. Der Fürst ist unvermählt. — Dagegen ist seineinzigerBruder, Heinrich L.XVII., geb. am 20. Oct. >789, der als preuß. Major außer Dienst, abwechselnd auf seinem Gute Thalwitz bei Wurzen und zu Schleiz lebt, durch seine Gemahlin Sophie, die Tochter Heinrich's I >., Fürsten Reuß zu Ebersdorf, Vater eines Sohns, Heinrich's XIV., geb. am 28. Mai >832, auf welchem, da mit den regierenden Fürsten Reuß zu Greiz und zu Lobenstein-Ebersdorf diese beiden Linien im Mannsstamme zu erlöschen bedroht sind, die Erhaltung des souve- rainen reuß. Stamms ruht. Heinrich DXXll. (Fürst Reuß) Heinrichsorden 37 Heinrich DXXH, jüngerer Linie, Fürst Reuß zu Lobenstein-EberSdorf, geb. am 27. März 1797 im Schlosse zu Ebersdorf, ist der einzige Sohn des Fürsten Heinrich' s 1.1., jüngerer Linie, Reuß zu Ebersdorf und dessen Gemahlin Luise Henriette, geborene Reichs- gräfin von Hoym. Am I 6. Juli 1822 zur Regierung gelangt, fiel ihm am 7. Mai > 824 durch den Tod seines Vetters Hcinrich's ITV. das Fürstenthum Lobenstein zu. Außerdem regiert er in Gemeinschaft mit dem fürstlichen Hause Schleiz das Fürstenthum Gera und' die dazu gehörige Pflege Saalburg. Von der Natur mit schönen Gaben des Körpers und Geistes ausgestattet, trugen nach sorgfältiger Erziehung wiederholte Reisen in England, Frankreich und Italien und der Besuch der größer« deutschen Höfe zu seiner Ausbildung nicht wenig bei. Mit Eifer und Sorgsamkeit unterzieht er sich der Regierung; Erholung gewährt ihm theils die Jagd, die er leidenschaftlich liebt, theils die Lecture der neuesten Schriften der in- und ausländischen, namentlich der engl, und franz. Literatur. Eine von ihm selbst entworfene Verfassung, die er aus freiem Antriebe 1831 seinem Lande verleihen wollte, wurde von den aus wenigen Rittergutsbesitzern und dem Bürgermeister zu Lobenstein bestehenden Ständen, welche eine Vertretung des Handels- und Bauernstandes nicht wünschten, die Kosten einer constitutionellen Verfassung fürchteten und an dem agnatischen Einverständnisse zweifelten, abgelehnt. Er hat, abgesehen von den durch den Anschluß an den deutschen Zollverein bedingten Steuern, bis auf eine unbedeutende Grundsteuer, alle Steuern abgeschafft und auch die einzige auf die Hälfte der ursprünglichen Höhe herabgesetzt. Die Frohnden wurden unter ihm fast vollständig abgelöst und Kirche und Schule erfreuen sich seiner sorgsamen Pflege. DaS Communalwesen wurde durch eine Städcord- nung geregelt und eine Landgemeindeordnung steht in Aussicht. Die Rechtspflege gewann unter seiner Regierung, namentlich durch die Errichtung eines von den Civiläm- tcrn getrennten Criminalgerichts. So ist an die Stelle des Mistrauens, welches im Anfang seiner Negierung im I. 1826 einen Aufstand mehrcr Landgemeinden hervorrief, der durch militairisches Einschreiten unterdrückt werden mußte, ein allgemeines Vertrauen getreten, das sich auch bereits im I. 1836 bei den Unruhen in Gera zu erkennen gab, wo man ihn zum alleinigen Regenten von Gera auszurufen beabsichtigte. (S. Neuß.) Heinrich (Karl Friedr.), einer der gründlichsten und scharfsinnigsten Philologen der neuesten Zeit, geb. am 8. Febr- 177-1 zu Malschleben bei Gotha, besuchte das Gymnasium zu Gotha und dann die Universität zu Göttingen, wo er an Heyne und Mitscherlich aufmunternde Gönner fand. Im I. 1795 erhielt er eine Collaboratur im Magdalenäum zu Breslau und 1861 eine Professur daselbst; 1865 wurde er als Professor der alten Literatur nach Kiel und 1818 in gleicher Eigenschaft nach Bonn berufen, in welchem letzter» Wirkungskreise er zur Hebung der in den Rheingegenden gesunkenen altclassischen Studien durch seine Vorträge und Schriften wesentlich beitrug. Er starb daselbst am 26. Febr. 1838. Von seinen zahlreichen Schriften nennen wir die „Observstiones in -nictores vete- re»"(Gött. 1794), die Fortsetzung der Nöhden'schen „Anmerkungen zu Virgil's Äneis" (2 Bde,Braunschw. 1794) und der Köppen'schen „Anmerkungen zuHomer's Ilias" (Han- nov. 1794, fg.), die Ausgaben des Musäus (Hannov. 1793) und des dem Hesiod gewöhnlich beigelegten „Scitum Heroilis" (Bresl. 1862); die im Vereine mit Cramer veranstaltete kritische Bearbeitung von Cicero's damals neu entdeckten „Orationes pro Scauro, pro 'lullio et pro^Iacco" (Kiel 18 l 6); die Handausgabe von Cicero's Büchern „vea-epublics" (Bonn 1823), wozu leider nur der Commentar zum ersten Buche erschienen ist (Bonn 1828), und von Lykurg's „Oratio in I.eocratem" (Bonn 1821), sowie die nach seinem Tode erschienenen Ausgaben der Satiren des Juvenal (Bonn 1839) und des Persius (Lpz. 1844); ferner die Schrift „Epimenides aus Kreta" (Lpz. 1861) und die gediegenen Abhandlungen „Dermapüroklitoriim «riAlnes et causae" (Hamb. 1865, 4.), „De clia- sceuastis üomvicis" (Hamb. 1867, 4.), „Lixplanatioruim blorstianarum prooemium" (Hamb. 5868, 4.), und „De äalio kompouio 8abino" (Bonn 1824). Heinrich von Alkmaar, s. Reineke Fuchs. Heinrich von Meißen, der Minnesänger, s. Frauenlob. Heinrichsorden, ein königlich sächs. Militairorden, wurde am 7. Oct. 1736 vom Kurfürst Friedrich August 11. von Sächsin zu Ehren Kaiser Hcinrich's 11. oder des Heiligen S8 Hemroth Heins« gestiftet, am 4. Sept. >768 vom Prinzen Laver von Sachsen, als Vormund des Kursor- sten Friedrich August's III., erneuert und dann von dem Lehtcrn, nachdem er >800 den Königstitel angenommen hatte, reorganisirt. Er besteht seitdem aus drei Classen, hat die Devise Virtuti in Keil» und kann eigentlich nur von Offizieren auf dem Schlachtfelde erworben werden. Für eine bestimmte Anzahl von Rittern hat der König, der jedesmal Großmeister ist, Pensionen ausgesctzt. Heinroth (Joh. Christian Friede. Aug.), ein bekannter psychologischer Schriftsteller, geb. zu Leipzig am 17. Jan. >§73, besuchte die dafige Nikolaischule und studirte von 179t an Medicin. Durch Fichte's „Wiffenschaftslchre" wurde er später so mächtig angeregt, daß er sich >801 entschloß, Theologie zu studiren. Dieser Entschluß kam jedoch nicht zur Ausführung, zumal da er Gelegenheit fand, einen russ. Grafen als Reisearzt nach Italien zu begleiten. Nach dem in Rom erfolgten Tode seines Patienten begab sich H. nach Wien und hörte hier den berühmten Peter Frank. Als er, 1803 nach seiner Vaterstadt zurück- gekehrt, zweiter Arzt am dasigen Jakobshospitale geworden war, überfiel ihn der Drang, sich der Theologie zu widmen, abermals und so stark, daß er seine Stelle aufgab und nach Erlangen ging. Hier aber, mehr zurückgeschreckt als ausgemuntert, wurde er sehr bald wieder andern Sinnes und kehrte nach Leipzig zurück, wo er 180', Doctor der Medicin und Chirurgie wurde, zu prakticircn ansing und sich der akademischen Laufbahn zuwendete, die aber während des franz. Kriegs durch seine Thätigkeit als Militairarzt unterbrochen wurde. Die neue Darstellung der psychischen Krankheiten ln seinen „Beiträgen zur Krank- heitslehre" (Gotha 1810) gab die nächste Veranlassung, ihm die 1812 neucrrichtete außerordentliche Professur der psychischen Therapie an der Universität zu übertragen. Von nun an wurde Seelenheilkunde im weitesten Sinne der Gegenstand seiner ärztlichen und schriftstellerischen Thätigkeit. Namentlich hat er sich um die Lehre von den Seelenstärungen verdient gemacht, wobei er von der Überzeugung ausging, daß diese Zustände ebenso wie Lei- denschaft, Wahn und Laster ihrem Grunde nach keine körperlichen Zustände seien, so sehr auch der Körper von ihnen angegriffen werden möge; sondern daß sie, aus falscher Lebensführung entspringend, weniger durch bloße körperliche Behandlung als durch Behandlung der ganzen Person heilbar, und überhaupt weniger heilbar als vielmehr durch richtige Lebensführung zu verhüten seien. Diese Orthobiotik zu begründen und zu verbreiten war er unablässig bemüht. Von der großen Zahl seiner Schriften sind die wichtiger»: „Lehrbuch der Seelenstörungen und ihrer Behandlung" (2 Bde., Lpz. 1818); „Lehrbuch der Anthropologie" (Lpz. >822; 2. Aust., >831); „Lehrbuch der Seelengesundheitskunde" (2 Bde., Lpz. 1824—25); „System der psychisch.gerichtlichen Medicin" (Lpz. 1825); „Die Psychologie als Selbsterkenntnißlehre" (Lpz. 1827); „Geschichte und Kritik des My- sticismus aller bekannten Völker und Zeiten" (Lpz. 1830); „Grundzüge der Criminalpsy- chologie, oder die Theorie des Bösen in ihrer Anwendung auf die Criminalrechtspflege" (Berl. 1833); „Über die Lüge, ein Beitrag zur Seelrnkrankheitskunde" (Lpz. 1834); „Über den Begriff der Erziehung" (Lpz. 1830); „Über Erziehung und Selbstbildung" (Lpz. > 837) und „Orthobiotik oder die Lehre vom richtigen Leben" (Lpz. > 839). Außerdem lieferte er Übersetzungen von Georget's Werk „Über die Verrücktheit" (Lpz. 1821), von Burrow'S „Untersuchungen über gewisse, die GristeSzerrüttungen betreffende Jrrthü- mer" (Lpz. 1822), wie auch kritische und erläuternde Zusätze zu Hille's Bearbeitung von Esquirol'S „Handbuch zur Kenntniß und Cur der Seelenstörungen" (Lpz. l 826). Unter dem Namen Treumund Wellentreter ließ er „Gesammelte Blätter" (4 Bde., Lpz. 1818—26) erscheinen, deren prosaischer und poetischer Inhalte das reiche Gemüth des Verfassers beurkunden. Nach länger» körperlichen Leiden starb er am 26. Oct. > 843. Heinse (Zoh. Jak. Wilh.), ein genialer deutscher Schriftsteller, wurde am 16 . Febr. 17 46 zu Langewiesen im Schwarzburg-Sondershausischen geboren und besuchte das Gymnasium zu Schleusingen. Als ein Jüngling von feinem Sinn und ausgerüstet mit herrlichen Fähigkeiten, kräftig von Körper, mit einem treuen Gedächtnisse und einer höchst entzündbaren Phantasie, schwelgerisch und üppig, bildete er sich mehr in der Welt als in der Schule. Nachdem er seine juristischen Studien in Jena wohl oder übel vollendet hatte, da ihm jedes Brotstudium zuwider war, ging er nach Erfurt, wo Wieland ihm seine poetische Heinsius 59 Richtung gab und Gleim ihn mannichfach anregte und unterstützte. Nachdem er mit einem Speculantcn eine Reise an den Rhein und nach Baiern unternommen, fand er seine Lage so unerträglich, daß er wieder in seine Heimat wanderte. Durch Gleim erhielt er im Herbste >772 eine Hauslehrerstelle in Halberstadt, wo er unter dem Namen Rost bis zum Früh, jahre 177-1 lebte. Durch Joh. Georg Jacobi ließ er sich um diese Zeit bestimmen, die Mitredaction der „Iris", einer Zeitschrift, die Fr. Heinr. Jacobi in Düsseldorf herausgab, zu übernehmen. Seine literarische Laufbahn hatte er durch dieHcruusgabe der „Sinngedichte" (Halberst. l 7 7 >) eröffnet; ihnen folgten die „Begebenheiten des Encolp, aus dem Sa- tiricon des Petron überseht" (2 Bde.,Rom fSchwabachj >773), die „Kirschen", ein leichtfertiges Gedicht nach Dorat's „< ei ises", und „Laidion oder die eleusinischen Geheimnisse" (Lp;. >773), welches letztere Werk weniger ein Roman als ein wilder Dithyrambus ist, worin er die Himmelserhöhung der Lais und die Genüsse der griech. Helden im Elysium schildert. Die sinnliche Glut, wovon Laidion entflammt ist, wirkt vielleicht darum wem- gcr gefährlich, weil sie sich ganz und nicht in der Halbumhüllung einer verführerischen Lüsternheit gibt. Doch nahm selbst Wieland an dem überkecken Muthwillen seines Zöglings ein Ärgerniß. Nachdem in Düsseldorf durch das Studium der herrlichen Gemäldegalerie sein Kunstsinn aufgeregt, genährt und verfeinert worden war, ging er 1780 in das ersehnte Italien, wo er drei Jahre in Lust und Entzückung schwelgte. Etwas Befremdendes mag es haben, daß er hier das „Befreite Jerusalem" (3 Bde., Manh. 1781) und den „Orlando" (3 Bde., Hannov. 1782) in Prosa übersetzte. Nach seiner Rückkehr hielt er sich einige Zeit wieder in Düsseldorf auf; dann wurde er Vorleser des Kurfürsten von Mainz, Fried- rich Karl Joseph, >787 dessen Privatsecrctair, und als nach des Kurfürsten Tode dessen Bibliothek durch Schenkung Staatseigenthum geworden, als Bibliothekar mit dem Titel als Hvfrath bei derselben angestellt. In dieser Zeit erschienen sein „Ardinghcllo oder die glückseligen Inseln" (2 Bde., Lpz. 1787; 2. Auf!., 1793) und „Hildegard von Hohen- thal" (2 Bde., Berl. 1795—96; neue Auf!., 3 Bde., 1893); dort legte er seine Ansichten über bildende Kunst und Malerei nieder, hier charakterisirte er musikalische Composi- tionen. Außerdem erschienen von ihm Briese aus Italien unter dem Titel „Anastasia und das Schachspiel" (2 Bde., Franks. 1893). Er starb zu Mainz am 22. Juli 1893. Seine höchst anziehenden „Briefe zwischen Gleim, H. und Johannes von Müller" gab aus Glcim's Nachlasse Körte heraus (2 Bde., Zur. 1896—8). Als Compositionen sind seine Romane unbefriedigend; um so mehr zeichnen sic sich durch Macht und Glut der Darstellung und sinnliches Feuer aus. Durch ^eine Apotheose des Nackten, die er freilich oft bis zum Äußersten trieb, trug er jedenfalls viel dazu bei, die Ansichten von der Antike zu berichtigen und die damals herrschenden engbrüstigen Kunstprincipien zu erweitern. Das Vorzüglichste sind vielleicht seine Charakteristiken der ausgezeichneter« Gemälde der düssel- dorfer Galerie, !die in seinen Briefen an Gleim enthalten sind. Trotzdem ist er wol von einigen neuern Kritikern, die ihn für ihre Tendenzen ausbcuteten, überschätzt worden, obgleich sein Stil für die poetisirende Kunstkritik mustergültig genannt werden darf. Seine „Sämmtlichcn Schriften" gab H. Laube heraus (l9 Bde., Lpz. 1838). HeinslUs (Dan.), ein berühmter holländ. Philolog und Kritiker, geb. zu Gent 1389, war ein Schüler Jos. Scaligcr'S und wurde in seinem 25. Jahre Professorder Staatskunst und Geschichte in Leyden, dann Custos der Universitätsbibliothek und Secretair der Universität, königlicher Rath und Historiograph des Reichs. Er starb am 25. Febr. 1655. Gustav Adolf, Urban Vlll. und die Republik Venedig achteten ihn sehr hoch und beehrten ihn mit Auszeichnungen. Seine griech. und lat. Gedichte, ebenso seine historischen Schriften und Reden zeichnen sich durch eine fließende und kräftige Sprache aus, und unter seinen Ausgaben der alten Clafsiker sind die des Hesiod, Horaz, Virgil, Ovid, Terenz, des Tra- gikers Seneca und des MaximuS TyriuS noch jetzt geschätzt. Außerdem schrieb er „Lxer citationes »acrae aä T. lidri XX" (Leyd. 1639, Fol.; Cambr. 1639, 3.). — Sein Sohn, Nikolaus H., geb. zu Leyden am 29. Juli 1629, gebildet unter derAufsicht seines Vaters, unternahm viele wissenschaftlicheReisen nach England, Frankreich und Schweden, besonders aber nach Italien, wohin ihn die Königin Christine von Schweden sandte. Er bekleidete in der Folge die Stelle eines niedrrländ. Residenten zu Stockholm, brachte aber 40 Herrath Heister die letzten zehn Jahre seines Lebens in seinem Vaterlande zu und starb nn Haag am 7.Oet. I68>. Glücklich war er besonders in der kritischen Behandlung der röm. Dichter, von denen er den Virgil, Ovid, Claudirn, Silius Italiens und Valerius Flaccus herausgab. Zerstreute Anmerkungen über mehre röm. Schriftsteller enthalten seine von P. Burmann dem Jüngern herausgegebenen „Xilversririorilm lidri" (Harling. 1742, ->.). Heirath (nuptias), s. Ehe und Aussteuer. Heiserkeit (raucecio) nennt man eine gewisse Unregelmäßigkeit der Stimme, wodurch diese ihren reinen, vollen, metallischen Klang verliert und statt dessen ungleichartige, rauhe, schnarrende oder auch pfeifende Töne hervorbringt, wobei ihr Gebrauch erschwert und durch häufigen Husten, der das Hindcrniß hinwegzustoßen versucht, unterbrochen wird. Die nächste Ursache dieser Unregelmäßigkeit liegt in einer abnormen Veränderung derKehl- kopsschlcimhaut, welche ihre gewöhnliche Glätte verloren hat. Diese Veränderung besteht bei leichten Entzündungen nur in einer geringen Auflockerung und Anschwellung dieser Haut, welche aber durch Vernachlässigung oder fortwirkende Schädlichkeiten einen hohen Grad annehmen, ja bis zur Zerstörung dieser Haut und des darunter liegenden Knorpels führen kann. Seltener rührt die Heiserkeit allein von Nervenverstimmung her, wobei die Stimmritze (s. Kehle) krampfhaft zufammengezogen wird, z.B. in der Hysterie. Die Hei- serkeit ist also keine selbständige Krankheit, sondern nur ein Krankheitszeichen, welches je nach den übrigen begleitenden Umständen mehr oder weniger Wichtigkeit hat. Eine leichte Erkältung, der Genuß erhitzender spirituöser Getränke, eine Anstrengung der Stimme kann eine Heiserkeit herbeiführen, die in den meisten Fällen durch Ruhe und Vermeidung der Schädlichkeiten vorübergeht, zuweilen aber auch eine im Körper befindliche Krankheitsanlage veranlaßt, den Kehlkopf zum Orte ihres Ausbruchs zu wählen und dann nur mit Hebung der ganzen Krankheit sich verliert. Heisshunger (bulimis, d. k. Ochsenhunger), der Zustand, in welchem ein Mensch innere Begierde nach Nahrung empfindet, ohne daß der Genuß derselben diese Begierde stillt, ist ein Zeichen von einer abnormen Beschaffenheit des Magens oder Darmkanals, in welchem Säure, Würmer u. s. w. einen widernatürlichen Reiz Hervorbringen, oder des ganzen Nervensystems, wobei sich ein solcher Reiz gerade in diesen Theilen ohne nähere nachweisbare Ursachen kundgibt, wie bei Hysterie (s. d.), selbst bei Gemüthskrankheiten. Auch findet sich das Verlangen, den Magen wieder anzufüllen, bei chronischem Durchfall und Erbrechen. Oft ist der Heißhunger nur kurze Zeit anhaltend, während er in manchen Fällen, besonders wo organische Fehler des Magens oder Darmkanals zu Grunde liegen, andauert und dann gewöhnlich durch Abzehrung, Wassersucht oder Zerstörung der Unterleibseingeweide mit dem Tode endigt. Über die Behandlung läßt sich bei der großen Verschiedenheit der Ursachen im Allgemeinen nichts angeben. Verschieden davon ist der ungewöhnlich aber nicht unnatürlich gesteigerte Hunger (s. d.), der ebenso genannt wird, und die Vielfraßigkeit, welche weder krankhafte Ursachen noch dergleichen Folgen zu haben scheint. Heister (Lorenz), einer der ausgezeichnetsten deutschen Wundärzte, geb. zu Frankfurt am Main am I9.Sept. >683, studirte von l7t>2—8 in Gießen, Amsterdam und Leyden Medicin und übte sich nebenbei in Feldlazarethen in der praktischen Chirurgie. Nachdem er >708 in Hardewyk die medicinische Doctorwürdc erhalten hatte, lehrte er gemeinschaftlich mit Nu y sch (s. d.) in Amsterdam Anatomie und wurde >709 als Oberfeldarzt in der holländ. Armee angcstellt. Als solcher wohnte er den Belagerungen von Tournay und Mons und der Schlacht bei Malplaquet bei. Doch schon > 7 > 0 verließ er diesen Posten, uw eine wissenschaftliche Reise nach England zu machen, worauf er Professor der Anatomie und Chirurgie in' Altdorf wurde. Von hier aus folgte er I 720 dem Rufe als Professor der Chirurgie nach Helmstedt, wo er am >8. Apr. >758 starb. H. ist als Begründer der neuern deutschen Chirurgie anzusehen, welche durch ihn einer großen Ausbildung entgegengeführt wurde, und seine „Chirurgie" (Nürnb. >719, 4.; 6. Aust., >779; lat. 2 Bde., Amsterd. >739; neue Ausl., > 750, 4.) ist eins der berühmtesten Bücher und fast in alle europ. Sprachen überseht. Von seinen übrigen Werken sind noch zu erwähnen „De csts- racta, Flrmcomate et sm-mrnsi" (Altd. >7 >3), „Medicinische, chirurgische und anatomische Wahrnehmungen" (2Bde., Rost. > 753,3.),,',<7ompenckium institutionum seu kuncls- HekatäuS Hekla 41 menlum.msstiemae" (Helmst. > 7 36, 4.), „Oompenäium meäicinas prsctic»«" (Amst. l 745) und „Anatomisch-chirurgisches Lexikon" (Berl. 1753, -1.). Hekatäus aus Milet, ein griech. Logvgraph (s. d.), lebte noch vor Herodot, um 1!)» v.-Chr. und galt für den vorzüglichsten Geographen seiner Zeit. Die Bruchstücke seiner Schriften sind in „llistoricoi-um Araec. li-sAmentu" von Creuzer (Heidelb. >806) und Miller (Par. 184 1) gesammelt und von Klausen („üccatsei Uiiesii fra^mentu", Berl. 1831 ) besonders herausgrgeben worden. Vgl. Ukert, „Untersuchungen über die Geogra- phie des H." (Weim. 1814). Hekate ist eine mystische Göttin, von welcher das Homerische Zeitalter noch nichts weiß. Zuerst kommt sie bei Hesiod vor, der sie eine Tochter des Titanen Perses und der- Asteria, einer Schwester der Letho und Enkelin der Phöb«, nennt. Sie erscheint überall, wo sie auftritt, als Verleiherin des Segens und Abwenderin des Unheils, und dann durch ihre Vereinigung mit derPcrsephone als eine mächtige, unterirdische und grauenvolle Gott- heit, in deren Besitz alle magische Kräfte des Himmels, der Erde und des Meeres sind. In letzterer Beziehung galt sie für die Mutter der Scylla, für ein Kind des Tartarus und für die Herrscherin des Schattenreichs. Besonders wurde sie verehrt in Böotien, auf Ägina und selbst in den eleusinischen Mysterien. Eine ganz besondere Rolle spielt sie in den kabi- rischen Mysterien, deren Hauptsihe Samothrazien und Lemnos waren, von wo aus sich ihr Cultus über Griechenland verbreitete. Ihr Heiligthum auf Samothrazien war die zcryn- thische Höhle; überhaupt hatte sie überall, wohin sie mit den Kabiren (s. d.) verpflanzt wurde, neben ihrem Tempel eine solche. ÄlS Abwenderin des Unheils und Verleiherin des Segens wurde sie vor den Häusern der Vornehmen, an den Orten der Volksversammlung und namentlich an Scheidewegen aufgestellt, wo man ihr jeden Neumond geringe Speisen als Opfer darbrachte. Als unterirdische grauenvolle Gottheit erscheint sie in gräßlicher Ge- statt; sie hat Schlangenfüße, Schlangen in den Haaren, Fackel und Schwert in den Händen, große schwarze, zottige Hunde zu ihren Begleitern, erscheint in Gesellschaft der Erin- nyen und der Pandora, ja sogar mit drei Köpfen, mit dem eines Pferdes, eines Löwen und einer Hündin. Dreihauptig stand sie auch auf Scheidewegen. Als man später auch dem Monde immer mehr magische Einflüsse zuschrieb, wurde sie mit diesem identistcirt, daher sie am Himmel Selene, auf der Oberwelt Ärtemis (s. Dia na) und in der Unterwelt Hekate oder Proserpina hieß, und Tochter derLetho genannt wurde. Nach andern Sagen wer- den Zeus und Hera als ihre Ältern aufgeführt, von Letzterer soll sie nach ihrer Geburt Angelas genannt worden sein. Erwachsen entwendete sie ihrer Mutter die Schminkbüchse und schenkte sie der Europa, und als sie deswegen bestraft werden sollte, floh sie zu einer Wöchnerin, dann unter einen Leichenzug. Dadurch unrein geworden, wurde sie aufZeus'Befehl durch die Kabiren gereinigt und somit zu einer unterirdischen Göttin gemacht. Noch andere Sagen machen Zeus und Pheräa zu ihren Ältern und lassen sie von ihrer Mutter an einem Dreiwege aussetzen, vonHirten des Königs Pheres finden und auferziehen. Bei Dio- dor endlich ist sie die Tochter des Königs Perses in Taurica, nach dessen Ermordung sie sich des Throns bemächtigte und in einem der Artemis errichteten Tempel alle Fremden, die in ihre Hände fielen, opferte. Mit dem Äetes zeugte sie die Circe (s. d.), Medea und den Agialus. Denkmäler, die sic darstellen, finden sich wenig. Schon seit Alkamones wurde sie mit drei Körpern dargestcllt. Das erhaltenste-BildmitNeliefdarstellungen eines mystischen ägyptisirenden Dienstes findet sich im Museum zu Hcrmannstadt. Hekatombe heißt eigentlich ein Opfer von hundert Stieren, dann überhaupt jedes große, feierliche Opfer. Dergleichen waren bei großen Festen nicht ungewöhnlich, und sind dann als eine Fleischspende an das Volk anzusehen. Häufig waren dergleichen Hekatomben im demokratischen Athen, wo der Opferluxus aufs höchste stieg; unter Andern opferte Kanon nach Wiedererbauung der Mauern hundert Stiere. Hekatoncheiren, s. Centimanen. Hekla, der berühmteste der isländ. Vulkane, im südwestlichen Theile der Insel gelegen, ist 4800 F. hoch und besteht meist aus Lavamassen und Schlacken. Sein Gipfel, den 1810 der Brite Mackenzie mit großer Gefahr bestieg, steigt in drei Spitzen auf, und sein Krater ist über 100 F. tief. Der erste Ausbruch soll imJ. 1004 stattgesunden haben; seit- 42 Hektare Heldmann dem erfolgten überhaupt 23 Ausbrüche ; am bedeuleiibsieu waren die Ausbruche in den I. 176« und >818. Der nächste bewohnte Ort ist die Meierei Naifurholt; auf dem Berge selbst und über drei Stunden in seinem Umkreise ist nicht die gcringsteSpur von Vegetation. Hektare, s. Maße und Gewichte. Hektik bezeichnet in derMedicin stets einen Zustand, welcher sich durch Abnahme des Korpcrumfangs, also durch Überwiegen des Verbrauchs von Nahrungssioffen über die Wicdcrcrsctzung derselben kundgibt. Meist ist die Hektik ein Zeichen und eine Folge von Krankheiten, welche die Ernährung des Körpers beeinträchtigen, also namentlich von Sec- lenkrankhcitcn, Erschöpfung durch Nervenanstrengungcn, inner» wie äußern Vereiterungen n. s. w. Das Zeichen, welches neben der Abmagerung das Dasein der Hektik verräth, > und sie von Atrophie (s. d.) unterscheidet, ist das hektische Fieber, das, viel weniger heftig als andere Fieber, aber gewöhnlich andauernder, nicht schwer von jenen zu unterscheiden ist. Auch die andern die Hektik begleitenden Symptome nennt man hektisch, z. B. eine gewisse Röthc der Wangen, eine Art Husten u. s.w. Endlich nennt man auch Personen hektisch, deren Ansehen die Anlage zur Hektik oder das Vorhandensein derselben verräth. Hektor, der Tapferste im Heere der Trojaner, war der Sohn des Königs Priamus und der Hekuba und vermählt mit des cilicischen Königs Eetion Tochter, Andromache, mit der er den Astyanax oder Skamander, nach Andern auch den Laodamas und Amphinoos zeugte- Seine Thatcn besingt Homer in der „Ilias". Als er den Patroklus, des Achilles Freund, erlegt hatte, und dieser, des Haders mit Agamemnon vergessend, die Waffen ergriff, um den Tod des geliebten Genossen zu rächen, siel H. von Achilles durchbohrt; sein Leichnam wurde von dem Sieger geschleift und sodann für ein Lösegeld dem Priamus überlasse», der ihn feierlich bestatten ließ. Zn Zlium wurde H. als Heros verehrt und ihm Tod- tenovfer gebracht. Später sollen seine Gebeine zufolge eines Orakclspruchs nach Theben gebracht worden sein. Unstreitig ist H. der trefflichste Held in der „Ilias"; an Tapferkeit Keinem weichend, erliegt er dem Achilles, nicht weil ihn derselbe an Muth übertrifft, sondern weil er, von langen Kämpfen und Wunden ermattet, einen Zweikampf eingeht, in welchem er des Deiphobus Hülfe vertraut, in dessen erlogener Gestalt Minerva ihn täuscht und verläßt; an Menschlichkeit aber übertrifft er Alle. Zu den schönsten Episoden der „Ilias" gehört der Abschied H.'s von seiner Gattin Andromache, in welchem er die schönsten Gefühle als Fürst, Gemahl und Vater ausdrückt. Hel oder Helaist in der nord. Mythologie die Tochter des Loki und der Riesin An- gerbaude, die Herrscherin im Schattenreiche. (S. Äsen lehre). — Hela soll auch eine schwarze oder böse Göttin der Wenden geheißen haben, die man unter dem Bilde eines Lö- wcnkopfs mit weit aufgesperrtem Rachen und vorgestcckter Zunge dargestellt habe; doch ist das Dasein in dem alten Religionscultus der Slawen sehr zweifelhaft. Heldenbuch. Unter diesem Titel ist eine Sammlung von epischen, zum Kreise der deutschen Heldensage (s. Deutsche Poesie) gehörigen Gedichten vom Ende des > 5. Jahrh. bis > 596 mehrmals gedruckt worden. Diese alten Drucke enthalten den Otnit, den Wo!f- dietrich, den großen Rosengarten und den Laurin oder sogenannten kleinen Rosengarten. Dieselben Gedichte und außerdem das Eckenlied, die Gedichte vom Riesen Sigenot, von Dietrich's Drachcnkämpfen, von Ehel's Hofhaltung, das jüngere Hildebrandslied, und außerdem zwei nicht zu diesem Kreise gehörige Gedichte, das Meerwunder und eine Bearbeitung der Sage vom Herzog Ernst, vereinigte in einer abkürzenden, rohen und geistlosen, sprachlich völlig verwilderten Überarbeitung Kaspar von der Röhn, aus Münnerstadt in Franken. Kaspar'S Heldenbuch ist aus der von ihm selbst im Z. >472 geschriebenen dresdner Handschrift abgedruckt in dem „Heldenbuch" von F. H. von der Hagen und Primis- ser(Berl. 1820, 4.). Heldengedicht, s. Epos. Heldmann (Friedr.), ein bekannter freimaurerischer Schriftsteller, geb. am 24.Nov. l 7 76 zu Margetshöchheim in Franken, wurde 1803 Professor an der Universität zu Würz- burg, 1804 zugleich Professor am dasigen Gymnasium und Direktor der königlichen Com- merzschule, 1807 Professor an der Cantonsschule in Aarau und 1817 Professor der Staatswissenschaften in Bern. Im I. 1821 legte er in Folge ungerechter Behandlung von Sei Helena Helena (die Heilige) 43 ten der berner Regierung sein Amt nieder, hielt sich einige Zeit in Italien auf, lebte sodann seit 1823 in Darmstadt, wo er 1830 eine Pensionsanstalt für die weibliche Jugend errichtete und am 21. Mai 1838 starb. Vielseitig gebildet, mit einem lebhaften Sinn für alles Wahre und Gute begabt, hat H. als Freimaurer im Verein mit Zschokke und andern Schweizern kräftig für die Sache des Fortschritts und der Freiheit in dem Bunde für reine Menschenwürde gewirkt. Seit 1809 in die Brüderschaft ausgenommen, war sein Streben vorzüglich darauf gerichtet, aus der Masse verschiedener und durch allerlei unlautere Einflüsse verderbter Ritualien das echte Gebrauchthum herauSzusuchen, aus dem mit kritischer Kunst gesichteten Material den wahren, ursprünglichen Zweck des Bundes zu ermitteln und ihn als Aufgabe für das Bundeslebcn hinzustellen. Eine in Aarau durch ihn hauptsächlich in das Leben gerufene Loge „zur Brudertrene" sollte, auf eine freie Verfassung gegründet und mit einfachen, edeln Formen versehen, Zeugniß geben, wie eine Loge ein den höher» Angelegenheiten des Menschenlebens und der Veredlung aller geselligen Verhältnisse gewidmeter Tempel sein müsse; und wirklich wurde sie durch ihre schönen und fruchtbaren Arbeiten eine Musterloge. Selbst nach außen wirkte sie sehr erfolgreich, indem sie allgemeine Theilnahme für Angelegenheiten zu wecken wußte, die bis dahin unbeachtet geblieben waren; auch hat sie durch Gründung der aargauischen Gesellschaft für vaterländische Cultur sich ein schönes Denkmal gesetzt. Sein anhaltendes Studium der Maurerei, sein Beruf als Redner einer Loge, seine fortschreitende Einsicht in die Geschickte dieser Kunst befähigten ihn ganz besonders zum freimaurerischen Schriftsteller. Aber die bloße Ankündigung eines von ihm zum Drucke bestimmten Handbuchs, in welchem in gedrängter Kürze das Wissenswürdigste aus dem garnen Gebiete der Maurerei dargeboten werden sollte, zog ihm von Seiten der Logcnhierarchie alle die unfreundlichen Begegnungen zu, die ein gleiches Streben so oft in der Welt gefunden hat. Wie kräftig ihn auch seine Loge vertrat, so wollte er derselben doch weitere Ungelegcnheiten ersvaren und entsagte der Mitgliedschaft. Auch die Herausgabe des Handbuchs unterblieb; statt dessen erschien von ihm eine auf Urkunden gestützte Geschichte der Freimaurerei, „Die drei ältesten geschichtlichen Denkmale der deutschen Freimaurerbrüderschaft" (Aarau l8I9) und ein maurerisches Taschenbuch, „Akazienblüten aus der Schweiz" (Bern 1819). Später gab er noch eine Sammlung von Zschokke's, seinen und Anderer maurerischen Vorträgen und Untersuchungen heraus („Mittheilungen über die Freimaurerei", Franks. 1830). Wie Krause (s. d.) erkannte er im Frcimaurerbunde die Keime eines allgemeinen Menschheitvereins. Helkna, die Tochter der Leda und des svartan. Königs Tyndareus, oder des Jupt- ter, der in Gestalt eines Schwans ihrer Mutter sich genaht hatte, war von so unbeschreib- licher Schönheit, daß sie schon als zehnjähriges Mädchen der Sage nach von Theseus und Peirithoos entführt wurde, und daß dann Tyndareus die um sie sich bewerbenden Freier schwören ließ, dem erwählten Gcmahle seiner Tochter im Falle der Befehdung beistehen zu wollen. - Diesem gemäß foderte ihr Gemahl Menelaus (s. d.), als sie ihm von P aris (s. d.), dem Sohne des trojan. Königs Priamus, entführt worden war, alle griech. Fürsten zur Bestrafung des erlittenen Schimpfs auf, wodurch der trojan. Krieg veranlaßt wurde. Unerschöpflich sind die Mythographen in der Ausschmückung der Schicksale H.'s gewesen; von den vielen widersprechenden Erzählungen ist die gewöhnliche, daß aus dem Besitze des Paris H. in die Hände seines Bruders Deiphobus (s. d.) kam, und daß nach Trojas Eroberung ihr erster Gemahl Menclaus, den sie durch ihre Liebkosungen wieder zu gewinnen wußte, sic mit sich zurück nach Sparta nahm. Als des Menelaus Gemahlin trifft sie nach Homer's Erzählung Telemach. Schon in sehr früher Zeit lassen griech. Mythographen H. nach Ägypten fliehen. Über den Ort ihres Todes sind die Angaben gleich ver- schieden; nach der gewöhnlichsten Annahme endete sie in Rhodus, wo sie aufVeranlassung der Polixo erhängt wurde. Ein eigener Sagenkreis vermählt die aus Troja Heimkehrende dem Achilles auf Leuke. Mit Menelaus zeugte sie die Tochter H erm ione (s. d.). Griech. Künstler haben sie als ein Urbild weiblicher Schönheit in ihren Werken verherrlicht und die Tragiker sie oft zum Stoffe ihrer dramatischen Werke genommen. Helöna, die Heilige, die Mutter Kaiser Konstantin's des Großen, stammte wahrscheinlich aus niederm Stande. Sie machte sich um Verbreitung des Christenthums sehr 44 Helenus Helgoland verdient, war wahrscheinlich von großem Einflüsse auf ihren Sohn und erbaute namentlich mehre berühmte Kirchen, unter Andcrm die Kirche des Heiligen Grabes (s. d.) zu Jerusalem in Folge der Auffindung des Kreuzes Christi (s. Kreuzeserfindung und Kreuzeserhöhung) und die zu Hebron. Sie starb als Nonne 80 Jahre alt, und ihr Leichnam wurde nach Konstantinopel gebracht. Helenas, der Sohn des Priamus und der Hecuba, gleich berühmt als Seher wie als Kämpfer in den Reihen der Trojaner, verließ, weil ihm Deiphobus (s. d.) beider Bewerbung um die Helena vorgezogen wurde, Troja, begab sich zu den Griechen und ver- rieth die Stadt. Nach Trojas Eroberung lebte er bei Pyrrhus in Epirus, nach dessen Tode er einen Theil von Epirus erhielt. Helgöland heißt das kleine, 200 F. hohe Felscneiland, welches sechs Meilen vor den Mündungen der Elbe, Weser und Eider in der Nordsee liegt und von einigen andern Sandinseln oder Dünen und verschiedenen Klippen und Nissen, unter denen der sogenannte Mönch die vorzüglichste ist, umgeben wird. Die Insel wird in das hohe und niedrige Land eingetheilt; jenes hat -1200 Schritt im Umfange und ist 90— 100 Schuh über der Meersfläche erhaben; dieses, ein flaches Vorland aus röthlichem Thon und Rollsteinen, hat jetzt kaum noch einen Umfang von > 200 Schritten, weil die Fluten des Meers fortdauernd größere oder kleinere Massen abspülen. Die Sandinseln, mit deren einer vor etwa hundert Jahren H. noch zusammenhing, haben nur zwei Fünftheile des Umfangs von H. Etwa eine Viertelstunde östlich von dem Vorlande liegt eine 300 F. lange und >000 F. breite, 2» F. über der Meersfläche erhabene Sanddüne, an deren westlichem Strande das Seebad liegt. Der obere Theil der Insel ist zwar auch Felsengrund, aber mit einer tragbaren Erde bedeckt, welche Gras und Klee, Gerste, Kartoffeln, auch niedrige Sträucher trägt. Auf diesem Theile der Insel steht auch der Leuchtthurm und eine kleine Stadt, um die sich auf dem untern Theile noch SO—00 Häuser reihen. Fischerei und besonders der Lootsen- dienst, in welchem leßtern sie ausgezeichnet sind, bilden die Hauptnahrungsquelle der 2200 Bewohner. Sie sind friesischen Stammes, und die alrfriesische Sprache hat sich bei ihnen ohne Zweifel am reinsten erhalten; dennoch findet der Gottesdienst und der Schulunterricht in hochdeutscher Sprache statt. Übrigens unterhalten sie auch Schiffahrt mit acht oder neun Fahrzeugen nach England, Frankreich, Norwegen und den baltischen Häfen und gewinnen nächstdem durch den Aufenthalt der zahlreichen Fremden, die das Seebad besuchen. Die Insel hat zwei Häfen und wird durch vier Batterien vertheidigt. Sie bildete früher einen Bestandtheil des Herzogthums Schleswig, war bis 171-1, wo Dänemark sic sich unterwarf, cinBefißthum der Herzoge von Holstein-Gottorp, wurde aber >807 von den Engländern besetzt und ihnen im kieler Frieden 1814 von Dänemark förmlich abgetreten. Die engl. Negierung fodert von der Insel keine Abgaben und läßt die Verwaltung durch einen Gouverneur, der gewöhnlich Stabsoffizier ist, besorgen. Unter ihm werden alle gemeine Angelegenheiten aus der Insel von sechs Rathsherren, acht Quartiersleuten und 16 Ältesten geleitet. Die beiden erster« werden von den Bewohnern aus ihrer Mitte auf acht Jahre, die letzter« auf Lebenszeit gewählt. Die alten friesischen Gesetze bilden das Helgoländer Landrecht, ein Gesetzbuch, das nur aus 1 -i Artikeln besteht. Die Einwohner sind von so einfachen Sitten, daß Ehebruch unter ihnen ein unerhörtes Verbrechen, der Diebstahl fast ganz unbekannt und Processe höchst selten find. Niemand denkt daran, sein Haus oder seine Kasten zu verschließen und zu keiner Zeit war ein Gefängniß auf H. vorhanden. Eine allgemeine Landesversammlung untersucht jährlich die Ausgaben der Landschaft; jeder Hauswirth hat das Recht, dabei mitzusprechen. Die Helgoländer bekennen sich zur evangelischen Kirche und wählen ihre Prediger selbst, von denen der jüngere zugleich den Unterricht in der obern Classe der Schule besorgt. Die Besoldung der Geistlichen liegt dem Landesherrn ob. Vgl. Friedr. von der Decken, „Untersuchungen über die Insel H." (Hannov. 1828); Lappenberg, „Über den ehemaligen Umfang und die alte Geschichte H.s"(Hamb. 1831) und Heikens, „H. und die Helgoländer" (herausgegeben von Ad. Stahr, Oldenb. 18-14). — Das Seebad zu H. entstand im I. 1826 durch den Vorschlag von der Decken's und ist jetzt, besonders seitdem im I. 1830 die in Hamburg versammelten deutschen Naturforscher eine Lustfahrt dahin machten, eins der besuchtesten, Heliaden Helikon 45 indem namentlich die reine Seeluft und der starke Wellenschlag ihm vor manchen andern einen bedeutenden Vorzug geben. Der Hauptplaß für die Bader ist die Düne, auf deren Westseite der Badeplatz für die Herren sich befindet, während der für die Damen aus der südwestlichen Spitze eingerichtet ist. Auch an der Nord- und Ostseite dieser Insel sind Badeanstalten getroffen, um nach Belieben oder Vorschrift den sich nach dem Winde richtenden starkem oder schwachem Wellenschlag benutzen zu können. Die Überfahrt nach der Düne geschieht in großen Schaluppen, die für mehr als 3« Personen Raum haben. Bei der Lenkung derselben sowie überhaupt bei der ganzen Überfahrt sind von der Badedirec- tion solche Maßregeln genommen worden, daß jeder Badegast sie mit vollem Vertrauen unternehmen kann. Da jedoch stürmisches Wetter oder andere Umstände diese Überfahrt verhindern oder unthunlich machen können, so sind seit dem I. 1837 am Strande von H. selbst Badeanstalten getroffen worden, sowie auch Vorrichtungen zu Regen-, Sturz- und warmen Bädern nicht fehlen. Die Einrichtungen selbst sind wie in andern Seebädern beschaffen (s. Seebad), ebenso die Wirkungen. Die Badezeit beginnt Mitte Juni und dauert bis Sept. Vgl. Hille, „Die Nord- und Ostseebäder" (Lpz. 1838). Heliaden (Helioelae) heißen die sieben Söhne des Sonnengottes Helios, welche erzeugt wurden, als Helios die überflüssige Feuchtigkeit auf der Insel Rhodus austrocknete. Ihre Namen sind Ochimos, Kerkaphos, Makar, AktiS, Tenages, Triopas und Kandalos. Eine Schwester derselben war Elektryone, welche als Jungfrau starb und von den Rho- diern göttlich verehrt wurde. Sie waren sehr erfahren in der Asieonomie und Schiffahrt; namentlich zeichnete sich unter ihnen Tenages aus, weshalb iyn auch seine Brüder, den Ochimos und Kerkaphos ausgenommen, ermordeten. Die Mörder entflohen voki Rhodus, als der Mord ruchbar wurde, und zerstreuten sich auf den benachbarten Inseln. Die H. waren jedenfalls Phönizier, welche den Dienst des Hel (Baal, der Sonne) nach Rhodus brachten. — Heliaden (üeliutles) hießen auch die drei, nach Andern sieben oder zwei Töchter des Helios und der Klymene, die Schwestern des Phakton (s. d.), die in Lärchenoder Pappelbäume, oder in Erlen und Tannen verwandelt wurden, weil sie ihrem Bruder des Vaters Wagen ohne dessen Befehl angespannt hatten. Nach Andern geschah solches von den Göttern aus Mitleid, weil sie den Tod ihres Bruders allzusehr beweinten. Ihre Thränen verwandelten sich in Bernstein; ja noch als Bäume schwitzten sie Bernstein aus. Jedenfalls verdankt dieser Mythus sein Dasein einer physikalischen Erklärung von der Entstehung des Bernsteins, den man für verhärtetes Baumharz ansah. Da man meinte, daß dies vorzüglich bei den Bäumen am Po der Fall sei, so versetzte man die H. an diesen Fluß. Hßliand, d. i. Heiland, hat A. Schmeller das von ihm (2 Bde., Münch. 1830— ^0) nach den beiden vorhandenen Handschriften, deren eine früher in Bamberg, jetzt in München, die andere im Britischen Museum aufbewahrt wird, herausgegebene altsächs. Gedicht des 9. Jahrh. genannt, das in alliterirenden Versen die Geschichte Christi nach den Evangelien erzählt, daher es auch die altsächs. Evangelienharmonie genannt wird. Es ist vielleicht ein Theil eines umfassender,, Werks, einer poetischen Bearbeitung der Geschichte des Alten und Neuen Testaments, die Ludwig der Fromme einem berühmten sächs. Sänger auftrug. Der ungenannte Dichter des Heliand lebte, wie seine Sprache vermuthen läßt, wahrscheinlich zwischen Münster, Essen und Kleve. Sein Werk ist nicht nur das fast einzige uns erhaltene Denkmal der altsächs. Mundart, sondern auch durch Wärme der Empfindung und durch Glanz und Kühnheit der Sprache von hohem dichterischen Werthe. Es stellt sich den gleichzeitigen angelsächs. und altnord. Dichtungen würdig zur Seite und läßt, deutlicher als was von althochdeutscher Dichtung auf uns gekommen ist, in den, S. Jahrh. eine Blütezeit der deutschen Poesie erkennen. Zugleich gibt es uns durch seinen Ton, der in formelhaften Ausdrücken und Wendungen als ein volksmäßiger unverkennbar ist, ein Bild der fast ganz untergegangenen epischen deutschen Volkspoesie jener Zeit. Helike, die Tochter des Flusses Selinus in Achaja, war die Gemahlin des Jon, der die S.tadt Helike nach ihr benannte. — Helike heißt auch die Tochter des Olenos, eine Nymphe, die den Jupiter mit auferzog und dann von ihm als das Gestirn des Großen Bä- ren an den Himmel verseht wurde. Helikon, jetzt Zagara oder Zagori, ein einzelnes Gebirge im Südwester» der Helioceutrisch Helios griech. Landschaft Böoticn, zwischen dem Kopaischcn See und Korinthischen Meerbusen, ist in den Gesängen der Alten als geheiligter Musensitz verherrlicht worden. Auf dem Gipfel des eigentlichen Bergs, in der Nähe von Thespiä, befanden sich der den Musen und dem Apollon gewidmete Hain und Tempel nebst'deren Bildsäulen, und in der Nähe des Hains entsprangen die den Musen geweihten Quellen Aganippe (s. d.) und Hippo- kren e (s. d.). Auch ließ hier Orpheus der Sage nach seinen Gesang ertönen. Heliocentrisch heißt in der Astronomie jede Ortsbestimmung, die sich auf den Mittelpunkt der Sonne bezieht oder nach der Vorstellung aus dem Mittelpunkte der Sonne beobachtet wird. So bestimmt z. B. die heliocentrische Länge und Breite eines Planeten den Ort, welchen derselbe, aus der Mitte der Sonne beobachtet, einnimmt. Heliödor, ein griech. Erotiker, geb. zu Emesa in Syrien, lebte gegen das Ende des 3. Jahrh. und zu Anfänge des ä.Jahrh. n.Chr., war Christ und wurde Bischof von Trikka in Thessalien, später aber abgesetzt. Sein Jugendwerk „^etlüopilci»", worin die Liebesabenteuer des Theagenes und der Chariklea in poetischer Prosa und einem fast epischen Tone geschildert werden, zeichnet sich vor den übrigen griech. Romanen durch strenge Sittlichkeit aus. Die besten Ausgaben sind die von Mitscherlich in den „8crsi>tnre8 erntici Lraec." (2Bde., Zweibr. 1792—93) und vonKorais (2Bdc., Par. 1893); gute deutsche Übersetzungen lieferten Göttling (Franks. >822) und F. Jacobs (3Bdch., Stuttg. 1837). Heliogabälus, röm. Kaiser, 218—22 n. Ehr., eigentlich Varius Avitus Bassianus, rin Enkel der Julia Mäsa, Schwester der Gattin des Septimius Severus und Mut- ter des Caracalla, Julia Donwa. Seine Großmutter wandte sich nach Caracalla's Ermordung durch Macrinus im Apr. des 1.217 nach Emesa in Syrien, wo ihr Enkel Oberpriester des Elagabalus, eines syr. Berggottes, wegen seiner Deutung auf die Sonne Heliogabalus genannt, wurde, dessen Namen er selbst annahm. Sie gewann das Heer für H., der >3, nach Andern 17 Jahre alt zum Kaiser ausgerufen wurde; Macrinus wurde im Juni 2 l 8 in der Gegend von Antiochia geschlagen, nachher mit seinem Sohne Diadumenus in Chal- cedon ermordet; H. zog, nachdem er den Winter in Nicomedia verlebt, im I. 219 in Rom ein. Dahin verpflanzte er zugleich den orgiastischen Dienst seines syr. Gottes, dem er Tempel, einen auf dem palatinischen Berg, erbaute und die andern Götter unterordnete. In üppiger Schwelgerei und scheußlichster Wollust übertraf er die schlechtesten seiner Vorgänger. Als er das Leben seines Vetters Alexander Severus (s. d.), den er adoptirt hatte, bedrohte, brach im März 222 ein Aufstand der Prätorianer, die diesem geneigt waren, aus; H. wurde ermordet und sein Leichnam in die Tiber geworfen. Heliometer, auch Astrometer, heißt das Werkzeug, das an einem Fernrohre angebracht wird, um kleine Winkel am Himmel, vorzüglich aber die scheinbaren Durchmesser der Sonne und des Mondes sehr genau zu messen. Bouguer wendete dasselbe im J. >738, wir es scheint, zuerst an; nach seiner Angabe wird ein astronomisches Fernrohr mit zweiOb- jectivgläsern versehen, von denen eins beweglich ist, und welche zwei nebeneinanderliegende Bilder des Gegenstandes erzeugen, die man zugleich durch dasselbe Ocular betrachtet. Stellt man nun bei Betrachtung eines Himmelskörpers die Objective so, daß sich die beiden Bilder mit den Rändern genau berühren, so gibt die Entfernung der Mittelpunkte der Gläser, welche durch die Umdrehungen einer Schraube gemessen wird, den Durchmesser des Bildes, welcher dem scheinbare» Durchmesser proportional ist. Ein ähnlicher Vorschlag, den Ser- vington Savery bereits 1733 der londoner Societät vorlegte, scheint damals gar nicht beachtet worden zu sein und wurde erst 1753 bekannt. Um dieselbe Zeit schlug Dollond vor, ein Objectivglas in zwei Hälften zu theilen und diese in zwei Schiebern befestigt von- -:4 -V einander nach Erfodern zu entfernen, eine Einrichtung, welche sich durch die Gleichheit der Brennweiten beider Glashälften und dir erreichbare große Annäherung der Mittelpunkte der Gläser sehr empfiehlt. In neuerer Zeit hat Fraunhofer diese Einrichtung des Instruments sehr vervollkommnet. Heliopölis, s. Baalbek. Helios, bei den Römern Sol, der Sonnengott, eine alte griech. Gottheit oriental. Ursprungs, ein Sohn des Titanen Hyperion und der Theia oder Euryphaessa, und Führer des mit vier Rossen (Pyroeis, EouS, Äthon, Phlegon) bespannten Sonnenwagens, hat Helioskop Helischer Aufgang 47 IM Osten hinter Kvlchis seinen Palast. Nach Vollendung seiner Tagfahrt bringt ihn ein geflügeltes goldenes Fahrzeug längs des nördlichen Gestades des Oceans nach Kolchis zurück. In späterer Zeit, nicht vor Äschylos, floß er mit dem Apollon oder Phoiboö zusammen. Oft heißt er Titan und Hyperion von seiner Abkunft. Sein Dienst war sehr ausgebreitet; Tempel hatte er in Korinth, Argos, Trözene, Elis u. s. w. Hauptsitz aber war Rhobus, wo man ihm jährlich ein Viergespann opferte, das man ins Meer stürzte. Außerdem opferte man ihm gewöhnlich weiße Lämmer oder Eber. Von den Thieren waren ihm heilig: Pferde, Wölfe, Hähne und Adler. Er war, abgesehen von dem Sol Phöbus der röm. Zeit, nur in Rhodus ein bedeutender Gegenstand der Bildnerei, wo die Münzen seinen Kopf meist von vorn mit runden Formen und strahlenförmig fliegenden Haaren zeigen. In gan- zerForm erscheint er meist bekleidet auf seinem Wagen, die Rosse mit der Peitsche regierend. Helioskop oder Sonn englas nennt man ein Fernrohr, hinter welchem man das Bild der Sonne aus einer Ebene auffängt. Ein astronomisches Fernrohr wird nämlich etwas weiter auseinandergezogen, als es, um entfernte Gegenstände dadurch zu sehen, nöthig ist. So wird eS gegen die Sonne gerichtet, und das dadurch entstehende Bild an einem dunkeln Ort aufgefangen. In dieser Absicht wird entweder ein Zimmer verfinstert, oder man steckt das Fernrohr in ein dunkles trichterförmiges Behältniß, dessen Boden mit geöltem Papier überspannt oder mit einem matt geschliffenen Glase verschlossen ist, worauf sich die Sonne abbildet. Auf diesem Papier oder Glase wird , ein Kreis beschrieben, den das Sonnenbild gerade ausfüllt, und der durch fünf innere concentrische Kreise in die gewöhnlichen zwölf Theile (die sogenannten Zolle) getheilt wird. Mit einem solchen Helioskop kan» man das Bild der Sonne mit ihren Flecken, sowie die Sonnenfinsternisse ohne Nachtheil für die Augen beobachten. Jndeß ist das Instrument zu genauer» Bestimmungen nicht geeignet, und man betrachtet die Sonne daher lieber durch Fernröhre, deren Gläser entweder mittels des Rauches einer Kerze geschwärzt oder stark gefärbt sind. Die astronomischen Fernröhre sind deshalb auch meist mit solchen stark gefärbten Plangläsern versehen, die in die Rühre geschraubt werden können, wenn die Sonne beobachtet werden soll. Heliostat, ein zu vielen optischen Versuchen, bei denen man sich eines Sonnenstrah- les bedient, unentbehrliches Instrument, im Wesentlichen aus einem Spiegel bestehend, der durch ein auf geeignete Weise angebrachtes Uhrwerk sich dem Gange der Sonne gemäß so dreht, daß ein darauf fallender Sonnenstrahl ungeachtet der scheinbaren Fortrückung der Sonne in unveränderter Richtung auf einen bestimmten Punkt zurückgeworfen wird. Es wurde von s'Gravesande erfunden und nachher vielfach abgeändert und verbessert. ^Da der Heliostat theucr und nicht überall ein bequemer Platz zu seiner Aufstellung vorhanden ist, so bedient man sich gewöhnlich einer einfacher» Vorrichtung, um durch Fortrückung zweier Stellschrauben, die man freilich selbst bewegen muß, den auf einen Spiegel fallenden Sonnenstrahl in einer nahe unverrückten Lage zu erhalten. Heliotrop, s. Chalcedon. Heliotrop, ein von Gauß erfundenes Instrument, besteht aus zwei aufeinander senkrechten, mit einem Fernrohre verbundenen ebenen Spiegeln, von denen einer dazu dient, das Sonnenlicht nach einem bestimmten, weit entfernten Punkte hmzuwerfen, sodaß man daselbst den Spiegel hell erleuchtet sieht; der andere aber zum Zweck hat, dem erster» die nüthige Stellung zu geben. Sieht man nämlich durch das Fernrohr nach dem entfernten Punkte und dreht beide Spiegel so, daß der Sonnenstrahl aus dem einen derselben ins Fernrohr geworfen wird, so wirft der andere Spiegel den Sonnenstrahl nach dem Punkte, wo der Spiegel sichtbar sein soll. Diese sehr sinnreiche Vorrichtung wird vorzüglich bei großen Landesvermessungen als Signal mit vielem Vortheile angewendet und vertritt die Stelle der sonst so schwierigen Signale auf entfernten Standpunkten, zunächst der kostbaren und doch nur auf kurze Zeitmomente sichtbaren sogenannten Blickfeucr. Die Erleuchtung des Spiegels ist so stark, daß man, selbst bei einer Entfernung von vielen Meilen, das Auge durch gefärbte Gläser schützen muß. Im Fernrohre konnte man das vom Inselsberge aus mittels eines Heliotrops reflectirte Licht auf dem Brocken (also in mehr als l 4 Meilen Entfernung) noch gut sehen. Helischer Aufgang, oder heliakischer, heißt das Hervortrrten eines Sterns aus 48 Heljand Hellebarte dcn Sonnenstrahlen oder der Zeitpunkt, zu welchem ein Stern, nachdem er mit der Sonne in Conjunction gewesen, daher beinahe zu gleicher Zeit mit der Sonne auf- und untcrge- v> gangen und wegen,der Sonnenstrahlen unsichtbar gewesen ist, wieder kurze Zeit vor Auf- er gang der Sonne, also des Morgens sichtbar wird. Im Alterthum wurde der helische Auf- zc gang der größer« Sterne fleißig beobachtet, indem er, da er alle Jahre beinahe zu ein und E derselben Zeit vorkommt, eine Art von Kalender bildete. Vorzüglich war dieses be> den Ägyptern mit dem Sirius der Fall, da der helische Aufgang desselben damals gerade in di' de Zeit fiel, wo der Nil auszutreten Pflegt. Die ägypt. Priester verwandten deshalb die größte oi Sorgfalt auf die Beobachtung seiner ersten Erscheinung, um die Bewohner auf das nahe S Austreten des Nil aufmerksam zu machen. Der helische Untergang ist das Verschwinden de eines Sterns in den Sonnenstrahlen, der Zeitpunkt, wo der Stern in der Abenddämme- in rung unsichtbar zu werden anfängt. Die Tage des helischen Auf- und Untergangs sind tei für verschiedene Orte der Erde nicht einerlei, aber auch an demselben Orte (wegen des Fort- (Z Nickens des Nachtgleichenpunkts auf der Ekliptik) nicht unveränderlich. Die alten Dichter derRömer und Griechen reden oft von dem Auf- und Untergange der Sterne in diesem Sinne W Heljand, s. Heliand. Hellanikos, ein griech. Logograph (s. d.), aus Mitylene auf Lesbos, lebte nicht ne lange vor Herodot, um 450 v. Ehr. und verfaßte eine Geschichte Attikas, Nachrichten über jü! die Länder außerhalb Griechenlands und andere Schriften, deren Bruchstücke von Sturz na (Lpz. 1827; 2. Ausg., 1826) und Miller in den „Histor. Nraec.srsgmenta" (Par. 1841) bei gesammelt und erläutert worden sind. da Hellas, das Stammland der Hel lenen (s. d.), war der gewöhnlichen Annahme zu- M folge ursprünglich eine Stadt und ein später unter dem Namen Phthiotis bekannter Land- N, strich Thessaliens, daher auch die Alten ganz Thessalien bisweilen damit bezeichneten. Mit un der Ausbreitung des Hellen. Volksstammes in die südlichen Gegenden bis zur korinthischen CH Meerenge erhielt auch der Name Hellas einen größer« Umfang, und man verstand nun vor- sch zugsweise darunter das eigentliche oder mittlere Griechenland, das jetzige Livadien (s. d.), rnc mit seinen acht Landschaften; selbst den Peloponnes begriff man in der Folgezeit mit dar- zei unter und dehnte zuletzt im weitesten Sinne den Namen auf ganz Griechenland mit seinen P Colonien und Inseln aus. (S. Griechenland.) Ub Helldunkel, italien. Oliiar-osoir», franz. LIsir-abscur, im Deutschen zuerst von ter Hagedorn gebraucht, bedeutet in der Zeichcnkunst und Malerei die Erscheinung körperlicher ter Gegenstände in Hinsicht des Lichts und Schattens und die harmonische Anordnung von Hell und Dunkel. Im engern Sinne versteht man darunter eine Schattenpartie, welche Pf durch Reflexe beleuchtet wird, und es ist dies die gewöhnlicheBedeutung des Wortes. Dem Pf gegenwärtigen Kunstgcfühl zufolge ist das Helldunkel eine der wichtigsten Seiten der ma- Di lerischen Technik; Seele und Poesie eines Bildes hängen damit aufs engste zusammen. un Erst durch das Helldunkel erhält das Colori't die Haltung. Die antike und mittelalterliche ge; Malerei kannten es nicht; erst in den letzten Jahrhunderten haben besonders Cor.reggio (s. d.) und Nembrandt (s. d.) dieTechnik desselben festgestellt. Das Helldunkel wird ge- ger künstelt, wenn der Maler unwahrscheinliche oder unmögliche Reflexe darstellt. sta> Helle war die Schwester des Phrixos und Tochter des Athamas und der Nephele. der Um ihrer Stiefmutter Ino Haß zu entgehen, nahm sie mit ihrem Bruder die Flucht, und Be sollte von einem Widder mit goldenem Vließ über Land und Meer getragen werden. Aber lich nur Phrixos langte in Kolckis an; seine Schwester stürzte in das Meer, welches von ihr rol den Namen Hellespont (s. d.) erhielt. un! Hellebarte ist der Name einer der ältesten Stoßwaffen des Mittelalters. Sie UN- den terscheidct sich von der Pike, die nur eine einfache eiserne Spitze hat, durch ein breiteres Ei- §a sen, welches überhaupt das Kriterium der Waffe,ist, die anfänglich Barte genanntwurde. Ec Die Hellebartc war im Allgemeinen mehr zum Prunk als zum wirklichen Gebrauch gegen 18 den Feind bestimmt; die Leibwachen wurden damit bewaffnet, und die Industrie der Was- Al! fenschmiede erfand die mannichfachsten, zum wirklichen Gebrauch meist ganz unpassende «D Formen des Eisens, welches sie theils mit Spitzen, theils mit halbmondförmigen Ansätzen an Lex den Seiten der eigentlichen Waffe versahen, nächstdem aber auch durch künstliche, mitunter m» Hellenen Heller (Jos.) 49 vortreffliche Eravirung, auch Einlegung von Gold und Silber versahen. Um den Prunk zu erhöhen, wurde unter dem Eisen eine Quaste von Wolle oder Seide angebracht. Die hölzerne Stange, etwa achtFuß lang, ist oft mit einem Schuh von Eisen versehen, um sie in die Erde zu pflanzen. Ludwig XI. bewaffnete damit die in Sold genommenen 600» Schweizer. Hellenen, ein Hauptstamm der Urbewohner Griechenlands, erhielten der Sage nach den Namen von ihrem Ahnherrn Hellen, einem Sohne des Deukalion und der Pyrrhe oder des Jupiter und der Dorippe, König von Thessalien, trennten sich dann nach den Söhnen und Enkeln desselben, Äolos und Doros, Jon und Achäos, in die vier Stämme der Äoler (s. d.), Dorer (s. d.), Jonier(s. d.) und Achäer (s. Achaja), setzten sich in ganz Griechenland fest und herrschten von ISO»—1200 gemeinschaftlich daselbst. Später bezcichncte man wie noch jetzt damit die Gesammtnation der Griechen überhaupt. (S.Hellas und Griechenland.) Hellenismus nennt man eine Eigenthümlichkeit der griech. Sprache in Ausdruck, Wendung und Stellung der Worte. (S. Gräcismu s.) Hellenisten heißen überhaupt die gelehrten Kenner des griech. Alterthums, vornehmlich der griech. Sprache und Literatur. — Ägyptische Hellenisten wurden die jüd. Kolonisten genannt, die nach dem Untergänge des Königreichs Juda, um 600 v. Ehr-, nach Ägypten gekommen waren. Durch die zahlreichen jüd. Kolonien, welche Alexander der Große 336 v. Chr. zur Bevölkerung Alexandriens und nach ihm Ptolemäus Lagi ebendahin führen ließ, wurden sie so sehr verstärkt, daß sich zur Zeit des Augustus beinahe eine Million Juden in Ägypten befand. Hier begründeten nun die Mischung des jüd. und ägypk. Nationalcharakters und der Einfluß der von diesen Juden angenommenen griech. Sprache und Philosophie eine neue Epoche gräcisirender jüd. Bildung, die von ihrem herrschenden Charakter den Namen der hellenistischen erhielt. Pythagvrismus und Platonismus verschmolzen sich darin wunderlich mit Orientalismus, der hauptsächlich in Ägypten zu systematischer Äusbildung kam und noch in den mystischen Philosophemen der Gnostiker sich zeigte. (S. Gnosis.) Der merkwürdigste unter den jüdisch-hellenistischen Philosophen ist Philo (s. d.), und das bedeutendste Denkmal des Fleißes der alexandrin. Juden die griech. Übersetzung des Alten Testaments, die Septuagintass.d.). Oft nannte man auch die unter den Griechen überhaupt lebenden Juden Hellenisten und das Griechische, das sie redeten, hellenische Sprache, die mehr oder minder der hebr. Ausdrucksweisc angepaßt war. Heller, eigentlich Haller, eine deutsche Kupfermünze im Werthe eines halben Pfennigs, hat ihren Namen von der Stadt Hall (s. d.) in Schwaben, wo im Mittelalter Pfennige (Häller-Pfennige) geprägt wurden, aus denen nach und nach der Heller entstand. Die Heller wurden allmälig so verschlechtert, daß sie aushörten Silbermünze zu sein; man unterschied damals rothe und schwarze Heller, von denen wohl die wenigsten mehr in Hall geprägt wurden. Aus den Rcichsthaler rechnete man 3" 6 Heller. Heller (Jos.), geb. am 22. Sepk. 1798 zu Bamberg, genoß den Unterricht im käsigen Gymnasium, mußte sich aber dann nach dem Willen seiner Ältern dem Kaufmanns, standd widmen, den er jedoch nach ihrem Tode bald wieder verließ, um sich ausschließend dem Studium der Kunstgeschichte und andern historischen Untersuchungen, besonders in Beziehung auf Franken, zu widmen. Nachdem er schon vorher verschiedene wissenschaftliche Reisen unternommen, besuchte er 1821 Ostreich, einen Theil des obern Italiens, Tirol und Baiern, 1825 die Schweiz, einen Theil von Frankreich und die Nheingegenden und > 828 einen großen Theil Böhmens und Sachsens. Er ist im Besitze einer bedeutenden Kupfcrstichsammlung, und seine Bibliothek ist reich an artistischen Schriften und im Fache zur fränkischen Geschichte; auch besitzt er eine schöne Sammlung alterthümlicher Gegenstände. Von seinen Schriften nennen wir „L. Kranach's Leben und Wirken" (Bamb. 1821 ); „Geschichte der Holzschneidekunst" (Bambi 1822); „Das Leben und die Werke Albrecht Dürer s" (Bd. 2, in drei Abth., Lpz. 1827—31; Bd. I und 3 fehlen noch); „Monogrammenlexikon" (Bamb. 1831) und „Handbuch für Kupferstichsammler, oder Lexikon der vorzüglichsten Kupferstecher u. s. w." (3Bde., Bamb. 1823—36); „Nefor- motionsgcschichte des Bisthums Bamberg" (Bamb. 1825); „Geschichte der Protestant!, Conv.-Lcx. Neunte Aufl. VII. 4 50 Hellespont Helm schen Pfarrkirche zum heil. Stephan in Bamberg" (Bamb. 1830); „Beschreibungen dcrbi^ schöflichcn Grabdenkmäler in der Domkirche zu Bamberg" (Nürnb. 1827) und „Geschichte der Bischöfe zu Bamberg" (Bamb. >837); „Die bambcrg. Münzen" (Bamb. 1839); das „Handbuch für Reisende im ehemaligen frank. Kreise" (Heidelb. 1828); das „Taschenbuch von Bamberg" (Bamb. >831) und „Müggendorf und seine Umgebung" (Bamb. >829). Hellespont, d. i. das Meer der Helle (s. d.), die jetzige Straße der D ard an eile n (s. d.), hieß bei, den Alten die Meerenge zwischen Mysien und dem thrazischen Cher- sones, welche das Ägeische Meer mit der Propontis vereinigte und Asien von Europa trennt. Die Ufer von beiden Seiten waren mit herrlichen Anlagen, Flecken und Städten besetzt, unter denen Lampsakos mit seinen Weinpflanzungen hervorragte. Die schmälste, nur sieben Stadien breite Stelle, zwischen den beiden einander gegenüber liegenden Städten Scstos und Abydos, ist im Alterthume durch die aufopfernde Liebe des Leander zur H ero (s- d.) und durch den mittels einer doppelten Brücke von Lerxes hier bewerkstelligten Übergang aus Asien nach Griechenland, in neuerer Zeit aber dadrrrch berühmt worden, daß Lord Byron dieselbe am 3. Juli >8lv in einer Stunde zehn Minuten, und ebenso der brit. Lieutenant Eckenhead durchschwammen. Hellsehen, s. Somnambulismus. Hellung heißt auf einigen Schiffswerften ein langer, aufstarkemPfahlwcrke ruhender Balken, der seiner Länge nach eine sanfte Neigung nach dem Wasser hat und auf welchen der Kiel (s. d.) des zu erbauenden Schiffs gelegt wird. Hellvlg (Amalie von), gcb. Freiin von Jmhoff, eine Schriftstellerin von anerkannter Talenten, gev. am >6. Aug. 1776 zu Weimar, wurde auf dem väterlichen Gute Mörlach bei Nürnberg von ihrem geistreichen Vater selbst unterrichtet und entwickelte sich sehr frühzeitig, wozu die Reisen mit ihren Altern durch Frankreich, England und Holland beitrugen. Später verkaufte ihr Vater Mörlach, um sich seiner Kinder wegen nach Weimar überzusie- dein. In Erlangen, wohin Amalie in Pension kam, machte sie schon dichterische Versuche Nachdem sie ihren Vater verloren, kehrte sic im l5. Jahre nach Weimar zu ihrer Mutter zurück, lernte hier sogar Griechisch und übte sich viel im Zeichnen. Ein kleines Gedicht von ihr gab Veranlassung, daß Schiller sie nach Jena einlud. Mehre ihrer Dichtungen wurden von Schiller in den „Musenalmanach" und das größere Gedicht „Abdallah und Bal- sora" in die „Horen" ausgenommen. Von Goethe und durch Voß's „Luise" über das Wc- scn des Hexameters unterrichtet, schrieb sie das epische Gedicht „Die Schwestern von Lesbos" (Heidelb. I8VI). Kurz nach dem Erscheinen desselben wurde sie zur Hofdame in Weimar ernannt und lernte hier >802 ihren nachherigen Gemahl, Karl Gottfried von H., kennen, der damals von seinen diplomatischen Reisen aus dem Orient zurück- kehrte. Doch erst nach dem Tode ihrer Mutter und eines Bruders folgte sie ihm mit ihren Schwestern nach Schweden. Ihr Gemahl war in schweb. Diensten >807 zum Ge- neralfeldzeugmeister aufgestiegen; als Pommern >81 o von Schweden an Preußen abgetreten wurde, trat er als Generalmajor in preuß. Dienste. Nach ihrer Rückkehr ins Vaterland beschäftigte sie sich in Heidelberg viel mit der Malerei und dem Studium der altdeutschen Kunst. Späterlebte sie, vorzüglich mit Malerei sich beschäftigend, in Dresden und in Berlin, an welchem letztem Orte sie am 17. Der. >83 > starb. Unter ihren literarischen Arbeiten sind zu erwähnen das Gedicht „Die Schwestern von Korcyra" (Lpz. >812); das mit Fougue heraus gegebene „Taschenbuch der Sagen und Legenden" (Bert. > 812 u. > 813); „Die Sagen am Wolfsbrunnen" (Heidelb. > 821); „Helene von Tournon" (Berl. >821) und die Übersetzung von Legncr's „Frithiofs-Saga" (Stuttg. >826; neue Aufl., 1832). Helm, eine Kopfbedeckung des Kriegers, meist aus Eisenblech, Messing, Bronze, auch aus Leder gefertigt, kommt schon in den ältesten Zeiten vor und wurde, als ein unentbehrliches Waffenstück besonders geachtet, mit den mannichfachsten Verzierungen geschmückt. Der Helm soll den Kopf zunächst gegen den feindlichen Hieb decken, er umgibt denselben daher nicht allein, sondern ist auch mit einem Helmkragen versehen, der den Hals schützt. Unter den Antiken zeichnet sich der Minervenhelm besonders aus. In allen Zeiten ist er bei der Reiterei, wie noch gegenwärtig, im Gebrauch gewesen. Er unterscheidet sich »an andern Kopfbedeckungen theils durch dir Form, die der des Kopfs mehr ests andereder- gl de zu D D S er V ge an la, all U, bei che an fal for sch bei un Si M dal zuz das daz wä sell in auj den rur Na nar De Hei hoh dier dur füh Gr den zu, sor seh, tior lir Öff tior bi- hte sas uch !»). ei- ;e» 0PL !ten ist-, !äd> zur Ilig. den, der hea- wel- ntcv lach cüh- gen. nsir- ach«. rttcr von vm- iL-l- We< LeS- re in ried rück> mi! Ee- rbge> Va- : alt- sden scheu dos ly, 82e) Y. onze, nenr< lÜcki eiben hüht. ist er > von eder- Helm 51 gleichen angepaßt ist, theils durch das festere Material; jedoch beschwert er den Krieger in den Stunden der Ruhe, und dient im Allgemeinen mehr zu militairischem Schmuck als zur wirklichen Schußwaffe, deren Zweck auch auf andere Weise erreicht werden kann. — Der Helm bildet in der Heraldik nächst dem Schilde das wichtigste Stück eines Wappens. Der Grund dazu liegt in der Entstehung der Wappen selbst. Der Helm war nach dem Schilde das Hauptstück der Bewaffnung eines Kriegers. Bei gleicher Wichtigkeit hatte er mit dem Schilde in denselben Zeiträumen gleiche Beschaffenheit; auch war er gleichen Veränderungen unterworfen. Die Haut eines Thiers über Schultern und Arm gcschla» gen erseht« den Schild und die Kopfhaut desselben Thiers den Helm. Die zur Verzierung an der Kopfhaut gebliebenen Ohren, Hörner oder Zähne der Thiere gaben die erste Veranlassung zu den Helinkleinodien der später» Zeit. In der Folge fertigte man die Helme als besondere Kopfbedeckung aus Leder, Filz oder Metall, überzog sie wol auch der bessern Unterscheidung und größer» Sicherheit halber mit Thierhäuten. Für die aus verschiedenen Stoffen bereiteten Helme haben die Alten auch verschiedene Benennungen. Die Form des HelmS betreffend, so war diese ursprünglich, durch die Bildung des Körperthcils, wel- chen er schützen sollte, bedingt, eine kugelförmige. Kunst, Geschmack und Mode änderten an dem Bedürfnisse und brachten eine solche Verschiedenheit der Formen und Mannich- faltigkeit der Ausschmückung, daß man nur die ursprüngliche einfache Form mühsam erforschen kann. Im Mittelalter traten an die Stelle der einfachen Helmform der karolingischen Periode Eisenhüte, Sturmhauben und Turnierhelme, die sich durch kunstreiche Arbeit auszeichneten. Der einfache Helm, mit der an ihm befindlichen Bedeckung für Stirn und Nacken, wurde anfangs ohne alle Befestigung auf den Kopf gestülpt. Der größer» Sicherheit wegen befestigte man ihn später mit ledernen Niemen unter dem Kinn, die mit Metallplättchen belegt wurden. Daraus entstanden nach und nach feste Backenstücke, denen das Mittelalter das Visir zum Schutz des Gesichts hinzufügte. Durch den Helm sich auszuzeichnen war schon im Alterthume ein allgemeiner Gebrauch, der dadurch erzielt wurde, daß man den Helm nach Geschmack und Gutdünken ausschmückte. Namentlich dienten dazu die Helmkleinodien, zu denen man im lZ.undl-i.Jahrh.meist die Wappenbilder selbst wählte, die in getriebener Arbeit u. dgl. auf dem Helme angebracht wurden. Aus derselben Zeit leitet sich der Gebrauch, den Helm mit einem ein- oder mehrfarbigen Stück Zeug in verschiedenen oft abenteuerlichen Formen zu versehen, die man zur Seite des Helms auf die Schultern herabhängen ließ. Wurde nun der Helm zur Bildung des Wappens auf den Schild gesetzt, so hingen diese Stücke zu beiden Seiten herab und bildeten eine Verzierung des Wappens, welche später für die Wappen allgemein gebräuchlich wurde und den Namen der Helmdecken erhielt. Zur Verzierung des Helms diente endlich auch das sogenannte Halskleinod, eine Kette mit anhängendem Schaustück am Halse des Helms. Der Ursprung dieses Schmucks ist gleichfalls schon im Alterthume zu suchen, wo die Herrscher die Thaten ausgezeichneter Krieger in solcher Weise belohnten. Helm, Hut oder Blasenkopf nennt man bei einem Destillirapparat den hohen, hohlen kugelförmigen Deckel oder Aufsatz der Destillirblase oder des Kessels, welcher dazu dient, die aus den zu dcstillirenden Gegenständen entwickelten Dämpfe aufzunehmen und durch den Schnabel in den mit dem letzter» in Verbindung gesetzten Kühlapparat überzn- führen, wo sie im tropfbaren flüssigen Zustande niedergeschlagen werden. Auf die richtige Größe und Form des Helms kommt sehr viel an und seine Verbindung mit der Blase und dem Kühlapparat muß sehr sorgfältig geschloffen werden, um das Entweichen der Dämpfe zu verhüten. Da in dem Helme selbst durchaus keine Verdichtung der Dämpfe stattfindrt, so muß man ihn nicht zu groß machen und ihn gleich in Form eines Leitungsrohrs in den Schnabel übergehen lassen. Gewöhnlich sind die Helme von Kupfer, und man muß darauf sehen, daß sie stets mit dem reinsten engl. Zinn verzinnt sind. Zu vielen chemischen Operationen und namentlich zu denen der Mikrochemie ist der Helm von Glas. Er heißt tubu » ljrter Helm, wenn sich oben eine mit einem eingericbencn Glasstöpsel zu verschließende Öffnung befindet; blinder Helm, wenn er keinenSchnabel hat und blos zur Sublimation dient, und Aludel, wenn er unten und oben offen ist und nur als Untersatz für einen 52 Helmer- Helmont Sublimirhclm gebraucht wird. — In der Zimmerwerkskunst nennt man Helm oder KH H aube den obern Theil des Thurmdachs, undHclmstange die aus dem untern Hol,- ^ o verbände hervorragende Säule, um welche sich die Sparren des Thurmdachs legen und „x„ welche, über letztere hinausreichend, bestimmt ist, den Thurmknopf zu tragen. — Bei den s Glocken heißt Helm der obere Theil, welcher die Henkel und den Klöppelring enthält. hm — Helm nennt man endlich auf verschiedenen kleinen Fahrzeugen das Steuer, und Helm- stock den dasselbe bewegenden Hebel. sich, Helmers (Jan Frederik), Holland. Dichter, geb. zu Amsterdam I767,warursprüng. lich für den Handelsstand bestimmt und suchte sich deshalb besonders in den neuern Spra- « chen zu vervollkommnen, wurde aber sehr bald durch das Lesen der deutschen, franz. und lich engl. Dichter für Wissenschaft und Poesie begeistert und durch den Beifall, welchen nament- Hx, lich seine Ode „Der Dichter" fand, bewogen, sich ganz dem innern Berufe zu widmen. jsi,,. Durch das größere Gedicht „Sokrates" erwarb er sich einen ausgezeichneten Rang unter gln den Dichtern seiner Nation; dagegen fand sein Trauerspiel „Dinomak, oder die Befreiung von Athen" (1799) nur geringen Beifall, obschon es schöne Stellen enthält. Später wid- mete er sich vorzugsweise der lyrischen und epischen Poesie. Er selbst besorgte eine Samm- sch,, lung seiner „Gedichte" (2 Bde., Amst. 1809—Iv); ihr folgte sein großes Gedicht „Hol- Bit land" (Amst. 1812; neue Ausl-, 1821), in welchem er sein Volk und Vaterland besang. ,81 Er starb am 2». Febr. 1813. Seine nachgelassenen Arbeiten erschienen unter dem Titel che, „Xuleril>8 van «säiciiten" zu Harlem (2 Bde., I8I-1-—15) und fast gleichzeitig in einci Gy andern sorgfältigem Ausgabe zu Amsterdam. geg Helmintholithen und Helminthologie, s. Würmer. (Hl Helmold, einer der geschätztesten Geschichtschreiber hes >2.Jahrh., war Landpfarrei im Lübcckiscken. Von seinem Lehrer Geroldus, dem ersten Bischof von Lübeck, mit dem et eine MissionSreise zu den heidnischen Slawen an der Ostsee machte, wurde er aufgemunlert, har die Bekehrung derselben zum Christenthum historisch darzustellen. Er that dies in dem sode „elrronicvll SIsvorum", in welchem er aber auch viele andere sonst unbekannte gleichzeitig! Do Begebenheiten berührt, sodaß sein Werk, das freilich in einer sehr schwerfälligen Sprardi Eig abgcfaßt ist, bei der Treue der Berichte einen ausgebreiteten Ruf als Geschichtsquclle cr- Leb langt hat. Es beginnt mit der Bekehrung der Sachsen unter Karl dem Großen und endigt den mit dem I. 1170; der Benedictinerabt bei St.-Johann zu Lübeck, Arnold, hat cs, jedoch stin in weit unvollkommener Weise, bis zum I. 1209 fortgesetzt. Im Drucke wurden dich im, „>7Iir»nicrt Slavorum" zuerst, aber unvollständig, von Schorkel (Franks. 1556) herausgl- ihr« geben; die bis jetzt beste Ausgabe besorgte Bangert (Lüb. 1659; neue Aust., 1702, 4.). vcrl Helmont (Joh. Bapt. van), Arzt und Philosoph, geb. zu Brüssel 1577, studirtezu An Löwen mit solchemErfolgeMedicinundChirurgie,daßcrdaselbstbereitsinscinem 17.Iah« scho als öffentlicher Lehrerauftretenkonnte. Doch plötzlich brachte ihm der Umstand, daß ereil« Krähe nicht heilen konnte, einen solchen Widerwillen gegen die Medicin bei, daß er dieselbe der für eine unsichere Wissenschaft erklärte und sie ganz aufgab. Er verließ sein Vaterland, wöl nachdem er Alles, was er durch Ausübung der Medicin erworben, verschenkt hatte, und am irrte zehn Jahre in der Welt umher, bis er mit einem praktischen Chemiker bekannt wurde nu« und Geschmack an der Chemie fand. Gleich Paracelsus hoffte er auf chemischem Wege ein Universalmittel zu finden. Seine alte Liebe zur Medicin wurde wieder wach, allein cs war ster eine neue, ganz von ihm geschaffene Medicin; er selbst nannte sich medicus per ignem, auf Läi die Quelle anspiclend, woraus cr sein Heilmittel nahm. Daß er Aristoteles und Ealenus har bekämpfte, erregte ihm viele Feinde. Nachdem er sich mit einem reichen Fräulein verheira- off, thet, nahm er in Vilvorden bei Brüssel seinen Aufenthalt. Hier beschäftigte cr sich bis zu Fcj seinem Tode mit chemischen Arbeiten und mit dem Studium kabbalistischer und andern Ne mystrscher Schriften, die ihn zu einer theosophischen Naturphilosophie führten. Er rühm« der sich, das Mittel zur Verlängerung seines Lebens gefunden zu haben und schrieb überspannt! W Theorien über die geistige und physische Bildung des Menschen und die Ursache und Be- bm Handlung der Krankheiten. Ungeachtet die Chemie noch gleichsam in der Wiege lag, machte bu cr doch viele Entdeckungen, namentlich entdeckte er das Laudanum des Paracelsus, den in Hirschhorngeist und das flüchtige Ölsalz. Schließlich wollte er die ganze schulwissenschaft- keh Helmstedt Helsinstfors 53 siche Medicin umstoßen und stellte auch sehr richtige Ansichten über dieselbe auf; aber was er an deren Stelle setzte, war noch unsicherer als alles Bisherige. Er nahm Geister bei sei- »>id ,,e„ Erklärungen zu Hülfe, ließ Alles durch chemische Proccsse entstehen und berücksichtigte ds» in seiner Krankhcitslehre vorzugsweise den Magen und Unterleib. Nach ihm wird das Le- >6Ü. ben von einer Grundkraft, die er Arche» s (s. d.) nennt, und von andern untergeordneten lw- Kräften regiert. Sein System ist dem Paracclsischen ähnlich, nur klarer und Wissenschaft- sicher. Die Kaiser Rudolf II., Matthias und Ferdinand II. luden ihn vergebens unter glän- zendcn Aussichten nach Wien ein. Er starb am 30. Dec. 1644. Seine Werke erschienen zu Amsterdam (1648, 4.) und zu Frankfurt (3 Bde., 1659, Fol.). Über den wissenschaft- u»d sichen Werth seiner mcdicinischen Theorien vgl. Spieß, „H.'s System der Medicin, verglich chen mit den bedcutendern Systemen älterer und neuerer Zeit" (Franks. 1840). — Sein uen. jüngster Sohn, Franciscus Mercurius v. H., geb. >618, gest. zu Berlin l 600, suchte nker gleich seinem Vater de» Stein der Weise» und hinterlicß mehre thcosophische Schriften, uikg Helmstedt, im Herzogthum Braunschweig, nahe an der preuß. Grenze, mit etwa wid- 6400 E., verdankt seinen berühmten Namen der hier vom Herzog Julius von Braunem- schweig >575 gestifteten Universität, die, ehe Göttingen eine Hochschule erhielt, in hoher Hob Blüte stand, unter der westfäl. Herrschaft aber durch den König Hieronymus am l o. Dec. anz. 1 800 aufgehoben und nach dem Frieden nicht wiederhergestellt wurde. In dem ansehnli- Titcl chen Universitätsgebäude, Julium, befinden sich gegenwärtig das Districtgericht und das :inei Gymnasium. Unfern der Stadt liegt in einem angenehmen Thale das Amalienbad, welches gegen die Gicht gut wirkt. Vgl. Kunhardt, „Beiträge zur Geschichte der Universität H." (Hclmst. 1797) und Ludwig, „Geschichte und Beschreibung der Stadt H."(Hclmst. 1821). um Heloise, s. Abälardus (Petrus). m n Heloten hießen ursprünglich die Bewohner der Stadt Helos in Sparta, die nach >lefi hartnäckiger Gegenwehr um 700 v. Ehr. unterjocht und zu Leibeigenen gemacht wurden, de« sodaß die Abkömmlinge derselben seit dieser Zeit den Sklavenstand in ganz Sparta bildeten, ütigl Doch unterschieden sich die Heloten von den übrigen griech. Sklaven dadurch, daß sie nicht raÄ Eigenthum Eines Herrn waren, sondern dem ganzen Staate angehörtcn, der allein über ihr e cr- Leben und ihre Freiheit zu entscheiden hatte. Namentlich besorgten sie, da Lykurg's Gesetze idizt den freien Spartanern jedes erwerbende Geschäft untersagten, den Ackerbau gegen einen be- :doch stimmten und unveränderlichen Naturalpacht, trieben Künste und Handwerke und dienten dich im Kriege theils als Schildträger und Knechte, theils als Leichtbewaffnete. Da sie in Folge isgl> ihrer gedrückten Lage und oft grausamen Behandlung sich mehre Male zu Empörungen 1.). verleiten ließen, wobei man ihre Rache fürchtete, so wurden zuweilen, um einen zu großen te!li Anwachs zu verhindern, viele in Freiheit gesetzt oder auch im Stillen aus dem Wege ge» jah« schafft; ja die Alten berichten sogar von förmlichen Helotcnjagdcn. c ei»! Helstngborg, Stadt mit 3500 E., in der schweb. Provinz Skane oder Schonen, an selbe der engsten Stelle des Sund, mit einem kleinen Hafen, Hclsingör gegenüber, ist der ge- land, wöhnliche Überfahrtsort von Schweden nach Dänemark und bekannt durch die Schlacht und am l 0. März 1710, in welcher die Dänen unter Ranzau von den Schweden unter Mag- >urdl nus Stenbock mit großem Verluste zurückgeschlagen wurden. >e ein HelstNgfors, die Hauptstadt des seit 1800 unter russ. Hoheit stehenden Großfür- war stenthums Finnland (s. d.) und zugleich Hauptstadt des besonder« Gouvernements oder , auf Läns Nyland, welches 1838 148677 E. zählte, liegt am Finnischen Meerbusen, zum Theil enus hart am Strande, zum Thei! auf jähanstcigendcn, oft pittoreske Aussichten auf den Golf er- eira> öffnenden Eranitklippen. Sie ist einer der Hauptseehandelsplätze und eine der wichtigsten is zu Festungen des Reichs, die größte und schönste Stadt in ganz Finnland. Besonders hat die dem Neustadt an prächtigen und großartigen Gebäuden außerordentlich zugenommen, seitdem hm« der unter den russ. Großen verbreitete Luxus auch über die finnischen Granitklippen seinen mntt Weg gefunden. Freilich erleichtert die ungemein schnelle Sceverbindung zwischen Pcters- Be- bürg, Reval und H., die durch unzählige Dampf- und Segelschiffe im Finnischen Mcer- achtt busen stets im Gange erhalten wird, und das häufige Stationiren der großen Schcerenflottc , den in dem Kricgshafen zu Sweaborg, der gigantischen Veste von H., den gegenseitigen Verhaft- kehr um ein bedeutendes, und Landreisen von Petersburg nachH. längs der finnischen Külie 54 Helfingör Helvetier gchyrcn bereits fast zu den Seltenheiten. Namentlich hat auch die nach dem großenBrande in Abo im 1. 1827, von dort hierher verlegte Alexander-Universität zum Flor der Stadt bcigetragcn. Dieselbe zählte 1838 gegen 500 Studenten und 25 Lehrer und ist im Besitz einer Bibliothek, eines botanischen Gartens und einer schöneingerichteten Sternwarte. An Sehenswürdigkeiten bietet die Stadt das herrliche Gebäude des kaiserlichen Senats für das Großfürstenthum Finnland, die prächtige evangelische in Gestalt eines gricch. Kreuzes seit l 83» erbaute Kirche mit herrlichen Portiken und einer schönen, hoch aufsteigcndcn Granittreppe, eine großartige Kaserne mit geschmackvollem Waffensaal, und das im I. l83Z vollendete Asscmblccnhaus, auf der Esplanade, ein geräumiges, bequemes und palastarti- ges Gebäude. Die Zahl dcrBewohner beträgt etwa l oooo, dazu kommen noch gegen 50«w M. Besatzung aus der Festung Sweaborg. Haupterwerbszweige sind die großen Segel- tuch» und Sackleinwandfabrikcn, und die Verfertigung einer Menge zur Schiffahrt gehö- riger Gegenstände, wie denn der Handel und die Schiffahrt selbst für die Stadt und dir ganze Provinz von hoher Bedeutung sind. Historisch ist H. denkwürdig wegen der hartnäckigen Belagerung im I. 17-12, wo die Schweden unter ihrem General Löwenhaupt sowol zu Wasser als zu Lande von den Russen gänzlich eingeschlossen, sich am -1. Sept. ergeben mußten. Helsingör oder Elsenör, eine kleine, freundliche Stadt auf der dän. Insel Seeland, am Sund, der hier noch nicht eine Meile breit ist, Helsingborg gegenüber, hat etwa 700» E., welche bedeutenden Handel treiben, eine Quarantaineanstalt, ein Seebad und ein Gymnasium. Für Schiffe, die nicht über sieben Fuß Wasserzug haben, besitzt es seit 1820 einen geräumigen und sichern Hafen. Ganz in der Nähe liegt das feste Schloß Kro- ncnburg mit einem 110 F. hohen Leuchtthurme. Die Stadt ist besonders wichtig, weil daselbst der Sundzoll erhoben wird. Fast alle Handeksinächte haben Consulate. In der Nähe der Stadt liegen das Lustschloß Maricnlust und die große Gcwehrfabrik Hammcrmolle. Helft (Bartholomäus van der), nächst Franz Ha l s (s. d.) der größte Portraitmaln der holländ. Schule, in Composition historischer Portraits diesem aber beiweitcm überlegen, wurde zu Harlem 1613 geboren und lebte zu Amsterdam, wo er 1670 auch starb. Eint seiner ausgezeichnetsten Werke ist die Abbildung des Festmahls, welches die amsterdamn Bürgergarde ihrem Commandanten WitS zur Feier des westfäl. Friedens gab; ein wahres Wunder von kecker, schöner und naturtreuer Darstellung, lebhaft an van Dyck erinnernd. Überhaupt herrscht in allen seinen Werken eine großartige Auffassung und Ausführung; nichts Frostiges, nichts Gelecktes. Seine Gewänder sind voll, seine Figuren schön gezeichnet, und auch in dem Nebenwerk ahmt er die Natur bewundernswürdig nach. Helvetier (lloivetü), ein keltisches Volk, erscheint in der Geschichte zuerst bei dem Zuge derCimbern und Teutonen, denen sich die Tiguriner, einer ihrer Stämme, anschlossen, von welchen der röm. Consul L. Cassius im I. 107 v. Ehr. am Genfer See überwunden und getödtet wurde. Das Land der H. (»gor üelveliorum, denn der Name Helvetia kommt bei den Alten nicht vor) war zu Cäsar's Zeit in vier Gaue (psgi) getheilt, von denen nur der pagu« ligurinuz, mit welchem der Name IHeum (Zürich) nichts gemein hat, und der pagus Verdigenus namhaft gemacht werden. Es erstreckte sich vom Genfer See (lacus I^emunus) bis zumBodensee (lacus Venetus oder Lriguatilius), von welchem aus bis zum Gotthard (^üula mons) es gegen Südost an Rhätien grenzte, gegen Süden schieden cs die berner Alpen von den kleinen keltischen Völkerschaften, die das Rhonethal (Wallis) bewohnten, gegen Westen der Jura von den gallischen Sequanern; gegen Norden hatten die H. früher jenseit des Rhein auch das.' südwestliche Deutschland innegehabt, aus welchem sie durch german. Sueven verdrängt worden waren, das aber noch späterhin die Wüste der Helvetier benannt wird. Die Absicht, ihr Land, das sie in zwölf Städten und -100 Dörfern bewohnten, zu verlassen und sich in Gallien neue Sitze zu ewbern, wurde in ihnen durch Orgctorix, einen ihrer Edlen, rege gemacht. Als derselbe über seinem Streben nach der Königsherrschaft den Tod gefunden hatte, wurden sie an der Ausführung ihres Plans durch Julius Cäsar's (s. d.) Sieg bei Bibracte (Autun in Burgund) im I. 58 v. Chr. gehindert; von den 368000 Menschen, darunter 02000 streitbare Männer, die in Gallien einbrachen, gehörten 263000 den H., die übrigen andern benachbarten Stämmen an, nur 110000 kehrten in die Heimat zurück. Bezwungen gehörten sie seitdem zu dem HelvetiuS Ü5 röm. Gallien, zunächst zu dem Olticn genannten Thelle, seit AugustuS zur bclg., endlich zu der Provinz illaxima 8stj>ian<>r»m. (S. Gallien.) Als sie im 1.70 n. Chr. die Herrschaft des Vitellius nicht anerkennen wollten, wurden sie durch Cäcina überwunden. Röm. Wesen und Leben, von dem noch aufgefundene Alterthümcr (s. Ausgrabungen) zeugen, fanden eine Stätte, namentlich seitdem unter Augustus die militairisch wichtige 6ol»nia ksilrier,, später ^»giistuRaiirucorum (Augst bei Basel) gegründet worden, an den Haupt- vrten, ^venticiim (Avcnche-Wifflisburg), der Hauptstadt, Vinckonissit (Windisch im Aargau), Olsnia e«j»o8tris zu k>»c>vio6uiuini (Ryon am Genfcrsee), Viviscum (Vevay), Lb'irnüimum (Dverdun) 8i>Iotj>iriun (Solothurn). Mit dem Ende des 3. Zahrh. beginnen die Einfälle der Alemannen (s. d.) in diesen Thcil des röm. Reichs, die, wenn auch zurückgewiesen, doch immer wieder erneuert wurden und gegen das I. -100 mit der Einnahme des größten Thcils des Landes durch die Alemannen endigten; den südwestlichen Theil am Jura trat 130 der röm. Feldherr Aetius an die Burgunder ab, die sich von da östlich bis zur Neuß ausdehnten. (S. T chweizerische Eidgenossenschaft.) Hetvötius (Claude Adrien), aus ursprünglich schweiz. Familie, der Sohn des Jean 727) und der Enkel des Jean Adrien H. (gest. >755), die sich beide als Ärzte einen Namen erwarben, wurde im Jan. 1715 zu Paris geboren und erhielt eine sorgfältige Erziehung. Das Studium der Philosophie (Descartes und Locke) und der menschlichen Sitten und Charaktere zog ihn früh an und fesselte seine Neigung für Lebenszeit. Er war für das Finanzfach bestimmt und wurde nach beendigten theoretischen Studien zu seinem Oheim, dem Zolldirectoc d'Armancourt nach Caen geschickt, um sich praktisch in diesem Fache auszubilden. Schon in seinem 23. Jahre erhielt er durch Gunst der Königin eine Generalpächterstelle, welche 100000 Thlr. eintrug. Milden, menschenfreundlichen Sinnes suchte er in dieser Stellung soviel möglich den harten Druck des fiskalischen Regiments zu mildern. Auf seinen Rundreisen durch die Provinzen, welche ihm als jüngern Finanzbeamten oblagen, führte er stets einige Literaten mit sich, suchte Talente auf, gewährte und verschaffte dem misachteten Verdienst Unterstützung und ging in feiner Freigebigkeit soweit, daß er mehren wissenschaftlichen Männern bedeutende Jahrgelder aussetztc. Die Eene- ralpächtcrstelle gab er bald wieder auf und kaufte sich, seinem Vater zu Gefallen, ein Hofamt bei der Königin. H., ein schöner Mann, in allen Formen des feinsten geselligen Umgangs nach damaliger Sitte und in de» ritterlichen Künsten wie in den beliebten Zweigen der Geistesbildung höchst bewandert und gewandt, dazu auch reich und in Gunst bei Hofe, machte außerordentliches Glück bei den Frauen. Jndeß konnte ihm ein solches Leben nicht lange befriedigen; der Reiz eines stillen häuslichen Glücks und einer wohlthätigen Wirksamkeit in ländlichen Kreisen zog ihn stärker an. Er kaufte Güter und heirathete 1751 die schöne und geistvolle Tochter des Grafen Ligneville, eine Nichte der Frau von Graffigny. Don nun an lebte er den größten Theil des Jahrs auf seinem Landgut Vore, wo er sich seiner Familie, der Sorge für seine Vasallen, Studien und schriftstellerischen Arbeiten widmete. Er hob den Ackerbau auf seinen Gütern, suchte dort Industrie in Gang zu bringen und übte eine ungemrssene Wohlthätigkeit, daher er in seinem Wirkungskreise allgemeine Liebe und Verehrung genoß. Im I. 1758 gab er sein berühmtes Werk „De I'esprit" heraus, in welchem er alle Thätigkeiten des menschlichen Geistes aus dem Gefühls- oder Auffassungsvermögen (senLibilite) ableitct und denBeweis zu führen suckc, daß der Hebel aller menschlichen Thätigkeit das Bedürfniß der Selbstbefriedigung (Unterst) sei, die Tugend aber nur darinbefiehe, dir eigene Befriedigung dem allgemeinen Wokl- sein Zunächst des engem geselligen Kreises, weiter dann der Gemeinde, des Staats, endlich der Menschheit unterzuordncn. Seine Angriffe auf das Bestehende in Religion und Politik zogen, ungeachtet der Verhüllung, in welcher er sie vortrug, dem Werke und seinem Verfasser Verfolgung zu. Das Buch wurde 1759 aas Befehl des Parlaments öffentlich verbrannt, und H. sah sich genöthigt, einen förmlichen Widerruf zu leisten. Verdrossen durch diese Plackereien und deren Nachwirkungen machte er 1764 eine Reise nach England und ging im I. darauf nach Deutschland. In Potsdam nahm ihn Friedrich lk. mit Auszeichnung auf;.er schützte H. persönlich, obschon ihm dessen wissenschaftliche Ansichten, 56 HelvoetfluiS Hemme« wie z. B. ein Brief des Königs an d'Alembcrt beweist, nicht zusagten. Noch in der Fülle seiner Kraft starb H. an zurückgctrctener Eicht am 26. Dcc. 1771. Nach seinem Tode gab der Fürst Galyzin ein Werk von ihm „De l'liomme, ,1e ses kiiciilte« intellcctuelles et de son education" (2 Bde., Lond. 1772; deutsch von Wichmann, Brest. 1772) heraus, worin H. die Gedanken seines Buchs „De I'os;>rit" weiter ausgeführt hatte. Unter den Ausgaben der sämmtlichen Werke sind zwei auszuzcichncn, beide zu Paris 1705 erschienen, die eine bei Serviere (5 Bde.), die andere, von dem Bewahrer des H.'schon literarischen Nachlasses Abbe Lefe'bre de la Roche besorgt, bei Didot (1 -1 Bde.). — Seine Gattin, geborene ve Ligncville, geb. 1719, gcst. am I2.Aug. I80N, gehörte zu den trefflichsten Frauen ihrer Zeit. Nach dem Tode ihres Mannes zog sic sich nach Autcuil zurück, wo ihr Haus wie das der Geoffrin (s. d.) in Paris der Mittelpunkt der Gelehrten und Künstler war. Helvoetsluis» ein wohlgebautes festes Städtchen mit 1209 E. in Südholland, an der Südseite der von der Maas bei ihrcrAusmündung gebildeten Insel Land van Doorne, hat einen wichtigen Hafen mit einem großen, 1804 vollendeten Bassin, eine treffliche Rhede, sowie Magazine und Zimmerwcrfte zu Ausbesserung der Kriegsschiffe und ist der gewöhnliche Überfahrtsort nach Harwich in England. Hemans (Felicia Dorothea), eine der berühmtesten engl. Dichterinnen, geb. am 25. Scpt. 17 94 zu Liverpool, wo ihr Baker Brown, ein geborener Irländer, Handelsgeschäfte trieb. Die romantische Umgebung von Grevych in Nordwales, wo die Familie nach einer verunglückten Spekulation in stiller Abgeschiedenheit lebte, erweckte die lebhafte Seele des jungen Mädchens zu poetischen Ergüssen, für die die Erinnerung an vergangenes Familicn- glück hinreichenden Stoff gewährte. Die brit. Hcldcnthaten im Kriege auf der pyrenäi- schen Halbinsel, welche ihr von einem Berwandten in Briefen mit so glänzenden Farben geschildert wurden, gaben ihr eine noch entschiedenere Richtung zum Romantischen. Ihre Begeisterung für den Kriegerstand bewog sie sehr jung ei» Ehcbündniß mit Capitain Hemans einzugchen, das sich aber, nachdem sie Mutter von fünf Söhnen geworden, wieder löste. Bereits 1812 gab sie in den „vowestic sklections" eine Sammlung ihrer lyrischen Poesien heraus. Ihr größeres Gedicht „He restorstion ok ttie ivorlcs ok srt in (1816) und ihr,Modern Lreece" gewannen den lauten Beifall Byron's. Ihre „keles and liistoric scenes in ver,«s" (1819) enthalten treffliche Balladen. In den beiden Wctt- gesängcn „iV-dlace" und „v-rrtmoor" trug sic den von der Ro)k>I Society ok literiiture im I. 1821 ausgcsctzten Kampfprcis von allen männlichen Mitbewerbern davon. In ihrem „korest sanctusr)-" (1825; 2. Aust., 1829) verherrlicht sie das protestantische Märtyrer, lhum. Zu dem Studium der span. Sprache und Literatur, von dem ihr „Siege ok Valencia, ti>e isst Oonstkmt'me, and otber Poems" (1823) zeugt, gesellte sich noch eine besondere Vorliebe für die deutsche Literatur, der wir, besonders von Herder angeregt, die Herr- lichen „Songs ok Lad" und „Ide la^s ok insn^ lands" verdanken, welche zuerst einzeln in dem damals von Campbell rcdigirlen rnvntbl^ msgnrine", nachher gesammelt er» schiene«. Körncr's Dichterlcben und Heldentod feierte sie in ihrem Gedichte „Xoerner -in bis sister". Ihre deutschen Lieblinge waren, außer Schiller und Goethe, vorzüglich die Romantiker, unter ihnen namentlich Tieck. Seitdem sie 1829 Walter Scott und 1839 den Dlchtcrgrcis W.Wordsworth besucht hatte, erhielt ihre religiöse Poesie in den „Songs oftbeslkections" (1830), „Scenes snd Kanins nflike snd otberreligions jioeins" (1834), „tt>inus ontkeworksoknature" (1833)und „Rzmuskor-ebildknod" (1834) eine höhere Weihe und erreichte die tiefe poetische Reflexion Wordsworth's. In den „Records ok >vo- men" (1828) schilderte sie weibliche Charaktere vom Erhabenen bis zum Niedrigen und verwebte viele ihrer persönlichen Schicksale mit ein. Sie starb am > 6. Mai 1835 auf dem dem Erzbischof von Dublin gehörigen Landgute Redcsdale bei Dublin. Hemikränie, s. Migraine. Hemiptkren oder Halbflügler, s. Insekten. Hemisphäre, s. Halbkugel. Hemling oder Hemlingk (Hans), s. Memling. Hemmen nennt man das Verfahren, welches man anwcndet, um ein Fuhrwerk beim Bergabfahren gegen plötzliches und Gefahr bringendes Hcrabrollen zu sichern. Die Hemprich Hemsterhuis 57 Vermehrung der Reibung der Räder aus dem Boden ist hierzu daß wesentlichste HülfS» mittel; die Umdrehung derselben wird entweder durch Einschlcifen eines HcmmtaueS oder einer Hemmkette bewirkt, oder durch Anlegung eines Hemmschuhs, oder durch Holzstücke, die an einem wagerechtcn Baume in der Entfernung der Näder hinter denselben angebracht sind und mittels einer Schraube oder eines Hebels mehr oder weniger gegen die Stirn der Radfelgen gepreßt werden können. Hcmprich (Friede. Wilh.), Reisender und Naturforscher, wurde am 24.Jan. >796 in Glatz geboren und folgte seinem Vater, det Kreischirurg war, 1813 in den Krieg, wo er ihm in seinem Berufe Beistand leistete. Im I. 18l 4 kehrte er nochmals auf das Gymnasium in Glatz zurück und bezog dann die Universität zu Breslau. Von neuem trat er > 815 als Militairwundarzt in Dienst, bis er >817 nach Breslau zu seinen Studien zurückkchrte. Hierauf ging er nach Berlin. Die naturhistorischcn Sammlungen dieser Stadt und der Umgang mit jungen Naturforschern, zumal ein mit Ehrenberg (s. d.) geschlossenes Frcundschaftsbündniß, entschieden über H.'s künftige Richtung. Nach rühmlich bestände- nen Prüfungen als Privatdocent in Berlin habilitirt, erhielt er und Ehrenberg von der berliner Akademie den Auftrag, als Naturforscher sich der Expedition Minutoli's anzu- schließcn, und nahm ihn erfreut an, sobald man versprochen hatte, für seine verwitwete Mutter und seine unmündigen Geschwister zu sorgen. Er kam am 2. Scpt. > 82 > in Alexandria an und blieb fortan der treue und arbeitsame Begleiter Ehrenbcrg's auf der langen und nicht gefahrlosen Reise durch Ägypten, Nubien und das arab. Küstenland. Von einem Vipernbisse kaum hergestellt erkrankte er in Djedda, konnte zwar nach längcrm Aufenthalte die Reise wieder sortsehen, behielt aber einen geschwächten K-Owr. In Mas- saua wurden beide Reisende zugleich von klimatischen Krankheiten ergriffen, und am 30. Juni >825 erlag H. einem typhösen Wechselfieber. Ehrenberg begrub ihn auf der kleinen Insel Toalut, zwischen Massaua und dem Festlande. Die Ausbeute ihrer Reise waren 2900 etiqucttirtc Pflanzenarten in etwa l 6000 getrockneten Exemplaren, 135 Arten Säugthiere, 430 Ärten Vögel, 546 Fisch- und Amphibienarten, etwa 600 Arten Anneliden und Crustaceen, gegen 2000 Jnsektcnarte» und 300 Stück mineralogische Gegenstände; im Ganzen ungefähr 34000 Thierc. H.'s Reiseberichte waren ganz mit denen seines Freundes verschmolzen. Seine „Naturgeschichte für höhere Lehranstalten" wurde in der zweiten von Neichcnbach besorgten Auflage (Berl. >829) so umgestaltct, daß H.'s Bestrebungen und Darstcllungsweise sich fast gar nicht mehr erkennen lassen. Hemsterhuis (Tiberius), ein durch Gelehrsamkeit und Geschmack, besonders aber durch tiefe Kcnntni'ß der griech. und lat. Sprache ausgezeichneter holländ. Philolog, geb. am 9. Jan. > 685 zu Gröningen, wurde von seinem Vater, einem gelehrten Arzte, vorbereitet, sodaß er bereits im 14. Jahre die Universität seiner Vaterstadt besuchen konnte, wo er vorzüglich Mathematik studirte. EinigeJahre darauf ging er nach Leyden, um die Handschriften der dasigen Universitätsbibliothek zu ordnen, und noch nicht 20 Jahre alt erhielt er >704 die Professur der Mathematik und Philosophie zu Amsterdam und dann >7 >7 die der griech. Sprache zu Franeker, welche er aber erst >720 antrat. Im I. >740 wurde er als Lehrer der griech. Sprache und der Geschichte nach Leyden berufen, wo er am7.Apr. >766 starb. Mit Recht betrachtete ihn seine Zeit und betrachtet man ihn noch gegenwärtig als das vollendete Muster eines echten Humanisten, da er bei der Erklärung der alten Schriftsteller nicht bloß dem tobten Buchstaben huldigte, sondern auch das sachliche Element derselben mit seltener Gründlichkeit beleuchtete und, im Gegensätze zu dem damals herrschenden absprechendcn und oft gemeinen Ton seiner gelehrten Landsleute, stets eine bescheidene und würdige Sprache führte, was bei der Überlegenheit seines Geistes besonders hervorgehvben zu werden verdient. Das Studium der griech. Sprache förderte er wesentlich dadurch, daß er derselben nach den schwachen Vorarbeiten von I. Scaligcr und Saumaise zuerst eine feste, wissenschaftliche Grundlage gab und so der Stifter einer eigenen Schule wurde, aus welcher Ruhnken (s. d.) und Valckenacr (s. d.) als seine berühmtesten Schüler hervorgingen. Seine Hauptwerke sind die Ausgabe des „Ouomasticon" von Pollux (2 Bde., Amst. >706, Fol.), die auscrwählten Gespräche des Lucian (Amst. >708 und >732) und der „kluius" des Aristophancs (Harling. >744; vermehrter Ab- 58 HendekaMaben Hengist druck von Schäfer, Lpz. >311). Ein treffliches Bild seines LebenS und Wirken« gibt un« Nuhnkcn in dem „LI»Fiiio> Hsmstsrlnisii" (Leyd. 1768 und 1789), welches in Deutschland von Lindemann in den „Vitae liuilinvirorum '1. Hemsterkusii et I). RubnIcenU" (Lpz. 1822) u. A. von neuem herausgegeben wurde. Aus.H.'s in der leydener Bibliothek aufbewahrtem handschriftlichen Nachlasse veröffentlichte Geel ,,^n«c<1»ta Lemsterbu- siana" (Leyd. und Lpz. 1825), durch welche der Ruf des großen Mannes leider nicht gewonnen hat, und Friedemann „Oratjoues st epistnlae" (2. Aufl., Weilburg 1839).— Sein Sohn, Franz H., bekannt als Philosoph und Kunstkenner, geb. 1729 in Groningen, bekleidete, nachdem er in Leyden und im Haag längere Zeit privatistrt hatte, zuletzt die Stelle eines ersten Commis bei der Staatskanzlei der Vereinigten Niederlande und starb im Haag l799. Mit klassischer Bildung und außerordentlichem Scharfsinne ausgestattet, widmete er sich vorzüglich dem Studium der alten Philosophie, namentlich der Sokrati- schen, deren Einfluß man auch in seinen Schriften wiederfindet, indem er sich in mehren derselben der lebendigen Form des Dialogs mit vieler Kunst und gutem Erfolge bedient, und suchte den durch Locke verbreiteten Sensualismus weiter auszubilden und auf populäre Weise darzustelle». Zu seinen ästhetischen und archäologischen Schriften gehören seine „I-ettre sur in scnipture" (Haag 1796) und die „I,ettre sur »us pierre antigue". Der Ncligionsphilosophie sind der Dialog „tristes,»» <1el» elivinite" (1779) gewidmet und die „I,ettre Viociss ü Viotime sur I'atlieisme" (17 85). Außerdem schrieb er „8ur le; rlesirs"; „8ur l'komme et ses rapports"; „8imon, »u lies tacuitö» «ie I'äme"; die Dialogen „Xlexis, »ii tis I'äKS li'or" (1787) und „8»pli/clus ou bllj,!tz liii esractere tie len 5lr. lLr. kagal" (1773). Seine sammtlichen Schriften wurden zuerst von Jansen 1792 gesammelt; schon vorher waren die wichtigem unter dem Titel „Vermischte philosophische Schriften des Fr. H." (3Theile, Lpz. 1782—97) auch in Deutschland bekannt geworden; die neueste Ausgabe derselben besorgte Sylvain van de Weyer (2 Bde., Löwen l 825 —27). Vgl. Tydeman, „kroev« eener iatrelie op L'ruox 8." (Leyd. 183-1). Hendekasylläben» nach dem griech. Dichter Phaläko« auch phaläkische Verse genannt, heißen elfsylbige, trochäisch-daktylische Verse, die sich besonders für kleine Tändeleien eignen und unter den Römern von Catullus und MartialiS angrwendet wurden. Das Schema derselben ist: Hendiädys, eigentlich Hendiadyoin (griech.), d. h. EinS durch Zwei, ist der Name einer bei den Alten sehr gewöhnlichen grammatisch-rhetorischen Figur, nach welcher zwei Substantivs durch Beiordnung verbunden werden, von denen das eine statt des Eigenschaftsworts steht, z. B- bei Virgil: „Wir bringen ein Trankopfer aus Gold und aus Schaaken", statt: „aus goldenen Schaalcn". Hengist und Horsa hießen die beiden Brüder, denen dieGründung der angelsächs. Herrschaft in Britannien zugeschrieben wird. Nach der angelsächs. Erzählung begehrte im I. -1-16 oder 449 n. Chr. Borkigem, König der Briten, Hülfe bei den Äthelingen der Angeln und Sachsen gegen die Picken und Scoten. Darauf fuhren Hengist und Horsa, die von Odin abstammken, mit drei Schiffen hinüber, landeten bei Uxwinsfleet in Kent und siegten über die Feinde, die schon bis Stamford in Lincolnshire gekommen waren. In die Heimat aber berichteten sie von der Fruchtbarkeit des Landes, der Schwäche der Einwohner und darauf hin zog ihnen eine große Schar auf sechzehn Schiffen zu; sie erhielten Sitze, die Jüten in Kent, die Sachsen in Essex uud Wessex, die Angeln nordwärts. Sechs oder sieben Jahre darauf führten Gortimer und Catigem, des Borkigem Söhne, mit Ambrosius Aurelianus ein großes Heer gegen die Fremdlinge; in der Schlacht bei Ägeles- threp (jetzt Ashford unweit Canterbury in der Grafschaft Kent) im I. 455 tödtete Horsa den Catigem, fiel selbst durch Gortimer und Hengist wurde zur Flucht genöthigt. Z»> nächsten Jahre aber schlugen bei Crayford in Kent Hengist und sein Sohn Äsc die Briten und nannten sich seitdem Könige in Kent. Auch in zwei andern Schlachten, 465 und 473, blieben sie Sieger. Im 1.488 starb Hengist, nach ihm herrschte 24 Jahre sein Sohn. Nach der brit. Sage erhielt Hengist die Insel Ruithina, von den Angelsachsen Thanet genannt Hengstenberg 59 (jetzt die Landsitze von Margate nnd Ramsgate), an der Themse zum Geschenk, die er nach Dido's Weise mit einer Ochsenhaut gemessen, und holte dann Verstärkung aus der Heimat. Für seine schöne Schwester, die heidnische Novenna entbrannte der christliche König Vortigern, da sie ihm den Becher mit dem altdeutschen Gruße evaes Keil kredenzte und die Erwiederung striue Keil lehrte, und gab für ihren Besitz Kent den Sachsen. Das Volk, unzufrieden, setzte ihn ab, sein Sohn Dortimir schlug die Sachsen, Horsa fiel, Hengist floh aus Britannien. Von Vortigern, der, nachdem Novenna seinen Sohn vergiftet, wieder König geworden war, wurde er zurückgerufcn. Da ihm sein Land verweigert wurde, soll- ten 300 Sachsen und ebenso viel Briten den Streit gütlich schlichten, bei der Zusammenkunft aber zogen die erstem aufHengist's Ruf, iiimedeuro seaxes, die Verborgeyen langen Messerund tödteten die Briten; um Vortigernzu lösen, seiSussex, Essex und Middlesex abgetreten worden. Die brit. Sage ist ganz unhaltbar; daß aber auch die angelsächs. Erzählung in allen ihren Einzelheiten mythisch, daß nicht einmal die Existenz von H. und Horsa unzweifelhaft sei, hat Lappenberg in seiner „Geschichte von England" (Hamb. 1834) dargelegt. Hrngstenberg (Ernst Wilh.), ordentlicher Professor der Theologie an der Universität zu Berlin, Herausgeber der „Evangelischen Kirchenzeitung", geb. zu Frondenberg in der Grafschaft Mark am 2V. Oct. 1802, wurde von seinem Vater, welcher Pfarrer daselbst war, zur Universität vorbereitet, die er 1820 bezog. Er studirte in Bonn, wo er philosophischen und oriental. Studien mit vielem Eifer und Erfolg oblag, wie dies seine Übersetzung der „Metaphysik" des Aristoteles (Bd. I, Bonn l 824) und seine Bearbeitung eines arab. Schriftstellers (,,^m ruckeisi lHosiIaK-»K", Bonn 1823), die den Preis gewann, beweisen, während er zugleich von der damaligen burschenschaftlichen Begeisterung lebhaft ergriffen wurde. Im I. 1823 ging er nach Basel, wo er in Verbindungen kam, welche vielleicht nicht wenig beitrugen, ihn in seine theologische Richtung hinüberzuführen, ohne daß ein eigentliches Studium der Theologie vorhergegangen war. Schon im folgenden Jahre wurde er Privatdoccnt der Theologie in Berlin, 1820 außerordentlicher, 1828 or- deutlicher Professor und 1820 Doctor derTheologie. Am einflußreichsten wirkteer alsSchrift- steller, besonders seit 182 7 durch seine „Evangelische Kirchenzeitung", sowie durch seine in glci- cherRichtung gearbeitete „Christologie des Alten Testaments" (3 Bde., Berl. 1820—35) und „Beiträge zur Einleitung ins Alte Testament" (3 Bde., Berl. 1831—30). H.'s „Evangelische Kirchenzeitung" hat sich nach ihrer Erklärung die Aufgabe gestellt, „in streng gehaltener Einheit die evangelischen Wahrheiten, wie sie in der Heiligen Schrift enthalten und aus ihrin dieBckenntnißschriften derKirche abgeleitet seien, zu begründen und zu vertheidigen". Sie hofft dadurch, „bei den Einzelnen das lebendige Bewußtsein der Einheit, theils mit der evangelischen, theils mit der gesummten Kirche aller Jahrhunderte stärken und zu einer allgemeinen Verbindung aller wahren Glieder der evangelischen Kirche beitragen" zu können, und dieses Verlangen nach dem verlorenen kirchlichen Eemeingeistc, welcher alle ihre Glieder beleben, kräftigen und läutern könnte, dieser Schmerz über die Zerrissenheit und Verödung der Kirche, über das Wuchern von Selbstsucht, Unglauben, Geist- und Gemüthlo- sigkeit bei der Vereinzelung und allseitigen Gleichgültigkeit ihrer Mitglieder, ist der innerste Trieb in ihrem ganzen Streben, und scheint bewirkt zu haben, daß sie, nuraufdiesem Wege eine Abhülfe dieser Leiden absehend, die Aufgabe sich gestellt hat, für die als identisch vor- auszufetzendcn biblischen und kirchlich-evangelischen Lehren Alle wiedergcwinnen und so zu einer kraftvollen Geistesgemeinschaft vereinigen zu können. Dafür wirkt sie mit aller ihr zu Gebote stehenden geistlichen und weltlichen Gelehrsamkeit und mit einem sich stets selbst verjüngenden und übertreffenden Geiste, welcher, auch wenn er nur Widerspruch weckt, doch stets anregend und befruchtend wirkt. Dadurch hat sie sich auch bereits einen großen Kreis von Anhängern aus allen Ständen herangebildet, und auf viele davon, welche auf eine ruhigere Rede in diesen Dingen nicht viel geachtet haben würden, wenigstens insofern entschieden wohlthätig eingewirkt, als sie bei ihnen ein ernsteres Interesse und eine höhere, bessere Sehnsucht an die Stelle früherer Gleichgültigkeit gesetzt hat. Aber> Das schadet ihr, und wird sie zuletzt stürzen und auflösen, daß sie in zu großer Lebendigkeit ihres Verlangens nach Verwirklichung ihres Ideals in der evangelischen Kirche sich hat verleiten lassen. 60 Henke (Adolf Christian Heinr.) Henke (Heinr. Phil. Konr.) wenn auch unbewußt, die Unterwürfigkeit gegen die Wahrheit, wie fie sich bei diesem Bestreben auch unwillkommen und unbequem aufdrängt, und gegen die Wissenschaft aufzugebcn. Henke (Adolf Christian Heinr.), berühmt durch seine Leistungen in dem Gebiete der Staatsarzncikunde, gcb. am 12. Apr. 1775 zu Braunschwcig, wo sein Vater Garni- sonpredigcr war, besuchte das Katharincngymnasium und d-as Collegium Carolinum daselbst, bis er 1795 die Universität zu Helmstedt bezog, wo er sich der Heilkunde widmete. Nachdem er 1798 ein Jahr in Göttingen studirt hatte, erhielt er im folgenden Jahre zu Helmstedt die mcdicinische Doctorwürdc. Nach einem kurzen Aufenthalte inBraunschweig begleitete er einen Holstein. Edelmann als Hausarzt nach Schwansee und ließ sich dann 1802 als praktischer Arzt in Braunschweig nieder. Im I. 1805 wurde er Physikus in Wolfcnbüttel, noch in demselben Jahre aber als außerordentlicher Professor nach Erlangen berufen. Während der folgenden Kriegsjahrc beschäftigte er sich viel mit schriftstellerischen Arbeiten; unter Anderm gab er das „Handbuch der allgemeinen und spcciellcn Pathologie" (3 Bdc., Berl. 1800—8) und das „Handbuch zur Erkenntniß und Heilung der Kinderkrankheiten" (2 Bdc., Franks. 1809; 4. Auf!., 1837) heraus. Durch den Wunsch mchrer Studircnden wurde er 1809 veranlaßt, Vorlesungen über Staatsarzncikunde zu halten und legte durch diese den erste» Grund zu seinem „Lehrbuch der gerichtlichen Meinem" (Berl. 1812; 10. Aufl., 1841), das ihm in Deutschland wie im Auslande großen Nuhm erwarb. Jm J. 1816 wurde er ordentlicher Professor für Physiologie, Pathologie und Staatsarzncikunde, und 1818 übernahm er die Professur der Therapie und Klinik und die Dircction der klinischen Anstalten. Seine Ernennung zum Hofrath im I. 1821 und zum Deputaten der Universität bei den Ständeversammlungen von 1825 und 1828, so- wie die vielfachen Berufungen an andere Universitäten, welche er sämmtlich ablehnte, waren Beweise der Anerkennung seiner Verdienste in der Nähe und Ferne. Wurde auch in seinen letzten Lebensjahren seine Thätigkeit oft durch Krankheit unterbrochen, so fuhr er doch fort, seine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen bis an seinen Tod, der am 8. Aug. 1843 erfolgte. Von seinen Schriften haben wir noch zu erwähnen die „Darstellung und Kritik der Lehre von den Krisen" (Nürnb. 1806); das „Taschenbuch für Mütter, oder über die physische Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren" (2 Bde., Franks. >8li; 2.Aufl-, 1832); Über die Entwickelungen und Entwickelungskrankheitcn des menschlichen Organismus" (Nürnb. 1814); „Revision der Lehre von der Lungen- und Athemprobe" (Berl. 1811); „Abhandlungen aus dem Gebiete der gerichtlichen Mcdicin" (5 Bde., 2. Aufl., Lpz. 1822—34) und vorzüglich seine „Zeitschrift für die Staatsarzncikunde" (46 Bdc. mit 32 Ergänzungsheften, Erlang. 1821—43), die von Siebcnhaar und Siebers fortgesetzt wird und ein reichhaltiges Material für Gerichtsärzte und eine Menge für Jedermann interessante Fälle liefert. Anonym gab er die treffliche „Darstellung der Feldzüge der Verbündeten gegen Napoleon in den I. 1813—15" (4 Bde., 1814— 16) heraus. Henke (Heinr. Phil. Konr.), einer der gelehrtesten und freisinnigsten protestantischen Theologen, bekannt namentlich auch als Kirchenhistoriker, gcb. am 3. Juli >752 zu Hehlen im Braunschweigischen, verlor frühzeitig den Vater, welcher Prediger war, durch den Tod, erhielt seine Schulbildung in der Waisenhausschule und auf dem Martinsgymnasium zu Braunschwcig und studirte zu Helmstedt, wo er 1777 außerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der Theologie wurde. Im I. 1786 ernannte ihn der Herzog von Braunschweig zum Abt von Michaelstein bei Blankenburg; 1801 wurde erGencral- supcrintcndent der Diöcese Schöningen, 1803 Abt zu Königslutter und bald darauf Vice- präsident des Consistoriums und Kurator des Carolinums zu Braunschwcig. JmJ. 1807 wohnte er als Abgeordneter der Huldigung des Königs von Westfalen in Paris und 1808 als Neichsstand der westfäl. Ständeversammlung in Kassel bei. Er starb zu Braunschweig am 2. Mai 1809. Den Grund zu seinem literarischen Ruhme legte er durch seine „Kirchengeschichke" (Bd. I—6, Braunschw. >788-1804; neue Aufl., 1795— 1806; fortgesetzt von Vater, Bd. 7—9, 1818—20), die einen Schah historischer Gelehrsamkeit enthält und den redendsten Beweis der umfassenden Belesenheit und freien Ansicht des Verfassers gibt; aber in der Zusammenstellung derThatsachenzueinem scheinbar pragmatischen Zusammenhänge offenbar erkünstelt und als akademisches Hand- und Henke (Herrn. Wilh. Eduard) Henneberg 61 Lehrbuch verfehlt ist. Als das preuß. Religionscdict erschien, trug er kein Bedenken, alle über dasselbe erschienene Schriften in der „Allgemeinen deutschen Bibliothek" anzuzeigen und bald darauf sich öffentlich als den Verfasser dieser Anzeigen zu nennen. Von seinen Schriften sind noch zu nennen die in klassischem Latein geschriebenen „läuesmenta iustitn- tioiliim ktlei cbristiitnae bistorico-criticaruiri" (Helmst. I 783 ; 2. Aust,, 1795 ; deutsch, Helnist. 1803), welche einen schönen Beweis seiner theologisch-historischen Gelehrsamkeit geben; „Magazin für die Rcligionsphilosophie, Exegese und Kirchengeschichte" (12 Bde.,Helmst. 1793—1804); „Archiv für die neueste Kirchengeschichte" (6Bde., Weim. 1794—99); die Zeitschrift „Eusebia" (3 Bde., Helmst. 1796—1800); „Neligions- annalen"(l2 Stück, Braunschw. >800—5); „Museum für Religionswissenschaft" (3 Bde., Magdcb. 1803—9); seine „Kirckengeschichtc des >8.Zahrh." (Braunschw. 1802) und seine „Opusoila serllleinica" (Lpz. 1802). Unter seinen „Predigten", von denen zwei Sammlungen (Braunschw. 1801—2) erschienen, ist namentlich seine am Krönungsfeste Napoleon's im I. 1807 gehaltene freimüthigc Rede berühmt geworden. Henke (Herm. Wilh. Eduard), Geh. Justizrath und ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Halle, geb. zu Braunschweig am 28. Sept. 1783, ein Bruder des obenerwähnten Ad. Christ. Heinr. Henke (s. d.), erhielt seine Bildung auf den Schulen und dem Carolinum seiner Vaterstadt, und den Universitäten zu Helmstedt und Güttingen. Nachdem er in Braunschwcig eine kurze Zeit als Sachwalter gelebt hatte, bestimmte ihn seine Vorliebe für die akademische Laufbahn, l 806 sich in Erlangen zu habilitircn. Zwei Jahre darauf ging er nach Landshut, wo er, von der bair. Regierung unterstützt, in den Fächern des Civil - und Criminalrechts Vorlesungen hielt, bis er >813 zmN Assessor des Stavtgcrichts zu Nürnberg ernannt wurde. Gleichzeitig erhielt er einen Ruf an die Akademie zu Bern, dem er auch >814 folgte. Auch hier waren es vorzugsweise das Civil- und das Criminalrecht, denen er seine Thätigkeit zu widmen hatte; später zog er jedoch, als Haller's Nachfolger, auch das Staatsrecht in den Kreis seiner Vorlesungen. In dieser Stellung, welche zu mannichfachen literarischen Arbeiten und zu länger» Ausflügen nach Deutschland, Frankreich und Italien Muße verlieh, blieb H., bis ihn 1832 die Abneigung gegen das in Folge der Julirevolution in Bern begonnene Regiment vertrieb und in sein Vaterland zurückführte. Hier wurde ihm in Folge einer im voraus schon empfangenen Zusicherung, eine Nathsstclle bei dem Oberappellationsgcrichte zu Wolfenbüttel übertragen; doch bekleidete er diese nur bis zum Herbste des I. 1833, wo er durch einen Ruf nach Halle wieder für das akademische Lehramt gewonnen wurde. Seine Schriften gehören mit wenigen Ausnahmen dem Gebiete des Strafrechts an, in welchem er sich später zu der Wic- dervergeltungstheorie bekannt hat, und sind folgende: „Criminalistische Versuche" (Berl. 1827); „Versuch cinerGeschichte desdeutschenpeinlichenRcchts und der peinlichen Rechtswissenschaft" (2 Bde., Sulzbach 1808—9); „Über den gegenwärtigen Zustand der Strafrechtswissenschaft" (Landshut 1810); „Über den Streit der Strafrechtsthcorien, ein Versuch zur Versöhnung" (Negensb. >811); „Beiträge zur Criminalgesetzgebung, in einer vergleichenden Übersicht der neuesten Strafgesetzbücher und Entwürfe" (Rcgcnsb. 1813); „Lehrbuch der Strafrechtswissenschaft" (Zür. 1815); „Darstellung des gerichtlichen Ver- fahrens in Strafsachen" (Zür. 1817) und sein Hauptwerk, das „Handbuch des Criminal- rechts und der Criminalpolitik" (4 Bde., Berl. 1823 — 38), in welchem er namentlich Vermittlung zwischen Tbcorie und Praxis in Verbindung des Criminalrechts mit der Criminalpolitik angestellt hat. Henneberg, eine ehemalige gefürstete Grafschaft in Franken, verdankt ihren Ursprung den Popponen, einem alten Gaugrafengeschlechte im Grabfelde (s. d.), welche seit Anfang des l U Jahrh. ihr aus Stücken jenes aufgelösten Gaues gebildetes Territorium nach ihrer zwei Stunden südwestlich von Meiningen, seit dem Bauernkriege in Trümmern liegenden Burg Hennebcrg nannten und dasselbe bald erweiterten, bald aber auch durch Erbtheilungen und Veräußerungen schmälerten. Ein Sohn des Grafen Poppo 1. von H., Gottwald I., erwarb dazu im Anfänge des 12. Jahrh. das Burggrasthum Würzburg und vererbte es auf seine Nachkommen, die ihre Besitzungen verschiedentlich theilten. So stiftete Otto zu Ende des 12 . Jahrh. die durch den Minnesänger Graf Otto berühmt 62 Heunegau gewordene, aber bald wieder erloschene Nebenlinie zu Bodenlaube; >274 aber theiltcn sich die Söhne Hcinrich's III. in die Linien H.-Hartenberg-Römhild, H.-Ascha (später, nach Absterben der altern Linie im I. >371 H.-Nömhild genannt), und H.» Schlcusingen, welche letztere beiweitcm die bedeutendste wurde. Sie erhielt I3ll)mit Berthold V». die Reichsfürstenwürde, die jedoch nie in den Titel ausgenommen wurde; brachte >312 die an Brandenburg gefallene Landesportion der von des obgenannten Hcinrich's III. Bruder, Hermann gestifteten H.-Koburger Linie wieder an sich, wovon jedoch das Meiste, namentlich die Pffegc Koburg, bald wieder durch Erbtöchter dem Hause entfremdet wurde; führte >340, um ferner» Zersplitterungen vorzubeugen, die Majoratserbfolge ein und beerbte endlich, noch kurz vor ihrem Erlöschen, den noch bis >549 fortbestandenen tiefverschuldeten Ascha-Römhilder Zweig. Graf Wilhelm V»., der auf diese Weise den ganzen, nach so mannichfachen Veräußerungen noch übrigen Ländercomplex seines Hauses wieder vereinigte, schloß, um sich von seiner Schuldenlast zu befreien, im I. 1554 mit Herzog Johann Friedrich dem Mittlern von Sachsen, dessen Brüdern und Hessen einen Erbvertrag, durch den das Ernestinische Haus die Anwartschaft auf H. erhielt. Demzufolge nahm, als >583 mit Georg Ernst das hen- nebergische Haus erlosch, Kurfürst August von Sachsen, der >573 mit Anwartschaft auf fünf^wölftheile der Erbschaft dem Vertrage beigetreten war, das Land, welches auf etwa 34 LlM. gegenwärtig I >9900 E. zählt, für sich und feineMündel, dieHerzoge von Sachsen-Weimar, in Besitz. Nur Schmalkalden wurde davon abgetrennt und kraft Nc- cesses vom J. > 521 an Hessen überlassen, welches „diese Herrschaft bereits seit >300 mit den Grafen von H. in Gemeinschaft besaß; das Übrige blieb im gemeinsamen Besitz der beiden sächs. Hauptlinien bis zum Z. >600, wo folgende Theilung zu Stande kam: .der Herzog Moritz zu Sachsen-Zeitz erhielt als seine fünf Zwölstheile Schlcusingen, Suhl, Kühndorf, Benshausen, Rohr und Veßra, welche Stücke später an die kurfürstliche Linie zurückfielen und von dieser 181.5 an Preußen abgetreten wurden; von den übrigen sieben Zwölftheilen erhielt die Hälfte, nämlich Meiningen, Maßfeld, Behrungen-Milz und Henneberg, VaS Haus Altenburg, ein Viertel, nämlich Ilmenau und Kaltennordheim, kam an Sachsen-Weimar, das letzte Viertel aber, Wasungen und Sand an Gotha, welche Linie auch >072 den altenburg. Antheil erbte. Bei den hierauf zwischen den Söhnen des Nachkommen Herzog Ernst des Frommen statkgehabten Erbtheilungen (s. Sachsen) ist H. gänzlich zerstückelt worden und nichts erinnerte mehr an die ehemalige politische Einheit der Grafschaft, außer etwa das noch gegenwärtige, von den Theilhabern der hcnneberg. Erbschaft gemeinsame gräfliche Archiv zu Meiningen. Doch hat Sachsen-Meiningen vermöge desgothaischenErbtheilungsvertragsvomJ. >826, wo es Hildburghausen und einige andere Stücke erhielt, den größten Theil des henneberg.Erbes, mit Ausnahme der Weimar. Stücke, des goth. Amts Zelle, des preuß. Antheils und des Hess. Schmalkalden wieder zusammengebracht. Hennegau (franz. Lainault), eine in dem wallonischen Thcile der Niederlande, der Heimat der alten Nervier, gelegene und gegenwärtig theils zu Belgien, theils zu Frankreich gehörige Landschaft, war schon seit Mitte des 9. Jahrh. im Besitz eines mächtigen Grafengeschlechts, der Rainer, von denen mehre auch das Herzogsamt in Nicderlothringen verwalteten. Eine Erbtochter dieses Hauses, Richilde, gest. >086, brachte die Grafschaft an Balduin VI., der sich in H.Balduin I. nannte. Gras Balduin ll., der Sohn Balduin's >., verlor Flandern an seinen Oheim; doch schon sein Urenkel vereinigte durch Hcirath mit Margaretha von Elsaß beide Grafschaften wieder miteinander. Balduin IX., ein Sproß- ling dieser Ehe, wurde >204 erster lat. Kaiser zu Kvnstantinopel und hinterließ seine Haus- besttzungen seiner Tochter Margaretha, die zuerst mit Burkhard von Avesnes und dann mit Wilhslm von Dampierre vermählt war. Im Z. 1279 wurde den Kindern erster Ehe H., denen zweiter Ehe aber Flandern zugethcilt. Beide Linien lebten seitdem in steter Spannung. Die von Avesnes, welche 1297 auch Holland und Seeland erbten, hielten sich zu Frankreich, und wenn auch die Franzosen 1302 von den Flamländern völlig geschlagen wurden, so wußte doch Wilhelm der Gute sich zu behaupten. Seine Regierung, > 302—37, ist di« Blütezeit H.'S. Seine Tochter Margarethe, die Gemahlin Kaiser Ludwig'S IV., Henotckon Henriette (Herzogin von Orleans) 63 brachte H. sammt Holland und Seeland an das Haus Baiern. Ihre Urenkelin, die ebenso leichtsinnige als heroische Jacobea von Baiern, trat > 433 ihr Erbe an Philipp den Guten von Burgund ab, und so kam H. mit der bürg und. Erbschaft >47' an das HauS Habsburg, bei welchem es (1556—1713 bei der span., dann bei der östr. Linie) bis zur franz. Revolution blieb. (S. Niederlande.) Inzwischen war aber seit dem pyrenäischen Frieden im I. 1649 der gegenwärtig zum franz. Norddepartement gehörige südliche Theil von H. mit der Hauptstadt Valenciennes an Frankreich gekommen, aus dem Übrigen dagegen wurde > 815, mit Einverleibung der vormals flandr. Landschaft Tournaisis, des namur- schen Districts Charleroi und einiger Stücke von Brabant und Lüttich, welche vorher das franz. Departement Jemappcs ausmachtcn, die heutige belg. Provinz H. gebildet, ein Gebiet von 89 OM. mit 63090» E. Das Land, welches von der Sambre, der Schelde und einem Nebenflüßchen derselben, Hennes genannt, dem das Land seinen Namen verdankt, bewässert wird, ist im Norden flach und fruchtbar, den Süden aber nimmt der Ardenner Wald ein, welcher, wie schon sein altröm. Name Silva carbonaria anzcigt, reich an Steinkohlen ist und jährlich >6 Mill. Ctr. Ausbeute gibt, auch eine bedeutende Quantität Eisen liefert. Die äußerst regsame Industrie dieser Gegenden erstreckt sich auf Fabrikation von Eisenwaaren, Leinwand, Spitzen, Tapeten u. s. w. Die Provinz H. zerfällt nach ihrer gegenwärtigen politischen Eintheilung in die drei zur ehemaligen Grafschaft gehörigen Bezirke Mons oder Bergen (mir der gleichnamigen Provinzialhauptstadt von 25000 E.), Soignies und Ath (mit der gleichnamigen Stadt von 9000 E.) und die neuhjnzugekom- menen Tournay oder Doornik (mit gleichnamiger Stadt von 27000 E.), Charleroi (mit der gleichnamigen Stadt von 6000 E.) und Thuin. Außer diesen Städten sind hier noch, da die Landschaft vermöge ihrer Lage am häufigsten der Kriegsschauplatz mit Frankreich gewesen ist, als Schlachtorke bemcrkenswerth Fleurus (1623, 1690 und 1794), Saint-Denis (1678), Malplaquet(l709), Fontenoi(I745), Jemappcs (1792) und Tournay(1794). Henotlkon heißt das vom griech. Kaiser Zeno l. dcrJsaurier im 1.482 erlassene Edicl zur Beilegung der monophysüischen Streitigkeiten über die Frage, ob in Christus eine oder zwei Naturen seien. Indem in demselben gerade der streitige Punkt ganz übergangen war, so konnte dasselbe keiner der beiden Parteien genügen, weshalb es auch vom Bischof Felix ll., unter Berufung auf die Alleingültigkeit der Bestimmungen desConcils zuChalcrdon vom I. 451, verdammt und vom Kaiser Justinian 1. im I. 519 ganz aufgehoben wurde. Henrici (Christian Friedr.), als deutscher Dichter unter.dem Namen Picander bekannt, gcb. am > 4. Jan. 1700 zu Stolpen in Sachsen, der Sohn eines Posamentiers, studirte 1719 zu Wittenberg und 1720 zu Leipzig die Rechte. Eine besondere Neigung führte ihn zur Dichtkunst, durch welche es ihm gelang, sein Glück zu machen. Er wurde Actuar bei dem Oberpostamte zu Leipzig, sodann Postsecretair, endlich Postcommissair und erhielt als solcher noch überdies 174» die Kreislandsteuer- und Tranksteuereinnehmerstelle in Leipzig und auch die Weininspection. Er starb am 10. Mai 1764. Den Namen Pi- c an der, d. i. Elstermann, soll er deswegen angenommen haben, weil er einstmals nach einer Elster schoß, statt derselben aber einen Bauer traf, der ein Elsternest ausnehmen wollte, und ihn stark verwundete. Seine Gedichte zeichnen sich durch derben Witz und ausgelassene Heiterkeit aus, werden aber oft durch unsittlichen Ton anstößig. Sie erschienen als ./Ernst- scherzhafte und satirische Gedichte" (5 Bde., 4. Aufl., Lpz. 1748—51) und als „Sammlung vermischter Gedichte" (Franks, und Lpz. 1768). Seine „Deutschen Schauspiele", bestehend in dem „Akademischen Schlendrian", dem „Erzsäufer" und der „Weiberprobe" (3 Bdchn., Berl., Franks, und Hamb. 1726) sind satirische Lustspiele, in denen er in gemeinen Scherzen und geistlosem Witze sich selbst übcrbietet. Henriette (Anna), Herzogin von Orleans, die jüngere TochterKönigKarl'sl. von England, Enkelin König Heinrich's IV. von Frankreich, wurde während des Bürgerkriegs am 16. Juni 1644 zu Exeter geboren und einige Wochen alt von ihrer Mutter nach Frankreich gebracht. Anna von Ostreich vermählte die schöne, liebcnswssrdige Prinzessin 1661 mit ihrem zweiten Sohne, dem Herzoge Philipp von Orleans, der sie jedoch nicht liebte. Um so mehr empfing H. die Huldigungen'ihres Schwagers, König Ludwig'S XIV. Auch Andern, wie dem Grafen von Guiche, dem Herzog von Monmouth, ihrem Neffen, 64 Henriot k--7 schcnkte sie ihre Gunst und verwickelte sich dabei in so üble Jntriguen, daß ihr wiederholt der König durch Machtsprüche zu Hülfe kommen mußte. Dagegen bediente sich ihrer Ludwig XIV. auch zum Werkzeuge seiner Politik. Im I. > 670 mußte sic mit dem Hofe die pomphafte Reise nach Flandern unternehmen und sich dann zu Calais nach Dover einschiffen, angeblich bloß, um einer Einladung ihres Bruders, König Karl'sll.von England, zu folgen. Doch schon nach zehn unter allerlei Festlichkeiten verlebten Tagen hatte sie ih- ren Bruder von der Tripelallianz abgelöst und ihn zum Bundesgenossen Ludwig's XIV. gegen die Niederlande gemacht. (S. Großbritannien.) Als Helferin bei diesem diplomatischen Streiche hatte sie sich das Fräulein von Querouaille, eine schöne Brctagnerin, auserlesen. Dieselbe wußte das Herz des schwachen Königs Karl so zu gewinnen, daß er sie zur Geliebten annahm und später zur Herzogin von Portsmouth erhob. Acht Tage nach ihrer Rückkehr aus England, am29.Juni >670, erkrankte die Prinzessin plötzlich zu Saint- Cloud und starb schon am folgenden Tage. Man hielt sie für vergiftet und maß die Schuld bald ihrem eifersüchtigen Gemahl, bald dem Chevalier de Lorraine bei, dessen Verbannung sie bewirkt hatte. Indessen ist es wahrscheinlicher, daß die Prinzessin das Opfer einer galanten Krankheit oder eines Verbrechens wurde, das der Welt ihre Schuld entziehen sollte. LudwigXlV. betrauerte ihren Tod Jahre hindurch. Ihre Tochter Marie Luise wurde > 679 an König Karl II. von Spanien vermählt und starb > 680; eine andere, AnnaMaria, heira- thete der Herzog von Savoyen, Victor Amadeus II., der nachhcrige König von Sardinien. Henriot (Franc.), cin.berüchtigter frain. Nevolutionsmann, wurde 1761 zu Nan- terre bei Paris von nieder» Altern geboren. Ohne Erziehung herangewachscn, fand er in Paris ein Unterkommen als Lakai, wurde aber fortgejagt und versank nun in tiefes Elend. Endlich erhielt er eine Anstellung bei der Douane von Paris. Da er in der Nacht vom > 2. zum 13. Juli 1789 den revolutionairen Pöbel bei Zerstörung der Zollstättcn unterstützt hatte, verlor er seine Anstellung und diente nun längere Zeit als Policeispion, bis er Diebstahls wegen nach Bicetre wandern mußte. Zu Anfänge des I. 1792 wieder freigelaffen, lebte er nun von dem Solde, den die Parteien für die Ausschweifungen bezahlten. Erst bei dem Aufstande am 10. Aug. spielte er eine wichtigere Rolle; auch befand er sich an der Spitze der Banden, die in den ersten Tagen des Sept. die Gefangenen in den Kerkern mordeten und wurde dafür vön dem revolutionairen Gemeinderath zum Anführer der Saus- culottcnsection ernannt. Als am 31. Mai 1793 der Gemeinderath in Verbindung mit dc» empörten Sektionen den Angriff auf den Convent beabsichtigte, um die Girondisten (s. d.) auszutrciben, wurde H. als interimistischer Anführer an die Spitze der pariser Nationalgarde gestellt. In der That gelang es den bewaffneten Sectionen, den Convent ein- zuschüchtcrn; allein der Hauptzweck, der Sturz der Gironde, blieb unerreicht. H. zog nun in der Nacht vom 1. zum 2. Juni sämmtliche Truppen der Hauptstadt zusammen und besetzte am Morgen des 2. die Umgebungen des Nationalpalastes mit 80000 M. Er selbst hatte sich mit einigen getreuen Bataillonen und 163 Kanonen an die Ausgänge des Palastes gestellt. Als der Convent, von dem Gemeinderath um die Ausstoßung der Girondisten bestürmt, endlich über seine Lage besorgt wurde, und, den Präsidenten Hera ult dc Sech e l l e s (s. d.) an der Spitze, sich in Masse unter die Truppen begeben wollte, wies H. die Deputieren mit der Erklärung zurück, daß sie den Palast nicht verlassen dürften, bis sie die 32 bezeichneten Deputaten ausgeliefert hätten. Der Präsident befahl hierauf die Verhaftung H.'s, der jedoch sogleich das Geschütz auf die Deputieren richten ließ und somit dieselben zur Rückkehr in den Saal zwang. Die Verhaftung der Girondisten wurde nun beschlossen. Die Dienste, welche sich H. in solcher Weise erworben, lohnte ihm der Gemeinde- rath durch die Ernennung zum Oberbefehlshaber der Nationalgarde. Robespferre bediente sich nun fortan H.'s zur Ausführung der Schreckensmaßregcln, besonders zur Überwachung der massenhaften Hinrichtungen. Der Sturz der Schreckensmänner am 9. Thermidor ver- anlaßte deshalb auch ein VerbaftungSdecrct gegen H., der zur selben Zeit mit Anordnung eines Aufstandes beschäftigt war und trunken durch die Straßen ritt. Als er unterwegs die Verhaftung der fünfDeputirten erfuhr, begab er sich nach dem Luxembourg, um sich dort an die Spitze der Gendarmerie zu stellen. Zufällig begegnete er mehren Karren Verur- theUter, dir man vom Richtsätze zurücksührte, weil man den FallNobespierre's und seine ! i 1 N a -t< g n ö' .ki I'c ei g Henry 65 Genoffen erfahren. Nachdem H. erst die Rückkehr des Zuges ans Schafot und die Hinrichtung der Unglücklichen erzwungen hatte, drang er mit den Gendarmen iy den Hof des Nationalpalastes ein, wurde aber mit gefälltem Bayonnet empfangen und nach dem Beschluß des Convents verhaftet. Man brachte ihn in den Sicherheitsausschuß, wo ihn jedoch bald der Vicepräsident der Jakobiner, Coffinhal, auf Befehl des Eemeinderaths mit bewaffneter Hand befreite. H. eilte nun auf den Carousselplatz, erklärte dort mehren versammelten Sectionscompagnien, daß er unschuldig befunden und in seine Function wieder eingesetzt worden, und führte sogleich die mit Geschütz bewaffnete Masse nach den Nationalpalast. Als jedoch die Truppen erfuhren, daß H. gleich den ebenfalls befreiten fünf Deputaten geächtet sei, fielen sie von ihm ab, sodaß er sich genöthigt sah, nach dem Stadthause zu fliehen. Vergebens wartete er hier mit den übrigen Geächteten auf die Erhebung der Sectionen, die an den Maßregeln des Convents gänzlich scheiterte. Die Geächteten gcrie thcn über ihre Lage miteinander in Streit und Coffinhal, im Zorne, daß er schlecht unterstützt worden, ergriff plötzlich H. und stürzte ihn zu einem Fenster hinaus. Halbtodt wurd§ er in der anstoßenden Straße gefunden und in diesem Zustande mit den Übrigen am 10. Thermidor (28. Juli 1791) hingerichtet. Henry (Patrick), einer der thätigsten Gründer der nordamerik. Unabhängigkeit, aeb. am 29. Mai l 739 in der Grafschaft Hannover in Virginien, kam, 15 Jahre alt, zu einem Kaufmann in die Lehre. Nach manchen mißglückten Unternehmungen wendete er sich in seinem 25. Jahre dem Studium der Rechte zu und trat nach einer kurzen Vorbereitung als Sachwalter auf. Er wohnte bei seinem Schwiegervater, der eine Schenke hielt, und hatte einige Jahre mit Nahrungösorgen zu kämpfen. Ein wichtiger Rechtsstreit zwischen der Geistlickkeit und der Gesetzgebenden Versammlung in Virginien über die Pfarrgehalte gab ihm zuerst Gelegenheit, seine Geisteskräfte zu entfalten. Sein Ruhm stieg, als er 17 61 bei den Verhandlungen über eine streitige Wahl seine Beredtsamkeit glänzend darlegte. Erwürbe 1765 zum Mitglieds des Hauses der Abgeordneten erwählt, in der ausdrücklichen Absicht, eine Opposition gegen die engl. Stempelacte zu veranlassen. Als er vergebens einen dagegen gerichteten Antrag von einem ältern und erfahrener» Mitgliede erwartet hatte, und nur noch drei Sitzungstage übrig waren, brachte er im Mai seine berühmten Beschlüsse gegen das Stempelgesetz vor die Versammlung. Seinen Antrag begründend, rief er bei den heftigen Verhandlungen aus: „Cäsar hatte seinen Brutus, Karl I. seinen Cromwcll, und Georg Hl. —" „Hochverrath!" rief der Sprecher des Hauses, und so widerhallte es von allen Seiten. H., ohne seine Fassung zu verlieren, warf einen feurigen Blick auf oen Sprecher und fuhr mit Nachdruck fort: „möge ihr Beispiel benutzen. Ist dies Hochverrath, so machen Sie daraus, was Sie wollen." Von diesem Tage an war H. der Liebling des Volks, und man ehrte ihn als einen der Verfechter der Freiheit der Colonien. H. blieb Mitglied des Hauses der Abgeordneten bis zu Ende der Revolution, saß in allen wichtigen Ausschüssen und wurde zu dem ersten allgemeinen Congresse abgeordnet, der sich am 1. Sept. 1771 in Philadelphia versammelter Auf die Nachricht von den ersten Gefechten in Neuengland sammelte er Freiwillige und zwang den königlichen Gouverneur in Virginien, die aus dem öffentlichen Magazin weggenommenen Pulvervorräthe zu ersetzen. Er nahm Theil an allen Maßregeln zum Umstürze der königlichen Gewalt und wurde 1775 zum Befehlshaber aller zur Vertheidigung der Colonie Virginien ausgerüsteten Streit- .kräfte ernannt, legte indeß diese Stelle wieder nieder, in der Überzeugung, seinem Vaterlands besser im Volksrathe als im Felde dienen zu können. Bald nachher wurde er zum ersten Gouverneur des Staats Virginien erwählt und leistete durch Belebung des Volksgeistes während des Unabhängigkeitskriegs dem Lande große Dienste. Durch wiederholte Wahlen blieb er an der Spitze der vollziehenden Gewalt bis l779, wo er nach der Verfassung nicht länger ohne Unterbrechung wählbar war. Als Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung diente er darauf der großen Sache, bis er nach dem Ende des Kriegs abermals zum Gouverneur von Virginien erwählt wurde. Er legte sein Amt im Herbste 1786 nieder und wurde am Ende desselben Jahrs zum Abgeordneten in die Versammlung nach Philadelphia erwählt, welche die Verfassung der Vereinigten Staaten umzubilden berufen Eon».-Lzx. Neunte Aufl. V2. 5 6S -«nfkk -rnfett war. Sr nahm diese Wahl jedoch nicht an, weil er wegen der Lage seiner VermögenSum. stände sich genöthigt sah, seinem Sachwaltergeschäste sich ausschließlich zu widmen, das ihm in den nächsten Jahren einen einträglichen Erwerb gab. Endlich trat er wieder auf den Schauplatz des öffentlichen Lebens als Mitglied der Versammlung, die über das Schicksal der Föderalverfaffung entscheiden sollte, und obgleich er mit siegender Beredtsamkeit einige Bestimmungen des Gesetzentwurfs bekämpfte, die ihm die Volksfreiheit zu bedrohen schie. nen, so überzeugte er sich doch bald von den Vorzügen des Systems und wurde ein aufrich. tiger Föderalist. Im I. 179-1 gab er seine Sachwaltergeschäste ganz auf und wurde 179« noch einmal zum Gouverneur ernannt, lehnte aber die Wahl ab. Er starb am 6.Juni 1797, von 15 Kindern überlebt, welchen er, bei dem glücklichen Erfolge eines verständigen Ankaufs von Ländereien in seiner letzten Lebenszeit, ein großes Vermögen hinterlicß. Ein ge- borener Redner, wußte er seine großen Naturgaben mit ungemeiner Gewandtheit ;u benutzen. Als Staatsmann zeichnete er sich durch Scharfsinn und Kühnheit aus. Trotz seiner mangelhaften Kenntniß der wissenschaftlichen Grundlagen des Rechts, die das Genie nicht ersetzen kann, war er bei den Verhandlungen in den Geschworenengerichten ein trefflicher Sachwalter und ausgezeichnet als Vertkeidiger in Strafrechtsfällen. Im häuslichen und geselligen Verkehr erwarb er sich Achtung und Liebe, obgleich der strenge Ernst in seinen kräftig ausgeprägten Zügen nicht ;u freundlicher Annäherung cinzuladen schien. Vgl. Wirt, „I,iie ok?. 8." (Philadelphia >8,7). Hensel (Wilh.), preuß. Hofmaler und Professor der Historienmalerei zu Berlin, geb. am 6. Juli >79-1 in dem kurbrandenburg. Städtchen Trebbin, kam in seinem >9. Jahre in die königliche Bergbauschule in Berlin, verließ jedoch dieselbe, aufgemuntert von dem Director der Kunstakademie, Professor Fritsch, um sich der von Jugend auf ihn anziehenden Malerkunst zu widmen. Seine Studien wurden durch den Ausbruch des Befreiungskriegs unterbrochen, in welchem er als Freiwilliger und später als Offizier die Feldzüge 1813— > 5 mitmachte. Seinen zweimaligen Aufenthalt in Paris benutzte er ;u einer sorgfältigen Betrachtung der dortigen Kunstschätze, und mit erneuter Liebe zu der begonnenen Laufbahn kehrte er nach der Heimat zurück. Durch die nach seines Vaters Tode übernommene Sorge für die Familie sah er sich indeß genöthigt, fast mehr an Erwerb all an eine stufenweis fortgesetzte Ausbildung zu denken; ermatte und zeichnete Portrait?, machte kleine Zeichnungen für Almanache, lieferte für den Vorsaal des großen Saals im Schauspielhaust die Vorstellungen aus berühmten Tragikern u. s. w. Im I. 1825 ging er mit königlicher Unterstützung nach Italien, wo er bis 1828 mit der Ausführung ein« Copie der Transfiguration von Rafael und mit einem großen Bilde eigener Composition, Christus und die Samariterin, zubrachte. Bei seiner Rückkehr war er schon entschieden dem höhern historischen Stile zugewendet, welchen er seitdem mit Hülfe großer Reinheit der Formen und lebendiger Färbung in einer Reihe von Bildern handhabte. Als sein bedeutendstes Werk gilt Christus vor Pilatus, über dem Altar der berliner Garnisvnkirche. Die Charaktere sind vortrefflich bezeichnet, das Ganze ist lebhaft componirt und reich an symbolischen Beziehungen. Unter den neuern Bildern H.'s ist neben mehren trefflichen Portraits besonders sein „Herzog von Braunschweig vor der Schlacht bei Quatrebras, auf den, Balle zu Brüssel" zu erwähnen. Mit Wilh. Müller und dem Grafen Kalckreuth gab er 1816 Gedichte unter dem Titel „Bundesblüten" heraus. Henselt (Adolf), einer der ausgezeichnetsten unter den lebenden Clavicrspieler», geb.' am 12. Mai 1814 zu Schwabach, kam in seinem dritten Lebensjahre durch Übersiedelung seines Vaters, eines aus Sachsen eingewanderten Kattunfabrikanten, nach München und erhielt daselbst später in dem Hause des Geheimraths Fladt seine erste künstlerische Bildung durch die Gattin des letztern, eine Dame von gründlicher musikalischer Bildung und Schülerin des Abts Vogler. In diesen Verkältnissen blieb er bis zu seinem 17. Jahre, dann ging er, durch König Ludwig s Unterstützung in Stand gesetzt, zu weiterer Ausbildung nach Weimar zu Hummel. Indeß war theils sein Aufenthaltsort daselbst zu kurz, tkeils hatte er bereits eine zu entschiedene, von der Hummel's divergircnde Richtung genommen, als daß dessen Einfluß, wesentlich entscheidend auf ihn hätte sein können. Nach einem zweijährigen Aufenhalt in Wien, um den höhern harmonischen Studien obzuliegen, PrpSWon Hrrakttbrn 67 widmete er der Vollendung ln der Technik seines Instruments zwei Jahre eines so uner« müdeten Fleißes, daß endlich seine gefährdete Gesundheit ihm Zerstreuung gebot. Erbegab sich zuerst nach Karlsbad, dann nach Berlin, wo er bei Allen, -die ihn hörten, die lebhafteste Sensation erregte, jedoch aus Rücksicht auf seine Gesundheit nur privatim spielte. Nach einem längcrn Aufenthalte in Weimar ging er, nun auch öffentliche Concerte gebend, nach Dresden, Leipzig, Berlin, Breslau und dann nach Petersburg. Hier bereitete ihm sein in kurzer Zeit zu erstaunlicher Höhe gestiegener Ruf die glänzendste Aufnahme; auch ernannte ihn die Kaiserin zu ihrem Kammervirtuosen. Seitdem lebte er, einige Ausflüge nach Riga, Dorpat und Moskau abgerechnet, in Wien, wo er indeß in neuerer Zeit weniger Concerte gibt, als dem Unterricht und d«r Komposition sich widmet. Was sein Spiel und Compositionen charakterisirt, das ist das Vorwalten des Gesangelements und ein ihm gan; eigenthümlicher Wohllaut und sinnlicher Reiz. Eine warme, beredte Melodie in an- muthigen Formen und Umhüllungen, sowie der Klangreiz und die vollendete Schönheit des Tons geben seiner künstlerischen Gesammterscheinung das Gepräge der Liebenswürdigkeit, und wenn Lißt die Titanenkühnheit, Thalberg die zur absoluten Vollendung ausgeglättete, aber kalte Technik, so hat H. den Adel und die Wärme des Tons, und die überzeugende, lsinreißende Gewalt der reinsten Gefühlssprache für sich. Seine Compositionen bestehen in einem Concerte, einem Duo für Piano und Waldhorn, mehren Heften Etüden und Variationen, sowie aus verschiedenen einzelnen, größer» und kleinern Stücken. Hephästron, ein vornehmer Macedonier aus Pella, war der Liebling und unzertrennliche Begleiter Alexander des Großen, mit dem er erzogen worden war und starb zu Ekbatana kurz vor dessen Tode. Durch seinen Tod wurde Alexander in einen solchen Grad von Unmuth und momentaner Zerrüttung verseht, daß er allen Pferden und Mauleseln zu Ekbatana die Mähnen stutzen, die Maucrzinnen an den benachbarten Städten abtragen, den Arzt, der den H. behandelt hatte, an das Kreuz schlagen und von dem Jupiter Ammon den Orakelspruch sich ertheilen ließ, seinem Liebling als einem Heros oder Halbgott Opfer darzubringen.— Ein anderer Hephästion aus Alexandria, ein griech. Grammatiker, lebte um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. unter Hadrian und Antoninus Pius und schrieb ein Handbuch („Lnobii-nlinn") der Metrik, welches wegen des historischen und technischen Theils dieser Wissenschaft nicht ohneWichtigkeit ist und zuerst zu Florenz bei Giunta (1526), zuletzt von Gaisford (Oxf. > 810 ; wiederholter Abdruck, Lpz. 1832) herausgegeben wurde. Hephästos, s. Vulean. Heptächord heißt in der Tonkunst die Septime, d. h. der siebente Ton von den her- aufsteigenden Tonen einer Octave; dann die Folge der diatonischen Töne und endlich eine mit sieben Saiten bezogene Lyra. Heptagonalzahlen, s. Figurine Zahlen. Heraklea, d. i. Herakles- oder Herculesstadt, ist der Name mehrer Städte des Alkerthums. Politisch am wichtigsten war darunter H. in Bithynien, am Schwarzen Meer, daher auch kontier» genannt, dessen Trümmer sich bei dem heutigen Dorfe Erekli finden. Sie wurde von Megarern, nach Andern von Milesiern gegründet, behauptete längere Zeit eine aristokratische Verfassung, kam seit 364 v. Chr. unter die Gewalt cinzel- ner Tyrannen, namentlich des Klearchos und dessen Nachkommen, ging dann auf die syrischen Herrscher über und wurde zuletzt mit ganz Bithynien der Herrschaft Roms einverleibt. Vgl. Polsbcrw, „De rekus Heraclsae" (Brandend. 1833). Außerdem waren nicht unbedeutend H. in Lucanien in Unteritalien, eine Colonie der Tarentiner, bekannt als Geburtsort des Zeuxis und durch den Sieg des Königs Pyrrhus über die Römer im I. 280 v. Chr.: ferner H. in Phthiotis in Thessalien, in der Nähe der Thermopylen, eine Colonie der Spartaner, und H. in der macedon. Landschaft Päonia, mit dem Beinamen 8inties, das jetzige Melenik, am westlichen Ufer des Strymon. Herakliden heißen die Söhne und spätem Nachkommen des Herakles oderHer- cules (s. d.), theils im weitern Sinne, theils aber und besonders diejenigen Abkömmlinge desselben, welche mit Hülfe der Dorier das von ihrem Ahnherrn ererbte Recht auf den Peloponnes geltend machten und durch ihre Züge den Übergang von der mythischen zur eigent- 68 Heraklides Heraklir üchen Geschichte bildeten. Nachdem sie ihre Ansprüche zu verschiedenen Malen jedoch verge. bens erhoben hatten, drangen sie endlich 80 Jahre nach Trojas Zerstörung im Peloponnes ein und faßten daselbst festen Fuß. Allein auch bei diesem letzten Zuge hatten sie mehrfaches Unglück, und erst auf den Rath des delphischen Orakels, sich einen dreiäugigen Fcldherrn zu wählen, erreichten sie ihren Zweck. Diesen fand man in dem Oxylos, Andrämon's Sohn, welcher zu dieser Zeit auf einem einäugigen Maulthier sitzend eines Mordes wegen aus Ätolien nach Elis floh. Unter Anführung desselben ging nun der Zug von Naupak- tos nach dem molykrischen Vorgebirge und von da über die nur fünf Stadien breite Meer- enge nach Nhion im Peloponnes, während bei den früher« Zügen der Weg über den Isthmus genommen worden war. Sie eroberten fast die ganze Halbinsel und vertheilten das Land unter ihre Anführer. Temenos erhielt Argos, die Zwillingssöhne des Aristodemos, Prokles und Eurysthenes, Lacedämon, Kresphontes nach seinem eigenen Wunsche und durch List Meffenc. Dieses ist die gewöhnliche Erzählung von der Rückkehr der Herakliden. Dü Sagen von den Zügen derselben werden von den Mythographen in ziemlicher Unordnung und mit mannichfachen Widersprüchen erzählt, zumal in Bezug auf die Zeitrechnung. Als sicheres Ergebniß für die Geschichte stellt sich nur Das heraus, daß besonders nach Trojas Fall Völkerwanderungen in Griechenland die Verhältnisse ganz umgestaltcten und daß eine Wanderung des dorischen Stamms von ihrem letzten Wohnsitz im eigentlichen Griechenland nach Süden stattfand, wodurch er sich in den Besitz des Peloponnes setzte. Was das Werk des ganzen Stamms war, hat die Sage einem Heroengeschlecht zugetheilt, um diese Eroberung durch Geltendmachung alter Erbrechte gewissermaßen zu rechtfertigen. Heraklides, ein griech. Philosoph und Geschichtschreiber, aus Hcraklea in Pontus, daher Ponticus, spottweise aber von den Alten Pompicus, d- i. der Prunkhafte, genannt, lebte um 328 v. Ehr., hörte den Platon, Speusippus und Aristoteles und schrieb, freilich ohne selbständiges Urtheil, mehre historische Werke, deren Bruchstücke von Köler (Hallt 180-1), von Korais im „krockromns Kibliotlrecae grave." (Par. 1805) und zuletzt von Miller in den „Listoricorum grave- lragmenta" (Par. 1831) herausgegeben worden sind. Auch hielt man ihn früher für den Verfasser zweier Schriften, die von Andern mit Recht einem gewissen Heraklitos zugeschrieben werden, nämlich der „^Ilegori-iv llome- ricse", herausgeg. von Schow (Eött. 1782) und „I)e increüikilibns", kritisch berichtigt in Westermann'S „N^tliogrsplii" (Braunschw- 1833). — Heraklides war ferner da Name mehrer griech. Ärzte. H. von Kos, aus demGeschlechte der Asklcpiaden (s.d.), ist besonders berühmt als Vater des Hippokrates (s. d.) und gab seinem Sohne bin ersten Unterricht in der Heilkunde. — H. von Tarent, lebte um 230 v. Ehr-und ward» ausgezeichnetste Arzt der empirischen Schule (s. Empirismus), indem er sich vorzüglich um die Arzneimittellehre durch Verbannung einer Menge unnützer Mittel, Prüfung da Heilkräfte der beizubehaltenden und durch eine bedeutende Anzahl zweckmäßiger Vorschriften verdient machte. Er war auch der Erste, der sich der sogenannten kosmetischen Mittel (s. Kosmetik) bediente. Ebenso wurden die Chirurgie und Augenheilkunde durchib» gefördert. — H. von Erythräa lebte zu Anfänge des 2. Jahrh. v. Chr-, war ein Nachfolger des Herophilus (s.d.), bearbeitete die Werke des Hippokrates und wird wegen seiner Pulslehrc von den Alten gerühmt. Heräklit, ein griech. Philosoph, aus Ephesus in Kleinasien gebürtig, lebte um 5b" v. Chr. Sein von Natur ernstes und melancholisches Gemüth, das sich auch in seiner Philosophie ausvrückte, weshalb ihn die spätere Sage als weinenden Philosophen dem lachenden Demokrit (s. d.) entgegenstellt, ließ ihn bald den Umgang der Menschen fliehen. Er zog sich von den öffentlichen Angelegenheiten seiner Vaterstadt zurück und widmete sich in der Einsamkeit der philosophischen Betrachtung der Dinge. Das Resultat seiner Forschungen war sein Werk über die Natur der Dinge, welches den Titel „iVlusav" gehabt haben soll. Aus den Bruchstücken desselben, welche Schleiermacher in dem „Museum du Alterthumswissenschäften" (Bd. 3, Berl. 1805) zusammengestellt hat, geht hervor, das er das Feuer zum Grundwescn erhob, woraus alle übrige Wesen entstanden seien. Er betrachtete dasselbe als das thätige, sich immer umwandelnde Element aller Dinge. Auf seine Meinungen über specielle Naturerscheinungen u. s. w- ist der neuern Naturwiffe»' Heraldik Herat 69 schaft gegenüber kein besonderer Werth zu legen; dennoch hat H. für die Geschichte der Philosophie eine große Bedeutung, weil er im direkten Gegensatz zu der Lehre der Elea- tischen Sch ule (s.d.) dem Begriff des Seins jede wissenschaftliche Geltung absprach und an dessen Stelle den eines ewigen, grund - und zwecklosen Werdens setzte. H. wurde dadurch der Urheber einer speculativen Grundansicht, die sich bis auf die neuesten Zeiten in mannichfaltig wechselnden Gestalten immer wieder geltend zu machen versucht hat. Heraldik ist diejenige Wissenschaft, welche sich mit dem Wappenwesen in seinem Umfange beschäftigt, die Wissenschaft der Herolde. Sie bildete sich.im Mittelalter zugleich mit dem Heroldswesen aus (s. Herold); auf die Gegenwart wurde nur ein Theil derselben, die Wappe nkun d e (s. d.) übertragen, alles Übrige hat nur noch historisches Interesse. Herat, ein afghanisches Königreich, am nordöstlichen Abhänge des Tafellandes von Iran auf einem fruchtbaren Isthmus zwischen den Felsenöden der Hazarehs (dem Paro- pamisus der Alten) im Osten, der großen Salzwüste des innern Iran im Süden, der pers. Provinz Khorasan im Weste» und den Steppen der Turkomanen im Norden gelegen, besteht aus dem südöstlichen Theile des alten Khorasan (s. d.) im weitern Sinne und theilt ganz die natürliche Beschaffenheit dieses Theils des Tafellandes von Iran. Man schätzt seine Größe auf 3200 mM. und die Zahl der Bewohner auf I'/, Mill. Beiweitem die Mehrzahl derselben besteht aus unterworfenen Ladschiks, Md nur dies Minderzahl aus Afghanen, den gegenwärtigen Herren des Landes, fernc^aus Turkomanen und Juden. Die Haupt- und einzige wichtige Stadt des Landes ist das schlecht befestigte Herat, in einer fruchtbaren Thalebene, mit einer Bevölkerung, die, wol übertrieben, auf I 00000 angegeben wird. Durch ihre Lage, als Schlüssel zu der einzigen Straße, welche aus Persien durch Afghanistan nach Indien führt, in commercieller wie in strategischer Hinsicht von großer Wichtigkeit, ist sie der Mittelpunkt des Karavanenhandels und der Stapelplatz zwischen Indien, Afghanistan und Westasien, weshalb sie von jeher allen Eroberern, die von Westasien aus nach Indien wollten, ein unentbehrlicher Stützpunkt war. Sie enthält einige merkwürdige Moscheen und nicht unwichtige Fabriken in Wolle, Seide, Baumwolle, Leder und Waffen; besonders berühmt sind die hier verfertigten Säbel von Khorasan. H. wurde bei der Eroberung Persiens durch die Khalifcn in der Mitte des 7. Jahrh. mit ganz Khorasan, zu dem es gehörte, unterworfen und theilte dessen Schicksale bis zum Emporkommen der Sultane von Gur in der Mitte des 12. Jahrh., die hier ihren Hauptsitz nahmen; doch schon am Ende dieses Jahrh. fiel es in die Hände der khowares- mischen Schahs und 1220 in die des Dsthingis-Khan, der furchtbar hier hauste und die Stadt zerstörte. Gegen die Mitte des >3. Jahrh. kam es unter die Dynastie der Moluk- Kurts, wurde gegen Ende des Jahrh. nochmals von den Mongolen zerstört und mußte sich mit Khorasan 1331 Timur unterwerfen. Einer von dessen Nachfolgern machte es zum Sitz seiner Dynastie, die viel für die Hebung der Stadt und des Landes that. Namentlich machte der Sultan Hussein gegen Ende des 15. Jahrh. H. zu einem Sitze der Wissenschaften. Im Anfänge des >0. Jahrh. wurde H. von den Turkomanen erobert; doch schon 15 l o kam cs durch Jsmael Sophi an Persien und in der Mitte des 13. Jahrh. wurde es von den Afghanen unterworfen. Nach den mancherlei Wechselfällen, welche die afghanische Dynastie der Duranis betrafen (s. Afgh an ist an), wurde es des letzten Durani, Kamran-Schahs, Sitz. Unter ihm erhielt H. durch die im Norden Indiens zusammentref- enden Bestrebungen der Russen und Engländer eine besondere Wichtigkeit. Die Russen suchten nämlich durch ihre Verbindungen mit dem Barukschifürsten Dost-Mohammed von Kabul, den diesem feindlichen Kamran-Schah, welcher der unmittelbaren Verbindung des ganz von Rußland abhängigen Persiens mit Afghanistan vermöge der Lage H.s das einzige Hinderniß in den Weg legte, zu stürzen. Deshalb reizten sie Persien zum Kriege gegen H. an. Schon 1833 unternahm Abbas Mirza (s. d.) einen Zug gegen dasselbe und versuchte die Stadt einzunehmen; doch gelang es ihm trotz der russ. Unterstützung, die ihm zu diesem Behuse wurde, nicht, da Kamran ebenso in seiner Vertheidigung von den Engländern unterstützt wurde. Inzwischen wurde Schah Schudjchah in Kabul wieder eingesetzt und Kamran mußte sich auf Andringen der Engländer dazu bequemen, ihn anzuerkennen und sich in einem Vertrage verpflichten, in keine Verbindung mit den westlich von Afgha- 70 Hirault He'rault de S^chelleS nistan gelegenen Staaten zu treten. Um dieselbe Zeit, im I. 1838, als der Lieutenant Pöttinger Kaiman zu diesem Vertrage bewog, wurde H. zum zweiten Mal von Persien, und zwar mit größerer HeereSmacht als früher, angegriffen. Allein mit engl. Hülse und unter Leitung des Majors Todb und Pöttinger vertheidigte es sich glücklich, bis nach einer langen vergeblichen Belagerung die Perser sich genöthigt sahen, den Rückzug anzutreten. Allein was Persien und mittelbar Rußland nicht durch Gewalt erlangen konnten, scheinen sie in Folge des Todes des Kamran Schah, im Mai 1843, erreichen zu sollen. Nach seinem Tode bemächtigte sich der allmächtige Vezier, Jar Mohammed, des Reichs, machte sich zum Schah desselben und vertrieb Kamran's Söhne. Seine Herrschaft gegen etwaige Angriffe von Kamran's Sühnen zu sichern, hat er sich dem Schah von Persien unterworfen und mit Akhbar Khan und dessen Vater Dost-Mohammed in Kabul sich in ein freundliches Verhältniß gesetzt. Herault, ein nach einem Küstenflusse dieses Namens benanntes Departement in der ehemaligen Landschaft Languedoc des südwestlichen Frankreichs, grenzt im Norden an die Departements Aveyron und Gard, im Osten an Gard, im Süden an das Mittelländische Meer und im Osten an Aude und Tarn und zählt auf 147 OM. 360000 größtenteils katholische E. Der Boden ist durch Zweige der Lozere und Cevennen gebirgig und dürftig, gegen den MeereWrand hin aber morastig; nur kleine Flüsse durchziehen das Land und die einzige Wassettvmmunication im Innern wird durch den Kanal von Languedoc vermittelt. Das Klima ist mild und erzeugt, wo es der Boden gestattet, Südfrüchte, wie Kastanien, Orangen, Oliven, Granaten, in vorzüglicher Menge und Güte aber Wein, wie z. B. Lunel, Frontignan und andere geschätzte Ligueurweine. Außer dem Anbau dieser Producte beschäftigen sich die Bewohner, welche die Sprache von Oc reden, mit Mauleselzucht und Fischerei; ganz besonders aber zeichnen sie sich aus durch ihre Seiden-, Tuch-, Parfümerie- und andere Fabrikate. Das Departement zerfällt in die Bezirke Montpellier, Be'ziers, Lodeve und Saint-Pons und hat zur Hauptstadt Montpellier (s. d.). Herault de Sechelles (Jean Marie), Mitglied des franz. Nationalconvents, geh. 1760 zu Paris, stammte aus einer alten Adelsfamilic. Er hatte seinen Vater, welcher Oberst eines Regiments war, noch vor seiner Geburt in der Schlacht bei Minden verloren und war zeitig an den Hof gekommen, wo ihn auf Verwenden der Herzogin von Polignac die Königin protegirte. Kaum 21 Jahre alt, erhielt er die Stelle eines königlichen Anwalts beim Gerichtshöfe Chatelet. Hier erwarb er sich als glücklicher Vertheidiger und Redner, wie überhaupt durch die Anmuth seines Wesens, sehr bald einen Namen, und schon 1786 wurde er durch seine hohe Gönncrin zum königlichen Generalanwalt beim Parlament zu Paris befördert, in welcher Stellung er im Beginn der Revolution noch war. Überhaupt von Reformgedanken beseelt und im Streite mit seinen College«, gab sich H mit vollem Herzen der Revolution hin. Als am 13. Juli 1789 inmitten der Unruhen sich die Nativnalgarde bildete, trat er sogleich in ihre Reihen und zeigte am folgenden Tage bei der Erstürmung der Bastille außerordentliche Kaltblütigkeit. Bei der Reorganisation deS Gerichtswesens erhielt er die Stelle eines königlichen CommissarS am Cassationshofe. Hierauf wählte ihn die Stadt Paris in die Gesetzgebende Versammlung. Anfangs ließ er über sein politisches Verhalten in Zweifel; nach einigen Monaten aber unterstützte er die Maßregeln der Girondisten. Nach den Ereignissen am 10. Aug. 1792, an denen er viel Antheil nahm, maß er die Vorfälle einer royalistischen Verschwörung zu und unterstützte die Gründung des außerordentlichen Gerichtshofs, welcher der Errichtung des Revolutions- tribunals voranging. Von dem Departement der Loire in den Convent gesandt, hielt er sich in der ersten Zeit zu den Gemäßigten. Während des Proceffes des Königs befand er sich im Departement Mont-Blanc auf einer Sendung. Auf den Rath seines Collegen Gre'goire sendete er zwar seine Zustimmung zur Verurteilung des Königs ein, schwieg jedock über die Art der Bestrafung. Nach seiner Rückkehr schloß er sich mehr der Bergpartei an, unterstützte dieselbe im Kampfe gegen die Gironde und betrieb am 31. Mai die Aufhebung der zur Bestrafung der Aufwiegler n.-edergesetzten Unkersuckungscommission. Wie mehrmals in verhängnißvollen Augenblicken, war H. am 2. Juni, als Henriot (s.d.) den Convent belagert hielt, Präsident der Versammlung und bewies sick in dieser furchtbaren Herbarium Herbart ?! Lage mit der größten Festigkeit und Entschlossenheit. Nach jener Katastrophe wurde er in den Wohlfahrtsausschuß gewählt, wo er Grundsätze und eine Sprache entwickelte, über die er sich oft selbst entsetzte und die seiner wahren Gesinnung, der Bildung und dem Adel seines Charakters fremd waren. Die schreckliche Politik des Ausschusses befolgte er auch auf einer Sendung, welche er im Herbste >703 in die Departements am Oberrhein antrak. Bei seiner Rückkehr suchte er jedoch mit seinen Freunden Danton, Desmoulins, Proly u. A. einen mildern Weg einzuschlagen und wurde deshalb von den Ultrarevolutionairen den sogenannten Gemäßigten beigezählt. H. hatte einem voin RevolutionsauSschusse Verfolgten durchgeholfen, welchen Umstand dieser sogleich benutzte, den bei den Parteien angesehenen und einflußreichen Mann in der Mitte des März >701 verhaften zu lassen. Der Sturz seiner Freunde am 31. März zog auch ihn vollends in das Verderben. Mit Danton, Desmoulins, Philippeaux und Lacroir zugleich wurde gegen ihn am 2. Apr. der Proceß vor dem Revolutionstribunale eingclcitct. Man beschuldigte ihn des Einverständnisses mit.Proly, Dubuisson, dem Herzoge von Orleans, überhaupt der Verschwörung gegen die Republik. Ungeachtet seiner geschickten Vertheidigung wurde er mit den Übrigen zum Tode verur- lheilt und am 5. Apr. hingcrichtet. Bis auf den letzten Augenblick behielt er die ihm eigene Ruhe und Liebenswürdigkeit. Unter seinen jetzt bedeutungslosen Schriften ist zu erwähnen die ,,'I'tlöorie 6e l'nunditinii", eine geistreiche, auf materialistische Principien gegründete Abhandlung, die erst 1802 von Salgues herausgegeben wurde. Herbarmm (kerdariinii ^ivinn) nennt man eine Sammlung getrockneter Pflanzen. Die Pflanzen für das Herbarium sind wo möglich in trockener Tageszeit zu sammeln; feuchte Pflanzen, die am zweckmäßigsten in einer Blechkapsel gesammelt werden, muß man daheim, in Gefäße mit frischem Wasser gestellt, abtrocknen lassen. Pflanzen mit saftigen Stengeln und Blättern muß man zuvor einige Sekunden lang in kochendes Wasser stecken. Wenn sie trocken sind, legt man die Pflanzen, jedoch nicht ängstlich auSgebrcitck oder wol gar in ihren Thcilcn verzerrt, zwischen Lagen von Löschpapier, die in angemessenen Entfernungen durch dünne Breter von gleichem Formate geschieden werden müssen, damit die aus den Pflan;en ins Papier netzende Feuchtigkeit nicht zu andern saftlosern oder bereits trockener« Gewächsen dringen kann. Die in solcher Weise entstehenden Convolute bringt man sodann in eine Presse oder beschwert sie ; doch darf der Druck nicht zu stark sein, weil sonst die Pflanzentheilc durchscheinend werden und ihre natürliche Gestalt ver- lieren. Einige Zeit hindurch wechselt man täglich oder einen Tag um den andern die feucht gewordenen Papierlagen mit trockenen und erwärmten, da die Pflanzen ein schöneres Ansehen erhalten, wenn sie schnell trocknen. Sind die Pflanzen völlig trocken, so ordnet man sie, legt sie in Bogen Schreibpapier und schreibt die systematischen Namen nebst Zeit und Fundort dabei. Wenn man eine solche Sammlung vor Motten und Käfern durch öfteres Durchsetzen gehörig bewahrt, so hält sie sich mehre Menschenalter hindurch; ja man hak Pflanzensammlungen, die zwei Jahrhunderte alt und noch zu gebrauchen sind. Der Nutzen der Herbarien für das Studium der Botanik leuchtet von selbst ein; denn weder Abbildungen noch Beschreibungen der Pflanzen können die eigene Beobachtung ersetzen, welche an grünen Pflanzen nicht immer geübt werden kann, da sie theils in entfernten Ländern wachsen, zu Zeiten auch nicht zur Hand sind. Die mechanische Beschäftigung mit dem Herbarium befördert zugleich das Merken der Namen und der systematischen Stellung der Pflanzen. Herbart (Joh. Friedr.), einer der originellsten Denker der neuern Zeit, wurde am -t. Mai >778 zu Oldenburg geboren, wo sein Vater Justizrath war. DerReligionsunter- richt eines mit der damaligen Zeitphilosophie bekannten Lehrers veranlaßtc schon den zwölfjährigen Knaben, sich über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit einem Nachdenken hinzugeben, welchem bald darauf durch Bekanntschaft mit Wolfs und Kant's Lehren neue Nahrung geboten wurde. Nachdem er auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt seine Vorbildung vollendet hatte, bezog er in seinem >^. Jahre die Universität Jena. Sein Vater hatte ihn zum Juristen bestimmt; nur mit Mühe hatte er die Erlaubniß sich ausgewirkt, sich vorerst seinem tiefen philosophischen Bedürfnisse hinzugeben. Er kam bald in einen nähern persönlichen Verkehr mit Fichte, dessen Wissenschastslchre ihk aber nach kmzer Zeit zum Widerlvrucke anregte. Diese Unabhängigkeit der eigenen Prüfung zeigte sieh 72 Herbart schon kn einer schriftlichen Kritik der beiden ersten Schriften Schelling's „Über die Möglich, keit einer Form der Philosophie" und „Vom Ich", die er auch Fichte vorlegte. Um Muße für seine eigene jweilere Ausbildung zu gewinnen, nahm er im I. > 797 die Stelle eines Hauslehrers in Bern an und setzte während seines fast vierjährigen Aufenthalts daselbst seine eigenen Untersuchungen mit der ganzen ihm eigenthümlichen Energie fort, so weit ihm dies seine Verpflichtungen als Erzieher nur immer erlaubten. In diese Zeit fällt seine vollkommene Emancipation von der immer weiter sich verbreitenden Richtung der Zeitphilosophie; er sah die Nothwcndigkeit ein, auf dir ursprünglichen Probleme der Philosophie zurückzugehen; er studirte deshalb eifrig die Philosophie der Alten, namentlich die Periode vor Sokrates und Platon, ebenso aber auch Mathematik und Naturwissenschaften, und wurde schon damals auf die ersten Anfänge seiner mathematischen Psychologie geführt. Ebenso entwickelte sich dort sein tiefes, aus seiner sittlichen Lebensansicht beruhendes Interesse an derErziehung. Familienverhältnisse.riefen ihn im I. 1800 nach Deutsch- land zurück, und nachdem er einige Zeit in Bremen gelebt, habilitirte er sich im Oct. i 802 in Göttingen. Hier veröffentlichte er bis zum I. 1809, wo er einem Rufe als ordentlicher Professor der Philosophie und Pädagogik nach Königsberg folgte, die ersten Früchte seines Nachdenkens, welche durchaus den reifen, in sich selbst abgeschlossenen Geist ihres Nr- Hebers erkennen lassen. Dahin gehören „Pestalozzi's Idee eines ABC der Anschauung wissenschaftlich ausgeführt" (Gött. 1802; 2. Ausl., 1803); „I)e Ulalnnici s^stematis fuu- »lainento" (Gött. 1805); „Allgemeine Pädagogik" (Gött. >800); „über philosophisches Studium" (Gött. 1807); „Hauptpunkte der Metaphysik" (Gött. 1808) und „Allgemeine praktische Philosophie" (Gött. 1808). In Königsberg war seine Kraft zwischen der Fortsetzung seiner eigenen Untersuchungen, seinem akademischen Lehramte und seiner praktischen pädagogischen Thätigkeit getheilt, welche letztere ihm namentlich als Director eines auf seine Veranlassung gestifteten, seit dem I. 1812 in seinem eigenen Hause befindlichen pädagogischen Seminars oblag. Außer einer bedeutenden Anzahl kleinerer Reden und Abhandlungen, die er selbst nur zum Theil drucken ließ, sind unter seinen größern Schriften zu nennen das „Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie" (Königsb. 1813; 3. Auch, 1837); „Zehrbuch zur Psychologie" (Königsb. 1810; 3. Ausl., 1833); die beiden großen Hauptwerke „Psychologie, als Wissenschaft neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik" (2 Bde., Königsb. > 823—25) und „Allgemeine Metaphysik nebst den Anfängen der philosophischen Naturlehre" (2 Bde., Königsb. >828 — 29); endlich die „En- cyklopädie der Philosophie aus praktischen Gesichtspunkten" (Halle 1831; 2. Ausl., 1831). Unter den vielen kleinern theils polemischen, thcils erläuternden, theils auf spe- cielle Fragen sich beziehenden Arbeiten sind vorzugsweise wichtig „Psychologische Bemerkungen zur Tonlchre" (1811); „Psychologische Untersuchungen über die Stärke einer Vorstellung als Function ihrer Dauer" (1812); ,,'LIieorise theile vollständig zu bestimmen, und die daraus in geschlossener Reihe hervorgehenden fünf praktischen Ideen, der inner» Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens, des .Rechts und der Billigkeit bilden die Grundlage seiner praktischen Philosophie. Für die Ästhetik im enger» Sinne hat er selbst eigentlich nur die Aufgabe ausgesprochen und für deren Lösung namentlich ausdas Beispiel der musikalischen Harmonielehre hingewiesen. (S- Ästhetik.) Sowie ferner die Ästhetik sich in die verschiedenen Knnstlehren ausbreiten würde, so findet die ethische Jdeenlehre die wichtigsten Gebiete ihrer Anwendung in der Pädagogik und der Politik. Vgl. Strümpell, „Die Pädagogik der Philosophen Kant, Fichte, Hcr- bart" (Braunschw. i 8tI). Für die Lehre vom Staate namentlich fodert H. zwei wesentlich verschiedene Untersuchungen; die eine, welche ihn rein theoretisch, gleichsam als Naturgewächs betrachtet, eine Physiologie des Staatslebens, die fast von selbst in eine Philosophie der Geschichte übergehen würde; und die andere, die die Idee des Staats, als eines nach sämmtlichen ethischen Ideen gleichmäßig zu bestimmenden gesellschaftlichen Gemeinwesens auszuführen hat. Nach den Resultaten dieser beiden Untersuchungen würde sich die Praxis des Staatsleben« zu richten haben, die ohne den Hinblick auf ein ethischer Vorbild alles ethischen GehaltS baar und ledig, und ohne Kenntniß und Berücksichtigung der Bedingungen dessen, was geschehen kann, bei dem besten Willen Misgriffen aller Art ausgesetzt sein würde. Deshalb ist H. gleichweit entfernt von der übereilten Änwendung allgemeiner Grundsätze auf concrcte Verhältnisse des Staatslebens, als von der indolenten Anhänglichkeit an das Bestehende, welches deshalb, weil es überhaupt historisch entstanden ist und besteht, auch ein Recht zu haben glaubt, unangetastet fortzubestehen. Was endlich die religiösen Fragen betrifft, so erkennt H. gerade da eine Grenze des menschlichen Wissens an, wo für viele andere Systeme erst die Speculation beginnt. Er leistet auf ein strenges speculativeS Wissen über Gott und göttliche Dinge deshalb Verzicht, weil zu dem Versuche, ein solches Wissen zu erreichen, hinreichende Data der allgemeinen menschlichen Erfahrung fehlen. Der natürliche Änknüpfungspunkt des religiösen Glaubens ist ihm die teleologische Naturauffassung; er will dem von Kant widerrechtlich beschränkten Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur, als des Werks einer ordnenden Intelligenz, wieder Geltung verschaffen, während er für die nähere Bestimmung des Begriffs von Gott auf die ethischen Ideen hinweist. Gleichwvl ist ihm in neuerer Zeit wsl auch der Vorwurf des Atheismus gemacht worden. Die wissenschaftliche Bedeutung der H.'schen Philosophie hat, nachdem H. lange Zeit mit den seltsamsten, jetzt schon zum größten Theil einer verdienten Vergessenheit anheimgefallenen Misverständnissen zu kämpfen gehabt hatte, ihr selbst bei ihren Gegnern Achtung verschafft und eine im Wachsen begriffene Schule scheint ihr diese auch für die Zukunft sichern zu wollen. Schon jetzt ist H. vielfach benutzt worden, ohne daß man dies immer mit der gebührenden Redlichkeit gestanden hat. Außer einer Anzahl kleinerer Schriften, die sich theils auf die Ordnung des Systems im Allgemeinen oder speciellere Punkte beziehen, wie z.B. H. E. Röer, „Uber H.'s Methode der Beziehungen" (Braunschw. 1833), M. W. Drobisch, „Beiträge zur Orienti- rung über H.'S System der Philosophie" (Lp;. 1833), Strümpell, „Erläuterungen zu H.'s Philosophie" (Gott. 1833) und G. Hartenstein, „Über die neuesten Darstellungen und Beurtheilungen der H.'schen Philosophie" (Lvz. > 8Z8), haben die Anhänger H.'S die Herbelot Herbert of SHerbnrv 75 Haupktheile des Systems beinahe vollständig zum Gegenstände erläuternder und weiter entwickelnder Darstellungen gemacht. So Drobisch die Logik und Psychologie („Neue Darstellung der Logik", Lpz. >836; „Empirische Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode", Lpz. 1842; nnttbeumtico-pszccbolngici»«", Lpz. 1831); Hartenstein die Metaphysik („Die Probleme und Grundlehren der allgemeinen Methaphysik", Lpz. 1836; vgl. Strümpell, „Die Hauptpunkte derH.'schen Metaphysik kritisch beleuchtet", Braunschw. >849); Drobisch und G. F. Taute die „Neligionsphilosophie" (Lpz- I8W und Elbing >849); Hartenstein („Die Grundbegriffe der ethischen Wissenschaften", Lvz. 1841) und Strümpell („Vorschule der Ethik", Riga und Lpz. > 814) die Ethik; anderer kleiner polemischer und kritischer Arbeiten nicht zu gedenken. Herbölot (Barthe'lcmy d'), franz. Orientalist, geb. zu Paris am 1. Dec. I62'>, zeigte von frübcster Jugend an Eifer und Talent für das Studium der morgenländ. Sprachen und hielt sich nach beendeten akademischen Studien längere Zeit in Italien, besonders in Rom und Florenz auf. Durch eine Pension unterstützt und nachher auch zum königlichen Dolmetscher für die oriental. Sprachen ernannt, ging er >666 abermals nach Italien, wo ihm der damalige Großherzog von Toscana, Ferdinand »., besondere Aufmerksamkeit bewies und es sehr ungern sah, als H. einer Einladung des Ministers Colbcrt nach Paris folgte, wo er als Professor der syr. Sprache am College de France am 8. Dec. >695 starb. H. hat nebst Galland das Studium der oriental. Sprachen ungemein gefördert. Seine „ttiblintbetjue orientale", die von Galland herausgcgeben (Par. >697, Fol.; 1 Bde., Haag > 777— 82, 4.) und von I. S. F. Schul; (4 Bde., Halle 1785—91) ins Deutsche übersetzt wurde, ist eine reichhaltige Fundgrube für Diejenigen, welchen es um Kenntniß des Lebens und der Wissenschaften im Oriente zu thun ist. Sie besteht zum großen Theil in Übersetzungen aus des Arabers Hadschi Khalfa's „Aufgedeckter Bücher- und Wissenschaftkunde" und wurde von Hammer in seiner „Encyklopädischen Übersicht der Wissenschaften des Orients" (2 Bde., Lpz. > 897) wissenschaftlich verarbeitet. Herberstein (Sigism., Freiherr von), ein ausgezeichneter Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. I486 zu Wippach in Krain, studirte die Rechte, wählte aber nachher den Militairstand und focht mit Auszeichnung in dem Kriege gegen die Türken. Der Kaiser ernannte ihn zum Befehlshaber der Reiterei von Krain, ertheilte ihm die Würde eines Hofraths und gebrauchte ihn sodann zu mehren wichtigen Sendungen, namentlich auch 1526 nach Rußland. Später wurde er Geh. Rath und Präsident des Finanzcollegiums, zog sich aber 1 556 von den Geschäften zurück und starb am 28. Mär; > 566. Seine „ko- r»m Kloscoviticnrnin commentarii" (lat. Wien I 519 ; deutsch I 557) sind das beste Werk über Rußland in der älter» Zeit und lassen inH. einen geistreichen Beobachter nicht verkennen. Seine bis >545 reichende Autobiographie, zuerst 1 895 zu Ofen in der Sammlung von Kova- ckich gedruckt, benutzte besonders Adelung in der „LebensbeschreibungH.'s" (Petersb. >818). Herbert of Cherbury (Eduard Herbert, Lord), geb. >581 auf dem Schlosse Montgomery in Wales, kam >699 nach Vollendung seiner Studien in Oxford nach London und besuchte hierauf das Festland. Im I. > 699 ging er mit den engl. Hülfstruppen nach den Niederlanden, wo er eine an Verwegenheit grenzende Tapferkeit zeigte. In sein Vaterland zurückgekehrt, glänzte er durch seine Ritterlichkeit am Hofe, die ihn aber auch in üble Händel verwickelte. Im I. >616 wurde er als Gesandter nach Frankreich geschickt, wo er einige stolzeWorte des Connetable de Luynes so kräftig erwiderte, daß der franz. Hof eine Beschwerde gegen ihn erhob, die seine Zurückberufung zur Folge hatte; doch wußte er sich bei Jakob l. so gut zu rechtfertigen, daß er nach des Connetable« Tode noch einmal nach Paris gesendet wurde. Hier gab er >624 sein Buch „De veritste prout clistinguitur u revelatione" heraus, welches die Hinlänglichkeit, Allgemeinheit und Vollkommenheit der natürlichen Religion darzuthun und zu beweisen sucht, daß die Offenbarung unnütz sei. Wegen dieses Buchs ist er bisweilen als der Vorläufer der engl. Deisten (s. d.) und der deutschen Rationalisten bezeichnet worden. Unschlüssig über die Bekanntmachung der Handschrift, ließ er sich, wie er selbst erzählt, durch ein Zeichen vom Himmel dazu bestimmen, was um so merkwürdiger ist, da er seinen Hauptgrund gegen die Offenbarung auf die Unwahrscheinlichkeit stützt, daß Gott seinen Willen einem einzelnen Theile der Menschheit be- 76 Herbst Herculanum könnt machen werde. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich lebte er seit 1625 zurückgezogen von öffentlichen Angelegenheiten. Bei dem Ausbruche der Unruhen unter Karl I. stand er anfangs auf der Seite des Parlaments, verließ alwr später diese Partei und büßte dadurch viel von seinem Vermögen ein. Er starb 1648. Außer dem genannten Werke gab er heraus „De religione FSiitilium errnrumqu« gpiiü eos cuusi»"; „Ne religione I-nci" und „De expeüitione in Ream insiilam"; nach seinem Tode erschien seine „Nike anä reign ul Nenrx VIII", mehr eine Lobrede als wahrhafte Biographie. Seine Gedichte, die sein Sohn 1660 herausgab, enthalten manches Gelungene; seine „Nomoirs" ließ Lord Oxford 1764 in seiner Privatdruckerei auf seinem Schlosse Strawberry Hill drucken. — Ein anderer isi GeorgesH., geb. l 597, gest. 1635, der sich durch gute Dichtungen bekannt gemacht hat Herbst heißt diejenige Jahreszeit, welche in der nördlich gemäßigten Zone am 23 Sept. ihren Anfang nimmt, wenn die Sonne bei ihrem scheinbaren Niedersteigen nach der südlichen Halbkugel durch den Äquator geht. Das Ende des Herbstes fällt auf den Zeitpunkt, an welchem die Sonne ihre kleinste Mittagshöhe zeigt oder wenn sie sich vom Äquator am weitesten nach Süden entfernt und auf der südlichen Halbkugel den Wendekreis des Steinbocks erreicht hat, d. i. am 21. Dec. Die Bewohner der südlich gemäßigten Zone haben den Herbst zur entgegengesetzten Zeit, wenn bei uns Frühling ist. Verschieden von diesem astronomischen Herbst ist der physische Herbst oder die herbstliche Witterung, die gewöhnlich erst um die Mitte oder das Ende des Oct. eintritt. — Der Durchschnittspunkt des Äquators und der Ekliptik heißt der Herbstpunkt. Er ist der Anfangspunkt des Zeichens der Wage und wird fortwährend so bezeichnet, obgleich das Sternbild der Wage diesen Ort längst verlassen hat, und der Herbstpunkt jetzt nahe bei den Sternen auf der linken Schulter der Jungfrau steht. Er ist dem Frühlingspunktc diametral entgegengesetzt; daher beträgt seine Aufsteigung >89° und seine Länge ebenso viel, oder sechs Zeichen ; seine Äbweichung oder Breite aber ist ^ O. Herbstnachtgleiche, s. Äquinoctium. Herbst (Joh. Friedr. Wilh.), ein bekannter Naturforscher, geb. am l.Nov. >743 zu Pctershagen im Fürstenthume Minden, kam nach vollendeten akademischen Studien als Hauslehrer nach Berlin, wo er Feldprediger, dann Prediger an der Garnisonkirche und bei dem Cadettenhause wurde. Später ging er als Prediger nach Neppen in der Neu- mark, von hier aber wieder nach Berlin als dritter Prediger an der St.-Marienkirche, an der er nachmals Archidiakonus wurde und wo er am 5. Nov. l 897 starb. In den Jahren seiner vollen Kraft war er ein beliebter Kanzelredner. Als Naturforscher hat er sich besonders um die Entomologie verdient gemacht. Sein Cabinet von Insekten, namentlich seine Sammlung von Krabben und Krebsen war ausgezeichnet. Unter seinen naturhistorischen Schriften sind zu erwähnen der „Versuch einer natürlichen Geschichte der Krabben und Krebse" (3 Bde., Zür. 1782—1894), „Einleitung zurKenntniß der-Insekten" (3 Bde., Berl. >784—87), „Einleitung zur Kenntniß der Gewürme" (2 Bde., Berl. 1787—89) und das „Natursystem aller bekannten in- und ausländischen Insekten, als Fortsetzung der Buffon'schen Naturgeschichte" (I > Bde., Berl. 1783-—1894). Herculanum, eigentlich Herculaneum, eine im Alterthume nicht unbedeutende Stadt Campaniens, zwischen Neapel und Pompeji, nahe an der Küste, wurde von den Os- kern gegründet, nachher aber meist von Griechen, die aus Unteritalien hierher einwanderten, bewohnt und bereits im I. 63 n. Chr. durch ein Erdbeben theilwcise zerstört, unter der Regierung des Titus aber im I. 79 n. Chr. bei einem Ausbruche des Vesuv von einem Lavastrom und Aschenregen nebst den nahe gelegenen Städten Pompeji (s. d.) und Stabiä (s. d.) 68—190 F. tief so gänzlich verschüttet, daß man ihre Stätte nicht mehr sah und später Portici und einen Theil von Resina darauf erbaute. Die Behauptung des Franzosen Du Theil, daß die völlige Zerstörung erst im I. 471 erfolgt sei, bedarf noch sehr der Bestätigung. Frühere Nachgrabungen, wie im I. 1689, waren bereits vergessen, als man > 72« bei der Grabung eines Brunnens, welche der Prinz Emanuel von Elbeuf, der zu Portici ein Grundeigenthum erworben hatte, anordnete, drei weibliche bekleidete Statuen fand, die jetzt im Museum zu Dresden aufbewahrt werden. Dem Prinzen aber wurde hierauf das weitere Nachgraben von der Regierung untersag^ und man dachte nicht mehr daran, bis Hercules 77 der König Karl M. von Spanien unter dem Namen Karl's VII. König beider Sicilien wurde und Portici zu seinem Frühlingsaufenthalte wählte. Man grub nun l 7 38 in jenem Brunnen tiefer hinab und entdeckte einen Jupitertempel mit Bildsäulen und ein fast unbeschädigtes Theater; manches andere Werthvolle ging durch die Unerfahrcnheit des Aufsehers verloren. Im I. > 750 suchte man auch Stabiä und Pompeji auf und fand an letz- term Orte die Überreste eines Amphitheaters. Thätiger und planmäßiger wurden die Aus- grabungen unter Joseph Napoleon (I 806 — 8) und unter Murat (1808 — 15) betrieben, dann aber durch die politischen Ereignisse ganz unterbrochen, bis man am I. Jan. 1828 die Nachforschungen von neuem begann und das größte Privatgebäude an den Tag brachte, welches man bis jetzt kennt, nämlich eine große Reihe Zimmer, einen Garten mit prächtigen Säulen, Gemälde, Geräthe von Glas und Bronze, silberne Basreliefs und andere Werke der bildenden Kunst. Von vorzüglicher Wichtigkeit sind jedoch, mag man nun auf Inhalt oder Komposition, Zeichnung oder Farbengebung sehen, die hier entdeckten Mauergemälde, unter denen besonders die größer« Stücke, Theseus und der Minotaurus, Telephus und Hercules, Andromeda und Perseus, Diana und Endymion, die Erziehung des Bacchus, der Centaur Chiron als Lehrer des Achilles, das unter dem Namen der Amorhändlerin von H. berühmte Gemälde, sowie mehre Arabesken in ägypt. Geschmack Erwähnung verdienen. Sie wurden mit der Mauer, die den Grund derselben bildet, von den Gebäuden ausgeschnitten und in dem Museum von Portici in 16 Zimmern unter Glas und Nahmen aufgestellt. Unter den > 50 metallenen Statuen gehören die des Mercurius, Silenus oder Faunus, der Victoria, Venus und Diana zu den vorzüglicher«. Auch die Literatur hat bei diesen Nachgrabungen manchen Zuwachs erhalten, indem man 1753 in einer jetzt wieder verschütteten Villa >606 Papyrusrollen und bis zum I. 1825 überhaupt aus den Trümmern >756 Handschriften hervorzog, von denen durch die sinnreichen Erfindungen des Antonio Piaggio und des engl. Chemikers Davy über 400 aufgerollt, doch nur 83 lesbar befunden wurden, welche Bruchstücke aus den Werken des Epikur, Philodemos, De- metrios, Polystratos, Kolotes, Phädrus, Phanias, Karneades, Chrysippus und Cicero enthalten. Vgl. „Lerculaneusia voll»»,,,-,, <;use supersiilit", herausgegeben von Rosini (3 Bdc., Neap. 1703—1827, Fol.) und Murr, „Le seu vnluminibus Araeo.üer- culanens." (Strasb. 1804). Von denjenigen Werken, welche Verzeichnisse und Abbildungen der in H., Pompeji und Stabiä aufgefundenen Antiken enthalten, erwähnen wir als die besten „Le anticlütä tl' Lrcolsi,»" (8 Bde., Neap. l)57—92, Fol.), nebst Bayardi's „krollromo clelle anticbita ll' Lrcolano" (Neap. 1 752, Fol.), im Auszüge deutsch von Murr, mit Umrissen von Kilian (Augsb. 1777 — 98); David's „^nticchites ll'8." (12 Bde., Par. 1780 — 1803); ferner Piranesi, „^ntic;iiites 838 — 41). Hercules, beiden Griechen Herakles, auch nach seinem GroßvaterAlcäus Al- cides genannt, der Sohn des Jupiter und der Alkmene, ist der berühmteste Heros der griech. Fabelwelt, in welchem die Poesie das Ideal menschlicher Vollkommenheit im Sinne des heroischen Zeitalters, d. i. höchste Körperkraft mit allen Vorzügen des Geistes und Ge- müths, die jenes Zeitalter anerkannte, verbunden darstellte. Nie war Here (Juno) eifersüchtiger auf ihren Gemahl gewesen als diesmal und deshalb schon des H. erbitterte Feindin, bevor er noch geboren war. Jupiter hatte einen Eid geschworen, daß der an diesem Tage Geborene alle Umwohnende aus seinem Heldengeschlechte beherrschen solle, und Here wußte zu bewirken, daß die Geburt der Alkmene verzögert und dagegen die der Gemahlin des Sthenelus, die ihr Kind erst im siebenten Monate trug, beschleunigt wurde., (S. Eu- rystheus.) Alkmene kam hierauf mit Zwillingen nieder; H. war der Sohn Jupiter's, Jphikles aber der Sohn des Amphitryon, des eigentlichen Gemahls der Alkmene. H. bewies sich schon in der Wiege als der Sohn eines Gottes, indem er zwei von der Juno geschickte Schlangen erwürgte. Durch Amphitryon's Sorge wurde er in allen Künsten von den größten Meistern unterwiesen. In Allem machte er ungemeine Fortschritte, nur für 7s -mukr- die Lyra schien seine Hand nichr gebildet! ein Schlag, den ihm Linos, sein Lehrer ini Tai. tcnspiel, einst gab, kostete diesem das Leben. Amphitryon sandte ihn deshalb auf das Land, wo er bi» zum i 8. Jahre die Heerde weidete; in diese Zeit fällt die Scene, die der Sophist Prodikos gedichtet hat, wo H. am Scheidewege den Göttinnen der Wollust und der Tugend begegnend, die letztere zur beständigen Gefährtin seines Lebens erwählt. Vgl. Böttiger, „tl. in bivio" (Lpz. l 829). Der erste Gegenstand, der seinen Muth und seine Kraft in Anspruch nahm, war ein Löwe, der am Kithäron wüthetc und des Königs Thespios Staaten verheerte. Von dem Könige freundlich ausgenommen, erlegte H. endlich das Ungeheuer, nachdem er inzwischen mit den 5» schönen Töchtern des Thespios eine zahlreiche Nachkommenschaft erzeugt hatte. Nach Theben zurückgekehrt, befreite er diese seine Geburtsstadt nicht nur von der Schmach eines Tributs, den sie an die Orchomenier zahlen mußte, sondern zwang auch diese, den zu- vor empfangenen Tribut künftig selbst zu zahlen. Kreon, der König von Theben, gab ihm dafür seine Tochter Megara zur Gemahlin. Here's Haß aber wuchs in demselben Grade wie des Helden Größe, und eine Wirkung ihres Hasses war, daß Eurystheus den H. zu sich entbot und ihm befahl, Abenteuer, die er ihm auftragen würde, zu bestehen. H-, unwillig, ihm zu dienen, ging nach Delphi, das Orakel deshalb zu befragen, das ihm zur Antwort gab: Zehn von Eurystheus gebotene Abenteuer, wozu aber dann noch zwei kamen, müsse er bestehen, dann würde er zur Unsterblichkeit gelangen. Dieser Ausspruch stürzte H., der eineni Schlechtem zu dienen seiner unwürdig hielt, in Schwermuth, welche Here bis zur Raserei steigerte, in derer seine eigenen mitMegara erzeugten Kinder,die er für seine Feinde ansah, tödtete. Von seiner Raserei befreit, floh er längere Zeit allen menschlichen Umgang. Endlich geheilt von der Zeit, mit den Göttern versöhnt und von der Blutschuld gereinigt, begab er sich zu Eurystheus und unterzog sich den Abenteuern, die unter dem Namen der zwölfArbeitendesH. bekannt sind. Er erlegte I) den n em eischen Löw en, der in den Wäldern von Nemea und Kleone hauste und von keinem Geschoß eines Sterblichen verwundet werden konnte, indem er ihm mit der Faust das Genick zerschlug und dann das undurchdringliche Fell abzog, welches ihn fortan gleich einem Harnisch umgab, indeß der Kopf wie ein Helm denseinigen deckte; tödtete 2) die Lernäische Schlange (s. d.) unter des Jolaos Beistand; fing u) die Hindin der Diana, welche durch ihre Schnelligkeit wie durch ihr goldenes Geweih und ihre ehernen Füße sich auszeichnete; 4) den erymanthischen Eber, der die Gegend um den Berg Erymanthos verheerte und brachte ihn lebendig aufseinen Schultern zu Eurystheus, der darüber so sehr erschrak, daß er sich in ein Gefäß verkroch und fortan nicht wagte, dem H. seine Befehle selbst zu geben; reinigte 5) in Einem Lage die Ställe des Königs Augias von Elis, worin dieser :tum> Rinder seit langer Zeit stehen gehabt hatte, dadurch, daß er die vereinigten Flüsse Alpheus und Peneus hindurch leitete; und tödtete 6) die Stymph alid en, ungeheure Raubvögel mit ehernen Flügeln, Schnäbeln und Klauen, welche die Gegend um den dicht- umwaldeten SeeStymphalis in Arkadien verheerten. Er fing 7) den Stier aus Kreta, welchen, ausgezeichnet durch Schönheit und Kraft, Poseidon (Neptun) einst auf des Minos Flehen aus den Fluten hatte aufsteigen lasten, um durch dieses Wunder dem Flehen- den das Reich zu verschaffen. Statt den Stier dem Gott zu opfern, hatte Minos ihn, verleitet von dessen Schönheit, unter seine Heerden gebracht. Nicht genug, daß er mit nicht zu bändigender Kraft verheerend durch die Insel stürmte, so hatte auch Pasiphae jene unnatürliche Leidenschaft für ihn gefaßt, deren Frucht Minotaurus war. Als H. mit ihm auf den Schultern zu Eurystheus kam, ließ dieser ihn wieder frei, worauf der Stier noch ein Mal, unter dem Namen des marathonischen, in den Sagen von Theseus vorkommt. Er brachte 8) die menschenfressen den Rosse des thraz. Königs Diomcdes, der ihnen alle Fremdlinge, die sein Gebiet betraten, vorwarf, zu Eurystheus, wobei ihn freiwillig viele Helden begleiteten. Ebenso begleiteten ihn Viele, als er 9) den Gürtel der Amazonenköni- gin Hippolyte für des Eurystheus Tochter Admete holte. Endlich holte er l 0) die Rinder des dreigestaltigen Geryones (s. d.). Am gefahrvollsten aber waren die beiden letzter! Abenteuer, die er zu bestehen hatte. Zunächst sollte er l I) die goldenen Äpfel aus den Gärten der Hcsperiden holen. H., der nicht einmal wußte, wo diese Gärten zu suchen wa- 1 « k s s a b ii b n a u k d a u n v f' a 2 a d! 2 d il s- ft dl A er H g« h- B A ül tr so I ih Z> di er Ui st sie kl. -«««kr ?s ren, wanderte, wiederum mancherlei Kämpft bestehend, ft lange zu Lande und zu Wasser, bis er den Ort erreichte. Endlich holte Atlas (s. d.) ihm^ieselben, H. aber trug unterdessen statt seiner das Himmelsgewölbe. Das letzte der von Eurystheus ihm gebotenen Abenteuer bestand darin, daß er I2) den Cerberu saus der Unterwelt heraufholte. Der Herrscher der Unterwelt verhieß dem Allgcfürchteten den Cerberus unter der Bedingung, sich seiner ohne Waffen zu bemächtigen. Schnell ergriff nun H. das Ungeheuer, drückte dessen drei Kopfe zwischen seine Beine und fesselte es trotz der wüthenden Angriffe, die der Drache, in welchen Cerberus endigte, von hinten auf ihn machte. So brachte er das Thier auf die Oberwelt und zu Eurystheus, der, vor Schrecken bleich, das Ungeheuer zu entfernen befahl; H. lies cs los und sogleich versank Cerberus in den Erdboden. H. aber war nun nach des Schicksals Willen frei von der schimpflichen Knechtschaft, die ihm der Zorn der beleidigten Göttin Here auferlegt hatte. Während H., diese Abenteuer zu bestehen, die Welt durchzog, verrichtete er noch weit mehr Thaten. Man pflegt dieselben seine Nebenthaten (zmrertzn) zu nennen, weil man sie als freiwillige ansah. Dahin gehören sein Kampf mit den Centauren, den Giganten, seine Theilnahme am Zuge der Argonauten, seine Befreiung der Hesione, die von ihrem Vater, um den Zorn der Götter zu versöhnen, einem Meerungeheuer ausgesetzt war, die Errichtung der sogenannten Hereu lc ssäule» (s. d.), sein Rückzug von Spanien nach Argos, die Erlegung des Alkyoneus, seine Kämpfe mit Antens und Cyognus oder Kyknvs, die Befreiung des an den Kaukasus gefesselten Pro metheus (s. d.), und des These us (s. d.) aus der Unterwelt. Nachdem er alle diese Thaten vollbracht, kehrte er zurück nach Theben und vermählte seine Gemahlin an seinen treuen Gefährten und Diener Jolaos. Er selbst wollte sich indessen auch wieder vermählen, und da er vernahm, daß Eurytos, der König von Öchalia, seine Tochter Jole Dem, der ihn und seine Söhne im Bogenschießen übertreffen würde, als Kampfpreis ausgesetzt hatte, so ging er nach Öchalia, besiegte Alle, erhielt aber die Gemahlin nicht, weil man einen neuen Anfall seines Wahnsinns fürchtete. In der That ergriff ihn auch dieser bald darauf, nachdem er in der Zwischenzeit die Al ceste (s.d.) aus der Unterwelt zurück in die Arme ihres Gemahls gebracht hatte, noch ein Mal, und in diesem Anfall stürzte er Jphitos, der Jole ältesten Bruder, seinen treuen Freund, von den Mauern Tirynths herab. Ungeachtet er von diesem Morde gereinigt wurde, verfiel er doch darüber in schwere Krankheit, derenwegen er das delphische Orakel zu befragen ging. Da ihm diePythia Antwort versagte, plünderte er den Tempel, raubte den Dreifuß und kämpfte selbst mit dem Apollon. Endlich erhielt er das verlangteOrakel, welches also lautete: Von seiner Krankheit werde er genesen, wofern er auf drei Jahre sich zum Sklaven verkaufe und dem Eurytos den Kaufpreis als Sühngeld gebe. Diesem Orakelsprucke zufolge verkaufte Mercur den H. an Omphale, der Lydier Königin. Nach Vollendung seiner Dienstzeit strafte er manche Ungerechtigkeit und Wortbrüchigkeiten aus früherer Zeit. So zog er mit einem Heere gegen Troja, um Laomedon, der Hesione Vater, zu bestrafen, und mit einem andern gegen Augias, welche Beide ihn um den bedungenen Lohn betrogen hatten. Zu Kalydon hatte er inzwischen um des Öncus Tochter Dejanira geworben, und nachdem er um ihren Besitz mit Achelous gekämpft, sich mit ihr vermählt. Mit ihr begab er sich nach Trachin. Am Fluß Evcnus angelangt, traf er auf den Centauren Nessus, der die Wanderer um Lohn übersetzte. H. ging durch den Fluß, Dejanirass. d.) aber wurde von Nessus Hinübergelragen; da sie den Lüsten desselben nicht zu widerstehen vermocht hatte, tödteteH. den Nessus, sobald er ans Ufer trat, mit einem in das Gift der Lernäischen Schlange getauchten Pfeile. Im Verscheiden lehrte Nessus Dejanira einen Liebestrank für H. mischen. Unter den an ihm verübten Ungerechtigkeiten hatte H. auch die des Eurytos zu bestrafen, der ihm die Jole verweigert hatte. Deshalb zog er gegen Öchalia. Eurytos und seine Söhne sielen ; die Stadt wurde genommen, geplündert, und Jole als Gefangene wcggeführt. Von da zog er nach Kenäos auf Euböa und errichtete auf dem Vorgebirge dem Jupiter einen Altar. Um hier feierlich zu opfern, sendete er nach Trachin um ein weißes Gewand. Dejanira befragte den Boten wegen Jole, und da sic fürchtete, ihr Gemahl werde diese mehr lieben als sie, so nahm sie des Nessus vermeinten Liebestrank und bestrich damit das Gewand. H. bekleidete sich damit; kaum aber war dasselbe erwärmt, so griff das Gift den Körper an- Mit 80 HerculesIiLder dem Gewände riß er sich das Fleisch vom Leibe. In solchem Zustande brachte man ihn zu Schiffe nach Trachin, wo Dcjankra, von dem Vorgefallcnen benachrichtigt, sich crhing. H. selbst begab sich auf den Berg Ota, errichtete einen Holzstoß, bestieg ihn und befahl, ihn anzuzünden. Sein Diener Philoktct (s. d.) erzeigte ihm diesen letzten Liebesdienst. Als der Holzstoß aufloderte, kam eine Wolke, die unter Donner ihn in den Himmel auftrug. Dort der Unsterblichkeit theilhaft und versöhnt mit Here, wurde er mit Hebe (s. d.) vermählt. Auch mit ihr zeugte er zwei Söhne. Einige seiner Nachkommen auf der Erde sind in der Geschichte unter dem Namen derHeraklidcn (s. d.) bekannt. Die historischen Erklärer leugnen nicht das Dasein des H., zweifeln aber, daß Ein Mensch das Alles, was vom H. erzählt wird, habe vollbringen können, ganz abgesehen von den in seiner Geschichte häufigen Anachronismen. Dies hat die Meisten bewogen, mehre Heroen dieses Namens anzunehmen, wozu es an Zeugnissen der Alten nicht fehlt. Varro hat deren nicht weniger als 4-1 aufgezählt, Cicero sechs, Diodor drei. Darunter finden wir einen indischen, einen ägypt., einen lyrischen oder phöniz. und einen thcban. H., und namentlich Letzter» als Erben aller auch von den Übrigen verrichteten Thaten. Untersuchen wir das Wesen der oriental. Gottheiten, wslche die Griechen mit des H. Namen belegen, so könne» wir in der That kaum zweifeln, daß sie ursprünglich nichts Anderes als astronomische Symbole waren. Der ägypt. H., der eigentlich Sem, auch Som, Chom oder Dson heißt, gehört nach Herodot und Diodor zu den zwölf großen himmlischen Göttern, die 17 uoo Jahre vor dem ägypt. Könige Amasis aus den acht Göttern entstanden. Da nun sowol die acht als die zwölf Götter der Ägypter astronomisch zu verstehen sind, so ergibt sich hieraus, daß H. hier eigentlich nichts ist, als das Product des Sonnenlaufs durch die zwölf himmlischen Zeichen. Der phöniz. H., dessen eigentlicher Name Melkarthos ist, gibt einen ähnlichen Ursprung schon durch seine Mutter Asteria, d. h. Sternhimmel, zu erkennen. Daß man auch in dem theban. oder griech. H. noch mannichfaltige Erinnerungen an die oriental, astronomische Uridee findet, kann nicht bezweifelt werden. Die zwölf Arbeiten sind dieser Idee zufolge nichts Anderes als die Wanderung der Sonne durch die zwölf Zeichen des Thierkreises, durch die plastische Poesie der Griechen zur Sage geworden, vielleicht auch durch den Cultus, welcher diese zwölfArbeitcn der Sonne symbolisch drama- tifirte. Seine Vermählung mit Hebe haben schon bei den Alten Einige dahin gedeutet, daß, nachdem er seinen Kreis durchlaufen, er wieder jugendlich dasteht. Der Mythus des griech. H. stellt uns die Geschichte der frühesten Bildung Griechenlands dar. Dieses Entwildern wurde auf drei Wegen bewirkt; Physisch durch Urbarmachung des Bodens, Austrocknung von Seen und Sümpfen, Grabung von Kanälen, Ausrottung von Wäldern und der in ihnen hausenden wilden Thiere; mercantilisch durch Schiffahrt und Handelsverkehr mit entfernten Gegenden; politisch-religiös durch Stiftung heiliger Spiele, Satzungen u. s. w. Dem H. zu Ekrcn feierte man Feste, und an diesen Festen sang man von seinen Thaten. Auf diese Weise entstanden nach und nach H erakleen, d. i. Gedichte von größerm Umfange, deren Inhalt das Leben und die Thaten des H. waren. Ohne Zweifel gab cs deren bereits in. einfacherer Gestalt vor Homer. Endlich kamen auch die dramatischen Dichter, welche besonders in den Satyrhandlungen einen travestirten H. darzustcllen liebten, wodurch eine Menge Possen in die Sage desH. kamen. Dahin gehört wol auch ohne Zweifel, was man von H. bei Omphale am Spinnrocken u. s. w. erzählt. In Bezug auf die Kunst wird H. als Heroenidcal dargestellt. Durck Anstrengung gestählte und bewährte Kraft ist der Hauptzug, den besonders Myron und Lysippos zu einer Form entwickelten, die nicht mehr überboten werden konnte. Besonders häufig wurden die Zwölfkämpfe dargestellt, von denen eine sehr vollständige Reihe die Vasen von Volci geben. Von den andern Thaten findet sich der Gigantenkampf besonders auf Vasen alten Stils; namentlich ist der auf dem Lastendes Kypselos (s.d.) zu erwähnen. H.'s Bewaffnung seit früher Zeit bestand in Löwenhaut, Keule und Bogen. Eine neue Reihe von Vorstellungen des H. eröffneten der ötäische Scheiterhaufen und die Apotheose. Hier wurde er durch die ihn beschützenden Götter auf einer Quadriga vom Scheiterhaufen zum Olymp cmporgeführt und zwar gewöhnlich in jugendlicher Gestalt und dort mit der Jugendgöttin Hebe selbst vermählt. Hermleöbäder nennt man die Mineralquellen in der Nähe von Mehadia im Ba- Herculessäulen Herder (Joh. Gottfr. von) 81 nat. Diese Gegend wurde im I. >07 von röm. Soldaten colonisirt. Schon damals entdeckte man die Quellen, die, dem Hercules geheiligt, unter den Kaisern Traja», Hadrian und den beiden Antoninen von den Römern vielfach benutzt und prächtig ausgeschmückt wurden. Sieben Statuen des Hercules, eine der Hygieia, mehre Votivtafeln und andere in der neuern Zeit ausgegrabene Alterthümer erinnern an den Elan;, der damals diese Quellen umgab. Durch die Völkerwanderung ihrer Pracht beraubt, flössen sie unter den sehr wechselnden Herrschaften lange Zeit fast gänzlich unbenutzt, bis nach dem Frieden von Passarowitz im I. 1718 der hier commandircnde Feldmarschall-Lieutenant GrafHamilton die Negierung um Erneuerung der Badeanstalten anging. Einer abermals zu fürcktenden Zerstörung der Anstalten durch die Türken beugte Clerfayt (s- d.) durch den Sieg über dieselben in der Nähe von Mehadia im I. 1789 vor. Seitdem erfreuen sich die Badegäste, deren Zahl imJ. >830 schon 1431 zählte und deren Menge jährlich zunimmt, der vortrefflichen Badeanstalten. Von den 22 Thermalquellen, die eine Temperatur von > 5"—5 i"N. haben, werden neun und von diesen hauptsächlich das Franzens- mzd Ludwigsbad zum Getränk, zu ganzen, Douche-, Tropf-, Regen- und Thermaldampfbävern benutzt. Die Wirksamkeit dieser Quellen gründet sich hauptsächlich auf ihren bedeutenden Gehalt an Schwe- selwasserstoffgas, und sie sind ihren Wirkungen nach zu den kräftigsten und durchdringendsten warmen Sch wefelwassern (s. d.) zu rechnen. Vgl. Schwarze«, „Die Herculesbä- der bei Mehadia" (Wien 1831). Herculessäulen nannte man im Alterthum die beiden Vorgebirge an der Meerenge von Gibraltar Calpe und Abila (jetzt Gibraltar und Ceuta), welche man als die Grenzen derWelt betrachtete und die man von Hercules aufseinen Wanderungen gesetzt glaubte. Hercynischer Wald ist die von dem deutschen Worte Hart oder Harz, d. h. Hochwald, herzuleitende schwankende Benennung bald dieses, bald jenes Hochgebirgs in dem unerforschten Innern Germanicns. Schon Aristoteles kennt den Hcrcynischen Wald und ließ in ihm den Ister (Donau) entspringen. Cäsar, der ihn auf neun Tagereisen in der Breite und 6» Tagereisen in der Länge schätzt, begreift darunter sämmtliche deutsche Höhenzüge im Norden der Donau und die Zeitgenossen desselben wissen viel Fabelhaftes von ihm zu berichten. Strabo, der sich noch nicht ganz von Cäsar's Vorstellung losmachen konnte, setzte ihn gleichwol an die Stelle des heutigen Böhmerwalds, was dann auch Vclle- jus Paterculus noch bestimmterer Weise that; Florus, Tacitus und Plinius dagegen begreifen darunter den Thüringerwald, und diese Angabe mag wol als die sicherste anzuneh- men sein. Je mehr die alten Geographen bei näherer Bekanntschaft mit Deutschland von speciellen Gebirgsnamen Kcnntniß erhielten, um so mehr mußte jene allgemeine Benennung zurücktreten, sodaß Ptolemäus damit nichts Anderes mehr zu bezeichnen wußte, als den Bergrücken, der die Sudeten mit den Karpaten verbindet, wofür er eben wol keinen Specialnamen kennen mochte. Herder (Joh. Gottfr. von), einer der eigenthümlichsten, umfassendsten und geistreichsten Schriftsteller der Deutschen, wurde am 25. Aug. 1744 zu Mohrungen in Ostpreußen geboren, wo sein Vater MLdchcnschullehrer und Cantor war. Nicht begünstigt durch Erziehung und äußere Umstände, entwickelte sich die schöne Natur des jungen H. durch eigene Kraft. Nur das Lesen der Bibel und des Gesangbuchs verstattete ihm sein Vater; ein unersättlicher Wissensdurst aber trieb den Sohn nach andern Quellen hin, obgleich er alle die Bücher, die er sich zu verschaffen suchte, verstohlen lesen mußte. Endlich kam er als Schreiber zu dem Prediger Trescho. Als dieser des armen Jünglings herrliche Geistes- und Herzensanlagen wahrnahm, ließ er ihn die Lehrstunden mit benutzen, die er seinen eigenen Söhnen im Griechischen und Lateinischen gab, und H. machte bald ungemeine Fortschritte. Um diese Zeit wurde er von einerAugcnkrankheit befallen, die ihn innähercBekanntschaftmit einem russ. Wundarzte brachte, der in Trescho's Hause wohnte. Derselbe erbot sich, ihn mit sich, nach Königsberg und dann nach Petersburg zu nehmen und dort unentgeltlich die Chirur-' gie lehren zu lassen. H., der keine Aussicht hatte, seinen Lieblingsstudicn leben zu können, folgte nun 1762 dieser Ausfoderung. In Königsberg aber fiel er bei der ersten Scction in Ohnmacht, sodaß er von dem Studium der Chirurgie absehen mußte. Entschlossen, sich Conv.-Lex. Neunte Aufl. Vll. 6 82 Herder (Ioh. Gottfr. von) nunmehr der Theologie zuzuwendcn, fand er auch in der That Männer, die sich seiner an» H nahmen und ihm eine Stelle im Fricdrichscollcgium verschafften, wo er erst Aufseher über M einige Kostgänger, dann Lehrer wurde, wobei es ihm an Zeit zu eigenem Studiren nicht w mangelte. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft mit Kant, der ihn alle seine Collegien al unentgeltlich hören ließ. Mit der strengen philosophischen Schule konnte er sich jedoch nie dc befreunden; inniger schloß er sich an Hamann (s. d7) an. Er trieb die Theologie in jenem qe hohen Sinne und Geiste, durch welchen es ihm später gelang, auch hier eine Reform her- V vorzubringen. Von dem edelsten Eifer beseelt, suchte er seine Kenntnisse fortwährend mög- de lichst zu erweitern und ermüdete nicht, die unermeßlichen Gebiete der Kunst und Poesie, st, der Naturwissenschaft, der Literatur und der Geschichte zu durchwandern. Zm I. >76> cii ging er als Collaborator an die Domschule nach Riga, mit welcher Stelle ein Predigtamt du verbunden war. Seine Zöglinge und Zuhörer hingen enthusiastisch ihm an; als geistlicher N Redner sprach er so evangelisch lauter, daß er sich aller Herzen bemächtigte, und hatte so S großen Beifall, daß man beschloß, eine geräumige Kirche zu bauen. JmJ. >767 wurde G ihm von Petersburg aus das Jnspectorat der dortigen St.-Pctrischule angetragcn; allein Ri er lehnte nicht nur diesen Ruf ab, sondern legte selbst seine Stellen in Riga nieder, um eine m< größere Reise zu unternehmen. Er war bereits in Frankreich angekommen, als er zum Be- er gleiter des Prinzen von Holstein-Eutin durch Frankreich und Italien auserwählt wurde, bei von dem er sich aber schon in Strasburg wieder trennen mußte, weil sein Äugcnübel, weit M gefährlicher als früher, ihn wieder befiel. Hier befreundete er sich mit Goethe, auf den er hic einen bedeutenden Einfluß gewann. H. hatte damals durch mehre Schriften, meist kritisch- en> polemischen Inhalts, in denen er mit jugendlicher Kühnheit und nicht ohne Heftigkeit für Zi> Lessing'sche und Winckelmann'sche Kunstansichtcn gegen die Armseligkeiten und Jrrthümet sie der Zeit ankämpfte, vorzüglich durch seine „Fragmente über die neuere deutsche Literatur" Al (1767) und seine „Kritischen Wälder" ( 1 76») einen bedeutenden Ruf sich erworben, für tig die Theologie jedoch noch nichts von Bedeutung geliefert; dennoch erhielt er in Strasburg des den Ruf alS Hofprediger, Superintendent und Consisiorialrath nach Bückeburg, wohin er gei >771 abging. Hier erwarb er sich bald auch einen ausgezeichneten Namen als Theolog, Vc sodaß er > 7 75 einen Ruf als Professor der Theologie nach Göttingen erhielt, wohin er auch stu abging, während er mit der Annahme zögerte, weil der König seine Berufung nicht unbe- sac dingt bestätigt und man im Eegcntheil, aller Gewohnheit zuwider, verlangt hatte, daß er Ka sich zu einem Colloquium stellen solle. An dem Tage, wo er sich definitiv entscheiden sollte, tur erhielt er den Ruf als Hofprediger, Generalsupcrintendent und Oberconsistorialrath nach erh Weimar. War irgend ein Ort, wo H. nicht blos ungestört, sondern auch vielfach angeregt, hat die schönste Wirksamkeit äußern konnte, so war es Weimar, wo er im Oct. >776 ankam. nie! Die schönsten Früchte seines reichen Geistes reiften hier, und Weimar wird sich noch lange mil dankbar Dessen erinnern, was H. als geistlicher Redner, als Aufseher der Schulen, als >8 Beförderer der Talente, als Stifter mancher trefflichen Einrichtung segensreich gewirkt schc hat. Galt Weimar für das deutsche Athen, so hat auch er als einer der ersten Männer da- geb selbst seinen Antheil daran. Geliebt und geehrt von seinem Fürstenhause, erhielt er man- St chen öffentlichen Beweis der Anerkennung seiner Verdienste; er wurde >793 Vicepräsi- dent, >861 Präsident des Oberconsistoriums, was bis dahin kein Bürgerlicher gewesen har war und hierauf von dem Kurfürsten von Baiern in den Adclstand erhoben. So wirkte er, unt bis am l 8. Dcc. 1863 der Tod seine schöne nur in den letzten Jahren oft durch eine trübe in t und gereizte Stimmung gelähmte Wirksamkeit unterbrach. In seinen „Schriften" (->5 unk Bde., Stuttg. >866—26, und Taschenausgabe, 66 Bde., Stuttg. >827—36) hat er sich der selbst ein unvergängliches Denkmal gestiftet. 'Sie zerfallen ihrer Vielseitigkeit wegen in >vei drei Classen, rn S christen zur Religion und Theologie; zur Literatur und Kunst und zur ;»n Philosophie und Geschichte. Einzeln erschienen von ihm seine „Gedichte", herausgegeben "ac von I. G. Müller (Stuttg. > 836), und seine „Volkslieder", herausgegeben von Joh. Falk deg (neue Ausg.; 2 Bde., Lpz. >8->6). Als Theolog erwarb er sich großes Verdienst um eine aflf geistige, von dem Buchstaben des Dogma freie Auffassung des Christenthums, sowie um die die Erklärung der heiligen Schrift, und namentlich ist in dieser Beziehung sein „Geist der "" hebr. Poesie" (Deff. >782; 3. Ausl, von Justi, 2 Bde., Lpz. >825) hervorzuheben; als Herder (Siegln. Aug. Wolfgang, Freiherr von) 83 lN- Philosoph, wenn nicht der Schule, doch des Lebens, hinterließ er einen Schatz bewährter wr Natur-, Menschen- und Weltbeobacktungen; als Erklärer des klassischen Alterthums be- cht wirkte er harmonische Bildung des Menschen durch die Muster Griechenlands; er läuterte en allseitig den Geschmack und suchte durch Anschauung und Würdigung der schönen Kunst >üe den Menschen zu reiner Menschheit zu erheben; er machte aufmerksam auf manches Ver- em geffene und Verkannte der vaterländischen Vorteil und erweckte den Sinn für das echt er- Volksthümlichc der Poesie; Volkslied, Legende, Ossian, Shakspeare, die Poesie des Sü- dens, die griech. Anthologie und vieles Andere wurden durch ihn uns näher gebracht; er sie, stimmte fast in Allem, was er schrieb, zur Begeisterung, hauchte der Seele edle Gefühle 6-t ein und entstammte das Herz für das wahrhaft Schöne und Große- Sein Hauptwerk sind mt die leider unvollendeten „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (4 Bde., Kr Riga 1784—91; 4. Aust, mit Ludcn's Einleitung, 2 Bde., Lpz. 1841), in welchem alle st Strahlen seines Geistes sich vereinigen. Schon früh suchte er nach einer Philosophie der cde Geschichte der Menschheit, und es zeigt sich wirklich in Allem, was er jemals schrieb, diese cin Richtung. Sein Ziel dabei war, die ganze Geschichte der Menschheit als eine große zusam- ine menhängende, einem höhern Ziele zustrebende Reihe des Geschehens darzustellcn. So ging )e- er den langen Weg von Erfahrungen und Analogien der Natur, den nicht kürzern Weg de, der Geschichte und aller Zweige menschlicher Cultur durch. Ausgerüstet mit Kenntniß der eit Menschennatur im Allgemeinen, führt er uns unter alle Zonen, in alle Zeiten hin, um ru- er hig mit uns zu beobachten, wie die Menschheit unter solchen oder andern Bedingungen sich ch< entwickeln, und welche Erfolge jedesmal diese oder jene Entwickelung haben müsse. Das 'ür Ziel und den Endpunkt derMenschcnnatur und alles ihres Strebcns bezcichneke er am lieblet sten durch das Wort Humanität. Diese Humanität war seine Göttin; auf sie bezog er >r" Alles; für sie wirkte er mit rastlosem Eifer. Im Allgemeinen gehört H. zu den wohlthä- 'ür tig wirkenden Geistern, die nach den verschiedensten Richtungen hin anregend, weckend und >rg befruchtend wirken und die gleichwol deshalb leichter, als minder reiche in den Hintergrund er gedrängt werden, weil sie versäumten, ihren eigenen Werken den Stempel der absoluten og, Vollendung zu geben, der sic unangetastet über den Strom der Zeiten fortträgt. H.'s Lei- rch stungen im Gebiete der Theologie, der Literatur, der Kritik und der Philosophie sind viel- be- fach berichtigt und selbst übertroffen worden; manches Einzelne, z. B- seine Polemik gegen er Kant, war sogar verfehlt; aber sein Verdienst ist darum nicht geringer. Der ganze Cul- te, turzustand Deutschlands hat von ihm einen mächtigen, weithin sich verbreitenden Impuls ich erhalten, und an warmer, tiefer Begeisterung für alles echt Menschliche, Würdige, Große gt, hat ihn Keiner überragt. Deshalb ist es nur der Tribut einer schuldigen Dankbarkeit, daß m. nicht nur der Großherzog von Sachsen-Weimar, Karl August, 1819 eine Eedächtnißtafel >ge mit der Inschrift: „Licht, Liebe, Leben" auf sein Grab legen ließ, sondern daß man auch rls 1844 zu Königsberg und an andern Orten seinen hundertjährigen Geburtstag feierte. Ein rkt schönes Denkmal setzte ihm seine würdige Witwe, Maria Karolina, gcb. Flachsland, ,a- geb. 17 59, gcst. 1815, in ihren „Erinnerungen aus H.'s Leben", die I. G. Müller (2 Bde., ai> Stuttg. 1829) herausgab. Dgl. auch „H.'s Leben" von Döring (Wcim. 1823). iß. Herder (Siegm. Aug. Wolfgang, Freiherr von), ehemaliger sächs. Oberbergen Hauptmann, der Sohn des Vorigen, wurde am 18. Aug. 1776 zu Bückcburg geboren er, und in Weimar erzogen. Das wissenschaftliche und poetische Leben, welches sich hier be in den letzten Decennicn des verflossenen Jahrhunderts regle, übte großen Einfluß auf H., iz und das damals von vielen ausgezeichneten Männern Weimars eifrig betriebene Studium ich der Mineralogie und einige Reisen in Gebirgs- und Bcrgwerksgcgenden mit Goethe er- in weckten in ihm eine vorherrschende Neigung zu den mineralogischen Wissenschaften und ur zum Bergbau. Nach Beendigung seiner Gymnasialstudien wurde er > 794 auf ein Jahr en nach Ncufchatcl geschickt, und nachdem er die Universitäten zu Jena und Göttingen besuckt, ilk begann er 1797 in Freiberg seine bcrg- und hüttenmännischen Studien. Die Hoffnung ne auf sächs. Dienste veranlaßte ihn, 1899 die Universität zu Wittenberg zu beziehen, wo er im die Rechte studirte. Nach Freiberg zurückgekehrt, wurde er 1892 Bergamtsassessor zu Ma- >er rienberg, Geyer und Ehrenfriekersdorf, 1893 Assessor im Bergamte Schneeberg und 1894 äs 6» 8 ^ Here Hering 15 , ! k»./i > Oberbergamtsassessor und Bergcommissionsrath in Freiberg. Nach Charpentier's Tode erhielt er 1806 die Aufsicht über das Blaufarbenwesen. Insbesondere wurde seine Thä- tigkeit seit > 809 in Betreff des Eisenhüttenwerks Panki und der Salzwerke von Wieliczka' im Großherzogthume Warschau in Anspruch genommen, und mehre Jahre verweilte er deshalb theils in Warschau, theils in Wien, von wo aus er 1812 die vorzüglichsten Bergwerke Ungarns, Steiermarks und Ostreichs bereiste. Zum Beweise der Zufriedenheit mit seinen Diensten wurde er vom Könige von Sachsen in den Freiherrnstand erhoben. Unter dem " russ. Gouvernement kam er in das Geh. Finanzcollegium nach Dresden; auch erhielt er vom Kaiser Alexander das Comthurkreuz des Stanislausordens. Im Sommer 1818 bereiste er Schweden und Norwegen, und nach seiner Rückkehr über Kopenhägen die wichtigsten Berg- und Hüttenwerke im Harze. Im Nov. desselben Jahrs wurde er Viceberghauvt- niann, 1821 Berghauptmann und >826 Oberberghauptmann, nachdem er schon früher zum Comthur des Civilverdienstordcns und zumMitgliede des Ordensraths befördert wer- den war. Im I. >835 machte er aus Veranlassung des Fürsten Milosch eine Reise nach Serbien, um den Bergbau dieses Landes wieder emporzubringen. Er starb zu Dresden am 29. Jan. 1 838 und wurde nach seinem Wunsche auf der Halde des alten BerggebaudeS Drei-König-Fundgrube, zwischen Freiberg und Tuttendorf, begraben. Erst nach seine« Tode erschien der Plan, die freiberger Gruben mittels eines tiefen, bei Meißen angesessenen Stöllns zu lösen, unter dem Titel „Der tiefe meißner Erbstolln, der einzige, den Bergbau der freiberger Rester bis in die fernste Zukunft sichernde Betriebsplan" (Lp;. > 838) und aus seinem Nachlasse wurden „25 Tafeln Abbildungen der vorzüglichsten Apparate <>i Erwärmung der Gebläseluft auf den Hüttenwerken" von Brendel, Reich, Winkler mit Melbach (Freib. 18 t9, Fol.) herausgegeben. Die Verbesserungen und Fortschritte, dem sich die sächs. Bergwerksadministration unter seiner Direction zu erfreuen hatte, sind über aus vielfältig und umfassend. Groß find namentlich seine Verdienste um die Belebung not Erhaltung des bergmännischen Gemeinsinns, um die Bewahrung der zum Bestehen dti Bergmannsstands unerläßlichen Freiheiten, und um jede thunliche Erleichterung des Zustandes des gemeinen Berg« und Hüttenarbeiters. Here, s. Juno. Heresbura, s. Er es bürg. Herford oder Hervorden, Kreisstadt im Regierungsbezirk Minden der preuß. Provinz Westfalen, wird von der Werra und Aa in die Altstadt, Neustadt und den M- dewig (Radewich) getheilt, hat eine katholische und vier evangelische Kirchen und zäh» 6899 E. Außer Maschinenwebereien und Baumwollenspinnereien findet sich hier ein gutes Gymnasium und ein Museum für Kunst, Alterthümcr und Technik; auch ein Zucht- und Arbeitshaus. Zur Erbauung her Stadt gab das 789 gestiftete und 829 erneuerte Frauer- stift Anlaß, dessen gefürstete Äbtissin Reichsstandschaft genoß und dieselbe auch fortbehiell, als das Stift evangelisch wurde. Im 1.1892 wurde das Stift und 1819 das im11. Jahck gegründete Collegiatstift auf dem Berge bei H. aufgehoben. H. selbst war früher Hansestadt wurde 1631 freie Reichsstadt, mußte sich 1647 dem Kurfürsten von Brandenburg unterwerfen, kam 1893 aufs neue an Preußen, 1897 an Westfalen und 1815 an Preußen zurück. Hering oder Häring (eiliges karengiüi), ein bekannter Fisch aus der Äbtheilung der Weichflosser, der im ganzen nördlichen Ocean bis 67-' nördl. B- vorkommt, dessen eigentliches Vaterland aber noch nicht ermittelt ist, da man ihn nur während seiner großen - geselligen Wanderungen beobachtet hat. Wahrscheinlich lebt er am Boden der Nordsee, denn er wird zuerst im Apr. bei den Shetlandinseln sichtbar und vereinigt sich zu Zügen, die, einige Meilen lang und breit, aus Milliarden von Individuen bestehend, nach Süden eilen, an der norweg-, engl, und deutschen Küste hinstreichen und Zweige nach den Gesuden von Nordamerika, Nordasien, in die Ostsee und den Golf von Biscaya abgeben. M man annimmt, setzen die Heringe ihren Laich in der Nähe der Küsten ab. Im August sind sie völlig verschwunden und niemals hat man sie nach dem Norden rückkehrcnd beobachtet Im Übrigen erfolgen ihre Wanderungen weder ganz regelmäßig, noch immer genau nach derselben Richtung. Der Heringsfang wurde von den Holländern schon im J. >>6l betrieben und ist ein hochwichtigerJndustriezweig für die seefahrenden Völker des Nordenk Heringsdorf Hermandad 85 lode Nach Bloch fangen allein die Fischer von Gothenburg jährlich an 7VN Will. Hering«; ge- lhä- gtwvärtig ist diese Fischerei besonders in Händen der Engländer. Holland verdankte seine rzka ' Ewße im >7. Jahrh. zum Theil dem Heringsfange, dessen Gesammtertrag gegenwärtig e er aus 2000 Mill. Stück geschätzt wird. Der Fang wird durch ganze Flotten betrieben und erg- ist durch Gesetze geregelt, welche die Ausrottung des nützlichen Fisches verhindern sollen, mit Das Einsalzen derHeringe wurde durch Wilh. Deukelsson oder Bökel (s.d.) vonBiervliet dem in Flandern.erfunden, und noch gegenwärtig werden sie in Holland am besten eingesalzen, vom weshalb auch die holländ. Heringe besser sind und höher im Preise stehen als die englischen, eist- Das Räuchern leichtgesalzener Heringe, der sogenannten Böcklinge, ist eine franz. aus zsten Dieppe stammende Erfindung. urt- Hecingsdorf, ein Dorf unweit Swinemünde (s. d.) und wie dieses ein Seebad, ühu ist seit einigen Jahren erst als solches benutzt worden, erfreut sich aber einer zahlreichen, wer- meist sehr vornehmen Badegesellschaft, sodaß es bei dem immer steigenden Besuch einer be- nach deutendern Zukunft entgegensieht. Das Seebad hat hier vor dem in Swinemünde den sdm stärker» Wellenschlag voraus. udlt Herisau, die ansehnlichste und bevölkertste Gemeinde von Appenzell-Außerrhoden, ine« Hauptort der Landesabtheilung hinter der Sitter, mit einem Nathhause und Zeughause, 'emn hat etwas über 7vvv E. und erstreckt sich von Osten nach Westen zwei Stunden, von Nor- gba« den nach Süden anderthalb Stunde weit. Der eigentliche Flecken dieses Namens, besie- urd hend aus den um die Kirche beisammen stehenden Häusern und ziemlich wohlgebaut, liegt te »i anmuthig am rechten Ufer der Glatt, 233 t F. über der Meersfläche. Mil Heristall, jetzt Herstal, ein Marktflecken mit etwa 6000 E., liegt am linken Ufer )em der Maas, '/4 Stunde unterhalb Lüttich. Die einst über demselben thronende, jetzt aber über bis auf wenige Spuren verschwundene Burg ist das denkwürdige Stammschloß des au- > uni strasischen Major Domus (s. d.), Pipin des Dicken oder des Jüngern, der hiernach Pi- > di! pin von H. genannt wird. Dasselbe war, als Familienbesitzung der Karolinger, in der ! Zu- Folge oft auch der Aufenthaltsort Karl des Großen und wird gewöhnlich das fränk. H. genannt, zum Unterschied von dem sächsischen. Dieses letztere, jetzt dasDorfHerstelle an der Weser im Kreise Höxter des Regierungsbezirks Minden der preuß. Provinz Westfalen, war ein schon in den Nömerkriegen militärisch wichtiger Punkt, wo auch König Karl der reuf Große im Kriege gegen die Sachsen im Winter 797 sein Heerlager aufschlug, aus wel- M- chem im Mittelalter eine auf steilem Hügel trefflich gelegene Burg entstand, die um die M ' Mitte des l 5. Jahrh. von den Hessen niedergebrannt, später aber wieder aufgebaut, von n gu- ihren Besitzern, den Herren von Falkenberg im I. l 608 an den Bischof von Paderborn - und «erkauft und sammt dem dabei befindlichen Minoritenkloster im Dreißigjährigen Kriege ui«i- gänzlich zerstört wurde, hielt, Herkommen, s. Observanz. ahrh. Hermandad, ein span. Wort, welches so viel als Verbrüderung (germsnitas) be- stadt, deutet. Man bezeichnet damit die Verbindungen, welche die Städte Castiliens und Ara- 'we:< gons zur Aufrechthaltung des Landfriedens gegen die Anmaßungen und Räubereien des muk. Adels schlossen. Sie wurden hierin von den Königen unterstützt, welche in diesen Verbin- ilmig düngen ein Mittel sahen, die Macht des übermüthigen Lehnsadels zu brechen. In Aragon »eff« entstand die erste derartige Verbindung um die Mitte des >3. Jahrh., in Castilicn aber 1282. Mn - Im I. 1295 schlossen die Städte Castiliens und Leons eine Verbrüderung, welche jedem ckstt, Adeligen, der einen Bundesgenossen beraubt oder gekränkt hatte und nicht Genugthuung üaeu. leisten oder Bürgschaft für die Beobachtung des Rechts stellen wollte, seine Besitzungen zu -üden . verwüsten drohte. Völlig organisirt und mit bedeutenden Vorrechten auSgestattct wurde die iesta- Hermandad 1ä86inCastilienzu einer Verbindung sämmtlicher Städte behufs der Aufrecht- M Haltung des Landfriedens in diesem damals, hauptsächlich durch das Umsichgreifen deS i sinb Adels, sehr zerrütteten Reiche. Die Stadtgemeinden warben, derDeutschenHansa (s.d.) chkel, gleich, ein Heer und ernannten Richter in verschiedenen Gegenden des Reichs. Die Störer nach des Landfriedens wurden von der bewaffneten Macht ausgesucht, vor die Richter geführt > i öl und bestraft. Weder Rang noch Stand schützten gegen die Hermandad, die damals das denk Prädiear der heiligen erhielt, und selbst das Asylrecht der Kirchen galt ihr gegenüber nicht. 86 Hermanfned Hermann Der Adel lehnte sich zwar gegen die Hermandad auf, doch vergebens, da der König dieselbe schützte. Auch in Aragon wurde >488 die Hermandad förmlich organisirt. Gegen die Mitte des lti.Jahrh. wurde die heiligeHermandad zu einer bloßen Gendarmerie, die indieverschie- denen Bezirke des Königreichs Castilien und Leon vertheilt, über die Sicherheit der Straßen außerhalb der Städte wachte, aber nicht eher eingriff, als bis die strafbare Thal geschehen war. Hermanfned, der letzte König der Thüringer, erwarb sich durch seine Heirath mit der Nichte des Östgothenkönigs Thcoderich des Großen, Amalberga, zwar einen starken Schutz gegen die Übermacht der Franken, brachte aber mit dieser seiner ehrgeizigen Gemahlin zugleich Zwiespalt in sein Haus und bereitete so sich und seinem Reiche den Untergang. Auf Anstiften Amaiberga's tödtete nämlich H. den einen seiner mitregierenden Brüder, Berthen', gegen den andern aber, Balderich, verband er sich mit dem Frankenkö- nige Theoderich i. und versprach demselben als Lohn für seinen Beistand die Hälfte seines Landes. Als nun Balderich geschlagen und gefallen war und H. somit seinen Zweck, die Alleinherrschaft, erreicht hatte, weigerte er sich, dem Frankenkönige sein Versprechen zu halten. Dieser zog darum in Verein mit seinem Bruder ChlotarI. und den Sachsen gegen die Thüringer und brachte ihnen in einer mörderischen Schlacht an der Unstrut eine gänzliche Niederlage bei. Darauf soll der des größten Theils seiner Länder beraubte H. vom Könige Theoderich freundschaftlich zu einem Besuche eingeladen und als beide einstmalsich miteinander auf der Mauer von Zülpich ergingen, hinterlistigerweise von der Höhe hin- abgestürzt und so getödtet worden sein. Nach einer andern Sage, deren sich über den thüringer Helden mancherlei in gereimter und nicht gereimter Rede erhalten haben, hätte sich H. nach jener Schlacht in seiner Residenz Schidingen (Burgscheidungen) an der Unstrut eingcschloffen und wäre dann, als diese von den Sachsen erstürmt worden, auf der Flucht durch seinen Waffenträger umgebracht worden. Nach dem traurigen Ende ihres Gemahl- suchte die Unglücksstifterin Amalberga nebst ihrem Sohne Amalafried und ihren übrige» Kindern Schutz bei ihren Verwandten in Italien. Hermann wird herkömmlich der german. Held genannt, den die Römer ^rmini»! nennen und den Tacitus selbst als den Befreier Germaniens anerkennt. Sein einheimischer Name lautete aber eher Armin, eine Nebenform von Irwin oder Jrman, welches Wort auch der Eigenname eines der drei göttlich verehrten Söhne des Mannus ist, appellativisch, wie es in Zusammensetzungen erscheint, das Gewaltige, Mächtige bezeichnete und wenigstens mit dem gewöhnlichen Namen Hermann, d. i. Heermann oder Krieger, im Altdeutschen Hariman oder Heriman, nichts gemein hat. Er war der Sohn Sigimer's, gehört! einem edlen Geschlechte der Cherusker an, hatte Lheil genommen an den Feldzügen de- Tiberius in Germanien und sich als Führer einer cheruskischcn Hülfsschar das röm. Bürgerrecht und den Rang eines röm.Ritters erworben. Als Oaünctilius Varus (s. d.), früher Statthalter von Syrien, nach Germanien gesandt worden war, um dessen seit Drusu- von Rom abhängigen nordwestlichen Theil durch Einführung röm. Provinzialverfassung völlig ins röm. Joch zu bringen, erkannte H. die Gefahr, die der german. Freiheit drohte, und beschloß diese zu retten. Während er die Häupter der Cherusker (s.d.) und benachbarter Völker, namentlich der Kalten, Bructerer und Marsen, für seinen Plan gewann, täuschte er den Varus durch Ergebenheit. Dieser ließ sich verleiten, weit im Innern, an der Weser, vermuthlich in der Gegend von Vlotho, mit drei Legionen ein Lager zu beziehen und blieb, obwol durch Segest, einen andern cheruskischcn Führer, gewarnt, in sicherer Ruhe. Durch die Nachricht, eine entfernte Völkerschaft habe sich empört, wurde er bewogen, sein Lager im Spätsommer des I. 9 n. Chr. zu verlassen, um gegen jene zu ziehen. Unterwegs entfernten sich H. und die andern german. Edeln von ihm, ihre Völker, angeblich zum Hülfszuge, zu entbieten, und dann erst, als schon einzelne Angriffe ausseine Scharen begannen, erkannte Varus die wahre Lage der Dinge. Um zu dem röm. Hauptcastell an der Lippe, Aliso, zu gelangen, wendete er seinen Marsch nach Westen dem Waldgebirge zu, welches, ein Theil der Bergkette Osning oder Osnegge, von Tacikus der Teutobur- gerwald (s. d.) genannt wird. Auf bahnloscm Wege, unter furchtbarem Unwetter hatte das röm. Heer gegen fortdauernde Angriffe der Germanen zu kämpfen; an Zahl und Kraft geschwächt gelangte es am dritten Tage an den südwestlichen Abhang drS Gebirgs, 87 Hermann l. (Pfalzgraf von Sachsen) wo es von der german. Hauptmacht auf dem sumpfigen waldbedcckten Boden in der Gegend des Ursprungs der Ems und Lippe von allen Seiten angegriffen wurde. Varus tödtete sich selbst; sein Haupt wurde als Siegeszeichen dem Marbod (s. d.) geschickt, der es nach Nom sandte; von den Gefangenen, die nach langem Gemetzel übrigblieben, wurden viele den Göttern geopfert oder aufgehenkt; namentlich soll die den Germanen verhaß- ten röm. Sachwalter grausame Rache getroffen haben, und Viele kamen in die Knecht- schaft. Ein starkes, kriegsgeübtes Heer, im Ganzen wol äUOix» M., war in der Hermanns sch la ch t von den Germanen, die H. vereint und angeführt hatte, vernichtet worden ; die röm. Befestigungen zwischen der Weser und dem Rhein, auch Aliso, aus welchem L. Cädicius sich mit der Besatzung und den wenigen Flüchtigen, die sich zu ihm gerettet hatten, zum Rhein durchschlug, fielen in dieHande der Germanen, und das Land war von röm. Herrschaft befreit. Damit begnügten sich die Deutschen; Augustus aber, als er die Kunde in Rom erhielt, war der Verzweiflung nahe in maßloser Besorgniß vor neuen cimbrisch- teutonischen Zügen. Für die Sicherung der Rheingrenze sorgte sogleich Tiberius; das Verlorene wiedcrzugewinnen, unternahm erst im I. l-1 Germanicus (s. d.). Zwischen H. und Segest, der zur Theilnahme an der Schlacht gegen Varus gezwungen worden war und dessen Tochter Thusnclde H. entführt hatte, war offener Kampf ausgebrochen. Ger- manicus zog dem Segest, der ihn anrief, zu Hülfe, befreite ihn, während H. selbst abwesend war, von der Belagerung durch dessen Partei und nahm Thusnclde, die bald nachher einen Sohn, Thumelicus, gebar, mit dem sie später im Z. > 7 n. Ehr. dem Thriümphzuge des Germanicus folgte, gefangen. Zur Rache entbot nun H. die Cherusker. Gcrmanicus zog im I. l 5 bis zur Wahlstatt des Varus; nach einem Treffen wich H., um sich auf den Theil des Heers, den der in vierzigjährigem Dienste erprobte Cäcina führte, zu werfen. Schon schienen die Angriffe auf dem Marsche eine Wiederholung der varianischcn Niederlage herbeizuführen, aber ein Sturm auf das Lager, zu dem Jnguiomar, H.'s Oheim, wider dessen Rath angetrieben hatte, misglückte und die Germanen mußten sich zurückziehen. Im nächsten Jahre erneuerte sich der Krieg; Germanicus ging über die Weser, an der H. seinen Bruder Flavius vergeblich aus röm. Kriegsdienste für die Sache der Germanen zu gewinnen suchte. In zwei blutigen Treffen, die in der Gegend von Minden (das erste, in dem H. verwundet der Gefangenschaft kaum entkam, auf dem Felde Jdistavisus) geschlagen wurden, blieben die Römer zwar Sieger, doch beschloß Gcrmanicus die Rückkehr, und Tiberius, der ihn im folgenden Jahre zurückrief, gab die kriegerischen Unternehmungen gegen Germanien auf. In Gcrmaniens Innern kam es im I. 17 zum Kriege zwischen H. und Marbod, gegen dessen wachsende Königsgewalt jener als Schützer der alten ger- man. Freiheit galt, sodaß die Scmnonen und Langobarden sich von Marbod lossagten und ihm anschlossen, während sein Oheim Jnguiomar, weil er es für schimpflich hielt, unter dem Neffen zu stehen, ihn verließ. Eine heftige Schlacht blieb unentschieden, doch zog sich Marbod zurück und H. galt als Sieger. Auch er soll hierauf sich in dem Ansehen, dessen er genoß, überhoben und nach königlicher Macht gestrebt haben. In den Parteikämpfcn, die dadurch bei den Cheruskern entstanden, fand H. durch die List seiner Verwandten den Tod im I. 21 n. Chr. Sein Andenken wurde zu des Tacitus Zeit von den Germanen in Liedern gefeiert. Ein kolossales Denkmal für ihn auf der Grotenburg bei Detmold ist gegenwärtigen der Ausführung begriffen, bestehend in der aus Kupfer getriebenen Statue H.'s auf hohem Piedestal. Vgl. Roth, „H. und Marbod" (Stuttg. 1817), Maßmann, „Armin, der Fürst der Cherusker" (Lemgo >839), und über den Ort der Hermannsschlacht besonders Clostermeier, „Wo H. den Varus schlug u. s. w." (Lemgo 1822) und G. W. von Düring, „Wo schlug H. den.Varus? u.s.w." (Quedlinb.undLpz. 1825). Hermann I., Pfalzgraf von Sachsen und Landgraf von Thüringen, war der Sohn der Landgrafen Ludwig des Eisernen und der Juditha, der Tochter des Herzog Friedrich's von Schwaben, des Vaters Kaiser Friedrich's I. Der Erste kann er nur insofern heißen, als man Hermann von Winzenburg, welcher nach Ludwig dem Springer kurze Zeit Landgraf von Thüringen war, und dessen gleichnamigen Sohn unter den Landgrafen von Thü- ringen nicht mitzählt. Im Vereine mit andern Fürsten zogen H. und sein Bruder Ludwig III. gegen den geächteteten Heinrich den Löwen (s. d.), der sie aber 1180 zurück- 88 Hermann Contractus Hermann (Friedr. Bened. Wilh.) schlug und ihnen auf dem Fuße nach Thüringen folgte. In Folge einer uuzcitig eingegange- nen Schlacht am >5. Mai 118» wurden sie von Heinrich gefangen genommen, jedoch ! >81, um von Kaiser Friedrich einen billigem Frieden zu erlangen, wieder freigegebcn. Auf dem Reichstage zu Erfurt im I. l 181 erhielt hierauf H. die pfalzgräfliche Würde in Sachsen, auf welche seinBruderLudwig verzichtet hatte, und hatte hierauf seinenSitzaufderNeuen- burg an der Unstrut, dem jetzigen freiburger Schlosse, bis er nach seines Bruders Lud- wig's III. Tode im Z. 119» als Landgraf von Thüringen die Wartburg bezog. Kaiser Heinrich's VI. Absichten auf Thüringen wußte er durch energische Maßregeln zu vereiteln. Mit gleicher Entschlossenheit und gleichem Glück widersetzte er sich 1191 den Anmaßun- gen des Erzbischofs Konrad von Mainz und des Abts von Fulda. Dadurch aber, daß er in den Kriegen nach Heinrich's Tode, 1198—12»8, bald mit Philipp von Schwaben, bald mir Otto IV. von Braunschweig im Bunde war, zog er seinem Lande so große Verwüstungen zu, daß der Erwerb von Nordhausen, Mühlhausen, Saalfeld, des Schlosses Ranis und des Bezirks an der Orla nicht für Ersatz gerechnet werden konnte. In noch viel größere Leiden hätte er aber sehr leicht sein Land dadurch stürzen können, daß er, als endlich Otto allein Kaiser war, eine Anzahl deutscher Fürsten und Grafen in Naumburg versammelte, welche den vom Papste Jnnocenz ausgegangenen Vorschlag, Otto abzusetzen und Friedrich von- Sicilien zu wählen, zum förmlichen Beschluß erhob. Schon hatten die Sachsen sich der Städte Nordhausen und Mühlhausen bemächtigt und viele seiner Vasallen sich gegen ihn aufgelehnt, als Fricdrich's II. schnelles Einrücken in Deutschland ihn aus seiner Verlegenheit rettete. Mitten unter den kriegerischen Beschäftigungen vernachlässigte H. jedoch keineswegs die Künste des Friedens. Sein Leben fällt in das goldene Zeitalter der deutschen Poesie. H.'s Name selbst steht mit in den Reihen der Minnesänger, die er gern als eine besondere Zierde an seinem Hofe aufnahm. Schon als er noch Pfalzgraf von Sachsen war, hatte er deren mehre um sich versammelt. Ihre Zahl mehrte sich, als er seinen Sitz auf die Wartburg verlegte. Groß war H.'s Einfluß auf die Poesie seiner Zeit, dafür haben auch die berühmtesten der Sänger an seinem Hofe sein Andenken verewigt. Unter ihm fand 1207 jener berühmte poetische Wettkampf statt, der unter dem Namen des Wartburgkriegs (s. d.) bekannt ist. H. war zweimal verheirathet. Durch seine Tochter erster Ehe, Jutta, die er mit dem Markgrafen Dietrich von Meißen vermählte, wurde er Großvater Heinrich's des Erlauchten. Mit seiner zweiten Gemahlin, Sophia, einer Tochter des Herzogs Otto des Großen von Baiern, zeugte er Ludwig, seinen Nachfolger in der Negierung, und den Gemahl der heil. Elisabeth (s. d.), Heinrich Raspe (s. d.), Ludwig's Nachfolger und Gegenkönig Konrad's IV., Irmengard, die sich nachmals mit dem Grafen von Anhalt vermählte, und Agnes, die nachherige Gemahlin des östr. Herzogs, Heinrich des Grausamen von Medling, auf welche insgesammt der Geschmack an deutscher Poesie übergegangen war und in weitern Kreisen verbreitet wurde. H. starb zu Gotha auf der Reise 1216 und wurde im Kloster auf dem Berge vor Eisenach begraben. Hermann Contractus, d. i. der Preßhafte oder Gebrechliche, einer der verdienstvollsten Männer des 11. Zahrh. und einer der Quellenschriftsteller der deutschen Geschichte, geb. am 18. Juli 1013, stammte aus dem schwäb. Grafengeschlechte Vehringen und wurde im Kloster Reichenau gebildet, wo er nachmals Mönch war. Er starb am 24. Sept. 1654 auf dem väterlichen Gute zu Aleshuscn bei Biberach, wo er begraben wurde. Sein wichtigstes Werk ist ein „(lbronicon", das bis zum 1.1954 reicht und von dem Presbyter Ber- tholduS oder Bernoldus bis zum J. I V66 fortgesetzt wurde. Dasselbe ist eine Nachahmung des Chronikons von Beda, welches es in chronologischer Hinsicht beiweitem übertrifft. Mit der Fortsetzung wurde cs am besten von Ussermann (2 Bde., Sanct-Blasien 1790— 94, -1.) und von Pertz in den „blnnumenta 6ermau. bistorica" (Bd. I, Hannov. 1826, Fol.) herausgegeben. Nächst mehren andern Schriften lieferte er auch geistliche Dichtungen, namentlich schreibt man ihm die Kirchengesänge „Salve regsirm", „älms reüemxto- ris" und „Veni sancte Spiritus" zu. Hermann (Friedr. Bened. Wilh.), Ministerialrath und ordentlicher Professor der StaatSwirthschaft zu München, einer der ersten Staatsökonomen der Gegenwart, geb. am S.Dec. 1795 zu Dinkelsbühl in Baiern, wurde, nachdem er die dortige lat. Schule besucht 89 Hermann (Joh. Gottfr. Jak.) batte, zum Rechnungswesen bestimmt, worauf er als Gehülfe in einem Nechnungsamte arbeitete, !bis die Versetzung seines Vaters nach Erlangen ihm Gelegenheit bot, die ver- säumte Eymnasialbildung nachzuholen. Auf den Universitäten zu Erlangen und Würz- bürg widmete er sich sodann dem Studium der Mathematik und der Kameralwissenschaf- tcn. Mit einem Freunde leitete er seit 1817 eine Privaterziehungsanstalt in Nürnberg, bis er 1821 Lehrer der Mathematik am Gymnasium zu Erlangen wurde, worauf er sich 1823 als Privatdocent im Kameralfache an der dortigen Universität habilitirtc. Später wurde er Professor der Mathematik am Gymnasium und an der Polytechnischen Schule zu Nürnberg, wo er bis > 827 blieb. Hierauf unternahm er eine Reise nach Frankreich, um die Einrichtung der technischen Unterrichtsanstalten kennen zu lernen; nach seiner Rückkehr wurde er außerordentlicher und 1833 ordentlicher Professor der Staatswirthschaft an der Universität zu München. Zm Z. >835 erfolgte seine Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften, an deren „Gelehrten Anzeigen" er als Mitarbeiter fleißig theilnahm. Seit 1836 wurde er alljährlich als Jnspector der technischen Lehranstalten und wiederholt zu wissenschaftlichen Reisen, wie nach Paris und nach Berlin zu den Industrieausstellungen, verwendet, 1837 zum Mitgliede des obersten Kirchen- und Schulraths, dann zum Ministerialreferenten und 1835 zum Ministerialrath im Ministerium des Innern ernannt. Von seinen Schriften erwähnen wir das „Lehrbuch der Arithmetik und Algebra" (Nürnb. 1826); „Uber polytechnische Institute" (Heft I und 2, Nürnb. 1826— 28); „Staatswirthschaftliche Untersuchungen" (Münch. 1832), ein Werk, das ihm im Gebiete der staatswirthschaftlichen Literatur einen bleibenden Namen sichert; seine Abhandlung über den Zustand des Münzwesens in Deutschland und die Vorschläge zur Abstellung seiner Gebrechen in Nau's „Archiv der politischen Ökonomie und Policeiwissen- schaft" (1833, Heft 1 und 2) und endlich seinen Bericht „Die Industrieausstellung in Paris im I. 1839" (Nürnb. 1830). Hermann (Joh. Gottfried Jak.), der erste unter Deutschlands Philologen und Kritikern, der würdigste und kräftigste Vertreter des Humanismus in neuester Zeit, ebenso gefeiert als Mensch durch edle Freimüthigkeit und strenge Wahrheitsliebe, geb. am 28. Nov. 1772 zu Leipzig, zeigte, mit den glänzendsten Fähigkeiten ausgestattet, schon frühzeitig eine entschiedene Neigung für die altclassische Literatur, die durch den Privatunterricht Jlgen's (s. d.), des nachherigen Rectors in Pforta, so weit genährt und gekräftigt, daß er bereits im 13. Jahre seine akademischen Studien beginnen konnte, auch dann noch vorherrschend blieb, als er nach dem Wunsche seines Vaters, der Senior des leipziger Schöppenstuhls war, dem Rechtsstudium sich widmete. Namentlich war cs jetzt die Lehre und das Beispiel des mit ihm verwandten trefflichen Fr. Wolfg. Reiz (s. d.), die seiner frühem Neigung neues Leben und neuen Aufschwung verliehen. Zwar begab er sich zur Vollendung seiner juristischen Studien, bei denen nur das Naturrccht seinem Geiste einige Befriedigung gewährte, nach Jena und bewährte das tiefere Eindringen in dieselben durch eine Abhandlung „Ve iimclamentojuris pnniencli" (1793); doch bald nach der Rückkehr in seine Vaterstadt entsagte er dieser Laufbahn gänzlich. Nachdem er sich durch Verteidigung der Schrift „!)<-poeseos z-eiiandus" im I. 1793 als akademischer Docent habi- litirt, wurde er 1798 außerordentlicher Professor der Philosophie. In Folge eines Rufs nach Kiel, den er ausschlug, erhielt er 1803 die ordentliche Professur der Bcredtsamkeit, mit welcher 1809 die der Poesie verbunden wurde, in denen er noch gegenwärtig, nachdem er am 19. Dec. 1830 das 50jährige Jubiläum als Doctor der Philosophie und am 18. Oct. 1833 das gleiche als akadrmischer Lehrer gefeiert, als Senior der Universität und als erste Zierde derselben mit wahrhaft jugendlicher Frische durch Wort und That wirkt. Seine Vorlesungen, theils die Erklärung griech. Schriftsteller, thcils die verschiedensten Zweige der Altertumswissenschaft umfassend, zeichnen sich durch seltene Lebendigkeit des Vortrags, durch Klarheit, Schärfe und Bestimmtheit in der Darstellung und durch eine unübertroffene Methode aus und haben stets eine große Anzahl Lernbegieriger herbeigezogen, die in ihren spätem Wirkungskreisen als Lehrende die ftuchtbringende Lehre des Meisters treulich fortpflanzten zur Förderung echt wissenschaftlicher Bildung auf Schulen und Universitäten. Mit gleichem Eifer strebte er durch die 1793 gestiftete Griechische Gesell- 90 Hermann (Joh. Gottfr. Zak.) schaft und durch Übernahme des Direktoriums des philologischen Seminars seit 1834 vor engern Kreisen das eigene Urtheil seiner Schüler zu wecken und zu schärfen, Gründlichkeit und Geschmack zu verbreiten. Das Feld, welches er zuerst auf neue Weise und selbständig zu bebauen begann, war die Metrik, indem er hier den blos historischen Weg als unzureichend verließ und eine wissenschaftliche Theorie derselben aus der Kantischen Lehre von den Kategorien construirte. Die Grundsätze hierüber sind entwickelt in den besonder» Werken „Oe iimtrjs graec. et roin. ziostsruiu" (Lpz. 1796), „Handbuch der Metrik" (Lpz. > 799), „Klementa lloctriime metricae" (Lpz. 1816), „blziitome elnetrinss mstiicae" (Lpz. 1818; 2. Aust., 1841) und „Oe wetris kintluri" an der Heyne'schen Ausgabe des Pin- dar (3 Bde., 2. Aust., Lpz. 1817). Vgl. Freese, „Oe llermamii metrieu ratione" (Halle, 1829). Weit wichtiger noch in seinen Folgen war die von ihm begründete rationelle Behandlung der griech. Grammatik, die auf eine bessere Gestaltung der Grammatik der lat. und selbst der neuern Sprachen, namentlich der deutschen, einen wesentlichen Einstuß hatte. Außer mehren kleinern Abhandlungen gehört besonders hierher die Schrift „Oe emen- el-mrla ratinne grsee. grammiiticae" (Lpz. 1861), sowie die gehaltreichen Zusätze und Excurse zu Viger „Oe ^raec. rlirtionis irliotismis" (Lpz. 1862; 1 . Aust., >834). Die hier entwickelte Schärfe und Bestimmtheit finden wir wieder in den zahlreichen Bearbeitungen der Alten, besonders der griech. Tragiker, indem er die von Erfurt begonnene Ausgabe des Sophokles seit >823 vollendete, die neuen Auflagen mehrer Stücke besorgte und mehre Tragödien des Euripides, besonders „Oeciilia" (Lpz. >866), „Siippliees" (1811), ,Me<1ea"(I823), „I1iioeh«e"(1823), ,,^Icestis"(1824), „Ion" (1827), „Iplii- genia ^ul." (1831), „lpüijgeniir Hur." (1833), „blelena" (1837), „^nrlromuelie" (1838), „lulres" (Lpz. 1866; 2. Aust., 1836), die „Orpiüea" (Lpz. 1865), die Homerischen Hymnen (Lpz. 1866), den ,,'I'riimmmus" des Plautus (Lpz. 1866) und die Schrift des Aristoteles „Oe orte poetieu" (Lpz. 1802) theils kritisch, theils grammatisch und exegetisch behandelte. Ebenso unabhängig von allem Auctoritätsglauben handhabte er die Kritik, wobei es ihm nach dem Vorgänge Bentley's zuerst darauf ankam, aus dem Gedanken und der Sprache das Wichtige zu ermitteln, auf welchem Wege er in den meisten Fällen nicht mit Scheingründcn sondern mit schlagenden Argumenten das Wahre bis zur Evidenz nachgewiesen hat. Wie treffend übrigens H. nicht blos grammatische, sondern auch andere Gegenstände wissenschaftlichen Inhalts, sowie Zeitfragen und örtliche unpersönliche Verhältnisse aufzufassen und anziehend zu schildern verstand, beweist die größt Zahl der von ihm selbst zusammengestellten kleinern Aufsätze und Programme in den „Opuscula" (7 Bde., Lpz. 1827—36), in denen wir zugleich die außerordentliche Eleganz des lat. Stils bewundern; in derselben Sammlung finden sich auch dke bei verschiedenen Veranlassungen verfaßten Oden und übrigen Gedichte, welche einen wahrhaft röm- Geist athmen. Da H. in allen seinen Forschungen die genaue Kenntniß der Sprache als den einzig sichern Weg bezeichnet«, um zu einer klaren und ungetrübten Anschauung des geistigen Lebens der alten Welt zu gelangen, so konnte es bei den Bestrebungen der neuesten Zeit, das Alterthum in dieser höhern Bedeutung zu betrachten und aufzuschließen, kaum fehlen, daß von einer andern Seite sich Stimmen erhoben, welche hierin eine einseitige Auffassung und Richtung erkannten und ihn selbst der Vernachlässigung des realen Theils der Philologie beschuldigten, den sie auf Kosten der Sprache bevorzugten. Doch hat H. nie mit Geringschätzung auf diesen Thcil hingeblickt, sondern nur auf die verkehrte Weise aufmerksam gemacht, mit der man denselben theilweise zu bearbeiten begann, daherermit Böckh (s.d.) und O. Müller (s. d.) in einen verdrießlichen Streit verflochten wurde, der ihn zur Bekanntmachung der Schrift „Über Böckh's Behandlung der griech. Inschriften" (Lpz. 1826) veranlaßte. Mehr freundlich war der Austausch entgegengesetzter Ansichten über das Wesen und die Behandlung der alten Mythologie zwischen ihm und Creu z er (s. d.), hervor- gcrufen zunächst durch H.'s Programm „Oe m)-tkolog>s Oraecorum kmtiyuissima" (Lp;- 1867), weiter ausgeführt in den „Briefen über Homer und Hesiodus" von ihm und Creu- zer (Heidelb. 1818). Diese Kämpfe, bei denen er sich nur der Waffe des offenen und ehrlichen Mannes bediente, wird man vergessen, seine Verdienste aber werden noch in den spä- Hermann (Karl Friede.) Hermann (Karl -Heinr.) !)l testen Zeiten im reinen und unverfälschten Lichte glänzen, wie dieselben das In- und Ausland in der Gegenwart bereits durch mehrfache ehrende Auszeichnungen und Ordensdcco- rationen anzuerkennen sich beeifert hat. Die gebildete Welt wird stets in ihm, wie Goethe ihn nannte, „den meisterhaften Kenner" bewundern, „der das Alte zu erneuern und das Abgestorbene zu beleven versteht", und die gewichtigen Worte, die H. selbst einst in anderer Beziehung aussprach, „La msxüns «st et non interitura laus, non utiiein tsntum, soll otism SOI, um virum esse", finden auf seine Denk- und Handlungsweise die schönste An- Wendung. Hermann (Karl Friedr.), ordentlicher Professor der Philologie zu Göttingen, einer der gründlichsten und geistreichsten Alterthumsforscher der neuesten Zeit, geb. am 4. Aug. 1804 zu Frankfurt am Main, erhielt auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und zu Weil- burg, wo er sich der besondern Leitung Eichhosss erfreute, seine erste Bildung; widmete sich dann seit t 820 auf den Universitäten zu Heidelberg und Leipzig unter Creuzer, Hermann und Spohn den philologischen Studien mit dem glücklichsten Erfolge, während er zugleich unter Anregung der Burschenschaft ein frisches, fröhliches Studentenlcben führte. Bereits im Mai 1621 erlangte er durch sein „8peci,nen coiomeillsrH crit. ml ?I>itsr«bi cke superstit. libellum" die philosophische Doctorwürde. Nachdem er eine wissenschaftliche Reise nach Italien unternommen, habilitirte er sich 1826 in Heidelberg, wo er 1832 außerordentlicher Professor wurde. Ein Jahr darauf erhielt er die ordentliche Professur der Philologie und Eloquenz in Marburg, und 1842 kam er in gleicher Eigenschaft nach Eöttin- gen. Ihm ist es vorzüglich gelungen, theils in seinen mündlichen Vorträgen, theils in seiner schriftstellerischen Thätigkeit das grammatische und realistische Element der Philologie aufrichtige Weise zu verbinden und die Alterthumswissenschaft nach den verschiedensten Seiten hin zu fordern und zu erweitern, wie dies seine zahlreichen Schriften beweisen, welche die Staatsalterthümer, die alte Philosophie, Mythologie und Literatur zum Gegenstände der Behandlung haben. Unter letzter» erwähnen wir besonders die Bearbeitung von Lucian's Buch „De conscriboncks bistoris" (Franks. 1827); das treffliche „Lehrbuch der griech. Staatsalterthümer" (Heidelb. 1831; 3. Aufl., 1841); die „Geschichte und System der Platonischen Philosophie" (Bd. 1, Heidelb. 1830), und unter der großen Menge von akademischen Abhandlungen außer den gelehrten Untersuchungen und Erläuterungen über Platon, Sophokles, AristophaneS, Horaz, Terenz, Pcrsius und Juvenal, die „Ds cimsis lurbstse spuck Dscecksemooios sgrurum secpiickitstis" (Marb. 1834); „De ecpii- tibus Urtiers" (Marb. >835); „De fürs et aiictoritate insFisIrstunm spuck^tbenienses" sMarb. >830); „De Dippocksmo Nllesiu" (Marb. 1841); „^»tiquitstes Dseonicse" jMarb.und Lpz. 1841); „De proeckris" (Gött. 1843); „DesimoDelpliico" (Gött.1844); „De lege Dutstis^ (Gott. 1844); „Vinckicise lstinitstis epistol. tüieeronis sck ^tticmu" (Gott. >844); „Uber griech. Monatskunde" (Gött- 1844) und „Über die Hypäthraltem- pel des Alterthums" (Gott. 1844). Hermann (Karl Heinr.), einer der vorzüglichsten Historienmaler, geb. zu Dresden 1801, machte hier seine ersten Studien, die er dann in Düsseldorf unter Cornelius fort- sehte. Mit einem andern Schüler desselben Meisters, Götzenberger, malte er gemeinsam die Fresken in der Aula der Universität zu Bonn, worunter die von ihm entworfene „Theologie" ein Werk von besonders tiefsinniger Intention aber noch unvollkommener Färbung ist. Später begleitete er Cornelius nach München, wo er mehre Kartons-desselben in Fresco ausführte, z. B. in der Glyptothek und in der Ludwigskirche. Unter seinen eigenen Kompositionen ragen am meisten hervor die Fresken nach Eschenbach's „Parzival" im Königs- bau, das schöne Deckengemälde der protestantischen Kirche und besonders eins der Bilder aus der bair. Geschichte in den Arkaden des Hofgartens, den Sieg Kaiser Ludwig des Baiern bei Ampsing darstellend, eine Composition, die sich dem Beschauer unauslöschlich einprägt. JmJ. 1844 wurde er nach Berlin berufen, um die berühmten Entwürfe Sch in- kel's (s. d.) für die Vorhalle des Museums auszuführen; ein Unternehmen, welchem er, sich mit größtem Fleiße hingab, das aber an innern Schwierigkeiten leidet, indem Schin- kel's Entwürfe auf Lichteffecte berechnet sind, welche dem Frescobilde nicht zu Gebote stehen. Auch hat er neuerdings eine Reihe schöner Kompositionen zur deutschen Geschichte 92 Hermannstadt HermaphroditiSmns in mehren crnamentistisch angcordncten Blättern geliefert. Sein Stil ist kernig und charakteristisch, in den frühem Werken etwas hart, in den neuern bis zur völligen Anmuth durchgcdrungcn. Seine Erfindung und Compositionsweise ist großartig und poetisch und gibt ihm einen Rang unter den ausgezeichnetsten Malern. Herma: nstadt (6ikiniuin, Ungar. Niij-^-SrcWe»), die Hauptstadt des Sachscn- landes in Siebenbürgen und die schönste Stadt des Eroßfürstenthums, in einer schönen Ebene am Zibinflusse, der hier in die Aluta sich ergießt, besteht aus der obern, der untern Stadt und den drei meist von Walachen bewohnten Vorstädten und hat > 8500 E., darunter etwa oooo Protestanten. Die obere Stadt liegt auf einer Anhöhe, ist nach alter Art mit doppelten Mauern und einem tiefen Graben umgeben, hat einen schönen Marktplatz und regelmäßige Straßen. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus die' große goth. Kathedrale der Evangelischen, die katholische Parochialkirche, das Landhaus, das Nathhaus, das Zeughaus und der Palast des Bruckcnthal'schen Museums. Dieses letztere enthält eine ansehnliche Bibliothek und eine Münzsammlung, eine interessante Sammlung von Nationalalterthümcrn und ein Mineraliencabinet, und ist mit dem lutherischen Gymnasium, das eine Art Universität bildet, verbunden. H. ist der Sitz eines griech. nicht unir- ten Bischofs mit Domcapitel, des lutherischen Oberconsistoriums, des siebenbürg. Thesau- rariats, des MilitairgeneralcvmmandoS, des königlichen Grafen oder Statthalters und anderer Behörden, sowie her Versammlungsort der Universität oder des Landtags der Deutschen. Außerdem sind hier ein katholisches Gymnasium, eine Normalhauptschule, eine Mädchenschule, zwei Waisenhäuser, ein Militairerziehungshaus, vier Kranken- und Ver- sorgungshäuscr, ein Militairhospital, eine Armenanstalt, ein Zucht- und Arbeitshaus. Die Einwohner sind sehr betriebsam und liefern jährlich gegen >10000 Stück Tuch und über eine Million Hornkämme; auch gibt cs hier viel Gerbereien, drei Wachsbleichen, eine Papier- und eine Pulvermühle, einen Kupferhammer, zwei Buchdruckereien und eine Buchhandlung. Der Handel ist bedeutend, namentlich nach der Türkei, und wird durch eine griech. Handelscompagnie gefördert. DieUmgcbungen sind schön; namentlich gibt es zahlreiche Lust-, Obst- und Gemüsegärten in der Nähe der Stadt. Das nahe Dorf Heltau ist wegen der Körpergröße seiner Einwohner berühmt. H. war ursprünglich ein Dorf und wird in dem uralten Stadtsiegel noch vills Hermann, genannt. Dieser Hermann, ein nürnberger Bürger, soll im 1 2. Jahrh. unter König Geisa II. eine Kolonie hierher geführt und den Ort gegründet haben, der bereits l 160 viele ansehnliche Häuser hatte und 1223 von König Andreas II. wichtige Gerechtsame erhielt. Hermaphroditismus (irermaplirockisia), Zwitterhaftigkeit oder Zwitterbildung bedeutet eigentlich diejenige Bildung organischer Geschöpfe, welche die Geschlechtsteile beider Geschlechter in einem Individuum vereinigt. (S. Ge sch l echt.) Diese Bildung ist normal bei vielen Pflanzen und einigen auf einer sehr nieder» Stufe der Organisation stehenden Thierclasscn, namentlich Mehren Mollusken, den Ringwürmern, einigen Familien der Eingeweidewürmer u. s. w., von denen einige wieder das ganze Geschäft der Zeugung allein vollbringen können, andere, z.B. die Schnecken, welche zwar die Geschlechtsteile beider Geschlechter vollkommen besitzen, aber nur durch Vermischung mit einem andern Thierc derselben Art sich fortzupflanzen im Stande sind. Bei den höher stehenden Lhieren und dem Menschen ist der Hermaphroditismus stets nur ein Bildungsfehler, eine Misbildung, zu welcher in den frühesten Anfängen der Körpercntwickelung durch bis jetzt noch unerforschte Gesetze der Keim gelegt wird und welche von ihrer Fehlerhaftigkeit durch die Unvollkommenheit des Geschlechtslebens der Zwitter ein deutliches Zcugniß ablegt. Mit dem Begriffe eines Hermaphroditen aus den höher» Thierclasscn darf daher durchaus nicht die Idee an eine konstante Form, an eine Classe Geschöpfe von derselben Beschaffenheit, wie etwa die hermaphroditischen Pflanzen - und Thiergattuugcn übereinstimmende Bildung besitzen, verbunden werden, sondern die Zahl derHermaphroditensormcn ist fast ebenso groß als bieder Hermaphroditen selbst. Die vollständige Ausbildung und Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane in demselben Individuum mit der Fähigkeit von beiden nach Belieben den von der Natur bestimmten Gebrauch zu machen und die Eeschlechtsfunctioncn vollständig bis an ihr Ende auszuführen, würde das Ideal des Hermaphroditismus dar- Hermaphroditus Hermathene 93 stellen. Jedoch ist dieses ungeachtet mancher Fabeln, die selbst von gelehrten Männern früherer Zeiten nachcrzählt werden, durch die Bcobacblungcn der neuern Zeit fast mit völliger Gewißheit als eine Unmöglichkeit dargethan worden, sodaß man den Gcdernkcn an die doppelten Geschlechtsverrichtungen gänzlich hat fallen lassen und einen wahren Zwitter nur ein solches Geschöpf nennt, bei welchem sich die hauptsächlichsten männlichen und wcibli bcn Sexualorgane nebeneinander finden. Doch sind auch Beispiele dieser Art selten genug, und meist zeigt sich die Zwitterbildung nur so, daß die Geschlechtsteile der einen Seite männlich, die der andern weiblich (Iiermapliroeliti-iinus lnteriills), oder die inncrn männlich, die äußern dagegen weiblich sind, seltener umgekehrt (Iiermsplirollitismus transvor-ali«), oder daß die Zahl der Geschlechtsorgane zwar vermehrt aber neben den ausgebildctern des einen Geschlechts die des andern nur angpdeutet oder verkümmert vorhanden sind. Eine ungleich größere Zahl, als diese, begreift der Name Zwitter in wcitcrm Sinne in sich. Man bezeichnet dann damit auch alle die Individuen, bei denen durch eine Deformität der äußern Geschlechtsteile, die in der frühesten Entwickelungsperiode des Menschen und der höher» Thicrc bei beiden Geschlechtern nicht ganz unähnlich, in den Grundzügen ihres Baues sogar ziemlich ähnlich sind, sich auf den ersten Anblick das Geschlecht nicht bestimmen läßt, durch genauere Untersuchung jedoch meist bald ermittelt wird. Sollte eine solche Untersuchung bei Kindern von zweifelhaftem Geschlecht noch kein befriedigendes Resultat geben, so ist doch von dem reifer» Lebensalter der Pubertät (s. d.) und den dann eintretenden Erscheinungen Aufschluß über das eigentliche Geschlecht zu erwarten. Ferner gehören dazu alle Diejenigen, bei denen auch die genaueste Untersuchung, selbst die innere nach dem Tode angestelltc, das Geschlecht zweifelhaft läßt, weil die Geschlechtsteile so verkümmert und zweideutig sind, daß sie durchaus keinen sichern Anhaltepunkt zur Bestimmung des Geschlechts geben. Endlich nennt man noch völlig Geschlechtslose, bei denen die Geschlechtsteile gänzlich fehlen, Hermaphroditen, eine Art Geschöpfe, die sehr selten vorkommt. Die Zeugungsfähigkeit der Zwitter ist im Allgemeinen eine sehr geringe und beschränkt sich fast nur auf jene Art, bei welcher auch durch eine genauere Untersuchung das Geschlecht aus- gemittelt werden kann. Da diese Eigenschaft zugleich die Ehefähigkeit bedingt, so kommen Fragen über den wirklichen oder nur scheinbaren Hermaphroditismus eines Individuums nicht selten vor das Forum der gerichtlichen Medicin, sowie diese auch bei Erbschaftsange- legcnheiten manchmal über diesen Punkt ihr Gutachten abzugeben hat. Vgl. Feiler, „Über angeborene Misbildungen und Hermaphroditen insbesondere" (Landsh. 1820 ). Hernraphrodltus, der Sohn des Hermes und der Aphrodite, wurde von Nymphen auf dem Jda erzogen, zog aber noch als Knabe nach Karien, wo die Nymphe der Quelle Salmakis, in der er sich badete, ihn vergeblich um Gegenliebe anflehte. Auf ihr Flehen zu den Göttern, immer mit ihm vereinigt zu sein, wurden ihre Leiber so verbunden, daß ein Doppelgeschöpf, halb Mann, halb Weib, entstand. Zu dieser Sage, die später», und zwar röm. Ursprungs ist, gaben vielleicht Herme n (s. d.) mit einem Aphroditekopf Veranlassung > wahrscheinlicher jedoch ist die Idee zu den Hermaphroditen in den asiat. Naturreligionen zu suchen, welche den ihnen eigenen Dualismus, der besonders in der Erscheinung des Männlichen und Weiblichen hervortritt, durch die Vereinigung derselben darzustellen suchten. Die spätere verweichlichte griech. Kunst, namentlich seit dem altern Polykles, versuchte sich viel in Darstellung des H., der nicht sowol als Natursymbol als vielmehr als Künstlcrphantasie anzusehen ist. Hermas, einerber sogenannten Apostolischen Väter, zweifelhaft, ob es der imNeuen Testament erwähnte Hermas sei, nach Andern einer der 72 Jünger, wird als der Verfasser eines Buchs „Der Hirt" genannt, das in der alten Kirche in solchem Ansehen stand, daß es den kanonischen Büchern bcigezählt wurde. Da indeß das unter diesem Titel in lat. Übersetzung noch vorhandene Werk dem Geiste jener Zeit hinsichtlich seines Inhalts durchaus nicht entspricht, so hat man dasselbe für eine spätere Zeit angehörend erachtet. Vgl. Jachmann, „Der Hirt des H." (Königsb. 1835 ). Hermatheire ist eine Bildsäule der Athene, die nach unten in eine Herme, einen viereckigen Fußpfeiler, ausläuft; nach Andern eine Bildsäule, an der die Köpfe des Hermes 94 Hermbstädi Hermen und der Athene Janusartig verbunden, oder wo die charakteristischen Züge beider Gottheiten wie beim Hermaphrodit in Einem Kopfe verschmolzen sind. Hermbstädi (Sigism. Friedr.), Chemiker, geb. zu Erfurt am 11.Apr. >760, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und widmete sich auf der dasigen Universität dem Studium dcrArzneiwiffenschaftcn. Namentlich wcndsc ersieh mitVorlicbe der Chemie zu; in Langensalza fand er Gelegenheit, sich in der praktischen Chemie zu vervollkommnen und mit der Pharmacie theoretisch und praktisch sich bekannt zu machen. Von hier ging er nach Hamburg, wo er in der Nathsapotheke einige Zeit arbeitete, dann nach Berlin, wo er eine Ofsicin übernahm und bei dem damaligen medicinisch-chirurgischcn Collegium seine Stu-, dien fortsetzte. Später privatisirtc er in Berlin, bis er >701 Professor der Chemie und Pharmacie an der vorerwähnten Lehranstalt und ihm zugleich die Administration der Hof- apothekc übertragen wurde. Hierauf kam er als Rath in das Obersanitätscollegium und als Assessor in das königliche Manufactur- und Commerziencollcgium und in die Salzadministration. Nachher wurde er Professor der Chemie an der allgemeinen Kriegsschule, bei der mcdicinisch-chirurgischen Akademie und amBergwcrkselevcninstitut, 1818 ordentlicher Professor der Chemie und Technologie an der Universität, sodann Geh. undObcrmedicinal- rath und starb am 22. Oct. 1833. Ungeachtet seiner vielfach vom Staate in Anspruch genommenen Zeit war er als Schriftsteller sehr thätig. Unter seinen Werken nennen wir als die für ihre Zeit vorzüglichsten seinen „Systematischen Grundriß der allgemeinen Erpcri- mentalchemie" (4 Bde., Berl. 1791—93; 3. Aust., >823); „Grundriß der Färbekunst" (Berl. 1802; 3. Aust., 1825); „Allgemeine Grundsätze der Bleichkunst" (Berl. >803); „Grundsätze der Technologie" (3 Bde., Berl. >816—25); „Chemische Grundsätze der Kunst, Branntwein zu brennen" (2 Bde., Berl. >817; 3. Aust., >841) und „Elemente der theoretischen und praktischen Chemie für Militairpersonen" (3 Bde., Berl. 1822). Außerdem hat er eine Menge Zweige der chemischen Technologie und Monographien bearbeitet. Er hat durch seine Schriften, die jetzt freilich meist veraltet sind, wesentlich zu Verbreitung technisch-chemischer Kenntnisse in Deutschland beigetragen. Hermelin, ein kleines aber blutgieriges und grausames Raubthier aus der Gattung der Marder, welches überall in Deutschland einheimisch, vorzüglich gern in der Nähe ländlicher Wohnungen sich aufhält und Hühnerhöfen gefährlich ist. Sein im Sommer brauner Pelz wird im Winter schneeweiß, während die Spitze des etwa vier Zoll langen Schwanzes sich glänzendschwarz färbt. Die besten Pelze liefert der Norden. Ehedem war der Hermelinmantel eine Auszeichnung, die sich die weltlichen Fürsten Vorbehalten hatten und die sie nur in besonder» Fällen mit fürstlichem Range bekleideten Personen gestatteten. Nur die Wappen regierender Herren sind mit dem Hermelinmantel umgeben. Als Wappenbild führt die Bretagne den Hermelin. Hermelin (Sam. Gust., Freiherr von), geb. am 3. Apr. I74H studirte zu Upsala vorzüglich die Gebirgskunde, trat dann in die Dienste des Bergcollegiums und wurde >781 Bergrath. Seine Reisen in Deutschland, Frankreich, Nordamerika und England weckten in ihm den Vorsatz, die schweb. Geographie und Statistik zu vervollkommnen. Er veranstaltete Beobachtungen und Untersuchungen in Wcstbothnien und Lappland auf eigene Kosten und es gibt wol.wenige schweb. Patrioten, die mit größer» Aufopferungen für des Vaterlandes und der Wissenschaften Nutzen und Ehre arbeiten, als H. An der lappländ. Grenze eroberte er gewissermaßen eine Strecke Landes, beinahe von loooilM., um daselbst Cultur, Leben und Bewegung hervorzurufen. In der Literatur errichtete er sich ein bleibendes Denkmal durch den vortrefflichen-Atlas über Schweden und Finnland, für dessen Ausführung er mit der größten Uneigennützigkeit sorgte. Nachdem er sein ganzes bedeutendes Vermögen auf diese Weise verwendet, sah er sich genöthigt, eine Pension anzunehmen, welche ihm der Reichstag von 1818 zuerkannte, und starb in Armuth am ä. Mär; 1820. Viele Aufsätze von ihm finden sich in den Abhandlungen der schweb. Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er war. Hermen heißen in der Kunstsprache Köpfe, welche in einen viereckigen Fußpfciler oder in eine Säule ausliefen, dergleichen es besonders in Athen viele gab. Den Namen erhielten diese Pfeiler von Hermes, weil diesen die Pelasgcr ohne Hände und Füße, mit auf- Hermeneutik Hermes (Georg) 95 gerichtetem Zeugungsglied bildeten. Die Hermen bildeten den Anfang der Bildhauerkunst, und in der ältesten Zeit waren wol alle Götterbilder nichts als ein Pfeiler mit einem unförmlichen Kopf. Hermeneutik ist die Wissenschaft, welche die Grundsätze der Auslegungskunst und zwar im cngern Sinne der Heiligen Schrift aufstellt. Die Hermeneutik verhält sich zu der Exegese (s. d.), wie die Theorie zu der Praxis. Hermes, s. Mercur. Hermes Trismegistus ist der griech.Name eines mythologischen Wesens der alten Ägypter, das bald mehr als Gott, bald mehr als historische Person dargestellt wird. Zm Allgemeinen stellt sich soviel mit Sicherheit heraus, daß H. in seinem Wesen identisch mit dem Thot (s. d.) ist, von dem er die ideelle Seite darstellt. Dieser Gott bildet nämlich, ähnlich dem griech. H., weshalb ihm auch die Griechen den Namen des letztem beilegten, den Vermittler zwischen Göttern und Menschen, und diese Eigenschaft ist es vorzüglich, welche in der Person des H. von den ägypt.-gricch. Philosophen und Theosophen versinnlicht wurde. Als solcher ist er im Grunde nur eine Personifikation, das Symbol des ägypt. Priesterthums, das der cigentlicke Vermittler zwischen der Gottheit und dem Volke war. Deshalb wird ihm die Gesetzgebung und Sittigung des Landes, die Erfindung aller Künste und Wissenschaften zugeschricben, welche das Eigenthum der ägypt. Priesierschaft waren, so hauptsächlich die Bildung der Sprache, die Erfindung der Schriftzeichen, insbesondere der Hieroglyphen, der Mathematik, Arzneiwissenschaft, Tonkunst, des Tanzes, des Bret- spiels, der gymnastischen Übungen, die Anordnung der gottesdienstlichen Gebräuche, sowie aller bürgerlichen und religiösen Einrichtungen, die Einführung des Ackerbaus u. s. w. Er bildet sonach den Inbegriff aller priesterlickcn Kunst und Weisheit, welche er auch in Hieroglyphen in Säulen eingegraben haben soll. Aus demselben Grunde wurden ihm auch die heiligen Schriften der Ägypter zugeschrieben, von den Griechen nach ihm die Hermetischen Schriften genannt. Sie können gewissermaßen für eine Offenbarung der ägypt. Religion gelten, enthielten die ganze mythologische Dogmatik und Geschichte, die Liturgik, die ganze bürgerliche und religiöse Gesetzgebung, den Kreis der gesammtcn ägypt. Wissenschaft, die Lebensregeln und Ethik; waren jedoch nur den Priestern zugänglich und wurden dem Volke blos bei großen Festlichkeiten in den öffentlichen Äufzügen von ferne gezeigt. Diese Schriften und mit ihnen ihr angeblicher Urheber spielten im neuplatonischen Zeitalter wieder eine große Rolle. Damals, als im Orient Magie, Theosophie und Alchemie als Geheimwissenschaften sich ausbildctcn und alle mystische Schwärmereien blühten, erhielt dieser ägypt. H. auch den Beinamen Trismegistus, d. h. der dreimalgrößte, und wurde zu dem Urquell aller Geheimlehren und Schwärmereien gemacht. Ob die echten hermetischen Schriften damals in Alexandria wirklich aus dem Ägyptischen ins Griechische übersetzt wurden, wie man vorgibt, muß dahin gestellt bleiben; gewiß ist, daß ihm damals Alles untergeschoben wurde, was die neuplatonische Schule in Alexandria über die genannten Eeheimwissenschasten lehne. Sie erfand zu diesem Behuf die Fietion der Herme tischen Kette, d.h. einer Reihe weiser Männer, in denen sich durch Überlieferung die Weisheit des.H. fortgepflanzt habe. Hieraus entstanden jedenfalls die unter dem Namen der hermetischen bekannten Schriften, von denen noch folgende erhalten sind: „koemsuller k-ve de potestute ac suziienti» divinu" (Par. I 55ä; deutsch von Tiedemann, Berl. >781), „^esculupii delimtiuues" (Lond. 1628), „latromutbematicu" (Nürnb. 1532) und „klo- roscopicu" (1559); gejammclt in des Patricius „Nova de universis pbilosopkiu" (Ven. > 593), die aber zum Lheil einem Hermes, der im 2.Jahrh. n.Chr. lebte, angehören sollen. Auch in der neuern Zeit noch behaupteten H. und seine angeblichen Schriften noch großes Ansehen unter Schwärmern aller Art, welche.sich deshalb auch Hermetiker nannten: So entstand die Hermetische Medicin durch Paracelsus, dieHermetische Freimaurerei und der Ausdruck hermetisch verschlossen für Dinge, die so verschlossen sind, daß keine Luft zutreten kann, indem man dem H. die Kunst zuschrieb, durch magische Siegel Schätze und Gefäße zu verschließen und unzugänglich zu machen. Dgl. Baumgarten- Crusius, „De librarum berineiicnrum »ri^ine utgue indole" (Jena 1827, 3.). Hermes (Georg), dcrBegrnnder einer philosophisch-dogmatischen Schule in der ka- 96 Hermes (Joh. Aug.) tholischen Kirche, wurde am 22. Apr. 1775 zu Dreyerwalde im Münsterschen geboren und empfing seine Vorbildung zunächst durch den Ortspfarrer, dann auf dem Gymnasium zu Rheins. Je mehr er sich schon hier, besonders in den mathematischen Lehrstunden alz scharfsinniger Denker zeigte, desto eifriger ergab er sich seit >792, wo er die Universität zu Münster bezog, dem Studium der Kant'schen Philosophie und gelangte dadurch zu der Überzeugung, daß sich ein theologisches System gar nicht aufbauen lasse, ohne zuvor über die letzten Principien des menschlichen Wissens im Klaren zu sein. Nachdem er > 7S8 Lehrer am Paulinischen Gymnasium zu Münstergeworden war, strebteer dahin, auf Dem, was dieKam'scheKritik niedergerisscn hatte, ein neues, sicheres System zu errichten, doch erst alz Professor der Dogmatik an der Universität zu Münster, seit 1807, fand er Gelegenheit, die Ergebnisse seiner philosophischen Forschung in größer» Kreisen mitzutheilen. In letzterer Stellung zog er sich durch ein kirchenrechtliches Votum die Abneigung des nachmaligen Erzbischofs Droste zu Vischering (s. d.) zu, was vielleicht zu den später» Maßnahmen gegen die Hermes'sche Schule mitwirktc. Im I. > 8 l 9 wurde er als Professor an die neuerrichtete Universität zu Bon» berufen, wo er, wie früher in Münster, durch seine Lehrgab! ebenso sehr als durch seine Humanität zahlreiche Schüler an sich zog und am 26. Mai 18:! > starb. Die philosophisch-dogmatische Methode H.'s, an der man nachmals in Nom so großen Anstoß nahm, besteht nach seiner „Einleitung in die christ-katholische Theologie" (Münst. >8>9; 2. Aust., > 831) darin, daß die Vernunft die Realität der christlichen Offenbarung und speciell des katholischen Systems zu erweisen, dann aber der Offenbarung sich zu unterwerfen hat. Er will nicht die einzelnen Dogmen a priori finden und beweisen, sondern nur das Recht der Kirche, solche Dogmen aufzustellen und dafür Glauben zu so- dern, auf Vernunftgründe stützen. Daher seine völlige Zustimmung zu sämmtlichen katholischen Unterscheidungslehren. Je supranaturalistischer und orthodoxer H. insofern erscheint, um so mehr könnte man sich über die Verdammung wundern, welche das päpstliche Breve vom 26. Sept. 1835 gegen die Hermes'sche» Schriften aussprach; allein sie wird vollkommen erklärlich, wenn man den Widerspruch H.'s gegen das Princip der unbedingten Lehrautorität und die gerechte Furcht der Hierarchie vor jeder Anwendung deutscher Philosophie auf ihr Svsiem bedenkt, da es ja durchaus nicht verbürgt ist, daß immer zu Gunsten der Kirche philosophirt werde. Die Härte, mit welcher Droste-Vischcring das Breve geltend machte und der dadurch herbeigeführte Conflict mit der preuß. Negierung brachten die Hermesianer in eine Lage, aus der sie weder der Nachweis, daß die Lehu H.'s dem Papste vonPeronne falsch dargestellt worden sei, noch dieReise Braun's (s.d.j und Elvenich's (s. d.) nach Nom befreite. Selbst in neuester Zeit hat sich in Beziehung auf sie noch nichts geändert, wie denn der Papst in dem neuerdings veröffentlichten Schreiben an den Grafen von Sedlnißki, als Fürstbischof von Breslau denselben hart tadelt wegen seiner Lauheit in Absicht auf die Verbreitung Hermcs'scher Lehre; auch wurde >811 durch den erzbischöflichen Coadjutor Geissel den Professoren Braun und Achterfeld zu Bonn die Ausübung ihres Lehramts verboten, worauf die Negierung Beide mit Belastung ihres Gehalts quiescirte. Unter den zahlreichen Schriften, die über die Hermes'sche Streitsache erschienen sind, ist die von Elvenich: „Der Hermcsianismus und sein röm. Gegner Peronne" (Bresl. > 844), als die neueste zu erwähnen. Hermes (Joh. Aug.), ein aufgeklärter protestantischer Theolog, geb. zu Magdeburg am 2-1. Aug. 1736, erhielt seine Bildung auf der Schule zu Klosterbergen und sei! 1754 auf der Universität zu Halle. Hier und als Prediger zu Horschendorf in Mecklenburg, wo er l 760 angestellt wurde, war er dem streng-pietistischen Systeme ergeben, dal zunächst von Spener ausging. Allein nachdem er 1765 Präpositus in Waren geworden, sagte er sich von diesem Systeme los und begann in Lehrvorträgen und Schriften eine geläuterte Ansicht über dogmatische Lehrsätze zu verbreiten. Er betrachtete die Religion als eine immer höherer Vervollkommnung fähige Weisheit des Lebens, nicht als ein geschlossenes System zunftmäßiger Satzungen. Seine „Untersuchung der Frage: Ob Christus fm die zeitlichen Strafen der Sünde genug gethan?" in den von ihm herausgegebenen „Beitragen zur Beförderung der Gottseligkeit" veranlaßte, daß er vor dem Mecklenburg. Conß- storium zur Untersuchung gezogen wurde. Er hatte mindestens Dienstentsetzung zu befurch- Hermes (Zoh. Timoth.) Hermias 87 nd ten, als er den Ruf als erster Prediger und geistlicher Inspektor zu Jerichow im Magde- stl burgischcn erhielt. Die Geschichte dieser seiner Verfolgung hat er in einer eigenen Schrift (Berl. >777) veröffentlicht, die um so größeres Aufsehen erregte, daFriedr. Nicolai (s.d.) Zu dadurch veranlaßt wurde, seinen „Sebaldus Nothanker" zu schreiben. Als Widerwärtiger keiten und schwere Familienleiden in H. den Wunsch erweckten, die ungesunde Gegend von er Jerichow zu verlassen, wurde er durch Vermittelung seines Freundes Spalding von der rh- Abtissin von Quedlinburg, der Prinzessin Amalie von Preußen, zum Oberprediger in Dittfurt, bald darauf zum Oberprediger an der Nicolaikirche und > 7 8V zum Consistorial- rath in Quedlinburg ernannt. Hier schrieb er sein „Handbuch der Religion" (Berl. >779; die 4. Aust., 17» l), das voü der Königin Elisabeth von Preußen, der Gemahlin Friedrich'sll. rer ins Französische (Berl. 17 84) und von Andern ins Dänische, Schwedische und Holländi- ?en sche überseht wurde. Die Angriffe feindselig gesinnter Menschen, die ihn bei seiner Geren meinde verketzerten, suchte er durch ein stilles christliches Leben und durch Verdienste um er- die Schul- und Armenanstalten seines Wohnorts zu beseitigen. Viele Verunglimpfungen abl verursachte ihm auch der nzuthwillige Karl Friedr. Bahrdt durch sein „Sendschreiben ge- gen die Verketzerer" (1782). Im I. >800 wurde H. erster geistlicher Rath deS Stiftscon- >ro- sistoriums und Oberhofprediger. Nach der Auflösung des Stifts von der westfäl. Regiere" rung pensionirt, behielt er blos die Superintendenturgeschäfte; doch auch diese legte er Of- >821 nieder und starb am 6. Jan. >822. Nächst seinem „Communionbuch", „Neuen rng Morgenandachten" (2 Bde-), „Predigten über die evangelischen Texte" (2 Bde.) und dem sen, „Verbesserten Gesangbuch für Quedlinburg" (> 787) gab er mit H. M. A. Cramer die ft- „Allgemeine theologische Bibliothek" (1784—87) heraus. Vgl. Fritsch, „Joh. Aug. H., tho- nach seinem Leben, Charakter und Wirken" (Quedlinb. 1827). er- Hermes (Zoh. Timoth.), ein durch seine dkdaktischen Romane bekannter Schriftlich« steiler des 18. Jahrh., geb. am 31. Mai l 7 38 zu Pehnik bei Stargard in Hinterpom- oird mern, erhielt seine erste Bildung im väterlichen Hause und auf dem Gymnasium zu Star- ing- gard. In Königsberg, wo er Theologie studirte, nahmen sich besonders Kant und Arnold chn seiner an. Später ging er nach Danzig und von da nach Berlin. Hier schrieb er seine c z» „Fanny Wilkes" (2 Bde., Lpz. 1766; 3. Aufl., 17 81), bei welcher Fielding und Richard- daS son seineMuster waren, und sein Hauptwerk, den Roman „Sophiens Reise von Memel ung nach Sachsen" (5 Bde., Lpz. 1770—75; 6 Bde., 1778), dem viele andere folgten, ehu Nachdem er Lehrer an der Ritterakademie zu Brandenburg, dann Feldprediger zu Lüben .d.) in Schlesien und hierauf fürstlich anhaltinischcr Hof- und Schloßprediger zu Pleß gewesen ung war, wurde er 17 7 2 nach Breslau berufen, wo er verschiedene geistliche Ämter bekleidete )w> und als Superintendent, Pastor Primarius zu St.-Elisabeth und erster Professor der Theorie- logie an der Universität am 24. Juli 1821 starb. Durch die erwähnten Romane, die bei 8» ihrem Erscheinen viel Aufsehen machten, hat er ein besseres Muster der Menschendarstel- - zu lung in dieser Gattung gegeben und in vielfacher Beziehung genutzt, so wenig dieselben ümg auch Hähern Kunstfoderungen genügen mögen. reit- Hermesiänax, ein griech. Elegiker um 330 v. Chr., Freund und Schüler des Dich- gliei ters Philetas (s. d.), verfaßte unter der von dem Namen seiner Geliebten entlehnten Aufschrift „s.soiitioi," drei Bücher Elegien erotischen Inhalts, aus deren drittem Buche gde- Athenäus ein ziemlich bedeutendes Bruchstück mitgetheilt hat, welches von Riegler und , sch Axt (Köln > 822), G. Hermann in den „Opusculu" (Bd. 4), Bach (Halle >829), Schneien- dewin im „velsctus poeseos graec." (Gott. >838) und Bailey (Lond. >839) besonders das bearbeitet und von W. E. Weber in den „Elegischen Dichtern der Hellenen" (Franks. 1826) dm, ins Deutsche übersetzt wurde. - ge- Hermetisch heißt in der Sprache der altern Physiker und Chemiker ein Verschluß, als welcher vollkommen luftdicht ist. — HermetischeKetteund Hermetische Schrif- hlos- ten, s. Hermes Trismegistus; Hermetische Kunst, s. Alchemie, z für Hermias, mit dem Beinamen der Philosoph, einer der christlichen Apologeten, lebte Bei- um 200 n. Chr. und schrieb für Nichtphilosophen eine Spottschrift gegen die heidnischen onsi- Philosophen (herausgegeben von Worth, Oxf. > 700, und von Demmerich, Halle >764, ürch- deutsch von Thienemann, Lpz. > 828). Eonv.-Lex. Neunte Ausl. V». 7 98 Herminonen Hers Herminönen, richtiger als Hermionen, nannte sieb nach Jrmin, einem der drei Söhne des Mannus, der eine der drei Zweige, in welche sich die Germanen theiltcn. m n. Ehr., trat bereits in seinem > 5. Lebensjahre vor dem Kaiser Marc Aurel mit vielem Beifall auf und verfaßte ein Werk über die Redekunst in fünf Büchern welches lange Zcil bei dem Unterricht in den Schulen als Leitfaden diente und deshalb schon frühzeitig durch Andere vielfach erklärt und in Auszug gebracht wurde. Die Schrift selbst nebst den alten Commcntaren findet fich in den „Rbetoras Araeci" von Walz am sorgfältigsten abgedruckt; die „?ro8) mna8in»ta", welche das fünfte Buch ausmachen und bis zu Ende des 18. Iahrh. nur aus der lat. Übersetzung des P risei an (s. d.) bekannt waren, wurden von Veesen- meyer (Nürnb. 1812) herausgegeben. Hermunduren, ein german. Volk, das im Westen durch die Werra von den Karten, >m Norden durch den Harz von den Cheruskern, im Osten durch die Elbe von denSemno- nen, im Süden durch den Thüringerwald und das Erzgebirge von den Variskern und Markomannen geschieden wurde. Anfangs mit unter dem allgemeinen Namen der Sueven (s. d.) begriffen, werden sie im I. >9 namentlich erwähnt, wo sie unter Vibilius die Herrschaft, die der Gothe Catualda durch Marbod's Vertreibung über die Markomannen erlangt hatte, stürzten. Auch das kleine suevische Reich, das der Quade Vannius in Abhängigkeit von den Römern zwischen der March und Grau begründet hatte, erlag ihrem Angriff im I. .'»9. Mit den Kalten kämpften sie im I. 59 um den Besitz von Salzquellen. Mit den Römern standen sie zu des Tacitus Zeit in Handelsverbindungen. Zuletzt wird ihr Name, aus dem vielleicht der der Thüringer (s. d.) entstand, unter den Völkern, dir in dem großen markomannischen .Kriege gegen Marc Aurel kämpften, erwähnt. Hero, eine Priesterin der Venus, bekannt durch ihre Liebe zu Leander. An einem Feste der Venus und des Adonis zu Sestos auf der thrazischen Küste, zu welchem auch dir Einwohner von Abydos über den Hellespont herübergekommen waren, sahen sich H. und Leander und entbrannten in gegenseitiger Liebe. Aber ihrer Verbindung stellten sich der Priesterin Stand und der Wille ihrer Altern entgegen. Doch den Jüngling schreckten diese Schwierigkeiten nicht; allnächtlich schwamm er über den Hellespont zur Geliebten, wobei eine auf dem Thurm am Ufer aufgesteckte Fackel ihm als Wegweiser diente. Als er einst bei winterlichem Sturme herüberschwamm, verließen ihn die Kräfte; todt warfen ihn die Wellen an den Fuß des Thurms, wo H., von Angst gefoltert, seiner harrte. Beim Anblicke des Leichnams stürzte sich H., vom Schmer; überwältigt, von der Höhe auf denselben hinab und starb, ihn mit ihren Armen umschließend. Unter dem Namen des Musäus (s. d.) besitzen wir ein Gedicht, welches diese Erzählung enthält, die auch Schiller zu einer schönen Ballade benutzte, während Lord Byron 1819 de» Versuch, den Hellesvont zu durchschwimmen, glücklich bestand. -Hers aus Alexandria, einer der vorzüglichsten Mathematiker und Mechaniker des Alterthums, um 215 v. Chr., verfaßte zwei Bücher „Über die Verfertigung der Automaten", hcrausgegeben von Bald! (Ven. I6y>, 4.), und mehre andere theils verloren gegangene, theils nur noch in dürftigen Bruchstücken vorhandene Schriften, namentlich über die Construction der Kriegsmaschinen, über solche Maschinen, die durch die Kraft der Lust in Herodes (König in Judäa) Herodes (Tiber. Claud.) M Bewegung gesetzt werden („koenmatica"), über die Dioptrik u. s. w., worin er manche wichtige Entdeckungen mittheilte. Ein weit späterer griech. Mathematiker gleiches Namen- lebte um 620 n. Ehr. und schrieb „Oelimtiones aritümeticav", welche zuletzt von Hasenbalg (Strals. 1826, t.) herausgegcben wurden. Herödes der Große, König in Judäa, ein Sohn des Edomiters Antipater, geb. zu Askalon 62 v. Ehr., wurde 48 v- Ehr. Statthalter von Galiläa und zeichnete sich als solcher so aus, daß ihm auch noch die Verwaltung von Samaria und Cölesyrien übertragen und er zum Oberbefehlshaber der Land - und Seemacht daselbst ernannt wurde. Siegreich gegen Antigonus, den Bruderssohn des Statthalters von Judäa, Hyrkanus II., heira- thete er des letztem Tochter Mariamne, worauf ihn der Triumvir Antonius zum Tetrar- chen ernannte. Zwar mußte er vor den erneuten Angriffen des Antigonus im I. 37 weichen, doch von den Römern unterstützt, kehrte er sehr bald zurück und wurde nun zum König in Judäa ernannt. Staatsklugheit, Tapferkeit, Liebe zu den Künsten und feiner Geschmack zeichneten ihn vor den übrigen jüd. Königen aus; dagegen war er argwöhnisch, empfänglich für Angebereien und grausam. Einen sehr verderblichen Einfluß über ihn übte seine Schwester Salome. Seine Gemahlin Mariamne, seinen Schwager Aristobulus und dessen Mutter Alexandra, den alten Fürsten Hyrkanus und drei seiner eigenen Söhne ließ er hinrichten. Ungeachtet des Hasses der Juden und der Gefahr, in welche die Parteien in dem röm. Bürgerkriege ihn brachten, erhielt er sich besonders dadurch auf dem Throne, daß er zeitig genug sich dem Willen des jedesmaligen Oberhaupts der siegenden Partei unter- warf. Augustus vermehrte seine Staaten mit Trachoniti«, Auranitis, Batanäa und Zeno- dor's Gebiet. Das denkwürdigste Ereigniß unter seiner Regierung war die Geburt Christi. Er baute den Tempel von Jerusalem prächtiger als zuvor, zierte seine Hauptstadt mit vielen schönen Gebäuden und gründete mehre Städte. Er schlug die Araber und ihren Anfüh- rer Arctas und besiegte die syr.-arab. Räuber. In der letzten Zeit seines Lebens verschwor sich gegen ihn sein Sohn Antipater, den er fünf Tage vor seinem eigenen Tode, im I. 2 n. Ehr., erdrosseln ließ. — Ihm folgte in der Regierung als Ethnarch von Judäa sein Sohn Herodes Archelaus, der seiner Grausamkeiten wegen imJ. il n. Chr. von AugustnS nach Vienna in Gallien verbannt wurde. — Sein zweiter Sohn, Herodes Antipaö, wurde Trtrarch von Galiläa, von Caligula imJ. 42n.Chr. nach Lyon verwiesen und starb in Spanien. Er entführte die Herodias, seines Stiefbruders Herodes Weib und ließ Io- Hannes den Täufer hinrichten. — Der dritte Sohn, Hero.des Philippus, wurde Te- trarch vonTrachomtis, Auranitis und Batanäa, und starb nach einer friedlichen Regierung im I. 34 n. Chr. — Nächstdem sind noch zu erwähnen Herodes Agrippa l., der Enkel Herodes des Großen, der Sohn eines der Hingerichteten Söhne desselben, und der Bruder der Herodias, erhielt nach und nach durch die Gunst der Römer den ganzen jüd. Staat zur selbständigen Verwaltung und starb 44 n. Chr., worauf sein Staat fast ganz zur röm. Provinz wurde. Er regierte im Allgemeinen sehr lobenswerth, ließ aber den Apostel Jakobus hinrichtcn und Petrus ins Gefängniß werfen. — Sein Sohn Herodes Agrippall-, der die Tetrarchie des Herodes Philippus erhielt, die Römer bei der Eroberung Jerusalems unterstützte und hierauf mit der röm. Prätorwürde bekleidet wurde, starb als der letzte seines Stammes im I. 100 n. Chr. Herödes (TiberiuS Claudius), mit dem Beinamen Atticus, geb. zu Marathon im Anfänge des 2, Jahrh. n. Chr., stammte aus einer durch Alter, Glanz und Reichthum ausgezeichneten Familie und widmete sich frühzeitig mit dem glücklichsten Erfolge derBeredtsam- kcit. Dann verwaltete er unter L.Verus und M.Antoninus, deren Lehrer er gewesen, mehre Staatsämter, namentlich im1.14 3 n. Chr. das Consulat in Athen. Später zog er sich, seines politischen Charakters wegen verdächtigt, zurück und lebte bis an seinen Tod, welcher um l80 n. Chr. erfolgte, ungestört den Wissenschaften. Seine unermeßlichen Schätze verwendete er fast nur zu wohlthätigen Zwecken, besonders zur Errichtung großartiger Bauwerke, mit denen er Griechenland, Asien und Italien zierte. Berühmt waren unter diesen das seiner Gattin Regilla gewidmete Odeum in Athen, das größte und schönste seiner Art, und die mit schönen Tempeln und mit dem Grabmale seiner Familie geschmückte, sehr ausgedehnte Gartenanlage in der Nähe von Rom an der Appischen Straße, die nach dem Trio - 7 * 100 Herodian Herodot pas (s. d.), um ihr größere Unverletzlichkeit zu sichern, den Namen Triopium erhielt. Für uns ist dieselbe dadurch wichtig geworden, daß man hier außer mehren kleinern zwei grö- ßere aus 30 und 59 Hexametern bestehende griech. Weihinschriften entdeckte, wahrschein, lich von dem Dichter Marcellus Sidetes verfaßt, deren Originale sich im Museum des Lou- vre zu Paris befinden. Diese sogenannten triopischen Inschriften sind in neuerer Zeit von Visconti, Eichstädt u. A. erläutert und von F. Jacobs in „Leben und Kunst der Alten" (Bd. l, Abth. 2) trefflich übersetzt worden. Von seinem Rednertalent, das ihm den Schmeichelnamen „die Zunge der Hellenen" und des „Königs der Beredtsamkeit" erwarb, ist nur ein einziges Product vorhanden, welches der alten Versicherung, daß der Fluß seiner Rede sich silberwirbelnd über Goldsand ergossen habe, nicht viel Glauben verschafft, nämlich eine in Hinsicht ihrer Echtheit sehr zweifelhafte Rede „Über den Staat", die mehr einer sophistischen Schulchrie gleicht, herausgegeben von Fiorillo in „Lerolli.- ^ttici 8»per- »iint" (Lpz. 1801) und von I. Bekker in den „Orntores ^ttici" (Bd. 5, Berl. 182-1). Herodian, ein Geschichtschreiber, wahrscheinlich ein Grieche von Geburt, lebte ungefähr von 170—240 n. Ehr. größtentheils in Rom und verfaßte in griech. Sprache eine röm. Kirchengeschichte in acht Büchern, welche den Zeitraum von Commodus bis auf Gor- dianus III. umfaßt und, abgesehen von einzelnen Verstößen gegen die Chronologie, durch ziemliche Reinheit des Ausdrucks ebenso sehr wie durch Klarheit, Treue und Freimüthig- keit in der Darstellung sich auszeichnet. Außer der ersten von Aldus besorgten Ausgabe (Ven. >503, Fol.) erwähnen wir die mit vielem unnützen Ballast versehene Bearbeitung von Jrmisch (5 Bde., Lpz. > 180—1805), die treffliche Handausgabe von F A. Wolf(Halle l 702), die von Weber (Lpz. > 8 l 6), Lange (Halle > 824) und die neue Textrecension von I. Bekker (Berl. 1826). Eine klassische lat. Übersetzung lieferte A. Politianus (Bologna 1493 und öfter), eine deutsche Cunrad (Franks. 1784)'und Osiander (2 Bde., Stuttg. 1830).— Ein von diesem verschiedener, berühmter griech. Grammatiker des 2. und 3. Jahrh. n. Chr-, Älius Herodian aus Alexandria, war der Sohn des Apollonius Dyskolos (s. d.), gelangte in Rom unter Marc Aurel ui hohem Anseheu und verfertigte eine große Anzahl Schriften grammatischen und prosodischen Inhalts, die theils in Auszügen, theils in größern Bruchstücken noch vorhanden und in den „.^„eellotr» Araeeu" von Bekker, Cramer, Bachmann und Villoison, in der Ausgabe bes Möns von Koch (2 Bde., Lpz. 1831—32), in der des Phrynichus von Lobeck (Lpz. 1820), in Dindorffs „(irammai. graeci" (Lpz. 1823), in Hermann's Schrift „De einenll. rst. Aramm. Ai-a«c." (Lpt. 1801) und in dessen „^ppenllix all Lracou. 8tratno." (Lpz. 1814) enthalten sind. Vgl. Wettin, „Le Lerolliano grainmatico" (Halle 1842). Herödot, der älteste griech. Geschichtschreiber, daher gewöhnlich der Vater der Geschichte genannt, geb. zu Halikarnaß >. Karien 484 v. Chr., bildete sich, durch Rath und Beispiel eines Verwandten, des berühmten Epikers Panyasis, aufgemuntert, vorzüglich durch die Lectüre der griech. Dichter, vor allen des Homer, und scheint schon frühzeitig zu dem Entschlüsse gekommen zu sein, nach dem Vorgänge der Logographen (s. d.), deren Studium ihm ebenfalls nicht fremd blieb, ein geschichtliches Werk von größer»! Umfange zu begründen und, unterstützt von dem Ansehen und Neichthume seiner Familie, für diesen Zweck die entlegensten Länder und Völker durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Obgleich nun die Zeitfolge und Ausdehnung dieser Reisen von den Alten theils in dunkler, theils in widersprechender Weise erzählt wird, so kann doch so viel aus seiner eigenen Mittheilung als zuverlässig angenommen werden, daß er außer den Inseln und Küstenstrichen Kleinasiens schon in frühester Jugend, etwa seit 462 v.„Chr., einen großen Theil des übrigen Asiens und Afrikas durchwanderte, wo besonders Ägypten, damals weniger bekannt, ein Gegenstand seiner unausgesetzten Äufmerksamkeit und Forschung wurde, daß er Palästina berührte, nähere Kunde von Phönizien, von Tyrus und Sidon sich verschaffte, daß er bis Babylon und Susa, wahrscheinlich selbst bis in die baktrischen und medischen Reiche vordrang, ebenso daß er die Küstenländer des Schwarzen Meers besuchte. Nach seiner Rückkehr von diesen Wanderungen, die noch vor 456 v. Chr. erfolgte, finden wir ihn in Griechenland wieder, wie er das zusammengebrachke Material, die Früchte seiner Reise, zu sichten «nd theilweise schon zu verarbeiten sucht, und cs ist nicht unwahrscheinlich, daß er Heroen Hero-de 101 damals einige ausgearbeitete Partien seiner Werke vor einem engern Kreise von Freun- den und Wißbegierigen Dorlas, obwol die Versicherung Lucian's, daß er um 456 v. Chr. bei den Olympischen Spielen vor den dort versammelten Griechen eine solche Vorlesung veranstaltet habe, wie dies spater auch zu Athen um 14.', v. Chr., dann zu Korinth und Theben geschehen sein soll, nicht ohne triftige Gründe in Zweifel gezogen worden ist. Nachdem er längere Zeit vorzugsweise in Athen sich aufgehalten hatte, begab er sich, vielleicht mit dem Colonistenzuge im I. 444 v. Chr., nach Thurii in Italien, um auch von diesem Lande, sowie von Sicilien, genauere Kunde sich zu verschaffen, ohne daß er jedoch bis Rom kam, und hier war es, wo er sein treffliches Werk und sein mühevolles und an Erfahrungen reiches Leben um 468 v. Chr. endete. Dieses Werk, welches aus neun Büchern besteht, die nach den neun Musen benannt sind, und im ionischen Dialekte verfaßt ist, gehört zu den kostbarsten Denkmälern der Vorzeit, indem die Darstellung voll Hoheit zugleich undAn- muth, vollKraft und rührender Einfalt uns zur Bewunderung hinreißt, die Treue und Genauigkeit aber, mit welcher er ohne allen trügerischen Schmuck die auf seinen Reisen gewonnenen Resultate mittheilt, ihm bis in die neueste Zeit die größte Hochachtung und Verehrung gesichert hat. Unter den zahlreichen Ausgaben erwähnen wir die erste von Aldus besorgte (Ven. 1502, Fol.), die von Gronov (Leyd. 1715, Fol.), Wesseling und Valckenaer (Amst. >763, Fol.), Reiz, fortgesetzt von Schäfer (2 Bdc., Lpz. > 866 -22), von Schäfer (3 Bde., Lpz. l 866 3), Schweighäuser (6 Bde., Strasb. und Par. l 866), Gaisford (Oxf. > 824; abgedruckt, 4 Bde., Lpz- >824) und die neueste und vorzüglichste von Bähr (4 Bde., Lpz. 1836—35); unter den bessern Handausgaben die von Matthiä (2 Bde., Lpz. 1825), Z. Bekker (Berl. > 833 und >837), Negris (Edinb. 1834) und Wheeler (2 Bde., Boston 1842). Von den Übersetzungen führen wir die vielfach verbreitete lat. des Laur. Valla an (Vcn. >474), die fran;., mit historischen und kritischen Anmerkungen ausgestattete von Larcher (7 Bde., Par. >786), die meisterhafte deutsche von F. Lange (2 Bde., Berl. I8lv — >3; 2. Aust., Bresl. >836) und die von Schöll (> I Bdc., Stuttg. 1928—32). Ein „I.exicon llerocloteiim" besitzen wir von Schweighäuscr (2 Bde., Strasb. und Par. 1824; Lond. 184l). Außerdem sind für das Studium des H. in historischer und geographischer Hinsicht wichtig die Werke von Rennel „lim j-eo^ri>z>I>ic<>I uz stein okU." (Lond. I960, 4.; 2. Ausg., 2. Bde., > 832; deutsch von Bredow, Altona 1862) und von Bobrik, „Geographie des H." (KönigSb. > 838, mit einem Atlas); über sein Leben, seinen Charakter und schriftstellerischen Werth verbreiten sich die Schriften von Dahlmann, „H., aus seinem Buche sein Leben" (Altona > 823); Blum, „H. und Ktesias, die frühesten Geschichtsforscher des Orients" (Heidelb. >836); Heyse, „Üo klerocknti vituet itinoribns" (Berl. 1826) und Hoffmeister, „Sittlich-religiöse Lebensansicht des H." (Essen >832). Vgl. Waardenburg, „De nativa simplicitste 8." (Leyd. >836). Ein dem H. fälschlich beigelegtes späteres Machwerk ist eine Lebensbeschreibung des Homer, am besten herausgegeben von Westermann in „LivFraplii Fraeci miiioi es" (Braunschw. 1835). Heroen heißen bei Homer vorzugsweise die Könige und Fürsten nebst ihren Söhnen, Begleitern und Gehülfen, überhaupt alle Kampfer und Männer der Vorzeit, welche sich durch Stärke, Muth, Verstand und Erfahrung ausmchneten. Nachher wurden mit diesem Worte Diejenigen bezeichnet, welche halb göttlicher, halb menschlicher Abkunft waren, oder ihrer Verdienste halber um die Menschheit nach dem Lode eine Art göttliche Verehrung genossen. Hieraus entstand jener Heroencult, der sich bei den Geschichtschreibern und Rednern der Griechen häufig findet. Hier sind die Heroen Gottheiten einzelner Länder, Städte und Zünfte als Beschützer und Gründer derselben. Ihnen waren kleine Tempel oder Kapellen geweiht. — Heroisch bezeichnet Das, was der kräftigen Heldenzeit eines Volks, besonders der griech., angehört oder an sie erinnert, und im abgeleiteten Sinne jene Größe der Thatkraft, die trotz aller Gefahren große und edle Zwecke verfolgt. Der Heroismus besteht demnach in ungemeinen Thaten voll Muth und Größe; Gesinnungen kann man nur insofern heroisch nennen, als sie zu heroischen Handlungen führen. Der Hauptcharakter des Heroischen ist Erhabenheit, und dieses Gefühl müssen diejenigen Werke namentlich der Poesie und Musik erwecken, die auf den Namen heroischer beanspruchen. Herolde heißt eine eigene Gattung von Gedichten in Briefform, worin durch ihr L >102 Herold Herold (Joh. Mor. Dav. Leben und ihr Schicksal ausgezeichnete Männer und Frauen der heroischen Vorzeit in einer wichtigen oder gefahrvollen Lage ihre Gefühle »nd Empfindungen einem Andorn mitthei- lcn, wie wenn Penelope dem lange abwesenden Odysseus schreibt. Der Inhalt ist meist Schmerz über treulos verkannte Liebe. Diese Dichtungsart, als deren Erfinder und Mu- ster Ovid (s.d.) angesehen werden muß, bildet eine Nebenart der eigentlichen E legie (s.d.); doch kann in ihr auch der höhere tragische Ton herrschen, wie in Pope's Heroide „Helosse a» Abälard". Von den Römern ist sie auch auf die neuern Nationen übergegangen, zu den Deutschen seit dem 17. Jahrh., ferner zu den Italienern, Engländern und Franzosen, bei welchen letzter» Colardeau, Dorat, Pezay und Laharve mit Auszeichnung genannt zu werden verdienen, obgleich bei den Neuern ohne Ausnahme diese Art der poetisch elegischen Epistel von ihrer ursprünglichen Fassung allmälig abgewicken ist und eine größere Ausdehnung gewonnen hat. Gegen die ganze Gattung erklärt sich Herder in der „ Adrastea" (Bd. 3). Herold. Das Amt und die Würde eines Herolds verdankt den Ritterspielen des Mittelalters seinen Ursprung. Denn da fick bei denselben Theilnehmer aller Länder ein- zufinden pflegten, war es llötbig, Beamtete zu haben, welche Kenntniß der Wappen sowol, wie der Regeln und Normen, die sich mit der Zeit über Führung und Einrichtung der Wappen gebildet hatte», besaßen. Das Vorbild der Herolde waren die der Griechen und die Leti-,1 e.« (s. d.) der Römer, die als Boten des Friedens und des Kriegs unverletzlich, Denen, die sie begleiteten, Schutz gewährten, Krieg ankündigten und Frieden überbrachten, Versammlungen leiteten u. s. w. Zur Zeit der Blüte des Nitterthums bildeten die Herolde, auch Ehrcnherolde genannt, einen besondern Stand an den Höfen der Fürsten und mußten die Adelswissenschaft oder Herold skunst zunftmäßig erlernt haben. Dazu gehörte die genaueste Kcnntniß des hohen und nieder« Adels, der Wappen, Rechte und Besitzungen desselben, sowie der einzelnen Geschlechter. Die Herolde hatten alle öffentlichen Feierlichkeiten zu leiten; sie waren die Richter in allen Streitigkeiten des Adelswe- scns, ertheilten Ahnentafeln, entwarfen und verbesserten Wappen und bildeten die Sittenrichter des Adels. Bei den Turnieren lag ihnen die Wappenschau ob, sowie die Entscheidung über die Turnierfähigkeit. Im Kriege waren sie Boten des Kriegs und des Frie- dens. Sie zerfielen in drei Classen, nämlich Wappenkönige, Herolde und Persevanten (jinursuivouts), welche letztere gleichsam die Lehrlinge waren. Um als Persevant ausgenommen zu werden, war es nöthig, daß zwei Herolde des Candidaten Rechtlichkeit und Unbescholtenheit bezeugten. Hierauf erfolgte die Taufe mit Wein, die entweder vom Fürsten selbst oder von einem Wapvenkönige vollzogen wurde, und bei welcher der Candidat einen besondern Namen erhielt. Der Taufe folgte die Anlegung des Wappenrocks, der sich von denen des WappcnkLnigs und des Herolds unterschied, während alle drei Classen daS Wappen ihres Herrn aus der linken Schulter führten. Nach siebenjähriger guter Dienstzeit konnte der Persevant Herold werden, wenn zwei Wappenkönige und vier Herolde bezeugten, daß er seine Schuldigkeit vollkommen gcthan habe und Herold zu werden verdiene. In diesem Falle taufte ihn der Fürst, sein Herr, von neuem und ertheilte ihm einen neue» Namen, worauf Herolde ihm den neuen Wappenrock anlegten. Bei der Wahl eines Wax- penkönigs, des höchsten Grads, den ein Herold erlangte, berief man so viele Wappenkönige und Herolde zusammen als nur irgend möglich war, um dem Acte die größte Feierlichkeit zu geben. Bezeugten diese Alle daß unbedingte Verdienst des zu Erwählenden, so setzte ihm der Fürst ein« Krone auf und ertheilte ihm den Namen einer Provinz seines Landes. Gegenwärtig ist das Heroldswesen außer Gebrauch und was sich etwa davon noch erhalten, nur der Schatten frühem Glanzes. Vgl. Gehe, „Beschreibung eines Herolds" (Dresd. 1668) und Pet. Suchenwirt's „Werke", herausgegeben von Primiffer (Wien >827). Die Vereinigung mehrer Herolde und Zunftgenossen zu einem Collegium nannte man eine Heroldskammer, worunter man in der neuern Zeit zuwellen auch die Behörde versteht, welche die Geschäfte der Herolde des Mittelalters besorgt. Herold (Joh. Mor. Dav.), ordentlicher Professor der Zoologie in Marburg, geb. am 3. Jan. 17!w zu Jena, genoß eine sehr mangelhafte Vorbereitung zur Universität, da er als der Sohn eines armen gebrechlichen Musikers, sobald es anging, zum Unterhalt der Familie mit beitragen mußte und nur sein weniges Erspartes zu Privatstunden im Lateim- Herold (LouiS Jos. Ferd.) Heronsöall 103 schcn verwenden konnte. Im I. >896 wurde er indessen unter die Studircndcn der Medi- cin in Jena ausgenommen, wo er sich mit besonderm Eifer der Botanik widmete. Den Ermahnungen seines Schwagers, E. D. A. Bartels (s. d.), der überhaupt seine Studien leitete, folgend, bezog er im nächsten Jahre die Universität zu Helmstedt, wo er sich in der Zergliederungskunst eine so bedeutende Fertigkeit erwarb, daß er schon l 899 die Stelle eines Proscctors in Halle unter Mcckel's Direction erhielt. In dieser Stellung fand er vielfache Gelegenheit, theils durch Meckel's Anleitung, theils durch anatomische Vorträge, die ihm jener übertrug, thcils durch Benutzung anderer Vorlesungen seine Kenntnisse in den Naturwissenschaften zu erweitern; jedoch blieb ihm zum Studium der eigentlichen Medi- cin zu wenig Muße, sodafi er cs vorzog, 18lI seinen Posten aufzugeben und in Marburg seinen Studiencursus zu vollenden. Hier erhielt er 1812 die Stelle eines Proseccors und bald darauf die medicinische Doctorwürde. In Folge der Anerkennung, welche seine „Enk- wickelungsgeschichte der Schmetterlinge" (Kass. und Marb. ISIS) fand, wurde er >81«, außerordentlicher Professor der Medicin, und sodann j 822 zum ordentlichen Professor der Medicin und 182 1 zum Professor der Zoologie und zum Director des zoologischen Cabi- nets ernannt. Schon während seines Aufenthalts in Halle mit dem Geiste, in welchem Harvey(s. d.) seine Naturbeobachtungen anstellte, vertraut geworden, wendete er nach dem Vorgänge desselben besonders der Erzeugung und Entwickelung des thicrischen Körpers seine Aufmerksamkeit zu. Von seinen hierher gehörenden Schriften sind zu erwähnen die „Physiologischen Untersuchungen über das Nuckengefäß der Insekten" (Marb. 1823); „Lxercitiltiono.- <>o l«>rm.it>»»e aiiiiiisliiiiii vertebris curentimn in ovo" (Marb. 182-1) und „Nisg»>iws cleaniinalimn v»>r1okri8 «mrentium in ovo sormstioae"(2 Hefte, Franks. 1835—38). Herold (Louis Jos. Ferd.), franz. Theatercomponist, gcb. zu Paris am 28. Jan. 1791, wurde durch seinen Vater, welcher Pianofortelehrer war, der Musik zugcführl, ob- schon ihn dieser für eine andere Laufbahn bestimmte und deshalb in eine wissenschaftliche Erziehungsanstalt brachte. Nachdem sein Vater verstorben, wurde er 1896 in das Conser- vatorium der Musik ausgenommen, wo er unter Leitung seines Lehrers Louis Adam als Clavierspieler sich so auszeichnete, daß er >810 den ersten Preis erhielt. Unter Catel und Mehul studirte er Harmonie und Cvmposition. Seine Cantate „IVlsUemoisolle <>e Imvist- liöro" erwarb ihm >812 den ersten Preis der Cvmposition. Hierauf ließ ihn das Conser- vatvrium nach Nom reise», wo er ziemlich drei Jahre verweilte; dann ging er wach Neapel, wo seine erste Oper „Im r-iovo„t» cli Lnrico V" mit vielem Beifall ausgenommen wurde. Nach der Rückkehr nach Paris im I. 1815 nahm sich besonders Boyeldieu seiner an. Unter den Opern, die er nun componirte, wurde „Im elockette" („Das Zauberglöckchen") am beliebtesten, während „(Nurles lie Trance" und „Im8 rosiers" (1816), „Im8 1ror;iieurs" (1819) und „l-'umoiir plutonique" meist durch die Schuld der Texte ziemlich unbeachtn blieben. Aus'Unmuth darüber nahm er die Stelle eines Accompagnateurs beim ital. Thea- tcr an und schrieb nun nur Kleinigkeiten für das Pianoforte. Erst >823 trat er wieder mit der Oper „Im muletier" auf; allein auch diese wie einige nachfolgende vermochten keinen Beifall zu finden. Als endlich seine Oper,Marie" (1826) die verdiente Würdigung gefunden, ließen die anstrengenden Arbeiten seines Amts als Oberdirigent des Gesanges an der königlichen Akademie der Musik, was er 1828 wurde, ihn auf der betretenen Bahn nicht schnell genug weiter gehen. In seiner Oper „I-'illnsion" (1829) hatte er bereits seinen eigenen Weg verlassen, um dem Geschmacke der Zeit zu huldigen; nichtsdestoweniger siel seine nächste Oper „LinineIi„e"(1839) wieder durch. Dagegen erntete er mit der Oper (1831) den allgemeinsten und lautesten Beifall. Allein seine Kraft war gcbro chcn, seine Gesundheit untergraben. Noch nahm er Lheil an der Cvmposition der Oper „lVImlamo " und „?re sux clorcs" („Der Zweikamvf"), welche letztere Aufführung er nicht mehr erlebte. Er starb am 18. Jan. 1833. Die von ihm begonnene Oper „Imclovic" wurde von Halevy beendet. H.'s Musik hat pikante Melodien und angenehme Motive, aber keine charakteristische Kraft; Nossini's Musik übte zu großen Einfluß aufseine Instrumentation. Heronsball heißt eine Vorrichtung, mittels deren man durch die Gewalt der znsam- I01> Herophilus Herrenbank mcngedrückten Lust Wasser aus der Stelle treibt. Der Apparat selbst besteht aus einer hohlen Kugel, in welche eine feine messingene Röhre, die an einem Ende offen ist, am andern aber in eine sehr feine durchbohrte Spitze ausläuft, mit ihrem offenen Ende fast bis auf den Boden reicht. Die Rohre hat außerhalb der Kugel einen Hahn, um sie absvcircn zu können. Verdünnt man nun bei geöffnetem Hahne in der Kugel mittels der Luftpumpe oder durch Ansaugcn die Lust, schließt dann den Hahn, bringt die Kugel unter Wasser und öffnet dort den Hahn wieder, so wird die atmosphärische Lust so lange Wasser in die Kugel drängen, bis die in derselben noch vorhandene Lust sich so weit verdichtet hat, daß sie der äußern das Gleichgewicht hält. Übrigens kann man auch an der Kugel selbst eine Öffnung anbringcn, durch welche man die Kugel direct zum größten Theile mit Wasser füllt, und welche man dann lustdicht wieder verschließt. Drückt man nun durch Einblascn oder durch Eintreiben von Lust mittels einer Compressionslustpumpe die in der Kugel noch befindliche Luft bedeutend zusammen und schließt dann den Hahn wieder, so wird nach dessen Öffnung die «n der Kugel comprimirte Luft das Wasser aus der Stelle treiben und es nöthigcn, so lange aus der feinen Röhre hervorzuspringen, bis die innere Luftschicht mit der umgebenden äußern im Gleichgewichte ist. — Heronsbrunnen ist eigentlich ein selbstthatiger He- ronsball. Der ganze Apparat besteht aus einem Heronsball, welcher mit einem zweiten, luftdicht geschlossenen Gefäße mittels zweier Röhren verbunden ist, deren eine am ober» Boden des untern Gefäßes anfängt und nahe am Oberboden des Heronsballs aufhört, während die andere mehr vom untern Boden des untern Gefäßes ab durch den ganzen He- ronsball geht und sich dort nach außen öffnet. Ist derHeronsballnun mit Wasser gefüllt und gießt man dann durch die lange Röhre in das untere Gefäß Wasser, so beginnt das Wasser aus dem Heronsball zu springen, sobald das eingcfüllte die untere Öffnung der langen Rühre verschließt, und springt so lange, bis die untere Öffnung der Spcitzeöhre im Heronsball frei ist, indem das springende Wasser durch die lange Fallröhre in das untere Gefäß läuft, von dort die Luft in den Heronsball treibt, welche dann das Wasser zum Springen nöthigt. Beide Geräthe haben ihren Namen von Heron von Alexandria^ der etwa 120 v. Ehr. lebte und das erste beschrieb, das letztere aber erfand. Herophtlus, der größte Anatom des Alterthums, gcb. zu Chalcedon, lebte unter Alexander dem Großen und dessen Nachfolgern. Er hatte denPraragoras in Kos zum Lehrer in der eigentlichen Medicin und war lange Zeit in Alexandria als Arzt und Lehrer thä- tig. Nächst Erasistratus war er der erste, der die Anatomie am Menschen zu studircn Gelegenheit hatte, was er mit so ungemeinem Fleiße that, daß er dieselbe zu hoher Blüte brachte. Seine Lehren sind durch spätere Schriftsteller, namentlich durch Galenus, auf die Nachwelt gekommen; von seinen Schriften, darunter namentlich ein anatomisches Lehrbuch, das den folgenden Jahrhunderten als Richtschnur diente, sind außer einem noch ungedruckten Com- mentar über die „Aphorismen" des Hippokrates, nur Fragmente erhalten. Übrigens ist u auch dadurch merkwürdig, daß er zuerst eine Pulslehre aufstellte und daß er der Erfahrung großen Werth beilegte und so dem Dogmatismus seiner Zeit cntgegentrat. Keineswegs aber darf man ihn an die Spitze der empirischen Schule (s. Empiriemu s) in der Mcdi- rin stellen, die erst später von einigen seiner Schüler gegründet wurde. Vgl. Marx,„Herophilus" (Karlsr. und Baden 1 838 ). Herosträtus hieß jener Ephesier, den die Sucht, seinen Name» auf die Nachwelt zu bringen, im I. 35« v. Ehr. zu dem tollen Entschlüsse trieb, den prächtigen Dianentem- pel zwischen der Stadt und dem Häfen von Ephesus in Brand zu stecken. Er büßte seine That durch martervollen Tod, und durch Beschluß der Ionier wurde Jeder mit dem Tode bedroht, der jemals seinen Namen ausspreche; allein gerade diese Verordnung erhielt seinen Namen der Geschichte. In derselben Nacht, wo die Brandstiftung geschah, wurde Alexander der Große geboren. Vgl. Guhl, „Lpkesiuca" (Berl. > 833). Herrenbank hieß ehemals und heißt noch gegenwärtig in manchen Staaten die Ge- sammtheit der adeligen Beisitzer in einem Collegium, im Gegensätze der sogenannten Gelehrtenbank. Die Herrenbänke kamen auf, als in Folge der gestiegenen Cultur die Rechtsverhältnisse verwickelter wurden, sodaß nun die Ritter und Lehnleuts allein nicht mehr im Stande waren, wie früher, über ihre Standesgenossen zu Gericht zu sitzen und Herrenhausen Herrera (Francesco) 105 über öffentliche Angelegenheiten zu urtheilcn und man sich gcnöthigt sah, förmliche Celle- gien eimurichten, in denen neben den adeligen Mitgliedern auch Doctoren der Rechte Sitz und Stimme erhielten. Auf den Rcichstagsversammlungcn war Hcrrenbank mit Grafen- bank gleichbedeutend; auf den Landtagen bezeichnet man damit zuweilen den Herrcnstand ts. Standes Herren), im Gegensätze von den übrigen Ständen. .Herrenkausen, ein Lustschloß des Königs von Hannover, eine halbe Stunde von der Resident, mit der es durch eine Allee verbunden ist, war früher eine gräflich Walmo- ben'sche Besitzung. In dem Garten, der jetzt mit dem Georgenpark in Verbindung gesetzt ist, befindet sich namentlich ein herrlicher Springbrunnen, der das Wasser fußdick 120 F. hoch treibt. Historisch ist das Schloß durch das Bündniß merkwürdig, welches hier 1715 England, Frankreich und Preußen gegen Spanien und Ostreich abschlossen und dem dann, nachdem sich Preußen 1720 getrennt, die Niederlande, Dänemark, Schweden,Hessen-Kassel und Braunschweig-Wolfenbüttel beitraten. Herrera (Fernando de), span. Dichter, geb. zu Sevilla zu Anfang des 16. Jahrh., widmete sich erst spät dem geistlichen Stande und starb gegen 1798. Gebildet durch das Studium der Griechen, Römer und Italiener, besaß er eine umfassende Gelehrsamkeit. Als Dichter stand er bei seinen Zeitgenossen in so hohem Ansehen, daß sie ihm vorzugsweise den Beinamen des Göttlichen gaben, was um so mehr für seine ausgezeichneten Leistungen spricht, da er zur Zeit lebte, wo in Spanien die Dichtkunst in hoher Blüte stand. Mehre seiner poetischen Arbeiten, deren seine Zeitgenossen gedenken, scheinen verloren gegangen zu sein. Unter den vorhandenen sind viele erotischen Inhalts und ziehen durch sanfte Gefühle an; dagegen waltet in seinen Oden oft eine hohe Begeisterung. Seine „Obrss en verso" wurden von Franz Pacheco (Sevilla > 782, 4.) und dann unter dem Titel „Versos" (Sev. 1619,4.)hcrausgegeben. Von neuem wurden sie hcrausgegeben in der „Oleccioi," des Namon Fernande; (Madr. >786; neue Aust., 1898). Von seinen historischen Werken sind die „kelsoion cke In j-uerrit 582 ^ 1583" (Madr. 1591,4.). Herrera (Francesco), ei Viejo, d. h. der Alte, einer der größten span. Maler aus der Schule von Sevilla, wurde daselbst um 1576 geboren. Er war der Erste, welcher die Furchtsamkeit in der Führung desPinsels, die man an den Werkender altern andalusischcn Maler bemerkt, ablegte; er zeichnete feurig und kräftig und kann daher mit Recht als der Stifter einer neuen mehr nationalen Schule angesehen werden. Sein jüngstes Gericht für die Kirche des heil. Bernhard zu Sevilla ist in Zeichnung und Colorit ein Meisterstück; gleich bewährt sind die heil. Familie und die Ausgießung des heil. Geistes bei Santa-Jnes ebendaselbst. Die Kuppel der Kirche des heil. Bonaventura zeigt seine Fertigkeit in der Frescomalerei. Auch arbeitete er in Bronze, was vielleicht zu der Beschuldigung Veran- lassung gab, daß er mit Falschmünzern in Verbindung gestanden habe. Er war sehr gehäs- 106 Herrgott Herrnhut sigen Charakters, sodaß eS Niemand bei ihm aushalten konnte. Nachdem er im I. 1841 seine Bilder im erzbischöflichen Palaste zu Sevilla vollendet, ging er >65» nach Madrid, wo er 165» starb. Seine Staffcleibilder, unter denen sich auch Darstellungen aus dem gemeinen Leben finden, sowie seine Rohrzcichnungen werden sehr theuer bezahlt. Das Mu- scum des Louvre enthält einige seiner besten Werke, z.B. die Israeliten in der Wüste, welche die Wachteln auflescn, ein Bild von großer Kraft und Feinheit des Colorits, aber von verwirrter Composition. Auch machte er den Bildhauer und Architekten, namentlich rührt von ihm die Faxade eines Klosters in Sevilla her. — Sein jüngster Sohn, Francesco H., ei illo-io, d. h. der Junge, Genremaler in Fresco und Architekt, geb. zu Sevilla 1622, erlernte die Kunst unter seinem Vater, bis er, wegen des gehässigen Charakters desselben entfliehend, nach Rom ging, wo er sich besonders in Fischstücken so auszeichnete, daß er den Beinamen il 8p-ign>inl<> <>6gli pesci erhielt. Nach dem Tode seines Vaters kehrte er nach Sevilla zurück und malte für die Kirchen. Bei Errichtung der Akademie in Sevilla im Z. 166» wurde er zweiter Director; gab jedoch diese Stelle wieder auf und ging nach Madrid, wo er die Kuppel des Chors zu St.-Philippus mit Fresken schmückte, welcbe dem Könige Philipp IV. so gefielen, daß er ihm die Kapelle Unserer Frauen von Atocha übertrug, und als auch diese Arbeit, eine Himmelfahrt der Maria, ihm meisterhaft gelang, ihn zum Hofmaler ernannte. Später erhob ihn der König zum Intendanten der königlichen Gebäude; als solcher machte er sich durch seinen Ehrgeiz sehr verhaßt und starb im I. > 685. Neben den Fischstücken sind auch seine Blumenstücke sehr geschätzt. Gemälde von ihm findet man in Sevilla, Madrid und im Escurial; auch soll er Einiges geätzt haben. — Sein ältester Bruder, Herrera, eH0,l>in,d.h. der Rothe, ebenfalls Genremaler, starb sehr jung.— Als gleichnamige Künstler sind noch zu erwähnen Alfonso deH., geb. zuSegovia >579, der sechs Bilder in der Kirche zu Villa-Castin malte, welche durch die Hand eines unwissenden Restaurateurs im I. 1734 verdorben wurden, und Sebastians H. Barnuevo, geb. ju Madrid 1619, gest. als Aufseher des Escurral im I. >671, der Schüler seines Vaters AntonioH., als Bildhauer, Architekt und Maler gleich ausgezeichnet, und ein glücklicher Nachabmer des Alfonso Cano. Herrgott (Marquard), ein durch gründliche historische Forschungen, Sammlung und Bekanntmachung von Urkunden und Alterthümern sehr verdienter Gelehrter, geb. zu Freiburg im Breisgau 1694, trat, nachdem er bereits in seinem 15. Jahre zu Strasburg seine Studien vollendet hatte, wie es scheint, aus Neigung zu ungestörter Muße im 2». Lebensjahre zu Sanct-Blasien auf dem Schwarzwalde in den Benedictinerorden. Von hier wurde er zu seiner weitern Ausbildung nach Rom geschickt, erhielt daselbst nach drei Jahren die Priesterweihe und kehrte nun nach Sanct-Blasien zurück, wo er-bei seiner Stellung als Bibliothekar erwünschte Gelegenheit fand, die Schätze des Klosters an Urkunden, Handschriften und seltenen Druckwerken auszubeuten. Auf einer länger« wissenschaftlichen Reise gab er in Paris sein Werk „Vetos clisciplina monustica orckiuis 8. öeneelieti" heraus. Als Abgeordneter der vorderöstr. Stände in Wien entwarf er den Plan zu einem Quellenwerke der Geschichte des Hauses Habsburg. Der Kaiser, der ihn 1736 zu seinem Wirklichen Rath und Historiographen ernannte, ließ ihm hierbei alle Unterstützung ange- deihcn und so lieferte er seine „Oenealogiit «lizilom-etica Fentis llubskiirgsicse" (3 Bde., Wien 1737, Fol.), dem dann sein Prachtwerk, die „Vlonmnenta ckninus »ustriuc:>e" (Wien 175»—6») folgte, wovon der erste Theil (2 Bde.) die Siegel des Hauses Ostreich, der zweite (2 Bde.) die Münzen, der dritte (2 Bde.) die Kunstdenkmalc enthält. Der vierte Theil, die Grabdenkmale enthaltend, war ebenfalls vollendet, wurde aber bei der Feuersbrunst, welche >768 Sanct-Blasien heimsuchte, vernichtet, worauf der Abt von Sanct- Blasien, Martin Gerbert, denselben von neuem ausarbeitete und erscheinen ließ (2 Bde., St.-Blaficn > 772). Der fünfte Theil, der die Inschriften enthalten sollte, wurde nie ausgearbeitet. H. war >762 als Propst nach Krozingen im Vreisgau gekommen, wo er 1762 starb. Herrnhut, der Stammort und Hauptsitz der Brüdergemeinde (s. d.), csn Dorf mit etwa 1509 E., zwischen Löbau und Zittau in der sächs. Oberlausitz, am südlichen Abhange des Hutbergs, nach welchem cs benannt ist, wurde von den mährischen Brüdern, von denen der Zimmermeistcr Christian David am 17. Juni >722 zu der ersten Hütte den Itt7 Herschel (Friede. Wilh.) ersten Baum fällte, auf dem Grund und Boden des nördlich im Thalc gelegenen, damals dem Grafen Ziiuendorf gehörigen Gutes Berthclsdorf erbaut. Die Lage des Orts ist sehr angenehm. Die Wohnungen, unter diesen besonders das Brüder- und das Schwestern- Haus, zeichnen sich durch Regelmäßigkeit der Bauart, durch Einfachheit und Geschmack, die Ecmcindeglicdcr durch Arbeitsamkeit, Reinlichkeit und Vermeidung alles Prunks und jenes stille Verhalten aus, das ihnen von jeher Achtung und in allen Ländern bereitwillige Aufnahme als Unterthanen verschafft hat. Weit und breit werden die feinen und dauerhaften Arbeiten der dasigcn Handwerker, Fabrikanten und Künstler verführt, besonders die Lcinwebereien, Lackirwaarcn, Ledcrarbeiten, bunte und marmorirte Papiere und Lichte. Herschel (Friedr. Wilh.). einer der größten Astronomen, geb. in Hannover am 1 5. Nov. 1738, war der Sohn eines Musikers. Vom Vater zu gleicher Beschäftigung angehalten, trat er im >3. Jahre bei einem Regiment als Hautboisi ein und ging 1757, um sich i» der Musik auszubilden, nach London. Hier stellte ihn der Graf von Darlington als Lehrer eines Musikcorps an, welches in der Grafschaft Durham errichtet wurde, und als dieses eingeübt war, ließ sich H. als Musiklehrer in Leeds nieder, von wo er als Organist nach Halifax kam, welche Stelle er >7tiü mit der eines Musikdirectors in Bath vertauschte. Dabei aber benutzte er jeden freien Augenblick, um die Mathematik in ihrem ganzen Umfange zu studiren; durch das Lesen von Ferguson's astronomischen Werken war in ihm besonders die Liebe zur Sternkunde erwacht. Da er nicht im Stande war, sich ein Teleskop anzuschaffen, so kam er auf den Gedanken, selbst den Bau eines solchen zu versuchen, was ihm auch bis l 774 so weit glückte, daß er durch einen selhst gefertigten Neflector von fünf Fuß den Ring des Saturn und die Trabanten des Jupiter beobachten konnte. Von jetzt folgten neue Fernröhre (sämmtlich Spiegelteleskope) schnell aufeinander, und viele waren von einer Größe, wie sie bis dahin nirgend angewendet worden waren. Mit solchen Instrumenten gelang es H., Entdeckungen an Entdeckungen zu reihen. Im I. 1780 gab er eine Berechnung der Höhe der Mondgebirge heraus, und am 13. März 1781 entdeckte er einen neuen Planeten, der jetzt, nach dem Vorschläge deutscher Astronomen, ziemlich allgemein den Namen Uranus führt, in England jedoch vön vielen Astronomen nach dem Namen des Entdeckers benannt wird, den er selbst aber dem Könige von England zu Ehren GcorgS- gestirn (6«orgi„m sickus) nannte. Seinen Dank für dieseEhre gab ihm Georg III. dadurch zu erkennen, daß er ihn in eine sorgenfreie Lage versetzte. H. zog nun aufs Land, nach Slough bei Windsor. Vorzüglich beobachtete er jetzt die Nebelflecken und Sternhaufen und that dar, daß manche solche Haufen mehr als 500011 Sterne enthalten. Im I. >787 machte er die Entdeckung zweier zum Uranus gehörigen Nebenplancten, deren er >700 und >794 noch vier neue entdeckte. Ein 1785 zu Stande gebrachtes 40füßiges Teleskop, von 4'/r F. im Durchmesser, hatte wesentlich dazu beigetragen. Auch zwei zum Saturn gehörige Trabanten, die nächsten an dem Hauptplaneten, gelang es ihm mittels desselben zu entdecken. Überhaupt ist H. den Astronomen durch seine Kenntniß der Instrumente und die Verbesserungen daran, wobei ihn sein Bruder, ein geschickter Mechaniker, unterstützte, ebenso wichtig als durch seine Entdeckungen am Himmel geworden. Mit seinem 40süßi- gen sogenannten Riesenteleskop fand er die Zeit der Rotation des Saturn, welche La- place durch die mathematische Analyse aus dem Gesetze der Schwere gefunden hatte, und entdeckte, daß dieser so abweichend von allen andern gestaltete Planet sich um eine Achse dreht, die senkrecht auf seiner Bahn steht. Er schloß aus seinen Beobachtungen, daß das Sonnenlicht nicht vom Sonnenkörper selbst, sondern von stark glänzenden phoSphorischen Wolken ausgehe, welchein derSonnenatmosphäre entstehen und sich ausbilden, und Arago's Entdeckung, daß die Sonnenstrahlen nicht polarisirt sind, bestätigte H.'s Ansicht. Zu seinen merkwürdigsten Entdeckungen gehört die derDoppelsterne (s. d.) oder Fixsternsystem e, deren Beobachtung ihn von 1778 an viele Jahre beschäftigte, bevor er die hinreichend begründete Behauptung auszusprechen wagte, welche einen unermeßlichen Fortschritt in der Astronomie enthielt, nämlich daß es Fixsterne gibt, die sich in regelmäßigen Bahnen umeinander bewegen. H. starb auf seinem Landsitze Slough am 25. Aug. 1822 und wurde zu Upton in Berkshire begraben. Seine meisten Arbeiten stehen in den „kkilosopkical trsos- '»ctioo«" und andern engl. Zeitschriften; auch ist Biele« noch ungedruckt. Seine letzten 108 Herschel (Sir Zohu Frederick William, Baronet) Hersfeld Schriften waren eine Abhandlung „On tüo ;>laces ns 145 nen Uaudle stars" (1821) und die Bekanntmachung eines sinnreichen Verfahrens, die Entfernungen der verschiedenen Fixsterne von der Erde zu bestimmen, in den „Uiiilosopln-al transactions". Eine treue und ausharrende Gehülfin, die ihn nicht nur bei seinen Beobachtungen, sondern auch bei den Berechnungen derselben unermüdlich unterstützte, war seine Schwester, Karotine H,, die auch als erste Entdecker!« mehrer Kometen sich bekannt machte. Herschel (Sir John Frcderick William, Baronet), der einzige Sohn des Vorigen, wurde auf dem Landsitze seines Vaters zu Slough bei Windsor >790 geboren und er- hielt seine wissenschaftliche Bildung auf der Universität zu Cambridge. Seine ersten mathematischen Untersuchungen sind in der mit Peacock unternommenen Umarbeitung der Differentialrechnung von Lacroix niedcrgelegt. Theils allein, theils in Vereinigung mit James South widmete er von 1816 an einen großen Theil seiner Zeit der Beobachtung der Doppelsterne (s.d.). Als erstes Resultat konnte er 1823 der Königlichen Gesellschaft zu London einen Katalog von 380 neuen Doppelsternen in den „Observ»tions »l tüe spjmrent liistanoos s»6 positions of türee luinUreU nnU eigkt), Uouble sn«I trssile star8"(Lond. >82',) überreichen, welche das Resultat von lüvov einzelnen Beobachtungen jener Sterne enthielten. Jm J. >827 ließ er einen zweiten Katalog von 295 und 1 828 einen dritten von 384 solcher Sterne folgen. Im I. 1830 theilte er wichtige Messungen von 1236 Sternen mit, die er mit einem zwanzigfüßigen Reslector gemacht hatte. Auch lieferte er in diesem Jahre in den „Nemnii-s" der Astronomischen Gesellschaft (Bd. 5) einen Aufsatz, welcher genaue Messungen von 364 Sternen und alle auffallende Resultate über die Bewegung der Doppclstcrne enthält. Nebenbei beschäftigte er sich mit Untersuchungen über physikalische Gegenstände und legte die Resultate derselben theils in wissenschaftlichen Zeitschriften, theils in besonder» Werken nieder; hierher gehören „'l'reatme on sonnet" in der „klnc)clo;iaei1in inetrnpolitsna" (1830); „über die Theorie des Lichts'" (deutsch von Schmidt, Stuttg. I 83 l ); zirdnninarv Uiscourse on tüe studzr nsnaturöl ein integrirender Theil von Lardner's „O^dvpseüia", ins Deutsche übersetzt von Weinlig unter dem Titel „Einleitung in das Studium der Naturwissenschaft" (Lpz. 1836) und „.4 treslise on nstronow).", ebenfalls Theil der „0)-cIoj>aslIia", ins Deutsche überseht von Michaelis unter dem Titel „Populaire Astronomie" (Lpz. 1837). Die letzte große Unternehmung H.'s ist sein vierjähriger Aufenthalt auf dem Vorgebirge da guten Hoffnung, vom Febr. 183-1 bis zum Mai 1838, wo er die ganze südliche Hemisphäre des Sternenhimmels unter außerordentlich günstigen Bedingungen auf das genaueste durchmusterte. Vom Vorgebirge der guten Hoffnung aus regte er nicht ohne Erfolg die Idee an, an einigen bestimmten Tagen gleichzeitig an verschiedenen Orten meteorologische Beobachtungen anzustellen. Er bestritt die Kosten dieser Expedition aus eigenen Mittel» und lehnte die ihm angebotene Unterstützung der Regierung ab. Das lebhafte Interesse, welches weit über den Kreis der Astronomen hinaus die gesammte gebildete Welt an H.'s Expedition nahm, bethätigke sich nach seiner Rückkehr durch die Ehrenbezeigungen, die ihm dargebracht wurden. Namentlich trug auch die Ro^al societ^, jedoch ohne Erfolg, ihm das Präsidium an, welches früher der Herzog von Sussex verwaltet hatte, und bei derKrönung der Königin Victoria wurde er l 838 zum Baronet ernannt. Hersfeld, eine ehemalige Benedictinerabtei und nachheriges Reicksfürstenthum, wurde 769 von dem Mainz. Bischof Lullus in der sogenannten Buchonia gegründet. Ihre Güter erstreckten sich an beiden Ufern der Fulda in dem fränkischen Heffengau und dem Tullifelde, westlich über die Wetterau und bis jenseit des Rhein, östlich nach Thüringen hinein. Ungeachtet dieser Zerstreutheit ihrer Besitzungen gelang es den Äbten doch, ans einem großen Theile derselben ein geschloffenes Territorium zu bilden und die Landeshoheit zu erwerben. Der Lehnhof des Stifts war sehr bedeutend; es zählte die angesehensten Hess, und thüring. Fürsten, Grafen und Herren unter seine Vasallen, wie ihm denn auch, freilich blos der Form nach, seit Ende des 13. Jahrh. ein großer Theil der Mark Meißen zu Lehen aufgetragen war. Durch die ganze nicht uninteressante Geschichte des Stifts zieht sich ein Streit mit dem Stifte Fulda, der aus der Eifersucht der ersten Begründer bei« der Stifte sich herschreibt und für beide Theile, hauptsächlich aber für H. insbesondere in Hertford Hertz (Henrik) 109 der Periode der fränk. Kaiser und um das I. l5v», sehr unheilvoll war und letzteres Stift seit Anfang des > 6. Zahrh. nöthigte, sich immer enger an seinen Schirmvogt, den Landgrafen von Hessen, anzuschließcn. Schon der Abt Hrato I., 1517-56, war ein großer Verehrer Luther's, doch behielt das Stift unter ihm wie unter seinen gleichgesinnten Nachfolgern noch immer einen Schein von Katholicismus, bis der Abt Joachim dasselbe bei seinem Tode im Z. 1606 dem Sohne des ihm befreundeten Landgrafen von Hessen, Otto, als weltlichem Administrator hinterließ; die förmliche Organisirnng H.s als weltliches Fürstenthum erfolgte jedoch erst im westfäl. Frieden, wo es definitiv in dieser Eigenschaft an Hessen-Kassel abgetreten wurde. Seitdem wurden verschiedene von der Hauptmasse abgelegene Landestheile davon getrennt, sodaß seit der endlichen Umwandlung des Fürstenthums in einen zu der Provinz Fulda gehörigen Kreis, im I. 1621, derselbe auf die Ämter Hersfeld, Petersberg, Johannisberg, Niederaula, Obergeiß, Hauneck und Schildschlag beschränkt ist, ein Gebiet vonl'/MM. mit ungefähr 60000 E. — Die Stadt Hersfeld an der Fulda, beim Einflüsse der Geiß und Haune in dieselbe, umgeben von den alten Klö- stern Petersberg, Johannisberg und dem Frauenberge, war unter dem Krummstabe ein sehr wohlhabender Ort und bis >821 der Sitz aller Oberbehörden des Fürstenthums. Sie zählt gegen 7000 E. und hat ein Schloß und ein Gymnasium. Eine schöne Ruine bildet der Dom, welcher zu Anfang des 1 2. Jahrh. auf Grund bes abgebrannten ältern Doms erbaut, im Siebenjährigen Kriege aber >761 in Brand gesteckt wurde. Alljährlich noch feiert die Stadt am >6. Oct. zum Andenken ihres Gründers und Wohlthäters das Lullusfest. Hertford oder HertS, eine der sieben Mittlern Grafschaften von England, zwischen Cambridge, Essex, Middlesex, Buckingham und Bedford gelegen, zählt auf 28 lüM. etwa 166000 E., die sich meist von Ackerbau und Viehzucht nähren; an Fabriken mangelt eS fast gänzlich. Die Hauptstadt Hertford am Lea hat 5200 E-, treibtHandel mit Getreide, Malz und Wolle und besitzt in der Michaelskirche ein Denkmal des Bacon von Verulam. Eine Stunde davon liegt das ostind. Collegium zu Haileybury, wo die ostind. Compagnie junge Leute, die sie als Beamte nach Indien zu senden beabsichtigt, in einem zweijährigen Cursus in den Sprachen des Morgenlands, in der Staats- und Rechtsverfassung, sowie in der Geschichte dieser Länder und in den mathematischen und Naturwissenschaften unterrichten läßt. Außer der Hauptstadt sind noch zu bemerken St.-Albans, das ehemalige Ve- rulamium, ein sehr alter Ort mit einer sehenswerlhcn gothischen Kirche, und Warn, wo der Kanal New-Niver, der London mit Trinkwasser versorgt, seinen Anfang nimmt. Hertha ist der neugebildete oder verunstaltete Name für NerthuS (s. d.). Hertz (Henrik), einer der vorzüglichsten dän. Dichter, wurde zu Kopenhagen im Aug. 1708 von jüd. Ältern geboren und erst >862 in die protestantische Kirche ausgenommen. Als Dichter trat er zuerst >826 mit dem Lustspiele „Herr Burckhard og Hans Familie" auf, das von den ernsten Studien des Verfassers zeugte, der zwar Holberg zum Muster genommen hatte, aber mit individueller Freiheit einige seiner Personen einführte. Noch größer» Beifall als dieses fand sein nächstfolgendes Lustspiel „Flyttedagen" (1828), das eine zur poetischen Anschaulichkeit erhobene Abspiegelung der kopenhagener Sitten und Zustände verführte. Mehr zu den Charakterstücken gehörte das Lustspiel „Emma", das er nachher mit den beiden ersten unter dem Titel „Lystspil af H." (Kopenh. 1832) herausgab. Noch kannte Niemand den Verfasser dieser Stücke, als seine ebenfalls anonym erschienenen „Gjengangerbrevene, eller poetiske Epistler fra Paradiis" (1830) die allge- meinste Theilnahme für ihn erregten. Noch immer anonym ließ er „Amors Geniestreger" (1830) erscheinen, ein lyrisches Lustspiel und das erste gereimte Conversationsstück in der dän. Literatur, mit dem ein positiver Fortschritt in der von Hvlberg vorgezeichneten Bahn in der Komödie bewirkt wurde. Dieselbe Richtung verfolgte er in „Anonym Nytaarsgave" (1832) und „Foraars-Nytaarsgave" (1833). In der ersten dieser Sammlungen ist das Lehrgedicht „Naturen og Künsten" enthalten, in welchem er als Apologet der didaktischen Richtung auftrat, und im Gegensatz zu den farblosen Theorien darüber die wirklichen Elemente der Kunstbildung darin zum Bewußtsein brachte. Ebenso glücklich war er in der nordischen Romantik; sein „Svend Dyrings Huus" (>837), eine Tragödie, die auf dem Grunde des alten Heldenlcbens den Zauber des echten Heldenlieds zugleich mit aufnimmt, n« Hertz (Johau Mich.) Herwegh vereinigte alle Stimmen für den Dichter, und sprach zugleich die tiefsten neuerweckten Regungen des Volkslebens im Norden auf eine würdige Weise aus. Zu derselben oder doch einer verwandten Richtung gehört eine spätere Production von ihm, „Svanchammen" (>84>). Mehres Lyrische und Dramatische enthalten seine „Lyriske og dramatiske Digte" (Bd. l, 184tt). Auch in dem Vaudeville bekundete er seinen regsamen poetischen Geist. Seine Lcbensbetrachtung, durchwebt mit echtem Humor, sprach er in der Schrift „Stem- ninger og Tilstande" (1839) auf eine entsprechende, freimüthige Weise aus. Hertz (Johan Mich.), dän. Dichter und Theolog, wurde 1788 in der Nähe von Vordingborg geboren und starb, nachdem er seit 1791 mehre geistliche Ämter nacheinander bekleidet hatte, als Bischof zu Ribe im I. 1825. Unter den dän. Dichtern erwarb er sich einen ehrenvollen Platz durch sein Epos „Det befriede Israel" (1884), in welchem nicht nur die Form eine seltene künstlerische Ausbildung bekundet, sondern auch die Schwierig- keiten des Epos in neuerer Zeit durch allgemeine, aus der Offenbarung geschöpfte Motive zum Theil glücklich überwunden sind. Als Theolog nahm er an den kritischen Verhandlungen über die Glaubwürdigkeit und Echtheit der Bücher der Chronik sowie über die Primitivität der Mosaischen Gesetzgebung lebhaften Antheil; seine Abhandlungen über dich Gegenstände erschienen im Deutschen unter dem Titel „Sind in den Büchern der Könige Spurendes Pentateuchs und der Mosaischen Gesetzgebung jzn finden?" (Altona >822). Als Prediger befleißigte er sich einer edeln Einfachheit; der Geist tiefer christlicher Überzeugung leuchtet namentlich aus den nach seinem Tode herausgegebenen „Prädikener" (1840) unverkennbar hervor. Herüler, ein german. Volk, ausgezeichnet durch Gewandtheit und Raschheit im Krieg«, durch Unbändigkeit und langes Festhalten am Heidenthum, wohnte vielleicht ursprünglich unter dem Namen Suardonen an der Ostsee, erscheinen aber dann an sehr verschiedenen Orten. Zuerst werden sie erwähnt als Anwohner des Schwarzen Meers und Gefährten der Gothen (s. d.) bei deren Seezügen im 3. Jahrh., die später im 4. Jahrh. dem Gothenkönig Ermanrich unterthänig waren, dann dem Attila folgten und nach dessen Tode den Gepiden die hunnische Herrschaft zerstören halfen. Aber auch unter den Völkern, die zu Ende des 3. Jahrh. Kaiser Maximian in Gallien schlug, waren Heruler; ebenso erscheinen sie zu Anfänge des 5. Jahrh. als Gefährten der Sachsen bei deren Naubzügen an den gallischen Küsten, und 489 Heruler auf sieben Schiffen suchen im Laufe desselben Jahrh. die Küsten Galiciens und Cantabriens heim. Auch unter den Heerscharen, mit denen Odoacer dem wesiröm. Reiche ein Ende macht, sind Heruler. M herrschendes Volk an der, Mitteln Donau, seßhaft an der obern Theiß, kommen sie zu Ende des 5. Jahrh. vor; im Übermuthe sollen sie ihren König Rodulf gezwungen haben, die ihnen untergebenen Longobarden zu überfallen. Von ihnen wurden sie überwunden; ein Theil wurde nun vom byzant. Kaiser Anastasius im I. S12 auf dem südlichen Ufer der Donau ausgenommen, der andere faßte den abenteuerlichen Entschluß, nach Skandinavien zn ziehen, um dort neben den Gauten zu wohnen. Von jenen begaben sich viele zu den Gepiden; die im byzant. Reiche blieben, leisteten dem Justinian in den Kriegen gegen die Perser, Vandalen und Ostgothen gute Dienste. Mit der Besiegung der letzter» durch Narses verschwindet der Name der Heruler aus der Geschichte. Herwegh (Georg), unter der jünger« Generation einer der ausgezeichnetsten deutschen Lyriker, geb. zu Stuttgart am 31. Mai 1817, erhielt seinen ersten Unterricht in Stuttgart und Maulbronn und bezog dann das protestantisch theologische Stift in Tübingen. Die herkömmliche Methode, nach welcher noch das Studium der Theologie im Sinne einer starr abgeschlossenen Orthodoxie betrieben wird, jene Methode, wodurch schon so viele der kräftigsten Geister einer einseitigen Regatten und überkühnen Skepsis in die Arme geworfen wurden, verfehlte auch auf H. ihren Einfluß nicht, der sich, wie früher sein Landsmann Schiller, dem Lehrzwange auf der Karlsschule, so dem des tübinger Stifts entzog und nach Stuttgart sich begab, wo er an der von A. Lewald herausgegebenen Zeitschrift „Europa" mitarbeitete. Als conscriptionspflichtig zum Militairdienste eingezogen, wurde ihm zwar mit Rücksicht auf die unzweideutigen Proben eines außergewöhnlichen Talents nach einigen Wochen auf unbestimmte Zeit Urlaub ertheilt; allein ein Streit mit einem Herwim IN e» Offizier, in den der junge Soldat verwickelt wurde, veranlaßt die Zurücknahme der ihm ch gestatteten Vergünstigung, und im Glauben, daß man ihm ein von sein« Seite völlig un» verschuldetes Ergigniß bitter werde entgelten lassen, verließ er Würtemberg und ging nach e" Emmshofen im Canton Thurgau, um an der von Wirth herausgegebenen „Volkshalle" st- Theil zu nehmen. Aus dieser Periode stammen einige vorzügliche Gedichte H.'s, der über- » dies den kritischen Theil der „Volkshalle" mit geistvollen Beiträgen hauptsächlich ausstat. tete. Aber diese Zeitschrift hatte nur ein kleines Publicum, und die tüchtigsten Leistungen >r- H.'s blieben fast unbeachtet. Unter solchen Schwierigkeiten, womit sein aufstrebender Ge» re- nius wiederholt zu kämpfen hatte, kam H. nach Zürich, wo er Freunde fand, sowie Aner» ich keunung und Aufmunterung seines Äalents. Jetzt erschienen seine „Gedichte eines Leben» cht digen" (Zür. und Winterth. 18-11), die schnell nacheinander nicht weniger als sieben Auf- ig- lagen erlebten und mächtig anregten. Nack einem kurzen Aufenthalte in Paris machte H. ive im I. l 8-12 eine Reise durch Deutschland, die für ihn ein eigentlicher Triumphzug wurde. >d< Auch der König Friedrich Wilhelm IV . von Preußen beschied ihn in Berlin zur Audienz, 'ri- Aber der Sänger politischer Freiheitslieder verstand nicht, sich in solcher Sphäre zu bewe» est gen. Von Königsberg aus schrieb er den gegen seine Absicht veröffentlichten bekannten ige Brief an den König von Preußen, der allerdings alle conventionelle Formen vermissen 2). ließ. Man nahm es dem 25jährigen Dichter übel, daß er nicht wie ein in Geschäften er- eu< grauter Staatsmann gehandelt hatte, und als erst seine Ausweisung aus dem preuß. lO) Staate verfügt war, fanden sich fast ebenso viele Tadler H.'s als früher Bewunderer. Dies hatte Einfluß auch auf seine Stellung in Zürich, wohin er zunächst zurückkehrte, im Seine offene Erklärung, daß er die Herausgabe einer entschieden freisinnigen Zeitschrift ur- beabsichtige, war der damals herrschenden Partei daselbst ein erwünschter Anlaß, den jun» >er> gen Dichter aus dem Eanton zu verbannen. Der König von Würtemberg dagegen schlug ind jede Untersuchung nieder, die noch gegen H., weil sich dieser dem Militairdienste entzogen, uh. hätte eingeleitet werden können, und machte es ihm dadurch möglich, sich in bas schweizer, ach Bürgerrecht des Canton Baselland aufnehmen und sich mit seiner Braut, Emma Sieg- Ner mund, der Tochter eines reichen Kaufmanns in Berlin, trauen zu lassen. Nach einer Reise rer nach Südfrankreick und Italien nahm H. seinen bleibenden Aufenthalt in Paris. Außer bei der Herausgabe der „21 Bogen aus der Schweiz" (Zür. und Winterth. 18-13) wozu er im jedoch selbst nur wenige Beiträge lieferte, ließ er von Paris aus einen zweiten Band der der „Gedichte eines Lebendigen" erscheinen. Wenn H. hier und da namentlich in diesem zwei- W ten Bande allzu aüsschließend jener negativen Tagesphilosophie zu huldigen scheint, die nde durch Erweckung eines freier« Forschungsgeistes ihre Mission bereits erfüllt hat und nun die selbst im Absterben begriffen ist, so tragen doch auch seine neuesten Dichtungen, sowol die eir grüßern als die meisten seiner ikenicn, den Stempel des Genius. s)o> HerwyN (Pierre Antoine), Graf von Nevele, Pair von Frankreich, einer der i zu ausgezeichnetsten Landwirthe, geb. am > 8. Sept. l 7 5.3 zu Hondscoote in dem Departe- un; ment du Nord, erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung und widmete sich der Landwirthschaft, an- angezogen durch den ausgezeichneten Betrieb des Ackerbaus in seiner Gegend. Ein scharfer ein- Beobachter der landwirthschaftlichen Betriebsweise, hatte er sich bald solche Kenntnisse von dem Ackerbau und der Obstbaumzucht erworben, daß er diese selbst mit dem glücklichsten eut- Erfolge in Ausübung bringen konnte. Damals breiteten sich in dem franz. Flandern die t in sogenannten belg. Moore aus, ein unbebautes, ungesundes Land. Die Regenten von Frank» bin- reich und Ostreich hatten diese wüsten Striche schon vor undenklichen Zeiten Dem verliehen, nm der sie cultiviren würde. Verschiedene Unternehmungen dieser Art waren aber immer mis» üele glückt. Da machte sich H. anheischig, diese große Landstrccke von 3V«V Morgen binnen ge- sechs Jahren urbar und gesunder für die Bewohner zu machen. Er ließ Schöpfmühlen ids- bauen, um das Wasser zu heben, errichtete starke Dämme, Abzugsgräben und Umfassungs- kzog kanäle mit Schleußen und Brücken, legte so den Moor trocken und brachte lange, breite, )rift solide Polders zu Stande, welche angebaut und bebaut wurden. Im I. 17 87 war Alles irbe vollendet. Von dem dritten Stande in die Versammlung der Generalversammlung ge- enls wählt, leistete er hier sowie nachher in der Constituirenden Versammlung als Secretair des nein Ackerbaucomite die wichtigsten Dienste. Auch zeichnete er sich während der Revolution als 112 Herz Militair aus. Während der Schrcckensreit brachte er sieben Monate im Gefängnisse zu. Wahrend dem hatte der Krieg und die Blockade von Dünkirchen seine ganze Schöpfung wieder in eine Wüste umgewandelt; doch dies schreckte H. nicht ab. Nach zwei Jahren war abermals eine der schönsten und größten landwirthschaftlichen Unternehmungen zu Stande gebracht. Seiner Verdienste wegen wurde er von Napoleon in den Senat ausgenommen und im Mai 1815 ihm die Pairswürde verliehen. Er starb am > 6. März 1 821 . Herz (cor). Das Centralorgan des Gefäßsystems und somit des ganzen vegetativen Lebens im menschlichen Körver, das Herz, hat die Gestalt eines Kegels, eine Vergleichung, die zwar nicht ganz richtig, da die Querdurchschnitte nicht genau kreisförmig sind, aber doch die angemessenste ist, indem man sogleich deren eine Spitze (aprx seu mucra) und eine breite Grundfläche (>,asis) unterscheidet. Es liegt in schräger Richtung zwischen den Lungen in dem vorder» untern Theile der Brusthöhle, nicht genau in der Mittellinie des Körpers, sondern mehr nach links zu und ruht mit seiner Spitze und einem Theile der hintern Wand auf dem Zwerchfelle, sodaß die Grundfläche nach rechts, oben und hinten, die Spihi nach links, unten und vorn gekehrt ist. In dieser Lage wird es durch den Herzbeutel (i>e- rirarciiui») erhalten, welcher als ein geschlossener Sack, in dessen Einstülpung das Her; eingesenkt ist, dieses mit dem einen Theile fest überzieht, mit dem andern in einiger Entfernung locker umgibt, in seinem Innern eine theils dunstsörmige, theile tropfbare Flüssigkeit enthält und an einigen Stellen fest an das Brustfell (s. Brust) angeheftet ist. Dieser Herzbeutel bildet sonach mit seinem eingestülpten Theile die äußere Haut des Herzens, unter welcher eine nach den verschiedenen Stellen größere oder geringere Menge Fett abgelagert ist. Seiner Substanz nach ist das Herz als eine Art Muskel von eigenthümlicher Struktur anzusehen, es besitzt fleischige Wände, die an den einzelnen Stellen je nach dem Drucke, der von ihnen gesodert wird, von verschiedener Dicke sind und durch sich darin verzweigende Gefäße ernährt werden. Das Innere dc§ Herzens ist eine Höhle, welche aber durch eine von oben nach unten gehende Scheidewand (sept»m cnickis) in zwei nur durch den langen Umweg des kleinen sowol, wie des großen Kreislaufs miteinander in Verbindung stehende Theile, die rechte und linke Herzhälfte (cor cava snperior und inferior) und die große Herzvene (venu magna rorüi-), in den linken die vier Lungcn- veney (vense pulmonales) ein, während aus der rechten Herzkammer die Lungenartcrie (arteria pnlm"nalis), aus der linken die große Körperartcrie (»rtoria aorta) heraustrcten. Don diesen Öffnungen besitzen nur die für die obere Hohlvene und für die vier Lungcnve- nen keine Klappen, die andere sowie die Zugänge aus den Vorhöfen in die Herzkammern werden sämmtlich auf diese Art verschlossen. Die Namen für diese Klappen (valvula Lu- staclni, 'I'lielnsii, triciispidalis, Mitralis und valviilao semilunares) sind theils von ihren Entdeckern, theils von ihrer Gestalt entlehnt. Das Herz geht eine ziemliche Reihe von Veränderungen durch, che es zu der Gestalt gelangt, die es bei dem ausgcbildeten Menschen hat. Das Gewicht des Herzens ist nach Alter und Körperbau sehr verschieden; nach Bouillaud wiegt das eines gesunden jungen erwachsenen Menschen durchschnittlich !6—20 Loth. Von den Thiercn ist nur bei den Säugthieren und Vögeln das Her; so eingerichtet, wie bei dem Menschen, bei den Amphibien und Fischen besteht es blos aus zwei Vorkammern und einer Herzkammer, bei den noch niedriger stehenden Thieren wird es immer unvollkommener, wie es z. B. bei den Insekten durch das sogenannte Rückengefäß ersetzt wird, bis bei den unter den Mollusken stehenden Geschöpfen sich nichts mehr vorfindet, was an ein Herz erinnern könnte. Die Bestimmung des Herzens ist die, den Kreislauf des Bluts zu unterhalten, und es stellt sich in seinem Bau und seinen Bewegungen als ein vollkommenes Saug- und Pumpwerk dar. Die Bewegung besteht nämlich in der Zusammenziehung (sz-stole), wobei durch Verkürzung der Muskelfasern der Umfang des Ganzen verkleinert wird und die Höhlen verengert werden, und in der Ausdehnung (diastol«), wobei durch Erschlaffung der Wände der Umfang gewinnt und die Höhlen sich vergrößern. Die Zusammenziehung beginnt von den Vorhöfen aus und drückt das Blut aus diesen in die Kammern hinunter, worauf es sogleich durch die Zusammenzichung der Kammern aus der rechten in die Lungenarterie, aus der linken in die Aorta weiter gestoßen wird, da es vermöge der Klappen an den Vorhofsmündungen am Zurücktreten verhindert ist. Während der nun noch in den letzten Momenten der Zusammenziehung der Kammern cintretenden Erweiterung der Vorhöfe füllen sich diese aufs neue mit dem Blute der Adern, welche in sie einmünden und drücken es dannindie unterließ völlig entleerten Kammern hinab. Die Schnelligkeit dieser Zusammenzichung und Erweiterung ist am bedeutendsten beim Embryo (150 in einer Minute) und mindert sich dann immer mehr, sodaß im Mittlern 70—75, im Hähern Alter 50—65 Zusammenziehungen in cinerMinute gezählt werden. DieZusammenziehung istzugleichdieUrsachedeßPuls- schlags (s. Puls) und des Herzschlags oder Herzstoßes (pulsus sau letns cordis). Wenn sich nämlich das Herz zusammenzieht, so drückt nach der jetzt ziemlich allgemein angenommenen Meinung die linke Herzkammer das Blut mit solcher Gewalt in den nach hinten gelegenen Anfang der Aorta, daß die Spitze eine Bewegung nach vorn macht und dabei an die Brustwand anstößt. Die Ursachen dieser von der Willkür des Menschen nicht abhängenden Bewegung sind theils das Blut selbst, welches einen Reiz auf das Herz ausübt, theils die feinen Nerven, die es in großer Menge von dem Gangliensystcm und dem zehnten Hirnnervenpaar erhält. (S.Blut, Ernährung, Gefäßsystem und Kreislauf.) Kann nun das Herz schon durch eine Menge möglicherweise in seiner Umgebung liegender Hindernisse, wie Geschwülste, Wasserhäufungen in der Brust- und Unterleibshöhle u. s. w., oder entferntere Unregelmäßigkeiten, z. B. großen Blutverlust durch ein geöffnetes Gefäß, in seinen Functionen gestört werden, so ist dies noch mehr der Fall durch eine Menge Krankheiten, welche das Her; selbst befallen können. Der Bau des Herzens kann fehlerhaft sein, sodaß das venöse Blut nur unvollkommen von dem arteriellen geschieden ist, das gutgebaute Herz kann von Krankheiten, die auch andere Organe befallen, namentlich von Entzündung ergriffen werden und in Folge dieser können wieder Veränderungen im Baue entstehen, welche das Her) in seiner Thätigkeit behindern, wohin besonders Evnv.-L«x. Neunte Aufl. VIl 8 114 Herzberg Verknöcherungen verschiedener Stellen namentlich der Klappen, Verengung oder Erweite- rung der Höhlen u. s. w. gehören, endlich setzen Durchbohrungen der Herzwände das Her; M fast augenblicklich außer alle Thätigkeit. Die Lehre von den Herzkrankheiten ist daher bei dem ^ Einflüsse, den diese auf den ganzcnKörper ausüben, eine sehr wichtige; doch wurde sie von de« gH Alten ziemlich vernachlässigt und erst in der neuern Zeit von Senac, Testa, Corvisart, Krey- si g (fl d.), Bouillaud, Hope und Lacnnec mit vorzüglicher Aufmerksamkeit behandelt. ^>1 Die stetige und obwol von der Willkür des Menschen unabhängige, doch durch Ge. müthsstimmungen, wie Furcht, Schmerz, Hoffnung, Freude u. s. w., verschiedenartig ine- M dificirte, dabei lange Zeit unerklärte und doch als mit dem Leben im innigsten Zusammen- am Hang stehend erkannte Bewegung des Herzens mußte wol schon frühzeitig den Menschen An darauf führen, das Herz als den Sitz des Lebensprincips, der Seele, anzusehen. Da jedoch Sx die Modification der Bewegung nicht sowol durch Gedanken als durch Gefühle hcrvorge- bra bracht wurde, so schrieb man dem Herzen die Gemüthsaffecte zu, im Gegensatz zu dm, mej Kopfe, dem Sitz des Gedankens. Zwar war die Anschauungsweise in verschiedenen Zeiten tcn und bei verschiedenen Völkern voneinander abweichend, besonders in Hinsicht auf einzeln! der Gefühle, wie z. B. die Alten als Sitz der Liebe nicht das Herz, sondern die Leber betrack- vor tetcn; jedoch hat sich nach und nach in Deutschland wenigstens der Sprachgebrauch all- »ig gemein gemacht, von welchem man den Ausdruck Herz für Gemüth anwendet und da- Ge mit den Begriff des Angeborenen nicht erst durch Willenskraft Erworbenen verbindet. heil noch engerm Sinne versteht man unter Herz nur die theilnehmenden Empfindungen mß zug Neigungen und gebraucht so die Ausdrücke herzlich, herzlos u. s. w. In andern Sprs- Wi chen, z. B. der engl, und franz., sind Redensarten gebräuchlich, in welchen man dm W« Herzen auch Eigenschaften beilegt, die wir nur dem Kopfe zuschreiben, z. B. appremin hell psr coeirr, auswendig lernen. die Herzberg (Ewald Friedr., Graf von), einer der größten Diplomaten seiner Zeit, kcit war zu Lettin bei Neustettin am 2. Sept. 1725 geboren. Sein Talent für die diplomi- vor tische Laufbahn bewies er schon beim Abgänge von der Universität zu Halle durch Abfassung der Abhandlung über das brandenburg. Staatsrecht, die aber nicht im Druck erschck nac nen durfte, und die dann zum Gegenstände seiner Dissertation gewählte Geschichte der Km- Kn fürstenvereine. Gleich nachher wurde er beim Departement der auswärtigen Angelegen- Mc Heiken angestellt, dann der kurbrandenburg. Gesandtschaft zur Kaiscrwahl als LegationS- niei secretair beigegeben und hierauf zum Legationsrath ernannt. Seine von der Akademie da mil Wissenschaften zu Berlin gekrönte Abhandlung „Über die erste Bevölkerung der Mml Brandenburg" hatte seine Aufnahme in die Akademie und die Ernennung zum Geh gationsrath zur Folge. Nach den in dem Archive zu Dresden gefundenen Depeschen dti sink östr. und sächs. Hofs arbeitete er 1756 binnen acht Tagen das berühmte,Memoire m- >eh> sounp" aus, welches den Einfall der Preußen in Sachsen rechtfertigen sollte. Bald nach- ^ her wurde er erster Geh. Rath oder Staatesecretair beim auswärtigen Departement. W ^r der Fricdensvertrag mit Rußland und Schweden im 1.1762, so war auch die Abschließunz des Hubertsburger Friedens sein Werk, das ihm der König durch die Ernennung zuni ren zweiten Staats- und Cabinetsministcr lohnte. Er förderte bei der ersten Theilung Polens im I. 1772 das Gelingen der Absichten Friedrich des Großen auf Westpreußen, dessen Gunst er sich in immer höhern Grade in den Verhandlungen über die bair. Erbfolge, durch den teschener Friedensschluß und durch eifrige Betreibung der Errichtung des Fm- stenbundes im Z. 1785 erwarb. Friedrichs Nachfolger erhob ihn in den Grafenstand, ^ übertrug ihm die auswärtigen Geschäfte und ernannte ihn zum Curator der Akademie. Durch seine Bemühungen wurden die Unruhen in Holland gestillt; außerdem beschäftigte °er ihn die Erhaltung des politischen Gleichgewichts im Geiste der Grundsätze des Fürstenbun- des. Eine Folge hiervon war die Convention zu Reichcnbach (s. d.) im I. >790, die aber, durch des Königs von Preußen Nackgicbigkcit gegen England und Holland, auf eine ^ ganz andere Grundlage abgeschlossen wurde, als H, beabsichtigt hatte. Nichtsdestoweniger verfaßte er die berühmte Generaldeclaration an Ostreich, welche dem Kaiser Leopold die ^ Bedingungen vorschrieb, unter welchen Preußen und die Seemächte zugeben wollten, baß L? er Frieden mit der Pforte schließen solle. Das Mislingen seines Plans, den er selbst sm Herzegowina Herzog 115 eite- ftin Meisterstück hielt und die Anstellung zweier neuen Minister veranlaßte ihn endlich im ?erz Mai >791 seine Entlassung zu verlangen, die ihm indeß nicht gewährt wurde. Allmälig aber beschränkte er selbst seinen Wirkungskreis auf die Curatel der Akademie und die Auf- de» siche über den Seidenbau. Die zweite Theilung Polens im I. 1793 und Preußens politi- ^ ey- sches Verhältnis daß durch dessen Theilnahme an der Coalition gegen Frankreich in eine gewisse Krisis gerathen war, brachten ihn zu dem Entschlüsse, dem Könige seine Dienste ^ wieder anzubieten. Er that dies in drei Schreiben, im Juli 1793, welche Patriotismus, me- Weisheit und edles Selbstgefühl athmen- Abgewiesen, sing er an zu kränkeln und starb neu- am 27. Mai' 1795. Seine Verdienste um die Akademie der Wissenschaften verdienen alle che» Anerkennung; besonders lag ihm die deutsche Literatur und die Bildung der deutschen doch Sprache am Herzen, und sein Plan zu einer Verbesserung derselben, nach Leibnitz's Plan, >rgr- brachte große Thätigkeit hervor. Er ließ sich die Verbesserung des vaterländischen Schuldem Wesens angelegen sein und suchte das Loos der armen Landschullehrer dadurch zu erleich- eitm tern, daß er ihnen durch Einführung des Seidenbaus einen Nebenverdienst verschaffte. In M der Verbesserung der Landwirthschaft ging er auf seinem Gute Britz mit gutem Beispiele '»ck- voran. Im bürgerlichen Leben war er anspruchlos, schlicht und patriarchalisch, er sah we- l all- »ig Gesellschaft bei sich und meist nur Gelehrte. Bei der ihm angeborenen Offenheit und > de- Geradheit glaubte man, daß er in Beziehung auf seine Geschäfte, deren Natur Verschloffen- Ä heit bedürfe, nicht hinlängliche Vorsicht beobachte. Geneigtheit für Publicität war ein Grund- mii zug seines Charakters. In diesem Geiste sprach er am Tage der Thronbesteigung Friedrich ipr«- Wilhelm's II. in der Akademie die Worte: „Jeder Staat, der seine 'Handlungen auf dm Weisheit, Kraft und Gerechtigkeit gründet, gewinnt allemal, wenn sie durch Publicität ins »äi< Helle Licht vors Publicum gesetzt werden, die nur denjenigen Regierungen gefährlich ist, die dunkle und versteckte Schleichwege lieben." Vgl. seines Freundes Dohm „Denkwürdig- Zch kciten" (5 Bde., Lemgo 1813—19), Weddinger, „Fragmente aus dem Leben des Grafen um- vonH."(Brem. 1796) und Possclt, „Ewald Friedr., Graf von H." (Tüb. 1798). bfts- Herzegowina, d. i. Herzogsland, von denVenetianern auch Herzogthum St.-Sabä, schü nach einem Heiligen, der hier begraben sein soll, benannt, heißt eine früher zum Königreiche Km- Kroatien gehörige Provinz, welche nördlich an Kroatien, östlich an Bosnien, südlich an )gen- Montenegro und den Busen von Cattaro, westlich an Dalmatien grenzte, 1326 an Bos- ionl- nien kam, vom Kaiser Friedrich III. aber, zum selbständigen Herzogthum erhoben, der Fa- e d« milie Cossae oder Hranich zum Lehen gegeben wurde. Durch Sultan Mohammed II um Mi 1365 erobert, später aber den Türken häufig bestritten, wurde die H. ihnen durch den kar- * Li- lowitzer Frieden von 1699 förmlich zugesprochen, mit Ausnahme der Stadt Castelnuovo i z,j und eines kleinen Gebiets, in dessen Besitz sich > 682 die Venetianer gesetzt hatten und das ! in- jetzt zum östr. Königreich Dalmatien gehört. Die türk. H. wurde zum Sandschak Hcrseck, iach. das den südwestlichen Theil des Ejalets Bosnien bildet, mit dem es sowol in den naturhi- W sterischen und geographischen, wie in den politischen und ethnographischen Verhältnissen yu»g vollkommen übcreinstimmt. (S. Bosnie n.) Die Hauptstadt der H., Mostar an der Na- zm renta, dem Hauptfluß des Landes, hat berühmte Degcnklingenfabriken und 9990 E. ,len§ Herzog hieß bei den alten Deutschen der für die Dauer eines Kriegs gewählte An- essen führen Als die deutschen Stämme nach Zertrümmerung des Nömerreichs seßhaft wurden, olge, blieben die Herzoge Oberhäupter ihrer Völker, und ihre Würde wurde in gewissen altedeln Fm- Geschlechtern erblich. So erscheinen zu Anfang des 6. Jahrh. Herzoge der Thüringer, der ^ Baiern, der Burgunder und bald auch der Alemannen, Friesen u. s. w. Es lag aber in der >mie. Politik jener Zeit, die emporstrebende Macht und Selbständigkeit jener Volksherzoge nie- tigte derzuhalten, und so sehen wir zu Ende der Regierung Karl des Großen statt ihrer in allen bmi- frank.-deutschen Provinzen zeitweilige Sendboten und in den Grenzlandschaften Markgra- die feu angestellt. Indeß schon unter Ludwig dem Frommen gelangten diese hohen Reichsbe- eint amteten wieder zur Herzogswürde, wie denn z. B. in Baiern und Sachsen das Herzogs- siger sich aus der Markgrafschaft bildete, in Alemannien aus der Sendgrafschaft, in Ost- d die stanken aber aus beiden Ämtern zugleich. Die Herzoge in diesem letztem Sinne waren fiir eine daß ganze Provinz, was die unter ihnen stehenden Grafen in ihrer Gaugrafschaft, d. h. mit i flu ^bil - und Militairgewalt bekleidete Oberstatthalter des Königs. Kaiser Otto l. suchte die 116 Herzogeribnsch für seine Macht gefährlichen Hcrzogsämter sämmtlich an Glieder seiner Familie oder wt> nigstens an unbedingt ergebene Diener zu bringen. König Heinrich III., aus dem fränk. Hause, ging noch weiter und versuchte die Herzogthümer entweder ganz aufzuheben odu doch deren Inhaber häufig zu wechseln. Unter der unruhigen Regierung seines Sohnj Heinrich'- IV. gelangten dieselben wieder zu größerer Festigkeit und wurden erblich. Sol- cher Herzogthümer waren damals in Deutschland sechs, nämlich Sachsen, Franken, Baieni, ^ui Schwaben, Ober-und Niederlothringen. In Franken und Schwaben ging das Herzog. I , thum nach dem Absterben des Hohenstausischen Hauses ganz ein, und hier spricht sich «« der darauf folgenden Zerstückelung der herzoglichen Gebiete die Bedeutung des früher« ritzki Herzogsamts recht klar aus; ebenso wurde das Herzogthum Niederlothringen unter «er. ^gl schiedene herrschende Geschlechter, die sich zum Theil auch Herzoge nannten, zerstückelt. Di wie sachs. Herzogswürde ging beim Sturze Heinrich des Löwen auf ein Stück slawischen Le», des über, während das alte eigentliche Sachsenland oder wenigstens ein Theil desselben, s, weit es welfisches Allodialbesitzthum war, zu einem neuen Herzogthum (Braunschweig) zo ,nus staltet wurde. So hat sich denn, da zuletzt auch Oberlothringcn, so viel davon noch übrii war, einging und in eine franz. Provinz verwandelt wurde, von allen den alten Herzogthi Ten! mern im Mittlern publicistischen Sinne nur eins, das des Hauses Wittelsbach in Baien neu jedoch ebenfalls in einer durch den Wechsel der politischen Verhältnisse innerlich und äußii theo lich veränderten Gestalt, bis auf die Gegenwart erhalten. Dagegen sind durch Erbtheilm Unke gen herzoglicher Häuser, wobei der Titel auf die Theilstücke vererbte, sowie auch dadmö welö daß gleichzeitig in 1 >en deutsch-slawischen Landen die Fürsten anfingen, sich denHerzogstiü , 84 beizulegen, eine Menge neuer Herzogthümer entstanden. Indem auf diese Weise die He wir' zogswürde eine bloße Titulatur zur Bezeichnung einer gewissen Stufe der Fürstlichkeit -1 Stu worden war, sank sie mehr und mehr in ihrer Geltung, sodaß in neuester Zeit einige Hu G^s zöge den großherzoglichen oder königlichen, bisherige deutsche Fürsten oder gefürstete Graft dicht aber, wie bereits schon früher mehrfach geschehen, den Herzogstitel annahmen, mit welch« trrng das Prädikat Hoheit (s. d.) verbunden wurde. In England und den romanischen St«: ten bezeichnet die Herzogswürde längst schon nur noch ein betiteltes Glied des höher» Adeö Ask Herzogenbusch, franz. Sois-ls-vuc, holländ. Hertogenb 0 sch, auch Im Bost war, genannt, die befestigte Hauptstadt der niederländ. Provinz Nordbrabant mit > 300V m« eMn katholischen E., am Zusammenflüsse der Dommel und Aa, welche durch ihre Vereinigt», böoti die Diest bilden, hat einen katholischen Bischof, ein Lyceum, mehre Fabriken, namentÄ die L in Leinwand, Getreidehandel, eine Salzsiederei u. s. w. Die Hauptkirche, eine der schön Dell sten in den Niederlanden, ist 172 F. breit, 383 F. lang und ruht auf >50 Pfeilern. D Alte Festungswerke, in Form eines Dreiecks gebaut, umfassen sieben sich gegenseitig flankireck die st Bastionen; die Gräben können durch die Aa und Dommel gänzlich unter Wasser gesch Dich werden. Zur Vertheidigung dienen auch die Forts Papenbril (jetzt Wilhelm und die e ria), St.-Jsabelle und St.-Andre. Der Ort ist aus einem Jagdhause der brabant. Herzog! und nach und nach zu einem Flecken angewachsen, welchem Herzog Gottfried III. l > 83 Stado und mauern und Stadtgerechtigkeit gab. Jm J. 1585 wurde der Versuch der Niederländ», Gedi die Stadt zu überrumpeln, nur durch einen glücklichen Zufall noch verhindert. Vergebe«! schrh wurde H. >601 und 1603 belagert, und erst >629 nach fünfmonatlicher Belagerung»«» Hau dem Prinzen Friedrich Heinrich von Nassau erobert. Im Z. 1794 nahm der Herzog »°» Zusa Jork, um sich dem Vertheidigungssysteme der Maas zu nähern, Stellung bei H., dehnt! gen 1 sich zwischen der Dommel und der Aa aus und suchte sich über Roermonde mit Clerfayti« unsi, Verbindung zu setzen. Der Rest des franz. Heers setzte sich gegen die Engländer in Marsch, vvrh Der Herzog von Jork, bei Boxtel am >4. Sept. und an der Aa am 15. Sept. geschlagen, „Gr wurde von Roermonde abgedrängt und genüthigt, die Straße nach Grave einzuschlagen. ganz Um die Trennung des Erbprinzen Wilhelm von Oranicn und des Herzogs von Jork voll scheii kommen zu machen, brauchte man nur H. zu nehmen. Pichegru bekannte diesen Platz und Ursp griff die Forts Crevecoeur und St.-Andre an, um den Holländern das Debouchiren von eme der Insel Bommel zu verwehren. Das letztere konnte sich in seinem halbverfallenen Z«' (Per stände nicht halten, und das erster« ergab sich nach dem ersten Kanonenschuß und liefert! (Bei den Franzosen schweres Geschütz, an dem cs ihnen fehlte. Am 13. Jan. >813 wurde H. Best Hesekiel Hessod 117 ' ^ durch die Preußen unter dem General von Hobe genommen, der unter Bülow eine Trux. rä»!, penabtheilung commandirte. °d-r Hesekiel, s. Ezechiel. ohnl Hesekiel (Friedr.), protestantischer Theolog und verdienter Schriftsteller im Ge« Sch biete der Pädagogik und praktischen Theologie, geb. am 27. Och 1793 zu Nehscn im Des. ucr», säuischen, erhielt seine Zugendbildung aus dem Gymnasium zu Dessau. Nachdem er vom I.1813 an als Freiwilliger an den Feldzügen gegen Frankreich Theil genommen halte, ch"" studirte er in Leipzig und in Halle, wo ihm bereits im I. 1818 das Diakonat an der Mo- chew ritzkirche übertragen wurde. In dieser Stellung, die er l 6 Jahre lang bekleidete, war et v"' zugleich seit 1823 als Hospitalprcdiger, seit l 82«, als Seelsorger an der Irrenanstalt, so D>! wie als Secretair an der ostindischen Missionsanstalt, deren jährliche Berichte er heraus- ^ gab, sehr thätig. Im I. > 83 3 als Generalsuperintendent und Cvnsistorialrath nach Alten« 'u, I' bürg berufen, suchte er dem unter der altenburg. Geistlichkeit sehr verbreiteten Rationalis- mus entgegenzuwirken und veranlaßte das Consistorialausschreiben vom >3. Nov. 1838, i'brii welches den Predigern den Vortrag der symbolischen Dogmen dringend empfahl. Gegen gthi Tendenz und Art dieses Erlasses erklärte sich der greise Schuderoffss. d.) in einem offe« ue" nen „Sendschreiben an H." (Lpz. > 83») und wurde dafür, nachdem man die Vota der usii theologischen Facultäten zu Berlin, Göttingen, Jena und Heidelberg eingcholt hatte, in ilm Untersuchung genommen. Jndeß wurde diese bald wieder aufgehoben, und die Aufregung, mrt welche der Gemüther sich bemächtigt hatte, verlor sich allmälig. H. starb am 13. Apr. stik 1830. Außer mehren gemüthlichen Jugendschriftcn und einzelnen Predigten erwähnen 4« wir von ihm die Schrift „Gvttlieb Sonntag, Blätter aus dem Tagcbuche eines Theologie it-> Studirenden" (Halle >821) und die unter dem Titel „Timotheus" erschienenen Reden an 4« Geistliche bei ihrer Einführung in den Beruf des Pfarrers (Altenb. 1837). Für H.'S rch dichterisches Talent zeugen seine „Gedichte" (Dess. 1825) und „Blüten heiliger Dich- llbe- tung" (Halle >827). :ti: Hessöd, nächst Homer der älteste griech. Dichter im 9. Jahrh. v. Chr., gebürtig aus ldel! Askra in Böotien, wohin sein Vater aus Kyme im äolischen Kleinasien ausgewandert iost war, scheint, so viel sich aus den Sagen und mangelhaften Nachrichten über sein Leben m« entnehmen läßt, der Stifter oder das Haupt einer neuen Sängerschule gewesen zu sein, der gm: böotischen oder pierischen, die man der ionischen oder homerischen entgegensetzte, daher auch ntki die Erzählung von seinem Wettstreit mit Homer zu Chalcis, den Andere nach AuliS und chm Delos versetzen, ihren Ursprung hat. Später soll er zu Orchomenus gelebt und im hohen T« Alter daselbst, wo man noch sein Grabmal zeigte, gestorben sein, wobei die Alten ebenfalls reck die sonderbarsten Gerüchte über seine Todesart mittheilen. Unter seinen noch vorhandenen M Dichtungen nimmt in Hinsicht der Bedeutsamkeit für die griech. Literatur die „Theogonie" M die erste Stelle ein, eine Zusammenstellung der frühesten Mythen über die Abstammung mzl und die Thaten cher Götter, deren Stoff zum Theil wenigstens aus uralten Kosmogonien tadl- und ähnlichen Überlieferungen entnommen ist. An poetischem Gehalte übertrifft dieses ndn, Gedicht ein zweites, mehr didaktisches, „Werke und Tage" betitelt, welches nicht nur Vörden! schriften über die Landwirthschaft sondern auch Regeln der Lebensklugheit, über Erziehung, ; M Hauswesen u. s. w. enthält. Von beiden Gedichten läßt sich jedoch, da Mangel an innerm > m Zusammenhänge und Ungleichheit in Sprache und Darstellung auf spätere Veränderun- eh»l! gen und Zusätze deutlich Hinweisen, die ursprüngliche Gestalt nicht mehr ermitteln. Noch iyl i« unsicherer bleibt das Urtheil über andere dem H. beigelegte und nur noch in Bruchstücken wsld vorhandene Gedichte, namentlich über den „Katalog der Frauen" und die sogenannten „Großen Eöen", die theils für verschiedene Gedichte, theils nur für Theile eines größer» M ganzen Werks gehalten werden, wohin Einige auch das „Schild des Hercules", ein wahr- voll- scheinlich späteres Erzeugniß, rechnen. Vgl. F. Thiersch, „Über die Gedichte des H., ihren : und Ursprung und Zusammenhang mit denen des Homer" (Münch. 1813, 3.); Mützell, „ve von eweuästione HievA. Hesioüi" (Lpz. 1833); Guigniaut, „ve la Uräog-ome U'LesioUe" In- (Par. 1835); Soetbeer, ^Versuch, die Urform der Hesiodischen Theogonie nachzuweisen" ifertt (Berl.1837).; Gruppe, „über die Theogonie de-H., ihrBerderbniß und ihre ursprüngliche )e4 Beschaffenheit" (Berl. 1841); Kork, „vexristillkt'l'ützvL.Lenoä.kvruw" (Bresl.1832); 118 Hesione Heß (Heinr.) Ranke, „Vs Uesiacki vperibus et tliebuz" (Gott. 1838) und Markscheffel, „Vs SSt», log» et Lveis vesiolii" (Bresl. 1838). Sämmtliche Gedichte wurden am besten heraus- gegeben von Grävius (An,st. 1667), Lösner (Lpz. 1778), Gaisford in „koetae minor« graeci" (Bd. 4, Oxf. 1813 und Lpz. 1823), L. Dindorf (Lpz. > 83«) und Göttling (Goth- 1831; 2. Aust., 1833); die „Theogonie" von F. A. Wolf (Halle 1783) und OrellisZür. 1837); die „Werke und Tage" von Brunck in den „koetoc gnamici" (Strasb. 178t; vermehrt von Schäfer, Lpz. 1817) und Spohn (Lpz. 1819); das „Schild des Hercules" von Heinrich (Brest. 1802) und Ranke (Quedlinb. 183«); die Bruchstücke von Markscheffel, unter dem Titel „vesiocli etc. srsgmentr,"(Lpz. > 83«). Eine deutsche Ubersetzuuz gab I. H. Voß (Heidelb. 18V6). Hefköne, die Tochter des Königs von Troja, Laomedon's (s. d.) und der Leucht!, sollte einem Orakel zufolge, weil ihr Vater dem Poseidon den für die Erbauung der Mauer» von Troja versprochenen Lohn verweigerte, einem Seeungeheuer preisgegeben werden, u«! war auch bereits zu diesem Zweck an einen Felsen gefesselt, als Hercules auf dem Heimwege von dem Zuge gegen die Amazonen nach Troja kam und sie befreite. Letzterer bekrieg« hierauf den Laomedon in Folge eines Eidbruchs, und nun kam H. in die Gewalt des Siegers, welcher sie seinem Begleiter Telamon zur Gemahlin gab, mit dem sie den Teuw zeugte. Nach Andern soll H., unzufrieden mit ihrem Gemahl, denselben verlassen und st mit dem Arion, König von Milet, vermählt haben. Hesperrden, Töchter der Nacht, nach Andern des Phorkys und der Keto, des Alias, des Hesperus (s. d.) oder des Zeus und der Themis, gab es nach Apollodor,vm Ägle, Erytheia, Hestia und Arethusa, nach Apollonius drei: Hesperie, Erytheisund Ägli nach Diodor sieben.,. Sie bewachten mit dem hundertköpfigen Drachen Ladon in ihren Eck ten jene goldenen Äpfel, welche Here (Juno) bei ihrer Verheirathung mit Zeus von de Gäa als Hochzeitgeschenk erhalten hatte. Diese Gärten waren nach Apollodor auf dl» Atlasgebirge bei den Hyperboreern, oder nach der ältesten Sage bei Hesiod überhaupt ir äußersten Westen. Jene Äpfel brachte Hercules (s. d.) dem Eurystheus, der sie ist schenkte. Jedoch behielt sie Hercules nicht, sondern gab sie der Athene, von der sie dann M der an ihre vorige Stelle gebracht wurden. Die Gegend, welche in dieser Erzählung gl meint sei, genau anzugeben, haben sich viele Gelehrte vergeblich bemüht. Nicht unwahr scheinlich ist eS, daß man unter diesen Äpfeln die Pomeranzen zu verstehen habe, welche;« erst aus dem Westen nach Griechenland gekommen. Hesperus, der Morgen- und Abendstern, gehört nach Hesiod zu den Söhnen dö Asträus und der Aurora. Nach einer andern Sage war er der Vater der Hesp eridn (s. d.), ein Sohn des Atlas und ein großer Freund der Astronomie. Als er einst, um dt> Lauf der Sterne zu beobachten, den Berg Atlas bestiegen, warf ihn der Sturm hinab, u»! von da war er auf immer verschwunden. Zum Andenken nannte man den schönsten Ster» nach seinem Namen. Hygin erzählt, daß er der Sohn der Aurora und des Cephalus mit so schön gewesen sei, daß er deswegen mit der Venus gewetteifert habe, und daher auch da Stern der Venus heiße; ferner, daß er vor Aufgang und nach Untergang der Sonne erscheine und deshalb Lucifer und Hesperus genannt werde. Die Entdeckung, daß der Merzen- und Abendstern ein und derselbe Stern sei, schreibt Plinius dem Pythagoras zu, Andere dem Parmenides- Heß (Heinr.), Historien- und Frescomaler, der Sohn von Karl Ernst Christoph Heß (s. d.), der Bruder von Pet. Heß (s. d.) und Heinr. Heß (s. d.), geb. am >9. Apr> 1798 zu Düsseldorf, wurde von Jugend aus, namentlich unter Langer, für die Historienmalerei gebildet. Gleich sein erstes großes Bild, eine heilige Familie, das er 1817 in München ausstellte, erregte große Bewunderung und verschaffte ihm mehre Bestellungen der verwitweten Königin Karoline von Baiern. Bald darauf zeichnete er die heil, drei Königr nach van Eyk, die, als er durch eine Krankheit verhindert wurde, sein Vater vollends aue- führte. Nachdem er durch die Darstellungen einer Vesper und einer Grablegung sich neck bekannter gemacht hatte, ging er mit Unterstützung des Königs von Baiern nach Jtalien- wo er sein großes Gemälde Apollo und die neun Musen ausführte, das sowol in Nom wir in München mit allgemeinem Enthusiasmus ausgenommen wurde. Nach seiner Rückkehr 119 Heß (Joh. Jak.) Heß (Karl Adolf Heinr.) wurde er 1828 als Professor an der königlichen Akademie der Künste angestellt. Zunächst malte er hier die Cartons zu den Glasmalereien für den Dom zu Negensburg; dann schmückte er die Allerheiligenkirche mit Fresken, und gegenwärtig arbeitet er an den Fresken in der Basilika, darstellend das Leben des heil. Bonisacius. Von seinen historischen Gemälden sind noch zu bemerken: Glaube, Liebe, Hoffnung, in der herzoglich Leuchten- berg'schen Gälerie, das er auch selbst auf Stein zeichnete; eine Kreuzabnahme; die Weihnacht ; die Pilger, welche nach Rom ziehen, und zwei kleine Madonnenbilder. Seine Kompositionen sind von einfacher, ruhiger Anordnung, großartig und voll Würde. Auch als Portraitmaler genießt er einen großen, wohlverdienten Ruf; namentlich gilt sein Bildniß Thorwaldsen's für das treueste. Heß (Joh. Jak.), ein sehr verdienter reformirter Theolog und Schriftsteller, geb. zu Zürich am 21. Oct. 1741, studirte daselbst, wo er >777 Diakon, 17 95 erster Prediger und Antistes der Geistlichkeit des Cantons wurde und am 29. Mai l 828 starb, nachdem er am Neformakionsfeste 1819, wo er zugleich von drei Facultäten das theologische Doctordiplom erhielt, sein Predigeramt niedergelegt und nur noch die Geschäfte des Antistes beibehalten hatte. Durch das elastische Alterthum und das Studium der Leibnitz-Wolfschen Philosophie gebildet, eröffnete er 1772 seine schriftstellerische Laufbahn mit der trefflichen „Geschichte der drei letzten Lebensjahre Jesu"; hierauf schrieb er „Von dem Reiche Gottes"; „Geschichte und Schriften der Apostel Jesu"; die „GeschichtederJsraeliten"; „Lebensgeschichte Jesu" und „Über die Lehren, Thaten und Schicksale unsers Herrn", in welchen Schriften er in dem Fortschritte der göttlichen Offenbarungen die göttliche Erziehung des Menschengeschlechts und den Plan des Reichs Gottes, auf eine dem unbefangenen Gemüthe einleuchtende Art darlegte. Manche dogmatische oder philosophische Schwierigkeiten blieben freilich unerklärt, weil der Verfasser nicht aus einem Systeme heraus die Bibel bearbeitete, ja nicht einmal aus der Bibel ein System je schaffen wollte. Er erkannte mit seiner Vernunft die Nothwendigkeit einer Offenbarung an, und nahm diese gleichsam auf in jene. Auch als Prediger fand er dauernden, wenn auch nicht so glänzenden Beifall wie Lavater. Unter seinen Predigten nennen wir „Der Christenlehrer über die Apostelgeschichte" und „Der Christ bei Gefahren des Vaterlandes" (l 89V). Alle seine Schriften wurden in Zürich gedruckt, erlebten insgesammt viele Auflagen und bilden zusammen das „Heß'sche Bibelwerk" (23 Bde.). H. war von Charakter mild und besonnen, wovon er schon als junger Mcknn in den Streitigkeiten Lavater'S mit Steinbrüchel und Hottinger Zeugniß gab, indem er versöhnend in ihre Mitte zu treten versuchte. Heß (Karl), Genremaler, der Sohn von Karl Ernst Christoph Heß (s. d.) und jüngerer Bruder von Pet. Heß (s. d.) und Heinr. Heß (s. d.), geb. 1891 zu Düsseldorf, sollte dem Wunsche des Vaters zufolge, sich dem Radiren und Kupferstechen widmen, radirte auch in seiner Jugend ein kleines Blatt nach Ostade, den geldzählenden Bauer, folgte indes bald seiner Neigung zur Malerei, in der er sich vorzüglich der Darstellung ländlicher Scenen widmete.- Als Vorbilder galten ihm Wagenbauer und sein Bruder Pet. H., und kaum hat ein Künstler das heitere Gebirgs- und Alpenlcben mit mehr Poesie, Wahrheit und Charakter wiedergegeben als er. Heß (Karl Adolf Heinr.), der ausgezeichnetste deutsche Pferdemaler, geb. zu Dresden >769, bildete sich daselbst durch das Studium der Natur und der Meisterwerke der königlichen Galerie und ging dann nach Wien, von wo aus er zu seinen Studien Reisen durch Rußland, Ungarn und die Türkei und >825 auch nach England unternahm. Am berühmtesten sind sein großes Gemälde, den Durchmarsch der uralschen Kosackcn durch Böhmen >799 darstellend, das einen wahrhaft Ungeheuern Beifall fand und, abgesehen von den Wiederholungen, die bei H. bestellt wurden, in fünf verschiedenen Stichen existirt; ferner seine Studienblätter für Pferdeliebhaber, von ihm selbst radirt (1897); sein Pserdewcrk (12 Bl.^ 1897) und die von ihm in Lithographien herausgegebenen Pferdeköpfe in natürlicher Größe (Wien 1825). Er gilt als einer der größten unter den gegenwärtigen Pferdemalern. Keiner vielleicht hat ein so tiefes Verständnis der Pferderacen in ihrem Zusammenhänge mit Volk und Land an den Tag gelegt wie er, und seine Bilder sind auch in Beziehung auf Hintergrund und Menschenfiguren treffliche Genrebilder. Die 120 Heß (Karl Ernst Christoph) Heß (Pet.) Technik ist in allen seinen Arbeiten untadelhafk, seien sic in Ol, Gouache, Pastell, Kreide, Tuschen oder mit der Feder oder Radirnadcl ausgeführt. Heß (Karl Ernst Christoph), berühmter Kupferstecher, gcb. am 22. Jan. >755 zu Darmstadt, widmete sich während einer an Entbehrungen reicken Jugend zuerst in Manheim mit ziemlich raschem Erfolge der Stempelschncidekunst. Durch eine Jagdsccnc, wo- mit er einen für den Kurfürsten Maximilian von Baicrn bestimmten Hirschfänger geziert hatte, erwarb er sich zuerst die Gunst desselben. Die Kupferstecherkunst gründlich zu er- lernen, ging er >776 nach Augsburg. Im nächsten Jahre folgte er der Aufsoderung, nach Düsseldorf zu kommen, um an dem großen Galeriewerke von Krähe mitzuarbeiten. Gleich die von ihm gearbeitete erste Platte, nach Rembrandt, gefiel so, daß er >78» zum Mitglied der Akademie gewählt wurde, worauf ihn der Kurfürst >782 zum Hoftupferstecher und dann zum Professor an der Akademie ernannte. Im I. >783 ging er nach München und 1787 nach Italien, wo er mit Goethe, Hirt, Herder und Schlegel eine nähere Bekanntschaft knüpfte. Als >789 der Engländer Green das düsseldorfer Galeriewerk fortzusehcn beschlossen hatte, wurden H. und Bartolozzi als Hauptmitarbeiter berufen. H. lieferte die Himmelfahrt der Maria nach Guido; den Marktschreier von G. Dow, ein Hauptblatt der Kupferstecherkunst; das Portrait des Rubens und das der Frau des Rubens, welcher letztere für das beste aller Stiche in punktirter Manier gilt. Auch seine Blätter in einer Reihe von Jahrgängen des Mohn'schen Taschenbuchs (Düsseld.), nach den besten Bildern der düsseldorfer Galerie, gehören zu den vorzüglichsten dieser Gattung. Als die düsseldorfer Galerie und Akademie 1806 nach München verlegt wurde, erhielt auch H. wieder eine ehrenvolle Anstellung. Unter seinen hiesigen Arbeiten erwähnen wir den heil. Hieronymus nach Palma; die Anbetung des göttlichen Lamms, nach van Eyk, die er in seinem Grci- scnalter stach, und seine letzte Arbeit, das Bildniß des Königs Maximilian in ganzer Figur, nach Stieler. Er starb zu München am 25. Juli >828. Unter seine Schüler gehören auch seine drei Söhne, Peter, Heinrich und Karl. Heß (Ludw.), ein trefflicher Landschaftmaler,geb. in Zürich >76», war der Sohn eim§ Fleischers und für das Handwerk des Vaters erzogen. Sehr früh aber entwickelte sich in ihm das Talent für eine Kunst, für die er geboren war. Entschiede» wirkte auf ihn ein der Umgang mit Eeßner. Nachdem er sich der Kunst ganz zugewendet, erwarb er sich in kurzer Zeit einen im Vaterlande wie im Auslande geachteten Namen. Im I. >791 wurde ihm endlich auch sein Wunsch, Italien zu sehen, erfüllt; doch schon nach zwei Monaten mußteer in die Heimat zurückkehren, wo ihn die Zeitverhältnisse nöthigten, um des täglichen Unterhalts willen den größten Theil seiner Zeit auf das Kupferätzen zu verwenden. Das hiermit verbundene Sitzen, im Vereine mit der leidenschaftlichen Heftigkeit, mit welcher er diese neue Beschäftigung ergriff, zerstörten sehr bald seine Gesundheit. Er starb im Apr. >89» und hinterließ eine Gattin, die an Gemüth und Kunstsinn ihm gleich war. Vorzüglich waren die Alpenmassen die Gegenstände seines Studiums; aber auch andere Gegenden nahm er auf, doch in der Regel nur solche, die noch nicht dargestellt waren. Treue, fleißige Darstellung, Harmonie, herrliches Colorit, gefällige Keckheit des Pinsels charakterisiren seine Bilder, die fast durch ganz Europa zerstreut sind, wie es denn auch viele Zeichnungen und geätzte Blätter von ihm gibt. Von seinen Meisterstücken nennen wir den Montblanc, den Alpenmorgen, den Abend am Lago maggiore, den Alpsee des glarner Murgthals, den Grütli und Tell's Kapelle in Verhohlen Gasse. Vgl. Meyer, „Biographie H.'s" (Zür. > 899). Heß (Pet.), ein ausgezeichneter Schlachten- und Genremaler, der älteste Sohn von KarlErnstChristoph Heß (s.d.) und Bruder von Hcinr. Heß (s. d.) und Karl Heß (s.d), geb. am 29. Juli >792 zu Düsseldorf, radirte bereits in seinem zehnten Jahre neben andern Sachen auch einige Thicrstücke, für die er, gegen den Wunsch seines Vaters, eine besondere Vorliebe hatte, die er auch behielt. In München bildete er sich seit 1806 in dem Fache weiter, in welchem er bald zu holxer Auszeichnung gelangte. In den I. 1813 —>5 wohnte er im Generalstabe des Fürsten Wrede den bedeutendsten Gefechten gegen die Franzosen bei und zeichnete mehre Scenen, so weit es ausführbar war, an Ort und Stelle. Berühmt ist namentlich sein Gemälde, die Schlacht bei Arcis sur Aube (>8>7), in welchem» das Schlachtenleben in der treuesten Wesse schildert. Nachher machte er Reisen nach Wien, 121 Hessen (Vorgeschichte) in die Schweiz und Italien. Im Z. 1833 begleitete er den König Otto nach Griechenland, um dessen Einzug an Ort und Stelle zu zeichnen und dann in einem Gemälde auszufüh- ren, das 1835 bei der Ausstellung allgemeinen Beifall fand. Er lebte neun Monate in Griechenland, wo er unter andern interessanten Momenten auch die Landung der bair. Truppen und die Huldigung König Otto's malte. Bon seinen übrigen Gemälden erwähnen wir noch als die bekanntesten: Die Überrumpelung eines franz. Dorfs durch die Kosacken (1817); die Bertheidigung der Kinzigbrücke bei Hanau durch den General von Pappenheim; ein Scharmützel zwischen franz. Dragonern und östr. Husaren; die konischen Kosacken mit gefangenen franz. Bauern und den Morgen in Partenkirchen (I82«>); ein Bi- vouac östr. Truppen und den wallachischen Pferdefang (1823); das Gefecht im Engpaß bei Bodenbühls an der tiroler Grenze (1829) und das Gefecht bei Wörgel in Tirol (> 832). H. ist Mitglied der königlichen Akademien zu Berlin und München und stiftete mit Quaglio den Kunstverein in München. Er gilt mit Recht als einer der ersten jetzt lebenden Schlachten und Genremaler; sein Colorit und seine Auffassung sind überaus meisterhaft, und seine Composition ist stets bedeutend und tief gedacht, wodurch er sich namentlich vor mehren franz. Schlachtenmalern auszeichnet. Die Staffage wie das Landschaftliche sind in allen seinen Arbeiten mit gleicher Meisterschaft behandelt. Seine Gemälde sind stets gefällig und geistreich geordnet, voll Leben und Kraft und bis in die kleinsten Details mit un- gemeiner Klarheit und Zartheit ausgeführt. Hessen, ein alter deutscher Volksstamm, welcher in früherer Zeit den Namen Kalten (s. d.) führte und, nachdem ein Zweig davon unter dem Namen der Bataver (s. d.) nach den Niederlanden sich gewendet, in dem heutigen Ober- und Niederhessen ansässig wurde, auch von da aus sich südlich in das Erabfeld und östlich nach Thüringen hinein ausbreitete. Mit den Römern, deren Pfahlgraben (s. Teufclsmauer) in der Folge an ihrer Südwestgrenze hinlief, kamen sie im I. l 5 nach Ehr. Geb- in Berührung, wo Eermanicus ihren Hauptort Mattium (Groß- und Kleinmaden bei Gudensberg) zerstörte. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte verloren sich die Katten in dem großen Frankenbunde, und durch die Auswanderung der Franken nach Belgien und Gallien wurde das Hessenland zumTheil entvölkert, wovon die Folge war, daßdieSachsenindenseitdemsogenanntensächs. Hessengau (s.d.) vordrangen. Die übrigen vorzüglichen, Gaue in H., welche schon durch Bonifacins und seine Schüler, die Stifter der Abteien Amöneburg, Fulda (s. d.), Hers- feld (s. d.) lind des bald wieder aufgehobenen Bisthums Buraburg, cultivirt wurden, waren der fränk. Hessengau und der Oberlahngau. Sie wurden unter der Herrschaft der fränk. Könige durch Grafen regiert, von denen beiweitem die mächtigsten, die Konradinger, zur Zeit des Falls der Karolinger in Konrad I. zur herzoglichen Gewalt über Franken und bald auf den deutschen Königsthron gelangten. Wenn nun auch nach dem kinderlosen Ableben Konrad's und seines Bruders Eberhard das fränk. Hcrzogthum nicht ganz einging, so erstreckte sich doch die herzogliche Gewalt fortan nicht mehr über H., wo seitdem mehre herrschende Grafen und Dynastengeschlechter nebeneinander auftraten, wie die Werner, ein frühzeitig ausgestorbenes sendgräfliches Geschlecht, die Grafen von Ziegenhain, von Felsberg, Schaumburg, Waldenstein, Bilstein, Battenberg, Dassel u.s.w.; unter allen aber ragten hervor die Gisonen, Grafen von Gudensberg. Durch Heirath mit der Erbtochter des letzten derselben, Geiso's IV., erhielt Landgraf Ludwig I. von Thüringen die Grafschaft Gudensberg, und alle Hess. Großen erkannten ihn als ihren Landoberherrn an. Als im I. 1247 mit H einrich Raspe (s. d.) der thüring.Mannsstamm abstarb, machte seine Nichte, Sophia, die Tochter Landgraf Ludwig des Frommen und die Gemahlin Herzog Heinrich's von Brabant, auf das Erbe Thüringen sammt H. Anspruch und kam nach langjährigen Kämpfen mit ihrem Nebenbuhler, dem Markgraf Heinrich dem Erlauchten (s. d.) von Meißen, Heinrich Naspe's Schwestersohn, kraft Vertrag vom I. 1263 wenigstens in Besitz von H. Sophia's Sohn, Heinrich I., das Kind (s.d.), der Stammvater des noch gegenwärtigen Hess. Hauses, nahm seinen Sitz zu Kassel, der alten Residenz der Konradinger, behielt die aus der mütterlichen Erbschaft beanspruchte landgräfliche Würde bei und wurde in dieser Eigenschaft als Neichsfürst anerkannt. Sein unmittelbares Besttzthum, die Grafschaft Gudensberg, war noch klein und seine Fürsten, 122 Hessen-Kassel (Geogr. u. Statist.) gewalt in dem in viele gräfliche und dynastische Territorien zerstückelten Hessenland sehr eingeschränkt; allein seine Nachkommen brachten allmälig alle die vereinzelten Territorien an sich und erwarben auch außerhalb H. am Mittelrhein bedeutende Besitzungen. Ihre gerechten Ansprüche auf Brabant blieben aber erfolglos. Heinrich's I. Söhne Otto und Johann nahmen 1309 eine Erbtheilung vor; da indeß letzterer bald nachher kinderlos starb,.so kamen die Lande wieder zusammen. Otto'sSohn, Heinrich II. oder der Eiserne, 1328—77, erwarb Treffurt, einen Theil der Herrschaft Itter, die Hälfte von Schmalkalden u. s. w. und hinterließ, als er in seinem 8». Jahre starb, die Landgrasschaft seinem Bruderssohne Hermann, 1377—1313, der Gelehrte genannt wegen seiner zu Paris und Prag in Folge seiner ursprünglichen Bestimmung zum Geistlichen gemachten Studien. Hermann hatte unter der zahlreichen Ritterschaft seines Landes wenig Freunde; mehre Vereine bildeten sich wider ihn, und die Bünde der Sternritter, der Gesellen der alten Minne, der Falkner, der Hörner, der Ritter vom grimmigen Löwen in der Wetterau und der Flegler machten ihm nicht wenig zu schaffen. Die Streitigkeiten in Rom wegen Mainz verwickelten ihn mit Adolf von Nassau in Kampf, verschafften ihm aber dir Schutzgerechtigkeit über die Abtei Hersfeld; auch erwarb er käuflich die Hälfte der Grafschaft Lisberg und die Herrschaft Wölkersdorf. Da seine ältern Söhne bereits vor ihm verstorben waren, so folgte ihm der jüngste, Ludwig I. oder der Friedsame, >313—58, der Ziegcn- hain und Nidda erwarb, die Vogtei über Korvei und die Lehnherrlichkeit über Waldeck erhielt. Von seinen vier Söhnen theilten sich Ludwig und Heinrich III. in das väterliche Erbe. Ludwig II. oder der Freimüthige, 1358—71, erhielt Niederhessen mit Kasseh Heinrich III. oder der Reiche, 1358—83, Oberhessen mit Marburg. Ein zwischen ihnen wegen dieser Theilung entstandener Krieg endigte sich damit, daß Ziegenhain mit Ober- Hessen vereinigt wurde. Für Ludwig's 11. minderjährige Söhne, Wilhelm I. oder den Ältern und Wilhelm II. oder den Mittlern, übernahm deren Oheim, Heinrich III., der durch Heirath die Grafschaft Katzenellnbogen, deren oberer Theil den Kern des nachmaligen hessen-darmstädtischen Gebiets bildet, an H. gebracht hatte, die vormundschaftliche Regierung. Bei seinem Tode trat Wilhelm I. in Niederhessen, und zwei Jahre später Wilhelm II. in seinem Antheile die Regierung an. Heinrich's III. Nachfolger in Oberhesscn wurde sein Sohn Wilhelm III. oder der Jüngere, 1383—1509. Wilhelm l. wurde ans der Rückkehr aus Palästina blödsinnig, mußte deshalb 1303 die Regierung aufgcbcn, die, da er keine männlichen Erben hatte, auf seinen Bruder Wilhelm ll. überging, und starb 1515. Als nun auch Wilhelm III. im I. 1500 kinderlos verstarb, sah sich Wilhelm II. im alleinigen Besitze der gesammten Hess. Lande, welche er 1509 seinem fünfjährigen Sohne Philipp I. oder dem Eroßmüthigen (s. d.) hinterließ. Während Phi- lipp's Minderjährigkeit wurde H. zuerst von einem aus dem Adel gebildeten Landregiment, sodann von der Landgräfin-Mutter in Verbindung mit den Landständen regiert, nachdem der blödsinnige Wilhelm I. und der Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen vergeblich versucht hatten, sich der Negierung zu bemächtigen. Die Unruhen in Deutschland verau- laßten den Kaiser Maximilian, den jungen Landgrafen in seinem > 3. Jahre, 1518, für volljährig zu erklären, der bereits Kraft genug verrieth, die Zügel der Regierung selbst zu führen. Er bewährte sich in dem Bauernkriege, durch eifrige Theilnahme an der Förderung der Reformation und in den Kämpfen des schmalkaldischen Bundes. Mit den Gütern der eingezogenen Klöster stattete er die von ihm >527 gegründete Universität zu Marburg aus. In der Schlacht bei Mühlberg im I. 1537 gefangen genommen, hatte er fünf Jahre lang viel zu leiden. Nach seiner Freilassung regierte er mit dem friedfertigsten Sinn bis zu seinem Tode am 31. März 1567. Zufolge eines Testaments von 1562 hatte er seine Lande unter seine vier Söhne in folgender Weise getheilt: Wilhelm IV. erhielt die Hälfte des Länderbestandes mit Kassel; Ludwig IV., eigentlich III., ein Viertheil mit Marburg; PhilippII. ein Achktheil mit Rheinfels; Georg!, ein Achttheil mit Darmstadt. Da aber Philipp ll. 1583 und Ludwig III. 1603 ohne Erben starben, so blieben nur die beiden noch jetzt bestehenden Hauptlinien Hessen-Kassel (s.d.)undHessen-Darmstadt (s.d.). Hessen-Kassel, das Kurfürstenthum, besteht aus einer unregelmäßig gestalteten größer» Landmasse und einigen kleinern, enelavirten Stücken und grenzt mit dem Haupt- 123 Hessen-Kassel (Geogr. u. Statist.) lande an die preuß. Provinz Westfalen, an Waldeck, Hessen-Darmstadt, Nassau, Frank- furt, an den bair. Kreis Unterfranken, an Sachsen-Weimar, die preuß. Provinz Sachsen und das hannov. Fürstenthum Göttingen. Die vom Hauptlande abgesondert liegenden Gebietstheile sind die >6 lUM. große Grafschaft Schaumburg, zwischen lippe-detmolder, schaumburg-lippischen, preuß. und hannov. Gebiete; die Herrschaft Schmalkalden, ein Theil der alten Grafschaft Henneberg, 6 UM. groß, zwischen sachsen-goth., meining. und preuß. Gebiete; die von sachsen-meining. Gebiete völlig eingeschlossene Parcelle Barchfeld und die im hessen-darmstädt. Gebiete liegende Enclave mit den Ortschaften Dorheim, Nauheim, Schwalheim u. s. w- Das ganze Kurfürstenthum hat einen Flächeninhalt von nahe an 299 ü>M. und ist in die vier Provinzen Niederhessen mit Schaumburg (89 LM.), Oberhessen mit Ziegenhain(4I mM.), Fulda mit Schmalkalden (4 l mM.) und Hanau (27 UM.) getheilt. Der größte Theil des Landes, namentlich die Provinz Nicderhessen und ein Theil von Oberhessen und Fulda, liegt auf dem Plateau von Deutschland und zwar auf der sogenannten Hess. Hochebene, einer mit vielen Berggruppen und isolirtenEipfelerhebun- gen durchzogenen wellenförmigen Fläche, welche den Übergang von den Ebenen Norddeutschlands zum süddeutschen Hochlande macht. Auf derselben erheben sich als besondere Ge- birgserhöhungen der Habichtswald mit dem l 312 F. hohen Karlsberge, westlich von Kassel; der Neinhardswald mit dem Staufen - und Gahrenberge, nördlich von Kassel; der Sullings- oder Sillingswald zwischen der Fulda und der Werra; derMeisner, der höchste Punkt der Hess. Terrasse, 2299 F. hoch; der Hundsrück an der Werra, u- s. w. Außerdem senden von Westen her das niederrheinischc Gebirge in dem Burgwald und Keller und von Südosten das Thüringerwaldgebirge in besonder« Zweigen, deren höchsterPunkt der an der Grenze von Hessen und Sachsen-Gotha gelegene Jnselsberg ist, ihre Ausläufer in das kur- hess. Gebiet, während zugleich die Vorberge des Rhöngebirges bis in die Provinz Fulda und die Ausläufer des Bogelsberges bis in die Provinz Hanau reichen und der Spessart und Deister an andern Theilen das Kurfürstenthum berühren. Die wichtigsten Flüsse sind die Werra, welche nur kurze Abschnitte des Landes berührt, mit unbedeutenden Nebenflüssen; die Fulda, welche mit der ganzen Länge ihres Laufs dem Kurfürstenthum fast ausschließlich angehört und die Edder nebst der Schwalm aufnimmt; die durch die Vereinigung der Werra und Fulda entstehende Weser (s. d.), welche theils Grenzfluß ist, theils auf eine kurze Strecke das Kurfürstenthum durchfließt und hier die vom Sauerlande herabkommende Diemel aufnimmt; der Main, der den Grenzfluß der Provinz Hanau gegen Hessen-Darmstadr hin bildet und die Kinzig und Nidda aufnimmt; endlich die Lahn mit der Ohm und Wohra. Das Klima ist im Allgemeinen mild und nur in den gebirgigen und waldigen Gegenden rauh. Der Boden ist fast durchgängig fruchtbar und erzeugt Getreide aller Art, selbst etwas Spelz und Mais; Hülsenfrüchte, besonders Bohnen; viel Taback (17—29900 Ctr.), Flachs (15999 Stein) und Obst von vorzüglicher Güte. Ein Drit theil der ganzen Bodenfläche bedecken Waldungen. Auch die Viehzucht, hauptsächlich die Schaf - und Schweinezucht, ist nicht unbedeutend. An Mineralien liefert das Land Kupfer, Blei, Kobalt, Vitriol, Alaun, Thon und besonders Steinkohlen und Kochsalz. Mineralquellen sind zu Schwalheim, Wilhelmsbad, Dorf- und Hofgeismar, Rodenberg und Nenndorf. Hauptnahrungszweige bilden, außer der Viehzucht, dem Obst- und Ackerbau, in Ober - und Niederhessen und Fulda die Leinweberei und Garnspinnerei, im Schmal- kaldischen die Stahl-, Eisen-,Blech - und Gewehrfabrikation und in Kassel und Hanau die Gold - und Silberwaarenfabriken; außerdem werden Faycncewaaren, Schmelzticgel,. Glas, Tuch und Papier verfertigt. Der Aus - und Einfuhrhandel ist zwar nicht unbedeutend, wird aber durch den Tranfltohandel übertroffen, welchen die Schiffahrt auf der Fulda, Werra und Weser und treffliche Landstraßen begünstigen und die projectirten Eisenbahnen noch mehr heben werden. Die Hauptplähe für den Speditionshandel sind Wanfried, Karlshafen und Eschwege und für den Verkehr im Innern die Hauptstadt Kufsel (s. d.) und Hanau (s. d.), an welchen beiden Orten jährlich Messen gehalten werden, sowie Spangenberg und Schmalkalden (s. d.). Die Zahl der Bewohner belief sich imJ. 1841 auf 728959; sie sind, abgesehen von etwa 8309 Juden, ganz deutscher Abkunft und bekennen sich in dem Stammlande zu der evangelischen, in den mucrworbenen Landen 124 Hessen-Kassel (Geoqr. u. Statist.) zur katholischen Kirche, o>s auf etwa 260 Meunoimen. Die Angelegenheiten der evangelischen Kirche besorgen drei Consisiorien zu Kassel, Marburg und Hanau, die der katholi- schen Kirche der Bischof zu Fulda jetzt (Vr. Leonhard Pfaff) und die der Juden das Landrab- binat. Zur Beförderung der landwirthschastlichen und technischen Cultur besteht seit 1821 in Kassel ein Handels- und Gewerbeverein, welcher Deputationen in allen Provinzial- hauptstädten hat. Die Unterrichcsanstalten anlangend, so besitzt das Kurfürstenthum eine Universität zu Marburg (s. d.), eine Maler-, Bildhauer- und Bauakademie zu Kaffe!, eine Zeichenakademie zu Hanau, eine höhere Gewerbschule zu Kassel und 19 Handwerksschulen, eine Forstschule zu Fulda, zwei protestantische Schullehrerseminarien zu Kassel und zu Marburg, ein katholisches zu Fulda und auch ein jüdisches, ein katholisches Priesterseminar, acht Lyceeir, Pädagogien und Gymnasien, eine Militairschule, sechs Realschulen, darunter ein Progymnasium, und 95 Stadtschulen. Im Budget von >833—35 wurden die Ausgaben zu 1 2,329730 Thlr., die Einnahmen zu 1 3,37 8 > NN Thlr. veranschlagt; die Staatsschuld betrug >832 noch I,2500NN Thlr., wozu im Jan. >835 die bei Rothschild zur Aus- führung der Eisenbahnverbindungen gemachte Lotterie-Anleihe von 6,7 nnoov Thlr. kam. Das Militair besteht aus 8669 M., darunter 6668 M. Infanterie, > 238 M. Cavalerie und >37 M- Artillerie. Sämmtliche kurhess. Lande bilden nach der Constitution vom 5. Jan. 183 > für immer ein untheilbares und unveräußerliches, in einer Verfassung vereinigtes Ganze. Die Negierungsform ist monarchisch mit landständischer Verfassung. Der Regent, welcher den Titel eines Kurfürsten vonH-, Großherzogs von Fulda, Fürsten zuHers- seld, Hanau, Fritzlar und Isenburg, Grafen zu Katzenellnbogen, Dieß, Zicgenhain, Nidda und Schaumburg und das Prädicat König!. Hoheit führt, vereinigt in sich alle Rechte der Staatsgewalt und übt sie auf verfassungsmäßige Weise aus. Er wird zufolge Gesetzes vom >3. Sept. >831 mit dem zurückgclegten 22. Jahre volljährig und bezieht eine Civil- liste von 392669 Thlr. Die Thronfolge ist erblich, nur in männlicher Linie aus ebenbürtiger Ehe, nach der Linealfolge und dem Rechte der Erstgeburt. Der Thronfolger heißt Kurprinz, und es hat der gegenwärtige Kurprinz-Mitregent 1833 das Prädicat König!. Hoheit angenommen; alle nachgeborencn Söhne und Töchter, sowie die Glieder der Nebenlinien des kurfürstlichen Hauses heißen Landgrafen und Landgräfinnen von H. Der gegenwärtige Kurfürst ist Wilhelm II. (s. d.), der am 30. Sept. >831 die Regierung seinem Sohne, dem Kurprinz Friedrich Wilhelm (s.d.), als Mitregenten übergab und seitdem erst in Hanau, dann in Frankfurt seinen Aufenthalt nahm. Präsumtiver Thronerbe, zugleich auch in Dänemark, ist der Sohn des Landgrafen Wilhelm, Friedrich, geb. am 26.Nov. 1820. Nebenlinien des Kurhauses sind Hessen-Philippsthal (s. d.), Hessen-Philipps- thal-Barchfeld und die im Mannsstamm erloschene Linie Hessen-Rheinfels-Rotenburg (s.d.), ausdie zunächst nach dem Erlöschen des regierendenHauses und dann aufHessen- Darmstadt und zuletzt aufHessen - Homburg (s. d.) die Thronfolge übergehen würde. Auch bestehen Erbverbrüderungenmit Sachsen seit 137 3 und mit Preußen seit 1357, welcheletztere >613 erneuert wurde. Die das Land vertretende Ständrversammlung besteht nur aus einer Kammer. Dieselbe ist zusammengesetzt aus einem Prinzen des kurfürstlichen Hauses für eine jede der apanagirten Linien desselben oder deren Stellvertretern; den Häuptern der fürstlichen oder gräflichen, ehemals reichsunmittelbarenFamilien, welche inKurheffen eine Standesherrschaft besitzen, mit Gestattung der Stellvertretung; dem Senior der Familie von Niedesel; einem derritterschaftlichen Obervorsteher der adeligen Stifter Kaufungen und Wetter; einem Abgeordneten der Universität; fünf Abgeordneten der althess. Ritterschaft; einem Abgeordneten der Ritterschaft der Grafschaft Schaumburg; einem Abgeordneten des ehemals reichsunmittelbaren Adels in den Kreisen Fulda und Hünfeld; einem Abgeordneten aus dem ehemals reichsunmittelbaren Adel in der Provinz Hanau; 16 Abgeordneten von den Städten, unter denen Kassel und Hanau je zwei zu wählen haben; und >6 Abgeordneten der Landbezirke. Die Verfassung beruht im Ganzen auf dem gemeinen in Deutschland geltenden Rechte; sie sichert den Staatsbürgern vollkommene Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit, gibt dem Richteramte Unabhängigkeit und trennt es gänzlich von der Verwaltung; das Urtheil über die Competenz ist den Gerichten selbst zugewiesen; allgemeine Gewissensfreiheit und Religionsduldung werden anerkannt, und alle Frohnen, Zehn- 125 Hessen-Kassel (Geschichte) ten, Zinsen und übrige Reallasten sind für ablöslich erklärt. Die Presse soll in vollem Um- fange frei und Ccnsur nur in den durch die Gesetze des Deutschen Bundes bestimmten Fallen zulässig sein, jedoch zuvor ein besonderes Gesetz gegen Preßvergehen erlassen werden. Die Einrichtung des Ministerium ist gesetzlich bestimmt; fünfMinister, nämlich der Justiz, des Innern, der Finanzen, des Kriegs und der auswärtigen Angelegenheiten, oder wenigstens drei, jeder in seinem Departement verantwortlich ist, bilden das Gesammtministerium, welches in seiner collegialischen Gesammtheit zugleich eine höhere Instanz für jeden einzelnen Minister darstellt. Die Stände haben wesentlichen Antheil an der Gesetzgebung und au Steuerbewilligung und das Recht der Beschwerde gegen alle Beamte und der förmlichen Anklage gegen die Minister. Ihre Sitzungen sind öffentlich. Übrigens ist in Ansehung der Städte und Landbezirke die Wahl der Abgeordneten freier als in den meisten andern deutschen Staaten; sic können die Hälfte ihrer Abgeordneten außerhalb ihres Standes und Bezirks wählen, auch ist ein bürgerliches Gewerbe bei den städtischen Abgeordneten gar nicht erfoderlich, wol aber der Betrieb der Landwirthschaft als Hauptgewerbe bei acht Abgeordneten der Landbezirke. Abgesehen von dem 182» gestifteten, >831 erneuerten Vcrdienstkreuz, der Denkmedaille für Hess. Krieger, die den Feldzügen von >814 und 1815 beigewohnt haben (seit 1821), und dem Dienstauszeichnungskreuz jfür mehrjährige Mili- tairdienste (seit >835) hat das Kurfürstenthum drei Orden, den Hausorden vom goldenen Löwen, gestiftet >77», erneuert 1818, in vier Elasten; den Militairverdienstorden, gestiftet 172»; und den Orden vom eisernen Helm, in drei Klassen, gestiftet 1814 zum Andenken an den Befreiungskrieg. Im engen Rathe des Deutschen Bundes hat das Kursürstenthum die achte Stelle und im Plenum drei Stimmen. Zur Erhaltung der Bundeskanzlei zahlt es jährlich 2»»» Gulden, und zum deutschen Bundescontingent stellt eS 567» M., nämlich 4402 M. Infanterie, 8l 1 M. Cavalerie, 4»» M. Artillerie, mit 12Kanonen, und 57 M. Pionnicre, die zum achten Heerhaufen gehören. Vgl. Nöding, „Geographie und Statistik von Kurhessen" (Mark. 1834); Wiegand, „Erdbeschreibung des Kurfürstenthums H." (3. Aust., Kaff. 1826); Nöding, „Statistik und Topographie des Kurfürstenthums H." (2.Ausl., Mark. 1828)undLandau, „Beschreibung deSKurfürstenthumsH."(Kass. 1842). Hessen-Kassel ist die ältere Linie des Hauses Hessen (s. d.), die von Philipp's des Eroßmüthigen ältestem Sohne, dem Landgrafen Wilhelm IV. oder dem Weisen, gestiftet wurde, der seine Residenz zu Kassel hatte und von 1567 —>92 regierte. Ihm folgte in der Negierung sein Sohn Moritz, der sich der reformirten Kirche zuwendete, >627 die Regierung seinem Sohne Wilhelm V. überließ und 1632 starb. WilhelmV. setzte 1628 das Erstgeburtsrccht für sein Haus fest, kämpfte im Dreißigjährigen Kriege auf Schwedens Seite und starb in der Acht 1637. Sein Bruder Hermann stiftete die Nebenlinie Hessen- Rotenburg, der jüngste Bruder Ernst die Linie Hessen-RheinfelS. (S. He sseu-Nhein fels- ^ffot enburg.) Wilhelm's V. unmündiger Sohn, Wilhelm VI.,stand, bis er >65»dieRe- gierung selbst übernahm, unter derVormundschaft seiner Mutter, Amalia Elisabeth, Gräfin von Hanau, die zur Entschädigung für die Opfer im Dreißigjährigen Kriege den größten Theil der Grafschaft Schaumburg (s. d.) und die Abtei Hersfeld (s. d.') als Fürstenthum erhielt. Wilhelm VI. starb 1663 und ihm folgten sein Sohn Wilhelm VIl., und als dieser 167» noch minderjährig verstarb, dessen Bruder Karl unter der Vormundschaft seiner Mutter, Hedwig Sophie, einer Tochter des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, während ein dritter Bruder, Philipp, der Stifter der Nebenlinie Hesscn-Philipps- Karl übernahm die Regierung >675. Hess. Söldner hatten nach dem Dreißigjährigen Kriege als Bundestruppen anderer Continentalmächte fast an allen eurvp. und türk. Kriegen Antheil. Dieses System verbesserte die Finanzen, aber nicht so sichtbar den Wohlstand des Landes und brachte den glänzenden Hof selbst in ausländische Familienverbindungen. Karl's ältester Sohn Friedrich vermählte fick mit Ulrike Eleonore, der jüngsten Schwester Karl's XII. von Schweden, dem sie auf dem Thron folgte, und wurde I > 2» König von Schweden. Beim Tode seines Vaters im I. >730 übernahm er als Friedrich I. die Regierung in H., ernannte aber seinen Bruder Wilhelm zu seinem Statthalter, der ihm, als er am 28. Mär; 1751 ohne Erben verstarb, unter dem Namen Wil- he.m VIII. als Landgraf folgte. Wilhelm VII,. focht noch als brit. Bundesgenosse im 126 Hessen-Kassel (Geschichte) Siebenjährigen Kriege, der den Hess. Soldaten viel Ehre, dem Lande aber viel Noth brachte, und starb 1760. Ihm folgte sein Sohn Friedrich II-, der zur katholischen Kirche übergc- treten war. Er hielt einen sehr glänzenden Hof, vermehrte das Heer bedeutend und ließ von 1776—84 im engl. Solde 22000 M. gegen Nordamerika kämpfen, wofür ihm 21,276778 Thlr. gezahlt wurden. So gewann er die Mittel, auch für Künste und Wissenschaften Manches zu thun. Er starb 1785 und ihm folgte als Landgraf seinSohnWil- h elm IX., der schon seit 1760 Graf und dann Fürst von Hanau gewesen war. Wilhelm IX. nahm an dem franz. Revolutionskriege mit seinem Neichscontingent und auch als brit.Verbündeter Theil. Nachdem er dem baseler Frieden von 1705 beigetrete», schloß er sich an Preußen an. Zur Entschädigung für den Verlust seiner Besitzungen jenseit des Rhein erhielt er 1803 mehre vormals Mainzer Ämter und Städte und wurde am 25. Febr. 1803 zur Würde eines Kurfürsten erhoben, die er am 1. Mai 1803 unter dem Namen WilhelmI. (s.d.) öffentlich annahm. Am 3.Oct. 1806 schloß er zwar einen Vertrag mit Napoleon, worin dieser die Neutralität des Kurfürstenthums anerkannte; da aber der Kurfürst zur Aufrechthaltung derNeutralität sein Heerauf20000M. vermehrte, so gab ihm Napoleon nach der Schlacht bei Jena Schuld, dies nur deshalb gethan zu haben, um, falls die Preußen siegten, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen. Bereits am I .Nov. wurde Kassel von franz. Truppen beseht und im Frieden zu Tilsit das ganze Kurfürstenthum dem nenerrichteten Königreich Westfalen einverleibt. Erst nach siebenjähriger Abwesenheit kehrte der Kurfürst am 21. Nov. 1813 in sein Land zurück. Wie er überhaupt die westfäl. Zwischenregierung als gar nicht vorhanden gewesen und auch Alles, was unter derselben geschehen, als ungültig betrachtete, wodurch große und weitläufige Processe, so namentlich in Beziehung auf den Verkauf der Domainen, veranlaßt werden mußten, die zum Theil noch jetzt keine Erledigung gefunden haben, so behielt er auch, als man ihm auf dem Con- gresse zu Wien, wo er sich für Herstellung des deutschen Kaiserthums und des ganzen Zustandes vor >806 vergebens verwendete, den königlichen Titel nicht bewilligte, den inzwischen ganz bedeutungslos gewordenen kurfürstlichen Titel bei; ja noch mehr, um seine pedantische Vorliebe für die alte Zeit recht offen zur Schau zu geben, wurden sogar Röcke nach altem Schnitt, Zöpfe, gepudertes Haar, dreieckige Hüte, Stöcke und Prügel beim Militair wieder eingeführt. Bei der Ausgleichung der deutschen Gebiete erhielt er zu seinem früher» Besitze den größten Theil des Fürstenthums Fulda, mehre Enclaven im Kurhessischen und einen Theil des Jsenburgischen, auch einige andere 1815 wieder an Preußen abgetretene Gebietstheile; dagegen trat er einige Enclaven und Grenzdistricte, z. B. an Sachsen-Weimar, ab. Er hatte bei der Rückkehr in sein Land in einer Proclamation und nachher den verbündeten Mächten in dem Beitrittsvertrage vom 2. Dec. 1813 versprochen, die Landständc, sowie sie bis 1306 bestanden, jedoch mit Aufhebung aller Steuerbefreiungen, wiederherzustellen, und es waren auch die, alten Stände vom 1. März bis 2. Juli 1815 und dann wieder vom 15. Febr. bis >0. Mai 1816 versammelt. Der Kurfürst ließ durch vier der obersten Staatsbeamten einen Consii- tutionsentwurf, der im Wesentlichen an den alten Grundlagen nichts ändern sollte, ausar- . beiten und den Ständen mittheilen; die Stände wurden, nach einigen Schwierigkeiten, mit ihren Bemerkungen darüber gehört; auch wurde Einiges in dem Entwürfe nach diesen Erinnerungen abgeändcrt, und schon war eine definitive Redaction bereits zur Publikation als Gesetz bereit, als der Kurfürst auf einmal seinen Entschluß änderte und von einer Constitution nicht mehr die Rede war, vielleicht in Folge dessen, daß die Stände, statt eine Summe von vier Millionen, welche die KriegSkaffe soderte, zu ersetzen, eine genaue Nach- wcisung des Staatsvermögens verlangten. Der Kurfürst gab hierauf ein Haus - und Staatsgesetz vom 4. März 1817, in welches verschiedene Bestimmungen des beseitigten Constitutionsentwurfs ausgenommen wurden; allein die Stände wurden nicht mehr berufen und mehre wichtige Gesetze, auch die Stcuerausschreiben, ohne ihre Zustimmung in der Form landesherrlicher Verordnungen erlassen. Das Ableben des Kurfürsten Wilhelm'sl. am 27. Febr. 1821, dem sein Sohn Wil- Helm II. (s.d.) in der Regierung folgte, änderte hierin nichts. Durch ein Organisationsedict vom 20. Juni 1821 erhielt die Staatsverwaltung eine sehr veränderte Gestalt; die Justiz 127 Hessen-Kassel (Geschichte) wurde von der Administration getrennt, der Geschäftskreis aller Staatsbehörden tzenau be- stimmt und für die Regelmäßigkeit des Staatshaushalts gesorgt. Allein diese Organisation vermehrte die obern Verwaltungsbehörden und dadurch den Kostenaufwand; sie entbehrte der innern Garantien und vernichtete vor Allem jede freie Regung und jeden Geist in den Mittlern und untern Behörden und in den Gemeinden. Daher wurde auch durch sie keine Beruhigung bewirkt, vielmehr stiegen die öffentlichen Lasten immer höher und Jedermann im Lande fühlte, daß eine Rückkehr zu einer fester» Ordnung des Staats das einzige Mittel der Abhülfe sei. Hierzu kam noch, daß man an dem Verhältnisse des Kurfürsten zur Gräfin Reichcnbach, der man großen Einfluß auf denselben beimaß, immer großem Anstoß nahm. Ein pseudonymer Drohbrief vom 20. Juni 1823, der Beiden den Tod ankündigte, wenn nickt dem Lande eine Verfassung gegeben und der Einfluß der Gräfin auf die Regierung beseitigt würde, hatte ein inquisitorisches, willkürliches Verfahren zur Folge, welches die Gemüther nur noch mehr ausregte und die kurfürstliche Familie selbst entzweite. Als der Kurfürst und die Gräfin Reichcnbach von Karlsbad im Sept. 1830 nach Kassel zurückzu- kehren beabsichtigten, wo die Gährnng den höchsten Grad erreicht hatte, brach am 6. Sept. der Aufstand aus, welcher am 7. eine Bürgcrbewaffnung nöthig machte, um den gesetzlichen Weg der Reform gegen Pöbelaufruhr zu retten. Hierauf langte der Kurfürst nebst dem Kurprinzen am 12. Sept. in Kassel an; die Gräfin blieb in Eisenach. Bereits am 15. Sept. bewilligte der Kurfürst dem Stadtrathe zu Kassel das von mehr als 1-100 Unterschriften begleitete Gesuch um Versammlung der Landstände. Inzwischen waren auch in Hanau und Fulda Unruhen ausgebrochen, die sich selbst in Kassel am 6. und 16. Oct. erneuten. Dort wurden die Zollstätten zerstört, hier hatte der Stadtcommandant von Leß- berg das Volk gegen sich aufgereizt; doch der Bürgergarde gelang die Wiederherstellung der Ordnung. Die durch eine Verordnung vom 10. Sept. berufenen Stände der althess. Lande traten am 16. Oct. zusammen; zu ihrer Versammlung waren auch Abgeordnete des Großherzogthums Fulda, der Fürsteuthümer Hanau und Isenburg und der Grafschaft Schaumburg berufen. Schon im Voraus war ihnen der vom 7. Oct. datirte Entwurf eines neuen Staatsgrundgesehes, verfaßt vom damaligen Generalsccretair des Ministeriums, Eggena, vertraulich mitgetheilt worden. Nachdem ein von den Ständen erwählter Ausschuß diesen Entwurf geprüft und unter dem Namen gutachtlicher Bemerkungen und Anträge einen neuen Entwurf vorgelegt hatte, wurde theils in Plenarsitzungen der Stände, theils in einem anderweit gewählten Ausschüsse mit den kurfürstlichen Commissarien das neue Grundgesetz verabredet, das der Kurfürst am 5. Jan. 1831 Unterzeichnete und am 0. Jan. den Ständen feierlich übergab und publicirte. Doch den allgemeinen Jubel über die neue Constitution unterbrach die Rückkehr der Gräfin Neichenbach nach Wil- hclmshöhe am > >. Jan. Die deshalb entstandenen unruhigen Bewegungen ließen das Äußerste fürchten, sodaß die Gräfin sich zur Abreise entschließen mußte. Dieses reizte aber den Kurfürsten, der hierin eine Beleidigung seiner persönlichen Freiheit zu sehen glaubte, so auf, daß er seine Residenz nach Hanau verlegte. Alle Schritte der Stabt Kassel und der Stände, denselben zur Rückkehr nach Kassel zu bewegen, waren vergeblich, denn während eine Partei für die Gräfin sich-erklärte und verlangte, daß auch sie zur Rückkehr eingeladen werden sollte, sprach sich die entgegengesetzte über jenes häuslicheVerhältniß desKurfürsten so aus, daß der Kurfürst durchaus keine Veranlassung fand, von seinem Entschlüsse abzugehen. Da indeß einzelne Vorfälle an dem fernem Bestände der gesetzlichen Ordnung und an der Beruhigung des Parteigeistes zweifeln ließen und eine Deputation der Stände und des Raths zu Kassel am 30. Aug. nochmals und ernstlich dem Kurfürsten die Nothwcn- digkeit der Gegenwart des Regenten in dem Mittelpunkte der Regierung vorstellte, auch darauf aufmerksam machte, daß bei längerer Abwesenheit des Regenten die Verfassungsurkunde die Einsetzung eines Regentschaftsraths vorschreibe, so entschloß sich der Kurfürst endlich, dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm (s.d.) dieMitregentschaft und zugleich, bis er selbst seinen Aufenthalt wieder in der Hauptstadt nehmen werde, die alleinige Regierung zu übertragen. Diese Anordnung wurde am 30. Sept. 1831 durch ein Gesetz bekannt ge- macht, und am 7. Oct. hielt der Kurprinz-Mitrcgent seinen Einzug in Kassel. Indeß gaben auch jetzt noch manche Hans- und Familienverhältnisse Veranlassung, die Gemüther 128 Hessen-Kassel (Geschichte) in Spannung zu erhalten und unruhige Austritte hervorzurufen. Von der erwünschten Eintracht zwischen der Regierung und dem Volke war man noch weit entfernt. Der erste Landtag nach der neuen Verfassung war am I >. Apr. 1831 eröffnet worden und ausgezeichnet durch eine große Anzahl erfahrener und geschäftskundiger Mitglieder, von denen namentlich Jordan (s. d.), Pfeiffer (s. d.), Schomburg ls. d.) und Wiederhold (s. d.) ein wirkliches Rednertalcnt entwickelten, sowie durch die erstaunliche Thätigkeit, die er nach allen Seiten hin entwickelte. Eine wichtige Differenz hinsichtlich der sogenannten Cabinetskasse wurde dadurch bcigelegt, daß Regierung und Stände sich einigten, die eine Hälfte dem Staatsschätze, die andere dem Fideicommißschatze zufallen zu lassen; allein bald ergaben sich neue Misverständnisse und Irrungen, theils über die morganatische Verehelichung des Kurprinzen-Mitrcgentcn, theils über den Ausbau der Katlenburg und über das Gesetz wegen der Bürgergarden, das Kricgsbudget von Thlr und die Militsirverhältnisse. Jndeß kamen doch mehre von den Ständen gewünschte Ersehe zu Stande, z. B. über die vollständige Besetzung der Gerichte, vom l. Juli >831, über die Großjährigkeit des Regenten mit zurückgelegtem 22. Jahre, vom 13. Sept. l 83> über die Ablösung der Grundrasten und Dienste, vom 23. Jan. 1832 und das Necruti- rungsgesetz vom I». Juli >832; auch erreichte man eine Verminderung des stehend«! Heeres um >606 M. Infanterie und 200 M. Cavalerie; bei andern nicht minder wichtigen Gesetzen aber wurde die landesherrliche Sanction zurückgehalten und der Landtag selbst am 26. Juli >832 aufgelöst. Der zweite Landtag wurde auf den 23. Jan. 1833 ein- berufen, und es wurden dazu fast alle Abgeordnete wieder erwählt, welche bei dem vorig» sich zur Opposition gehalten hatten. Gleich vom Anfänge an entstanden heftige Zwistigkeiten zwischen dem Ministerium und den Ständen über das Local der Eröffnung und über den Urlaub für mehre Staatsbeamte, vorzüglich für den Professor Jord an (s. d.), welcher als Deputirter der Landesuniversität keines Urlaubs zu bedürfen glaubte. Di durch die Urlaubsverweigerung die Eröffnung des Landtags, welche erst am 8. Mär; möglich war, verzögert worden war, so kam es zu einer förmlichen Anklage der Stände geg» den Minister Ha ssenpflug (s. d.), und als am 18. März die Stände den Beschluß faxten, daß dem Eintreten des Professor Jordan, auch ohne specicllen Urlaub, kein Hindei- niß im Wege stehe, so erfolgte noch in derselben Sitzung eine abermalige Auflösung dn Stände, welche Maßregel die Regierung durch ein weitläufiges Manifest zu rechtfertig» suchte. Als Hauptgrund der Auflösung wurde der Eigensinn bezeicknet, mit welchem dii Stände auf der Ansicht beharrt, daß der Deputirte der Landesuniversität keinen beson- dern Urlaub nöthig habe und nebenbei den Ständen zum Vorwurf gemacht, daß sie geheime Sitzungen mit Ausschließung der landesherrlichen Commiffarien gehalten hättcn. Der dritte Landtag wurde auf den > 5. Apr. >833 einberufcn, aber erst am I ».Juni eröffnet. Die Mishelligkciten zwischen Ministerium und Ständen dauerten fort; die frühen Anklagen gegen den Minister Hassenpflug wurden nickt nur wieder ausgenommen, sondern sogar neue wegen mehrer anderer Punkte gegen ihn erhoben, vom Oberappellationr- gcrichte aber verworfen, Das Kriegsbudget wurde gemindert und endlich auf 5 90000 Thlr. festgesetzt. Ein von der Regierung vorgelegtes Preßgesetz oder vielmehr eine Censuroid- nung legten die Stände zurück; dagegen kam das Gesetz über die Emancipation der Jude« zu Stande. Der Landtag schloß am 31. Oct. >833 wenigstens mit einem vertragsmäßig gefaßten Landtagsabschiede. Der Landtag für die zweite Finanzperiode von >833—3>h jedoch ohne neue Wahlen, wurde bereits am > I. Nov. 1833 eröffnet, bald darauf aber vertagt und fing seine Arbeiten erst am 26. Fcbr..I833 an, nachdem.kurz vorher in dem Ministerium die Veränderung vorgegangcn war, daß der Gehcimrath Hassenpflug das Ministerium der Justiz an den Finanzminister von Motz, dieser die Finanzen an den Steuer- director Meisterlin abgegeben hatte, Hassenpflug aber Minister des Innern blieb. Schomburg, der schon während des letzten Landtags den Vorsitz geführt hatte, wurde wieder zum Präsidenten gewählt. Unter den Gesetzen, welche auf diesem Landtage zu Stande kamen, war die Gcmeindeordnung, wie eines der nothwendigstcn, so der wichtigsten. Das Verhält- niß der Ausgabe und Einnahme hatte sich in dieser Finanzperiode weit günstiger gestellt als in der vorigen; die muthmaßliche Einnahme war von 2,S0>62> auf 3,>76-180 Thlr. ge- Hessen-Kassel (Geschichte) 129 stiegen. Auch wurde wieder eine Minderung des Militairetats auf 713000 Thlr. erzielt, durch die desfallsigen Verhandlungen aber der Landtag seiner Auslösung nahe gebracht. Die Entlassung der Stande erfolgte am 0. Apr. 1835, jedoch ohneVerabschiedung. Inzwischen hatte der am >2. Nov. 1834 erfolgte Tod des Landgrafen Victor Amadeus von Hessen°NH ein fels-Noten bürg (s. d.) und der dadurch veranlaßte Heimfall der beträchtlichen Erundbcsitzungen desselben, welche die Negierung als Fidcicommiß des Kurhauses in Anspruch nahm, zu neuer Verwickelung zwischen ihr und den Ständen Veranlassung geboten. Auch gerieth der in der Zwischenzeit der Landtage bleibende ständische Ausschuß mit dem Ministerium, welches in jeder Mitwirkung desselben Competenz- überschreitungen zu sehen glaubte, in solche Differenzen, daß es unterm 24. Nov. 1335 wegen Entlassung der Stände ohne Verabschiedung zu einer neuen Anklage gegen den Minister Hassenpflug kam, die aber am 6. Apr. 1836 vom Oberappellationsgerichte an- gcbrachtermaßen zurückgewicsen wurde. Der Landtag für die dritte Finanzperiode von 1837—30 wurde am 22. Nov. 1836 in dem neuerbauten Ständehause von dem Kur- prinzen-Mitregenten in eigener Person eröffnet, noch unter dem Ministerium Hassenpflug zweimal, am I l.Mär; und, nachdem er am 13. Apr. wieder berufen worden war, am l.Juli 1837 vertagt und nach Hassenpflug's Austritt aus dem Staatsdienste und der Stände Wic- derberufung am 5.Oct. 1837 unmittelbar nach der Abstimmung, zufolge deren die Einnahmen der sogenannten NotenburgerQuart dem Finanzminister überwiesen werden sollten, am 10. März > 338 aufgelöst. Unter den Gesetzen, welche auf diesem Landtage, berathen wurden, dem abermals Schomburg präsidirte, war das über Aufhebung des Mühlenbanns das wohlthätigste; das Erundsteuergesetz, das wichtigste unter allen, die ihm Vorlagen, scheiterte an der von der Ritterschaft beanspruchten und bis dahin factisch behaupteten theil- weisen Steuerfreiheit. Die Wahlen für die zweite Ständeversammlung der dritten Finanzperiode gingen so rasch von statten, daß dieselbe schon am 28. Apr. 1838 eröffnet werden konnte. Zum Präsidenten derselben wurde der Obergerichtsanwalt Schwarzenberg ernannt, obschon Schomburg unter den vier vorgeschlagenen Kandidaten die meisten Stimmen hatte. Hauptsächlich beschäftigte sich die Versammlung mit dem Budget, das statt deS frühern Deficits einen Überschuß von 28000 Thlr. nachwies und am 3. Juli angenommen wurde. Zu mehren von ihr gefaßten Beschlüssen glaubte jedoch die Negierung ihre Zustimmung nicht geben zu können und am 12. Juli erfolgte ohneVerabschiedung ihre Entlassung, nach vorgängigem starken Verweise wegen der Verirrungen, die sie sich habe zu Schulden kommen lassen, die aber zur Zeit ohne strengere Ahndung bleiben sollten. Der Landtag für die vierte Finanzperiode von —42 wurde am 25. Nov. >839 eröffnet. Die Opposition war mehr und mehr geschwunden; die hauptsächlichsten Verhandlungen betrafen die Notenburger Quart, ohne jedoch eine Verständigung mit der Negierung herbeizuführen. Der Landtag für die fünfte Finanzperiode von 1843—45 wurde auf den 28. Nov. berufen und am 15. Dcc. 1842 durch den Kurprinz-Mitregenten eröffnet. Die Wahlen waren fast ganz im Sinne des Ministeriums ausgefallen, das nun in den meisten Sachen die Majorität der Kammer für sich hatte. Das Budget wies einen erfreulichen Zustand der Finanzen nach, und es wurde deshalb auch der Militairetat jährlich um 80000 Thlr. erhöht. Unter den verabschiedeten Gesetzen waren die Gesetze über die ge- mijchten Ehen und über die Erziehung der Kinder aus solchen und über Anlegung von Eisenbahnen und die dabei nöthige Expropriation die wichtigsten. In Folge der fortdauernden Meinungsverschiedenheiten der Stände und der Negierung über die Notenburger Quart, wurde die Versammlung am l.Juli 1843 vertagt und erst am 3. Oct. wieder eröffnet. Zu Stande kamen die Gesetze über Besteuerung des Nunkelrübenzuckers und gegen Forstfrevel; dagegen wurde dem im Dec. 1843 eingcbrachtcn Grundsteucrgesetz in Folge der bei der Berathung abgegebenen ständischen Erklärungen die höchste Sanction verweigert. Die Verabschiedung des Landtags erfolgte am 3. Apr. 1844. Als besonders bemerkens- werthe Ereignisse außerhalb der Kammern haben wir nur noch Folgendes nachzuholen und anzuknüpfen. In Folge einer Nachwirkung der in Würtemberg stattgefundenen Untersuchungen wegen politischer Umtriebe wurde im Juni 1839 der Professor Jordan Conv..Lex. Neunte Avfl. Vll. 9 130 Hesse»-Darmftudk (Geogr. u. Statist.) in Marburg suspendirt und im Aug. ins Erimiualgesängniß abgcführt, wo er unter all. gemeinster Theilnahme noch gegenwärtig des endlichen Urkhelssrruchs harrt. Großes ^ Aufsehen erregte ferner die Wiederbesetzung der durch den Tod Schomburg's, am > Juli 1841, erledigten Oberbürgermeisierstclle in Kassel, da acht Wahlen zu keinem Er- ' gebniß führten, indem entweder die Negierung die Gewählten nicht bestätigte oder die Ge- wählten die Wahl nicht annahmen, bis endlich der im Aug. >8 12 gewählte Obergcrichls- rath Arnold erwählt und im Text, bestätigt wurde. An die Stelle des Ministers des Zn- ncrn von Haustein, der Haffenpflug abgelöst hatrc, trat bei seiner Verabschiedung im I. 184 I der Staatsrath Koch, während von Motz das Ministerium der Finanzen, von Sckmid das des Kriegs, von Steuber das der auswärtigen Angelegenheit bekleidet und der Staatsrath Mackeldey dem der Justiz vorstcht. Nachdem am l!>. Febr. 1811 die Kurfürsiin Am gnste Friederike gestorben, erhob der Kurfürst am 8. Juli > 84 l die Gräfin Rcichenbach- Lessonitz zu seiner Gattin in morganatischer Ehe, und als auch diese am l l.Febr. I8»> verstorben, vermählte er sich am 28. Aug. >84.; mit dem Fräulein Karoline von Berlepsch . geb. am 9. Jan. 182», die er zur Baronin von Bergen erhob. Der präsumtive Thronfolger, der Prinz Friedrich aus der landgräflichen Linie des Kurhauses, vermählte sich am 28.Jan. 18-14 mit der Großfürstin Alexandra Nikolajewna, die aber am l». Aug. I8it, kurz nach der zu frühzeitigen Geburt eines nicht lebensfähigen Sohns, verstarb. Hessen-Darmstadt, das Großherzogkhum, besteht aus zwei durch die zu Hessen- Kassel gehörige Grafschaft Hanau und das Gebiet der freien Stadt Frankfurt getrennten beinahe gleich großen Theilen, welche zusammen einen Flächenraum von ziemlich > 5 2', LA. haben. Der nördliche Theil (Oberhessen), begrenzt von Hessen-Kassel, Nassau und Preußen, ist gebirgig, von dem rauhen Vogelsberg, der im Taufstein und dem Olm- wald zu 22»»—8» F. Höhe aufsteigt, und kleinen Verzweigungen des Taunus und Westerwalds bedeckt und wird von der Lahn, Nidda, Wetter, Edder und Fulda bewässert. A hat norddeutsches Klima und mit Ausnahme der fruchtbaren Wetterau (s. d.) steinigt» Boden. Der südliche Theil (Starkenburg und Nheinhessen), begrenzt von Nassau/ Hessen-Kassel, Baicrn, Baden und Preußen, ist nur in seiner östlichen Seite gebirgig, du Zweige des Odenwaldes durckziehen, welche im Melibocus eine Höhe von 185» F. erreich». An seiner westlichen Grenze zieht sich von Süden nach Norden hin die herrliche Vergstras« (s. d.). Er wird vom Rhein durchströmt, von Main, Nahe und Neckar mehr oder wenigli berührt. Das Klima ist mild und die Vegetation die süddeutsche. Politisch ist das Lanl in die drei Provinzen Starkenburg, Oberhessen und Nheinhessen gctheilt. Die Zahl du gesammtenBewohner beliefsich am Ende des 1.1818 auf8437 I I, darunter etwa 2 » 10 N« Katholiken, 15V» Waldenser und Mennonitcn und gegen 23»»» Juden, während dii übrigen sich zur protestantischen und reformirten Kirche bekennen, die in Nheinhessen bereit« seit l 822 eine unirte protestantische Kirche.bilden. Den evangelischen Cultus überwach» drei Superintendenturen, den katholischen ein Bischof zu Main; (gegenwärtig 1>r. Kaiser), den jüdischen sechs Nabbinate. Die hauptsächlichsten Produtte sind Getreide, Obst, Mandel», Kastanien und hauptsächlich Wein, z.B. Nierenstein», Laubenheimer, Bodenheimei und rother Jngelheimer in der Nähe von Mainz, Scharlachberger bei Bingen, Liebfrauenmilch bei Worms u. s. w.; ferner Flachs, Hanf, Taback, Mohn und Waldsämereien. Zn> Bergbau werden meist nur Kupfer und Eisen, sowie Steinkohlen gewonnen. Ackerbau und Viehzucht sind in blühendem Zustande und die Gewerbthätigkeit sehr bedeutend; namentlich zeichnet sich Oberhessen durch Woll-, Baumwoll- und Lcinwandwcberei und Strumpffabrikation aus; viele Gerbereien findet man im Odenwalde; bedeutende Graupen- und Ölbereitung, sowie fleißigen Weinbau in Nheinhessen. An Wein allein wurde« im I. > 842 gegen 32 Mill. Litres erbaut, im Werthe von 3,8»»»»» Fl. Gute Landstraßen nebst den Flüssen befördern den Verkehr, den die seit 1843 in der Ausführung begriffenen Eisenbahnen, die Main-Neckarbahn und die zwischen Offenbach und Frankfurt not mehr heben werden. Die gewerbreichstr Stadt ist Offen bach 8 Fs., die Ausgaben 2,033075 Fl., sodaß sich ein Überschuß von 000012 Fl. ergab; die Staatsschuld belief sich auf 12,7.771 01 Fl. Das Heer besteht ohne die Kriegöreserve aus 0500 M., darunter 725« M. Jnfan- rcrie, 1350 M- Cavalcrie und 77« M. Artillerie. Die Ttaatsvcrfassung ist durch das Staatsgrundgcsetz vom 7.Dec. 1820 geordnet. DerGroßherzog, gegenwärtig Ludwig U. (s. d.), ist das überhaupt des Staats und die Regierung in dem großhcrzoglichen Hause erblich nach Erstgeburt und Linealfolgc, aus ebenbürtiger Ehe, auch in Ermangelung eines berechtigten Prinzen in der weiblichen Linie. Die Civilliste des Eroßherzogs ist auf 5700o1> Fl. festgestellt. Er führt den Titel Großherrog von Hessen und bei Rhein, mit dem Prädicat königliche Hoheit, welches letztere im Aug. 181-1 auch dem Erbgroßherzog bcigelegt wurde, während gleichzeitig die nachgcborcnen Prinzen und Prinzessinnen das Prädicat großherzoglichc Hoheit erhielten. Abgesehen von einigen Ehrenzeichen hat der Eroßhcnog zwei Orden zu verleihen, den Ludwigsorden in fünfElassen, gestiftet 1807, und den Orden Philipp's des Großmüthigen, gestiftet 1810, in vier Elasten. Die Vertretung des Staats geschieht in zwei Kammern, deren Stimmen aber in dem Falle, daß ein Vorschlag der Negierung von der einen Kammer angenommen, von der andern verworfen wird, zusammengezählt werden können. In der ersten Kammer sitzen die Prinzen des großherzoglichen Hauses, die Häupter der standesherrlichen Familien, der Senior der Familie von Riedesel, der katholische Landesbischof oder in dessen Ermangelung ein vom Großherzog ernannter Prälat, ein vom Großhcrzog auf Lebenszeit ernannter protestantischer Prälat, der Kanzler der Universität zu Gießen und diejenigen Staatsbürger (höchstens aber zehn», welche der Großherzog zu lebenslänglichen Mitgliedern ernennen will. Die zweite Kammer besteht aus sechs Abgeordneten der adeligen Grundbesitzer, zehn städtischen Abgeordneten, nämlich von Darmstadt und Mainz, die jede zwei senden, Gießen, Offenbach, Friedberg, Alsfeld, Worms und Bingen, uud aus 31 Abgeordneten der Städte und Landgemeinden in dreifacher Wahl, indem zuerst Bevollmächtigte und von diesen Wahlmänner gewählt werden, die.dann den Abgeordneten wählen. Die Stände haben das Recht der Beschwerde gegen Staatsdiener, der Vorschläge an die Negierung, der Sceuerverwilligung und einen wesentlichen Antheil an der Gesetzgebung. Die Verhandlungen beider Kammern werden durch sie selbst in Druck gegeben; auch dürfen denselben eine bestimmte Zahl Zuhörer beiwohnen. Alle drei Jahre wird ein Landtag gehalten. Das Staatsministerium zerfällt in die drei Ministerien der auswärtigen Angelegenheiten und des großherzoglichen Hauses, de§ Innern und der Justiz/und der Finanzen. Das Kriegsdepartemcnt leitet ein Präsident; den Cultus und Unterricht das evangelische Oberconsistorium, der Obersiudienrath und der Oberschulrath. In Nheinhesscn findet öffentliches und mündliches Verfahren statt und vierteljährlich hält das Krcis- gcricht Assisen. In der deutschen Bundesversammlung nimmt das Großherzogthum die neunte Stelle ein und hat im Plenum drei Stimmen. Als Bundescontingent stellt es 0105 M., namentlich -1733 M. Infanterie, 885 M. Eavalerie und 538 M. Artillerie und Pionniere und l8 Kanonen, die zum achten Hecrhaufen gehören. Val. Wagner, „Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums H." ( i Bde., Darmsi. >820—:;>) und Pauli, „Statistisch-topographische Beschreibung des Eroßher- zogthums H." (Darmst. l 823). Hessen-Darmstadt ist die jüngere Hauptlinie des Hauses H essen (s. d.), die durch Philipp's des Großmüthigen jüngsten Sohn, Georg I. oder de» Frommen, gestiftet wurde, der zufolge der testamentarischen Verfügung seines Vaters bei dessen Tode im I. 1507 die obere Grafschaft Katzenellnbogen mit der Residenz Darmstadt erhieln Bei dem kinderlosen Ableben seines Bruders, Philipp's il. zu Hesscn-Rheinfels, im I. >583 fiel ihm ein Drittel von dessen Länderbesitze zu. Als er l 590 starb, folgte ihm von seinen drei Löhnen der älteste, Ludwig V., in der Hauptlinie; der zweite, Philipp, erhielt Butzbach, welches bei seinem Tode im I. 1033 wieder der Hauvllinre rufiel, und der dritte, Fried- ö* 132 Hesseu-Darmstadt (Geschichte) rich, wurde der Stifter der jünger» hessen-darmstädtischen Linie,Hessen-Homburg fs.d.). Ludwig V. oder der Getreue erbte aus Ludwig's IV. von Marburg Nachlasse im I. 1604 einen Theil von Oberhessen, stiftete >007 die Universität zu Gießen und starb 1026, zur Zeit, wo unter der Geißel des Dreißigjährigen Kriegs das Land schon unsäglich gelitten hatte. Ihm folgte sein Sohn Georg ll., >626—01, unter welchcmMarburg an Hessen- Kassel kam. Sein Nachfolger war sein Sohn Ludwig VI., der am 24. Apr. >678 starb. Ludwig'sVl. Sohn, Ludwigs II., regiertem»: wenigeMonatc; erstarb am 0<>. Aug. 1678 zu Gotha, an dem Tage, wo er mit der Tochter des Herzogs Moritz von Sachsen-Zeitz sein Beilager halten wollte, und ihm folgte in der Regierung, unter mütterlicher Vormundschaft, bis >688, sein Halbbruder Ernst Ludwig, der 1730 starb und seinen Sohn Lud- wigVIII. zum Nachfolger hatte, unter dem der langjährige Streit wegen der Erbfolge in der Grafschaft Hanau geendet und die Herrschaft Lichtenberg mit Hessen-Darmstadk vereinigt wurde. Ihm folgte bei seinem Tode im I. 1708 sein Sohn Ludwig IX., ein sehr friedfertiger Fürst, der für Kunst und Wissenschaften Vieles that und am 4. Apr. 1700 starb. Sein Sohn und Nachfolger als Landgraf, Ludwig X., geb. am 14. Juni 1753, verlor durch den luneviller Frieden im I. ISO l den am linken Rheinufer gelegenen Theil der Grafschaft Lichtenberg und durch den Reichsdeputationsreceß von >803 auf dem rechten Rheinufer die Ämter Lichtenau und Wilstedt, welche an Baden kamen, sowie die,Ämter Katzenellnbogen, Ems, Epstein, Kleeberg und das Dorf Wcspersfelden, welche Nassau-Usingen zugetheilt wurden; dagegen erhielt er zur Entschädigung das Herzogthum Westfalen, mehre Mainzer und pfälzische Ämter, die Neste des Hochstists Worms, die Reichsgrafschaft Friedberg und die Propstei Wimpfen. Nachdem er dem Rheinbünde bei- getreten, nahm er am >3.Aug. 1806 als souverainer Fürst die großherzogliche Würde an, worauf er sich Ludwig l. nannte. Durch ein Edict vom I. Oct. 1800 hob er die landsländischen Einrichtungen der alten hessen-darmstädtischen Lande auf, die sie mit Hessen-Kassel gemeinschaftlich gehabt hatten, indem abwechselnd im Darmstädtischen und Kasselscben gemeinschaftliche Landtage gehalten werden sollten, was aber 1628 zum letzten Male geschehen war, sowie auch die besonder» darmstädkiscken Landstände, die aus den Prälaten, nämlich dem deutschen Ordenscomthur zu Schiffenberg, der aber niemals erschien, und einem Abgeordneten der Universität zu Gießen, aus der Ritterschaft und Abgeordneten des Bürgerstandes bestanden und in deren Versammlungen die mit der Erbmarschallswürde bekleidete Familie von Riedefel das Directorium hatte. Wie über die in seinem Territorium liegenden reichsritterschaftlichen Orte, so erwarb er auch die Oberhoheit über die Lij- wenstein-Wertheim'schen Herrschaften Heubach, Breuberg und Habitzheim, über die Grafschaft Erbach, den größten Theil der gräflich Solms'schen Besitzungen, die Grafschaften Wittgenstein und Berleburg, einen Theil von Königstein u. s. w. Im I. 1813 schloß er sich dem Bunde gegen Frankreich an. Auf dem wiener Congreffe trat er das Herzogthum Westfalen mit den Grafschaften Wittgenstein und Berleburg an Preußen, die Ämter Amorbach, Miltenberg, Heubach und Alzenau an Baiern und zwei Ämter an Hessen- Kassel ab, auch gab er die Oberhoheit über die Landgrafschaft Hessen-Homburg auf, wofür er durch einen Theil des franz. Departements Donnersberg (Mainz) bis an die Lghn, sowie durch den größten Theil des Fürstenthums Isenburg u.s.w. entschädigt wurde, worauf er am 10. Juli 1816 seinen Titel dem eines Großherzogs bei Rhein hinzufügte. Zur Erfüllung der deutschen Bundesacte gab er mittels Nescripts von 18. Mai 1820 seinem Lande eine neue landständischc Verfassung. Doch die darnach am I.Juli 1820 einberufenen Stände erklärten sich so bestimmt gegen die Annahme derselben, daß die Negierung sich genöthigt sah, über ein neues umfassenderes Staatsgrundgesetz mit denselben übereinzukommen, das dann am l7.Dec. 1820 ins Leben trat. Nächst der Vcr- fassungsangelegenheit, der wichtigsten Arbeit dieses Landtags, der durch Landtagsabschied am 8. Juni 1821 geschlossen wurde, waren von den Ständen 23 Gesetzesentwürfe angenommen worden, zum Theil aber mit bedeutenden Modifikationen, die i-ndeß insgesammt die Zustimmung der Negierung erhielten. Der zweite Landtag wurde am 18. Aug. >823 eröffnet; er entwickelte sehr große Thätigkeit, und es herrschte zwischen Negierung und Ständen ein freundliches Vernehmen, die mittels Abschieds am I. Mär; 1824 entlassen wurden. Hessen-Darmstadt (Geschichte) 133 Auf dem dritten am7.Sept. 1826 cröffnetcn Landtage, der am 12. Zun, 1827 verabschiedet wurde, zeigte sich bereits eine Verstimmung der Regierung gegen die Stände, welche vor- nehmlich durch die Verhandlungen über das hohe Budget und die Staatsschulden hervorgeru- ftn war. Der vierte Landtag wurde am 3. Nov. 182g eröffnet. Während derDauer desselben starb am 6. Apr. 1830 der Grofiherzog Ludwig l., an dem das Land einen sehr thätigcn Fürsten verlor, dessen Regierung einen freisinnigen Charakter gezeigt, der Künste und Wissenschaften gefördert, die Universität zu Gießen und die Schulen besser ausgestattet, die Kunstsammlungen in Darmstadt begründet und durch seine besondere Vorliebe für Musik und Theater, für welche er die meisten Ausgaben aus seinem Privatvermögen und seit Ein- führung der Constitution aus seiner Civilliste bestritt, zur Bildung des Geschmacks in seiner Residenz wesentlich beigetragen hatte. Ihm folgte als Großherzog sein ältester Sohn Ludwig II. (s.d.). Sofort entstanden in der Ständcversammlung lebhafte Diseussionen über die Civilliste, für welche die zweite Kammer dem neuen Großhcrzog nur 452000 Fl. bewilligen wollte, statt der 591604 Fl., welche dessen Vater bezogen hatte, sowie über die Übernahme von 2 Mill. Fl. Privatschulden des neuen Ervßhcrzogs und über die von der Regierung verlangte Vermehrung der Apanagen für die Prinzen des großherzoglichen Dauses. Die Stände gewährten endlich eine Civilliste von 576000 Fl., lehnten aber die Übernahme der Privatschulden und die Vermehrung der Apanagen ab. Die in Hessen- Kassel, besonders in dem Fürstenthum Hanau, über die Mauthsperre entstandenen Un- ruhen pflanzten sich auch in die angrenzenden Thcile des Eroßherzogthums fort, sodaß Truppen dahin entsendet werden mußten und ein standrechtliches Verfahren angeordnet wurde. Die Ruhe war zum Theil unter Mitwirkung der Bewohner wiederhergestellt, als in Södel betrunkene Soldaten ohne allen Grund über die friedlichen und wohlgesinnten Einwohner herfielcn, einige tödleten, andere verwundeten und mishandelten. Der Eindruck, welchen dieser Misbrauch der Gewalt machte, in Verbindung mit dem freiern Geiste, der sich im Volke zu regen begann, während von Seiten der Regierung Manches geschah, was man nicht billigen konnte, erzeugte eine Misstimmung, die auf die Ständeversammlung, namentlich auf die zweite Kammer, nicht ohne Einfluß blieb und die Opposition in derselben gegen die Regierung mehrte. Dessenungeachtet wurden die Stände in ziemlich freundlicher Weise am I. Nov. 1830 verabschiedet. Untersuchungen wegen demagogischer Umtriebe durch Verbreitung aufrührerischer Schriften und wegen hochverrätherischer Verbindungen würden zwar eingeleitet, endeten aber meist mit Freisprechung. Immer mehr nahm indeß die Aufregung der Gemüther besonders in Nheinhesscn zu, namentlich auch in Folge der Parteiansichtcn für und wider die poln. Sache. Die poln. Flüchtlinge fanden die lebhafteste Theilnahmc; es bildeten sich im Dec. 1831 und Jan. 1832 für die Unterstützung derselben selbst Mädchen- und Frauenvereinc, und von Darmstadt und Mainz aus wurden Adressen für sie an den Bundestag gerichtet, d.r sic jedoch zurückgab. Es er- folgte hierauf das Verbot gemeinschaftlicher Adressen an den Bundestag; auch erließ die Regierung Verfügungen gegen Volksfeste und Volksversammlungen, gegen das Tragen von Abzeichen u. s. w., und am 12. März >832 eine strenge Verordnung gegen den Beitritt zu politischen Vereinen. Sowol diese Maßnahmen, wie di: Bundestagsbeschlüsse vom 28. Juni >832 und die im Oct. >832 ohne Mitwirkung der Scände unternommene neue Organisation der Landesverwaltung, die Auflösung der Provinzialregicrungen, an deren Stelle Kriegsräthe traten, die Aufhebung der Landräthe, sowie der Kirchen- und Schul- räthe gaben Veranlassung zu Tadel und Unzufriedenheit. Dee auf den I. Dec. zusammenberufene fünfte Landtag wurde am 5. Dec. eröffnet. Gleich bei der Adresse zeigte sich eine Spannung zwischen der Negierung und der zweiten Kammer. In der Antwort auf dieselbe wurde das Recht, die Landesverwaltung zu organisiren, die Gerichtshöfe auzuordncn und umzugestalten, als ein ausschließendes Reservat des Landesherrn bezeichnet und den Abgeordneten das Misfallcn des Eroßher- zogs zu erkennen gegeben. Im Laufe der Verhandlungen entstanden unangenehme Erörterungen über den Ausbau des Schlosses und die Einrichtung einer würdigen Wohnung für den Erbgroßherzog bei dessen Vermählung. Auch traten die Stände mit Anträgen hervor, welche die auswärtigen Verhältnisse rjnd die Stellung des Großherzogthums zum 134 Hcssen-Darmstadt (Geschichte) Deutschen Bunde berührten; sie verlangten die Herstellung der Preßfreiheit, so weit sic ver- j faffungsmäßig sei, und zogen gleich den bad. und würtembcrg. Ständen die Gültigkeit der ! Bundcsbcschlüsse vom 28. Juli >832 und die Aufrechthalkung der Verfassung gegen dieselben in Bcrathung. Vergebens bemühte sich die Negierung, den Ständen die Verein- barlichkcit dieser Beschlüsse mit der Verfassung darzulcgen. Die Äußerungen, die bei diesen Verhandlungen gefallen, hatten einen Ministcrialcrlaß vom 5. Juni 1833 zur Folge, in welchem der Beitritt des Eroßhcrzogs zu diesen Beschlüssen ausdrücklich erklärt und verkhcidigt wurde. Ferner wurden von den Ständen Beschwerden erhoben gegen das Ministerium wegen der Verhaftung des Rectors W eidig (s. d.), wegen Zögerungen der Arbeiten zu einer umfassenden Gesetzgebung und vornehmlich über das Recht der Negierung, Verordnungen zu erlassen, also eigentlich über die Grenze zwischen der gesetzgebenden und regierenden Gewalt. Als endlich in letzterer Beziehung der Antrag gestellt wurde, daß die von der Staatsregierung ohne Zustimmung der Stände erlassenen Verordnungen entweder zurückgenommen odcrgiachträglich den Ständen vorgelegt werden sollten, der Aus- schußbcricht sich dem Anträge anschloß und die Kammer, trotz eines Ministerialerlasses gegen die Bcrathung dieses in einigen Punkten ihr anstößigen Berichts, die Bcrathung beschloß, erfolgte am 2. Nos. 1833 ihre Auflösung. In einem zweiten Edict von demselben Tage wurden die Beweggründe zu diesem Schritte öffentlich gerechtfertigt. Es wurde darin von einer Partei gesprochen, welche sich der Negierung feindselig gegenüber gestellt und gesucht habe, den verfassungsmäßigen Wirkungskreis der Stände zu überschreiten. Gleich nach der Auflösung wurden der Geh. Staatsrath Jauv, der Regierungsrath von Gagern und der Obcrforstrath von Brandis pcnsionirt, der Oberappellationsgerichtsrath Hopfner durch Nichtwiedcrernennung aus dem Staatsrathe entfernt. Sie insgesammt hatten der Opposition angehört. Gleichzeitig ergingen Maßregeln gegen die bis dahin, theils im Lande, theils mit Bezug auf das Großherzogthum im nahen Auslande erschienenen, nicht ganz den Ansichten der Staatsregierung sich anschließenden öffentlichen Blätter. Es wurden das „Hessische Volksblatt" (in Spcier), das „Neue hessische Volksblatt" (in Darmstadt), der „Beobachter in Hessen bei Rhein" (Darmstadt) und zwei Monate später auch die Versendung der „Hanauer Zeitung", welche zunächst ein Organ Weidig'ß und der Opposition - in Obcrhessen war, verboten. Die neuen Wahlen wurden langsam vorbereitet. Die Staatsregierung schrieb verfassungsgemäß die Erhebung der bisherigen Auflagen auch für die ersten sechs Monate des J. 1831 aus und veröffentlichte die wenigen Gesetze, welche auf dem aufgelösten Landtage zu Stande gekommen waren, sowie die wichtige Bekanntmachung über den öffentlichen Dienst, vom 13. Dkc. 1833, als deren Verfasser der Prinz Emil von H essen (s. d.) genannt wurde. Endlich waren die neuen Wahlen beendet und fast alle Oppositionsmitglicdcr des vorigen Landtags wieder gewählt. Da erfolgten mit einem Male zwölf Urlaubsverwcigerungcn an Staatsdiener. Die ErgänzungSwahlen sielen auf Landleute, Kausleute und Advocaten, die zum Thcil noch entschiedener in ihrer politischen Meinung als ihre Vorgänger waren, aber im Ganzen doch weniger Intelligenz und weniger Beredtsamkeit hatten. Der neue sechste Landtag trat am 26. Apr. 1833 zusammen. Noch hatte die Opposition die Majorität in der zweiten Kammer. Bei der Bcrathung über die Finanzverival- tung von 1830—32 verweigerte die zweite Kammer zur Zahlung von 30908 Fl. an die Gläubiger der verstorbenen Großhcrzogin Luise von Hessen, sowie hinsichtlich der Summe von 21010 Fl., welche der Großhcrzog noch neben der Eivilliste als Deputat fortbezogen gehabt hatte, ihre Zustimmung, während, die erste Kämmer beide Posten genehmigte. Hierbei kam auch in der zweiten Kämmer das Recht der Stände zur Sprache, von ihnen nicht bewilligte, aber von der Staatsregierung gemachte und nach der Ansicht der Stände nicht genügend gerechtfertigte Ausgaben zu streichen. Der nachhcrige Finanzminister von Hofmann wollte den Ständen nur das Recht einräumen, den Ministerin Anklage zu stellen, eine Theorie, gegen welche die Majorität aufs kräftigste ankämpfte. Von den vorgelcgten Gesetzentwürfen wurden nur einige, sachlich sehr unbedeutende, von beiden Kammern angenommen. In Betreff des Antrags wegen Freiheit der Presse schloß sich die zweite Kam- mer ganz den Beschlüssen der vorigen an, und'evenso that es der neue Ausschnßbericht, aber Hessen-Darmftadt (Geschichtet 135 vhve alles Resultat, da sich der dirigirende Ttaatsminisrer und die erste Kammer durchaus dagegen erklärt hatten. Ganz ähnlich verhielt cs sich mit dem Antrag wegen mchrer ohne Zustimmung der Stände erlassener Verordnungen. Materiell und auch in seinen Folgen besonders wichtig war der schon auf dem vorigen Landtage gestellte Antrag wegen Sicherung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Nicbreramks. Als in Rede zur Unterstützung desselben der Freiherr von Gagcrn einer Partei gedachte, welche gegenwärtig die Geschäfte im Großhcrzogthum führe, einer Partei, die das constitutionellc Princip nicht verstehe und in ihren einzelnen Mitgliedern vergessen zu haben scheine, was Recht sei, federte der anwesende Staatsrath Knapp den Präsidenten der Kammer auf, den Redner rur Ordnung zu rufen. Nach der von dem Sprecher gegebenen weitern Erklärung des von ihm gebrauchten Ausdrucks, weigerte sich der Präsident, dem Verlangen des Staatsrachs zu willfahren und nach dem'Weggange der Regierungscommissarc trat die Kammer durch Stimmenmehrheit der Ansicht ihres Präsidenten bei; Tags darauf, am25. Ott. > 83ll, er-, folgte die Auflösung der Kammer, die abermals in einer befondcrn Verkündigung vom 3 ". Oct. gerechtfertigt wurde, welche die Majorität der zweiten Kammer mit vielen Klagen überschüttete. Die neuen Abgeordnctcnwahlen folgten schnell aufeinander, ja zum Thcil fanden sie gleichzeitig statt, und dieser Umstand war für die Opposition sehr ungünstig. Ihr kleiner Rest wurde arg mitgenommen, besonders in den Provinzen Slarkcuburg und Öberhcssen, die politisch weniger reif, dirccrer administrirr wurden als Rhcinhessen. Am 27.Apr. 1835 wurde der siebente Landtag eröffnet, und zwar durch den Großher- zoz selbst. Die Rede, welche er dabei hielt, war in wohlwollenden und milden Ausdrücken abgefaßt; sie gab ein sehr erfreuliches Bild von dem blühenden Zustande der materiellen Interessen des Landes, und die Punkte, welche Schwierigkeiten hätten Hervorrufen können, waren im Allgemeinen vermieden. Die Opposition in der zweiten Kammer war auf ungefähr zehn Mitglieder zusammengcschwundcn. Die neue Majorität gefiel sich in strenger Übung ihrer frisch errungenen Macht. Kein Mitglied der nunmehrigen Minorität ward in die Adreßcommisfion, keines unter die Beamten der Kammer gewählt. Gleichzeitig erfolgten mehre Verhaftungen. Der nunmehrige Pfarrer Weibig in Obergleen, der Pfarrer- Flick in Petterweil, mehre Studenten und gießcner und butzbachcr Bürger oder Bürgerssöhne wurden verhaftet, erst nach Fricdberg, und dann, im Juni 1835, nach Darmstadt ins dasige Arrcsthaus gebracht, wohin man auch die Studenten Gladbach und Mirinigc.' rode und den Apotheker Trapp, die schon früher verhaftet worden waren, schaffte. Ein eigener Untersuchungsrichter, der Hofgcrichtsrath Georg! von Gießen, wurde mit Actuaren und Gefängnißwärtcr nach Darmstadl gesendet und bekam die Gefangenen unter seine Aufsicht. Ihm gesellte sich später noch ein zweiter und dann noch ein dritter Untersuchungsrichter bei. Die Untersuchung ging hauptsächlich auf ein hochverräthcrischcs Complott zur weitern Ausbreitung des Frankfurter Attentats, falls dieses gelungen wäre, und auf Abfassung oder Verbreitung revolutionaircr Schriften; nebenbei auch auf die Burschenschaft. In den Ttändeversammlungcn gingen die Entwürfe der Staatsrcgierung fast sämmtlich durch. Tie zweite Kammer erthcilte ihre Zustimmung zur Zahlung der 30998 Fl. an die Gläubiger der verstorbenen Großherzogin Luise; dagegen beharrte sie doch mit großer Majorität aufder Verweigerung der 2 in 19 Fl., die noch neben derCivilliste vom Großherzog bezogen worden waren. Man acguirirte in Darmstadt rin den Erben des verstorbenen Landgrafen EhristianvonHeffcn gehöriges Palais als Ständchau's für 3U000 Fl., dessen Ausbau und Einrichtung später noch >2<»««»<> Fl. kosteten. Die schon auf dem Landtage von 1832 hauptsächlich durch Jaup angeregten Gesetzentwürfe über Ablösung der Grundrenten und über Mitwirkung der Staatsschuldentilgungskaffe zur Vollziehung dieser Ablösung wurden nach langen Verhandlungen und nicht ohne manche Modificationen angenommen. Auch die anfangs von der Kammer abaelchntcn Kosten zur Errichtung eines Ecwerbever- eins bewilligte sie nachher und ebenso die Fonds zur Errichtung eines evangelischen Prc- digerseminars in Friedberg. Nach dreizehntägiger Bcrathung des Ausgabebudgcts und der festen Etats schloß der Präsident Eigenbrodt mit einem Resume, welches gegen die neuen fixen Etats war, viel Aufsehen erregte und den anwesenden RegierungScommissar, nach von ihm eingelegter Protestation, zum Weggehen vcranlaßte. Doch war dieses Erreg- c - . 6 ' si.'l 13k Hessen-Darmstadt (Geschichte) niß rhne wettere Folgen. Einstimmig erhöhte man die Apanage des Erbgroßherzvgs von 60000 auf 75000 und die des Prinzen Karl auf jährlich 21000 Fl. Nächstdem kamen zu Stande das neue Forststrafgesetz, ein Gesetz/ welches das Armenrecht in Starkenburg und Oberheffen betraf, ein Gesetz über die Anlegung von Eisenbahnen im Eroßherzogthume durch Privatpersonen und endlich ein Gesetz, die Ausführung des Art. 02 der Verfassungs- urkunde hinsichtlich größerer Werke der Gesetzgebung betreffend. Lebhafte Discussionen veranlaßte ein Gesetzentwurf, welcher zum Zweck hatte, die Öffentlichkeit der gerichtlichen Verhandlungen in der Provinz Nhcinhcfsen zu beschränken. Die meisten Rhcinheffcn sprachen sich aufs kräftigste gegen ihn aus; auch gelang cs ihnen, wenigstens den die Öffentlichkeit untcrgrabcndsten Theil des Entwurfs zu beseitigen. Während dagegen die Kammer von 1832 sich entschieden für die Grundsätze der Öffentlichkeit, Mündlichkeit, für Collegialität der Gerichte und im Strafverfahren fürs Geschworenengericht ausgesprochen hatte, erklärte sich die gegenwärtige Kammer gegen die Collegialität der Gerichte als Regel, für Verweisung der sogenannten freiwilligen Gerichtsbarkeit an Einzelrichter, mit Ausnahme des Hypothekenwesens, und gegen das Institut der Gerichtsboten (Huissiers), aber allerdings auch gegen das Institut der privilegirten Gerichtsstände, mit Berücksichtigung erworbener Rechte. Im Übrigen, abgesehen vom Geschworenengericht, das man verwarf, huldigte die Mehrheit einem halb vermittelnden System. Damit waren denn, da die erste Kammer und die Staatsrcgierung bcitraten, die Grundlagen der neuen Gesetzgebung für das Großherzogthum Hessen vorläufig fcstgebaut. Bei der Entlassung der Kammern am 30. Juni 183» hielt derEroßherzog selbst die Rede, in der er namentlich die Ausdauer und das Festhalten der Versammlung an dem ursprünglichen Geiste der Verfassung rühmte. In der nun folgenden Zeit beschäftigte sich das öffentliche Interesse hauptsächlich mit den Eisenbahnangclcgenheiten und mit dem Processe der politischen Gefangenen. Großes Aufsehen erregte es, als es bekannt wurde, daß der Geh. Staatsrath Knapp, der vom Anfänge an Referent der Eisenbahnsachen war und im Oct. > K37 die Concessivn zum Bau der Eisenbahn auf der rechten Mainseite und insbesondere durchs großherzoglich Hess. Gebiet bei Kastel dem Comite in Mainz persönlich überbracht hatte, von diesem ein Geschenk von l 8000 Fl., wie man nachher erfuhr, mit Wissen des dirigirenden Staatsministers Frsiherrn du Thil und des Eroßherzogs angenommen habe. Um die Sache niedcrzuschla- gen, die auch in den höhern Kreisen Anstoß fand, wurde der Geh. Staatsrath Knapp noch vor Eröffnung der Stän'devcrsammlung außer Aktivität gesetzt, jedoch auf die'ehrenvollste Weise für ihn und unter Belastung seines vollen Gehalts. Der neue achte Landtag wurde am 7. Nov. 1839 vom Eroßhcrzog eröffnet, der in seiner Rede den günstigen Zustand des Landes, die befriedigende Lage der Finanzen u.s. w. hervorhob und über die günstigen Folgen der auf dem vorigen Landtage beschlossenen Unternehmungen und Einrichtungen sich verbreitete. Die Discussion über die Dankadresse auf die Thronrede war in der zweiten Kammer ohne wesentliche Bedeutung, während in der ersten Kammer der seit 1829 zum lebenslänglichen Mikgliede derselben ernannte Freiherr von Gagcrn Anlaß nahm, von den neuern politischen Zuständen Deutschlands und insbesondere vom Wünschenswerthen und Nothwendigen einer allgemeinen Amnestie in Deutschland für politische Vergehungen kräftig und warm zu sprechen. Zu lebhaften Erörterungen gaben die auf mehren Landtagen gestrichenen 21019 Fl. Veranlassung, welche derEroßherzog als erbprinzliche Apanage seit 1830 noch neben seiner Civilliste bezogen hatte; doch wurde die Zahlung endlich bewilligt, nachdem man zuvor einstimmig Protestatio« eingelegt hatte gegen die Behauptung des Ministers von Hofmann, daß die anerkannt ohne vorhandene Rechtsvcrbindlichkeit geschehene Mehrzahlung der 24019 Fl. rechtlich nicht mehr von der Kammer beanstandet werden könne. Hiermit war denn auch der letzte streitige Punkt zur Zufriedenheit der Regierung geordnet. Ehe noch die die Finanzverwaltung von 1833—35 betreffenden Arbeiten ihre Erledigung gefunden hatten, war, auf den Antrag der Staatsrcgierung, der Eewerbsteucr- tarif vervollständigt und das alte Finanzgcfetz für das ganze Jahr 1839 verlängert worden. Das neue Budget auf 1839—41 veranschlagte die Staatseinnahmen jährlich zu 7,090908 und die Staatsausgaben zu,7,090378 Fl. Die Finanzgesetzgebung sollte Hessen-Darmstadt (Geschichte) 137 ln dieser neuen Periode unverändert fortbcstehcn, d. h. ebenso wenig eine Steuerver« Minderung als eine Veränderung in der Art der Besteuerung eintrcten. Was die Gegenstände der eigentlichen Gesetzgebung anlangte, ss wollte die Staatsregicrung zunächst im Interesse des gütersässigen Adels in der Verfassungsurkunde und in der Wahlordnung einige Bestimmungen hinsichtlich des Wahlcensus abgeändert und über die Provinzialstraßen neue gesetzliche Bestimmungen getroffen wissen. Auch diesesgelang ihr; dagegen wurde der Gesetzentwurf, welcher die zwangsweise Unterbringung arbcitscheuer Personen in Ge- meiudcarbeitsanstalten zum Zweck hatte^ von beiden Kammern abgelehnt. Die Vorlage des Entwurfs eines Strafgesetzbuchs erfolgte erst am 22.Apr. 1 839, sodaß es der zu dessen Prüfung von beiden Kammern gewählten Commission unmöglich war, noch während der Dauer dieses Landtags Bericht darüber zu erstatten. Der in der zweiten Kammer gestellte Antrag des Abgeordneten Glaubrcch auf Wiederherstellung der durch Patent vom I. Nov. 1837, aufgehobenen Verfassung des Königreichs Hannover wurde nach einer ziemlich warmen Berathung mit 21 gegen 20 Stimmen angenommen, während die erste Kammer trotz der feurigen Rede des Freiherrn von Gagern dem Anträge keine Folge zu geben beschloß. Inzwischen hatten die politischen Untersuchungen ihren Fortgang gehabt. Wcidig und Trapp waren durch den Tod daraus befreit worden. Gegen die Lebenden wurde auf harte und langjährige Zuchthaus- und Festungsstrafe erkannt. Ein Schrecken ging in Folge der ver- kündeten Urtheile durch das Land und weit über die Grenzen desselben hinaus. Da erschien am 9. Jan. 1839 das Ministerialrescript an das Hofgericht zu Gießen, wonach der Großherzog den politischen Verurtheiltcn die ihnen zuerkannten Freiheitsstrafen, so weit sie diese!- ben nach dem Erkenntnisse noch zu verbüßen gehabt hätten, aus Gnade erließ. Sämmtliche Begnadigte, insofern sie von der Begnadigung Gebrauch machen wollten, sollten sofort in Freiheit gesetzt und ihnen bekannt gemacht werden, daß ihr künftiges Verhalten von Staatspolicei wegen genau überwacht und, wenn sie Veranlassung dazu geben sollten, Stellung unter Policeiaufsicht gegen sie verhängt werden würde. Pfarrer Flick und Schul- rectsr Heß wurden dabei von ihren Stellen entlassen, letzterer jedoch nachher im Finanzfache angestellt, und dem Gürtler Karl Zeuner als Bedingung der Begnadigung auferlegt, daß er nach Nordamerika auswandere, weil er keine Reue gezeigt, sondern versichert hatte, daß er unter gleichen Verhältnissen immernoch das Nämliche thun werde. Obgleich dasNe- smpt stellenweise in herben und dcmüthigenden Ausdrücken abgefaßt war, so trennte doch der allgemeine Volksjubel, der es empfing, alsbald den Kern von der Schale, und insbesondere trennte man von jener Herbigkeit die Person des Großherzogs selbst. Einzig in seinem milden Herzen, angeregt durch Fürsprache, insbesondere seines Bruders, des wohlwollenden und menschenfreundlichen Prinzen Georg von Hessen, war jener verehrungswerthe Entschluß in so ansehnlicher Ausdehnung aufgekeimt. TagS darauf wurde auch in der zweiten Kammer der Antrag auf eine Dankadresse an den Großherzog gestellt, jedoch verworfen, weil man es der Stellung der Stande nicht entsprechend erachte, förmliche Dankadressen in Bezug auf solche Gegenstände zu beschließen, die nicht auf officiellem Wege zu ihrer Kenntniß gebracht seien. Die kirchlichen Wirren Deutschlands blieben allerdings auch im Großherzogthum Hessen nicht ohne kleine locale Anklänge, doch trat der aufgeklärte Sinn der Rhcinhcssen und der mit Bedacht verfahrende Bischof I)r. Kaiser in Mainz jeder Ausbreitung derselben entgegen. Nachdem sich noch zuletzt der erste Ausschuß der zweiten Kammer mit dem Bericht über die Ausscheidung des zufolge Art. 6 der Verfaffungsur- kunde von dem Eroßherzog an den Staat abzugebenden Drittheils sämmtlicher Domainen, dessen Erlös durch allmäligen Verkauf zur Tilgung der Staatsschuld verwendet werden soll, beschäftigt hatte, erfolgte am >2. Juli 1839 die Vertagung der Stände, um dem zur Prüfung des vorgelegten Entwurfs eines Strafgesetzbuchs gewählten Ausschuß die nöthige Zeit zu gewähren. Ihr Wiederzusammentritt erfolgte am 15. Jan. 1830 und bereitwillig entsprachen sie dem Anträge der Negierung auf Übernahme der 800000 Fl. Privat- schülden des Grsßherzogs und die Bewilligung von 55000 Fl. zur Erweiterung des großherzoglichen Schlosses. Hauptsächlich aber beschäftigte sie die Berathung des Entwurfs des Strafgesetzbuchs, das auch angenommen und im Oct. von der Negierung publicirt wurde, und die definitive Ausscheidung des Grundvermögens des großherzoglichen Hauses vom 1 -'.8 Hessen-Homburg Skaatseigenthume. Durch den Großherzog wurden die Stände am 1 i. Jan. 1841 verabschiedet. Noch müssen wir hier des merkwürdigen Unternehmens der großherzoglichcn Ne- gicrung gedenken, in der Nacht auf den I. Mär; >811 mittels einer Stcinversenkung und Mauer dem Rhein bei Biberich (s. d.) zu Gunsten von Mainz auf Kosten Nassaus eine andere Richtung zu geben. Die Prinzessin Maria wurde am 28. Axr. 18-11, nachdem sie zur gr>cch. Kirche übergetreten, dem Großfürst-Thronfolger Alerandcr von Rußland vermählt. Bereits am 6.Dec. 1811 fand die Eröffnung des neunten Landtags statt, der sich vorzugsweise mit dem Gesetz über den Bau und Betrieb von Eisenbahnen im Großherzogthum, dem wegen Abänderung der tz. 16 und Iw der Berfassungsurkunde und dem über die ge- mischten Ehen und die Erziehung der Kinder aus solchen beschäftigte, die auch noch insge- sammt im Laufe des I. 1812 publicirt wurden, nachdem der Landtag am 18. Juli verabschiedet war. Die Freisprechung der politischen Angeklagten in Nheinhessen gab die Veranlassung, daß im Juni 1843 alle wegen Thcilnahme an Handwcrkervcrcinen in Darm- stadt gefangen Gehaltenen durch des Großherzogs Gnade freigelassen wurden. Im Aua. 1844 berief die Regierung den ständischen Ausschuß ein, um seine Arbeiten hinsichtlich des zur Vorlage reifen Theils des Civilrechts zu beginnen. Der zehnte Landtag selbst wurde zwar am 6. Dec. >841 eröffnet, nach erlassener Adresse aber auf die Thronrede sofort wieder zum 14. Jan. 1845 vertagt. Vgl. Rommel, „Geschichte von H." (Bd. 1—8, Kaff- Hamb. und Gotha 1820 12). Hessen-Homburg, die Landgrafschaft, besteht aus der Herrschaft Homburg vor der Höhe und der Herrschaft Mcisenheim; jene ist von Hessen-Darmstadc, Kurhessen und Nassau begrenzt, diese, jenseit des Rhein, von Preußen und Baien,; beide zusammen haben ein Areal von 7)st IHM., wovon 2 V, lüM. auf Homburg, 5'/- LlM. auf Mcisenheim kommen. Homburg ist ein fruchtbares, betriebsames Ländchen; Meisenheim dagegen, welches der Hundsrück durchzieht, gebirgig, aber dafür wieder reich an Steinkohlen und Eisen. Die Zahl der Bewohner belief sieb im 1.1 84 » auf 2.31189, wovon 8404 aus Homburg, 14.285 auf Mcisenheim kamen. Von ihnen bekennen sich 14400 zur reforminen Kirche, der auch das landgräfliche Haus angehört; außerdem gibt es 6100 Protestanten, 3000 Katholiken und etwa l 30 Juden. Das Milikair besteht aus zwei Jägercompagnien, zusammen 250 M. stark, und 100 M. Reserve. Die Verfassung ist monarchisch, ohne Stände. Der Landgraf ist an die alten Hess. Hausverträge gebunden und hat seine gewöhnliche Residenz in H o mburg vor der Höh e (s. d.). Die Staatseinkünfte belaufen sich etwa lOOOVOTHlr. und die Staatsschuld beträgt 250000 Lhlr. Im cngcrn Rache des Deutschen Bundes wird die Landgrafschast durch Hessen-Darmstadt vertreten; in den Plenarsitzungen aber hat sie eine eigene Stimme. Zun, deutschen Bundescontingcnt stellt sic 200 M., die zum elften Heerhausen gehören. Die Landgrafschaft war früher als Amt Homburg ein integrirender Thcil der Land- grafschaft Hessen-Darmstadt, bis sie bei Georg's I. Tode im I. 1596 an dessen jungem Sohn FriedrichI. kam, der der Stifter der noch jetzt blühenden Linie ist, in der er 1626 das Erstgcburtsrecht einsührte. Ihm folgte 1638 im Besitze von H. sein Sohn Friedrich II. und diesem 1708 sein Sohn Friedrich Jakob, der 1746 ohne männliche Erben verstarb. Hierauf ging die Landgrafschaft auf Friedrich Jakob's Brudersohn, Friedrich Karl Ludwig Wilhelm über, der aber schon >751 starb und seinen unmündigen Sohn Friedrich Ludwig zum Nachfolger hatte. Unter ihm wurde in Folge des Rheinbundes >806 die Landgrafschaft unter hessen-darmstädt. Oberhoheit gestellt. Durch den Kongreß zn Wien wurde dem Landgrafen Friedrich Ludwig die Souverainctät wieder zugesprochen und sein Gebiet durch die Hcrrschast Meisenheim, die früher theils zur pfalz-zwcibrückischcn Provinz Veldenz, theils zu Baden, theils zu den salm-kvrburgischen Besitzungen und seit >801 zu Frankreich gehört hatte, vergrößert; doch erst an, 2 6. Juni 1817 erfolgte mittels besonder» Vertrags die Aufnahme des Landgrafen in den Deutschen Bund, weshalb auch seine Stellung im engern Nathc noch eine anomale ist. Friedrich Ludwig starb 1820, und ihm folgte stin ältester Sohn Friedrich Joseph, der kinderlos am 2. Apr. 1829 starb und seinen Bruder Ludwig Friedrich Wilhelm zum Nachfolger hatte. Dieser, gcb. am 29. Aug- 1770, war, nach vollendeten Studien in Genf, 1788 in rrcuß. Dienste getreten, in denen 139 Hessen-Philippstha! er a» den meisten Schlachten, welche Preußen seit 1792 bis nun, zweiten pariser Frieden gegen Frankreich schlug, namentlich auch an der Schlacht bei Leipzig, wo er schwer verwun- bet wurde, den rühmlichsten Anthcil nahm. Nach und nach zum Range eines Generals der Infanterie aufgestiegen, wurde er 1815 Gouverneur der Bundesfestung Luxemburg. Nachdem er die Regierung in H. angctreten, theilte er seinen Aufenthalt zwischen Homburg und Luxemburg. Die Unruhen des I. 1839 ergriffen im Scpt. auch das kleine Mci- senheim, wurden aber bald beseitigt. Die Bundcstagsbeschlüsse von >832 gaben dem Landgrafen Veranlassung zu scharfen Verordnungen gegen demagogische Umtriebe und in Folge des Frankfurter Attentats wurden auch in H. Verhaftungen und Untersuchungen vorgenommen. Doch alle Verhaftete entkamen, und cs konnten nur Contumazstrafen erkannt werden. Nachdem Meiscnheim schon am 31. Dec. 1829 dem preuß.-hess. Zollvereine cinverleibt worden war, trat am 29. Fcbr. >835 auch Homburg demselben bei. Wahrend in Folge dieses Anschlusses die Strumpswirkerei, die für Homburg vor der Höhe einen nicht unbedeutenden Erwerbszwcig gebildet hatte, gedrückt wurde, hatte sich seit 1833 in der Brunnenanstalt und den Bädern daselbst eine neue ergiebige Erwerbsquelle erschlossen. Der Landgraf hatte viel guten Willen und förderte in der That manches Gute; doch als ein in den Principien des alten Regime ausgewachsener Militair war er kein besonderer Freund der Literatur, weshalb er auch keine Buchdruckerei in seinen Landen anzulegcn gestattete. Als er am l 9. Jan. > 839 ebenfalls kinderlos verstarb, folgte ihm in der Regie- rung sein Bruder Philipp August Friedrich (s. d.), der dem Lande eine Verfassung zu geben versprach, um die er, da es bis dahin nicht geschehen war, zu Anfänge des J. 1835 in einer Petition von neuem gebeten wurde. Hessen-Philippsthal, die jüngere Nebenlinie von Hessen-Kassel, ohne Landesho- heit, wurde von Philipp, gcb. 1655, dem dritten Sohne des Landgrafen Wilhelm's Vl. und der Hedwig Sophie, einer Schwester des großen Kurfürsten von Brandenburg, begründet. Bei seines Vaters Tode im I. 1963 erhielt er zufolge des Testaments desselben eine Jahresrente. Durch seinen Bruder, den Landgrafen Karl, wurde er >678 mit dem durch das Aussterben der Familie von Wcrsebc heimgefallcnen Dorfe Herlcshausen bestehen und ihm 1685 das ehemalige Kloster Krenzberg an dcrWcrra zur Errichtung einer beständigen Residenz eingeräumt, das er hierauf unter dem Namen Philippsthal, der dann auch auf" das nahegclegcne Dorf Krenzberg überging, kn ein Schloß umwandcllc. Auch ererbte er von seiner Mutter nicht unbedeutende Güter, namentlich die Hälfte des Schlosses und der Erbvoigtei Barchfeld. Erstarb >721. Von seinen beiden ihn überlebenden Söhnen führte Karl, geb. 1982, gest. 1779, die Linie Hessen-Philippsthal fort; Wilhelm, gcb. 1692, gest. 1791, wurde der Stifter der Linie Hesscn-Philippsthal-Varch- feld. Der Landgraf Karlhattc seinen Sohn Wilhelm zum Nachfolger, der I8I9starb. Ihm folgte, da sein ältester Sohn, der Prinz Karl, bei der Belagerung von Frankfurt am Main am 2. Jan. 1793 seinen Tod gefunden hatte, sein Bruder Ludwig, der als Gouverneur von Gaeta großen Ruhm durch tapfere Vcrtheidigung dieser Festung sich erwarb. Ludwig starb am 15. Fcbr. > 816 , und da er keine männlichen Nachkommen hintersteß, so folgte ihm der gegenwärtige Landgraf. Ernst Konstan tin, geb. am 8. Aug. 1771, der bis 1796 als Obcrstlieutcnant in Holland. Diensten stand, 1898 Großkammcrhcrr des Königs von Westfalen wurde und später wieder alsGcneral in niedcrländ.Dienste trat. Von leinen Kindern leben nur noch zwei, die Prinzen Karl, geb. >893, und Franz August, geb. >895. DerErstcrebegannscinemilitairischeLaufbahninDsircich,trat 1836 alsMajor in kurhcss. Dienste und ist seit 1837, wo sei» älterer Bruder Ferdinand durch einen un- glücklichen Sturz vom Pferde das Leben verlor, Erbprinz; der zweite steht als Major in cstr. Diensten. In der Linie Hessen-Philippsthal-Barchfcld folgte dem Stifter Wilhelm sein Sohn Adolf, geb. >712, gest. 1893, der seinen Sohn, den gegenwärtigen Landgrafen Karl August Philipp Ludwig, geb. am 27. Juni 1783, zum Nachfolger hatte. Derselbe stand früher iu preuß., seit > 898 in ruff. Diensten und ist gegenwärtig kurhcss. Gc- ncrallieutcnant. Von seinen Söhnen leben die Prinzen Victor, geb. 1823, Alexis, gcb. >829, und Wilhelm, geb. 1831; seine Tochter Bertha, geb. 1818, ist seit > 839 mit dem Erbprinzen Ludwig von Bentheim-Bentheim vermählt. Sein jüngerer Bruder, der Prinz 140 Hessen-Rheinfels-Rotenburg Ernst, geb. 1789, war zur Zeit der Besitznahme Hessens durch die FranzosenHauptmam, in kurhess. Diensten und trat hierauf als Obcrstlieutenaut in russische. Als Generallieutenant verlor er in der Schlacht bei Mosaisk ein Bein. Nachdem er 1836 als General der Cavalerie seine Entlassung in Rußland genommen, trat er in gleicher Eigenschaft 1837 in hanuov. Dienste. Ein zweiter Bruder, der Prinz Wilhelm, geb. 1786, starb 1834 als Generalmajor in dän. Diensten. Zufolge des den beiden Linien durch die Verfassungsurkunde von >831 zucrkanntcn Rechts erschienen beide Häupter derselben auf dem ersten Landtage in Person, wo sie iudeß den Eid auf die neue Verfassung nur unter dem Vorbehalt aller aus den Familienverträgen mit dem regierenden Hause ihnen zustehcnden Rechte leisteten, worauf ihnen eine Erhöhung ihrer Apanagen, und zwar für Philippsthal aus 10638^, fürPhilippsthal-Barchfcld auf 10361 '/> Thlr., bereitwillig zugestanden wurde, worein auch nach einigem Zögern die Regierung willigte. Zu dem zweiten und den folgenden Landtagen schickten sie indeß bloß Bevollmächtigte. Hessen-Rhcinfels-Rotenburg, die ältere im Mannsstamm erloschene Nebenlinie von Hessen-Kassel, hatte des Landgrafen Moritz jungem Sohn Ernst, geb. 1623, gest. " 1693, zum Stifter, der, als der Vater 1627 die Regierung an seinen Sohn Wilhelm V. abtrat, Nheinfels erhielt und nach dem Tode seiner Brüder, des Landgrafen Hermann zu Rotenburg, gest. 1638, und des Landgrafen Friedrich zu Eschwege, gest. 16573, alleiniger Inhaber der sogenannten Notenburger Qu art wurde, d.h. der sämmtlichen den jüngern Prinzen des Landgrafen Moritz unter Hoheit der ältesten Linie überlassenen Ämter, Städte und Einkünfte. Diese bestanden aber aus der nieder» Grafschaft Katzenellnbogcn mit der Stadt und Festung Nheinfels, dem Amt und der Stadt Rotenburg, Wanfried, Eschwege, Treffurt, Ludwigstein, Herrschaft Plesse, dem Amt Gleichen, nebst einem Viertheil des Landzolls. Zwar theilten sich Ernst's Söhne, Wilhelm, gest. 1725, und Karl, gest. 1711, in die Linien Rotenburg und Wanfried, und die letztere in Wanfried und Esch- , Wege, doch schon 1755 waren sie beide wieder erloschen. In der Linie Rotenburg war auf ^ Wilhelm sein Sohn Ernst Leopold gefolgt, der 1749 starb. Sein Sohn und Nachfolger Konstantin von Rotenburg, geb. 1716, gest. 1778, brachte in Folge, des Aussterbens der Linie Wanfried 17 55 alle Besitzungen seines Hauses wieder zusammen, die er auch durch Einführung der Primogenitur zusammenzuhalten suchte; doch hatte er 1735 Rheinfels an Hessen-Kassel abgetreten. Konstantin hatte seinen Sohn Karl Emanuel zum Nachfolger, dem bei seinem Tode im I. 1812 sein Sohn Vi cto r Amad eus, geb. am 2. Sept. 1779, folgte. Inzwischen hatten durch die politischen Ereignisse der Zeit die Verhältnisse dieses Hauses große Veränderungen erlitten. Durch den Frieden von Luneville wurde 1801 der auf der linken Rheinseite gelegene Theil der Grafschaft Katzenellnbogcn an Frankreich abgetreten und dafür durch den Reichsdeputationsabschicd von 1803 das Haus Hessen-Kassel mit den mainzischen Ämtern Fritzlar, Naumburg, Neustadt und Amöneburg, den Stiftern Fritzlar und Amöneburg und der Reichsstadt Gelnhausen entschädigt, wogegen das Haus Hessen-Rotenburg, wie es sich seit der Abtretung von Rheinfels nannte, eine jährliche Rente von 22500 Fl. erhalten sollte. Während der franz.-west- fäl. Herrschaft blieb Hessen-Rotenburg im Besitz und Genuß der zurQuart gehörigen Besitzungen; neue Veränderungen aber traten in Folge der Bestimmungen ein, welche von dem wiener Congrcß über die Territorialausgleichungcn getroffen worden waren. Das Kurhaus trat 1815 die Neste der nieder» Grafschaft Katzenellnbogcn, die Herrschaft Plesse und'das Amt Neuengleichcn zunächst an Preußen ab und wurde dafür durch das vormalige Bisthum Fulda entschädigt, wogegen es versprechen mußte, den Landgrafen von Hessen-Rotenburg für den Verlust von Domanialeinkünften durch grundherrliche Nutzungen innerhalb des kurhess. Staats vollständig zu entschädigen. Der Landgraf genehmigte die Abtretungen, und der König von Preußen gewährleistete nun dem Landgrafen nicht nur > die ihm von Kurhesscn zugesicherte Entschädigung, sondern sicherte ihm auch die Abtretung einer in dem Preußischen gelegenen Herrschaft von 20000 Thlr. Einkünften, mit der Eigenschaft eines freien Allodiums zu. Diese wurde ihm durch die ehemalige Abtei Korvei in Westfalen unter der Benennung eines Mediatfürstenthums gewährt. Allein die von Kurhessen zu gewährende Entschädigung in Domainen fand Schwierigkeiten, und unter 141 Hessen-Rheinfels-Rotenburg der Vermittelung des Königs von Preußen kam 1816 zwischen Kurhessen und dem Landgrafen Victor Amadeus ein Vertrag zu Stande, in welchem letzterer auf jene Entschädi- gung mittels Hess. Domaincn verzichtete, der Kurfürst aber eine Million Thalcr versprach, wofür eine unter preuß. Hoheit liegende Herrschaft angekauft werden sollte. Auch diese sollte der Landgraf als Allodium mit unbeschrankter Befugniß, darüber zu disponiren, erhalten. Hierzu wurde die Herrschaft Natibor in Schlesien ausersehen, welche dem damaligen Kurprinzen, jetzigen Kurfürsten Wilhelm II., gehörte. Durch drei Verträge zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen, zwischen dem Kurprinzen als Verkäufer und dem Landgrafen als Käufer von Natibor, und zwischen der Krone Preußen und dem Landgrafen wurde 1826 diese Angelegenheit berichtigt. Der dem Landgrafen vom Kurhause gebührende Nevenuencrtrag wurde auf 6 5066 Thlr. festgesetzt, und gegen Nachlaß eines Sccbstheils allodificirt und von der Fideicommißqualität befreit. Der Kurfürst gewährte diese Entschädigung dadurch, daß er die Geldmittel zur Erwerbung der Herrschaft Natibor hergab, die Allodification des rotenburgischen Antheils von der Ganerbschaft Treffurt, im preuß. Regierungsbezirke Erfurt,'bewilligte und eine Schuld von 45606 Thlr. löschte. Der Kurprinz trat diesem Allem bei und überließ Natibor dem Landgrafen zum vollkommenen Eigenkhum. Preußen übernahm die Bezahlung und Ablösung der Rente von 22566 Thlr. mit 312566 Thlr., und auch dieses Capital wurde dem Landgrafen als Allodium und unbelastet als Fidcicommißgualität überlassen. Außer diesem großen Allodialbesitz hatte der Landgraf noch den in Kurhessen gelegenen Theil der rotenburger Quart, die nach dem Vertrage von 1627 bei dem Erlöschen der rotenburg. Linie im Mannsstamme der älter« Linie wieder zufallen mußte. Da der Landgraf Victor Amadeus mit seiner Gemahlin Eleonore, einer Prinzessin von Salm-Neiffcrscheid-Krautheim, keine Kinder und nur noch eine Schwester Klotilde am Leben hatte, die in kinderloser Ehe mit dem Fürsten Karl August von Hohcnlohe-Bartenstein vermählt war, so vermachte er testamentarisch, mit Genehmigung der preuß. Negierung, das Hcrzogthum Natibor, das Fürstenthum Korvei, die Herrschaft Treffurt u. s. w. seinem Pathen, dem Prinzen Victor von Hohenlohe-Schillingsfürst, und dessen Bruder, dem Prinzen Ludwig, den Neffen seiner zweiten 1836 verstorbenen Gemahlin Elisabeth, Prinzessin von Hohenlvhe-Langenburg. Er starb am >2. Nov. 1834 , und hiermit erledigte sich zugleich seine fortgesetzte beharrliche Protestation gegen die neue Verfassung in Kurhesscn. Dagegen gab sein Tod zu mehrfachen Streitigkeiten anderer Art Veranlassung. Zuvörderst trat seine Witwe auf und behauptete, daß sie nicht gewiß sei, ob sie nicht einen Erben zu hoffen habe, was aber nicht der Fall war. Ferner erhoben sowol das Kurhaus als der Landgraf Karl von Hessen-Philippsthal-Barchfeld Ansprüche auf den Allodialnachlaß, insofern derselbe nicht unter der Allodification begriffen und für die Agnaten diese Allodification, in welche sie nicht gewilligt, unverbindlich sein sollte. Durch Vergleich wurde indeß auch dieser Proceß 1837 beigelegt. Auch machte das Haus Heffen-Philippsthal Ansprüche an das Kurhaus wegen nunmehriger Erhöhung seiner Apanage. Die Hauptdifferen; aber entstand zwischen den kurhess. Ständen und der Negierung über das Verhältniß der heimgefallenen Notenburger Quart';» den kurhess. Do- mrinen. Die Stände stellen die Behauptung auf, daß diese heimgefallenen Apanagen zu dem Staatsgute gezogen werden müßten, während die Negierung solche als eine dem regierenden Hause zugefallene Erwerbung betrachtete, an welche der Staat keinen Anspruch zu machen habe. Namentlich beriefen sich die Stände, ihre Ansicht zu stützen, darauf, daß die Negierung selbst im I. >831 eine Ablösung der Quart aus Staatsmitteln und zum Besten der Staatskasse in Vorschlag gebracht habe, worauf die Stände auch eingegangcn seien. Allein nach dem Tode des Landgrafen schienen sich die Ansichten der Negierung geändert zu haben; die Quart wurde als Fideicommiß des Kurhauses für den Regenten in Anspruch genommen, und wird seitdem, trotz alles Ankämpfens der Stände, die sich 1834 auch vergebens deshalb an den Bundestag wendeten, als vom Staatsvermögen gänzlich getrenntes Fideicommißgut durch eine besondere Domainenkammer verwaltet. Endlich erhob auch noch des Landgrafen Witwe eine Klage gegen das Kurhaus wegen verweigerter Wit- wenapanage, die aber, da der Landgraf es unterlassen hatte, bei seiner Vermählung die lan» 142 Hefsmqar, Hessus desherrliche Zustimmung nachzusuchen, durch Erkenntniß des Oberappellationsgerichts im Apr. I8.!t zurückgewiesen wurde. Hessenstatt ist der Name zweier Gaue, eines fränkischen und eines sächsischen, im Stammlande der Hessen (s. d.), dann einesUntergaucs des Grabseldes, in der rümhilder Gegend, und endlich eines der bedeutendsten Gaue im nördlichen Thüringen, dessen Name (urkundlich Hassago oder Hosgowe) sich wahrscheinlich von einer Einwanderung Hess Stämme herschreibt, wie der westlich mit demselben zusammenhängende Untcrgau Friesenfeld nach der eingewandertc» friesi Bevölkerung benannt wurde. Die Grenze dieses thüring. Hauptgaues, welcher zu der alten nordthüring. oder merseburger Mark gehörte und mit dem sogenannten Osterlande im lJahrh. unter den Oberbefehl derMarkgrafcn wctkim- schcn Stammes kam, ging von den Gräben, wo sich, bei Wallhausen, die Sachsen und die frank. Thüringer schieden, auf Wippra zu und von da an dem jetzigen Klippcnbache hin nach dem salzigen See bei Eisleben und dessen Ausflusse, der Salza, entlang bis zu ihrer Mündung in die Saale. Bon hier an bildeten die Saale die Greine, bis wo die Unstrut ir dieselbe mündet, und die Unstrut, die alte Erensscheide Zwischen der Landgrafschaft Thüringen und der Mark Osierland, bis wo die Helme darein mündet; daun lief die Grenu am linken Ufer der Helme wieder aufwärts bis zu jenen Ereingräben. Innerhalb dieses Bezirks waren mit der Zeit zwischen den landesherrlichen Besitzthümern verschiedene Territe- ricn entstanden, wie die der Pfalzgrafen von Sachsen, d. b. die um die alten Pfalzen Wall- Hausen und Allstädt gelegenen Reichsdomainen; ferner die des Biskhums Merseburg, der Grafen von Mansfeld, der Dynasten von Ouerfurt, der von Nabenswalde u. s. w., welche in der Folge, als sie nach und nach sämmtlich an die Landesherren, die Herzoge zu Sachsen wettinischen Stammes, fielen, in Ämter verwandelt wurden, sodaß der ehemalige Hessengau die gegenwärtigen Ämter Allstädt, einen Thcil des Mansfeldischcn und des Amtes Sangerhausen, Ouerfurt, Lauchstädt, Merseburg, Weißcnfels, Freiburg, Wendelstein unl Sittichenbach, so weit sie aus dem linken Ufer der Saale und Unstrut liegen, in sich begreift. Heßhnssus (Tilemann), ein sehr streitsüchtiger protestantischer Theolog, geb. zu Wesel am 5. Nov. l527, wurde, nachdem er mehre deutsche und franz. Universitäten, namentlich auch Wittenberg besucht hatte, >542 Prediger in Goslar, jedoch seines Ungestüms wegen, mit den« er ohne Berücksichtigung der Verhältnisse die Reformation der daselbst noch bestehenden Collcgiatstifter und Klöster betrieb, >55ii aus der Stadt verwiesen und hierauf Prediger in Rostock, wo er aber auch kaum ein Jahr sich zu halten vermochte. Nachdem er den Bürgermeister, weil er ihn in seinem stürmischen Eifer nicht unterstützte, öffentlich in den Bann gethan hatte, ging er wieder nach Wittenberg, wo er sich an Mc- lanchthon anschloß, auf dessen Empfehlung er > 558 als erster Professor der Theologie zu Heidelberg und Generalsuperintendent der pfälzischen Kirchen angestellt wurde. Hier fand er an dem Diakonus Klebiß, den er seiner Hinneigung zur Calvin'schen Lehre wegen angriff/den heftigsten Gegner, und ihre Streitigkeiten erregten bald eine solche Aufregung in der ganzen Pfalz, daß nach vergeblichen Friedensversuchen der Kurfürst es für gerätsen hielt, beide zugleich im Sept. > 55!» abzusetzen. H. wurde bald darauf Superintendent zu Bremen, wo er aber, da der Rath auf die von ihm vorgeschlagenen gewaltsamen Maßregeln gegen die Krypto-Calvinisten einzugehen Bedenken trug, sein Amt selbst nicderlegke. um als Prediger nach Magdeburg zu gehen. Auch in Magdeburg erregte er durch sein heftiges Poltern gegen den Synergismus so gewaltigen Anstoß, daß er bereits >562 aus der Stadt verwiesen werden mußte. Nicht lange darauf erhielt er eine theologische Professur in Jena, die er aber in Folge der Streitigkeiten, in die er mit Strigel und FlaciuS (s. d.) gerieth ss. Synergistische Streitigkeiten), aufzugeben sich genöthigt sah. JmJ 1571 wurde er Bischof von Samland, jedoch wegen seiner Streitigkeiten und als Jrrleh- rer auch dieses Amtes »nieder entsetzt, worauf er endlich als Professor der Theologie nack Helmstedt kam, wo er 1588 starb. Bon seinen meist polemisch-dogmatischen Schriften erwähnen wir „De scrvo srlritrin" (Magdeb. > 562,1.) und „.^nlicktttum contra iinpium ckyFma 1'iacii" (Jena 1578). Hessus (Helius Eobanus), einer der ausgezeichnetsten lat. Dichter unter den Deutschen im 16. Jahrh. und eine Hauptstütze der Reformation, wurde am 6. Jan. 1188 unter Hesyckaften Hesychius Ii3 freiem Himmel in der Nähe von Bockendorf bei Frankenberg in Kurhessen geboren. Seines Vaters Name ist unbekannt; denn wenn sich H. auf der Universität zu Erfurt als Es- banus Coci inscribiren ließ, so bezieht sich dasCoci nur darauf, daß sein Vater Koch in dem bei Frankenberg gelegenen Kloster Haina war; Hessus nannte er sich nach seinem Geburtslande, Helms als Dichter. Er erhielt seinen ersten Unterricht im Kloster Haina, inEemün- dcn an der Wohra, wo seine Mutter hcrstammte, und zu Frankenberg; ftudirte dann in 'Erfurt Philosophie und wurde Rector an der Severischule daselbst, verließ aber die Stadt in Folge der Unruhen im I. 1516 und kam nun zu dem Bischof Hiob von Dobeneck zu Riescnburg in Ostpreußen, der ihn I 5 > 3 nach Leipzig sendete, um die Rechte zu studireu. Da aber H. diesem Studium keinen Geschmack abzugewinnen vermochte, so wendete er sich I-'ild wieder nach Erfurt, wo er auch seine Nectorstellc wiedererhielt und 1516 Professor der schonen Wissenschaften an der Universität wurde. Als solcher hatte er sich eines außerordentlichen Beifalls zu erfreuen. Doch die in Folge der Reformation Luthrr's, der er sich vom Anfänge an mit allem Eifer anschloß, eintretende fast ausschließend theologische Richtung der Studirenden minderte die Zahl seiner Zuhörer dermaßen, daß er bei seinem geringen Gehalte, namentlich in der Zeit des Bauernkriegs in große Verlegenheiten wegen seines Lebenserwcrbs gcrierh, aus denen er indeß >'>26 durch seine Berufung an das neubegründete Gymnasium zu Nürnberg noch zu rechter Zeit errettet wurde. Noch einmal kehrte er zwar 1536 auf Anliegen mehrer Freunde nach Erfurt zurück, doch gcrieth er sehr bald wieder in Nahrungßsorgen, sodaß ihm nichts willkommener sein konnte, als ein Nus an die Universität zu Marburg für die Professur der Geschichte und der Dichtkunst im I. 1536, wo er indeß schon am 5. Oct. 1516 starb. H. war ein durchaus edler Charakter und stand mit allen berühmten Männern in der innigsten Verbindung; ein heiteres Eemüth, liebte er ausnehmend festliche Gelage, wie er denn auch stets Dirgil's Geburtstag durch ein solches in feierlicher Weise beging. Zum Dichter geboren und gleich ausgezeichnet im Stegreifdichten wie in schriftlichen Entwürfen, würde er die erste Stelle unter allen neuern lat. Dichtern einnehmen, wenn er sich nicht durch die unruhige Lebhaftigkeit seines Geistes, die ihn von einer Arbeit zu-r andern drängte, hätte abhalten, lassen, seinen Werken das Siegel der Vollendung zu geben. Er bediente sich in seinen Gedichten durchweg der lat. Sprache und hat das Verdienst, zur Wiederaufnahme eines classischen Stils nicht wenig beigetragcn zu haben. Unter seinen Werken sind namentlich berühmt seine metrische Übersetzung der Psalmen, die wol -16 Auflagen erlebte, und die der „Zliadc" Homer's (1516). Seine Heroiden erwarben ihm den Beinamen des deutschen Ovid, wie denn Luther selbst ihn den r»-x poetarum nannte; außerdem verfaßte er viele Idyllen, Epigramme und Gelegenheitsgedichte, die er in einer Auswahl unter dem Namen „8)Ivue" herausgab. Hesychasten, d. h. Ruhende oder Stille, hießen die strengen Asccten in den griech. Klöstern überhaupt, insbesondere aber eine Partei unter den Mönchen auf dem Berge Atho s (s. d.), die im 11. Iahrh. durch eine der seltsamsten Schwärmereien Aufsehen erregte. Die H. hielten nämlich den Nabel für den Sitz der Seelenkräfte, weshalb sie auch Lmphalopsychiten genannt wurden. Im Gebet, das Kinn auf die Brust legend und die Augen unverwandt auf den Nabel gerichtet, glaubten sie nach langem Beharren endlich das göttliche Licht sinnlich zu sehen und der Wonne des Anschauens Gottes genießen zu können. Dieses Licht, in dem die Gottheit wohne und das aus ihx fließe, erklärten sie für un- erschaffen und doch von dem Wesen der Gottheit unterschieden. In einem Streit über die Natur dieses Lichts, den der calabrische Münch Barlaam gegen sic begann, gewannen sie unter dem Schutze des griech. Kaisers Andronikus Paläologus des Jüngern und durch den Eifer ihres Verthcidigers Eregorius Palamas, Erzbischofs von Thessalonich, auf einer Synode zu Konstantinopel >311 die Oberhand. Auch spätere Synoden im I. >317 und 1356 entschieden zu ihren Gunsten und gegen den inzwischen zur röm. Kirche übergetrete- nen Barlaam. Übrigens findet sich eine ähnliche Art von Contemvlation bei den Asccten in Siam und in Indien. Vgl. Engelhardt, „De üesz-cliastis" (Erl. 1 826 ). Hesychius, ein griech. Grammatiker aus Alexandria, lebte gegen das Ende des 1. Iahrh. n. Ehr., nach Andern im 6. Iahrh., und verfaßte ein griech. Lexikon, das er theils aus frühem ähnlichen Werken entlehnte, theils mit neuen Wörtern und Beispielen aus den 144 Hetären Hetäria Dichtern, Rednern, Geschichtschreibern und Ärzten ausstattete. Nach der ersten von Mu- ftrus besorgten, aber sehr unzuverlässigen Ausgabe (Ven. >51-1, Fol.) wurde es zuletzt am besten bearbeitet von Albcrti und Nuhnken (2 Bde., Leyd. >746—66, Fol.), wozu Schow Ergänzungen lieferte (Lpz. > 792). Vgl. Ranke, „Ile I«xici Hes^cbiuni vera nri^iue-e' genuiiiu forma" (Lpz. und Quedlinb. 1831). — Nicht zu verwechseln mit ihm ist der Geschichtschreiber Hesychius aus Milet, mit dem Beinamen llliwtris, zu Anfang des O.Jahrh. n. Ehr., Verfasser einer nur noch in Bruchstücken vorhandenen Chronik, welche,von den ältesten Zeiten bis auf den Tod des Anastasius geht, und einer alphabetischen Übersicht der vorzüglichsten griech. Gelehrten, namentlich der Philosophen, welche meist aus dem Werke des Diogenes von Laerte entlehnt ist. Beide Schriften sind von Meursius (Leyd. >613) und Orelli (Lpz. 1820) hcrausgegeben worden. Hetären, d. h. Freundinnen, wurden die Buhlcrinnen bei den Griechen genannt, ohne daß man jedoch bei dem die ganze griech. Nation belebenden Schönheitssinne, der gleich einem äußern Gesetze herrschend war und sich daher auch überden freien Umgang der Geschlechter erstreckte, im Allgemeinen eine entehrende Beziehung damit verband. Schon in frühester Zeit finden wir solche Hetären in Korinth, wo sie sogar mit dem religiösen Cul- tus in Verbindung gesetzt wurden, und seit Solon's Zeit besonders in Athen, der durch die Duldung öffentlicher Frauen und Mädchen für Fremde und Unverheirathete die Unverletzlichkeit der ehelichen Treue zu bewahren suchte. Gewöhnlich waren es Sklavinnen oder auch Frcigeborene, die in den verschiedensten Abstufungen unter dem Aushängcschilde einer er heiternden Kunst, die sie zugleich trieben, als Tänzerinnen, Zitter- und Flötenspielerinnen bei Gastmählern und andern Feierlichkeiten ihre Reize ausboten. Doch trat seit PcrikleS die strenge Ansicht von der Heiligkeit der Ehe allmälig zurück und der Staat scheute sich nicht, eine Steuer von diesem Gewerbe zu erheben. Einige von diesen Hetären, ausgezeichnet durch Geist und Feinheit im Umgänge, wußten selbst die gebildetsten Staatsmänner, Redner, Philosophen und Dichter, wie einen Periklcs, Alcibiades, Hyperidcs, Platon und Sokrates um sich zu versammeln, andere erlangten sogar eine politischeVedeutsamkeit und wurden durch Bildsäulen verherrlicht, wie Asp asia (s. d.), Thais (s. d.), die Geliebte Alexander's und nachherige Gemahlin des Ptolemäus Lagi, Myrrhina, welche den König Demetrius ganz in ihrerEewalt hatte, Thargelia, Lamia, Leäna u.s.w.; noch andere waren durch ihre verführerischen Künste bekannt, wie Lais (s. d.) aus Sicilien, Theodota, und vor allen Phryne (s. d.) aus Thefpiä, welche dem Praxiteles bei seinen Venusbildern als Modell diente/ Daher wurden sie schon den Alten in eigenen Schriften, wie dein Lucian in den Hetärcngesprächen, und dem Alciphron in den Hetärcnbriefen, ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und bilden den Mittelpunkt der sogenannten neuern griech. Komödie. Das lebendigste Bild von dem Leben derselben hat uns in neuerer Zeit Wieland in „Menander und Glycerion", sowie im „Aristipp" entworfen; F. Jacobs gibt in zwei trefflichen Abhandlungen „Die hellenischen Frauen" und „Von den Hetären" in den „Vermischten Schriften" (Bd. 4, Lpz. >830) eine ebenso anziehende als belehrende Schilderung. Hetäria nannte sich der geheime Bund, welcher >8>l in Wien von den dort aus Anlaß des Congresses befindlichen Griechen unter der Mitwirkung des Grafen Kapodi- strias (s. d.) und des Erzbischofs Ignatius gebildet wurde, um die sittliche Hebung Griechenlands und dessen geistig* Bildung zu befördern und dadurch dessen einstige Befreiung vom türk. Joche vorzubereiten. Schon 1809 war in Paris unter Napoleon's Auspicien eine ähnliche Gesellschaft entstanden, und in Athen bildeten sich die Philomusen, ohne jedoch einen namhaften Erfolg zv gewähren. Anfangs hatte es die Hetäria nicht auf unmittelbar praktisch-politische Zwecke abgesehen; doch nahm sie bald den Charakter einer Verschwörung an, welche die Jnsurgirung Griechenlands zum unmittelbaren Ziel hatte. Dies geschah schon >815, um welche Zeit sie Rußland zum Schauplatz und Mittelpunkt ihrer Thä- tigkeit machte, theils wegen der dort sich aufhaltenden größcrn Menge von Griechen, theils wegen der politischen und noch mehr religiösen Sympathien, die dort für die Griechen herrschten. Moskau wurde nun ihr Hauptsiß, wo Nikol. Skupa, Galaty und einige Andere sie weiter ausbildeten. Zwar wurde ihr Bestehen verrathen und Galaty verhaftet und aus Rußland gewiesen, auch viele der übrigen Glieder wurden vertrieben und zerstreut; dennoch Heterodvx Hetze 1^5 hielt sich die Verbindung, und wenn Aapodistrias seiner politischen Stellung wegen sich von ihr zurückziehen mußte, so trat dafür Alex. Dpsilan ti s (s. d.) an ihre Spitze. Von jetzt an arbeitete sie mit allen Kräften auf eine Erhebung Griechenlands hin und nament- lich förderte sie den Ausbruch des Ausstandes im I. I8-'l in den Donaufürstenthümern undin Morea. (S. Griechenland.) Heterödox, d. h. andersgläubig, nennt man insbesondere eine solche Meinung, welche dem angenommenen Lehrbegriffe einer Kirche widerstreitet und nach den Grundsätzen dieses Lehrbegriffs beurtheilt Irrlehre (Heterodoxie) ist. Die katholische Kirche ge- braucht in demselben Sinne und zur Bezeichnung derselben Sache die Worte häretisch und Häresie (s. d.). Das Gegentheil der Heterodoxie ist die Orthodoxie (s. d.). Die Na- men Orthodoxe und Heterodoxe waren besonders an der Tagesordnung, als in der Mitte des 18 . Jahrh. der protestantische Lehrbegriff in manchen Theilen von aufgeklärten Theologen verändert wurde. Heterögen und ho mögen bedeutet verschiedenartig und gleichartig. Unter heterogenen Dingen versteht man solche, welche verschiedener Gattung oder Natur sind, im Gegensatz von homogen, womit man Dinge von gleicher Gattung oder gleichen Bestand- theilen bezeichnet. — Eine besondere Anwendung macht man von beiden Begriffen in der Musik, indem man unter homogenen Tönen solche versteht, welche mit der Tonleiter eines angenommenen Grundtones näher verwandt und verbunden sind als andere, nämlich die heterogenen Töne. So wird z. B. der Ton k'ir mit der harten Tonart von 6 homogeh, dagegen der Ton 6es heterogen sein, da 6es mit jener Tonart entferntere Beziehungen als L'i- hat. Heterouömie, s. Autonomie. HeterSsis, s. Enallage. Hetman oder Ataman ist der Titel des Oberhaupts oder Feldherrn der Kosacken, und es wird das Wort von dem altdeutschen Het, d. h. Haupt, hergeleitet. Der Hetman wurde von Alters her von dem gesammten Volke durch Zuruf erwählt. Der König von Polen, Stephan Bathori, der die unter poln. Oberhoheit stehenden Kosacken 1576 besser vrgamsirte und ihnen am Dnjepr feste Wohnsitze anwies, ertheilte dem Hetman zum Zeichen seiner Würde einen Commandostab und ein Siegel, dem Heere eine Fahne. Die Gewalt des Hetman war sehr groß und er hatte über Leben und Tod zu gebieten. Als die Kosacken 1654 sich den Russen unterwarfen, wurde ihnen ihre frühere Verfassung gelassen; als aber der Hetman Mazeppa (s. d.) 1708 die Partei Karl's XII. ergriff, in der Absicht, sich wieder mit den Polen zu vereinigen, beschränkte Peter I. sie vielfach in ihren Rechten. Lange Zeit blieb die Stelle eines Hetmans unbesetzt, und als 1750 der Graf Rasumowski zum Hetman gewählt wurde, erhielt er, statt der ehemaligen Domainen und Zolleinkünste, 50000 Rubel jährlichen Gehalt. Die Kaiserin Katharina hob die ukrainische Hetmans- würde gänzlich auf und setzte dafür eine Regierung von acht Mitgliedern ein. Die doni- schen Kosacken haben zwar ihren Hetman behalten, doch ist auch er in seiner ehemaligen Gewalt ziemlich beschränkt. (S. Kosacken.) — Auch in Polen war der Name Hetman für die Heerführer üblich. Großhetman (Hetman vüelkä) hieß seit 158I,wo Zamvjs- k> (s- d.) zu dieser Würde erhoben wurde, der Oberfeldherr des ganzen poln. Heeres; ihm zur Seite stand und ihn vertrat der Feldh etman (Letmsn poln^), der ursprünglich nur die Grenzen des Reichs gegen die Tataren zu hüten hatte. Es gab einen Großhetman und einen Feldhetman ebensowol für die Krone Polen wie für das Herzogthum Lithauen, doch waren die erstem die angesehenem. Der Großhetman wurde vom Könige ernannt, und seine Macht über das Heer war unbeschränkt, hörte aber auf, wenn der König selbst beim Heere befehligte; ihm allein schwur das Heer Treue, ihm gehörten alle Gefangenen und das Lösegeld für dieselben, doch durfte er in die Volksberathungen sich nicht mischen und den Königswahlen nicht beiwohnen. Der Reichstag von 17S2 hob die Hetmanswürden auf. Hetze oderHatze heißt die Verfolgung des Wilds durch Hunde. Die Hetzjagd geschieht gewöhnlich auf Sauen, Hasen, Hirsche, Wölfe und Bären, im Herbst vor starkem Frost und nach frischem Schneefall. Zur Bären- und Sauhehe verwendet man Dog- C onv.. Lex. Neunte Ausl. VU. 10 146 Hetzer Heumann gen, Bullenbeißer und Saufänger, zur Wolfs- und Hirschhetze Blendlinge von Doggen und Windhunden; zur Hasenheße Windhunde. Auch versteht man unter Hetze die Versal- gung allerlei größerer vierbeiniger Thiere durch Hunde in einem besonders dazu eingerich. teten Raume, mit Sitzen für Zuschauer, ähnlich den Stiergefechten in Spanien; doch kommen solche Hetzen gegenwärtig nur noch in Ostreich vor. Hetzer (Ludw.), Wiedertäufer und Antitrinitarier, stammte aus Bischofszell im Thurgau und wurde nach vollendeten Studien zunächst Kaplan in Wädcnschweil, dann Priester in Zürich. Hier schloß er sich anfangs mit lebhafter Theilnahme dem reformatori- schen Streben Zwingli's an, wie er denn unter Anderm die Acten des Religionsgesprächs vom 26. Oct. 1523 herausgab; allein bald wendete er sich der Schwärmerei der Wiedertäufer zu und bekämpfte gleichzeitig das Dogma von der Trinität, in welcher er jede Unterscheidung der Personen verwarf. Zwar wurde der Druck seiner Schrift „Wider die Gottheit Christi" von Zwingli Hintertrieben, aber um so eifriger suchte er seiner Lehre durch geistliche Lieder bei dem Volke Eingang zu verschaffen. Dieser Umstand, zu welchem dann noch sittliche Verirrungen kamen, führte dahin, daß H. gefänglich eingezogen und am 1. Febr. 1529 zu Kostnitz enthauptet wurde. Vgl. Trechscl, „Die protestantischen Antitrini- tarier vor Faustus Socinus" (Heidelb. 1839). Heu nennt man getrocknete Gräser (Wiesenheu) und Kräuter (Kleeheu) des ersten Schnitts, zum Unterschied von Grummet (s.d.), welches aus den getrockneten Gräsern des zweiten Schnitts besteht. Man unterscheidet süßes und saures Heu, je nachdem die Wiesen trocken oder naß und sumpfig sind. Das Mähen des Grases zu Heu, die Heuernte, findet statt, wenn der größte Theil der Gräser in frischer Blüte steht. In der Regel wird das Heu mit der Hand bearbeitet, doch geschieht das Trocknen des Grases hier und da auch durch Maschinen, z. B. in der Schweiz und in Steiermark mittels der Heuegge, in England mittels der von Midleton erfundenen Heumaschine und der Heuwalze. Ein! andere Art des Heumachens (braunes H eu) ist in England, Holland, Steiermark, Ostfriesland und der Schweiz gewöhnlich. Das abgemähte Gras wird dabei in große Haufen gebracht, fest zusammengetreten und, wenn es sich gehörig erhitzt hat, auseinandergezogen und dünn und locker ausgestreut, wo dann einige Stunden Sonnenschein hinreichen, daS braune Gras zu trocknen; oder man zieht auch die in Gährung gerathenen Erashaufen nicht auseinander, sondern läßt die Gährung verlaufen und die Haufen bis zur Verfeinerung stehen, wo dann das Futter mit dem Beile abgehauen wird. Heubner (Heinr. Leonhard), einer der achtungswerthesten Vertreter der lutherischen Kirchenlehre, wurde am 2. Juni 178» zu Lauterbach im sächs. Erzgebirge geboren, besuchte seit 1593 Schulpforta und bezog mit gründlichen philologischen Kenntnissen ausgerüstet im I. 1799 die Universität zu Wittenberg. Nachdem er sich hier 1805 habilitirk hatte, wurde er 1807 Adjunct der philosophischen Facultät, I808Diakonus an der Stadt- kirche und 1811 zugleich außerordentlicher Professor der Theologie. Der lebendige Eifer für sein Amt ließ ihn seine Vorlesungen, nachdem die Universität schon fast ganz zerstreut war, erst vor der Schlacht bei Dennewih im Sept. 18 >3 schließen und während der Belagerung der Stadt in den I. 1813 und 18 l 3 wirkte er durch seine Predigten sehr heilsam. Bei der Gründung des Predigerseminars zu Wittenberg im I. 1817 wurde er Mitdirec- tor und Ephorus desselben, nach dem Tode des ältern Nitz sch (s. d.) aber imJ. 1832 erster Dirertor und zugleich Superintendent, in welcher Stellung er seitdem viele ausgezeichnete Schüler herangebildet hat und noch gegenwärtig fortwirkt. Seiner theologischen Richtung nach ist H. entschiedener Anhänger des ältern, consequenten Supernaturalismus; daher seine Abneigung gegen biblische Kritik, die er gegen Paulus in der „Interpretstio mirscn- loriim Xovi 'I'estsinenti distorico-Frswmstica" (Wittenb. 1807) und gegen Hase's „Leben Jesu" in den Beilagen zu der von ihm neu herausgegebenen Schrift Reinhard's „Über den Plan Jesu" (Wittenb. 1830) aussprach. Außer einzelnen gediegenen Gelegenheits- Predigten ist noch.seine neue Bearbeitung der Büchner'schen „Biblischen Real- und Ver- bal-Handconcordanz" (Halle 1837—40) zu nennen. Heumann (Christoph Aug.), ein bekannter Literärhistoriker, geb. am 3. Aug. 1681 zu Allstädt im Weimarschrn, kam, nachdem er seit 1709 an der Schule zu Eisenach gelehrt Heumann von Teutschenbrunn Heun 147 hatte/im I.1717 an das Gymnasium zu Göttingen, wo er wesentlich zur Verwandlung desselben in eine Universität beitrug, an welcher er 1734 als ordentlicher Professor der Li- terärgeschichte und außerordentlicher der Theologie angcstellt wurde und am I. Mai 1764 starb. Durch seinen weitverbreiteten und nützlichen „Von-pectus reipublicae litersriae" (9. Aust., Gott. 17 91) erweckte er in Deutschland zuerst das Studium der Literatur- und Ge- lehrtengeschichte; dagegen fand er in seiner Übersetzung des Neuen Testaments (2. Aust., 2 Bde., Hannov. > 7 5») und bei der Erklärung desselben (12 Bde., Hannov. 1750—63) wegen der oft gekünstelten und paradoxen Deutungen manchen Widerspruch, auch die nach seinem Tode erschienene Schrift „Erweis, daß die Lehre der reformirten Kirche von dem heiligen Abendmahle die rechte und wahre sei" (Eisleb. und Wittenb. 1764) bewirkte mehr Aufsehen als Überzeugung. Vgl. Heyne, „Llemorm tteunmnm" (Gött. 1764, Fol.) und Cassius, „Ausführliche Lebensbeschreibung H.'s" (Kaff. 1768). Heumann von Teutschenbrunn (Joh.), der Erste, der die Urkundenlehre (s. d.) wissenschaftlich behandelte, geb. am 11. Febr. 1711 zu Müggendorf im Baireuthi. sehen, studirte zu Altdors Geschichte und die Rechte, prakticirte dann in Wien beim Reichs. Hofrath, kehrte aber 1739 als Docent der Rechte nach Altdorf zurück, wo er 1744 ordentlicher Professor wurde und am 29. Sept. 1780 starb. Seiner Verdienste um Staat und Wissenschaft wegen erhob ihn der Kaiser mit dem Zunamen von Teutschenbrunn in den Adelstand. Seine für ihre Zeit höchst schätzbaren juristischen Schriften, unter denen wir nur seinen „Geist der Gesetze der Deutschen" (Nürnb. 1759; 2. Aufl., 1779) hervorhe- ben, sind veraltet; dagegen haben seine „t7c>mmeutarü <1e re lliplomutica imperatoi »in sc regum kermaniae" (2 Bde., Nürnb. 1745, 4.) und die „(üommentarii äe re cliplo- matica imperstrieum 6ermsniae" (Nürnb. 1749) noch jetzt ihren Werth. In seinen „Initia juris politise kermamae" (Nürnb. 1757) entwarf er ein deutsches Policeirecht. Heun (Karl Gottlob Sam.), preuß. Geh. Hofrath, als SchriftstellerH. Clauren genannt, geb. am 20. März 1771 zu Dobrilugk in der Niederlausitz, wo sein Vater Justiz, und Domainenamtmann war, erhielt eine sorgfältige Erziehung im väterlichen Hause und kam 1786 auf das Gymnasium zu Gotha. In seinem 17. Jahre bezog er die Universität zu Leipzig, um die Rechte zu studiren, und später die zu Göttingen. Schon als Student in Leipzig gab er den Roman „Gustav Adolf" heraus; in Göttingen schrieb er„Karl's vaterländische Reise" und „Vertraute Briefe an edelgesinnte Jünglinge, die auf Universitäten gehen wollen". Nach seiner Rückkehr von der Universität sollte er eine Accessistenstelle im voigtländischen Amte Plauen erhalten, als alte Freundschaft mit H.'s Vater und die zuletzt erwähnte Schrift den preuß. Minister von Heynitz veranlaßten, ihn als Führer seines Neffen und als Privatsecretair nach Berlin zu berufen. Hier wurde er nachmals Geh. Secre- tair imEencraldirectoriumbeimwestfäl. Provinzial- und beim Berg-, Hütten- und Salz- departcment und später Assessor bei der Bergwerks - und Hüttenadministration. Iw I. 1801 verließ er indeß die preuß. Dienste, um die Verwaltung der bedeutenden Güter, welche der Kanonicus von Treskow bei Posen und in Cujavien besaß, zu übernehmen, mit dem er jedoch bald in Mishelligkeiten gerieth. Dasselbe war der Fall mit dem Buchhändler Rein in Leipzig, dessen Compagnon er geworden war. Im 1.1806 übernahm er von neuem die Verwaltung der Treskow'schen Güter; doch 1810 kehrte er wieder nach Berlin zurück, wo er in das Bureau des Staatskanzlers Hardenberg kam und bald darauf zum Hofrath ernannt wurde. Er machte den Feldzug von 1813 und 1814 im schreibenden Hauptquartiere mit, redigirte die „Preuß. Feldzeitung", wohnte demCongresse in Wien bei, wurde dann beim Preuß. Gouvernement in Sachsen und hierauf in Merseburg angestellt. Im 1.1820 übernahm er die Redaction der „Preuß. Staatszeitung", und als diese l S24^in Pacht gegeben wurde, erhielt er eine Anstellung beim Generalpostamte, nachdem er vorher zum Geh. Hof- rathe ernannt worden war. Während des zweiten Aufenthalts in Polen trat er zuerst als Schriststeller unter dem Namen H. Clauren (dem Anagramm von Carl Heun) auf, und da stineErzählungen „DiegraueStube"im„Freimüthigen"undbesonders„Mimili"(4.Aufl., 1821), zu welcherletztern er den Stoff au« seiner Schweizerreise entlehnte, und die ebenfalls zuerst in der genannten Zeitschrift und später besonders abgedruckt wurde (Lpz. 1816), großen 10 » 4 148 Heuristik Beifall fanden, so ging er auf der betretenen Bahn weiter. Seine früher zerstreuten Arbeiten wurden unter dem Titel „Erzählungen" gesammelt (6 Bde., Dresd. l 81S—20) und fanden unter einer Elaste von Lesern, die keine Hähern Ansprüche zu machen pflegt, ein zahlreiches Publicum. Mit l8IS begann er auch ein nur aus eigenen Arbeiten bestehendes Taschen- buch „Vergißmeinnicht", dessen Inhalt wieder in der Sammlung „Scherz und Ernst" (7 Bde-, Dresd. l820—27) abgedruckt wurde- Daneben hatte er seit >815 allerlei dra- malische Producte erscheinen lassen, z.B. „Das Vogelschießen", „Der Bräutigam aus Me- xico", „Der Wollmarkt" u. s. w., die unter dem Titel „Lustspiele" (Dresd. 18l 7; 2. Aust. > 824) gesammelt wurden. So wußte er eine Reihe von Jahren sein keineswegs erlesenes Publicum zu fesseln und mehre seiner Werke wurden fast in alle eurvp. Sprachen überseht. Die Lust an flüchtiger, mitunter frivoler Unterhaltung von der einen Seite und eine ge- wisse mit süßlicher Sentimentalität gepaarte Lebendigkeit der Auffassung und der Darstel- lung von der andern erklären hinreichend den Beifall, den seine Schriften fanden. Sein schnelles Sinken in der Gunst des Publicums wurde durch die bekannte Persiflage W. H auffs (s. d.), wenn auch nicht geradezu veranlaßt, doch in hohem Grade gefördert. Heuristik heißt Erfindungskunst, oder eine Anweisung, auf methodischem Wege Erfindungen zu machen. Wo es sich nämlich nicht um Erfindungen, sondern blos um Entdeckungen, also um empirische Kenntniß des Vorhandenen, aber noch Unbekannten handelt, wie;. B. in der Naturkunde, der Länder - und Völkerkunde, der Geschichte u. s. w-, Pflegt man den Inbegriff der Regeln, nach welchen die Beo bachtun gen (s. d.) anzustellen, zu sammeln und zu prüfen sind, gewöhnlich nicht mit dem Namen der Heuristik zu belegen, sondern man bedient sich dieses Ausdrucks meist da, wo es sich um Auffindung nicht cmpi- rischer Erkenntnisse handelt. Eine allgemeine Erfindungskunst für die Philosophie, die Mathematik und ähnliche Wissenschaften würde den allergrößten Werth haben und mit einer allgemeinen Methodenlehre für die Erweiterung dieser Wissenschaften zusammenfallen; aber es liegt in der Natur der Sache, daß es keine solche allgemeine Heuristik geben kann. Denn der bestimmte Eedankenfortschritt, der nicht blos zu neuen Einfällen, sondern zu wirklichen Erweiterungen und Bereicherungen des Wissens führen soll, hängt jederzeit von der besondern Natur der Probleme und Aufgaben ab, und die methodischen Weisungen der Logik, die wirklich eine allgemeine Bedeutung haben, sind ganz unfähig, einen ausreichenden Leitfaden zur Behandlung bestimmter Probleme darzubieten. Was man daher, namentlich früher, für eine allgemeine Heuristik ausgab, lief meist auf ein äußerliches, oft selbst leeres combinatorisches Spiel mit willkürlich aufgestellten Begriffen hinaus, ob- wsl Versuche dieser Art, wie z. B. die eVrs magna des Raymundus Lullus (s.d.) viele Bewunderer fand, und selbst noch Leibnitz (s. d.) in seinen Jugendjahren von der Anordnung eines solchen combinatorischen Verfahrens überaus große Hoffnungen hegte und sich auch noch später mit der Möglichkeit einer Universalwissenschaft beschäftigte. Der Reichthum an Methoden, dessen sich die Mathematik erfreut, ist ein deutlicher Beleg der Unmöglichkeit, für alle Aufgaben einer Wissenschaft eine und dieselbe Methode der Erfindung aufzustellen; jede dieser Methoden ist ein heuristischer Leitfaden für die Auflösung einer bestimmten Classe von Aufgaben; aber die Erfindung dieser Methoden selbst läßt sich durchaus nicht auf mechanische Regeln bringen, sondern bleibt dem eindringenden Scharfsinn, der Vertiefung in die Sache, oft auch einem glücklichen Bemerken überlassen. Noch viel weniger würde es möglich sein, dem künstlerischen Erfindungsgeiste des Dichters, Musikers u. s. w. eine bestimmte Bahn vorzuschreiben. Die sichersten An- haltcpunkte hat der Geist der Erfindung verhältnißmäßig da, wo für einen bestimmten Zweck eine gewisse Summe möglicher Mittel vorliegt und eS nun auf die Auswahl und die Verknüpfung derselben zur Erreichung jenes Zweckes ankommt, oder wo sich für vorhandene Mittel ein Gebiet ihrer möglichen Anwendung eröffnet. Dieser Fall tritt bei der Erfindung von Instrumenten, Maschinen u. s w. ein; und dergleichen Erfindungen sind durch erweiterte und vervielfältigte Anwendungen desselben Mittels zu verschiedenen Zwecken oder durch scharfsinnige Verknüpfungen verschiedenartiger Mittel zu demselben Zwecke einer oft erstaunenswürdigen Vervollkommnung fähig. Niemand hat sich aber noch einfallen lassen, hierfür eine allgemeine Heuristik aufzustellen. Eine überaus untergeordnete Heuschrecken Heusiuger (Foh. Mich.) 149 Art der sogenannten Heuristik, obwol man von ihr namentlich bei den Alten am meisten Gebrauch machte, ist die rhetorische und oratorische, welche in einer Nachweisung der allge- meinen Gesichtspunkte (loci commune») bestand, nach welchen man ein gegebenes Thema zu behandeln habe. (S. To pik.) — Etwas ganz anderes endlich, als eine Anweisung, eigentliche Erfindungen zu machen, ist das heuristische Verfahren in der Darstellung wissenschaftlicher Lehren, d. h. eine Darstellung, welche den Weg geht, auf welchem die Lehr- säße derselben wirklich gefunden worden find oder wenigstens hätten gefunden werden kon- nen. Sie überliefert die Wissenschaft nicht als eine schon fertige, sondern zeigt ihre Entstehung; das heuristische Verfahren ist daher zugleich ein genetisches und ist von dem größten pädagogischen Werthe. Heuschrecken bilden unter den geradflügligen Insekten eine zahlreiche Familie, die auch in Deutschland durch manche, zum Theil sehr schön gefärbte Arten vertreten wird. Unter den ausländischen Arten ist die berüchtigste die Zugheuschrecke (^crilliuin migru- torium), die im mildern Asien, in Nordafrika und im südlichen Europa wohnt, und biswei- len in verheerenden Zügen eintrifft, deren Menge und Furchtbarkeit zu beschreiben seit des Propheten Joel's Zeiten unzählige Schriftsteller umsonst versucht haben. Öfters sind solche Heere beobachtet worden, die beim Niederfallen den Boden in mehrstündiger Breite und Länge sechs Zoll hoch bedeckten und in wenigen Stunden alle Pflanzen auf das vollständigste vertilgt hatten. Im Mittelalter ergoß sich diese Plage, die im Orient von jeher zu den gewöhnlichsten gehörte, auch wiederholt über Deutschland. Zuletzt wurde Deutschland im 1.1750, Südfrankreich 18 lg und Taurien 1824 durch Heuschrecken heimgesucht. Die Araber essen dieses Insekt geröstet, so auch die Marokkaner. Schriftsteller des Alterthums erwähnen mehrer Heuschrecken essender Völker unter dem griech. Namen Akridophagen. Heusde (Phil. Wilh. van), ordentlicher Professor der Philosophie und der alten Literatur zu Utrecht, geb. am 17. Juni 1778 zu Rotterdam, erhielt seine erste Bildung auf dem Gymnasium seinerDaterstadt und kam 1797 auf das Athenäum nach Amsterdam, wo er unter Cras und unter Wyttenbach, dem er sich aus das innigste anschloß, philosophischen und juristischen Studien sich widmete. Als Wyttenbach 1799 an Ruhnken's Stelle nach Leyden gegangen, folgte ihm ein Jahr später auch H. dahin. Vorzugsweise beschäftigte ihn das Studium der Schriften Platvn's, zu dem er sich durch eine gewisse Geistesverwandtschaft hingezogen fühlte. Das erste Product seiner schriftstellerischen Thätigkeit war das „8;in- cimen criticum in kistonein" (Leyd. 1803). Kurze Zeit nachher erhielt er den Ruf zur Professur der Beredtsamkeit und der Geschichte in Utrecht, dem er auch folgte. Mir seiner Ankunft begann gleichsam eine neue glänzende Ära für die Universität, an der er bis zu seinem Tode thätig war. Er starb zu Genf am 28. Juli 1839. Von seinen Werken sind zu erwähnen „lnitiu pbilosopbiue klutonicue" (3 Bde., Utr. >827—36); „Die Sokra- tische Schule, oder Philosophie für das 19. Jahrh." (deutsch von Leutbecher, 2 Bde., Erl. 1838; 2. Aufl., 1840); „Briefe über die Natur und den Zweck des höhern Unterrichts" (deutsch von Klein, Heidelb. 1830) und die nach seinem Tode erschienenen „Okaracterismi prmcipum püilosozikorum veterum" (Amst. 1839) und „De scbool vsn kohliiu» vk 6e- sebieäkuncke voor 6e negeotiemle eeuvv" (Amst. 1841). Vgl. Kist, „Uleinoria llsusilü" (Leyd. 1839). — Sein Sohn, Jvh. Adolf Karl van H., Professor in Utrecht, ist der Verfasser der „Diatribe in Ouilielmi Dueiovici IVsssuvii vitam, in^enium, meritu" (Utr. 1835), der „Di8gui8itio Lehrer am Pädagogium zu Halle, 1 722 Rector zu Laubach, 1 730 Professor zu Gotha und l 7 38 Direktor zu Eise- uach, wo er am 24. Febr. 1751 starb. Gründlichkeit und Geschmack vereinigte er in den noch jetzt geschätzten Ausgaben des Phädrus (Eisen. 1740; neue Aufl., 1772), des Äsopus (Eisen. 1756; neue Ausg. von Schäfer, Lpz. 1810 und 1820), der „Hisessre»" des Julianus (Gotha 1741), des Cornelius Nepos (Eisen. 1 747 ; neue Aufl., 1756); sowie ttin der Überarbeitung von Vechner's „Delleoolexia" (Gotha 1733) und in den „Limen- SevelmS Heusinger (Karl Friedr.) ästiomiM libri 11" (Gotha 1751) Belesenheit und Scharfsinn entwickelte. ^Eine Heeknm- ! lung seiner kleinern Schriften veranstaltete Töpfer unter dem Titel „Opuscula miuorn" . (Nördl. 1773).— Sein Sohn Friedr. H., geb. 1722 zu Laubach, gest. 1757, war zu- j leht ebenfalls Direktor des Gymnasiums zu Gotha und hat einige antiquarische und numismatische Abhandlungen geschrieben. — Größeres Verdienst erwarb sich ein Bruders- sohn des Erstern, Jak. Friedr. H., geb. 17 IS zu Useborn in der Wetterau, gest. am 27. Sept. 1778 als Rector zu Wolsenbüttel, durch Herausgabe des Mallius Theodorus „v- Mvtris" (Wolfenb. 1755, 4.; neue Ausg., Leyd. 1766), durch Entdeckung einiger „kisg- ments Lo?neIii Nepotis" (Wolfenb. >766, 4.), die zu einer gelehrten Fehde Veranlassung gaben, besonders aber durch die treffliche, zugleich mit Joh. Mich. H.'S handschriftlicken Anmerkungen versehene Bearbeitung von Cicero's Büchern „De owcüs", welche sein Sohn, Konrad H.,herausgab (Braunschw. 1783; neu bearbeitet von Zumpt, Braunschw. 1838), der als Direktor des Katharineums zu Braunschweig am >2. Jan. 1820 starb und wegen einer brauchbaren Schulausgabe von Ovid's „Heroiken" (Braunschw. 1786), von ausgewählten Stücken des PlautuS und Seneca (Braunschw. I7S»), vor Allem s aber als trefflicher Übersetzer des Livius (5 Bde., Braunschw. 1821) eine ehrenvolle Erwähnung verdient. Heusinger (Karl Friedr.), Professor der praktischen Medicin und Klinik zu Marburg, geb. am 28. Febr. 1792 zu Farnroda bei Eisenach, wo sein Vater damals Pfarrer war, besuchte das Gymnasium zu Eisenach und bezog 1809 die Universität zu Jena, wo er 1812 als Doctor der Medicin promovirte. Hierauf setzte er seine Studien in Göttingen fort, bis er 18 l 3 als Militairarzt in preuß. Dienste trat. Nach dem ersten pariser Frieden ! kehrte er nach Göttingen zurück. In Folge der Rückkehr Napoleon's kam er wieder in seiner ' vorigen Stellung nach Frankreich, wo er lange Zeit in Thionville stand und dann bis >8IS die Direktion des zurückbleibenden Hospitals zu Sedan führte. Nach Göttingen zurückgekehrt, wurde er zunächst Assistent an der klinischen Anstalt, 1820 aber als außerordentlicher Professor nach Jena berufen. Von hier kam er, nach Ablehnung eines Rufs nach Nuß- ' land, > 824 als Professor der Anatomie und Physiologie nach Würzburg und dann I82S nach Marburg. Außer zahlreichen Beiträgen zu Nust'S „Magazin für die gesammte Heilkunde", Meckel's „Archiv für die Physiologie" und zu der „Zeitschrift für die organische Physik" (I.—3. Bd., Eisen. 1827—28), die er selbst herausgab, und vielen kleinern Gelegenheitsschriften sind von ihm besonders anzuführen „Uber den Bau und die Verrichtungen der Milz" (Eisen. 1817); „Über die Entzündung und Vergrößerung der Milz" (Eisen. 1820; mit Nachträgen, 1823); „System der Histologie" (2 Hefte, Eisen. 1822, 4 .); „Grundriß der physischen und psychischen Anthropologie" (Eisen. 1829) und „Grundriß der Encyklopädie und Methodologie der Natur- und Heilkunde" (Eisen. 1839). Hevelms (Johannes), eigentlich Hewel oder, wie Einige behaupten, Hewelke, ein ausgezeichneter praktischer Astronom, geb. zu Danzig 1611, studirte in Leyden und machte 1630—34 eine Reise durch Holland, England, Frankreich und Deutschland. Nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt widmete er sich der Mechanik und Zeichenkunst, in der Absicht, sich selbst vollkommenere Instrumente zu verfertigen; auch legte er in seinem Hause eine eigene Druckerei an, aus der die meisten seiner Werke hervorgingen. Im I.I61l -wurde er zum Schöppen und 1651 zum Rathsherrn gewählt. Behufs seinerBeobachtun- gen des Himmels baute er sich 1641 in seinem Hause eine Sternwarte, die er Stellscbur- xum nannte und die er mit einer solchen Menge von ihm meist selbst gefertigter Instrumente und Fernröhre versah, daß sie in Hinsicht des Reichthums ihrer Ausstattung nur von der Uranienburg seines Vorgängers Tycho übertroffen wurde. Viel Mühe verwendete er auf die damals in Gebrauch gekommenen Räderuhren, ohne indeß zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen. Er selbst pflegte die Zeit durch große horizontale Sonnenuhren zu bestimmen, die von drei zu drei Minuten eingetheilt waren, und seine Pendeluhren, die er durch Beobachtungen von Sternhöhen oft zu reguliren suchte, gaben ihm die Ünterab- theilungen jener drei Minuten. Viele seiner Manuskripte, seine Bibliothek und Sternwarte gingen bei einer Feuersbrunst am 26. Sept. 1679 zu Grunde. Ungebeugt durch diesen großen Unfall suchte er seine Sternwarte wiederherzustellen und setzte dann seine L te F li ei L ft w te ft li in g> ft ui er ui ft er ft er di n »c de re gl in ai ft eii T m re E dc w E st T m NI ft is Heveller Hexameter 151 Beobachtungen bis zu seinem Tode, am 28. Jan. 1688, fort. Unter seinen Werken behaup. tet noch jetzt einen hohen Werth die „Selenograpliia seu 656, Fol.), seine „OoinetnAruzidiil" (Danz. 1668, Fol.), welche Nachrichten und Beobachtungen der von ihm selbst gesehenen Kometen ent- hält, und die „Llacliina coelestis" (2 Bde., Danz. 1673—79, Fol.), deren zweiter Band zu den größten Seltenheiten gehört, da, die wenigen Dedicationsexemplare abgerechnet, welche bereits versendet waren, fast die ganze Auflage verbrannte. H. war ein schlechter Theoretiker, aber ein ausgezeichneter Praktiker, der durch seinen unermüdlichen Eifer, seine seltene Ausdauer und die Anwendung aller seiner Kräfte der Wissenschaft wesentliche Dienste geleistet hat. Er stand mit den meisten großen Gelehrten und vielen Fürsten in engerm Verkehr, wie sein Briefwechsel beweist, der von Olhof (Danz. 1683) herausge- geben wurde. Könige und Fürsten fanden sich geehrt durch seinen Umgang, was die Besuche beweisen, welche sie bei ihm abstatteten. Blos in der Absicht, ihn kennen zu lernen, unternahm Halley eine Reise von London nach Danzig, und durch Ludwig XIV. erhielt er erst eine Gratifikation und später eine Pension. Heveller, ein Zweig des slaw. Volksstammes der Milzen, wohnten an der Havel und Dosse, von Havelberg und Brandenburg bis zur Oder hin. König Heinrich I. schlug sie und nahm im Winter 927 auf 928 ihre Stadt Brennaborch; sein Sohn, Kaiser Otto I., errichtete unter ihnen das Bisthum Havelb erg (s. d.); die über das Land gesetzten deutschen Markgrafen aber, deren Joch das Volk zu verschiedenen Malen abschüttelte, konnten erst im I2.Jahrh.mit Albrecht dem Bären zu einer festen Stellung gelangen. (S.Bran- denburg.) Hexächord nennt man die große Sexte; ferner die sechs Sylben des Guido Areti. nus (s. löt, re, mi u. s. w.) und endlich auch ein mit sechs Saiten bezogenes Instrument. Hexagon oder Sechseck heißt eine geometrische Figur, die aus sechs Seiten besteht, von welchen ebenso viele Winkel eingeschlossen werden. Sind alle diese Seiten untereinander gleich lang und zugleich alle Winkel von gleicher Größe, so nennt man die Figur ein regulaires Hexagon. In einem solchen ist jeder Winkel gleich 120°, die Seite desselben gleich dem Halbmesser des von dem Hexagon umschriebenen Kreises. Hexameter, eine von den Griechen erfundene Versart, wegen der frühesten Anwendung im Heldengedichte auch die heroische oder epische genannt, besteht, wie schon der Name andeutet, aus sechs Füßen, von denen die vier ersten Daktylen oder Spondeen sind, der fünfte in der Regel ein Daktylus und nur unter gewissen Beschränkungen, namentlich wenn ein mehr als dreisylbiges Wort den Ausgang bildet, ein Spondeus, der sechste endlich ein Spondeus oder Trochäus ist, nach folgendem Schema: Diese an sich ziemlich zwanglose Versart verlangt dennoch für die Ausbildung des rhythmischen und euphonischen Verhältnisses die größte Sorgfalt und ist deshalb einigen Hauptregeln unterworfen. Zunächst ist das Zusammenfallen der Wort- und Versfüße, als dem Gehör zuwider, zu vermeiden, wie: „Fernhin hauchten tausend Blumen liebliche Düfte"; da vielmehr dadurch, daß durch die Glieder die einzelnen Wörter aneinander geschlungen werden, der Wohllaut gewinnt, wie: „Flechte das Blumengewind' in der blonden Locken Eeringel"; ferner muß ungefähr in der Mitte des Verses ein Einschnitt oder Ruhepunkt stattfinden, bei welchem der Leser innehalten muß oder wenigstens darf. (S. Cä sur.) Dieser Ruhepunkt wird dadurch hervorgebracht, daß die erste Sylbe des dritten Gliedes mit einem Worte endigt, wie: „Eigene Fehler entgehn; s des Anderen Fehler bemerkt man"; doch kann derselbe auch im zweiten und vierten Gliede, oder in beiden zugleich er- scheinen, wie: „Heldengeschlechter, H ihr sinket hinab; doch lebt ihr in Liedern". Außerdem ist eine Abwechselung der Daktylen mit den Spondeen in den einzelnen Versen wünschens- 152 Hexapla Hexen und Hexenproeesse werth, wenn nicht etwa der Dichter durch bloße Daktylen oder Spondeen das Rasche oder Langsame der Handlung selbst bezeichnen will, wie Homer, wenn er das Zurückfallen des - Steines des Sisyphus beschreibt, in dem von Voß glücklich nachgebildeten Verse: „Hurtig mit > Donnergepolter entrollte der tückische Marmor", und Virgil, wo er die schwere Arbeit der Cyklopen beschreibt: „llli inter sese magna vi bracbi» tollunt". Das rhythmische Element des Hexameters läßt sich in dem Tanze der Alten Nachweisen, der erste Gebrauch desselben in den griech. Orakelsprüchen, wie denn schon Herodot den ältesten auf einem Dreifuß in einem Apollotempel bei Theben in phönizischer Sprache entdeckt haben will. Unter den griech. Dichtern finden wir ihn bei Homer schon völlig ausgebildet, während er bei den Römern zuerst, von Ennius statt des saturnischen Verses eingeführt wurde und in seinen Anfängen rauh und unbeholfen war. Die abgeschmackte Spielerei, die man im Mittel- alter in lat. Gedichten mit den Hexametern trieb, indem man sie in der Mitte und am Ende reimte, hat mit Recht keine weitere Nachahmung gefunden, obgleich den Alten selbst zuweilen dergleichen Verse unbewußt entschlüpft sind. Deutsche Hexameter sollen schon im I-l. Jahrh. Vorkommen; mit Endreimen gebrauchten sie im 16. Jahrh. Z. Fischart, K. Gesner u. A.; doch wurden sie und zwar ohne Reime erst in der Mitte des 18. Jahrh. durch Uz, Klopstock und Kleist gebräuchlicher. Der Klopstock'sche Hexameter läßt freilich keine streng quantitative Messung zu, die erst von I. H. Voß in seiner Übersetzung dej Homer vorgenommen, aber durch Goethe und Schiller, welche eine freiere Brhandlunz desselben, den sogenannten accentuirenden Hexameter, erfanden, wieder verdrängt wurde. Die Deutschen mußten sich übrigens aus Mangel der Spondeen häufig des Trochäus bedienen. Hexameter mit sogenannten Vorschlagsylben, wie in Kleist's „Frühling", sind wegen ihres schleppenden Ganges weiter nicht in Aufnahme gekommen. Mit mehr oder weniger Glück haben die Dichter von allen gebildeten Nationen, wie die Italiener und Franzosen schon im 16. Jahrh., theilweise den Hexameter anzuwenden gesucht. Hexäpla, d.i. das Sechsfache, heißt ein Werk des Kirchenlehrers Origenes (s.d.), welches den Text des Alten Testaments in sechs nebeneinanderstehenden Columnen, zuerst hebr. mit hebr. Buchstaben, dann hebr. mit griech. Lettern, endlich in vier verschiedenen griech. Übersetzungen, in der des Aquila, des Symmachus, der sogenannten Siebenzig und des Lheodotion gibt. Der Zweck dieser Zusammenstellung, an welcher OrigeneS 28 Jahn hindurch arbeitete, war die Revision der sehr verderbten alexandrin. Version. Die Fragmente hat Montfaucon (Par.I6SS) gesammelt. Hexen und Hexenproeesse. Der Zauber- und Wunderglaube des heidnischen Alterthums ging bei der Verbreitung des Christenthums, unter dem Einflüsse der jüdischen Dämonologie, in einem sehr bedeutenden Theile auch in den christlichen Volksglauben über, und stellte sich hier nur entweder unter dem christlichen Gesichtspunkte als ein verabscheuungswürdiger Dämonendienst dar, oder schlich sich selbst in die christliche Praxis ein, insofern es ihm gelang, mit den christlichen Glaubens - und Cultformen ein Abkommenzu treffen. Doch traten Staat und Kirche in der Zeit bis zum 13. Jahrh. noch mild, obwol ernst und würdig, correctiv dagegen auf, und die Bestrebungen der Kirchenlehrer wirkten gluck- lich auf Beschränkung des Hexenglaubens ein. Aber unter dem Einflüsse der Ketzerverfolgungen, zuerst des Orients, dann auch des Occidents, bildete sich eine Vorstellung von geheimen teuflischen Bündnissen und teuflischen Künsten, welche die Verfolgten trieben, begünstigt von derselben Kirche, welche früher die Realität alles Zauberglaubens geleugnet hatte, aus und stempelte die Zauberei zu einem vollendeten Teufelscultus. Der erste Ketzer, der nach Urthel und Recht zu Trier 385 hingerichtet wurde, der Spanier Priscillian, war auch der Zauberei beschuldigt. In Deutschland finden wir erst zu Anfang des >»- Jahrh. Derartiges; der Ketzerrichter Konrad von Marburg (s. d.) und der Kreuzzng gegen die friedlichen, nur den Zehnten verweigernden Bewohner des Gaues Steding im Oldenburgischen sind hier die ersten- aber schon sehr bedeutenden Erscheinungen dieser Art. Die Meinung von diesem Teufelscultus wurde nun sortgebildet in der Annahme eines förmlichen Bündnisses, was auch in Form einer oft obscönen Huldigung gedacht wird, und sodann in der Annahme einer wirklichen Buhlschaft mit dem Teufel. Für beides liegen Anknüpfungspunkte theils in der Ncrsuchungsgxschichte Jesu, theils in der Geschlechts- Heyden (Friede. Aug. von) 153 gemeinschaft zwischen Göttern und Menschen, wie sie das heidnische Alterthum zahlreich dichtet. Im 13. Jahrh. wurde die Benennung der Zauberei auf jene den Ketzern ange- dichteten Laster direct übergetragen; es lag hierin theils eine natürliche Reaction gegen die namentlich ans den Kreuzzügen und der Bekanntschaft mit arab. und oriental. Kultur re- sultirende theilweise Aufklärung, theils eine Wirkung der Bestrebungen,welche die gierige Inquisition unternahm, als sie sich bald nach ihrem Entstehen ebensowol unpopulair und selbst angefeindet, als auch arm an Stoff für ihre Ketzergerichte sah. Die Verfolgungen der Zauberer gingen bald ins Große;'in Carcassonne wurden zwischen >320 und 1350 über 400 Zauberer, darunter mehr als die Hälfte zum Tode, verurtheilt, und im J. 1357 daselbst allein 31 hingerichtet; ja man sah alle Aussätzige als Verruchte dieser Gattung an. Aus Frankreich fand im >4. Jahrh. dieses Unwesen auch Übergang in die benachbarten Länder; in der Schweiz finden wir zu Anfänge des 15. Jahrh. die ersten Hexenverbrennungen, bald darauf auch in Deutschland. Doch war hier die Hexenverfolgung der Inquisition lange noch so unpopulair, daß die Ketzerrichter sich deshalb an den Papst Jnnocenz VIII. zu wenden genöthigt sahen, der am5.Dec. 1484 durch die berüchtigte Bulle 8umm>5 äegiderantes der ganzen Lehre von der Häresie des Zauberwesens und dem Jn- quisitionsverfahren die päpstliche Sanction ertheilte. Unter dem Schutze dieser Bulle und unter Benutzung der neuerfundenen Buchdruckerkunst für die Verbreitung der Lehren von der Hexerei, namentlich in dem berüchtigten „lllalleus malellearum", gestalteten sich eine Theorie und Praxis des Hexenglaubens und der Hexenverfolgung systematisch. Vom Standpunkte der Doctrin erscheint die Hexerei als eine diabolische Parodie des Christen- lhums; der Proceß gegen sie, schon in der Theorie mit einer Menge von Irregularitäten behaftet, wurde in der Praxis zu der ärgsten Ungerechtigkeit, bei der der Scharfrichter oft von nicht minder wesentlichem Einflüsse war als der wirkliche Richter. Dabei darf die in den Hexenproceßacten sich zeigende Freiwilligkeit und Gleichmäßigkeit der Geständnisse nicht befremden, da jedes nicht unter der wirklichen Anwendung der eigentlichen Folter er- wirkte Geständniß für freiwillig galt und an Suggestivfragen kein Mangel war. Von welcher Ausdehnung aber diese Hexenverfolgungen waren, ist daraus abzunehmen, daß eine etwa fünfjährige Verfolgung in dem kleinen Stifte Bamberg 600, in dem nicht viel großem Bisthum Würzburg 900 Opfer verschlang, daß im Braunschweigischen die Hexenpfähle auf dem Nichtplatz wie ein kleiner Wald anzusehen waren und daß eS in England einen besonder» Generalhexenfinder gab. Die Weiterverbreitung dieses Hexenglaubens aber erklärt sich dadurch, daß im 16. und 17. Jahrh. auf der Grundlage einer befangenen Theologie und Naturkunde sich ein weiter Bereich für kirchliche Neactionen, für Habsucht und für niedrige Motive aller Art in den Hexenverfolgungen fand. Zuerst trat im I. 1563 gegen dieses Unwesen ein Leibarzt des Herzogs Wilhelm von Kleve, Jos. Weier, auf und dann Cornelius Losäus in Trier, der aber 1593 zum Widerruf seiner vermeintlichen Ketzerei genöthigt wurde; aber es folgte noch eine große Anzahl gelehrter Vertheidiger des Hexenglaubens, unter denen selbst König Jakob I. von England und Schottland war, ehe die von dem Jesuiten Friedr. von Sp ee (s. d.) in seiner „6autic> criminsli»" 1631 von neuem, noch nicht gegen die Existenz der Hexerei, aber doch gegen die Praxis der Hexen- proceffe erhobene Stimme, die bald wieder von des sächs. Kriminalisten Bendict Carp- jvv's (s. d.) Autorität übertönt war, in der Praxis beachtet wurde. Erst am Ende des 17. Jahrh. griffBalth. B ekke r (s. d.), ein reformirter Prediger zu Amsterdam, in seiner «Bezauberten Welt" das Prineip per Dämonologie, den Glauben an den Teufel, selbst an, und Chr. Thomasius (s. d.) begann in Deutschland den offenen Kampf durch seine «Lehrsätze von dem Laster der Zauberei" (1707). Nun folgte bald die Gesetzgebung, zuerst in Preußen, dann auch in Ostreich (1766 unter Maria Theresia), Kurbaiern und andern Staaten. Aber doch wurde noch 1749 zu Würzburg eine Nonne hingerichtet und noch 17 82 zu Glarus in der Schweiz eine Hexe verbrannt; das letzte Opfer einer gerichtlichen Verfolgung der Hexerei in Europa ist wahrscheinlich 1793 im Großherzogthum Posen gefallen. Vgl. Soldan, „Geschichte der Hexenprocesse" (Stuttg. 1843). Heyden (Friedr. Aug. von), preuß. Oberregierungsrath in Breslau, ein bekannter Novellist, geb. am 3. Sept. 1789 auf dem Landgute seines Vaters zu Nerfken bei Heils« k ^-1 154 Heijden (Jan van der) Heydenreich berg in Ostpreußen, studirte, mit der Absicht, sich der akademischen Laufbahn zu widmen, in Königsberg. Dann ging er nach Berlin und von da nach Göttingen, wo er im Familienkreise der Schlözer'schen Tochter, der Dorothea von Rodde, aus dem alle Gespräche über Politik und Tagesgeschichte ausgeschlossen waren, jenen Maßstab des Schicklichen in der Poesie kennen lernte, der alle seine spätern Dichtungen charakterisirt. Auch lebte er damals in vertrautester Bekanntschaft mit Villers und Benj. Constant. Der Ruf des Vaterlandes, dem er 1813— 15 als Freiwilliger folgte, unterbrach seine Studien, die besonders auf die Geschichte gerichtet waren, denen er aber Familienverhältnisse halber entsagen mußte, um sich dem Staatsdienste zu widmen. H. versuchte sich im Anfänge seiner schriftstellerischen Laufbahn in verschiedenen Gattungen der Poesie, vorzüglich jedoch im Dramatische». Dem romantischen Drama „Renata" (Berl. 1816) folgte die vor der Festung Landau, in der schönen, an Hohenstaufischen Erinnerungen reichen Gegend und in der Muße des Lagerlebens entstandene Tragödie „Konradin" (Berl. 1819). Hierauf schrieb er seine „Dramatischen Novellen" (Königsb. 1819); „Dichtungen" (Königsb. 1820); die episch romantische Dichtung „Die Gallione" (Lpz. 1825) und das Trauerspiel „Der Kampf der Hohenstaufen", welches in neuerer Bearbeitung später (Berl. 1828) erschien. An Schönheiten reich sst das romantische Epos „Reginald" (Berl. 1831), welches jedoch unter den damaligen Zeitstürmen die verdiente Würdigung nicht fand. In neuerer Zeit hat H. sich vorzugsweise durch seine Novellen bekannt und im größer« Publicum beliebt gemacht. Mit großer Zartheit und feiner Charakteristik weiß er darin vorzugsweise gesellschaftliche Conflicte und die Eigenheiten der exclusiven Societät darzustellen. Dahin gehören „Die Zntriguanten" (2 Bde., Lpz. 1840); „Randzeichnungen; eine Sammlung von Novellen und Erzählungen" (2 Bde., Lpz. 1841) und „Das Wort der Frau; eine Festgabe" (Lpz. 1843). Seine wieder erwachte Liebe für das Drama bethätigte er durch sein „Theater" (2 Bde., Lpz. >842), eine Sammlung von Tragödien, Schau- und Lustspielen, von denen das Schauspiel „Album und Wechsel" und das Lustspiel „Die Modernen" auch auf der Bühne gefallen haben. Heijden (Jan van der), ein holländ. Maler, geb. zu Gorkum 1640, zeigte schon von frühester Jugend an eine entschiedene Neigung für die Malerei, erhielt durch einen Glasmaler die erste Unterweisung in den Elementen derselben und bildete sich dann durch eigenes Genie. Er lebte später in Amsterdam, wo er >712 starb. Ganz besonders gelang ihm die Darstellung von Städten, Dörfern, Schlössern, Palästen und einzelnen Häusern, die er mit unbeschreiblichem Fleiß und außerordentlicher Natürlichkeit darstellte. Bei näherer Betrachtung seiner Gemälde, unter denen das Rathhaus und die Börse von Amsterdam und die Kirche und Börse von London besonders berühmt sind, kann man die Kenntnisse, welche sich darin darlegen, die Harmonie der Farben, die Perspectiven und die Ausführung nicht genug bewundern. Den Werth mehrer derselben erhöhen noch die Staffagen von Adr. van de Velde, den H. in seinen spätern Landschaften besonders nachahmte. Auch seine Zeichnungen in Tusche und Rothsiein stehen in hohem Werthe, sowie seine trefflichen Radirungen. Wie als Künstler berühmt, so machte sich H. um Amsterdam, wo er sich aufhielt, vielfach als Bürger verdient. Er gab 1669 den Straßenlaternen eine bessere Einrichtung und verbesserte namentlich die Feuerspritzen durch Hinzufügung des Schlauchs oder die Erfindung der sogenannten Schlangenfeuerspritzen, weshalb er auch als Direktor der Löschanstalten in Amsterdam angestellt wurde. Über die mit den von ihm verbesserten Feuerspritzen gestillten Feuersbrünste gab er ein besonderes Werk (Amst. 1690, Fol.) mit Kupfern heraus. Heydenreich (Karl Heinr.), ein geistreicher Philosoph, geb. zu Stolpen in Sachst» am 19. Febr. 1764, war von Natur mit den ausgezeichnetsten GeisteSgaben ausgerüstet und erhielt seine Bildung durch Hauslehrer zu Dahme, wohin sein Vater 1770 als Superintendent versetzt wurde. Später besuchte er die Thomasschule zu Leipzig, wo er auch studirte. Anfangs eifrigst philologischen Studien ergeben, wendete er sich später ausschließend der Philosophie zu und wurde zunächst ein Anhänger Spinoza's, dann Kant's. Nachdem er sich 1785 zu Leipzig habilitirt hatte, wurde er 1789 außerordentlicher Professor der Philosophie. Allein sehr bald sah er sich durch Mangel an Ordnungsliebe und Spar« Heijn Heynatz 155 samkeit, die bei seinem spärlichen Gehalte um so nöthiger war, in die unangenehmste Lage verscßt. Anfangs durch neue Schulden die alten deckend und augenblickliche Geldverlegen» , heit dadurch hebend, daß er selbst die unentbehrlichsten Sachen versetzte, suchte er, als ihm kein anderer Ausweg offen stand, durch literarische Arbeiten seine Umstände zu verbessern. Die Anstrengung aber, mit welcher er dieses unter fortgesetzten Ausschweifungen that, war für seine Gesundheit, namentlich für seine Augen, höchst nachtheilig. Als endlich der BuchhändlerWeygand wegen einer zur bestimmten Zeit nicht gelieferten Arbeit ihm Wechselarrest geben ließ, sah er sich nach Ablauf desselben, da auf einmal alle seine Schuldner Befriedigung verlangten, genöthigt, Leipzig zu verlassen. Er lebte hierauf, literarisch beschäftigt, in Kosen bei Naumburg, dann in Hubertusburg, kehrte jedoch <797, nachdem er seine Angelegenheiten einigermaßen in Ordnung gebracht hatte, nach Leipzig zurück. Un» möglich aber konnte er sich hier, wo so viele schmerzliche Erfahrungen ihn drückten, Wohlbefinden. Deshalb nahm er noch in demselben Jahre seine Entlassung und lebte nun zu Burgwerben bei Wcißcnfels. Wollüstling und zugleich dem Trünke ergeben, hatte er schon in Leipzig wegen Nervenschwäche seine Zuflucht zum Opium genommen; als auch dieses nicht mehr wirkte, beschleunigte übermäßiger Genuß des Branntweins seinen Tod, am 29. Apr. 1801. Seine Schriften sind von ungleichem Werthe; die größere Zahl aber charak- terisirt ihn als einen helldenkenden, selbständigen Forscher; auch nrehre seiner Gedichte, z.B. „An die Wollust", „Der Bund des Gefühls", „Die Einsamkeit" u. s. w., zeugen von wahrem Dichtertalente. Die bekanntesten seiner Schriften sind „System der Ästhetik" (Lpz. 1790); „Betrachtungen über die Philosophie der natürlichen Religion" (2 Bde., Lpz. 1790—91; 2. Aufl., 1804); „Originalideen sur die interessantesten Gegenstände der Philosophie" (3 Bde., Lpz. 1793—95); „Propädeutik der Moralphilosophie" (3 Bde., Lpz. 170t); „System des Naturrechts nach kritischen Principien" (2 Bde., Lpz. 1794— 95); „Grundsätze des natürlichen Staatsrechts"(2 Bde., Lpz. 1795); „Briefe überden Atheismus" (Lpz. 1796); „Philosophisches Taschenbuch für denkende Gottesverehrer" (4 Bde., Lpz. >796—99); „Grundsätze der Kritik des Lächerlichen" (Lpz. 1797); „Psychologische Entwickelung des Aberglaubens" (Lpz. 1797); „Philosophie über die Leiden - der Menschheit" (2 Bde., Lpz. 1797—98) und „Vesta oder kleine Schriften zur Philoso- phie des Lebens" (5 Bde., Lpz. 1798—1801). Zu seinen „Gedichten" (Lpz. 1792) erschien nach seinem Tode als Nachtrag ein zweiter Band (Lpz. 1802), und eine vollständige Sammlung derselben besorgte sodann sein Bruder (2 Bde., Lpz. 1803). Heijn (Peter Petersen), ein berühmter holländ. Seeheld, geb. 1577 zu Delftshaven bei Rotterdam, aus niederm Stande, schwang sich durch seine Tapferkeit nach und nach vom Schiffsjungen bis zu den höchsten Würden empor. Ms Biceadmiral der Flotte der Westindischen Compagnie schlug er die Spanier 1626 in der Allerheiligenbai, nahm 45 Schiffe derselben und brachte reiche Beute nach Holland zurück. Hierauf zum Admiral im Dienst der Compagnie ernannt, nahm er 1628 fast ohne Schwertstreich die große span. Silberflotte, deren Werth an l 2 Mill. holländ. Fl. bettagen haben soll, die kostbaren Maaren, welche sie führte, ungerechnet. Zur Belohnung für diese Heldenthat wurde er 1629 zum Admiral von Holland ernannt; kurze Zeit daraus fand er in einem Gefechte mit zwei von Dünkirchen ausgelaufenen Schiffen den Tod. Sein Andenken erhält ein marmornes Grabdenkmal in der alten Kirche zu Delft, welches ihm das Vaterland setzen ließ. Heynatz (Joh. Friedr.), ein verdienter deutscher Sprachforscher, geb. 1744 in Ha- velberg, ward nach vollendeten akademischen Studien zu Frankfurt an der Oder zunächst Lehrer am grauen Kloster zu Berlin und 1775 Rector an der Oberschule zu Frankfurt an der Oder, wo er am 5. März 1809 starb. Mit seltenem Fleiß suchte er Alles auf, was zur Festsetzung oder Bestätigung seiner Regeln und grammatischen Bemerkungen über den Bau der deutschen Sprache dienen konnte, und wirkte auf diese Weise höchst wohlthätig für das vernachlässigte Studium der deutschen Sprache; allein selten wurde sein Fleiß durch geschmackvolle Wahl und philosophischen Geist geleitet. Von seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir „Die deutsche Sprachlehre" (Berl. 1770; 5. Aufl., 1803); „Briefe über die deutsche Sprache" (6 Bde., Berl. 1772 — 75); das „Handbuch zu richtiger Verfertigung Kl Heyue (Christian Gottlob) und Beurtheilung aller Arten von schriftlichen Aufsätzen des gemeinen Lebens" (Berl. 1773; S.Aufl., 1800) und das „Ausführliche Rechenbuch" (Berl. I777;4.Aufl., 1819). Heyne (Christian Gottlob), einer der bedeutendsten Humanisten, der durch eine ge- schmackvolle Behandlung zuerst in Deutschland die altclässische Literatur zu Würde und Ansehen erhob und auch den weitern Kreisen der gebildeten Welt zugänglicher machte, geb. am 25. Sept. 1729 zu Chemnitz in Sachsen, wurde, da sein Vater ein armer Leinweber war, unter sehr drückenden äußern Verhältnissen seit 1741 auf dem Lyceum seiner Vater, stadt gebildet, und erwarb sich schon hier durch Talent und rastloses Streben eine vorzügliche Fertigkeit in den alten Sprachen. Zn der kummervollsten Lage bezog er > 748 die Uni. oersität zu Leipzig, wo ihn besonders Erncsti's und Christ's antiquarische und archäologische Vorlesungen ansprachen, obgleich er, um ein besseres Fortkommen sich zu sichern, das Nechts- studium zu seinem künftigen Berufe gewählt hatte. Nach Vollendung seiner Studien erhielt er 1753 die Stelle eines Kopisten an der Bibliothek des damaligen Ministers Grafen von Brühl in Dresden, die ihm eine ausgedehnte Bekanntschaft mit den wichtigsten Werken der alten Literatur verschaffte und seine spätere Richtung entschied; auch traf er hier zuerst mit Winckelmann zusammen, mit dem er in der Folge in einen innigern geistigen Verkehr trat. Durch Bearbeitung des Tibull und des Epiktet begründete er seinen Nus im Auslande. Als ihn die Drangsale des Siebenjährigen Krieges seines bisherigen Wirkungskreises und Gehalts beraubten, begab er sich 1759 als Führer eines jungen Mannes auf die Universität zu Wittenberg; doch wegen der Kriegsunruhen mußte er auch diese Stadt sehr bald wieder verlassen und kehrte nun nach Dresden zurück, wo er während der Beschießung der Stadt im I. >760 seine wenige Habe nebst allen Papieren verlor. Einen spärlichen Unterhalt suchte er sich jetzt durch Bearbeitung eines Thcils des lat. Textes zu Lippert's Daktyliothek zu erwerben, als er auf Ruhnken's nachdrückliche Empfehlung 1763 als Professor der Bercdtsamkeit an Gesner's Stelle nach Güttingen berufen wurde, wo man ihm ein Jahr darauf zugleich die Aufsicht über die Universitätsbibliothek übertrug, deren schnelles Emporblühen zu einer der ersten Zierden Deutschlands wesentlich sein Ver- dienst ist. Hier wirkte er nun einen langen Zeitraum und mit ziemlich ungeschwächter Kraft bis an seinen Tod, am 12. Juli 1812, mit dem glänzendsten Erfolge, thcils durch seine ge> lehrten und geistreichen Vorträge, die sich über die anziehendsten Gegenstände des Alter, thums verbreiteten oder die Erklärung der Alten selbst zum Zweck hatten, theils durch seine fünfzigjährige rege Theilnahme an der Societät der Wissenschaften und durch den unermüdlichen Antheil an den „Göttinger gelehrten Anzeigen", die unter seiner Leitung seit 1770 Deutschland mit den seltensten Werken des Auslandes bekannt machten, thcils durch die Direction des philologischen Seminars, das unter ihm eine wahre Pflanzstätte echter Philologie und Humanität wurde, theils endlich durch seine schriftstellerische Thätigkeit, welche das Alterthum in seiner Allgemeinheit umfaßte und ebenso auf die Aufklärung meh- rer Punkte der Mythologie, Archäologie und Geschichte, wie auf die Erläuterung der alten Schriftsteller, namentlich der Dichter sich erstreckte. In seinen mündlichen Vorträgen und Schriften betrachtete er das Studium der Sprache und Grammatik nur als Grundlage für weitere Forschung, nie als eigentlichen Zweck, und verwendete zufolge dieser Richtung eine verhältnißmäßig nur geringe Sorgfalt auf den sprachlichen Theil, daher man ihm, seitdem die philosophische Behandlung der Grammatik in Aufnahme kam, nicht ohne Grund Mangel an Schärfe und Urtheil in den grammatischen Bestimmungen Schuld gab, während man auf der andern Seite in seinen ästhetischen Bemerkungen meist nur ein leeres Phra- senspiel erblickte. Sein heftigster Gegner wurde I. H. Voß. Doch vermögen diese Angriffe und Ausstellungen seine unbestreitbaren Verdienste um Förderung und Verbreitung der Alterthumswisscnschaften nicht zu schmälern. Von Dem, was er schriftlich geleistet, erwäh- nen wir außer der großen Anzahl trefflicher Abhandlungen und Programme, die unter dem Titel „Opuscula scaciemica" (6 Bde., Gött. 1785—1812) gesammelt sind, namentlich seine Ausgabe des Tibull (Lpz. 1755; 4. Aufl. von Wunderlich, 2 Bde., 1817), des Virgil (4 Bde., Lpz. 1767—75, 4.; vielfach verbesserte Ausg. von PH. Wagner, 5 Bde., Hannov. 1830—44), des Pindar (2 Bde., Gött. 1773, 4.; 3. Ausg., 3 Bde.,Lpz. 1817), und der „Ilias" des Homer (8 Bde., Lpz. 1802); ferner von Epiktet's „Luobiriclio^ Heyne (Christian Lebrecht) Heyse (Joh. Christian Ang.) 157 (Dresd. 1757; 2. Ausg. 1776), und von Apollodor's „Lilrliotbecs graeca" (4 Bde. Gott. 1782; 2. Aufl., 2 Bde., 1803). Vgl. Heeren, „H.'s Biographie" (Gott. 1813) und Rehberg's „Politisch-Historische kleine Schriften" (Hannov. 1829). Heyne (Christian Lebrecht), als Schriftsteller unter dem Namen Anton Wall be kannt, geb. 1751 zu Leuben bei Meißen, wo sein Vater Prediger war, besuchte die Dom- schule zu Naumburg und studirte dann in Leipzig die Rechte, doch beschäftigte er sich dabei sehr viel mit den neuern Sprachen, sowie mit Geschichte und Politik. Durch Gleim dazu begeistert, ließ er 1779 „Kriegslieder" mit Melodien erscheinen. Ihnen folgten die Lustspiele „Die beiden Billets", nach Florian, und „Die Expedition, oder die Hochzeit nach dem Tode", nach Solle, von denen namentlich das erstere so sehr gefiel, daß es mehrmals, sogar von Goethe in dessen „Bürgergeneral", von H. selbst aber im „Stammbaum" (Lpz. 1790) fortgesetzt wurde. Demnächst erschienen seine „Dramatischen Kleinigkeiten" (Lpz. >783), welche später in die „Bagatellen" (2 Bde., Lpz. 1786—87) ausgenommen wurden, und die „Erzählungen nach Marmontel" (Lpz. 1787). Alle diese Arbeiten gefielen durch die Leichtigkeit der Darstellung und des Stils, wie durch die zum Theil muthwillige, meist jedoch auch feine und durchaus nicht geistlose Erfindung. Inzwischen hatte H. Leipzig verlassen und lebte als Privatsecretair bei dem Kanzler Hofmann in Halle» von da ging er nach Berlin, wo er 1788—90 privatisirte und sich mit juristischen Arbeiten beschäftigte. Eine ihm von der preuß. Regierung angebotene Anstellung schlug er aus Liebe zur litcra- rischen Muße aus. Nachdem er Berlin verlassen, lebte er in der Zurückgezogenheit erst in Rochlitz, dann in Geringswalde in Sachsen. Von hier folgte er 1798 der Einladung des Buchhändlers Richter in Altenburg, welcher ihn, unter der Bedingung, für seinen Verlag einige Schriften auszuarbeitcn, bei sich aufnahm. Hierauf erschienen von ihm daS pers. Märchen „Amathonte" (Altenb. 1799) und ein Anhang dazu unter dem Titel „Das Lamm unter den Wölfen", zwar erfreuliche Erscheinungen, doch im Colorit nicht mehr so frisch, wie seine frühem Arbeiten und von etwas gezierter Naivetät. Immer matter und abgespannter zeigte er sich in „Adelheid und Aimar" (Altenb. 1800), nach franz. Muster gearbeitet und von zum Theil unreiner Tendenz, in der „Korane" (Altenb. 1801) und im „Murad" (2 Bde., Altenb. 1801), dessen zweiter Band schon nicht mehr von ihm gearbeitet, wenn auch unter seinem Namen gedruckt ist. In einer Art Abspannung lebte er seit 1805 in Ehrenberg, einem Kammergute bei Altenburg, auf Kosten der herzoglichen Kammer. Geistige Ohnmacht und Trägheit fesselten ihn fortan dergestalt, daß er nur selten, etwa nur um das Federvieh zu füttern, das Zimmer verließ. Nachdem er sich 1809 eine Zeit lang in Gößnitz bei Altenburg, äußerlich blühend gesund, bei einem Freunde aufgehalten hatte, war er erst in Altenhain bei Grimma, dann bei dem Kammerherrn von Plo- lho in Zedwiß bei Hof Hauslehrer. Zuletzt privatisirte er in Hirschberg im reuß. Voigtlande, wo er am 13. Jan. 1821 starb. — Sein jüngerer Bruder, Friedr. AdolfH., geb. zu Leuben am 3. Apr. 1760, gest. als sachsen-koburg-saalfelder Rath zu Rochlitz am 7. Aug. 1826, erwarb sich nicht geringe Verdienste um die Verbesserung der Landwirthschaft, ins- besondere der Wiesen, indem er den Landleuten Anweisung gab, wie sie dieselben mit pas- sendern und bessern Grasarten versehen könnten. Besonderes Vergnügen gewährte es ihm, Kinder zu einer thatigen, zweckmäßigen Lebensweise anzuhalten. Er suchte mit ihnen nützliche Kräuter, Grassamen und Mineralien, und verschaffte dadurch zugleich den Armen einigen Verdienst, indem er Apotheker, Droguisten und Landtvirthe zum Ankauf des Gesammelten vermochte. Von seinen Schriften, die unter dem Namen Heyne des Jüngern »schienen, sind zu erwähnen der „Pflanzenkalmder" (2. Aust., Lpz. 1 806 ) und „Regeln zur feuersichern Bauart" (Freiberg 1805). Heyse (Joh. Christian Aug.), ein durch seine grammatischen Arbeiten verdienter deutscher Schriftsteller und Schulmann, geb. am 21. Apr. 1764 zu Nordhausen, besuchte das käsige Gymnasium und studirte seit 1783 in Göttingen Theologie und Pädagogik, zugleich aber Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaften. Hierauf wurde er 17 86 Hauslehrer in Oldenburg, wo er eine Mädchenschule errichtete und 1792 als Lehrer am Gymnasium angestellt wurde, welche Stelle er aber 1806 niederlegke. Im I. 1807 folgte er einem Rufe als Rector an das Gymnasium zu Nordhausen, das kurz vorher eine verbes- 158 Heyse (Karl Wilh.) Heyteöbury serte Einrichtung erhalten hatte, und 1819 als Director einer neu zu errichtenden Mäd- chenschule für die gebildeten Stände nach Magdeburg, wo er am 27. Juni 1829 starb. Wie das Geschäft der Jugendbildung die Aufgabe seines Lebens war, so haben auch seine zahlreichen Schriften vorzugsweise diese praktische Richtung. Sein erster schriftstellerischer Versuch war der „Neue Jugendfreund oder Ernst und Scherz" (4 Bde., Hamb. 18V1 —2). Seine grammatischen Arbeiten begann er mit dem später noch umgearbeiteten und erweiterten „Allgemeinen Fremdwörterbuch" (Oldenb. 1804; 9. Aust., von K. W. L. Heyse, Hannov. 1843—44), das auch in einem Auszuge als „Kleines Fremdwörterbuch" (Han- nov. 1840) erschien. Seine „Theoretisch-praktische deutsche Grammatik" (Hannov. 1814; 5. Aust., von K. W. L. Heyse, 2 Bde., Hannov. 1838—44) hat vielfältig dazu beigetragen, die Ergebnisse der neuern sprachlichen Forschungen zu verbreiten. Der Auszug dar- aus, die „Theoretisch-praktische deutsche Schulgrammatik" (Hannov. 1816; 14. Aufl., 1843) und sein „Leitfaden zum Unterricht in der deutschen Sprache" (13.Aufl.; Hannov 1843) fanden ungemeine Verbreitung. In seinen letzten Jahren beschäftigten ihn die Vorarbeiten zu einem Wörterbuch der deutschen Sprache mit Rücksicht auf Rechtschreibung, Bildung, Biegung und Fügung der Wörter und deren Sinnverwandtschaft, das sein Sohn Karl Wilh. Ludw. Heyse (s. d.) auszuführen begonnen hat. Heyse (Karl Wilh. Ludw.), außerordentlicher Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin, der Sohn des Vorigen, geb. am 15. Oct. 1797 zu Oldenburg, genoß theils auf dem dasigen, theils auf dem Gymnasium zu Nordhausen seinen Schulunterricht und kam 1812 nach Vevay am Genfersee in das Privatinstitut des nachmaligen preuß. Negierungs- und Schulraths von Türk. ImI. 1815 wurde er von dem StaatSmimfin Wilh. von Humboldt zum Führer seines jüngsten Sohnes ausersehen, mit dem er 18IS ein Jahr in Frankfurt an der Oder zubrachte. Nach der Rückkehr nach Berlin, das nun fortan sein Wohnort blieb, besuchte er vorzüglich die Vorlesungen F. A. Wolf's und Böckh's, Solger's, dessen „Vorlesungen über Ästhetik" nach dem von ihm nachgeschriebenen Heft! er herausgab (Lpz. l 829), und später Hegel's. Von > 819—27 war er Hauslehrer in der Familie des Skadtraths Mendelssohn-Bartholdy; die von seinem talentvollen Zögling Felix Mendelssohn-Bartholdy gearbeitete metrische Übersetzung der „Andria" des Terenz gab er mit Einleitung und Anmerkungen heraus (Berl. 1826). Im I. 1827 habilitirte er sich in der philosophischen Facultät, in der er 1829 eine außerordentliche Professur erhielt. Seine literarische Thätigkeit wurde in Folge des Todes seines Vaters, welchen er schon früher bei derBearbeitung seinerLehrbücher unterstützt hatte, vorzugsweise den deutschen Sprachstudien zugewendet. Nicht nur hat er die seit 1829 erschienenen neuen Ausgaben der Schriften seines Vaters besorgt, sondern auch dessen größere Sprachlehre in der fünften Auflage zu einem „Ausführlichen Lehrbuch der deutschen Sprache" umgestaltet, wobei er vorzüglich bemüht gewesen ist, die Resultate der neuen geschichtlichen und vergleichenden Sprachforschungen durch gemcinfaßliche Behandlung und Darstellung den Laien zugänglicher zu machen. Denselben Zweck verfolgt er in dem mit seinem Vater gemeinschaftlich unternommenen, aber von ihm allein ausgeführten, jedoch noch nicht ganz vollendeten „Handwörter- vuch verdeutschen Sprache" (Bd. 1 und 2, Magdeb. 1833—45), das sich durch sorgfältige historisch-etymologische Begründung und Entwickelung der Wertformen und Bedeutungen unter beständiger Rücksicht auf die Praxis des gegenwärtigen Sprachgebrauchs und durch Reichhaltigkeit empfiehlt. Heytesbury (William, Baron), Lordlieutenant und Generalgouverneur von Irland, geb. um 1790, der Sohn des 1795 zum Baronet erhobenen, 1817 verstorbenen Sir William Pierce Ashe A'Court, der sich als Eigenthümer des verfallenen Fleckens Heytesbury selbst ins Parlament brachte. Unter dem Namen Sir William A'Court nahm er seit 1814 an mehren wichtigen politischen Verhandlungen Antheil. Nachdem er eine Zeit lang Gesandter in Neapel gewesen war, wurde er nach Spanien geschickt, wo er nach dem Aufstande von 1820 während der Cortesherrschaft die brit. Negierung vertrat und in erfolglosen Unterhandlungen die herrschende Partei zu einigen Veränderungen der angenommenen Verfassung zu bewegen suchte, um eine Aussöhnung mit den europ. Mächten, die sich in ihren diplomatischen Noten gegen eine Verletzung des monarchischen Princips erklärt hatten, zu Hiatus Hibriba 159 vermitteln. Er wurde 1824 zum Gesandten in Lissabon ernannt, um dem im Nathe des Königs vorherrschenden Einflüsse der franz. Politik entgegenzuarbeiten, und dagegen Eng- lands altes Übergewicht in den portug. Angelegenheiten zu sichern, was ihm auch durch die Unterstützung Palmella'S und einiger andern Minister gelang. Auf seinen Antrieb bewogen die Minister den kranken König zur Ernennung einer Regentschaft. Nachdem die Zn- fansin Jsabella die Verwaltung übernommen und Dom Pedro dem Reiche ein neues Staatsgrundgesetz gegeben hatte, spielte der brit. Gesandte in dem Kampfe der Parteien eine bedeutende Nolle, in welcher er seine Hinneigung zu den Grundsätzen der Tories so sehr verrieth, daß die entgegengesetzte Partei in England seinBenehmcn ebenso sehr tadelte, als die Anhänger der Constitution in Portugal ihn anklagten. Dies zeigte sich besonders bei seinen Bemühungen, den Marschall Lord Beresford, einen entschiedenen Tory, an die Spitze des portug. Heeres zu bringen, was jedoch durch die Abneigung des Volks gegen Beresford und durch den Einfluß des Kriegsministers Saldanha vereitelt wurde. Als die engl. Negierung im Dec. 1826 emHülfsheer nach Portugal sandte, um die Regentschaft gegen Dom Miguel's Anhänger unter Abrantes und Chaves zu schützen, brach bald zwischen dem Befehlshaber desselben, General Clinton, und dem Gesandten eine Spaltung aus, die so auffallend wurde, daß die Berichte A'Court's über die Stimmung in Portugal mit Clinton's Meldungen im schneidendsten Widerspruche standen. Man machte dem Gesandten den Vorwurf, die Bemühungen der absolutistischen Partei, die schwache Negentin gegen die Absichten der Liberalen argwöhnisch zu machen, eifrig unterstützt, und besonders gegen Saldanha gewirkt zu haben, dessen Sturz im Juni 1827 erfolgte. Bei der heftigen Bewegung, welche dies in Lissabon veranlaßte, wurde die Wohnung des Gesandten von einem Volkshaufen bedroht, der den verrätherischen fremden Einfluß verwünschte. Als nach Canning's Tode die Torypartei in England überwiegend wurde, scheint A'Court, mit den Absichten derselben vertraut, in der heimlichen Begünstigung der Gegner der Constitution noch weiter gegangen zu sein. Ehe aber die Entscheidung, die er wahrscheinlich vorbereiten geholfen hatte, nach Dom Miguel's Rückkehr eintrat, wurde er abberufen und im Z. 1828 zum Lord HeyteSbury erhoben, als Gesandter nach Petersburg geschickt, wo die Verwickelungen, welche die Spannung zwischen Rußland und der Pforte hcrbeigeführt hatte, einen geübten Diplomaten foderten. Auch unter Grey's Ministerium behielt er seine Stelle, so laut auch einige Wortführer der Whigpartei sich dagegen erhoben, bis er endlich 1833 zurückberufen wurde. Die Stelle eines Generalgouverneurs von Indien schlug er aus; dagegen ging er 1844 als Generalgouverneur nach Irland, nachdem er zuvor Gouverneur der Insel Wight gewesen.,. Hiatus (lat.), d. i. Öffnung, nennt man in der Grammatik das Zusammentreffen zweier Vocale an dem Ende des einen und im Anfang des folgenden Worts, wodurch bei der Aussprache eine dem Gähnen ähnliche Öffnung des Mundes entsteht. Die auf diese Weise erzeugte Härte ist in den meisten Sprachen durch die sogenannten euphonischen Buchstaben, in der griech. durch die Krasis (s. d.), in der lat. bei der Scansion der Verse durch die Elision (s. d.) vermieden worden. Auch bezeichnet man damit überhaupt alles Lückenhaftc, die Lücken in den Stammbäumen, sowie in den Schlüssen und Beweisen. Hibernia, von Aristoteles zuerst als eine der britann. Inseln unter dem Namen Jern e angeführt, wurde das heutige Zrlantz von den Römern genannt, die es durch Cäsar und Agricola (s. d.) kennen lernten, jedoch nie mit gewaffneter Hand betraten; nur durch Kaufleute wurden die Küsten von Britannien aus besucht. Von den Einwohnern, die mit den Hochschot. Gaelen (Caledoniern) einen Zweig des keltischen Stamms bilden, wußte noch Tacitus nur, daß sie den Britanniern ähnlich waren; einzelne Völkerschaften werden von Ptolemäus, der auch über die Größe und Gestalt der Insel richtige Angaben hat, angeführt, unter ihnen die Jvernen im Südwesten, von denen der Name des Landes, ursprünglich vielleicht Bergion oder Vergion, abgeleitet wurde. Hibrida oder Hybrida hieß bei den Römern theils eine von einem Inländer und einer Ausländerin oder von einem Freien und einer Sklavin abstammende Person, theils ein von Thieren verschiedener Art erzeugtes Geschöpf, wie der Maulesel; später dezeichnett 160 Hidalgo Hierarchie man mit vox KlbricI» ein Misch- oder Zwitterwort, welches aus zwei Sprachen zusammen, gesetzt ist, wie „Bigamie" und „Planimetrie", aus der lat. und griechischen. Hidalgo (span.), im Portugiesischen Fidalg o, ist auf der pyrcnäischen Halbinsel der Titel einer Classe des niedern Adels. Außer den Hidalgos gehören noch zum nieder» Adel die Caballeros und Escuderos. Sie zerfallen in geborene Hidalgos (Uulalgos lle „a- turslera) und privilegirte (Hitlalgos 6e privilegio), die den Adel entweder vom Könige zur Belohnung ausgezeichneter Dienste erhalten oder durch Kauf erworben haben. Einige alte Häuser und die Ordensritter ausgenommen, genießen die Hidalgos vor den bürgerlichen Unterthanen fast gar keines Vorzugs. Hiefhorn nennt man ein kleines gerades, aus Büffel- oder großen Ochsenhörncr» gefertigtes Jagdhorn, das bei festlicher Kleidung von den Jägern an einem breiten Bande- lier über der linken Schulter getragen wird. Hiörapölis, eine nahe am nördlichen Ufer des Mäander auf einer Anhöhe gelegene, der Cybcleheilige Stadt in Großphrygien, das heutige Pambuk-Kalessi, warimAl- terthume berühmt durch heiße Quellen und durch die Höhle Plutonium, welche tödtliche Ausdünstungen verbreitete und nur von den Priestern der Cybele ohne Lebensgefahr betreten werden konnte. Hierarchie (griech.) bezeichnet zunächst die Würde und Macht des Oberpriesters, dann die Würde und Macht der Priester oder Gottgeweihten oder das Priesterthuw als Corporation. Das Wesentliche des Begriffs ist, daß die Hierarchie als ein von Gott gestifteter und mit besondern Rechten, Prärogativen und übernatürlichen Gaben ausgerüsteter Stand betrachtet wird. Ob aber die Priester unter Einem Oberhaupte oder unter mehre» gleichberechtigten Häuptern stehen, oder ob die Hierarchie eine Monarchie oder Aristokratie ist, das ist dem Begriffe nicht wesentlich. Da alle ausgebildete Religionen einen äußerlichen Cultus haben, dessen Verwaltung gewissen Personen übertragen ist, und da man diesem Cultus Einwirkungen auf den Willen und die Gefühle der Götter zuschreibt, so ist es natürlich, daß wir in den meisten Religionen ein Priesterthum finden. Denn derBegriff eines Priesters ist, Dolmetscher der Götter und Vermittler der göttlichen Gnaden für die Laim zu sein. Bei den Israeliten war das Priesterthum ein Vorrecht des Geschlechts Aaren, das von Jehovah zur Verwaltung des religiösen Cultus bestimmt wurde, und der Ober Priester war der gesetzlich bestimmte Dolmetscher zwischen dem Volke und dessen unsichtbaren Könige Jehovah, dessen Antworten er dem Volke verkündigte. Doch waren die Aaro- niten nicht durch den Act einer Weihe, sondern durch Geburt und Abstammung Priester, obgleich sie beim Antritt ihres Amts im 30 . Jahre Lustrationen unterworfen wurden. Auch war der Hohepriester nicht unter jeder Bedingung Dolmetscher Jehovah's, sondern nur, wenn er im Ornat und mit dem Brustschild ins Heiligthum ging, Gott zu fragen. Der Stifter des Christenthums wählte zwar zwölf Apostel, aber er ordnete sie nicht zu einem bleibenden oder besondern Stande, sondern nur für ihre Person zu Verkündigern seiner Religion, und der Apostolat erlosch mit ihrem Tode. Die Apostel legten aber dadurch den Grund zu einer christlichen Hierarchie, daß sie Gemeindevorstände unter dem Namen der Presbyter (s. d.) oder Ältesten und der Bischöfe (s. d.) oder Aufseher anordneten und auchDiakonen (s. d.) oder Diener bestellten zur Vertheilung der A lmosm unter die Armen. Man weihte sie dazu unter Gebet und mit dem uralten Gebrauch der Handauflegung. Diese Ältesten und Bischöfe waren aber Laien, denen die Leitung aller Gemeindeangelegenheiten, der politischen wie der kirchlichen, oblag. Schon sehr früh wurde Einer der Ältesten durch den ausschließlich ihm beigelegten Namen Bischof bezeichnet und zum Vorgesetzten der andern Ältesten und Diakonen gemacht. Jede Gemeinde hatte ihren Bischof und die Bischöfe waren untereinander gleichberechtigt.,, Nach der Natur der Sache bekamen aber die Bischöfe der größer« Städte bald das Übergewicht über die Bischöfe kleiner Gemeinden, und dieses Verhältniß verwandelte sich allmälig in eine wirkliche Obergewalt, besonders nachdem sich in großen Städten mehre Gemeinden, die nun unter Einem Bischof durch Presbyter verwaltet wurden, gebildet hatten, die Landbischöfe aber gänzlich aufgehoben worden waren. So wurden die Bischöfe der größer« Städte allmälig.Bisäwft mehr» von ihnen abhängiger Gemeinden, denen nun Presbyter (Priester) oder xaroclu (' dl p' ai E T di 2 re st' m E m ha ro ne ge de P (d de la La H nu UN toi sei we Al arl sch Ol frü aiu zu ga> Pa chil Ki> an! reii ter, den daß -A- daß lUtl Kir Er ll Hierarchie 161 (Pfarrer) Vorständen, nnd cs bildete sich so der bischöfliche Sprengel. Zur Erhebung der bischöflichen Würde trug auch die Vermehrung der untern Kirchendiener (Archi- presbytcr, Archidiakoncn, Ostiaricr, Akoluthcn u. s. w.) nicht wenig bei. Vorzüglich aber geschah dieses durch die Synoden (s. d.), auf welchen die Bischöfe die gesetzgebende Gewalt übten, und durch die Kaiser, nachdem diese zur christlichen Kirche getreten waren. Die Bischöfe in den Hauptstädten oder Metropolen der Provinze» wurden nun unter dem Titel der Metropolitan- oder Erzbischöfe (s. d.) die Vorgesetzten der Bischöfe der Provinz. Auch wurden die Bischöfe zu Nom, Alexandrien und Antiochien durch den Ehrentitel Patriarchen (s. d.) ausgezeichnet, den man später auch den Bischöfen von Konstantinopel und Jerusalem gab. Den ersten Rang unter den Bischöfen des röm. Reichs sprach man dem Bischof von Nom zu, weil Nom die Hauptstadt des Reichs war. Die Wahl und Einsetzung der Bischöfe, die früher den Gemeinden selbst zugestandcn hatte, kam nunmehr meist in die Hände der Kaiser. Dagegen wurde die niedere Geistlichkeit immer mehr abhängig von den Bischöfen, deren Würde und Gerechtsame die Kaiser mehrten. Die Prärogativen, welche die Geistlichkeit erhielt, die besondere Kleidung, wodurch man sie auszeichnete, die Lehre, daß ihnen durch die Ordination derheilige Geist und übernatürliche Gaben mit- getheilt würden, und endlich die Anwendung der Vorstellung vom levitischen Priestcrthum des Alten Testaments auf die christlichen Priester, gaben die Veranlassung, die christlichen Priester als einen besonder«, Gott geweihten Stand, den man das Erbtheil des Herrn (daher der Name Klerus, s.d.) nannte, zu betrachten, und ihn von dem christlichen Volke, der Gemeinde oder den Laien (s.d.), zu unterscheiden. Vermöge der durch die Weihe erlangten übernatürlichen Gaben glaubte man das Priesterthum zur Herrschaft über die Laien oder die Kirche von Gott berufen, und allein zu wirksamer Verwaltung der heiligen Handlungen befähigt. Damit war die Hierarchie gegen die Laien abgeschlossen, welche nun aller Gewalt in der Kirche verlustig wurden. Da auch die Kaiser, Könige, Fürsten und Obrigkeiten Laien waren, und der Klerus eine göttliche Ordnung, mit göttlicher Autorität begleitet zu sein behauptete, so war damit auch die Unterordnung des Staats und seiner Gesetze unter dem Klerus gegeben und ausgesprochen, wenigstens in allen Dingen, welche die Kirche entweder angingen oder vom Klerus als kirchliche angesehen wurden. Nach zwei Seiten hin, nach Innen über die Kirche und den Klerus selbst und nach Außen über den Staat, bildete sich nun die Hierarchie weiter aus. Dem Princip der Hierarchie nach sollten Alle, die die Weihe empfangen hatten, einander gleich sein, und die Bischöfe oder Patriarcken waren nur primi inter pares-, nur dem Range, Einfluß und der Ordnung nach, nicht nach der Qualifikation höher als die andere Geistlichkeit. Aber scbon früh, bereits im -t. Jahrh., fing man an, mehre besondere Weihen oder Ordinationen einzuführen, und namentlich eine besondere Weihe der Bischöfe, denen man nun auch das Recht, die Ordination und Firmelung zu ertheilen und das heilige Chrisma zu bereiten, ausschließlich zuschrieb. Dadurch erhoben sich die Bischöfe und Patriarchen immer mehr zu eigentlichen Herren des untergeordneten Klerus und bekamen die Rechte, welche die ganze Corporation der Geweihten über die Laien beanspruchte, in ihre Gewalt. Die Patriarchen und Metropolitane aber blieben sich untereinander gleich. So war die Hierarchie eine Aristokratie, und dieses ist sie noch gegenwärtig in der griech. oder morgenländ. Kirche, in welcher es keinem Patriarchen oder Erzbischof gelang, sich zum Oberherrn der andern aufzuschwingen. In dem abendländ. aber oder dem lat. Theile des röm. Kaiserreichs gab es bei der Reichstheilung nur Einen Patriarchen, den von Nom, der daher leich- teres Spiel hatte, die Hierarchie in eine Monarchie zu verwandeln. Nun gelang cs zwar den Bischöfen von Nom, die sich ausschließlich Päpste (s.d.) nannten, cs dahin zu bringen, daß sie im christlichen Abendlande allgemein als das Oberhaupt deS ganzen christlichen Klerus und der Kirche angesehen wurden, aber es gelang ihnen nicht auf gleiche Weise, daß man, wie sie wollten und behaupteten, ihre Obergewalt über die Kirche als eine absolute oder unbeschränkte angesehen hätte. Die Theorie von ihrer absoluten Gewalt über die Kirche, welche sie auf die falschen Decretalien des Jsidorus (s. d.) gründeten, und welche Gregor VH. (s. d.) und dessen Nachfolger weiter ausbildeten, enthält die Sätze: „Der C«nv. - Ler. Neunte Aufl. >11. 11 162 Hierarchie röm. Bischof oder Papst ist der alleinige Bischof der ganze» Christenheit, also der allgemeine Bischof (episcopus iimversslis); alle geistliche Gerichtsbarkeit, die gesetzgebende und vollziehende Gewalt ist allein in seinen Händen; er allein kann Gesetze geben, sie authentisch auslegen, und von ihrer Beobachtung dispensircn (plenitntia pntostati:); er allein kann die Bischöfe zu allgemeinen Synoden zusammenrufen, die Synoden leiten und ihren Beschlüssen Gesetzeskraft ertheilen; alle andern Erzbischöfe und Bischöfe sind nur Stellvertreter und Bevollmächtigte von ihm, ihm zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet, werden von ihm eingesetzt oder abgesetzt und haben alle ihre Rechte und Befugnisse nur von ihm, daher er diese Rechte erweitern oder beschränken kann nach seinem Belieben; das ganze Kirchengut endlich ist ein Eigenthum des Papstes und kann von ihm nack seinem Ermessen verwendet werden." Dieses issdas röm. Hofsystem, unter dem Namen des Cu - rialsystems oder des Ultram ontanismus (s. d.) bekannt. Es ist aber wol zu merken, daß dieses System zwar vom röm. Stuhle seit dem > >. Jahrh. fortwährend und bis herab zu den neuesten Zeiten ausgesprochen und behauptet, aber von der katholischen Kirckc niemals förmlich anerkannt worden ist, selbst nicht auf dem Concilium von Trient, das zwar den Grundsatz der Hierarchie feststelltc, nämlich daß die Geistlichkeit ein von Gott be- ' sonders geordneter und durch die Gaben des heiligen Geistes fortwährend inspirirter unfehlbarer Stand sei, dem allein die gesetzgebende und vollziehende Gewalt in der Kirche «>- stehe, das aber das Verhältniß des Papstes zu den Bischöfen unerörtert ließ. Vielmehr fand das Curialsystem aus der Synode zu Trient den größten Widerspruch, sowie es überhaupt in der katholischen Kirche stets bestritten und ihm das katholische Episkopalsy- stcm (s. d.) entgegengesetzt worden ist. Diesem zufolge ist der Papst nur prnnus mter xsres; die Bischöfe haben ihre Rechte von Gott und Christus, die ihnen nicht genommen werden können, und sind dem Papste nur zu bedingtem, nicht zu unbedingtem Gehorsam verbunden; eine allgemeine Kirchenversammlung steht über dem Papste und kann ihn absetzen und seine Decretc reformiren; der Papst endlich kann die gesetzgebende Gewalt nur mit Zustimmung der andern Bischöfe ausüben, ohne welche seine Decrete keine Gültigkeit haben. Diese Grundsätze hat die gallicanisckie Kirche (s. d.) stets festgehalten; daallgemeine Concilium zu Konstanz im I. I ll-1 und noch mehr das zu Basel im I. >431 haben sie feierlich ausgesprochen; der Weihbischof von Trier, Ioh. Nik. von Hontheim (s.d.), hat sie in der deutschen Kirche wirksam vertheidigt, und die vier deutschen Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier und Salzburg haben sie in der Emser Punktation (s. d.) 1786 geltend zu machen gesucht. Was das Verhältniß der Hierarchie zum Staate betrifft, so waren die Bischöfe und der Klerus im röm. Weltreiche Unterthanen des Kaisers, der sie einsetzen und absehen konnte, und so ist es in der morgenländ. Kirche auch geblieben, wie denn noch gegenwärtig der Sultan in der Türkei dieses Recht über den Patriarchen zu Konstantinopel übt. Auch im abendländ. Nömerreiche und in den Königreichen, in die dieses zerfiel, blieben die Könige die Herren der Bischöfe, die ihre Vasallen waren, und selbst die Erneuerung der röm. Kaiserwürde im Abendlande änderte daran nichts, und die neuen Kaiser behaupteten ihre Hoheit auch anfangs über die Bischöfe von Nom. Diese aber, besonders Gregor VII., Jnnocen; III. und Bonifacius VIII., wendeten nun das Princip der Hierarchie und der absoluten Gewalt des Papstes auch nach außen, gegen den Staat, und behaupteten, der Papst sei Statthalter Gottes auf Erden, Besitzer aller Länder der Erde; alle Kaiser und Könige hätten ihre Würden von ihm, müßten seinen Befehlen gehorchen und könnten von ihm gerichtet, abgesetzt, ihrer Länder beraubt und die Unterthanen von dem Eide der Treue gegen sie entbunden werden. Hierdurch wurde die Theorie von der absoluten Papstgewalt auf ihren Gipfel gebracht. Sie ist von den Päpsten nie aufgegeben, sondern auch nach der Reformation immerfort behauptet worden. Die Reformatoren hoben die ganze Grundlage der Hierarchie auf, indem sie den Lehrsatz von übernatürliche», durch die Weihe erkhcilken und fortgesetzten Gaben für einen Jrrthum erklärten, und behaupteten, die Ältesten und Bischöfe zur Zeit der Apostel seien Gemeindevorstände, aber keine Priester in jüdischem Sinne gewesen; der Ritus derHandauf- legung sei kein von Christus besonders angeordneter Gebrauch, sondern eine uralte fromme Gewohnheit gewesen, die man als zweckmäßig und um guter Ordnung willen beibehalten Hieratische Schrift HiLres 163 habe, die aber an sich nicht nothwcndig sei; die Gaben des Heiligen Geistes seien kein Eigenthum der Bischöfe Und Ältesten gewesen, sondern allen Getauften zu Theil geworden, wie aus Apostelg. 8, >7. II, 14 fg. und l. Korinth. Cap. 12 und 13 deutlich erhelle, welche letztere Stelle auch zeige, daß Jeder in der Gemeinde, die Weiber ausgenommen, in der Versammlung habe auftreten und sprechen dürfen; die Christen würden durch die Taufe Priester, und Alle sollten nach 1. Petr. 2, 5. 9. ein priesterliches Volk sein. Das Amt der Geistlichen behielten die Reformatoren als ein von Christus und den Aposteln gestiftetes und zur guten Ordnung gehöriges bei, schränkten aber den Beruf derselben ein auf das Lehren des Evangeliums und auf die Verwaltung der Sacramente, wozu die Geistlichen sich die nothigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben hätten. Die Protestanten haben daher auch nur Eine Ordination, nicht mehre, und lehren, daß dieselbe allen Geistlichen gleiche Befugnisse gebe. Die Berechtigung der einzelnen Geistlichen zur Verwaltung des Amts leiten sie aber nicht von übernatürlichen, durch die Weihe erlangten Gaben ab, sondern von der rechtmäßigen Berufung zum Amte durch die Gemeinde oder den Patron. Die Wirksamkeit der sacramentirlichen Handlung schreiben sie der göttlichen Einsetzung, nicht aber der Kraft des Geistlichen zu. Auch sind die protestantischen Geistlichen der Staatsgewalt ebenso unterworfen wie die Laien, und es kann bei den Protestanten von einer Unterordnung des Staats unter die Geistlichkeit gar nicht die Rede sein. Nur dem Worte Gottes selbst ist der Staat, als ein christlicher, unterworfen. Unter den Protestanten hat nur die engl. H o ch k i r ch e (s. d.) den Satz beibehalten, daß das bischöfliche Amt eine göttliche Institution sei, dessen Berechtigung durch die Weihe und deren ununterbrochene Suc- cession ertheilt und fortgepflanzt werde. Hieratische Schrift, s. Hieroglyphen. Hieratischer Stil heißt in der griech. Kunstgeschickte die bis zur rom. Epoche herab für gewisse Gegenstände und Anlässe übliche Nachahmung des ältesten griech. Skulptur- stils. Es sind besonders Weihgeschenke für Tempel, welche in diesem absichtlich steifen und in Betreff der Gewandung überzierlichen Stile gearbeitet wurden. So Ottfr. Müller, welcher gleichbedeutend mit hieratisch auch archaistisch braucht. Andere, wie Welcker, nehmen bloS den letzter« Ausdruck in der erwähnten Bedeutung und verstehen unter hieratischen Bildwerken die wirklich uralten. Früher nannte man sowol die letzter» als die nachgeahmten Kunstwerke etruskisch, ein Jrrthum, dessen Ursprung darin liegt, daß die etruskische Kunst wirklich lange einen der altgriech. Darstellungsweise verwandten Stil sesthielt. Es ist oft sehr schwer, die hieratischen Bildwerke von den wirklich uralten zu unterscheiden; doch hat schon die bloße Entdeckung der Thatsache die Kunstgeschichte von manchen schwierigen Problemen befreit. Bisweilen verräth sich der neuere Ursprung schon in Nebendingen; wenn z. B. in einem Relief des berliner Museums Apollon in alter- thümlich gefältelter Chlamys vor einem korinthischen Tempel opfert, so wissen wir schon, daß das Werk nicht vor dem 4. Jahrh. v. Chr., in welchem die korinthische Ordnung aufkam, gearbeitet sein kann. Die Pallas i» Dresden, deren Haltung und Gewand, einem bekleideten Holzbild nachgeahmt, völlig im alten Stil ausgeführt ist, verräth ihre spätere Entstehung durch den auf den Peplos gestickten Gigantenkampf, welcher im freien, ausgebildeten Stil gehalten ist. Hi^res oder Hyeres, eine kleine Stadt, unweit des Mittelländischen Meeres, im ftanz. Departement des Var, drei Stunden von Toulon, mit etwa 7700 E-, hat zwar im Ganzen ein finsteres, schmutziges Ansehen, ist aber, sowie die Umgegend, ihrer herrlichen Lage und ihres milden Klimas wegen berühmt und deshalb ein Sammelplatz vieler, besonders Brust, und Gemüthskrankcr Nordländer, die hier sehr oft Heilung finden und neue Lebenskraft cinschlürfcn. Orangen, Citronen, Granatäpfel und andere Früchte kommen hier im Freien fort, ja sogar Zuckerrohr und Bambus sind angepflanzt worden. Von drei Seiten durch Gebirge gegen rauhe Winde geschützt, hat diese Gegend ein selbst für die Provence auffallend warmesKlima, das im Winter noch reizender als im Sommer ist und dem schönsten Frühling in Deutschland gleicht. An der Küste, im Mittelländischen Meere, liegen die Hierischen Inseln (lies tl'U^eres), bei den Alten Stöchaden genannt, die, mit 11 * jh. 164 Hiero l. Hiero «. Ausnahme der militairischcn Besatzung einiger Forts, unbewohnt sind. Die Seelüfte kühlen hier die Hitze des südlichen Himmelsstrichs und erzeugen dadurch einen ewigen Frühling. Hiöro I-, Herrscher von Syrakus, erhielt durch seinen Bruder Eelon (s. d.) -18t v. Chr. die Herrschaft über Ecla (s. d.) und folgte ihm im I. 477 in der über Syrakus. Sein jüngerer Bruder Polyzclus, den er, da er ihm gefährlich schien, um sich seiner zu entledigen, den Sybariten gegen Kroton zu Hülse geschickt hatte, floh zu Theron, dem Tyrannen von Agrigent. Die Bewohner Himcras, über die Thrasidäus, Theron's Sohn, herrschte, boten H., als er gegen Theron zu Feld zog, die Herrschaft an, dieser aber gab dem Theron davon Kunde und dadurch kam es zur Versöhnung, auch mit Polyzclus. Im I. 476 vertrieb er die Einwohner von Naxos und Catana aus ihren Städten; doch wurde di' Colonie, die er nach Catana führte, das er nun Alna nannte, nach seinem Tode von den ;u- rückkehrcnden Catanäcrn wieder vertrieben. Ein Seesieg, den seine und die Flotte der Cu- maner über die Etrusker im I. 47-1 erfochten, beraubte diese der Oberherrschaft in dem Tyrrhenischen Meere. Im I. 472 wurde Thrasidäus, der inzwischen Tyrann von Agrigent geworden war, von ihm besiegt. H. war habsüchtig, gewaltsam und von der Einfachheit und Trefflichkeit seines Bruders Gelon sehr entfernt; daß er die Poesie schätzte und Dichter, wie Simonides, Äschylus, Bacchylides und Pindar, der seine in den griech. Wettspielen errungenen Siege besang, an seinen Hof zog, hat seine Überschätzung veranlaßt und auch den ssenophon bewogen, ihn und Simonides als Diejenigen aufzuführen, die in seiner „Hiero" betitelten Schrift die Eigenschaften des Herrschers besprechen. H. starb 467 v.Chr. Hiero II-, Herrscher von Syrakus, 269— 214 v. Ehr., der Sohn eines edlen Syra- kusaners Hieroklcs, soll auf dessen Geheiß, weil er von einer Sklavin geboren worden, ausgesetzt, darauf mehre Tage durch Bienen ernährt, und da Weissager hierin die künftige Größe erkannten, von dem Vater wieder ausgenommen und auf das sorgfältigste erzogen worden sein. In den Unruhen, die nach dem Abzüge deS Königs Pyrrhus, 275 v. Ehr., in Sicilien herrschten, erhob sich H. Von dem Heere im Z. 26!» zum Feldherrn ausgerufen, zog er in Syrakus ein und wurde von dem Volke wegen der Mäßigung, die er bewies, zunächst als Oberfeldherr anerkannt, dann, vermuthlich im I. 265, nach einem über die unter dem Namen Mamertiner bekannten campanischen Söldner, die sich Meffanas bemächtigt hatten, bei Mylä erfochtenen Siege zum König erhoben. Als den Mamertiner» durch die Römer im I. 264 Hülfe und die karthagische Besatzung, die sie in Meffana aufgenommen hatten, vertrieben wurde, schlossen sich die Karthager und H. einander gegen Nom an. H. wurde vom röm. Consul Appius Claudius geschlagen und, jedoch vergeblick, in Syrakus belagert. Als indcß im I. 263 Manius Valerius Maximus mit einem starken Heere ihn bedrohte, so schloß er Frieden auf l5 Jahre mit Rom, der von diesem, wegen der treuen Unterstützung, die H. gewährte, im I. 248 in einen ewigen verwandelt wurde. Nach der Beendigung des ersten punischen Kriegs im I. 24 l wurde dem H. durch die Römer die Herrschaft in seinem ungeschmälerten Gebiet gesichert und das freundsckaftlichc Verhältnis erlitt auch durch die Hülfe, die er den Karthagern im Söldnerkrieg sandte, keine Störung. H. selbst besuchte im I. 237 Nom und machte dem röm. Volke ein Geschenk von 26666" Medien Getreides. Auch in dem zweiten punischen Kriege bewies er sich den Römern als treuer Bundesgenosse, unterstützte sie mit Geld und Truppen, so namentlich auch nach ihrer Niederlage am trasimenischcn See, wo die goldene, 326 Pf. schwere Bildsäule der Siegesgöttin, die er nach Noin sendete, dort als gutes Vorzeichen begrüßt wurde. Er starb 215, über 90 Jahre alt. Sein Sohn Gelon, der aus Steigung zu den Karthagern den Vater selbst bedroht haben soll, war vor ihm gestorben, und so folgte ihm sein Enkel Hieronymus, der sich sofort den Karthagern zuwendetc, aber, wegen Schwelgerei und Grausamkeit gehaßt, schon im I. 214 durch Verschworene ermordet wurde. H. hatte sich durch Milde, Weisheit und Einfachheit die Liebe derSyrakusancr erworben, sodaß sie mehrmals, da er die Königswürde niederlegen wollte, ihn dieselbe zu behalten nöthigten. Große Sorge hatte er für die Vervollkommnung des Ackerbaues getragen, und ein Gesetz von ihm über die Ge- trcidezehnten (lex UWrnnitm) galt noch zu Cicero's Zeit im Lande; auch den Künsten war er hold, namentlich der Baukunst, wovon Tempel, Theater und andere Gebäude, die er errichtet, zeugten. Archimedes, ihm befreundet und verwandt, war hierbei wie bei dem Ba Hieroimlen Hieroglyphen 165 von Kriegsmaschinen für ihn thätig. Berühmt ist das mit verschwenderischer Pracht ausgestattctc Schiff, das er bauen ließ und, da cs wegen seiner Größe in keinen sicilischen Hafen einlaufcn konnte, dem Könige Ptolcmäus nach Alexandrien zum Geschenk sendete. Hierodülen, d. i. Tempelsklavcn, Tempcldiener, nannte man im Alterthum in weiterer Bedeutung alle zu dem Tcmpcldienstc irgend einer Gottheit gehörenden Personen, im engem Sinne aber nur eine gewisse Classe derselben, der die nieder« Verrichtungen oblagen, und die sammt ihrer Nachkommenschaft für immer dem Tempel geweiht war. Die Zahl der Hierodulen war bei den Tempeln in Syrien, Phönizien und Kleinasien nicht unbedeutend; im kappadocischcn Komana traf Slrabo l>, inMorimene30i)»Hierodulcn. Sie waren beiweitcm der Mehrzahl nach weibliche Sklaven, die vorzugsweise Hierodulen genannt, gegen ein Geschenk an die Gottheit, der sie dienten, sich Preis gaben. Bei den Griechen hatte das Hicrodulcnwescn im Ganzen einen würdigem Charakter; doch gab es auch hier Ausnahmen, wie;. B. in Korinth und auf Samos. Besonders aber waren die Hierodulcn der Venus Erycina auf Sicilien bekannt. DieKunst stellt die weiblichen Hierodulen auf den Fußzehen tanzend dar, mit hoch aufgehobenen Armen, bekleidet mit einem ganz kurzen durchsichtigen Gewände, und mit einem seltsam geflochtenen Kran; auf den in einen Knoten zusammengeschlungcnen Haupthaaren. Hieroglyphen (griech.), d. h. heilige Schriftzügc, werde» vorzüglich die alten ägypt. Schrifkzüge genannt, die wir theils in den Papyrusrollen geschrieben, thcils an den Obelisken, Tempclwanden und Gräberwändcu in Ägypten eingegrabcn oder gemalt finden. Unter ihnen müssen drei verschiedene Arten, welche aber untereinander verwandt sind, unterschieden werden: >) die hieroglyphi sehe Schrift im engem Sinne, die sowol in den Papyrusrollen als an den öffentlichen Denkmälern vsrkommt, und unter deren Schrift- Zeichen viele Abbildungen von Menschen, Vögeln, Pflanzen und Gerätschaften sich befinden; 2) die h i crati sche S ch rift, vorzüglich in Papyrusrollcn und aufMumiensävgen, die ein mehr buchstabenähnliches Ansehen hat, jedoch mitunter auch flüchtig gezeichnete Abbildungen von Menschen und Vögeln zu enthalten scheint, und 3) die enchorische, deine tische oder epistolographische Schrift, welche fast nur in Papyrusrollen verkommt und ein ganz buchstabenartiges Ansehen hat. SchonHerodot, Diodor und Clemens von Alexandrien unterscheiden diese drei Arten der alten ägypt. Schrift, auch gibt Clemens über die Einrichtung derselben einige allgemeine Nachrichten, die indeß keineswegs ausrei- chcn, um Hieroglyphen wirklich lesen und verstehen zu können. Vgl. Dulaurier, „Llxsinon te" (Par. 1808), daß, nach den von den alten Schriftstellern angeführten ägypt. Wörtern zu urthcilen, die alte ägypt. Sprache im Wesentlichen einerlei sei mit der spätem koptischen. Seit 1814 begann Thom. Uoung seine Untersuchungen über die ägypt. Schrift, und zwar besonders über die enchorische. In dem zu Cambridge erscheinenden „Nuseum criticiiiil" (18l5) lieferte er eine muthmaßliche Übersetzung des gaüzen enchorischen Abschnitts der Inschrift, die Entzifferung sämmtlicher darin vorkommender Eigennamen, und außerdem die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes enchorisches Alphabet. Allein der größere Theil der enchorische» Abtheilung der Inschrift blieb noch immer unlesbar, weil darin viele Schriftlichen vorkamen, deren Bedeutung sich nicht ermitteln ließ. In Folge davon kam Uoung zu der Ansicht, daß viele enchorische Wörter nicht alphabetisch geschrieben seien, sondern symbolisch, durch Abkürzung oder flüchtige Zeichnung der gleichbedeutenden hieratischen und hieroglyphischen Schriftgruppen. Indem er die Texte der in der „vescriz.tion 6s abgebildeten hieratischen Papyrusrollen mit correspondirenden hieroglyphischen Texten verglich, glaubte er deutlich zu erkennen, daß die hieratischen und enchorischen Schriftgruppen sehr häufig nur abgekürzte Cursivhieroglyphen seien. Uoung unternahm nun auch die Untersuchung der hieroglyphischen Äbtheilung der Inschrift; in dem Art. „Lgzpt" in den Supplementen zur „Lnc^clopacllia l-ritannica" (1819) erklärte er 200 hieroglyphische Schriftgruppcn symbolischer Ärt. Zugleich machte er die Bemerkung, daß in Eigennamen, wie Ptolemäus und Berenice, alphabetische Hieroglyphen gebraucht zu sein schienen, sodaß z. B. ein Löwe den Buchstaben 1- oder die Sylbe 1^», zwei Federn den Vocal lü bezeichnet«». Diese Bemerkung Uoung's wurde von Champollion aufgefaßt und führte ihn zur Entdeckung der phonetischen oder alphabetischen Hieroglyphen. Eine große Sammlung von Abbildungen Hieroglyphen 167 ägypt. Schristtexte lieferte sodann Uoung in den „lii<:eu-;!)i>li>cs" (1823), wo er auch die ganze roscttcsche Inschrift mit einer Interlinearübersetzung abdruckcn ließ. Von den vielen inzwischen nach Europa, namentlich nach Berlin, Turin, Paris, Leyden und London gebrachten Papyrusrollcn in thcils griech., thcils enchorischcr Schrift bestand die Mehrzahl in Kaufbriefen. Vgl. Böckh, „Erklärung einer agypt. Urkunde auf Papyrus in griech. Cursivschrift" (Bcrl. 1821); Uoung, „.Account nksome recent discuveries in liierogl)- j>I>ic»> literuture" (Lond. 1 823) ; Buttmann, „Erklärung der griech. Bcischrift auf einem ägypt. Papyrus" (Berl. 182-1) und Kosegartcn, „Bemerkungen über den agypt. Text eines Papyrus aus derMinutoli'schcnSammlung"(Greifsw. >824). Kosegartcn (s.d.) gab in der ^Oommentitlin ;>rimu du zirisca ,Ve<;z;>kiarui» literaturu" (Wenn. 1828) eine geordnete Übersicht des bisher Entdeckten mit speeicllcr Beziehung auf die zu Berlin befindlichen Papyrusrollen; schätzbare Nachrichten über die einzelnen Sammlungen lieferten Peyron in den j-ruec. regü Tsuniiensis innsei uegzpt." (Tur. 1826—28); Norke und Leake in den „Auriuments eg/pt. du Nuseo llrit., ex;>Ii(jU6L d'upresle Systeme ptlonetigne" (Lond. 1827); Hawkins in den „8elect pu;>)-ri in tke Lrit. Alus." (Lond. 1843) und die „kup^ri, tsklets und otker Dg)ptiun ^lonuments in tke cullectio» of tke lüarl okLelmore" (Lond. 1843); Neuvcns in den „I-ettres sur Iss bilingues et grecs «l» muse« d'untiguites de I'univorsite de1.e)de" (Leyd. 1830) und Leemans in den „^lvnumcnts eg)'t>t. de k^ezds" (Amst. 1839) und in der „Ileseription du inusee de I^e),de"(Amst. 1839). Auch gab Uoung ein „IÜF>;>tiun dictiunur)"(Lond. 1831) heraus. Champollion wurde in seinen Studien zur Entzifferung der eigentlichen hieroglyphi- schen Schrift im.engern Sinne sehr glücklich durch die Auffindung eines Obelisken auf der Insel Philä in Ägypten unterstützt. Dieser Obelisk trug eine hieroglyphische Inschrift, welche zwei Schriftgruppen enthielt, die von Ringen cingeschlossen waren. Die eine dieser Gruppen kannte man schon aus der vosetteschcn Inschrift, als den Namen Ptolemäus bezeichnend; die andere mußte höchstwahrscheinlich den Namen Kleopatra bezeichnen, denn eine griech. Inschrift am Fußgestelle des Obelisken sollte an einen Ptolemäus und eine Kleopatra gerichtet gewesen sein. Champollion verglich die einzelnen Zeichen, welche in jenen hieroglyphisch geschriebenen Namen Ptolemäus und Kleopatra stehen, genauer untereinander, und es ergab sich bald, daß diese einzelnen Zeichen einen alphabetischen Werth hatten, und die einzelnen Buchstaben ?, 7', Sl, 8, R, X, O, L, welche in jenen Namen Vorkommen, bezeichneten. Diese alphabetischen Hieroglyphen nannte Champollion phonetische, weil sie nicht einen Begriff, sondern, wie die Buchstaben, einen Schall oder Laut bezeichnen, und entzifferte nun auch die auf gleiche Weise hieroglyphisch geschriebenen Na- men Alexander, Berenice, Domitian, Cäsar, Vespasian u. s. w. Vgl. seine „l.ettre ü i>lr. Oscier relative a l'ulpksiiet d«8 kieroFl^pkes ;>k<>i>etic;ues" (Par. 1822). Durch sorgfältige Benutzung einzelner bei den alten Schriftstellern vorkommenden Nachrichten über den Inhalt der ägypt. Inschriften und die Bedeutung einzelner Schriftlichen erweiterte Champollion seine Entdeckung mehr und mehr, sodaß er nun viele griech., röm. und ägypt. Eigennamen, ägypt. Wörter und Partikeln in den hieroglyphischen Inschriften mit ziemlicher Sicherheit erklären konnte. Diese gewonnenen neuen Resultate stellte er dar in dem „Lrecis du Systeme limroghpliitjue der anc!ensLF)ptieus" (Par. 1824; 2. Aust., 1828). Er zeigte, daß in den hieroglyphischen Texten Manches alphabetisch, Manches symbolisch geschrieben sei, und daß zwischen der enchorischcn, hieratischen und hieroglyphischen Schrift eine solche Verwandtschaft stattsinde, wie sie schon Poung angenommen hatte. Die Erklärung mancher einzelnen Gruppen, welche er gab, blieb allerdings noch zweifelhaft, und er selbst änderte von Zeit zu Zeit seine Ansichten von der Bedeutung einzelner Gruppen. In Italien entdeckte er auch aus einigen ihm aus Ägypten zugekommenen Zeichnungen die meisten Zahlzeichen in den drei ägypt. Schriftarten. Klaproth (s. d.) stellte eine neue Art Hieroglyphen auf, welche er akrologische nannte, die aber wenig Wahrscheinlichkeit für sich haben und von Champollion verworfen wurden. Die vollständigste Übersicht der Entdeckungen Champollion's geben die nach seinem Tode erschienenen „6rsmu>sire eg>- ptienne" (Par. 1840 sg.) und das „Dicti»»usire e^ptieu." (Par. 1842). Die Herausgabe mehrer ägypt. Denkmäler besorgte Nosellini, Champollion's Begleiter auf der Reise 168 Hierokles Hieronymiten nach Ägypten, in den „Alonumenti ra- vsux cle keu A4. 6dampoIIion sur les (Par. 1832) an, indem er namentlich darthrt, daß Champollion in der Erklärung mancher Zeichen oster geschwankt und ge. wechselt habe. Allein dies hatte Champollion selbst nicht vs-rhehlt, und cs werden dadurch die Hauptpunkte der Champollion'schen Erklärungen, namentlich die Nachweisungen, -wie die Hieroglyphen in vielen Eigennamen alphabetisch gebraucht wurden, durchaus nicht uni- gestoßen. Seine Nachweisungen sind durch entsprechende griech. Texte zu sehr gesichert, als daß über ihre Richtigkeit noch Zweifel gehegt werden dürsten. Daher haben auch Cham- pollion's Ansichten immer mehr Geltung gewonnen und eine Reihe ausgezeichneter Männer seinem Systeme sich angcschloffen, wie Salvolini („Lum^sgne <>e Rumse«", Par. 1835, und ,,^n»I)'se grsmmatical« 819 auch Spohn (s. d.) in Leipzig mit der Entzifferung der rosetteschen Inschrift und der cnchorischcn Papyrusrollen beschäftigt. Er ging von richtigen Anfängen aus, indem er die Eigennamen der enchorischcn Abtheilung jener Inschrift ebenso las wie Aoung, glaubte aber mit dem hieraus sich ergebenden Alphabete auch alles Übrige alphabetisch lesen zu können, und lieferte dadurch eine Masse falscher Erklärungen, die ihn immer weiter vom rechten Wege abführ- ten. Vgl. seine von Seyffarth ergänzte und herausgegebene Schrift „I)e lingua et Uteri« vetsrum^eg^ptiorum" (Lpz. 1825—3 l, 4.). Seyffarth (s. d.), von Spohn's Forschungen ausgehend, lieferte ein besonderes System der Hieroglyphencrklärung. Er betrachtet die enchorischcn Schriftlichen als die ältesten, und zwar als Buchstaben, welche aus der phönizischen Schrift entlehnt und nachher zur hieratischen und hieroglyphischen Schrift durch Äusschmückung der Züge umgewandclt wurden. Vgl. seine „RutUments Uieroglz- I'kices" (Lpz. 1826, 4.). Auch er hat sei» System immer weiter ausgebildet und den Grundsatz durchzusühren gesucht, daß die Hieroglyphenschrift eine rein alphabetische sei, nicht, wie Champollion und seine Schüler annehmen, eine aus alphabetischen und symbolischen Zeichen gemischte. Vgl. seine „Grundsätze der Mythologie und der Hieroglyphen- systeme"(Lpz. 1843). Neue Entdeckungen in Beziehung auf die Inschrift von Rosette machte 1843 Lepsius auf seiner wissenschaftlichen Reise im Orient, die auch sonst für die Entzifferung der Hieroglyphen schätzbare Beiträge liefern dürfte. Hierokles ist der Name Mehrer griech. Philosophen und Rhetoren. Besondere Erwähnung verdient der Hierokles, welcher zu Ende des 3. und am Anfang des 4. Jahrh n. Chr. lebte. Er war röm. Statthalter von Dithynien und später von Alexandria, und foderte den Kaiser Dioclctian zur Verfolgung der Christen, welche im I. 302 n. Chr. stattfand, auf, für welchen Zweck er auch eine eigene Schrift verfaßte, die wir aber nur noch aus einer Gegenschrift des Eusebius kennen. —Verschieden von ihm ist der Ncuplatoniker Hierokles, um die Mitte de§ 5. Jahrh. n. Chr-, welcher zu Alexandria mit Beifall lehrte und außer mehren Werken, die wir blos noch in Bruchstücken besitzen, einen mehr philosophischen als grammatischen Commentar zu den „Goldenen Sprüchen des Pythagoras", herausgegeben von Warrcn (Lond. 1742), ins Deutsche übersetzt von Schultheß (Zur. 1778), und eine Sammlung spaßhafter Erzählungen und Einfälle, unter dem Titel „^steiu", geschrieben haben soll, die aber offenbar einer später» Zeit angehört, herausgegeben von Schier (Lpz. > 75«) und Koräis (Par. 1812); deutsch von Ramlcr (Berl. 1782). Gesammtausgaben dieser Schriften nebst den Fragmenten besorgten Pearson (Lond. 1654 und 1675) und Needham (Cambr. 1769). ' Hieronymiten odcr Hiero nymi ancr, auch Einsiedler des heil. Hieronymus, heißen die Mitglieder des um 137« von Peter Fcrd. Pecha, einem Spanier, gcstiste- ten Ordens regulirter Chorherren, welcher der Regel des Augustinus folgt und weiße Kleidung mit schwarzem Scapulier trägt. Der dritte General desselben Lupus OlivetuS gründete 1424 eine abgesonderte Congregation und gab ihr eine Regel, die «raus den Hieronymus Hieronymus von Prag 169 Werken des Hieronymus zusammenstcllte. Dieser Zwcigordcn wurde zwar in Spanien >595 mit den übrigen Hieronymiten wieder vereinigt, erhielt sich aber in Italien unter dem Namen der Lremitue 8t. -Hieran) INI lie abservontiu oder de I^nmbardis ziemlich lange. Dazu kamen in Italien die durch Karl von Montegranclli l 306 gestiftete Congregation von Fiesole, die 1668 aufgehoben wurde, sowie die durch Peter von Pisa 1377 gegründete,' aber jetzt ziemlich erloschene Congregation von Montebello. Hieronymus (Sophronius Eusebius), der Heilige, einer der gelehrtesten und fruchtbarsten Schriftsteller der altcn,.lat. Kirche, wurde 33 l oder nach Andern 332 zu Stri- don in Dalmatien von bemittelten Altern geboren, mit Sorgfalt für gelehrte Studien erzogen und zu Nom unter dem Grammatiker Donatus mit den röm. und griech. Classikern vertraut. Anfangs von dem üppigen Leben der Hauptstadt nicht unberührt, neigte er sich bald zum Christenthum; die Katakomben und Gräber der Märtyrer gaben seiner Andacht die erste Nahrung. Reisen am Rhein und in Gallien brachten ihn mit mehren christlichen Lehrern in Berührung, und um 360 wurde er zu Nom getauft. Nach einem länger« Aufenthalte zu Aquilcja begab er sich 373 nach Antiochia in Syrien, wo sich seine Neigung für das ascetische Leben entschied, und 373 in die Wüste, in der er unter Kasteiungen und exegetischen Studien vier Jahre als Einsiedler zubrachtc. Hierauf zum Presbyter in Antiochia geweiht, ging er nichtsdestoweniger erst nach Konstantinopel, umGregor von N a - zianz (s. d.), und dann nach Alexandria, umDidymus (s. d.) zu hören. In Rom, wohin ihn sein Freund, der Bischof Damasus, zog, und wo er 383 nun selbst als Lehrer auf- trat, brachte er es dahin, daß mehre vornehme Matronen mit ihren Töchtern seinen Anleitungen zum ascetische« Leben folgten. Insbesondere sind Marcella und Paula durch die geistreichen theologischen Briefe, die er ihnen schrieb, wie durch ihre seltene klösterliche Frömmigkeit berühmt geworden. Paula begleitete ihn, als er 386 nach Palästina ging, und mit ihr gemeinschaftlich- gründete er von ihren Rcichthümern bei Bethlehem ein Kloster, in welchem er bis zu seinem Tode, im 1.319 oder 320, verweilte. Aus seinen Schriften erkennt man ihn als einen thätigen Theilnehmer an den Melctianischcn, Origenistischen und Pelagianischen Streitigkeiten; überall verfocht er das System der Kirche mit Eifer, obwol seine eigenen Schriften nicht frei sind von Spuren der Hetcrodoxie. Seine vertraute Bekanntschaft mit der Bibel, die er in den Ursprachen las, hatte ihn oft auf Ergebnisse geführt, die er später mit der Kirche bestritt, und die Art seiner Schriftauslegung streift nahe an die allegorischen Deutungen des von ihm angefochtenen Origenes. Seine neue lat. Übersetzung des Alten Testaments und die verbesserte des Neuen Testaments liegt der Vulgata zum Grunde, und seine Commentare gaben dem Studium der heiligen Schrift neuen Schwung. Sein Eifer für das Mönchslebcn, das durch ihn vielfach gefördert wurde, verleitete ihn im Streite mit Iovinianus (s. d.) und Vigilantius zu Schmähschriften, die mehr von Stärke und Feuer der Empfindung als von Reife des Urtheils zeugen. Überhaupt besaß er bei einer glühenden Einbildungskraft, die seinen Vortrag lebhaft und anziehend machte, ungeachtet seiner ausgebrciteten Sprachkenntnissc, doch weniger philosophischen Geist als sein berühmter Zeitgenosse Augustinus. SeineWerke wurden zuerst vonErasmus (9Bdc., Bas. I S 20 , Fol.) und am besten von Vallarst (l I Bdc-, Verona 1733—32 ; neue Ausg., lü Bdc., Ven. 1770, Fol.) herausgcgeben. Hieronymus von Prag, der treue Gefährte des Joh. Huß (s. d.), den er an wissenschaftlicher Bildung und Beredtsamkeit noch übcrtraf, dem er aber an Mäßigung und Besonnenheit nachstand, stammte aus dem Eeschlechte von Faulfisch und wurde zu Prag geboren. Er bildete sich auf den Universitäten in seiner Vaterstadt,^ zu Paris, Köln, Oxford und Heidelberg und wurde 1399 Magister der freien Künste und Baccalaurcus der Theologie. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit war so bedeutend, daß König Wladislaw ll. von Polen ihn 1310 bei der Einrichtung der Universität zu Krakau zu Nathe zog, und König Sicgmund von Ungarn ihn in Ofen vor sich predigen ließ. Die Wicliff'schcn Lehren, die er bei dieser Gelegenheit eingcmischt hatte, zogen ihm bei der Universität zu Wien eine kurze Gefangenschaft zu, aus der ihn die Fürsprache der Präger Universität befreite. Mit ganzer Deele nahm er nun zu Prag an dem Kampfe seines Freundes Huß gegen die Misbräuche der Hierarchie und die Sittenlosigkeit der Geistlichen Antheil; doch ging er hierbei in seinem 170 Hierophant Hilarius der Heilige Eifer offenbar zu weit, wenn er die Reliquien öffentlich mit Füßen trat, die Mönche, welche ^ seine Ansichten nicht thcilten, verhaften, ja einen derselben sogar in die Moldau werfen ließ. r Die Kreuzbulle wider den König Ladislaw von Neapel und Ungarn und die päpstlichen ^ Ablaßbriefe verbrannte er l 4 ll öffentlich. Als Huß in Konstanz verhaftet worden war, s eilte H. zu seiner Verthcidigung. Da er indeß auf einen offenen Brief, in welchem er da§ , Coircil von dem Städtchen Überlingen aus um sicheres Geleit gebeten hatte, keine befried!- . gcnde Antwort erhielt, und deshalb nach Prag zurückreisen wollte, ließ ihn der Herzog von ^ Sulzbach im Apr. 1115, noch ehe die Frist der Ladung des Concils an ihn abgclaufen war, ^ in Hirschau fcstnehmen und in Ketten nach Konstanz bringen. Hier eingekerkert und verhört, blieb er anfangs standhaft, bis eine halbjährige Gefangenschaft ihn so abmattetc, daß h er sich am 23. Sept. 1115 zum Widerruf der angcschuldigten Ketzereien entschloß. Da er x aber trotzdem, namentlich auf Betrieb Ger son's (s. d.), seine Freiheit nicht erhielt, so Z nahm er in einem Verhöre am 26. Mai 1116 seinen Widerruf feierlich zurück, bekannte, h daß ihn keine seiner Sünden mehr betrübe als jene Untreue, und erklärte sich für die Grund- z sähe von Huß und Wicliff mit einer Freimüthigkcit, Kraft und Beredtsamkeit, die seinen g Gegnern Bewunderung abnöthigte, aber nichtsdestoweniger seinen Untergang beschleu- xj nigte. Schon am 30. Mai wurde er auf Befehl des Concils verbrannt. Unter Absingung ^ des apostolischen Glaubensbekenntnisses und geistlicher Lieder ging er muthig zum Scheiter- ^ Haufen und gab unter lautem Gebet seinen Geist auf. Seine Asche streute man in den Rhein, i ^ um sein Andenken auf immer zu vertilgen. Vgl. Heller/ „H. von Prag" (Lüb. 1835). b, Hieröphant hieß der erste Priester oderVorsteher der Mysterien in Eleusis (s.d.), , > welcher stets aus dem Geschlechte der Eumolpidcn gewählt ward, deren Ahnherr Eumol- h, pu s (s. d.) für den Stifter dieser Mysterien und den ersten Hierophanten gehalten wurde. ^ Der Hierophant mußte das erste männliche Alter zurückgclcgt haben und wo nicht schön, doch ohne sichtliche Gebrechen sein, ein ausgezeichnet angenehmes Organ besitzen und hin- tz sichtlich seines Wandels ganz fleckenlos sein. Er durfte nicht heirathen; doch ist es nick! unwahrscheinlich, daß man auch Verheiratete zu Hierophanten wählte und ihnen dann ' blos eine abermalige Verhcirathung untersagte. Der Hierophant stellte bei den Mysterien st, den Demiurg oder Wcltschöpfcr vor; ihm allein lag eS ob, die ungeschriebenen Gesetze zu A bewahren und zu deuten und die Einzuweihendcn in den eleusinischen Tempel cinzuführen i und nach und nach in die kleinen und die großen Mysterien cinzuweihen. Daher nannte § man ihn auch Mystagog und Prophet, und Keinem war es erlaubt, seinen Namen in Ee- U genwart eines Ungeweihten auszusprechen. Bei öffentlichen Feierlichkeiten trug er die gc- al schmückte Bildsäule der Göttin. w Highwaymen heißen in England die berittenen Räuber, die früher besonders die st, Umgebungen von London unsicher machten. Sie waren zum Theil Leute aus guter Fami- m lie, und Kühnheit und Ritterlichkeit, womit sie Räubereien ausführten, verlieh denselben einen gewissen Anstrich von Romantik. Die Schilderung eines echten Highwayman hat br Bulwer in seinem „Paul Clifford" geliefert. Wer einen Highwayman einsing, erhielt eine U gerichtliche Belohnung von 10 Pf. St. Eine höhere Gesittung, sowie die verbesserte Po- liceiordnung haben diesem Unwesen längst ein Ende gemacht. G Hilarius der Heilige, Bischof von Pictavium (Poitiers), im 1. Jahrh., einer der hx eifrigsten Verfechter des Athanasianischen Lchrbegriffs gegen die Arianer, daher „auch Use- rsticorum mslleus et llrc^elluin genannt, war zu Pictavium von heidnischen Altern auS D angesehener Familie geboren und erhielt, wie man annehmen muß, eine sehr sorgfältige na Bildung. Wahrscheinlich erst später wendete er sich dem Christenthum zu und verheiratheie z, sich. Nachdem er gegen die Mitte des 1. Jahrh. Bischof in seiner Vaterstadt geworden, S verwickelte er sich sehr bald in die damals das ganze röm. Reich beunruhigenden Streitig- sch keitcn. Anfangs durch den Kaiser Konstans geschützt, wurde er dann unter dessen Bruder, fix dem arianisch gesinnten Konstantius, nach Phrygien verwiesen, von wo aus er fortwährend , ei) eine Verbindung mit den ihm anhängenden Bischöfen Galliens unterhielt. Später wurde U ihm die Rückkehr gestattet, worauf er namentlich den des Arianismus verdächtigen Bischof N Auxentius von Mailand bekämpfte. Er starb am 13. Jan. 368, wie Einige annehmen, zu fij> Pictavium, und gelangte in späterer Zeit zur Ehre eines der größten Heiligen. Seine Werke, crl Hildburghansen HildebraudSlied 171 die khcils in Streitschriften, thcils in Commentarcn über einzelne Bücher des Alten und Neuen Testaments bestehen, wurden zuerst von Erasmus (Bas. >52:;, Fol., und oft.) her- ausgegebeu; die besten Ausgaben besorgten dann die Benediktiner (Par. 16!»:;, Fol.), die schönsten Scip. Masse! (2 Bdc., Verona 173V, Fol.), die neueste Obcrthür (3 Bdc., Würzb. 1781—88,3.). — EinaudcrcrHilarius, Bischof von Arclatc (ArlcS), gcb. um 301, gest. 339, machte sich insbesondere durch den Streit merkwürdig, den er für seine bischöflichen Rechte gegen den Papst Leo begann und, aller gegen ihn ausgesprochenen Kirchcnstra- ftn ungeachtet, bis zu seinem Tode standhaft sortsetzte. Hildburghause», die ehemalige Residenzstadt des Herzogs von Sachsen-Hildburg. Hausen, seit 1826 zum Herzogthum Sachsen-Meiningen-Hildburghauscn gehörig, in Urkunden Uilpertllusis oder Villa Hilpert, genannt, an der Werra gelegen, besteht aus der Altstadt, Neustadt und zwei Vorstädten und zählt über 3VVV E. Sic ist noch gegenwärtig der Sitz inehrer Landesbehörden und hat ein Gymnasium, ein Schullehrcrscminar, eine Bürger- und eine Industrieschule, ein Irrenhaus und ein Zucht- und Waisenhaus. Eine großartige Anstalt ist das Bibliographische Institut von I. Meyer. Das Schloß umgibt ein schöner Garten. Der Sage nach soll sie ihren Ursprung einer, vom fränk. Könige Chil- debert, Ehlodwig's Sohne, daselbst angelegten Villa verdanken; doch erst im »3. Jahrh. zur Stadt erhoben worden sein. Sie gehörte früher den Grafen von Hcnneberg und kam dann als Brautschah an den Burggrafen Albrecht von Nürnberg und als Mitgift für Al- brecht's Tochter an den Landgrafen Balthasar von Thüringen. Bei der Thcilung im I. 1335 erhielt sie der Herzog Wilhelm. Im I. 1683 wurde sie die Residenz der von Ernst des Frommen Sohne, Ernst, gestifteten Linie Sachsen-Hildburghausen. Erst seit dicserZcit wurde sie immer ansehnlicher, namentlich auch durch das von Ernst erbaute Schloß, das aber 1725 und 1778 zugleich mit einem großenTheile der Stadt abbranntc. Durch franz. Emigranten wurde unter Herzog Ernst Friedrich I. die Neustadt angelegt. Hildebert von Tours, Scholastiker und lat. Liederdichter, geb. 1057 zu Lavardin in Vcrmandois, machte seine Studien unter Leitung Gregor's von Tours und in dem Kloster Clugny, wurde hierauf Lehrer an der Stiftsschule zu Mans und 1097 Bischof daselbst. Als Erzbischof von Tours, was er 1125, nach Andern 1129 wurde, starb er am 18. Dec. 1133. Er war ein Mann, der in jeder Beziehung seinein Zeitalter Ehre machte. Seine Schriften zeigen von seiner vielseitigen gelehrten Ausbildung. Er war der Erste, der es im Abendlande versuchte, die Dogmatik in ein System zu bringen, das dann der Form nach allen folgenden Systemen zu Grunde gelegt wurde. Sein Hauptführer in der Dogmatik »rar Augustinus. Übrigens ist von ihm zu bemerken, daß er sich zuerst des Worts Trans- substantiation zur Bezeichnung der Verwandlung des Brots in den Leib Christi im Abendmale bediente. Als Philosoph verband er Originalität der Gedanken mit Hellen Ansichten und gründlichen Urtheilen. Seinen lat. Gedichten, die später beim Schulunterricht gebraucht wurden, dürste sich schwerlich etwas Gleichzeitiges zur Seite stellen lassen. Seine Werke wurden von Beaugendre herausgegeben (Par. 1708, Fol.). Htldebrandismus nennt man, in Hinsicht auf Hildebrand, den nachherigen Papst Gregor VII. (s. d.), die Herrschaft der Geistlichen und das Streben der Kirche, sich über den Staat zu erheben. (S. Hierarchie.) Hildebrandslied werden die Bruchstücke eines alliterirenden, zum Sagenkreise Dietrich's von Bern (des ostgothischen Theodorich von Verona) gehörigen Gedichts genannt. Sie erzählen, wie Hildcbrand, mit Dietrich vonOtachar(Odoacer) vertrieben, nach 36 Jahren heimkehrt und mit seinem eigenen Sohne Hadubrand känipfen muß. Die Sprache dieser in einer kasselcr, wahrscheinlich zu Fulda im 9. Jahrh. geschriebenen Handschrift erhaltenen Bruchstücke ist althochdeutsch mit thüring. Formen; herausgcgcben sind sie in vortrefflichem Facsimile von W.Erimm (Gött. 1830); in hergestelltem Text und mit erschöpfenden Erläuterungen von Lachmann, in den Schriften der berliner Akademie der Wissenschaften (1833). Die sagenhafte Begebenheit gehört zu denen, von welchen das Volk in Deutschland am längsten gesungen hat. Eine Handschrift des 15. und gedruckte ßiegende Blätter des > 5., 16. und 17. Jahrh. haben ein Volkslied vom alten Hildebrand erhalten, das in» Ganzen denselben Inhalt hat; die Form desselben gehört dem 15. Jahrh. 172 Hildebrandt (Ferd. Theod.) Hildebrandt (Georg Friede.) an; am besten ist es herausgcgcben von den Brüdern Erimm in „Die beiden ältesten deutschen Gedichte u. s. w." (Kaff. >812). Hildebrandt (Ferd. Theod.), einer der bekanntesten Künstler der düsseldorfer Schule, geb. am 2. Juli 1804 zu Stettin, widmete sich der Kunst seit l820 in Berlin unter der Leitung W. Schadow's, welchen er 1820 nach Düsseldorf begleitete. In der Folge wurde H. selbst erst Lehrer, dann Professor an der Akademie zu Düsseldorf, wo er bereits eine ziemliche Anzahl Schüler gebildet hat. Seine bedeutender» Werke, welche zum Theil der düsseldorfer Schule den ihr eigenthümlichen Typus aufdrückcn halfen, begannen mit seinem „Faust" (1825) und mit „König Lear um Cordclia trauernd" (1826), worin die Hauptfigur die vom tiefsten Schmerz durchdrungene Gestalt Ludw. Devrient's war. Ihnen folgten „Romeo und Julia" (1827), „Chlorinde" (1828), „Die Räuber" ( >820) und „Judith, im Begriff den Holofernes zu tödten" (1830). Mit Schadow besuchte er 1830 Italien; später bereiste er die Niederlande. Im I. 1832 malte er das sehr bekannt gewordene Bild „Der Krieger und sein Söhnlein"; 1834 „Der kranke Rathsherr"; dann „Die Märchenerzählerin" und > 835 vollendete er sein Hauptbild „Die Söhne Eduard's", welches sich im größer« Original zu Halbcrstadt in der von Spiegcl'schen Sammlung, in einer kleinern Wiederholung beim Grasen Raczynski zu Berlin befindet. Die ungeheure Popularität, welche dieses Bild so rasch erwarb, ist kein kleines Zeugniß dafür, daß hier der Künstler Das getroffen, was das Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit verlangt, daß er Schönheit, Charakteristik und die tüchtigste Technik zu einem Ganzen verschmolzen hat. Unter seinen später« Bildern sind „DieChorknaben bei der Vesper" besonders ausgezeichnet; auch lieferte er vorzüglich vortreffliche Bildnisse. Seine freiem Com- positionen bewegen sich meist auf dem Gebiet des geschichtlich aufgefaßten Genre; seine Darstcllungsweise, welche vor Allem die Charaktere, die Natur ins Auge faßt, von dem Moment aber oft abstrahirt, kommt gewissermassen mit der Nembrandt's und der Schüler desselben überein, nur arbeitet H. nicht auf solche gewaltige Contraste hin. Er ist unter den düsseldorfer Künstlern der früher« Periode derjenige, welcher am wenigsten von stilistischen Äußerlichkeiten abhängt; frei schloß er sich von jeher der Natur an, aus der er fortwährend seine besten Kräfte schöpft. Auch ist sein Kolorit so warm, fein und frisch, wir man es bei wenigen düsseldorfer Künstlern findet. Hildebraildt (Georg Friedr.), ein ausgezeichneter Arzt und Naturforscher, geb. am 5. Juni >764 zu Hannover, besuchte das dasige Gymnasium und bezog 1780 die Universität zu Göttingen, wo er sich der Heilkunde widmete. Nachdem er >783 promovirt hatte, erkrankte er an einem hitzigen Fieber, in dessen Folge das ganze Gefäßsystem seines schon früher durch einen Stur; geschwächten linken Beins ergriffen wurde, was ihm sein ganzcS Leben hindurch viel Beschwerde verursachte. Nachdem er einen Theil Deutschlands bereist, Paris besucht und sich eine Zeit lang in Berlin aufgehalten hatte, wurde er 1785 Professor der Anatomie am anatomisch-chirurchischen Institut zu Braunschweig und bald nachher auch Assessor des Obersanitätscollegiums. Im I. 1703 ging er als ordentlicher Professor der Arzneikunde nach Erlangen, wo er 1700 die Professur der Chemie und 1700 auch noch die der Physik übernahm, 1704 Hvfrath und 1804 Geh. Hofralh wurde. Obgleich er sich eigentlich von aller Praxis lossagen wollte, so konnte er es doch nicht verhindern, daß immer eine ziemliche Anzahl von Kranken, durch seinen Ruf bewogen, sich ihm anvertrautcn. Er besorgte dieselben, sowie sein Lehramt, mit der größten Gewissenhaftigkeit bis kurre Zeit vor seinem Tode, der nach langjährigen schweren Leiden am 23. März 1816 erfolgte. Als Mensch wie als Arzt und Lehrer war er gleich ausgezeichnet; seine wissenschaftliche Ausbildung aber bezeugen seine Schriften, namentlich das „Handbuch der Anatomie des Menschen" (4 Bde., Braunschw. 1780—02; 4. Aust, von E. H. Weber, 1830—32); die „Geschichte der Unreinigkeiten in dem Magen und in den Gedärmen" (3 Bde., Braunschw. 1780—00); „Über die blinden Hämorrhoiden" (Erl. 1705); „Lehrbuch der Physiologie des menschlichen Körpers" (Erl. 1706; 0. Aufl. von Hohnbaum, 1828); „Taschenbuck für die Gesundheit" (Erl. 1800; 0 . Aust-, 1820); „Anfangsgründe der dynamischen Naturlehre" (2 Bde., Erl. 1807; 2. Aufl., >821) und das „Lehrbuch der Chemie als Wissen- schaft und Kunst" (Erl. 1816 ), wozu Bischofs einen Anhang lieferte Hildegard Hildesheim 173 Hildegard, die Heilige, bekannt durch ihre Visionen und Offenbarungen, wurde zu Böckelheim in der Grafschaft Sponheim um I "98 vonadeligen Altern geboren und vom achten Jahre .an in dem Kloster Disibodenberg im Fürstenthum Zweibrücken erzogen, dem sie später als Äbtissin Vorstand. Als dasselbe die Zahl der Nonnen, welche der Ruf ihrer Heiligkeit herbeizog, nicht mehr zu fassen vermochte, gründete sie lI8ä ein neues Kloster auf dem Nupertsbergc bei Bingen, dem sic bis zu ihrem Tode im I. 1197 Vorstand. Ihre sogenannten Offenbarungen sind ein seltsames Gemisch von Wahrheit und Jrrthum. Mit Freimuth und Kühnheit sprach sie gegen das Verderben und die Mißbrauche der Kirche, sowie gegen die Laster des Klerus; mit großer Bestimmtheit verkündete sie die Zeiten der Rache und der Verfolgung, welche über die Geistlichen und die Kirche kommen würde, sowie der Läuterung der Kirche zu einer allgemein herrschenden Frömmigkeit; auf die anschaulichste Weise wußte sie dabei die zukünftige Erscheinung des Antichrist auf Erden, den Untergang desselben, die Reinigung der Erde durch Feuer, das jüngste Gericht und die letzten Zeiten der Herrlichkeit zu schildern. Zur Ausbreitung ihres Prophetenruss trug nächst den Reisen, die sie machte und lnif denen sie predigte und prophezeihte, besonders das Aner- kenntniß ihrer göttlichen Berufung durch den Papst Eugen HI. bei, den der heil. Bernhard von Clairvaux, der sie auf seiner Reise in Deutschland ausgesucht hatte, mit ihren Offenbarungen bekannt gemacht hatte. Auch die Papste Anastasius IV. und Hadrian IV., der Kaiser Konrad und selbst der Kaiser Friedrich I., sowie viele andere hohe Geistliche und Fürsten erkannten nicht nur ihre erhabene göttliche Würde an, sondern legten auch die wichtigsten geistlichen und weltlichen Angelegenheiten ihr zur Entscheidung vor. Unter ihren zahlreichen Schriften, denen manches Unechte beigemischt ist, sind die ,,8civis« (d. i. seien? vias) seu visiniium et rerelationiim libri III" (Köln 1628, Fol.) das 'wichtigste. Vgl. Meiners, „De 8. HiltleFariii« vita, seicht',« et ineriti«" (Gött. 1793) und Dahl, „Die heilige H." (Mainz 1832). Hildesheim, ein Fürstenthum, welches ehemals zum niedersächs. Kreise gehörte und bis 1803 ein reichsunmittelbares Bisthum war, begrenzt von kalenberg., lüneburg., braun- schweig, und halberstädtischem Gebiete, umfaßt ungefähr 32 OlM. mit etwa 138000 E. und bildet einen Theil des nach ihm benannten hannov. Landdrosteibezirks, zu dem noch die Fürstenthümer Göttingen und Erubenhagen und die Grafschaft Hohenstein gehören, so- daß er ein Areal von 80 L7M. mit 368130 E. enthält. Das Fürstenthum ist die ergiebigste Provinz des Königreichs Hannover und zeichnet sich besonders durch die gleichmäßige Güte des Bodens von den übrigen hannov. Landschaften aus. Während die Leine, Innerste, Fuse und Ocker dasselbe nach allen Seiten durchströmen, finden Berge, namentlich Ausläufer des Harzes und der Deister mit seinen Nebenbergen, sich nur in dem süd- lichen Thcile. Die Mehrzahl der Bewohner sind Katholiken, in den Städten aber herrscht die evangelische Kirche vor; auch leben in dem Fürstenthum die meisten Juden. Außer den Stein- und Kalksteinbrüchen und dem Bergbau sind Ackerbau und Viehzucht, Salz - und Tabacksbau, Holz - und Torfhandel die Hauptnahrungszweige der Bewohner, und H. und Goslar die größten Städte. Da§ Stift und Bisthum dankt seinen Ursprung Kaiser Karl dem Großen, der es zur Bekehrung der Sachsen im I. 796 gründete und ihm die zwölf südlichen ostfälischeu Gaue als Sprengel anwies. Unter seinen zum Theil historisch dunkeln ältern Bischöfen tritt zuerst seit 993 als ein Lichtpunkt der heil-Bernward (s. d.) hervor, der die Gunst, in welcher er als Erzieher Kaiser Otto's UI. und als Reichskanzler am kaiserlichen Hofe stand, dazu benutzte, sein Stift reichlich auszustatten. Unter seinen Nachfolgern in der frank. Kaiserperiode, wo das Neichsoberhaupt oft in H- oder auf den benachbarten Pfalzen Hof hielt, entfaltete sich diese Blüte noch mehr, sodaß zu Ende des Jahrh. das Domcapitel 50 Präbcnden zählte und 25 Klöster ihm untergeben waren, -in gleichem Verhältnisse wuchs auch die Territorialmacht, indem die Bischöfe bald die bedeutendsten Territorien ihres Sprengels, wie in der Mitte des 12. Jahrh. den Ambergau mid die Grafschaft Wüuenburg, an sich brachten und sich jederzeit vor der gefährlichen Oberhoheit des in der Diöcese stark begüterten braunschw. Hauses zu wahren wußten, auch bereits von Kaiser Friedrich II. eine förmliche Anerkennung ihrer Reichsunmittelbarkcit erlangten. Doch hatte das Bisthum bei dem oftmals erneuerten Kriege seiner Bischöfe mit ^»1 V-. L', 174 HM den weltlichen Fürsten inzwischen auch viele Drangsale zu leiden gehabt. Unter Bischof Udo, der dem Kaiser Heinrich IV. treue Anhänglichkeit bewies, wurde dasselbe durch die , sächs. Fürsten, unter Bischof Hermann (I 169 -69) durch Heinrich den Löwen, später , durch den Erzbischof von Köln verwüstet. Die Fehden mit den benachbarten Fürsten i dauerten auch unter den Bischöfen Gerhard und Johann III. fort, welcher letztere, nach , wiederholten Verwüstungen seines Stifts, seinen mächtiger» Feinden unterlag. Auch , fehlte cs nicht an häufigen Streitigkeiten und Händeln der Bischöfe mit der Stadt Hildes- , heim, die oft durch die Waffen mit großer gegenseitiger Erbitterung ausgcfochten wurden. r Nichtsdestoweniger war das Stift, welches nach und nach auch die noch übrigen in seinem l Sprengel gelegenen Grafschaften, wie Peine, die aber durch Albrecht von Braunschweig j 1269 zur Hälfte dem Bischof Johann entrissen wurde, Schladen, Dassel und Woldenberg i unter den Krummstab brachte, in stetem Wachsthum begriffen, bis > 521 die denkwürdige , Hildesheimer Stiftsfehde ausbrach, in welcher die Herzoge von Braunschwcig als t Erecutorcn der über den Bischof Johann IV. von Kaiser Karl V. verhängten Ncichsachl j den größten Theil der Stiftslande eroberten und in dem Vertrage zu Quedlinburg vom I. 1523 förmlich abgetreten erhielten; dem Bischof aber nur die Dompropstei und die Ämter t Steucrwald, Marienburg und Peine unter dem Namen des kleinen Stifts verblieben. n Erst dem Bischof Ferdinand gelang es, nach langen Streitigkeiten und nachdem der Prote- f stantismus im Lande weit um sich gegriffen hatte, während der Wirren des Dreißigjähn- ^ x gen Kriegs und durch Tilly's Hülfe und in Folge eines 1633 mit den Herzogen von Braun- > g schweig-Lüneburg geschloffenen Vergleichs das sogenannte große Stift, mit Ausnahme der d Ämter Lutter am Barenberge, Dachtmissen, Koldingcn undWesterhofen zurückzuerhalten. st Da nun aber alle Städte, der größte Theil des Adels und selbst viele Dörfer sich zur pro- d tcstantischen Kirche bekannten, während das Bisthum katholisch war, so kam nach langem ^ I Streite mit Herzog Georg von Braunschweig, der sich der vom Capitel bedrückten protestantischen Stände annahm, 17 11 endlich ein Neligionsreceß zu Stande, in welchem den » Untcrthanen Religionsfreiheit zugesichert wurde. Unter dem Bischof Franz Egon von Für- ' g stcnberg (gest. 1825) kam das Bisthum durch den Neichsdeputationsschluß >893 an z, Preußen, als damaligen Inhaber Hannovers, worauf es im tilsiter Frieden von 1897 dem v> Königreich Westfalen einverleibt und >813 von Hannover in Besitz genommen wurde, ir dem es 1815 der wiener Congreß definitiv zusprach. Vgl. Lüntzel, „Die ältere Diüccse H." di (Hildesh. 1837). Die Stadt Hildesheim, an der Innerste, ist sehr altcrthümlich ge- tr baut, mit unregelmäßigen meist engen Straßen und besteht aus der Alt- und Neustadt und d> der Vorstadt Moritzburg. Sic ist der Sitz eines 1823 neuvrganisirken Stifts, dessen der- al maliges Oberhaupt, der Bischof Jak. Jos. Wandt, 1832 installirt wurde, und der oberste» I Behörden der Landdrostei und zählte 1833 mit Einschluß der Vorstadt 15617 E., dar»»- m ler 5299 Katholiken und 379 Juden. Von den zahlreichen Kirchen werden vier von den se Protestanten, sechs, mit Einschluß der in der Vorstadt, von den Katholiken gebraucht, dar- S unter der ehrwürdige bald nach dem großen Brande von 1936 wiederaufgebaute Dom, >v mit vergoldeter Kuppel, herrlichen mit Reliefs verzierten ehernen Thorflügeln, schönen O Glasmalereien und der vor dem hohen Chorebefindlichen angeblichen Jrmen säu l e (s.d.). en Außerdem besitzt die Stadt ein Schloß, ein protestantisches Gymnasium, Andreanum ge- kc nannt, mit nicht unbedeutender Bibliothek, und ein katholisches mit einem Priesterseminar, ke eine Taubstummenschule (seit 1839), ein Staatsgefängniß; ferner ein Strashaus für ka- zn tholische Geistliche, wozu man das ehemalige Kapuzinerkloster, eine Arbeits- und Erste- S hungsanstalt, wozu man 1818 die alte Karlhäuscrkirche, eine Jrrenstalt, wozu man >828 be das ehemalige Michaelisklostet verwendete, zwei Waisenhäuser und ein seit 1839 aus den vcr- lei schiedcnen Hospitälern combinirtes allgemeines Hospital. Die Hauptnahrungsquellen der Bewohner sind lebhafter Handel mit Getreide, Garn und Leinwand, und Gewerbe. H- ge- A hörte ehemals zu den Hansestädten und war eine sogenannte Landstadt Heinrich des Löwen- , D Die Streitigkeiten der Stadt mit den Bischöfen veranlaßten die erstere im J. 1333 zu einem er Schutz- und Trutzbündniß mit Hannover, in Folge dessen Kurbraunschweig bis zu Änfange ste dieses Jahrhunderts die Erbschutzgerechtigkeit, sowie das Besatzungsrecht in H. behielt. su Hill (Sir Nowland, Baronet von Almaraz und von Hawkslone, Viscount), er Hillel Hiller (Job. Adam) 175, berühmter engl. Heerführer im Kriege gegen Napoleon, geb. in England 1772, begann seine militairische Laufbahn als Fähnrich im33.Linien-Jnfanterieregimentcund that seine erste Waffenthat als Hauptmann bei der Belagerung von Toulon. Schnell rückte er vom Adjutanten zum Major auf; als Obcrstlicutenant wurde er 1801 in Ägypten verwundet, als Generalmajor ging er > 808 nach Spanien. Hier zeichnete er sich namentlich bei Vi- meira und Talavera aus. An des verwundeten Plaget's Stelle erhielt er 1800 als Gene- rallieutenant den Oberbefehl über dessen Corps, worauf er Wellington im fcrnern Verlauf des Kriegs besonders bei Ciudad Nodrigo und vor der Schlacht von Salamanca die wichtigsten Dienste leistete. Zur Belohnung dafür wurde er zum Baronet von Almaraz und >815 von Hawkstone, zu welcher Zeit er vor Wellington s Ankunft das Commando über das zweite brit. Armeecorps in Belgien führte, das er dann an diesen abgab. Namentlich zeichnete er sich auch bei Waterloo aus. Nach Wellington's Rücktritt imJ. 1834 wurde er mit dem Range eines Feldzeugmeisters Oberbefehlshaber der brit. Armee, legte aber diesen Posten im Frühjahr 1842 nieder, wobei er die Pairswürde erhielt und starb am 10. Dec. 1842. Hillel, ein jüd. Gelehrter und Rabbi zur Zeit Christi, stammte aus Babylonien und trug zum nachmaligen Emporblühen der jüd. hohen Schulen zu Liberias, Lydda, Cäsarea u. s. w. dadurch bei, daß er zuerst bei seinen Lehrvorträgen zu Jerusalem über das Alte Testament kritisch-exegetische und paläographische Bemerkungen machte, die mündlich fortge- pflanzk und alsMasora (s. d.), d. i. Überlieferung, allmälig gesammelt wurden. Übrigens gehörte er der Sekte der Pharisäer an und stand als solcher an der Spihe einer besonder» Schule, die der des Schammai entgegengesetzt war. — Ein anderer Hillel, der sich um Feststellung des jüd. Kalenders Verdienste erwarb, lebte um 340 n. Chr. — Außerdem kennt die Geschichte der jüd. Literatur noch zwei Gelehrte gleiches Namens, aus dem 12. und 15. Jahrh., welche in Italien auftraten. „Hiller (Gottlieb), bekannt unter dem Namen des Naturdichters, der Sohn armer Ältern, wurde am 15. Oct. 1778 zu Landsberg in der jetzt prcuß. Provinz Sachsen geboren, und zeigte von Jugend an Neigung und Fähigkeit zum Lernen. Üm sich sein Brot zu erwerben, diente er erst als Lohnsuhrmann, später beschäftigte er sich mit dem Flechten von Taubennestern und dem Streichen von Lchmziegeln. Durch Wieland's Schriften, welche ihm in die Hände kamen, zum Dichten angeregt, verfertigte er 1801 sein erstes Gedicht, und zwar auf eine im Spätherbst gefundene grüne Schote. Dieser Gelegenheiksdich- tung, welche sich auf meist sehr kleinliche Anlässe beschränkt, blieb er auch ferner getreu, doch verschafften ihm dieselben einen solchen Namen, daß er in den Kreisen der großen Welt als ein Phänomen oder besser als eine Curiosität gute Aufnahme fand, reich beschenkt und 1803 auf Veranlassung des Prinzen Louis Ferdinand in Berlin dem Könige und der Königin von Preußen vorgcstellt wurde. Auf Zureden seiner Freunde gab er eine Sammlung seiner „Gedichte" (Köthen 1805) auf Subscription heraus und begleitete sie mit einer Telbstbiographie, welche interessanter ist als die Gedichte selbst, denen es nicht an einer gewissen Gewandtheit und formellen Ausbildung, aber durchaus an Jdeenreichthum und Originalität fehlt. H. war, wie die meisten deutschen Naturdichter der neuern Zeit, wol ein Dichter aus dem Volke, aber keiner für das Volk, und statt sich an die Eigenthümlich- kcit und die Bedürfnisse desselben zu halten, suchte er durch regelrichtige Form der gebildeten Classe zu gefallen. Selbst Goethe lenkte auf ihn die Aufmerksamkeit, indem er ihm zwar nur sehr beschränkte dichterische Verdienste, aber um so mehr Gerad- und Rechtsinn, Sittlichkeit und Ünbestechlichkcit des Urtheils gegen jede Art von Umgebung zugestand. H. beschrieb noch seine„Ncisen durch Sachsen, Böhmen, Ostreich und Ungarn" (Köthen 1808), lebte längere Zeit in Wien und starb zu Bernau bei Berlin > 826 in gänzlicher Vergessenheit. Hiller (Joh. Adam), ein verdienter deutscher Musiker, geb. am 28. Dec. >728 zu Wendischossig bei Görlitz, legte auf dem Gymnasium zu Görlitz und aus der Kreuzschule zu Dresden unter Homilius den Grund zu seiner musikalischen Bildung. Im I. 1751 bezog er die Universität zu Leipzig, um die Rechte zu studircn; hierauf wurde er 1754 Hofmeister des jungen Grafen Brühl, mit dem er 1758 wiederum die Universität zu Leipzig besuchte. Damals setzte er Eellert's geistliche Lieder in Musik, doch durch Hypochondrie wurde «von größern musikalischen Arbeiten abgehalten. Im I. >760 legte er seine Hofmeister- 176 Hiller (Ioh, Freiherr) Himalaja stelle nieder; auch lehnte er einen Ruf als Professor nach Petersburg ab, und gab nun den „Musikalischen Zeitvertreib" heraus, das erste periodische Werk der Art in Deutschland. Das leipziger große Conccrt, dessen Leitung er 176:; übernahm, verdankt ihm im Wesenk- lichcn seine Einrichtung; auch errichtete er >771 eine Singschule für Frauen, in welcher viele treffliche Sängerinnen gebildet wurden. In Folge einer Reise mit seinen Schülerinnen, den Schwestern Podleski, nach Mitau, erhielt er vom Herzog von Kurland den Kapellmeistertitel. Durch seine deutschen Operetten, die er auf Veranlassung des Thcater- unternehmers Koch schrieb, und von denen namentlich „Die Jagd" einer großen Popularität sich erfreute, führte er diese bis dahin ungekanntc Gattung ein. Als Cantor und Musikdirektor an der Thomasschule, was er 1789 wurde, ließ er sich die Verbesserung deS Kirchengesangs sehr angelegen sein. Er brachte die fast vergessenen Werke Händcl's wieder zur Aufführung, und sein „Choralbuch" erlangte, mancher Ausstellungen ungeachtet, die man nicht mit Unrecht in harmonischer Hinsicht an demselben machte, eine allgemeine Verbreitung. Nachdem er 1861 in Ruhestand verseht worden, starb er am 10. Juni 1864 an gänzlicher Entkräftung. An seinem hundertjährigen Geburtstage errichtete ihm die Dankbarkeit seiner Schülerinnen, der drei Schwestern Podleski, ein Denkmal in den Anlagen vor der Thomasschule zu Leipzig. Hiller (Ioh. Freiherr), östr. General, geb. zu Wienerisch-Neustadt am 16. Juni 1754, diente seit 1776 in der östr. Artillerie, in die er als Gemeiner eintrat und machte, nach und nach zum Generalmajor aufgestiegen, den bair. Erbfolgekrieg, die Kriege gegen die Pforte, 1788—91, die Feldzüge gegen Frankreich, 1792—97und >799 —1861 in den Niederlanden, Italien und Deutschland mit. Beim Ausbruche des Kriegs gegen Napoleon im I. 1865 wurde er Feldmarschalllieutenant; sein Feldherrntalent zu zeigen, fand er in- deß erst 1809 Gelegenheit, wo er am 24. Apr. unter den mislichstenUmständen denBcfchl über ein Armcecorps unter dem Erzherzog Karl erhielt, und besonders in der Schlacht bei Aspern großen Ruhm erntete. Im I. 1813 befehligte er als Feldzengmcister das Heer an ^ den Grenzen Jllyriens, bestimmt, diese damals franz. Provinz zu erobern und weiter nach Italien vorzudringen, bis er im Dec. zur großen Armee gerufen wurde. Bei der Rückkehr nach dem ersten pariser Frieden wurde er commandirender General von Galizien, und starb zu Lemberg am 5. Juni 1819. — Sein Neffe, Ioh. Aug. Friedr. Freiherr H. von Eärt ringen, geb. in Magdeburg 1772, machte in preuß. Diensten die Feldzüge in Holland und am Rhein mit und wurde 1866 gefangen. Im I. 1812 zum Major, hierauf zum Gouverneur von Spandau, 1813 zum Adjutanten Dorck's und sodann zum Brigade- commandanten ernannt, führte er nun den Vortrab des Dorck'schen Armeecorps. In der Schlacht bei Leipzig trug er wesentlich bei zur siegreichen Entscheidung des Treffens bei Möckern, wo er indeß auch verwundet wurde. Im I. >81 t befehligte er als Oberst die Infanterie der Avantgarde unter dem Prinzen Wilhelm von Preußen und >815 die zehnte Brigade, mit der er bei Waterloo rühmlich zur Entscheidung mitwirkte. Hierauf wurde er Generalmajor und Kommandant von Stettin, 1817 als Commandeur der Division nach Posen und 1826 in gleicher Eigenschaft nach Breslau verseht, und hierauf zum Eeneral- lieutenant befördert. Als solcher nahm er 1836 seine Entlassung aus dem activen Dienst. Himalaja, d. i. im Sanskrit Heimat des Schnees, wird das große Gebirge Mittelasiens genannt, das im Nordostcn Vorderindiens sich in einer Länge von 37v und in einer durchschnittlichen Breite von 45 M. von dem Hindukusch oder den Grenzen Afghanistans an bis zur chines. Grenze als südliches Randgebirge des großen Plateau von Inner- asten zieht und die Scheide zwischen Hindostan und Tibet bildet. Der Himalaja erhebt sich , in drei Hauptketten, die stufenweise hintereinander aufsteigcn, aus den Ebenen Hindostans, um von hier aus die Vormauer wie den Übergang zu dem Tafellande von Jnnerasien zu bilden, das hinter ihm auf seiner Nordostseite beginnt. Die erste von jenen drei Ketten er- . reicht nur eine Höhe von 3266 F. über dem Meere und ist hauptsächlich aus Sandstein ge- ^ bildet. Eine Reihe von Längenthälern, Duns genannt, scheidet in der Regel diese Sandsteinkette von der zweiten, vorzugsweise aus verschiedenen Schiefcrarten bestehenden und nur selten von Granit durchbrochenen, deren Höhe zwischen 3266 und 8 106 F. schwankt, und deren höchste Punkte auf der Nordwest- und Südostseite auftrcten, sodaß ihre Mitte Himalaja 177 ein tieferes Niveau hat und gewissermaßen eine Mulde bildet. Die dritte oder Centralkett« ist der eigentliche hohe Himalaja. Ihr Grundgebirge ist Gneis, der von Granit durchbro- cheinvird, welcher die höchsten Gipfel bildet. Die mittlere Kammhöhe dieser höchsten Kette des Himalaja beträgt in seiner ganzen Länge I -170» F. Über derselben erheben sich zahlreiche Gipfel, von denen viele über 20000 F. hoch, und die sämmtlich mit Gletschern und ewigem Schnee bedeckt sind. Unter diesen Gipfeln zeichnen sich vorzüglich drei Gruppen aus: l) die in der Quellengegend des Ganges, Dschumna und Sutledsch, deren höchster Punkt, der Nanda Dewi, 24160 F. hoch ist; 2) die an den Quellen des Ghandak, in der der höchste Berg der Erde liegt, der Dhawalagiri, d. i. im Sanskrit der weiße Berg, nach Blake 26340, nach Webb 26286 F. hoch über dem Meere; 3) die, deren höchster Punkt der Tschamalari ist, welcher eine Höhe von 26266 F. haben soll. Zenseit dieser Hauxtkekte des Himalaja, im Nordosten, erstreckt sich das von vielfachen Höhen, Thälern und Senkungen durchschnittene Plateau von Tibet in einer Mittlern Höhe von l »000 F. Unzählig sind die Thäler, welcke den Himalaja durchfurchen. Fast alle Flüsse desselben entspringen hinter der Centralkette, fließen anfangs in Längenthälern und durchbrechen dieselbe dann in Querthälern in einer durchschnittlichen Höhe von 8400 F. Die Natur entwickelt in diesen Hochregionen des Himalaja die Erscheinungen der Alpengebirge in einer Großartigkeit, wie sie nirgend auf der Erde wieder vorkommt. Die Schneegrenze auf dem Himalaja ist auf seiner Südseite l l700 F. über dem Meere; merkwürdigerweise steht sie auf seiner Nordseite durchschnittlich um 4000 F. höher, nämlich 15360—1600» F., ja an manchen Orten 187 7 0 F. über dem Meere. Der Grund dieser Abnormität kiegt in der wärmestrahlenden Eigenschaft der so trockenen und darum im Sommer so heißen Pla- teaux auf der Nordscite des Himalaja. Dem Klima und der Vegetation nach kann man den Himalaja in fünfNegionen eintheilen. Die erste wird gebildet von einem breiten mit Schilf und Gestripp bedeckten Streifen Dschungel, der sich längs des ganzen Fußes des Gebirges hin erstreckt, gegen Westen immer schmäler und dünner wird, und jenseit des Dschumna wenig mehr merklich ist. Der größte Theil ist niedrig, in der Regenzeit überschwemmt und so durch Nässe und Hihe tropischen Pflanzen günstig. Im westlichen Theil, wo der Fuß des Himalaja höher und nördlicher liegt, also kälter ist, verschwinden die auffallenden tropischen Pflanzenformen und die europäischen treten an ihre Stelle. Hinter diesem Dschungelgürtel erhebt sich die zweite Region, die bis zu 4000—4700 F.Höhe ansteigt und sich so weit erstreckt als tropische Pflanzen reichen. Sic umfaßt die ganze erste Sandsteinkette und die niedrigern Theile der Schiefergebirgskette. Das Klima der Thäler dieses Gebirges wechselt als gemäßigtes und tropisches, und nur höchstsselten fällt auf den höchsten Punkten desselben Schnee. Neben dcn-Tropenpflanzen gedeihen daher auch schon Weizen und Gerste, doch ist der Reisbau noch immer vorherrschend. Die dritte Region steigt bis zu 8500 F. hinan und umfaßt hauptsächlich die zweite oder Schiefergebirgskette. Der Schnee verschwindet hier noch vor der Regenzeit, und nur in der Wärme und Feuchtigkeit dieser Jahreszeit wachsen noch tropische Pflanzen, jedoch blos krautartige. Der Baumwuchs entspricht schon ganz der gemäßigten Zone, und eine Menge curop. Fruchtbäume wächst hier wild. Da auch für diese Region die tropischen Regen noch merklich sind, so sieht man gleichzeitig auf den Höhen Weizen, Mais und Hirse und in den Thälern Reis bauen. Die vierte oder oberste Region umfaßt die Centralkette des Himalaja von 850» F. bis zur Schneegrenze. Sie entspricht den kalten und alpinen Erdgegenden; der Schnee sckmi'lzt crst im Mai oder Juni, doch steigt dann die Wärme rasch, ebenso beeilt sich die Vegetation, deren Cyklus kurz ist wie am Polarkreise. In den tiefen Theilen gedeihen noch Frucht- däume, in den Höhen nur Waldbäume; der Ackerbau reicht auf der Südseite bis zu 9400 F., auf der Nordseite bis zu l l 000, ja die Gerste bis zu 15000 F. Höhe. Über dieser Region folgt dann die fünfte, die des ewigen Eises und Schnees, welche die höchsten Gipfel des Gebirges umfaßt und ganz den Charakter der höchsten Alpengegenden trägt. Trigonome- dusche Messungen und Aufnahmen der Himalajaregionen wurden von Crawford, Cole- drooke, Hodgson und Webb unternommen und von Andern mit vielem Erfolg fortgesetzt. "Ujählig sind die Landschaften, welche innerhalb des Himalaja liegen, bald große, bald Eonv.»r' ohne bürtig, ertheilte zu Athen, wo er seine erste Bildung erhalten hatte, mit vielem Beifall Un- hunke rerrickt in der Redekunst. Vom Kaiser Julian, bei dem er in hoher Achtung stand, wmd« zixjch er nach Antiochia berufen; nach dem Tode desselben kehrte er im I. 363 nach Athen zu- „jcht rück, wo er um 386 n. Chr. im hohen Alter starb. Von seinen vielen Prunk - und Eeli- Acht, genheitsreden, die ganz die Schwulst und Affectation der damaligen Zeit an sich trug«, werfe haben sich 24 vollständig erhalten, herausgegeben von Wernsdorf (Gött. l 790). «hige! Himly (Karl Gust.), ein verdienter Ophthalmolog, geb. am 30. Apr. 1772 j» dieLu Braunschweig, wo sein Vater geheimer Cabinetsrath war, besuchte seil >790 das anale- Anseh misch-chirurgische Collegium daselbst und bezog 1792 die Universität zu Göttingen, woer wirst, namentlich Blumcnbach und A. G. Richter hörte, welcher letztere ihn 1794 zu seinem Hinm Gehülfen nahm. Nachdem er kurze Zeit als Volontair in den Lazarethen der preuß. Arm« stellen am Rhein gedient hatte, wurde er 1795 Professor der medicinisch-chirurgischen Klinik in Hebrä Braunschweig. Von hier folgte er dem Rufe als ordentlicher Professor der Medicin nach überir Jena. Schon im nächsten Jahre ging er in gleicher Eigenschaft nach Göttingcn, wo er zu- Erde l gleich Director des akademischen Hospitals und später zum Hofrath ernannt wurde und Acht, lange Zeit mit Beifall und Erfolg wirkte, ohne jedoch, wie es scheint, die innere Befried!- nie» l gung zu finden, welche eine solche Wirksamkeit eigentlich gewährt. Wenigstens gibt sein sonder Tod in der Leine am 22. März 1837, den er höchst wahrscheinlich selbst suchte, gegründete Käu,,' Veranlassung zu dieser Vermuthung. Ein eigenthümliches Verdienst erwarb er sich um die lirdob Augenheilkunde, insbesondere auch durch die von ihm für diesen Zweig der Medicin ge- ten A> gründete und dann mit I. A. Schmidt fortgesetzte Zeitschrift („Ophthalmologische Biblio- jelang thek", 3 Bde., Bremen >80l—7). Nächstdem sind von ihm noch zu erwähnen „Lehr- sehen, buch der praktischen Heilkunde" (Bd. I,Gött. 1807; 2. Aufl., 1816); „Einleitung i" glaub, die Augenheilkunde" (Jena 1806; 3. Aufl., Gött. 1830) und die von seinem Sohne ldaßag, herausgegebene Schrift „Die Krankheiten und Ausbildungen des menschlichen Auges und sondm deren Heilung" (Berl. 1842—43, 4.). Mit Hufeland gab er von 1809—14 das „Jour- gab L nal für praktische Heilkunde" heraus. Er war als praktischer Arzt und Augenopcrateur Himmel 179 V°" vielbeschäftigt und glücklich, als klinischer Lehrer geachtet, als Schriftsteller aber für seine Stellung nur zu wenig fruchtbar. — Sein Sohn, Ernst Aug. Wilh. H., Professor der Medicin zu Göttingen, geb. am 13. Dec. 1800 zu Braunschweig, besuchte die Gymnasien M ^ Göttingen und Holzminden und studirte zu Göttingen, wo er «823 die medicinische dem Doctorwürde erlangte und durch seine „Ommentatio cke cscbexii« et eucockzmiiz" d« (Gött. t 823, 4.) den von der medicinische» Facultät ausgesetzten Preis gewann. Hierauf s dir machte er eine wissenschaftliche Reise durch einen großen Theil Deutschlands, nach Paris, London, Edinburg und Dublin und in die Niederlande. Nach der Rückkehr trat er > 825 T't in Göttingen als akademischer Lehrer auf und wurde >832 zum außerordentlichen Prv- ftssor ernannt. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen „Beiträge zur Anatomie und !luS- Physiologie" (2 Lieferung, Hannov. > 82S—3 l, 3.) und „Einleitung in die Physiologie des Menschen" (Gött. 1835). Himmel, Himmelskugel, Himmelsgewölbe oder Firmament, nennt man 'üch' das scheinbare Gewölbe, das sich in der Gestalt einer hohlen Halbkugel über der Erde ausbreitet und bei Tage, wenn keine Wolken vorhanden sind, blau, in der Nacht aber dunkel und mit Sternen bedeckt erscheint. Im Alterthum hielt man den Himmel seiner Erschei- u»> nung gemäß für ein festes Gewölbe, an welchem die Sterne angeheftet wären, und nahm dm sogar mehre übereinanderliegende Himmelskugeln oder Sphären an, um die verschiedenen, >dn voneinander abweichenden Bewegungen der einzelnen Himmelskörper zu erklären. Wir > wissen jedoch, daß jenes scheinbare Gewölbe nichts ist als der leere Raum (Weltraum), in ssl' welchem die Himmelskörper, und mit ihnen auch die Erde selbst, schweben. Übrigens erhitz scheint uns der Himmel bei völlig freier Aussicht genau genommen nicht als ein halbkugel- > d« förmiges, sondern als ein beiweitem flacheres Gewölbe; am Horizont scheint er uns ent- fernter als in der Höhe, was man aus der Menge der Gegenstände erklärt, die wir zwi- D schen uns und den Grenzen des Horizonts erblicken. Die blaue Farbe des Himmelsgewölbes rührt von dem Sonnenlichte her, welches die die Erde umgebende Luft zurückwirst; > V' ohne diese würde der heitere Himmel auch am Tage, mit Ausnahme der Sonne, selbst ganz lln' dunkel erscheinen müssen. Daß aber der Himmel gerade blau und nicht weiß erscheint, ob- mdl gleich das Sonnenlicht farblos ist, hat seinen Grund darin, daß die reine, dunstfreie Luft p nicht alle Arten farbigen Lichts gleich gut zurüLwirft, sondern vorzugsweise das blaue ötlt' Licht, während sie das rothe und gelbe vorzugsweise durchläßt. Die wässerigen Dünste g», werfen dagegen alle Arten von Licht ziemlich gleichmäßig zurück, daher das weißliche milchige Ansehen des Himmels, wenn die Luft mit vielen Dünsten erfüllt ist; je dunstfreier 1 i" die Luft ist, desto dunkler erscheint das Blau des Himmels. Auf hohen Bergen ist das ot°> Ansehen des Himmels viel dunkler, weil dort die dünnere Luft viel weniger Licht zurück- w n wirft, sodaß man wol am Tage Helle Sterne sehen kann. Die künstliche Darstellung des nem> Himmels oder der Himmelskugel nennt man gewöhnlich Globus (s. d.). —Die Vor- m« siellung, daß der Himmel ein festes Halbgewölbe sei, findet sich auch in der Bibel. Die k io Hebräer unterschieden einen doppelten Himmel, den ersten, wo sich die Wolken und die «ach überirdischen Wassersammlungen befinden, aus denen Regen, Schnee, Schloßen auf die ' zu> Erde Herabkommen, den zweiten, welcher, über alles Unreine erhaben und mit dem reinsten uns Lichr erfüllt, die.Gestirne enthält und der Wohnsitz Gottes und der Engel ist. Später nah- iedh men die Juden drei, auch manche sieben Himmel übereinander an. Nicht nur die Juden, sei» sondern auch die Griechen und Römer und andere Völker der alten Welt unterschieden drei bete Näume des Weltalls : den Himmel, als Wohnsitz der Götter und der reinen Geister, die l du Erdoberfläche oder die Oberwelt, als den Wohnsitz der Lebendigen, und die Unterwelt als gk' k» Aufenthaltsort der Verstorbenen. In den Wohnsitz der Götter oder in den Himmel zu >lio- ßlangen, wurde nach der Meinung der alten Welt nur einzelnen außerordentlichen Men- chr> schen tden Halbgöttern der Griechen und Römer) «erstattet, und die Juden zu Jesu Zeit ; w glaubten, daß blos Henoch, Moses und Elias in den Himmel ausgenommen worden seien, hm i drß aber auch Die, welche als Märtyrer der wahren Religion stürben, nicht in die Unterwelt, und sondren in den Himmel kämen. Diese Vorstellung ging in die christliche Kirche über und gab Veranlassung, die Engel und die Heiligen im Himmel als Fürbitter für die Mensche» lem ^2» Ä 18 « Himmel (Friede. Heinr.) Hindenburg anzusehen und sie daher um diese Fürbitte anzurufcn. Bon den andern Seelen guter Ml», schen glaubten aber die Christen, daß sie in die Unterwelt kämen und aus dieser erst beidn Auferstehung der Tobten befreit werden und in den Himmel übergehen würden. Nachbar sich aber in der christlichen Kirche vom 7. Jahrh. an die Vorstellung von der Unterwelt vn- loren hatte (s. Höll e), so glaubte man, die Seelen aller guten Menschen kämen nach dm Tode in den Himmel, den man als den seligsten Wohnort betrachtete. Seit die neuen Astronomie die wahre Natur des Himmels gelehrt hat, dient der Ausdruck Himnul noch zur Bezeichnung desjenigen glückseliger» und vollkommener» Zustandes in einer» der» Welt, in welchen die Seelen der Guten nach dem Tode zur Belohnung eintreten wn- den. Der Ausdruck aber, Gott wohne im Himmel, hat für uns, die wir im Himmel di! Weltall erkennen, den Sinn, daß Gott der erhaltende, bewegende und belebende Mittel Punkt des ganzen Weltalls ist. Himmel (Friedr. Heinr.), ein beliebter deutscher Componist,,geb.am2V.Nov.NSl zu Treuenbrietzcn in der Mark Brandenburg von unbegütcrten Altern, studirte in Hab Theologie und hatte sich nach Potsdam begeben, um zum Antritt einer FeldpredigerD das Examen zu bestehen, als Friedrich Wilhelm 1l. von seiner Fertigkeit im Klaviers»! hörte, ihn einige Mal vor sich spielen ließ und, nachdem er sich von seinem seltenen Taler überzeugt hatte, ihn durch Aussetzung eines Jahrgehalls in den Stand setzte, sich ganz ch Musik zu widmen. H. ging nun zunächst nach Dresden, wo er einige Zeit den Unterrä Naumann's genoß, und nachdem er in Berlin l 7 92 sein Oratorium „Isaak" zur AuffA- rung gebracht hatte, ernannte ihn der König zu seinem Kammercomponisten und gab iir zugleich die Erlaubniß, nach Italien zu gehen, wo er, unter andern Opern, in Neapel NS! seine „Semiramide" aufführte. Nach seiner Rückkehr wurde er an Neichardt's Stellet pellmeister und starb in Berlin am 8. Juni 181 -1. Das meiste Aufsehen erregte seincLr» „Fanchon", die viel Anmuth und Einschmeichelndes hat, den wahrhaft großen und gnv len Meisterwerken aber so wenig als irgend eine von seinen übrigen Kompositionen biiw zählen ist. Unter diesen sind noch zu erwähnen seine „Urania", seine „Cantate aus den N' Friedrich Wilhelm's l,.", seine Composition des „Vater Unser" nach Mahlmann's M tischer Umschreibung, und die Oper „Die Sylphen" (1807). Seinen Ruf verdankt!» hauptsächlich seinen sinnigen Liedercompzsitionen. Als Clavierspieler hatte er einen fiti angenehmen Vortrag und besonders einen reizenden Anschlag. Himmelfahrt bezeichnet das geheimnißvolle Scheiden Jesu von der Erde am M zigsten Tage nach seiner Auferstehung, das von dem Evangelisten Lucas als ein sichtbar! Verschwinden desselben in einer Wolke erzählt, und in dem von der Kritik als unecht»' kannten Anhänge zum Evangelium des Marcus angcdcutct wird. (S- Himmel.) Zus Andenken an die Himmelfahrt Christi feiern die Christen jährlich am vierzigsten Tage, ch am Donnerstage in der fünften Woche nach Ostern, als ein hohes Fest das Himnill- fahrtsfest, in der morgenländischen Kirche seitGregor'svon Nyssaunddes Chrysostonuil in der abendländischen seit Augustinus Zeit. In dem 8.Jahrh. bildete sich die Ansicht»"! daß Seele und Körper der Mutter Jesu von dem Sohne und seinen Engeln in den Hinm" ausgenommen worden seien. Daher feiert die röm.-katholische Kirche seit jener Zeit jähÄ am IS.Aug. das Fest der Himmelfah rt Mariä, nachdem man schon seitdem -t.Jahsi an demselben Tage deren Todesfeier begangen hatte. Himmelfahrtsinsel, s- Ascension. Hindenburg (Karl Friedr.), ein ausgezeichneter Mathematiker, der Erfinder kr combinatorischen Analysis (s. Combination), wurde zu Dresden, wo sein Vater Ka«b mann war, am 13. Juli 17-11 geboren. Seine erste gelehrte Bildung erhielt er auf dm Gymnasium zu Freiberg; hierauf bezog er, um sich der Arzneiwissenschaft zu widmen, die Universität zu Leipzig, wo er sich aber vorzugsweise mit Philosophie, Physik und M thematik, alter Literatur und schönen Wissenschaften beschäftigte. Durch Eellert's EmB lung wurde er nach beendeten akademischen Studien >768 Erzieher eines jungen He^ von Schönberg, der sich schon in seinem Knabenalter als ein mathemathisches Genie gezeichnete. Als er diesen nachher auf die Universität zu Lewzig und dann nach Göttingen «>- gleitete, gab ihm dies Veranlassung, selbst noch gründlicher als bisher Mathematik zuff- bens meir von soge im ei insel Voll nähr in de drei die d Mor Spr chen kelfa die 3 trau und woli Volke Neli derse Volk eind älkesi artig Urzei Volke halte samn fische rer,t dieA richt, die d Ware theill kern theill Fort chpu st-ns dlrF fichb Hindostan Hindus 181 M». diren, worin er später so Großes leistete. Nachdem er sich 1771 in Leipzig habilitirt, wurde ei dn er >781 außerordentlicher Professor der Philosophie und 1786 ordentlicher der Physik, chdm Erstarb zu Leipzig am 17. März >808. Unter seinen Schriften sind besonders zu erwäh- t v«, nen das mit Bernoulli herausgegebene „Magazin für reine und angewandte Mathematik" h dm (Lp;. 1786—89), das „Archiv der reinen und angewandten Mathematik" (Lpz. I7S4— >eun, SS) und seine „Combinatorisch-analykischen Abhandlungen" (Lpz. 1800). nnil Hindostan, s. Ostindien. era»> Hindus werden im Allgemeinen dieBewohner der ostind.Halbinsel diesseit des Ean- , mi. ges genannt, welche in Bezug aus Abstammung, physische und geistige Beschaffenheit, Le- el d,! bensweise, Sitten und Religion die größten Verschiedenheiten bieten. Hindu im Allge- meinen ist daher kein Volksname, sondern die umfassende Benennung einer Gesammtheit von Völkern auf dem genannten Raume. Im Besondern aber wird das große Culturvolk l'gz so genannt, das seinen Hauptsitz in dem Gangesgebiet, dem nach ihm benannten Hindostan HiL im engern Sinne hat, seine Religion, Einrichtungen und Civilisation über die ganzcHalb- M insel ausbreitete und dadurch die Veranlassung wurde, daß sein Name auch auf die übrigen eM Völker der Halbinsel in dem Maße überging, als sie seine Civilisation und Religion an- xM nahmen, bis zuletzt sein Vorherrschen auf dem bestimmt umgrenzten Raume das Bindende i,. kn in dem Begriffe dieses Namens in seiner oben angegebenen Allgemeinheit wurde. (S. I ». E dien.) Nur uncigcntlich und blos in dieser letztem allgemeinen Bedeutung können daher uffth die durch Eroberung eingedrungenen mohammedan. Bewohner Indiens, die häufig auch h jhr Mongolen heißen, obschon sie hauptsächlich pers.-türk. Ursprungs sind und Persisch ihre Sprache ist, sowie mehre noch wilde oder halbwilde Völkerschaften im Innern der eiaentli- sxH, chen Halbinsel so genannt werden. Von den letztem sind anzuführen die Eonds, ein dun- kelfarbiges, negerartiges Volk, in den nordöstlichen und nördlichen Gegenden des Dekan; gM, die Bhils, halb weiß, halb schwarz, im nordwestlichen Theilc des Dekan und auf dem Pla- teau des Vindhyagebirges, auch in den Küstenländern als Malayala und Kulies bekannt; und die Puharis in den westlichen Gebirgsdistricten von Bengalen, die sich sämmtlich so- M wol in ihrem Äußern, wie in ihrer Sprache und ihren Sitten wesentlich von den Cultur- iktii Völkern der Halbinsel unterscheiden. Aber auch die Hindus im engern Sinne, welche in n ^ Religion, Sitten und Einrichtungen ein gemeinsames Bindemittel haben, sind weder von derselben Abstammung und physischen und geistigen Beschaffenheit, noch bilden sie Ein , Volk. Man muß in ihnen zwei Elemente unterscheiden, ein eingeborenes, autochthones, und tW ein durch Einwanderung und Eroberung hinzugekommenes. Jedenfalls war in den aller- chiss, ältesten Zeiten ganz Indien von barbarischen Völkern bewohnt, wahrscheinlich theils neger- Zli« Eigen, theils malayischen Ursprungs. Von Nordwesten drang später, aber noch in der e, ch! Urzeit, ein eroberndes Volk kaukasischen Ursprungs ein, unterwarf die Vorgefundenen Ur- initl Völker, zog diese in den Kreis seiner Cultur und mischte sich mit ihnen in verschiedenen Ver- onu>! hälkniffen. Aus dieser Eroberung und Mischung entsprang das heutige Volk der Hindus au! sEmt seiner Eintheilung in Kasten. Wo die Menge der cingewanderten Eroberer in kauka» im« Stammes überwog, wie im nördlichen Indien, in den Flußgebieten des Indus und ZHÄ Ganges, da wurde die zum indogermanischen Sprachstamm gehörige Sprache der Erobe- Zaöst rer, das Sanskrit, herrschend, da bildete sich die ganze Kasteneintheilung des Volks, sowie die Religion desselben und alle damit in Verbindung stehenden Sitten, Gebräuche und Einrichtungen am strengsten aus, da wurde auch die körperliche Physiognomie des Volks mehr >er dn ^ des kaukasischen Stammes. Wo aber die eingewanderten Eroberer nicht so zahlreich Ws> Karen, wie in dem südlichen Theile Indiens, der eigentlichen Halbinsel, da erhielten sich ,f dkin Hrils die alten Urbewohner in einzelnen Überbleibseln, den angeführten barbarischen Völ- kern im Innern der Halbinsel, ganz ungemischt und ununterjocht bis auf den heutigen Tag, ^ U: Aiis ging die Mischung und Unterwerfung unvollkommener vor sich, und ein größeres mrfit Fortbestehen der alten einheimischen Sprachen, sowie des körperlichen und geistigen Grundherr der Urbevölkerung und eine weniger strenge Durchführung des Religions- und Ka- e B Hwsystems und der damit zusammenhängenden Sitten und Gebräuche war in dem Maße zen ii. ^ Folge davon, als die Mischung und Unterwerfung größer oder geringer war. Dies zeigt zu D» ^ ^ auf den heutigen Tag; während die Mehrzahl der Hindus des nördlichen Indiens 152 Hinken den kaukasischen Typus an sich trägt, Sprachen spricht, welche Tochter des Sanskrit sich, die alten religiösen und socialen Einrichtungen und Sitten in größter Ausbildung aufweiß und die alte Literatur hegt und pflegt, trägt die Mehrzahl der Hindus in der eigentlich« Halbinsel ein dem malayischen oder gar dem Negerstamm sich näherndes körperliches Ee- präge, spricht größtentheils Sprachen, die nicht vom Sanskrit stammen und zeigt an vielt» Orten mehr oder weniger bedeutende Abweichungen vom religiös-socialen System und de» Sitten und Gebräuchen der nördlichen Hindus. Die wichtigste religiös-sociale Einrichtung der Hindus ist ihre Eintheilung in Kasten. Man zählt deren vier: die der Braminen oder Brahmanen(s. d.); die Kschatrijas oder Kriegerkaste, aus der die Fürsten des Landl! genommen werden sollen; die Waisias oder Waischas, die Kaste der Ackerbauer und Kauf, leute (als solche auch Banianen genannt); und endlich die Sudras, die Kaste der Diem»> den und Arbeitenden, die zahlreichste und ausgebreitetste von allen. Außer diesen vier Hanpi- kästen gibt es noch auf > 30 Neben - und Unterkasten, aus localen Volksstämmen, zunstack gen und gewerblichen Verhältnissen und Vermischungen der Mitglieder verschiedener §-> sten entstanden, über welche letztere sehr genaue Vorschriften bestehen. Die drei erstenKesten sind die edlern, und nur ihnen ist das Lesen der heiligen Schriften »erstattet. Im Lach der Zeiten hat sich indeß manche Veränderung mit den Kasten zugetragen; die KschatrP und Waisias sind sehr zusammengeschmolzen, weswegen auch aus andern Kasten Krieg!, genommen werden; dagegen haben sich die Sudras sehr gehoben: sie, die sonst eigentlich nicht einmal Vermögen besitzen und nur für die höhern Kasten arbeiten sollten, bilden g!-' genwäriig den eigentlichen Stand der Ackerbauer und Gewerbslcute. Außer den vier Haupt kästen gibt es noch eine fünfte niedrigste und sehr zahlreiche Elaste Menschen, welche uni« dem Namen Parias (s. d.) bekannt sind. Diese Kastenabtheilung ist offenbar nicht bbi aus einer willkürlichen Trennung nach den Gewerben, sondern hauptsächlich durch Eroil- rung entstanden. Denn wenn auch die drei höhern Kasten im Lause der Zeit sich in Feig, ihrer Beschäftigung unter den Eroberern selbst gesondert haben mögen, so ist dochdieKch der Dienenden oder Gewerbtreibenden, die Sudras, sammt den Parias, lediglich ein Ei-' zeugniß der Eroberung, und wir haben in ihnen, sowie in einer großen Menge ihrer Unw abtheilungen, nicht gewerbliche Elasten, sondern ursprüngliche Völkerschaften zu such«. Sie sind die eigentlichen Urbewohner Indiens, die von den erobernden Einwanderern gi- knechtet und zu bestimmten Diensten herabgedrückt wurden. Daher kommt es auch, dass, viel weniger, zum Theil gar nicht den Typus der kaukasischen Race tragen, wie die höhw Kasten, welche durch die Eroberung ihr Ansehen und Herrschaft begründet, und daß diik der Zahl nach in den nördlichen Gegenden Indiens, wo die erobernden Einwanderer sich am meisten festsetzten und ausbreiteten, vorherrschend sind. Hier gibt es noch eigene Völker schäften, wie die Maratten (s. d.) und Nadschputen, welche fast gänzlich zur Kriegcrkaß>> gehören, und das Flußgebiet des Ganges ist noch immer der Hauptsitz der Brahmane». Hinken (ciauliicatio) nennt man eine Unregelmäßigkeit des Ganges, welche dadlirt entsteht, daß der Oberkörper auf der einen untern Extremität nicht so lange ruht, als a»s der andern, daß also der Takt des Gehens verändert wird. Ist das eine Bein wirklich km« zer als das andere, so ist das Hinken unausbleibliche Folge; oft entsteht es jedoch nur dadurch, daß das Auftreten auf das eine Bein einen Schmerz oder eine Beschwerde in irgend einem der Organe, die theils das Bein selbst zusammensetzen, theils im übrigen Körper liegen und beim Auftreten eine Erschütterung erleiden, hervorruft. Die Ursache des Hinken« ist daher ebensowol in der Unterleibshöhle, der Brust und dem Kopfe zu suchen, wiei« Beine selbst, welches dabei oft vollkommen gesund ist, und deshalb ist das Hinken auch keine Krankheit, sondern nur ein Krankheitssymptom, dessen Behandlung in Bekämpfung de> Grundursache bestehen muß. Eine wirkliche Verkürzung des Beines kann, wenn ihre Ursache nur in Verkürzung der Muffeln und dadurch bedingter Krümmung, der Gelenke besteht, leichter geheilt werden, als wenn die Knochen selbst zu kurz sind. Letzteres ist entweder durch Knochenbrüche oder andere zerstörende Einwirkungen entstanden oder angeboren, wie dies namentlich Camper in Holland sehr häufig beobachtete. Freiwilliges Hinke» (cuxa-gm) nennt man, obschon unpassend, eine chronische Entzündung des Hüftgelenks, wobei dieses aus seiner Lage geschoben und dadurch das Bein verlängert, später auch oft we Di oft bei ster Al, Lek bar ster Eix nu> Re geg nisi ftlj der' sehe Bei stoß Um har die ben g-g stär log. 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Hinkmar, Erzbischof von Rheims, einer der thätigsten und gebildetsten Kirchenfür- sten und Staatsmänner seiner Zeit, geb. 806, genoß durch dm gelehrten Abt Hilduin im Kloster St.-Denys bei Paris eine treffliche Erziehung und folgte dann seinem geliebten Lehrer, der wegen politischer Händel 830 von Ludwig dem Frommen nach Sachsen ver- bannt wurde, freiwillig ins Eril. Bei Karl des Kahlen Thronbesteigung kehrte er als Priester zurück und wurde 835 auf den erzbischöflichen Stuhl von Rheims befördert, in weicher Eigenschaft, als Primas der westfränk. Geistlichkeit, er nicht nur viel für Zucht und Orb- iiung in der Kirche und für Aufrechthaltung der Rechte der Synoden und der Bischöfe dcS Reichs, gegenüber den päpstlichen Anmaßungen that, sondern auch das geistliche Ansehen gegen die weltliche Macht zu wahren wußte und in die mannichfachsten politischen Verhältnisse entscheidend eingriff. So setzte er den damals schon weitverbreiteten Decretalen des falschen Jsidorus (s. d.), dem Hauvkhebel der päpstlichen Macht, den hartnäckigsten Wi- verstand entgegen, während sein gleichnamiger Schwestersohn, der aufrührerische Bischof von Laon, der 87 l abgesetzt und auf königlichen Befehl geblendet wurde, sich zum Vertheidiger derselben aufwarf; auch war er es, der den König Lothar II. zwang, seine verstoßene Gemahlin Theutberga wiederanzunehmen. Nicht minder thätig bewies er sich in Unterdrückung gefährlicher Irrlehren, wie der des Ketzers Gottschalk, den er freilich sehr hart behandelte.. Als die Normannen im Z. 882 in Westfrankcn einfielen, flüchtete er in die Waldgegenden jenseit der Marne, wo er bald darauf zu Epernay sein thatenreiches Leben beschloß. Seine Schriften, theils Abhandlungen dogmatischen Inhalts, wie die Schrift gegen Gottschalk „1)e prseckestinatiane äei", theils Briefe und Gutachten, hat am vollständigsten der Jesuit Jak. Sirmond (2 Bde., Par. 1635, Fol.) herausgegcben; ihr theologischer Werth ist beiweitem geringer als die Wichtigkeit, die sie als Hauptquelle für die Geschichte der Karolingischen Periode haben. Hinrichs (Herrn. Friede. Wilh.), ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität zu Halle, geb. am 22. Apr. 1793 zu Karlseck in Jevcrland im Großhcrzogthum Oldenburg, besuchte das Gymnasium zu Jever und bezog 1812, da Jeverland damals zu Frankreich gehörte, die Universität zu Strasburg, wo er sich anfangs der Theologie widmete. Noch während der Blockade der Festung im Winter 1813—13 wurde ihm gestattet, nach Heidelberg zu gehen, wo er nun, namentlich unter Thibaut, die Rechte studirte. Nebenbei hörte er jedoch auch Vorlesungen über Naturwissenschaften, ebenso bei Schlosser, verschon in Jever sein Lehrer gewesen war, und Creuzer; auch fing er an, Spinozas und Kant's Schriften zu studiren. Den größten Einfluß auf ihn übten Hegcl's Vorlesungen über daS Naturrecht. Er löste >818 die von Hegel gestellte Preisaufgabe über das Verhältnis der Platonischen Idee zur Aristotelischen Entclechie zu dessen Zufriedenheit. In Opposition zu seinem Lehrer brachte ihn dessen Behauptung, daß die Religion zwar dem Inhalte, aber nicht der Form nach wahr sei, welche die Philosophie vor ihr voraus habe. Zn der Schrift „Die Religion im innern Verhältniß zur Wissenschaft" (Heidelb. 1822) suchte er, unter Hegel's persönlichem Einflüsse, den Inhalt derReligion, die Wahrheit, mir der Form der Gewißheit, der Philosophie, zu vermitteln. Nachdem er sich > 81v in Heidelberg habilitirt, folgte er 1822 einem Ruft als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Breslau, von wo er >823 als ordentlicher Professor der Philosophie nach Halle verseht wurde. Hier ließ er die „Grundlinien der Philosophie der Logik" (Halle 1826) und die «Genesis des Wissens" (Bd. I, Heidelb. 1835) erscheinen, in welchen Schriften er sich als einen der gründlichsten Anhänger Hegel's bekundete, die aber, nach der strengem Form der Hegel'schcn Dialektik gearbeitet, dem größern Publicum ziemlich unzugänglich sind. Nächstem beschäftigte ihn auch die Kunst und vorzugsweise die Poesie. Dahin gehören seine »Ästhetischen Vorlesungen über Goethe s Faust" (Halle 1825); „Das Wesen der antiken Tragödie" (Halle 1827); „Schillert Dichtungen nach ihrem historischen Zusammen- 184 Hinterhalt HipparchnS hange" (2 Bde., Lp;. > 837—38). Endlich trat er auch in den letzten Jahren als pvliti. scher mid publicistischer Schriftsteller auf in seinen „Politischen Vorlesungen. Unsere Zeit und wie es geworden" (2 Bde., Halle 1843). Hinterhalt, s. Embuscade. Hintersassen, Hintersättler, Hintersiedler, auch Kossathen, Gärtner u.s.w., heißen Landleute, welche, ohne geschlossene Güter, nur mit einem Hause, Garten und einzelnen Feldern angesessen sind. Ihre Verhältnisse zu der Gutöherrschaft, wie zu den Bauergutsbesitzern und zu den Gemeinden sind sehr verschieden. Hiob ist der Name eines alten hebr., im Kanon des Alten Testaments auf uns gekoni- menen, an Schönheit und Wahrheit unübertrefflichen dramatisch-religiösen Gedichts, voll unerschöpflicher Lehre und Mahnung, und der in demselben dargestellten Hauptperson. H., ein rechtschaffener und frommer Mann, war zu schwerer Prüfung in jeglicher Noth dit Lebens ausersehen. Der harte Glaube der Zeit hielt den Unglücklichen für einen Schuld!, gen, wogegen er sich auf sein gutes Gewissen berief, welches auf der höchsten Stufe tut Kampfs in der vollen und feurig ausgesprochenen Überzeugung von der Gerechtigkeit Eot, tes seine Macht bewährte. Der Verfasser des Buchs ist unbekannt, und über die Zeit du Abfassung hat man nur Vermuthungen, welche zum Theil ganz entgegengesetzt sind; jeden, falls setzt es eine ziemliche Ausbildung der hebr. Literatur voraus. Einer der neuest« Bearbeiter, Stickel (Lpz. 1842), läßt eS in der vorexilischen Zeit entstanden sein und finde! den Wohnsitz des Dichters in dem liefern Südosten des hebr. Gebiets wegen der chald. Ideen und Sprachformen des Buchs. Mehre Stellen in demselben hält die Kritik fie spätere Zusätze. Für einen größer« Kreis von Lesern ist es in einer allgemeinen verständlich« Sprache bearbeitet von Vaihinger (Stuttg. 1842) und Rietmann (St.-Gallen >843). Hipparchlls, Herrscher von Athen, ererbte die Regierung gemeinschaftlich mit stimm Bruder Hipp ias (s.d.) von seinem Vater Pisistratus (s.d.) imJ. 528 v. Chi, die er bei seiner Klugheit, Liebe für Kunst und Wissenschaft und seinem Reichthum m > großer Umsicht und zum Emporblühen des Staats führte, bis er 514 v. Chr. am Feste du Panathenäen auf dem Zuge nach dem Minervatempel aus reiner Privatrache von zw« jungen Griechen, Harmodius und Aristogiton (s. d.), ermordet wurde. Hipparchus, der Gründer der wissenschaftlichen Astronomie, war aus Nicäa i« Bithynien gebürtig und lebte um 160—l 25 v. Chr. Von den Alten, namentlich Ptolemäui und Plinius, werden sein Fleiß, seine Wahrheitsliebe und sein Scharfsinn gerühmt, Mi auch mit Dem, was wir von seinen Leistungen wissen, vollkommen übereinstimmk. Er unterwarf die gesammte Astronomie seiner Zeit einer strengen Prüfung und bestimmte zuerst die Länge des Jahres genauer, wobei er entdeckte, daß die bis dahin auf 365 Tage sich! Stunden angenommene Länge des Sonnenjahrs um etwa fünf Minuten zu groß sei. Aui seinen Beobachtungen schloß er ferner, daß die Größe der Excentricität der Sonnenbahn '/,» vom Halbmesser derselben betrage und die Sonne dann am entferntesten von der Erd! sei, wenn sie im 24. Grade des Zeichens der Zwillinge stehe. Er selbst berechnete die erst« Sonnen - und Mondestafeln und bestimmte die Entfernungen und die Größe der Sonnt und des Mondes genauer, als bis dahin geschehen war. Mittels einer scharfsinnigen indi- retten Methode, die unter dem Namen Diagramm des Hipparch bekannt ist, glaub!! er zu finden, daß die Entfernung der Sonne von der Erde 1200, die des Mondes 58 Erd- Halbmesser betrage und daß der Durchmesser der Sonne 5'/, Mal so groß als der der Erbt, dieser wieder 3^/z Mal so groß als der des Mondes sei. Die plötzliche Erscheinung eint« neuen Sterns soll ihn veranlaßt haben, eine Zählung sämmtlicher Fixsterne und eine genau! Bestimmung ihrer Orter zu unternehmen und somit das erste Fixsternverzeichniß zu enl- werfen. Noch wichtiger war die von ihm gemachte Entdeckung des Vorrückens der Nacht- gleichen. Nicht geringe Verdienste erwarb er sich auch um die Geographie, und die macht- matischc Geographie hat er gewissermaßen begründet, indem er die geographischen Läng» ^ und Breiten zur Bestimmung der Lage von Örtern auf der Erdoberfläche anzuwend» lehrte. Den größten Erdumfang bestimmte er auf 27 5000 Stadien, die Länge des bekannten bewohnten Landes auf 70000 Stadien, die Breite vom Äquator bis Thule auf46-M Hippasus Hippel 185 M. Zeit rtner >und den kon>. voll H., Stadien. Von seinen Werken sind nur zwei erhalten, ein Commentar zu dem astronomischen Gedichte des Aratus und ein Fixsternverzeichniß. Hippasus hieß der Vater des Argonauten Aktor; ferner des Königs Ceyr zu Tra- chin Sohn, der mit Hercules gegen Eurytus zog und dabei umkam; endlich der Sohn der Leucippe, der von der Mutter und deren Schwestern, Alkathoe und Arsippe, die Bacchus wüthend gemacht hatte, zerrissen wurde. Hippel (Theod. Gottlieb von), einer der frühesten und zugleich geistreichsten unter den deutschen Humoristen, ein durchaus origineller Denker und Schriftsteller, geb. am 31. Jan. 1741 zu Gerdauen in Ostpreußen, wo sein Vater Schulrcctor war, zeigte als Knabe einen großen Hang zur Einsamkeit und religiösen Schwärmerei. Schon in seinem > 6. Jahre bezog er die Universität zu Königsberg, um Theologie zu studiren. Großen Einfluß auf sein künftiges Leben hatte seine Bekanntschaft mit dem holländ. Justizrath Woyt, einem berühmten Juristen, der ihn in sein Haus aufnahm und durch den er zu den Rechtswissen, schäften hingezogen wurde. Noch bedeutender wurde für ihn die Bekanntschaft mit dem zu Königsberg sich aufhaltenden russ. Lieutenant von Keyser, der ihn 1760 mit nach Peters- bürg nahm und ihn zuerst in die Kreise der Vornehmen cinführte. Ungeachtet sich ihm hier herrliche Aussichten eröffnten, trieb ihn doch die Sehnsucht nach dem Vaterlande wieder nach Königsberg, wo er in einer sehr gebildeten Familie eine Hauslehrerstelle erhielt. Die Liebe zu einem vornehmen und reichen Mädchen brachte in ihm den Plan zur Reife, sich ganz dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit zu widmen, weil diese ihm eine schnellere Be- förderung hoffen ließ. Er gab daher 1762 seine Hauslehrerstelle auf und verfolgte nun mir der unglaublichsten Selbstverleugnung und mit dem angestrengtest«« Eifer das Vorgesetzte Ziel. Als er es»rrungen, entsagte er seiner Liebe, um im ehelosen Stande seinem Streben nach immer ausgebreiteterer Thatigkcit ganz zu leben. Zunächst als Rechtsconsulent mehr und mehr beschäftigt, wurde er endlich 178v dirigirenderBürgermeister in Königsberg und Policeidirector, mit dem Charakter als Geh. Kriegsrath und StadtpräsideNt. Als solcher ließ er den Adel seiner Familie durch den Kaiser erneuern, namentlich aus dem Grunde, weil er Minister zu werden beabsichtigte, was ihm jedoch nicht gelang. Er starb am 23. Apr. 1796, mit Hinterlassung eines bedeutenden Vermögens. Sein Leben und Charakter waren voll Sonderbarkeiten und Widersprüche: Schwärmerei und Neigung zum Aber- glauben bei einem Hellen, aufgeklärten Verstände, eine an Andächtelei grenzende Frömmigkeit und warmer Tugendeifer bei starker Leidenschaft und Sinnlichkeit, eine fast schwärmerische Freundschaft bei Verschlossenheit gegen seine Freunde, Herrschsucht und Strenge bei Heiterkeit und einem feinen Betragen, Begeisterung für Natur und Einfachheit und doch auch wieder Neigung zur Etikette und leidenschaftliche Geldgier, Gefühl für die Vorzüge der Frauen ün Allgemeinen und für eheliche Verhältnisse und doch entschiedene Antipathie gegen letztere, Uneigennützigkeit in seinen moralischen Grundsätzen und doch der ausgebildetste Egoismus im praktischen Handeln waren ihm vor Allem eigen. Alles war bei ihm diesen Triebfedern seines Lebens untergeordnet, weshalb Kant ihn einen Plan- und Cen. tralkopf nannte, der mit der größten Leichtigkeit Plane entwerfe und ebenso schnell und standhaft ausführe. Ebenso eigenthümlich war er in seinen Schriften, in welchen er, so lange er lebte, ein strenges Jncognito liebte, und die er namentlich in der Zurückgezogenheit auf seinem Landgute in dem Dorfe Huben bei Königsberg ausarbeitete. In allen strömt, un- geachtet ihrer mehr oder weniger mangelhaften Form, eine reiche Ader des Witzes und der Laune. Auf dem Grunde liegt ein gewichtiger Ernst und bricht zuweilen unvermerkt hervor ; die bilderreiche Phantasie aber spielt in leichten kühnen Sprüngen und Abschweifun- gen ihr ungezügeltes Spiel. Auch sind seine Werke durch tiefe Beobachtungen, Fülle der Menschenkenntniß und daraus hervorgegangene Schilderungen bekannter Zeitgenossen sehr anziehend. Am berühmtesten sind seine Schriften „Über die Ehe" (Berl. 1774; 7. Aust., s84l), „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber" (Berl. 1792), worin er gegen di; Ausschließung der bürgerlichen und gelehrten Thätigkeit der Frauen zu Felde zieht, und „Über weibliche Bildung" (Berl. 1861). Nicht minder bekannt, obwol weniger verstan- den, sind seine „Lebensläufe nach aufsteigender Linie, riebst Beilagen 8. <7." (3 Bde., .M. 186 Hippias Hippo Bcrl. »77 8—«!). Eine eigenthümliche Laune, eine lebendige, oft glühende Einbildung-, kraft und ein reger Wahrheitssinn haben gleichen Antheil an diesem Werke, in welchem er als reflectirender Dichter unter dem glänzenden Gewände kühner Bilder und witzigerAus- spräche die Grundsätze einer ernsten Philosophie und einer gewandten Lebensweisheit mit- theilt. Besonders suchte er in diesem Werke Kant'S philosophische Ideen, dessen „Kritik" damals durch den Druck noch nicht bekannt geworden war, auf die ihm eigenthühmliche, immer aber geistvolle Weise mitzutheilen und zu verbreiten. In dem Werke „Zimmer- mann I. und Friedrich II., von Joh. Hcinr. Friedr. Quittenbaum, Bildschnitzer in Hanno- ver, London, gedruckt in der Einsamkeit >790", sowie in seinen „Kreuz - und Querzügen des Ritters A bis Z." (2 Bde., Berl. 1793—94) berührt er viele politische Zustände und Zeitereignisse ernst, aber mit scharfer Satire. Auch gab er geistliche Lieder und andere poe- tische Versuche heraus, unter welchen seine idyllischen „Handzcichnungen nach der Natur" (Berl. 179V) ein poetisches Interesse gewähren. Als dramatischer Dichter versuchte er sich in dem Lustspiel „Der Mann nach der Uhr" (2. Aufl., 1771), welches, reich an drolligen Einfällen ist und Lessing's Beifall erhielt. Auch gab er eine Schrift „Über das königsber- ger Stapelrecht" (Berl. >791) heraus. Für Schlichtcgroll's Nekrolog lieferte er eine inter. essante Selbstbiographie, die auch in einem besonder« Abdruck (Gotha >809) erschien. Eine Ausgabe seiner „Sämmtlichen Schriften" erschien zu Berlin (14 Bde., Berl. 1828— 31). — Der als pensionirtcr preuß. Regierungspräsident zu Bromberg am l v. Juni 18-13 verstorbene v o n H i p p e l war der Verfasser des beim Beginn des Befreiungskriegs von dem Könige Friedrich Wilhelm's 111. erlassenen Ausrufs „An mein Volk"; auch gab er „Beiträge zur Charakteristik Friedrich Wilhelm's III." (Bromb. 18-11) heraus. Hippias, Herrscher von Athen, der Sohn des großen Pisistratus (s. d.), führte nach dessen Tode mit seinem Bruder Hipparchus die Regierung gemeinschaftlich, bis dieser 514 v. Chr. aus Privatrache von Harmodius und Aristogiton (s. d.) ermordet wurde. Da er in dieser That eine Verschwörung gegen die bestehende Herrscherfamilie zu erblicken glaubte, so rächte er den Tod seines Bruders an dem Volke durch die entsetzlichsten Strafen und Martern. Die Athener, müde, diese Grausamkeiten länger zu ertragen, sannen auf Mittel, sich des Tyrannen zu entledigen. Man bestach das delphische Orakel, und dieses befahl nun den Spartanern, die Athener von der Herrschaft der Pisistratiden m erlösen. So ward H. 510 v. Chr. aus der Stadt und ihrem Gebiete vettrieben und Athen athmete freier; allein die Mittel, mit denen es die Stimme des Orakels für sich gewonnen hatte, blieben kein Geheimniß, und voll Verdruß über diesen Betrug verlangten die Spartaner die Wiedereinsetzung des H., was ihnen aber nicht gelang. H. suchte nun Schuh und Hülfe bei Artaphernes, dem pers. Statthalter in Sardes; er erlangte durch diesen, daß der Perserkönig Darms, der ohnehin auf die Athener wegen des Beistandes noch sehr erbittert war, den sie den asiat. Griechen gegen ihn geleistet hatten, denselben die Wiedereinsetzung des H- befahl. Die bestimmte Verweigerung dieses Verlangens entflammte den ersten Krieg der Perser gegen die europ. Griechen. Die Schlacht bei Marathon am 29. Sept. 490 v. Chr. vernichtete mit des Darms Heere zugleich des H. Hoffnungen, und er selbst fiel an diesem Tage mit dem Schwerte in der Hand. Hippias, ein Sophist aus Elis, um 400 v. Chr., der Zeitgenosse des Protagoras und Sokrates, machte sich namentlich durch seine übertriebene Eitelkeit und Prahlerei bekannt, indem er Alles zu wissen sich rühmte, alle Fragen zu beantworten sich bereit erklärte und sogar Alles, was er an sich trug, wie Mantel und Schuhe, mit eigener Hand verfertigt zu haben vorgab, daher er von Platon in zwei nach ihm benannten Dialogen, von denen der eine jedoch für unecht gehalten wird, wegen seines Dünkels hart gezüchtigt wurde. Hippiatrik (kippmlria) ist der aus dem Griechischen entlehnte wissenschaftliche Name für Pferde- oder Roßarzneikunst, wird aber auch im Allgemeinen für Thierheilkunde (s-d.) gebraucht. Hippv, zum Unterschiede von mehren gleichnamigen Orten llippo reßius genannt, die alte Hauptstadt und der Königssitz Numidiens, am Mittelländischen Meere gelegen, wurde später als Bischofssitz berühmt durch den heil. Augustinus59.7, 4.; neue Ausg-, Genf 1657, Fol.), Chartier, zugleich mir dem Galenus (13 Bde., Par. >639 —79, Fol.) und Kühn (3 Bde., Lpz. >826—27); eine musterhafte deutsche Übersetzung Grimm (4 Bde., Altenb. 173l—92). Unter den Commentaren zu den Schriften, diemeist aus dem l6. Jahrh. stammen, ist besonders des Foes „Oeconomia llippocratis" (Bas. 1561, Franks. 1588 und Genf 1662, Fol.) zu nennen. Hippokratisches Gesicht (kücies kippocrstica) nennt man das Gesicht eines Sterbenden. Kurz vor dem Tode nämlich tritt gewöhnlich in dem Gesicht eine auffallende Veränderung ein; die Gesichtsfarbe wird plötzlich fahl, bläulich oder schwärzlich, die Stirnhaut gespannt; die Nase und das Kinn werden spitzig; die Augen sinken tiefer in ihre Höhlen, verlieren den Glanz und sehen stier durch die halbgeöffneten Augenlider. Diese Veränderung kann indessen auch durch große Entkräftung nach langem Fasten oder starken Ausleerungen und reichlichem Blutverlust entstehen und ist dann mit geringerer Gefahr verbunden. Der Name rührt davon her, daß Hippokrates diese Veränderung des Gesichts sehr treffend beschrieben und in ihrer Bedeutung aufgefaßt hat. Hippokrene, d. i. Roßquell, hieß der vom Abhange des Berges Helikon in Böotien begeiferndes Wasser sprudelnde Quell, weil er der Sage nach in Folge eines Hufschlags des Pegasus (s. d.) entstand. Er war dem Apollon und den Musen heilig, und Alle, die aus ihm tranken, fühlten sich zu Gesang begeistert. Hippolyte, die Amazonenkönigin, war des Ares und der Otrera Tochter. Von ihr sollte Hercules (s. d.) jenes Wehrgehenk oder jenen Gürtel, welchen sie von Ares er- Hippolytus Hirsch 189 halten hatte, im Aufträge des Eurystheus holen, und sie versprach ihm denselben auch. Aber Here, in eine Amazone verkleidet, verbreitete das Gerücht, die Königin solle von dem Fremdling geraubt werden. Hierdurch kam es zu einem Kampfe, in dem H. umkam; Hercules nämlich riß sie bei den Haaren vom Pferde, tödtete sie und nahm ihr den Gürtel. Nach Andern soll H. die Amazonen nach Attika geführt haben, um die Antiope aus der Gefangenschaft zu befreien. Hippolytus, s. Phädra. Hippolytus a Lapide ist unstreitig der Enkeldes berühmten Mart. CHemnitz (s. d.). Hippomkdon, einer der Sieben gegen Theben, war der Sohn des Aristomachus von der Schwester des Adrastus, oder auch der Sohn des Talaus, und wurde im Gefecht am Jsmenus von Jsmarus erlegt. Hippomönes war der Gemahl der A t a l a n t a (s. d.). Hippönax, ein durch seine Bitterkeit berühmter Jambendichter aus Ephesus, um 530 v. Chr., wurde aus Furcht vor seinem beißenden Spotte von den Tyrannen seiner Vaterstadt vertrieben. Er begab sich hierauf nach Klazomenä, wo er namentlich auch für die Verhöhnungen, die er wegen Häßlichkeit seiner Körpergestalt zu erleiden hatte, mit der Geißel der Satire gegen Alle, die ihm misfielen, namentlich auch gegen die Frauen, sich zu entschädigen suchte. Für diese seine satirischen Gedichte erfand er eine besondere Art von Jamben, den Choliamb(s.d.), der von ihm der hipp onakteische Vers genannt wird; doch schrieb er auch außerdem in Hexametern und im erhabenen epischen Tone Parodieen, von denen sich ein Bruchstück erhalten hat, welches die Geschichte eines gefräßigen Menschen enthält. Die Fragmente des H. wurden von Welcker (Gött. >8>7), von Schneide- win in „lieleetus pvet. iamb. et mslicvrum §rk»ec." (Gött. >839), und am vollständigsten von Bergk in „koetae lxrici Araec." (Lpz. >843) herausgegeben. Hipponöos hieß der Sohn des Priamus und der Hecuba; ferner der Vater der Perl- böa und des Kapaneus, aus der Familie des Prötus, ein Sohn des Anaxagoras oder des Megapenthes. Hipponoos war auch der ursprüngliche Name des Bellerophon (s.d.). Sophokles hatte unter diesem Namen ein Trauerspiel geschrieben. Hippophägi, d. i. Pferdefresser, war, nach den Berichten alter Geographen, der Name eines scythischen Volksstamms nordöstlich vom Kaspischen Meere, wo noch gegenwärtig Kalmückenhorden mit allen Gewohnheiten der alten Scythen nomadisiren und das Pferdefleisch als Leckerbissen achten. Auch in cultivirten Ländern hat man wiederholt Versuche gemacht, den Genuß des Pferdefleisches einzuführen, wie denn erst noch >842 zu diesem Zweck in Würtemberg ein eigener Hippophagenverein sich bildete. Hirn, s. Gehirn. Hirsch ist der Name einer Gattung der Wiederkäuer mit zackigen, nicht hohlen Hörnern, Geweihe genannt, welche indeß, die eine Art (das Nennthier) ausgenommen, dem weiblichen Geschlechte stets fehlen, in gewissen Perioden des Jahres abfallen und dann durch neue ersetzt werden, die anfangs mit einer haarigen Haut überzogen sind. Die Hirscharten sind in der alten und neuen Welt einheimisch und gehören zu den nutzbarsten Thie- ren. Unter ihnen ist die größte dasElenn (s.d.) oder Elenthier, im Altdeutschen Schelch genannt. Eine andere Hirschart, das Rennthier, kommt im hohen Norden wild vor, wird aber auch von den Lappen in großen Heerden gezähmt gehalten und erweist sich sehr nützlich als Zugthier, sowie durch sein Fleisch, seine Haut, Milch, Knochen und Sehnen, welche zur Nahrung, Kleidung und allerlei Gerätschaften verwendet werden. An Größe kommt es fast dem Edelhirsche gleich; seine Geweihe sind schaufelförmig und zurückgebogen-. Ähnliche Geweihe hat auch der Damhirsch, der in ganz Europa verbreitet ist und wegen seiner edeln Gestalt und schönen Färbung in Thiergärten gehalten wird. Unter den übrigen Hirscharten, die ein rundes Geweih haben, ist der Ed elhirsch, dessen Weib Hirschkuh, Thier oder Hindin genannt wird, in Europa am häufigsten und bildet den Hauptgegenstand der sogenannten hohen Jagd. Das Alter der Männchen, die in der Brunstzeit, im Spätherbst, um die Weibchen kämpfen, erkennt man an der Zahl der Enden, d. h. der Zacken des Geweihes. Das Hirschhorn wurde sonst in der Medicin an- gewendet und findet noch gegenwärtig zu Gallerten u. s. w. in der Küche Anwendung; 190 Hirschau Hirschberg auch wird es zu mancherlei technischen Arbeiten benutzt. Das Fleisch des Hirsches ist sehr schmackhaft und sein Fell liefert, weiß gegerbt, das sogenannte Wildleder. In Amerika wird der Edelhirsch durch mehre Arten vertreten, in Nordamerika durch den Wapiti und den Elk, in Südamerika durch den Sumpfhirsch u. s. w. Ostindien besitzt einige eigen- thümliche Hirscharten, unter denen besonders der gefleckte, auch in deutsche Wälder verpflanzte, schon den Alten bekannte Axis zu erwähnen ist. Das gemeine Reh, von welchem das Männchen Rehbock, das Weibchen Nicke heißt, lebt weniger gesellig als der Hirsch; sein Fleisch ist noch feiner als das des letztem, und sein Fell wird ebenfalls zu vielerlei Gegenständen verarbeitet. Wie beim Hirsche, so gibt es auch beim Rehe manche Far- benabänderungen, unter andern fast schwarze Rehe; besonders aber zeichnen sich einige Arten durch monströs gebaute Geweihe aus. Den Holzungen schadet es durch Abfreffen der jungen Knospen. Skelette, namentlich Geweihe, die man hier und da, besonders aber in Irland gefundm hat, zeugen von einer untergegangcnen Hirschart, dem sogenannten Nie- senelenn. Bei einigen dieser Skelette maß der Schädel fast eine Elle, das Geweih war gegen 8 F. lang und die Spitzen desselben standen gegen 14 F. auseinander. Hirschau, ein Fabrikdorf im Oberamte Calw des würkemberg. Schwarzwaldkreises, mit 56y E., verdankt seine Entstehung dem ehemaligen Kloster gleiches NamenS, dessen Ruinen einen nahen Hügel äußerst malerisch zieren. Dieses berühmte Kloster (mnnsste- rium Hirskugisnse) nach der Regel des heil. Benedict wurde von dem Grafen Erlafried von Calw um 83v erbaut, durch Hrabanus Maurus (s.d.), damaligen Abt von Fulda, mit IS Mönchen bevölkert und im Sept. 838 eingeweiht. Wie alle Benedictinerklöstcr zeichnete sich auch H. sehr bald durch wissenschaftliche Bildung aus, und im io. Jahrh. hatte die dasige Schule einen weit verbreiteten Ruf erlangt. Die in ganz Deutschland im I. 986 wüthende Pest und das V88 unter den Mönchen entstandene Schisma brachten allerdings der Klosterschule großen Schaden. Allein durch den Grafen Adelbert von Calw wurde IVSS wieder ein besserer Zustand herbeigeführt, und unter Abt Wilhelm, gest. IVSl, nahm das Kloster eine der ersten Stellen unter allen Benedictiner-Congregationen ein. Später erhielt eS sich jedoch nur durch seinen früher» Ruf in Ansehen. Als es zur Zeit der Reformation säcularisirt worden, baute sich Herzog Friedrich I. von Würtemberg ein Schloß in der Nähe desselben auf der Anhöhe, welches aber gleich dem Kloster 1692 durch die Franzosen eingeäschert wurde. Nicht blos für die Geschichte des Klosters, sondern auch in anderer Beziehung ist Tritheim's „6Kr«»icoi> Kir-muxieuse" von Wichtigkeit; noch ungleich wichtiger der sogenannte „6»6ex Kirsnuxiensis", der 1841 von dem Literarischen Verein in Stuttgart herausgegeben wurde. Vgl. Chrkstmann, „Geschichte des Klosters H." (Tüb. 1783). Hirschberg, im Regierungsbezirk Liegnitz der preuß. Provinz Schlesien, sehr romantisch gelegen, am Vereinigungspunkt der Flüßchen Zacken und Bober, ist die wichtigste Ge- birgshandelsstadt Schlesiens. Sie hat über 68VV E., theils Katholiken, theils Evangelische, ein gutes Gymnasium, eine Industrieschule, drei Hospitäler und ein Waisenhaus. Die hiesige evangelische Kirche, welche nach dem Muster der Kirche in Stockholm erbaut ist, gehört zu den sechs sogenannten Gnadenkirchen, welche Kaiser Joseph I. den Protestanten in Schlesien zu bauen erlaubte, und zeichnet sich aus durch ihre Schönheit und Größe, durch eine vortreffliche große Orgel und durch ein Brustbild Luther's von Schadow. Der bedeutendste Manufaktur- und Handelszweig sowol in H. selbst, wie überhaupt im Hirsch- berger Kreise, welcher auf 11 IHM. 5V80V E. zählt, ist die Leinwand, besonders die sogenannte Schleierweberei. Diese Kunst wurde zuerst in der Mitte des 16. Jahrh. durch einen von seiner Wanderung aus den Niederlanden zurückkehrenden Hutmachergesellen hierher verpflanzt. Die feinen Lothgarne werden dazu so fein gesponnen, daß man ein ganzes Stück durch einen Fingerring ziehen kann. Im Dreißigjährigen Kriege ging dieselbe zwar wieder verloren; allein durch den patriotischen Bürgermeister Flöde, der zu diesem Behufe selbst ins Ausland reiste und dafür nachher vom Kaiser unter dem Namen von Ehrenschild in den Adelstand erhoben wurde, ward dieser Industriezweig in H. wieder heimisch, der seitdem fortwährend sich steigernd zu hoher Blüte gelangt war, als er durch den franz. Krieg im I. 1806 eine solche Störung erlitt, daß er sich noch gegenwärtig nicht wie- r r z i L d h e S ll h V! tk le R st- ba mi lei P S de> K, an 89 sen Fr> Br Ba Ri Me! «er geb Hirscher Hirse 191 der ui der früher« Blüte hat erheben können. Außerdem gibt es inH. auch eine Porzellanfabrik, welche geschmackvolle Öfen liefert, und bedeutende Tuchmanufacturen. Zu den romantischen Umgebungen der Stadt gehören besonders der Cavalicrberg und der Sattler, jetzt Helikon genannt, zwei Anhöhen mit Anlagen und schönen Aussichten. Hirscher (Zoh. Bapt. von), Geistlicher Rath und ordentlicher Professor der katho- lischen Theologie an der Universität zu Freiburg, ein um wissenschaftliche Behandlung der katholischen Theologie sehr verdienter Gelehrter, wurde am 2V. Juni 1788 zu Alt-Ergar- ten im ehemaligen vstr. Oberamte Altdorf geboren und bildete sich theilS in der Kloster- schule zu Weißenau, theils auf dem Gymnasium und Lyceum zu Konstanz, theils auf der Universität zu Freiburg. Im 1.1810 zum Priester geweiht, wirkte er zunächst als Seelsorger, bis er 1812 nach Ellwangen ging, wo er als Repetent an der theologischen Facultät und an dem Seminar, später auch als Professor der Philosophie an dem Lyceum thätig war. Nachdem er im 1.1817 eine Lehrstelle am Gymnasium zu Nottweil erhalten hatte, wurde ihm noch in demselben Jahre die Professur der christlichen Moral an der katholisch- theologischen Facultät zu Tübingen übertragen. Die Unbefangenheit und tiefe Einsichr, welche hier in seinen auch von Protestanten zahlreich besuchten Vorlesungen sich kundgaben, zogen ihm manche Verleumdung von Seiten der ultramontanen Partei zu, konnten ihm jedoch die Gunst der Regierung um so weniger entziehen, je klarer seine Schrift „Über das Verhältniß des Evangeliums zu der theologischen Scholastik der neuesten Zeit" (Tüb. 1823) den Widerspruch zwischen der echlkatholischen und der röm. Lehre nachwies. Im I. > 837 folgte er dem Rufe an die Universität zu Freiburg, wo er später zum bad. geistlichen Rathe ernannt, noch gegenwärtig verdienstvoll wirkt. Seine freien Ansichten über den katholischen Autoritätsglauben und über den Cölibat hat er in seinen Schriften offen dargelegt. Unter letztem steht obenan seine „Christliche Moral" (3 Bde., Tüb. 1835—36; 2. Aust., 1836 —37), die er als die Lehre vom Werden des Reichs Gottes im Leben der Menschheit behandelt. Nächstdem erwähnen wir seine „Katechetik" (Tüb. 1831; 4. Aust., 1846); „Betrachtungen über die sämmtlichen Evangelien der Fasten" (7. Aust-, Tüb. 1843); „Betrachtungen über die sonntäglichen Evangelien des Kirchenjahrs" (2 Bde., Tüb. 1837 —43; Bd. I, 4. Aufl., 1844); „Geschichte Jesu Christi" (2. Auf!., Tüb. 1846), und vornehmlich die Schrift „Die katholische Lehre vom Ablaß" (5. Aust., Tüb. 1844). Hirschfeld (Christian Cay Lorenz), ein um die Gartenkunst ausgezeichnet verdien, ker Mann, geb. am 16. Febr. 1742 in dem Holstein. Dorfe Nüchel bei Eutin, wo sein Va- ter Prediger war, bildete sich seit 1756 im Waisenhause zu Halle und studirte seit 1766 auf der dasigen Universität nach dem Wunsche seiner Verwandten Theologie. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er als Lehrer einer Prinzessin und zweier Prinzen von Hol- stein-Gottorp angestellt und ging mit den letzter« 1765 auf Reisen, gab aber, durch Ca- balen veranlaßt, 1767 diese Stelle auf und lebte nun einige Jahre in Leipzig, wo er sich mit Schriftstellerei beschäftigte. Im I. 1776 wurde er Secretair des akademischen Cura- telcollegiumS und außerordentlicher Professor zu Kiel, 1773 ordentlicher Professor der Philosophie und schönen Wissenschaften und 1777 erhielt er den Titel eines Etatraths. Seine „Anmerkungen über die Landhäuser und die Gartenkunst" (Lpz. 1778) bildeten den Vorläufer zu seiner „Theorie der Gartenkunst" (5 Bde., Lpz. 1779— 85, 4., mit Kpftn.), die ihn zu mehren Reisen nach Dänemark, Deutschland und in die Schweiz veranlaßt hatte. Nächstdem erwähnen wir seinen „Eartenkalender" (5 Bde., Kiel 1782 — 86) und seine „Kleine Gartenbibliothek" (Bd. 1, Kiel 1796). Auf Befehl und Kosten seines Königs von Dänemark legteer 1784 zu Düsternbrook bei Kiel eine vortreffliche Fnichtbaumschule an. Noch schrieb er ein „Handbuch der Fruchtbaumkunst" (2 Bde., Braunschw. 1788—89) mit. Er starb am 2V. Febr. 1792. Hirse (p-ttiicum) ist eine besonders im Brandenburgrschen, in Baden, Hessen, Baiern und Ostreich cultivirte Getreidrart. Es kommen von ihr zwei Hauptarten vor, mispenhirse (?. milmeeuni) und Kolbenhirse (?. itslioim), von denen jene ein wärmeres Klima verlangt als diese. Die Hirse ist sehr nahrhaft. Zu Grütze und Graupen »erarbeitet, vertritt sie die Stelle de- Reißes, und gleiche Theile Weizen - und Hirsemehl Leben ein sehr gutes Brot, während das Brot aus reinem Hirsemehl spröde ist' Al- Ge- 192 Hirt Hirtius flügelfutter übertrifft die Hirse alle andern Eetreidearten, und auch das Stroh dient zur Viehfütterung. Das Vaterland der Hirse soll Indien sein; doch ist sie durch ganz Europa und Asien angebaut. Hirt (Aloys), ein bekannter deutscher archäologischer Schriftsteller, gcb. am 27. Juni 1759 im Dorfe Bella in der fürstlich sürstenberg. Landschaft Baar in Baden von sehr armen Altern, die ihn theils wegen seiner Anlagen, theils wegen Körperschwäche zum Studiren bestimmten, erhielt seinen ersten Unterricht im Gymnasium der Benediktiner zu Villingen, dann unter den Jesuiten zu Freiburg und zu Nottweil und studirte hierauf in Nancy und seit 1779 in Wien, wo er sich zuerst mit Kunststudien beschäftigte. Zm I. 1782 fand er Gelegenheit, nach Italien zu gehen, wo er nun 14 Jahre verweilte, die berühmtesten Werke der Baukunst studirte und sich als Führer vornehmer Reisender sehr verdient machte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im I. 1796 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, sowie auch derAkademie der Künste und erhielt den Titel eines königlichen Raths. Bei Errichtung der Universität zu Berlin wurde er zwar zum ordentlichen Professor in der philosophischen Facultät ernannt; doch änderte dies in nichts sein Verhältnis zu den beiden Akademien. In den I. 1816 und 1817 bereiste er nochmals Italien und hierauf auch Belgien und Holland. Später beschäftigten ihn die ihm vom König übertragenen Vorarbeiten zum Museum. Er starb am 29. Juni 1837. Unter seinen Schriften sind am bemerkenswerthesien das „Bilderbuch für Mythologie, Alterthum und Kunst" (2 Bde., Berl. >805—>6,1.); sein Hauptwerk, „Die Baukunst nach den Grundsätzen der Alten" (Berl. I80S, Fol., mit 50 Kupfertaf.); „Geschichte der Baukunst bei den Alten" (9 Bde., Berl. 1820 — 27, - 1 ., mit 32 Kupfertaf.) und „Geschichte der bildenden Künste bei den Alten" (Berl. 1833), welche von der Abgeschlossenheit seiner Ansicht in archäologischer Hinsicht den klarsten Beweis gibt. Sehr eingreifende Kunsturtheile enthalten seine „Kunstbemerkungen auf einer Reise über Wittenberg und Meißen nach Dresden und Prag" (Berl. > 830), wie denn überhaupt seine Thätigkeit m den letzter« Jahren vorzugsweise eine polemische Richtung nahm; so schon in der Schrift „Die Hierodulen" (Heft 1, Berl. 1818). Unter seinen in der Akademie der Wissenschaften gehaltenen und einzeln im Druck erschienenen Vorlesungen erwähnen wir die „Der Tempel der Diana zu Ephesus" (Berl. 1809); „Der Tempel Salvmon's" (Berl. >808) und „Von den ägypt. Pyramiden" (Berl. 1815). Hirtenbrief nennt man ein öffentliches Ausschreibcn eines der Inhaber des Kir> chUlregiments an die untergeordnete Geistlichkeit, in welchem letzterer von jenen Erklärungen und Belehrungen über den dermaligen Zustand der Kirche oder eines Theils derselben zukommen und in schwierigen und bedenklichen Fällen mit eindringlicher Eewissensmah- nung Verhaltungsbefehle ertheilt werden. So erließ Gregor XVl. am 15. Aug. >838 einen Hirtenbrief gegen alle Irrlehren und besonders gegen politische Vereine. Protestantische Bischöfe erlassen Hirtenbriefe bei Antritt ihres Amts und dir Bischöfe der Hochkirche alle drei Jahre. Hirtenpfennige nennt man die kleinen, einseitigen, aus ganz geringhaltigem Silber geprägten Hohlmünzen, die im Perlrande einen Baum und ein Horn zeigen. Sil sollten nach Angabe des Kanzler von Ludewig in Halle von einem Hirten aus einem kupfernen Kessel gefertigt worden sein, der, als er als Falschmünzer in Untersuchung gezogen wurde, sich damit herausredete, daß er keines münzberechtigten Herrn Wappen gemii- braucht habe. Moser erklärte diese Erzählung für eine Fabel und wies zugleich nach, das die Hirtenpfennige Heller der Stadt Buchhorn in Schwaben seien. Hirtius (Aulus), ein Römer aus plebejischem Geschlechts, Anhänger und Vertrauter des Cäsar, dessen Legat er im gallischen Kriege war und durch den er im I. 46 v. Cbr. die Prätur und für das I. 43 das Consulat erhielt. Nach Cäsar's Ermordung entfremdete er sich dem Antonius, und nachdem er das Consulat angetreten hatte, zog er mit seinen Collegen C. Vibius Pansa und Octavian gegen ihn zu Felde. Antonius wurde von ihm zuerst bei Bononia (Bologna), dann in dem entscheidenden Treffen bei Mutina (Modena), wornach der ganze Krieg der mutinensische heißt, am 27. Avr. 43 geschlagen und zur Flucht genüthigt; H. selbst aber fiel in dem letzter«, Pansa starb den Tag darauf«" -Sirzel 193 den bei Bononia erhaltenen Wunden. Ob H. der Verfasser der Geschichte des alexandrin. und des afrik. Kriegs sei, ist nicht entschieden; dagegen scheint sicher, daß die Fortsetzung (das ackte Buch) der „Commentarien" Cäsar's über den gall. Krieg von ihm herrühre. Hirzel ist der Name einer im Canton Zürich sehr weit verbreiteten Familie. Hans Kaspar H., ein tüchtiger Schriftsteller im Fache der praktischen Philosophie, geb. in Zürich am 21. Mar; 1725, gest. als Obcrsiadtarzt und Mitglied des Großen Raths daselbst am 19. Febr. 1803, hatte sich unter Bodmer's Leitung mit der schönen Literatur des 18. Jahrh. bekannt gemacht, mit Sicher die Schweiz durchreist, und in Berlin Gleim, Nam- ler, Spalding und Sack kennen gelernt. Auch lebte Kleist einige Wochen bei ihm, und die von Klopstock in einer seiner schönsten Oden besungene Fahrt auf dem Zürichersce leitete H. und beschrieb sie selbst anmuthig. Von seinen Schriften sind zu erwähnen „Die Wirth- schaft eines philosophischen Bauers" (Zur. 1761; 2. Aust., >77-1); „Das Bild eines wahren Patrioten" (Zur. >767 ; 2. Aust., >775), „An Gleim über Sicher" (2 Bde., Wintcrth. 1780) und seine „Auserlesenen Schriften zur Beförderung der Landwirth- schaft" (2 Bde., Zür. 1702). Vorzüglich gelang ihm die Darstellung einer Philosophie des Lebens. Wahr und stark, wie er dachte, schrieb er; Begeisterung für Tugend und Vaterland, republikanischer Geist und menschenfreundliche Gesinnung zeichneten seine in gutem gewähltem Stile verfaßten Schriften aus. — Sein Bruder Salomon H., geb. 1727 zu Zürich, gest. 1818 als Scckelmcisier daselbst, schrieb die „Zürcherischen Jahrbücher" (5 Bde., Zür. 1314).— HansKaspar H., der Sohn des Zuerstgenannten, geb. 1751, gest. 1rU7 als Archiatcr in Zürich, machte sich als Stifter der Hülfsgesellschast in Zürich und als Arzt und Geschäftsmann sehr verdient. Sein Leben beschrieb Wirz (Zür. 1818). — Jak. H., der sich durch mehre Sendungen ins Ausland und an dieTagsatzun- gen rühmlichstbekannt machte, siarb als Staatsrath in Zürich 1829. — Heinr. H., geb am >7. Aug. 1766, siudirtc in Zürich Theologie, bereiste dann Italien und wurde 1789 Professor der Kirchengeschichte, dann der Logik und Mathematik in Zürich, 1809 Professor der Philosophie am Carolinum daselbst und Mitglied des Chorherrensiifts. Er starb am 7. Febr. >833. Die meisterhaften Darstellungen in den von ihm hcrausgcgcbenen „Eugenia's Briefe" (2 Bde., Zür. >806; 3. Aust., 3 Bde., >819) sind mit Erinnerungen aus seinem Leben, mit zarten Scelcngemälden der Liebe und Freundschaft verwebt. Außer einigen Übersetzungen, wie z. B. von Chateauvieux's „Briefen über Italien" (2 Bde., Lpz. 1820—21) gab er auch „Ansichten ausJtalien" (3 Bde., Lpz. 1823—25) und die„Briefe Goethe's an Lavater gus den I. 177 1—83" (Lpz. 1833) heraus. — Konr. Melch. H., geb. am 31. Aug. 1703 in Zürich, gest. als Bürgermeister daselbst am 8. Juli 1843, besuchte zunächst eine Erziehungsanstalt bei Biel, seit 1809 das Gymnasium in Stuttgart, wo er Gust. Schwab kennen lernte, und kam 1810 nach Lausanne. Er hatte die Absicht, den geistlichen Stand zu wählen, studirte aber dann zu Heidelberg 1811—13 die Rechte. Die Jahre 1813—15 riesen ihn in die Heimat und zur Grenzbedeckung unter die Waffen. Nachdem er 1814 Advocat geworden, erhielt er >818 eine Anstellung als Secretair der Justiz - und Policeicommission; gleichzeitig fing er an, Vorlesungen am politischen Institut in Zürich über Criminalrecht und Proceß zu halten, die er bis 1820 fortsetzte. Nach dem Aufstande der Griechen ergriff er mit Eifer die Sache derselben. Seine Schrift „Der heiligen Propheten Aufruf zur Befreiung Griechenlands" blieb nicht ohne Anregung; auch stiftete er mit Orelli und Brenn einen Griechenverein. Jm J. 1823 zum Oberamtmann des Bezirks Kronau gewählt, wußte er Geistliche und Weltliche des Amts zu einer gemeinnützigen Gesellschaft zu vereinen. Schon 1824 kam er in den Großen Rath. Wie er am Umsturz der Verfassung von 1814 keinen Antheil genommen, so hätte er auch 1830 lieber auf eine allmälige Beseitigung der Vorrechte der Stadt Zürich hingearbeitet als auf eine Plötzliche Umgestaltung. Inzwischen wurde er in den neuen Großen Rath und in die Ver- fassungsconnnission gewählt; auch im Dcc. 1830 nach Bern auf die Tagsatzung gesendet. Nach Annahme der neuen Verfassung des Cantons wurde er im März 1831 Regierungsrath und im Juni Präsident des Erziehungsraths. In letzterer Stelle war er besonders ihätig für die heilsame Umgestaltung des Schulwesens, für Gründung des Schullehrerseminars, der Cantons - und Hochschule. Seit 1832 zum Bürgermeister des Cantons ge- Conv.-Lex. Neunte Aust. VU, 13 194 Hiskias Historisch wählt, suchte er die neuen Einrichtungen der vegenerirten Schweiz auf alle Weise zu befr- stigen und alle Conflicte mit dem Auslande möglichst zu vermeiden. Im 1.1837 unter, stützte er lebhaft den von zwei Großrälhen auf Einführung vollständiger Nechtsgleich. heit zwischen Stadt und Land gerichteten Antrag, und 1839 verwendete er sich entschieden für die Berufung Dav. Friede. Strauß's (s. d.) zur Professur der Dogmatik und Kirchengeschichte an der Hochschule zu Zürich, und bestand dafür mit männlichster Ausdauer die lebhaftesten Kämpfe. Am 6. Sept. »839 unterlagen H. und seine Gleichgesinnten. Er verlor seine Ämter und widmete sich fortan der Advocatur. Aber wie er dem Volke ein unverbrüchliches Wohlwollen bewahrt hatte, so wurde ihm auch bald wieder die Liebe seiner Mitbürger zu Theil. Bereits auf dem Todbctte hatte er noch die Genugthuung, wieder in das oberste Gericht des Cantons gewählt zu werden. Unter mehren kleinem Schriften gab er „Beiträge zur Verbesserung der Verfassung des Cantons Zürich neu 1814" (Zür. 1831) heraus. — Ludw. H., geb. 1891 zu Zürich, gest. >841 als Professor der Theologie an der dasigen Universität, ist durch seinen Commentar zum Hiob (Lpz. >83!») rühmlichst bekannt. — Beruh. H., Pfarrer in Pfäffikon, geb. 1897 zu Zürich, widmete sich mit glänzendem Erfolge den oriental, und besonders den Sanskritsprachen. Ainbk- kanntesten sind seine Übersetzung von Kalidasas' „Sakuntala" (Zür. 1833) und das „Gesicht des Todcsboten über dem Erdkreis", ein von ihm selbst verfaßtes hcbr. Gedicht (Zur. 1844). Mit der ihm eigenen feurigen Lebendigkeit nahm er an den kirchlichen Bewegungen des Z. 1839 Theil, und er war es, der am 6. Sept. das Landvolk in die Stadt führte Vgl. seine kleine Schrift: „Mein Antheil an den Ereignissen des 6. Sept. 1839. Ein Wort der Wahrheit an die Schweizerbrüder in der Nähe und Ferne" (Zür. 1839). Hiskias, einer der bessern Könige Judas von 728—999 v. Chr., Sohn und Nuri- folger des AhaS, war bemüht, den in Verfall gekommenen Jehovahcultus wieder herzufiel- len, und wird als ein gottesfürchtiger, im Sinne der Theokratie regierender Fürst gerühmt Im Kriege kämpfte er glücklich gegen die Philistäcr, wurde aber von dem Assyrer Sache- rib hart bedrängt. Aus einer tödtlichen Krankheit wurde er durch die prophetische und ärztliche Thätigkeit des Jesaias gerettet, nachdem zum Zeichen der wiederkehrenden Gesimdhüt der Schatten am Sonnenzeiger, wie erzählt wird, zehn Grad zurückgegangcn war, welckm Erzählung die Idee zu Grunde liegt, daß Jehovah zu Gunsten seines Lieblings oder Arr- trauten momentan selbst den Lauf der Natur hemme und ändere. Er lebte noch 15 Iah« und machte sich um Jerusalem noch durch Anlegung einer Wasserleitung verdient. Historisch heißt im Allgemeinen Alles, was man durch äußere oder innere Wahrnehmung kennen lernt, was zur Erfahrung gehört oder sich auf dieselbe bezieht, und 9 wird in diesem Sinne das Historische dem Empirischen gleichgestellt, im Gegensätze zu»» Rationellen oder Philosophischen, was durch bloßes Nachdenken oder reine matheniatisäu Anschauung gewonnen wird. Man spricht daher von historischer Erkenntnis,!».^, derjenigen, welche ans Sinnesanschauung mittelbar oder unmittelbar entspringt und D mithin auf Dasein und Beschaffenheit einzelner Gegenstände und Thatsachen bezieht, somit von historischen Wissenschaften, d.h. systematischen Ganzen der Erfahrungserkenut-» niste, welche sich mit Beschreibung der Gegenstände oder Erzählung der Thatsachen beschäsi tigen, z. B. Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, im Gegensätze der philosophischen oder der Vernunfterkenntnkß und der philosophischen Wissenschaften im Allgemeinen. Em h»' storischerBeweisist der, welcher aus Thatsachen geführt wird, wie der sogenannte h>' storische Beweis vom Dasein Gottes, den man aus der Übereinstimmung der Völker in dir Annahme eines göttlichen Wesens führt. Aber nicht blos in Hinsicht der Quelle der x historische, oder wie man seit Goethe lieber sagte, eine heroische Landschaft, welche als Scene B einer bedeutenden menschlichen Handlung, eines urthümlich-großartigcn Culturzustandeö w auch an den Hähern Gesetzen des historischen Stils, an bedeutsamer Gruppirung derMrsse» u. s. w. Theil nimmt. Selbst das Thierstück verdient bei der großartigen Naturauffassung, ff z- B. eines Rubens, oft das Prädicat heroisch, etwa im Gegensatz zu der gewöhnlichen Na- m turwahrheit eines Nidinger'schen Jagdstücks. Am schwankendsten erscheint die Grenze d« V historischen Malerei nach der Seite der Einzelfigur und des Genrebildes hin. Ihr gehöre» jh z. B. noch alle Darstellungen einzelner Idealfiguren, der Götter, der Heiligen, auch die ni Allegorien und Symbolfiguren an, weil die menschliche Gestalt hier nach Hähern Gesetze» dl verklärt erscheint. Dann folgt eine Mittelgattung, das sogenannte historische Bildnis he in welchem etwa eine geschichtlich bedeutende Person durch den historischen Stil der Be- sch Handlung über den bloßen Jndividualcharakter hinaus zum Ausdruck eines Zcitcharakteri, Z, eines Symbols erhoben wird. Nach der Seite des Genrebildes hin ist besonders in der ff! neuern Malerei die Trennung sehr schwer. Gewiß besitzen z. B. Leop. Nobert's „Schnü- du ter" und „Fischer" durch den hohen Stil der Anordnung und Behandlung die volle Würde ni historischer Bilder, während unter den sogenannten historischen Gemälden auf den gewöhn- fff liehen Ausstellungen oft zwei Drittheile sich nicht über das Genre oder das Bildniß erhebe». Ei Letzteres hat eine doppelte Ursache: es fehlt der historische Stil in der Darstellung und s sei fehlt der dramatische Moment. Das Vermögen der eigentlich historischen Malerei zeigt sit t k aber darin, daß sie den Vorgang in seinem prägnantesten Moment, in dem entscheidend!» Augenblick zu schildern vermag. Nur einen Moment darzustellen ist ihr möglich, aber i» cir diesem weiß sie durch geschickte Zusammenstellung der Charaktere, durch die lebendige und wi thätige Beziehung, in welche sie dieselben gegeneinander setzt, den ganzen Vorgang, selbß sch das dem gewählten Moment Vorausgeaangene und Nachfolgende ahnen zu lasse». Di ffi nun jede solche Auffassung bedeutender Momente des Menschenlebens eine poetische Thr- Je tigkeit ist, so tritt auch bald das epische, bald das lyrische Element in dieser Schöpfung Hw Gl vor; der eigentliche Beruf der historischen Malerei aber ist das dramatische, welches i»°g- > - lichste Einheit der Handlung und eine genaue Causalvcrbindung aller Motive bedingt. i», Hierin, sowie in der Wärme und Lebendigkeit des Gefühls, womit er das Edle der Seck lm in der Schönheit des Körpers abzubilden gewußt, ist Rafael von allen Neuern unnrcicki las geblieben. In ihm vereinigte sich hohe dramatische Kraft mit der edelsten Auffassung di- jäh Einzelnen. Der edle Geist, welchen der Künstler seiner Darstellung einhaucht, beruht i» Lk der edlen Fassung der Charaktere, und hierin habe» sich ganze Zeitalter vergriffen, wie z.A M die David'schc Schule das Eitle und Theatralische durchgehend statt des einfach Edlen uud > re. Natürlichen dargestellt hat- Da jede bildliche Fassung ein Conccnlriren ist, so liegt es dm rin Historienmaler ob, seinen Gegenstand durch die sprechendsten Motive deutlich zu mache»- Nc die Hauptgestalten hcrvorzuheben, die Nebencharaktere zurücktreten zu lassen und so auch Nc im Bilde Haupt- und Nebenscenen, Hauptbegebenheiten und Episoden zu unterscheid!». He Durch diese Vereinigung geistiger und sinnlicher Motive auf einen einzigen Punkt und M«' »de ment wird der Eindruck, welchen das Gemälde macht, verstärkt, und es liegt darin einest»!' 18 schädigung für die Unmöglichkeit, wie die Dichtkunst einen größer« zeitlichen Fortgang um (H das Ergreifende, was in diesem liegt, darzustellcn. ^he Historische Vereine. Die historischen oder altcrthumsforschendcn Vereine uud — Gesellschaften, gewöhnlich Vereine für Geschichte und Alterthumskunde genannt, verdau- her ken,'als freie Vereine und insofern sic ihre Thätigkeit nicht der Geschichte und Alterthum-' künde im Allgemeinen, sondern meist nur der eines Landes, einer Provinz, eines KM« M oder einer historisch merkwürdigen Gegend zuwcnden, ihre Entstehung erst den Anregu»' vm gen der neuern Zeit, wo ein tiefgefühltes Bedürfniß und die nenerwachte Liebe für du A-a Historische Vereine - 197 der Geschichte des Vaterlandes und seine altcrthümlichcn Denkmale sie ins Leben rief. Schnell haben sich diese Vereine über ganz Deutschland und die Lander deutscher Zunge verbreitet. >cm Den ersten Anstoß dazu gab die auf Anregung des preuß. Ministers von Stein am 2V. »d- Jan. 1819 begründete Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde gc.> zu Frankfurt am Main, welche sich eine kritische Gesammtausgabc der Quellenschriftstcl» üm ler des deutschen Mittelalters als Aufgabe stellte. (S. Deutsche Geschichtskunde.) em Bon ihrer Thätigkcit zeigen die von P crtz (s.d.) herausgegcbcnen „Llonumenta Qerina- ldis mLv liistr>ri<:a"(Bd. I—6, Hannov. 1826—41, Fol.) und das „Archiv der Gesellschaft" ssi» Eine neuerdings wiederholt angeregte lebhaftere Verbindung suchte Paul Wigand durch d ck seine „Jahrbücher der Vereine für Geschichte und Altcrthumskunde" (12 Hefte, Lemgo : siö 1831—32) zu vermitteln. idl» Anlangend die einzelnen Staaten Deutschlands, so bestehen, die Gesellschaften mit r in cingcschlossen, welche der Geschichte und Altcrthumskunde blos eine ihrer Sektionen ge» u«d widmet haben, in Preußen 13 historische Vereine: I) zu Berlin die Berlinische Gesell» elbj! ichast für deutsche Sprache und Altcrthumskunde, gestiftet >815, und seit 1834 ihre Wirk» Di samkcit auch auf das Alterthum richtend, in deren Namen von der Hagen das „Neue shi- Jahrbuch" (Bd. 1—6, Bcrl. 1836—44) erscheinen läßt; 2) zu Berlin der Verein für hu- Geschichte der Mark Brandenburg, begründet 1837, der „Märkische Forschungen" (Bd. nög- >—2, Bcrl. >841—43) hcrausgibt; 3) in Bonn der Verein von Alterthumsfreunden ingt im Rhcinlande, gestiftet auf Anregung der daselbst 1841 gehaltenen Philologcnvcrsamm- :«>! lmig, der auch bereits vier Hefte seiner „Jahrbücher" (Bonn 1842—44) hat erscheinen cickl lassen; 4) in Breslau die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur, die seit 1820 d6 jährlich „Übersichten der Arbeiten und Veränderungen" bekannt macht; 5) in Görlitz die ,t i» Lberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, gegründet 17 70, die das „Neue Lausitzische Magazin" (Bd. 1—22, Gort. 1842—44) sortseßt und eine Sammlung der „Scriploreü und j reruitt Iiisaticnrum" (Bd. 1—2, Görl. 1830—41) begonnen hat; 6) in Halle der Thü- dm ringisch-sächs. Verein für Erforschung vaterländischer Alterthümcr", gestiftet 1819 in che», Naumburg, mit einem Zweigvereine in Leipzig, und 1823 nach Halle verlegt, in dessen aiili! Namen die „Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen" (5 idw. Hefte, Naumb. 1822—27, l.), von Kruse und von Lorcntz die „Deutschen Alterthümcr M«- oder Archiv für alte und mittlere Geographie, Geschichte und Alterthümcr" (3 Bde., Halle EB 1824—30), von Rosenkranz die „Neue Zeitschrift für die Geschichte der german. Völker" , unt (Halle 1832) herausgegebcn wurden und gegenwärtig von Förstemann die „Neuen Mit» lheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischerForschungen" (Bd. I—7, Hallei 834 ml —44) herausgegcben werden; 7) in Königsberg die seit mehr als hundert Jahren beste- -dan- Horde Königliche deutsche Gesellschaft, die „Historische und literarische Abhandlungen" W-- (samml. I—4, Königsb. —38) erscheinen ließ; 8) in Minden die Westfälische Gc- -eiskl selhchast zur Förderung vaterländischer Cultur, begründet 1823, welche „Westfälische Pro- guii- ^nzialblärter" (Bd. I—3, Mind. 1828— 1 3) hcrausgibt; 0) und 10) in Münster und in r dir Paderborn der in zwei Sektionen gespaltene Verein für Geschichte und AlterthumSkunde 198 Historische Vereine Westfalens, constituirt 1825, in dessen Namen P. Wigand das „Archiv für Geschichte und Alterthumswisscnschaft"(7 Bde., Hamm, dann Lemgo 1826—37) herausgab und gegen- wärtig Erhard und Gehrkcn die „Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthums, künde" (Bd. 1—6, Münst. >838—-13) erscheinen lassen; 11) in Saarbrücken der Histv- risch-antiquarische Verein; 12) zu Salzwcdel der Altmärkische Verein für vaterländische Geschichte und Industrie, gestiftet 1836, der „Jahresberichte" (1 — 6, Neuhaldcnsleben 1838—03) herausgibt; >3) in Stettin die Gesellschaft für pommersche Geschichte und Alterthumskunde, mit einer Zwciggesellschast in Greifswald, gestiftet 1820, die neben ihren „Jahresberichten" die Zeitschrift „Baltische Studien" (Bd. 1—8, Stett. 1832—03) er- scheinen läßt; 10) zu Trier der Verein für Erforschung und Sammlung von Alterthü- mern in St.-Wendel und Ottweiler, der 1800 seinen ersten „Bericht" hcrausgab, und 15) zu Wetzlar der Wetzlarsche Verein für Geschichte und Alterthumskunde, gegründet von P. Wigand 1830, der auch die Vereinsschrift „Wehlarsche Beiträge für Geschichte und Nechtsalterthümer" (Bd. l—2, Wetzl., dann Halle 1836—02) herausgiebt. In Baiern, wo die historischen Vereine durch die besondere Begünstigung des Königs gehoben und, mit Ausnahme des Vereins zu Nürnberg, mit der königlichen Akademie der Wissenschaften in Verbindung gesetzt wurden und auf alle Weise zufolge königlicher Verord- nung von den Behörden unterstützt werden, bestehen deren zehn: I) zu Ansbach derHistorische Verein in Mittelfranken (sonst Rezatkreis), der seit seiner Begründung-im 1.1830 zwölf „Jahresberichte" (Ansb. >831 —03, 0.) hat erscheinen lassen; 2) zu Augsburg der Historische Verein für Schwaben und Neuburg (sonst Oberdonaukreis), der seit 1835 regelmäßig „Jahresberichte" (Augsb., 0.) herausgibt, mit einem Filialvereinc zu Neuburg, der seit 1835 ein„Collectanecnblatt"erscheinen läßt; 3) in Baireuth derHistorischeVerein für Oberfranken (sonst Obermainkreis), der ursprünglich aufAnregung des Ritters von Lang im 1.1827 als Verein für baircutische Geschichte und Alterthümer constituirt, I8ZV in einen Verein für Geschichte und Mterthumskunde des Obermainkreises sich umgestaltete, und neben seinen „Jahresberichten" ein wiederholt unterbrochenes „Archiv für Geschichte und Alterthumskunde" (0 Bde., Bair. 1828—03) hcrausgibt; 0) in Bamberg derHistorische Verein in Oberfranken, der sieben „Berichte" (Bamb. 1830—03) und den „Renner" des Hugo von Trimbcrg herausgegeben hat; 5) in München der Historische Verein von und für Oberbaicrn (sonst Jsarkreis), gestiftet 1838 auf Anregung des Freiherrn Zu Rhein, der nächst seinen „Jahresberichten" (1—6, Münch. 1838—oo) ein „Oberbairisches Archiv" (Bd. I—5, Münch. 1838—00) erscheinen läßt; 6) in Nürnberg die Gesellschaft für nürnberger Geschichte und Alterthumskunde, ursprünglich vom Freiherrn von Auf- seß als Gesellschaft für Erhaltung der Denkmäler älterer deutscher Geschichte, Literatur und Kunst begründet, welche seit 1802 den von Mayer redigirten „Nürnberger Ee- schichts-, Kunst- und Alterthumsfreund" (Nürnb., 0.) herausgibt; 7) zu Paffau der Historische Verein für Niederbaiern (sonst Untcrdonaukreis), der aber bis jetzt nur einen Band seiner „Verhandlungen" (Passau 1830—36) hat erscheinen lassen; 8) in Ncgens- burg derHistorische Verein für Oberpfalz und Negcnsburg, der ebenfalls und ununterbrochen seine „Verhandlungen" (Bd. I—7, Ncgensb. 1831 —03) herausgibt; 9)in Speier der Historische Verein für die Pfalz (sonst Rhcinkreis), der 1803 seinen ersten Bericht erscheinen ließ, und 10) in Würzburg der Historische Verein für Unkerfranken und Aschaf- fenburg (sonst Untermainkrcis), gegründet 1830, der neben seinen „Jahresberichten" ein „Archiv" (Bd. 1—8, Würzb. 1831—oo) herausgibt. Das Königreich Sachsen zählt zwei historische Vereine: 1) den Sachs. Verein für Erforschung und Erhaltung der vaterländischen Alterthümer in Dresden, gestiftet 1820, seit 1829 mit einer historischen und seit 1831 mit einer artistischen Scction, seit 1836 mit dem inzwischen entstandenen Verein sächs. Mtcrthumsfreunde vereinigt, der seit 1835 kurze „Berichte" und zwei Hefte „Mittheilungen" (Dresd. 1835—02) hcrausgab; und 2) die Deutsche Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer zu Leipzig, die, 1697 als Poetisches Collegium gestiftet, 1727 durch Gottsched als Deutsche Gesellschaft zur Beförderung der deutschen Sprache erneuert wurde, 1827 mit dem am 6. Aug. 1820 von mehren Mitgliedern des in Leipzig bestehenden Zweigvereins des Thürin« Historische Vereine 199 gisch-sächs. Vereins gestifteten Sacks. Verein für Erforschung und Bewahrung vaterlän- bischer Alterthümcr, der nächst seinen „Jahresberichten" (Heft l und 2, Lpz. 1825—26) auch „Beiträge zur vaterländischen Altcrthuniskunde" (Lpz. > 826) erscheinen ließ, sich verschmolz, seitdem regelmäßig „Berichte" (Heft I —18, Lpz. >827—44) herausgab und seit 1844 in die drei Abtheilungen, für deutsche Sprache und Literatur, für deutsche Ge- schichte und historische Hülfswissenschaft und für Kunst und Alterthum sich scheidet. — In Hannover wurde 1834 der Historische Verein für Nicdcrsachsen zu Hannover begründet, der neben jährlichen „Nachrichten" (Heft > —7, Hannov. 1835—44) das schon lange bestehende „VaterländischeArchiv" (Bo. I —16, Hannov. >835—44) herausgibt. — Wür- teinberg hat nächst dem als Staatsanstalt 1822 vom Könige gestifteten Vereine für Va- terlandskunde, dessen Organ die 1818 von Memminger begründeten „Würtemberg. Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie" sind, drei historische Vereine: 1) den Archäologischen Verein zu Rottweil, gestiftet >832; 2) in Ulm den Verein für Kunst und Alterthum, der 1843 seinen ersten „Bericht" ausgab, und 3) in Stuttgart den Literarischen Verein, gegründet 1844, der sich die Herausgabe und den Wiederabdruck wichtiger alter Handschriften und seltener Bücher zur Aufgabe gestellt und bereits Closener's „Strasburg. Chronik", den „(Hex dir-mngiensis", die „Weingartner Liederhandschrift" u. s. w. herauegegebcn hat. - Jn Kurhessc n, wo schon 1777 eine Gesellschaft der Alterthümer in Kassel gestiftet wurde, die aber später wieder einging, con- stiluirte sich 1834 ein Verein für Hess. Geschichte und Alterthumskunde zu Kassel, der eine „Zeitschrift" (Bd. I —3, Kass. 1837—43) nebst bcsondcrn „Supplementbänden" hcraus- gibt, die unter Anderm Landau's Monographie, „Die Nittergesellschaftcn in Hessen" und Wigand Lauze's zum ersten Mal gedruckte „Hess. Chronik" enthalten, und in dessen Na men auch Bernhard! seine „Sprachkartc von Deutschland" (Kass. 1844) erscheinen ließ. InHessen-Darm st adt bestehen zwei historische Vereine: I)der >832 begründete und 1833 unter dem Präsidium des >815 verstorbenen Staatsraths Eigenbrodt eröffnete Historische Verein für das Großherzogthum zu Darmstadt, dessen Organ das von Steiner herausgegebcnc „Archiv für Hess. Geschichte und Alterthumskunde" (Bd. 1—4, Darmst. 1835—44) ist; und 2) der 1844 gestiftete Verein zur Erforschung der rhein. Geschichte und Alterthümer zu Mainz. — In Baden bestehen ebenfalls zwei historische Vereine: I) die Sinsheimcr Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Denkmale der Vorzeit, die 1836 durch den Stadtpfarrcr Wilhelm in Sinsheim gestiftet wurde, vorzüglich mit Ausgrabungen sich beschäftigt und regelmäßige „Jahresberichte" (> 6, Sinsheim 1831—43) herausgibt; 2) der Historische Ältcrthum«vcrein für Baden zu Baden-Baden, der >844 zusammentrat. — In Mecklenburg wurde 1835 ein Verein für Mecklenburg. Geschichte und Alterthumskunde begründet, der „Jahrbücher und Jahresberichte" (Bd. I - 8, Schwer, und Rost. 1836—43) heransgibt und in dessen Namen Lisch die „Mecklenburg. Urkunden" (3 Bde., Schwer. >837—38) erscheine» ließ. — In Schleswig wurde 1834 die Königlich Schleswig-Holstein-Lauenburg. Gesellschaft für Sammlung und Erhaltung vaterländischer Alterthümer zu Kiel gestiftet, die jährliche „Berichte" (l 9, Kiel 1836—4 4 ) erscheinen läßt, das „Archiv für Staats- und Kirchengcschichtc"(5Bde., Kiel 1833—43), ihre „Urkundensammlung" (Bd. I und 2, Abth. 1, Kiel 1839 — 42, 4.), das „Urkunden- buch zur Geschichte des Landes der Dithmarschen" (Kiel >842), die „Sammlung der alk- dithmarschen Rechtsquellen" (Kiel 1842) herausgab und ein neues Archiv „Nordalbingi- sche Studien" (Kiel 1844) begonnen hat. - In Nassau wurde bereits >811 ein Alter- thumsvcrein projectirt, der aber erst 1821 als Verein für naffauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung zu Wiesbaden inS Leben trat, hauptsächlich auf Ausgrabungen und Erhaltung röm. und deutscher Denkmale seine Thätigkeit richtet und „Annalen" (Bd. > —3,Wiesb. 1827—39) erscheinen läßt. In Sachscn-Altenburg wurde 1839 eine Geschichts- und alterthumsforschendc Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg be- gründet, die „Mittheilungen" (Bd. I, Altenb. 1841—44) herausgibt. — JnSachsen- Meini ngen besteht seit >831 der Henneberg, altcrthumsforschende Verein in Meiningen, der nächst seinen „Einladungsschriften r»r Jahrcsfestfcier" die „Beiträge zur Geschichte des deutschen Alterthums" (Lief. >—4, Meining. 1834 — 12 ) herausgibt und die 200 Historische Vereine „Chronik von Meiningen" (Mcining. 1836, 4.), die „Ehernen Denkmale der Grafen von Henneberg in Nömhild" (Münch. 1839, Fol.), und durch Schöppach das „Henneberg Urkundenbuch" (Meining. 1842, 4.) herausgegeben hat. —> In den reuß. Fürstrnthü- mern wurde 1826 der Voigtländischc altcrthumsforschende Verein zu Hohenleuben con- stituirt, der anfangs die Zeitschrift „Variscia" (Lief. I—4, Gera >829—37)herauSgab, an deren Stelle dann „Jahresberichte" (Gera 1837—41) traten. — In Frankfurt am Main wurde 1839 ein Verein für Frankfurts Geschichte und Kunst begründet, der ein „Archiv" (Heft I—3, Franks. 1839—44) herausgibt. — In Lübc ck hat die Gesellschaft für gemeinnützige Thätigkcit eine Abtheilung für Geschichte, dicdas„LübeckischcUrkundcn- buch" herausgegeben hat. — InHamb nrg wurde > 839 der Historische Verein für Hamburg. Geschichte gegründet, der, in viele Sectionen zerfallend, bereits eine höchst erfreuliche Thätigkcit entwickelt hat, wovon seine „Zeitschrift" (Bd. 1 und 2, Heft I, Hamb. 1841— 45) den Beweis liefert. — Ostreich hat keine historischen Vereine in dem angegebenen Sinne, wol aber sind auch hier gleichzeitig Provinzialmuseen gestiftet worden, wie da§ Johanneum für Steiermark zu Grätz (seit 1816), das Ferdinandeum für Tirol und Vorarl- berg zu Innsbruck (seit 1823), das Museum Francisco-Carolinum zu Linz, das Vaterländische Museum zu Prag (seit 1826 ) u. s. w., von denen auch mehre regelmäßige Jahresberichte und Zeitschriften erscheinen lassen. — Ein sehr lebhaftes Interesse für historische Vereine herrscht auch in der deutschen Schweiz und in den russ. Ostsceprovinzen. Jv der deutschen Schweiz bestehen neun derartige Vereine: 1)die 1836 begründete Gesellschaft für vaterländische Alterthümer zu Basel, die früher das „Schweizer. Museum für histo- rische Wissenschaften" (Bas. 1837 — 39) und 1843 das erste Heft ihrer „Mittheilungen" erscheinen ließ; 2) die Gesellschaft zur Beförderung der Geschichtskunde in Frei- bürg ; 3—5) die Vereine in Genf, Graubündten und Waadtland; 6) die Antiquarische Gesellschaft in Zürich, die bereits zwei Bände ihrer „Mittheilungen" (Zur. 1841—44, Fol.) herausgegeben hat; 7) die Zürcher Gesellschaft für vaterländische Alterthümer, die 1844 das achte Heft ihrer „Mittheilungen" erscheinen ließ; 8) der Historische Verein in Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, der sich am 10. Jan. 1843 consti- tuirte und den „Eeschichtsfreund" (Bd. I, Einsicdeln 1843) erscheinen läßt, der unter Andern die „banales Linsiillense« inchore«", sowie die „.^nnaler Liiisiülenüe« ininores" enthält, und 9) die Schweiz, geschichtsforschende Gesellschaft zu Bern, die schon 1812 gestiftet, 1841 zu einer allgemein schweiz. Gesellschaft erhoben wurde, mit der Bestimmung, dir allgemeine Geschichte der Schweiz einerseits durch Zusammenhalten ihrer Forscher und Freunde überhaupt, sowie insbesondere der ihr gewidmeten Cantonalgesellschaftcn, andererseits durch Herausgaben von Quellensammlungen zu fördern. Dieselbe hält aller, zwei Jahre an einem zu bestimmenden Orte der Schweiz eine Versammlung, gab früher den „Schweiz. Geschichtsforscher" (11 Bde., Bern 1818—40) heraus und läßt seit 1841 als allgemeines Organ für schweiz. Geschichtsforschung das „Archiv für schweiz. Geschichte" (2 Bde.) erscheinen. Sie umfaßt mit Ausnahme des zuletzt erwähnten Vereins alle historischen Vereine derSchweiz. — In den russ. Ostsceprovinzen bestehen drei histori- sche Vereine: I) die Gelehrte Esthnische Gesellschaft zu Dorpat, die „Verhandlungen" (Heft I—3, Dorp. 1840—43) herausgibt; 2) die Kurland. Gesellschaft für Literatur und Kunst, die seit > 840 „Sendungen" erscheinen läßt, und 3) die 1834 gestiftete Gesellschaft für Geschichte und Alterthumskunde der russ. Ostsceprovinzen in Riga, die ebenfalls „Mik- theilungcn aus dem Gebiete der Geschichte" (Bd. 1—2, Riga 1836—43) hcrausgibt. — Als mir den deutschen Vereinen zusammenhängend haben wir in Dänemark der Königlichen Gesellschaft für nord. Alterthumskunde zu Kopenhagen tu gedenken, die 1825 constituirt, nach einem großartigen Plane mit dem Zwecke, alle historischen und andern Sagas des german. Nordens herauszugcben, angelegt und im Besitze reicher Mittel, schon in den ersten fünf Jahren 24 Bde., die Sagas des alten Nordens ent- haltend, dann die „Antiquität«« smoricanae" u. s. w. herausgeben konnte und gegenwärtig „Jahrbücher der nord. Alterthumskunde" erscheinen läßt. Neben ihr bildete sich in Kopenhagen 1840 noch ein historischer Verein, der sich mehr das Quellenstudium der dän. Geschichte zum Zwecke gesetzt hat. Ans Fünen besteht die Fyens Stifts litteräre Histrionen Hittorff 201 Selssab zu Odense, die „Actstykker" (Odense 1841, -I.) herausgegeben hat. — Nächst Deutschland zählt Frankreich die meisten in der bezcichneten Att constituirten Der» eine, namentlich in den Provinzen. — In England besteht schon auS sehr früher Zeit die „Society of sntlgiiürisnr", die wehr als 30 Bde. voll der interessantesten Untersuchungen über das gcsammte Alterthum hcrausgegcben hat. Neben ihr wurde 1836 die Lng- lisll ksttoricai socictv begründet, welche die historischen Quellen bis auf Heinrich VIII. zu sammeln und kritisch berichtigt im Druck zu veröffentlichen zum Zweck hat. — In Schw «- dem bestehen historische Vereine zu Stockholm und Upsala. — In Rußland wurde 1836 die Kaiserliche Gesellschaft für Rußlands Geschichte und Alterthumskunde zu Moskau ge- gründet.— In Nordamerika gedenken wir nur des Geschichtsvcreins in Vermont. Histriönen hießen bei den Römern die Schauspieler. Als im I. 364 v. Chr. eine Pest in Rom ausgebrochen war, wurden unter andern zur Versöhnung der Götter angewandten Mitteln auch zuerst Schauspiele (lucki scenici) angestellt, die von Schauspielern, welche man aus Etrurien berief, aufgeführt wurden und nur aus mimischen Tänzen mit Flötenbcgleitung bestanden. Nöm. Jünglinge ahmten dies nach und fügten Worte hinzu; es fanden sich aber auch Leut«, die ein Gewerbe daraus machten, und diese wurden mit dem aus der ctrurischen Sprache entlehnten Worte bistriones, vor welchem das einheimische Inckiones mehr zurücktrat, benannt. Derselbe Name ging, als Liv i us Andronicus (s. d.) um 240 v. Ehr-, das kunstgerechte röm. Drama begründete, auf die Darsteller (»et» res) dieser Dramen, Komödien und Tragödien über, nicht aber auf die Darsteller der Mimen und Pantomimen, die sich später kunstmäßig ausbildeten und in der Kaiserzeit das eigentliche Schauspiel überwucherten. Die Histrionen bildeten Truppen (großes), an deren Vorsteher, gewöhnlich den ersten Schauspieler (sctor primarum partium), sich die Magistrate, welche dem Volke Schauspiele zum Besten geben wollten, wendeten. Die Besoldungen- (wercerles) der Histrionen stiegen zu solcher Höhe, daß Liberias sich veranlaßt fand, sie zu beschränken. Weibliche Rollen wurden durch Männer, erst in der spätesten Kaiserzeit auch durch Weiber gespielt. Das Volk gab den Schauspielern den Beifall durch Klatschen (pl-m- ms), das Misfallen durch Pfeifen (sidilus) zu erkennen. Der berühmteste unter den röm. histrionen war Noscius (s. d.), für den Cicero in seiner noch erhaltenen Rede als Anwalt austrat. Die Histrionen gehörten meist dem Stande der Freigelassenen an, auch Sklaven fanden sich unter ihnen. Die Ehrlosigkeit (mlamia), der ihr Gewerbe unterlag, traf nicht die röm. Jünglinge, welche die alteinhcimischen volksmäßigen Atellanen (s. b.) darstellten und aus welche der Name Histrionen nicht angewendct wurde. Hittorff (Jak. Jgn.), ein berühmter Architekt in Paris, geb. 1792 zu Köln, erhielt von Jugend auf in Folge der Vorliebe seines Vaters für die Baukunst eine zu diesem Fache vorbereitende Erziehung. Nachdem er seit seinem 15. Jahre als Steinhauer gearbeitet, trieb ihn zwei Jahre darauf die Sehnsucht nach höherer Ausbildung nach Paris, wo er an dem Architekten Belange« gleichsam einen zweiten Vater und an dem Architekten Percier einen ausgezeichneten Lehrer fand. Bei der Rückkehr der Bourbons im I. 1814 wurde er als erster Inspektor unter Belangcr und nach dessen Tode an seiner Stelle zum königlichen Architekten ernannt. Gemeinschaftlich mit Lccointe besorgte er seit 1819, neben mehren Privatbauten in Paris und dem mittägigen Frankreich, den Wiedercrbau des ital. Theaters Lavorst und den Neubau des Tkeätre cle 1'iiwbiFll comicpik; die Entwürfe zur Wiederherstellung der Kirche St.-Remy zu Rheims, zu einem Grabmonumcnt für den Herzog von Berri, zur Grabkapclle für die Herzogin von Kurland und zu dem Springbrunnen der Place de la Concorde; die Herausgabe dcS „Lecusil ckes «iecoratwns et clescriptivn rlu bspteme clu e Materialien zu seiner „Xrclntecture gutigus cie la 8ici!c" (3 Bde., Par. 1826—30, M) und zur „Xrciutecture moderne cks I» Kiciie" (Par. 1826 — 30, Fol.) sammelte, "der die von ihm gemachte Entdeckung, daß bei den griech. Werken der Baukunst aus allen SOL Hitzig Hjerta Zeiten die Farben als charakteristische Zierde angewendet worden seien, verbreitete er sich m der „^rciütecture pol^cbröme cber les 6rec»" (1 830). Durch die Julirevolution verlor er seine Stelle als Architekt des Königs, doch blieb.ihm sein Antheil, als Mitarbeiter seiner Schwiegervaters Lepere, an der Erbauung der Kirche St.-Vincent de Paul zu Paris. Im I. l 832 wurde er zum ^rcbitects en cb>:5 der Gebäude des Gouvernements ernannt, welche zu der sechsten Abtheilung der Stadt Paris gehören. Gleichzeitig ließ er eine franz.Übersetzung des engl.Werks „l'ke mmlliteck sntnimties ok^tlies"(Par-1832, Fol), erscheinen, das er vielfach berichtigte, durch Anmerkungen erläuterte und mit neuen Zeichnungen bereicherte. Seine Zeichnung der inner» Ansicht einer antiken Basilika, nach den Überresten dieser Gebäude in Italien und nach den alten Schriftstellern dargestellt, 3l Zoll breit und 21 Zollhoch, wurde für die Galerie in Luxemburg angekaust. Im I. >831 machte er die Entwürfe zur Verschönerung des Concordienplatzes und der Elyscischen Felde,. Hitzig (Jul. Eduard), Criminaldirector in Berlin, geb. daselbst am 2V. März 178«, studirte in Halle die Rechte, wo er, sowie später in Erlangen, für seine L«ebe zur Poesie in, Umgänge mit Clemens Brentano, Ludw. Wieland u. A. reichliche Nahrung und Befriedigung fand. In Warschau, wo er seit >709 bei der Regierung als Auscultatsr und seil 1804 als Refcrendarius angestcllt war, knüpfte sich zwischen ihm und den Dichtern I. I Mnioch und Werner, welcher letztere in seinen „Söhnen des Thals" in der Gestalt des Tempelritters Robert d'Hercdon H.'s Individualität ausgcfaßt haben soll, ein inniges Freundschaftsverhältnis Als l 806 die preuß. Herrschaft in Warschau ihr Ende erreichte, sah er sich genöthigt, zu literarischen Arbeiten seine Zuflucht zu nehmen. So besorgte er unter Andern die Übersetzung von Chaptal's „(lbiinie k>i>z,Iig,iee mix nrts" (2 Vde., Verl. 1808). Im I. 1808 begründete er in Berlin ein Vcrlagsgeschäft, womit er später eine,, Sorkimentshandcl und I8lO ein Lesezimmer für die Universität verband. Jm J. >8ll verkaufte er seine Handlung an den Buchhändler Dümmler, betrat von neuem die juristische Laufbahn beim Kammergericht und wurde >815 Criminalrath beim Kammcrge- richt und 1827 Director des Kammergerichts-JnquisitoriatS. Im I. 1825 begründete er die „Zeitschrift für die preuß. Criminalrechtspflege" und 1828 die „Annalen für deutsch und ausländische Criminalrechtspflege", die nachher von Demme fortgesetzt wurden. Auch gab er ein „Gelehrtes Berlin" (Bert. 1826) heraus. Den meisten schriftstellerischen R„j erntete er durch die Lebensbeschreibungen Werner's (Berl. 1823) und Hoffmann's (2 Bde., Berl. 1823). Nachdem er zum Neujahr 1832 von der Juristenfacultät zu Tübingen da§ Doctordiplom erhalten hatte, mußte er in Folge eines Augenübcls, welches bald gänz- liches Erblinden des einen Auges nach sich zog, seine Entlassung aus dem Staatsdienst! nehmen. Sein Schriftchen, das einiges Aufsehen machte, „Das preuß. Gesetz vom >>. Juni 1837 zum Schutze des Eigenthums in Werken der Wissenschaft und Kunst gegen Nachdruck und Nachbildung" (Berl. 1838), veranlaßt?, daß die Regierung ihnimOü. 1838 an die Spitze des Literarischen Vereins Sachverständiger berief, der in Gemäßheit des erwähnten Gesetzes in Berlin nicdergcscßt wurde. Seit dieser Zeit führte er auch bis 1844 die Oberleitung der in Leipzig erscheinenden „Preßzeitung". Von seinem Freunde Adalbert von Chamisso wurde ihm in dessen letztem Willen die Ausarbeitung der Biographie desselben übertragen, welche den Schluß der „Schriften" desselben bildet. Übrigens that H. auch sehr viel zur Förderung der Geselligkeit im höher» Sinne; so stiftete er >82) die Gesellschaft für deutsche Literatur und 1829 die Gesellschaft für ausländische schöne Literatur, die sogenannte Mikkwochsgescllschaft. Hjerta (Lars Joh.), der Herausgeber des schweb. „Aftonbladet", geb. 1801 zu Upsala, wo sein Vater Rentmeister bei der Universität war, machte daselbst seine Studien und wurde hierauf Notar in Stockholm. Während des Reichstags von 1828 — 30 begründete er mit Crusenstolp e (s. d.) die Reichstagszeitung, welche zum fast ausschließenden Organ der Opposition wurde. Nach beendigtem Reichstage trennte er sich von Crusen- stolpe und während dieser das ultraroyalistische „Fädcrneslandet" unternahm, gab H. sch dem Dec. 1830 das radicale „Aftonbladet" heraus. Beide bekämpften sich nun heftig, bis im I. 1833 die erstere Zeitung aus Mangel an Theilnahme aufhören mußte. Durch seine Gewandtheit, sein Talent, seine Gabe, die Tagesneuigkeiten auf eine pikante Weise zu ft- ch r> cr i- r- u m >ll >4 :r. > ", m , ic> eil I ^ le, n rl. en U ri- g-' . er ^ ch rck !us >e., >a§ 1U- isie >>. ;-» )ck. ;cit bis Nd! r->> ens 24 Li- s" öcn uu> den 'en° sck bis eine he> Hjort Hlubek 203 sprechen, stach H. sehr bald alle andere Zeitungen, namentlich auch den oppositionellen „Ar- guS'h aus, sodaß seine Zeitschrift in den letzten Jahren über 5000 Abnehmer zählte, ob- schon sie seit dem Regierungsantritte des Königs Oskar aufgehört hat, OppositionS- zeitung zu sein. Mit Crusenstolpe ist er vollkommen ausgesöhnt. Übrigens hat H. zugleich eine Verlagshandlung; auch ist er Besitzer einer Stearinlichtfabrik, der ersten in Schweden, und bei allen öffentlichen Unternehmungen gern thätig. Hjort (Peter), ein ausgezeichneter dän. Kritiker und Sprachforscher, geb. 1793 auf der bei Kopenhagen liegenden Insel Amager, wo sein Vater, der bekannte Schul- und Volksfreund Victor Christian H., der 1818 als Bischof zu Ribe starb, damals Prediger war, studirte thcils die Rechte, theils, im Umgänge mit Sibbern (s. d.), Philosophie und gewann l 8 l 5 mit der Abhandlung über die menschlicheFreiheit (1815) den Universitätspreis. In seinem „Tolv Paragrapher omJensBaggesen"(l8l7), mit denen er zuerst als Schriftsteller auftrat, vertrat er mit großer Schärfe den Standpunkt der romantischen Schule gegen die durch Baggesen repräsentirte Geschmacksrichtung. Hierauf machte er mit einem jungen Adligen, P. Bertouch-Lehn, eine Reise nach Deutschland, Frankreich und Italien, die vom entschiedensten Einfluß auf seine ganze Lebensbetrachtung wurde. In Italien studirte er, im vertrauten Umgänge mit den Dichtern Atterbom und Wilh. Müller, sowie mit deutschen und dän. Künstlern, Kunstgeschichte und Literatur; später brachteer drei Winter in München zu, in steter Berührung mit Schilling und Fr. Baader, sowie nachher mit Daub und Hegel. Nach seiner Rückkehr gab er die deutsch geschriebene Schrift „Joh. ScotuS Erigena, oder von dem Ursprünge einer christlichen Philosophie und ihrer heiligen Bedeutung" (1822) heraus. Noch imJ. I S22 wurde er als Professor der deutschen Sprache und Literatur an der Akademie zu Soröe augcstellt. Seitdem lieferte er eine Reihe Schriften, theils über deutsche, theils über engl, und lat. Sprache, die insge- sammt von dem Standpunkte der neuern kritischen Sprachforschung von Grimm, Becker u. A. ausgehend, zugleich manches Eigcnthümliche und einzelne Partien der Linguistik wesentlich gefördert haben; so seine „Tydsk Grammatik for DansstalenKe" (-1. Aufl., I8t2); „De tydske Conjugationer" (1828); „Systematisk Fremstilling af den latinske Conjugationsläre" (1827) und „Det engelske Conjugationssystem" (1843). Auch in den Anmerkungen zu seinem „Deutschen Lesebuche" (3. Aufl., 184 3) finden sich Beiträge zur lerikvgraphischen Behandlung der Sprache. Er ist ein Schüler Nask's, was er namentlich in der organisch-historischen Behandlung der Sprache bekundet. Die weiteste Verbreitung fanden sein trefflicher „Dän. Kinderfreund" (3. Aufl., 1842) und seine mit Geschmack aus- gewählten und zusammengestellten „Alten und neuen geistlichen Lieder" (3. Aufl., 1843). Hlubek (Franz Laver Wilh.), Professor der Land - und Forstwirthschaft zu Grätz, geb. am I l.Sept. >802 zu Chatitschap in Schlesien, studirte von 1822—24 in Brünn Philosophie und hierauf in Wien Mathematik, Jurisprudenz, Chemie und Landwirth- schaft. Im I. 1829 erhielt er eine Anstellung bei dem Magistrat in Wien und 1830 die Professur der Landwirthschaft daselbst. Nachdem er >831 eine Reise durch die östr. Staaten gemacht hatte, wurde er 1832 Professor der Landwirthschaft zu Lemberg und >833 in gleicher Eigenschaft nach Laibach versetzt, wo die Landwirthschaftsgesellschaft ihn zugleich mit Administration des Vcrsuchshofes und der Ncdaction der „Annalen" der Gesellschaft und des „Wirthschaftskalcnders fürJllyrien" beauftragte. Auch unterzog er sich aufVer- anlassung des Landesguberniums einer statistischen Zusammenstellung der landwirth- schastlichen, industriellen und commerzicllen Verhältnisse des Königreichs. Jm J. 1840 wurde er Professor der Landwirthschaft zu Grätz, Referent des Centralausschusses der steiermärkischen Landwirthschaftsgesellschaft und Administrator des Versuchshofes und des Musterweingartens. Als selbständiger Schriftsteller trat er zuerst auf mit der gekrönten Prcißschrist „Die Ernährung der Pflanzen und die Statik des Landbaus" (Prag 1841), »n die sich die „Beleuchtung der organischen Chemie des Dr. Liebig" (Grätz 1842) anschloß. Zugleich setzte H. einen Preis von 100 Dukaten für Denjenigen aus, welcher nach- Meisen vermag, daß Liebig's organische Chemie auch nur eine einzige, neue, nicht prak- lisch bewahrte, sondern blos streng wissenschaftlich vom Verfasser selbst constatirte That- sache aufzuweisen vermag, die auf die Ernährung der Pflanzen Bezug hat. Von seinen 204 Hoang-Ho Hobbes übrigen Schriften sind zu erwähnen „Resultate der Wirksamkeit der Landwirthschafts- gesellschaft in Steiermark" (Grätz 1840); „Der Verkehr zwischen Triest und der Mon- archie und die wien-triester Eisenbahn" (Wien 1841) und „Versuch einer neuen Charakteristik und Classification der Rebsorten" (Gräh 18-11). Hoang-Ho, d. h. im Chinesischen gelber Fluß, entspringt im Innern^Asien auf dem großen Bcrgknoten desKulkungebirgeS, durchfließt dann in großen Biegungen von Westen nach Osten die chines. Provinzen Kan-su, den südlichen Theil der Mongolei, Schcn-si, Schan-si, Ho-nan, Schan-toung und Kiang-su und ergießt sich, nachdem er zweimal auf seinem Laufe die chines. Mauer durchbrochen, zuletzt ins Whang-hai oder Gelbe Meer, den zwischen Korea und China gelegenen Busen des Großen Occans. Seine bedeutendsten Zuflüsse sind auf seiner rechten Sxitc der Whai-ho und der Hoai-Ho, auf der linken der Fuen-Ho. Obschon bedeutende hydraulische Arbeiten zu seiner Regelung an seinen Ufer» angelegt sind, so verursachen seine Überschwemmungen doch vielen Schaden, besonders da er durch Schlammablagerungen fortwährend sein Bett erhöht, sodaß schon an vielen Stellen sein Niveau höher als das des umliegenden Landes ist, welches nur durch Dämme geschützt wird. Sein Lauf hat eine Länge von ungefähr 600 M., und sein Flußgebiet beläuft sich auf 83000 IHM. Hobböma (Mcindert), vielleicht der vorzüglichste niederländ. Landschaftmalcr nach I. Nuysdael, wurde im 17. Jahrh. wahrscheinlich in Coeverden geboren; übrigens weiß man von seinen Lebcnsumständen durchaus nichts. Die Figuren in seinen Landschaften sind meist von Berghem, van de Velde, Lingelbach und I. van Loo gemalt, wonach seine Blütezeit etwa in das sechste bis achte Jahrzehnd des 17. Jahrh. fallen dürfte. Er malte meist Waldgegenden, Ruinen, Dörfer u. s. w-, Alles mit einer Durchbildung des Einzelnen, besonders des Baumschlags, mit einer Klarheit der Composition, mit einer Kraft und Schönheit des Colorits und feiner Abstufung des Tons, welche ihn den größten Landschaftern an die Seite stellen. Seine Bilder sind in vielen Galerien zerstreut; Sir Robert Peel besitzt einige der vorzüglichsten. Man glaubt, H. sei ein Schüler Ruysdael's gewesen, dem er von Manchen gleichgestellt wird, nur daß seine Ausführung minder zart sei. Hobbes (Thomas), einer der scharfsinnigsten, aber wegen seiner dem Glauben seiner Zeit durchaus widersprechenden Ansichten sehr verrufener Schriftsteller, der Sohn eines Predigers, gcb. zu Malmesbury in England am 5. Apr. 1588, bezog schon in seinem !t. Jahre die Universität zu Oxford, wo er die damals herrschende Aristotelische Philosophie und Physik studirte. Im 1.1610 reiste er als Führer eines jungen Lord Cavendish, Sohn des nachherigen Grafen von Devonshire, durch Frankreich und Italien. Nach seiner Rückkehr faßte er, durch den Umgang mit Bacon veranlaßt, den Entschluß, für eine bcsserePhilosophie zu wirken, und übersetzte, um seine Landsleute von ihrem wachsenden Hange zur Demokratie abzuschreckcn, den Thucydides ins Englische (Lond. 1628). Im 1.1620 ging er ein zweites Mal mit dem Sohne des Sir G. Clifton und 1631 zum dritten Mal mit einem zweiten Sohne des Grafen von Devonshire nach Frankreich. Bei seiner Rückkehr nach -London ini I. 1637 fand er Alles in politischer Gährnng. Vergebens strebte er, seine Landsleute von einerRcvolution abzuziehen und sah sich 16tl genöthigt, nach Paris zu gehen, wo er einige Jahre blieb und den aus England geflüchteten Prinzen von Wales in der Mathematik unterrichtete. Hier schrieb er auch sein berühmtes Buch „De eive", welches, zuerst 16t2 als Manuscript gedruckt, fünf Jahre später in Amsterdam und ebendaselbst 1648 in fran;. Übersetzung von Sorbierc erschien, und worin er gegenseitige Furcht der Menschen und du Nothwendigkcit, dem Elende des Naturstandes zu entgehen, für die Grundlagen des Staats erklärte. Hiermit in Übereinstimmung nahm er der Geistlichkeit und der Kirche die Gewalt, welche sie in den Zeiten der Finsterniß sich angeeignet, und gab sic der weltlichen Gewalt zurück, um so mehr, da er die Religion selbst für ein Erzeugniß der Furcht und ein wirksames Mittel bürgerlicher Ordnung in der Hand des Regenten, in ihrer äußern Gestalt lediglich von der Regierung abhängig, die Gottheit aber nur für die uns verborgene erste Ursache aller Bewegung hielt. Die hierüber zwischen ihm und dem BischofBramhall 1 6 >6 - entstandenen Streitigkeiten vcröfsnctlichte er als „tzusestinnss Oe liliertate, nece-sit»te et casu" (Lond. 1656). Dieselben Grundsätze verfolgte er in seinem größer» politischen Hobhouse Hochätzkunst 205 Werke „I^cviatlmn" (engl., Lond. 1651, Fol.; lat. mit einem Anhänge, Amst. 1670, 4.; deutsch, 2Bdc., Halle 1794—97). Auf Veranlaffung der Geistlichkeit wurde ihm der noch in Frankreich residircnde Hof Karl s!!, verboten, und nun überhaupt in Frankreich sich nicht sicher glaubend, ging er 1652 nach England zum Grafen von Dcvonshire, wo er die drei Abhandlungen „I)c corpore poütico", „voliomine" und „Decivitttte"(Lond. 1656) schrieb. Nachdem Karl II. 1660 den engl. Thron bestiegen, erhielt H. eine jährliche Pension von 100 Pf. St. und zog sich 1674 von London aufs Land zurück. Hier beschrieb er sein eigenes Leben in ziemlich schlechten elegischen Wersen unter dem Titel „Uistoria ccclesia- sticu csrmme eleFinco concinnata", welche nach seinem Tode (Lond. 1688) erschien, sowie auch sein „Leliemotk, or rr Iiistor)' ok tlie civil rvars krom 16-10 to 1660". Wider eine in das Unterhaus gebrachte Bill, ihn als Atheisten zu bestrafen, vertheidigte er sich in seiner geistreichen Schrift „üistorical Narration coucemino keres)- auck Ille ;,»nis!nnenr tliercos". Unter den Neuern sind vorzüglich Mendelssohn in seinem „Jerusalem" und Fcuerbach in seinem „Anti-Hobbes" (Erf. 1793) als seine Gegner, Andere, wie früher Eundling, später Maimon, für ihn in die Schranken getreten. Er starb unverheirathet zu Hardwicke, einem Landsitze des Grafen von Dcvonshire, am 4. Dec. 1679. Seine Biographie von I. Aubrcy (lat. von R. Blackburn) erschien 1681; eine Eesammtausgabe seiner „Nora! rmcl political rvorl^s" zu London (1750, Fol.; deutsch, Halle 1793). Won der von Will. Molesworth unternommenen Ausgabe seiner „Lngüstr worlcs" sind bis 1814 zehn Bände erschienen. Hobhouse (Sir John Cam), brit. Staatsmann, geb. um 1787, studirte in Cambridge gleichzeitig mit Lord Byron und reiste mit ihm 1809 nach dem Orient, kehrte jedoch, als er einen Theil der europ. Türkei gesehen, nach England zurück und schilderte das Gcse- hene unter dem Titel „äonrucv into^llmnia ancl vtker provwces ok tlie turlcisil empire" (Lond. >812). Byron widmete ihm den vierten Canto seines „Olnlcke Larvlll", der die ikal. Reise enthält, und von H. mit Anmerkungen begleitet wurde, die über örtliche und geschichtliche Verhältnisse die interessantesten Ausschlüsse geben. Während der Hundert Tage befand sich H. in Frankreich und nach der Schlacht bei Waterloo gab er die „Retters dritten d)- lmLnFlisbmun «lurin-; tlie last reign »Mapoleon" (Lond. 1815) heraus, die ihm, weil er darin offen für den Kaiser Partei genommen, viel Feindschaft zuzogen. Derselbe Freimut!) in Betreff der inncrn Angelegenheiten seines Vaterlandes brachte ihn 1819 auf Befehl des Hauses der Gemeinen, welches eine Stelle in einer von ihm verfaßten Flugschrift für eine Verletzung seiner Privilegien erklärte, bis zum Schluffe der Session als Gefangenen nach Newgatc, gerade dieses aber 1820 für Wcstminster ins Unterhaus, wo er zu den eifrigsten Verfechtern der Volkssache gehörte und mit andern einflußreichen Häuptern der Radikalen an der Gründung der „T-Vestminster review" Theil nahm- Später näherte er sich mehr den gemäßigten Ansichten, trat >831 als Staatssecretair für das Kriegswesen in das Ministerium Erey und wurde im März 1833 Staatssecretair für Irland. Als bald nachher im Hause der Gemeinen die Aufhebung der Hans- und Fenstersteuer beantragt wurde, gegen welche H. früher sich verpflichtete, deren Nothwendigkeit er aber jetzt einsah, trat er aus dem Ministerium, legte auch seine Stelle als Parlamentsglied nieder und wurde nicht wieder gewählt. Mismuthig beschloß er, sich von den öffentlichen Angelegenheiten zurückzuziehen, und blieb auch seinem Vorsätze treu, bis im Juli 1834, bei Grey's Rücktritte, Lord Melbourne ihm mit der Stelle eines Obercommissairs der Do- mainen einen Sitz im Cabinctc anbot, worauf er für Nottingham im Unterhause saß. Im Z. 1839 wurde er Präsident des Centralburcaus für Ostindien und blieb es, bis im Aug. 1811 das Ministerium Melbourne abdankte. Hochamt, s. Messe. Hochätzkunst oder Ektypographie ist strenggenommen der gewöhnlichen Ätzkunst gerade entgegengesetzt. Wenn es bei der letztem darauf ankommt, die Linien einer Zeichnung vertieft darzustellcn, sie also als das Überflüssige zu betrachten, das man durch die Atzung entfernt, so gilt es bei der Hochähkunst, die Züge der Zeichnung als die Hauptsache zu betrachten, sie zu erhalten und den Grund der Platte zu entfernen. Bei der Hoch- ahkunst stehen die Linien der Zeichnung erhaben über dem Grunde, während sie bei der ge- 2V6 HochäHkunst wohnlichen Ätzung vertieft sind. Ein noch treffenderer Unterschied beider ist der, daß bei dcc Hochätzung die Zeichnung eine ebene Flache bildet und ihr ganzer Effect durch die Breite der Striche und ihre gegenseitige Entfernung hervorgebracht wird, während bei der ge- wohnlichen Ätzung der Effect durch die geringere oder größere Vertiefung einiger Linien begünstigt wird. Die Hochätzkunst an und für sich war schon längere Zeit bekannt, wurde jedoch früher keineswegs dazu verwendet, die geätzten Linien u. s. w. durch den Druck z» vervielfältigen, sondern nur um Ornamente, Schriftzüge mit leichterer Mühe als durch Graviren oder Aushauen erhaben daiyustellen. Wir finden schon Spuren dieser Verfah- rungsart im Alterthum, und das Mittelalter bildete auf Rüstungen, Degenklingen in dieser Hinsicht ausgezeichnete Sachen. Das Bedürfniß, kleine Zeichnungen u. s. w. in dem Texte von Büchern unmittelbar mit der Buchdruckerpresse abdrucken zu können, Verdun- den mit dem Zeit- undKostenaufwande für die bis dahin dazu angewendeten Holzschnitte, führte darauf, dergleichen Zeichnungen erhaben in Metall zu graviren, und als Sennefelder den Steindruck erfunden hatte, verfiel derselbe, da er die schnelle und drastische Wirkung der Fette und Säuren auf den Kalkschiefer, mit dem er seine Versuche anstellte, bemerkt hatte, auf die Idee, Zeichnungen mit fetten Substanzen auf den Stein zu bringen und den Grund so tief fortzuätzen, daß von dieser Zeichnung Abdrücke gemacht werden konnten. Diese Erfindung erschien jedoch für den Augenblick gegen die andern Erfolge des Steindrucks untergeordnet und wurde nicht weiter verfolgt, bis Eberhard in Darmstadt und nach und nach Duplat, Didot, Motte in Paris, Bauerkeller in Werthheim und Baumgärtner in Leipzig (letzterer unter Mitwirkung des vr. Netto) dieselbe wird« ausnahmen und zu einer ziemlichen Vollkommenheit brachten, auch Cliches in Schriftmasse davon erhielten. Diese Erfolge führten bald aus den Gedanken, das Verfahren auch auf Metalle anzuwenden und so durch Hochätzen Metallstücke zu erzeugen, welch! in Allem die Holzschnitte ersetzen, durch die schnellere Herstellung aber wohlfeiler als dich werden sollten. Carre in Toul lieferte bereits 182-1 Proben davon und Dembour in Metz vervollkommn«! das Verfahren. Als Grundlage wurden Kupferplrtten benutzt; Eber- hard aber wendete Zinkplattcn an. Was das Verfahren selbst betrifft, so besteht dasselbe darin, daß man auf die wohlgereinigte und sehr sauber geschliffene Platte mit einer fettigen Substanz, entweder mit der Feder oder dem Pinsel eine Zeichnung vollständig ausführt und alsdann mit verdünnter Salpetersäure die unbezeichneten Stellen tief ätzt. Da jedoch da, wo dieSchraffirungen eng liegen, eine so große Tiefe nicht nöthig ist, deckt man diese, sobald die Zwischenräume tief genug scheinen, mit der fettigen Substanz und ätzt die übrigen von neuem tiefer und so hart, daß die Stellen, welche das meiste Licht (die meisten unbezeichneten Theile) haben, und wo sich das Papier und die Schwärze beim Druck zuerst einlegen würden, am tiefsten geätzt werden. Um Zeit zu ersparen, läßt man auch wol diese Theile mittels des Grabsiichels vertiefen, was durchaus nicht schwierig ist. Die fette Substanz, deren man sich zum Zeichnen bedient, ist für den Stein eine gute, feste lithographische Tinte, für Kupfer aber ein guter Ätzgrund, welchen man in Lavendelöl auflöst und den man, damit er auf der Platte, obgleich er so consistent als möglich aufgetragen werden muß, nicht ausläuft, mit etwas gebranntem Lampenruß versetzt. Äuch ist es zweckgemäß, die Platte vor dem Zeichnen mit sehr verdünnter Salpetersäure etwas matt zu ätzen. Zum nochmaligen Decken der hinreichend geätzten Theile bedient man sich desselben Ähgrundes, der nur etwas dicker gehalten wird. In der neuesten Zeit hat man auch die fertiggeähten Theile durch eine dünne galvanische vermischte Vergoldung gedeckt, welche durch das Ätzwasser nicht angegriffen wird und die vollendeten Stellen besser deckt als der dickste Ätzgrund. Äuch auf Stahlplatten kann man in derselben Weise Hochätzen. Eine andere Art, die erhabenen Metallstücke zu erzeugen, besteht darin, sie durch einen Niederschlag von galvanischem Kupfer darzustellen. Die Zeichnungen werden auf einer mit einem Deckgrunde versehenen Kupferplatte dadurch hervorgebracht, daß man an den bezeichneten Stellen mit der Nadel das Kupfer bloslegt und nun die so bezeichnete Platte in einen galvanischen Apparat bringt, dort als Matrize betrachtet und eine neue Kupferplatte darauf niederschlägt, welche dann alle Linien der Zeichnung erhaben darstellt und als Buchdruckerstock gebraucht werden kann. Palmer Hochberg Hoche 2S7 in England hat das Verfahren erfunden, hält jedoch den Deckgrund geheim; Bergmann in Leipzig hat für die „Illustriere Zeitung" gelungene derartige Stöcke angefertigt, doch weickt sein Verfahren von Dem, was bis jetzt über das Palmer'sche bekannt ist, in Vielem ab. Hochberg (Markgrafen von), eine Stanimlinie des Hauses Baden, haben ihren Namen von dem uralten festen Bergschlosse Hochberg, etwa eine Meile nördlich von Frei- bürg im Breisgau, das, angeblich zu Karl des Großen Zeit erbaut, 1689 durch die Franzosen zerstört wurde, aber noch jetzt als bedeutende Ruine die Aufmerksamkeit der Alterthumsforscher fesselt. Der Stifter dieser Linie wurde Heinrich I. im I. I 190, der jüngere Sohn des Markgrafen Hermann's III. von Baden, während der ältere Bruder Hermann I V. die markgräfliche LinieBaden fortsührtc. Mit Heinrichs IN. Tode im I. l 30» theilte sich dieselbe durch dessenSöhne in die Linien Hochberg-Hochberg und Hochberg-Sausrn- berg. Jene, gestiftet durch Heinrich IV., schwächte sich fortwährend durch ncueLandes- theilungen und erlosch mit Otto's lll. Tode, im I. >418, worauf zufolge Vertrags ihre Besitzungen an die Markgrafen von Baden fielen; diese, gestiftet von Rudolf III., ver- mehrtc ihre Besitzungen sehr ansehnlich und erlosch im Mannsstamme mit dem Markgrafen Philipp im I. 1503. Philipp's einzige Tochter, Johanna, die sich nach des Vaters Lode im J. 1504 mit dem Grafen Ludwig von Longueville vermählte, die Stammutter des noch jetzt blühenden herzoglichen Hauses von Longueville wurde und 1543 starb, erhielt die Grafschaft Neufchatel; die übrigen Landschaften fielen wieder an das markgräsliche Haus Baden. Erneuert wurde der Name dieses Geschlechts, als der Markgraf vonBaden, Karl Friedrich (s. d.), nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, 1787 in morganatischer Ehe mit Luise Karoline Geyer von Geyersberg, geb. 1768, gest. 1820, sich vermählte und sie durch den Kaiser zur Gräfin von Hochberg ernennen ließ, deren mit ihm erzeugte Sohne 1817 zu Markgrafen von Baden und großherzoglichen Prinzen erklärt wurden, von denen der ältere, Leopold (si d.), 1830 seinem ohne Nachkommen verstorbenen Halbbruder Ludwig Wilh. August in der Negierung als Großhcrzog von Baden folgte. Hochdruck ist die Kunst, mittels der Buchdruckerpresse Schriften, Ornamente u.s.w. aufdem Papier erhaben darzustellcn. (S. Neliefdruck.) Hoche (Lazare), einer der ausgezeichnetsten Generale der franz. Republik, geb. am 25. Juni 1769 zu Montreuil bei Versailles, von Altern aus niedrigem Stande, trat aus dem königlichen Marstalle im Alter von 16 Jahren in die franz. Garde, wo er in Folge seines Diensteifers und seiner Lernbegierde zum Unteroffizier befördert wurde. Beim Ausbruche der Revolution nahm er Dienst in der besoldeten Nationalgarde von Paris; 1702 aber ging er als Lieutenant ins Regiment Rouergue über und studirte nun die Kriegswissenschaften mit dem größten Eifer. Nach ausgezeichneter Theilnahme an der Belagerung von Thionville und der Schlacht von Neerwinden wurde er Adjutant des General Leve- neur. Mit diesem des Einverständnisses mit Dumouriez beschuldigt, reichte er aus dem Gefängniß einen Kriegsplan ein, der die Aufmerksamkeit des Wohlfahrtsausschusses im hohen Grade erregte, sodaß man ihn sogleich in Freiheit setzte und ihm das Kommando zu Dünkirchen übertrug. Durch muthige und geschickte Vertheidigung dieses Platzes gegen die Hauptmacht der Verbündeten unter dem Herzog von Jork erwarb sich H. rasch den Erad eines Divisionsgeneraks. Man gab ihm hierauf den Befehl über die desorganisirte Moselarmee, mit der er die Positionen der Vogesenkette nehmen sollte. Da die blutigsten Anstrengungen gegen die vom Herzog von Braunschweig vertheidigten Linien von Kaiserslautern vergeblich waren, ging er mit 12000 M. über die Vogesen, schlug am 26. Dec. 1703 den General Wurmser, befreite Landau und trieb die Östreicher aus dem Elsaß. Saint-Just, der ihn haßte, ließ ihn indeß verhaften. Nachdem die Revolution vom 9. Thermidor ihm Freiheit und Leben gerettet, erhielt er das Kommando über ein ArmeecorpS in den westlichen Departements, wo er den Krieger mit dem Politiker vereinigend, durch Mäßigung und Strenge sehr bald die günstigsten Erfolge errang. Sodann wurden die Armeen von Brest und Cherbourg, in der Stärke von 40000 M., unter seinen Befehl vereinigt. Er besetzte nun den 150 Stunden langen Küstenstrich durch detachirte Corps, welches Verfahren vortrefflich wirkte; doch durch den Frieden von 1795 wurde er an einem Hauptschlage Legen die Insurgenten verhindert. Bei der Landung der franz. Emigranten am 27. Juni 208 Hochebene Hochhrim !795 auf der Halbinsel Qu i b er o n (s.d.) nahm er mit großer Kaltblütigkeit solche Maßregeln, daß die Royalisten am Vordringen ins Land und der Verbindung unter sich verhin- dert wurden. Er schlug am >6. Juli Hervilly und Puisaye bei Sainte-Barbe, nahm am 26. das Fort Penthievrc und zwang den Rest der Expedition zur Einschiffung. Aus Ärger über die vom Convent befohlene Nicdermetzelung der Gefangenen legte er das Com- mando im Morbihan nieder und übernahm an Canclaux's Stelle zu Nantes den Befehl über die Armee des Westens, wo er nun die Entwaffnung der Nieder-Vende'e begann, indem er das Land mit vereinzelten Posten bedeckte. Die Directorialregierung beschloß dieses System auf alle insurgirten Provinzen anzuwenden und übertrug H. mit der Civilgewall den Oberbefehl über die vereinigte, 166606 M. starke Armee an den Küsten des Oceaus. Er bediente sich dieser Diktatur mit Redlichkeit, Klugheit und Patriotismus. Nachdem er die Häuptlinge Charettc (s.d.) und Stafflet durch rastlose Verfolgung überwunden und , dieVendee beruhigt, ging er an die Entwaffnung vonBerry, Morbihan und der Bretagne Am 15. Juli 1796 verkündete er dem Dircctorium die Beilegung des Bürgerkriegs und empfing dafür mit seinem Heere den Dank des Vaterlandes. Unter großen Schwierigkeiten rüstete er hierauf mit dem Admiral Morard de Ealles eine Expedition nach Irland aus, Am 16. Dec. 1796 ging er mit 18609 M. von Brest unter Segel; allein der Sturm ,;er- streute die Escadre und das Unternehmen scheiterte gänzlich. Das Dircctorium übertrug ihm sodann den Befehl über die Maas- und Sambrearmee. Zugleich erhielt er damit dir Militairgewalt über die deutschen Landschaften zwischen der Maas und dem Rhein, au- welchen er, nach denk BeispieleBonaparte's in Italien, die Cisrhe iranische Republik (s.d.) zu bilden versuchte. Den Feldzug vorr 17 97 eröffncte erdamit, daß er mit8666üL am 18. Apr. 1797 bei Neuwied im Angesichte der Ostrcichcr über den Rhein ging und unter fortwährenden Siegen über Wetzlar nach Gießen vordrang, wo der Waffenstillstand von Leoben seinen Operationen ein Ziel setzte. Nach dxm 18. Fructidor (s. Direktorium), zu dem er als aufrichtiger Republikaner seine Mitwirkung zusagtc, bot man ihm das Kriegsministerium an, das er jedoch seiner Jugend wegen ablchntc. Dafür übernahm ' er den Oberbefehl über die Armee an den deutschen Grenzen. Ehe er aber den Feldzug er- öffnete, erkrankte er plötzlich im Lager von Wetzlar und starb daselbst am 18. Sept. 1UU Man schrieb seinen Tod einer Vergiftung zu, deren sich die Parteien gegenseitig beschuldigten. Sein Leichnam wurde von Wetzlar nach Koblenz gebracht. Das ihm an der Straß! von Mainz nach Bingen errichtete Denkmal ließ der König von Preußen 1809 wiedcrhcr- siellen. In Versailles wurde ihm eine Statue gesetzt und am 8. Aug. 18,",0 enthüllt. Hochebene oder Plateau nennt man diejenige Fläche, die auf emcmHauptgcbirgS- joche, in beträchtlicher Höhe über dem flachen Lande, und zum Theil in großer Ausdehnung nach Länge und Breite, sich erstreckt. Sie unterscheidet sich von einem Gebirge oder Gebügskamme dadurch, daß dieses eine Erhebung der Erdoberfläche in einen fortlaufenden schmalen Rücken, welcher eine Wasserscheide bildet, darstellt, während die Hochebene eine Erhebung ganzer Massen des Festlandes in eine weite Ebene ist, in welcher cS schwer fällt, selbst bei genauester Vergleichung die Erstreckung des WassertheilerS herauszusinden. Solche Hochebenen sind in Europa die von Castilien in Spanien und die von Deutschland, welche vom Nordrande der Alpen und dem südlichen Fuße des Jura begrenzt wird; sowie die von Oberschlesien und dem südwestlichen Polen, welche das Verbindungsglied zwischen den > Karpaten und dem hercynischen Bergsystem ausmacht; in Asien die Hochebene von Iran, die Hochebene Persiens, die von Vorderindien, sowie die von Centralindien u-s. w > i» Afrika ganz Südafrika von 5606 F. Erhebung; in Amerika die Hochebene von Meri« und von Quito. Hochgericht hieß ursprünglich das höhere Gericht, welches über die'schweren Verbrecher competent war; später bezcichnete man damit den Ort, wo bleibende Anstalten zu Hinrichtungen waren, z. B. Galgen, Nabenstein, Räder auf Pfähle gesteckt u. s. w., die auch dazu dienten, anzuzeigen, daß eine Stadt oder ein Gut hohe Gerichtsbarkeit habe. Hochheim, eine Stadt im Herzogthum Nassau mit I960 E-, liegt auf einer bedeutenden Anhöhe, eine Stunde von Mainz an der Straße nach Frankfurt, in geringer Entfernung vom Main, an dessen rechtem Ufer dieTaunuseisenbahn entlang geht, und gehör» !aß- hin- ihm !!us om- m- eses voll ins. ner und > gnc. und ;kei- nur. rer- iru- tdie au- blik U und tlllld ihin ihn, ^ ser- dig- rasi hcr- rgi- ung rgs° nia- rhe. elbsi »lche :lch- von den ' rau, ; "> :ri« «er- nzu die deu- ;nt- örtt Hochkirch 209 früher dem Domcapitel zu Mainz. Der hochheimerWein ist durch sein schönes Aroma bekannt und von der besten Qualität desselben, der Hochheimer Blnmc, hat der Domdechanei-Wein den weitverbreitetsten Nus. Hochkirch oder Hohkirchen, ein Dorf in der sächs. Oberlausitz, an der Straße von Bautzen nachLöbau und von beiden Städten gleich weit entfernt, wurde im Siebenjährigen Kriege durch die Schlacht am 14. Det. 1758 denkwürdig. Nach dem Siege über die Russen bei Zorndorf war König Friedrich II. von Preußen nach Sachsen geeilt, um dem durch die Übermacht der Östreicher gefährlich bedrohten Prinzen Heinrich Hülfe zu bringen. Er vereinigte sich am 12. Sept. mit demselben bei Reichenbach und suchte nun den östr. General Daun zu einer Schlacht zu bewegen, um, wenn die Ostrcicher nach Böhmen zurückge- schlagen wären, Schlesien zu retten, wo durch die Eroberung von Nciffe die Feinde sich wie- der festsetzen zu wollen schienen. Allein Daun ließ sich durch nichts aus seiner festen Stellung bei Stolpen herauslocken. Nur erst, als Friedrich sich in die Lausitz wendete, in der Absicht, Zittau, wo die Östreicher ihre Hauptmagazine hatten, zu nehmen, brack Daun in Eile auf, um diesen Plan zu hintcrtreiben und bezog mit 5»N1»1> M. ein gleichfalls festes Lager bei Löbau. Friedrich, entweder über die Macht und Nähe des Feindes getäuscht oder auf Dauns ängstliche Vorsicht zu sicher vertrauend, nahm, dem vorthcilhaftcn Lager der Ost- reicher gegenüber, bei H. eine so durchaus unhaltbare Stellung ein, daß der Feldmarschall Keith scherzhaft zu Friedrich sagte: „Wenn uns die Östreicher hier ruhig lassen, so verdienen sic gehangen zu werden!" Als mit der Zeit auch der König das Gefährliche seiner Lage einsah, faßte er den Entschluß, durch einen Überfall des Prinzen von Baden-Durlach, welcher m der Nacht vom 14. zum 15. stattfinden sollte, sich aus der Affaire zu ziehen. Aber die Östreicher kamen ihm zuvor. Am 14. Oct. früh 5 Ühr griff Daun plötzlich die preuß. Armee, die gegen 30000 M. stark war, nach einem gut entworfenen und maskirten Plane von allen Seiten in geschlossenen Colonnen an. Ein dicker Nebel begünstigte die Unternehmung der Östreicher und vermehrte die Verwirrung der Preußen. Als der König, durch das heftige Feuern aufgcschreckt, herzueilte, waren seine Vorposten schon überwältigt, sein rechter Flügel so gut wie aufgelöst und verschiedene Batterien genommen und auf sein eigenes Lager gerichtet. Die Unordnung war entsetzlich. Zn dieser furchtbaren Lage zeigten sich aber aufs deutlichste die Vorthcilc der Kriegszucht. Halb nackt liefen die Soldaten zu den Waffen und stellten sich in Reih und Glied, doch nirgend war ein Zusammenhang, nur einzelne Regimenter fochten gegen die dichten Östreicher. H. stand bald in Flammen; hier, besonders auf dem Gottesacker, war der Kampf am hartnäckigsten, das Dorf wurde verloren und wieder erobert, bis endlich Friedrich den ersten Augenblick, wo der Nebel fiel, benutzte, um unter Möllendorf's Schutz auf der Höhe bei Dresa sein Heer in Schlachtord- nung zu stellen, ein Entschluß, der dem Feinde Bewunderung einflößte. Zwar griff jetzt auch der Herzog von Aremberg den linken Flügel der Preußen heftig an und nöthigte durch mehre errungene Vortheile, nach einem fünfstündigen tapfern Gefechte, den König, noch weiter zurnckzugehen; allein da zum Glück der mit seinem Corps entsendet gewesene General Retzow noch zu rechter Zeit eintraf, so ging der Rückzug blos bis zu dem eine Stunde vom Schlachtfeld entfernten Spitzberge, wo sich die Preußen in einer so vortheilhaften Stellung festsetzten, daß Daun sie nicht ferner zu beunruhigen wagte. Friedrich hatte an diesem Morgen 9000 M., >l>> Kanone und die ganze Bagage verloren; er selbst war leicht verwundet und mit ihm fast alle Generale; der Marschall Keith und der Prinz Franz von Braunschweig waren auf dem Platze geblieben und der Feldmarschall Prinz Moritz von Dessau schwer verwundet in die Hände der Feinde gefallen. Aber auch die Östreicher hatten 8000 M. verloren. Daun's Triumph war groß, aber er benutzte die Vortheile nicht, die dieser Sieg ihm hätte verschaffen können. — Im 1.1813 kam es bei H. zu einem Gefechte zwischen den Franzosen und Verbündeten. Die Stellung der letzter» vor der Schlacht beiBautzen (s. d.) war eine imponirende. Links ans Gebirge, rechts an die Spree ge- lehnt, hatten sie vor sich eine doppelte Vertheidigungslinie, zuerst die Spree mit ihren wei- ten Sumpf- und Teichufern und die Stadt Bautzen, dann 6000 Schritt weiter «inen Halbkreis von Verschanzungen und Redouten, die sich hinter Bautzen und von Preuschwitz Conv.-Lcx. Neunte Aufl. Vll. 14 n L 210 Hochkirche Hochland über Soritz bis H. hinzogen. Inzwischen gelang es den Franzosen, in der Schlacht bei dem d von H. in geringer Entfernung gelegenen Dorfe Wurschen am 21. Mai den rechten Flügel a der Verbündeten zu umgehen, und so vermochte auch der linke Flügel, der an H. sich lehnte, s, den vereinten Angriffen Marmont's und Macdonald's nicht zu widerstehen. H Hochkirche, EnglischeoderAnglikanische, auch Episkopal-oderbischöf- e liche Kirche, heißt die in England reformirte Kirchenverfassung, welche als einen Haupt- x grundsatz annimmt, daß die Bischöfe von Gott eingesetzt seien und daß die Kirche unter Z ihnen stehen müsse. Diese Reformation begann, nachdem die Päpste früher in England v große Gewalt geübt und jährlich sehr bedeutende Summen aus diesem Lande gezogen hat- d> ten, damit, daß sich König Heinrich VIII. (s.d.) in Folge der Differenzen mit dem Papste dl wegen seiner Ehescheidung 1531 für das Haupt der engl. Kirche erklärte und somit die g Oberherrschaft des Papstes zugleich mit dem Mönchswesen in England beseitigte, wäh- . 8 rend er sonst in.der alten Lehre der Kirche nur wenig änderte, auch fortwährend eifrig ka- d> tholisch blieb. Öffentliche Theilnahme fand die so eingeleitete Reformation erst unter Hein- w rich's Nachfolger Eduard VI. ; völlig eingeführt wurde sie unter der Königin Elisabeth w (s. d.) im I. 1558, die der Kirchenverfassung in England die Gestalt gab, die sie noch ge- es genwärtig hat, indem sie den Erzbischöfen und Bischöfen die Aufsicht über die Kirche an- oi vertraute. Das Symbol der Hochkirche sind die 39 Artikel, welche 1562 durch die Köni- hc gin Elisabeth bekannt gemacht wurden, die aber schon unter Eduard VI. 1552 ausgestellt Z> worden waren. Ihr Dogma ist das in der Prädestinationslehre etwas gemilderte Cal- H vin'sche. Sie ist die herrschende in England; alle übrige von ihr weniger im Dogma aii di in Verfassung und Ritus getrennten kirchlichen Parteien heißen Nonconformisten »da B Dissentersfs.d.). Dahingehörendie Presbyterianer oder Puritaner (s.d.), dieJndk- sic I endenten (s. d.) und dieBaptisten oder Taufgesinnten (s. d.). Durch die Unter- T stützung dieser kirchlichen Parteien, aus welchen politische hervorgingen, bewirkte Crommll A ine Revolution unter Karl I-, während deren sich wieder viele neue kirchliche Sekten bilde- (I ten, deren cs noch gegenwärtig in England mehr als 20 gibt. Durch die ^.ct oklolerstisa ül erlangten unter Wilhelm III. 1695 die Presbyterianer völlige Gewissensfreiheit, und 6 di hfl seitdem die Hochkirche in England und Irland, die presbyterianische in Schottland die ha herrschende. Die Emancipation der Katholiken (s. d.) kam durch die Acte vom 13. ih> Apr. 1829 zu Stande. Übrigens ist der Name Hochkirche, womit in England selbst im< hä Urals die bischöfliche Kirche bezeichnet worden ist, veranlaßt durch die streng hierarchisch- va aristokratische Partei dieser Kirche, welche, an dem aufgestellten Lehrbegriffe und der alten chi Liturgie als der historisch bestimmten kirchlichen Gestaltung des Christenthums festhaltend, tet sich die hochkirchliche (Lligch ckurcü psrtv, Higlr cliurcir ineu) nennt, im Gegensätze der tn niedrig kirchlichen (iü-vnv ciiurcü part)-, Ib-ow cüuicü men), welche eine Vermittlung sucht ge> zwischen den beiden Extremen der Episkopalen und der von diesen als demokratisch-revo- "n lutionair bezeichneten Dissenters. Dgl. Stäudlin, „Allgemeine Kirchengeschichte von un Großbritannien" (2 Bde., Gött. 18 l 9); Carwithen, „Sistor^ ok tüe Lnglisb cdiricb" dis (2 Bde-, Land. 1829) und Clausnitzer, „Gottesdienst, Kirchenverfassung und Geistlich- un kcit der bischöflichen engl. Kirche" (Berl. 1817). die Hochland oder Schottisches Hochland heißt der durch die Grampian-Bergevom der Niederlande geschiedene Theil des Königreichs Schottfand (s. d.). Diese natürliche ' ma Grenz,"cheide war eine der Hauptursachen, daß die Hochländer ein von den Bewohnern der Hai Ebenen ganz verschiedener Stamm geblieben sind. Das Gebiet, das der galische Volks- anl stamm bewohnt, begreift die Grafschaften Sutherland, Caithneß, Znverneß mit den Hebri- >n Tayn oder Roß und Cromarty, Nairn, Argyle, Bute und einen Theil der Grafschaf' lau ten Murray, Banff, Stirling, Perth, Dumbarton, Aberdeen und Angus. Die Grenze der bildet eine Linie, die vom Eingänge des Pentland-Haffs anfängt, sich um St.-Kilda zieht die und die ganze Gruppe der östlichen und südlichen Inseln bis Arran einschließt, nach Mull un> hinangeht, dann 'bei Ardmore in der Grafschaft Dumbarton auf das schot. Festland hin- lieh übergeht, längs der Grampian-Berge nach der Grafschaft Aberdeen läuft und bei der nord- Ke östlichen Spitze von Caithneß endigt. DieBewohner sind Abkömmlinge der Kelten (s. d), ^ und ihr Gebiet bildete das Reich der alten Scoten; sie selber aber nennen ihr Land Gael- dem ägel nte, >öf. apt- nler and halbste die sah- . ika- >ein< eth >gi- rn- sm- ßck od« de- iter- »ell ildr- tisa hei > die >s. nie- >isch' >lten end, !dtt sucht 'kv0' von reb" »M , licht ' !dtl >lk§. :bri- haf- enze sieht Mil hin- ord- d.> >ael- Hochland 211 dach, d. h. Galenland, oder Albanich. Sie unterscheiden sich schon im Äußern von allen andern Völkern durch ihre eigenthümliche Tracht, welche altkeltischen Ursprungs ist. Dieser schöne, die leichte und freie Bewegung begünstigende Anzug war für Krieger, Jäger und Hirten der passendste. Der Stoff ihrer Kleidung ist seit Jahrhunderten derselbe geblieben, ein wollener Zeuch, zuweilen mit baumwollenem Einschlag, immer gewürfelt in bunten Farben, in früher» Zeiten gewöhnlich dunkelfarbig, später oft in grell abstechenden Farben. Jeder Stamm hatte gewöhnlich in seiner Kleidung eine besondere Farbenmischung, um sich von andern zu unterscheiden. Der Haupttheil derKleidung war das Kilt, ein faltiger Schurz, der die Schenkel umgab und bis auf die Knie hinabging. Reiter und Bejahrte trugen jedoch zuweilen eine Beinbekleidung, Truis genannt. Die Weste und der kurze Rock waren gestickt oder mit Tressen besetzt. Das Kleid bestand in einem zwei Ellen breiten und vier Ellen langen Stück Tartan, das den Leib in breiten, zierlich geordneten Falten umgab und durch einen Gürtel festgehalten wurde. Während der untere Theil desselben herabhing, wurde der obere um die linke Schulter gezogen und ließ den rechten Arm frei; bei Regenwetter aber diente es als einhüllender Mantel, und wenn beide Arme frei sein sollten, ward eS mit einer Spange auf der Brust befestigt. Vorn hing eine große Tasche von Ziegen - oder Dachsfell. Einen Dolch, nebst Messer und Gabel, trug man in einer an der Seite hängenden Scheide. Wesentlich gehörte zum hochländischen Anzuge die Mütze. Statt der Federn, womit die Vornehmen sic schmückten, trugen die Geringer» einen Strauß von Haidekraut oder einen Zweig von Stechpalmen oder Eichen. Die Schuhe bestanden aus dicken Lederstücken, die mit Riemen über den Fuß befestigt waren. In Folge des strengen Verbots dieser Kleidung vom 1.17-17, welches erst 1782 wieder aufgehoben wurde, hat sich indeß die alte Volkstracht allmälig verloren und ist nur in einigen Gegenden, mit der Tracht der Niederschottländer vermischt, und blos unter der nieder« Volksclaffe noch üblich. Zu den Waffen der Hochländer gehörten das Schwert an der linken und ein kurzer Dolch (Dirk) an der rechten Seite. Eine Flinte, ein Paar Pistolen und eine Tartsche waren die übrige Rüstung. In Ermangelung einer Flinte, oder wenn es an Schießbedarf fehlte, bediente man sich einer langen Lanze. Jeder Clan bildete, unter dem Oberbefehl des Stamm- Haupts, ein Regiment, dessen Compagnien die einzelnen Familien unter der Anführung ihrer Häuptlinge ausmachten. Muth und Frciheitsliebe, Anhänglichkeit an Heimat und häusliche Verbindungen, Gastfreiheit und Hang zu froher Geselligkeit, Redlichkeit im Pri- vatverkchr und unverbrüchliche Treue gegen bewiesenes Vertrauen waren die hervorstechendsten Charakterzüge des Hochländers. Büchergelehrsamkeit war freilich wenig verbreitet und nur unter den Vornehmen, die zum Theil in Frankreich gebildet wurden; aber Vaterlandsgeschichte, Dichtkunst und Musik waren Licblingsunterhaltungen selbst unter dem gemeinen Volke. Jeder Häuptling hatte seinen Barden, der die Thaten des Geschlechts und einzelner Glieder des Clans besingen mußte. Diese Sänger standen in hoher Achtung und waren, wie die Ältesten des Stammes, die Bewahrer alter Sagen. Über die hochländische Sprache und Literatur s. Kelten. Das beliebte Instrument war die Sackpfeife, und der Pfeifer mußte im Kampfe durch kriegerische Töne die Begeisterung unterhalten, die der Barde erweckt hatte. Eine warme Einbildungskraft, die von der Erhabenheit und der ernsten Einsamkeit der Landschaften seiner Heimat lebhaft ergriffen wurde,'war die Quelle manches eigenthümlichen Aberglaubens. Die >7-17 genommenen politischen Maßregeln haben eine gänzliche Umwandlung der Sitten des Hochlandeszur Folge gehabt. Die Veränderung zeigt sich in der Sinnesart und Lage des Hochländers und verräth sich nicht bloS in seinen Sitten und seinem Äußern, sondern selbst sein Land ist umgcwandelt. Das Hochland ist das einzige Land in Europa, das nie durch Glaübenöstrcitigkciten beunruhigt worden ist oder durch Elaubensverfolgungen gelitten hat. Presbyterianer und Katholiken sind die herrschenden kirchlichen Parteien. Der KatholicismuS ist auf die Grafschaft Jnverneß und auf einige Inseln beschränkt. Unter dem Adel gibt cs auch einige Anhänger der bischöflichen Kirche. Protestanten und Katholiken leben in größter Einigkeit. Nachdem König Kenneth im S. Jahrh. das Picken- und Scotenreich zum Königreich Schottland vereinigt Me, gelangte das schot. Nicderland durch den Verkehr mit Südbritannien allmälig zu hö- 212 Hochland hcrer Gesittung, dagegen bildeten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse im Hochland au» der Grundlage, welche der Zustand der keltischen Urbewohner darbot, eigenthümlich aut Die natürliche Beschaffenheit ihres Landes und die Beweggründe, welche die Urbewohner dahin führten, in den Gebirgen ihren Sitz zu wählen, bedingten die Form ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen. Unfähig, mit der Übermacht zu käinpfen, die sie aus dem ebenen Lande in die Gebirge drängte,und beiden» Wunsche, ibrc Unabhängigkeit zu bewahren und sich nicht mit Fremden zu vermischen, verthcidigten sie sich in ihren Bcrgvcsten. Bei der Abwesenheit der Könige, die ihren Sitz im sckot. Niedcrland hatten, und durch ihreGebirg- grenze geschützt, unterwarfen sic sich nicht immer der Herrschaft des entfernten Oberherrn, der weder Gehorsam erzwingen noch auch Schutz gewähren konnte. Die Abtheilung des Galcnlandes in einzelne Thälcr, Schluchten und Inseln, die durch Berge oder Seearmc geschieden sind, führte zur Bildung kleiner Volksvereine, und Männer von ansehnlichem Vermögen und ausgezeichneten Geistesgabcn, unter deren Fahnen die übrigen gefochtt» oder unter deren Schuh sie sich angesiedelt hatten, erhoben sich zu Häuptlingen. Auf diese Weise theiltc sich das Volk in einzelne Masse»», die zwar durch Gemeinschaft der Sitten und des Charakters verbunden »varen, aber unter verschiedener Obergewalt standen. Ei bildete sich in jedem Stamm oder Clan eine patriarchalische Regierung, die inehr auf Gewohnheit gegründet und durch allgemeine Einwilligung bestätigt als durch Gesetze geregelt war. Der Hochländer ehrte in seinem Stammhaupte den Abkömmling eines entfernten Ahnherrn, von welchem man die Herkunft des ganzen Stammes ableitete. Der Stamm bewies ihm eine kindliche Ergebenheit, und selbst der Name Clan stammt von dem galischen Worte Klaan, d. i. Kinder. Je mehr die Bände des Bluts und der Befreundung dazu beitrugen, innere Eintracht zu befördern, desto leichter ließen sich die Stämme bei Beleidigungen von Außen zu Gewaltthätigkeiten verleiten, da die Staatsgesehe keinen Schutz gewährten. Eine nothwendige Folge der Abgeschiedenheit war, daß jeder Stamm meist nur unter sich Ehen schloß und durch die Bande naher Verwandtschaft vereinigt »var. Viele Glieder eines Clans führten daher init dem Stanunhaupte gleichen Namen. Gegen Alle stand das Stammhaupt in den Verhältnissen eines Gutsherrn, Anführers und Richters. Er konnte die jungen Leute auffodern, ihn auf die Jagd zu begleiten oder unter seinem Banner zu fechten. Das gänze Clanverhältniß beruhte jedoch wesentlich auf der in der Gewohnheit begründeten Gewalt, die das Stammhaupt kraft seines Erstgcburlsrechts besaß und die durch Lehnsgerechtsamc oder grundhcrrliche Richtergewalt nicht erweitert werden konnte, mochte ihr auch ein gesetzliches Ansehen zuweilen dadurch gegeben werden. Die Pflicht der Glieder eines Clans war unvergänglich, und kein Lehnverhältniß, worein sie später traten, und keine Verpflichtung irgend einer Art, die ihnen aufcrlcgt »vurde, durfte dem Dienste vorgezogen werden, welcher dem Stammhaupte gebührte. Das Haupt des Clans war zuweilen, jedoch nicht mit unbeschränktem Rechte, Eigenthümer des größten Theils des Stammgebicts; in der Regel aber hatte er nur die Verwaltung des Eemeindegutes, wovon ihm indcß stets ein Theil zugewiescn war, den er zu seinemVortheil anbauen ließ. Der übrige Theil des Gesammteigenthums »vurde durch Verleihungen unter diejenige Claffc des Clans vertheilt, die aus den Lehnleutcn oder dem Clan-Adel bestand. Diese Verleihungen geschahen aber auf Zeit und erloschen gewöhnlich nach zwei Geschlcchtsfolgen, worauf Andere init den zurückgefallenen Landesanthcilcn belehnt wurden, die Abkömmlinge der bisherigen Inhaber aber wieder unter die Gemeinen zurücktratcn. Zuweilen erhielten indessen auch Einzelne auf ewige Zeiten einen Landesantheil, oder ererbten, erheiratheken oder erwarben sich selbst ein Besitzthurn. In solchen Fällen behielten sie ihren angestammten Rang und standen gewöhnlich an der Spitze einer Unterabtheilung des Stammes, welche sie als unmittelbare Anführer betrachtete, wicwol sie immer von dein Stammhaupte abhängig blieben und ihm zinsbar waren. Die Lehnleute zerstückten ähre Antheile in kleinere Pachtungen, die sie den Gemeiner»» gegen angemessenen Zins überließen. Als nach und nach die Volksmenge in den engen und unfruchtbaren Thälern zunahm, mußte es bald an Mitteln zum Unterhalte fehlen. Die strenge Abgeschiedenheit der Stämme und die oft erbliche Feindseligkeit, die mehre derselben trennte, hinderten die Ausbreitung in den Nach- barthälern, und noch weniger waren Ansiedelungen im Niederlande möglich. Die Folge 213 Hochland der übermäßigen Bevölkerung war Trägheit. Besonders reigten die jünger« Söhne des Clan-Adels Verachtung friedlicher Betriebsamkeit und zogen die tapfersten und muntersten Jünglinge aus dem Volke an sich, mit welchen sie Raubzüge, Oeocii-? genannt, gegen das Niederland oder gegen feindliche Stämme machten. Auch gab es eine eigene Classe verwegener Abenteurer, (ilearnaclis genannt, die man zu Unternehmungen gebrauchte, wo ungewöhnliche Gefahr zu bestehen war. Ein anderes Mittel zum Unterhalte für die jüngern Söhne der Stammhäuptxr war der Kriegsdienst auf dem Festlande, besonders in Frankreich und Spanien, namentlich nach der Verbannung des Hauses Stuart, dem das Hochland treu ergeben war. So blieben die Hochländer stets mit dem Kriege bekannt, und der Ruf von den Abenteuern und Siegen ihrer Landsleute in der Fremde nährte die den hochländischen Stämmen eigene Kriegslust. Kriegerischen Sinn und Verachtung der Arbeit fand man selbst bei dem Geringsten unter dem Volke. Die Feldarbeiten wurden meist den Alten und Frauen überlassen. Handwerker waren angesehener als bloße Landwirthe. Besonders geachtet war der Waffenschmied; doch bezog man die gewöhnlichen Waffen meist aus dem schot. Niederlande. Der Häuptling wohnte in der Regel unter seinen Angehörigen und unterschied sich nicht durch Glanz im Anzuge oder Hauswesen, sondern blvs durch zahlreicheres Gefolge. Die Gesetze, die er verwaltete, waren einfach. Achtung seines Ansehens und Dankbarkeit für seinen Schutz waren die natürlichen Folgen seiner patriarchalischen Herrschaft, und die Behandlung, welche alle Stammgenossen von ihm empfingen, befestigte jene noch mehr in der unerschütterlichen Treue gegen ihre Häuptlinge, wovon die schot. Geschichte, besonders in den Bürgerkriegen von > 7l 5 und 17-15, glänzende Beweise lieferte. Zuweilen wurde indessen von den Grundsätzen dieserClanverfassung abgewichen, und selbst das Erbrecht, worauf die ganze Einrichtung gegründet war, blieb in einzelnen Fällen unbeachtet. Unwürdige Stammhäupter wurden entsetzt, ja während der Unruhen nach der Revolution von i 088 wurde ein Häuptling von seinem ganzen Stamme verlassen, als er ihii gegen die Fahne des Hauses Stuart führen wollte. In den frühesten Zeiten huldigten die hochländischen Stammhäupter der Gewalt einheimischer Fürsten, von welchen die schot. Könige höchstens dem Namen nach als Oberherren anerkannt wurden. Es waren die mächtigen Herren der Inseln (li-nrüs «ktl,e lslss), deren Geschlecht von den ältesten Zeiten bis auf Jakob V. blühte. Sie herrschten über alle westlichen Inseln, die Hebriden von Jlay nordwärts und über die westlichen Theile der Grafschaft Jnverneß, und als mächtige Bundesgenossen hatten sie Einfluß auf den größten Theil des Hochlandes. In dem übrigen Theile herrschten die Grafen von Athol, Mar, Lennox und andere mächtige Häuptlinge. Erst im Anfänge des > 5. Jahrh. wurde das Jnselreich von der schot. Krone abhängig; jedoch wurde durch die seitdem erfolgte Trennung der Clane die Gewalt der Könige von Schottland wenig befestigt. Während der Unruhen, die nach Jakob's V. Tode Schottland zerrütteten, wurde die Unabhängigkeit der hochländischen Häuptlinge von neuem wieder befestigt. Als im 17. Jahrh. der kriegerische Geist im schot. Niederlande verfiel, zeigten die Hochländer zum ersten Male entschiedene Überlegenheit in der Kriegskunst, die viel dazu beitrug, ihnen ein höheres Gefühl ihrer Wichtigkeit einzuflößen und sie in der Anhänglichkeit an heimatliche Sitte noch hartnäckiger zu machen. Nicht lange aber nach den ersten Siegen, die sie im Niederland erfochten, wurden sie von Cromwell in ihren Gebirgen hart gezüchtigt. Er legte starke Besatzungen in mehre Örter, ließ das Gebirge von fliegenden Heerhaufen durchziehen und die geheimsten Schlupfwinkel durchsuchen, die Schlösser der Häuptlinge zerstören und zwang endlich die Clane, die Waffen niederzulegen und Bürgschaft für friedliches Betragen zu leisten. Nach der Wiederherstellung des Hanse- Stuart wurde den Stammhäuptern das ihnen von Cromwell aufgelegte Joch wieder abgenommen und schnell befestigte sich wieder die alte Stammverfassung. Unter Wilhelm M. und der Königin Anna hielt die Regierung, mit Kriegen auf dem Festlande beschäftigt, eS für das Beste, den Frieden im Hochland durch Geldvertheiiungen zu erkaufen. Die Gefahren, die der 1715 für das vertriebene Haus Stuart ausgebrochene Aufstand drohend gezeigt hatte, führten zu verschiedenen Maßregeln, um die Macht der Stammhäupter zu brechen. Durch die sogenannte Clanacte wurde das Eigcnkhum des LehnmanneS, der in einem Aufstande die Waffen ergriffen hatte, dem treu gebliebenen Lehnherrn, und umge- 214 Hochmeister Hochstaden kehrt dem pflichtgetreuen Lehnmanne das unbeschränkte Eigenthumsrecht über seine Ländereien zugesprochen, wenn sein Lehnherr sich empört halte. Eine andere Verordnung entband die Lehnleute von der Pflicht, dem Lehnherrn zu folgen. Eine dritte Maßregel war die Entwaffnung der Hochländer, die aber nur wenig zur Ausführung kam. Die wirk- samste von allen Maßregeln aber war die Anlegung von Landstraßen aus dem Hochland in das Niederland, und gewiß würde dadurch im Laufe der Zeit eine allmälige Verschmelzung der Bewohner beider Landestheile herbeigeführt worden sein; aber es ereigneten sich Umstände, die eine gewaltsame Auflösung der Clanverhältnisse zur Folge hatten. Die Erbitterung, wozu die Maßregeln der Regierung reizten, machte das Volk desto empfänglicher für die Ermahnungen und Ermunterungen des vertriebenen Fürstenhauses. Dü Häuptlinge boten Alles auf, ihre bedrohte Gewalt zu behaupten und den Neuerungen entgegenzuarbeiten, wodurch die Regierung die Bande des Clanverhältnisses zu schwächen ' suchte. Ein gefährliches Mittel, wozu sic schritt, erleichterte den Hochländern die Ausführung ihrer Absichten. Es wurden nämlich um >720 unter den Hochländern Compagnien geworben, welchen man die Söhne der Häuptlinge zu Anführern, die Stammhäupter selbst aber zu Oberbefehlshabern gab. Der Ausstand zu Gunsten des Prätendenten Karl Eduard (s. d.) im I. 1745 war eine Folge des heimlichen Grolls der Hochländer und d« Anreizungen von außen. Der unglückliche Ausgang des Kampfes gab der Negierung Anlaß, die patriarchalische Verfassung der Hochländer >747 anfzuhcben, die Entwaffnung derselben streng zu vollziehen und selbst die Volkstracht zu verbieten. Lange nach der Aufhebung der Clanverbindung dauerte die Ergebenheit des Volks gegen seine Stammhäup- ter noch fort; allein vielfache Bedrückungen lösten allmälig die alten Bande der Liebt und Treue, und nur wenige Gutsherren gibt es noch, welche sich die Anhänglichkeit ihrer Untergebenen gesichert haben. Durch den Aufenthalt in Edinburg oder in London wurden die meisten ihrer Heimat entfremdet und sahen sich zur Bestreitung ihres vermehrten Aufwandes zu Unternehmungen genöthigt, die für das Hochland höchst nachthcilig wirkten. Besonders war es die unverhältnißmäßige Vermehrung der Schafzucht, wodurch dem Volke die Mittel zum Unterhalte genommen und häufige Auswanderungen nach Amerika veranlaßt wurden. Vgl. Stewart, „8lLetcbes of tks cburactcr ami present state os Ibe biglüaniiers" (2 Bde., 3. Allst., Edinb. 1825) und die „Uomurüs nn Slevvart's 8lcet- cbss etc." (Lond. 1823), sowie die geognostisch wichtige Schrift Mac Culloch's „llllie blixli- laocis and vrestern isles ok8e»tiunck" (4 Bde., Land. 1824). Hochmeister hieß der Vorsteher des Ordens derDeutschen RNter (s. d.). Höchst, eine am Main, unweit der Mündung der Nidda im Herzogthum Nassau gelegene, ehemals mainzische Stadt mit IOVO E., wurde, obschon sie häufig in mittelalterlichen Schriften genannt wird, zuerst berühmt durch den Sieg, welchen Tilly daselbst am 10. Juni 1622 über den Herzog Christian von Braunschwcig davontrug. Im Laufe des Dreißigjährigen Kriegs wurde überhaupt die Stadt sechsmal von verschiedenen Parteien eingenommen und dabei im 1. 1635 das alte Schloß, welches den Erzbischöfen von Mainz öfters als zeitweilige Residenz gedient hatte, in eine Ruine verwandelt. Am l 1 .Oct. >195 kam es hier zu einem Treffen, in welchem Clerfayt die Franzosen unter Jordan schlug. Hochstaden, ein nach der ehemaligen Burg Hochstaden, zwischen den jülichschen Städten Kaster und Grevenbroich, benanntes altberühmtes Geschlecht, dessen Vorfahren seit dem >0. Jahrh. das Grafenamt im Ahrgau und dem anstoßenden Eifelgau und dem Majenfelde erblich inne hatten und sich bald in zwei Linien, die von Are und die von Hoch- staden, schieden, welche letztere in der Mitte des 12. Jahrh. mit Theoderich l. die erste beerbte. Aus dieser Familie soll, der gewöhnlichen Annahme nach, der kölner Erzbischof Konrad, 1237—61, stammen, welcher den Grund zu dem Dom in Köln legte; allein Kon- rad war ein geborener Graf von Duras, ein Sohn des Grafen Heinrich von Duras aus dem Geschlechte Lovz und der Gräfin Mathilde von Vianden und stand zu dem Hause H. nur in Stiefverhältniß. DerSohn des erwähnten Theoderich's l. nämlich, GrafLothar von H., Are und Dalhem (im Limburgischen) heirathetc die verwitwete Gräfin Mathilde von Duras. Der aus dieser Ehe entsprossene Graf Friedrich nun, mit welchem die Hauptlinie seines Stamms auSstarb, der sich aber in zwei Nebenlinien unter andern Namen fort» Hschstädt Hochverrath 315 pflanzte, vermachte seinem Stiefbruder Konrad und dessen Erzstifte 1238 die Grafschaft Hochstaden sammt seinen übrigen Gütern. Hochstädt, eine Stadt im bair. Kreise Schwaben, an der Donau, mit 2200 E., wurde im span. Erbfolgekriege berühmt durch das Treffen am 2V. Sept. 1703 und die Schlacht am 13. Aug. 1703, welche letztere aber von den Engländern die Schlacht bei Blenheim (s. d.) oder Blindheim genannt wird. Als Feinde startden sich gegenüber Frankreich und Baiern auf der einen und Holland, England, Ostreich, Savoyen, Portugal und das Deutsche Reich auf der andern Seite, mit Ausnahme des Kurfürsten von Baiern, den man aber um so mehr fürchtete, da die Lage seines Landes manche Vorkheile im Kampfe gegen Ostreich darbst und er selbst als kriegslustiger Fürst im Felde auftrat. Schon hatte er am 20. Sept. 17V3 bei H. den kaiserlichen General Styrum geschlagen und die Festung Paffau erobert. Nur seine Unzufriedenheit mit dem geraden, derben franz.Marschall Vil- la rs(s.d-) hatte ihn gehindert, alle die Früchte zu ernten, die dieses Treffen hätte haben können. Jetzt galt es, eine Hauptschlacht zu liefern, wozu Marlborough (s. d.) bereits den Plan entworfen hatte. In eine solche Schlacht ließ sich das franz.-bair. Heer am 13. Aug. 1703 unter den ungünstigsten Umständen verwickeln. Dasselbe bestand aus 5t»0 -0 M. und wurde von Tallard, Marsin und dem Kurfürsten von Baiern befehligt; -hm ^ genüber standen 520V» M. unter dem Commando Marlborough's und des Prinzen Eugen. In unbegreiflicher Verblendung hielt es das franz.-bair. Heer gar nicht für möglich, daselbst angegriffen zu werden, sodaß man, als sich die Linie der Verbündeten am 13. Aug. früh um 2 Uhr in Bewegung setzte, dies für den Abmarsch derselben annahm. Noch um ^ Uhr, als schon die Spitzen der acht Colonnen, mit welchen Eugen und Marlborough vordrangen, sichtbar wurden, hielt Tallard das Ganze für eine List, den Abzug zu verdecken. Mit größter Eile stellte sich zwar, als man den Jrrthum erkannt, das Heer in Schlachtordnung und focht mit ungemeiner Aufopferung; doch Nachmittags um 5 Uhr durchbrach Marlborough die fast eine Meile lange Schlachtlinie. Marlborough, statt den weichenden Feind zu verfolgen, schnitt ihm den Rückzug ab und zwang ihn, das Gewehr zu strecken. Gegen 11000 Todte bedeckten das Schlachtfeld; unter den Gefangenen war auch der Mar- schall Tallard. Die Folgen dieser Schlacht waren für den ganzen Feldzug entscheidend; Baiern fiel in die Gewalt Ostreichs, und Ludwig's XIV. Glücksstern im Kriege ging unter. Hochverrath (percluollin) heißt die Verletzung der Unterthanentreue durch ein feindliches Unternehmen gegen den Staat selbst, dessen legitimes Oberhaupt, die Integrität des Gebiets oder die anerkannte Verfassung. Der Gegensatz des Hochverraths, der gemeine Verrath, welcher durch einen Mord mit Verletzung einer speciellen Pflicht der Treue be- ' gangen wird, ist aus dem deutschen Rechtssystem längst verschwunden, obgleich er noch in Krrl's V. Halsgerichtsordnung erwähnt wird; in England dagegen hat sich dieser Begriff der sogenannten pett^ lreu8vo, welche von einem Dienstboten an dem Dienstherrn, von einem Lehrling an dem Lehrherrn, von einer Frau an ihrem Manne verübt wird, noch erhalten. Beim Hochverrath muß das Unternehmen ein feindliches und das Mittel gesetzwidrig sein. Hierdurch aber wird der Begriff dieses Verbrechens in der Anwendung so schwankend, daß Burke sagen konnte, das Verbrechen des Hochverraths gedeihe in England nicht, denn wenn es gelungen sei, gebe man ihm einen andern Namen. Auch die gesetzliche Bestimmung des Begriffs ist sehr verschieden. Im franz. „6ocke pönal" kommt das Wort Kaute trsbison nicht mehr vor; Verbrechen gegen die äußere und innere Sicherheit Frankreichs und gegen die Person des Königs oder die königliche Familie werden mit dem Tode und derVermogensconfiscation bestraft. Das „Preuß. allgemeine Landrecht" nennt Hochverrath dasjenige Staatsverbrechen, welches auf eine gewaltsame Umwälzung der Verfassung des Staats, oder gegen das Leben oder die Freiheit seines Oberhauptes abzielt, und unterscheidet es sowol von der Landesverrätherei, wodurch der Staat gegen fremde Mächte in äußere Gefahr und Unsicherheit gesetzt wird, als auch von dem Verbrechen gegen die innere Ruhe und Sicherheit des Staats und von dem Majestätsverbrechcn (crimen I»es»o majestatis) oder der persönlichen Beleidigung des Staatsoberhauptes in seiner Würde. Das „Östr. Strafgesetzbuch" von 1805 versteht unter Hochverrath die Verletzung der persönlichen Sicherheit des Staatsoberhauptes und die Unternehmungen, welche auf eine gr- i -»1 ! 216 Hochwald Hochzeit waltsame Veränderung der Staatsverfassung und auf Zuziehung oder Vergrößerung ein« Gefahr von Außen gegen den Staat angelegt sind. Das „Bair. Gesetzbuch" von >8iz stellt, ohne eine Definition zu geben, eine Gattung von Staatsverrath auf, deren erster I Grad der Hochverrath ist, der durch Angriffe auf die Person des Königs, in der Absicht ihn ? zu tödten, gefangen zu nehmen oder in Feindes Gewalt zu liefern, sowie durch Angriffe auf ! die Selbständigkeit und Verfassung des Staats begangen wird. Mehr Übereinstimmung ! herrscht rücksichtlich der Strafe, welche, wo nicht für alle, doch für die meisten Fälle des Hoch. , verraths die Todesstrafe ist. Zn den wenigen deutschen Staaten, welche noch keine besonder» Criminalgesetzweisen haben, gelten noch die aufröm. Gesetze sich gründenden, zum Theil übertrieben harten und nur durch die Praxis gemilderten Bestimmungen des gemeinen Rechts. Hochwald nennt man einen Wald, wo nur Baumhölzer, entweder durch natürliche j oder künstliche Besamung, oder durch Pflanzung, oder aus Steckreisern gezogen werden ' und so lange stehen bleiben, bis sie einen hohen oder den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht haben. Von den Laubhölzern eignen sich am besten zur Hochwaldwirthschaft Eichen, Buchen, Erlen, und Birken, während die Nadelhölzer ausschließend ihr angehören. Hochwild heißt dasjenige Wild, welches zur hohen Aagd gehört. Darunter begreift man Hirsche, Schweine, Fasanen, Trappen, Schwäne, Kraniche, Falken, Adler, Bären, Wölfe, Luchse, auch wol die Rehe, die aber gewöhnlicher zu der mittler« Jagd gezählt werden. Hochzeit heißt vorzugsweise das Fest der Verheirathung. Die dasselbe begleitenden Feierlichkeiten waren je nach den Zeiten und je nach den Völkern, wie noch gegenwärtig, sehr verschieden. Bei den alten Hebräern bereitete man am Vorabende der Hochzeit iin Hause des Bräutigams ein festliches Mahl; inzwischen wurde die Braut von den Brautjungfern mit Ceremonie in ein Bad geführt, dann gesalbt und ihr der Gürtel nmgeschürzt, der nur von der Hand des ihr angetrauten Gatten gelöst werden durfte. Zum bräutlich» Schmucke gehörte, daß sie verschleiert und mit dem Myrthenkranze geziert war. Die Hochzeit selbst wurde mit einem Gastmahl, durch Gesang, Musik und Tanz gefeiert und dauert! . bei den Reichen gewöhnlich sieben Tage. Verließ die Braut ihren bisherigen Aufenthalts- ' ort und geschah dies in der Dämmerung, so begleiteten sie unter dem Klange vieler Instrumente die Brautjungfern, von denen einige brennende Fackeln, die andern aber die Kleid« und den Schmuck der Neuvermählten trugen. Auch noch gegenwärtig ist es bei den Jude» Sitte, daß die Braut vor der Hochzeit ein Bad nimmt; doch geschieht dies gewöhnlich in aller Stille. Am Hochzeittage selbst streut man dem Brautpaare im Vorhofe der Synagoge Weizenkörner und Geldmünzen mit den Worten auf das Haupt: „Seid fruchtbar und mehret Euch!" Die ältesten Hochzeitgebräuche bei den Griechen beschreibt Homer; sie begannen mit der Heimführung der verschleierten Braut bei Fackelschein unter Flöten- und Harfenspiel und rauschenden Gesängen und endeten mit einem Festmahle, worauf die Neuvermählten nach dem Brautgemach geleitet wurden. Zn späterer Zeit war es bei den Griechen Titte, daß sich die Verlobten am Tage vor ihrer Vermählung eine Locke abschnitten, die sie dem Zeus, der Here, der Artemis und den Parzen, als den Gottheiten, welche Neuvermählte besonders in Schuh nahmen, weihten; auch schlachtete man Opferthiere, au§ deren Eingeweide« die Wahrsager den Verlobten die Zukunft eröffneten, nachdem man zuvor zum Sinnbild ewiger Eintracht sorgfältig die Galle entfernt hatte. In der ersten Abendstunde holte der Brautwerber, Paranymphos genannt, wenn die Braut noch Jungfrau, Nymphagogos, wenn sie früher schon verheirathet gewesen war, mit Fackelträgern die Braut ab und führte sie in das Haus des Bräutigams. Beide überschüttete man hier zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Blumen und Kornähren. Die Achse des Wagens aber, in welchem die Braut gefahren war, warf man ins Feuer, zum Zeichen, daß sie nimmer zu- rückzukehren gedenke. Hierauf folgte ein festliches Mahl. Nachdem in dem Brautgemache ein Knabe die Füße der Braut gewaschen, genossen Braut und Bräutigam eine Quitte oder einen Granatapfel. Endlich übergab die Mutter die Braut dem mit Blumen geschmückten Lager, die Gäste aber stimmten Epithalamien an und zogen sich zurück. Bei den Spartaneon war die Feier weit einfacher. Das Mädchen wurde nach alter Sitte, wenigstens der Form nach, geraubt; doch erfolgte nicht unmittelbar darauf die Verehelichung. Ost verkehrten beide Jahre lang miteinander, und die aus diesem Umgänge entsprossenen in« 813 1!« ihn auf ung ! »ch- , >ern ber- htS. ich- f den , >en- ,aft ren. rift ren, >en. dm tig, INI iu!> ii>, :rte . lt«. ' rüder den in »gk ind sie nd m- ie- cn, !U- Us >u- cn >g- rn ier !k, u> he de e- l« e« S- in Hodegetik HodiH 217 Kinder hieße« jungfräuliche. Bei den Römern wurden die Hochzeiten mit einer Menge abergläubischer Ceremonien gefeiert. Nachdem bei der Verlobung der Hochzeittag festgesetzt worden war, theilte man das Haar der Braut nach Art der Matronen, und zwar mit einer Lanze, zur Erinnerung an den Sabinerraub, zog ihr die Toga praetexts, d. i. das jungfräuliche Kleid, aus, opferte der Juno, als der Göttin der Ehe, und weihte die Kleider, Kleinodien und Spielsachen der Braut der Venus oder einem Hausgotte. Zum bräutlichen Schmuck gehörten noch eine Stirnbinde nebst Blumenkranz und der jungfräuliche Gürtel, den der Mann seiner jungen Gattin am Hochzeittage löste. Derselbe bestand aus Lammwolle und war mit einer besonder» Schleife zugeknüpft, die man die Herculesschleife nannte. Nach gehaltenen Auspicien und Thieropfern, wobei man ebenfalls die Galle sorg- faltig entfernte, setzte sich das Paar auf ein Lammfell zur Erinnerung an die Bekleidung ihrer Vorfahren; dann ging es, von Fackelträgern und Flötenspielern begleitet, nach dem mit Blumengewinden verzierten Wohnhause, wo die Braut über die der Vesta geheiligte Hausschwelle gehoben wurde. Zum Zeichen der Keuschheit hing hier die Braut, die Nocken, Spindel und Wolle bei sich führte, einige wollene Binden auf; zur Abwendung böser Genien bestrich sie die Thürpfosten mit Schweins - oder Wolfsfett, und sinnbildlich ihre innigste Verbindung andeutend berührte Braut und Bräutigam Feuer und Wasser. Auch trug die Braut drei Asse bei sich; das erste gab sie gleichsam als Kaufschilling dem Bräutigam; das zweite legte sie auf dem Herde der neuen Heimat nieder, und das dritte warf sie auf einen Kreuzweg. Nach beendigtem Festmahl führten Matronen die Neuvermählten in das Brautgemach, wobei Jungfrauen Epithalamien sangen, Knaben dagegen leichtfertige Gesänge anstimmten. Bei den Orientalen, wo Polygamie üblich und die Ehe nur ein bürgerlicher Act ist, gibt es so viele Gebräuche als Stämme. Bei den german. Völkern war die Vermählung mehr eine weltliche als geistliche Feierlichkeit. Hatten sich Altern und Verwandte bei frohem Schmause berathen, so brachte der Bräutigam seiner Auserkorenen die Mitgift, welche in einem Rindergespann oder in einem Pferd, Schild, Wurfspieß und Schwert bestand; die Braut dagegen sendete ihm ein Schlachtroß oder irgend ein Waffenstück, und ein gemeinschaftliches Mahl beendigte das Familienfest. Obschon sich in der spätem Zeit bei den verschiedenen deutschen Völkern eigenthümliche und sehr verschiedene Hochzeitgebräuche bildeten, die, mit Slawenthum gemischt, recht markirt noch bei den Wenden in der Oberlausitz und bei den altenburger Bauern hervortrelen, so gibt cs doch auch einige, die aus der frühesten Zeit herzustammen scheinen und ziemlich allgemein noch verbreitet sind, wie z. B. die Polterabendscherze, die Beschenkung der Braut mit einem Pantoffel u. s. w. (S. auch Trauung.) Vgl. „Feier der Liebe oder Beschreibung der Berlobungs- und HochzeitScelemonien" (2 Bde., 2. Aust., Berl. 182-1). Hodegetik, Methodologie oder Methodik des akademischen Studiums nennt man die berathende Einführung in das Studium irgend einer Wissenschaft; sie gibt die zum vorläufigen Verständniß nothige Übersicht, nebst Anleitung und Handreichung zu tiefen» Eindringen in das Wesen einer Disciplin. Vgl. Schelling, „Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums" (3. Aust., Tüb. 1832); Beneke, „Einleitung in das akademische Studium" (Gött. 1826); Friedemann, „Paränesen"(6 Bde., Braunschw. 1837—41) und Scheidler, „Grundriß der Hodegetik" (Jena 1832). Hoditz (Alb. Jos., Graf von), ein durch seinen seltsamen, nach phantastischem Schimmer jagenden Kunstsinn bekannt gewordener mährischer Gutsbesitzer, war am 16. Mai 1706 geboren. Mit mannichfaltigen und ausgebreiteten Kenntnissen durch frühen Unterricht ausgestattet, mit einer empfänglichen und lebendigen Phantasie von der Natur ^Aabt, ging er nach Italien, wo er, sowie später als Kämmerer an dem Hofe Kaiser Karl's VI., mannichfalkige Nahrung für seine glühende Einbildungskraft fand. Im I. 1734 vermählte er sich mit der geistreichen, aber freilich schon 5vjährigen Witwe des Markgrafen Georg Wilh. von Baireuth, Sophia, die sich aber sehr bald wieder von ihm trennte. Friedrich der Große machte ihn 1742 zum Commandcur eines Husarenregimenls; Ein hierzu gar nicht geeignet, mußte er schon 1743 seine Entlassung nehmen und lebte vun auf seinem Landgute Roßwalde in Schlesien, welches er fast lediglich mit Hülfe seiner Leibeigenen zu einem Sitze alles erdenklichen Vergnügens umschuf. Seine phantdsti- 218 Hodometer Hoe von Hoenegg s-chen Schöpfungen fanden den ungetheilten Beifall seiner Zeitgenossen; selbst Friedrich der Große, begleitet von Voltaire, besuchte Roßwalde und bezeugte H. sein Wohlgefallen durch ein ansehnliches Geschenk und durch eine poetische Epistel (in seinen „Oeuvre.-! pm- Ibumes", Bd. 7). H. hatte ein Vermögen von fünf Millionen; allein durch seinen übertriebenen Aufwand war es endlich erschöpft. Kaum hatte dieses Friedrich der Große bernom- men, als er H. eine jährliche bedeutende Pension aussehte und ihn nach Potsdam zu kommen einlud. Hier starb er am l7.Apr. 1778, und auf Friedrich des Großen Befehl wurde der Theil der Jägerstraße in Potsdam, wo H. gewohnt hatte, die Hoditzstraße genannt. Vgl. Heinrich's „Briefe aus und über Schlesien" in Wolny's „Taschenbuch für die Gl- schichte Mährens und Schlesiens" (Brünn 1827) und, über den Besuch Friedrich des Großen bei H-, Lewald's Erzählung „Roßwalde; ein Menschenleben". Hodometer, Wegmesser oder Schrittzähler, heißt eine Vorrichtung, mittels dem man die Länge eines beim Gehen, Fahren u. s. w. zurückgelegten Wegs zu messen sucht. Schon der röm. Schriftsteller Vitruvius beschreibt einen solchen Apparat, der für Wagen und Schiffe bestimmt war. Zm Z. 1550 bediente sich Ferne!, der Leibarzt der franz. Köni- giii Katharine von Medici, bei seiner Gradmessung zwischen Paris und Amiens eine» Hodometers, der so eingerichtet war, daß bei jeder Umdrehung eines Nads ein Hammer an eine im Wagen befindliche Glocke anschlug. Einen andern soll Kaiser Rudolf II. erfunden haben; später werden Sauveur, Regnier u. A. als Erfinder derartiger Vorrichtung-« genannt; Zürner bediente sich einer solchen bei der sächs. Landesvermessung. Einerde vollkommensten Apparate dieser Art ist der ebenso einfache als sinnreiche Wegmesser Hohl; ld'( dessen sich der Physiker Deluc auf seinen Reisen bediente. Derselbe besteht aus einem Zylinder,-der ein Räderwerk und mehre, z. B. sieben Zeiger nebst Zifferblättern, enthält, und wird zwischen zwei Speichen eines Wagenrads mit einem Riemen festgeschnallt, noch bester aber in ein absichtlich für diesen Zweck verfertigtes Rad gesetzt, das nach Art eines Schul- karrenrads zwischen zwei Bäumen umläuft. Die Stellung der Zeiger, die anfangs alle cnst Null gestellt werden müssen, gibt in jedem beliebigen Zeitpunkte die Zahl der Umdrehungen des Rades an. Hoe von Hoenegst (Matthias), der Repräsentant des lutherischen Wesens und Treibens seiner Zeit, wurde 1580 zu Wien geboren, wo sein Vater, einem altadeligen Geschlechts angehörig, kaiserlicher Rath und eifriger Bekenner der evangelischen Lehre wer. Er studirte zu Wittenberg Theologie, begann daselbst schon 1600 selbst Vorlesungen zu halten und veröffentlichte, gleichsam als Programm seiner künftigen Thätigkeit, eine „Oes- tio cksteslans kapam «1 Oalvillistas", worin er ein leidenschaftlich streitsüchtiges Gemüth und einen blinden Haß gegen die Reformisten offenbarte. Nachdem er >603 als Superintendent zu Plauen im sächs. Voigtlande angestellt worden war, gab er nacheinander mehre theologische Streitschriften in gleichem Sinne heraus, wozu ihm theils die Bedrückungen der Protestanten in Ostreich, theils der Übertritt des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg von der lutherischen zur reformirten Kirche, theils der ausbrechende Dreißigjährige Krieg erwünschte Gelegenheit boten. Inzwischen zum kursächs. Oberhofprediger in Dresden ernannt, cröffnete sich ihm ein weites Feld der Thätigkeit; doch die Art und Weise, wie er diese seine Stellung benutzte, hat ihm vielfältig harten Tadel von Mit- und Nachwelt zugezogen; er wurde für den lutherischen Kurfürsten Johann Georg I-, was Scultetus für den reformirten Pfälzer Hof und Pater Lämmermann für den katholischen Kaiser Ferdinand ll. waren, ein unheilstiftender Gewiffensrath und religiöser Agitator. Er war es vorzüglich, der den Kurfürsten dahin brachte, sich gänzlich von den Böhmen abzu- wenden, da es, wie er sagte, besser sei, „daß sie den Papisten, als dem calvinistischen Antichristen, Friedrich von der Pfalz, in den Rachen gesteckt würden"; er lieferte den nach der Schlacht am Weißen Berge nach Sachsen geflüchteten Grafen Schlick auf das Blutgerüst nach Prag, und als >631 der wohlgesinnte Johann Georg I. zu Leipzig einen Bund der Protestanten, wie er zwei Jahrhunderte später sich so glänzend und segensreich entfaltete, zu Stande bringen wollte, war er es wieder, der durch seine Heftigkeit die unterhandelnden Parteien auseinander trieb. Kein Wunder also, daß, als Johann Georg 1635 den für die Evangelischen so nachtheiligen Präger Frieden schloß, die Gegner H. als Haupttriebfeder HoekS Hof 219 desselben verschrien und ihm sogar Schuld gaben, daß er vom Kaiser bestochen worden sei. Dagegen schildern Andere ihn, abgesehen von seiner leidenschaftlichen Polemik, als einen I frommen, menschenfreundlichen und mildthätigen Mann von untadelhasten Sitten. Mit zunehmendem Alter schien auch seine Streitsucht sich zu legen; in dieser Periode vollendete ! er die zu ihrer Zeit sehr geschätzten „6ommentnrü in ilok. ^poksl^ps." (2 Bde., Lpz. I6l0—40, 4.). Übrigens wußte er, unter den schwierigsten Verhältnissen, sich ununter- j brochen bis an seinen it>45 erfolgten Tod in der Gnade des Kurfüsten zu behaupten. Hoeks oder Hamati, d. h. die mit Angelhaken Versehenen, nannten sich in dem 1S50 zwischen der Gräfin Margaretha von Hennegau und ihrem Sohne Wilhelm V. um . die Herrschaft über Holland ausgebrochenen Kampfe die Anhänger der Erster», weil sie ' ihre Gegner wie Kabeljaus mit Angelhaken zu fangen spottweise versprachen, während > diese sichKabeljaus oder ^sellati (von sselln», d. i. Kabeljau) nannten, weil sie ihre Feinde, wie der Kabeljau die bleiernen Lockfische, verschlingen wollten. Die Kämpfe beider Parteien dauerten, als Margaretha und ihr Sohn längst gestorben waren, und endeten erst unter der Regierung Philipp's von Burgund. (S. Niederlande.) Hof (cnrtis, cur!» oder s»!s) hieß im Mittelalter der von den Gebäuden eines Landguts eingeschlossene Platz, auf welchem sich das Gefo lge (s. d.) eines Herrn versammelte; dann der Inbegriff Derer selbst, welche unmittelbar mit dem Dienst- und Gefolgs- herrn in Verbindung standen; endlich der Sitz eines Fürsten mit seiner Familie und seinen obersten Beamteten. Solche Hofhaltungen waren im frühen Mittelalter sehr einfach; die Getreuen, theils Solche, welche sich freiwillig einem Herrn anschlossen, theils wirkliche, d. h. mit Lehngütern begabte, Dienstmannen, standen im Frieden, wie im Kriege, zum Dienste ihres Herrn bereit, bildeten seinen Rath in Verwaltungs- und Rechtssachen und versahen sein Hauswesen. Mit fortschreitender Ausbildung des Fürsten- und Herrenwesens errichteten indeß auch die höher» Reichsbeamteten, nach dem Muster der kaiserlichen Hofhaltung, welcher wiederum der byzantin. Hof zum Vorbild gedient hatte, gewisse Hof» ämter, das des Kanzlers, des Marschalls, Kämmerers, Truchseß und Schenken, welche, da mit denselben erblich werdende Lehngüter verbunden waren, im Laufe der Zeit, mit Ausnahme des stets von Geistlichen versehenen Kanzleramts, sämmtlich in erblichen Besitz gewisser Familien kamen. Indem aber diese Erbämter (s.d.) sich auf solche Weise in Ehrenämter verwandelten, stellte sich das Bedürfniß heraus, eine mit dem täglichen Dienst veauftragte Dienerschaft zu haben. Dieselbe unterschied sich von den bisherigen Hofbeamteten wesentlich dadurch, daß sie nur mit der eigentlichen Hofhaltung, nicht aber mehr mit Regierungsangelegenheiten betraut war. Denn da bei fortschreitender Entwickelung der Fürsiengewalt die Regierungsgeschäfte sichchäusten und schwieriger wurden, so sah man die Nothwendigkeit ein, dieselben gewissen Behörden zu übertragen, doch wußte man dabei immer noch nicht die Begriffe von Hof und Staat zu unterscheiden, wie dies schon die Namen Hofkanzlei und Hofkammer für die obersten Verwaltungsbehörden, Hofgerichtess. d.) für die an die Stelle der alten Mannengerichte getretenen obersten Landgerichte, Hofrath (s. d.), H o fr e ch t (s. d.) u. s. w. zeigen. Je mehr nun mit der Zeit das Herrscherthum an Ansehen gewann, um so mehr war man beflissen, dies auch in der äußern Erscheinung kundzugeben; daher wetteiferten besonders seit dem westfäl. Frieden und seit Ludwig XIV., dessen Hofhaltung bald dem ganzen übrigen Europa als Muster diente, selbst die kleinern Fürsten in Aufstellung eines möglichst glänzenden Hofstaats. Derselbe bestand in seiner vollkommensten Ausbildung aus dem Oberhofmeister, neben welchem oft noch ein Oberccremonienmeister fungirte, dem Oberkammerherrn, dem Oberhofmarschall, neben dem eS oft auch noch einen Oberschenken, Oberküchenmeister und Oberkellermeister gab, dem Oberstallmeister und dem Oberhofjägermeister, deren jeder ein zahlreiches Personal unter sich hatte- Den abgemessenewFormen, in welche das Hofleben mehr und mehr eingezwängt wurde, dem sogenannten Ceremoniel (s. d.), diente bis in die Mitte des l 7. Zahrh. das steife spanische, nachher aber das etwas freiere französische zum Muster. Hierdurch wurde unter Anderm genau bestimmt, welchen Personen der Zutritt bei Hofe zu gestatten sei, was man die Hoffähigkeit nannte. Während anfangs nur bie Dienstmannen und diekares curise befähigt waren, die nächste Umgebung des Fürsten 22V Hof Hofer zu bilden, so Wurden es jetzt der an die Stelle derselben getretene Adel, sowie die hohe Geist, lichkeit und ausnahmsweise wol auch große Künstler und Gelehrte. Erst in neuerer Zeit hat man auch bürgerlichen Hähern Staatsbeamten und sonst ausgezeichneten Männern den 1 Zutritt bei Hofe gestattet, wie überhaupt seit dem durch die franz. Revolutionen bewirkten > Umschwünge der Ideen das Hofleben und die Hofhaltungen sich sehr vereinfacht haben. ? Hof, in der Meteorologie, nennt man den die Sonne oder den Mond zuweilen umgebenden Hellen oder farbigen Ring. Man hat zweierlei Höfe zu unterscheiden, kleinere, die ' bei der Sonne nur selten gesehen werden, und größere; beide sind nicht nur der Erschei- nung, sondern auch ihrem wahrscheinlichen Ursprünge nach wesentlich verschieden. Die kleinern kommen vor, wenn die Luft mit Dünsten schwach erfüllt ist; dann zeigen sich dicht um den Mond oft mehre kleine Höfe, die nach außen roth erscheinen. Fraunhofer erklärt , sie sehr befriedigend aus der Beugung der Lichtstrahlen, die an den Rändern der in dn f Atmosphäre schwebenden Dunstkügelchen vorbeifahren. Die größer» Höfe umgeben dm Mond oder die Sonne als Ringe von 22 und t l'- Halbmesser und sind oft mit der Erscheinung von Nebenmonden und Nebensonnen, sowie mit andern horizontalen, vertikalen oder schief liegenden Kreisen verbunden. Bei dieser Art von Höfen erscheint das Roth ander inner» Seite. Man erklärt sie aus der Brechung des Lichts an prismatischen Eistheilchm, die in der Luft schweben, was dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, daß sich diese Erscheinungen im Winter und in kalten Gegenden am häufigsten zeigen. In sehr großer Höhr aber können sich wol in allen Jahreszeiten und Klimaten kleine Eisnadeln erzeugen, welchr aufthauen und verdunsten, bevor sie die liefern Gegenden der Atmosphäre erreicht habe». Hof, auch StadtzumHof und früher Negnitzhof genannt, im bair. Kreise Oberfranken an der Saale, welche in der Nähe die obere und untere Regnitz aufnimmt, auf einer sanften Anhöhe des Fichtelgebirgs in einer fruchtbaren Gegend, hat 7000 E., eie Gymnasium mit einer Bibliothek, ein reiches Hospital und ein Waisenhaus. Außer lebhaftem Fabrikbetrieb in Tuch, Leinwand und wollenen Waarcn führt die Stadt einen wütigen Transitohandel auf der großen Straße, welche Baiern mit Sachsen verbindet, und deren Verkehr durch die im Bau begriffene sächs.-bair. Eisenbahn noch mehr gehoben werden wird. Die Stadt wurde > 080 bei dem schon vorhandenen Schlosse erbaut und wer mit dem zu ihr gehörigen Bezirk geraume Zeit Reichsland, bis sie an die Herzoge von Meran und von diesen an die Grafen von Orlamünde kam. Hierauf stand sie unter den Vögten von Weida, die sie 1373 an die Burggrafen von Nürnberg verkauften. Im Z. IM brannte sie fast ganz ab; seitdem hat sie durch die fast durchgchends neuen und ziemlich regelmäßig aufgeführten Gebäude ein sehr freundliches Ansehen gewonnen. Vgl. Wirth, „Chronik der Stadt H." (Hof 184 1 ). — Nicht zu verwechseln ist sie mit Stadt am Hof an der Donau, Regcnsburg gegenüber. Hofer (Andr.), Sandwirth im Passeyr, Oberanführer der Tiroler bei ihrem Aufstande im J.I8NS während des Kriegs zwischen Ostreich und Frankreich, war am 22 .Nov. 1767 in dem Wirthshause, am Sande genannt, zu St.-Leonard im Passeyrthale geboren, und handelte, nachdem er die Wirtschaft selbst übernommen, mit Wein und Pferden nach Italien. Schon >796 führte er eine tiroler Schützencompagnie gegen die Franzosen am Gardasee; auch bei Errichtung der Landmiliz in Tirol, nach dem luneviller Frieden, zeigte er großen Eifer für den vaterländischen Wehrstand. Im I. l 808, als eine Erneuerung des Kriegs zwischen Ostreich und Frankreich mit Gewißheit bevorstand, und die Unzufriedenheit der Tiroler mit der bair. Regierung allgemein geworden war, kamen geheime Abgeordnete, unter denen auch H. war, aus Tirol nach Wien, um dem Erzherzog Johann die Leiden des Landes und die Hoffnungen und Wünsche desselben vorzutragen. Auf Anordnung des Erzherzogs entwarf nun Horm ayr (s. d.) den Plan zu einer Jnsurrection und Wiedereroberung des Landes, den nun H.'s Vertraute in ganz Tirol mündlich bekannt machten. Alles glückte. In drei Tagen, vom I l. bis zum 13. Apr. 1809, war fast das ganze Land gewonnen; 8000 M. franz. und bair. Truppen wurden bei Innsbruck, Hall und auf dem sterzinger Moose, an welchem letzter« Orte H. commandirte, gefangen genommen. Nachdem das nördliche und mittlere Tirol befreit waren, zog H. mit Horinayr in das südliche, wo die Franzosen ebenfalls mit großem Verluste vertrieben wurden. Als in- 221 Hofer zwischen die Franzosen nach den Siegen bei Eckmühl und Ncgcnsburg gegen Wien vorge- rückt waren, brachen auch die Baiern in Tirol verheerend ein. Am Tage der Übergabe Wiens erlitt der östr. General Chasteler (s. d.) bei Wörgl durch die feindliche Übermacht eine Niederlage, sodaß er sich nach dcrCentraistellung auf dem Brenner zurückziehcn mußte, worauf er sich dann durchschlug und zur Verthcidigung Tirols den General Buol mit einem kleinen Corps zurückließ. H. hatte bereits, als General Ruska den in Tirol sehr beliebten Grafen von Leiningen aus Tirol vertrieb, mit seinem bewaffneten Volke zur Ver- jagung der Feinde mitgcwirkt. Jetzt erschien er auf dem Brenner, und von dem klugen Eiscnstccken, seinem Gefährten und Adjutanten, geleitet und dem tapfer» Speckbacher unterstützt, lieferte er beim Berge Jsel am 25. und 29. Mai >809 den Baiern zwei Treffen, durch welche die letztem genöthigt wurden, Tirol wieder zu räumen. Bald darauf wurde auch der in Trient belagerte Graf von Leiningen von östr. Truppen und den Tirolern unter H. befreit. Schon war H. im Begriffe, sich mit einer Schar an die Truppen anzuschlicßen, welche Kla- genfurt wegnehmcn und dadurch die Verbindung mit den innern Hülfsqucllen des Kaiserstaats für das von allen Seiten cingcschloffene, an Allem Mangel leidende Tirol Herstellen sollten, als nach der Schlacht bei Wagram der Waffenstillstand von Znaim, am > 2. Juli, eintrat, kraft dessen Tirol und Vorarlberg von den Ostreichern geräumt und dem Feinde preisgegcben wurden. Hierüber entstanden unter dem verlassenen Volke die heftigsten Bewegungen. Man wollte den GencralBuol und Hormayr festhalten, Kanonen und Kriegs- vorräthe den Östreichern gewaltsam wegnchme», Alle, die nicht überträten, entwaffnen und die Kriegsgefangenen ermorden. Dock gelang cs noch, jedes Unheil zu verhüten, und die Truppen zogen ab. Unterdeß rückte der Marschall Lefebvre mit 99—49999 M. Franzosen, Baiern und Sachsen heran und ließ seine Heersäulen von verschiedenen Seiten zugleich in die Gebirge einbrechcn. H. hatte sich anfangs in eine Höhle des Passeyrthals verborgen; als aber Speckbacher, der Kapuziner Joachim Haspinger und Pet. Mayer an der Spitze des bewaffneten Volks die Verthcidigung Tirols erneuerten und namentlich in den Tagen vom 3.-9. Aug. > 899 dem Feinde wiederholte Niederlagen bcibrachten, trat auch H. aus seiner Höhle hervor, und zwar jetzt als oberster Anführer des für seinen alten Herrn und für sein altes Recht aufgestandenen Tirols. Die Schlacht am 13. Aug., wiederum am Berge Jsel, zwang Lefebvre aus Tirol zu fliehen. H. führte nun die Militair- und Civilverwal- tung unter den sonderbarsten Anomalien bis zum Frieden von Wien, am 14. Oct. Als hierauf der Erzherzog Johann selbst in einem Schreiben die Tiroler zur Unterwerfung auf- foderke und von allen Seiten feindliche Armeccorps in die tirolischcn Berge einrückten, gab H. im Nov. dem Vicekönig Engen und dem bair. Oberbefehlshaber die Erklärung seiner Unterwerfung. Doch durch die Nachrichten von Siegen und dem Einmarsch des Erzher- zogs Johann getäuscht, begann er die Feindseligkeiten aufs neue. Trotz mehrer günstigen Gefechte mußte H.'s Schar, weil der Widerstand nicht mehr allgemein war, endlich der Übermacht unterliegen. Gern hätte man ihn gerettet, aber die Liebe zur Heimat erlaubte ihm nicht, die Vorschläge zur Flucht nach Ostreich anzunchmen. Zwei Monate lang hielt er sich unter Schnee und Eis in einer Alpenhütte im Passeyr verborgen, und weder Ver- sprechen noch Drohungen der franz. Generale waren im Stande, in diesen Bergen einen Aerräther zu finden, welcher H.'s Aufenthalt entdeckt hätte. Endlich verrieth der Priester Dvnay, der, ehedem H.'s Vertrauter, später sich von ihm beleidigt glaubte, dem General Baraguay d'Hilliers den Namen Dessen, welcher H. in seinem Verstecke mit Speise versah. Theils durch Versprechungen, theils durch Bedrohung mit dem Tode wurde dieser jum Geständnisse gebracht und am 29. Jan. 1819 H. nebst seiner Familie gefangen. Unter starker Bedeckung brachte man ihn nach Mantua, wo durch ein Kriegsgericht unter Bis- son's Präsidium das Urtheil über ihn gesprochen werden sollte. Die Stimmen der Richter waren getheilt und die Majorität nicht für die Todesstrafe; doch durch den Telegraphen wurde von Mailand aus H.'s Tod binnen 24 Stunden befohlen, sodaß Ostreichs Verwendung, die damals um so mehr zu erwarten war, da die Vermählung Napoleon s mit Marie ruise bevorstand, jedenfalls zu spät kommen mußte. Inzwischen wurde H. doch erst am 29. »ebr. 1819 zu Mantua erschossen. Er ging mit Standhaftigkeit dem Tode entgegen, duldete nicht, daß man ihm die Augen verband, und commandirte selbst „Feuer". Für den 222 Hoff Hoffman» (Andr. Gottlieb) Verlust ihres Vermögens wurde die Familie H. l8lS vom Kaiser entschädigt; auch wurde des bereits 1809 geadelten Andr. H.'s Adelsdiplom am 26. Jan. 1818 zu Wien ausge. fertigt. Zu seinemGedächtnisse ließ der Kaiser Franz durch den Professor Schaller in Wien H.'s Statue in Marmor fertigen, welche 183-1 in der Franciscanerkirche zu Innsbruck neben dem Grabmale Kaiser Maximilian's I. aufgestellt wurde. Vgl. „Tirol und die Tiroler" (2 Bde., Lpz. 1815) und „Andr. H. und der Freiheitskampf in Tirol" (Z Bdchen., Lpz. 1811—12). Hoff (Karl Ernst Adolf von), ein verdienter deutscher geologischer Schriftsteller, ged. am 1. Nov. 1771 zu Gotha, wo sein Vater, Ioh. Christian von H., 1801 als Geh. Assistenzrath des gothaischen Ministeriums starb, besuchte das dasige Gymnasium und sni< dirte von 1788—91 zu Jena und Göttingen die Rechte. Lichtenberg's und Blumenbach's Vorträge und der nähere Umgang mit diesen Männern nährten in ihm die schon früher er- » wachte Vorliebe für Naturkunde. Nach seiner Rückkehr nach Gotha wurde er bei der Geh. Kanzlei und bei dem Hausarchive angestellt und, besonders in Hausangelegenhciken, auch zu manchen Sendungen gebraucht. Im I. 1813 erhielt er die früher von seinem Vater bekleidete Stelle, und nachdem er die 1817 eingeleiteten Verhandlungen mit dem weimari- scheu Hofe über eine neue Organisation der Universität zu Jena zum Abschluß gebracht hatte, wurde er Commissar des gothaischen Hofs für die Angelegenheiten der Universität. Als nach dem Aussterben des Hauses Sachsen-Gotha das gothaische Land dem Herzoge von Sachsen-Koburg zufiel, ernannte ihn dieser zum Mitglied seines Ministeriums und übertrug ihm die durch den Abgang des Geh. Raths von Lindenau (s. d.) erledigte Cu- ratel der Sternwarte Seeberg. Zu Ende des I. 1828 erhielt er die gesuchte Entlassung aus dem Ministerium; doch bei der kurz darauf erfolgten neuen Organisation der gothaischen Landesbehörden wurde er zum Director des Oberconsistoriums in Gotha ernannt, auch ihm 1832 die Direction der wissenschaftlichen und Kunstsammlungen übertragen. Ein Schlagfluß endete sein Leben am 21. Mai 1837. Seine vorzüglichsten Arbeiten sind die erst nach seinem Tode vollständig erschienene „Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesemn natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche" (5 Bde., Gotha 1822— 11 ) und „Die Höhenmessungen in und um Thüringen" (Gotha 1833). Von 1801—16 gab erden „Gothaischen Hofkalender" heraus; auch lieferte er einige der deutschen und sächs. Staatskunde angehörige Schriften. Aus seinem Nachlaß erschien „Deutschland nach seiner natürlichen Beschaffenheit und seinen früher» und jetzigen politischen Verhältnissen" (Gotha 1838). Hoffman» (Andr. Gottlieb), Geh. Kirchenrath und ordentlicher Professor der Theologie zu Jena, geb. am 13. Apr. 17 96 zu Welbsleben in der Grafschaft Mansfeld, besuchte das Domgymnasium zu Magdeburg, nahm 1813 als freiwilliger Jäger an dem Feldzüge Theil und war nach seiner Rückkehr aus Mangel an äußern Mitteln schon entschlossen, in das Schullehrerseminar einzutreten, als er durch die Unterstützung seiner früher» Lehrer in den Stand gesetzt wurde, seine Schulstudien auf dem Domgymnasium zu beendigen und die Universität zu Halle zu beziehen. Hier studirte er neben der Theologie vorzugsweise oriental. Philologie; durch Gesenius wurde er dem Studium der syr. Sprache zugeführt. Nachdem er schon in Halle Vorlesungen über oriental. Sprachen gehalten hatte, ging er 1823 als außerordentlicher Professor nach Jena, wo er 1825 ordentlicher Professor und 1826 Doetor der Theologie und Mitglied der theologischen Facultät, 1828 Kirchenrath und 1813 Geh. Kirchenrath wurde. Seine Vorlesungen, die sich auf die Grammatik der oriental. Sprachen, die Hauptschriften des Alten Testaments und die biblische Einleitungswissenschaft beschränken, fesseln nicht durch blendende Künste des Vortrags, zeichnen sich aber aus durch grammatische Gründlichkeit und Schärfe, sowie durch die Unbefangenheit seiner historischen Kritik und unabhängige Freisinnigkeit seiner theologischen Ansichten. Seine Hauptschrift ist die „6rk>imruttic» svnsca" (Halle 1827, 1.); außerdem sind zu erwähnen seine Programme „(üammeutarius pdiloloFico-critious in lÜosis beoeckictionem" (8 Stück, Halle, dann Jena 1822 fg.); seine Umarbeitung von Warnekros' „Entwurf der hebr. Alterthümer" (Weim. 1832) und „Die Apokalyptikcr der ältern Zeit unter Juden und Christen in vollständiger Übersetzung mit fortlaufendem Commentar und historisch' kritischer Einleitung" (Bd. 1, Abthl. I u. 2, Jena 1833—38), bis jetzt das in äthi»P- Hoffman« (Christoph Ludw.) Hoffman« (Ernst Emil) 223 Sprache erhaltene Buch Henoch enthaltend. Vorzugsweise hat seit Jahren die Fortsetzung der Ersch-Gruber'schen „Allgemeinen Encyklopädie" seine Thätigkeit in Anspruch genommen, deren zweite Section er vom fünften Bande an allein fortführte. Hoffman« (Christoph Ludw.), ein berühmter medicinischer Schriftsteller, geb. 1721 zu Rheda in Westfalen, studirte in Jena Medicin, wo er 1746 promovirte, und erhielt nachher die Stelle eines Professors der Medicin und Philologie in Burgsteinfurt. Später wurde er kurköln. und bischöflich münsterscher Hofrath und Leibarzt und übernahm zugleich das Direktorat des medicinischen Collegiums zu Münster. Im I. 1787 kam er als kurmainz. Geh. Rath und Director des medicinischen Collegiums nach Mainz; dann lebte er mit dem Kurfürsten in Aschaffenburg und starb am 28. Juli l 807 zu Eltville imRhein- zau. H. hat sich theils durch seine Schriften und ärztlichen Kenntnisse, theils durch Auf- , stellung eines Systems einen ruhmvollen Namen erworben. Sein System sollte eineVere einigung der Humoral- mit der Solidartheorie (s. Humoralpathologie) sein. Den Grund der Krankheiten suchte er in saurer oder fauliger Verderbnis der Säfte, welche die auf verschiedene Art reizbaren festen Theile regelwidrig afsicire, und deshalb habe dieHeil- kunde vorzüglich nach Reinigung der Säfte zu streben, welche theils durch die natürlichen Absonderungen, theils durch künstliche Ausleerungen bewerkstelligt werde. Diese Lehre setzte er vorzüglich in seiner Schrift „Von der Empfindlichkeit und Reizbarkeit der Theile" (Münst. 1779; 2. Aufl., Mainz 1792) auseinander. Von seinen übrigen Werken, die in demselben Sinne verfaßt sind, erwähnen wir noch die „Abhandlungen von den Pocken" (2 Bde., Münst. und Hamm, dann Mainz und Münst. 1770—89); „Über den Scharbock, die Lustseuche und die Ruhr" (Münst. 1782) und „Der Magnetist" (Franks, und Ma-nz 1787), gegen die magnetisirenden Betrüger geschrieben. Seine kleinern Werke gab Chavet als „Opuscnla lat. meäici arZumeuti" (Münst. 1789) und „Vermischte me- dicinische Schriften" (4 Bde., Münst. >790—95) heraus. Hoffman« (Clementine), geborene Tanska, eine der populairsten poln. Schriftstellerinnen, geb. am 23. Nov. 1798 zu Warschau, ist die Tochter eines verdienstvollen poln Literaten. Schon ftüh faßte sie glühende Liebe für die nationale Literatur) und kaum 20 Jahre alt, ließ sie ihr erstes Werk „Sechs historische Novellen" erscheinen. Diesem folgten die „Erinnerungen einer guten Mutter", eine Schrift, welche von bedeutender Wirkung war, und durch welche sie in ihrem Vaterlands zu einer national-häuslichen und einfachen Erziehung der weiblichen Jugend anzuregen sich bestrebte. Denselben Zweck verfolgte sie in mehren andern pädagogischen Schriften. Bei Errichtung des Gouvernanteninstituts in Warschau im I. 1827 wurde sie als Lehrerin der Moral an dasselbe berufen; auch wurde ihr die Oberaufsicht über die Pensionsanstalten der Hauptstadt anvertraut. Seitdem mehrte sich ihr Einfluß, und ihr Haus wurde zum Sammelplatz der ausgezeichnetsten Literaten. Nachdem sie sich 1829 verheirathet hatte und die Revolution ausgebrochen war, stand sie an der Spitze der Polinnen, die sich der Pflege der im Kampfe Verwundeten widmeten. Sie entzog sich diesem edlen Geschäfte auch in den ersten Monaten nach der Erstürmung von Warschau nicht; erst als es ihr unerträglich wurde, die Bedrückungen ihrer Landsleute anzusehen, folgte sie ihrem flüchtigen Gatten nach Dresden und Paris, wo sie ebenfalls literarisch thätig war. Der größte Theil ihrer Schriften, unter denen sich außer den pädagogischen auch Reisebeschreibungen, Biographien berühmter Polen und Polinnen und historische Erzählungen finden, erschien gesammelt als „'lVxbär pism" (10 Bde., Bresl. 1833). Hoffman« (Ernst Emil), ein sehr patriotisch gesinnter Mann und freisinniger Ab- geordneter der hessen-darmstädter Landtage von 1829—34, geb. 1785 in Darmstadt, wo sein Vater,HansWilhelmH., als Geh. Rath und Oberkriegsrath starb, erlernte die Handlung und errichtete 1806 zu Darmstadt ein Specereigeschäft. H. besaß zwar selbst kein Vermögen, aber durch seine Verheirathung waren ihm ansehnliche Geldmittel zugänglich gemacht, und noch reichere Zinsen trugen sein praktischer Sinn, sein geschäftiger und zeitgemäßer Takt. So gab er bald sein Specereigeschäft auf, übernahm Lieferungen, besonders Gewehrlieferungen fürs Militair, speculirte in Staatspapieren, und trieb längere Zeit einen ausgebreiteten Handel mit Waldsämereien; später, ums 1.1823, errichtete er eine allgemeine Militairvertretungsgesellschaft für da« Großherzogthum Hessen. Schon vom 224 Hoffmann< Ernst Tbeod. Amadeus) I. 181 Z an wurde sein Namc^in öffentlichen Angelegenheiten häufig genannt; so bei der allgemeinen Landesbewaffnung, wo er der erste vollständig gerüstete Hess. Landwehr»,»»» war; bei Errichtung des Corps der freiwilligen Jäger, wo er deren sechs auf eigene Koste» marschfertig stellte und ihnen für Nnglücksfälle lebenslängliche Pensionen zufichcrtc; i», Hungerjahrc 1317, wo er bedeutende baarc Capitalien verschenkte, Collecten veranstaltete, und Brot, sowie Kartoffeln unentgeldlich oder zu herabgesetzten Preisen an Bedürftige ab- gab; im I. 1821, wo er, in Verbindung mit den Ericchcnfrcunden in Darmstadt, Statt- gart und Basel, einzelne nach Griechenland wandernde Philhcllencn untcifftühtc, auf eigene Kosten als Bevollmächtigter sämmtlicher Vereine nach Marseille reiste, um die Einschiffung derselben zu besorgen, und durch seine ausgebreitetcn Verbindungen den Vereinen ansehnliche Beiträge verschaffte. Man erkannte überall die Rührigkeit und Thätigkcit H.'s an, ebenso, daß er seinen politisch-humanistischen Bestrebungen sehr große Geld - und Zeitopstr brachte, aber nichtsdestoweniger zogen sein ungestümer Charakter, seine Herrschsucht und seine Eitelkeit ihm regelmäßig viel Feinde dabei zu. Ec war >826 zum Abgeordneten ge- wählt, als er in Folge der von ihm ausgcgcbcnen lithographirtcn Schreiben, in welchen er den Wählern ricth, nur unabhängige und anerkannt brave Männer zu Deputaten zu wäh- len, wegen Einmischung in die Wahlen und wegen Majcstätsbeleidigung in Untersuchung gezogen wurde, welche seinen Eintritt in die Kammer hinausschob. Erst nach drei Jahn» völlig freigesprochen, trat er nun 1829 in die Ständeversammlung ein, wo er eine größt Thätigkcit entwickelte. Er brachte eine Masse der verschiedenartigsten Gegenstände zu Sprache, namentlich beantragte er Freiheit der Presse in inländischen Angelegenheiten und die Aufhebung des Cölibats. Sehr bald erwarb er sich die nöthigen Kenntnisse in der Administration und selbst im Gesetzwescn- Dabei besaß er die Kunst, die Theilnahme der Zuhörer zu fesseln. Zum Landtage von 1832 auf 1833 wurde er abermals, und zwar nach und nach von sechs Bezirken gewählt, vbschon er mit der cxaltirtern liberalen Part« ganz zerfallen war. Alsbald nach Eröffnung des Landtags von 1832 brachte H. einen Antrag wegen der Bundesbcschlüsse vom 28. Juni 1832 in die Kammer; ebenso stellten Anträge wegen Preßfreiheit und wegen Abänderung mehrer unzweckmäßiger Verfassungs- Paragraphen; auch nahm er großen Theil an der Discussion über den Schloßbau. Nichtsdestoweniger gerieth H. dabei wiederholt mit den Mitgliedern der liberalen Partei, der er sonst angehörte, in lebhafte Conflicte. Er war wieder in die Kammer von >834 gewählt, als er der Bestechung bei seiner Wahl angeklagt wurde; doch erklärte die Kammer mit ltt gegen 2 Stimmen H. für definitiv zulässig. Auch auf diesem Landtage entwickelte er vielt Thätigkcit und Rüstigkeit; in den Finanzsragen war er mehrmals den Interessen des Hofes entschieden entgegen; cr kämpfte gegen die Theorien des Regierungscommissars Aug. Konr. Freiherrn von Hofmann (s. d.), welche das Steucrbewilligungsrecht der Stände betrafen; auch dräng er darauf, im Ausgabebudget ernstlich zu streichen. Zum foljgende» Landtage wurde er nicht wieder erwählt. Der Thatbestand der gegen ihn geführten Untersuchung lief im Wesentlichen darauf hinaus, daß H. dem Wcsp, der darmstädter Bürger und Lohnbedienter war, eine Anzahl ausgefüllter Stimmzettel zur Bevollmächtigtenwahl gegeben, um sie zu vertheilcn; daß Wesp an einigePersonen seiner Bekanntschaft, um diese zurAn- nähme solcher Stimmzettel zu bestimmen, im Ganzen 17 Kreuzer verabreicht hatte, und daß von H. dem Wesp zwei Thalcr bezahlt worden waren. Nach anderthalbjähriger Untersuchung >835 nur von der Instanz freigesprochen, welches hofgerichtliche Urtheil das Ober- appellations- und Caffationsgericht zu Darmstadt 1838 bestätigte, wurdeH. somit der Fähigkeit beraubt, wieder Abgeordneter zu werden. Durch das auf dem Landtage von 1835 auf 1836 zu Stande gekommene Gesetz, welches dem Staate das Geschäft der Militairvertre- tung allein zueignete, erlitt H. einen sehr wesentlichen materiellen Nachtheil, weshalb er sich auch im Nov. 1838 an die zweite Kammer wendete, die dem wesentlichsten Theile seiner Beschwerde Folge gab. Wie bei der Eisenbahnunternehmung durch die Provinz Starkenburg so zeigte er sich auch in der Sache der göttingcr Sieben, für Jordan u. s. w. sehr thätig- HofflNlMN (Ernst Theod. Amadeus oder eigentlich Wilh.), einer der originellsten deutschen Erzähler, geb. am 24. Jan. 1776 zu Königsberg in Preußen, studirte daselbst die Rechte und arbeitete dann zunächst bei der Oberamtsregierung in Großglogau und dem dtt MN sten im tcte, ab- nt!. ^ zem , unz :hn- M, i pstr! und St' 1 !l räh- mz ^ )ien roßt zm und Ad- Zu- lrt« > An- >gj- jts- t kr hlt, z; äelt H». lug. ndt den ter- und ege- ün. daß -su- !N- )ig' auf tre- > ec sti- artig- den die em Hoffman» (Ernst Theod. Amadeus) 225 Kammergericht in Berlin. Im I. > 800 wurde er Assessor bei der Negierung in Posen, sodann wegen einiger von ihm gefertigten Caricaturen, welche der General Zastrow und andere Hochgestellte auf sich bezogen, 1802 als Nath nach Plock und >803 in gleicher Eigenschaft nach Warschau versetzt, wo der Einmarsch der Franzosen im I. 1808 seine Laufbahn endete. Ohne Aussichten im Vaterlande und ohne Vermögen, benutzte er seine mu- sikalischen Kenntnisse als Erwerbszwcig und folgte l 808 einer Einladung des Grafen Julius von Soden nach Bamberg als Musikdirektor bei dem dort neu errichteten Theater. Als indeß dieses bald nachher geschlossen wurde, gerieth er in so große Noch, daß er, um essen zu können, wie er selbst gesteht, den letzten Nock verkaufen mußte. Hierauf beschäftigte er sich mit Musikunterricht und arbeitete für die leipziger „Allgemeine musikalische Zeitung", ging I8l3 als Musikdirektor bei der Jos. Seconda'schen Schauspielergescllschaft nach Dresden und leitete bis 1815 das Orchester dieser abwechselnd hier und in Leipzig spielenden Gesellschaft. Im I. 1816 wurde er wieder von Preußen als Rath bei dem königlichen Kammer» geeicht in Berlin angcstellt, wo er indeß schon am 21. Juli > 822 in Folge seines unregelmäßigen Lebens an der Rückenmarksdarrsucht nach qualvollen Leiden starb. Von Jugend auf hatte er seine Mußestunden dem Studium der Musik gewidmet. In Posen brachte er das Goethe'sche Singspiel „Scherz, List und Rache" aufs Theater; in Warschau „Die lustigen Musikanten" von Brentano, die Opern „Der Kanonikus von Mailand" und „Schärpe und Blume", wozu er selbst den Text dichtete; auch setzte er die Musik zu Werner's „Kreuz an der Ostsee" und componirte später für das berliner Theater Fouquc's zur Oper umge- staltcte „Undine". Die Auffoderung, seine in der „Musikalischen Zeitung" erschienenen Aufsätze zu sammeln, veranlaßte ihn zu der Herausgabe der „Phantasiestücke in Callot's Manier" (1 Bde., Bamb. 18 > i; 3. Aust., 2 Bde., Lpz. 1825). Ihnen schließen sich an „Elixire des Teufels" (Berl. 1816), die „Nachtstücke" (2 Bde., Berl. 1817) und die „Serapionsbrüder" (1 Bde., Berl. I8IS — 21, nebst einem Supplementband, 1825, derH.'s letzte Erzählungen enthält); ferner „Klein Zaches, genannt Zinnober" (2. Aust., Berl. 1821); „Prinzessin Brambilla, ein Capriccio nach Jakob Callot"; „Meister Floh, ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde" (Franks. 1822); „LebenS- ansichten des Kater Murr, nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler, in zufälligen Maculaturblättern" (2 Bde., Berl. 1821 —22); „Der Doppelgänger" (Brünn 1821) und einige kleinere Erzählungen. H. war ein durchaus origineller, mit den seltensten Talenten begabter Mensch, wild, ungebunden, dem nächtlichen Schwelgen ergeben, und doch ein trefflicher Geschäftsmann und Jurist, der seine Amtspflichten getreu erfüllte und dessen richterliche Gutachten sowol durch Geist als durch Klarheit und Gründlichkeit sich auszeichnetcn, voll scharfen und gesunden Menschenverstandes, womit er an den Erscheinungen und Dingen sehr bald die schwachen und lächerlichen Seiten erkannte und doch voll Ahnungen, phantastischer Anschauungen und Dämonenglaubens, geneigt zu schneidender Skepsis, fressender Ironie und bizarrem Humor, und doch wieder in lyrischem Gefühl schwelgend, den Gegenstand seiner Liebe mit Enthusiasmus erfassend, und crccn- trisch m seiner Begeisterung, Epikuräer bis zur Weichlichkeit und Stoiker bis zur Starrheit, Phantast bis zum fratzenhaftesten Wahnsinn und witziger Spötter bis zur phantasielosesten Nüchternheit. In und zwischen diesen Gegensätzen bewegen sich auch seine Novellen, die, ^ie die ganze Erscheinung H.'ö, etwas Diabolisches haben. In seinen humoristischen Sprüngen erinnert er an Jean Paul, den er vielleicht auch an faktischem Interesse, an Fülle der Romantik und an eigentlich novellistischer Erfindung übertrifft, aber an Umfang und Tiefe des Humors, an Mannichfaltigkeit der Anschauungen, an Gewalt der Sprache und innerer Reinheit keineswegs erreicht. Auch seinen Hang zu sentimentalen und enthusiastischen Ausbrüchen verdankt er Jean Paul, nur erscheinen sie bei Jean Paul als natürliche Geburten eines reinen, naiven und gesunden Gemüths, bei H. nur zu häufig als die erkünstelten und geschraubten Erzeugnisse eines halb krankhaften Raffinements. Dennoch bleibt ^ H- eine.originelle Erscheinung und gehört mit Recht zu den wenigen mehr für die bloße Unterhaltung schreibenden Novellisten, welche sich nicht in der allgemeinen Gleichflut der erzählenden Talente verloren haben. Er wurzelte mit entschiedener Kraft in jener geheim» Cvnv.-Ler. Neunte Aufl. VII. 15 226 Hoffman« sKriedr.) nißvollcn Gegend, wo das dunkle Princix, wie eine wilde Jagd, statt ausgeführtcr Bild» bunte Caricaturen auf und nieder treibt, die jenen furchtbaren Contrast zwischen Scherz ^ u und Ernst Hervorrufen, bei dem wir nicht wissen, ob unser Herz oder die Welt geborsten ist. z s, So erblickte H. selbst den Tag nur durch die Nacht oder doch durch die Dämmerung, und z, dieses gespenstische Wesen erfüllte ihn mit jenem wollüstigen Grausen, das wir uns einiger- maßen vorstellen können, wenn wir uns an die Freude erinnern, mit welcher Kinder schauer- dl liche Märchen anhören. Die Einmischung der wunderlichsten Spukgestalten, welche er sich häufig sogar in Erzählungen erlaubte, die in der Welt der philisterhaften und modernen „l Alltäglichkeit spielen, gehörte zu der unabänderlichen Denk - und Empfindungsweise H.'s; dl die Liebe zu diesem Überreiz war seine eigentliche poetische Natur. Wenn in diesen Enäd- st, lungen die grauenvolle, freilich auch oft in das Possirliche ausartende Phantastik interessirt dl und unterhält, so sind es doch weder diese spukhaften Gebilde noch seine größer« oft so wild - d< bizarren Romane, welche auf die Nachwelt zu kommen verdienen; wol aber verdient solches - jh eine Anzahl kleiner Novellen, Meisterstücke in engem Nahmen, die wie „Meister Martin vc und seine Gesellen", „Das Majorat", „Fräulein Scudery", „DogeundDogaresse" u.s.w. te sich von dieser gespenstischen Maschinerie der H.'schen Novellistik frei erhalten. Seine Ta- (s lenke waren der wunderbar mannichfaltigstcn Art; er zeichnete sich nicht blos als Dichter j sei und Komponist, sondern auch als geschickter Caricaturcnzeichncr aus, und mehre der am m populairsten gewordenen Caricaturen auf Napoleon rühren von ihm her. In der musika- i; lischen Kritik schlug er häufig jenen überspannten, excentrischen Ton an, der seinen Nach- eii ahmern so verderblich geworden ist und die musikalische Kritik zum Theil in bloße somnam- ur bulistische Exclamationen aufgelöst hat. Die Sprache handhabte er mit Überlegenheit, weit» „t auch nicht ohne Manier. Eine Sammlung seiner „Ausgewählten Schriften" erschien zu ne Berlin (10 Bde., 1827—28); seine Witwe, Micheline, gcb. Rorer, fügte denselben fünf te Bände Supplemente (neue Aust., Stuttg. 1839) bei. Eine treffliche Biographie H.'s lil- loj ferte sein Freund I. E. Hitzig in dem Werke „Aus H.'s Leben und Nachlaß" (2 Bde., ne Berl. 1823); Z. Funck gab dankenswerthe Erinnerungen an H. in seiner Schrift „Am ' m, dem Leben-zweier Dichter, Ernst Theod. Wilh. H. und Fr. Gottlob Wetzel" (Lpz. 1836). Im Auslande, namentlich in Frankreich, ist H. vielfach übersetzt und nachgeahmt worden. ein Hoffman« (Friedr.), neben Boerhaave (s. d.) der berühmteste Arzt seiner Zeit, zu geb. am 19. Febr. 1660 zu Halle, wo sein Vater Leibarzt des Herzogs August von Sach spä sen, Administrators von Magdeburg, war, erhielt auch daselbst seine akademische Vorbil- 18 düng und wurde frühzeitig durch seinen Vater in die Studien seines künftigen Berufs ein- log geführt. Nachdem er 1675 seine Altern verloren hatte, bezog er 1678 die Universität zu un! Jena und ging 1679 nach Erfurt, kehrte jedoch 1680 nach Jena zurück, wo er 1681 pro- seii movirte und sich habilitirte. Seine erschütterte Gesundheit wiederherzustellen, machte er später den eine Reise durch Holland und England, und ließ sich 1685 als praktischer Arzt zu Minden En in Westfalen nieder, wo er dann Garnisonarzt, 1686 Physikus des Fürstenthums Minden Ze> und kurfürstlicher Hofmedicus wurde. Im I. 1688 folgte er dem Rufe als Physikus narb l>c» Halberstadt. Bei Begründung der Universität zu Halle berief ihn Kurfürst Friedrich III- (B von Brandenburg 1693 als ersten Professor der Medicin dahin und beauftragte ihn mit Sp der Bildung und Einrichtung der medicinischen Facultät. In seiner unermüdeten Thätig- uni keit für die neue Anstalt wurde er oft durch die Einladungen unterbrochen, die ihm vielt me, Fürsten Deutschlands zukommen ließen, um sich in Krankheiten seines Nathes zu bedienen- Bei Schon im I. 1703 bot ihm der nunmehrige König Friedrich I. die Stelle seines Leibankes gck, an, die er aber ausschlug; als jedoch 1708 der König bedeutend erkrankte, konnte er niä't Nie umhin, die früher ausgeschlagene Stelle anzunehmen und ging mit Beibehaltung seiner ,,tl< Professur nach Berlin. Des Hoflebens und der Anfeindungen des älter» königlichen Leib- 6,8 arztes, Gundelheimer, müde, kehrte er 1712 nach Halle zurück, wo er nun auch bis z» sti' nah nem Tode blieb, der am l 2. Nov. 1712 erfolgte. Das größte Verdienst erwarb sich H- kam die praktische Heilkunde; eine Menge wichtiger Arzneimittel hat er geprüft und ihre An- ! Wendung aufgeklärt ; durch einfache Mittel und Diät wußte er mit tiefem Blicke in die Re! Natur große Erfolge zu erringen. Seine Untersuchungen vieler Mineralwässer brachten diele I8z so nützlichen natürlichen Heilmittel mehr in Aufnahme und einige Arzneixräparatc, na> Hoffmann (Heinr. Aug.) 227 mentlich des Llliximun visceral« und der lügnor anochnus mineralis, die er bereiten lehrte und die seinen Namen führen, sind noch jetzt allgemein in Gebrauch. Weniger Werth hat sein System, nach welchem er dem Körper eigenthümliche Kräfte und selbständiges Leben zuschrieb, die durch eine höchst feine ätherische Substanz, die empfindende Seele (»»ima ?ensitivu), in Bewegung gesetzt würden. Diese Substanz werde theils im Körper abgesondert, thcils aus der Atmosphäre eingesogen, sei jedoch wieder in ihren Bewegungen einer obersten, unbewußten Seele unterworfen. Die Krankheitsursachen wirkten durch Druck und Ausdehnung auf die festen Theile; die Verderbniß der Säfte sei erst eine im Verlaufe der Krankheit sich entwickelnde Erscheinung, die Krankheiten selbst beständen in zu schwacher oder zu starker Bewegung und seien darnach einzutheilen. So wollte H. das Wesen des Lebens nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet erklären und gehört deshalb zur Schule derJatromathcmatiker (s. d.), was wol mit seiner Vorliebe für die Mathematik, die ibn von seiner frühesten Jugend angezogen hatte, zusammenhängt. Sein System, obgleich von vorn herein auf eine durchaus unhaltbare Hypothese gestellt und in vielen Einzelnhei- ten höchst inconsequent, gewann doch im Gegensätze zu dem seines Nebenbuhlers Stahl (s. d.) viele Anhänger, weil er es auf eine klare faßliche Weise darzustellen ^verstand. Von seinen Werken sind vorzüglich zu erwähnen „8^stema meclicinae natioualis metbocko cke- mniistrativ»" (9 Bde., Halle 1718—40, 4.); „llleckicins consiiltatoria" (12 Bde.,Halle I72l—39, 3.). Seine zahlreichen kleinern Schriften finden sich nach ihrem Inhalte ve» eilügt in den „I)issertstic>nes pli^sico-meclicae curiosae selectivres" (2 Bde., Leyd. 1798 und Ven. 1733), „Dissertation«« pb^sico-meckicae selectiores" (2 Bde., Leyd. 1719), „Opuscula pll^sico-ineriica" (2 Bde., Ulm 1725—26, und Halle 1739), „Odservatio- aes pb^sicn-ckzmicae selectiores" (Halle 1722, 4.), „Okservationes darometricn-me- tearnIoAicae et epirlemiae Ualensis anni 1709" (Halle 1701) und „Opuscnla patbo. loxico-practica" (Halle 1738, 4.). Seine lat. Werke erschienen gesammelt noch unter seiner Mitwirkung (6 Bde., Genfl740; 2. Aust., 1748,Fol.); später folgten noch Supplemente (5 Bde., Genf >761). Hoffmann (Heinr. Aug.), gewöhnlich Hoffmann von Fallersleben genannt, ein sehr verdienter deutscher Sprachforscher und beliebter Dichter, wurde am2.Apr. >798 zu Fallersleben im Lüneburgischen geboren, wo sein Vater Kaufmann und Bürgermeister, später in der westfäl. Zeit Canton-Maire war. Auf dem Gymnasium zu Helmstedt von 1812 an vorgebildet, bezog er 1816 die Universität zu Güttingen. Das Studium der Theologie, zu dem er bestimmt worden war, gab er bald auf, um sich ganz der Literaturgeschichte und der deutschen Philologie zu widmen, denen er auch in Bonn treu blieb, wo er seit lS19 seine Studien sortsehte. Reisen in den Umgebungen des Rhein, die ihm Veranlassung gaben, den noch erhaltenen Resten des deutschen Volksgesanges nachzuspüren, waren auf die Entwickelung und Bestimmung seiner poetischen Anlagen von nicht geringem Einfluß. Zeugniß von diesen letztem gab er in seinen „Liedern und Romanzen" (Köln 1821), Pro- be» von dem Erfolge seiner ernstem Studien in den „Bonner Bruchstücken von Otfried" (Bonn >821), die zugleich eine Übersicht der bis dahin bekannt gewordenen altniederländ. Sprachdenkmale enthielten. Um die Forschungen über die altniederländ. Literatur weiter und tiefer zu verfolgen, begab er sich 1821 nach Holland, wo er ein halbes Jahr lang, na- mentlich in Leyden, mit dem glücklichsten Erfolge sammelte. Den reichen Gewinn jener Bestrebungen in diesem Theile der deutschen Philologie, welche er auch später, durch damals geknüpfte Verbindungen mit niederländ. Gelehrten begünstigt, fortsetzte, und die in den Niederlanden selbst ehrend anerkannt worden sind, hat er in den später herausgegebenen „ttnrse bel^icae" (Bd. 1 und 2, Bresl. 1830; Bd. 3 und 4, Lpz. 1836; undBd. 5 und b, Brest. 1837—38) veröffentlicht. Nach seiner Rückkehr aus Holland lebte er als Privatgelehrter in Berlin, bis er 1823 als Custos an die Universitätsbibliothek zu Breslau kam, wo er 1830 außerordentlicher Professor wurde und 1835 d>e ordentliche Professur der deutschen Sprache und Literatur erhielt. Mit seiner literarischen Thätigkeit hingen die «eisen, die er 1827 nach Ostreich, 1834 ebendahin und in das südwestliche Deutschland, 1836 nach Kopenhagen, 1837 nach Holland und Belgien, 1839 nach Ostreich und in die 15* s»l 228 Hoffman» (Joh. Gottfr.) Schweiz u. s. w. unternahm, auf das engste zusammen. Unermüdlich und geschickt im Su- chen, glücklich im Finden, gewann er auf ihnen eine ansehnliche Menge bis dahin theils unbekannter, theils schlecht herausgegebener Denkmäler der deutschen Sprache und Literatur. Au seinen bedeutendsten Arbeiten in dem Gebiete der deutschen Philologie gehören die „Althochdeutschen Glossen" (Bresl. >826); „Williram's Übersetzung und Auslegung des He- hen Liedes" (Bresl. 1827); „Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache und Literatur" (2 Bde., Bresl. 1830—37); „Ncineke Vos" (Bresl. >834); „Sumerlaten; mittelhochdeutsche Glossen aus den Handschriften der Hosbibliothek zu Wien" (Wien > 834); die mit Endlicher aufgefundenen und herausgegebenen „Fragments tbeotisca etc." (Wien 1834); „Llonumenta LInonensiu" (Gent >837), darunter namentlich ein Abdruck des Liedes auf den Sieg Ludwig's I». über die Normannen im I. 88> aus dem lange verloren geglaubten Manuskript, das er in Valenciennes wieder entdeckte; und die in Gemeinschaft mit Mor. Haupt in Leipzig herausgegebencn „AltdeutschenBlätter"(2Bde.,Lpz. >835—4«)), eine Sammlung kleinerer Quellen und Abhandlungen. Literarhistorische Monographien von Werth sind seine Biographien Joh. Christ. Günther's (Bresl. >832) und Barth. Ningwald's und Benj. Schmolck's (Bresl. >833), sowie seine reichhaltige „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luther's Zeit" (Bresl. >832); eine bibliographische Übersicht des Gebiets der deutschen Philologie gab er in dem Werke „Die deutsche Philologie im Grundriß" (Bresl. >836); auch lieferte er ein „Verzeichniß der altdeutschen Handschriften der Hosbibliothek zu Wien" (Lpz. > 84 l). Für Förderung des geistigen Lebens in Schlesien wirkte er nach Kräften mit bei Begründung des breslauer Künstlcrvcrcins, sowie durch Herausgabe der „Monatsschrift von und für Schlesien" (2 Bde., Bresl. l 829). Bei dieser ausgebreiteten literarischen Thätigkcit wußte er sich doch die Frische des Geistes, die sich in seinen „Allcmannischen Liedern" (Fallersleben >826; 5.im Wiesenthale vcrb.Aufl., Manh. >843); dem „Buch der Liebe" (Bresl. >836); den „Gedichten" (2 Bde., Lp«. >834; verm. Aust., >843); den „Gedichten, neue Sammlung" (Bresl. >837) und den „Unpolitischen Liedern" (2 Bde., Hamb. >840—41) ausspricht, zu bewahren. Außerdem gab er noch heraus „Politische Gedichte aus deutscher Vorzeit" (Lpz. >843); „Deutsche Eesellschaftslieder des >6. und >7.Jahrh." (Lpz. 1844), und „Spenden zur deutschen Literaturgeschichte" (Lpz. >844). Sein Amt bei der Bibliothek hatte er >838 freiwillig niedergelegt. Durch seinen rücksichtslosen Freimuth, namentlich in seinen Gedichten, gcrieth er nach und nach in eine Stellung, die mit der seinigen zur Universität unvereinbar schien. Nach dem Erscheinen seiner „Unpolitischen Lieder" wurde er in eine Untersuchung gezogen, die indeß kein Ergebnis hatte, und bald nachher seiner Professur enthoben. Seitdem machte er Reisen in Deutschland, wo er an vielen Orten mit Festlichkcitcn empfangen wurde, aber auch hier und da, wie z.B. in Berlin, eine Demüthigung erfahren mußte. Wenn auch nicht durch große Tiefe der Gedanken, zeichnen sie sich insbesondere die heitern und geselligen Lieder doch durch die ungekünstelte Einfachheit des Tons, durch Gewandtheit der Sprache und des Versbaus sehr vortheilhaft aus, Eigenschaften, welche sic namentlich für musikalische Composition geeignet machten. Hoffman» (Joh. Gottfr.), Wirklicher Geh. Oberregierungsrath und Mitglied des Staatsraths zu Berlin, Director des Statistischen Bureau, ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an derUniversitätundMitglied derAkadeinie derWissenschaften daselbst, gcb. am >9. Juli >765 zu Breslau, besuchte das Elisabethgymnasium und studirtc von >784 an in Halle die Rechte. Eine bei der Universität zu Leipzig bestehende Stiftung für Schlesier bewog ihn, auf dieserHochschule seine Studien fortzusetzen, bis er I 787 nachKönigsberg ging, um hier sich für ein akademisches Lehramt weiter auszubilden. Doch sehr bald brach« die Nothwendigkeit, seinen Unterhalt zu gewinnen, ihn in Verbindungen, welche ihn für immer von diesem Ziele zu entfernen schienen. Zn Folge derselben wurde er 1792 Disponent der Pinnauischen Fabriken bei Welau, welche Stelle er bis >798 bekleidete, wo er, anfangs als Lehrer und im Baufache beschäftigt, 1803 Assessor bei der ostprcuß. Kriegslind Domainenkammer wurde und endlich 1807 die ordentliche Professur der praktischen Philosophie und der Kamcralwissenschaften an derUniversität zu Königsberg erhielt. Scho» zu Ende des I. >808 kam er als Staatsrath bei der Gewcrbeabtheilung in das Ministe- Hoffman» (Karl Alex.) 229 rium des Innern, zugleich mit der Aussicht auf die Professur der Staatswissenschaften bei der in Berlin neu zu errichtenden Universität und die Direktion eines zu bestellenden statistischen Bureaus, welche Anstalten >810 ins Leben traten. Im Dcc. 1813 folgte er dem Staatskanzler von Hardenberg in das Hauptquartier der Verbündeten, dann nach Frankreich, England, auf den wiener Congrcß und > 815 abermals nach Paris. Nach dem zweiten pariser Frieden wurde er als Vortragender Rath in die zweite Abtheilung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten versetzt, in der er dann Stellvertreter des Di- rectors war. Dabei behielt er die Leitung des Statistischen Bureau; von dem Lchramte bei der Universität aber wurde er vorläufig entbunden. Jm J. >821 nahm er seine Entlassung aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und trat nun wieder als ordentlicher Professor der Staatswissenschaften ein. Die Vorlesungen bei der Universität setzte er fort, bis die Abnahme seines Sehvermögens ihn 1835 nöthigte, dieselben aufzugeben. Mitglied der Prüfungscommission für Anstellung bei den Negierungen war er schon bei seiner Anstellung als Staatsrath im I. 1868 geworden; allein zufolge seiner anderweiten Verwendung konnte er von 1813 an nicht fungiren. Nach seiner Entlassung aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten trat er auch in dieses Amt wieder ein, bis er 1838 wegen vorgerückten Alters sich gcnöthigt sah, seine Entlassung zu nehmen. Als Mitglied der Akademie derWissenschaften wurde er 1832 ausgenommen. Von seinen frühern Schriften erwähnen wir: „Die Berechnung und Benutzung des Bauholzes" (Königsb. 1766); „Der Wassermühlenbau mit besonderer Rücksicht auf Mahlmühlen" (Königsb. 1866); „Die Hauszimmerkunst" (Königsb. I8«>2) und „Das Interesse des Menschen und Bürgers bei den bestehenden Zunftverfassungen" (Königsb- > 8N3). Während des wiener Kongresses schrieb er anonym die Flugschrift „Preußen und Sachsen", als Gegensatz zu der Schrift „Sachsen und Preußen". Der später» Periode seiner großen schriftstellerischen Thätigkeit gehören an die „Übersicht der Bodenfläche und Bevölkerung des preuß. Staats" (Berl. 1818); „Beiträge zur Statistik des preuß. Staats" (Berl. 1821); „NeuesteÜbersicht der Bodenfiäche, -er Bevölkerung und des Viehstandes der einzelnen Kreise des preuß. Staats" (Berl. >833); „Die Wirkungen der asiat. Cholera im preuß. Staate während des I. >831 "(Berl. 1833); „Die Lehre vom Gelbe" (Berl. 1838) und „Die Zeichen der Zeit im deutschen Münzwesen" (Berl. >841); „Die Bevölkerung des preuß. Staats nach dem Ergebnisse der zu Ende desJ. 1837 amtlich aufgcnommenen Nachrichten" (Berl. 1836); „Die Lehre von den Steuern" (Berl. >846); „Die Befugniß zum Gewerbbetriebe" (Berl. 1841); „Das Verhältnis der Staatsgewalt zu den Vorstellungen ihrer Unterthansn" (Berl. 1842); „Übersicht der Geburten, neuen Ehen und Todesfälle in den I. >816 bis mit >841 in Berlin" (Berl. 1843, 4.); „Darstellung der Bevölkerungs-, Gcburts-, Ehe- und Sterblichkcitsvcrhältnisse im preuß. Staate von 1826 bis mit 1834" in den „Abhandlungen der Königlichen Akademie" (Berl. 1843, 4.) und „Sammlung kleiner Schriften staatswirthschaftlichen Inhalts" (Berl. 1843). Hoffmann (Karl Alex.), poln. Literat, geb. 1768 in Masowien, studirte in Warschau die Rechte, konnte aber, weil er der russ. Negierung wegen Theilnahme an den geheimen Verbindungen verdächtig geworden, nur eine untergeordnete Anstellung erlangen. Wirklich hatte er eine derselben vorzugsweise organisirt, und obgleich die über ihn und andere Theilnehmer verhängte Untersuchung kein Resultat ergab, so wurde er doch für unfähig zum Staatsdienste erklärt. Hierauf widmete er seine Zeit hauptsächlich literarischer Thätigkeit und gründete 1825 die „Poln. Themis", eine Zeitschrift fürRechtswissenschaft; auch gab er 1827 eine Übersetzung der Werke Franklins heraus. Erst 1828 wieder für anstcllungsfähig erklärt, erhielt er die Stelle eines Raths bei der poln. Bank und vcrhci- rathetc sich. (S. Hoffmann, Clementine.) Gleich nach der Revolution von 1836 gab er die in mehre Sprachen übersetzte feurige Schrift „Die große Woche der Polen" heraus. >sm I. 1831 wurde er einer der drei Bankdirectoren und, um wegen einer Anleihe zu verhandeln, nach Deutschland gesendet. Nach der Erstürmung von Warschau schrieb er in Dresden seinen „<7vu;> «i'oeil 8»r I'stat;>»!>1ch»e ck« Lologno saus la ckomiuation russe" (Par. 1832), zu dem er die in Warschau zurückgelassenen geheimen Papiere der russ. Regierung, deren Durchsicht ihm übertragen worden war, benutzte. Als er 1832 auf 230 Hoffman» (Karl Friede. Vellrath) Hoffmannsegg > Verlangen des russ. Gesandten gcnöthigt wurde, Dresden zu verlassen, begab er sich mit I seiner Gattin nach Frankreich. Hier verfaßte er „(7rt«rx ponstrmis" (Par. > 837), eine ! Schrift, in der er die griech., Holland., porlug. und poln. Befreiungskriege schildert, und das „Villiemeciun polsleie" (Par. 183»), worin interessante Mittheilungen über den Zustand der Finanzen im ehemaligen Polen sich finden. Hoffmann (Karl Friedr. Vollrath), ein bekannter geographischer Schriftsteller, geb. am l 5. Juli 1796 zu Stargard in Mecklenburg, der Sohn eines Sattlers, zeigte von früher Jugend an sehr hervorragende Geistesanlagen und namentlich ein ausgezeichnetes Sprachtalent. Früh verlor er seine Altern, worauf ein Vetter in Friedland sich seiner an nahm und ihn das dasige Gymnasium besuchen ließ. In seinem l 6. Jahre bezog er die Uni- > versität zu Berlin, mit dem Vorsatze, Theologie zu studiren; doch sehr bald wendete er sich mit > Vorliebe dem Studium der Mathematik und Geographie zu. Nach beendigten akademi- , schen Studien war er vier Jahre lang Hauslehrer bei einem Mecklenburg. Gutsbesitzerin den angenehmsten Verhältnissen; hierauf machte er mit Unterstützung des GroßherzoaS von Mecklenburg-Strelitz eine Reise durch Norddeutschland und folgte dann dem Rufe als Lehrer an Fellenberg's Institut in Hofwyl. Nach mehrjährigem Wirken daselbst folgte er ^ einer Einladung Cotta's nach Stuttgart, wo er die Direction eines geographischen Instituts übernahm. In Stuttgart vermählte er sich mit der Tochter eines reichen Bäckers, die ihm auch, als das geographische Institut nach München verlegt wurde, dahin folgte, >829 aber zu ihren Altern nach Stuttgart zurückkehrte, während H. die Leitung des geographischen Instituts zwar aufgab, aber in München blieb, und bei der Universität Privatdocent wurde. Seine Vorlesungen fanden ihrer Freisinnigkeit wegen namentlich von Seiten der Burschenschaft ungemeinen Zulauf, bis es zwischen dieser und den Landsmannschaften zu einem Exceß kam, in Folge dessen H., da er zumal Ausfälle gegen den Katholicismus sich in seinen Vorlesungen hatte beikommen lassen, durch die Policei den Befehl erhielt, München zu verlassen. Er ging nun wieder nach Stuttgart, wo er sich mit seiner Frau »us- söhnle, was aber von keinem Bestand war. Nichtsdestoweniger hatte H. dabei aus- ^ nehmend fleißig gearbeitet. Im Sommer 1836 aber ging eine gänzliche Umwandlung nül ihm vor, indem er sich gleichsam in die Vergnügungen stürzte und durch übermäßigen Genuß von Wein sich in einer steten Aufregung zu erhalten suchte. Zwar fand noch eine wiederholte Vereinigung mit seiner Frau statt; allein im Juni 18-tV erfolgte doch die gerichtliche Scheidung. Von dieser Zeit wurde der Zustand H.'s, der seine Gattin innigst liebte, die ihn aber nicht zu behandeln verstand, immer beklagenswerther. Arbeitscheu und einem ungeregelten Leben verfallen, brachte er den Sommer von 18-19 größten Theils in einem Biergarten bei Stuttgart zu. Nachdem alle seine Habe ihm gerichtlich genommen war, gesellte sich zu seinen geistigen und körperlichen Leiden der bitterste Mangel. Zu spät wurde sein Zögling in Hofwyl, der Graf Wilhelm von Würtemberg, auf die beklagens- werthe Lage seines ehemaligen Lehrers aufmerksam gemacht; er konnte ihn nicht retten, sondern nur noch seine letzten Tage erleichtern. H. starb am 20. Aug. >8-11. Er war Mitglied der Loxsl societz, in London, und wenige Tage vor seinem Tode erhielt er Rufe ntub Petersburg und nach Dorpat. Von seinen Schriften erwähnen wir als die vorzüglichsten „Die Erde und ihre Bewohner" (Stuttg. 1833; 5.Aufl., >839); „Deutschland und sein- Bewohner" (-1 Bde., Stuttg. >834—36); „Europa und seine Bewohner" (8 Bde., Stuttg. >835—40); „Das Vaterland der Deutschen" (>. Abthl., Nürnb. >839); „Di- Völker der Erde, ihr Leben, ihre Sitten und Gebräuche" (2 Bde., Stuttg. > 840 ); „Hertha" (2Bde., Ulm >840—4>); ferner den „Atlas für Schulen" (Stuttg. >833; 3.Allst/ >837) und den „Vollständigen Himmelsatlas" (Stuttg. 1835—37; 2. Aufl., >842). Hoffmannsegg (Joh. Centurius, Graf von), bekannt als Entomolog und Botaniker, geb. zu Dresden am 23. Mai l766, studirtc in Leipzig und trat >783 als Lieutenant in die kursächs. Garde du Corps ein, nahm jedoch 1786 seinen Abschied und setzte seine Studien auf der Universität zu Göttingen fort. Hcllwig und Jlligcr in Braunschweig, deren Bekanntschaft er nach der Rückkehr von einer Reise nach Italien machte, gaben seiner Neigung zur Entomologie eine wissenscbaftliche, wiederholte Reisen zugleich eine praktische Richtung. Eine Reise, welche er in Begleitung von Tilesius nach Portugal unter» Ml ini !Nd !u> cd. alles »i- ni- iiii m- ili >as als ler !lts hm der ,en de. en< em sei- >n- is- i§> Nil Se- »ie- ht- nd in >e» rat is- en, lit- icb ien ine lk-, )i- er- ni- >nt ne ig, ei- ik- er- Hoffnung Hofmann (Aug. Konr., Freiherr von) 23l nahm, lenkte seine Studien auf die Botanik. Um die noch ganz unbekannte Flora jenes Landes zu bearbeiten, verband er sich mit Link (s. d.), dessen Umgang für ihn ungemein belehrcnd.wurde. Beide reisten 1707 durch Frankreich und Spanien nach Portugal, wo sie sich anderthalb Jahre mit naturhistorischen, vorzüglich botanischen Forschungen beschäftigten und mehre hundert neue Pflanzenarten entdeckten. H. blieb auch nach Link's Abreise, im 1.17»!«, noch bis 1801 in Portugal, und fand nicht nur viele unbekannte Pflanzcn- arten, sondern auch eine Menge seltener Insekten. Nach seiner Rückkehr arbeitete er bis >801 in Braunschweig für den Zweck der dasigen Sammlung, dann unternahm er mit Link seine „klors ^»rtuguixe" (Heft 1—22, Berl. 180»—33, Fol.), wozu er Papier, Druck, Zeichnung, Kupferstich, Färbung u. s. w. selbst besorgte und leitete, um ein auch von Seiten der Kunst Deutschlands würdiges Werk herzuftellen. Mit einem Aufwande von 50000 Thlrn. ließ er davon l 8 Hefte erscheinen, worauf die prcuß. Regierung 1825 das Ganze nach dem Wunsche H.'s übernahm. Gleichzeitig richtete er das Local für das zoologische Museum in Berlin ein. Seit 1818 wählte er Dresden zu seinem Aufenthaltsorte. Hoffnung ist das freudige Gefühl, welches sich mit der Boraussetzung oder Erwartung eines zukünftigen Wohls verknüpft. Um hoffen zu können, muß der Mensch die Erinnerung erfüllter Wünsche, gelungener Pläne haben; wem Alles mislang, der verlernt allmälig das Hoffen. Weil ferner das Angenehme selten vom Unangenehmen getrennt und die Zukunft ungewiß ist, sc ist mit der Hoffnung meist auch Bcsorgniß oder Furcht, daß das Erwartete nicht eintreten könne, verbunden. Im Allgemeinen hat die Hoffnung . die Wirkung, die Kraft der Seele im Leiden aufrecht zu erhalten; sic führt aber auch häufig, durch die Phantasie, welche das Erwünschte willkürlich vorstellt, in eine Region, aus der die Seele nur bitter getäuscht zur Wirklichkeit erwachen kann, wenn über der Zukunft die Pflichten der Gegenwart verabsäumt wurden und die Seele, wie man sagt, in Hoffnungen sich cinwiegen ließ. Das griech. und röm. Alterthum bildete die Hoffnung als leicht einherschreitendes Mädchen, in der Rechten die Blüte eines Granatapfelbaumes, mit der herabgescnkten Linken das Gewand etwas lüftend. In Rom hatte sie viele Tempel und Altäre; oft trägt sie die Statue des Komis eventus auf der Hand. Hofgerichte heißen im Mittelalter die höhern theils landesherrlichen, theils kaiserlichen Gerichte in Deutschland, welche ursprünglich den Charakter eines Lehnhofes für den landsässigen Adel oder die unmittelbaren Dienstmannen des Reichs hatten, aber allmälig auch zu einem privilegirten Gerichtsstand für jene, oder was die kaiserlichen Hofgerichte rnlangt, zu einer Appellationsinstanz wurden. Die letzten« gingen jedoch bis zum Ende des 13. Jahrh. fast sämmtlich in die Hände der Landesherren über und dauerten bis zur Einsetzung besonderer Appellationsgerichte in den einzelnen Ländern, zum Theil auch, wenigstens als Oberhofgerichtc, noch länger fort. In einigen Ländern, ;. B. in Baden, führen noch jetzt die Gerichte zweiter Instanz diesen Namen. Hofmann (Aug. Konr., Freiherr von), ehemaliger großherzoglich Hess. Finanzminister und Präsident des Staatsraths, geb. von bürgerlichen Altern am 28. Apr. 1776 zu Nidda in der Provinz Obcrhessen, wo sein Baker Amtmann war, studirte die Rechte in Erlangen und Gießen und wurde 1707 in Darmstadt Regierungsaccessist, 1803 Hofkam- mcrrath und Kammeranwalt, 1813 Mitglied der Regierungscommission, 1816 Mitglied der Generalcommission zur Besitznahme und Berwaltung Nheinhessens und Oberappellationsgerichtsrath, 181» Geh. Referendar, 1820 Geh. Staatsrath im Ministerialdeparce- ment der Finanzen und 1827 in den Freiherrnstand erhoben. Nach dem Tode des Staats- Ministers von Grolman im I. 182» wurde er Präsident des Finanzministeriums mit dem Charakter eines Wirklichen Geh. Raths, auch ihm das Präsidium im Staatsrath übertragen, worauf im Dec. 1837 seine Beförderung zum Finanzminister erfolgte. Er starb an der Brustwaffersucht am ». Aug. 1841. H.'s Name knüpft sich auf eine sehr ehrenvolle Weise an die Schöpfung der Berfassungsurkunde vom 17. Dec. 1820, zumal da er der Freund und eigentlich der einzige Freund und Nalhgeber des Staatsministers von Grolman war. Im I. 1824 brachte er den Abschluß des Zollvertrags mit Baden und 1828 die Übereinkunft mit Preußen zu Stande. Auch nach innen entfaltete er als Finanzmann «ne sehr bedeutsame Thätigkeit namentlich bei Einrichtung des AbgabensystemS und des 232 Hosmarrn zpernr. Karl) Finanzwesens überhaupt, bei Herabsetzung des Zinsfußes der Staatsschuld und Hinsicht- lich der Ordnung des ganzen Staatsschuldenwesens. Bei unermüdlichem Flciße und vieler Geschäftsgcwandtheit besaß er große parlamentarische Gaben, die ihm in den Ständevcr- i Handlungen, bei denen er seit Einführung der Constitution als erster Negierungscommissar , in allen Theilen des Finanzwesens thätig war, zu gut kamen, wo er aber für höhcrn Einfluß > sich sehr empfänglich zeigte. Großen Anstoß erregte er auf dem Landtage von > 638 auf 1839, wo er das Recht der Stände, nicht bewilligte Ausgaben zu prüfen, und, wenn sic dieselben nicht gerechtfertigt finden, zu streichen, lebhaft bestritt und seine schon 183-1 ver< . theidigten Theorien so sehr ins Extrem trieb, daß selbst der Finanzausschuß der ersten Kam- f mer in seinem Berichte über diesen Gegenstand sagen mußte, daß er „weit entfernt sei, die von H. aufgestellten Grundsätze als richtig anzucrkennen". Seine „Beiträge zur nähern ^ Kenntniß der Gesetzgebung und Verwaltung des Großherzogthums Hessen" (Gieß. >832) > erfuhren eine kräftige Erwiderung in dem „Frcimüthigen Sendschreiben an H." (Offenb. ' 1832), welches den Oberforstrath Hundeshagen zu Gießen zum Verfasser hatte. Hofmann (Heinr. Karl), Hofgerichtsadvocat und Procurator in Darmstadt, geb. am 31. März >795 zu Neckarsteinach, einem damals mainzischen, jetzt großherzoglich Hess. Orte, besuchte bis 1812 das Gymnasium zu Darmstadt, sodann die Universitäten zu Eie- ! ßen und Heidelberg und wurde >817 Hofgerichtsadvocat und Procurator. Beschuldigt^Ver- sammlungen von Gemcindedeputirten zu öffentlichen Zwecken veranlaßt zu haben, wurde er im Sept. >819 verhaftet und erst im Mai >820 wieder auf freien Fuß gesetzt. Obschon üic Untersuchung längst geschlossen, so war doch aufseine wiederholten Gesuche um richterliche Entscheidung und auf Abolition noch keine Resolution erfolgt, als er 1821 in eine noch bedenklichere Untersuchung gezogen wurde, indem man ihn beschuldigte, der erfurter Verschwörung, in welche der Major von Fehrentheil verwickelt war, nicht fremd gewesen zu sein und dem sogenannten Männerbundc angehört zu haben. Nach längerer Verhaftung in Darmstadt sollte H. nach dem Beschlüsse der Central-Untersuchungscommission zu Mainz mit seinem Leidensgefährten, dem Hofgerichtsadvocaten Rühl aus Darmstadt, nach Köpenick zur Confrontation ausgeliefcrt werden. Doch die großherzoglichen Behörden verweigerten die Auslieferung, und erst als für die in Darmstadt anhängige Untersuchung eine Confrontation mit den Verhafteten in Köpenick für nüthig erachtet wurde, faßte das Hofgericht zu Darmstadt den Beschluß, H. und Rühl nach Köpenick bringen zu lassen. Ihre Rückreise von da unterlag vielen Schwierigkeiten von Seiten der prcuß. Behörden, und erst nach langen Unterhandlungen konnte die Hess. Regierung >826 sie bewerkstelligen. Nachdem H. und Rühl hierauf noch einige Zeit in Darmstadt verhaftet gewesen waren, kamen sie im Oct. >826 gegen Caution frei und im März >831 erfolgte endlich durchs Hofgericht in Darmstadt ihre völlige Freisprechung von den ihnen schuldgegebenen Verbrechen und selbst von der Zahlung der Kosten. H. war schon früh als Schriftsteller aufgetreten mit seinen „Deutschen Volksgeschichten aus dem ersten Jahrh. vor und nach Christus" (Heidelb. >821). Während seiner zweiten Haft schrieb er die „Übersicht der Geschichte des Großherzogthums Hessen" (Darmst. > 828). Seit l 831 nahm er sich der damals in Darmstadt erscheinenden „Hessischen Blätter" erst als Mitarbeiter, später als Re- dactcur an, bis sie den Censurschwierigkeitcn unterlagen. Gleichzeitig ließ er die „Beiträge zur Erörterung vaterländischer Angelegenheiten" (Bd. I, Darmst. 1831), „Die Versuche in Bearbeitung des röm. Rechts" (2 Hefte, Darmst. >830—31) und in Notteck's „Politischen Annalen" die Abhandlung „Über Begründung und Entwickelung des öffentliche» Rechts in Deutschland" (>832) erscheinen. Jm J. 1832 begründete er den „Beobachter in Hessen bei Rhein", den er aber wieder aufgebcn mußte, da >833 die Concession zurückgenommen wurde. Als Präsident der Anwaltgesellschaft zu Darmstadt (s. Advocaten- vereine) nahm er kräftigen Antheil an der Constituirung und weitern Ausbildung dieser Gesellschaft. Vom Wahlbezirke Erbach in die Kammer gewählt, erklärte dieselbe mit 2> gegen 2V Stimmen ihn wegen seiner ersten Untcrsuchungssache von 1819 nicht für zulässig. Auch konnten er und Rühl in aller Weise es nicht dahin bringen, daß die preuß. Negierung den nach ihrer Freilassung im 1.1836 gegebenen Befehl zu ihrer Verhaftung, sobald sie sich auf preuß. Gebiete betreffen ließen, zurücknähme. Als Kassirer des darmstädter Hofmannswaldau Hofnarren 233 Polenvereins nahm sich H. 1832 mit vielem Eifer der unglücklichen Flüchtlinge an. Abgesehen davon, daß er seit 1833 für Mittermaicr's „Archiv für die civilistische Praxis" und für Nottcck's und Wclcker's „Staatslexikon" sehr thätig arbeitete, beschäftigte ihn später fast emsig seine juristische Praxis. Hofmannswaldau (Christian Hofmann von), einer der Stifter der zweiten fehles. Dichterschule, gcb. am 25. Dec. 1618 zu Breslau, wo sein Vater kaiserlicher Kammerrath war, zeigte schon auf dem Gymnasium zu Danzig seine Anlage zur Poesie und studirte zu Leyden. Als Gesellschafter eines Fürstensohns bereiste er die Niederlande, England, Frankreich und Italien und erhielt nach seiner Rückkehr, noch ohne das erfoderliche Alter erreicht zu haben, die Stelle eines Rathsherrn in seiner Vaterstadt. Er leistete derselben bei mehren diplomatischen Sendungen, besonders am kaiserlichen Hofe zu Wien, gute Dienste und i starb als Präsident des Rathscollcgiums und kaiserlicher Rath zu Breslau am 18. Apr. l 167!». Mit den umfassendsten Kenntnissen verband er die Formen und Sitten eines feinen und vollendeten Weltmanns, zeichnete sich durch seine Geschäftsthätigkeit aus und war, was init seinen Gedichten in Widerspruch zu stehen scheint, von unbescholtenem Lebenswandel. Die verständige Einfachheit der ersten schles. Dichterschulc, die freilich auch zur > Nüchternheit und Plattheit ausartete, schlug in ihm und Lohenstein (s. d.) zum Extreme des Schwulstes, des Antithesen- und Bilderwustes um. Die rein materielle Liebe war der Gegenstand, welchen er vorzugsweise behandelte und mit einem wahrhaft erstaunlichen Aufwands von Wortspielen, Antithesen, witzigen Gleichnissen und pomphaften Bildern behandelte. So viele Verdienste er auch um die Bereicherung der deutschen Sprache und um die Ausbildung ihrer rhythmischen Fähigkeiten hat, so stiftete er doch durch seine übersüße Zierlichkeit, seinen gesuchten Bilderprunk, seine lüsternen Gleichnisse, seine oft an das Lächerliche und Possenhafte streifende falsche Erhabenheit, wie durch seine geschraubten Witzspielereien in der deutschen Literatur vielen Schaden. Er mißbrauchte seinen Geist, seine Phantasie, seine große Belesenheit und Weltkenntniß in der einseitigsten manicrirte- ' sten Richtung, sodaß er, als die Literatur eine Wendung zum Bessern nahm, fast mehr noch > als Lohenstein als ein warnendes und abschreckendes Beispiel der Geschmacklosigkeit angesehen werden konnte. Hierher gehören besonders seine „Galanten Gelegenheitsgedichte" und seine zum Theil dem Italiener Marine nachgebildeten Herolden, die unter dem Titel „Curiose Heldenbriefe und andere herrliche Gedichte" (Bresl. 1673) erschienen. Auch schrieb ec einen „Sterbenden Sokrates" in Prosa mit untermischten Versen und übersetzte Guarini's „Pastor ü727; neue Ausl., 17 34). Hofnarren. Schon im Alterthume gab es Leute, die es sich zur Aufgabe machten, den Großen und Reichen durch allerlei Späße, scherzhafte, witzige Reden, besonders bei Tafel, die Zeit zu vertreiben, wie z. B. Alexander der Große, Dionysius von Syrakus, Augustus und dessen Nachfolger sich solche Possenreißer hielten; dem Mittelalter aber war cs Vorbehalten, diesen seltsam-widrigen Beruf weiter auszubilden und die Narrenschaft zu einem förmlichen unentbehrlichen Hofamte zu erheben. Zu den wesentlichen Attributen eines solchen Beamten gehörten: l) die Narrenkappe auf geschorenem Haupte, meist bunt, mit Eselsohren und Hahnenkamm verziert; 2) der sehr verschiedenartig geformte Narcenscepter oder Narrenkolben; 3) die Schellen, vorzüglich an der Kappe, doch euich an andern Theilen des Anzugs, und 4) ein großer Halskragen; die übrigen Theile des Anzugs aber waren beliebig nach dem Geschmacke des Herrn. Außer diesen eingeklei- belen Possenreißern, unter denen Triboulet am franz. Hofe unter König Franz I. und sein Nachfolger Brusquet; ferner Klaus Narr, dessen gesammelte Schwänke mehrmals im Druck erschienen, bei Kurfürst, Friedrich dem Weisen, und Serggan, derHofnarr der Königin Elisabeth von England, am bekanntesten sind, gab es noch eine höhere Claffe derselben, iegenanntc lustige Räthe, kurzweilige Näthe oder Tischräthe, meist geistreiche Männer, die Inh des Vorrechts der freien Rede bedienten, um die Thorheiten und Gebrechen ihrer Zeit und ihrer Umgebungen aufs unbarmherzigste zu verspotten. Unter diesen haben sich durch Mist und Witz besonders hervvrgethan Kunz von der Rosen, lustiger Rath Kaiser Maxi- 234 Hofrath Hofwyl - milian's I., John Heywood, ein fruchtbarer dramatischer Dichter und Epigrammatist am - , Hofe Heinrich's Vlll. von England, und Angely, ein feiner franz. Hofmann. Auch fehlte» , zu keiner Zeit an den Höfen Personen, denen, ohne daß sie die Narrenschaft zu ihrem Be- z rufe machten, das Vorrecht zugestanden war, durch Wih und beißende Ausfälle die Gesell- , schaft ungestraft geißeln zu dürfen, oder die, wie besonders pedantische Gelehrte, als allge- s meines Stichblatt des Witzes dienten, so der durch seine derben Späße bekannte kursächs. ^ General Kyau (s. d.) und andererseits der gelehrte Jak. Paul, Freiherr von Gundling ( (s. d.), den König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, um seine Verachtung der Wisse»- x, schaft und des gezierten Hcsswesens an den Lag zu legen, mit allen möglichsten Staats- und ,, Hoftiteln überhäufte. Die Geschichte des Hofnarrenwesens, worüber Flögel eine eigene § interessante Schrift (Liegn. und Lpz. l78>>) geliefert hak, bezeichnet den jedesmaligen e Standpunkt der Gesittung der Höfe, und kein Reichstagsbeschluß, deren im 16. Jahrh. s mehre darüber gefaßt wurden, vermochte darin etwas zu ändern ; vielmehr verlor sich nur ' ; mit zunehmender Verderbtheit des Geschmacks jene alte gesunde Derbheit. Seitdem er- ^ götzte man sich mehr an blödsinnigen oder gebrechlichen Menschen, deren selbst der gewöhn- f, liche Edelmann zu seiner Kurzweil nicht mehr entbehren zu können glaubte, eine Erschei- g nung, welche als letztes Studium des Narrenwesens nothwendig die gänzliche Abschaffung ' g desselben zu Ende des l7. und zu Anfang des I 8.Jahrh. zur Folge hatte. Unter den deutschen Höfen hat der kursächs. am längsten, bis in die Mitte des vorigen Jahrh., besolden n Hofnarren gehalten; am russ. Hofe aber stand das Narrenwcscn damals noch in seiner „ Blüte und Peter der Große hatte deren noch so viele, daß er sie in verschiedene Classen thcille. d Hofrath nannte man die Collegicn, welche in deutschen Staaten seit dem l». g Jahrh. nach dem Muster des Reichshofraths (s. d.), behufs der Berathung von si Regierungsangelegenheiten gebildet und bald auch, gleich diesem, mit richterlichen Fum- y tionen beauftragt wurden. Während anfangs nur die Mitglieder dieses Collegiums dni ^ Titel Hofrath führten, erhielten in der Folge auch andere nicht zu diesem Collegium gehe- i, rige höhere Staatsbcamtete denselben als Auszeichnung; erst in neuerer Zeit indeß, wo sie- s „ scr Titel an die verschiedensten Personen, oft sogar käuflich, ertheilt wurde hat er in seinem l „ Werlhe verloren und bezeichnet in manchen Staaten, namentlich wo, wie z. B. in Preu- A ßen, das Titelwescn unendlich gestiegen ist, oder bezeichnendere Titulaturen für Staats- tz, beamtete cingeführt sind, nur noch einen subalternen Rang. ln Hofrecht bezeichnet das Rechtsverhältniß zwischen dem Grundherrn und den auf sei- (I, nem Grund und Boden wohnenden Bauern, Erbzinslcuten, Hintersassen, Hörigen und zl Eignen. Über die Entstehung und Ausbildung des Hofrechts, vorzüglich am Rhein und in N Westfalen, sind viele Hypothesen aufgestellt worden, von welchen aber wenige eine gründ- eb liche historische Kritik aushaltcn möchten. In der alten Zeit hing das Verhältniß der lln- Z> freien zu ihrem Herrn großentheils von dessen Gnade ab ; allmälig bildeten sich aber doch ft auch für dieses Verhältniß Rechtsnormen aus. Dieses Hosrecht erweiterte und vervoll- kn ständigte sich, je mehr auch ursprünglich Freie in den Hofverband eintratcn. Der gutsherr- B liche Hof wurde in vielen Gegenden der Mittelpunkt der bäuerlichen Verhältnisse- Da N die später« Gesetze über die Rechte der Gutsherren und die Pflichten der Untcrthanen in jh der Regel von den Gutsherren selbst gegeben wurden, so darf es nicht auffallen, daß sie, I» wenn schon sich nicht leugnen laßt, daß durch dieselben manche Misbräuche der gutsherrliche» na Macht beseitigt wurden, doch im Ganzen auf den Vortheil der Gutsherren berechnet sind. Fl Hofwyl, früher Wylhof, ein ausgedehntes Landgut, zwei Stunden nördlich von Bern, ler ist berühmt durch die bedeutenden Anlagen Fellenberg's (s.d.), gest. 1844, der hier eine «y Musterwirthschaft und einen damit im Zusammenhänge stehenden Complex von Bildung-- , - anstalten gründete. Zu der landwirthschaftlichen Ökonomie gehört ein Magazin von Acker- ft gcräkhen, die von den in H. wohnenden Wagnern und Schmieden, denen ein Mechaniker un zur Seite steht, verfertigt werden. Außer diesen sind Schreiner, Sattler, Schuhmacher, U, Schneider u. s. w. in Fellenberg's Dienst und auf dessen Rechnung thätig. Die Comptabi- ,n, lität, sowie die crfoderlichcn Ein- und Verkäufe, werden von einem besonder« „Bureau (ft der Institute" besorgt, sodaß in H. außer der Landwirthschaft aucb die Industrie und der ift Handel ihre Repräsentation finden. Damit im Einklänge ist auch in den Bildungsanstal- ft, Hogarth 235 ten die ganze Gesellschaft vertreten. Es bestehen nämlich eine gegenwärtig von ungefähr 46 Zöglingen besuchte höhere Erziehungsanstalt für die Söhne reicher Altern mit einer be- trächtlichen Anzahl Lehrer für alle Fächer des Unterrichts, eine Mittel- oder Realschule mit etwa 7» Zöglingen, die nur eine sehr mäßige Pension zahlen, sowie endlich eine Armcn- schule mit UM Schülern, die den für Unterhalt und Unterricht erfoderlichen Aufwand durch ihrer Hände Arbeit abverdienen. Die höhere Erziehungsanstalt kam im I. 1 808 zu Stande; daran schloß sich seit 1816 nach langen vergeblichen Versuchen die Gründung der Armenschule oder sogenannten Wehrlischule, weil sie ihre Entstehung der thätigen Mitwirkung Wehrli's verdankt, des gegenwärtigen Seminardirectors zuKreuzlingen in, Thurgau. Endlich wurde 1 836, zur Vervollständigung des Organismus, auch die Mittel- oder Realschule errichtet. Das eigenthümlich Auszeichnende der Institute zu H. ist die organische Verbindung, in welcher die Erziehungsanstalten theils unter sich stehen, theils mit der Musterwirthschaft und den andern Beschäftigungen des bürgerlichen Lebens. Um seine Schöpfung auch über die eigene Lebensdauer hinaus sicherzustellen und gegen die Wechsel- fälle des Privatlebens zu sichern, hat Fellenberg schon zu wiederholten Malen Vorschläge gemacht, um die Übernahme seiner Institute entweder durch den Staat, oder durch eine große Association einzuleiten und herbeizuführen. Hogarth (William), einer der berühmtesten Zeichner, Maler und Kupferätzcr, wurde zu London 1697 geboren und lernte dann als Goldschmied. Nach Überstande, ner Lehrzeit legte er sich, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, auf die Zeichenkunst, doch keine seiner damaligen Arbeiten kündigte ein besonderes Kunsttalent an; am besten gelangen ihm die Blätter zu Butler's „llullidrss" (Lond. 1726). Hierauf versuchte er sich in der Portraitmalerei und sein Talent, zu treffen und Familienbilder gut zu gruppircn, verschafften ihm bald viele Arbeit. Im Z. 1736 verhcirathete er sich mit der Tochter des Historienmalers Jam. Thornhill. In dieser Zeit entwickelte sich sein außerordentliches Ta- , lent, die Thorheiten und Laster seines Jahrhunderts in Bildern vorzustellen. In seinem s ,,'kde barlot's progress", einer Folge von sechs Blättern, die 2666 Subscribentcn fand ^ und wovon die Gemälde 1755 durch den Brand zerstört wurden, stellte er das Leben einer Buhlerin dar; in einer andern von acht Blättern das Leben eines Liederlichen („Tire ra- ke's progress"). Nächst diesen sind unter den Blättern, welche er in den I. 1733 —38 lieferte, am berühmtesten „8outlivvarle kair" (der Jahrmarkt in Southwark); möllern millnißcht couversation" (die Punschgesellschaft); ,,'1'ke llistressell post" (der unglückliche Dichter) und „8troIIil,g uctresses in » Karn" (die Komödianten in der Scheune). Nicht zufrieden mit der Höhe, die er in dieser Richtung erreicht hatte, wollte er auch einen ebenso hohen Rang unter den Historienmalern einnehmen; aber die Unrichtigkeit seiner Zeichnung und besonders ein Mangel an Würde und Grazie waren ihm so zur Gewohnheit geworden, daß es nicht mehr von ihm abhing, anders zu sein; seine Neigung zu cari- kiren mischte sich wider seinen Willen in seine ernsthaften Compositionen, wie dies seine Bilder „Der Teich von Bethesda", „Der barmherzige Samariter" u. s. w. beweisen. Nachdem er wieder ganz die ihm eigenthümliche Richtung eingeschlagcn, erschienen von ihm 1741 „Tire enragell miisicisn" (der wüthende Musikant); 1745 „Hie murriugv ü !a wolle" (die Heirath nach der Mode) in sechs Blättern, wovon die Bilder für die Nationalgalerie angekauft sind ; 1747 „He etkects ok inllustr^ snll illleness" (die Folgen des Fleißes und des Müßiggangs); 1748 ,,1'üe msrcii to Ikinckle)" (der Marsch nach Finch- lry in Schottland); 1749 ,,'I'lle gute ok Calais" (das Thor von Calais); und 1751 ,,1'Iie «lages ok croelt)" (die Grade der Grausamkeit gegen Hunde) in vier Blättern. Im I. >753 gab er seine „Zergliederung der Schönheit" (deutsch von Mylius, Berl. 1754, 4.) in Druck, worin er die Schlangenlinie als die angenehmste Form für das Auge darstellte und sogar die Linien bestimmen wollte, welche die Form des Schönen enthielten. Diese Analyse aber, statt seinen Ruhm zu vermehren, verminderte ihn, und die Zeitgenossen machten sein System lächerlich. Hierauf erschienen 1755 „kourpriuts ok an election" (die Wahl eines Parlamcntsglieds) in vier Blättern und 1762 „Dlis times" (die Zeit- läufe), eine beißende Satire auf Pitt. Sein lächerliches Bild „Sigismunda" (1757), das der schwach gewordene Künstler als ein Gegenstück zu einem vortrefflichen Bilde von Cor- c' . 236 Hogendorp reggio betrachtet sehen wollte, veranlaßte ihm viele Kränkungen. Er starb 1764 zu Leiir- stcrfields und wurde zu Chiswick begraben, wo man ihm ein schönes Denkmal, welches sei» , Freund Garrick mit einer Inschrift versah, errichtete. H. hat in der Technik der Darstel- lung nur mittelmäßige Verdienste; seine Behandlung ist zwar geistreich, doch meist nur skizzenhaft; seine Farbe manierirt und seine Zeichnung oft unrichtig; auch ist an seinen Radirungen und Kupferstichen die Ausführung meist flüchtig und unbedeutend. Seine Größe liegt im Gedanken, in der Erfindung und in der tiefen Charakteristik seiner Zeit, seines Landes und seiner Individuen. Das ist es auch, was ihm eine Berühmtheit schuf, " wie sie sonst nur künstlerische Genien ersten Rangs besitzen, sie ist ihm nicht als Kunst- , ler, sondern als Schöpfer einer Reihe von Charakteren ohne Gleichen zu Theil geworden. Seine Gestalten grenzen oft an die Caricatur und liegen schon zum Theil außerhalb der Kunst; aber es lebt in ihnen ein ganz bedeutendes Stück Kulturgeschichte, und dieses sichert ^ ihnen einen unvergänglichen Werth. Seine Kupferstiche werden von den bedeutendsten bis zum geringsten Blatte, je nach der Beschaffenheit der verschiedenen Abdrücke, zu hohen, oft Ungeheuern Preisen bezahlt. Die Kupferplatten kamen nach dem Tode seiner Frau im I. 1789 an seine Nichte Miß Lewis, die sie an Boydell (s. d.) verkaufte. Eine schöne ^ Ausgabe seiner Werke nach den von Heath retouchirten Originalplatten erschien unter der ! Leitung von Nichols (3 Bde., Lond. 1820—22, Fol.); andere erschienen zu Leipzig (1831 — 35; 3. Ausl., 1841 , Fol.) und in Stuttgart (1839 — 40). Unter den Erklärungen derselben sind zu erwähnen John Jreland's „tt. illustrntell" (3 Bde., Lond. 1791—98) und desselben „6rsz,I>ic illnstrations okU." (4 Bde., Lond. —99); John Trusler's „u. morsliserl" (Lond. 1768, 4.); Cook's „ü. restnreel veitll commentsries" (Lond. !8i>2, 4.; 2. Ausg. mit einer Olavis Hagsrtliirmii, 3 Bde., Lond. 1808, 4.); Clark's „IVackr ok8." (2 Bde., Lond. 1810); Nichols' „(üavis läogrnwlnsim" (Lond. 1817); Lichten- berg's „Erklärungen der H.'schen Kupferstiche mit verkleinerten Kopien derselben von Nie- penhausen" (13 Lieferungen, Gött. 1794—1831, Fol.); und ,,'1'ke >vnrks «k H., >vitln!e- scriptioos" (Lond. 1833 — 34, 4.). Von allen Erklärer« steht übrigens Lichtenberg »ach dem eigenen Geständnisse der Engländer am höchsten. Mögen ihm auch hier und da fernliegende, nur dem Zeit- und Heimatgenoffen verständliche Anspielungen entgangen sein, so hat er doch den menschlichen Inhalt so scharfsinnig, witzig und gemüthlich erläutert, wie kein Anderer und den Genuß der Bilder durch seine Zuthatcn verdoppelt. Hogendorp (Gijsbert Karl, Graf von), einer der ausgezeichnetsten nicderländ. Staatsmänner, geb. zu Rotterdam am 27. Oct. 1762, trat zeitig in preuß. Militairdienst und machte in demselben als Fähnrich den bair. Erbfolgekrieg mit. Nach dem Frieden kehrte er in sein Vaterland zurück, wo er 1782 in der Garde des Erbstatthalters angestellt wurde und später in Leyden die Rechte studirte. Aus Anhänglichkeit an das Haus Dramen verließ er den Militairdienst, als die Partei der Patrioten die Oberhand gewann. Nach der Wiederherstellung des Erbstatthalters wurde er zum Großpensionair von Rotterdam ernannt, legte aber diese Stelle nieder, als dieFranzosen 1795 Holland eroberten. Sein fehlgcschla- gener Plan im I. 1802, eine Kolonie für die Anhänger des Hauses Oranien auf dem siax der guten Hoffnung zu gründen, kostete ihm den größten Theil seines Vermögens; seitdem konnte er nur noch im Stillen für die Wiederherstellung dieses Hauses wirken. Als endlich 1813 die Waffen der Verbündeten siegreich vordrangen, vereinigte er im Haag die Anhänger des Prinzen von Oranien und trug wesentlich zur Befreiung Hollands vom franz. Joche bei. Bald darauf wurde er Präsident der Commission, welche mit der Entwerfung der neuen Verfaffungsurkunde beauftragt war, und übte in dieser Stellung vermöge seiner überwiegenden Einsichten einen solchen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Commission, daß man ihn als den Verfasser des nicderländ. Staatsgrundgesetzes betrachten kann. Nachher erhielt er das Departement der auswärtigen Angelegenheiten, wurde Vicepräsidenk des Staatsraths und 1815 in den Grasenstand erhoben, nahm jedoch schon 1816 wegen Kränklichkeit seine Entlassung aus dem Staatsdienste. Als Mitglied der zweiten Kammer der Generalstaaten, in die er 1815 gewählt worden war, gehörte er zu der Oppositionspartei, die sich für die Rechte des Volks und der Verfassung gegen die Maßregeln des Ministers Van Maanen erhob. Auf seinen Platz in der ersten Kammer verzichtete er als Hogg Hogland 237 wahrer Volksfreund und beredter Vertheidigcr der Handelsfreiheit darum, weil die Verhandlungen nicht öffentlich waren, was seiner Meinung nach das innerste Wesen einer Ncpräscntativverfassung verletzte. Er starb, nachdem er bis in die letzten Zeiten dem Vaterlande seine Einsichten und Kräfte gewidmet, im Haag am 5. Aug. l834. Unter seinen Schriften sind zu erwähnen „Über den Handel nach Indien" (2 Bde., 180 l); „Memoiren über den Handel nach Java" (180-1); „Betrachtungen über die politische Ökonomie des Königreichs der Niederlande" (9 Bde., Haag 1818—24), in holländ. Sprache; ferner „heitres s»r lu prosperite public;,m" (2 Bde., Anist. 1830) und Separation cle ü> Uollanile et 0e I» 6e>Aicpm" (Amst. >830). — Sein älterer Bruder, Dyrk von H., geb. im Haag, früher holländ. Gesandter in Petersburg und dann Gouverneur in Java, wegen seiner Bedrückungen aber von hier abberufen, wurde unter König Ludwig Bonaparte 1800 Kriegsminister, und nachdem er hierauf mehre Eesandtschastspostcn bekleidet, von Napoleon, dem er treu ergeben war, 1811 zum Divisionsgeneral und 1812 zu seinem Adjutanten ernannt. Nachher war er Gouverneur von Königsberg, Wilna und Hamburg, machte sich aber überall durch sein barsches Wesen und seine Härte verhaßt. Nach Napoleon's Falle kehrte er in seine Heimat zurück; doch kaum war dieser von Elba zurückgekchrt, als auch H. sich ihm wieder anschloß. Nach Napoleon's zweitem Sturze ging er 1816 nach Brasilien, wo er auf einem Landgute in der Nähe von Rio Janeiro ein einsiedlerisches Leben führte und starb. Hogg (James), genannt der Ettrickschäfer, geb. am 25. Jan. >772 im Dorfe Ettrick, im südlichen Schottland, als der Sohn eines verarmten Schafzüchters, hatte im siebenten Jahre kaum einigen Schulunterricht genossen, als er hinaus auf die Berge mußte, um Kühe, später Schafe zu hüten. Die Sagen und Lieder, welche in Schottland von Mund zu Mund gehen, nährten seine leicht erregte Phantasie. Ohne schreiben und lesen zu können, dichtete er, und als er jenes mühsam gelernt und angefangen hatte, seine Gedichte aufzuzcichnen, begegnete ihm Walter Scott, der im Grenzlande Balladen und Lieder für sein „Ninstrels) ok klm scnttis!» korüer" sammelte. Durch diesen aufgemuntert, nahm er seine Handschriften mit nach Edinburg, als er Schafe dorthin zu Markte trieb, und ließ auf eigene Kosten eine Zahl Balladen drucken („Rorcierer lmllacls", Edinb. 1805), verlor aber daran sein Geld. Scott tröstete ihn, und seine nächste Dichtung ,,'Ltm nmuu- tam barcl", sowie ein ,,Lss>t)' ou slmop" brachten ihm 300 Pf. St. Gewinn. Doch bei unklug übernommenen Pachtungen setzte er das Seinige bald zu, und da Niemand ihm wieder Schafe zu hüten geben wollte, ging er im Febr. 1810 nach Edinburg und begann eine Wochenschrift „Um sp>", die aber nur kurze Zeit bestand. Im 1.1813 erschien von ihm „Ilm (Hieen's nulle", I 8 l 4 ,,'Llle poetle mirror", 1815 ,,'I'be pilgrims oktim snn" und 1816 „lVluckor ok tiie moor", von denen die zuerst genannte Dichtung, eine Reihe in- halkreicher Balladen, den meisten Beifall gewann. Hierauf schrieb er in ungebundener Rede Wunderlegenden und Schilderungen des schot. Volkscharakters, die raschen Absatz fanden, namentlich „Um brocvnm okLoclslmcll" (1818); „Winter vvenlnAtsles" (1819); ,,H>e tiires perils ok man" (1822); „Ilm tllree perils vk woman" (1823) ; „ärmobite rellcs" (2 Bde., Lond. 1819—21) und andere, die er aus „RIallnooci's ma^arine" unter dem Titel „14m 8lmplmrcl's eslenclar" vereinigte (2 Bde., Lond. 1829). Ein früher begonnenes episches Gedicht „Hueou II)nes"mit beigefügter Autobiographie, seinem letzten Producte, hatte er in Folge deö Bankrotts seines Verlegers wenig Gewinn. Er starb zu Altrive Lake am 21. Nov. 1835. — Sein einziger Sohn, IamesH., erhielt 1844 eine Stelle bei der Bank in Bombay. Hogland, eine Insel im Finnischen Golf(s. d.), etwa l'/i M- lang, mit ungefähr 400 E. und zwei Leuchtthürmen, wurde durch das Seetrcffen vom 17. Juli 1788 --.2 -7 S38 Höhe Hohetk denkwürdig, in- welchem die Russen unter dem Admiral Grey über die Schweden unter dem Herzog Karl von Südermanland den Sieg davon trugen. Höhe heißt in der praktischen Geometrie die Erhebung eines Punkts über die Ho- rizontalebene. Unter der Höhe eines Bergs kann man allerdings den verticalen Ab- stand seines Gipfels von seinem Fuße verstehen; gewöhnlich aber, namentlich in der Geographie, versteht man darunter die Erhöhung desselben über die Meeresfläche. (S. Höhen Messungen.) In der Schiffahrtskunde gebraucht man Höhe statt Polhöhe. Wen» ein Schiff sich in der Nähe eines Orts, ungefähr unter gleicher Polhöhe, d. h. geographischer Brcite (s. d.) mit demselben, befindet, so sagt man, es sei auf der Höhe dieses Otts. Unter Höhe eines Gestirns versteht man den zwischen diesem Gestirn und dem Horizont enthaltenen Bogen eines Scheiteltreises oder auch den Winkel, welchen der aus dem Gestirne in das Auge des Beobachters gelangende Lichtstrahl mit dem Horizonte macht. Jedes Gestirn erreicht seine größte Höhe im Meridian. Hobe Geistlichkeit. Zu derselben gehören nach der hierarchischen Gliederung der katholischen Kirche der Papst mit seinen Cardinälen und Legaten, die Erzbischöfe und Primaten, und wo sie noch bestehen, die Eparchen und Patriarchen; ferner die Bischöfe mit ihren Gehülfen und Stellvertretern, den Domherren, und die Pröpste. Die engl. Hochkirche, welche von der hierarchischen Form Vieles beibehalten hat, rechnet die Erzbischöfe, Bischöfe und Archidiakonen zur hohen Geistlichkeit. In der evangelischen Kirche, welche für ihre geistlichen Mitglieder keine Stufenfolge innerer geistlicher, von der äußern Würde abhängiger Vollkommenheiten kennt, vielmehr alle Geistliche sowol an Berechtigungen als an Verpflichtungen vollständig gleich betrachtet, gibt es eigentlich gar keine hohe Geistlichkeit. In Schweden hat man jedoch eine Abstufung des Klerus in Bischöfe, welche, wie in der katholischen Kirche, die Ordination, Einweihung der Kirchen u. s. w. ausschließend verrichten, in Pröpste u. s. w., an deren Spitze ein Erzbischof steht, beibehalten, und wie hier die Erzbischöfe, Bischöfe und Pröpste, so werden anderwärts die Generalsuperintendenken, Superintendenten, Dekane, überhaupt Alle, die höhere geistliche Stellen bekleiden, jedoch ohne bestimmte Abgrenzung, unter der hohen Geistlichkeit verstanden. Hoheit bedeutet im engern Sinne hohen Rang und Würde in der bürgerlichen Gesellschaft; in einem noch engern die höchste Staatsgewalt, die Hoheitsrechtess. Regalien und Majestätsrechte), und hiervon endlich ist die engste Bedeutung abgeleitet, wonach es ein Titel oder Prädicat fürstlicher Personen ist, das aber zu verschiedenen Zeiten verschiedene Geltung gehabt hat. Als im Laufe des 17. Jahrh. alle gekrönten Häupter den 2M M ajestät (s. d.), die Kinder und nächsten Verwandten von Kaisern und Königen aber, sowie auch diejenigen Fürsten, welche Anspruch auf eine Krone machten, wie z.B. Savoyen auf Cypern, und Lothringen auf Jerusalem, das Prädicat (-'elsitnilo, d. i. königliche Hoheit, das früher nur den Königen zuständig war, annahmen, fiel der Titel 8erenita«(Xltosse Lörönissime) oder Durchl sucht (s. d.) der denselben im Range zunächst stehenden Classc zu, nämlich die nichtgekrönten Fürsten, von denen die Kurfürsten, zur Bezeichnung des Vorzugs, den sie unter ihres Gleichen behaupteten, den Beisatz electlirali.-, hinzufügten. Somit blieb das einfache Prädicat ^ltesse oder fürstliche Gnaden den Verwandten altfürstücher Regenten, den neuen Reichs- und landsässigen Fürsten überlassen. Da indessen mit Auflösung der deutschen Neichsverfassung und der damit zusammenhängenden Standeserhöhung vieler Fürstenhäuser neue Titulaturbestimmungen nothwendig wurden, so nahmen nicht allein die von neuen Königen abstammenden Prinzen und Prinzessinnen, sondern auch die Großherzoge und der Kurfürst von Hessen das Prädicat Königliche Hoheit (>ItLsso1b>- >»Ie) an, während den übrigen Prinzen und Prinzessinnen königlicher Häuser, sowie denen der großherzvglichen und kurfürstlichen Familien, der einfache Titel Hoheit, der aber in diesem Sinne durchaus nicht mehr dem mit dem franz. Ausdrucke ^.Itesse ehedem verknüpft gewesenen geringern Begriffe entsprach, überlassen blieb. Im I. 1824 haben zufolge Beschlusses vom 26. Apr. die regierenden Herzoge von Sachsen-Meiningcn-Hildburghau- sen, Sachsen-Altenburg und Sachsen-Koburg-Gotha sich dahin vereinigt, statt des ihm» vom wiener Congrcsse zugestandenen Prädicats Herzogliche Durchlaucht(Xltesso 8öre»is- siws) für sich und ihre jedesmaligen präsumtiven Regierungsnachfolger das Prädicat Ho- Hoheuegger Hohensriedberg 236 heit anzunehmen, und es sind ihnen hierin die Herzoge von Anhalt, Braunschweig und Nassau gefolgt; ebenso hat der Kurprinz-Mitregent in Hessen das Prädicat Königliche Hoheit, und der Erbgroßherzog und die Prinzen des großherzoglichcn Hauses das Prädicat Großherzogliche Hoheit angenommen. Hohenegger (Laurenz), einer der verdientesten Theologen Ungarns, geb. am 22. Oct. 1782 zuOdcnburg, trat aus dem dasigen Gymnasium >798 in das Seminar zu Raab, um Theologie zu studiren. Nach vollendetem theologischen Cursus studirte er auf der dasigen Akademie dieNechte. JmZ. 1804 wurde er zum Priester geweiht und I805Pro- feffor an dem bischöflichen Lnceum zu Naab. Um mehr praktisch wirken zu können, nahm er l8l5 die Pfarrstelle zu Kroisbach an, die er bis l827 bekleidete, wo er Domherr in Naab wurde. Hierauf übernahm er das Neckorat des Seminars zu Raab. Im I. > 837 ernannte ihn der König in Anerkenntniß seiner Verdienste zum Propst von St.-Adalbert. H. starb am 0. Juni >842. Von seinen Schriften erwähnen wir „Zeichen der Zeit, ein Beitrag zur Wiedervereinigung der getrennten christlichen Konfessionen" (Presb. und Ödenb. > 823); „Beleuchtung der Schrift G. v. Berzeviczy's über den Zustand der Evangelischen in Ungarn" (Gran 1823) und „Bemerkungen über dieSchriftFriedrich's,Briefe über die Lage der evangelischen Kirche in Ungarn" (Gran 1828). Hohenems, Marktflecken im bregenzer Kreise der Grafschaft Tirol, mit etwa 2200 E, war der Hauptort der ehemaligen reichsunmittelbaren Grafschaft gleiches Namens, hat außer einem Schlosse ein sehr besuchtes Schwefelbad, und treibt Handel mit eignen und schweizer Maaren. Hohenfriedberg, ein Städtchen im liegnitzer Regierungsbezirk der preuß. Provinz Schlesien, mit etwa 800 E., wurde im zweiten schles. Kriege„durck die Schlacht denkwürdig, welche Friedrich der Große am 4. Juni 1745 über die Östreicher und Sachsen unter dem Herzog Karl von Lothringen und dem Herzog Johann Adolf von Sachsen-Weißen- fcls gewann, und welche oft auch die Schlacht bei Striegau genannt wird. Friedrich's des Großen Lage vor der Schlacht war eine sehr schwierige. Die Niederlage der Baiern bei Pfaffenhofen hatte die Aussöhnung des jungen Kurfürsten von Baiern, Maximilian Joseph, mit der Kaiserin Maria Theresia im Frieden zu Füssen zur Folge gehabt. Diese hatte sich neuerdings mit England, Sachsen und Holland verbunden und ein Manifest erlassen, welches Schlesien für eine östr. Provinz erklärte, weil der König von Preußen den bres- lauer Frieden verletzt habe. Die Östreicher waren in Schlesien eingefallen, Bucco hatte der Festung Kofel durch Verrath sich bemächtigt und der Prinz von Lothringen und der Herzog von Weißenfels rückten nach ihrer Vereinigung bei Königsgrätz, 70—80000 M. stark, bis Bolkenhain vor. Gleichzeitig brach auch Friedrich mit 70000 M. aus seinem Lager bei Frankenstein auf und ging dem Feinde bis Jauernick entgegen, wo er den General Dumou- lin mit der Avantgarde vorschob. Um diesen, dem er weit überlegen war, anzugreifen, kam der Prinz Karl von dem Gebirge herab und nahm eine Position am striegauer Wasser; ' aber auch Friedrich eilte durch einen schnellen Marsch in der Nacht vom 3. — 4. Juni bis Striegau heran. Am 4. Juni früh um 4 Uhr begann die Schlacht damit, daß auf dem linken Flügel der Ostreicher die Sachsen einen heftigen Angriff auf Striegau machten; aber sie wurden geworfen und, obgleich sie der Herzog von Weißenfels auf denHähen hinter Pilgramshain wieder sammelte, wichen sie, von Dumoulin mit dem preuß. rechten Flügel angegriffen, zugleich mit dem linken östr. abermals zurück, während es erst nach sechs Angriffen der preuß. Reiterei gelang, die östr., auf dem rechten Flügel, bis H. zurückzuschlagen, wodurch auch die Infanterie des rechten Flügels genöthigt wurde, vor dem Angriffe der preuß. Infanterie unter dem Prin;en von Preußen zurückzuweichen. Diese rückgängige Bewegung beider Flügel trennte die Milte der Östreicher, und bald wurde die Unordnung allgemein. Schon früh um io Uhr war der Sieg erfochten, der den Verbündeten einen Verlust von vier Generalen, 200 Offizieren und 4000 M. an Tobten und Verwundeten, von 7000 M. Gefangenen, 60 Kanonen und 83 Fahnen und Standarten brachte. Die Preußen hatten nur 3»oo M. eingebüßt. Ausgezeichnet in der Kriegsgeschichte steht in dieser Schlacht die Tapferkeit des preuß. Dragoner-Regiments Baireuth (jetzt Konigin-Kü- 240 Hohengeroldseck Hohenlinden kassiere) da, welches 20 feindliche östr. Bataillons sprengte, 2500 Gefangene machte und ! nebst mehren Kanonen 60 Fahnen eroberte. . Hohengeroldseck, s. Geroldscck. Hohenheim oder Großhohenheim, eine Stunde von Stuttgart, wurde vom Herzog Karl von Würtemberg, als er um 1776 aus England zurückkehrte, zu einer land- wirthschaftlichen Niederlassung auscrsehen, an die sich nach und nach eine Menge der Herr- ' lichsten Gärten und Bauwerke anscbloß, bis das neue Schloß, das durch seine hohe Lage und Fa;ade von weitem imponirt, 1796 das Ganze vollendete. Die Gartenanlagen sind aber jetzt verschwunden, und nur die Obstgärten und Pflanzungen exotischer Bäume wer- ^ den noch erhalten. Dagegen ist H. seit 1821 von dem Könige Wilhelm zu einer Landwirth- schaft- und Forstlehranstalt erhoben worden, die in eine höhere Lehranstalt, eine Ackerbau- ^ schule und eine Gärtnereilehranstalt zerfällt. Die Hülfsmittel zum Unterricht bestehen in dem mit der Anstalt verbundenen Wirthschastsbetriebe, dem 2000 Morgen Ackerland und 5000 Morgen Forsten umfassenden Gute, einem botanischen Garten, einer Ackergeräthe- fabrik, einer Sammlung von Werkzeugen, Modellen und Naturalien, einer Bibliothek, Apparaten für den mathematischen und physikalischen Unterricht, einem chemischen Laboratorium, einer Seidenbauanstalt, einer Rübenzucker- und Stärkefabrik und andern technischen Anstalten. Die Unterrichtsgcgenstände der höhern Lehranstalt, an der außer dem Director elf Lehrer angestellt sind, erstrecken sich auf Landwirthschaftslehre, Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Mineralogie, Zoologie, Forstwissenschaft, Thicrarzneikunde und technische Gewerbslchre. — Eine halbe Stunde von H. liegt Kleinhohenheim, eine königliche Schweizerei und ein Fohlenhof für die königlichen Stutereien- Hohenheim (Franziska Theresia, Neichsgräfin von), die Gemahlin des Herzogs Karl Eugen (s. d.) von Würtemberg, war geboren am > 0 . Jan. 1738 zu Adelmannsfel- den in der ehemals schwäb. Herrschaft gleiches Namens unweit Ellwangen, von welcher ein Thcil ihrem Vater, dem Freiherrn von Bernardin, gehörte. In ländlicher Abgeschiedenheit erzogen, anspruchslos und ohne glänzende äußere Vorzüge, mußte sie sich dem älterli- chen Willen unterwerfen und ihre Hand dem Freiherrn von Leutrum, einem Offizier, rei- ! chen, dessen treue Lebensgefährtin sie eine geraume Zeit lang blieb. Ihre stillen, bescheidenen Tugenden lenkten ihr die Aufmerksamkeit und sehr bald auch die Zuneigung des Herzogs Karl Eugen zu, der, von der leidenschaftlichsten Liebe gegen sie entbrannt, sic entführte, sie zur Reichsgräfin von H. erhob und 1776 in morganatischer Ehe sich mit ihr vermählte. Als Gemahlin des Herzogs vom Kaiser und Reich anerkannt, übte sie fortwährend dev wohlthätigstcn Einfluß auf die Regierung ihres Gatten, wodurch sie sich ein dankbares Andenken in Würtemberg begründete. Nach des Herzogs Tode imJ. 1793 zog sie sich auf ihren Witwensitz zu Kirchheim unter Teckzurück, wo sie 1811 starb. Höhenkreis, auch Scheitel- oder Verticalkrcis, nennt man in der Astronomie jeden Kreis, der durch den Zenith (s. d.) und Nadir (s. d.) geht und dessen Ebem daher zugleich senkrecht auf der Ebene des Horizonts steht; dann auch das Instrument, dessen man sich bedient, um die Höhen der Gestirne zu messen. Hohenlinden, ein Dorf im bair. Kreise Oberbaiern, mit 250 E-, acht Stunden von München, ist wegen des am 3. Dec. 1800 von Moreau über den Erzherzog Johann errungenen Siegs merkwürdig. Nach dem Ablauf des Waffenstillstandes zu Parsdorf, am 13. Nov., hatten die Armee Moreau's auf der Hochebene zwischen der Isar und dem Znn- und das östr. Heer unter dem Erzherzog Johann am rechten Jnnufer Stellung genommen. Der Plan des Erzherzogs war, die feindliche Armee, die er im Rückzug begriffen glaubte, mit seinem Centrum in der Fronte anzugreifen, während Klenau den Franzosen den Rückzug nach München, Hillcr den auf Augsburg abschneiden sollten. Moreau machte auch m der That eine rückgängige Bewegung und zog sein Heer, in die selbstgewählte Stellung auf dem Plateau von H. zurück, wo er das Anrücken der Östreicher erwartete, welche die von Stellung zu Stellung weichende franz. Arrieregarde vor sich Hertrieben. Am 3. Dec. setzte die östr. Armee ihren Marsch in drei Colonnen fort, die Mittelcolonne, aus dem Haupr- corps der Ostreicher und den Baiern bestehend, rückte auf der großen, zum Theil in waldi- gen De'file'en sich hinziehenden Hauptstraße unter Schneegestöber und auf grundlosen We» Hohenlohe 241 gen gegen H. vor, griff die Corps der Generale Gre'nier und Grouchy mit Heftigkeit an und suchte deren Stellung zu umgehen. Aber durch nachdrückliche Verstärkung, welche diese Corps zu rechter Zeit empfingen, in das De'file'e der Hauptstraße zurückgeworfen, in- einander verwickelt und von dem zu diesem Zwecke entsendeten General Richepanse zu. gleich im Rücken angegriffen, fing diese Colonnc an zu wanken und bei einem neuen gleichzeitigen Frontangriff durch Ney sich ringsher aufzulösen und einzeln durch den Wald die Flucht zu ergreifen. Hiermit übereinstimmende planmäßige Flankenmanoeuvres entschieden den Sieg auch auf den übrigen Punkten für die Franzosen. Nur die schlechte Beschaf- fenheit des Wetters und der Wege und die langen Winternächte..hinderten dieselben an einer kräftigen Verfolgung der Besiegten. Dennoch verloren die Östreicher 800» M. an Todten und Schwerverwundeten, I l000 Gefangene, worunter l80 Offiziere, und 100 Geschütze. Den Franzosen kostete die Schlacht 5000 M. an Todten und Verwundeten. Übrigens wurden in Folge dieser Schlacht die Unterhandlungen zwischen den kriegführenden Mächten wieder angeknüpft, die bald darauf den Frieden von Luneville herbeiführten. Hohenlohe, früher eine Grafschaft und später ein Fürstenthum im fränkischen Kreise, welches aber l 806 durch die Nheinbundsacte mediatifirt und größtentheils unter Wärtern- berg., zum Theil aber unter bair. Hoheit gestellt wurde, zählt auf 52 OM. 108000 E. Über die Herkunft des alten Herrengeschlechts, welches seit dem >2. Jahrh. sich nach der Burg Holloch, bei Uffenheim in Franken, nannte, sind die verschiedenartigsten, zum Theil sehr abenteuerlichen Hypothesen aufgestellt worden; sicher ist, daß es frühzeitig in den fränkischen Kocher-, Jaxt-, Tauber - und Gollachgau begütert war; auch läßt sich mit Be- stimmtheit annehmen, daß es von Gaugrafen herstamme, obschon eS erst später den gräflichen Titel zu führen anfing. Seine Geschichte hellt sich erst mit demGrafen Gottfried auf, dem Vertrauten Kaiser Heinrich's VI. DieSöhne desselben stifteten die LinienH.-Braun- e ck, die aber schon im vierten Gliede erlosch, und H. - Holloch. Diese letztere, welche sehr fruchtbar war, und aus der mehre Söhne in den geistlichen Stand, namentlich in den Deutschen Orden traten, der ihnen, außer vielen andern Schenkungen, auch Mergentheim (s. d.) verdankt, spaltete sich im I. 1340 mit den Söhnen Kraft's H. in die Linien, H.-Hohenlohe und H.-Speckfeld, von denen die erstere 1412 erlosch, und, wie eS in dieser Familie wiederholt der Fall gewesen war, die Allodialgüter durch Erbtöchter dem Hause entfremdete. Erst Georg, von der allein noch übrigen Linie H.-Speckfeld, der Stammvater sämmtlicher noch blühenden hohenlohischen Linien, gab zurVerhütung solcher Fälle im I. 1510 ein Familiengesetz. Die Söhne Georg's stifteten 1551 die im 1.1767 in den Reichsfürstenstand erhobenen gegenwärtigen beiden Hauptlinien H.-Neuenstein und H.-Waldenburg. Erstere, welche sich zur protestantischen Kirche bekennt, theilte sich wieder in die Speciallinien H.-Neuenstein-Öhringen und H.-Neuenstein- Lang e nb u r g, von denen jene sich in die Äste H.-Weickersheim, der mit dem Stifter N5Sschon wieder einging, und H.-Öhringen spaltete, der 1805 erlosch, worauf die Besitzungen von H.-Öhringen auf die Speciallinie H.-Neuenstein-Langenburg übergingen, die außerdem dem Stammfürstenthume auch die obere Grafschaft Gleichen unter sachfen- koburg-gothaischer Hoheit besitzt und noch gegenwärtig in drei Ästen blüht: 1)H.-Langen- burg, mit einem Gebiete von etwa OM. und 17500 E., repräsentirt durch Fürst Ernst, geb. 1704, würtcmberg.Standesherrn und Präsidenten der erstenKammer; 2)H.» Langenburg-Öhringen (sonstH.-Zngelfingen), mit einem beträchtlichen Antheil an dem Stammfürstenthume, von 6 OM. mit 25000 E. und an der Grafschaft Gleichen, und außerdem in Besitz großer Majoratsgüter in Schlesien, repräsentirt durch den Standesherrn, den Fürsten A ugust, geb. 1784, der 1806 seinem Vater, dem Fürsten Friedrich Ludwig vonHohenlohe -Zngelfingen (s. d.) durch Session folgte, und dessen erstgeborener Sohn, der Erbprinz Friedrich, 1842 zu Gunsten seines jüngern Bruders Hugo auf die Erbfolge verzichtete und sich 1844 nicht ebenbürtig verheirathete; 3)H.-8angen- burg-Kirchberg, mit einem Areal von ungefähr4 OM. und 16500 E., repräsentirt durch den kinderlosen Standesherrn, Fürsten Karl, geb. 1780. Die zweite Hauptlinie, H--Waldenburg, welche sich zur katholischen Kirche bekennt, und in der 1754derPhö- L-nv.-kex. Neunte Aufl. VII. ^ XL-'^ 7-i 242 Hohenlohe-Ingelfiugen Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein nixorden gestiftet wurde, der noch gegenwärtig an Familienglicder vergeben wird, theilt sich in zwei Zweige: 1) H.-Waldenburg.Bartenstein, mit einem Gebiete von 12^ OM. mit 35000 E., repräsenkirt durch den Standesherrn Fürsten Ludwig, geb. >8V2, den bisherigen Standesherrn der Nebenlinie H.-Bartenstein-Jaxtberg, die durch das kinderlose Ableben des Fürsten Karl August Theodor, gest. am 12. Aug. > 8 - 11 , in den Besitz des ganzen Fürstenthums gelangte; 2) H.-Waldenburg-SchillingS- fü rst, mit einem Areal von 5 OM. und 18000 E., theils unter würkcmberg. Hoheit und im Besitz des Standesherrn, Fürsten Friedrich, geb. 1814, der durch Cession seinem Beter Karl Albrecht, gest. 1843, 1839 folgte, theils unter bair. Hoheit und im Besitze des Fürsten Philipp Ernst von H.-Schillingsfürst, geb. >820, dessen Bruder Victor, geb. 1818, und Ludwig, geb. 1819, von dem letzten Landgrafen Victor Amadeus von Hessen-Rheinfels-Rotenburg im Z. >834 das Herzogthum Natibor, das Fürstenthum Korvei, die Herrschaft Treffurt u. s. w. ererbten, worauf jener vom' Könige von Preußen 1840 zum Herzog, dieser zum Prinzen von Ratibor uird Korvei ernannt wurde. Hohenlohe-Ingelfingen (Friedr. Ludw., Fürst von), preuß. Befehlshaber m Feldzuge >806, geb. 1746, nahm frühzeitig als Erbprinz preuß. Dienste und wurde 1788 Oberst. Im Kriege gegen die Franzosen befehligte er >792 und 1793 eine Division, nn! der er in den Treffen bei Oppenheim, Pirmasens, Hornbach und bei der Wegnahme du Wcißenburger Linien großen Ruhm davontrug. Im I. 1794 errang er einen glänzende» Sieg bei Kaiserslautern, wurde 1796 zum Generallieutenant befördert und erhielt de» Oberbefehl des Neutralitätscordons an der Ems. In demselben Jahre folgte er seinem verstorbenen Vater als Fürst von H.-Jngelsingen in der Regierung. Im I. >804 wurde er Statthalter der frank. Fürstenthümer und dann Kommandant von Breslau. Durch das Aussterben der Linie Hohenlohe-Langenburg-Öhringen mit seinem Vetter, dem Fürsten Ludwig Friedrich Karl im I. 1807 ererbte er deren Besitzungen. Bei dem Verrücken der Preußen gegen Franken im I. 1805 befehligte er ein Corps zwischen der Saale und dem Thüringerwalde, und im Kriege von 1806 führte er das Heer, dessen Vorhut unter dm Prinzen Ludwig von Preußen bei Saalfeld am io. Oct. eine Niederlage erlitt. Nach des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschwcig tödtlicher Verwundung in der unglücklichen Schlacht bei Jena erhielt er den Oberbefehl und führte die Trümmer des preuß. Heers, die unter ihm bei Magdeburg sich gesammelt hatten, der Oder zu. Mit dem Gem- rallieutcnant Blücher hatte der Fürst verabredet, daß dieser nur höchstens einen kleinen Tagemarsch von ihm entfernt bleiben sollte. Allein aus dem Feldzuge von 1794 her, M sich der Fürst an den genialen Unternehmungen und Gefechten Blücher's einen größer» Antheil beigemessen hatte, als ihm nach Blücher's Ansicht gebührte, war zwischen beiden eine Spannung und Kälte eingetreten, die jetzt leicht gefährlich werden konnte. Noch am 16. Oct. schrieb Blücher dem Fürsten, daß sein Corps doch lieber exponirt,als durch formte Märsche und damit verbundenem Mangel an Kräften und Lebensunterhalt in einen Zustand gebracht werden möge, wo cS gar nicht mehr fechten könne. Von einem überlegenen Feinde bei Prenzlau, 7 M. von Stettin, hart bedrängt, capitulirte der Fürst am 28. Oct. 1806 mit seinem allerdings noch 17000 M. starken, aber durch Märsche und Mangel abgematteten Heere, da Blücher's Reiterei nicht erschien und er sich verloren glaubte. Zwar versuchte er diesen Schritt, der ihm sehr übel ausgelcgt wurde, beim Könige von Preußen zu rechtfertigen, indem er namentlich durch die Berichte Massenbach's, des Generalquartiermeisters seines Corps, irre geleitet zu sein vorgab. Da ihm aber solches nicht vollkommen zu gelingen schien, nahm er seine Entlassung aus dem preuß. Dienste und zog sich, d- er schon im Aug. 1806 die Regierung seines Fürstenthums seinem Sohne August übergeben hatte, aufseine Güter nach Schlesien zurück; doch mußte er später seinen Aufenthalt in Frankreich nehmen. Im I, 1813 kehrte er nach Deutschland zurück, ohne indeß im Freiheitskriege in Aktivität zu kommen, und lebte hierauf wieder auf seinem Gute Schlawcnjiz in Schlesien, wo er am >5. Febr. 1818 starb. Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein(Ludw. Aloysius, Fürst von), nachmaliger Marschall und Pair von Frankreich, geb. am 18. Aug. 1765, war Napoleon so abgeneigt, daß er, obschon chm dieser die Ssuverainetät anbot, wenn er dem Rheinbunde beitrete, die« Hvhenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (Prinz von) 2-13 sen Antrag entschieden ablchnte und, als hierauf die Mediatisirung des Landes erfolgte, im Nov. 180 «; die Regierung niederlegte und sie seinem Sohne, Karl August Theodor, der am 12. Aug. 18-14 starb und mit dem der Ast H.-Waldenburg-Bartenstein erlosch, übertrug Nach Napoleon'« Fall trat der Fürst 181 -t in franz. Kriegsdienste, wurde Generallieutenant und Commandeur eines von ihm geworbenen und nach ihm benannten Regiments Mit demselben wohnte er 1823 dem Feldzuge gegen Svanien bei und wurde hierauf zum Marschall und Pair erhoben. Er starb am 31. Mai 1820. Wegen des guten Benehmens bei der Julirevolution wurde sein Regiment, welches meist aus Deutschen bestand und damals in Marseille lag, nationalisirt. Hohenlohe-Zöaldenburg-Schillingsfürst (Alex. Lcop. Franz Emmerich, Prinz von), Bischof, Eroßpropst zu Großwardein in Ungarn und Abt des heil. Erzengels Michael zuGaborjan, geb. am 17. Aug. >704 zu Kupferzell bei Waldenburg, war das >8. Kind aus der Ehe des Erbprinzen Karl Albrecht und der Tochter eines Ungar. Edelmanns, Judith Freiin von Neviczky. Seinen Vater, der wegen Gemüthskrankhcit nicht zur Regierung gelangte, verlor er schon als einjähriges Kind. Durch die Mutter bei der Geburt der Kirche geweiht, erhielt er zunächst den Exjcsuiten Niel zum Lehrer und kam dann 1804 in das Theresianum nach Wien, 1808 auf die Akademie zu Bern, 1810 in das erzbischöfliche Seminar zu Wien, hierauf in das Seminar nach Tyrnau und 1814 nach Ellwangen, wo er seine theologischen Studien beendete. Nachdem er bereits ein Jahr zuerst Kanonikus in Olmütz geworden, erhielt er im Jan. 1815 die Weihe des Subdiakonats und bald darauf die Priesterweihe. Im I. 1 8«6 reiste er nach Rom, wo er besonders mit den Jesuiten verkehrte und Mitglied der Herz-Jesu-Sodalität zum Herl. Paul wurde, dann ging er 1817 nach Baiern. Sowol in München, wo er als Priester fungirte, als in Bamberg, wo er supernumerar-geistlicher Rath bei dem Generalvicariat geworden war, beschuldigte man ihn des Jesuitismus und Obscurantismus; das Volk jedoch pries ihn als frommen Mann und als guten Prediger. Jm J. 1810 verwickelte er sich in die Bekehrungsversuche bei dem todkkranken Fr. Gottlob Wetzel (s. d.), und 1820 wurde er durch den Bauer Mart. Michel, der zu Unterwittighausen, einem bad. Orte an der bair.-fränk. Grenze, durch Gebete Wundercuren unternahm, veranlaßt, auch als Wunderthäter aufzutreten, und bald strömten ihm Massen Hilfsbedürftiger zu. Er versuchte seine Wundercuren in den Hospitälern zu Würzburg und Bamberg, auch im Bad zu Brückenau, wohin man ihn cingela- den hatte; als aber auf Anordnung des frcimüthigen Bürgermeisters von H o rn th a l(s.d.) zu Bamberg die Sanitätspolicei sich einmischte, ging er, um deren Überwachung sich zu entziehen, nach Wien und dann nach Ungarn. Von seinen Euren, als der Folge seiner Gebete, hatte er > 821 auch dem päpstlichen Stuhle berichtet, dieser war aber vorsichtig genug, darin keine Wunder zum Beweis für die Kirche zu finden, wie H. sie dargestellt wissen wollte. Von Ungarn aus ertheilte er Scheine an Kranke, die sich an ihn gewendet hatten, selbst in die entferntesten Gegenden, worin er ihnen zu ihrer Genesung anrieth, zu einer bestimmten Stunde, wo er Messe lesen oder beten werde, sich mit ihm im Gebete zu Gott zu vereinigen. Von mehren Seilen her wurde zwar über die Wunderthätigkeit der von Kranken gleichzeitig mit H. unternommenen Gebete berichtet; doch alle diese Berichte hatten nicht den Grad von Glaubwürdigkeit, welcher bei einer solchen Sache nothwendig gefodert werden muß, und am wenigsten aber bewiesen sie Das, was er durch seine angeblichen Euren beweisen wollte, nämlich seine Wunderkraft. Über sein Glaubensbekenntniß erklärte sich Hunter dem 22. Aug. 1820 öffentlich in einem Schreiben. In Ungarn wurde er als Domherr in das Capitel zu Großwardein ausgenommen, in welchem er 1820 zum Großpropst aufrückte, und 1844 zum Titularbischof ernannt. Von seinen sehr zahlreichen Schriften erwähnen wir „Der im Geiste der katholischen Kirche betende Christ" (Bamb. 18>0; 3-Aufl., Lpz. >824); die Rede „Was ist der Zeitgeist?" (Bamb. 1821 ), die an die Kaiser Franz und Alexander gerichtet war und woran nur der echt-röm Cbrist als treuer Unkerlhon bargesiellt wurde; „Gesammelte Reden vermischten Inhalts" (Wien >83«!); „Die Wanderschaft einer Gott suchenden Seele allhier im Thränenthale oder der Palast der Wissenschaft des Heils" (Wien 1830); „Lichtblicke und Ergebnisse aus der Welt und 16* 244 Höhenmeffungen Höhenrauch ' dem Priesterleben" (Rcgensb. 1836) und „Predigten aufdas ganze Kirchenjahr" (4 Bde, l de, Regensb. 1839—4V). ... , . ra> Höhenmessungen. Die Kenntniß der Höhenverhältnisse des Erdbodens ist »ich! nur ein wichtiger Theil der physischen Geographie, sondern hat auch praktischen Nutzen, da nach den Höhen sich das Klima einer Gegend bestimmen läßt und Kenntniß der Höhen bri ^ dem Straßen- und Wasserbau durchaus nothwendig ist. Es war daher überaus wichtig, - sch eine Methode zu bestimmen, um mittels der Kenntniß der Atmosphäre und des Gebrauchs vo> der Instrumente, vorzüglich des Barometers und Thermometers, jede Höhe schnell und i dm richtig zu messen. Sobald man wußte, daß der die Erdkugel umgebenden Lufthülle Schwer- ! we kraft und Elasticität eigen war, deren Wirkung man an dem Barometer wahrgenommn , nie hatte, so erkannte man auch sehr bald, daß diese Wirkung beim Aufsteiger, in der Atme- an sphäre sich modificiren und einem gewissen Gesetze unterworfen sein müsse. Man sucht, dieses Gesetz durch Erfahrung ausfindig zu machen, indem man das Barometer auf de- sia kannte Höhen trug, solches nebst den Thermometern daselbst beobachtete und daraus R,- M geln ableitete, um die Höhe eines Orts über der Meeresfläche zu finden. Die Lehre um t>r, Höhenmessen mit dem Barometer (s. d.) verdankt ihren Ursprung und ihre Ausbildung ka, fran; Gelehrten. Pas cal (s. d.), oder vielmehr Perricr, der auf jenes Veranlassung de»! uni Versuch anstellte, war der Erste, welcher am 19. Sept. 1648 auf dem Puy-de-Döme b,i urs Clermont die Erfahrung machte, welche jener schon geahnct hatte, daß das Quecksilber ini prc Barometer sinke, wenn man das letztere aus einen Berg bringt, und Mariotte und Halle» gaben Regeln an, um Berghöhen aus Barometerbeobachtungen zu berechnen. Allein er- ein durch D eluc (s. d.), seit der Mitte des 18. Iahrh., haben die barometrischen Messung,» uni einige Genauigkeit erlangt, da derselbe die durch die Wärme auf die Luft und das Queck- dm silber hervorgebrachten Wirkungen von denjenigen unterschied, welche von ihrer Schwer, ^ abhingen. Nach ihm beschäftigte sich im Anfänge des 19. Zahrh. besonders Ramond ick s für diesem Gegenstände. Seit Deluc's Entdeckung war die von Laplace (s. d.) vorgeschlagem . dis Formel die genaueste, allein der von ihm angenommene Coefficicnt, um das Verhältnis ' stsi der Gewichte der Lust und des Quecksilbers darzustellen, war zu klein; durch Ramend spa wurde er verbessert oder vielmehr ein neuer bestimmt. Große Erleichterung bei Berechnung uia der Höhen nach Baromcterbeobachtungen gewähren die auf Laplace's Formel gegründete» der „lables b^psvw^triyues" (Par. 1809; deutsch in der dritten Auflage von LehmaiinS ub, Werke „Vom topographischen Zeichnen und Aufnehmen", Dresd. 1820), sowieWol'S der „l'slrles baromötriciues" (Par. 1811). Die bequemsten Tafeln, welche noch dazu eine» sehr geringen Raum einnehmcn, sind jedoch die von Gauß (s. d.) berechneten, die in de» meisten neuern Sammlungen von physikalischen Tabellen, auch in vielen Logarithmentafeln sich finden. Auch das Thermometewallein kann zur Bestimmung der Höhen gebraucht Ssl werden. In größern Höhen, wo der Luftdruck geringer ist, siedet nämlich das Wasser bei geringerer Wärme als in kleinern Höhen, und man kann aus der zum Sieden des Wassert erfoderlichen, mit dem Thermometer beobachteten Wärme einen Schluß auf den Luftdruck B oder Barometerstand, mithin auch auf die Höhe machen. Wollastin hat zuerst den Wer- M schlag gemacht und begründet, das Thermometer als Werkzeug zur Höhenmessung anzu- seu wenden. Jedenfalls steht aber die thermometrischeHöhenmessung, die auch fast gar nicht zur ^ praktischen Anwendung kam, der barometrischen in Hinsicht aufGenauigkeit bedeutend nach. Höhenrauch oder Haiderauch ist eine Art Nebel, die meist an den Gipfeln der der Berge zuerst wahrgenommen wird. Er gleicht in Farbe ganz der Luft während des Moor- °er brandes in den Gegenden, wo Moore zu landwirthschaftlichen Zwecken gebraucht werden. Die Entstehung desselben ist zur Zeit noch nicht erklärt; doch scheint er mit Naturereignissen, ker wie heftigen Erderschütterungen, vulcanischen Ausbrüchen u. s. w., in enger Verbindung »i zu stehen. So verbreitete er sich in dem heißen und trockenen Sommer des I. N83, in "u> welchem ein Erdbeben Calabrien und einen Theil Siciliens mit Messina verheerte, auch °u, der Hekla sehr arg wüthete, über die Atmosphäre von fast ganz Europa und hielt sehr lange an. Auch in den I. 1804 und 1819, wo ebenfalls Erderschütterungen stattfanden, wurde °"e er bemerkt. Übrigens kann man mit ziemlicher Gewißheit annehmcn, daß er auch durch ^ das in vielen Gegenden Deutschlands übliche Moor - und Rasmbrennen veranlaßt wird! ^ Ke, »ich! ' i, di »bei ! ht'g, uchs und M- men kmo> i echt, ' s de> Re- VM Mg . >dk» > ebii rm alle« lttil »gl» ueck- wen I!lit ^ gM! . ltnir ^ >o»d lUIIg tttr» im'S iot7 inl» di» ntä- M »bei ffer» ruck öm> nzu- !!lch. der oor< den. se», ung in mch nge - irdi mH ird; Hohenschwangau Hohenstaufen 245 denn je näher man den Moorgegenden kommt, desto häufiger und dichter ist der Höhenrauch, wie z. B. in Ostfriesland. Hohenschwangau, einst Sitz der danach benannten Edlen von Schwangau, welche anfangs wölfische Ministerialen, dann aber, seit die Hohenstaufen die dortigen welsischcn Güter in Besitz genommen hatten, Reichsministerialen waren und ihre bedeutende Herrschaft, die, bevor im I. 1-181 die tirolischen Güter davon verkauft wurden, 4 OM. faßte, vom Reiche zu Lehn trugen. Bei ihrem Absterben in der Mitte des 16. Jahrh. wurde durch Kaiser Karl V. Johann von Paumgarten mit H. bestehen, dessen Söhne cs jedoch wegen übermäßigen Aufwandes und ihrer Verwickelung in die grumbachischen Händel nicht behaupten konnten, sondern >567 an das bair. Haus veräußern mußten. Von nun an erhielten gewöhnlich nachgeborene Prinzen die Herrschaft H. zur Nutznießung, bis sie 1715 in ein Pflegeamt verwandelt wurde, welches auf dem fortwährend im baulichen Zustande erhaltenen Schlosse seinen Sitz hatte. Nachdem aber dieses Amt 1804 dem Landgericht Schongau einverleibt worden war, verödeten die Gebäude, die, nachdem sie im tiroler Kriege zur Ruine geworden, > 820 von einem Bauer um 200 Fl. zum Abbruch gekauft, jedoch noch zu rechter Zeit durch den Fürsten Öttingen-Wallerstein davor gewahrt und 1832 von dem Könige Ludwig von Baiern erworben wurden, der die Burg in ihrem ursprünglichen Stile wiederherstellen ließ, die er nun zu seinem Lieblingssitze erkor. In prachtvollen Umgebungen krönt sie auf der Felsengrenze zwischen Tirol, Baiern und Schwaben den Marmorberg, dessen Fuß von dem Schwanensee und dem Alpsee bespült wird und einerseits von riesigen Schneegipfeln umgeben, andererseits über liebliche Auen, Thäler und Hügel hinschauend, übt sie durch ihre Lage einen nicht minder zauberischen Reiz, als durch die Erinnerungen, die sich an das alte Gemäuer knüpfen. Hier sagte Konradin beim Antritt seines verhängnißvollen Zugs nach Italien seiner Mutter das letzte Lebewohl; hier fand Luther, als er 1518 aus Augsburg entweichen mußte, eine Zuflucht. Im Schmalkal- dischen Kriege setzte sich Schärtlin von Burtenbach und nach ihm Moritz von Sachsen hier fest; im Dreißigjährigen Kriege wurde das Schloß von den Spaniern und Schweden, im span, und östr. Erbfolgekriege von den Östreichern hart mitgenommen. Alles dieses und manche andere Episoden aus der Geschichte der Burg und ihrer Besitzer ließ der König in den prachtvollen Hallen von Meistern, wie Lindenschmitt und Quaglio, abbilden; besonders aber zeichnen sich die Reminiscenzen aus der sagenhaften Ritterzeit aus, die Waffenhalle, der Saal mit den Abbildungen aus der Sage vom Schwanenritter und der, worin die verschiedenen Lebensperioden des Ritters abgebildet sind. Vgl. Hormayr, „Die goldene Chronik von H." (Münch. 1842, 4.). Hohenstaufen, ein deutsches Fürstengeschlecht, das auf den deutschen Kaiserthron gelangte, den es von 1>38—1254 besaß, und das 1269 mit Konradin in männlicher Linie erlosch. Der erste beglaubigte Ahnherr desselben ist Fried rich von Büren, sogenannt von dem nordwestlich in der Nähe des Hohenstaufen im Königreich Württemberg zwischen GmürH und Göppingen gelegenen Dorfe Büren oder Beuren. Er lebte um die Mitte des I I. Jahrh., zog aus dem beschränkten Thale hinauf auf den Staufen, der ru seinen Besitzungen gehörte, und nahm von dem Berge und der Burg den Namen Hohenstaufen an. Ein Sohn dieses Friedrich von Büren und der Hildegard, aus einem fräuk. Rassischen Eeschlechte, war Ritter Friedrich von Staufen, Herr zu Hohenstaufen, der in allen Nöthen Kaiser Heinrich's IV. standhafter Vertheidiger war und namentlich in der Schlacht bei Merseburg im J. 1080 unter den Augen desselben durch so mannhafte Tapferkeit sich auszeichnete, daß dieser ihm das Herzogthum Schwaben verlieh, seine Tochter Agnes zur Gemahlin gab, ja sogar >081 die Verwaltung Deutschlands überließ, als er zur Bekämpfung des Papstes über die Alpen zog. Durch diese Bevorzugungen wurde nun zwar der Grund zur Größe des Hauses der H. für die Zukunft gelegt, zugleich aber auch die Veranlassung zu dem langjährigen, verderblichen Kampfe mit dem uralten, durch d>e H. in den Hintergrund gedrängten Geschlechte der Welfen gegeben. Berthold, der Sohn des Eegenkönigs Rudolf, und Berthold von Zähringen machten dem neuen Herzog den Besitz seines Herzogthums streitig, und erst nach langen, wechselvollen Kriegen wurde dasselbe, jedoch bedeutend an Umfang vermindert, >097 nochmals feierlich verliehen. Her- 2ä6 Hohenstaufen zog Friedrich hinterließ bei seinem Tode im I. 1105 zwei Söhne, Friedrich und Konrad. Der neue Kaiser Heinrich V., um sich die Ergebenheit des ihm durch Verwandtschaft ver- bundenen Hauses der H. zu sichern, bestätigte sogleich den ältesten Sohn, Friedrich II. oder den Einäugigen, als Herzog von Schwaben, auch belehnte er > ll2 dessen Bruder Konrad mit dem Herzogthum Franken. Dafür bewiesen ihm die Brüder, besonders Friedrich II., an dem Jnvestiturstreite und in den Kämpfen mit dem Herzog Lothar von Sachsen treue Anhänglichkeit und Hülfe; doch setzten sie ihm mit muthiger Unerschrockenheit bei seinen gewaltthätigen Eingriffen in die Reichsverfaffung in Verbindung mit den übrigen Fürsten auch offenen Widerstand entgegen. Nach dem Tode Heinrich's V., des letzten fränk. Kaisers, vererbten dessen Hausgüter aus die H., und Friedrich schien ebenso wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften, wie durch die Verwandtschaft mit dem verstorbenen Kaiser und durch seine bedeutende Hausmacht die gerechtesten Ansprüche auf die deutsche Königskrone zu haben, um so mehr, da die allgemeine Stimmung des deutschen Volks für ihn war. Auch bewarb er sich offen darum. Allein die Furcht vor dessen Macht und der Haß einzelner Fürsten, der mit dem Erbe der Salier zugleich auf die H. übergegangen war, bewirkten in Verbindung mit den listigen Ränken des Erzbischofs Adalbert von Mainz, das Lothar der Sachse (s. d.), Friedrich's erbittertster Feind, zum Kaiser gewählt wurde. Sowol dies als zunächst auch des neuen Kaisers Zurückfoderung der unter der vorigen Regierung an die H. gekommenen Besitzungen entzündete nunmehr einen heftigen Krieg zwischen ihm und den H. Lothar, stark durch die Verbindung mit den Zähringcrn und mit dem Herzog Heinrich dem Stolzen von Baiern, dem er seine Tochter und das Herzogthum Sachsen gab, fiel nun über die H. her, in der Absicht, ihre Macht mit einem Schlage zu vernichten. Lange Zeit mußte Friedrich seinen mächtigen Gegnern allein Widerstand leisten, da sein Bruder Konrad auf einem Zuge ins gelobte Land abwesend war. Nach dessen Rückkehr schien der Kampf sich für die Brüder günstiger zu wenden, auch machte Konrad einen kühnen Heereszug über die Alpen und ließ sich 1128 zu Monza zum König von Italien krönen. Da jedoch Konrad in Italien gegen die Welfen und den Papst sich nicht halten konnte und in Deutschland die Macht der Gegner täglich wuchs, so sahen die Brüder sich endlich I l 3 5 genöthigt, die Verzeihung des Kaisers zu erflehen. Sie wurde ihnen gewährt, und auf dem Reichstage zu Mühlhausen 1135 verzichtete Konrad auf den Titel als König von Italien, erhielt aber unter den Herzogen den ersten Rang und, sowie sein Bruder, alle Länder zurück, worauf dann beide Brüder Lothar auf seinem Zuge nach Italien begleiteten. Nach Lothar's Tode aber wurde der Herzog Konrad von Franken am 22. Febr. 1138 als Konrad III. (s.d.) zum deutschen König gewählt und amO.März vom Erzbischof Adalbert oon Trier und vom päpstlichen Legaten, Cardinal Theodoin, zu Aachen gekrönt. So war denn durch die Erwerbung der deutschen Königskrone den H. die ruhmvolle Bahn eröffnet, auf welcher sie ein Jahrhundert hindurch so glänzend fortschritten; aber auch der Haß der Guelfen (s. d.) gegen die H. (s. Ghibellinen), dessen erster Keim schon in jener Verbindung des welfischen Herzogs, Heinrick des Stolzen von Sachsen und Baiern, mit dem Kaiser Lothar lag, wurde durch diese Erhebung des hohenstauf. Hauses auf den Thron, den die Welfen sich entzogen glaubten, um so heftiger entbrannt. Der Kampf begann, als der ghibellinische Konrad, zufolge der Reichssatzungen, von dem Herzog Heinrich aufdcm Reichstage zu RegenSburg verlangte, von den beiden Herzogthümern Baiern und Sachsen, die dieser besaß, das letztere abzutreten, und als dieser sich dessen weigerte, ihn in die Acht erklärte und seine gesummten Lehen einzog. Heinrich starb unvermuthet 1139; sein Bruder, WelfVI., setzte den Kampf fort; doch mußte er sehen, wienachden für seineFeinde siegreichen Schlachten bei Weinsberg im J. 11-19 und bei Flochberg im J. 1150 die Hausmacht der H., besonders auf Kosten der den Welfen verbündeten Zähringer bedeutend vergrößert und neu befestigt, aus diesem Kampfe hcrvorging. Obgleich dem Kaiser Konrad der Plan, durch ein Reichsgesetz seinem Hause die Erblichkeit der Krone zu sichern, nicht gelang, so leitete doch das Vertrauen, das man im Reiche zu den H. hatte, nach seinem Tode im 3 - 1152 von selbst die Wahl auf seinen Neffen, den Sohn Friedrich's II. oder des Einäugigen, Friedrich III-, der als König Friedrich I., Barbarossa (s.d.) hieß. Für die Befestigung seines Hauses war es von Wichtigkeit, daß cs ihm gelang, mit der Besiegung Heinrich Hohenstaufen 247 des Löwen (s.d.), den er seines Herzogthums beraubte und auf Braunschweig und Lünr- ^ bürg beschränkte, die Macht der Welfen in Deutschland völlig zu brechen. Doch durch die glücklichen Erfolge in Italien hatte er die Eifersucht des Papstes erregt, und hierin lag wol der wichtigste Grund, daß seines Sohnes und Nachfolgers Kaiser Heinrich' s V l. (s. d.) Bemühungen, die deutsche Krone erblich an seine Familie zu bringen, ungeachtet der schriftlichen Einwilligung von 59 Neichsständen, scheiterten, sadaß er nur mit Mühe die Ernennung seines zweijährigen Sohnes Friedrich, 1196, zu seinem Nachfolger erlangte. Der päpstliche Widerwille gegen die H. bewirkte nach Heinrich's VI. Tode im I. 1197, daß dem während der Minderjährigkeit des jungen Friedrich's II-zumNeichsverweser ernannten Oheim desselben,, Philipp von Schwaben, der Herzog Berthold von Zähringen gegenüber > gestellt wurde. Überzeugt, daß er unter diesen Umständen seinem Neffen die Krone nicht erhalten könne, bewarb nun Philipp sich selbst darum, kaufte Berthold von Zähringen seine Ansprüche auf dieselbe um 1 >990 Mark Silber ab und würde auch im Kampfe mit dem aufs neue vom Papste aufgestellten Gegenkönig Otto IV. von Braunschweig sich endlich siegreich behauptet haben, wenn ihn nicht der Tod durch Mörderhand im I. 1298 vor der Zeit ereilt hätte. Philipp's Ermordung verschaffte nun zwar Otto IV. auf einige Jahre die ! alleinige Regierung; allein als er seine kaiserlichen Rechte in Italien geltend machen wollte, erregte er den Unwillen des Papstes, Jnnocenz' III., so sehr, daß dieser des jungen, als König anerkannten Friedrich (jetzt Königs von Sicilicn) sich annahm, den Kaiser Otto in den Bann that und eine große Partei in Deutschland selbst gegen ihn aufreizte. Friedrich zog nun nach Deutschland, ließ sich zu Aachen krönen und wurde nach Otto's IV. Niederlage bei Bovines im I. 1214 nun alleiniger Herrscher in Deutschland. (S. Friedrich ll.) Alle Umstände schienen sich im Anfänge seiner Negierung zur weitern Vergrößerung seines Hauses zu vereinigen; die Besitzungen des zähringer Stammes fielen nach > dessen Aussterben im I. 1218 ihm zu; er brachte die von seinem Oheim Philipp veräußerten Stammgütcr wieder an sich, kämpfte in Italien glücklich und erlangte mit leichter Mühe ' im I. 1229 die Erwählung seines Sohnes Heinrich zu seinem Nachfolger im deutschen Reiche. Aber als der rüm.Hof des Kaisers großen Plan, ein erbliches röm.-deutsches Kaiserthum herzustellen, dessen Hauptstützpunkt das zu einer Monarchie verwandelte Italien bilden sollte, zu durchschauen anfing, da setzte, derselbe durch Aufregung der besonders in den Städten Oberitalicns mächtigen welfischen Partei, durch Aufstellung mehrer Gegenkönige in Deutschland, durch Aufruhr, Verschwörungen selbst gegen das Leben des Kaisers und mehrmaligen Bann ihm den heftigsten Widerstand entgegen. Zwar hielt Friedrich II. durch den Schrecken seines Namens und die Größe seines Geistes das Ansehen des hohen- stauf.Hauses noch aufrecht, aber mit seinem Tode neigte die Macht desselben sich rasch dem Untergange zu. Noch bei Lebzeiten hatte Friedrich 1237 seinen zweiten Sohn Konrad in Speier zum röm. König wählen lassen, nachdem der Erstgeborene, Heinrich, durch Empörung gegen seinen Vater sich dieser Würde verlustig gemacht hatte. Konrad IV. (s. d.) wurde auch nach seines Vaters Tode im I. 1250 von den meisten deutschen Ständen als König anerkannt; allein die Gegenkönige und Feinde, die ihm der Papst erweckte, verbunden mit dem Bann, den letzterer gegen ihn schleuderte, lähmten Konrad's Kraft in Deutschland st, daß er nach Italien ging, um sich imBesitze seines Erbreichs, Apulien und Sicilien, zu befestigen. Doch bald fand er hier, wo ihn sein tapferer Halbbruder Manfred (s. d.) kräftig unterstützte, vcrmuthlich durch Gift, im I. 121 seinen Tod. Sein einziger Sohn Konrad, gewöhnlich Konradin (s. d.) genannt, war nun der allein übrige rechtmäßige Zweig der H. Während er unter der Vormundschaft seine- Oheims, des Herzogs Ludwig von Baiern, in Deutschland heranwuchs, war Manfred bemüht, ihm sein Erbe in Italien iu retten. Als er später, >258, von den Reichsständen genöthigt, den Thron Siciliens selbst bestiegen hatte, rief der Papst, beharrlich in seinem Vorsätze, das Haus der H. zu stürzen, Karl von Anjou herbei, gegen den bei Benevent am 26. Febr. 1266, von seinen Großen und einem Theile seines Heers verrathen, der edle Manfred Schlacht lind Leben verlor. Doch Karl's grausame Regierung erweckte sehr bald wider ihn eine starke Partei, die Konradin auf den väterlichen Thron berief, der aber in der Schlacht bei Tagliacozzo 1268 seinem Gegner Karl von Anjou unterlag, gefangen genommen und am 29.Oct 248 Hohenthal Hohenzollern 1268 durch Henkershand in Neapel hingerichtet wurde. Von den übrigen Nachkomme» der H. starb Friedrich's II. Sohn Enzio (s. d.), König von Sardinien, 1272 zu Bologna in Gefangenschaft, Manfted's Söhne, Friedrich, Heinrich und Anselm, endigten ihr Leben nach vielen Jahren gleichfalls im Kerker. Kaiser Friedrich's ll. Tochter, Margarethe, wurde die Gemahlin Albrecht des Unartigen (s.d.), mit dem sie in unglücklicher Ehe lebte, und Manfted's Tochter, Konstanze, vermählte sich mit Peter III. von Aragon, der vierzehn Jahre später Sicilien eroberte und Konradin's Tod rächte. Die hohenstauf. Besitzungen fielen nach Konradin's Tode an Baiern, Baden und Würtemberg; die herzogliche Würde in Schwaben und Franken erlosch, und nur der Titel eines Herzogs von Franken ging auf den Bischof von Würzburg über. Vgl. Raumer, „Geschichte der H. und ihrer Zeit" (6 Bde., Lpj. 1826-25; 2. Verb. Aust., 1840—42). Hohenthal, ein neues gräfliches Geschlecht, welches sich in der kurzen Zeit seines Bestehens zu hohem Ansehen emporgefchwungen hat und unter den ersten Familien Sachsens zählt. Der Stammvater desselben, Pet. H oh mann, der Sohn armer Altern, geb. 1666 zu Könnern im Saalkreise, lernte in Leipzig die Kaufmannschaft, gründete dann selbst eine Handlung und gelangte durch Einsicht, Thätigkeit und Rechtlichkeit bald zu großem Reichthum und Ansehen, daß ihn Kaiser Karl VI. 1717 aus eigener Bewegung in den erblicken Reichsadel- und Ritterstand mit dem Prädikate „Panner und Edler von Hohenthal" erhob, wovon er jedoch für seine Person nie Gebrauch machte. Er hinterließ bei seinem 1732 erfolgten Tode eine für den dauernden Glan; seines Hauses wohlthätige fideicommissarische Bestimmung, wonach bei mangelnder männlicher Nachkommenschaft eines H. die Hohenthalischen Stammgüter an die Agnaten zu dem geringen Preise, für welchen sie der erste Erbe angenommen hatte, zurückfallen sollen. Seine nachgelassenen sechs Söhne stifteten ebenso viele Linien, welche 1733 in den Reichsfteiherrnstand und 1790, so weit sie nicht bereits ausgestorben waren, in den Grafenstand erhoben wurden. Gegenwärtig blühen noch zwei Linien, die königsbrücke r, repräsentirt durch den Standesherrn, Grafen Pet. Karl, auf Königsbrück, geb. 1784, und Pet. Wilhelm, geb. 1798, auf Städte!» u. s. w., die Söhne des 1825 verstorbenen hochverdienten sächs. Con- ferenzministers Pet. Karl Wilh., und die dölkauer. Das Haupt der letztem ist gegenwärtig der Graf Karl Fried r. Anton, geb. >803, Majoratsherr zu Wartenburg in Preußen und seit dem Tode seines Oheims, des Grafen Christian Gottlieb zu Hohenprießnitz, gest. l 835, alleiniger Inhaber des aus der Herrschaft Lauenstein und den Rittergütern Püchau, Klein-Dölzig u. s. w. bestehenden Familienfideicommisses. Auch besitzt er in Gemeinschaft mit seinem jüngsten Bruder Karl Adolf, geb. >81 1 , Herrn auf Knauthain u. s. w., Hohenprießnitz nebst andern Gütern; der mittlere Bruder aber Karl Emil, geb. 1808, ist im Besitze von Dölkau, Kötzschlih, Günthersdorf und Altranstädt. Hohenrollcrn, ein altes deutsches Fürstenhaus, welchem nicht blos die souverainen Fürsten von H., sondern auch das in Preußen regierende Haus angehören, hat seinen Namen von der alten Bergveste Zollern oder Hohenzollern in Schwaben. Als ältester bekannter Ahnherr des Hauses wird GrafThassilo, um 800, aufgeführt. Graf Friedrich I. soll um 980 die Stammburg bereits erneuert und erweitert haben. Von den Söhnen Friedrich's III., der um 11 > l lebte, ist der älteste, Rudvlfll., merkwürdig, weil seine Söhne die Stifter, und zwar der älteste, Friedrich IV., des jetzt noch blühenden Hauses H-, der jüngste, Konrad I., des jetzigen königlich preuß. Hauses wurden. Letzterer wurde > 2 ftv erster Burggraf von Nürnberg; sein Urenkel, Friedrich III., erhielt 1273 die fürstliche Würde und das Burggrafthum Nürnberg als erbliches Lehen, und Friedrich VI. 1415 vom Kaiser Sigismund die Markgrafschaft Brandenburg. (S. Preußen.) Konrad's älterer Bruder, Friedrich IV., pflanzte als Besitzer der väterlichen Erbgüter das Stammhaus H. fort, das aber erst seit dem Anfänge des 16. Jahrh. zu einiger Bedeutung gelangte, als Kaiser Maximilian I. den Grafen EitelFriedrich IV. 1507 mit der Reichserbkämmererwürde belieh. Auch erwarb Eitel Friedrich IV. vom Kaiser im Tausch für die Herrschaft Räzüns die Herrschaft Haigerloch. Sein Enkel Karl I., für den Kaiser Karl V. sich so in- teressirte, daß er ihn in Spanien erziehen ließ, erhielt nach dem Erlöschen der Familie Werdenberg im I. 1529 die Grafschaften Sigmaringen und Böhringen, wurde später Präsi- 249 Hohenzollern dent des Reichshoftaths und stiftete 1575 eine Erbfolgeordnung, nach welcher seine Söhne gemeinschaftlich den Titel und das Wappen der Grafschaften H., Sigmaringen und Böhringen und der Herrschaften Haigerloch und Wöhrstein führen, daS Rcichserbkämmereramt aber jedesmal bei dem Senior des Hauses bleiben sollte, wenn dieser nicht selbst sich dessen begeben würde. Seine Söhne Eitel Friedrich VI. und Karl >1. theiltcn sich in das väterliche Erbe so, daß jener H., dieser Sigmaringen und Böhringen erhielt. Eitel Friedrich VI. erbaute das Schloß Hechingcn und nahm für seine Linie den Namen H. - Hechingen an, während Karl II. die seinige H.-Sigma rin gen benannte. Graf I oh. Georg von H.- Hechingen, Friedrich's VI. Sohn, erhielt durch Kaiser Ferdinand II. am 28. März 1623 die Reichsfürstenwürde, die 1638 auch dem Senior der sigmaring. Linie zu Theil wurde, worauf Kaiser Leopold l. 1602, mit Ausnahme der sigmaring. Seitenlinie H.-Haigerloch, auch den nachgeborenen Söhnen den Fürstentitcl verlieh. Das Stammland H. war nun eine gefürstete Grafschaft und mit allen Regalien, Nutzungen, Herrschaften, Zöllen, ein ganz freies Eigenthum, weder vom Kaiser noch vom Reiche lehnbar; nur den Blutbann sollten die Fürsten vom Kaiser zu Lehn tragen. Mit Kurbrandenburg und den Markgrafen von Baireuth und Ansbach wurden 1605 und 1707 Erbverträge geschlossen, die gleich der Erbfolgeordnung von 1575 in das Familienstatut vom 24. Jan. 1821 übergingen, welches der König von Preußen, als Haupt des Gesammthauses H-, bestätigte Kraft desselben gilt das Recht der Erstgeburt, und beim Erlöschen einer Linie im Mannsstamme fallen deren Lande an die überlebende, und nach dem Aussterben beider in männlicher und weiblicher Linie an das königlich preuß. Haus, dessen Länder im gleichen Falle an H. fallen würden. Vgl. Stillfried, „Aionumeuta Tollerisoa, Quellensammlung zur Geschichte des Hauses der Grasen von Zollern u. s. w." (Bd. 1, Halle 1843). Die Fürstenthümer H. bilden vereint einen langen, schmalen Landstrich, der, im südlichen Deutschland auf dem Plateau von Oberschwaben gelegen, und auf drei Seiten von Würtembcrg, auf einer von Baden umschlossen, von Nordwest nach Südostvom Neckarthal bis in die Gegend des Bodensees sich erstreckt, und einen Flächeninhalt von ungefähr 21'/» LIM. mit ungefähr 6600» E. hat. Sie werden zum Theil von der Rauhen Alp durchzogen und von der Donau mit den Nebenflüssen Schmiech, Lauchart und Ablach, und dem Neckar mit den Nebenflüssen Glatt, Eyach und Starzel durchflossen. Zu Jmnau gibt es einen Sauerbrunnen und zu Glatt ein Schwefel - und Alaunbad. In den Thälern, unter denen das Killerthal das fruchtbarste ist, wird Getreide gebaut; doch die Hauptnahrungs- zweige sind Viehzucht, Handel mitHolz, an dem das Land reich ist, sowie Flachs- und Baumwollenspinnerei, Anfertigung von Holzwaaren und Bergbau auf Eisen, wovon jährlich gegen I8V0U Ctr. gewonnen werden. Die Bewohner beider Fürstenthümer bekennen sich, bis auf etwa 100 Judenfamilien, gleich den regierenden Häusern zur katholischen Kirche, die zunächst unter einem bischöflichen Commissarius, der zu Sigmaringen seinen Sitz hat, steht und zu dem Erzbisthum Freiburg gehört. Der oberste Gerichtshof für die Fürstenthümer ist seit >820 das Obertribunal zu Stuttgart; als Landesuniversität gilt Tübingen. Beide Fürstenthümer gehören zum Deutschen Bunde, und haben im Plenum der Bundesversammlung jedes eine Stimme, im engern Rathe mit Neuß, den beiden Lippe, Waldeck und Liechtenstein gemeinschaftlich die 16. Stimme. Auch sind beide dem deutschen Zollverbande beigetreten. Das Bundescontingent beträgt für H.-Hechingen 145 M., für H.-Sigmaringen ^56 M., die mit dem liechtensteinischen Scharfschützenzuge ein zur Reserve-Division der Bundesarmee gehöriges Bataillon bilden. Gemeinschaftlich haben beide Fürstenthümer seitdem Dec. 1841 das hohenzollerschc Ehrenzeichen in vier Elasten, dem 1844 eine fünfte Mzugefügt wurde. Das Fürstenthum H. -Hechingen, 5'/, OM., mit ungefähr 21600 E., liegt nördlich von Sigmaringen, am westlichen Abhange der Alp. In Folge des Friedens zu Lünens verlor es die lehnsherrlichen Rechte in den lüttichschen Herrschaften und wurde ""für im Reichsdeputationshauptschluffe von 1803 durch die Herrschaft Hirschlatt und °as Nonnenkloster Maria Enadenthal im Dorfe Stetten entschädigt. Durch den Bei- ott des Fürsten Hermann Friedr. Otto zum Rheinbunde wurde es 1806 souverain. ^>e Haupt- und Residenzstadt ist Hechingen (s. d.). Eine halbe Stunde davon liegt 250 Hohenzollern auf dem 2620 F. hohen Kegelberge das alte Stammschloß Hohenzollern, welches in neuester Zeit wieder hergestcllt wurde. Das Fürstenthum hat seit >796 eine landständische Verfassung, die 1835 revidirt wurde. Zwölf vom Volke gewählte Männer, deren zwei von der Stadt Hechingen und zehn von den Landgemeinden zu den alljährlichen Landtagen geschickt werden, bilden die Landesrepräsentation und haben das Recht der Petition und Steuerverwilligung. Die höchste Verwaltungsbehörde ist die Geheime Confe- renz, an deren Spitze der Fürst selbst steht. Eine Abtheilung derselben bildet zugleich in Justizsachcn die zweite Instanz, während die Justizkanzlei zu Hechingen für die Lande:- meinden und das Stadtamt daselbst für die Stadtbewohner die erste Instanz ist. Die fürstlichen Domainen und Revenuen werden von der Hofkammer verwaltet, mit der das Forstamt in Verbindung gesetzt ist. Die Staatseinkünfte betragen 160,000 Fl.; die Staatsschuld beläuft sich auf 320,000 Fl. Den Stifter der Linie H.-Hechingen, Eitel Friedrich Vl., gest. 160-1, folgten in der Regierung Joh. Georg, gcst. >623, Eitel Friedrich VII., gest. 1661, Phil. Friedr. Christoph, gest. 1671, Friede. Wilhelm,gest. 173 ',, Friedr. Ludwig, gest. >750, Jos. Wilhelm, gest. 1768, Herm. Friedr. Otto, gest. 1810, Friedr. Herm. Otto, gest. 1838, und der jetzt regierende Friedr. Wilh. Konstantin (s. d.). Der Großoheim des letzter», der Prinz Franz Friedr. Laver, geb. 1757,zeichnete sich in östr. Diensten inderSchlachtbeiAspcrn, >8W, aus, erhielt deshalb mehre Güter und 1811 das Jndigenat in Ungarn, wurde dann Präsident des kaiserlichen Hofkriegsraths und General-Feldmarschall, und starb in Wien > 81 !. Das Fürstenthum H. - Sigmaringen, das im Norden an H.-Hechingen, im Osten an den würtemberg. Donaukreis und im Süden und Westen an den bad. Seekreis grenzt, hat >6'/s HiM. mit 4-1650 E. und besteht aus dem unmittelbaren Fürstenthum H.-Sig- maringen, aus den unmittelbaren fürstlichen Obervoigteiämtern Achberg und Beuern, aus den standesherrlichen fürstlich Thurn - und Taxis'schen Oberämtern Ostrach und Strasberg, und den fürstlich Fürsienbergischen Patrimonial-Obervoigtciämtern Jungnau und Troch- telfingen. Durch den luneviller Frieden verlor es die Feudalrechte in den nicderländ. Herrschaften und die Domainen in Belgien, wofür ihm die Herrschaft Glatt und die Klöster Zn- zighofen, Klosterbeuern und Holeschein zu Theil wurden. In Folge der Aufnahme des Fürsten Anton Aloys Mainrad in den Rheinbund wurde es souverain, erhielt die Herrschaften Achberg und Hohenfels, die Klöster Klosterwald und Habsthal, und außerdem die Sou- verainekät über alle ritterschaftlichen Besitzungen innerhalb seines Gebiets und der Territorien im Norden der Donau, und über die Thurn- und Taxis'schen Herrschaften Ostrach und StraSberg die Oberhoheit. Der nördliche, am linken Donauufer gelegene Theil des Fü cstenthums, das sogenannte sigmaringische Oberland, das sich auf den hohen Flachen der Alp und Obcrschwabens ausdehnt und ganz im Gebiete der Donau gelegen ist, hat meist steinigen Boden, welcher das nöthige Getreide nicht hervorbringt, aber reich an Waldungen ist; der südliche Theil, das sigmaringische Unterland, im Neckargebiet, vom Neckar selbst und seinem rechten Zufluß, der Eyach, durchschnitten, enthält viel flaches und fruchtbares Ackerland, sodaß Getreide ausgeführt werden kann. Die Haupt - undResidenzstadtistSig- maringen (s. d.). Durch den Vertrag der Negierung mit den Ständen kam das Staats- grundgesetzvom 14.Juli 1833 zu Stande. Die Ständeversammlung, die alle drei Jahre zu- sammentritt, besteht aus zwei fürstlichen Standesherrn oder deren Vertretern, einem Abgeordneten der Geistlichkeit und aus 20 Abgeordneten der Gemeinden, und hat das Recht der Mitwirkung bei der Gesetzgebung und Finanzverwaltung, das der Steuerbewilligung und der Anträge und Beschwerden. Auch hier, wie in H.-Hechingen, stehtan derSpitzederScr- waltung die Geheime Conferenz, die sich in zwei Abtheilungen spaltet, die Regierung und die Domainendirection. Den Ämtern, sie mögen landesherrliche oder standesherrlichc sein, steht die untere Policci- und Gerechtigkeitspflege zu; die Justizbehörde zweiter Instanz bildet das Hofgericht zu Sigmaringen. Die Domainendirection besorgt die Erhebung und Verwahrung der Landeseinkünfte; unter ihr steht die Forstverwaltung. Zu den 300,000 Fl. jährlicher Staatseinkünfte tragen die mittelbaren Güter und die acht Herrschaften, die der Fürst in den Niederlanden besitzt, ein Drittel bei. Dem Stifter der Linie, Karl II., gest- 1606, folgten in der Regierung Jo ha nn, gcst. 1623, Mainhard I., gest. 1681 , Maxi 251 Hoher Priester Höhlen milian, gest. >688, Mainhard II-, gcst. 1715, Jos. Friedr. Ernst, gest. 1769, Karl Friedrich, gest. 1785, Ant. Aloys Mainrad, gest. I8.il, und der gegenwärtig regierende Fürst Karl Ant. Friedrich (s.d.). Vgl. Johler, „Geschichte, Sand- und Ortskunde der Fürstenthümer H.-Hechingcn und H.-Sigmaringenff(Mm 1824), und „Hof- und Adreßbuch dcS Fürstenthums H.-Sigmaringen, nebst einer Übersicht des Organismus der Verwaltung und der geographischen Verhältnisse des Landes" (Stuttg. >814). Hoher Priester heißt der jüd. Oberpricster nach Ausbildung der jüd. Hierarchie. Diese Würde erbte in der Aaronitischcn Familie vom Vater auf den Sohn fort, bis Hero- des der Große sie auch gemeinen Priestern übertrug, und fremde weltliche Herrscher, zuletzt selbst der Pöbel, sie nach Willkür, oft für Geld, crtheilten; daher denn im Neuen Testamente mehre zugleich lebende Hohe Priester erwähnt werden, obgleich nur immer Einer es wirklich war. Er wurde feierlich eingeweiht, früher durch Salbung, später durch Anlegen der Amtskleider. Diese waren ein baumwollenes, purpurblaues Oberkleid und darüber ein prächtiger kurzer Leibrock von gezwirntem Byffus, auf der Brust ein viereckiges, doppeltes Schild, mit welchem eine Art Orakel, Urim und Thummim (s.d.), verbunden war. Das Brustschild war mit goldenen Ringen und Ketten und mit purpurblauen Schnuren festgebunden und mit zwölf hellglänzenden, in Gold gefaßten Edelsteinen, in welche die Namen der zwölf Stämme eingegraben waren, in vier Reihen besetzt. In diesem Schmuck erschien der Hohe Priester als die heiligste und höchste Person im Volke bei seinen Amtshandlungen. Ihm stand die Anordnung und Oberaufsicht des Gottesdienstes, die Verkündigung der Befehle Jehovah's an das Volk, in dessen Namen er sprach, und die Bewahrung der Nationalheiligthümer zu. Obschon die Rechtspflege besondern Richtern übertragen war, so entschied er doch in schwierigen Fällen auch weltliche Händel in letzter Instanz, und in Krieg und Frieden konnte ohne seine Zustimmung nichts Bedeutendes unternommen werden. Sein Hauptgeschäft aber war, daß er, als Mittler zwischen Jehovah und der Nation, jährlich einmal in das Allerheiligste der Stiftshütte oder später des Tempels ging und durch sein Gebet und Opfer das Volk der Israeliten mit Gott versöhnte; daher man nach Anleitung des „Briefs an die Hebräer" in der christlichen Glaubenslehre auch von einem hohenpriesterlichen Amte Jesu spricht. Hohes Lied oder Lied derLieder, d. h. das schönste Lied, ist die Überschrift einer dem Salomo (s.d.) beigelegten Dichtung, welche unverschlciert, mit dem glühenden Sinne des Orients und in dessen lebensfrischen Bildern, bald idyllisch malend, bald in Wechselgesprächen, die Geheimnisse und das Glück der Liebe schildert. In seinen Bildern und Beziehungen, in Fülle und Üppigkeit der Darstellung trägt das Lied den Charakter der Salomonischen Zeit; aber die neuere Kritik verneint bestimmt, daß es von Salomo verfaßt sei. Es scheint weniger ein selbständiges Ganze, als aus einzelnen Stücken zusammengereiht zu sein. Der neueste Bearbeiter und Erklärer desselben, Magnus (Halle 1842), findet darin 14 vollständige Gedichte und sechs Fragmente, und setzt die Zeit der Abfassung theils zwischen 824—759, theils in die Zeit des Jeremias und Ezechiel. Das Alter des Liedesund die Annahme, daß Salomo sein Verfasser sei, sowie die allegorische Deutung auf den Herrn als Liebenden und die hebr. Gemeinde als Geliebte, scheinen ihm seine Stelle im Kanon des Alten Testaments gewonnen zu haben. Die christlichen Kirchenschriftsteller deuteten es auf Christus und dessen Braut, die christliche Kirche, wogegen zuerstErasmus Widerspruch erhob. Es ist oft übersetzt worden, am gelungensten unter der Überschrift „Lieder der Liebe" von Herder (Lpz. 17 7 8). Hohl, s. Concav. Hohl oder Holl nennt man am Schiffe die innere größte Tiefe desselben, die man jur Berechnung des Raumes braucht. Häufig versteht man darunter aber auch den gan»' zen Laderaum und zuweilen sogar den Schiffskörper selbst. Höhlen nennt man die von der Natur hervorgebrachten hohlen Räume und Zerklüftungen im Innern der Erde. Vorzugsweise kommen sie in Kalk- und Gypsgebirgen vor. seltener un Sandstein und in vulcanischen Felsarten, wie Basalt, Trachyt, Lava und Tuff. Awer inner» Beschaffenheit nach kann man sie in drei Classen thcilen; die der ersten erscheinen als weite Spaltungen, die der zweiten gehen an beiden Seiten zu Tage und bilden narürliche LZ! '-1 i i 252 Hohlflöte Hohustein Stollen, die zuweilen Gewässern als Bett dienen, die dritte und häufigste Classe zeigt eine Reihenfolge von Grotten, die eine ziemlich gleiche Erhöhung haben, in gleicher Richtung fortlaufen und durch mehr oder weniger schmale Gänge untereinander in Verbindung sie- hen. In einigen der Kalkhöhlen tröpfelt beständig Wasser von der Decke herab, das aufgelösten Kalk enthaltend die wunderlichsten Figuren bildet, welche man Tropfsteine oder Skala k t i t e n (s. d.) nennt. Die berühmteste Höhle dieser Art ist die auf der Insel AntiparoS (s. Paros) im griech. Archipel; in Deutschland gehören hierher die Bau mannshöhle (s.d.) und die Bielshöhle (s.d.) im Harz und die Adelsberger Höhle in Jllyrien. In andern Kalksteinhöhlcn findet man sehr häufig ungeheure Massen von Knochen und Zähnen, welche dieselben als den Aufenthalt von Raubthieren erscheinen lassen, welche ihre Beute darin zusammenschleppten. So in Deutschland die Gailenreuther Höhle in der Nähe von Muggendorfss.d.) und die Altensteiner Höhle bei Alten stein (s.d.). Unter den Höhlen in Basalt ist die F i n g a l s h ö h l e (s. d.) auf der schot. Insel Staffa die merkwürdigste. Auch gibt es Höhlen, in welchen aus dem Boden schädliche Gase aussteigen, wie in der Hundsgrotte bei Neapel (s.d.). Eine der merkwürdigsten Höhlen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist die Mammuthhöhle in der Grafschaft Edmonson im südwestlichen Theile von Kentucky, von der man früher erzählte, daß in ihr eine besondere, bisher unbekannte Easart dem Boden entströme, die mit der atmosphärischen Luft gemengt, auf Gesunde beim Einathmen den wohlthätigsten und angenehmsten Einfluß äußere und Lungenkranken Genesung bringe, was aber bei ihrer genauen Untersuchung durch den Arzt Tcllkampf aus Cincinnati im J. 1842 durchaus sich nicht bestätigte. Hohlflöte oder Hohlpfeife heißt unter den Orgelregistern eine weit mensurirü und darum hohl klingende Flötenstimme von verschiedener Tongröße. Hohlmünzen, s. Bracteaten. Hohlpfeife heißt theils die Hohlflöte (s.d.) in manchen Orgeln, theils die Stimmpfeife der Orgelbauer, die die Stelle der Stimmgabel vertritt. Hohlspiegel, s. Spiegel. Hohnstein, eine Grafschaft im nördlichen Thüringen, in ihrer größten Ausdehnung im Norden durch den Harz, im Osten durch dicHelme und untere Unstrut, im Süden durch die obere Unstrut und obere Leine und im Westen durch die untere Leine begrenzt, entstand aus dem Harz-, Zorge- und Hclmegau. In dieser Gegend, wo einst die deutschen König! aus dem sächs. Hause stark begütert waren, trat unter der Negierung des ersten Landgrafen von Thüringen, um 1130, ein Graf Konrad auf, der sich nach der Burg Hohnslein nannte, deren Ruine im hannov. Amte Neustadt liegt. Ihn beerbte ein Graf von Bielstein, dessen Sohn Jlgerl. sich nun Graf von H. nannte. Von seinen Nachkommen, unter denen besonders Heinrich II., gest. 1283, viel für den Glanz und die Unabhängigkeit seines Hauses that, wurden nach und nach durch Kauf, Erbschaft oder Vertrag die umliegenden dynastischen Herrschaften Lohra, Klettenberg, Heringen, Kelbra, Scharzfels, Lauterberg und endlich auch die Stifter Jlefeld und Walkenried der Grafschaft cinverleibt; doch ging im Laufe der Zeit auch manches Stück, wie z. B. 1347 Sondershausen an Schwarzburz, verloren und die Hausmacht schwächten mannichfache Erbtheilungcn des Geschlechts. Sv spalteten Heinrich VI. und Dietrich V., die sämmtliche Besitzungen wieder zusammengebracht hatten, >350 ihren Stamm in die Linien H.-Klcttenberg und H.-Heldrun- gen. Die letztere theilte sich abermals in die Zweige Heringen, bei dessen Aussterben im I. 1439 sein ganzes Besitzthum, die Goldene Aue, an Stolberg und Schwarzburg gedieh, und Kelbra, welcher 148» seine Stammgütcr, die Herrschaft Heldrungen, an Mansfeld käuflich überließ, dagegen aber in der Mark Brandenburg die Herrschaft Vierraden erwarb und sich von nun an darnach nannte. Derl etzte dieses Zweigs war Graf Wilhelm II., gest. 1609, mit dem zugleich der ganze hohnstcinische Stamm abstarb; denn die ältere Hauptlinie H.-Klettenberg war bereits 1593 mit dem Grafen Ernst VII. erloschen, und um ihren Nachlaß hatten, da die andere Hauptlinie nicht zur gesammten Hand bestehen war, Herzog Julius von Braunschwcig, der Bischof von Halberstadt als Lehnsherr und die Grafen Christoph von Stolberg und Günther von Schwarzburg, welche beide sich auf ihre 1433 mit H. abgeschlossene Erbverbrüderung stützten, einen langwieri- Hohöfen Holbach 253 gen Streit erhoben. Derselbe dauerte noch fort, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, in welchem das Land viel Drangsal zu erdulden hatte und die alte Stammburg H. >636 von dem sächs. Hauptmann Vizthum von Eckstedt zerstört wurde. Endlich kamen durch den wcstsäl. Frieden, zugleich mit dem Bisthum Halberstadt, die Herrschaften Lohra und Klet- tcnberg an Brandenburg, welches dieselben l 649— 1702 an die Grafen von Wittgenstein verlieh; das eigentliche H. blieb bei dem Hause Braunschweig; Stolberg und Schwarzburg mußten sich mit leeren Titeln und mit Dem, was sie früher von der heldrunger Linie erworben hatten, begnügen. Gegenwärtig stehen sonach von der ehemaligen Grafschaft H., die zusammen auf etwa >2 IHM. 30000 E. zählt, unter preuß. Hoheit die Herrschaft Lohra mit der Stadt Bleicheroda, die Herrschaft Klettenberg und die Herrschaften Kelbra und Heringen, jetzt Mediatbesitzungen der Grasen von Stolberg-Rosla; unter hannov. Hoheit die sogenannte alte Grafschaft H. mit dem Stifte Zlefeld (s. d.) und den Herrschaften Lutterberg und Scharzscls, zusammen etwa 3 OM. mit 8000 E.; und unter braunschweig. Hoheit das ehemalige Stift Walkenried. Hohöfen heißen die großen Öfen, welche in der Eisenbereitung gebraucht werden, um das Metall aus seinen Erzen zu gewinnen und es in einer für die weitere Bearbeitung geeigneten Gestalt darzustellen. Durch den Schmelzproceß in den Hohöfen erlangt man das Roheisen, welches entweder in Form von Blöcken, sogenannten Gänsen, den weitern Bereitungsarbeiten, dem Frischen u.s. w., unterworfen, oder in Wasser gegossen als Granul i reisen verbraucht, oder gleich aus dem Ofen weg in Sandformen geleitet, als grober Guß zu Ofenplatten und größer« Gußstücken verwendet wird. Soll der Guß jedoch reiner und sorgfältiger gemacht werden, so muß das Roheisen in kleinern Cupolöfen noch einmal umgeschmolzen werden. In den Hohöfen werden die Eisenerze mit ihrer Beschickung und dem Brennmaterial zusammen eingeschichtet und so der Schmelzproceß ununterbrochen eine Zeit lang durch immer neues Nachfüllen von beschickten Erzen im Gang unterhalten, was man eine Campagne nennt. Der Hohofen muß ein feuerfester, gemauerter Schacht sein, welcher unten einen Raum zum Ansammeln des geschmolzenen Metalls und eine Öffnung zum Ablassen desselben hat. Da aber das Brennmaterial ohne weitere Beihülse nicht Hitze genug entwickeln würde, um da§ Metall aus den Erzen zu fördern, so muß durch ein Gebläse nachgeholfen werden. Die älter« Hohöfen hatten durchgängig geringere Abmessungen, jetzt aber construirt man deren häufig, welche bis zu 40 F. Höhe und einen Durchmesser von 8—9 F. haben. Zu Abführung der Feuchtigkeit dienen Kanäle in der Mauer und ein Kreuzgewölbe unter dem Öfen. Eine Campagne dauert je nach der Größe des Ofens 8—l 4 Monate und es können in derselben bis zu l 500 Ctr. Roheisen erzeugt werden. Die sogenannten Windschmelzöfen sind so mit Zügen versehen, daß bei ihnen kein Gebläse nöthig ist. Holbach (Paul Heinrich Dietrich, Baron von), der Sohn eines reichen Emporkömmlings, geb. um l723 zu Heidelsheim in der bair. Pfalz, kam in früher Jugend nach Paris, wo er bis an seinen Tod lebte. Er verheirathete sich jung und, da seine Frau bald starb, heirathete er mit päpstlichem Dispens deren Schwester Charlotte Susann» d'Aine, die erst am 16. Juni >814 starb. Er selbst starb am 21. Juni 1789. H. wird gerühmt als liebevoller Familienvater, als treuer Freund, als ein sehr wohlthätiger Mann, der auch Die, welche ihm verhaßt waren, wie z.B. Jesuiten, unterstützte, wenn erste in Noth sah, als ein Mensch von unerschöpflich guter Laune und Heiterkeit. Da er der angenehmste Gesellschafter war und einen sehr guten Tisch führte, so waren seine Sonntagsessen schon deshalb berühmt; noch mehr aber, weil man bei denselben die ausgezeichnetsten und berühmtesten Denker und Schriftsteller jener glänzenden Epoche anzutreffen gewohnt war, besonders Condorcet, Diderot, Duclos, Helve'tius, Raynal, eine Zeit lang auch Rousseau, Buffon u. A. Der lustige Abbe Geliani nannte H. den maitre ä'bötel der Philosophie. Er war einer der geistvollsten und auf die Entwickelung seiner und der nächstfolgenden Zeit einflußreichsten Schriftsteller, ein systematischer Kopf, ein Mann von umfassenderem Wissen und gründlicherem Scharfsinn als die meisten seiner Genossen, wenn auch im Stile ihnen nachstehend, daher es wahr sein mag, was Grimm versichert, daß man in dem bedeutenstenWerk« H- s ganze Seiten hindurch die überlegene Feder Diderot's erkenne. Mit Begeisterung, 254 Holbach mit Anstrengung, mit unermüdlicher Thätigkeit arbeitete er für die Entnickelung und kämpfte für die Ausbreitung jener Ansichten, die man unter deni Namen der atheistischen > und materialistischen noch gegenwärtig fälschlich bezeichnet. Vornehmlich erkannten es damals die freien Denker als ihre Aufgabe, sich nicht blos von den Fesseln irgend eines bestimmten dogmatischen Christenthums, sondern von allen religiösen Fesseln, von alle» Banden der Autorität überhaupt zu befreien. Man besaß zu wenig geschichtliche Einsicht, um nicht in den Zrrthum zu verfallen, daß alle Religion lediglich Priesterbetrug gewesen sch die Reihe von Selbsttäuschungen, welche nothwendig zur Entwickelung des menschlichen Vorstellens und Denkens gehörten, wußte man nicht in ihrerNothwendigkeit zu würdigen. Es ist bekannt, von welchem Fanatismus Voltaire gegen Priester und Priesterthum enl- brannt war; aber vor der zerstörenden Conscquenz H.'s, welche auch die Grundlagen, die , heiligen Vorstellungen selbst nicht verschonte, zitterte auch Voltaire. H. war der Meinung, , daß man Alles untersuchen müsse, daß man keiner Täuschung entgehe, wenn man irgend ^ ^ ein Mysterium Vorbehalte, dessen Schleier nicht angerührt werden dürfe- Alles verlangte damals nach Natur; Viele dachten dabei an eine gewisse ideale, überschwengliche Natnt, j die sogenannten Materialisten, H. an der Spihe, meinten die wirkliche leibhafte Natur. - Diese meinte auch Voltaire, aber er ließ die unsichtbare daneben stehen, als eine freilich un- ; erforschliche, die aber doch sicher da wäre. H. leugnete dasDasein einer solchenDoppclwelt , und hielt sich an die Natur allein. Er begann seine schriftstellerische Thätigkeit l 7 52 mit ; Übersetzung einer Reihe von naturwissenschaftlichen und technischen Schriften, vorzüglich e aus dem Deutschen. Als 1759 Boulanger, ein geistvoller junger Ingenieur, starb, der alle , Verirrungen des Geistes für Nachwirkungen der durch die Sündflut über die Menscheu z gekommenen Furcht hielt, übrigens aber zu der H.'schen Gesellschaft seiner ganzen Mich- r tung nach gehörte, begann H. die hinterlassencn Handschriften desselben zu überarbei- > d ten und herauszugeben. Manches, wie nicht zu verkennen ist, schob er ihm geradezu unter, § namentlich den „(lkristiaiiwme clvvoilö" (zuerst in Nancy gedruckt und mit der Bezeich- j „ nung Lond. > 767 erschienen), ein für damalige Zeit sehr merkwürdiges Buch, und daS li „Lxamen critiyne de I:> vie et ries »»vrages cko 8t.-?a,il" (Lond. l770). Diesen schloß ^ sich von 1767—7» eine Reihe von Schriften verwandten Inhalts an, „I^a contagion Sl>- ti croe"(I 767), „De l'imj,n8t»ro8acerckotale"(l767), „I^ettres »Liijgenie on presorvatil g contra les prejugös" (1768), „1.08 j>retros clömsskjiiös" (I 768) und „I/es;>rit ckujn- s, sender und systematischer als alle übrigen, bildet aber doch nur ein Glied in deren Kette g. Einen gedrängten und sehr populair gehaltenen Auszug daraus ließ H. unter dem Titel tu Konsens o» icköes naturalle8 «pposees mix 8urns1»raIIa8" 1772 erscheinen. 3» - ei einer andern Reihe späterer Schriften bemühte sich H., zu zeigen, daß die Religion zur si, Moral und zum Völkerglück, das auf dieser beruhe, nicht nur entbehrlich, sondern sogar si, sehr nachtheilig sei. Dahin gehören „kssai 8ur iss prHugcks" (1776), „I^s ziolitigue m- dc turelle" (2 Bde., 1773), „8Möme social" (2 Bde., 1773), „I/ötkocrstie ou le gou- F, vsrnemvnt koncke 8ur la morale" (1776) und „I.s morale univsr8elle" (1776). Alle vo diese Schriften erschienen theils anonym, theils unter den Namen verstorbener Personen, ta theils als bloße Übersetzungen aus dem Englischen. Seine Freunde selbst waren nicht iw- bei mer in das Eeheimniß eingeweiht. Ein junger Mann, den Diderot und H. als Gehülscn ich brauchten, Naigeon, besorgte die Handschriften nach Holland an den Buchhändler Reo, km der sie druckte und gewöhnlich London auf den Titel setzte. „Auch das größte Aufsehen", ft, sagte Grimm, „das H.'s Bücher machten, verführte ihn nicht einen Augenblick, sich sh Verfasser zu zeigen, und wenn er so glücklich war, allem Verdachte während seines Lebens zu Holbein (Haus) Holbcin (Hans) 255 entgehen, so verdankt erdies mehr seiner Bescheidenheit als aller Vorsicht seiner Freunde. Er hatte sich zum Apostel seines Systems mit einer Reinheit der Absicht, mit einer Selbstverleugnung gemacht, welche an dem Arvstel irgend einer heiligen Religion von den Gläubigen aufs höchste gepriesen worden wäre." Übrigens hat H. auch über Naturgeschichte und Chemie sehr zahlreiche Werke veröffentlicht. Wenn auch von den Gesellschaften der Damen Geoffrin, d'Epinay u. s. w. seiner Grundsätze wegen gewissermaßen ausgeschlossen, scheint doch namentlich Mad. Geoffrin mit ihm genau bekannt und in Gesellschaft gewesen zu sein Die Kaiserin Katharina II. von Rußland zog ihn bei der Gesetzgebung zu Rache. Holbein (Hans), der Ältere, ein Maler der schwäb. Schule, geb. UNI i-150, lebte hauptsächlich in Augsburg. Seine Werke, in den Galerien von München, Nürnberg, Frankfurt u. a. zerstreut, lassen in ihm einen derben, doch oft anmuthigen Charakleristikcr erkennen, der freilich von den Härten und Ecken seiner Zeit nicht frei ist. Seine Blüte fällt um das I. l 5<>»; bald darauf scheint or mit seinen Söhnen und Kunstgenossen Ambrosius H., Bruno H. und HansH. nach Basel gezogen zu sein. -Holbein (Hans), der Jüngere, einer der ersten Meister Nord. Kunst, war, zufolge der Angabe auf seinem neuerdings wieder aufgefundenen, von ihm selbst herrührenden Portrait, 1497 zu Grünstadt geboren, der ehemaligen Residenz der Grafen von Leiningen- Westerburg, und der Schüler seines Vaters. Schon seit 1512 sing er an, Aussehen zu machen; in den folgenden Jahren schmückte er mehre Häuser und Kirchen zu Basel mit Bildnissen, Fresken und Altarbildern. Manche fröhliche Schwänke, die sich in der Sage erhalten haben, bezeichnen ihn als kräftigen Lebemann, wie denn überhaupt sein Leben so reich an Anekdoten ist, wie das der größten ital. Maler. So sollte er z. B. an dem Hause zum Tanz in Basel einen Bauerntanz in Fresco malen, hielt sich aber lieber in einem nahen Wirthshause am Fischmarkt auf. Da der Besteller darüber ungehalten war, so malte H. dicht unter sein Gerüst zwei hängende Beine so täuschend hin, daß Jener nun glaubte, H. sitze auf dem Gerüst und male. Als es H. in Basel nicht mehr gefiel, ging er, von Erasmus, der ihm sehr befreundet war, aber vergebens sich bemühte, ihn von seinem unordentlichen Leben abzubringen, an den engl. Kanzler Thom. Morus empfohlen, nach England und-zwar über Leyden; wenigstens weiß die Sage viel zu erzählen von seinem Zusammentreffen mit Lucas von Leyden. Thom. Morus nahm ihn in sein Haus auf, beschäftigte ihn gegen drei Jahre und lud dann den König Heinrich VIII. ein, die Gemälde H.'s in Augenschein zu nehmen. Der König überrascht und entzückt von dem Anblicke derselben, rief aus: „Lebt der Künstler noch, und ist er für Geld zu haben?" Morus stellte nun den Künstler dem Könige vor, und der König nahm denselben in seine Dienste und belohnte ihn reichlich. Wie sehr der König die Verdienste H.'s schätzte, beweist die Antwort, die er einem Lord gab: „Ich kann aus sieben Bauern sieben Lords machen, aber keinen Maler H." Hochgeehrt und vielbeschäftigt, lebte H. in England, bis er > 55-1 an der Pest starb. Allerdings mar H. hauptsächlich und in manchen Perioden seines Lebens fast ansschließend Portraitmaler; aber schon als solcher ist er den großen Italienern ebenbürtig, während er allen seinen deutschen Zeitgenossen vvransteht. Durch ihre enge Befangenheit durchgedrun- gen, bewegte er sich in hoher künstlerischer Freiheit und schöpfte seine Darstellung aus einer tiefen, geistigen Auffassung des Objects. Seine Portraits sind keine Ideale, sondern nur eine erhöhte, in ihren geistigsten Zügen ausgefaßte Natur; die Ausführung aber, in Hin- sicht auf Cvlorit, Zeichnung, Anordnung und Nebensachen, ist vollkommen und reich. Es sind nicht heroisch gesteigerte Persönlichkeiten; es sind Existenzen, klar, treu und schön wie- bergegeben; so die in Basel befindlichen Bildnisse seiner Frau und seiner Kinder; ferner Froben's, Erasmus' und Amerbach's. In diese frühere Periode fallen auch ein in Basel vorhandenes Abendmahl, der geistreiche, eine ganze Culturepoche darstellende Tobten-, tanz (s. d.), die höchst launigen Randzeichnungen zu des Erasmus „I-sus stultitüm", die beiden herrlichen Bilder, welche Buhlerinnen darstellen; ferner das in Dresden bcsind- uche Botivbild eines baseler Bürgermeisters, der mit seiner Familie vor der Mutter Gottes nnet, zahlreiche Skizzen, Entwürfe für Glasmaler und Fresken, welche letztere aber fast ftmmtlich untergegangcn sind; endlich eine Anbetung der Hirten und der Könige im Mün- >str zu Freiburg im Breisgau und wahrscheinlich auch die berühmte, in Basel befindliche t 256 Holbein (Franz von) Passion in acht Feldern. H. zeigt sich in diesen historischen Bildern frei von der Überlieferung seiner Schule; er ist vorgedrungen zu einer völlig selbständigen, naturwahren Darstellung und Färbung; er hat die Poesie auf seine Weise gesucht und gefunden, nicht in dem idealen Schwung der Italiener, sondern in der reinen, unbefangenen Auffassung des Lebens selbst. Indeß deuten das Colorit in den beiden Buhlerinnen und die Anordnung und die Charaktere des baseler Abendmahls und eines andern im Louvre daraufhin, daßH. die mailänd. Werke des Leonardo da Vinci gekannt und studirt habe. In seiner spätem Periode wird die Arbeit etwas flüchtiger, und das Colorit bleibt nicht ganz frei von der Manier der in Italien gebildeten Niederländer, deren Werke er auf der Reise und in England gesehen haben mochte. Herrliche, geistreiche Portraits aus dieser spätem Periode sin- den sich im Louvre zu Paris, im Museum zu Berlin und besonders in Longford Castle bei Salisbury und in Windsor. In Handzeichnung sind 87 Portraits von Personen am Hofe Heinrich's VIII. von ihm vorhanden; sie wurden zum Theil im Schloß Kensington aufgefunden und von Bartolozzi in Kupfer gestochen. Zn der Barbers Hall zu London befindet sich ein schönes Ceremonienbild, Heinrich VIII. darstellend, welcher der Zunft der Chirurgen und Scheerer, deren Vorsteher vor ihm knien, neue Statuten übergibt. Lange Zeit galt H. auch als einer der größten Formschneider; sein Todtentanz, die Bilder zum Alten Testament, drei Alphabete Jnitialien u. a. würden ihm auch, falls sie von ihm nicht blos entworfen, sondern auch in Holz geschnitten wären, eine solche Stelle anweiscn. Gegenwärtig jedoch wird aus guten Gründen angenommen, daß H. wenig oder gar nicht in Holz schnitt und daß der Todtentanz von Hans Lüßelburger geschnitten sei, dessen Monogramm bei dem Bilde der Herzogin angebracht ist. Dgl. Rumohr, „Hans H. der Jüngere in seinem Verhältniß zum deutschen Formschnittwesen" (Lpz. 1836). Nach H. stach in der Folge besonders WenzelH o l l ar(s. d.) viele Blätter. Eine Auswahl der auf der Bibliothek zu Basel befindlichen Gemälde H.'s haben seit 1829 Birmann und Söhne zu Basel in schönen Lithographien geliefert. Vgl. Hegner, „Hans H. der Jüngere" (Berl. 1827). Holbein (Franz von), niederöstr. Regierungsrath und Direktor des Hofburgtheaters zu Wien, geb. 1779 zu ZizzerSdorf bei Wien, wurde frühzeitig bei der Lottodircctien in Lemberg angestellt, gab aber diese Stelle ihrer Einförmigkeit wegen auf und ging, gegen den Willen seiner Familie, unter dem Namen Fontano in die Welt, wo er bald als Musiker, bald als Schauspieler, bald als Maler oder Sprachmeister seinen Unterhalt gewann. In Fraustadt in Schlesien, wo er mit dem Theaterdirector Karl Döbbelin bekannt geworden war, betrat er zum ersten Mal die Bühne, fand aber wegen seines Dialekts wenig Beifall. Hierauf lebte er in Berlin als Sprach- und Musiklehrer, bis er 1798 durch Jffiand bei dem dortigen Theater angestellt wurde. Als Bassist gefiel er in der Oper; im Schauspiel aber war ihm auch hier seine Mundart nachtheilig, weshalb er von neuem auf Reisen ging. In Glogau wurde er mit der reichen Gräfin Lichtenau bekannt, vermählte sich »ui ihr, obschon sie bedeutend älter war als er, und sah sich nun in den Stand gesetzt, in freier Muße seine Talente auszubildeu. Reich wol, aber nicht glücklich, ließ er sich nach einer fünfjährigen Verbindung wieder scheiden und gab Alles zurück, was er inzwischen an welch- vollen Geschenken erhalten hatte. Hieraus lebte er als Theaterdichter in Wie»; da es ihm aber nicht gelingen wollte, auf die Direktion, wie er es wünschte, einzuwirkcn, so ging er nach Regensburg, wo er die Bühne wieder betrat und sowol als Sänger wie als Schauspieler Beifall erwarb, da seine Sprache nach und nach von allem Dialekt frei geworden war. Er verband sich nun mit der Schauspielerin Renner zu mehren Kunstreisen in und außer Deutschland und übernahm hierauf nacheinander die Direktion der Bühnen von Würzburg und Bamberg, die Regie des Theaters in Hannover und die Leitung des Theaters in Prag, von wo er wieder nach Hannover zurückkehrte. Hier verheirathete er sich > mit der beliebten Schauspielerin Julie Göhring. In der Oberleitung der Bühne bewährte er so viel Geschäftskenntniß und praktische Einsicht, daß er als Direktor des Hofburgtheaters nach Wien berufen wurde. Als solcher hat er das Verdienst, in einer Zeit, wo von einer Reformation der Bühne im höhern Kunstsinn überall nicht die Rede sein kann, den Ruf des seiner Leitung untergebenen berühmten Instituts gewahrt zu haben. Als dramatischer Schriftsteller hat er durch die scenische Bearbeitung der Schiller'schen Ballade „Der Gang Holberg 237 nach de», Eisenhammer" unter dem Titel „Fridolin", sowie durch seine Bearbeitungen der Dichtwerke Anderer, z. B. mchrer Dramen von Caldcron, der „Brüder" des Term;, namentlich aber des „Käthchen von Heilbronn" von H. von Kleist bewiesen, wie sehr er es verstehe, bühnengerecht ;u schreiben. Geringere Verdienste hat er als Originaldramendichter, doch gefielen „Das Turnier von Kronstein" (>822), „Der Doppelgänger" (Hannov. l 83.1), „Maria Petcmbcck" (Hannov. 1833) u. s. w. Seine Stücke erschienen unter den Titeln „Theater" <2 Bde., Rudolst. 181l); „Neuestes Theater" (Bd. I —5, Pcsth 1822 —23; Bd. I; neue Allst., >835) und „Dilcttantenbühne"(Bd. I, Wien 1826). — Seine zweite Gattin, Iulievon H., gcb. Eöhring, geb. zu Hannover 18M>, die Tochter des Hof- schauspielers Göhring, betrat 1818 die Bühne in Hannover und fand zur Zeit ihrer Blüte auf ihren mannichfachcn Kunstrciscn überall verdienten Beifall. Holberg (Ludw., Freiherr von), der Schöpfer der neuen dän. Literatur, geb. am 6. Nov. 1684 zu Bergen in Norwegen, studirtc zu Kopenhagen Theologie und wurde dann Hauslehrer. Seine» Vater, der sich vom gemeinen Soldaten zum Obersten aufgeschwun- gen hatte, sowie seine Mutter hatte ihm der Tod entrissen, als er noch auf der Universität war. Trotz der bedrängten Umstände, in welche er hierdurch versetzt worden war, gelang cs ihm doch, sich durch Unterricht so viel zu erübrigen, daß er nach und nach Holland, Deutschland, Frankreich und .dann auch England besuchen konnte. Nach Kopenhagen zurückge- kehrt, lebte er dort wieder einige Jahre als Sprachlehrer, wurde dann außerordentlicher Professor und erhielt den Auftrag, die deutschen Universitäten zu besuchen, ging aber nach Paris, wo er von 1714— 15 wissenschaftlich sehr beschäftigt lebte. Im I. 1718 wurde er Professor der Metaphysik und 1726 Consistorialassessor und Professor der Bcredtsamkeit zu Kopenhagen. Jetzt sing er an, sich in der Satire zu versuchen, in welcher Juvcnal ihm als Muster vorschwebte. Er schrieb zunächst das heroisch-komische Gedicht in Jamben, „Peder Paars" (l 716—26; deutsch von Scheibe, Kopcnh. >764), das ihn schnell in Nus brachte. Demselben folgten „Hans Mikkclsens fire Skjemtedigte" (1722) und später „Hans Mikkelsens Metamorphosis ellcr Forvandlinger" (1726). Ein Zufall brachte ihn darauf, für die Bühne zu arbeiten, wo er den eigentlichen Wirkungskreis für sein großes Talent fand. Schnell hintereinander schrieb er eine große Anzahl Lustspiele, die unter dem Titel «Hans Mikkelsens Comedier" (7 Bde-, >723—64; deutsch, 5 Bde., Kvpenh. und Lpz. 1759—78; und in einer Auswahl von Ohlenschlägcr, 4 Bde., Lpz. 1822—23) erschienen, auch ins Schwedische und Französische übertragen wurden und sämmtlich großen Beifall fanden. Durch sie wurde er der Stifter der komischen Bühne der Dänen. Auch sichern die lebendige kräftige Laune, der gediegene Scherz und die originellen Charaktere seiner Lustspiele ihm überhaupt in der Reihe echter Lustspieldichter unter den Neuern einen der ehrenvollsten Plätze. War auch Vieles nur auf seine Zeit und die damalige Bildungsstufe seines Volks berechnet, so zeigt es doch von dem wahren und echt komischen Charakter seiner Stücke, daß sie noch immer gern gesehen und gelesen werden. Auch sein satirisch-humoristischer Roman „Nils Klim's unterirdische Reise", in lat. Sprache, der gleich nach seinem Erscheinen in mehre Sprachen übersetzt wurde (deutsch von Mylius, Bresl. l 7 88, und von Wolf, Lpz. 1829; dänisch von Baggesen, 1789, und von N. Dorph, mit historisch-literarischen Erläuterungen von Werlauff, 1841) brachte ihm großen Ruf. Als Geschichtschreiber hat H., indem er zuerst mit daran dachte, den gehäuften Stoff in eine entsprechende Form aufzunehmen, ebenfalls bleibende Verdienste sich erworben; namentlich wird seine „Geschichte Dänemarks" (3 Bde., zuletzt 1762 — 63, 4.) wegen der lebendigen Darstellung sehr geschätzt; auch seine „Allgemeine Kirchengeschichte" (2 Bde., 1738— ^O, 4.), die „Jüdische Geschichte" (2 Bde., 1742, 4.) und seine „Vergleichenden Lebensbeschreibungen berühmter Helden und Heldinnen in Plutarch's Manier" (4 Bde., Kopcnh. 1753—57) sind noch immer zu gebrauchen. In der moralisch-populüircn Darstellung, wie sie damals gäng und gäbe war, versuchte er sich in den sogenannten „Episteln" (5 Bde., 1748—54), welche manche Eoldkörner der Reflexion enthalten, während die „Moralischen Fabeln" (1751) kaum seines Namens werth sind. Seit 1747 in den Freiherrnstand crho- ^n, starb er am 27. Jan. 1754 und vermachte den bedeutendsten Theil seines Veyrnögens Eonv. - «ex. Neunte Aufl. VII- 17 258 Hölderlin der Nitterakademie zu Soröe. Er war seinem Charakter nach Engländer, in Hinsicht sei, nes Geschmacks und seiner Bildung aber Franzose. Obschon nie verheirathet, ging er doch sehr gern mit Frauen um. Eine kritische Behandlung der Schriften H.'s wurde zuerst von K. L. Rahbek und Nyerup versucht; die von ihnen veranstaltete Sammlung von H.'s „Udvalgte Skrifter" (2l Bde., Kopenh. 1800 - >4), obwol nicht allen, am wenigsten strenger» kritischen Federungen entsprechend, enthält doch in den Einleitungen viele Me, namentlich literarhistorische Bemerkungen. Auch machte sich Rahbek durch das Werk „Om Holberg som Lystspildigter og om Hans Lystspil" (3 Bde., Kovenh. >81',—>7) um H. verdient. A. E. Boye ließ sich mit großem Fleiß und mit kritischem Scharfsinn der Wie- derherstellung der echten Texte in den Ausgaben von H.'s „Lustspielen" (7 Bde., I8Z2) und „Peder Paars" (1832) angelegen sein, und auch seine „Holbergiana oder Kleine Schriften von und über H." (3 Bde., I832—35) enthalten manche interessante Sachen. Eine vortreffliche historische Erläuterung gab E. C. Werlauff in den „Historiske Anteg- nelser til L. H.'s Lystspil" (Kopenh. >838). Eine Holberg-Gesellschaft wurde in Kopenhagen 1842 gestiftet, und bereits hat sie eine kritisch-erläutcrtc Ausgabe von H.'s „Lustspielen" (Bd. I, Kopenh. >843) begonnen. Hölderlin (Joh. Christian Friedr.), ein durch sein unglückliches Schicksal wie durch die großartige Erscheinung seines ursprünglichenTalents merkwürdiger Dichter, wurde am 29. März >770 zu Neidlingen im Würtembergiscben, nach Andern zu Lauffen geboren. Nachdem er in Tübingen seine theologischen Berufsstudicn, deren Wahl nicht mit seiner Neigung zusammenzuhängen schien, vollendet hatte, übernahm er in Frankfurt am Main eine Stelle als Hauslehrer, faßte aber eine höchst unglückliche Neigung zu der von ihm als Diotima vielfach gefeierten Mutter seiner Zöglinge, die, von gleicher Gefühlsschwärmmi hingerissen, seine Neigung begünstigte. Dieses Verhältniß mußte den krankhaften Widerspruch, in welchem sich H. zur Außenwelt befand, bis zum Äußersten steigern, und nährte in ihm jene gereizten Stimmungen, aus denen sich der noch in Frankfurt vollendete Roman „Hyperion" entwickelte. Von hier wendete er sich nach Weimar und Jena, wo Schiller, der sein Talent schätzen gelernt hatte, sich bemühte, ihm eine Professorstelle auszumitteln. Dieser Plan scheiterte jedoch, worauf sich H. nach der Schweiz, wo er besonders mit Lava- ter in freundschaftliche Verbindung trat, und von da nach Bordeaux begab, wo er abermals eine Hauslehrerstelle um so lieber annahm, da sich in ihm ein tiefer Überdruß am deutsche» Wesen und Leben festgesetzt hatte. Hier scheint er, nach Art so mancher mit sich, derAnßen- welt und zumal den deutschen ihnen widerwärtigen Verhältnissen zerfallenen Genies, eine» Selbstvernichtungsproceß begonnen und, um seinen inner» Schmerz zu betäuben, dmck Sinnenrausch und Ausschweifungen gegen sich selbst gewüthet zu haben. In Bettlertrachk, ein unverkennbares Bild geistiger und körperlicher Zerrüttung, erschien H. plötzlich wieder in Deutschland, hatte jedoch, neben Anfällen von Wuth und Raserei, auch seine lichte» Momente, in denen er eine Übersetzung des Sophokles unternahm, wovon zwei Stücke, die „Antigone" und „König Ödipus" (> 804) erschienen sind. An die von geistiger Abspam nung zeigende, zum Theil seltsame Übersetzung schließen sich Anhänge, in denen sich aus Tiefstnn und grauenhaftem Wahnsinn ein Chaos gestaltet hat, wie cs in der Art noch me in Wort und Schrift zur Öffentlichkeit gefördert worden. In das Klinikum ausgenommen, aber nach zwei Jahren als unheilbar wieder entlassen, lebte er seitdem in Tübingen in dem Hause eines Tischlers, durch den höchsten Grad der Nervenzerrüttung zu einer zusammenhängenden Auffassung und Betrachtung der Dinge und Erscheinungen vollkommen unfähig, obschon fortdauernd beschäftigt, in der Form meist sehr regelrechte, dem Zuhalte nach sinnlose Oden niederzuschreiben. Er starb zu Tübingen am 7. Juni >842. Das Vollendetste, was H. geschaffen, sind seine „Lyrischen Gedichte"(herausgegeben von Schwab und Uhland, Stuttg. 1820; neueAusg., Stuttg. > 843), die durch seltene Glut der Phantasie, durch Tiefe und Fülle der Gedanken und geniale Anschauung ihren Werth für immerbe- baupten werden. Großartig der Anlage nach, voll tiefer Gedanken und erhabener Kraft, die sich jedoch bis zum Krankhaften und Gewaltsamen steigert, aber ohne künstlerische Umgrenzung und in innerlichen chaotischen Seclenzuständen wühlend, erscheint sein Roman „Hyperion, oder der Eremit in Griechenland" (2 Bde., Stuttg. >7 97—99; 2 . Aust-, >822-, f- V m l- T E v in U fe st er ko R »i hc di ch la A »e wi du tei bi, B ge nn fei de> sto H- re> de> ka, sca sar Holland Holland (Henry Rich. Bassall, Lord) 259 w»rin sich namentlich ein Haß gegen alles deutsche Wesen ausspricht, wie er sich mit gleicher fast wahnsinnähnlicher Heftigkeit bei keinem andern Dichter Luft gemacht hat. H. rieb sich in Folge der schiefen Stellung auf, in welche er sich durch seine rein idealen altgricch. Anschauungen mit der modernen, namentlich der deutschen Welt, versetzt sah. Holland wird im weitern Sinne oft die frühere Republik der sieben vereinigten Provinzen und das gegenwärtige Königreich der Niederlande (s. d.) genannt; im engern Sinne aber versteht man darunter die nordwestlichste Provinz dieses Königreichs, welche, fast ganz dem Umfange der alten Grafschaft Holland entsprechend, im Norden an das Deutsche Meer und die Zuydersce, im Osten an die Zuydersee und die Provinzen Utrecht und Geldern, im Süden an die Provinzen Nordbrabant und Seeland, im Westen an das Deutsche Meer grenzt, und bei einem Flächeninhalt von !> i/r OM. eine Bevölkerung von fast ekner Million Seelen enthält. Die Provinz zerfällt in zwei Gouvernements, von denen Nordholland, zu dem auch die Inseln Terschelling, Vlieland und Texel im Deutschen Meere, und Marken und Wieringen in der Zuydersce und einige kleinere gehören, 42 mM., mitdenStädtenAmsterdam (s.d.), Hart em(s.d.) und Alkniaarss.d.); und Südholland, 52'/, OM. mit den Städten Haag (s. d.), Leyden (s. d.), Rotterdams. d.), Dordrecht (s. d.) und Gorkum (s. d.) enthält, von welchen jenes im J. >844 456,047 E. und dieses 541,228 E. zählte. H. war in den ältesten Zeiten im Süden von Bata- vern (s. d.), im Norden von Friesen (s. d.) bevölkert; jene wurden schon im 5., diese erst im 8. Jahrh. von den Franken unterworfen, wobei jedoch die letzter» immer eine gewisse Unabhängigkeit bewahrten. Das Land, anfangs zu Lothringen gehörig, wurde durch Grafen regiert, unter denen die von Vlaardingen immer mehr Ansehen gewannen, ihre Herrschaft immer weiter ausdehnten, besonders über das friesische Nordholland, bis sie zuletzt zu erblichen Herrschern von ganz H. und reichsunmittelbar wurden. D ijrk l., gest. 665, soll zuerst die Grafschaft H. von Karl dem Einfältigen als erbliches Lehn erhallen haben ; doch kommt erst unter dem Grafen Dijrk V. der Name der Grafschaft H. urkundlich vor. Die Regierung dieser Grafen, die neben mancherlei innern Kämpfen in unaufhörliche Fehden »nt ihren Nachbarn verwickelt waren, wobei sie sich als Anhänger der dem fränk. Kaiser- Hause feindseligen Partei bewiesen, bietet keinen Moment von historischer Wichtigkeit, selbst die Wahl Graf W i lh c l m 's II. im I. 12 17 zum deutschen König kann nicht für einen solche» gehalten werden. Sie erwarben im Laufe der Zeit Seeland und Theile von Westfries- laud, und starben >266 aus. Das Land siel nun durch Erbschaft an Johann II. von Avesnes und Grafe» von Hennegau. In der Mitte des 14. Jahrh. entstanden große innere Unruhen, veranlaßt durch den Streit zwischen Margaretha, der Gemahlin Kaiser Lud- wig's des Baiern, welcher nach ihres Bruders, des Grafen Wilhelm'« IV. Tode, das Land durch Erbschaft zugesallen war, und ihrem Sohne Wilhelm V. Es bildeten sich zwei Parteien, die Hoeks (s. d.) und die Kabeljaus, deren Streitigkeiten nicht eher aufhörten, als bis das Land, »ach vielen Kämpfen um dessen Besitz, nach dem Stur; der letzten Erbin und Besitzerin desselben aus bair. Stamme, der Gräfin Jacobea, 1436 an Philipp den Gütigen von Burgund siel. Bon nun an theilte es die Schicksale der burgund. Lande. (S.B u r- gundund Niederlande.) Die innern Verhältnisse anlangend, war die Verfassung der Grafichaft H. wie in den benachbarten Staaten; die Städte wurden im 12. und 13. Jahrh. mächtig und blühend, der Handel war lebhaft und viele Tuchfabriken im Gange. Die Grafen von H. hatten eine bedeutende Seemacht, die Küstenbewohner waren zum Dienst auf der Flotte verpflichtet und die Dörfer deswegen in Rudcrzahlcn vertheilt. Holland (Henry Nich. Vassall, Lord), ein ausgezeichneter Charakter der brit, Aristokratie, geb. am 23. Nov. 1773, war der einzige Sohn von Stephan Fox, zweitem Lord H-, und der Neffe des berühmten Charl. James Fox (s. d.). Da er zeitig die Altern verloren, so übernahm seine Erziehung Graf Fitzpatrick, der Bruder seiner Mutter. Nach beendeten Studien zu Eton und Oxford bereiste er das Festland und.machte in Italien die Bekanntschaft mit Elisabeth Vaffall, der Gemahlin Sir Godfrey Webster's, die er nach einem standalvollen Ehescheidungsproccsse auch heiratheke. Bei seiner Rückkehr nahm er im Jan. 1798 als Lord im Oberhause Sitz und zeigte sich sogleich, von einfacher aber edler Beredt- ftmkrit unterstützt, als entschiedenen Vertheidigcr und Stimmführer einer freisinnigen Poll* 260 Holländer litik. Gleich seinem Oheim Fox widersctztc er sich besonders dem von der Aristokratie betrie- denen Kampfe gegen die franz. Revolution und tadelte die verfassungswidrigen Maßregel», mit denen man die Unzufriedenheit des Volks unterdrückte, ohne dessen Beschwerden zu be- rücksichtigen. Mit vielen andern tüchtigen Männern hielt er schon damals die Abstellung der ungeheuren Mißbrauche nur durch eine Parlamentsrcform für möglich. Ebenso war er gegen die Union von Irland, welche das Ministerium bloß durch eine grobe Bestechung durchsetzte. Als endlich >802 der Friede zu Amiens geschlossen war, reiste H., von dein varlamentarischcn Kampfe in seinem überdies reizbaren Körper zerrüttet, nach der pyrenäi- schen Halbinsel, wo er während eines dreijährigen Aufenthalts die span. Literatur und Geschichte studirte. Die Früchte seiner Muse waren die trefflichen Biographien von Guillen de Castro und Lope de Vega (Lond. 1805; 2. Aust., 2 Bde., >817), und die Übersetzung dreier span. Komödien (Lond. > 8»7). Nach seiner Rückkehr zeigte er sich auch wieder in den Reihen der Opposition. So unterstützte er lebhaft den Antrag auf Anklage des Colo- nialministers Melville, der mit außerordentlicher Willkür sein Amt führte. Im I. 18«>8, nach dem Tode Pitt's, trat H. als Staatssecretair in das sogenannte Ministerium der Talente. Als sich aber mit Fox s Tode, am > 5. Scpt. 1800, die Unterhandlungen mit Frankreich zerschlugen, schied er ebenfalls aus und führte nun 2 t Jahre hindurch ohne Ermüdung den Kampf gegen die torystische Politik. Im I. 1808 erhob er sich mit Wärme für die Emancipation der Katholiken (s. d.) und betrieb zugleich die Unterstützung des span. Freiheitskampfs. In allen wichtigen Fragen jener Zeit, wie >811 in der Sache der Dissenters (s.d.), >815 bei der Verhandlung über die Criminaljustiz, >811 in der Diskussion über Aufhebung der Sklaverei u. s. w. verfocht er die Grundsätze der Freiheit undHu- manität. An den Verhandlungen des Congrcsses zu Wien im I. 181 1 nahm er als Pri- vatmann einen so lebhaften undfreimüthigenAntheihdaß ihm die Weisung zu Theil wurde, sich aus Wien zu entfernen. Wenn er auch gerade jetzt gegen die durch den Tieg befestigten Tories nicht einmal die Aufhebung der Ausnahmegesetze durcbzusetzcn vermochte, so machte er sich doch seinen politischen Gegnern durch schneidenden Sarkasmus und eine nie ruhende Opposition furchtbar. Als sich im März >818 Montholon und Tantini beim Parlament über die rohe Behandlung des Kaisers Napoleon auf St.-Helena beschwerten, drang H. auf die Mittheilung der bezüglichen Aktenstücke durch die Minister, mußte aber auch diesen Antrag von der Mehrheit verworfen sehe». Dafür suchte Lady H. das Loos des Gefangenen durch Zusendung von Bückern, Zeitschriften und mancherlei Bequemlichkeiten zu mildern und empfing dafür vom Kaiser ein altes Juwel, das derselbe einst vom Papst Pius VI. bei Abschließung des Waffenstillstandes von Tolentino zürn Geschenk erhalten hatte. In dem berüchtigten Proceffe gegen-die Königin Karoline Amalie Elisabeth (s. d.) sprach H., wie gewöhnlich, gegen das Ministerium. Endlich 1850, als das Neformministeriui» unter dem Grafen Grey (s. d.) zu Stande kam, trat auch H. wieder in die Verwaltung ein. Seiner gestörten Gesundheit wegen konnte er jedoch kein Portefeuille übernehmen, sondern man ernannte ihn zum Kanzler des Herzogthums Lancaster, durch welche Sinekure er das Recht eines stimmfähigen Mitgliedes im Cabinetsrath erhielt. In dieser Eigenschaft nahm er auch an dem Ministerium Melbournes), d.) Theil. In der letzter» Zeit ergriff H. im Parlamente seltener das Wort; im Cabinetsrath vertrat er mit Clarendon in der Lrient. Frage das freundschaftliche Nerhältniß zu Frankreich. Der Kunst und Wissenschaft ebenso zugeneigt wie der Politik, war sein an Kunstschätzen reiches Haus ein Sammelplatz von Künstlern und Gelehrten. H. starb am 22. Oct. 18-10 zu London. Er schrieb eine Biographie seines Oheims Fox, die er mit dessen Werke „ttistor)- oktkie «ar!)- psrt oktde reign ntHug äsme« II." (Lond. >808) veröffentlichte; auch ist er der Herausgeber der „Vlemoins vs VVglklegruve" (2 Bde., Lond. 1822). Seine Kinder führen denNamenVas- fall, den er von seiner Gemahlin entlehnte, nicht mehr, sondern haben den väterlichen Familiennamen Fox wieder angenommen. — Sein Sohn, Henry Edw. Fox, Lord H-, brit. Oberst, ist mit einer natürlichen Tochter König Wilhelm's IV. vermählt. Holländer nennt man eine nach holländ. Art eingerichtete Maschine in den Papiermühlen, welche hie Lumpen mittels einer mit eisernen Schienen beschlagenen Walze meinem Troge vollkommener zermalmt und reinigt, als eS durch Stampfen geschehen kann. Holländerei Hölle 201 II, Hoüättderei nennt man eine auf Holland. Art eingerichtete Milch- und Käsewirth- ie> , schaft oder die von einem Holländer unternommene Pachtung des Melkviehes einer Guts- iig wirthschaft, oft auch nur die Gebäude und Anstalten eines Gutes für Butter- und Käse- ar bcrcittmg. ng Hollar (Wenccsl.), einer der geistreichsten .Kupferstecher, geb. >607 zu Prag, der i» Sohn einer wohlhabenden Familie, war ursprünglich zum Nechrsgelehrtcn bestimmt, ü- Als aber seine Familie in Folge der Theilnahmc für Friedrich V. von der Pfalz verarmt, >e- ging er, nach der Schlacht am Weißen Berge, seiner Neigung zur Kunst folgend, >720 en j nach Frankfurt zu Matthäus Mcrian, unter dessen Leitung er sich zum Kupferstecher aus- ng bildete. Bereits >625 gab er seine beiden ersten Blätter, eine Jungfrau mit dem Kinde i» und ein Loce Iwm« heraus. Dan» durchreiste er Deutschland und stach Ansichten der lo- vorzüglichsten Städte, wie Strasburg, Frankfurt, Köln, Main; u. s. w., die allgemein bc- 16 , ' wundert wurden. In Köln traf er I 666 mit dem Grafen Arundcl zusammen, der vom ia- brit. Hofe als Gesandter an den kaiserlichen Hof geschickt, ihn als Kunstfreund in seine ik- Dienste nahm. In London stach er nun zunächst einige Platten nach Gemälden der ng Arundel'schen Galerie, > 668 bei Gelegenheit des Besuchs der Maria von Medici in Eng- dii land verschiedene Bildnisse der königlichen Familie und das des Grafen Arundel zu Pferde, >es >666 die bewunderten 28 Blätter des „Ornatn« »»»liebriz un^Iicuiius", denen er >642— )cr > 4 die übrigen weiblichen Trachten bei den verschieden»» europ. Völkern folgen ließ. Seine ns- Arbeiten unterbrach der Ausbruch des Bürgerkriegs; als Royalist im I. > 646 gefangen iu> gesetzt, folgte er nach seiner Befreiung dem Grafen Arundel, der sich mit seiner Samm- ri- lung nach Antwerpen gerettet hatte. Hier blieb er mehre Jahre und stach anfangs wieder dt, Einiges aus des Grafen Galerie; als aber dieser seiner Gesundheit wegen nach Italien len ging, mußte er, um seinen Unterhalt ru gewinnen, zu bestellten Arbeiten für Kunsthändler bte seine Zuflucht nehmen. Im I. > 662 ging er zwar nack England zurück; doch gelang es ,de j ihm auch hier nicht, in eine bessere Lage zu kommen, obschon die Restauration Karl s II. mt wieder mehre seiner Freunde in die Höhe brachte. Als vollends die Pest und die Fcuers- mf brunst, welche London verwüsteten, aller Kunstübuug ein Ende machten, gcrieth er, trotz ln- seines unermüdlichen Fleißes, ins tiefste Elend. Zwar wurde er mit dem Titel eines könig- icn lichen Zeichners nach Afrika gesendet, um die Stadt Tanger mit ihrem Fort und der Umge- mi gend aufzunehmcn, aber der Lohn, den er dafür erhielt, bestand nur in >66 Pf. Stert, bli Seit >672 bereiste er den Norden Englands, wo er verschiedene Städte zeichnete. Seine em letzten Jahre brachte er in dem traurigsten Zustande und in tiefster Armuth zu, und man ach erzählt, daß kur; vor seinem Tode seine Gläubiger an dem Einzigen, was er noch besaß, in» seinem Bette, sich bezahlt machen wollten. Er starb am 28. März 1677. Seine Kupfer- nig stiche, theils nach älter» und gleichzeitigen Meistern, wie Holbcin und van Dyk, thcils nach en, seinen eigenen Zeichnungen gearbeitet, zeigen von Geist, Feinheit und mit wcnigenMittelir i,re erreichter Naturwahrheit. Ein Katalog seiner Werke erschien zu London 1818. ast Hölle, abzuleitcn von Hel (s. d.), der Herrscherin des Schattenreichs, bezeichnet riff diejenige Abthcilung der Unterwelt (sid.), in welche nach der Meinung des Alterthums dir die Seelen der bösen Menschen zur Bestrafung kommen sollten, und deren Beschaffenheit dacht , her die Phantasie bei verschiedenen Völkern verschieden ausmaltc. Bei den Griechen und latz Römern hieß diese Abtheilung der Unterwelt der Tartarus (s. d.). Die Hebräer hatten nie diefen Begriff noch nickt; er bildete sick erst bei den Juden nach dem babylonischen Exil, liio Jetzt erst sing man an, die Unterwelt (Scheel) in zwei Tbcilc getheilt zu betrachten, und der nannte nun die Abtheilung für die Seelen der guten Menscken, die von allen Strafen frei ch- sein würden, Paradies (s. d.), die Abtheilung der Unterwelt aber für die Seelen der Bö- Ha- sin Gchenna, eigentlich Ge-Hinnom, nach dem Thale Hinnom bei Jerusalem, wo die H, unreinen Thierc und die Gebeine der Missethäter hingcworfcn und verbrannt wurden. Besonders betrachtete man das Feuer als Strafe der Bösen, daher die Hölle als ein feuri- er> ger Pfuhl, als ein Sec voll Schwefel und Feuer gedacht wurde, für dessen Öffnungen man ei- später die Vulkane ansah. Luther hat in der deutschen Bibel das Wort Hölle oft da gebraucht, wo Scheol oder Hades steht, was die Unterwelt überhaupt bezeichnet. Nach der Berichtigung der alten Vorstellung von Himmel und Erde dient Hollem der neuern V». 262 Höllenmaschine Hollunder 1 '^ Theologie zur Bezeichnung des unglückseligen Zustandes der Seelen böser Menschen nach dem Tode zu ihrer Bestrafung und Besserung. Höllenmaschine heißt in der Kriegskunst ein mit Pulver, Bomben und andern Schuß» und Brandgerüchen ausgerüstetes Fahrzeug, das man gegen Brücken, Häfen, Dämme und dergleichen treiben läßt, wo es gewöhnlich durch Anstoß von selbst explodirk und dadurch Verheerungen anrichtet. Der Italiener Gianibelli (s. d.) bediente sich in der Belagerung von Antwerpen gegen den Herzog von Parma zuerst solcher Höllen, oder Sprungmaschinen. Seit dem Attentate auf das Leben des Consuls Bonaparte hat jedoch das Wort eine weitere Anwendung gefunden. Als nämlich Bonaparte am 24. Dec. 180« gegen Abend, umgeben von den Generalen Bessieres, Lannes und Berthier, ins Opernhaus fuhr und sein Wagen im vollen Laufe von dem Carrousselplahe in die Straße St.-Nicaise einlenkte, schob sich zwischen denselben und die vorausreitende Escorte der Consulargarde ein kleiner einspänniger Karren ein, den jedoch der stark berauschte Kutscher Bonaparte'S durch eine verwegene Wendung ohne Anstoß und Aufenthalt umfuhr. .Der Zug hatte dar Hinderniß kaum hinter sich, so explodirte der Karren. Er war mit zwei durch Eisenreifcn zusammengehaltenen Pulverfässern, Bomben und Kugeln beladen gewesen und hatte eine furchtbare Verheerung angerichtet. Die beiden nächsten Häuser waren zertrümmert, tt andere beschädigt, acht Menschen getödtet und 18 mehr oder weniger verletzt worden. Auch der Wagen des Consuls wurde in die Höhe gehoben und an den Fenstern beschädigt, vor dem Umwerfen aber durch das heftige Anziehen der Pferde bewahrt. Bonaparte hatte, wie er in seinem „UemorisIcleZte.-Uölr-no" erzählt, im Wagen geschlafen und geträumt, daß er im Tagliamento, wie es einst beinahe geschehen, ertränke. Als er in Folge der Erschükte< rung auffuhr, befahl er nicht anzuhalten, sondern sofort nach dem Opernhause zu fahren, wo er sich mit gewöhnlicher Ruhe und Kaltblütigkeit benahm. Die Police! ließ zwar sogleich mehre exaltirte Jakobiner verhaften, gelangte jedoch auf keine Spür. Erst als am 26. Dec. die Lohnkutscher von Paris dem Kutscher Bonaparte'S, der das Staatshaupt unwillkürlich gerettet, ein Festmahl gaben, kam der Anschlag zufällig der Enthüllung naher. Einer der Anwesenden meinte im Rausche, daß er uiti die Sache wisse. Sogleich verhaftet, sagte er aus, er habe den explodirten Karren jenen Abend aus dem Thorwcge eines Wagen- Verleihers heraußsahren sehe». Dieser Wagenverleiher gestand nicht nur, daß er das Fuhrwerk bretagnisckcn Schmugglern vermiethet habe, sondern zeigte auch den wiederhcrgestell- ten Karren vor. Auch der Verkäufer des Pferdes wurde entdeckt und versicherte, daß die Käufer desselben Männer aus dem südlichen Frankreich gewesen. Die Police! fand mm durch Spione im Departement Morbihan das Complot auf. Mehre Chouans und Royalisten wurden eingezogen, gestanden die That unter Bedauern des Mislingcns und mußten das Schafot besteigen. Für den eigentlichen Anstifter galt derBandenchcf Cadoudal (s.d.); doch wiesen zugleich Spuren nach England hin. Seitdem nennt man gewöhnlich jedes zusammengesetzte und erplodirende Mordwerkzeug eine Höllenmaschine. Einer solchen bediente sich auch am 28 . Juli 1835, Fieschi beim Attentat auf das Leben Ludwig Philipp s. Hvllensijeilt oder Silberätzstein (l^spi.x inlerimlis, Argentum nitricnin fusum, Omrstiemn I,li>-»-e) wird aus krystallisirtem salpetersaurem Silber bereitet, indem man dasselbe durch Hitze seines KrystallwasserS beraubt und schmilzt, sodaß cs in Stangenform gegossen werden kann, in welcher man eS dann gegen die Luft geschützt aufbcwahrt. Der Höllenstein ist von grauer Farbe und wirkt zerstörend auf organische Substanzen ein, weshalb er in der Chirurgie häufig als Ätzmittel gegen Flcischwuchcrungen, oder um die schlechte Absonderung von Geschwürsflächen zu verbessern, seine Anwendung findet. In Wasser aufgelöst wird er auch innerlich, wiewol sehr selten, besonders gegen Epilepsie gegeben, hat aber dabei oft die unangenehme Nebenwirkung, daß sich die Haut des Körpers besonders an den Stellen, die dem Lichte ausgesetzt sind, dunkel färbt. Hollunder (Ssmbncus niAru), ein durch ganz Europa, auch in Nordasicn wild wachsender, überaus nützlicher Strauch. Die Röhrchen der jungen Äste werden zu allerlei Spielwerk verarbeitet und, mit Pulver gefüllt, zum Sprengen des Gesteins angewendet; die innere grüne Rinde derselben dient geschabt und gleich den frischen Blättern äußerlich aufgelegt als Mittel gegen Kopfweh und Rothlauf. Das Holz der Wurzeln und älter» Holm Holstein 263 Stamme verarbeiten die Drechsler, und namentlich dient es zu Holzzwecken für die Schuhmacher. Die getrockneten Blüten, auch Flieder oder Schibbiken genannt, dienen im Theeaufgusse als schweißtreibendes Mittel gegen den Schaden, den Erkältungen bewirken, und als Gurgelwasscr gegen Krankheiten der Mundhöhle; die reifen Beeren werden zu schmackhaften Suppen benutzt oder zu dickem Mus eingekocht (kool, ssinbuci), das gleich den Blüten als schweißtreibendes Mittel im Volke häufige Anwendung findet. -Holm nennt man jede kleine Insel, vorzugsweise aber in Kopenhagen und Stock- Holm diejenigen, auf denen die Schiffswerstc liegen. HolMllN (James), der berühmte blinde Reisende, war früher Lieutenant in der brit. Marine und machte schon während des Kriegs mit Frankreich große Seereisen, namentlich in den amcrik. Gewässern. In Folge einer klimatischen Augenkrankhcit erblindet, setzte er nichtsdestoweniger seine Reisen, und zwar allein, fort. In den I. 1819—21 bereiste er Frankreich, Italien, die Schweiz und Holland, worüber er in seiner „Kurrutive vk ujttMlle)' etc." (Land. 1822) be-richtete. Nicht lange nachher brach er wieder nach Rußland auf, erreichte aber, von der ruff. Regierung verhindert, nur die südlichen Provinzen und mußte dann zurück. Hierauf umschiffte er Afrika und ging über die Insel Mauritius nach Indien, durchwanderte niedre Thcile der ind. Halbinsel, drang so weit in China vor, als man ihm gestattete, besuchte Cenlon, Madagaskar, darauf im Sommer 1891 Australien, das amcrik. Festlano und kam erst 1832 nach fünfjähriger Abwesenheit in seinem Vaterlande an, wo er „Neue Rciscbemcrkungcn" (6 Bde., Lond. 1834 fg.) her- anögab. Jm J. >843 besuchte er Dalmatien, Montenegro, Bosnien und Serbien, ging 1844 durch die Moldau nach Siebenbürgen, um dann über die Pnrenäcn in sein Vaterland zurückzukehrcn. -Holofernes ist der Name eines in der biblischen Geschichte bekannten Feldherrn des Assyrcrkönigs Ncbukadnezar. Als er Bethulia in Niedergaliläa belagerte, kam eines Tages Judi'th (s. d.), die junge Witwe Manassc's, aus der hartbedrängten Stadt zu ihm ins Lager, spielte dieVerräthcrin und Buhlerin und verlangte endlich sogar, die Nacht mit ihm zuzubringcn. Da stellte H. einen Schmaus an, als er aber trunken und cingeschlafcn war, hieb Judith ihm den Kopf ab, eilte damit zur Stadt und ließ mit Tagesanbruch ihre nun ermuthigten Mitbürger einen Ausfall macken, in welchem die führerlosen Assyrec gänzlich geschlagen wurden. Holothurien sind eine Gattung wurmähnlichcr, doch sehr verschiedenartig gestalteter, am Vorderende um den Mund mit Kiemen versehener Strahlthiere, die sich häufig an den Küsten der heißen Meeresstriche Asiens und der Südsee finden. Getrocknet bilden mehre Arten derselben unter dem Namen Tripang oder Trepang einen bedeutenden Handelsartikel für Indien und China, wo sie, als Apbrodisiacum betrachtet, bei keinem Gastmahle fehlen dürfen. Holstein, ein Hcrzvgthum in Norddcutschland, wird im Norden von Schleswig, von dem es durch die Eider und dem schleswig-holsteinischen Kanal getrennt ist, und der Ostsee, im Osten von der Ostsee, dem lübcckischen Gebiete und dem Herzogthum Lauenburg, im Südwcstcn vom hamburgischen Gebiet und dem Königreich Hannover, von dem es durch die Elbe getrennt wird, und im Westen von der Nordsee begrenzt. ES schließt grvßtentheils das als Enclavcn in demselben gelegene Fürstcnthum Lübeck (s. d.) in sich, enthält ohne letzteres einen Flächcnraum von 133 OM-, hat eine Bevölkerung von 489<>t»ll E., welche plattdeutsch sprechen, und zerfällt seiner Bodenbeschaffenhcit nach in das Marschland (s. d.) und das Geestland (s. d.). Unter jenem versteht man den Strich angeschwcmmten und durch Deiche gegen die Fluten der Elbe und der Nordsee geschützten Landes, der, einige Meilen unterhalb Hamburgs beginnend, längs der ganzen Westgrenzc des Landes nordwärts bis nach Schleswig sich hinzieht und an den breitesten Stellen eine Breite von zwei Meilen hat; unter letzterm aber den übrigen höher gelegenen Thcil des Landes. Dieser bildet eine von sanften Hügeln unterbrochene und in ihrer Mitte von Norden nach Süden von einer haidigen und sandigen nieder» Höhe durchzogene wellenförmige Ebene, die sich von jenem Höhenzuge nach Osten und Westen abdacht. Der Boden des Landes ist, mit Ausnahme weniger Sand - und Haidestrcckcn, sehr fruchtbar, namentlich 264 Holstein im Westen und am üppigsten in den Marschen. Er wird von mehren Flüssen und reizen- den Seen, besonders in dem östlichen Theil, bewässert. Von jenen erwähnen wir, außer - der Eider und Elbe, als den Grenzflüssen, nur die Alster, Pinne, Stör und Brame, welche in die Elbe, und die Trave, welche in die Ostsee mündet. Von den Seen sind die bedeutendsten der Plöncr-, Scelenter-, Eutiner-und Westcnsec. An der Nordgrcnze verbindet der schlcswig-holstein. Kanal die in die Nordsee mündende Eider mit der Ostsee. Klima und natürliche Beschaffenheit des Landes kommen sowol in den Marschen wie in der Geest mit denen der entsprechenden Gegenden des übrigen nördlichen Deutschlands überein. Das > Land liefert Salz und Kalk, sonst aber keine Mineralien; an der Ostsee findet man Bernstein und im Innern viel Torf; Feldfrüchte aller Art werden im Überfluß erzeugt, auch schöne Waldungen, meist aus Buchen bestehend, finden sich besonders in der östlichen Hälfte; . ebenso findet sich ein Überfluß an Pferden und Rindern, und in den verschiedenen Gcwäs- ! fern an Fischen. Die Fabrikthätigkeit des Landes ist unbedeutend, dafür sind Ackerbau und ! die Viehzucht desto blühender, welche den wichtigsten Gcwerbszwcig im Lande bilden und mit ihren Produkten die Hauptartikcl der bedeutenden Ausfuhr liefern. Nicht unansehnlich sind der damit zusammenhängende gesammte Handel und die Nhederei in den Hafenstädten. Der innere Verkehr wird nächst den in neuerer Zeit verbesserten Straßen durck eine Eisenbahn von Altona nach Kiel befördert. Vgl. Schröder, „Topographie des Herzogthums H." (2 Bdc., Oldenb. 1841). H. bildet mit Schleswig (s. d.)cine staatsrechtliche und administrative Einheit, die, obwol durch den Negentenstamm zeithcr und noch gegenwärtig politisch und zum Theil auch administrativ, wie in der Finanz- und Kriegsverwaltung, mit Dänemark (s.d.) verbunden, doch keinen wahrhaften Staat mit diesem ausmacht, und in Folge einer von dir dän. verschiedenen Regierungserbfolgc von Dänemark wieder getrennt werden kann. Außerdem bildet H. für sich mit Lauenburg (s.d.) auch einen Theil des Deutschen Bundes. ^ Die Regierung des Landes ist monarchisch, nur durch bcrathende Provinzialstände de- , schränkt. Dieselben bestehen aus einer Virilstimme des Hess. Fideicommisses, zwei aus dir Geistlichkeit, einem aus der Landesuniversität zu Kiel und vier aus der Ritterschaft vom König-Herzog ernannten Mitgliedern und neun Abgeordneten der Ritterschaft, Ikder Städterund l 6 der Bauern, die sich alle zwei Jahre zu Itzehoe versammeln, das Recht zu Anträgen, Bitten und Beschwerden und zur Reparation der Steuern haben, und denen alle allgemeinen Gesetze, welche Veränderungen in Personen - und Eigcnthumsrcchtcn, in den Steuern und öffentlichen Kassen zum Zweck haben, zur Berathung vorgclcgt werden müssen; ihre Sitzungen sind zwar nicht öffentlich, werden aber durch die Presse zur allgemeinen Kenntniß gebracht. Die oberste Landesbehörde ist die schleswig-holstein-lauenburg. Kanzlei in Kopenhagen; unter derselben stehen die Statthalterschaft und die schleswig-hol- stein. Regierung auf dem Schlosse Gottorp bei Schleswig und unter diesen wieder die Unterbehörden. Hinsichtlich der Rechtspflege ist das Oberappellationsgcricht zu Kiel die höchste Justizbehörde für Schleswig, H. und Lauenburg, unter dem das Obergericht und Landgericht in Glückstadt die Mittelinstanz bilden. Zum Behuf dieser Verwaltung ist das Land, das im Mittelalter in das eigentliche H., zwischen Eider, Giesclau, Stör und Schwentine, Wagrien im Osten, Stormarn im Süden und Dith marsch cn (s. d.) im Westen cinge- theilt wurde, von denen„indeß nur das letztere durch seine Privilegien noch eine politische Bedeutung hat, in 21 Ämter eingetheilt, von welchen jedoch >4 Städte und die adeligen Districte mit 147 Rittergütern ausgenommen sind. In kirchlicher Hinsicht zerfällt das Land in acht Propsteien, in deren jeder ein von mehren Predigern unter dem Vorsitze des Propstes gebildetes Konsistorium besteht; über diesen steht das Obcrconsistorium zu Glückstadt, das aus dein dortigen Obergericht mit Zuziehung des Eeneralsuperintendenten und der glückstädter Prediger gebildet wird. In Itzehoe, Preetz und Uetersen bestehen adelige Klöster, die Versorgungsanstalten für adelige Fräulein sind. DicStaatSeinkünfte betragen ungefähr I,2V00vüThlr. Das Herzogthum hat im engern Rathe des Deutschen Bundes die zehnte Stelle und im Plenum drei Stimmen. Als deutsches Vundcscontingent stellt es 3636 M., die zum zweiten Heerhaufen stoßen. In den ältesten Zeiten war H. ganz von deutschen Einwohnern sächs. Stammes be- Holstein 265 völkert; später siedelten sich in der östlichen Ecke vom Kieler Meerbusen bis zur Trave, in Wagrie», Slawen an. Mit den Sachsen überhaupt wurden auch die holsteinischen von Karl dem Großen bezwungen, und das von ihnen bewohnte Stormarn und Dithmarschen (Holstein im cngcrn Sinne) machten den Hauptthcil von Nordalbingien aus, das anfangs als eigene Mark zum Herzogthum Sachsen gehörte, aber schon I >06 von Kaiser Lothar dem Graft» Adolf von Schauenburg, mit Ausnahme von Dithmarschen, als Grafschaft in Lehn gegeben wurde. Die Slawen in Wagrien waren schon im lO. Jahrh. bezwungen und wurden zeitig durch sächs. und flämische Ansiedler germanisirt. Nachdem Graf Adolf II. im > 2. Jahrh. ihr Land völlig erobert, wurde dasselbe mit H. und Stormarn vereinigt. Viele Kriege hatten die Holstein. Grafen mit den Danen und den Slawen zu führen; be- sonders gefährlich waren die erstem; schon hatten sie im Anfang des > 3. Jahrh. unter König Waldemar das ganze Land in ihrer Gewalt, doch durch die Schlacht von Bornhövcd am 22. Juli 1227 wurde dasselbe mit bleibendem Erfolg von dein. Herrschaft befreit. Im Gegentheil gewann H. immer mehr Einfluß auf Dänemark. Graf Gerhard IV., der Sohn Heinrich des Eisernen, erhielt sogar durch die dein. Königin Margarethe 1386 Schleswig in Lehen, das seitdem immer als eine besondere, vom dän. Reiche getrennte Landschaft betrachtet wurde und eS trotz der darüber später geführten langen und blutigen Kriege blieb. Der ganze schauenburger Stamm erlosch 1458 mit dem Grafen Adolf VIII. Die Stände wählten nun 1-160 den Sohn der Schwester Adolfs VIII., den Grafen Christian von Oldenburg, der 1-1-18 auch zum König von Dänemark erwählt worden war. Derselbe er- kannte das freie Wahlrecht der schleswig-holstein. Stände an, das diese auch bis gegen Ende des >6. Jahrh. wirklich behaupteten, und in einer genauen und bestimmten Kapitulation wurden die Freiheiten und Rechte des Landes feierlich versichert; schon zuvor hatte Christian das Versprechen gegeben, daß Schleswig nie wieder mit Dänemark vereinigt werden dürfte, auch wurde festgesetzt, daß Schleswig und H. ewig zusammen und ungetheilt bleiben sollten. Kaiser Friedrich III. erhob I474 H. und Stormarn zu einem Herzogthume und vereinigte Dithmarschen mit demselben, das jedoch erst weit später erobert werden konnte. König Johanni, von Dänemark überließ 1481 Schleswig und H. seinem Bruder Friedrich I., der ihm 1523 als König von Dänemark folgte. Auch unter ihm dauerte das Theilungssystem fort. Seine Söhne, König Christian Hl., gest. >559, von Dänemark und Herzog Adolf, gest. 1586, wurden dieStiftcr der beiden Holstein.Hauptlinien, der königlichen mit ihren Nebenlinien, H.-Sondcrburg-Augustenburg und H.-Sonder- burg-Veck, welche letztere sich seit 1826 H.-Sonderburg-Glücksburg nennt, und der Herzogli ch en oder der Linie H.-Gottorp, aus welcher das jetzige russ. Kaiserhaus und das großherzoglich oldenburg. Haus stammen. Eine Menge Streitigkeiten waren die Folge dieser Theilungen, bis dieselben 1773 dadurch geendigt wurden, daß der Großfürst, nachherige Kaiser Paul I., von Rußland, seinen Antheil an H. dem dän. Königshause gegen die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst überließ, die zum Herzogthum Oldenburg (s. d.) erhoben und der jüngern gottorpschcn Linie von Paul überlassen wurden. An der Spitze der Linie H.-Sonderburg-Augustenburg steht gegenwärtig der Herzog Christian Karl Friedrich Augustss. d.), geb. 1798, an der der Linie H.-Sondcrburg- Elücksburg der Herzog Karl, geb. am 30. Sept. 1813. Übrigens thcilte der königliche Theil, und von 1773 an, mit Ausschluß des Fürstenthums Lübeck (s. d.), das ganze H. die Schicksale der dän. Monarchie, und cs ist nur zu bemerken, daß 1804 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Als durch den Rheinbund die deutsche Neichsverfaffung sich auflöstc, vereinigte der König von Dänemark H. am 9. Sept. 1806 mit dem Königreiche Dänemark, bei welcher Gelegenheit er willkürlich die ständische Verfassung aufhob. In dem großen Kriege von 1613 wurde H., da Dänemark die Partei Napoleon's ergriff, von den Verbündeten besetzt, bis der Friede zu Kiel am 14. Jan. >814 den Feindseligkeiten ein Ende machte. Die wiener Congreßacte erklärte hierauf H. mit Lauenburg für einen Theil des Deutschen Bundes. Schon um diese Zeit begann in Folge der vielen Benachteiligungen, besonders rechtlicher und finanzieller Art, denen das Land durch die Verbindung mit Dänemark ausgesctzt war, in H. das Streben, sich von dieser schwer lastenden Verbindung zu befreien, welches den durchgehenden Faden in der neuesten Geschichte und politischen Ent- 266 Holter Wickelung dieses Landes bildet. Zunächst machte sich dieses Streben nur durch die Bemühungen der Ritterschaft geltend, die alte, sorgfältig verbriefte und gewährleistete, >8l'tz rechtswidrig aufgehobene Verfassung wieder in Kraft zu setzen. Zwar blieben diese Bcmü- Hungen fruchtlos, da der Deutsche Bund, an den sich die Ritterschaft in ihren Streitigkeiten mit der Negierung um Verhelfung zu ihrem Recht wendete, das Gesuch derselben für unstatthaft erklärte, weil die alte Verfassung nicht mehr in anerkannter Wirksamkeit bestehe; allein die Krisis von 1839 brachte jene Bestrebungen ihrem Ziele näher. (S.Lo rufen.) Die Folge aller Bewegungen der damaligen Zeit in H., wie in den übrigen dän. Landen, war das Gesetz vom 15. Mai 1833, welches dem Lande eine provinzialständistbc Verfassung gab. Auf allen seitdem stattgefundcncn Versammlungen der Provinziallandtage war nun der Kampf um die Wahrung der Rechte des Landes gegen die Übergriff! der dän. Regierung und die größere Selbständigmachung desselben die leitende Idee, welcbc die Holsteiner beseelte, und in demselben Grade, wie mit den ständischen Institutionen in Dänemark sich die dän. Nationalität erhob, immer anmaßender wurde und immer größer! Übergriffe gegen die deutsche in den verbundenen Hcrzogthümcrn H. und Schleswig sich erlaubte, erhob sich auch die deutsche Nationalität in diesen, um jene Anmaßungen in ibre Schranken zurückzuweisen und ihre eigene Unabhängigkeit zu fördern. So ist cs dcmi durch die immer wachsende Leidenschaftlichkeit derDänen und die Bestrebungen ihrcrPro- paganda, die mit nichts Geringcrm als Jncorporirung und Danisirung der beiden Ker- zogthümer umgeht, dahin gekommen, daß der entschiedenste Nativnalhaß gegen die Dänen in denselben Wurzel faßte und das Bewußtsein der deutschen Nationalität und das Streben nach Selbständigkeit immer reger wurde. Den Beweis lieferte der Provinziallandtüg von 18-13, der nicht nur eine Menge liberaler Anträge für die innere Hebung und selbständige Entwickelung des Landes faßte, z. B. in Bezug auf allgemeine Wehrpflicht, Zu- stizpflcge, Bank - und Finanzwesen u. s. w., sondern insbesondere auch aufs energischste den von dem dän.Provinziallandtage zu Noeskilde, auf den Vorschlag Algrecn-U ssing' s(s.d.) und unter Beistimmung des Ministers Oersted genehmigten Anträge, der auf eine Aufhebung der Negierungscrbfolgeordnung in den Herzogthümern und Jncorporirung derselben mit Dänemark hinauslief, cntgegentrat und eine völlige administrative und militärische Trennung von Dänemark verlangte. Holte! (Karl von), dramatischer und lyrischer Dichter, gcb. zu Breslau 1797, erhielt seine Erziehung nach dem Tode seiner Mutter im großmütterlichen Hause, wo er indes nur erzogen wurde, kam dann in ein Erziehungsinstitut und von da auf das Magdalcnen- gymnasium, gab jedoch nachher die akademische Laufbahn auf und debutirte 1819 unter dem Jubel der Studenten als Mortimer auf der brcslauer Bühne. Nachdem er in Drce- dcn eine herbe Prüfung erlebt, entsagte er der ausübenden Kunst, vcrhcirathete sich indes mit der beliebten Schausvielerin Luise Rogcc und wurde nun in Breslau als Thcaterse- cretair und Theaterdichter angestellt. Irrungen wegen, in die er sich durch seine Bemühungen, das Auftreten einer von ihm begünstigten Seiltänzerin durchzusetzcn, verwickelt hatte, ging er nach Berlin, wo seine Frau ein Engagement an dem königlichen Hofkhcater erhielt. Hier verfaßte er seine mit größtem Beifall aufgenommenen Liederspielc „Die Wiener in Berlin" und „Die Berliner in Wien"; auch gab er „Gedichte" (Berl. 1826 ) heraus. Nachdem er seine Gattin durch einen frühen Tod verloren, schloß er sich der königs- städter Bühne an, für die er eine große Anzahl von Stücken lieferte, darunter namentlich „Der alte Feldherr" und „Lcnore", die thcils einzeln, thcils in seinem „Jahrbuche deutscher Bühnenspiele" (3 Bdc., Berl. 1829—31) und in seinen „Beiträgen für das königsstadtcr Theater" (2Bde., Wiesb. 1832) gedruckt erschienen. In jener Zeit gab er eine Sammlung seiner „Schlesischen Gedichte" (Berl. 1839) in schlcs. Mundart heraus und hielt öffentliche Vorlesungen klassischer Trauer- und Lustspiele. Mit Saphir verwickelte er sich gleichzeitig in unangenehme Streitigkeiten. Mit seiner zweiten Frau, einer geborenen Holzbechcr, nahm er sodann ein Doppelengagement in Darmstadt an, kehrte jedoch, als sich > 839 die darmstädker Verhältnisse aufgelöst hatten, nach Berlin zurück. Hier machte er den eigenthümlichen Versuch, in seinem Stücke „Ein Trauerspiel in Berlin" den berliner Jargon zum Grunde zu legen, lieferte dem Componisten Gläser den Text zu dessen beliebter Oper „Des Adlers 267 Hölty Horst" und schrieb fürLudw. Devrient das Schauspiel „Der dumme Peter". Im 1.1833 entschloß er sich wieder die Bühne ui betreten, und schrieb zum Zwecke einer Kunstreise mit seiner Gattin eine Reihe kleiner Possen und rührender Schauspiele, unter denen namentlich die Dramen „Lorberbaum und Bettelstab" und „Shakspeare in der Heimat" Glück machten. Im 1.1837 übernahm er die Direction des Theaters zu Riga, wo ihm seine zweite Frau durch den Tod geraubt wurde. Seit 1839, wo er Riga wieder verließ, lebte er nach und nach an verschiedenen Orten, namentlich in Berlin, bis er die Direction der brcslauer Bühne übernahm. In dieser Zeit beschäftigte er sich besonders mit der Herausgabe seiner Lebenserinncrungen und Erfahrungen, welche er in seinen „Briefen aus und nach Grafenort" (Altona 1831), namentlich aber in seinem Werke „Vierzig Jahre" (Bd. I — t, Berl. 1833 — 33) niedergelegt hat; auch erschienen von ihm wieder „Gedichte" (Berl. > 833). Seine dramatischen Arbeiten ließ er in Einem Bande als „Theater" (Berl. 1835) erscheinen. Poetische Beweglichkeit deS Gcmüths, eine weiche, oft in fehlerhafte Sentimentalität übergehende Grundstimmung und eine gewisse, in persönlicher Bewegung jedoch nicht hervortretcnde Eitelkeit sind ihm eigenthümlich. Als Dichter hat er daS Verdienst, das Vaudeville in Form des deutschen gemüthlichen Licderspiels in Deutschland eingebürgert zu haben. Viele seiner Lieder, wovon er unter dem Titel „Deutsche Lieder" (Schleusingen >833; 2. Aufl., 1836) eine Sammlung herausgab, sind mit Recht populair und allgemein beliebt. Als Darsteller hat er in sentimentalen Partien seiner eigenen Dichtungen manche glückliche Momente, als Vorleser leistet er Treffliches im Vortrage des rein Gefühlvollen, besonders des Komischen. — Seine erste Gattin, Luise von h., geborene Rogce, geb. um 1899, welche zuerst 1827 die brcslauer Bühne betrat und in Berlin als Mitglied der königlichen Bühne starb, war besonders in naiven und sentimentalen Rollen ausgezeichnet und namentlich als Käthchen von Heilbronn unübertroffen; H. feierte sie durch seine Sammlung von Gedichten „Blumen auf das Grab der Schau- spielerin H." Seine zweite Frau, Julie von H., geborene Holzbecher, geb. zu Berlin 1899, seit 1823 an der königstädter Bühne, 1839 in Darmstadt und 1831—33 wieder in ihrem frühem Verhältnisse in Berlin angestellt, gest. >839 zu Riga in Folge einer zu frühen Entbindung, war im Lustspiele, namentlich in berliner Localstücken, durch Keck- heit und Anmuth eine bezaubernde Erscheinung, aber auch außer der Bühne wegen der Liebenswürdigkeit und Anspruchslosigkeit ihres Charakters allgemein beliebt und geachtet. Hölty (Ludw. Heinr. Christoph), einer der vorzüglichsten deutschen Lyriker, geb. zu Mariensee bei Hannover am 21. Dcc. >738, der Sohn eines Predigers, entwickelte früh das Talent der poetischen Darstellung. Er kam 1765 auf das Gymnasium nach Celle und >769 auf die Universität zu Göttingen, wo er sich der Theologie widmete und dem göttinger Dichterverein bcitrat, der ihm zu seinen besten Gedichten die nächste Veranlassung gab. Nächst seinen Freunden fesselte ihn an Göttingen die stille Liebe zu einem Mädchen, das sich aber nachmals verheirathete, worauf auch H. 1775 mit Mi ller (s. d.) nach Leipzig ging. Schon damals war in Folge zu angestrengten Studirens seine Gesundheit untergraben. Dazu kam noch seines Vaters Tod, welcher ihn tief rührte. Im Herbst 1775 ging er nach Hannover, um eine Nachcur zu brauchen; aber vergebens. Im Vorgefühl des nahen Todes dichtete er noch mehre schwermüthige Elegien und war mit der Sammlung seiner Gedichte beschäftigt, als ihn in Hannover der Tod am I.Scpt. >776 abrief. H- charakterisirt sich in seinen Gedichten durch Weichheit des Gefühls, das gleichsam aus der Brust in den Vers überfließt und selbst in der metrischen Form mit sanfter, kunstloser Grazie anspricht, durch liebliche Schwärmerei und Wehmuth, Innigkeit und liebenswür- dige Naivität, durch eine ruhige und mehr schmückende als erfindungsreiche Phantasie. Tieft, stille Liebe und Sinn für Freundschaft, süße, wchmüthige Freude an den flüchtigen Erscheinungen der Natur und des Lebens bilden die Hauptbestandtheile seiner Idyllen und Elegien. Daher gelang ihm auch das sanfte, elegische oder idyllische Lied vorzüglich, weni- ger dagegen gelangen die Ballade, die Romanze und die antikisirende Ode, obgleich crstere lchvn deshalb beachtenswerth sind, weil sie zu den frühesten Versuchen in der deutschen Balladenpocsie gehören. Seine „Gedichte" wurden von Voß und Stolberg (Hamb. 1783) i » 268 Holtzendorff Holyrood und dann in einer vermehrten Ausgabe von Voß mit einer in jeder Hinsicht musterhaft« Biographie H.'s (Hamb. 1804; neue Ausl., 1835) herausgegeben. Vgl. Voigts, „H,, ein Roman" (Hannov. 1844). Holtzendorff (Karl Friede, von), ein ausgezeichneter preuß. Artilleriegencral, geb. am 17. Aug. 1764 in Berlin, war der Sohn des unter Friedrich II. berühmten Ar- tilleriegenerals v on H., der durch seine vorzügliche Thätigkeit und höchst umsichtige Leitung und Belehrung des ihm untergebenen Ärtilleriecorps sich bleibende Verdienste m» dasselbe erworben hat. H. betrat schon 1778 die militairische Laufbahn, wurde >781 zum Lieutenant, > 807 zum Major und 1809 zum Brigadier der gesammten Reitenden Artillerie befördert, >813 Generalmajor und bald darauf Jnspecteur der ersten Artillerie-Z»- spection. Im I. 1820 übernahm er das Commando der zweiten Division und l 825 die Stelle als General-Jnspecteur des Militair-Erziehungs- und Bildungswesens der Anim, Durch den biedersten Sinn ebenso wie durch Hellen Verstand und Thatkraft ausgezeichnet, war sein Einfluß auf die Fortbildung der Reitenden Artillerie und auf den Gebrauch dieser Waffe vor dem Feinde von Bedeutung. Er zeichnete sich aus in Polen im I. 1792 bei den Gefechten von Wolla und Wawritschew und bei der Belagerung von Warschau, >808 in Danzig, vorzüglich aber seit 1813 bei Großbecrcn, Dennewitz, Leipzig, zuleht beiLigny, und wurde zweimal verwundet, in dem Gefechte bei Halle im I. 1 806 und in der Schlacht bei Ligny, wo ihn eine matte Kanonenkugel am Schenkel traf. Er starb zu Berlin in demselben Hause, wo er geboren worden war, am Stickfluß am 29. Sept. 1 828. Holwell (John), geb. 171 l zu Dublin und in England erzogen, sollte in Holland die Handlung lernen, folgte aber seiner Neigung zur Chirurgie und ging, nachdem er bei einem londoner Wundarzte die Lehrzeit bestanden, >732 als Militairchirurg nach Bengalen, wo er sich namentlich mit den verschiedenen Landessprachen beschäftigte; auch warn der erste Europäer, welcher auf seinen dortigen Reisen sich mit den hindostanischcn Alm- thümern vertraut machte. Seine geschwächte Gesundheit näthigte ihn 17 49 nach England zurück. Allein schon 1751 traf er wieder in Bengalen ein, von der Ostindischcn Compagnie mit Ausführung einiger ihm vorgelcgtcn Reformplanc beauftragt, in deren Folge er 1756 Mitglied des Regierungsraths zu Kalkutta wurde. Als im Juni desselben Zahlet Suratja Dowla Kalkutta angriff, siel die einstimmige Wahl zum Gouverneur auf ihn, Sein und der Seinigen Muth erlag der Übermacht, und die von den Feinden gebrochene Capitulation brachte ihn mit 146 Andern in die berüchtigte „Schwarze Höhle". Er mar einer der 23, welche die einzige fürchterliche Nacht überlebten. Sein diesfallsiger Bericht erschien zu London 1757. Gefesselt, wurde er nach Murschedabad in die Gefangenschaft geführt, kam aber frei und ging nun zu Wiederherstellung seiner Gesundheit ein zweites Mal nach England. Von den Directoren der Ostindischen Compagnie zum Nachfolger Clive's (s. d.) ernannt, trat er 1759 die Generalstatthaltcrschaft von Bengalen an, gab sie jedoch gegen Ende des I. 1760 wieder ab und kehrte 1761 nach England zurück. Hier schrieb er noch Mehres über Indien und starb am 5. Nov. 1798 zu Pinncr unweit London, Holyrood, d. i. heiliges Kreuz, der alte Königspalast zu Edinburg, und das ihm gegenüberliegende Kloster Holyroodhouse wurden vomschot. König David I. gegen die Mitte des 12.Jahrh. begründet, 1544 aber durch die Engländer bis auf das Schiss der Kirche gänzlich niedergebrannt. ' Der Palast wurde unter König Jakob V. wieder hergestellt und war dann der gewöhnliche Aufenthaltsort der Königin Maria Stuart und ihres Sohns Jakob's Vl., bis derselbe als Jakob I. 1603 den engl. Thron bestieg Durch die Truppen Cromwell's abermals zerstört, blieb der Palast zum großen Theil Ruine, bis unter der Negierung König Karl'sll. 1670 der Neubau des gegenwärtige" Palastes begann, bei welchem man den nordwestlichen Theil des alten, vom König Jakob > . erbauten, in seiner ursprünglichen Gestalt erhielt. Der neue Palast ist nach der Zeichnung Will. Bruce's aus Stein, in Form eines Vierecks aufgeführt, jede Seite ungefähr 2 -tv F, lang und die Fronte auf beiden Ecken mit starken Thürmen versehen. In der Galerie auf der Nordseite desselben, welche 145 F. lang, 25 F. breit und über >8 F. hoch ist, befinden sich die Bildnisse von 114 schot. Königen, gemalt vom Niederländer de Witt. In dem alten Theile des Palastes ist das Zimmer der Königin Maria ganz in seiner damaligen Ge- Holz Holzbock 26 » statt erhalten, mit allen von ihr gebrauchten Geräthschaften und einigen ihrer Stickereien. Auch findet man hier noch das Cabinet, in welchem im Beisein der Königin ihr Günstling Nizzio (s. d.) durch die Verschworenen Darnley's, der mit diesen durch eine Fallthüre auf dem daranstoßendcn Gange eingedrungen war, nicdergestochen wurde. Das Zimmer der Königin bewohnte >745 kurze Zeit der Prätendent Karl Eduard (s. d.), und gleich darauf nach der Schlacht bei Culloden der Herzog von Cumberland (s. d.). Später war der Palast zweimal, 1795—99 und > »59—32, der Zufluchtsort der aus Frankreich vertriebenen Bourbons. Außer diesen historisch-merkwürdigen Räumen, die namentlich aus W. Scott's Schilderungen bekannt sind, ist das Schloß fast ganz zu Kasernen, Munitionsund Waffcnmagazinen eingerichtet. Übrigens werden in dem sogenannten Kronzimmcr die 181» aus der Verborgenheit gezogenen schot. Kroninstgnien aufbewahrt. Holz nennt man die aus Markfasern (Spiegelfasern) und Längenfascrn (gestreckten Zellen und Spiralgcfäßen) zu einem festen Ganzen verwachsene Pflanzenmasse, deren äußere Bedeckung, die Borke, in dcrJugend aus Oberhaut,Rinde und Bast besteht, welche ersiere im Alter häufig verloren geht. Das Wachsthum des Holzes geschieht von außen durch Bildung neuer Mark - und Längenfasern unter dem Baste, eine Bildung, welche jährlich im Sommer stattsindet, gegen den Herbst immer mehr abnimmt und bei den meisten Holzarten erkennbare Ringe zur Folge hat, welche in der Kunstsprache Jahresringe heißen und aus deren Anzahl sich das Alter des Stammes erkennen läßt. Doch sind die Jahresringe bei den fester» Holzarten weniger sichtbar als bei den weichern. Gewöhnlich nennt man dje jüngsten dieser Ringe den Splint, der sich duzrch blasse Farbe und mindere Festigkeit vom übrigen Holze unterscheidet. Die nächsten Jahresringe um das Mark nennt man das Kernholz, das sich durch eine dunklere Farbe vom übrigen Holze unterscheidet. Das Mark selbst besteht aus Zellgewebe, welches nur im ersten Jahre seiner Entstehung thätig und zur Bildung des jüngsten Triebes unentbehrlich ist, dann aber abstirbt und vertrocknet. Das Holz wird zu sehr verschiedenen Zwecken angewendct, als Brenn - und Baumaterial, zur Anfertigung allerlei Geräthe,Instrumente u.s.w., zur Kohlen-, Kienruß-, Thcerbren- nerci, Potasche - und Pechbereitnng; auch dienen einige Hölzer als Farbestoff, andere haben medicinische Eigenschaften. In Folge der sich mehrenden Bevölkerung, der vielen Neubauten, der Eisenbahnanlagen und der vermehrten Ausbreitung holzverbrauchender Fabriken und Gewerke hat in neuerer Zeit der Umfang der Waldungen sehr abgenommen, und es ist deshalb mit Recht um so mehr Holzmangel zu befürchten, als die Feuerungssurrogate, wie Torf, Stein - und Braunkohlen, in Deutschland nicht in der Menge gewonnen werden, um den fehlenden Bedarf an Brennholz zu ersehen. Es ist deshalb Pflicht des Staats, die willkürlichen Holzabtreibungcn und Ausrodungen von Seiten der Privaten zu beaufsichtigen und festzustellcn, und für eine pflegliche Behandlung der Holzungen und neue Holzanlagen Sorge zu tragen. In vielen, namentlich holzarmen Staaten, sind solche Maßregeln auch schon ergriffen worden. (S. Forst und Forstfrevel.) Da sich aber dadurch allein der Holzmangel nicht abwenden läßt, so sollte man durch Einführung holzersparcnder Koch- und Heizgeräthe, durch Anlegung von Holzmagazinen, durch zweckmäßige Behandlung des Brennholzes u. s. w. zur möglichsten Holzersparniß Mitwirken. Holzhandel läßt sich in waldreichen Gegenden im Großen nur auf dem Wasser mit Vortheil treiben. Das meiste Holz zur Ausfuhr liefern in Deutschland der Schwarzwald, Spessart, Thüringerwald und der Hundsrück. Im Allgemeinen hat sich aber der deutsche Holzhandel sehr vermindert, namentlich in Folge des cintrctendenHolzmangels in Deutschland selbst, des geringern Bedürfnisses Hollands an Schiffbauholz und des hohen Zolls, den England auf die deutschen Hölzer gelegt hat, sodaß gegenwärtig die Summe, welche Deutschland jährlich für Holz von dem Äuslande erhält, nicht viel über zwei Mill. Thlr. betragen dürfte. Am lebhaftesten ist der deutsche Holzhandel auf dem Rhein, Main, Neckar, der Weser und Elbe. Die Engländer beziehen gegenwärtig ihr Holz aus dem Norden Europas, aus Ost - und Westindien und aus Nordamerika. Holrbock (Ixnlles) oder Zecke nennt man verschiedene milbenartige Thiere, die sich lichten Wäldern oder auf trockenen Weiden aufhalten, an Menschen und Thieren sich unmerklich ansaugen und, mit Blut erfüllt, einer Erbse an Große gleichen. Ihr Saugrüs m Ä 270 Holzminden Holzschneidekunst sel bleibt so fest in die fremde Haut versenkt, daß durch gewaltsames Abreißen des Paw> fiten, der mit Öl bestrichen stirbt und von selbst abfällt, schwerheilende Wunden veranlaß! werden können. Schafe werden zumal von ihnen heimgcsucht. Im tropischen Amerika gib! es viele und große Arten, die auch für den Menschen eine gewaltige Plage sind. Mit demselben Namen belegt man übrigens auch manche andere Insekten, z. B. gewisse Käfer. Holzminden, eine Stadt im Herzogthum Braunschweig, am rechten Ufer der Weser, die hier die Holtsche aufnimmt, zählt 3400 E., die namentlich mit Glas -, Eisen- und Stahlwaaren, Leinwand und Eisen Handel treiben, und hat ein Gymnasium, welches l"8o aus der Verbindung der Stadtschule mit der Schule des Klosters Amelunrborn entstand. Sie gehörte früher den Herren von Holtesminne, die zwar erst im 14. Jahrh. ausstarbe», kam aber schon gegen Ende des 12. Jahrh. an die Grafen von Eberstein, und l-llüan Braunschweig. Holzsäure ist eins der kräftigsten fäulnißwidrigen Mittel und ihren: Hauptbestand- theile nach eine verdünnte, aber mit vielen andern Producten der zerstörenden Destillation pflanzlicher Körper verunreinigte Essigsäure. Sie wird durch Destillation aus Holz, am besten aus Eichenholz gewonnen und ist in England, auch im böhm. Erzgebirge, ein gangbarer und wohlfeiler Handelsartikel. In ihren, ursprünglichen Zustande hat sie die Farbe des weißen Weines, einen scharfsauern, etwas zusammenziehenden Geschmack und einer brenzlichen Geruch. Wenn man sie acht bis zehn Tage ruhig stehen läßt, wird sie, indem sich ein schwärzlicher Theer abseht, beinahe farblos; noch mehr kann man sie von dem mit ihr verbundenen Theer durch eine abermalige Destillation befreien, allein ganz frei von dem flüchtigen Öle wird sie niemals. Sie bewahrt das Fleisch nicht nur vor der Fäulnis, sondern gibt ihm auch jenen rauchigen Geschmack, der dem geräucherten Fleisch eigen ist. Naeb den Versuchen, namentlich durch Meinecke und Stolhe, ist minutenlanges Eintauchen des Fleisches hinreichend, die verlangte Wirkung hervorzubringen. Legt man das Fleisch zu lange in die Säure, so werden dessen Fasern aufgelöst. Den ausgedehntesten Gebrauch von der Holzsäure hat man in England bei der Versorgung der Schiffe mit Lebensmittel» gemacht. Man pflegt jetzt zu diesem Ende die ganzen Thiere, ohne sie zu häuten, vom Herzen aus mit Holzsäure zu insiciren. Auch fand Stolhe, daß durch oft wiederholte Behandlung mit Holzsäure Leichname sich in Mumien verwandeln lassen. Nach der Entdeckung Reichenbach's verdankt die Holzsäure ihre fäulnißwidrige und mumificirende Wirkung einem ihr bcigemischten besonder!, Bestandtheile, dem Kreosot (s. d.), welcher sich auch abgesondert darstellen läßt. Die Holzsäure dient ferner zu Darstellung essigsaurer Salze; diese lassen sich als Holzessigsäure verwenden und dienen in dieser Form, z. B- zu Darstellung einer besonder» Art von Eisenbeize in der Färberei und Druckerei, welche besonders für dunkle Nüancen paßt; auch kann man sie durch besondere Behandlung von allem Brenzlichen reinigen, wodurch sie den essigsauren Salzen ganz gleich werden. Holzschneidekunst odery l o g r a p h i e nennt man das Einschneiden der Umrisse, Schrafsirungen und Züge eines Bildes oder einer Schrift auf eine glatte Holzplatte zum Behuf eines farbigen Abdrucks derselben auf Papier, Pergament, und in der Zeugdruckerei auf Tuch u. s. w. Schon lange, ehe Europa die Holz- oder Formschneidekunst kannte, war dieselbe in China üblich uns wurde zum Bücherdruck, wie noch gegenwärtig, benutzt. In Europa finden sich die ältesten Spuren dieser Kunst in Deutschland und in den Niederlanden, wo sich der Holzschnitt wahrscheinlich aus Anlaß des wachsenden Bedürfnisses nach Spielkarten und Heiligenbildern entwickelte, welche bis dahin von Malern der unterste» Claffe entweder mit Patronen oder aus freier Hand gefertigt wurden. Stempel von Hol; und Metall, wie sie schon das Alterthum kannte, mochten das nächste Vorbild sein, welches den Erfindern den Gedanken gab. Der älteste bekannte und datirte Holzschnitt, ein heil. Christoph, vormals in der Karthause zu Buxheim, trug die Jahrzahl 1423. Bald folgte» ganze Bücher mit Holztafeln gedruckt, wobei Text und Bilder in eine und dieselbe Holzplatte geschnitten waren, was zugleich der erste Schritt zur Buchdruckerkunst war. Unter den Werken dieser Art, deren Zahl sich über 20 beläuft, ist dicvi Olia pu» per um (s.d.), angeblich vom I. 1420, wahrscheinlich aber etwas später, das bedeutendste. Auch-nach Erfindung der beweglichen Lettern blieb der Holzschnitt der getreue Begleiter der Buch' Holzschneidekunst 27! bruckerkunst, da nur er mir dem Lettcrnsatz zugleich abgedruckk werden kan», während die Kupfcrplatte einen besondern Abdruck nach dem des Lettcrnsatzes verlangt. Der Holzschnitt vervollkommnete sich noch im 15. Jahrh. sehr rasch und erscheint in den Arbeiten des sogenannten Meisters L. 8., um I -18», schon beinahe auf seiner höchsten Stufe. Die Schraffirungen sind hier weich und zart, und die Arbeit ist durchweg fein und genau. Bis gegen Ende des >5. Jahrh. gehören die Holzschnittwerke fast ausschlicßend Deutschland nnd den Niederlanden an; auch noch im 16. Jahrh. finden sie sich nirgend anders in gleicher Trefflichkeit. Einer der Centralpunkte für den Holzschnitt war die frank. Malerschulc, in welcher zuerst Mich. Wo hlgemuth (s. d.), dann A. Dürer (s. d.), Hans Burgmair, H. Schcuffelin (s. d.) und L. Kr an ach ff. d.) ganze große Reihenfolgen von Blättern unter ihrer Aufsicht in Holz schneiden ließen, während sie selbst, was man allerdings lange glaubte, gewiß nur selten in Holz schnitten. Die Holzschnitte dieser Schule sind vollkommen wiedergegebene Federzeichnungen, womit überhaupt das Wesen des Holzschnitts bezeichnet ist. Soll der Künstler ein gemaltes oder getuschtes Bild in Holz schneiden, so muß er sich dasselbe erst,in eine wahre Federzeichnung übersetzen, während der Kupferstich auch nicht einmal eine Übertragung der Federzeichnung, sondern etwas völlig und wesentlich Anderes ist, als irgend eine der übrigen Darstellungsweisen. Von den bedeutender» Malern hat blos Niclaus Manuel (s. d.) viel in Holz geschnitten; von Hans Holbe i n (s. d.) dagegen ist gegenwärtig so gut als bewiesen, daß die von ihm ausgegangenen herrlichen Holzschnitte nicht von ihm selbst geschnitten sind; wie denn sein Todtentanz (s. d.) dem Formschneider Hans Lützelburger, genannt Frank, angehört. Dasselbe gilt von Dürer, von dem wir, außer zahllosen einzelnen Blättern und abgesehen von seinen vielen Kupferstichen, nicht weniger als sieben größere oder geringere Reihenfolgen von Holzschnitten besitzen: 1) die Apokalypsis (HW), 2) die große Passion (1511), 3) die kleine Passion (1511), 4) das Leben der Maria (1511), 5) die Ehrenpforte Kaiser Maximilian's (1515), 6) die Prachtsäule (1517), und 7) Maximilian's Triumphwagen (1522), Werke, deren Übertragung in Holz allein schon ein Künstlerleben ausfüllen könnte. Andere treffliche Arbeiten jener Zeit sind der „Theuerdank", der „Weißkunig", die östr. Heiligen, der Prospect von Köln, von Ant. von Worms 1531, und viele zum Theil kolossale Blätter, enthaltend: Genealogien, große Kartons, Triumphzüge, Landkarten in Vogelperspective, lebensgroße Portraits, Ansichten u. s. w. Übrigens kam damals nicht selten vor, daß Holzstöcke in Blei oder Letterngut abgeklatscht wurden, und daß,man vom Abklatsch (dicket) druckte; auch schnitt man bisweilen, namentlich verzierte Anfangsbuchstaben, in Metall gerade so wie in Holz. Die gleichzeitigen i ta li en. Holzschnitte entsprechen in Masse und Güte ungleich weniger dem Standpunkt der damaligen ital. Kunst, als die deutschen dem der Deutschen; sie sind meist derb und skizzenhaft behandelt. Eine Erfindung, die schon früher von Ulr. Pilgram gemacht worden war, nehmen die Italiener für Hugo da C arpi (s.d.) in Anspruch, nämlich das sogenannte Helldunkel (s. d.), eine Nachahmung von Tuschzeichnungen, in welcher die Umrißlinien und die verschiedenen Tuschlagen der Schatten durch verschiedene Holzplatte» übereinander gedruckt wurden. Nach Carpi zeichnete sich auch A. Andrea»! in dieser Gattung aus. In den Niederlanden sind besonders die von Lukas von Leyden (s.d.) herausgegebenen Holzschnitte durch derbe und breite Behandlung ausgezeichnet; Antwerpen blieb lange ein Hauptplatz für den Holzschnitt. Wenig bedeutend sind die Leistungen Frankreichs, und England und Spanien ließen sich geradezu ihren Bedarf an Holzschnitten aus Deutschland kommen, welches immer das rechte Mutterland der Gattung geblieben ist und in seinen Werkstätten zu Ulm, Nürnberg, Augsburg, Basel, Strasburg, Mainz, Frankfurt, Köln, Lübeck, Wittenberg u. s. w. Mehres und Trefflicheres schuf, als alle übrigen Länder zusammengerechnet. Die Zeit der größten Verbreitung des Holzschnitts war das 16. Jahrh.; damals war er in einem Grade populair, wie er es wol nie mehr werden wird. Bibel und Classiker, Chroniken und Romane, Neisebeschreibungen und Gebetbücher, besonders auch Alles, was für das Volk bestimmt war, Fliegende Blätter, Berichte wichtiger Ereignisse, Kalender und Caricaturen, waren mit mehr oder minder vollkommenen Holzschnitten verziert, welche bis u> das 17. Jahrh. fast die einzige bildliche Ausstattung der Drucke ansmachten. 272 Holzschneidekunst Inzwischen hatte aber der Kupferstich eine Ausbreitung und eine Gunst gewönne,i, die dem Holzschnitt rasch gefährlich werden sollte. Im Sanften und Weichen dem letzter» allerdings überlegen und überhaupt einer feiner» Abstufung der Töne fähig, erreicht er doch dessen markige Kraft nicht. Doch das Zeitalter wendete sich ihm wie mit einem Schlage zu, und schnell sank der Holzschnitt von seiner Höhe herab. Von den Bücher» gingen zuerst die Titel an den Kupferstich über, dann auch die größer,, innern Bilder, und nur Culs-de-Lampe und Vignetten blieben dem Holzschnitt, der nun meist handwerksmäßig gearbeitet wurde, da alle bessern Kräfte sich dem Kupferstich zugewendet hatten. Mil dem Dreißigjährigen Kriege ging der Holzschnitt fast völlig unter und beschränkte sich wieder auf Das, womit er 29 t> Jahre früher begonnen, auf Fibeln, Spielkarten, Kalender und Buchdruckerzierathen. Man hätte ihn vielleicht ganz aufgcgeben, wenn ihn nicht zwei Umstände für manche Werke unentbehrlich gemacht hätten, nämlich seine Fähigkeit, eine sehr große Anzahl von Abdrücken zu erleiden, und sich in den gewöhnlichen Letternsatz z>, schmiegen. Erst mit dem 19 . Jahrh. begann seine Wiederaufnahme und zwar durch de» praktischen Sinn der Engländer, welchen die großen Vortheile der Illustration, d. h. des Bilddrucks neben und zwischen dem Text, zuerst wieder einlcuchtetcn. Auf die Illustration ist der neuere Holzschnitt, mit wenige» rühmlichen Ausnahmen, zur Zeit eingeschränkt geblieben, während der Kupferstich und seine großen Nivalen, der Stahlstich und der Steindruck, alle von der Buchdruckerkunst unabhängigen Arbeiten unter sich theilcn. Den Anlaß zu seiner Wiedererweckung gab dze Liebhaberei der Engländer für das Skizzenhafte und für die typographischen Alterthümer, die Jncunabeln, welche großentheils so reich an eingedruckten Holzschnitten sind. Als der Vater der neuern Holzschneidekunst in England gilt Thom. Bewick, geb. 1753 , auf welchen zunächst die Geschwister Byficld folgten. Z» den prachtvollsten neuern Illustrationen gehören Sargent's und Poynder's „kictnrial ecli- 1 'wn ok 8 bslespesre", Lane's „kictorial boole «k common Präger", Harvey's „Tausend und eine Nacht" u. s. w. Zur größten Popularität gelangte der engl. Holzschnitt seil 1832 durch die Magazine für gemeinnützige Kenntnisse, das „kenn)-mags-nnc", „ 8 n- turelax msgarine" u. s. w-, deren Wohlfeilheit eine schnelle und weite Verbreitung zm Folge hatte. Durch die sehr vervollkommncteMethode des Abklatschens (s.d. undCli- chiren) wurde es möglich, nicht nur die Platten an ähnliche Unternehmungen auf den, Continent abzutretcn, sondern auch der Originalausgabe und wenn sie auch bis auf viele tausend Exemplare stieg, stets scharfe und gute Abdrücke zu sichern. Das trefflichste Unternehmen dieser Art auf dem Continent ist das ,Magazin;>ittoresl;iie", dessen Holzschnitte zum Theil den besten zugezählt werden können. Auch Frankreich ist gegenwärtig überreich an illustrirten Prachtwerken aller Art; wix erwähnen nur „Gil Blas" von Eigoux, Meliere und „Don Quixote" von Tony Johannot, „Napolcon's Leben" mit Holzschnitten nach Horace Vernet, „I^ejarilin lies plantes", „Vo)'ages en rigrag", „I^a I n K k- i» a> de m ka M tei w> be La §r tu B la> sch I i eri sei M S de> »n la> Mi »u H Fa ha au liel die die Ge ist che Bi ivu ver der der sch vdl 18 lk», m> ' er cm MI md mi- Nil ei«' dci mi dcn > der ion g-- !!w rstr M ind 3» ic!i- ciid ftil 80- zm ili- um ick ter- litt! cicb )!-- lick md le". Zc- be§ olz- UN' iteu und lbst des- h°- ün- ssen sine Holzwurm Homburg vor der Höhe 273 völlige Gleichheit in der Textur des Holzes erzwungen werden kann. Die Klippe aber, an welcher auch geschickte Künstler nicht immer vorbeisteuern mögen, ist die Nachäffung des Kupferstichs, welchen die Holzschneidekunst in Dem, was ihm eigen ist, doch nie erreichen kann, während ihre Aufgabe, in Gemäßheit mit ihrer kräftigen Simplicität, ihrer breiten und tiefen Schatten und ihrer derben Contraste, immer die bleiben wird, jeden Gegenstand auf die faßlichste, in die Äugen fallendste Weise zu veranschaulichen. Mit der Geschichte der Holzschneidekunst haben sich hauptsächlich Brulliot, Laborde, Heller, Rumohr, Sotz- mann, Rud. Weigel und Aoung beschäftigt. Holzwurm, s. Borkenkäfer. Homann (Joh. Bapt.), der Begründer des nach seinem Namen benannten Landkartenverlags zu Nürnberg, war zu Kamlach, im jetzigen bair. Kreise Schwaben, am 26. März >663 geboren und besuchte, von seinen Altern für das Kloster bestimmt, die Jesui- tenschule zu Mindelheim. Dem Kloster zu entgehen, entwich er heimlich nach Nürnberg, wo er zur protestantischen Kirche übertrat und 1687 Notar wurde. Theils um sich einen bessern Verdienst zu schaffen, theils aus Neigung, fing er an sich auf das Kupfer - und Landkartenstechen zu legen. Sein Eifer für diese Ärbeiten, die damals einem allgemeinen Bedürfnisse abhalfen, stieg mit dem Beifall, der ihnen zu Theil wurde. Im Z. 1762 begründete er endlich einen förmlichen Landkartenhandel, der sehr bald eine große Ausbreitung gewann. Er lieferte nach und nach gegen 266 Karten, die sich im Allgemeinen durch Brauchbarkeit, besonders aber durch Wohlfeilheit auszeichneten, darunter den großen At- las über die ganze Welt in 126 Blättern (>7I6) und den metboklicus" in 18 Blättern (>7 >8). Auch fertigte er kleine Globen, Armillarsphären und andere mechanische Kunstwerke. Die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Berlin erwählte ihn 1 > >3 zu ihrem Mitglied«, der Kaiser Karl VI. sendete ihm eine goldene Ehrenkette und ernannte ihn zu seinem Geographen, und der Zar Peter der Große bestellte ihn >7 22 als seinen Agenten. Er starb am I.Juli >724. — Sein Geschäft ging auf seinen Sohn, Joh. Christoph H., geb. 1763, gest. 1736, über, der seine Universitätsfreunde Joh. Mich.Franz, geb. 1766, gest. >76«, und Joh. Jak. Ebersbergcr zu Erben einsetzte. Sväter kam Georg Pet. Monath und dann Christoph Franz Fembo in Besitz desscb den. So große Verdienste die Handlung unter ihrem Begründer und dann namentlich unter Joh. Mich. Franz sich um die Förderung des Studiums der Geographie in Deutschland erworben hatte, so mußte sie in neuerer Zeit doch andern ähnlichen Anstalten in Weimar, Berlin, Wien u. s. w., da sie hinter den Fortschritten derselben zurückblieb, weichen. Homburg vor der Höhe, so genannt, weil es an und vor einem kleinen zum Taunus gehörigen Gebirge liegt, die Haupt- und Residenzstadt des Landgrafenthums H e sse n - Homburg (s. d.), zwei Meilen von Frankfurt am Main, hat 3666 E., die ansehnliche Fabriken in Saffianleder, in Strumpfwaaren und Strickgarn, in Hüten und Taback unterhalten, doch haben in neuerer Zeit die Strumpffabriken bedeutend verloren. Nächst dem auf einer Anhöhe liegenden Residenzschlosse, das seit > 680 erbaut und im 1.1833 ansehnlich erweitert und verschönert wurde, ist die protestantische Stadtkirche, die seit 1836, wo die ehemalige resormirte Schloßkirche wegen Baufälligkeit geschlossen werden mußte, auch die reformirte Gemeinde und seit 1841 während der Badesaisvn die Engländer zu ihrem Gottesdienste benutzten, das ansehnlichste Gebäude. Die ehemals franz.-reformirte Kirche ist zur katholischen Stadtkirche und in der baufälligen reformirten Kirche 1843 ein fürstlicher Betsaal eingerichtet worden. Außerdem hat die Stadt eine Synagoge, eine allgemeine Bürgerschule, eine städtische Bibliothek, die 1841 von dem Stadtrathe Hamcl gestiftet kurve, ein Waisen- und Versorgungshaus, eine Kleinkinderbewahranstalt, einen Frauenverein und endlich als Merkwürdigkeit ein heiliges Grab, das >825 von Gelnhausen auf den hiesigen reformirten Kirchhof verlegt wurde. Auch ist die Stadt seit 1834 in die Reihe der Taunusbäder eingetreten. Sie hat fünfHeilquellen, welche zu den eisenhaltigen salini- schen Säuerlingen gehören, den Elisabethen-, Kaiser-, Stahl-, Ludwigs- und den Salz- oder Badebrunnen. Das Bad hat sich schnell gehoben und vielen Verkehr erzeugt. Im I. 1840 schloß die landgräfliche Regierung mit den Brüdern Louis und Franc. Blanc aus Conv.-Lex. Neunte Auch VII. 18 Home Homer P^-ris, als Bankhaltern, einen dreißigjährigen Pachtcontract, der dieselben zugleich zm -Aufführung eines palastähnlichen Curhauses verpflichtete, das >8-13 eingemeiht wurde, und dessen Umgebungen im Sommer eine prächtige Orangerie ziert, welche die Cursaali- Pächter vom Kurfürsten von Hessen für eine sehr bedeutende Summe erkauften. Im 12. Jahrh. waren die Dynasten von Eppstein Besitzer des Schlosses und der Herrschaft Hom. bürg, von deren Burg der noch vorhandene hohe weiße Thurm des Residenzschlosses hn< rühren mag. Vgl. Pauli, „H. und seine Heilquellen" (2. Aufl., Franks. 1844). Home (Sir Everard), einer der ausgezeichnetsten Wundärzte und Physiologen, geb. 1758, der Sohn eines Arztes in Edinburg, genoß den Unterricht des berühmten Anatomen Hunter (s. d.), der später sein Schwager wurde, den er vielfach bei seinen Vorträgen und in seiner Praxis unterstützte und dessen sämmtliche Schriften, nachdem derselbe verstorben, von ihm herausgegeben wurden. Er erhielt die Professur der Anatomie und Chirurgie am königlichen Collegium der Wundärzte zu London, wurde dann Präsident desselben, Direktor des St.-Georghospitals, 1813 zum Baronet und Leibarzt des Prinz- Regenten erhoben und starb, nachdem er über 40 Jahre mit großem Erfolg in London prak- ticirt hatte, am 31. Aug. 1832 zu Chelsca. Die Mehrzahl seiner Schriften, die sich auf vergleichende Anatomie, Physiologie und Chirurgie beziehen, findet sich in den „Uiülnso- pbicsl trsvsactioris" von 1795 an. Die Beschuldigung, daß H. Hunter's nachgelassen! Manuskripte unterdrückt und dessen Entdeckungen für die seinigen ausgegeben habe, ist unerwiescn. Unter seinen Werken von größerm Umfange sind besonders hervorzuheben „ib-sctures on komparative snstomx" (6 Bde., Lond. I 81 — 28); „Uraetical observs- tion8 on tde treatment of »trietures in tiie uretlira" (3 Bde., 4. Aufl., Lond. 1821); „kractical observation« on treatment of uleer« on tiie leg«" (Lond. 1 797); „Obsens- tion« of tiie cancer" (Lond. 1805) und „kracticsl ot>8ervation8 on tiie treatment oktbe tiisea««« of tiie pro«tate glanci" (2 Bde., 3. Aufl., Lond. 1822). Home (Henry), Lord Kaimes, ein berühmter philosophischer Schriftsteller, geb> 1696 zu Kaimes in der Grafschaft Berwick, wurde in Edinburg 1724 Advocat, >152 Assisenrichter und 1763, mit dem Titel Lord Kaimes, einer der Oberrichter von Schottland, als welcher er 1767 die Untersuchung gegen Douglas führte. Er starb am 27. Dm 1782. Von seinen zahlreichen Schriften sind am bcmerkenswerthesten „L«8a>8 ootbe j>rino>ple8 of moralitz- anck natural religio«" (Edinb. 17 51; deutsch Von Rautenberg, 2 Bde., Braunschw. 1768), in welchen er den von den engl. Philosophen angenommene» Grundsatz des moralischen Sinnes weiter verfolgte; „tt^torical law" (Edinb. 1759) und ,,'Ltie principls« of oquit)" (Edinb. 1760, Fol.), wo er die Grundsätze der Philosophie und Politik auf die Rechtswissenschaft anwcndete; „Element« ok criticmm" (3 Bde., Edinb. 1762—65; deutsch von Meinhard, Lpz. 1765; 3. Aufl., von Schatz, 3 Bde., 1790—91), ein Werk, das als eine psychologische Theorie des Geschmacks im Geiste seines Zeitalters und der philosophischen Schule in England angesehen werden kann und in Deutschland lange als Richtschnur gegolten hat; „8Letcile8 on tiie instar^ of wem" (2 Bde., Lond. 1774, 4.; 3 Bde., >807; deutsch von Klausing, 2 Bde., Lpz. 1775-83), eigentlich eine Sammlung von Gemeinplätzen, die aber nichtsdestoweniger die Aufmerksamkeit des Gesetzgebers, Politikers und Sittenlehrers in gleichem Grade verdient; und endlich „Hie gentlsman farmer" (Lond. 1777). Sein Leben hat Lord Woodhouse beschrieben (2 Bde., Lond. >807). Homer, der älteste und gefeiertste Dicktername des griech. Altcrthums, der Bat« der Dichtkunst, war der gewöhnlichen Sage nach ein Sohn des Mäon, daher er auch der Mäonide genannt wird, und stammte, wie sich mit ziemlicher Bestimmtheit Nachweisen läßt, aus Jonien in Kleinasien oder aus einer der nahegelegcncn Inseln, unter denen man in früherer und neuester Zeit sich namentlich für Chios entschieden hat. Andere dagegen setzen den Ursprung der Homerischen Gesänge in das curop. Griechenland und zwar in den Peloponnes. Überhaupt aber ist sein Ursprung und übriges Leben mit einer Reihe von fabelhaften Erzählungen durchflochten und ausgeschmückt, unter denen die Nachrichten über seine Blindheit, über seine Lehrer und Reisen den ersten Platz einnehmen. Um die Eh« seiner Geburt stritten, wie die Alten selbst berichten, sieben Städte, die in folgendem Hcxa< 375 M rde, als- >2. l>M. her- S-b. ate- tre- ^ Äbe und ^ deiil in;- ^ rak- auf 1S0- sem , >ß :ben rvs- U)i r»- tl»! geb. j M- v-c tbe >-rg, me« und phie )de., Zde, lsei- d in "(2 SY, !«rk> und . be> ^ ater der äsen n in ^ ist' I den iber ehre cxa< Homer Meter zusammengefaßt sind: Kyme, Smyrna, Chios, Kolophon, Pylos, Argos, Athenä, unter denen Andere Rhodos und Salamis statt Kyme und Pylos nennen. Ebenso unsicher ist eine nähere Zeitbestimmung seiner Blüte, da man dieselbe von l105 v. Chr. abwärts bis 85« oder 854 v. Chr. gerückt hat, nach welcher letztem Annahme die Entfernung vom trojan. Kriege über vier Jahrhunderte betragen würde. Viele Gelehrte der neuern Zeit, wie Fr. Schlegel, haben sogar sein Vorhandensein als einzelnes Individuum in Zweifel gezogen und in ihm, da man in seinen zu einem Ganzen künstlich geordneten Gesängen das Product mehrer Jahrhunderte leichterkenne, den Collectivnamen einer ganzen ionischen Sängerschule zu finden geglaubt, in welcher die Poesie fortgeflanzt und erlernt worden, während Andere ihn, worauf allerdings die Etymologie seines Namens führt, als den Zu- sammenfüger der bereits vorhandenen Gesänge, noch Andere endlich vorsichtiger als den Repräsentanten jener Sängerschule betrachten. (S. Ho merid en.) Die beiden Haupt- gcdichte, die wir unter seinem Namen besitzen, sind die „Ilias" und „Odyssee", deren Stoff aus dem großen und reichhaltigen Sagenkreise oder Cyklus des trojan. Kriegs entlehnt und so glücklich gewählt und behandelt ist, daß jedes ein gefälliges Ganze bildet. In der „Ilias" wird uns eine einzelne Scene aus dem zehnten Jahre des trojan. Kriegs geschildert, der Zorn des durch Agamemnon beleidigten Achilles und die Folgen dieses Zornes bis zur Leichenbestattung des Hektar; die „Odyssee" führt uns den Helden Odysseus vor, wie er nach einem zehnjährigen, mit den mannichfachsten Abenteuern verbundenen Umherirren in sein Vaterland zurückkehrt. Beide Gedichte wurden erst von den alcxandrin. Gelehrten nach der Buchstabenzahl des Alphabets in 24 Bücher oder Rhapsodien (s.d.) abgetheilt und jedem Buche eine besondere Aufschrift, die aber keineswegs dem Inhalte vollständig entspricht, gegeben, wrbei man ganz willkürlich verfuhr, da z. B. die „Ilias" aus sechs oder gar nur drei Hauptabschnitten besteht. Was zunächst die Geschichte dieser Gedichte betrifft, so soll sie zuerst Lykurg (s. d.) aus Kleinasien in seine Heimat gebracht haben, in welcher Gestalt, wissen wir nicht; das aber ist gewiß, daß drei Jahrhunderte später Pisistra- tus (s.d.) und die Pisistratiden eine Sammlung derselben veranstalteten und verordnetcn, daß sie jährlich an dem Feste der Panathenäen von den Rhapsoden (s.d.) öffentlich vorgetragen wurden. Auch besorgte Aristoteles für seinen Zögling, Alexander den Großen, einen berichtigten Text derselben, den dieser in einem kostbaren, von den Persern erbeuteten Salbengefäß stets bei sich führte. Nachdem sie nach ihrer schriftlichen Aufzeichnung und Zusammenordnung zu wiederholten Malen überarbeitet, ergänzt und fortgeführt worden waren, erhielten sie zuletzt durch die Bemühungen der alcxandrin. Gelehrten die Gestalt, aus welcher sich der gegenwärtige Text gebildet hat. Die bei dieser Überarbeitung thätigcn Kritiker hießen Diaskeuasten (s. d.); einige derselben bekamen den Namen Chorizon- ten, d. i. die Trennenden, weil sie nur die „Ilias" für ein Gedicht des H. hielten. Unter Denen, die sich um die Textrecension und Erklärung verdient machten, erwähnen wir außer den vielen zum Theil ganz unbekannten Verfassern von Glossen und Scholien namentlich den ZenodotuS aus Ephesus, dessen Schüler Aristophanes aus Byzanz (s.d.), ganz vorzüglich denAristarchus(s.d.), dessen GegnerKrates (s.d.), ferner denDidymus(s.d.), aus späterer Zeit den Moschopulus und vor allen Eustathius (s. d.). Schwerlich also haben diese Gedichte ihre ursprüngliche Gestaltung behalten, indem auch bei der treuesten Überlieferung in einem so langen Zeiträume allmälige Abweichungen unvermeidlich scheinen. Diese wurden noch bedeutendes durch die Kühnheit der Grammatiker in Berichtigung der Lesarten und der Verwerfung einzelner Stellen, sogar ganzer Rhapsodien. Schon die Alten fühlten, daß die „Odyssee" in einem andern Geiste gedichtet sei, als die „Ilias", in welcher die größte Erhabenheit hervortritt. Auch in der Darstellung und selbst in metrischer Hinsicht findet sich Verschiedenheit. Auf Einzelnheiten hatte man schon vorher hingewiesen, als zu Ende des >8. Jahrh. F. A. Wolf(s. d.) seine scharfsinnigen Untersuchungen über diesen Gegenstand in den „krolegomens u alter cyklischcr Gesänge und Proömien oder Vorspiele der Rhapsoden, endlich die unbedcu- ^ lenden „Epigramme", weisen in Sprache und Sitten auf ein weit jüngeres Zeitalter hin. Unter den zahlreichen Schriften, in denen Wolfs Forschungen theils widerlegt oder vertheidigt und berichtigt, theils vervollständigt, und neue Ansichten aufgestellt werden, erwähnen wir als die vorzüglichsten die von Schubarth, „Ideen über H. und sein Zeitalter" (Berl. 1821); Köppen, „Über H.'s Leben und Gesänge", herausgeg. von Nuhkopf (Han- nov. 1821); B. Thiersch, „Über Zeitalter und Vaterland des H." (Halberst. 1824); Müller, „Homerische Vorschule" (Lpz. 1824; 2. Ausl, von Baumgarten-Crusius, 1838); Kreuser, „Vorfragen über H., seine Zeit und Gesänge" (Franks. >828); Nißsch, „Vs distoria Homeri" (2 Abthl., Hannov. 1830—37, 4.); Kayser, „ve ciiverss vomeric. osrmioum oi-i^ine" (Heidelb. 1835) und „Vs Interpolators vomerico" (Heldelb. 1842); Düntzer, „H. und der epische Cyklus" (Köln >839); Eeppert, „Über den Ursprung der Homeriden Homiletik 27- Homerischen Gesänge" (2 Thle., Lpz. 18-10), und Havet, „Do Dnmeric. poemntum ori- gi'ne et unitste" (Par. 1813). Über die ursprüngliche Gestalt und Einheit der „Ilias" und „Odyssee" handeln besonders Lange, „Versuch, die ästhetische Einheit der Ilias zu bestimmen" (Gieß. 1826); Arndt, „De Iliuclis compositione" (Lüneb. 1838); Zell, „Über die Jliade und das Nibelungenlied" (Karlsr. 1843); B. Thiersch, „Urgestalt der Odyssee" (Königsb. 1821) und Hertzberg, „Do Aeminn Oclxsseae toriliit" (Halle 1842). Die älteste Ausgabe deSH. wurde von Demetrius Chalkondylas (s.d.)besorgt(2 Bdc-, Flor. > 488, Fol.); unter den spätem erwähnen wir die von Clarke (4 Bde., Land. 1732—40, 4.); Ernesti (5Bde., Lpz. 1750—64; neueAusg.vonW.Dindorf, 1824); Grenville (4 Bde-, Oxf. 1800, 4.); Gail (7 Bde., Par. 1801); Wolf (4 Bde., Lpz. 1817 und öfter) ;Bothe (6 Bde., Lpz. 183Z—36); Crusius (12 Bde., Hanov. 1840—42) und Bekker (Berl. 184 3). Die „Ilias" besonders bearbeiteten Heyne (o Bde., Lpz. >802 22), Weichert (3 Bde., Meiß. 1819) und Spitzner (4 Bde., Gotha 1833 fg.); die „Odyssee" Baumgarten-Cru- sius (3 Bde-, Lpz. 1822 fg.). Außerdem sind zu erwähnen Köppen's „Erklärende Anmerkungen zur Zlias" (6 Bde.; 2. Aust, von Ruhkopf und Spitzner, Hannov. >820 fg.); Wolf's „Vorlesungen zu den vier ersten Gesängen der Ilias", herausgeg. von Usteri (2 Bdc., Bern 1830) und Nitzsch, „Erklärende Anmerkungen zur Odyssee" (3 Bde., Hannov. 1826—40). Die frühem deutschen Übersetzungen von Bodmer, Stolberg, Bürger u. A. wurden weit übertroffen durch die von I. H. Voß (4 Bde., Altona 1793; zuletzt Stutt- gart 1840). Außerdem dienen zur Erläuterung Cammann's „Vorschule zu H." (Lpz. 1829); Helbig, „Die sittlichen Zustände des griech. Heldenalters, zur Erläuterung des H." (Lpz. 1839); Nägelsbach, „Die Homerische Theologie in ihrem Zusammenhänge" (Nürnb. 1840); Völcker's „Homerische Geographie und Weltkunde" (Hannov. 1830); die „^ntiyuitates Ilomericae" von Feith (Amst. 1726) und Terpstra (Leyd. 1837); Damm's „Dericou novuw Domericum" (Berl. 1765, 4.; verbessert von Duncan, Lond. 1827, und von Rost, Lpz. 1831, 4.); Crusius, „Wörterbuch über H. und die Homeriden" (Hannov. 1836; 2. Aust., 1841). Uber den Homerischen Vers schrieb Spitzner „De versu Oraec. keroico, muxime Lomerico" (Lpz. 1816). Vgl. Netto, „Libliotliecs lmmericu" (Halle 1837, 4.). Zn künstlerischer Hinsicht gewähren Vergnügen und Belehrung „H., nach Antiken gezeichnet von W. Tischbein, mit Erklärungen von Heyne" (Heft 1 —6, Eött. 1801—4, Fol.; mit Erläuterungen von Schorn, Heft 7—11, Stuttg. 1821—23), Flax- man's „Umrisse zu H." (Rom 1793, Fol.), Jnghirami's „6sIIeri825) ins Deutsche übersetzt. Dagegen muß die „Batrachomyomachie" als das Product einer noch spätem Zeit angesehen werden. Beson- dereAusgaben derselben besorgten Klein (Hildburgh. 1831) und Crusius (Hannov. 1839); Paraphrasirt wurde sie in neugriech. Sprache um >530 von Demetrius Sinos, von welcher Paraphrase zuletzt von Lachner (Jngolst. >837) und Mullach (Berl. 1837) ein correcter Abdruck gegeben worden ist. Noch unsicherer bleibt das Urtheil über die dem Homer zugeschriebenen „Epigramme", welche sich, sowie die vorher genannten beiden Dichtungen, in den Gesammtausgaben des Homrr (s. d.) befinden. Vgl. Schlosser, „Home»' und die H." (Hamb. 1798^. Homiletik nennt man die wissenschaftliche Anweisung, christliche Religionsvorträge 278 Homilie Hornmel Homilien (s. d.) und Predigten abzufassen und zu halten. Sic enthält demnach die Regeln über die Wahl und Aufsindung des Rede- und Prcdigtstoffes, über dessen Anordnung (die Disposition) und Ausführung in seinen Theilen, sowie auch über Vortrag, Dcclama- tion und Gestikulation. Die erste Homiletik ist eigentlich des Augustinus Werk „De >loc- trins cbristiana; umfassender bearbeiteten diese Wissenschaft zuerst Erasmus in der classi- schen Schrift „Lcclesia-tes" (Bas. 1535, 3; neue Ausg.von Klein, Lp;. 1820) und Audi. Hyperius in der Schrift „De tormamlis cnucinnibus sacris" (Mark. 1553). Unter den neuern Werken sind zu nenne» Niemcyer's „Handbuch für christliche Religionslehrer" ,Bd.; 2 6. Aust., Halle >827); Hüffell, „Über das Wesen und den Beruf des christlich, evangelischen Geistlichen" (2 Bde.; 2. Aust., Gieß. 1830—31); Harms, „Pastoralthco- logie" <3 Bde.; 2. Aust., Kiel 1837) und Palmer, „Homiletik" (Stuttg. 1832). Vgl. , Sckuler, „Geschichte der Veränderungen des Geschmacks im Predigen" (3 Bde., Halle >792—93; nebst „Beiträgen" dazu, Halle 1799, und Ammon, „Geschichte derHomile- n'k", Gott. 1803). Homilie (griech.), so viel wie Rede, wurde seit dem 3. Jahrh. die Bezeichnung für die den allgemeinen Bedürfnissen angemessenste und älteste Predigtgaktung. Die Homilie mackt entweder den Text selbst zum Thema und bringt, ohne sich an eine logische Ordnung der Theile zu binden, die einzelnen Gedanken, wie sie sich aus dem Text ergeben, nacheinander zur Sprache, um sie zur religiösen Belehrung und Erbauung der Zuhörer anzuwen- de», oder sie faßt die einzelnen religiösen Punkte des Textes unter einen allgemeinen praktischen Hauptgedanken zusammen und behandelt sie als Theile desselben mit unmittelbarer Anwendung auf die religiösen Bedürfnisse der Zuhörer. Homiliuö (Gottfr. Aug.), einer der ausgezeichnetsten Organisten und Kirchencsm- ponisten des l 8. Jahrh., geb. am 2. Febr. 1713 zu Rosenthal an der böhm. Grenze, wurde 1732 Organist an der Frauenkirche zu Dresden, 1755 Cantor an der dasigen Kreuzschule und Musikdirektor und starb am l.Juni 1785. Erzeigte im Orgelspiel Neichthum an i Gedanken, tiefe Kenntniß der Harmonie, ungemeine Fertigkeit und zweckmäßige Wahl in> Registriren. Von seinen trefflichen Kirchencompositionen sind nur wenige gedruckt; dahin gehören eine „Passionscantate"(1775); eine „Weihnachtscantate"(1777); „Sechs deut- sche Arien im Clavierauszuge" (1786) und einige Motetten in den von Heller herausgege- denen „Motetten". Als Manuskripte wurden verbreitet mehre Passionen und Cantaten, die Kirchenmusiken auf alle Sonn - und Festtage, eine große Anzahl Motetten für Singstimmen, ein einstimmiges Choralbuch in 167 Chorälen, mehre variirte und fugirte CH»' räle und ein Choralbuch, das bei dem Gottesdienste in Dresden gebraucht wird. Hommel (Karl Ferd.), ein berühmter Nechtslehrer, der Sohn des namentlich durch seine „Anleitung zum Referiren" (7. Aust., Halle 1808) verdienten leipziger Professor Ferd. Aug. H., der 1765 starb, war zuLeipzig am o.Jan. >722 geboren, wo er anfangs Medicin, dann die Rechte studirke, I73iDoctor, 1750 außerordentlicher, >756 ordentlicher Professor der Rechte, 1763 Ordinarius der juristischen Facultät wurde, in der sein Vater, der das ihm angetragene Ordinariat abgelehnt hatte, fortdauernd die dritte Beisitzer- stelle einnahm, und reich begütert und in hohem Ansehen am 16. Mai 1781 starb. H- war ebenso einheimisch in der theoretischen wie in der praktischen Rechtsgelehrsamkeit und ge- 1 hörte zu den ersten Rechtsgelehrten neuerer Zeit, welche in die Behandlung ihrer Wisse"' schaft Geist und Leben brachten. Er bearbeitete nicht nur mehre Gegenstände der philosophischen Rechtslehre, sondern auch das Positive mit seltenem philosophischen Scharfsinn und trug so besonders zur Verbreitung einer menschlichem und dem Geiste der Zeit angemessener» Ansicht vom Strafrecht thätig bei. In seinen Schriften und selbst in solchen, wo man es gar nicht erwartet, bekundet er einen bei solcher Gelehrsamkeit seltenen Witz. Er suchte cinereinere, zweckmäßigere und geschmackvollere juristische Schreibart in den deutschen Gerichten einzuführen, für die er in mehren in deutscher Sprache verfaßten juristische" Werken das Muster aufstellte, und wußte die Rechtswissenschaft mit Kritik, Geschichte, Alterthumskunde u. s. w. in Verbindung zu setzen, wovon seine „Oiutio Oe jure »rlsgui- nirsnte" (Bair. >761), die „Liblivtbecs jnrio rabbioica er Ssraesuoruin grub." (Bair. 1762), seine „äurjrpruclenlia numiomstibus illuotrutu" (Lpj. 1765; 2. Aust., 1778) Homocentrisch Homöopathie 279 und seine mannichfaltigen akademischen Schriften zeugen, die sich zum Theil m de» von Rössig besorgten Ausgabe von H.'s „Opuscul» juris uuivcrsi et implimis e!e^:>,>!!<>!!> selecta" (Bd. I, Bair. 1785) gesammelt finden. Seine vorzüglichsten Arbeiten aber sind sein „Deutscher Flavius oder vollständige Anleitung, sowol bei Civil- als Criminalfällcn llrthel abzufassen" (2 Bde.; 4. verm. und Verb. Ausg. von Klein, Bair. >8« 1>) und „Rbapsnili» guaestionum in toro guotillie obvenientium etc.", ursprünglich eine Reihe akademischer Programme, gesammelt von Nössig (4. Ausl., 7 Bde., Bair. 1783—87, -1.), worin er eine Menge schwieriger Rechtsfragen bestimmt und frei von aller Pedanterei in der Form entschied; auch gedenken wir noch seiner Schrift „Über Belohnung und Strafe, nach türk. Gesetzen" (Bair. 1772), die er unter dem Namen Alex, von Joch herausgab; der Übersetzung von Beccaria's Schrift „Von Verbrechen und Strafen" (2 Bde., Brcsl. 1788); seiner „Oblsctomentajuris leuckolis" (Lpz. 1755, 4.) und der anonym herausgegebenen „Einfälle und Begebenheiten" (Lpz. 1760), die er später umarbeitete und ebenfalls anonym unter dem Titel „Kleine Plappereien" (Lpz. > 773) erscheinen ließ. Homocentrisch oder concentrisch nennt man Das, was denselben Mittelpunkt hat. Zwei Kreise z. B. sind homocentrisch, wenn sie aus einerlei Mittelpunkt gezogen sind. Homögen, s. Heterogen. Homoiotöleuton (griech.), d.i. von gleichen Endsylben, heißt eine rhetorische Figur, die in dem gleichen Ausgang zweier oder mehrer Verse oder Sätze besteht, entsprechend dem deutschen Reime, indem dasselbe Wort oder verschiedene Wörter gleicher Gattung am Schlüsse nachdrücklich wiederholt werden. DaS Homoioteleuton gehört zu den zahlreichen Nedefiguren der Wiederholung, steht der Epiphora (s. d.) am nächsten und darf nur mit Vorsicht angewendet werden. Homoiusia und Homoiufiasten, s. Arianer. Homologumöna, s. Antilegomena und Kanon. Homonymen, s. Synonymen. Homöopathie ist der Name des von Hahnemann (s.d.) aufgestellten Heilsystems. Der erste Gedanke zu diesem Systeme wurde in dessen Begründer dadurch angeregt, daß er, unbefriedigt von Cullen's (s.d.) Erklärung der fiebervertreibenden Kraft der Chinarinde, selbst eine Gabe dieses Arzneimittels bei vollkommenem Wohlbefinden nahm und davon eine Wirkung spürte, die der Krankheit, gegen welche es angewendet wird, sehr ähnlich war. Durch diesen Erfolg überrascht, stellte er weitere Versuche mit andern Mitteln sowol an sich selbst als an andern gesunden Personen an und gelangte theils zu ähnlichen, theils zu ganz neuen Resultaten. Diese dienten ihm als Grundlage eines neuen Heilsystems, dessen Hauptumrisse er schon 17V6 in Hufcland's „Journal der praktischen Heilkunde" indem Aufsatze „Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisub- stanzen nebst einigen Blicken auf die bisherigen" angab und das er später in den ,,kr»8- menta cls viribus mcciicamentorum positivis sive in 8»no corpore biilNiiNtt observitli,'" dem „Organon der Heilkunde", der „Reinen Arzneimittellehre" und den „Chronisten Krankheiten" weiter ausführte. Der Grund einer jeden Krankheit ist zufolge dieses seines Systems eine regelwidrige Veränderung im Innern des Organismus. Dieser Grund, die nächste Ursache der Krankheit (s.d.) ist jedoch, da das Leben nicht rein physikalischen Ge- setzen unterliegt, durchaus nicht erkennbar, und der Arzt wird sich daher vergeblich bemühen, diese Ursache zu bekämpfen, da er sie nicht kennt, und höchstens vielleicht zufällig das rechte Mittel fittden, sie zu entfernen. Viel sicherer geht er zu Werke, wenn er aller unnützen Forschung nach Dingen, die zu erkennen er nicht im Stande ist, und aller Hypothesen, die sich über diese Dinge aufstellen lassen, sich enthält und Das genau auffaßt, was ihm die Krank- heit als einzig erkennbar liefert, die Krankheitszeichen oder die Symptome. Die Eesammt- lseit aller Symptome repräsentirt die Krankheit in ihrem ganzen Umfange; nimmt man die Symptome weg, so hört die Krankheit auf, weil die Symptome nicht ohne Aufhören ihrer Ursache verschwinden können, und es tritt Gesundheit ein. Die Hebung der Symptome ist es also, wgs der Arzt erstreben muß, und zu diesem Zwecke stehen ihm drei Wege offen. Er kann zur Bekämpfung des von ihm beobachteten Übels solche Mittel geben, welche den vorhandenen entgegengesetzte Symptome erfahrungsmäßig Hervorbringen (enantiopathische 280 Homöovathie oder antipathische Methode); die Erfahrung aber zeigt, daß durch diese Heilmethode dir Krankheitssymptome nur auf gewisse Zeit unterdrückt werden, dann aber wieder erscheinen. Der Arzt kann aber auch Mittel anwenden, welche nicht entgegengesetzte, sondern nur von den vorhandenen verschiedene Symptome erzeugen (allopathische Methode); hieraus entsteht zwar eine andere wesentlich verschiedene Krankheit, aber keine Gesundheit. Endlich können zur Bekämpfung der vorhandenen Krankheit Mittel gewählt werden, welche im gesunden Menschen Symptome Hervorrufen, die den im vorliegenden Falle vom Arzte erkannten ähnlich sind (homöopathische Methode) und dieser Weg ist der vorzüglichste, weil, da zwei ähnliche Krankheiten im Körper zugleich nicht existiren können, die schwächere von der stärker» ausgelöscht, in das Strombett der stärker» übergeführt werden muß. Die Wirkungen der Arzneien sind aber stärker als die der äußern Einflüsse, welche Krankheiten erregen, deshalb wird in den meisten Fällen die Arzneikrankheit stärker sein, die vorhandene Krankheit tilgen und dann, wenn die Arznei aufhört zu wirken, die Gesundheit zurückkehren. Es ist sonach Aufgabe der Heilkunde, Mittel zu finden, deren Wirkung auf den gesunden Körper der der krankmachenden Einflüsse ähnlich sei. Dies wird dadurch erreicht, daß gesunde Menschen Substanzen genießen, in denen wir Heilkräfte vermuthen, ohne daß wir wissen, worin eigentlich diese bestehen und wie sie diese geltend machen, und auf deren Wirkungen, die sich durch Befindensveränderungen offenbaren, die gehörige Aufmerksamkeit wenden. Die Versuche mit diesen Substanzen, die man gewöhnlich Arzneien nennt, müssen nokh- wendig an gesunden Menschen angestellt werden, weil nur in diesen sich ihre Wirkung nach festen Gesetzen übereinstimmend und nur wenig durch die Individualität der Versuchspersonen modificirt Herausstellen kann. Beim kranken Menschen nämlich, dessen Organismus durch die Krankheit eine von dem gesunden Organismus abweichende, aber, da kein Krank- heitsfall dem andern vollkommen gleicht, unendlich mannichfaltige Beschaffenheit annimmt, ist das Resultat solcher Versuche höchst unsicher und trügerisch. Dieselben Symptome aber, welche die größere Gabe einer Arznei im gesunden Organismus hervorruft, wird eine ge ringere, ja eine ungleich kleinere Gabe dieser Arznei dann im kranken Organismus zu er zeugen im Stande sein, wenn die Krankheit schon ähnliche Symptome darbictet, also die Theile, in denen diese Arznei ihre Wirkungen hauptsächlich entfaltet, schon von der Krank heit in ähnlicher Weise afficirt sind. Deshalb muß eine nach Befinden bedeutendere odc> unbedeutendere Verdünnung der Arznei und diese einfach ohne einen andern beigemisäucr Armeistoff gegeben werden, wobei jedoch jedesmal auch die äußern krankmachcnden Ein flüffe hinweggeräumt und alle neue möglicherweise schadeustiftenden, die Arzneiwirkune hemmenden oder geradezu vernichtenden Momente durch eine sorgfältig zu beobachtende für jeden Fall vorzuschreibendcDiät vermieden werden müssen. Aus diesen vorausgeschickten pathologischen und therapeutischen Sätzen folgt nun als Resultat der Schlußsatz des homöopathischen Systems: Wähle, um schnell, sicherund dauernd zu heilen, ein Anim mittel, welches bei Gesunden Erscheinungen im Organismus hervorruft, die mit denen, welche der vorliegende Krankheitsfall darbietet, die größte Ähnlichkeit haben, oder kurz mit dem gewöhnlichen Symbol ausgedrückt „8imilia similib»-; curantiir". Zur Vervollständigung sind aber etwa noch folgende von Hahnemann aufgestellte Sätze anzuführen. Die Wirkung der Arzneien im Körper ist eine doppelte, die Erst- und die Nachwirkung. Jene besteht darin, daß die genommene Arznei die Lebenskraft umstimnit und auf längere oder kürzere Zeit eine Befindensveränderung hervorbringt, welche als cm Product der Thätigkeit der Arznei- und der Lebenskraft und folglich der einwirkenden Potenz anzusehen ist. Letztere ist die ferner erfolgende Veränderung, welche von der automatischen Bestrebung der Lebenserhaltungskraft im Körper hervorgebracht wird, die darauf ausgeht, den fremdartigen der Natur aufgedrungenen Reiz, die Arznei, sobald als möglich zu entfernen, worauf der regelmäßige Zustand zurückkehrt und also Heilung von der Arzneikrankheit und, da diese der ursprünglichen Krankheit sich bemächtigt hatte, Herstellung der Gesundheit erfolgt. Die Erstwirkung gehört dem Arzte, die Nachwirkung der Natur an. Da es ferner sehr häufig nicht gelingt, eine Arznei zu finden, welche alle Symptome, die eine Krankheit liefert, in ähnlicher Weise hervorzubringen im Stande wäre, so muß die Arzt zuerst die Hauptsymptome ausfindig zu machen wissen, diese auf die geeignete Art be- Homousta Hompesch 28 l. kämpfen und dann die noch übrigbleibenden ebenso mit einer andern Arznei zu heben suchen. Überhaupt ist es nöthig, bei jeder Gelegenheit sich durch ein umfassendes Examen ein genaues Bild von dem gegenwärtigen Standpunkte der vorliegenden Krankheit zu verschaffen, um nach dem Befund entweder die schon angewendete Arznei zu wiederholen oder eine andere zu geben. Die Arzneien selbst verlieren durch Verdünnung nicht an Kraft, vielmehr wird diese bei vielen noch dadurch gesteigert. Hahnemann's Pathologie ist von der der altern Schule dadurch sehr abweichend, daß er alle chronischen Krankheiten durch drei Urformen sich bilden läßt, welche sich trotz unendlich vielen Modificationen erkennen lassen. Das homöopathische Heilsystem fand bald eine im Verhältniß zu seiner Neuheit nicht unbedeutende Anzahl Anhänger, die vielleicht noch bedeutender gewesen sein würde, wenn das Verbot des Selbstdispensirens in den meisten Staaten nicht die Anwendung der homöopathischen Arzneien unmöglich gemacht hätte, während die Apotheker, Äderen Interesse dabei ins Spiel kam, diese nicht bereiten wollten. In der neuern Zeit ist dieses Hinderniß durch Einrichtung homöopathischer Apotheken gehoben und in allen civilisirten Staaten gibt es Ärzte, welche nach diesem Systeme ihren Beruf ausüben. Auch sind homöopathische Heilanstalten errichtet worden, und die Stiftung von Lehrstühlen für homöopathische Me- dicin auf einigen Universitäten sieht wenigstens in Aussicht. Der Streit über den Werth des Systems dauert noch fort, scheint jedoch nach und nach eine würdigere Haltung gewinnen zu wollen, als er früher durch Hahnemann's und seiner Gegner gereizte Stimmung und persönliche Feindschaft angenommen hatte. Haben sich aufder einen Seite nicht wenige Homöopathen wieder in manchen Punkten von Hahnemann's ursprünglichen Lehren entfernt, so hat auch die ältere Schule von der andern Seite manchen Wink aus Hahnemann's Lehre aufgefaßt und zu ihrem Nutzen angewendet, wodurch beide Theile geneigter gemacht wurden, sich gegenseitig mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als früher. Als Organe für die Fortbildung der Homöopathie führen wir an Stapf's „Archiv für die homöopathische Heilkunst" (Bd. 1 —21, Lpz. 1828—44) und „Hygea, Zeitschrift für Heilkunst" (Bd. l —Ist, Karlsr. und Heidelb. 1834—44), erst von Mehren, dann von Griesselich herausgegeben. Von den gegen die Homöopathie gerichteten Schriften sind hauptsächlich zu erwähnen Heinroth, „Antiorganon"(Lpz. > 823); Jörg, „Hahnemann'sHomöopathie"(Lpz. « 822) und Kopp, „Erfahrungen und Bemerkungen bei einer prüfenden Anwendung der Homöopathie am Krankenbette" (Franks. 1832). Homousia und Homöusianer, s. Arianer. Hompesch (Ferd., Freiherr von), der letzte Großmeister des Johanniterordens und der erste Deutsche, der diese Würde bekleidete, gehörte zu dem altadeligen, jetzt gräflichen Teschlechte H. im Herzogthum Jülich, in welchem dasselbe die Erboberjägermeisterwürde bekleidet. Geboren am 9. Nov. 17 44 zu Düsseldorf, der Sohn des kurpfälz. Geh. Naths, Ioh. Wilh. vonH., kam er in seinem zwölften Jahre nach Malta, wo er vom Pagen des Eroßmeisters nach und nach zum Großkreuz aufstieg, lange Zeit die Gesandtenstelle.des wiener Hofs bei seinem Orden bekleidete und 1797 durch den überwiegenden Einfluß Öst- reichs zum Großmeister gewählt wurde. Als Bonaparte am 10. Juni 1798 vor Malta erschien, verweigerte H. die Einfahrt in den Hafen und ließ seine Truppen unter die Was- , fen treten. Zu seiner Verfügung standen 400 Reiter, ein Regiment Infanterie von 500 s M. und die aus einer Bevölkerung von 10900 Seelen ausgehobenen Milizen, die jedoch keine große Anhänglichkeit an die bisherige Negierung bewiesen. Durch einige ans Land ! gesetzte Abtheilungen waren die Truppen des Ordens sehr bald über den Haufen geworfen. Doch die Hauptstadt und Festung Lavalette hätte sich längere Zeit gegen die franz, Truppen zu behaupten vermocht, wenn nicht zwischen Bonaparte und einigen Mitteln eine ver- rätherische Capitulation zu Stande gekommen wäre, welche gegen die Übergabe der Festung dem Orden sein Eigenthum, seine Religion und seine Privilegien garantirte. Doch kaum waren die Franzosen im Besitz der ganzen Insel, als sie, uneingedenk der Capitulation, Len Großmeister mit der rücksichtslosesten Strenge zu behandeln anfingen, selbst in seinem Palaste die Wappen des Ordens vertilgten und wenige Tage nachher ihn, unter dem Versprechen einer jährlichen Pension von 200000 Livres, zwangen, mit den Rittern du Insel zu verlassen. H. schiffte sich nach Triest ein, wo er feierlich gegen die Capitulation 282 Hondekoeter Hoene-Wronski protestirte und einige Monate später seine Würde in die Hände des Kaisers Paul von Rußland niederlegte, der sie bis zu seinem Tode bekleidete und H. eine Pension aussefle. Nach Paul's Tode, als die russ. Pension nicht mehr gezahlt wurde, gerieth H. in große Geldverlegenheit. Er begab sich nach Montpellier, um von der ihm versprochenen rückständigen Pension, die sich auf 2 Mill. Livres belief, etwas zu erhalten; erhielt auch endlich 150«» Livres ausgezahlt und starb zu Montpellier in den ersten Monaten des 1.1885. — Sein Neffe, Joh. Wilh. von H., der Sohn des 1801 verstorbenen kurbair. Staatsund Conferenzministers, Franz Karl von H-, geb. 1761, gest. als bair. Finanzminister am 9. Dec. 1809, erwarb sich in der kritischen Periode von 1806 an große Verdienste um sein Vaterland und die allgemeinste Achtung selbst bei dem Feinde. Hondekoeter ist der Name einer berühmten holländ. Malerfamilie. AgidiusH., geb. zu Utrecht 1583, der Sohn eines Marquis von Westerloo in Brasilien, der dort reich begütert, durch die Inquisition aber verfolgt, sein Vaterland verlassen hatte, zeichnete sich besonders als Landschaftsmaler aus. Seine Landschaften gehören noch der ältern, phantastischen Richtung an, wie sie sich, etwas gemäßigt, in Roland Savery und David Mick- boom darstellt. Er lebte später zu Amsterdam, wo er auch starb. — Sein Sohn, Eijs- bert oder Gilles H-, geb. zu Amsterdam oder zu Utrecht 1613, war ein ebenfalls berühmter Maler und starb zu Utrecht 1653, wohin er sich gewendet, als ein Mädchen, welches er zärtlich liebte, seinen Vater, einen stattlichen, kräftigen Mann, ihm vorzog und demselben ihre Hand bot. In seinem Stile war er Nachfolger seines Vaters. — Gijsbert's Sohn, Melchior H., geb. zu Utrecht 1636, der die Malerkunst bei seinem Vater und in der Folge bei seinem Onkel, Joh. Bapt. Ween ix (s. d.), erlernte, wurde der berühmteste seiner Familie. Er starb am 3. Apr. 1695. Mit bewundernswürdiger Kunst malte « Thiere, hauptsächlich Vögel, deren Gefieder er auf das täuschendste nachahmte, namentlich Hühner, Truthühner, Enten, Gänse, Pfauen. Den Hintergrund bilden bei ihm meist wohlgeordnete Landschaften. Sein Pinsel ist weich und voll, sein Strich fest und breit, > täuschend ahmt er den Wurf der Federn nach. Gleichwol war ihm in Ton und Harmonie ' sein Oheim Weenix noch immer überlegen, obschon ein Hühnerhof von H. höher bezahlt zu werden pflegt als eine Gruppe tobten Geflügels von seinem Oheim. Hondüras, einer derfünfStaaten derRepublik der Vereinigten Staaten von Cen- tralamcrika (s. d.), der nördlichste und nächstEuatemala der größte, ist im Norden und Osten von den« Westindischen Meer, im Süden und Südwesten von dem Staate Nicaro- gua begrenzt. Er hat ein Areal von 3128 IHM. und 300000 E-, nämlich 60000 Weißt und 230000 Gemischte. Die Südostküste, gewöhnlich die Mosquitoküste, bewohnen unabhängige Jndianerstämme. An der Nordseite befindet sich die Hondurasbai, ein Theil des Karaibischen Meers. Das Klima ist sehr heiß, der Boden fruchtbar. Die Hauptstadl ist Comayagua oder Neuvalladolid. H. wurde schon 1502 von Christ. Colombo entdeckt aber erst >523 in Besitz genommen und bildete bis 1823, wo die Republik sich constituirte, eine Intendantur des span. Eeneralcapitanats Guatemala. Hone (Will.), beliebter engl. Volksschriftsteller, geb. zu Bath 1780, erlangte seine erste Celebrität durch sein satyrisches „kolitieul llouse, tkst äaclc truilt", ein Bolksge- ^ dicht, welches über 50 Auflagen erlebte und dessen Jllustrirung viel zu Cruikshank's Nui ^ beitrug. Seine Celebrität steigerte noch bedeutend sein nächstes Gedickt, eine politische Satire in Form der Liturgie der engl. Kirche. Deshalb der Blasphemie angeklagt, führte« in dem desfallsigcn Processe selbst seine siegreiche Vertheidigung; doch schloß er hiermit die Laufbahn des öffentlichen Satirikers und errichtete einen Bücherhandel. Seitdem schrieb er „Lver^ tiu^ book", „Dks )-e3r-bonIr" und „Dulile-booL", worin er Englands Aller- thümer in populairem Ton erläuterte, redigirte zuletzt das Journal „Icke pstriut" und starb zu Tottenham am 6. Nov. 1832. Hoene-Wronski, Mathematiker und Anhänger der neuern mystischen Philosophie Frankreichs, geb. um >775 in Posen, wurde früh durch seinen deutschen Vater, Namen» Hoene, dem Studium der Mathematik zugeführt. Als Artillerieoffizier trat er >791 >" das poln. Heer unter Kosciuszko, an dessen Streifzügen während des Aufstandes von >'9 er Theil nahm. Bei dem Sturme der Preußen auf Warschau wurde er mit Auszeichnung M in- sich »5. lts- ster um H. . eich ' sich an- ck- js- be- oel- u»d rt't sin estl ! ll sich lkiß reit, > iui! ^ tzil ' en> und au- eist um heil iadl eckt, irü, eine Sa< k ei ldn >rieb lter- und jphie' uens ^ ll in 7S1 iunz Honig Honigberger 283 genannt; bei Macicjowice fiel er in die Hände der Feinde. Nach erfolgter Freigebung ging er 1798 nach Deutschland, wo er sich mit Philosophie, Mathematik und Physik beschäftigte, und >810 nach Paris, wo er für seine Forschungen mehr Anerkennung und Lohn zu finden hoffte. Mehre mathematische Abhandlungen, die er dem Institut überreichte, fanden großen Beifall und erwarben ihm nächst seiner „Introduction s 1a ;,I>iI»8o;ibie Oe» matliematlgues" und der „Resolution Aener-de Oes eguatioos" (Par. >811) einen Namen. Die Gunst des Instituts verscherzte er dadurch, daß er in seiner „Refutation do I-> tlieorie des fonctions uiud^tigues «1e Ragrange" (Par. 1812) die Mitglieder des Instituts Lagrange und Legendre angriff. Dagegen erwarb er sich das Vertrauen eines reichen Kaufmanns, Arson, der vollkommene Gütergemeinschaft mitihm einging. Vergebens suchte ihn der Fürst Czartoryiski durch große Versprechungen nach Polen zu locken; H. blieb in Paris. Er ließ hier seine „?biIo8opIüe dein tscbliie" (2Bde., Par. 1815—16) unddie „?b>- losopitie de I'inüni" (Par. 1817), mit denen er es auf eine Reform der ganzen Mathematik und deren Vereinigung mit der Philosophie abgesehen hatte, erscheinen. Großes Aufsehen erregte sodann ein Proceß gegen Arson, von dem er für Mittheilung seiner wissenschaftlichen Entdeckungen ungeheure Summen verlangte, wobei die ihm oft schuldgegebene Charlatane- rie deutlich hervortrat. Die mystischen Speculationen, die er in dem Werke „lutrod,letion au splnnx" (Par. >818) mitgetheilt hat, und das neue religiös-philosophisch-politische System, das er in seinem „Zbessisnism" (2 Bde., Par. >831—40) aufstellt und durch welches er, indem er besonders Frankreichs Gesittung scharf tadelt, den ganzen socialen und politi- schen Zustand von Europa umgestalten möchte, haben wenig Beifall gefunden. In neuester Zeit hat er sich unter den Gegnern der festen Eisenbahnen bemerklich gemacht. Honig nennt man vorzugsweise die süße Substanz, welche die Bienen aus den Blumen und reifen Früchten sammeln, in ihrem Magen verarbeiten und in ihren Zellen auf- bewahren. Die Güte des Honigs ist verschieden nach den Kräutern und Blumen, von denen er gesammelt ist. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Arten, den Krauthonig, der von allerhand Blumen und Bäumen, und den Heidehonig, der von dem immerblühenden Heidestrauch gewonnen wird. Der Krauthonig ist im Geschmack besser als der Heidehonig; auch ist das Wachs von ersterm seiner und durchsichtiger als von letzterm. Die beste Sorte desKrauthonigs ist der weiße oder Jungfernhonig. Guter Honig muß dick, aber klar und rein sein; sehrhäufig wird er verfälscht,namentlich mitMehl. Jn hohem Nufestanden im Alterthume des Wohlgeschmacks wegen der Honig vom Berge Hybla in Sicilien und der vom Berge Hymettus in Attika. Obschon fast überall Honig gewonnen wird, so ist er doch mir in Rußland, Polen, auf Malta, in Spanien und Frankreich ein bedeutender Handelsartikel. Aus dem Honig kann man einen sehr guten Wein, Essig und Syrup bereiten; auch dient er zur Speise und zum Einmachen verschiedener Speisen. In der Pharmacie findet der durch Kochen mit Wasser oder auch mittels des Einweichens gereinigteHo- nig (illei de8pumstum) häufige Anwendung, durch dessen Verbindung mit andern Arz- neistoffen verschiedene Honigpräparate entstehen; so der Sauerhonig (oximel sim^lex), eine Verbindung von Honig und Essig, das oximel colclücum oder ocillitieum, eine Verbindung von Honig mit Zeitlosen- oder Meerzwiebelessig; auch verbindet man mit dem Honig ein Decoct von Süßholz (mel Ii844 Lahore. Hönigern, ein schles. Dorf in der Nähe von Namslau, wurde in neuester Zeit deshalb in weitern Kreisen genannt, weil es sich dem Kampfe der Altlutheraner gegen die preuß. Agende und Union anschloß. Als sich nämlich diese Partei nach Scheibel's (s.d.) Entlassung im I. 1831 schroffer ausbildete, hielt auch die große Parochie H. mit ihrem Pfarrer Kellner, einem Schwager Scheibel's, an dem altlutherischen Tauf- und Abend- mahlritual hartnäckig fest und störte dadurch die Parochialverhältnisse benachbarter Lite, aus denen Gleichgesinnte nach H. kamen, um das Abendmahl zu genießen und ihre Kinder taufen zu lassen. Die Behörden der unirten Kirche, welche im Z. 1834 einschritten, erkannte Kellner so wenig als Vorgesetzte an, daß er nicht der Commission, die ihn suspcndirte, sondern 40 Deputirten seiner Parochie die Kirchenbücher, die Siegel und Schlüssel der Kirck übergab. Gleichzeitig wurde von der Gemeinde die gewaltsame Eröffnung der Kirchthüu gehindert und dem ernannten Pfarrvicar Bauch der Gehorsam verweigert. Auch nachdem von mehr als einer Seite gütliche Belehrung versucht und Kellner, um seine Rückkehr nach H. zu verhindern, in Breslau gefänglich eingezogen worden war, dauerte die Aufregung in dem Grade fort, daß endlich im Dec. 1834 eine königliche Commission mit dem Auftrag! erschien, den Pfarrvicar nötigenfalls unter Beihülfe eines Militaircommandos von 5"» M. einzuführen. Da nun die Gemeinde wiederholten Vorstellungen kein Gehör lieh, sondern die Zugänge zu der Kirchthüre dicht besetzt hielt, so wurde sie am 24. Dec. von dem Militair auseinandergetrieben, die Kirche geöffnet und Tags darauf der Pastor Bauch eingeführt. Die Einwohner lernten allmälig einsehen, daß der Gottesdienst nach der neuen Agende kein unchristlicher sei, und erhielten mit Ausnahme der Anstifter des Ausstandes die vom König erbetene Verzeihung. Honigthau nennt man die wasserhelle, kleberige, gelbliche, süßschmeckende, unangenehm riechende Substanz auf den Blättern gewisser Gesträuche und Bäume, die man sonst für einen Thau aus den Wolken hielt. Der Honigthau entsteht bei schneller Veränderung der Lufttemperatur, wenn nach heftiger Wärme plötzlich kalte Luft oder ein Sonnenregen eintreten, das Verfliegen der Ausdünstungen gehindert wird, und diese als verdichtete Safte liegen bleiben und lockt eine große Menge Blattläuse (s. d.) herbei, die man sonst fälschlich als die Ursache desselben ansah. Honneurs nennt man vorzugsweise die Ehrenbezeigungen, welche das Militair allen Vorgesetzten zu erweisen schuldig ist, um damit das so höchst wichtige Princip der Subordination zu bethätigen. Die Honneurs sind verschieden nach dem Grade des Vorgesetzten, und nach dem Verhältnis in welchem sich der Untergebene in solchem Augenblick befindet. Das Abnehmen der Kopfbedeckung wird gegenwärtig fast überall durch bloßes Anlegen der Hand an dieselbe erseht. Steht der Soldat auf Posten, so saßt er das Gewehr an, prasen- tirt dasselbe oder nimmt es beim Fuß, je nach dem Grade Dessen, vor welchem die Honneurs gemacht werden, und nach dem Stande der Person, vor dessen Hause die Schildwacht steht. Ebenso ist das Herausrufen der Wache oder das bloße Präsentiren der Schildwache von de> UN! emi auc Honorar Honorius 285 dem Grade des Vorübergehenden oder von besonder» localen Bestimmungen abhängig, namentlich im Felde, wo die Honneurs der Wache und der Schildwachen sich nur auf den Offizier »In jcmr und auf den commandirenden General erstrecken. Besondere Honneurs werden fürstlichen und höhern Personen bezeigt, wenn sie in eine Festung kommen; die Anzahl der Kanonenschüsse, welche dabei gelöst werden, ist durch besondere Befehle festgesetzt. Zn altern Zeiten wurde hierbei sogar scharf, d.h.mitKugeln,geschossen. Auch Schiffe salutiren sich gegenseitig, und die Forts, an denen sie vorbeisegeln oder landen wollen, durch eine Anzahl Schüsse. Endlich gehören die Ehrenbezeigungen hierher, die verstorbenen Mi- litairs beim Begräbnis erzeigt werden, zu denen namentlich ein dreimaliges Feuern der begleitenden Truppe über das Grab gerechnet wird. — Im gesellschaftlichen Leben machen beim Empfang von Gasten der Wirth und seine Frau oder in Ermangelung derselben eine andere damit beauftragte Dame die Honneurs, welche darin bestehen, daß sie die Gäste empfangen und ihnen die erfoderlichen Aufmerksamkeiten erweisen. Honorar hießen bei den Römern die Geschenke an Getreide, Wein u. s. w., welche den eine Provinz verwaltenden obrigkeitlichen Personen von den Einwohnern der Provinz, ohne daß diese dazu verpflichtet gewesen wären, ehrenhalber gegeben wurden. Indessen wurden dergleichen Geschenke in den später« Zeiten der Republik oft nicht nur gefodert, sondern auch erpreßt. Gegenwärtig bezeichnet man mit Honorar oder Ehrensold Vergütungen in Geld für Arbeiten und Bemühungen höherer, besonders geistiger Art, welche nichtständige Gehalte oder Besoldungen sind, und für die der Ausdruck Lohn nicht würdig genug erscheint. In diesem Sinne spricht man von einem Honorar des akademischen Docenten, des Schriftstellers und des Arztes. Jedoch ist der Sprachgebrauch des Worts, außer in den genannten Verhältnissen, nicht völlig bestimmt. Honorius, der Sohn des Kaisers TheodosiuS' l., geb. 384 n. Ehr., zum Augustus ernannt 393, nach seines Vaters Tode 395 Kaiser des weström. Reichs, während seinem Bruder Area diu s (s. d.) das östliche zufiel, residirte anfangs zu Mailand, seit 493 aber zu Ravenna. Sein Vormund Stilicho (s. d.), der für ihn die Regierung mit Kraft und Klugheit führte, die Empörung des Gildo in Afrika im I. 398 unterdrückte, dem Ala- rich (s. d.) in Griechenland im Z. 397 und in Italien im I. 403 mit Erfolg entgegentrat und 496 die zahlreichen german- Scharen, die unter Radagais in Italien eingebrochcn waren, bei Florenz überwand, fiel im I. 498 als Opfer der Jntriguen des Eunuchen Olympius. Seitdem hatte Manch die Oberhand von Italien, das die Westgothen erst nach dessen Tode im I. 412 unter Athaulf, der 414 des Kaisers Schwester Placidia heirathete, verließen und nach Gallien zogen. Dieses war seit 497 durch Vandalen, Sueven, Alanen und Burgunder überschwemmt worden, von denen die letzter« zunächst am Rhein sich niederließen, während die erster« Völker 499 sich nach Spanien wendeten. In Britannien traten mehre Gegenkaiser auf, von denen Konstantin seine Herrschaft auch nach Gallien ausdehnte; zwar besiegte ihn Konstantius im I. 4l l, der 417 zum Gemahl der seit 415 verwitweten Placidia und 421 zum Mitkaiser erhoben wurde, doch gab H. die röm. Herr- Ichaft über Britannien auf. Als H. 423 starb, bemächtigte sich Primicerius Johannes der Herrschaft, die er imJ. 425 an den Sohn des schon 421 gestorbenen Konstantius, Valen- , tinian III. (s. d.), verlor, als dieser mit seiner Mutter Placidia aus Konstantinopcl zu- ruckkehrte, wohin sie, von H. verwiesen, gegangen war. Honorius ist der Name von vier Päpsten. — H. I., erwählt 625, gest. 638, billigte m den monotheletischen Streitigkeiten die Ansicht des Patriarchen Sergius von Konstantinopel von Einem Willen und wurde deshalb auf dem Concil zu Konstantinopel im I. ^0 ^ ^ber verdammt. — H. II., erwählt I ! 24, gest. > 139, mischte sich nach Heinrich s V. Tode nicht ohne Erfolg in die deutsche Königswahl und belegte, um dem Kaiser kothar dem Sachsen sich willfährig zu beweisen, den Herzog Konrad von Franken, der sich als Gegenkönig hatte krönen lassen, mit dem Bann; weniger glücklich war er gegen No- . Hss von Sicilien, der, ohne nach dem Papste zu fragen, die päpstlichen Lehen Apulien und t-alabrien in Besitz nahm. — H. III., erwählt 1216, gest. 1227, der Nachfolger Jnno- den ec an Geist und Willenskraft beiwcitem nachstand, war ein großer Förderer vkrBettelorden, von denen er den der Dominicaner 1216 und den der Franeiseancr >223 286 Honthnim Hdod bestätigte, sowie ein ausnehmender Freund des Deutschen Ordens, in dessen Interesse er fast x seine ganze Regierungszeit hindurch sich abmühte, den Kaiser Friedrich II. zu einem Kreuz. ^ zuge zu bewegen, der gerade vor sich gehen sollte, als H. starb. — H. I V., gewählt >285, ' g gest. 1287, der Nachfolger Martin's IV., war gleich diesem fortwährend mit den Mischen ^ Händeln beschäftigt, indem er keinen Augenblick daran zweifelte, daß Sicilien der oberherr- lc lichen Gewalt des Papstes untergeben sei. ai Hontheim (Zoh. Nie. von), der berühmte Weihbischof von Trier, geb. daselbst um z, 27. Jan. 1701 aus einem alten patricischen Geschlechts, besuchte, nachdem er in der Jesui- I tenschule zu Trier vorbereitet worden war, mit seinem Bruder die Universitäten zu Löwen i und Leyden und wurde l 724 zu Trier Doctor der Rechte. Aus Vorliebe für seine Stu- nc dien und aus Hang zur Einsamkeit wählte er den geistlichen Stand und machte bald dur- E auf eine Reise nach Rom, wo er die röm. Curialpraxis und Politik und die Mißbräuche j to der Priestcrregierung durch den Augenschein kennen lernte. Nach seiner Rückkehr wurde N er von dem gelehrten Kurfürsten Franz Georg zu Trier zum geistlichen Rath des Consi- ni storiums und bald darauf zum Professor der Pandekten und des Codex ernannt, auch mit ni der Besorgung mehrer wichtigen Landes - und Kirchengeschäfte beauftragt, und 1748 zum U Weihbischof des Erzbisthums erhoben. Hierauf ließ er seine „Uistori-r Vre-virensis Mo- ^ muticu" (3 Bde., Trier 1750, Fol.) erscheinen, ein Werk von tiefer und fleißiger Forschung, tu dem er später einen „krodromug" (2 Bde., Trier 1757, Fol.) nachschickte. Sein Werl de „De stst» ecdesiae liber sillAuIsris" (Franks. 1763, 4.) schrieb er zur Vereinigung der yx streitenden Parteien in der christlichen Kirche, unter dem Namen I ustin us FebromuS, F Dieses Buch, in welchem H. sich als einen kühnen Gegner der päpstlichen Anmaßung« kl und muthigen Verthcidiger der Freiheit der Kirche bekundete, das er als ein aufrichtig« U Verehrer des katholischen Glaubens aus reinem Eifer dem Papste sogar gewidmet HM, di traf die Kirche auf einer so wunden Stelle, daß die strengsten Verbote von Seiten des ai Papstes dagegen ergingen, die aber dessen Verbreitung nur noch mehr förderten. Ecgen L die Einwürfe und angeblichen Widerlegungen seiner Schrift vertheidigte sich H. wieder in i § mehren Schriften, sodaß sie nach und nach auffünfBände anwuchs. Dem röm. Hofe gelang ce es sehr bald, den Verfasser auszuspüren, ohne ihm jedoch, wegen des mächtigen Schuhet, dessen er genoß, etwas weiter anhaben zu können. Indessen ermüdete man doch durch un- unterbrochene Neckereien den beinahe 80jährigen Greis dergestalt, daß dieser sich endlich n 17 7 8 zu einem schriftlichen Widerruf seines Systems überreden ließ, in welchem er folgend! E sieben Sähe: I) von der Kirche und ihrem Zustande, 2) von den allgemeinen Kirchenversamm- a> lungcn, 3) von dem Primat in der Kirche, 4) von dem Bischofsamte, 5) von den Prüde»- vc den, 6) von den Kirchengesetzen und geistlichen Gerichten und 7) von der Freiheit Ansichte» § aufstellte, die von denen der röm. Curie abwichen. H. stand mit den bedeutendsten Gelchr- fl ten der verschiedenen Religionsparteien in Verbindung und genoß überall den Ruf unbe- tr scholtener Tugend und Frömmigkeit. Bis an seinen Tod, der zu Montquintin am 2. Test fi 1790 erfolgte, verrichtete er seine Geschäfte. ' Honthorst (Gerhard), ein ausgezeichneter Maler der niederländ. Schule, geb. > blll 3 zu Utrecht, bildete sich bei Abrah. Bloemacrt und in Nom und Neapel bei Michel Angelo de w Caravaggio (s.d.). Hier eignete er sich jene scharfen, grellen, besonders nächtlichen Licht- si effecte an, weshalb ihn die Italiener Oberaräo «lalle llotti nannten. Er gehörte zu den Kürifc- > fl lern seiner Zeit, die vom höchsten Grade des Manierirten und den willkürlichsten Aus- di schweifungen der Phantasie mehrer Maler ihrer Zeit sich abwendend nach dem Beispiel« des Caravaggio einer derb realistischen Auffassungsweise huldigten. Jedoch entlehnte ei A vom Caravaggio nur die Carnation, das Leben und die großen Schatten- und Lichkniaffeni E in den Umrissen war er genauer, in den Formen gewählter und in den Bewegungen g"> F ziöser. Er arbeitete eine Zeit lang in England für Karl I. und war dann Maler des Priw T zen von Dramen, wohnte im Haag und malte viel auf dem Lustschlosse das Haus im Bulch n bei Haag, wo noch gegenwärtig viele seiner schönsten Bilder sich befinden. Er lebte noch v> 1662. Sein berühmtester Schüler war Joachim von Sandrart (s. d.). Ein Bruder u H.'s, Wilh.H., gest. 1666, arbeitete in ähnlichem Stil, besonders für den brandenburg. Hfl- zi Hvod (Sam.), ein berühmter brit. Admiral, geb. am > 2. Oct. 1724 , war der Soh» gl / lhl , >°- tkl dll aer Ulk, diS gl» in tzkS, M- »lilh vd! Nl»> HW- chr- nbe> 5N i°d- pick teer ff-ni grr> W' noch uder Hof- roh" Hoost Hooghe 287 eines Pfarrers. Seine Laufbahn als Schiffsjunge in der königlichen Marine beginnend, hatte er sich beim Ausbruche des Siebenjährigen Kriegs bereits zum Capitain der Flotte emporgeschwungen. Im I. 1 758 erhielt er den Befehl über die Fregatte die Vestalin. Er lief von Portsmouth als Kreuzer aus und nahm nach langem Kampfe die franz. Fregatte Bellona, worauf er das Linienschiff Afrika von 6-1 Kanonen erhielt. Als der Krieg mit den amerik. Colonien begann, stationirte H. in den dortigen Gewässern. Nachdem er 1780 zum Baronet und Admiral erhoben worden, schlug er den franz. Admiral Graste bei der Insel St.-Christoph am 21. Fcbr. >782, aber noch weit entscheidender bei Guadeloupe am l i. Apr. im Verein mit dem Oberadmiral Rodney. Überdies nahm er einige Tage später noch zwei franz. Linienschiffe und zwei Fregatten an der Durchfahrt von Mona weg. König Georg lll. erhob ihn nach dem Frieden von >783 zum irländ.Pair, als Baron von Catherington. Im folgenden Jahre trat er ins Unterhaus, wo er durch freimüthige Opposition gegen die Negierung große Popularität gewann, die er jedoch verlor, als er sich 1786 durch die Ernennung zum Lord der Admiralität vom Ministerium bestechen ließ. Beim Beginn des Kampfs mit der franz. Republikerhielt er den Oberbefehl im Miktelmccr. Hier nahm er mit dem span. Admiral Langara am 27. Aug. 1793 durch Vertrag das gegen den Convent empörte Toulon in Besitz. Die Uneinigkeit der Royalisten und der Neid der Spanier hemmten jedoch die weitern Operationen. Von dem republikanischen Belagerungsheer durch die Energie des jungen Napoleon Bonaparte gedrängt, mußte H. am 18. Dec. die Rhede von Toulon verlassen. Zuvor steckte er indeß die Arsenale, Vorräthe, elf franz. Linienschiffe und neun Fregatten und Corvetten in Brand; die übrigen drei Linienschiffe, sechs Fregatten und sechs kleinere Fahrzeuge führte er mit fort. Ein furchtbarer Sturm nöthigte H. mit seiner durch Royalisten überladenen Flotte bei den Hierischen Inseln zu ankern. Von da segelte er in die ital. Gewässer und nahm am 21. Mai >791 auf kurze Zeit Corsica. Dies war aber auch seine letzte Waffenthat. Nach England zurückgekehrt, wurde er Viscount H. von Whitley, 1796 Gouverneur des Hospitals zu Greenwich und starb zuBath 1816. —- Sein Bruder, AlexanderH., der sich ebenfalls durch eigenes Verdienst zum engl. Vi- leadmiral und Pair emporschwang, starb am 3. Mai 1 81 -1 als Viscount Bridport. Hooft (Pieter), der Schöpfer der reinen holländ. Mundart in Poesie wie in Prosa und daher der holländ. Homer oder Tacitus genannt, geb. zu Amsterdam am 16. März 1581, der Sohn des Bürgermeisters CornelisH., eines der Edlen, die sich 1587 mit Gefahr ihres Lebens Leicester's Tyrannei widersetzten, bildete sich durch das Studium der alten Classiker und durch seine Reisen in Italien. Nach seiner Zurückkunft bekleidete er von 1699 an bis zu seinem Tode, der im Haag am 21 . Mai 1647 erfolgte, das Amt eines Drosten von Muiden, ohne nach höhern Würden, wozu ihn Geburt, Kenntnisse und Neich- thum befähigten, zu verlangen. Tacitus, den er in klassischer Sprache ins Holländische übertrug, war ihm als Geschichtschreiber Muster und das Ziel seines Strebens. Als solcher lieferte er „üet levsn van Xoning Ilenclrile IV." (Amst. 1626, Fol.; 1652, 12.) und eine „Geschichte des Hauses Medici" (Amst. 1649); doch den größten Werth hat seine „Ne- äerlanäsclie kistorivn" (2 Bde., Amst. 1642 — 54, Fol.; neueste Ausg., 1820 — 23), die »VN 1556—87 geht, wo die Statthalterschaft Leicester's ihr Ende erreichte. Als Dichter schuf er in Holland sowol die Tragödie als die erotische Gattung. Seine Briefe, die ebenfalls als Muster betrachtet werden, wurden von Huydecooper (>738), seine Übersetzung des Tacitus von Brandt (1684) in Druck gegeben. Hooghe (Pieter de), einer der besten niederländ. Genremalcr, geb. um 1643, nach Andern 1659, soll ein Schüler des Berghem gewesen sein. Er malte mit ausgezeichnetem Glück niederländ. häusliche Scenen, wobei er die Wirkung des Sonnenlichts durch die Fenster auf eine höchst natürliche und angenehme Weise darzustellen wußte. Fast alle seme Bilderstellen Interieurs von Zimmern mit dergleichen einfallendem Sonnenlicht dar, und die ruhigen, stillen Personen, welche er in diese Räume versetzt, machen daS festtägliche Stillleben vollständig. Sein Pinsel ist weniger zart, aber oft nicht minder geistreich als der von Dow und Mieris, und als Colorist gehört er zu den Meistern seines Fachs. Seine Bilder sind ziemlich selten. Erstarb 1722. — Nicht zu verwechseln ist er mit Rom ein deH-,einem geistreichen niederländ. Kupferstecher, geb. um 1638, der bis zum I. 1704 arbeitete. 288 Hoogstraten (Dav. van) Hook ts,! Hoogstraten (Dav. van), als Dichter in Holland, und lat. Sprache, sowie als Phi- lolog und Historiker bekannt, geb. zu Rotterdam am l 4. Marz >658, studirte zu Leyden die Arzncikunde, wurde auch daselbst Doctor der Medicin und hatte schon einige Zeit zu Dord- recht als praktischer Arzt gelebt, als er aus Liebe zu der Literatur einen Ruf an die lat. Schule zu Amsterdam annahm, wo er nachher Conrector wurde und, in Folge eines Falls in den Kanal, am > 3. Nov. >723 starb. Er gab den Phädrus, Terenz und Cornelius Nepos, ferner „6eslackteu van relkstaudlge naswv-oorden", ein kleines, aber treffliches Merkchen, und das „Woordendoelc der uederlaiidsdie en lutijascüe tsal" (Amst. > 683, I.) heraus und begann mit Scherer das „Orovt sllgemeen distor.-geogr.-geuealog. en oor- delkundig v,nordeuboelc" (8 Bde., Amst. > 723, Fol.). Hoogstraten (Dijrk van), ein mcderländ. Maler, geb. >595, wendete sich als Lehrling in der Goldschmiedekunst der Kupferstecherei und später der Malerei zu, in der er sich namentlich im historischen Fache den Ruf eines trefflichen Künstlers erwarb. Er starb zu Dordrecht >639. — Sein Sohn Samuel van H., genannt der Batavier, geb.zu Dordrecht >627, wurde theils durch seinen Vater, theils durch Rembrandt in die Kunst eingcführt. Er malte viele Bildnisse, auch historische Stücke, Blumen und Früchte, vorzugsweise aber gelangen ihm Stillleben. Von Wien, wohin er noch sehr jung kam, ging er nach Rom, später auch nach London; im Vaterlande starb er > 678. Seine Abhandlung über die Malerei, mit eigenhändig radirten Blättern, gilt für eines der besten Werke dieser Gattung in jener Zeit. — Samuel's Bruder und Begleiter auf seinen Reisen, Jan van H-, malte ebenfalls historische Stücke und starb zu Wien >653. Hoogstraten (Jak. van), Oberketzerrichter in Köln und einer der heftigsten Gegner Reuchlin's, geb. um l 353 in dem Flecken Hoogstraten in Brabant, studirte in Köln, wo er >385 Magister wurde, bald daraufin den Dominicanerorden trat und eine Priorstelle erhielt Nachher zum Professor der Theologie an der kölner Hochschule ernannt, wurde er, ale auf Betrieb des Papstes Leo's X. und Kaiser Karl's v. die Inquisition auch in Deutschland eingeführt werden sollte, zum Oberketzerrichter (Haereticse pravitstis inqui-lwo) ernannt. Als Opfer seines Eifers erwählte sich H. zunächst Erasmus von Rotterdam und Reuchlin, welches letztem Schriften er öffentlich verbrennen ließ. Doch Reuchlin gab ih» dafür dem Hohngelächter der ganzen gebildeten Welt preis; namentlich wurde er amt in den „Lpistolae obscurorum virorum" hart mitgenommen. Vor allen Ständen nannte ibn zu Frankfurt am Main im1.15 l 9 der Graf Neumar, den er ebenfalls ohne Erfolg angegriffen hatte, die „Pest des Deutschen Reichs". Reuchlin zu Grunde zu richten und aus die humanistischen Studien den Bann zu leiten, ging er nach Rom; doch auch hier wollte ihm nicht gelingen, was er anstrebte. Er starb zu Köln am 2>. Jan. >527. Unter seinen lat. Streitschriften, die gesammelt erschienen (Köln > 526, 3.), finden sich auch sehr leidenschaftlich abgefaßte gegen Luther und die Reformation. Hook (Theod. Edw.)) einer der fruchtbarsten unter den neuern dramatischen Dichtern Englands, geb. zu London am 22. Sept. 1788, erhielt seine Bildung auf der Ekon- schule und in Oxford. Begabt mit allezeit fertigem Witze und ein gewandter Improvisator schrieb er seit > 805 eine Menge Sachen für die Bühne, unter denen wir nur „IKe soldier'sre- turu", „Liege ok8t.-<2»intia",„Xilliug, nc> murder" und „Dlie Wild snd Ilie W!dov»"her> vorheben. Im I. l 8 l 9 erhielt er den Posten eines Generaleinnehmers und Schatzmeistersauf Mauritius miteinem jährlichen Gehalte von 2000 Pf. St., und bekleidete denselben bis i 8-h wo der Mißbrauch seines in einen Unterbeamten gesetzten Vertrauens ihm die Vertretung eines bedeutenden Kassendefects aufbürdete und ihn eine Zeit lang der Freiheit beraubte. Nach England zurückgebracht und noch im Schuldgefängniß begründete er die Zeitung „äobu Lull", die er mit glänzendem Erfolg redigirte, bis er sein Recht daran verkaufte, worauf er sich ausschließcnd der Novellistik widmete. Menschenkenntnis, Umgang mit der großen Welt, Witz und gewandte Darstellung würden ihn befähigt haben, Trefflicheres zu leisten als er geleistet, wenn nicht sein verschwenderisches Leben ihm stete Geldverlegenheiten vtt« ursacht und ein außereheliches Verhältnis durch die Sorge für fünf Kinder den Flug seines Geistes gelähmt hätte. Seine vorzüglichsten Novellen sind „6ilkert 6urne>", ,,6»roe) warried", „Lamings »ml dvings" u. s. W. Auch gab er „Illeiunirs of 8ir Dav. Lsird" UN ca» ) l> i cr er lr, üe >!d hll M Kü ae- »s siv at. sich' cor re- i er. s. -uf ", ng K. !»> er ;en kn er- res >«) M, Hooru Horapollo 288 „läfs of Xc!I>" heraus. Zuletzt war er Herausgeber von Colburn's „^ßorv montkl) mug:»- rine". Er starb am 2-1. Aug. >841. Hoorn odcr H o orne (Philipp H. von Montmorency-Nivcllc, Graf von), geb. >522, war derSohn Joseph's vonMontmorency-Nivelle und der Anna von Egmoud, und Stiefsohn des Grafen Hoorn, der ihn nebst seinem Bruder Floris unter der Bedingung, seinen Namen zu führen, zu Erben einsetzte. So wurde H. einer der reichsten Herren in den Niederlanden und nacheinander Kammerherr und Capitain der flamänd. Garden des Königs von Spanien, Chef des Staatsraths der Niederlande, Admiral von Flandern und Gouverneur von Geldern und Zütphen. In der Schlacht bei St.-Ouentin zeichnete cr sich durch glänzende Thaten aus und auch an dem Siege von Gravelines hatte er einen vorzüglichen Antheil. Die Bande des Bluts, die ihn mit dem großen Egmond (s. d.) vereinigten, ließen ihn auch dessen politische Meinungen theilen. Gleich ihm gab er jede Verbindung mit dem Prinzen Wilhelm von Oranien (s.d.) auf. Vergebens bemühte sich dieser, ihnen es einleuchtend zu machen, wie es für sie kein Drittes gäbe, daß sie entweder unter die Willkür eines unerbittlichen Ministers sich beugen oder ihr Heil unter der Fahne der Freiheit suchen müßten. Sieblieben allen Vorstellungen unzugänglich; gleichwol ließ sie der Herzog Alba im Sept. 1567 verhaften, ihnen den Proccß machen und sie am 5. Juni 1568 zu Brüssel enthaupten. — Auch H.'s Bruder, Floris H., wurde >570 zu Siman- cas in Spanien enthauptet und mit ihm erlosch der Stamm von Montmorency-Nivelle. Hope (Thom.), ein bekannter engl. Kunst- und Altcrthumsfreund, geb. zu London 1770, von dem jüngcrn inHollandgrünenden Zweige des altschot. Stamms Hope of Craig Hall, bereiste jung für Kunstzwecke einen Theil Europas, Asiens und Afrikas und sammelte auf seinen Reisen viele Zeichnungen meist nach Bauwerken und Sculpturarbeiten. In England erregte er zuerst Beachtung durch ein offenes Sendschreiben an I. Annesley, worin er den von Wyatt für das Collegium Downing in Cambridge entworfenen Bauplan einer strengen, aber sachkundigen Kritik unterwarf. Weiteres Aufsehen erregten die Einrichtung und Ausschmückung seines Hauses in London und seiner Villa zu Deepdene beiDorking. Von ersterm findet sich eine Abbildung in Britton und Pugin's „kublic lmil- äiogs of l.oockon"; er selbst veröffentlichte die Zeichnungen zu seinem Hausgeräthe in „lloiisobolki tiirniture itixl intornal »lecorstinns" (Lond. 1805). Im I. 1806 vermählte er sich mit der durch Schönheit und gesellige Talente ausgezeichneten Tochter des Erzbischofs von Tuam i» Irland. Er förderte die Kunst, indem er namentlich Flaxman, Chantrey, Thorwaldsen und Dawe beschäftigte; Undank erntete cr dafür von dem franz. Maler Dubost, der in Bezug auf ihn und seine Gemahlin eine Caricatnr ausstellte, ,,I.» besutö et I» bete", welche H.'s Schwager zerriß und wofür die Jury statt der gcfoderten Ivüo Pf. St. nur fünf Schillinge Entschädigung zusprach. Noch Lab H. heraus „Ibe costnmes of tbe ancients" (2 Bde., Lond. 1809); „Vc5!z-ns of möllern costumes" (Lond. 1812); „Anastasius, or tbe memoirs of a mollern 6reele" (3 Bde., Lond. 1819; deutsch von Lindau, 5 Bde., Dresd. 1821—25) und „On tbe oriAin anll'proszrects ok man" (Lond. 1831). Er starb zu London am 3. Febr. 1831. Hopfen nennt man die weiblichen Fruchtzapfen der überall in Deutschland wild wachsenden, in mehren Ländern aber veredelt angebauten Hopfenpflanze, die insbesondere zur Würzung der Biere gebraucht wird. Man unterscheidet den Früh- oder August- Hopfen und den Spät- oder Hcrbsthopfen, von denen jener diesen an Güte übertrifft. Den meisten Hopfen baut man in Böhmen, Ostreich, Baicrn, Braunschweig, Sachsen und England. Der häufige Wechsel derHopfenpreise macht den Hopfenhandel zu einem bedeutenden Gegenstände der Spcculation. In neuerer Zeit hat man die Anwendung von Ho- Pftnextract statt des Hopfens in Substanz zum Bierbrauen vorgeschlagen. Als Surrogat des Hopfens bedienen sich die Brauer der Blüten röm. Kamillen und anderer bitterer 'Manzenstoffe. Hopital (l'), s. L'Hopital (Michel de). Horapollo oder Horus Apollo, ein alter ägypt. Priester, ist angeblich der Ver- Wr eines Werks über die Hieroglyphen, das sich aber nur in der griech. Übersetzung eines gewissen Philippus erhalten hat. Die beste Ausgabe besorgte Leemans (Amst. 1835). . L«n»,-rex. Neunte Aufl. V». 19 290 Horatius Horatius Flaccus Horatius ist der Name eines alten pakricischcn röm. Geschlechts. Ihm gehörten or die drei Horaticr, von denen die röm. Sagengcschichtc erzählt, daß sic unter König Tnl- lus Hostilins zur Entscheidung des Kampfs zwischen Nom und Albalonga den drei albo- nischen Curiatiern, die ebenso wie sie Drillingsbrüder waren, entgcgcngcstcllt worden seien. Zwei der Horaticr waren gefallen, der überlebende aber, von Livius Publius, von Andern Marcus genannt, gewann den Kampf, indem er klug die Gegner v.oneinandcr trennte und einzeln überwand. Als er siegreich zurückkehrte, empfing ihn seine Schwester, die dem ei- neu Curiatier verlobt war, mit Wehklagen; im Zorn stieß sie der Bruder nieder. Duum- viri (s. d.) der Pcrduellio, die der König zu Richtern über ihn bestellte, verurtheilten ihn zum Tode, das Volk, an das er von dem Nichtcrspruch provocirte, sprach ihn aber frei, und durch den Vater oder durch die Priester wurde die Entsühnung vollzogen, bei der er unter einem Joch durchschreiten mußte. Dieses, errichtet bei den Altären der Juno Sororia und des Janus Curiatius, das sogenannte tiAillumsornriiim, wurde auf Staatskosten fortwäh- rend bis in die späte Zeit erhalten; auch die Gräber der gefallenen Horatier und Curialier - waren noch zu Livius' Zeit vorhanden; daß aber ein Grabmal mit fünf Pyramiden bei Albano Skjaolcro llo^Ii Orari e Ouriuri genannt wird, beruht auf moderner, der antiken Angabe über die Localität widersprechender Willkür. — Nachkommen dieses Horatius wa- ren Marcus Horatius Pulvillus, der nach der Vertreibung der Targuinier, zu der er mitgewirkt, unter den Consuln des ersten Jahres der Republik, 569 v. Ehr., als Nachfolger des Spur. Lucretius genannt wird, und dessen Bruder, Publius Horatius Cocles, von dem erzählt wurde, er habe, als Porsenna 567 Rom angriff, die Pfahlbrücke (kons sublicius), die über die Tiber zur Stadt führte, gegen die andringenden Feind! erst mit zwei Genossen, dann allein so lange vertheidigt, bis sie hinter ihm abgebrochen gewesen, und sich dann durch Schwimmen zu den Seinen hinübergerettet, die ihn durch ein Standbild auf dem Comitium ehrten und mit so viel Land, als er an Einem Tage umpflügen konnte, beschenkten. — Von den übrigen Horatiern, die in dem 3. und 4. Jahrh. der Stadt theils als Consuln, theils als Consulartribunen angeführt werden, ist namentlich i Marcus Horatius Barbatus erwähnenSwerth, der mit Lucius Valerius Publicola, nach dem Sturz der Decemvirn das Consulat, das er schon vorher zweimal bekleidet hatte, 439 v. Chr. erhielt und mit seinem College« die wichtigen Gesetze (leges lloratiae et Valerias) durchbrachte, durch welche den Beschlüssen der Tributcomitien Geltung fürs ganze Volk gegeben, die Wahl von Obrigkeiten ohne Provocation verboten und über Den, der die plebejischen Obrigkeiten verletze, der Fluch ausgesprochen wurde. Seit dem I. 378 v. Chr. verschwindet das patricische Geschlecht der Horatier aus den Fasten. Horatius Flaccus (Quintus), nächst Virgilius der gefeiertste röm. Dichter, wurde am 8. Dec. 65 v. Chr. zu Venusia in Apulien, unter dem Consulat des L. Aurelius Cotta und 8. Manlius Torguatus, geboren. Sein Vater, ein Freigelassener, besaß ein kleines Grundstück daselbst, verkaufte dasselbe jedoch und zog nach Rom, um für die bestmöglichste Ausbildung seines Sohnes nach seinen geringen Vermägensumständen sorgen zu können. Hier erhielt der junge H. vollständigen Unterricht in den sogenannten freien Künsten, während sein Vater ihm als Vorbild in Sitte und Tugend diente, und namentlich war cs der Grammatiker Orbiliu s Pup, llus (s. d.), der in ihm dieLiebcfürdicLccturedergriech. Dichter, besonders des Homer, und für das Studium der griech. Literatur überhaupt erweckte und nährte. Um seine Studien fortzusctzcn, begab er sich im 26. Lebensjahre nach Athen. Während dieser Zeit ereigneten sich in Rom die wichtigsten Veränderungen. Julius Cäsar wurde ermordet, Brutus und Cassius, die letzten Stützen der sinkenden Republik, verließen Italien, kamen nach Athen, rüsteten sich dort zum Kriege und nahmen die röm. Jünglinge, die sich der Wissenschaften wegen hier aufhielten, in ihr Heer auf, unter diesen auch H-, der mit Brutus, in dessen Heere er Tribun, d. i. Führer einer Legion wurde, nach Makedonien aufbrach. In der Schlacht bei Philipxi in Makedonien im I. 42 v. Chr., in welcher Brutus und Cassius fielen, rettete H. sein Leben durch die Flucht, obgleich nicht auf schimpfliche Weise, wie man aus einer seiner Oden hat schließen wollen. Bei seiner Rückkehr fand er seinen Vater verstorben, sein väterliches Erbgut eingezogen; Armuth, wie er erzählt, trieb ihn, Verse zu machen. Ob es mit dieser Äußerung so ernstlich gemeint sei, als Manche Horatins Flaccus 291 glauben, bleibe dahingestellt; genug, H. machte schwerlich jetzt zum ersten MaleBerse, und machte sie auch jetzt nicht etwa, um Brot damit zu verdienen, welches ihm, wenn auch nur mäßig, die erlangte Stelle eines Quästurschreibers gewährte. Nächst der Poesie beschäftigte er sich mit der Philosophie; deshalb wählte er unter andern eine Gattung der Poesie,.die sich vornehmlich dem philosophisch-dichterischen Geiste eignet, die didaktische, wozu die Sa- kire gehört. Durch natürliche Anlage für diese Gattung vorzüglich geeignet, zog er sehr bald die Aufmerksamkeit und Bewunderung der gebildeten Welt auf sich. Namentlich schenkten ihm zwei Dichter des ersten Ranges, Virgilius und Banns, ihre Freundschaft, die ihn bei Mäcenas (s. d.) einsührten. Dieser nahm dcnH. nach neun Monaten in seinen vertrautem Kreis auf und beschenkte ihn nach einigen Jahren mit dem sabinischen Landgute, dessen H. in seinen Gedichten so oft gedenkt. Die schönen Erinnerungen an die Zeit der Republik und an die Partei, der er gedient hatte, ließen ihn nicht die Gnade des jetzt mächtigen Usurpators nachsuchen; ja er wich dieser vielmehr aus, wie die drei Zuschriften des Augu- sms an ihn beweisen, welche SuctoniuS uns in dcr„Vitu Ikoisti!" aufbewahrthat, und deren eine nicht ohne Empfindlichkeit ist. Selbst den Antrag des Augustus, in seine Dienste zu treten und die Besorgung seiner Privatcorrespondenz z» übernehmen, lehnte H. unter dem Vorwände geschwächter Gesundheit von sich ab, und ein an Augustus gerichtetes Gedicht mußte dieser im eigentlichen Sinne ihm abdringen. Übrigens war H., der so große Beispiele von dem Unbestande der menschlichen Dinge erlebt hatte, weise oder klug genug, sich vom öffentlichen Leben zu Nom entfernt zu halten und die Einsamkeit in seinem Sabinum einem scheinbar größer» Glücke vorzuziehen, was vielleicht auch seinen Neigungen am meisten zusagtc. Fast alle seine Gedichte an Mäcenas drücken Liebe zur Freiheit, Gleichgültigkeit gegen ein Glück, das von der Meinung Anderer abhängt, und seine Zufriedenheit nüt einer Lage aus, in welcher er sich über seine Wünsche reich befand. Jndeß trug er ebenso wenig eine Nusticität zur Schau, als ihm strenges, mürrisches Wesen zur Tugend noth- wendig schien; vielmehr zeigte er überall eine echte Urbanität, welche für jedes Verhältniß den angemessenen Ton findet. Wir besitzen von H. vier Bücher „Oden"; ein Buch sogenannter „ Epoden " (s. d.), - in denen er den ArchilochuS zum Muster nahm; zwei Bücher „Satiren" und zwei Bücher „Briefe", deren einen an die Pisonen man öfter als ein eigenes Werk unter dem Titel „>rs poeticu" anführt. Um H. als Lyriker richtig zu würdigen, darf man nickt vergessen, daß er unter den Römern der Erste war, welcher die röm. Sprache für die lvri- sche Poesie ausbildete und sie, mit nicht geringer Mühe, in die schwerem griech. Sylben- maße fügte. Durch anhaltendes Studium brachteereinen meisterhaften Versbau zu Stande; doch ist dies keineswegs sein einziges Verdienst, auch an Empfindung und Ausdruck steht n nicht zurück. Zwar läßt sich nicht leugnen, daß der größte Theil seiner lyrischen Gedichte nur aus Nachahmungen griech. Muster, des ArchilochuS, Alcäus, Ttesichorus,der Sappho u. A. bestehe, und dgrum auch so voll von griech. Bildern, Wendungen und Wortfügungen, ia stellenweise blos Übertragung aus dem Griechischen ist; ganz originell ist er dagegen in leinen „Satiren". Diese, zu denen man auch seine „Briefe" zählen darf, da sie sich von jenen durch wenig mehr als die Aufschrift und die Richtung an eine Person unterscheiden, hoben mehr oder weniger ein Colorit des Komischen und dürfen nur aus diesem Gesichtspunkte beurtheilt werden. H. will weniger die Laster züchtigen als die Narrheiten in ihrer lächerlichen Blöße zeigen, denn er sieht mehr Narren als Schurken in der Welt ; den Vor- »rtheilen und Jrrthümern setzt er seine Philosophie entgegen, die dem Genuß die Weisheit zum Wächter stellt und alle die Tugenden lehrt, ohne welche der reine Genuß theils unmög- ^ch ist, theils ganz verbittert wird. Dieleichte, gefällige Art, womit er philosophirt, das Trlz, womit er seine Gedanken würzt, die Feinheit und Leichtigkeit, mit denen er sich mit- steilt, verhindern alle Einförmigkeit und gewähren die anziehendste Unterhaltung. Sein Vortrag ist der leichteste und ungezwungenste, und H. wußte den Hexameter so zu bearbeiten, daß er durchaus den natürlichen Schritt der gesellschaftlichen Unterhaltung zu gehen Mint. Noch gegenwärtig sind diese seine Darstellungen nicht ohne Anwendbarkeit und Zntcresse und darum ist auck H. stets der erwählte Liebling aller Männer von Geist und 19* 292 Hordenschlag Horen feiner Weltbildung geblieben. Er starb plötzlich am 27. Nov. im I. 8 v. Chr. und über, lebte nur kurze Zeit seinen Freund und Gönner Mäcenas, neben dessen Grabmal auf dem Esquilin er bestattet wurde. Außer den altern Erklärer», besonders dem Acron, Porphyrion und dem Scholiastc» des Cruquius, erwähnen wir von den überaus zahlreichen Bearbeitungen seincrWcrke nächst dem ältesten Drucke (Mail. >179) die von Lambin (2 Bde., Leyd. >561,1.; zuletzt abgedruckt Kobl. 1829), Bentley (Cambr. 17 11, 1.; zuletzt abgedruckt, 2 Bde., Lpz.l 82«), Cunningham (2Bde., Haag >721), Fea (2 Bde., Rom 1811; neu bearbeitet vonBothe, 2Bde., Heidelb. 1821-27), Döring (2Bde., Lpz. >893 28), Orelli (2Bde., 2.Aust, Zur. 18-13—1-1); unter den Schulausgaben die von Zahn (2.Aust.,Lpz. 1827), Zell(2 Bde.,Stuttg. 1828), Meineke (Berl.1831) undDillenburger (Bonn >811). Besonders bearbeitet wurden die „Satiren" von Heindorf (Bresl. 1815; vielfach verb. Aust., vonWü- stemann, Lpz. 1813) und Kirchner (Bd. >, Strals. >829,1.); die „Briefe" von Schmid (2 Bde., Halberst. >828—39), von Obbarius und Schmid (Heft l—5, Lpz. >837 fg.) und Düntzer (2 Bde., Braunschw. 1813); die „Oden" von Jani (2 Bde., Lpz. >778— 82; 2.Aust., 1899), Mitscherlich (2 Bde., Lpz. 1.899), Panderbourg (3Bde.,Par. 18,2 fg.) und Peerlkamp fHarlem >831). UnterdendeutschenUbertragungennennenwirdievon I. H. Boß (2 Bde., Hcidelb. >819; 2. Aufl., 1829), Scheller (Braunschw. 1828; 2. Aust., 1839), Günther (Lpz. > 839), und die Sammlung der gereimten Übersetzungen und Nachbildungen von Rosenheyn (2 Bde., Königsb- > 898); von den „Satiren" die meister- hafte Übersetzung von Wieland (2 Bde., Lpz. >789; 1. Aufl., 1819); von den „Briefen" die von Demselben (2Bde., Dess. >782; zuletzt Lpz. 1837), vonGünther833); von den „Oden" außer der früher» bekannten von Ramler die von von der Decken (2 Bde., Braunschw. > 838). Vgl. Teuffel, „Charakteristik des H." (Hz. 1812), Dessen „H., eine literarhistorische Übersicht" (Lüb. >813) und Weber,„H-, alt Mensch und Dichter" (Jena >81 i). Hordenschltlg oder Pferch nennt man diejenige Düngungsmethode, bei derdit Weideschafe während der Nacht in einem mit H orden, d. i. tragbaren, aus Latten gefertigten Umzäunungen, umgebenen Raume cingeschlossen werden, um durch die flüssige» und festen Excremenke den Bode» zu düngen. Die Bortheile des Hordenschlags besiehe» darin, daß die Kosten der Bereitung und Ausfuhr des Düngers erspart werden, daß kein Unkrautgesämc in den Boden kommt, daß man die Auswürfc der Thiere, welche beii» Nachhausetrciben aus dem Wege verloren gehen, erhält, daß Streumaterial erspart wird und daß lockerer Boden an Zusammenhang gewinnt; die Nachtheile aber darin, des die Schafe dabei oft erkranken, daß die Wolle verschlechtert wird, daß der Pferch auf trockenen, huuiusarmen Bodenarten leicht nachtheilig wirkt und im Allgemeinen Lagergekreite erzeugt, weshalb auch das Pferchen besser für Kohl - und Handelsgewächse in Anwendung kommt. Der Pferch wirkt zwar schnell, aber weniger andauernd als der Stallmist, lim seine Verflüchtigung zu vermeiden, muß er schnell, aber nur seicht untergepflügt werden. Auch kann man sowol unbestelltes als schon mit Getreide bestelltes Ackerland behordeu. Horeb, eine der Spitzen des auf der Landzunge zwiswen den Meerbusen von Suez und Akaba am Nordende des Rothen Meeres sich erhebenden Tor Sina oder Sinaigebir- ges, von dem der eigentliche Sinai (s. d.) ebenfalls eine Spitze ist. Wie dieser ist der)), durch die alttcstamentlichen Erinnerungen merkwürdig, die sich an ihn knüpfen ; so wird unter Andern, der Fels auf ihm gezeigt, aus dem auf Moses' Schlag Wasser sprang. Die Höhe des H. wird sehr abweichend von 9129—8929 par. F. angegeben. Nach dcm H nannte auch eine Partei der Hussiten den Berg irische» Ledc; und Lipnicre in B°l?mcu, auf dem sie ihren Sammelplatz halten, Horeb und sich selbst Horebiten. Horen erscheinen bei Homer, der jedoch weder ihre Zahl noch ihre Altern angibk, als die Pförtnerinnen des Himmels, dessen Wolkenrhor sie offnen und schließen, und dann alS Dienerinnen der Götter, namentlich der Aphrodite. Mir diesen homerischen stehen in Verbindung jene zwei in Athen seit alten Zeile» verehrten Horen, Thallo, d.i. die Blühende, der Frühling, und Karpo, d.i. die Fruchrgeberin, der Herbst. Bei Homer nämlich iü der Begriff der Jahreszeiten ebenfalls mit den Pförtnerinnen des Himmels verbunden, d« k Höre» Horizont 293 bestimmter Zahl erscheinen sie zuerst bei Hesiod, der drei angibt, nämlich Eunomia, d. k. gesetzliche Ordnung, Dike, d. i. Gerechtigkeit, und Eire n c, d. i. Friede, und sie Töchter des Zeus und der Themis nennt. Hier werden also die Göttinnen der Naturordnung und der Jahreszeiten zu Symbolen der Ordnung, Gerechtigkeit und des Friedens, indem die Idee des Physisch Geschlichen auf das ethisch Gesetzliche übergctragen wurde. Hierauf trat wieder der ursprüngliche Begriff hervor; die Horen wurden die Vorsteherinnen der Jahreszeiten sowol als der Tageszeiten, deren Wechsel und verschiedene Erzeugnisse sie herbei- führen, daher sic auch die Schöpferinnen alles Schönen sind und deshalb häufig in Gesellschaft der Chariten oder Grazien (s. d.) austreten. In der Kunst halten die Horen meist ihre physische Bedeutung fest, und es lassen sich auf Kunstwerken sowol drei als vier Horen Nachweisen. Öfter kommt allein die Frühlings-Hora, H o ra vorzugsweise genannt, mit dem Schur; voll Blumen vor. Berühmt ist besonders Rafael's Darstellung der Horen. Hören, s. Gehör und Sinne. Horiah, eigentlich Niklas Urß, ein siebenbürg. Wlache, geb. zu Nagy Aranyos, im albinser Comitat, ein Mensch nicht ohne Anlagen und Bildung, aber von wilden Leidenschaften, faßte unter Joseph >1. den Plan, sich zum König der Wachen aufzuschwingen. Zu diesem Zwecke bearbeitete er mit seinem Gefährten Kloska die rohen und schwer bedrückten Wachen zunächst im Geheim; dann ging er nach Wien und wußte vom Kaiser für den Flecken Bran im zarandcr Comitat das Marktrecht auszuwirken. Mit Hülfe der darüber ausgestellten Urkunde überredete er 178s die Wachen, die nicht lesen konnten, daß er bevollmächtigt sei, an einem bestimmten Tage alle Edelleute zu ermorden. Doch die Verschwörung wurde entdeckt und zur Verhaftung der Anführer Befehl gegeben. Jetzt glaubten die Verschworenen ihrer eigenen Sicherheit wegen nicht länger zögern zu dürfen und fingen an den Adel und die Geistlichkeit mit beispielloser Grausamkeit zu verfolgen. Mehre tausend Menschen verloren unter den größten Martern das Leben, und viele Rittersitze wurden zerstört, ehe mit Erfolg gegen das Unwesen eingeschritten werden konnte. H. nannte sich König von Dacicn, leistete mit seinen Anhängern während des Winters von l78s den hartnäckigsten Widerstand, und erst nach vieler Anstrengung konnte man im folgenden Jahre seiner habhaft werden, worauf er hingerichtet wurde. Hörigkeit ist ein milderer Ausdruck für Leibeigenschaft (s. d.) und bezeichnet den sich sehr mannickfaltig abstufcnden Zustand zwischen völliger Leibeigenschaft und vollkommener Freiheit. Schon Tacitus erwähnt einer Art Hörigkeit, welche in Entrichtung gewisser Grundzinsen bestand. An einer unbefangenen und gründlichen historischen Dar- slellung, wie die mannichfaltigen Verhältnisse der Hörigkeit aus sehr verschiedenen Ursachen entstauben, wie sic auf verschiedenen Wegen sich ausbildeten und unter mancherlei Namen doch im Ganzen zu einem im Wesentliche» überall ähnlichen Endpunkte gekommen sind, fehlt cs noch; auch Kindlinger in seiner „Geschichte der deutschen Hörigkeit" (Berl. 18lS) M mir eine für einen Theil Westfalens paffende historische Hypothese. Die eigentliche Hörigkeit, d. h. die erbliche Verpflichtung zu gemeinen landwirtbsckaftlichen und häuslichen Diensten, und die Ministcrialität, d. h. die Verpflichtung zu Kriegs - und höher» Hofdiensten, waren wol stets voneinander geschieden, doch mag ein Übergang von den geringer» zu den höher» Diensten häufiger siattgefunden habe», als man gegenwärtig zugeben will. Horizont. Wenn wir uns auf einer ganz freien Ebene, wo weder Gebäude noch Berge u. s. w. die Aussicht beschränken, oder auf dem hohen Meere befinden, und jwar so, daß unser Auge nur wenig über der Oberfläche der Erde oder des Meeres erhoben ist, so erscheint uns die Oberfläche der Erde, so weit wir sie übersehen können, als eine kreisrunde Ebene, welche von dem gleichsam darauf ruhenden Himmelsgewölbe begrenzt wird. Diese Ebene heißt die Horizontrlcbene oder die Ebene des Horizonts, und der Kreis, wo sie das Himmelsgewölbe trifft oder in welchem Erde und Himmel zusammcnzustoßen scheine», heißt der Horizont, d. i. begrenzende Kreis; doch lagt man sehr häufig auch Horizont, wo man eigentlich die Horizontalebene meint. Offenbar hat jeder Ort der Erde seinen besonder« Horizont. Der Horizont ist einer der größten Kreise der Himmelskugel und theilt dieselbe in die sichtbare und unsichtbare Halbkugel, da nur diejenige» Gegenstände des Himmels sichtbar sind, die sich über jener Eben? V». t'I 294 Horizontal Hormayr befinden. Dies gilt jedoch nur dann, wenn unser Auge die vorhin angegebene Stellung hat. Denn sobald wir uns einigermaßen über die Oberfläche der Erde erheben, übersehen wir mehr als die Hälfte der Himmelskugel, und die scheinbare Grenzlinie zwischen Himmel und Erde liegt nun unter demjenigen Kreise, in welchem eine die Erdkugel in unscrm Standpunkte berührende Ebene das Himmelsgewölbe trifft. Man unterscheidet den scheinbaren und den wahren Horizont. Der crsicre ist der oben erklärte; der wahre ist eine Ebene, die wir uns parallel mit der Ebene des scheinbaren Horizonts durch den Mittelpunkt der Erde gelegt denken. Beide Ebenen stehen voneinander um den Halbmesser der Erde ab; gegen die unermeßliche Entfernung der Fixsterne kommt aber dieser Abstand gar nicht in Betracht, und man betrachtet daher die Kreise, die durch den Durchschnitt beider vereint gedachten Ebenen mit dem Himmelsgewölbe entstehen, als völlig zusammenfallend. Der Horizontalpunkt aufdem Rande eines astronomischen Meßinstruments, insbesondere > eines Mauerkreises oder eines Meridiankreises, ist der dem himmlischen Horizonte entsprechende oder mit dem Kreismittelpunkte in einer genauen Horizontallinie liegende Punkt der Randes. Er wird dadurch bestimmt, daß man einen Stern bei seiner Culmination in einer Rächt unmittelbar, in einer darauf folgenden Nacht aber das Spiegelbild desselben Sterns, welches auf der Oberfläche einer in Ruhe befindlichen Flüssigkeit erscheint, mit dem Fernrohr beobachtet und den auf dem Rande des Kreises zwischen dem Stern und seinem reflce- tirten Bilde enthaltenen, durch die Lagen des Fernrohrs bei beiden Beobachtungen abge- schnittenen Bogen halbirt. Die hierbei gebrauchte reflectirende Fläche einer Flüssigkrit, wozu man Quecksilber als die das Licht am besten reflectirende Flüssigkeit nimmt, heißt ein künstlicherHorizont. Außerdem können auch das Bleiloth und die Wasserwage zur Bestimmung des Horizontalpunkts dienen. Horizontal, wage- oder wasserrecht, heißt Das, was dem scheinbaren oder wahre» Horizont de? Orts, wo man sich befindet, parallel, also gegen die nach dem Zenith gerichtete Vcrticallinie senkrecht ist. Zur Bestimmung einer horizontalen Ebene dient oft die Wasseroberfläche, weil das Wasser und alle flüssigen Körper im Zustande des Gleichgewichts eine solche Lage annchmen, bei welcher ihre Oberfläche horizontal ist, wobei jedoch von der am Rande der Gefäße stattfindenden höher« oder kiefern Stellung abgesehen werden muß. Noch häufiger dient die Verticallinie zur Bestimmung der Horizontallinie, z.B. bei Blei -, Schrot - und SeHwagen. , Hörmaschine, s. Hörrohr. ' Hormayr (Jos., Freiherr von), bair. Wirklicher Geh. Rath und Ministrrresidcul bei den Hansestädten, geb. zu Innsbruck am 29. Jan. >781, ist der Enkel Jos. von H.'s, eines als Gelehrter und Staatsmamr vielverdienten Mannes, geb. >7»5, gest. als Geh. Rath und tirolischer Kanzler zu Innsbruck I78l. Mit seltenen Talenten ausgerüstet, fühlte sich H. früh zum Studium der Geschichte hingezvgen; allein der Wille des Vaters bestimmte ihn, sich für das Justizfach auszubilden. Bereits in seinem 13. Jahre ließ er die „Geschichte der Herzoge von Meran" im Druck erscheinen. Nachdem H. > 794 —97 zu Innsbruck die Rechte studirt hatte, diente er >799 und >800 in der tiroler Landwehr und wurde, vbschon er der jüngste Hauptmann war, zum Major befördert. Im I. >891 kam er nach Wien, wo er im nächsten Jahre im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten angestcllt, >893 zum Wirklichen Hofsecretair ernannt und überdies noch mit der Direction des Geheimen Staats-, Hof- und Hausarchivs beauftragt wurde. Im Dec. >895 begleitete er den Fürsten Liechtenstein auf den Friedcnscongreß zu Presburg. Als einer der unversöhnlichsten Gegner Napolcon's und seines Systems unternahm er cs, in Tirol einen allgemeinen Aufstand vorzubereiten und wurde > 899 zur Armee von Jnneröstreich unter den Befehlen des Erzherzogs Johann, mit dem er schon bisher in der innigsten Verbindung gestanden hatte, gesendet, um den von ihm mit rastlosem Eifer vorbereiteten Aufstand in Tirol, Vorarlberg und später im Salzburgischen zurAusführung zu bringen. H. hattedcn l Plan zur Befreiung Tirols, die an elf Punkten zugleich bewerkstelligt werden sollte, »nt einer so genauen Kenntniß der Local-und Personalverhältniffe entworfen, daß, ungeachtet der Verzögerung bei Ausführung desselben, bis auf einen einzigen Punkt, die Festung Kufstein, Alles glücklich von statten ging. Seine Proclamationen erregten die allgemeinste Z n n bl w kc zt lc 5! w vü br st w w ui de ri bc ch ft „< st 3 ta li st di I! ß< sc Nl re LI st li b »I a> di dl h> w n> u F st F w öl ir n Horn 295 ml 's, eh. let, ers die S" md »IN len io» lei- »i- icn tcr mg in )cn nit .ch> mg isie Sensation. Abgeschnilten von aller Communication mit der östr. Armee und mit dem Innern des Kaiserstaats, hatte er allein die ganze Landesverwaltung zu führen; er setzte die im Besitzergrcifungspatcnte (zu Udine am 13. Apr. 1809) vorgeschriebene Organisation beharrlich durch; auch übernahm er die Oberleitung der Landesvcrtheidigung in Allem, was nicht directe militairische Operationen betraf, und führte Beides, trotz der Schwierigkeiten und Hindernisse, die ein insurgirtes Land darbietet, fast ohne Mittel, meist in ver- zwciflungsvoller Lage, vom Feinde geachtet, durch Hülfe seiner treuen und tapfern Landsleute, mit großem Erfolge fort, bis der znaimcr Waffenstillstand, im Anfänge Aug., die Räumung Tirols und Vorarlbergs gebot. Zurückgckchrt in seinen frühcrn Wirkungskreis, widmete er sich seinen historischen Arbeiten, bis seltsame politische Verwickelungen ihn nebst vielen andern Tirolern und Vorarlbergern im I. >813 einige Zeit in Staatsgcfangenschast brachten. Im I. >813 wurde er vom Kaiser zum Historiographen des Reichs und des kaiserlichen Hauses ernannt und lebte nun in Wien, bis er 1828 einem Rufe deS Königs Ludwig von Baiern, der schon >826 an ihn ergangen, damals aber von ihm abgclehnt worden war, nach München folgte. Hier wurde er Ministerialrat!) im Departement des Äußern und erhielt die inländischen Referate in Lehenssachcn, in Adels- und geistlichen Gegenständen, auch im Ministerium des Innern das Referat sämmtlicher Archive und Conscrvato- rien, sowie der auf Kunst und Alterthum bezüglichen Gegenstände. Im I. 1832 wurde erbau. Ministerresidcnt in Hannover und 18.39 bei den Hansestädten. Unter seinen zahlreichen historischen Schriften erwähnen wir seine „Kritisch-diplomatischen Beiträge zur Geschichte Tirols im Mittelalter" (2 Bde., Jnnsb. >802—3; neue Aust., Wien 1803); „Geschichte der gefürsteten Grafschaft Tirol" (2 Bde.,Tüb. 1806—8) und das „Historischstatistische Archiv für Süddeutschland" (2 Bde., Wien 1808), durch welche er, sowie in Zeitschriften, den Nationalgeist der Tiroler zu heben sich bemühte; ferner den „Östr. Plu- tarch, oder Leben und Bildnisse aller Regenten des östr. Kaiserstaats" (20 Bde., Wien 1807—20), der trotz seiner Mängel ein verdienstliches Werk bleibt; das „Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst" (18 Bde., 1810—28, -1.); das seit 1811 begründete, 1820—29 in Verbindung mit Mednyanski und dann wieder allein hcrausgcgcbcnc „Taschenbuch für die vaterländische Geschichte" (Bd. > —20 und Neue Folge Bd. I — I l, >811—45); die „Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit, vom Tode Friedrich des Großen bis zum zweiten pariser Frieden" (3 Bde., Wien 1817— 19; 2. Aust., >831); „Wien, seine Geschichte und Denkwürdigkeiten" (9 Bde., Wien 1823—25, mit Urkunden, Plänen und Kupfern); die Sammlung seiner „Kleinen historischen Schriften und Gedächtniß- reden" (Münch. 1832); die vielfach angefochtenen, aber höchst anziehenden „Lebensbilder aus dem Befreiungskriege" (3 Abth., Jena >841—14); „Die goldene Chronik von Hohenschwangau" (Münch. 1842) und „Tirol und die Tiroler" (2 Bde., Lpz. > 843), eine gänzliche Umarbeitung seiner „Geschichte Andr. Hofer's" (Altcnb. >817). Die „Llnmimontn boica", die nach und nach unter die geschichtliche Bedeutung herabgesunkcn waren, wurden von H.in würdiger Weise rcgencrirt. H. ist mehr Geschichtsforscher als Geschichtschreiber. Horn nennt man den Auswuchs an den Köpfen mancher Thiere, welcher denselben als Schutz-und Truhwaffe dient. Namentlich haben die wicderkäuendcn Thiere Hörner; doch sind bei einigen Classcn nur die Männchen gehörnt, bei andern wenigstens die Hörner der Weibchen anders gestaltet als die der Männchen. Von den eigentlichen Hörnern, welche hohl und durchsichtig sind und auf einem knochcnartigcn Ansätze am Stirnbein aufsitzcn, wie bei den Ochsen, Ziegen u. s. w., unterscheidet mau das Gehörn, welches massiv auf einer Art von Stuhl am Stirnbein, z. B. bei den Hirschen u. s. w., ruht, jährlich abgcwvrfcn und durch ein neues ersetzt wird. Der Substanz nach bestehen die eigentlichen Hörner !auS Faserstoff und thierischer Galle; das Gehörn aber, wie die Knochen, meist aus phosphor- sturer Knochenerde. Äuch die Fühlfäden der Schnecken nennt man Hörner, und selbst bei Fischen und Insekten findet man hier und daHornartige Auswüchse, deren man sogar, ob- luol krankhaft, bei Menschen beobachtet hat. Die Hufe mancher Thiere, und Schnabel und Klauen der Vögel, bestehen ebenfalls aus einer hornartigcn Substanz. Das Horn wird zu wanchcrlci technischen Zwecken verwendet, indem cs sich sehr sein bearbeiten läßt. In der neuesten Zeit fertigt man aus den durch Wasscrdämpfc erweichten Hornspäncn mittels L .1 Horn Horn (Ernst) Pressen Hornplatten und andere Arbeiten in ungewöhnlich großen Dimensionen. Der Ab. fall von Hörnern, die Hufe und dergl. geben einen vortrefflichen Dünger. Horn oder Waldhorn (franz. cor <1? cbussc, ital. cnrno
  • 625 Dorpat, 1630 Kolberg und führt! , dann beim Vordringen Gustav Adolfs gegen Frankfurt an der Oder die eine Hälfte de! > schweb. Heers. In der Schlacht bei Breitenfeld commandirte er den linken Flügel; auch ! nahm er Theil an der Schlacht am Lech; in der bei Lützen erhielt er den Befehl, den gcschla- genen linken Flügel des Feindes zu verfolgen, während der König an der Spitze des Sttn- ^ bock'schen Regiments der Unordnung seines eigenen linken Flügels abzuhelfen suchte. Nach Gustav Adolfs Tode unterstützte er die Plane seines Schwiegervaters Orensticrna und vereinigte sich mit dem Herzog Bernhard von Weimar in Schwaben, der gegen seinen Nath 1634 die Schlacht von Nördlingen lieferte. In dieser gefangen genommen, wurde er erst 1642 ausgewechselt. Im I. 1644 führte er sodann wieder ein Heer nach Schonen und nöthigte die Dänen zum Frieden. Auch unter der Königin Christine und unter Karl X. stand er in großem Ansehen. Er war zuletzt Neichsmarschall, verwaltete Licfland und Schonen als Statthalter und starb 1659. Horn (Ernst), preuß. Geh. Mcdicinalrath und einer der beschäftigsten praktischen Arzte Berlins, geb. am 24. Aug. 1774 zu Braunschweia, studirte in Göttingen, wo er 1797 für die später veröffentlichte Abhandlung „Über die Wirkungen des Lichts auf den lebenden menschlichen Körper, mit Ausnahme des Sehens" (Kömgsb. 1799) bei derPreis- , vertheilung das Accesfit erhielt und hierauf promovirte. Im I. 1798 wurde er zweiter Garnijonarzt und >800 Professor an der Akademie für Militairärzte in Braunschwcig» 1804 folgte er dem Rufe als ordentlicher Professor der Medicin an die Universität zu Wittenberg und noch in demselben Jahre dem als preuß. Hofrath und Professor nach Erlangen. Von hier kam er 1806 als Professor an der medicinisch-chirurgischen Militärakademie und zweiter Arzt am Charitekrankenhause nach Berlin, welche letztere Stelle er >8>5 niederlcgte. Hierauf wurde er 182 l ordentlicher Professor der Medicin an der Universität. Als praktischer Arzt gewann er seitdem einen immer ausgcbreitetern Ruf. Als Schriftsteller arbeitete er früher vorzüglich im Fache der praktischen Medicin. Dahin gehören sein „Grundriß der medicinisch-chirurgischen Arzneimittellehre" (Berl. >804); „Hambuch der praktischen Arzneimittellehre" (2. Aust., Berl. >805); „Handbuch der niedl- ^ 297 Horn (Franz Christoph) Horn (Joh. Gottlob) cinischen Chirurgie" (2 Bde., Lvz. >804—6); „Beiträge zur medicinischrn Klinik, gesammelt auf meinen Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich" (2 Bde., Braunschw. 1800, nmgearbeitct unter dem Titel „Anfangsgründe der mcdicinischcn Klinik", 2 Bde., Erf. >807—8). In Verbindung mit Nasse und Henke, später mit Nasse und Wagner gab er 1801—36 das „Archiv fürmedicinischc Erfahrung" heraus. Horn (Franz Christoph), der Bruder des Vorigen, ein bekannter belletristischer Schriftsteller, geb. zu Braunschweig am3o.Juli I78>, besuchte das Käsige Catharincum und Carolinum, studirte seit >799 in Jena die Rechte und dann in Leipzig Philosophie, Geschichte und Ästhetik, wobei er sich den damals Einfluß gewinnenden Ansichten der Schlegel'schen Schule anschloß. Durch zu anhaltende wissenschaftliche Beschäftigung legte er schon hier den Grund zu seiner nachmaligen Kränklichkeit. Er wurde >863 Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, folgte > 865 dem Rufe als Lehrer an das Lyceum zu Bremen, sah sich aber einige Jahre darauf, da das Klima seiner Gesundheit nicht zusagte, gc- nöthigt, seiner Stelle zu entsagen, worauf er sich >809 wieder nach Berlin wendete, wo er fortan als Privatlehrer vielfach beschäftigt war, auch Vorträge über Shakspcare und deutsche Literaturgeschichte hielt, und am >9. Juli >837 starb. Seine Romane „GuiS- cardo" (Lpz. l 801; neue Aufl„ > 817), in welchem er die inner» Kämpfe der neuern Dich- tersckule und ihre Conflicte mit der Außenwelt und der alten Schule des >8. Jahrh. dar- stcllte; „Die Dichter" (3 Bde., Berl. >801; neue Aufl., >817), die er selbst für sein bestes Werk erklärte; „Kampfund Sieg" (Brem. 1811) und „Liebe und Ehe" (Berl. 1819), wieseine „Novellen" <2 Bde., Berl. >819—20), unter welchen der „Ewige Jude" die meiste Theilnahme fand, gcriethen von selbst in Vergessenheit, als die Zeit, der blos literarisch-ästhetischen Tendenzen überdrüßig, eine mehr praktische Richtung einzuschlagen begann. Mit noch größcrm Rechte sind seine lyrischen und epigrammatischen Dichtungen vergessen; dagegen ist man gegen seine literarhistorischen Arbeiten und kritischen Bestrebungen, welche für ihre Periode durchaus nicht ohne Bedeutung und Einfluß waren, vielfach undankbar und ungerecht gewesen. Er gehörte zu Denen, welche die kritischen Ansichten einer neuen Literaturrichtung populair machen halfen, und trug viel dazu bei, das Ur- theil über ältere und neuere Schriftsteller und ganze literarische Gruppen zu berichtigen und festzustellen. Namentlich hat er sich das Verdienst erworben/ über mehre Partien des vaterländischen Schriftwescns ein helleres Licht verbreitet zu haben, besonders seitdem er vorzugsweise die Geschichte der neuen deutschen Nationalliteratur zum Gegenstände seiner Forschungen machte. Hierher gehören seine „Umrisse zur Geschichte und Kritik der schönen Literatur Deutschlands von >790—1818" (Berl. 1819; 2. Aufl., I82l) und die „Ge- schichte und Kritik der Poesie und Beredtsamkeit der Deutschen von Luther s Zeit bis zur Gegenwart" (4 Bde., Berl. 1822 — 29). Auch zur gerechter» Würdigung Shakspcare's trug er bei durch sein umfangreiches Werk „Shakspcare's Schauspiele" (5 Bde., Lpz. > 823 — 31), welches die Frucht eines zwanzigjährigen Studiums des großen brit. Dichters ist; nur dürften demselben eine zu subjective und willkürliche Deutungssucht in der Weist Tieck's und der romantischen Schule und eine zu große Breite und Geschwätzigkeit des Raisonnements zum Vorwurf zu machen sein. Diese tadelnswerthcn Eigenschaften, wie auch ein gewisses frömmelndes Schönthun mit süßlichen und weichlichen Gefühlen, haften übrigens an fast allen literarischen Arbeiten H.'s, obgleich es ihnen an beherzigcnswcrthen Bemerkungen und trefflichen Andeutungen nicht fehlt. Lobenswerth war auch H.'s liebevolle Milde, die er beobachtete, wenn er seine in den Grundsätzen strenge Kritik auf einzelne Erscheinungen anwendete. G. Schwab und F. Förster besorgten eine Auswahl aus seinem Nachlasse unter dem Titel „Psyche" (3 Bde., Lpz. >84>). Vgl. „Franz H., ein biogra- Phisches Denkmal" (Lpz. >839). Horn (Joh. Gottlob), ein verdienter sächs. Historiograph, geb. 1680 zu Pulsnitz in der Oberlausitz, studirte in Leipzig und Wittenberg Theologie und war dann nacheinander in mehren vornehmen Familien Hofmeister. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich mit dem Quellenstudium der sächs. Geschichte, und seine gediegenen Leistungen in diesem Fache erwarben ihm die Anstellung als kursächs. Historiograph. Durch übermäßiges Studircn - im höchsten Grade der Hypochondrie verfallen, die 1734 in völlige Melancholie überging, vc». 298 Hörne Tooke Horneck mußte er >736 geisteskrank nach Waldheim gebracht werden. Zwei Jahre darauf wieder gebessert entlassen, lebte er anfangs in Meißen, dann wieder in Dresden und zuletzt auf dem ihm durch seines Bruders Tod zugefallencn Gute in Moritzburg, wo er am I3. Ott. >754 starb. Er hintcrließ sehr schätzbare handschriftliche Sammlungen, die sich in der königlichen Bibliothek zu Dresden befinden; unter den im Druck erschienenen Werken sind die vorzüglichsten „Über die osterländ. Markgrafschaft Landsberg" (Drcsd. l 725,4.); „Henrici Ulurtris lnstoria" (Franks, und Lpz. >726, 4.); „Historische Handbibliothek von Sachsen" (9 Theile, Lpz. > 728—36, 4.)und „DasLeben Friedrich des Streitbaren"(Lpz. >733,4.). Horne Tooke (John), ein ausgezeichneter engl. Sprachforscher, geb. zu London 1736, der Sohn eines FedcrvichhändlerS, studirtc Theologie und kaufte sich dann eine Pfründe in der Grafschaft Kent. Als Schriftsteller machte er sich >771 zuerst dadurch de- merkbar, daß er gegen den anonymen Verfasser der Briefe des Juni us (s. d.) wegen einer auch ihn treffenden Beschuldigung mit Kraft und Witz in die Schranken trat. Dessenungeachtet zählt er selbst zu Denen, welche für den Verfasser jener Briefe genommen werden, indem nach seinem Tode eine vollständige Abschrift derselben von seiner Hand sich unter seinen Papieren vorfand. Das nächste Aufsehen erregte seine zur Schau getragene Thcil- nähme für die im Kämpfe mit England begriffenen Amerikaner. Doch die zu ihrer Unterstützung von ihm eröffnete Sammlung von Geldgaben wurde für Landesvcrrath gedeutet, er deshalb angeklagt und zu einjährigem Gefängnisse verurtheilt. Nachdem er dasselbe bestanden, widmete er sich der Rechtswissenschaft, durfte sie jedoch als Geistlicher nicht ausüben und ergriff nun wieder die politische Feder und schrieb zunächst eine Flugschrift gegen das Ministerium North und über die Nothwendigkeit einerParlamentsreform(l78U). Ähnliche Schriften folgten, und auf den Grund ihres, die öffentliche Ruhe gefährdenden Inhalts wurde er > 794 als Hochverräter vor Gericht gestellt, aber frcigesprochen. Zweimal hatte er sich vergebens um einen Sitz im Unterhause beworben, als er >796 durch die Wahl eines Nottcn-Borough seinen Licblingswunsch erfüllt sah. Da man indeß ein Gesetz gegen ihn geltend machte, welches Geistliche von der Wählbarkeit ausschloß, so mußte er seinen Sitz räumen. Er starb >8l2 zu Wimbledon, wo er seine letzten Lebensjahre zuge- bracht hatte. Unter seinen Schriften hat den meisten Werth „"L«« 7rrk(>öerr« or tbe di- versions ns?>irl«)" (Lond. >786—> 565). Horneck (Ottokar von), auchOttokar von Steiermark genannt, einer der ältesten Geschichtschreiber in deutscher Sprache, lebte in der zweiten Hälfte des >3. und zu Anfänge des >4. Jahrh. Sein Vaterland war Steiermark, wo sein Stammschloß Horncck noch vorhanden ist. Nachdem er der Schlacht am Weidenbache beigewohpt und Rudolf von Habsburg nach Böhmen gefolgt war, kehrte er in die vom böhm. Joche befreite Heimat zurück und genoß die Gunst des steirischen Landhauptmanns Otto von Liechtenstein, der auf der Burg zu Grätz rcsidirte. Er wendete seine Geschicklichkeit im Schreiben und Reimen auf Darstellungen aus der Geschichte, wofür damals die deutsche Prosa noch gar nicht gebildet war. Im I. >286 verfaßte er ein Werk über die Weltreiche, welches mit dem Tode Kaiser Friedrich's II. schloß und zu Wien handschriftlich sich vorfindct. Aufgefodcrt, das Wichtige seiner eigenen Zeit aufzuzeichnen, schrieb er die aus mehr als 83000 Versen bestehende Reimchronik, welche Petz in den „8crij>tor. rer. austrisc." (Bd. 3, > 745 ) hat abdrucken lassen. Dieselbe umfaßt die Zeit vonManfred'sTode bis zu Kaiser Heinrichs», und ist also für die Geschichte Rudolfs und Ottokar'S, Adolfs von Nassau und Albrccht's von Ostreich vorzüglich wichtig. Allerdings vermißt man in derselben die poetische Auffassung, freie Bewegung und gewandte Behandlungsart der frühern Dichter; dagegen ist sie aber reicher als irgend ein anderes Werk jener Zeit an ausführlicher Erzählung merkwürdiger Ereignisse, die der Verfasser erlebte, an Schilderung bedeutender Männer, die er kannte, und an Beschreibung von Festlichkeiten, Turnieren und Schlachten, denen er zum Thcil selbst beiwohnte. Daß er Gerücht und Fabel von wirklicher Geschichte zu unterscheiden wußte und überhaupt ein wahrheitsliebender Mann gewesen, davon zeugen viele Stellen seines Werks. Was die kirchlichen und politischen Zwistigkeiten anlangt, so hält er cS mit seinen freidenkenden Zeitgenossen und verhehlt dies auch nicht, sodaß man oft über Hornemann Hornpfeife 399 seine Aussprüche staunen muß. Vgl. Schacht, „Aus und über Ottokar's von H. Neinr- chronik" (Main; 1821). Hornemann (Friedr. Konr.), ein berühmter Reisender, geb. im Oct. 1772 zu Hil- dcsheim, siudirte anfangs Theologie und erhielt auch eine Anstellung in Hannover, ließ sich aber, da er durch seine Studien darauf geführt, vor Begierde brannte, in die Geheimnisse des innern Afrika einzudringen, 1795 der Afrikanischen Gesellschaft in London cm- pfehlen, die ihn auch aussendcte. Am 5. Sept. 1799 verließ er Kairo, von Bonaparte mit Pässen versehen, und ging mit der Karavane nach Fezzan. Er hielt sich in der Hauptstadt Murzuk auf, machte einen Abstecher nach Tripolis und ging dann nach Bornu, von wo er zum letzten Male Nachricht gab. Über den Ort seines Todes gelangten verschieden lautende Nachrichten nach Europa, denen zufolge er muthmaßlich bis Timbnktu vorgcdrungen war. Ein in deutscher Sprache geschriebenes Tagebuch hatte er schon von Tripolis aus nach England geschickt, wo cs ins Englische überseht erschien (Lond. 1892); in der Original- sprachc wurde es von K. König (Weim. 1892) herausgegeben. Hornemann (Jens Wilken), berühmter dän. Botaniker, geb. zu Marstall auf der Insel Ärröe am 6. Mai 1779, studirte zu Kopenhagen und widmete sich früh dem Studium der Naturgeschichte, besonders der Botanik. Nachdem er seit 1798 Deutschland, Frankreich und England in botanischer Hinsicht durchreist, wurde er 1891 als Lehrer am botanischen Garten zu Kopenhagen angcstellt, und nach seines Lehrers Vahl's Tode 1895 Vorsteher des botanischen Gartens, den er vielfach bereicherte, besser einrichtcte und durch die Ausgabe des „Hortus re^iuz liotunicus Havnieusis" (2 Bde., Kopcnh. 1813—18), sowie durch Vorlesungen gemeinnütziger machte. Später wurde er Professor der Botanik an der Universität und Etatsrath und starb im Juli 1811. Seine „Dansk öconomisk Plantelacre" (1795) erschien 1838 in einer neuen Auflage. Seit Vahl's Tode besorgte er auch die Herausgabe der von Öder 1763 angefangenen, von Müller seit 1776 und von Bahl seit 1787 fortgesetzten „kloru Dsuicu" (k»sc. 22—19, 1896 —19, Fol.). Horngroschen nennt man die vom Kurfürsten Ernst von Sachsen gemeinschaftlich mit den Herzogen Albrecht und Wilhelm seit dem I. 1161 ausgeprägten Groschen. Der Name kommt von demHelmklcinod des thüring. Wappens, de» Büffelhörncrn, her. Ihren Ursprung verdankten sie einerÜbereinkunft der genannten drei Fürsten, durch Prägung besserer die zeithcr üblichen geringhaltigen Münzen zu verdrängen. Ihr Gehalt ist meist acht- löthig. Zum Unterschiede von den geringhaltigen Groschen nannte man sie Silber- oder guteGroschen, und weil nur sie in den landesherrlichen Steuerkassen Geltung hatten, auch Zinsgrvschen. Hornhaut (corneu so» ovriieu ;,elluci812 nahm er den lebendigsten Antheil. Im I. 1815 belohnte der König von Baiern H.'s Verdienste um den Staat mit dem erblichen Adel. Nach des preuß. Obersten Massenbach's Verhaftung erbot er sich durch den „Neuen rhein. Mercur" zu dessen Verthcidigung gegen die preuß. Negierung; auch suchte er 1819 in einer Druckschrift das Widerrechtliche bei Okcn's Entlassung nachzuweisen; ebenso unterzog er sich thätig der Sammlung von Unterschriften zu einer Adresse an die Bundesversammlung wegen Vollzug des > 3. Art. der Bundesacte. Nach der Einführung der neuen bair. Eemeindeverfassung wurde er >818 zum ersten Bürgermeister von Bamberg und 1819 zum landständischen Abgeordneten gewählt. Mit ebenso viel Kraft als Erfolg stellte er sich als Bürgermeister dem Wundcrunwcsen des Prinzen von Hohenlohc-Waldenburg-Schillingsfürst entgegen, indem er die Sache policeilich behandelte. Als Mitglied der Ständeversammlung bewies er sich als einen wackern Verthei- digcr aller freisinnigen Institutionen und gehörte zur Opposition; doch behauptete er stets eine würdevolle Haltung, wodurch er in der Meinung des Volks nur um so höher stieg. Auch seine zeitgemäßen Flugschriften zeichnen sich ebenso durch Freimüthigkeit wie durch anständige Sprache aus. Er starb zu Bamberg am 27. Juni 1833. Hornwerke, s. Außen werke. Horoskop, s- Nativität. Hörrohr oder Hörmaschine nennt man ein Instrument, mit dessen Hülfe das menschliche Ohr den Schall verstärkt aufnimmt. Solcher Instrumente, deren sich Schwerhörige bedienen, gibt es mehre. Die meisten bestehen in Röhren, die mit ihrem äußern, weitern Ende die Schallwellen auffangen und mit dem innern cngern, welches in den Gc- hörgang cingesenkt ist, in das Innere des Ohrs führen; bei einigen wird auch noch die Hülfe der Kopfknochen, welche den Schall gut leiten, mit in Anspruch genommen. Gewöhnlich werden sie aus Metall gefertigt. D>? Hörrohre sind aber nur da von Nutzen, w« Horsa Horus 301 die Schwerhörigkeit nicht durch Verstopfung oder organische Fehler des Eehörgangs entstanden, auch überhaupt noch etwas Empfänglichkeit für den Schall vorhanden ist. Übrigens muß sich Zeder, der sich eines solchen Instruments bedient, erst an das seinige gcwötz- nen, da es bis jetzt noch nicht möglich gewesen ist, ein Hörrohr zu erfinden, welches die Töne mit solcher Bestimmtheit fortlcitete, wie das menschliche Ohr. Horsa, s- Heng ist. Horst nennt man in der Jägersprache das zwischen dieBaumäste gebaute, freistehende Nest der Raubvögel. — JnderLandwirthschaft versteht man unter Horst einen im Moorlande liegenden erhabenen Platz, berauch in nassen Jahren trocken bleibt; ferner einen Hügel von Sand und Erde, den das Wasser zusammengespült hat; endlich einen mit Ober- und Unterholz besetzten Hain auf dem Felde. Hortensia ist der Name eines bekannten, seit Anfang dieses Jahrh. aus den japan. oder chines. Gärten zuerst nach Europa gebrachten Zierstrauchs, der durch dankbares Wachsen, Schönheit der Blume und ziemlich große Unempfindlichkeit gegen geringere Kältegrade sich sehr zur Cultur empfiehlt und daher gegenwärtig überall angetroffen wird. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge, die Überwinterung im Keller oder an geschützter» Or- ten durch gute Bedeckung. Die blaue Hortensia ist nur eine Spielart, die leicht in die ursprüngliche Nosenfarbe zurückgeht. Sie soll angeblich durch Begießung mit Alaunlösung, oder durch Zusatz von Eisenoxyd zur Erde leicht zu erlangen sein, wird indessen am sichersten dadurch hervorgebracht, daß man junge Pflanzen in eisenhaltige Moorerdc, die mit Schafmist und Sand gemengt sein muß, versetzt. Hortenslus (Quintus), mit dem Beinamen Hortulus, ein berühmter röm.Ned- ner und Zeitgenosse des Cicero, besaß ein großes Vermögen, das er zum Theil auf äußern Glan; und Wohlleben verwendete. Er eröffnete bereits in seinem >9. Lebensjahre die rednerische Laufbahn und wurde im I. 7» v. Chr., also sechs Jahre früher als Cicero, zum Consul ernannt. Die Partei des Clodius, die er gemeinschaftlich mit Cicero bekämpfte, »üshandelte ihn so arg, daß er darüber beinahe sein Leben verlor; die gewöhnliche Angabe aber, daß er für den Verres gegen Cicero (s.d.) feindlich aufgetreten sei, beruht auf einem Misverständnisse. Sein Tod, im I. -19 v. Chr., war eine Folge übermäßiger Anstrengung beim Vortrag einer Rede. In seinen verloren gegangenen Reden, von denen wir noch 20 dem Namen nach kennen, rühmen die Alten den Schmuck sowie die Feinheit und Schärfe in der Auffassung und Eintheilung des Stoffes, jedoch ohne tieferes Eingehen in die Sache selbst, und den überraschenden Effect, wobei ihn ein glückliches Organ der Stimme, guter Anstand und eine außerordentliche Gedächtnißkraft unterstützten. In seinen Gesten soll er sehr affectirk gewesen sein, weshalb ihm der Beiname Dionysia, nach einer berühmten Tänzerin damaliger Zeit, gegeben wurde. Vgl. Luzac, „ve H. Hoiteusio vratore, eiciwoiüÄ iteimilo" (Leyd. 18l0). — Auch seine Tochter, Q. Hortensia, wird von den Alten als Beispiel weiblicher Beredtsamkeit gepriesen. Horuö oder Arueris ist der Name eines ägypt. Gottes, welchen der Mythus zuweilen als den Bruder, häufiger aber als den Sohn des Osiris und der Isis darstellt. Als derTyphon (s. d.) den Osiris gctödtet hakte, suchte er auch den H. auf, den seine Mutter bei seiner Amme, der Buto, dem Symbol der Nacht und der Hüterin der dunklen Regionen der Unterwelt, die von den Griechen mit der LatSna identificirt wurde, versteckt hatte, und tödtete ihn. Von seiner Mutter aber wurde H. wieder ins Leben gerufen und mit Unsterblichkeit beschenkt; zugleich lehrte sie ihn die Kunst zu weissagen und zu heilen. Nachdem Osiris von den Schatten zurückgekehrt, lehrte er den H. die Kriegskunst, der nun den Ty- phvn in einer Schlacht besiegte und gefangen nahm. Als aber Isis dem letztcrn die Freiheit wieder gab, wurde H. darüber so entrüstet, daß er das Diadem seiner Mutter zerriß. H. wird theils mit einem Sperberkopfe, theils als Säugling an der Brust der Isis, theils »üt der Sonnenscheibe auf dem Haupte, theils mit einem großen Phallus, weshalb ihn die Griechen auch mit dem Priap identificiren, dargestellt; das Licht war eins seiner Attribute, und die Obelisken waren als Sinnbilder der Sonnenstrahlen ihm gewidmet. Hieraus ergibt sich, daß H. ursprünglich nichts anderes als der vergötterte Sperber war. Später wurde bannt die astronomische Bedeutung als Repräsentant der Sonne im Sommersol- 362 Hosen Hosenbandorden stitium verbunden, weshalb die Hermetischen Bücher ihm auch das Vorslcherami über die Luftregion und die Bewegungen der Gestirne zuertheilcn und die Griechen ihn mit dem Apollo identificircn. Aus dieser Bedeutung entwickelte sich dann die pantheistisch-mystische, vermöge welcher H. nichts anderes war als eine der verschiedenen Personisicationen der zeugenden Urkraft und als solche analog dem Osiris, mit dem er in Attribute» und im Mythus auch häufig zusammcnfällt; insbesondere stellte er neben der Bubastis (s. d.) die männliche Seite der wiederhcrstellenden, sich erneuenden Naturkraft dar, entgegengesetzt der zerstörenden, dem Typhon, den er eine Zeit lang besiegt und die Herrschaft des Osiris wiederherstcllt, obwol er jenen nicht zu vertilgen vermag. Hosen waren schon ein Kleidungsstück der Babylonier, bei denen sie Hüfte, Schenkel und Füße zugleich bedeckten. In Europa finden wir diese Art Hosen zuerst bei de» Gal- liern, weshalb auch die Römer einen Theil Galliens Onllia drnccnt-,, d. i. das behoseke Gallien nannten. Bei den Römern wurden dieselben erst im 4. Jahrh. allgemeiner. Im Mittelalter gehörten diese langen Hosen zu den gewöhnlichen Kleidungsstücken. Erst im 16. Jahrh. fing man an, diese langen Hosen in zwei Stücke zu theilen, indem man davon die Strümpfe trennte. Bei den Franzosen, die nun die Mode angaben, wurden sie unter Franz I. so kurz getragen, daß sie noch nicht das Knie erreichten; eine äußerst unanständige Form erhielten sie unter Karl IX.; unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. wurden sie zu beiden Seiten von außen zugeknöpft und unter dem Knie mit Schleifen zugebunden. Erst unter Ludwig XIV. erhielten sie die Form, die dann die gewöhnliche blieb, bis die sogenannten Pantalons aufkamen. Gegen die unanständigen Pluderhosen, die im 15. Jahrh. aufkamen und zu denen Reiche oft mehre hundert Ellen Zeug verwendeten, während minder Begüterte ihre engern Hosen ungebührlich ausstopften, eiferten besonders Osiandcr in seinem „Hoffahrtsteufel" und Musculus im „Hoscntcufel". HosLa» ein hebr. Prophet, war der Sohn eines gewissen Beeri, ob aus dem Reiche Juda oder Israel abstammend, ist ungewiß. Er soll unter den jüd. Königen Usia, Jotham, Aha und Hiskia und unter dem israelit. Jerobeam II„ also im 8. Jahrh. v. Ehr., geweis- sagt haben. Das Buch seiner Weissagung steht im Kanon des Alten Testaments an der Spitze der sogenannten zwölf kleinen Propheten. Er eifert gegen die Verderbniß des Reicks Ephraim und dessen unpolitische Hinneigung zu Bündnissen mit Assyrien und gedenkt rügend und drohend auch Juda's. Seine Darstellung ist anfangs symbolisch prosaisch, aber fdrtgcrissen von seinem warmen, raschschlagenden Herzen, erhebt er sich bald zu einer rhythmischen, bilderreichen, obwol abgebrochenen und nicht genug abgerundeten Schreibart. — Hosea hieß auch der letzte König in Israel, der mit dem besten Theile seiner Unterthane» von Salmanassar 722 ins Exil geführt wurde. Hosenbandorden (Order nk tlie gurter), der ausgezeichnetste engl. Orden, wurde von König Eduard III. gestiftet. Seine Entstehung ist ungeachtet der Bemühung engl. Geschichtsforscher dunkel. Einst, erzählt man, war Eduard mit seiner Geliebten, der Gräfin Salisbury, auf einem Ball, wo dieselbe im Tanze ihr linkes blaues Strumpfband verlor. Der König wollte cs schnell aufhcben, ergriff aber dabei das Kleid der Gräfin, die er so dem Spotte der Anwesenden auSsehtc. Um dieselbe zu versöhnen, rief er aus: „Hau«) soit qui M!>I x panvk!", d. i. ein Schelm, wer Böses dabei denkt, und schwor, das Band zu solchen Ehren zu bringen, daß selbst die Spötter darnach geizen würden. Darauf soll Eduard den Hosen» oder vielmehr Kniebandorden gestiftet haben. Nach einer andern Erzählung trat der Orden nach dem Siege Eduard's III. bei Crecy, wo ein blaues Band aus einer Lanze das Zeichen zur Schlacht und der Ritter Georg das Losungswort gewesen waren, ins Leben. Nach den Statuten des Ordens aber wurde derselbe 134» zur Ehre Gottes, der heiligen Jungfrau und des Märtyrers Georg gestiftet. Nur regierende Fürsten und Eingeborene von hohem Adel können in den Orden ausgenommen werden. Die Zahl der Mitglieder, mit Einschluß des Königs, ist 26; doch sind die Prinzen des Hauses und die auswärtigen Mitglieder dabei nicht inbegriffen. Am 23. Apr. wird jährlich i» der Kapelle zu Windsor ein Ordenscapikel gehalten. Außer den eigentlichen Rittern ernennt der König noch 26 andere sogenannte arme Ritter, die gewöhnlich alte Hofdiener sind und, da sie nicht mehr Kriegsdienste verrichten können, die Pflicht haben, für eine jährliche Pen- Hosianna Hospinian 303 sion von 300 Pf. St. für die andern Ritter zu beten. Die Aufnahme neuer Ritter geschieht unter großem Pomp. Fremden Fürsten, wenn sie bei ihrer Aufnahme nicht anwe- send sind, werden die Ordcnszeichcn durch den Wappenkönig überbracht. Der Kaiser von Rußland, die Könige von Frankreich, Preußen, Hannover, Sachsen, Würtcmberg, Belgien, der Herzog von Sachsen-Meiningen, der Herzog von Sachsen Koburg-Gotha und der Fürst von Leiningcn sind gegenwärtig die auswärtigen Mitglieder des Ordens. Die Dccoration besteht aus einem dunkelblausammtnen Bande, das mittels einer goldenen Schnalle unter dem linken Knie befestigt wird und das Motto trägt: Unnnz' s»it czui mal )' pense. Ein anderes gleichfarbiges, breites Band wird von der linken Schulter nach der rechten Hüfte getragen; an demselben hängt ein goldener Schild, der mit Brillanten, dem kämpfenden Ritter Georg, dem Motto und dem Kniebande verziert ist. Auf der linken Brust endlich tragen die Ritter einen achtstrahligen, silbernen Stern, der das rothe Kreuz Gcorg's und das Knieband mit dem Motto enthält. Die Ordenskleidung besteht aus einem dunkelblauseidenen Unterkleide, einem rothsammknen, mit Gold verzierten Mantel, einem schwarzen Baret mit weißer Feder und einer goldenen Kette, die Heinrich VIII. hinzu- fügte. Vgl.Hamberger, „Geschichte des blauen Hosenbandordens in England"(Lpz. 1791). Hosianna, d. i. gieb Heil! gieb Segen! war bei den Juden ein ähnlicher Ausbruch der Freude, wie unser Hoch! und der Willkommenruf für Könige »der Helden des Volks. Hosms (Hoseios), ein angesehener Kirchenlehrer und Bischof von Corduba im V Jahrh., wurde von Konstantin dem Großen beim Beginn des Arianischen Streits als Vermittler nach Alexandrien gesendet und bewirkte durch seinen Einfluß auf den Kaiser, daß dieser im I. 325 die Kirchenversammlung zu Nicäa berief. Er vertrat die orthodoxe Ansicht, wurde deshalb später, als die Arianische Partei das Übergewicht erhielt, verbannt und starb als hundertjähriger Greis im 1.30 1 . Die Arianischen Bischöfe Ursacius und Valens legten ihm die Formel des zweiten Concils zu Sirmium im 1.357 ebenso fälschlich bei, als ihn Neuere den Verfasser des nicäischen Symbols genannt haben. Hosius (Stanislaw), Cardinal, war am 5. Mai 1504 in Krakau geboren. Obgleich von niedriger Herkunft, bahnte er sich doch, nachdem er auf der krakauer Akademie, dann in Padua und Bologna seine Ausbildung erhalten hatte, durch seine ausgezeichnete Persönlichkeit und seinen Eifer für den katholischen Glauben den Weg zu den höchsten kirchlichen Würden. Nachdem er Domherr zu Krakau und Secretair des Königs Sigismund I. von Polen gewesen war, wurde er zum Bischofvon Culm und l 551,trotz des Widerspruchs vieler poln. Senatoren, zum Bischof von Ermeland ernannt. Er begann zuerst in Polen eine wirksame Reaction gegen die damals durch ganz Polen verbreitete Reformation. Auf der Synode zu Piotrkowo im I. 1551 übergab er seine berühmte und in fast alle europ. Sprachen übersetzte „Oantessio catbolicae tnlei cbristianu" (Krak. 1553). Vom Papste nach Rom berufen und darauf an Kaiser Ferdinand I. gesandt, betrieb er aufs eifrigste die Fortsetzung des Tridcntincr Concils, auf welchem er als einer der gelehrtesten Prälaten glänzte und die höchsten Interessen der Hierarchie vertrat. Bereits 1561 war er zum Car- dinal erhoben worden. Nach seiner Rückkehr in seine DiöceS suchte er unermüdlich, klug I und gewandt die Reformation, besonders in Westpreußen, zu unterdrücken, und stiftete I >564, um von hier aus auf den Norden zu wirken, das erste Jesuitencvllegium in Polen zu k draunsberg, das nachmals in ein akademisches Gymnasium verwandelt wurde. Wichtige Dienste leistete er dem Könige Sigismund August von Polen in den Verhandlungen mit Preußen, und wurde darauf abermals nach Nom gesendet, wo er I57S starb. Seine Schriften, meist polemischen Inhalts, erschienen als „Opera omnia" (2 Bde., Köln 1584, Fol.). , Hospiman (Rud.), ein gelehrter Kirchenhistorikcr, geb. zu Fehraltdvrf im schweiz. Canton Zürich am 7. Nov. >547, studirte in Zürich, Marburg und Heidelberg und wurde, nachdem er verschiedene Predigerstellen auf dem Lande bekleidet hatte, 1588Archidiakonus nm großen Münster und > 594 Prediger am Frauenmünster zu Zürich. In der letzten Zeit seines Lebens ganz geistesschwach, starb er daselbst am 11 . März 1626. Nächst seiner „Oon- coräia lliscorz", der Lconh. Hutter die „Ooncviüia concors" entgegenstellte, schrieb er namentlich die „Ristoria jesiiitica" (Zür- 1588), die von L. Lucius 1632 fortgesetzt wurde; »Oa origine et pro^ressu ritiium et ceremoniarum ecclezicwticarum etc." (Zür. 1593). 304 Hospital Hospltalbrand Seine Werke wurden mit seiner LcbenLbeschreibung von I. H. Heidegger (7 Bde., Eens l 669 —81, Fol.) herausgegcbcn. Hospital oder Spital (nnsocnmium) nennt man überhaupt ein Haus,in welchem Hülssbcdürftige ausgenommen werden und Verpflegung finden. Daher begreift man unter diesem Namen sowol Armenhäuser (s. Armenw esen), wie Krankenansta lten (s.d.) im Allgemeinen. Die Hospitäler sind erst in der christlichen Zeit entstanden und cinAusfluß des Christcnthums, wenn man absieht von dem Asklepiostcmpel der Alten und solcher Häuser, wie z. B. am Teiche Bethcsda zu Jerusalem. In den frühesten christlichen Gemeinden legten die wohlhabendem Eemcindeglieder milde Beiträge zur Verpflegung der Armen und Kranken in die Hände der Bischöfe, denen die Sorge der Verwendung oblag, wobei es sich bald als sehr ersprießlich herausstellte, daß die Hülfsbedürftigen in Einem Hause vereinigt würden. Einem solchen Hause wurde ein Hospitalmeister vorgesetzt, dessen Pflichten und nothwendige Eigenschaften schon auf dem Concilium zu Nicäa im I. 925 einer Beratschlagung unterlagen. Das erste namhafte Hospital wurde von-Basilius dem Großen bei Cäsarea im I. 370 gegründet und vom Kaiser Valens reich ausgestattet, worauf nach und nach mehre andere entstanden, sodaß es in Nom allein im 9. Jahrh. schon 2-1 Hospitäler gab. Die Aufsicht über dieselben, welche bisher die Bischöfe selbst geführt hatten, erhielten später die Diakonen, und nach Entstehung der geistlichen Orden wurden damit häufig Klöster verbunden, sodaß nun Mönche und Nonnen die Wartung uard Pflege der Armen und Kranken übernahmen. Eine bedeutende Vermehrung der Hospitäler bewirkten die Kreuzzügc, durch die der Aussatz in das Abendland verpflanzt wurde. In Frankreich allein zählte man um das Jahr 1225 2000 AuSsaßhäuser (leprosorio). Seit dieser Zeit und namentlich in Folge der schweren Epidemien des Mittelalters machte sich das Bedürf- niß nach größer» Hospitälern immer fühlbarer, das Hospitalwesen aber gewann dadurch an Vollkommenheit. Nachdem früher durch Vermächtnisse und fromme Stiftungen eine große Anzahl Hospitäler begründet worden war, ist es gegenwärtig durch die Fürsorge der Negierungen und der einzelnen Communen dahin gediehen, daß fast keine bedeutendere Stadt der civilisirten Welt eines oder mehrer mehr oder weniger vollständig eingerichteter Hospitäler entbehrt. Die Foderungen aber, die an ein gutes Hospital gemacht werden, sind sehr bedeutend und beziehen sich hauptsächlich auf die Lage und die äußere wie innere Con- struction des Gebäudes, die nöthigen Gerathschaftcn, die Nahrungsmittel und die zur Aufsicht wie zur Bedienung nothwendigcn Personen. Ein frei gelegener, stiller und trockener, jedoch mit der nöthigen Wassermenge versehener Ort eignet sich am besten zur Anlage eines Hospitals; das Haus darf nicht zu hoch und muß aus gutem Material erbaut sein; im Innern muß Zugluft möglichst vermieden, dabei aber immer auf reine Luft gesehen werden; die Nahrungsmittel müssen einfach und nahrhaft, dabei aber auch Anstalten getroffen sein, außergewöhnliche, die der Arzt für nöthig findet, verabreichen zu können. Ebenso machen die Eigenschaften, welche der Geistliche, der Arzt, die Aufseher, Diener und Wärter besitzen müssen, eine sorgfältige Wahl nöthig. Die Menge der Menschen, welche ein Hospital aufnehmen kann, hängt von der Art der Hülfsbedürftigen ab, die darin verpflegt werden soll; sind es Kranke, so darf das Haus nicht auf eine zu große Anzahl berechnet werden, wegen leicht entstehender Epidemien; bei andern ist eine größere Zahl zulässig- Der Umstand, daß viele der gegenwärtigen Hospitalgebäude früher zu andern Zwecken dienten, trägt allerdings die Schuld, daß die wenigsten den an ein HoSpital zu machenden Ansprüchen vollkommen genügen. Obwol bei der gegenwärtigen Gestaltung der socialen Verhältnisse der Nutzen der Hospitäler unberechenbar ist, so sind doch die Gründe, denen sie ihre Entstehung verdanken, ehrenvoller für die Gesinnung als die Einsicht der Menschen, und die Winke, die in der Bemerkung, daß Nom wol 390 Kornböden aber kein Hospital hatte, sowie in dem Ausspruche dcS Schah Abbas: „Ich will nicht, daß man in meinem Lande Hospitäler nöthig habe", liegen, von den Regierungen wol zu berücksichtigen. Hoöpitalbrand (gongroens nosocomislis) nennt man eine Art Brand, die sich zu Wunden und Geschwüren gesellt und oft in Hospitälern, wo viel Verwundete, besonders solche, deren Wunden eitern, liegen und wo die Reinlichkeit nicht gehörig beobachtet und somit die Luft leicht verdorben wird, epidemisch auftritt. Der Hospitalbrand ist besonders r, i N t- n gt >et >er n, ü- lt> ire nd te, ide -u rs nd rs Hosprtalfieber Höst 305 ln Kricgshospitälern, wo diese Übclstände sich nicht immer vermeiden lassen nnd wo noch häufig die niedergedrückte Gemüthsstimmung der Kranken den Ansbruch desselben befördert, ei» sehr zu fürchtender Feind. Die Erscheinungen, die er darbietet, die Gefahr, welche er bringt, und die Behandlung, die er fodert, sind mit wenigen Abweichungen dieselben, wie beim Brand (s. d.) im Allgemeinen. Hospitalfieber, s. Typhus. Hospiz (ttosj,itiiim), d. i. Gastfreundschaft, heißen die auf der Höhe wichtiger Alpenpässe von Mönchen angelegten frommen Stiftungen, welche den Zweck haben, die in diesen unwirthbarcn Gegenden Reisenden aufzunchmen und zu verpflegen oder ihnen, wenn sie sich verirren, Hülfe zu leisten. Das älteste dieser Hospize ist das auf dem Großen Bernhardsberge (s. d.), das 1825 die Geistlichen von dem Canto» Wallis erwarben und nachher prächtig einrichteten. Auch auf dem St.-Gotthard befand sich schon im 13. Jahrh. ein Hospiz, das aber gegenwärtig nicht von Mönchen, sondern nur von einem Spitalmeister bewohnt ist, der indeß ebenfalls die Reisenden unentgeltlich verpflegt und nur Geschenke annimmt. Ebenso gibt es Hospize auf dem Mont-Cenis, dem Simplon und dem Kleinen St.-Bernhard. Hospödar, im Slawischen so viel als Herr, ist der von der Pforte den Fürsten der Moldau und Walachei beigelegte Titel. Hoßbach (Wilh. Heim.), Consistorialrath und Prediger zu Berlin, geb. 1784 zu Wusterhausen an der Doste, wurde von >797 an auf dem Gymnasium zu Nuppin vorgebildet für die Universitätsstudien, die er 1803 in Halle begann und in Frankfurt an der Oder vollendete. Seine theologische Richtung, welche er schon 1818 in der Überzeugung aussprach, Glauben und Wissen würden sich in Denen, die sie zuerst geschieden, wieder innig durchdringen, und aus dieser Durchdringung beider werde auch in der großen Masse des Volks ein wahrhaft christliches Leben im Geist und in der Wahrheit wieder aufblühen, wurde weniger durch seine akademischen Lehrer als durch den später« Umgang mit Schleicr- macher und Lücke bestimmt. Nachdem er einige Zeit in Hamburg und in Berlin als Hauslehrer gelebt hatte, erhielt er 1810 zu Planitz in der Nähe seines Geburtsorts das Predigtamt und wurde 1815 als Prediger am Cadcttencorps nach Berlin berufen. Hier kam er 1821 an die der dortigen protestantischen Gemeinde gehörige Neue Kirche und wurde nach der Union, für welche er sich thätig interessirte, >830 zugleich Superintendent der fried- richswerder und friedrichsstädtischen Diöces und 1839 Rath im Consistorium der Provinz Brandenburg. Die theologische Facultät zu Göttingen machte ihn 1830 zum Doctor der Theologie. Im Druck sind von ihm erschienen sechs Sammlungen „Predigten" (Bert. >822—43) und die kirchenhistorischen Monographien, „Joh. Val. Andrea und sein Zeitalter" (Bert. 1819) und „Phil. Jak. Spener und seine Zeit" (2 Bde., Berl. > 828). Höst (Jens Kragh), Doctor der Rechte, geb. auf St.-ThomaS am 15. Sept. 1772, der Sohn des 1794 verstorbenen Etatsraths H., der in frühern Jahren Mitglied des königlichen Raths auf St.-Thomas und St.-Jean in Westindien war, wurde 180 t Assessor dcS Hof- und Staatsgerichts, verlor aber > 808 diese Stelle, in Folge zu freier Äußerungen, durch einen Ausspruch des Höchstengerichts und widmete sich nun insbesondere der Literatur und Geschichte. Er war es, der mit Guldberg und Haste die Idee ergriff, durch schriftstellerische Annäherung in Schweden und Dänemark beide Nationen einander näher zu bringen. Auch foderte er in seinem Schreiben an Gräter, welchem Nyerup's „Udsigt over Nordens äldste Poesie" angchängt ist, deutsche Schriftsteller zur Unterstützung jenes Pro- stets auf. Zu demselben Zwecke gründete er mit Nyerup, Pram und Baggesen die skandi- nao. Literaturgesellschaft, welche das „Skandinavische Museum" erscheinen ließ. Auch durch Zeit- und Flugschriften, sowie durch Übersetzungen trug er zur Erweiterung und Verbreitung des literarischen Ruhms Dänemarks und Schwedens bei. Nächst der Zeitschrift „Nordia" (1795) gedenken wir hier nur seiner „Svenske Blade"; „Euphrosyne" (1798—87); „Dannora"(I8,3—14); „Nordiske Tilskuer" (1814—16) und „Nord. Museum" (1829). Ebenso gab er eine schweb. Sprachlehre und ein schweb. Handwörterbuch für Dänen heraus; auch hielt er >812—15 Vorlesungen über die schweb. Sprache S»nv..«ex. Neunte Aufl. VII. 20 306 Hostien Hotomann und Dichtkunst. Unter seinen geschichtlichen Werken sind besonders zu erwähnen: „Gu. stav IV. Adolfs Leben und Negierung" (1868 — 9); „Merkwürdigkeiten des Lebens und der Regierung Christian s VII." (> 810); „Beitrag zu einer Übersicht des dän. Staats . ^ bei dem Regierungsantritt Christians VII." (> 812); „Entwurf einer Geschichte der dän. , Monarchie unter Christian VII." (1813); „Merkwürdigkeiten des Lebens und der Negü- rung Friedrich's V." (1820); „Letztes Lebensjahr der Königin Karoline Mathilde" , (1820); „Politik und Geschichte" (5 Bde„ 1820 — 22); „Leben Corfitz Ulfeld s und sei- , ner Gemahlin Eleonora Christina Ulfeld" (1825); endlich sein wichtigstes Werk „Der s Geh. Cabinctsminister Graf Struensee und dessen Ministerium" (3 Bde„ Kopenh-, 182t; x deutsch, umgearbeitet und mit Zusätzen, 2 Bde„ Kopenh. 1826—27), welches zuerst ich h Geschichte der Struensee'schen Periode gründlich und unparteiisch dargestellt hat. Als Hi- ( storiker ist H. ausgezeichnet durch einen geschärften Blick neben unermüdetem Sammler- , « flciße; seine Darstellungen aus der dän. und schweb. Geschichte sind auch wegen der ihm . f, zugänglich gewesenen Quellen unentbehrlich für alle später» Forscher. Einige Mitkheilun- ,i gen über sein Leben hat er in „Erindringcr om mig og mine Samtidige" (1835) gegeben. ; Hostien heißen die aus ungesäuertem Weizenteig gebackenen, mit dem Bilde des ge- § kreuzigten Erlösers versehenen Scheiben, die man in der protestantischen und röm.-katholi- scheu Kirche bei der Kommunion statt des Brots braucht. Früher brauchte man beim heil,- ^ gen Abendmahle gewöhnliches Brot, dann aber eigens zu diesem Zwecke bereitete Brotr, „ bis im 3. Iahrh. große, runde Oblaten (s.d.) in Anwendung kamen, die man nach ge- ^ schehener Weihung in so viele Stücke zerbrach, als nach der Anzahl der Communicanten ( nöthig waren. Erst im 12. Iahrh. wurden die Hostien, die man ebenfalls häufig Oblaten s nennt, eingeführt. Der Name Hostie ist aber daher entstanden, daß die röm.-katholisihe g Kirche den Leib Christi, in welchen sich das Brot durch die Consecration verwandelt, e durch den Meßpriester als ein unblutiges Opfer (Kostia) darbringcn läßt. Bei der Refvr- , mation behielten die Protestanten die Hostien bei; die Reformieren wählten wieder ge- i j wohnliches Brot; in Folge der Union der protestantischen und reformirten Kirche wurde » e von erstercr die Sitte des Brotbrechens wieder angenommen. 1 s Hvtho (Heinr. Eust.), Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin, geb. r daselbst am 22. Mai 1802 und der r-eformirten Kolonie angehörend, kam erst ziemlich spät f auf das joachimsthalsche Gymnasium und studirte dann in Berlin anfangs die Rechte, d später Philosophie. Nachdem er auch eine Zeit lang in Breslau studirt hatte, machte er ? eine Reise nach Paris, London und den Niederlanden und habilitirte sich 1826 an der Um- a versität zu Berlin. Er lieferte nun in den nächsten zwei Jahren vortreffliche Correspondcn- d zen in dem „Morgenblatt" und nahm seit 1827 großen Antheil an den „Jahrbüchern für s wissenschaftliche Kritik". An der Universität wirkte er durch öffentliche Vorlesungen über r Lessing, Goethe, Schiller, die Geschichte der neuern Malerei u. s. w. Im I. 1833 unter- t nahm er wieder eine größere Reise nach der Lombardei, Venedig und Wien, und 1837 für s das Studium des Kolorits der verschiedenen Malerschulen eine neue Reise nach Paris und s h den Niederlanden. Seine Auffassung des Lebens und der Kunst zeigen am besten die „Der- r studien für Leben und Kunst" (Tüb. 1835), die er zwar angeblich nur herausgegeben, die I s er aber wol selbst verfaßt hat. Als charakteristische Eigenthümlichkeit H.'s könnte man an- ^ t geben, daß er die Goethe'sche und Hegel'sche Weltanschauung nach allen Richtungen, sogar , r bis auf das Persönliche hin, in sich zur lebendigen Einheit durchzuarbeiten gesucht hat;, von § Hegel hat er eine gewisse Schwerfälligkeit mitten in aller Eleganz, von Goethe eine Über- b treibung der charakteristischen Prädicate. Ein großes Verdienst erwarb er sich durch die l Herausgabe der Hegel'schen „Vorlesungen über die Ästhetik" (3 Bde., Berl. > 835—38). r Hotomann oder HottoINann (Franz), ein berühmter Jurist und Kenner der lat. t Sprache im 1 6. Iahrh., geb. am 23. Aug 1523 zu Paris, begab sich, nachdem er zur re- r formirten Kirche übergetretcn, 1537 nach Lyon. Später lehrte er zu Lausanne, Strasburg, ! s Valence und Bourgcs theils die schönen Wissenschaften, theils die Rechte; auch hielt er sich ^ c einige Zeit am Hofe des Königs von Navarra auf. Nach der pariser Bluthochzeit flüchtete s er in die Schweiz, wo er am 12. Febr. >590 zu Basel starb. Unter seinen vielen Schriften c verdienen eine besondere Erwähnung die noch jetzt geschätzten Commentare zu den Reden Hottentotten 307 des Cicero, zu den Institutionen, die „Oliservationes jurig rom." und die unter dem Titel kulmeu l-rutuin in Hsnricum regem i>lavsrrse" (Leyd. 1586) veröffentlichte Satire über den gegen Heinrich IV. von Sixtus V. geschleuderten Bannstrahl. EineGesammt- ausgabe seiner Schriften (3 Bde., Genf t5S9, Fol.) besorgte sein Sohn, Ioh. H. Hottentotten ist der Holland. Name für die Ureinwohner an der Südspitze Afrikas, die theils unter brit., vormals Holland. Herrschaft stehen, theils unabhängig leben und einen eigenthümlichen Menschenstamm bilden, der den Übergang von den Negern zu der malayi- scheu Nace zu vermitteln scheint. Sie selbst nennen sich Quäquä; sic haben schwarzes, krauses Haar, gelbbraune Hautfarbe, einen schlanken Wuchs, kleine Hände und Füße, weithervorstehende Backenknochen, platte Nase und großen Mund. Sie sind von gewöhnlicher Größe, wohlgewachsen und sehr gelenkigen Körpers. Mit den Fehlern der rohen Naturmenschen verbinden sie auch deren gute Eigenschaften; sie sind treu, ehrlich, mitleidig, gastfreundschaftlich, und weder Bosheit noch Rachgier ist ihnen eigen; dagegen sind sie unreinlich, abergläubisch und sinnlich. Ihre Kleidung besteht in einem bis an die Knie reichenden Mantel von Schafspelz oder Tigerfell (Karoß), der bei den Weibern noch mit einem sackartigen Kragen versehen ist, worin sie ihreKinder tragen, einem Schurz, und bei den Männern noch in einer Art Beutel (Iackal). Dabei behängen besonders die Weiber den Leib und die Schenkel mit Korallen oder Schneckenschnüren und Hals und Füße mit Ringen von Messing. Ihre Waffen bestehen in einem Wurfspieße, Haffagai, einem Bogen und Pfeilen, die meist vergiftet sind. Sie schmieren sich gern mit Fett ein und bestreuen sich mit Staub, wovon sie zuweilen ein ganz schwarzes Aussehen erhalten. Sie wohnen, je l 2— I ä Personen, in niedrigen, engen, mit Schilfsmatten überdeckten Hütten, die bienenkorbartig gebaut, > 3 F. lang, zehn F. breit und kaum sechs F. hoch sind. Mehre solcher Hütten, meist in einem Kreis gebaut, bilden ein Dorf (Kraal). Ihre Nahrung besteht in Wurzeln und halbrohem Fleisch, vorzüglich gern essen sie fettes Fleisch und die Eingeweide der Thiere; ihre Lieblingsgetränke sind saure Milch und ein Miscbtrank aus Honig und Wurzeln, in neuerer Zeit auch Branntwein; dabei rauchen sie viel Tabacksblätter und Hanf. Sie heirathen schon in früherJugend, doch meist nur Eine Frau. Die Weiber, die ansich schon häßlich sind, werden es noch mehr durch die großen Anstrengungen beim Arbeiten; ihre Kinder säugen sie, indem sie die Brüste über die Schultern werfen. Ganz eigenthümlich ist die Sprache der Hottentotten. Sie hat weder Zischlaute noch die Buchstaben I, si v, iv, dagegen eine Menge ziemlich schnell und mit heiserer Stimme aus hohler Brust hervorgestoßener und scharf aspirirter Kehllaute, zu denen sich mehre ganz eigenthümliche Schnalzlaute gesellen, welche durch schnelles Abstoßen der Zungenspitze von den obern Schneide- oder Backzähnen und des Rückens der Zunge von dem Gaumen hervorgebracht werden. Von ihrer Religion ist wenig bekannt; doch scheinen sie eine Ahnung von der Existenz höherer Wesen und deren gutem oder bösem Einfluß auf sie zu haben, und ihre Zauberer als Mittelspersonen zwischen sich und diesen Göttern zu betrachten. Ihre Tobten begraben sie mit kläglichem Geheul und glauben, daß deren Seele in Hasen fahre, weshalb sie das Fleisch dieser Thiere nicht essen. Ihre erbittertsten Feinde sind dieKaffern (s. d.). Sie sind in viele Völkerschaften, Stämme und Horden abgetheilt. Die in der Capcolonie lebenden Hottentotten, deren Zahl sich jetzt kaum auf 5000 beläuft, wurden vor der Sklavenemancipation ganz wie die Negersklaven, ja oft noch schlimmer behandelt, und stehen auch jetzt noch in einer Art Leibeigenschaft bei den Colvnisten. (S. Cap.) Sie treiben Viehzucht mit etwas Land- bru und unterscheiden sich von ihren unabhängigen Stammverwandten durch ein vernachlässigtes Äußere, und sofern sie nicht den christlichen Missionsstakionen angehören, durch mancherlei Laster, namentlich das Branntweintrinken. Die freien unabhängigen Hottentotten, Schakalshottentotten genannt, ziehen mit ihren Kraals und Viehhcerden nomadisch umher. Ihr Land erstreckt sich nördlich von der Capcolonie etwa bis zum 26° südl.Br. Die bekanntesten Stämme sind: l) die Buschmänner (s.d.); 2)dieKoranas oder Koraquas, die für die gebildetste Hottentottennation gelten; 3) die Damaras, sehr geschickt in Verfertigung von Eisen- und Kupferarbeiten; 4) die Klein-Namaquas, gering an Zahl; 5) die Groß-Namaquas, rin sehr volkreicher Stamm; und 6) die Griquas oder 303 Hottinger Houbracken Bastardhottentotten, die aus Vermischung der Europäer mit den Töchtern der Hottentot- ten entstanden sind. Die Europäer wurden besonders seit dem l7. Jahrh. mit den Hotten- totten bekannt, und bereits um 1730 sendete die evangelische Brüdergemeinde ihren ersten ' Missionar zu ihnen. Zn neuerer Zeit unterhalten, außer der Brüdergemeinde, auch die londoner Missionsgesellschaft und die Methodisten Missionare bei den Hottentotten, die durch deren Thätigkcit zum größten Theil zum Christenthum bekehrt sind. Um die nähere Kunde von den Hottentotten hat sich besonders Levaillant (s. d.) verdient gemacht. Vgl. Jam. E. Alexander, „Karrstive ok »n expeclitiou ok tke äiscover)' into tire interior ^lrics etc." (2 Bde., Lond. 1839). Hottinger (Joh. Heim.), ein berühmter Gelehrter des I7.Zahrh., geb. zu Zürich am 10.Mär; 1620, besuchte auf öffentliche Kosten seit 1638 die Universität zu Genf, bereiste hierauf Frankreich und studirte dann in Gröningcn und Leyden besonders oriental. Sprachen. Nachdem er zuvor England besucht, kehrte er 163! nach Zürich zurück, wo er 1632 als Professor angestcllt wurde. Durch seine zahlreichen Schriften, welche meist die semitischen Sprachen, oriental. Geschichte und Alterthümer, Kirchengeschichte u. s. w. betrafen, erwarb er sich sehr bald einen solchen Ruf in der gelehrten Welt, daß der Kurfürst von der Pfalz sich 1655 durch einen eigenhändigen Brief an den Rath zu Zürich die Erlaubnis auswirkte, ihn auf einige Jahre nach Heidelberg kommen zu lassen, um durch seine ! Wirksamkeit dem gesunkenen Flor dieser Universität wieder aufzuhelfen. Er begleitete ! 1658 den Kurfürsten auf den Reichstag zu Frankfurt, wo er unter Andern auch den gro- ^ ßen Orientalisten Hiob Ludolph (s. d.) kennen lernte und mit ihm den Plan faßte, einige in der oriental. Literatur erfahrene junge Leute auf öffentliche Kosten zur Erforschung des Zustandes der afrikan., besonders der äthiopischen Kirchen, reisen zu lassen- Mit Ehrenbezeigungen überhäuft, kehrte er l 66 l nach Zürich zurück, wo ihm die Würde eines beständigen Rectors der Universität, mehre andere ehrenvolle Ämter und unter Anderen auch eine Gesandtschaft nach Holland übertragen wurden. Im I. 1667 wollte er endlich einem wie- ' verholten Rufe an die Universität zu Leyden folgen; allein bei der Abreise ertrank er mit j dreien seiner Kinder in der Limmat, indem der zu volle Kahn umschlug. Von seinen Schriften haben noch gegenwärtig den meisten Werth der „'Olies-mms zilliloloAicus seu claviz scripturse" (Zür. 1633; 3. Aust., 1696, 3.) und das „lätzniiologicuin orientale sive lexicnn karmonicum üeptsxstottou" (Franks. 1661, 3.). — Unter seinen ihn überlebenden Söhnen, Joh. Heinr. H., geb. 1637, gest. 1692 als Professor der oriental. Sprachen in Zürich, SalomonH., geb. 1639, gest. als Professor der Medicin und Physik in Zürich 1713, Joh. Konr. H., geb. 1655, gest. 1730, und Joh. I ak. H., geb. zu Zürich 1652, gest. als Professor der Theologie zu Zürich am >8. Dec. 1735, ist der zuleht genannte der berühmteste, und von seinen überaus zahlreichen Schriften die „Helvetische Kirchengeschichte" (2 Bde., Zür. >708—20, 3.) noch immer geschäht. — Joh. Jakob's Urenkel, Joh. Jak. H., geb. 1750, gest. als Professor und Chorherr zu Zürich am 3. Febr. 1819, machte sich rühmlich bekannt als Philolog durch seine Ausgaben des Sallust und des Cicero „De clivinatious", sowie als Ästhetiker und Literator. Nächst seiner Preisschrift „Versuch einer Vergleichung der deutschen Dichter mit den Griechen und Römern" (Manh. 1789), erwähnen wir seine „Bibliothek der neuesten theologischen, philosophischen I und schönen Literatur" (3 Bde., Zür. 1783—86); „Über Bodmer" (Zür. >785); „Über - Salomo» Geßner" (Zür. 1796) und seine „Opusculs oratoriu" (Zür. 1816). Mit Wieland und Jacobs vereinigte er sich zur Herausgabe des „Neuen attischen Museums". Houbracken (Arnold), ein talentvoller niederländ. Zeichner und Maler, geb. zu Dordrccht 1660, gest. zu Amsterdam 1719, beschäftigte sich besonders mit Portraitmalerei, stach aber auch Mehres in Kupfer. Am bekanntesten wurde er durch das schätzbare Werk „kroote sclionlmi-ßch cler neclerlancküdie lco»8tso1iil7 39, gelangte besonders durch ihren Umgang mit Rousseau (s. d.), der ihrer oft in seinen Schriften bald mit bald ohne Nennung ihres Namens gedenkt und ihr viele poetische Anregungen verdankt, zu einer literarischen Celebrität. Von ihrem Geliebten, Saint-Lambcrt, gefesselt, verschmähte sie die Bewerbungen Rousseau's und starb, nach mancherlei durch die Revolution herbeigeführten Wechselfällen, im I. 1813, als die letzte aus jenem liebenswürdig-frivolen encyklopädischen Kreise. Houdon (Jean Antoine), franz. Bildhauer, geb. zu Versailles 17-tI, ein Schüler Lemaire's und Pigalle's, gewann als Jüngling von 29 Jahren den großen Preis für die Sculptur und starb als Professor der Kunstschule zu Paris am 19. Juli 1828. Unter seinen Statuen sind besonders bemerkenswerth seine Diana, die sitzende Statue Voltaire's, welche er zweimal ausführte und wovon das eine Exemplar im Peristyl der Bühne des 77ieätre kranyais aufgestellt ist, die Statue des Cicero im Saale des ehemaligen Erhaltungssenats, welche den Redner darstellt, wie er den Catilina aus dem Senate weist, seine öfters wiederholteknlense für den König von Preußen, in der er die Idee des Fricrens ausge- drückt hat, und die Marmorstatue Washington's für den Staat Virginien, jetzt im Sitzungssaale des nordamerikan. Congresses. Unter seinen trefflich gearbeiteten Büsten sind die des Prinzen Heinrich von Preußen, Rousseau's, d'Alembert's, Gluck's, Buffon's, Franklin's, Barthelemy's, Mirabeau'S, Boissy d'Anglas', Lafayette's, Ney's, Napoleon's und der Kaiserin Josephine zu erwähnen. Für den Unterricht in der Akademie arbeitete er zwei mit großer Kenntniß der Muskellagen ausgeführtc Modelle menschlicher der Haut beraubter Körper, deren größeres, I'ecnrcllö genannt, 7F. hoch ist. H. war wesentlich Naturalist und erscheint von der Manier seiner Schule ziemlich frei. Seine Größe zeigt sich besonders m den Portraitstatuen und Büsten; sein Voltaire scheint zu leben, und schon die Lage des Em Spötters in seinem Lehnstuhl ist charakteristisch. Herrlich, obwol unvollendet, ist die Büste Gluck's, voll tiefen grandiosen Lebens. Houris, d. i. die blendend weißen, heißen die Jungfrauen, welche in Mohammed's Paradiese eine der Belohnungen der Seligen ausmachen sollen. Sie sind, nach der SchU» berung des Koran, von blendender Schönheit, keiner Unreinigkeit unterworfen, von keinem »1 310 ' Houston Houtman Menschen oder Geiste je der Jungfrauschaft beraubt, und ihre süßen schmachtenden Blicke gehören blos dem einzigen Geliebten. In immer grünenden reich bewässerten Gärten ru- hen sie in Lauben, auf grünen Kissen und den schönsten Teppichen, und eine Fülle des süß-, sten Genusses erwartet den Seligen in ihren Armen, ohne daß sie jemals aufhören, jungfräulich zu sein. Die Weiber der Mohammedaner haben ein von den Männern abgeschiedenes Paradies zu erwarten; doch steht es dem Manne frei, statt der Houri seine Gattin zurückzufodern. Houston (Samuel), Präsident des Freistaates Texas, wurde um 1780 in dem damals noch zu Virginien gehörenden Staate Tennessee geboren. Er war hier Pflanzer, Co- loniebesitzer und Milizofsizier und wurde dann als Abgeordneter in den Kongreß erwählt, wo er durch einen von politischer Parteiwuth eingegebenen, zum Handgemenge führenden Anfall auf ein anderes Kongreßmitglied in den Räumen des Capitols zu Washington Aufsehen erregte. Später ging er, als eine Menge landgieriger Abenteurer aus dem Westen der Vereinigten Staaten nach der mexican. Provinz Texas auswanderte, ebenfalls dahin, wo er unter ihnen bald Einfluß .gewann. Als sich dieselben l836 gegen Mexico empörten und zu den Waffen griffen, wurde er ihr General und, nachdem sich Texas als unabhängige Republik constituirt, am l. Sept. 1836 auf zwei Jahre zum ersten Präsidenten derselben ernannt; auch >8-12 von neuem mit dieser Würde bekleidet. Nach ihm erhielt die Hauptstadt des neuen Staats den Namen Houston. Houtmau (Cornelius), der Gründer des holländ. Handels mit Ostindien, war zu Gouda um die Mitte des l 6. Iahrh. geboren. Als er sich in Lissabon Geschäfte halber einige Zeit aufhielt, erregte der Handel mit Indien, der damals Portugal ausschließend bereicherte, zuerst seine Aufmerksamkeit. Bereits mit dem Gedanken umgehend, daß sein Vaterland sich an demselben vielleicht betheilen könne, fing er an über die Art und Weise dieses Handels und die Wege nach Ostindien Erkundigungen einzuziehen. Allein der Eifer, mit dem er dabei verfuhr, erregte Verdacht; er wurde verhaftet und zur Entrichtung einer großen Geldstrafe verurtheilt. Da er diese nicht zu bezahlen vermochte, wendete er sich insgeheim an die Kaufmannschaft in Amsterdam, der er Alles mitzutheilen versprach, was er in Bezug auf den Handel mit Ostindien in Erfahrung gebracht habe, wenn sie ihn aus!«- sen wolle. Dieses geschah, und kaum war H. 170-1 nach seinem Vaterlande zurückgekehrt, als die Kaufmannschaft zu Amsterdam aufseine Mittheilungen hin zu einer sogenannten Compagnie der entfernten Lande zusammentrat, vier Schiffe nach Ostindien ausrüstete und befrachtete und H. zum Supercargo oder Aufseher der Maaren auf denselben ernannte. Die Flotille lief am 2. Apr. 1505 aus und landete am 23. Juni 1506 vor Bantam auf Java. Anfangs freundlich ausgenommen, wurden die Holländer fdoch sehr bald durch die Portugiesen mit den Eingeborenen entzweit, sodaß die Flotille, nachdem ihre Mannschaft auf weniger als ein Drittel zusammengeschmolzen war, zurückkehren mußte. Ungeachtet des Mislingens dieser ersten Expedition wurde sogleich eine zweite beschlossen; auch bildeten sich gleichzeitig nach dem Beispiele Amsterdams ähnliche Compagnien in den Seestädten der vereinigten Provinzen, die sich schließlich zu einer einzigen Ostindischen Compagnie vereinigten, der es nach und nach gelang, den Portugiesen den ostind. Handel zu entreißen, sie aus Ostindien zu vertreiben und sich bis gegen das Ende des > 8. Iahrh. ausschließcnd in dem Handel dahin zu erhalten. H. wurde Befehlshaber der zweiten Expedition, die 1508 abging. Nachdem er Madagaskar, die Malediven und Cochin-China besucht hatte, landete er auf Sumatra, wo er von dem Könige freundlich ausgenommen, bald nachher aber bei einem Feste verhaftet wurde. Die Schiffe, welche bereits geladen hatten, kehrten ohne ihn zurück. Man glaubte H. gctödtct, als er am 31. Dec. 1600 an Bord eines vor Achem liegenden holländ. Schiffes kam, um hier die Erklärung abzugeben, daß er, obschon in Gefangenschaft gehalten, der er sich auch nicht entziehen wolle, immernoch die Hoffnung habe, mit dem König einen seinem Vaterlande vortheilhaften Vertrag abzuschließen. Der König zeigte wirklich günstige Gesinnungen, gab aber später den Einflüsterungen der Portugiesen nach und verwies H. in das Innere des Landes, wo dieser in der Folge starb- Während der Gefangenschaft auf der Insel Sumatra hatte er sich mit astronomischen Beobachtungen beschäftigt; die Resultate seiner Entdeckungen sendete er mit dem holländ. Schifft, f I ", !ö- u- ih- ch. ft. Houwald Howard (John) 311 an dessen Bord er kam, nack seinem Vaterlande. Namentlich hatte er mehr als 300 neue Sterne entdeckt, die nachher in > 3 neue Sternbilder vereinigt wurden. Houtvald (Cbriftoph Ernst, Freiherr von), ein bekannter dramatischer Dichter, geb. am 2!».Nov. 1778 zuStraupitzin der Niederlausitz, wurde im Hause seines Vaters, welcher Besitzer dieser Standesherrschaft war, unterrichtet, bis er >703 nach Halle auf das Pädago- gium kam, wo er dann seit >700 Kameralwissenschaften studirte und im engsten Verkehr mit dem jüngcrn Contessa (s.d.) lebte, dessen Freundschaft auf sein ganzes Leben von großem Einfluß war. Nach der Rückkehr von der Universität widmete er sich dem ständischen Dienste seiner Provinz, bis er sich 1815 in Folge der neuen Organisation der an Preußen abgetretenen Niederlausih in die Einsamkeit seines Landgutes Sellendorf zurückzvg, wo ihm das Schicksal seinen Jugendfreund Contessa wieder zuführte. Im I. 1822 von den niederlaus. Landständen zum Landsyndikus erwählt, lebte er nun zu Neuhaus bei Lübben, wo er am 28. Jan. l 845 starb. Schon als Knabe hatte er sich in kleinen Liedern und selbst in einem großen Trauerspiele versucht; auch später unter den Namen Ernst und Waluhdo (dem Anagramm seines Namens) einige Dichtungen in Zeitschriften und Sammlungen veröffentlicht; doch erst seit >815 wendete er sich entschieden der Dichtkunst zu. Seinen von Contessa herausgegebenen Erzählungen „Romantische Accorde" (2 Bdchn., Berl. >817 fg.) folgte das „Buch für Kinder gebildeter Stände"(3 Bde., Lpz. 1819—24; neue Ausg., Lpz. 1833). Nächst seinen kleinern tragisch-dramatischen Dichtungen „Die Freistatt" und „Die Heimkehr" ließ er seit > 821 die größer» „Das Bild", „Der Leuchtthurm" und „Fluch und Segen" erscheinen, welche seinen Ruf begründeten; ferner das Gelegen- heitsstück „Der Fürst und der Bürger" (Lpz. > 823) und die Trauerspiele „Die Feinde" (Lpz. >825) und „Die Räuber" (Lpz. 1830). Außerdem sind zu erwähnen seine „Vermischten Schriften" (2 Bde., Lpz. 1825) und die „Bilder für die Jugend" (3 Bde., Lpz. 1829--32; neue Aufl., Lpz. 1830). Seine Dichtungen sind Blüten der Gemüthswelt, daher ist auch in seinen Dramen das Lyrische vorwaltend, das sich nicht selten in eine kraft- und charakterlose, allzuweichliche Sentimentalität verliert, wofür einzelne ergreifende Partien nicht entschädigen können. Howard (Charl.), Graf von Carlisle, geb. in England um 1630, wurde von Karl ll. für seinen Eifer, ihn auf den Thron zurückzurufen, mit einer Gesandtschaft nach Rußland belohnt, welche die Wiederherstellung derben mit Rußland handeltreibenden Engländern seit 1555 zugestandenen und wegen der Hinrichtung Karl's I. entzogenen Freiheiten zum Zweck hatte. Mit einem Gefolge von mehr als 120 Personen ging H. am l 4. Juli 1663 unter Segel und traf am 6. Febr. >664 in Moskau ein. Ohne irgend etwas erreicht zu haben, verließ er Moskau am 24. Jan. 1665 und kehrte durch Schweden, Dänemark, Deutschland und Belgien nach England zurück. Hier war bereits eine russ. Gesandtschaft angekommen, Beschwerde über ihn zu führen; doch H. rechtfertigte sich in einer eigenen Denkschrift. Später wurde er zum Gouverneur von Jamaica ernannt und starb daselbst 1686. Unter seinen Augen schrieb Guy Mieze, der ihn nach Rußland begleitet, den „äccuimt „k tlie tliree viuirussie» c>k Ille Lurl vkLurlisle" (Lond. 1669) und später die ausführlichere „Ilelstin» des troi.4 umbsssstles eie I» pari clu Roi cle la Llraircke-LretSKue» Maries ll., vers Alexis )li Lrur, Oüurlss XI, rvi öle 8udcke, et kräckörie III, rni 765 auf sein väterliches Gu Cardington, in der Nähe von Bedford, und wurde «773 zum Sheriff der Grafschaft Beb- sord gewählt. Nachdem er als solcher den Zustand der dortigen Gefängnisse genau Haiti kennen lernen, wurde er darüber l 774 von einer zu diesfallsigcr Untersuchung Niedergesetz, ten Parlamentscommission vernommen, was zwei betreffende Ersehe zu Gunsten der Gefangenen zur Folge hatte. Hierauf sehte er seine Untersuchungen über die Gefängnisse in England fort; das Ergebniß derselben veröffentlichte er in seinem „8t»te »k tbe prisnm in Lnglsntl si>6 Wales, vvitb snme preliininur)- ««rservntions, »nel an sccount ok some koreign xrisons"(Warringtvn 1777, 4.; Verb. und vervollständigte Ausg. «784; deutsch im Auszüge von Köster, Lpz. «780). Zu gleichem Zwecke besuchte er von 1775 an vier Mal Deutschland, fünf Mal Holland, drei Mal Frankreich, zwei Mal Italien, auch bereiste er deshalb Spanien, Portugal, die nordamerik. Staaten und die Türkei. Demnächst ließ er sich die Untersuchung der Pesthäuser und Lazarethe angelegen sein, besuchte aus diesem Grunde «785 nochmals Italien und die Türkei und gab dann seinen wichtigen „^cconnt ok tbe xrmcipsl Is-isreltv's inLurope" (Lond. >789, -1.; deutsch mit Zusähen von Ludwig, Lpz. I7SI) heraus. Um auch in Asien die Pest kennen zu lernen, unternahm er «789 eine neue Reist; in Cherson in der Krim von einer epidemischen Krankheit angesteckt, starb er daselbst am 2V. Jan. «790. Ein kleiner Obelisk in der Nähe von Cherson bezeichnet sein Grab. Auch in der Paulskirche zu London ist ihm ein Denkmal errichtet. I. Delille hat ihm einEhren- gedächtniß in dem Gedichte „1-a ziitie" gestiftet. Howard (Katharina), die Gemahlin Heinrich's Vlll.von England (s.d.). Howard (Luke), ein berühmter engl- Meteorolog, geb. am 28. Nov. «772 zu London, besuchte die gelehrte Schule zu Burford bei Oxford, kam dann in eine Drogueriehanb- lung und wurde «798 Affocie des um die Bell-Lancaster-Schulen und andere milde Anstalten hochverdienten Quäkers Will. Allen in London. Scbon in dieser Zeit schrieb ei für einen philosophischen Verein in London, dessen Mitglied er war, unter andern Aufsätzen seinen „bisssx on tbe inoclikcation ok clonäs". Als Allen sich l 805 zur Ruhe setzt!, trat H. mit Jewell und Gibson in Verbindung und errichtete zu Startford in Essex ein Laboratorium. Mit besondererVorliebe und großem Eifer widmete ersich spätermeteorologischen Beobachtungen. Seine desfallsigen Berichte erschienen bis «809 im „^tbenaeum", bis «8« 3 in Nicholson's „kbilosopbicsl jvurnal" und dann in Thomson's „Kanals okpkilo- sopli)-". Die methodisch geordneten Resultate seiner Beobachtungen gab er in dem Werke „Tbe climute ok Tontlon" (2 Bde., «818 —20), das in Deutschland besonders durch Goethe bekannt wurde, und in seinen „8even leetmes nii motevrolo^" (Lond. >837). Howe (Richard, Graf), brit. Admiral, geb. «722, trat «73«; in den Seedienst, be- schiffte mit Anson das Stille Meer und wurde >746 Capitain. In dem Kriege gegen Frankreich hatte er unter Sir Edward Hawke «757 Theil an der Eroberung derJnsel Air und zerstörte den Hafen von Cherbourg. Jm J. «770 wurde er zum Contreadmiral und Oberbefehlshaber im Mittelländischen Meere ernannt und zeichnete sich dann vielfach im ainerik. Kriege aus. Im I. l 782 verproviantiere er das belagerte Gibraltar. Nach dem Frieden wurde er erster Lord der Admiralität, ein Amt, das er I788nicderlegte und später wiederaunahm, und dann zum Grafen erhoben. Im I.«7 93 erhielt er als Admiral der weißen Flagge den Befehl über die Flotte im Kanal, blockirte eine Zeit lang den Hafen von Brest, schlug die Franzosen bei Quessant am l. Juni >794 und wurde «795 General der Seetruppen. Obschon er bereits das Commando der Flotte abgegeben hatte, so gelang es ihm doch durch sein Ansehen, in welchem er bei den Matrosen stand, die ihn wegen seiner dunkeln Gesichtsfarbe gewöhnlich nur den schwarzen Dick, d. i. Richard, nannten, den Aufstand derselben aus den Flotten von Portsmouth und Plymouth zu stillen. Er starb am 5. Aug. >79«'. Howitt (Will.), von Geburt Engländer, seines Glaubens Quäker, anfangs Apotheker, widmete sich später der Literatur und hat theils allein, theils mit seiner Cousine, Maria H., eine Menge Gedichte und andere Schriften herausgegeben. Als die vorzüglichsten erwähnen wir „Tbe minstrel ok tbe korest" (Lond. «823), „Rural bke in Log- jsotl" (Lond. >830), „Tbe bovb ok tbe seasvns, or cslenclsr ok nsture" (Lond. > 831) 313 Hoya Hoher en. tS> !kl1 PS- ne, s. Aust., 1835), „Unpular Instor/ os t>,e priosts nt all times sncl smoox sll nstions" (Lond. 1833), „Usntilen" (Lond. I 8.37)), „(.'«Ionisation and Okristianit^" (Lond. 1838), „Hie stiikisntg lite of 6ermsnx" (Lond. I 839), ,,'1'bs rural sncl clomesticsl like ok6er- manx" (Lond. 18-12) und „6ermsn exzieriences, gilclrossecl to tbeLnAlisb, botb sts^ers st kowe sntl goers skronci" (Lond. I8-I1), welche letztere Schrift die freilich oft carikir- ten Resultate eines langem Verweilens in Deutschland enthält. Von seiner Cousine allein rühren her „Hie 8«ven temptotions" (Lond. > 833) und „Visits to tke invst eemarllable xlaces in Lnglanä" (Lond. 1839). — Ein Bruder derselben, Richard H., ist der Verfasser von „Ille Fip«^ llin^, null ntlivr ;>»ems" (Lond. 18 t I). Hoya, eine alte Grafschaft, im heutigen Königreich Hannover, mit 11 8909 E- auf 53 mM., wird von der Weser, Aller und Hunte bewässert und besteht theils aus Haide - und Sand -, theils aus Marschboden, welcher viele Feldsrüchte erzeugt. Sie zerfällt in die obere und untere Grafschaft; in jener liegen die Orte Bassum, Heiligenrode u. s. w., in dieser Hoya, mit 1790 E., und Nienburg, mit 3500 E. Die Grafen von H. bildeten ihr Territorium aus dem cngerschen Enterigagau, vergrößerten cs durch Erwerbung der angrenzenden dynastischen Territorien, namentlich der Grafschaft Bruchhausen, und wußten nach Auflösung des welfischen Herzogthums Sachsen lange Zeit ihre Rcichsunmittelbar- keit zu bewahren; als indessen Kaiser Maximilian im I. I5vl die erledigte niedere Grafschaft an Herzog Heinrich den Mittlern von Braunschweig verlieh, verstanden sich die Besitzer der obern Grafschaft dazu, nicht nur diese, sondern > 5 > I auch die obere Grafschaft von dem Hause Braunschweig zu Lehen zu nehmen. Demzufolge fielen beide Theile, als 1582 das alte Grafengeschlecht ausstarb, dem Landesherrn anheim und theilten seit- dem alle die dynastischen Wechselfälle, welche die braunschweig. Lande erfuhren. Hoher (Joh. Gottfr. von), sächs. Artilleriegeneral, geb. 1726, wurde als Major 1771 Director der 1766 errichteten Artillerieschulc zu Dresden, um die er sich ebenso wie durch mehre neue Erfindungen in der Artilleriewissenschaft große Verdienste erwarb. Zum General und >793 zum Oberzeugmeister ernannt, starb er 1802. — Seines Bruders Sohn, Joh. Gottfr. von H., geb. am 9. Mai 1767, wurde von seinem Vater, der als Major und Commandant der sächs. Pontonniers 1787 starb, zur diplomatischen Laufbahn bestimmt, trat aber aus überwiegender Neigung zum Militair 1778 bei dem Beginn des Feldzugs in die Compagnie seines Vaters. Im I. 1781 zum Artillerieoffizier ernannt, studirte er nun unter der Anleitung seines Oheims die Kriegswissenschaften. Die Muße des Friedens benutzte er sodann, um seine Bekanntschaft mit der classischen Literatur zu erweitern. Gleichzeitig fing er an, sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen. Im I. 1892 wurde er Capitain und 1803 erhielt er das Kommando der sächs. Pontonniers, deren technische Bildung er mit »«ermüdetem Eifer zu befördern strebte. Als > 809 unerwartet der Major von Schill vor Wittenberg erschien, hatte er wesentlichen Antheil daran, daß man ihm die Festung nicht übergab und wurde dafür zum Major ernannt und 1810 zum Oberstlieutenant. Von dem russ. Gesandten in Dresden, dem General von Chernikow, veranlaßt, in russ. Dienste zu treten, suchte er 1813 seine Entlassung nach, die er aber erst unter dem russ. Gouvernement erhielt, worauf er im Dec. 1813 als Oberster in das preuß. Jngenieurcorps trat und Vorlesungen in der königlichen allgemeinen Kriegsschule über Fortification hielt. Nachdem er 1815 den Feldzug mitgemacht hatte, wurde er Brigadier der märkischen und pommerschen Festungen, und 1818 Generalmajor und Jnspec- teur der Festungen und Pionniere ln Pommern und Preußen; 1825 aber in Ruhestand verseht. In Halle, wo er nun seinen Aufenthalt nahm und Vorlesungen über Theile der Kriegskunst und Kriegsgeschichte hielt, wurde er von der philosophischen Facultät zum Doctor ernannt. Unter seinen zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: „Pragmatische Geschichte der sächs. Truppen" (Lpz. 1791); „Handbuch der Pontonnierwisseu- schast" (2 Bde., Lpz. 1793—93; 2. Aust., 1830); die Übersetzung von Tom. de Morla's ,Lehrbuch der Artillericwissenschaft" (2 Bde., Lpz. 179h; 2. Aust., 3 Bde., 1821 — 2-t); „Geschichte der Kriegskunst" (2 Bde., Gott. 1797 —1800); „Allgemeines Wörterbuch der Artillerie" (2 Bde., Tüb. >803—12, nebst einem Supplementband, Tüb. 1831); „Allgemeines Wörterbuch der Kriegsbaukunst" (3 Bde., Berl. 1815); „Lehrbuch der 314 Hoym Hrosuita Kricgsbaukunst" (2 Bde., Bcrl. >817— 18 ); „Lehrbuch für den Elementarunterricht in den Kriegswissenschaften" (2 Bde., Bcrl. > 827); „Literatur der Kriegswissenschaftcn und - Kriegsgeschichte" nebst Fortsetzung (Berl. >8:!I—49); „Befestigungskunst und Pion- nierdienst" (Berl. >832) und „Gedenk- und Notizenbuch für Ingenieure" (Lp;. I8M). Hoym (Karl Georg Heim., Graf von), preuß. Minister, geb. 1739 zu Poploz in Hinterpommern, machte seine Studien auf dem königsberger Gymnasium und der Universität zu Frankfurt an der Oder. Im I. >761 nahm er Militairdicnste, doch sehr bald trat er in das Finanzfach. Er stieg schnell empor, wurde >762 Kriegs- undDomainenrath und 1767 Geh. Rath und zweiter Kammerdirector. Nachdem ihn >768 Friedrich der Große persönlich kennen gelernt hatte, ernannte er ihn 1769 zum Regierungspräsidenten in Kleve und 1779 zum dirigirenden Minister in Schlesien, wo er sich durch segensreiche Verwal- , tung einen bleibenden Namen erwarb. Auch die beiden Nachfolger Friedrich des Große» ^ beehrten H. mit gleichem Vertrauen. Friedrich Wilhelm II. erhob ihn in den Grafenstand, ließ sich durch ihn 1796 bei der Huldigung in Südpreußen rcpräsentiren und übertrug ihm die Verwaltung auch dieser neuen Erwerbung. Nach dem Frieden zu Tilsit wurde er I8«N seines hohen Alters wegen in Ruhestand versetzt und starb noch in demselben Jahre auf seinem Gute zu Dyhrnfurt bei Breslau, das jetzt seiner Enkelin, der Prinzessin Biron von Kurland, gehört. Hrabänus Maurus, einer der ausgezeichnetsten Männer im Zeitalter Karl des Großen, hochverdient um die erste Bildung der Deutschen, war aus Mainz gebürtig und genoß den Unterricht im Benedictinerkloster zu Fulda, worauf er nach Tours ging, um seine Studien unter Alcuin zu vollenden. Nach seiner Rückkehr im 1.894 errichtete er in Fulda eine Klosterbibliothek und die erste öffentliche Klosterschule in Deutschland, aus welcher nachmals so viele ausgezeichnete Gelehrte, wie Walafried, Strabo, Otfried u. A. hervor- ^ gingen. Nach manchen Widerwärtigkeiten wurde er 822 zum Abt von Fulda geweiht, wo > er nun während der zwanzig Jahre, in denen er diese Würde bekleidete, die Freude hatte, > den wohlthätigen Einfluß seiner gelehrten Schule immer mehr steigen zu sehen, und höchst , wohlthätig für echt christliche Kirchcnzucht wirkte. Misvergnügt über die Unruhen der ; Zeit legte er 842 sein Amt nieder, um sein Leben in der Stille der Priorci St.-Peter zu s beschließen; doch der König Ludwig der Deutsche vermochte ihn, 817 als Erzbischof von Mainz wieder in Thätigkeit zu treten, in welcher Würde er 856 zu Winkel im Nheingau starb. Wie Bonifacius der Priester, so war H. der Lehrer der deutschen Nation; nur hat er vor jenem noch Das voraus, daß er die Nothwendigkcit erkannte, die deutsche Kircke vor den verderblichen, verfinsternden röm. Einflüssen zu wahren, und daß er hierauf durch Verbreitung von Aufklärung hinzuwirken suchte. Um das Bibelstudium zu beleben, führte er das Studium der griech. Sprache in Deutschland ein; ganz besonders aber war er für die Ausbreitung und Bildung der deutschen Sprache thätig und setzte es sogar durch, daß deutsch gepredigt werden sollte. Auch verfaßte er ein lat.-deutsches Glossar über die Bibel, welches in mehren Handschriften erhalten, in Schilter's „Hie-muru»" und Eckard's „Lomment. Stoffe in Klostermanier, die in keiner Beziehung ihres Musters würdig sind und ziemlich frivole Gespräche liederlicher Menschen mit keuschen Nonnen enthalten; sowie mehre andere geistliche und historische Schriften. Ihre Werke wurden zuerst von K. Geltes (Nürnb. 1501, Fol.) und zuletzt von Schurtzfleisch (Witt. 170", -i.) herausgegeben; der„kane- gzris in Oddonem" findet sich auch in der Ausgabe von Widukind's „^.nnsles" von Mei- baum (Franks. 1621), in des jünger» Meibaum „Script, rer. germ." (Helinst. 1688) und in Neuber'S „Scriptt. vett." (Franks. 1584; 6. Aust., Franks. 1726); das Gedicht auf die Gründung des Klosters zu Gandersheim übersetzte Fr. Horn in den „Nordalbin- gischen Blättern" (Bd. I, 1820). Vgl. (Wüstemann), „Geschichte der Roswitha" (Dresd. 1750) und Hoffmann, „De kasvvitliae vita et scrijitis" (Bresl. 1860). ' Huarte (Juan), der einzige span. Schriftsteller, welcher über das Gebiet seines Vaterlandes hinaus als Philosoph berühmt geworden ist, geb. um 1520 in Niedernavarra, lebte 1590 als praktischer Arzt in Madrid, welcher Beruf ihn bei seinen psychologischen Beobachtungen sehr begünstigte. Sein „Lxsmen de ingeniös pars Ins scieneias" (Pamplona 1578 und oft.), welches ihn in Europa berühmt machte und in viele Sprachen (deutsch von Lessing; 2. Aust., Wittenb. und Zerbst 1785) überseht wurde, zeigt ihn als einen praktischen Denker von vielen Kenntnissen und enthält scharfsinnige Beobachtungen über die geistigen Verschiedenheiten des Menschen, ist aber nicht ohne Paradoxien. Huber (Franz), ein bekannter Naturforscher, geb. zu Genf am 2. Juli 1750 , hatte das Unglück, schon im Jünglingsalter zum Theil in Folge zu angestrengten Studircns zu . erblinden, dabei aber wieder das Glück, an Aime'e Lullin eine Gattin zu finden, mit der er ^ 40 Jahrein der glücklichsten Ehe lebte. Durch Charl. Donnet (s.d.) auf die Dunkelhei- ^ ten in der Naturgeschichte der Bienen aufmerksam gemacht, unternahm er es in seiner , Blindheit, dieselbe aufzuklären, indem er seinem Bedienten, Franz BurnenS, die schwere Kunst des Beobachtens lehrte. Sinnreich ausgedachte Bienenstöcke von Glas dienten dazu, die Thierchen zu belauschen. Aus den übereinstimmenden Beobachtungen seines Bedienten und anderer Freunde, die an seinen Studien Theil nahmen, zog er die Ergebnisse, die er zuerst in Briefen an Bonnet unter dem Titel „Nouvelles observsiiao« s»r les abeilles" (1782) veröffentlichte. Als Burnens eine anderweite Versorgung erhielt, übernahmen zunächst H.'s Gattin und dann Burnens' Sohn das Geschäft des Beobachtens. Mit Sennebier, den er bei den Untersuchungen über das Athemholen der Bienen zu Nathc zog, machte er dann die Beobachtungen über das Keimen der Samen, die in dem „Neinoire snr I'inüuence de l'air et des diverse? subsianees gureuses duns I» germinution de diikeren- tes plsotes" (Genf >801) niedergelegt sind. Seine später« Beobachtungen über die Bienen finden sich in der neuen Ausgabe seiner oben erwähnten Schrift (2 Bde., Par. und Genf 1814). In Genf gründete er die Gesellschaft für Physik und Naturgeschichte. Seine Correspondenz führte er meist gedruckt, wobei ihn das mechanische Talent eines Dieners, Claude Lechet, den er zu diesem Zwecke sich herangebildet hatte, unterstützte. Die letzten Jahre lebte er in Lausanne bei seiner Tochter, in deren Armen er am 21. Dec. 1861 starb. I- Delille feierte ihn in seinem Gedicht „Ii.es troi« reines de In nstnre". , Huber (Ludw. Ferd.), ein geistreicher deutscher Schriftsteller, der Sohn von Mich. ? "b." (s- d.), geb. in Paris 1764, kam in seinem zweiten Jahre mit seinen Altern nach . Leipzig und nahm von ihnen jene liebenswürdige Mischung von franz. Beweglichkeit und deutscher Innigkeit an. Eine treffliche Erziehung, der Umgang mit ausgezeichneten Män- ! "srn und eine unermüdliche Lcsebegier wirkten sehr günstig aus die Entwickelung seiner ! Talente. Schon in seinem > 5. Jahre trat er als Übersetzer auf. Nachdem er in Dresden im ! Bureau des Ministers von Stutterheim einige Zeit gearbeitet hatte, wurde er 1787 Lega- Eionssecretair bei der sächs. Gesandtschaft zu Mainz. Mit Aufopferung seiner bürgerlichen Verhältnisse, die ihm eine glänzende Laufbahn versprachen, nahm er sich seit 1706 der ver- > Menen Familie seines Freundes Joh. Georg Förster (s. d.) an, dessen geistreiche Witwe (> Therese Huber) er 1784 heirathete, worauf er, um seinen Unterhalt zu gewinnen, «1 dem Dorfe Bosle bei Neufchatel der Schriftstellerei, besonders der politischen, sich zündete, bis er 1798 nach Stuttgart ging, wo er an Posselt's Stelle die Redaction der 316 Huber (Maria) Huber (Mich.) „Allgemeinen Zeitung" übernahm. Im I. 1803 wurde er Landesdirectionsrath zu Ulm, wo er aber schon 1804 starb. Geistreiche, mehr durch lebendigen Umgang als durch Bücher erworbene Leichtigkeit zeichnet seine Schriften aus, die jedoch zum größer» Theile mirin glücklichen Bearbeitungen und geistreichen Kunstkritiken bestehen. Schon früh zog ihn besonders die engl. Literatur an und bereits 1785 gab er das Schauspiel „Ethelwolf", mir vorläufigen Anmerkungen über Beaumont und Fletcher und das ältere engl. Theater über- Haupt, heraus. Auch bereicherte er die deutsche Bühne mit mehren guten Bearbeitungen ,franz. Lustspiele, dahin gehören „Die offene Fehde" (Manh. 1758); „Der tolle Tag, oder Figaro's Hochzeit" (Lpz. I785); „Die Abenteuer einer Nacht" (Manh. 1780) und mehre andere in seinem „Neuern franz. Theater" (3 Bde., Lpz. >705—97; 2. Aust., Franks 1819). Von seinen Originalschauspielen erregte „Das heimliche Gericht" (neue Ausl., Berl. 1795) so lange Aufsehen, als der Stoff in der Mode war. Glücklicher war H. inseinen „Erzählungen" (4 Bde., Braunschw. 1800—2), welche zu den bessern Erzeugnissen der Deutschen in diesem Fache gehören; doch haben die seit 1795 unter seinem Namen erschienenen meist seine Gattin zur Verfasserin. Seine „Sämmtlichen Werke seit I (4 Bde., Tüb. I806—19) wurden von seiner Gattin herausgcgeben und mit seiner Biographie begleitet. In der Kunstkritik nahmen seine Neccnsionen in der „Allgemeinen Literaturzeitung", welche in seinen „Vermischten Schriften" (2 Bde., Berl. 1793) wieder ak- gedruckt wurden, einen ehrenvollen Rang ein. Von seinen übrigen Schriften gedenken mir nur noch de« „Friedenspräliminarien" (10 Bde., Berl. 1793—96). Auch war erHcr- ausgeber der „Klio" und der „Europ. Annalen". — Sein Sohn, Vict. Ai m e H., früher Professor in Marburg, seit 1843 ordentlicher Professor an der philosophischen Faiul- tät zu Berlin, hat sich als Schriftsteller besonders durch seine „Skizzen aus Spanien" (Z Bde., Gött. 1828—33); „Die Geschichte des Cid" (Brem. 1829); „Die neuromankische Poesie in Frankreich" (Lpz. > 833) und „Die engl. Universitäten" (2 Bde., Kass. 183!>- 40) einen Namen erworben. Huber (Maria), eine Schriftstellerin, welche sich unter den gelehrten Frauen ihrer Zeit durch Schärfe des Gedankens auszeichnete, war die Tochter eines angesehenen Kaufmanns zu Genf und daselbst 1695 geboren. Über ihre Jugend hat man sehr ungenügende Angaben, indeß kann man aus ihren Werken abnehmen, daß sie eine streng wissenschaftliche Erziehung erhalten habe. In den „8)stemes des tlieologieus anciens et modernes, concilies par I'exposition lies dilkerents sentiments sur I'etat lies ames sepsrees des corps" (1731; sehr verm. Aust., >739), die ihr zuerst in der gelehrten Welt einen Namen machten, bekämpfte sie mit den Waffen eines freudigen, liebevollen Henens die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafcn; dagegen nahm sic nach dem irdischen Leben eine Art von Mittelzustand der Reinigung an. Obschon diese Lehre bei Protestanten und Katholiken gleiche Misbilligung und Anfeindung fand, so ließ sie sich doch nicht abhalten, ihre Ansichten noch in andern Schriften zu entwickeln und gegen die Angriffe ihrer Feinde zu verthei- digen. Am umfassendsten findet man ihreLehren dargelegt in den „l^ettres sur la religio» essentielle ä I'lininins" (1739; 6 Bde., 1754), die ins Deutsche und Englische übersetzt wurden. Wenn auch in dieser Schrift das Streben, die christliche Lehre auf ihre göttlichen Grundwahrheiten zurückzuführen, anerkannt werden muß, so kann man doch der Art und Weise, wie die Verfasserin die kirchlichen Dogmen einer zum Theil scharfsinnigen Sichtung unterwirft, nicht unbedingt billigen. Ihr Nationalismus war zwar selbst zu ihrer Zeit nicht ganz neu, aber er gewinnt in psychologischer Beziehung an Interesse, wenn man bedenkt, daß er von einer weiblichen Seele ausgcflossen ist. Nach ihrem Tode, der 1753 zu Lyon erfolgte, erschien ein „Recneil de diverses pieces, servaut de Supplement aux leO tres sur I-l religion essentielle a I'lmmme" (1754). Geringere Verbreitung haben ihre andern Schriften, wie „I^e wende kal prelere au monde sa^e" (1744) und „Reductian du spectateur angl." (6 Bde., Amst. 1763), gefunden. Die ihr beigelegte „Ilistoire dassax" (1753) soll, wie Einige behaupten, von der Schriftstellerin Fauque herrühren. Huber (Mich.), ein bekannter Literator und Übersetzer, der Vater von Ludw.Ferd. Huber (s.d.), geb. >727 zu Frontenhausen in Niederbaiern, lebte lange Zeit in Paris und wurde 1766 Lector der franz. Sprache auf der Universität zu Leipzig, wo er >804 starb. E lic sic zu chl er un sto sop „K et - s ube gab Be riet »er die nes teil ber lig! ger we in - Lst niß vep Leh ließ Tel in( ttt! fält kam mi ^ eine Vers ! f°lg j stn - verk laut i Tat ! l Dex ^ Kini > ich« > öuge Wie »>chi was ihr« Huber (Sam.) Huber (Therese) 317 illll, cher > ri« br- mil ier- gc» »der !hre "kf sei- siiv cd >'>« liv- itr- ab- ivir )cr- 711- ml- (- scht )«r >uf- Ilb! -cf!- ies, lles II cn vl>» von iken sich- hei- sion sitzt HM und UNg Z-i! be- ;zu let- ihre lion lA- erd. und nrb. Er machte die Franzosen, deren Sprache er vollkommen inne hatte, mit vielen der vorzüglichem Werke seiner Nation bekannt und hat das unbestrittene Verdienst, durch seine einsichtsvollen Übersetzungen wie durch die beigegebenen kritischen Bemerkungen das Band zwischen beiden Literaturen fester geschlungen und der deutschen Poesie und wissenschaftlichen Forschung bei den Franzosen Eingang und Achtung verschafft zu haben. Ebenso nützte er durch seinen Unterricht. Er übersetzte die Werke Geßner's (Zür. >768—72, und oft.) und in seinem „Olioix eie pnäsies rUIemaaUss" (4 Bde., Par. 1766) Poesien von Klop- stock, Wieland, Lessing, Kleist u. A.; ferner Thümmel's „Wilhelminc", Meiner's „Philosophische Briefe über die Schweiz", Campe's „Neuen Robinson" und Winckelmann's „Kunstgeschichte" (3 Bde., Lpz. >781, -1.). Auch gab er „Notices genersies <1es Araveurs et <1es z.eiutrss" (Dresd. und Lpz. >787, neue Aust., 1797) heraus. Huber (Sam.), ein protestantischer Thevlsg, der namentlich durch seine Ansichten über die Gnadenwahl sich in viele Streitigkeiten verwickelte und dazu Andern Veranlassung gab, war zu Bern >537 geboren, wo er auch seine Bildung erhielt und dann im Canton Bern als Pfarrer angestellt. Als heftiger Streiter zeigte er sich schon 1582, wo er mit dem Dekan Musculus in Bern wegen der Sitte des Brotbrechens im Abendmahl in Streit ge- rieth und die Beibehaltung der Oblaten durchsetzte. Seine Hauptstreitigkeiten aber begannen > 586, wo er Musculus wegen seiner von Calvin's Lehre abweichenden Lehrsätze über die Gnadenwahl angriff. Seiner Leidenschaftlichkeit und Halsstarrigkeit wegen 1688 seines Amts entlassen, ging er nach Tübingen, wo er sich indeß sehr bald auch mit den wür- temb. Theologen entzweite. Zm I. 1592 folgte er einem Ruse als Professor nach Wittenberg; doch auch hier gerieth er durch seine Ansicht, daß Alle, auch die Ungläubigen, zur Seligkeit erwählt seien, mit Hunnius, Polyk. Leyser und Salom. Geßner in so heftige und ärgerliche Streitigkeiten, daß ihm Stillschweigen geboten und er l 694 als Professor entlassen werden mußte. Im I. 1695 aus Kursachsen förmlich ausgewiesen, zog er nun, namentlich in Niedersachsen, von Ort zu Ort, um seinen Ansichten Eingang zu verschaffen, bis er zu Osterwiek, bei seinem Schwiegersöhne, am 25. März 1624 starb. Sein Glaubensbekennt- niß hatte er 1594 in Druck erscheinen lassen. Seine und seiner Gegner Streitschriften sind vergessen, dagegen hat sein „smti-Lellai-miuus" (6 Bde., Gosl. 1607 fg.), worin er die Lehre Luther's gegen den Katholicismus vertheidigte, bleibenden Werth. Seine Gegner ließen die ,,^cta Uuberirms" (2 Bde., Tüb. 1597 — 1613, 4.) erscheinen. Vgl. Jo. Andr. Schmidt, „Do 8sw. 8u1>eri vitu, tlltis et cloctrimi" (Helmst. 1 708, 4.). Huber (Therese), die Gattin von Ludw. Ferd. Huber (s.d.), geb. am 7.Mai 1764 in Göttingen, war die Tochter des berühmten Heyne (s.d.). Die Kränklichkeit ihrer Mutier und deren Gemüthsstimmung verkümmerten ihre Jugend und beraubten sie einer sorgfältigen Erziehung. Nach dem Tode der Mutter, als ihr Vater sich wieder verheirathete, kam sie in Pension und kehrte erst in ihrem 15. Jahre in das väterliche Haus zurück, wo sie in ihrer Stiefmutter eine liebevolle Freundin fand. Eingeführt in die Welt, behauptete sie eine Unabhängigkeit des Denkens und Betragens, die Viele misdeuten konnten, Wenige verstanden. In ihrem 20 . Jahre verheirathete sie sich mit Joh. Georg Förster (s. d.), c folgte ihm nach Polen und drei Jahre später nach Mainz. Verschiedenheiten in dem We- ! sin beider Gatten trübten ihr Vcrhältniß als Eheleute; ihre Freundschaft aber blieb un- / verbrüchlich bis zu Försters Tode. Als 1792 die Heere der sranz. Republik in Deutschland einbrachen und Förster im Interesse Frankreichs zu wirken begann, sendete er seine Gattin mit ihren beiden Kindern nach Strasburg, die von hier aus nach Neufchatel ging, M sie in dem Hause einer ihr befreundeten Familie Aufnahme fand. Förster, der sich als Deputirter des neuen franz. Rheindepartements nach Paris begeben hatte, sah sie und seine Kinder noch ein Mal am Schluffe des I. 1793 zu Motiers-TraverS an der franz. und chweiz. Grenze, und übergab sie seinem Freunde L. F. Huber, der bei dieser Zusammenkunft Mgen war und nach Forster's Tode im I. 1794 sich mit dessen Witwe verheirathete. avie ihr Mann, so mußte auch sie in jener Zeit allgemeinen Mangels etwas zu verdienen ^chen; sie sing an, gleich ihm, sich mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen, und anfangs der Drang äußerer Umstände veranlaßt hatte, das wurde bald Bedürsniß listigen Lebens. Doch kannte sie weder Grammatik noch Orthographie, und ihr er- 318 Hubertus Hübner (Joh.) ster Übersetzungsversuch mußte fast ganz von ihrem Gatten umgearbeitet werden. Der ge< lungene Schluß, welchen sieLouvet's Roman „vivorc-r Necessaire" hinzufügte, veranlaßt sic selbst als Schriftstellerin auszutreten; doch erschien Alles, was sie bis zu ihres Gatten ' Tode arbeitete, unter dessen Namen. Der Tod desselben im I. 1804 zerstörte ein fast ideo- lischcs häusliches Glück, welches wenige Monate vorher durch eine sichere, bürgerliche Stellung noch fester begründet worden war. Hierauf lebte sie bis 1814 bei ihrem Schwiegersohn, einem angesehenen Beamten in Baiern, wo sie zum Unterhalte der Ihrigen ihre literarischen Arbeiten fortsetzte, dann wendete sie sich nach Stuttgart, wo sie seit >81!) die Re- dactivn des „Morgenblatts" besorgte, und 1824 nach Augsburg, wo sie am 15. Juni >829 starb. Fortwährend und in jeder Lage der thätigsten Häuslichkeit ergeben, war sie ganz ei- gentlich eine Schriftstellerin für Frauen. „Forster's Briefwechsel" gab sie nebst Nachrichten von seinem Leben (2 Bde., Lpz. 1828—29) heraus. Ihre „Erzählungen" erschienen , nach ihrem Tode in einer von ihrem Sohne, Victor Aimc H., veranstalteten Sammlung (6 Bde., Lpz. > 830—33). Hubertus, der Heilige, Bischof zu Lüttich, aus einem erlauchten Geschlecht« Aquitaniens entsprossen, war anfangs Hofmeister des fränk. Königs Theoderich und vermählt mit der herrlichen Floribanc, welche ihm einen Sohn Floribcrt gebar, der in der Folge sein Nachfolger auf dem Bischofssiuhlc wurde. Aus Trauer über den Tod Floribane's und auf Zureden seines Freundes und Lehrers, des Bischofs Lamprecht von Mastricht, zöget sich in das Stift Stablo zurück. Als dieser letztere in Lüttich den Märtyrertod erlitten hatte, wurde H. zu seinem Nachfolger gewählt. In Lüttich errichtete er zu Ehren des heil. Lamprecht eine Kathedrale und starb 7 27. Biele Jahre später wurde sein Körper noch unversehrt gefunden und 327, nachdem H. heilig gesprochen worden war, in dem Bencdicti- nerklostcr Ardennc, welches seitdem den Namen St.-Hubert erhielt, beigesetzt. Zum Patron der Jäger wurde H. in Folge der Sage, daß er selbst früher ein leidenschaftlicher Jäger gewesen, einst aber, durch die Erscheinung eines Hirsches mit einem Kreuze zwischen goldenem Geweih gewarnt, sich einem beschaulichen Leben zugewendet habe. An seinem , Namenstage, 3. Nov., wurden, als zum Schlüsse der hohen Jagd, ehedem an Fürstenhö- . fen große Jagdseste veranstaltet. Auch wurden ihm zu Ehren im spätern Mittelalter mehrt Ritterorden, z. B. der bairische (l 444 durch den Herzog Gerhard V. von Jülich), der böhmische und der kurkölnische gestiftet. Hubertllsburg, ein königliches Jagdschloß nahe bei dem Dorfe Wermsdorf, in dem Kreisdirectionsbezirke Leipzig, wurde 1721 vom nachmaligen Könige und Kurfürst!» August lll. noch als Prinz mit großem Aufwande erbaut, 1718 von ihm erweitert und verschönert, im Siebenjährigen Kriege aber, gleichsam zur Sühne für die Verwüstung bei Schlosses Charlottenburg, durch die Preußen bis auf die katholische Kapelle größtenteils zerstört, nachher zwar wiederhergestellt, doch nicht in seiner frühern Pracht. Die dom 1774 angelegte königliche Steingutfabrik wurde 1834 mit dem Vorbehalte, daßdieselbt fortgeführt werde, verkauft. Hauptsächlich wird das Schloß gegenwärtig benutzt als Lon- desgefängniß zur Verbüßung längerer Gefängnißstrafen, als Landcshospital (seit I8ZS) für Personen beiderlei Geschlechts und als weibliches Arbeitshaus. Einen europ. Namen erlangte das Schloß, das schon früher in weiten Kreisen durch die daselbst abgehaltenen glänzenden Jagdfeste und Parforcejagden berühmt geworden war, durch den daselbst a« , 15. Febr. 1703 von Preußen, Ostreich und Sachsen Unterzeichneten sogenannten hubertu sburger Frieden, welcher den Siebenjährigen Krieg beendigte, nachdem zu Paris am 10. Febr. 1763 zwischen Großbritannien, Frankreich, Spanien und Portugal der Friede zu Stande gekommen war. Der Hubertusburger Friede befestigte die Stellung Preußens unter den ersten Mächten Europas. Die Kaiserin Königin Maria Theresia entsagte in demselben allen ihren Ansprüchen auf die in den Friedensschlüssen zu Breslau und Berlm 1742 an Preußen abgetretenen Provinzen, Schlesien und Glatz; Friedrich der Großego dem König von Polen und Kurfürsten von Sachsen sein Kurfürstenthum zurück; der dre. ner Friede von >745 wurde bestätigt und das Deutsche Reich namentlich in den hubertu burger Vertrag mit eingeschlossen. , Hübner (Joh.), ein verdienter Schulmann und Schriftsteller des I8.Jahrh., g j l r u l ß 8 st u b h s 8 d L r r k d u d L b st, g Z h S n dl st L di r C 3 ft Fl tu A S Hübner (And. Jul. Benno) Hübsch 319 ge. fiten ' ei- tel- >er- ite< )le- M ei< ich- nen f INI- ,ui. ihlt >lge und gek Neu )kil^ M- icti- ' Pi- chm ^ NW > H. ! ehre ^ si« csteil und zdei Heilerin selb« Lun- zzs) »neu lenen ber- §b >resd. -r!»-' zu Türchau unweit Zittau am 17. März >688, studirte in Leipzig, wo er sich auch habili- tirte, und wurde 166 4 Rector der Schule in Merseburg und 17 tl Rector an dem Johan- neum zu Hamburg, wo er am 31. Mär; >731 starb- Aus der Menge der Auflagen, weiche seine Schriften erlebten, läßt sich mit Recht auf das Bedürfniß derselben zu ihrer Zeit schließen. So erhielten z. B. seine „Kurzen Fragen aus der alten und neuen Geographie" (zuerst 1663) noch bei seinem Leben 36 Auflagen, abgesehen davon, daß sie in die meisten neuern Sprachen übersetzt wurden. Auch seine „Kurzen Fragen aus der politischen Historie", die „Ganze Historie der Reformation in fünfzig Reden", die „Genealogischen Tabellen" und die „Kurzen Fragen aus der Genealogie" ; ferner sein kleiner „Ltl-cs scdo- laztieus" und die mit Richey und Fabricius bearbeitete hamburgische „Likiliotlisca üisto- ric»" fanden vielen Beifall und große Verbreitung. Von seinen „Zweimal 52 auserlesenen biblischen Historien" (zuerst Lpz. >714) erschien die > »3. Auflage von Lindner (Lpz. >837), abgesehen von den Nachdrücken derselben. Das „Reale Staats-, Aeitungs- und Conversationslexikon" (3>.Aufl. von Rüder, Lpz. >824—27) ist gleich einigen andern Werken, welchen man zur Empfehlung seinen Namen vorgeseht hat, nicht von ihm verfaßt, sondern blos bevorwortet. H.'s zweckmäßige Erfindung, die Landkarten methodisch zu illu- miniren, wurde zuerst von Ho mann (s. d.) in Nürnberg seit >702 in Anwendung gebracht. — Sein Sohn, Joh.H., gest. als Advscat in Hamburg am 26. März >753, hat mehre Schriften des Vaters fortgesetzt und von neuem herausgegeben, z. B. das „Nuss,IM gKOArripiücum" (Hamb. >746), ein brauchbares Verzeichniß der besten Landkarten. Von seinen Werken sind zu erwähnen die „Libliotkecu geneulvjsscu" (Hamb. 1720) und die „Vollständige Geographie" (3 Bde., Hamb. > 7 30 und oft.). Hübner (Rud. Aul. Benno), einer der bedeutendsten jetzt lebenden Historienmaler Deutschlands, geb. zuOls in Schlesien >806, begann seine Kunststndien >82l in Berlin unter der Leitung W. Schadow's, welchem er >827 mit Hildebrandt, Lessing und Sohn nach Düsseldorf folgte. Schon im folgenden Jahre lieferte er sein Bild „Der Fischer", nach Goethe's Ballade, welches in Berlin durch die Lieblichkeit der Formen und des Ausdrucks das größte Aufsehen erregte. Während und nach einer Reise in Italien malte er „Boas und Ruth" und die berühmte Scene aus Ariosto „Roland, der die Prinzessin Jsabella aus der Räuberhöhle befreit", sowie die „Abreise der Naemi" (1833). Eine neue noch kräftigere Entwickelung bezeichnen sein „Simson", der die Säulen einreißt, und ein herrliches Altarblakt, „Christus und die Evangelisten" (>835), in dor Kirche zu Meseritz. Unter seinen spätem Bildern zeichnen sich besonders aus, „Das Liebespaar des Hohen Liedes", „Das goldene Zeitalter", „Christus an der Säule", „Die im Walde schlafenden Kinder und ihre Scbußengel" sowie eineNeihe trefflicher Bildnisse. Von der größten Süßigkeit undSchön- heit ist „Felicitas und der Schlaf", aus Tieck's Octavianus. H. ist ein Maler von großer Reinheit der Form und Schönheit der Farbe, obschon man seinen frühern Bildern allzugroße Verschwendung der Lasurfarben zum Vorwurf gemacht hat. Wenn auch hier und da größere Tiefe und Kraft der Farbe und mehr Energie des Ausdrucks zu wünschen wärm, so kann sich doch derBeschauer nie der harmonischen Wirkung des Ganzen, der Schönheit der Töne und der Lieblichkeit des Ausdrucks entziehen, der in H.'s Bildern herrscht. Hübsch (Heim.), Oberbaurath und Chef der Civilbaudirection in Karlsruhe, einer der namhaftesten unter den gegenwärtigen Architekten, geb. zu Weinheim an der Bergstraße >705, wurde nach vollendeten Vorstudien auf der Universität zu Heidelberg >815 Weinbrenncr's Schüler. In der Überzeugung, daß die Formen der antiken Baukunst für ^-gegenwärtigen Bauvcrhältnisse nicht mehr ausreichen, wendete er sich mit Vorliebe den Denkmalen der altdeutschen Architektur zu, auf deren Herrlichkeit damals die romantische Schule mit lautem Entzücken hinwies. Eine Reise nach Italien und Griechenland in den Z. 1817—>9 reifte seine Ansichten dahin, daß eine monumentale Architektur neu zu schafft» sei, welche wesentlich auf dem Rundbogenstil beruhen und Zweck ,und Constructivn in Form und Verzierung sichtbar darlegen müsse. Auch seine Schrift „Über griech. Architek- (Heidelb. 1822, 4.) und die mit Heger herausgegcbenen „Malerischen Ansichten von mhen", sowie ein Heft „Ornamente" waren Früchte dieser Reise. Nach einem eifrigen Studium der romanischen Bauten am Rhein und nach einer zweiten Reise nach Italien 320 Hücker Hudson (John) im I. 1822 wurde er >82-1 Lehrer der Architektur am Städel'schen Institut zu Frankfurt am Main. Hier arbeitete er seinen berühmten „Entwurf zu einem Theater mit eiserner Dachrüstung" (Heidelb. l 825, Fol., mit 6 Kpfrn.) und die „Pläne für die Kirche zu Barmen" (1825—29) und „Das Waisenhaus zu Frankfurt am Main" (1826—29). JmJ. 1827 kam er als Architekt und Bauinspector nach Karlsruhe, wo er nun seine Principieu in der Schrift „In welchem Stile sollen wir bauen?" (Karlsr. 1828) niederlegte. Nach seiner Theorie darfauch der romanische Stil für die Gegenwart keine bindende Norm, sondern nur gleichsam das Gewand sein, in welchem die architektonischen Bedürfnisse der gegenwärtigen Zeit austreten sollen. Der neuern Nachahmungen des gothischen Stils spottet er als einer ganz unzeitgemäßen Erscheinung. Seit seiner Versetzung nach Karlsruhe führte er eine ganze Reihe von Gebäuden in und außerhalb Baden im Nundbogenstil auf, der nun durch seine, Lassaulx's und Gärtner's Bemühungen die weiteste Verbreitung gewann Unter seinen bedeutendern Bauten nennen wir das Finanzkanzleigebäude und das Ma'd- chcnschulhaus in Karlsruhe (um 1836), die polytechnische Schule daselbst (1832—36), die Kirchen von Mühlhausen bei Pforzheim, Epfenbach, Zaisenhausen und Stahringen; die von Bulach bei Karlsruhe, eines seiner Hauptwerke, vollendet 1837; die von Bauschlott, Rottweil, Dürrheim, Waitzen u. s. w., sowie das großartig entworfene Museum zu Karlsruhe. Über mehre dieser Bauten berichtete er in seinen „Bauwerken" (Karlsr. 1838fg.). Hücker heißen gewisse drittehalb- oder anderthalbmastige Takelagen, d. h. sülche, deren hinterster Mast keine Quer- oder Raasegel führt. Sie sind in den pommerschen Häfen noch sehr gebräuchlich, anderwärts aber durch die Schooner meist verdrängt. Die sehr selten verkommenden Kreuzhucker sind einer Brigg ähnlich. Hudibras, ein satirisches Heldengedicht von Sam. Butler (s. d.). Hudson (Hendrik), ein durch seine wiederholten Versuche, eine nordöstliche Durchfahrt nach China und Japan zu entdecken, berühmter Seefahrer, unternahm seine erste des- fallstge Reise >697 in einem kleinen Fahrzeuge mit zehn Matrosen, mußte aber, nachdem er weit im Polarmeer vorgedrungen war, im September nach England zurückkehren. Auf einer zweiten Reise im I. 1608 kam er bis nach Novaja-Semlja. Eine dritte Reise unternahm er 1609 auf Kosten der holländ.-ostind. Compagnie von Amsterdam aus. Die Hoffnung aufgebend, eine nordöstliche Durchfahrt zu finden, segelte er nach der Davisstraße, kam aber an das amerikan. Festland unter -14" nördl. Br., und südwärts steuernd, fand er die Mündung des nach ihm benannten Hudsonflusses. Seine letzte Reise trat er im Apr. 1610 mit 23 Matrosen an und erreichte im Juni Grönland. Westlich steuernd, fand er die Meerstraße, die ebenfalls seinen Namen führt (Hudsonstraße), und gelang!! durch dieselbe an die Küste von Labrador, welcher er den Namen Neubritannien gab, und dann in die große Bai, die gleichfalls nach ihm genannt wird (s. Hudsons bai). Obschon er nur geringen Vorrath an Lebensmitteln hatte, so faßte er doch den Entschluß, in dies« öden Gegend zu überwintern, um im folgenden Frühlinge seine Entdeckungen weiter verfolgen zu können. Dieses geschah auch, bis sein Proviant so zusammengeschmolzen war, daß er zur Rückkehr sich genöthigt sah. Die unvorsichtige Äußerung in seiner bedrängten Lage, daß er einige seiner Leute werde zurücklassen müssen, brachte ihm de» Tod. Durch einen gewissen Green, dem er in London das Leben gerettet, angeregt, bemächtigten sich die Matrosen seiner bei Nacht, banden ihm die Hände auf den Rücken und gaben ihn so, nebst seinem Sohne und einigen Andern, die ihm anhingen, in seiner Schaluppe der Willkür der Wellen oder den Anfällen der Wilden preis. Sein Schicksal wurde durch Pricket, den Scbiffsschreiber und Mittheilnehmer des Complots, bekannt. Vergebens aber waren alle Nachsuchungen, welche die Engländer um H.'s willen durch Thom. Bulton anstellten. Hudson (John), engl. Philolog und Kritiker, geb. 1660 zu Wcdehop in der Grafschaft Cumberland, studirte zu Oxford und erhielt daselbst 1684 eine Professur. Jm3- 1701 wurde er Bibliothekar der Bodlejanischen Bibliothek und starb am 27. Nov. > > >9. Außer den Bearbeitungen mehrer griech. Schriftsteller, besonders des Thucydides, Dionysius von Halikarnaß und Longinus, hat er sich durch die Herausgabe dcr„66vgr»p ' ßraeci miuvreo" (4 Bde., Oxf. 1698—1712), des Josephus (2 Bde., Oxf. 1720 , Fol.) rt cr r- ! 3- m ch n< >e- !t- « »r > id- l), die ls> !)- de- fe» ,'el- ch. -s- em Lus t uii- > Ol! sis- cnd, egte und hon cser vcr- i rar, gten urch i die ! lebst der den alle !raf. m3- l0NY> s ni'bi §°l-) Hudson Lowe HudfonSbai 321 und des griech. Lexikons von „Morls", welches er anonym zum ersten Male bekannt machte (Oxf. >712), ein nicht unbedeutendes Verdienst um die alte Literatur erworben. Hudson Lowe (Sir), der Hüter Napoleon's auf Saint-Helena, gcb. 1770 in Irland, trat 1785 als Volontair in das 50. engl. Linieninfanterieregiment und wurde 1701 Lieutenant. Er wohnte der Expedition gegen Toulon und dem Feldzuge in Corstca bei, war beim Angriffe auf den Thurm Martello, bei Erstürmung der Convcntionredoute und der Belagerung von Basiia und Calvi, diente dann zwei Jahre in Portugal und eins in Minvrca. Unter Moore machte er den Feldzug in Ägypten mit, wurde dann Secretair der Ausgleichungscommission in Malta, erhielt 1800 das Majorspatent im Regiment corsi- scher Jäger und kam 1802 auf halben Sold. Im I. > 803 als Major zu activem Dienst berufen, wurde er von Lord Hobart mit geheimen Aufträgen nach Portugal und Sardinien geschickt; im nächsten Jahre completirte er das Regiment corstschcr Jäger, erhielt dabei Oberstlieutenant-srang und diente dann in Neapel unter Sir James Craig. Seit 1806 Commandant der Insel Capri, mußte er dieselbe nach tapferer Gegenwehr 1808 den Franzosen übergeben, worauf er zufolge der Kapitulation mit Waffen und Gepäck nach Sicilien zog. Beim Angriff auf Neapel führte er die erste Schlachtordnung; er wirkte mit zur Eroberung von Jschia, war bei der Besehung von Zante und Kephalonia und wurde auf letz- terer Insel Chef des provisorischen Gouvernements. ImI. 1812 zum Obersten ernannt, kam cr 1813 als engl. Commissar in Blücher's Hauptquartier, begleitete diesen 1814 nach Frankreich, wurde in demselben Jahre Generalmajor und 1815 Gouverneur auf Saint-Helena. Nach seiner Rückkehr erhielt er >821 das 95.Regiment, wurde 1823 Gouverneur der Bermudasinseln, 1830 Generallieutenant und 1842 Inhaber des 50. Linieninfanterieregiments. Er starb am >0. Jan. 1844. Als Napoleon'- Hüter überbot cr durch Härte und finstern Argwohn die zur sichern Aufbewahrung des gefürchteten Gefangenen ihm von seiner Negierung gegebenen strengen Instructionen, wodurch er dessen Kittern Haß aus sich und die engl. Regierung lenkte. Alles, was er früher Rühmliches geleistet, durch die Be- bandlung Napoleon's vergessen machend, wird er nur als dessen Kerkermeister bei derNach- nelt in trauriger Berühmtheit fortleben. Hudsonsbai, ein 1 4000 UlM. großer Meerbusen, zwischen Eastmain (dem Ostlande von Labrador), Canada, Neuwales und den nordamerikan. Polarländern, 250 Seemeilen lang, 200 breit und gegen die Mitte 140 Klaftern tief, hängt im Osten durch die Hudsonsstraße mit dem Ocean zusammen; im Norden einen offenen Durchgang zu finden, den man vermuthet, ist noch nicht gelungen. Sie hat mehre große Buchten, südlich die Jamesbai, nördlich die Bultonsbai und westlich die Chesterfieldbai, und ist voll von Sandbänken, Klippen und Inseln. Nur etwa vier Monate im Jahre kann sie beschifft werden; die übrige Zeit ist sie von Treibeis angefüllt. Entdeckt wurde sie von dem Dänen Ansköld; den Namen erhielt sie nach Hendrik Hudson (s.d.); weitere Entdeckungen machten in diesen arktischen Gegenden Thom. Bulton, Nob- Bylot, Thom. James, Parry u. A. Hudsonsbailänder oder Neubritannien nennen die Engländer alles nördlich und westlich von Canada gelegene Land, dessen Besih ihnen im Frieden zu Utrecht zugesprochen wurde, und das sie in Labrador (s. d.), Neusüdwales (s.d.), Ncunordwales (s. d.) und die Binnenländer einthcilen. Das Klima in den Hudsonsbailändern ist außerordentlich rauh. Weingeist, der freien Luft ausgeseßt, gestiert in wenig Stunden zu festem Eis. Sogar in beständig Ssheizten Zimmern, in Kellern, die zehn Fuß tief sind, friert der Porter in ganzen Oxhoften bis auf einige Maß ein. Die Luft ist dann so voll Eistheilchen, daß man nicht darin aus- dauern kann. Außerordentlich sind die Anstalten, welche man treffen muß, um sich vor dem Froste, selbst in geheizten Zimmern, zu schützen. Sogar mitten im Sommer, wo die Hitze vst auf 25" R. steigt, thaut doch die Erde kaum drei bis vier Fuß tief auf. Der Boden der östlichen Küsten ist durchaus unfruchtbar und felsig. Auch auf der Westküste, in den nördlichen Gegenden, finden sich außer Wachholdcr, Fichten und Pappeln kaum andere Bäume, ^ noch dazu ganz verkrüppelt sind. Etwas südlicher, nach der Jamcsbai zu, wird das Klima milder, sodaß man Kartoffeln, rothe Rüben, ja sogar Mais bauen kann. Außer einigen Beeren gibt eS wenig Früchte, die wild wachsen. Die einzigen Handelsgegenstände C«n»..Lex. Neunte Aufl. VII. 21 322 Hue Hnerta sind das vortreffliche Pelzwerk und die Häute der einheimischen Säugethiere, wie Elciin, ^ Bären, Fischottern, Hermeline, Biber, Bisons u.s.w. Unter den Küstenvölkern unterschki- det man die südlichen, die nördlichen Indianer und die Eskimos. Die erstem treiben vor- § zugsweise Jagd und Pelzhandel, sind aber durch den übermäßigen Genuß des Bräunt- weins gänzlich verdorben. Die nördlichen Indianer treiben zwar ebenfalls Jagd, doch mit weit weniger Gewandtheit als ihre südlichen Nachbarn, von denen sie sich vorzüglich dadurch unterscheiden, daß sie keine geistigen Getränke lieben. Ihre Weiber halten sie in vollkommener Sklaverei und lassen sich sogar im Winter von ihnen auf den Schlitten fahren. Dir Eskimos bewohnen die nördlichen Küsten der Bai. Die Handelsvortheile, welche man sich von den Hudsonsbailändern versprach, veranlaßten unter der Negierung Karl's ll. die Errichtung der Hudsonsbaigesellschaft, die hier einige sogenannte Forts oderHaud- lungscomtoirs für den Pelzhandel begründet hat, welche die einzigen europ. Niederlassun- ^ gcu in diesem Ungeheuern Landstriche sind. Hue oder Hue-fu, in Cochin-China, die Hauptstadt des Reichs An am (s. d.) in Hinderindien, an der Mündung des Hue, ist die stärkste Festung Asiens. Der die Stadt umgebende 100 F. breite Graben hat einen Umfang von drei Stunden, und auf.den 60 F. hohen Wällen stehen 1200 Geschütze. In der viereckigen regelmäßigen Citadelle befinde,i sich der kaiserliche Palast, ein Zeughaus, treffliche Magazine und Kasernen. Die Stadt, ! deren Einwohnerzahl von 30000— l 00000 angegeben wird und die nach Art der indischen Städte meist nur aus leichten Bambushäusern besteht, wurde 1787 den Franzosen abgetreten, aber niemals von ihnen in Besitz genommen. Sie ist von einem schiffbaren Kanal durchschnitten, an dem sich ansehnliche Werste mit einem Arsenal und Magazine erheben, und in ihrem Hafen liegt ein Theil der anamschcn Flotte. Obschon gegen früher sehr hei- abgekommen, ist sie doch noch immer wegen des Handels von Bedeutung. Huchuetlapallan hieß nach neuern Untersuchungen die möglicherweise von Phöniziern oder Karthagern gegründete Urstadt in der mexican. Provinz Guatemala, drei Stunden von der Stadt Palenque. Die Trümmer derselben, welche die Höhen und den Abhang - einer Hügelkette in den Urwäldern am Flusse Mikol bedecken, fand zuerst 1822 der Engländer Will. Bullock auf. Vgl. Berthoud, „H., Amerikas große Urstadt in Guatemala" (Meining. 1823, Fol., mit 17 Taf.), und Minutoli, „Beschreibung einer alten Stadt in Guatemala" (Berl. 1832, Fol., nebst Atlas). Huerta (Vicente Garcia de la), span. Dichter und Kritiker aus der Mitte des >8. Jahrh., geb zu Zafra, studirte zu Salamanca, als ein hochgestellter Gönner ihn nach Madrid berief, wo er sich bald durch sein poetisches Talent einen Namen machte. Wahrscheinlich Neid und sein eitler, hochfahrender Charakter gaben Veranlassung, daß er wegen seiner Tragödie „Laquel" nach Oran verbannt wurde. Das Gefühl seiner Unschuld und sein edler Stolz erhielten ihn aufrecht in diesem Unglück. Trotz seiner Unbeugsamkeit wurde er nach Madrid zurückgerufen und zum Oberbeamten der königlichen Biblidthek ernannt, bald auch Mitglied der königlich span. Akademie, sowie der königlichen Akademien der Geschichte und von San-Fernando. Auch in der literarischen Welt zogen ihm sein Eifer und Stolz eine Menge von Gegnern zu. Er trat als der Verfechter des altspan. Nationalgc- schmacks gegen die Einführer des franz. Classicismus in Spanien zu einer Zeit auf, als letzterer gerade in seiner höchsten Blüte stand; doch leider verfocht er die gute Sache mit ' mehr Eifer als Geschmack und mit weniger Takt als Patriotismus. Zum Theil durch seine Hartnäckigkeit, Maß- und Taktlosigkeit hat er es selbst verschuldet, daß seine richtigen Ansichten nicht durchdrangen, und daß selbst seine löbliche Absicht, sein Patriotismus und seine Talente von seinen Zeitgenossen verkannt wurden. Die unparteiische Nachwelt aber weist ihm eine Stelle in der Geschichte der span. Nationalliteratur an. Er starb zu Madrid am 12. März 1787. Im Druck erschienen von ihm, abgesehen von kleinern kritischen Abhandlungen, die „Llblintecu Militär e8j>anoIa" (Madr. 1760); „Obras poeticns" (2 Bde., ^ Madr. 1778—79) und „Deatro espaüvl" (17 Bde., Madr. 1785—86). Er hat sich als Dichter im Lyrischen und Dramatischen versucht und in allen seinen Poesien als ein bedeutendes Talent, besonders in Rücksicht auf Sprache und Versbau, gezeigt; seine Tragödie „Nuyuvl", welche die Liebe des Königs Alfons' Vlll. zu der schönen Jüdin Ratzel und )ie >gi>- und Huet Hnfeland (Christoph Wilh.) 323 deren tragische Katastrophe zum Gegenstände hat, wurde zur Zeit ihrer ersten Aufführung (1778) mit Enthusiasmus ausgenommen und gilt noch als eine der besten unter den neuern Tragödien der Spanier. Dadurch sowol als durch sein ,,'Deatro esp-mnl", eine Auswahl aus den altern Dramatikern im Nationalgeschmack, suchte er praktisch zu beweisen, daß sich dieser mit den Anfoderungen der sogenannten classtscbcn Regelmäßigkeit versöhnen lasse, während er in den kritischen Abhandlungen als der entschiedenste Feind der Gallicisten auftrat. Auch bearbeitete er für die span. Bühne die „Elektra" des Sophokles unter dem Titel „Vgamemno» vemgodo", und selbst die „/.eure" von Voltaire, und wenn ihm darin der Versuch, die romantisch-nationalen Formen mit den classisch-französischen zu verschmelzen, nicht ganz gelang, so bleibt doch jedenfalls neben der technischen Meisterschaft, die er hierin bekundet, seine patriotische Gesinnung ehrenwerth. Huet (Pierre Dan.), lat. IDiotius, ein ausgezeichneter und sehr vielseitig gebildeter stanz. Gelehrter und Dichter, geb. zu Cacn am 8. Febr. 1636, erhielt seine Bildung durch dieJcsuiten und begleitete 1652 Bochart an den Hof der Königin Christine von Schweden. Als dieselbe der Negierung entsagte, sollte ihr H. nach Nom folgen, was er aber ablehnte. Ebenso schlug er I«»» das Anerbieten aus, die Erziehung des minderjährigen Karl's XI., Königs von Schweden, zu übernehmen. Dagegen wurde er mit Bossuet (s. d.) am Hofe Ludwig's XIV. Lehrer des Dauphin, für den er mit Bossuet die Ausgaben der alten Klassiker in »snm velpkini (s. Dauphin) besorgte. Nachdem er >676 die geistlichen Weihen empfangen, erhielt er 1678 die Abtei Aunay und 1685 das Bisthum Soissons, welches er nachher gegen das von Avranches vertauschte. Da er aber durch seine bischöflichen Amtspflichten zu sehr in seinen Studien sich behindert sah, gab er 1699 sein Bisthum auf und erhielt dafür die Abtei Fontenay bei Caen. Um ganz seinen Studien leben zu können, zog er sich später in das Profeßhaus der Jesuiten zu Paris zurück, dem er bereits 1692 seine Bibliothek vermacht hatte. Hier starb er am 21 . Jan. 1721. Mitglied der Akademie war er 1673 geworden. H. stand wegen seines Charakters wie als Gelehrter in allgemeiner Achtung. Um die Hermeneutik und Geschichte der Literatur machte er sich durch die Schriften „Do optima genere interpretarxl'i et de claris iiiterpretidns" (Par. 1661, 3.) und ,8m l'origine de- ramans" (Par. 1676; neue Ausg.vonDescssarts, 1799) verdient. In seiner „Demonstratio evangelica" (Par. 1679, Fol.), der „O'ensnra pIlilosopI,iae (larte- sianae" (Par. 1689, 12.), den „VInetanas cjuuestiones de concoMliu rationis et lidei" (Caen 1696, 3.), dem ,/1'ruite pliilosoplü«;»« de In tuiblesse de I'esprit Iiumain" (Par. 1723) und den „Ulemoires pnur servir ü I'Ilistoire du Varte.-Üaoisme" (Par. 1692 ; neue Ausg., 1698 und Par. 1711) bekämpfte er die Philosophie, besonders die Cartesianische, welcher er vorher eifrig zugethan gewesen, als supernaturalistischcr Skeptiker, mit dem Bestreben, die Protestanten zur katholischen Kirche zurückzuführen. Als seine Gegner traten besonders Silv. Negis und Ant. Muratori auf. Außerdem gab H. „Orminn lat. et graec." (Utr. 1663), „llistoire du commerce et de la Navigation des auciens" (Par. >6; neue Ausg., Lyon 1763) und vieles Andere heraus. Seine „Dissertation» snr diverses matieres de religion et de pliilosopliie" wurden von Tilladet (2 Bde., Par. 1712) herausgegeben, und seine philosophischen und literarischen Bemerkungen sammelte Oliver in den „Dnetiana" (Par. >722). Sein Leben beschrieb er selbst in den „(lominentsrii de rebns ad e»m pertinentibus" (Amst. >718). Hilfe ist ein altes Wort, welches ursprünglich eingefriedigtes Ackerland bedeutet, das Jemandem zur Cultur überwiesen wurde. In der Regel rechnete man auf eine Hufe 36 Acker. Später wurde die Hufe zu einem Feldmaß von bestimmter Größe, aber sehr verschiedenem Gehalt in den verschiedenen Ländern > doch sind die Hufen von 30 Acker noch gegenwärtig die gewöhnlichsten. Hufeland (Christoph Wilh.), einer der ausgezeichnetsten Ärzte der neuern Zeit, geb. am 12. Aug. >762 zu Langensalza in Thüringen, wurde in Weimar, wohin sein Vater als Leibarzt der Herzogin Amalie berufen worden war, durch Privatunterricht für die akademischen Studien vorbereitet, die er nach freier Wahl und dem Beispiele seines Vaters und Großvaters, der gleichfalls Weimar. Leibarzt gewesen war, der Heilkunde sich widmend, 21 * 324 Hufeland (Gottlieb) 178V in Jena begann und von l78> an in Eöttingen fortsetzte/ wo er 1783 die medicim- ! sche Doctorwürde erhielt. Hierauf begab er sich nach Weimar, um seinen erblindeten Ba- ter zu unterstützen, und lebte hier, bis ihm 1793 eine ordentliche Professur der Medici» i» Jena mit dem Titel eines Weimar. Leibarztes und Hofraths übertragen wurde. Nachdem er hier verschiedene Rufe nach Leipzig, Kiel, Pavia und Petersburg abgelehnt hatte, ging er >798 als Director des OIIegi»>n meciwilm, Borstand derOberexaminationscommissio», königlicher Leibarzt, erster Arzt am Charitekrankenhause und Mitglied der Akademie der Wissenschaften mit dem Titel eines Geh. Raths nach Berlin, wo er bei der Gründung der Universität >809 die Professur der speciellen Pathologie und Therapie übernahm, I8l» als Staatsrakh in die Medicinalsection des Ministeriums eintrat und am 25. Aug. >836 starb, nachdem er drei Jahre vorher bei dem 5V. Jahrestage seiner Doctorpromotivn von allen Seiten die lebhafteste und dankbarste Anerkennung gefunden hatte. H. gehört u»- l streitig zu den schönsten und edelsten Erscheinungen, sowol als Arzt wie als Mensch. Seine wissenschaftliche Thätigkeit erstreckte sich fast über alle Theile der Heilkunde; als praktischer Arzt wie als Lehrer und Schriftsteller stand er im ehrenvollsten Ansehen. Seme hohe allgemeine Bildung, seine erschöpfende Kenntniß des Gesammtwesens der Medici» mit allen ihren Gestaltungen, Systemen und Entdeckungen der altern wie der neuern Zeit, sein tiefer Blick in die Natur, verbunden mit einer geistreichen Auffassung und einem scharfen, treffenden Urtheile, leitete» ihn bei Behandlung der Kranken, bei seinem Unterrichte und bei Abfassung seiner Schriften, von denen viele die tiefsten Wahrheiten enthalten, dabei aber auch Nichtärzten eine lehrreiche, ja selbst angenehme und unterhaltende Lectüre gewähren- Vor Allen ist hier zu nennen seine „Makrobiotik, oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern" (Jena >796; 6. Ausl., Berl. 18-12), die fast in alle europ. Sprachen, namentlich auch ins Serbische, Ungarische und Hebräische überseht wurde. Von seinen übrigen Schriften heben wir noch aus: „Über dieÜngewißhcit des Todes" (Halle>7S>; neue Aust., >821); „Vollständige Darstellung der Kräfte und des Gebrauchs dersalzsa»- ren Schwererde" (Berl. >791); „Über dieNatur, Erkenntnißmittcl und Heilart derSkro- ' felkrankheit" (Jena >795; 3. Aust., Berl. >8>9); „Guter Rath an Mütter über die wichtigsten Punkte der physischen Erziehung der Kinder in den ersten Jahren" (Berl. >799; 1. Aust., >836); „Geschichte der Gesundheit" (Verl. 1812; 3. Aust-, I8lti); „Praktische Übersicht der vorzüglichsten Heilquellen Deutschlands" (Berl. 1815; 1. Aufl. von Osann, 1810) und „bineliiriclion meclioii», oder Anleitung zur mcdicinischen Prarik, Aermächtniß einer 50jährigen Erfahrung" (Berl. 1836; 6. Aust., 1812). Ein Theil seiner weniger umfangsreichcn Schriften und Journalaufsaße findet sich gesammelt in seinen „Kleinern medicinischen Schriften" (1 Bde., Berl. 1822—28) und in einer neuer» Auswahl unter demselben Titel (Bd. i, Berl. l 831). Außerdem verdankt ihm das noch bestehende „Journal der praktischen Heilkunde" seine Begründung im I. >795 undseim Bedeutung. Seine Verdienste um das Medicinalwescn anlangend, erinnern wir an die Leichenhäuscr, von denen das erste in Weimar unter seiner speciellen Aufsicht errichtet wurde, und an die Schuhpockcnimpfung, zu deren Verbreitung er cifrigst mitwirkte. Sei»! Menschenfreundlichkeit offenbarte sich durch dke Vereine zum Besten der damals ihre Fesseln zerbrechenden Griechen, zur Unterstützung nothleidender Ärzte und der Witwen von Ärzten, die er nicht nur ins Leben rief, sondern auch selbst reichlich ausstattcte. Alle, die ihm f näher standen, rühmen seinen wahren Seelenadel, seine stete Heiterkeit und Ruhe, seine gewissenhafte Uneigennätzigkeit und sein zartfühlendes, für alles Edle und Schöne empfang' liches, poetisches Gemüth. Hufeland (Gottlieb), einer der ausgezeichnetsten unter den philosophisch gebildeten Rechtsgelehrten der neuern Zeit, geb. zu Danzig azn >9. Oct. > 760 , besuchte das akademische Gymnasium seiner Vaterstadt und studirte seit >780 zu Leipzig und gleichzeitig nnk Hugo seit >783 in GLttingen, nachdem er zuvor mit einem begüterten Landsmanne Deutschland, die Niederlande, Frankreich und die Schweiz bereist hatte. In Jena, wo er >785 du juristische Doctorwürde erlangte und >786 sich habilitirte, wurde er >788 außerordentlicher und >793 ordentlicher Professor. Seine Vorlesungen über Naturrecht, Rechtsgo schichte, deutsches Recht fanden außerordentlichen Beifall, wie denn auch sein „Versuch über 325 Huffcll Hüfte den Grundsatz des Naturrcchts" (Lpz. >755) von Kant in der „Allgemeinen Literaturzci- tung" sehr beifällig rcccnsirt wurde. Als Lader, Paulus, Schütz, Ersch u. A. Jena verließen, ging auch H. 1803 als Professor nach der damals von Baicrn rcgcncrirtcn Universität ;u,Würzburg; als aber das Bisthum Würzburg nach dem prcsburgcr Frieden von Baicrn an den Großherzog Ferdinand von Toscana abgetreten wurde, folgte er einem Rufe nach Landshut. Im I. 1808 ließ er sich bewegen, als Präsident und erster Bürgermeister nach seiner Vatcrstand Danzig zurückzukchren, welche damals in Folge des tilsiicr Friedens wieder zur Unabhängigkeit gelangt war, doch gab er diese Stelle >812 wieder auf und ging nach Landshut zurück. Im I. 1816 folgte er einem Rufe als Professor der Rechte nach Halle, wo er aber schon am25. Febr. >8 >7 starb. Seine vorzüglichsten Schriften sind: „Lehrbuch des Naturrcchts" (Jena >700, 2. Aust., 1795); „Institutionen des gcsammtcn positiven Rechts" (Jena >798; 2. Aufl., 1803); „Abriß der Wissen- schaftskundc und Methodologie der Rechtsgelchrsamkeit" (Jena 1797); das unvollendete „Lehrbuch der Geschichte und Encyklopädie aller in Deutschland geltenden positiven Rechte" (Abth. >,Jena 1796); „Lehrbuch des in den deutschen Ländern geltenden gemeinen und subsidiarischen Rechts" (2 Bde., Gieß. 1806—13); „Über den eigenthümlichen Geist des röm. Rechts" (2 Bde., Gieß. 1815—17); „Einleitung in die Wissenschaft des deutschen Privatrcchts" (Jena 1796); „Die Lehre vom Gelbe und Geldumläufe" (Jena 1798; neue Aufl., Gieß. 1820) und „Handbuch der Staalswirthschaftskunst" (2 Bde., Gieß. 1 8"7—13; 2. Aufl., 1820). MitErsch (s. d.) hatte er sich zur Herausgabe der „Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste" verbunden; an seine Stelle trat dann Gruber (s. d.). Hüffell (Joh. Heinr. Ludw.), großherzoglich bad. Prälat, Ministerial- und Kirchcn- rath zu Karlsruhe, geb. am 6. Mai 1783 zu Gladenbach im Großherzogthum Hessen, erhielt durch seinen Vater, der Prediger war, die erste Vorbildung und besuchte dann das Pädagogium zu Marburg. Ebendaselbst studirte er Philologie und erst später in Gießen wendete er sich der Theologie zu. Im I. 1806 wurde er seinem Vater als Amtsgehülfe beigegebcn. Nach dem Tode desselben kam er 1817 als Pfarrer nach Friedberg. Hier war er literarisch sehr thätig und gab zwei Sammlungen seiner „Predigten" (Gieß. 1817^ 21), seine „Schule der Geistlichen" (Gieß. 1818), worin er für eine zweckmäßigere Erziehung derselben Vorschläge that, das Buch „Der Staat, die Kirche unddie Volksschule in ihrer innern und äußern Einheit" (Darmst. 1823) und sein Werk „Über das Wesen und den Beruf des evangelischen Geistlichen" (Gieß. 1822—23; 3. Aufl., 1833) heraus, worauf er 1825 als Professor am theologischen Seminar und zugleich als Dekan und erster Prediger nach Herborn berufen und in Gießen zum Doctor der Theologie ernannt wurde. Drei Jahre darauf folgte er einem Rufe als Ministerial- und Kirchenrath nach Karlsruhe und wurde hier 1829 vom Großherzog zum Prälaten ernannt. Er wirkte in Baden für die Reorganisation des Schulwesens, hatte Theil an der Bearbeitung der neuen Agende und des Landeskatechismus, sowie an der Gcneralsynode im I. 1833, und war auch als Mitglied der ersten Kammer bei den Landtagen vielfach thätig. Von seinen Schriften erwähnen wir noch: „Deö Lebens Weihe" (Gieß. 1826), ein Erbauungsbuch; „Über die Errichtung praktischer Institute zur Ausbildung angehender Geistlichen" (Karlsr. 1831); „Briefe über die Unsterblichkeit" (Karlsr. 1832); „Die Unsterblichkeit aufs neue beleuchtet" (Karlsr. 1836; 2. Aufl., 1832); vier Sammlungen „Predigten zu Karlsruhe gehalten" (Karlsr. 1830—39). Als Theolog und Prediger erkennt er auf gleiche Weise dem Verstände wie dem Herzen sein Recht zu, und macht das richtige Verständniß der christlichen Lehre und Verheißung von der Bewährung im Leben abhängig. -Hüfte (coxs) nennt man den Inbegriff der Theile, welche das Hüftgelenk, die Verbindung des Oberschenkels mit dem Rumpfe, zusammcnsctzcn und umgeben, und bezeichnet daher mit diesem Namen äußerlich den Theil auf beiden Seiten des Körpers, welcher sich von dem obern Rande des Hü ftkno che ns (s. Becken) bis dahin erstreckt, wo sich der Oberschenkel vom Rumpfe abscheidet. In der Anatomie heißt dieser Theil die Hüftgegend (regio coxae s. iukractiacu). Hüftweh (iscüias oder isckisgra) ist ein pathologisch noch nicht genau bestimmter Begriff, unter welchem man eine Krankheit ver- 326 Hug Hügel (Karl Alex. Anselm) l sieht, die sich hauptsächlich durch Schmerz bei der Bewegung des Hüftgelenks offenbart, aber übrigens von dem freiwilligen Hinken (s. d.), den Vereiterungen, Absccffen, Geschwülsten des Hüftgelenks u. s. w. sich durch manche Symptome unterscheidet und oft nur - in einer krankhaften Affcction des H ü ft n e r v e n (»orv.m isclnsllicus) ihren Grund hat Hllg (Joh. Leonhard), Domherr und Professor der katholischen Theologie an der Universität zu Frcibnrg, ein durch Gelehrsamkeit und kritischen Scharfsinn ausgezeichneter Theolog, geb. zu Konstanz am l.Juni >763, bildete sich thcils auf dem Gymnasium und Lyccuni daselbst, thcils auf der Universität zu Freiburg, thcils auf Reisen ans, die ihn nach Wien, Paris, Nom und Neapel führten. Im I. 1789 zum Priester geweiht, übte er eine Zeit lang die praktische Seelsorge, wurde jedoch schon >791 als Professor dir Theologie nach Freiburg berufen, und hat seitdem in dieser Stellung sowie als einflußreiches Mitglied des Domcapitels ununterbrochen gewirkt. Die Schrift, der er zumeist seinen Rnf ^ verdankt, ist die in das Englische und Französische übersetzte „Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments" (2 Bde., Stuttg. 1808; 3. Ausl., >820), in der er mit einem bc- wundernswerthen Scharfsinn die Resultate der Kritik zu bekämpfen und viele längst veraltete Annahmen zu stützen versucht hat. Außerdem erwähnen wir von seinen Schriften „Die Erfindung der Buchstabenschrift, ihr Zustand und frühester Gebrauch im Altcrthumc" (Ulm I80l); die „Untersuchungen über den Mythus der berühmtesten Völker der alten ^ Welt" (Freib. >812); die Schrift „Über die äginetischen Tafeln" (Frcib. 1835); seinen pseudonym erschienenen „Katechismus" (Frcib. 1836) und sein „Gutachten über das Leben Zesu von D. F. Strauß" (2 Bde-, Freib. 1830—33). Hügel (Ernst Eugen, Freiherr von), Gcnerallieutenant, Geh. Rath und Comman- dant des würtemberg. Armcccorps, auch lebenslängliches Mitglied der Kammer derStan- deshcrren, früher Kricgsministcr, geb. zu Ludwigsburg am 26. März 1773, ist der Sehn des würtemberg. Generalfeldzeugmcisters Freiherr» von H., dessen edler Humanität Schubart in seinen „Gedichten aus dem Kerker" ein ehrendes Denkmal gesetzt hat. Von früher Jugend an zum Militairstande bestimmt, trat er 1785 als Fahnenjunker ei» und , nahm als solcher und später als Lieutenant an dem Unterrichte in der Karlsschule Theil. Er machte die Feldzüge von 1792—1800 mit, wurde 1793 Oberlicutenant, I 800 Hauxt- mann und 1806 Major. Während des Feldzugs von 1806 auf 1807 war er als Militair- commissar in das franz. Hauptquartier connnandirt und wohnte den Schlachten von Pnl- tusk, Wilkenberg, Eylau, Gutstadt, Heilsbcrg und Friedland bei. Im I. 1807 wurde er innerhalb sechs Monaten Obcrstlicutenant, Oberst und Gcneralquartiermeistcrlicutenant. Bei dem Ausbruche des Kriegs von 1809 wurde er von neuem in das Hauptquartier Na- poleon's gesendet, wohnte den Schlachten von Abensbcrg, Landshut, Eckmühl, Aspern und Wagram bei und kehrte als Generalmajor zurück. Noch gegen Ende desselben Jahres erfolgte seine Ernennung zum Brigadier der Linicninfanterie. Den Feldzug von 1 812 machte er als Brigadier mit. An den Schlachten von Smolensk und MosaiSk hatte er rühmlichen Antheil. Auf dem Rückzuge aus Rußland beim Übergange über die Bcreszina fast erliegend, sah er sich, nachdem er doch noch glücklich die Heimat erreicht hatte, genöthigt, wegen seiner geschwächten Gesundheit im Aug. 1813 seine Entlassung zu nehmen. J»> Kriege von >815 trat er wieder in Activität, wurde in das Hauptquartier Wellington s commandirt, machte die Schlacht bei Waterloo mit und fungirte dann während der Frie- . densunterhandlungen als würtemberg. Gesandter bei den verbündeten Monarchen in Pa- ' ris. Nach seiner Rückkehr wurde er 1816 Generallieutenant und Vicepräsident dcs äiricgs- departements und nach dem Regierungsantritte des Königs Wilhelm 1817 Präsident des ! Kriegsministeriums. Als solcher hatte er einen wesentlichen Antheil an der neuen Tr- ^ ganisation des würtemberg. Armeecorps. Im I. 1820 wurde er vom Könige zum Mit- I glied der Kammer der Standcsherren erwählt. Nachdem er 1829 das Kriegsministerium übernommen hatte, ließ er sich besonders die Bearbeitung des administrativen Thcils der I Kriegsdienstordnung sehr angelegen sein. Auf sein Anstichen wurde er im Sept. 1832 seines Ministeriums enthoben und in Ruhestand versetzt. Hügel (Karl Alex. Anselm, Reichsfteiherr von), ein berührüter Rasender, wurde am25. Apr. 1796 zu Negensburg geboren, wo sein Vater, Aloys, Neichsfreihcrr vc w er da im nu un bei rci zu. Ta ral er, fcr Ja ge, un sel B. stü ler lie lo> de nc H va ge er. he D ge di. Li! sei D B de sich P in m V da ar W tie in! kn > wi üb in in 327 Hügel (Karl Alex. Anselm) von H., der 1826 als Geh. Rath starb, damals kaiserlicher Commissarius am Reichstage war. Noch als Knabe begleitete er seinen Vater nach Rom und Neapel, folgte diesem, als er nach dem Frieden im I. 1869 nach Frankfurt am Main versetzt worden war, begann daselbst seine vorbereitenden Studien und bezog im I. >811 die Universität zu Heidelberg, um sich den Rechten zu widmen. In östr. Kriegsdienste getreten, zog er l 814 als Haupt- mann in dem Infanterieregiment Erzherzog Ludwig mit den Verbündeten in Paris ein und wurde hierauf der Mission attachirt, welche den König von Norwegen zum Abdanken bewegen sollte, was ihm Gelegcichcit gab, Dänemark, Schweden und Norwegen zu durchreisen. Später zu dem fünften Husarcnrcgimcnte versetzt, führte ihn der Krieg von 1815 zuerst nach Süditalien, dann nach Südfrankreich, wo er Platzcommandant von Arles und Tarascon wurde. Im 1.1826 wieder in dem Hauptquartiere des commandircndcn Generals Frimont angestellt, machte er im folgenden Jahre den Feldzug gegen Neapel mit, wo er, der dortigen östr. Gesandtschaft attachirt, bis zum I. >824 blieb. Bei der damals sehr fernen Aussicht auf einen Krieg, verließ er die Militairdienste und brachte die nächsten sechs Jahre theils in Wien, theils in seinem Garten zu Hietzing zu, nur seinen Lieblingsnciguu- gen, dem Studium der Naturwissenschaften und der Horticultur, lebend. Im I. 1836 unternahm er abermals eine Reise nach Frankreich und England und machte während derselben den Plan zu einer großen Reise in fremde Wcltthcile, den er, durch ein bedeutendes Vermögen, einen im Kriege und auf Reisen abgehärteten Körper und Jugendkrast unterstützt, mit glücklichem Erfolge ausführtc. In Begleitung eines Arztes, Wundarztes, Ma- lers und Naturforschers und mit einer reichen wissenschaftlichen Ausrüstung versehe», verließ er am 2. Mai 1831 am Bord des franz. Kriegsschiffs D'Affas die Rhede von Toulon und landete, nach einem kurzen Aufenthalt in Griechenland und Kreta, Ende Juni in dem alten Hafen Alexandriens. Hier miethetc er ein engl. Kauffahrteischiff, welches ihn nach Cypern brachte. Von Latakieh aus reiste er über Antiochien, Suedieh, Tortosa nach Hoins in der Wüste, um Palmyra zu besuchen. Allein die Rückkehr der jährlichen Kara- vanc mit den Pilgern von Mekka, die, wie immer, die raublustigen Beduinen in diese Gegenden gelockt hatte, machte es ihm unmöglich, dieses Vorhaben sogleich auszuführen. Er erwartete daher in Homs das Eintreffen der Karavane, die einen grauenhaften Eindruck hervorbrachtc; die Cholera wütheke unter ihr seit der Abreise von Mekka, und kaum ein Drittheil der von Homs ausgezogcnen Pilger kehrte zurück, ein Umstand, der einen weniger muthigcn Reisenden abgeschrcckt haben würde. Dennoch setzte H. seine Ausflüge in die Umgegend fort; er besuchte die Ruinen Baalbeks, überstieg den höchsten Kamm des Libanon und verfolgte seinen Weg durch das reizende Thal Bcscharräs, wo auch ihn und seinen Diener die Krankheit überfiel. Mit der größten Mühe erreichten sie Tripolis; der Diener starb, H. genas zwar, doch sehr langsam. Erst nach drei Wochen schiffte er sich in Beirut ein, wurde jedoch hier von einem Rückfall ergriffen, der ihn 14 Tage aufhielt. Trotz der äußersten Erschöpfung dachte er nicht an die Rückkehr. Sein Entschluß war unumstößlich gefaßt, nur durch den Tod seinen Nciscplan unerfüllt zu lassen. Mit einem gemie- theien östr. Kauffahrer segelte er nach Sidon, Tyrus und Acca, verließ hier das Schiff, um Palästina zu durchstreifen, schiffte sich in Jaffa wieder ein und erreichte Alexandrien von da in -l4 Stunden. Drei seiner Gefährten blieben in Ägypten zurück, zwei derselben starben, und ohne Begleiter erreichte er im Oct. über Suez und Aden die Rhede von Bombay. Bon hier aus unternahm er eine Reise in das Innere zur Verfolgung seines Hauptzwecks, das Studium nämlich der malayischcn Menschcnrace, ihres Culturznstandes und ihrer Abarten, die durch Vermischung mit mongolischen und kaukasischen Stämmen entstanden sind. Während seines Aufenthalts in den kühlen nördlichen Ghats stieg er öfters in die 5666 F. tiefer liegenden, überaus heißen Thäler hinab und zog durch diese Unvorsichtigkeit sich das ind. Waldfieber zu. Wiederhergestellt nahm er seinen Weg durch Mittclindicn nach Kalkutta, hatte aber das Unglück, jcnscit Ellora von einem großen Hunde so schwer verletzt zu werden, daß die trockene Jahreszeit über der Heilung der Wunden verstrich und ihm nichts übrig blieb als nach Puna umzukchren. Mit geschwächtem Körper das ungesunde Mittcl- mdicn zu bereisen, schien unrathsam, und daher wendete sich H. nach der südlichen Halb- tnscl, wo er die Volksbildung von fremder Beimischung darum reiner zu finden hoffte, weil 328 Hugenotten die Moslrmen kaum bis dahin vorgedrungen waren. So durchwanderte er den größten Theil deS Dekan, Sattara, das durch seine großartigen Denkmäler berühmte Bejaxur, ^ stieg dann nach Goa hinab, kehrte wieder auf die Höhe zurück, um Darwar, die Wunder > BijnaggerS, Bellari, Bangalore, Seringapatnam und Mysore zu besuchen. Nachdem er ^ die blauen Berge (Nil-Gerri) erstiegen und dort drei Wochen zugebracht hatte, verfolgte er seinen Weg über Coimbatur nach der Küste Malabar und besuchte Kotschin und Trava». köre, erreichte das Cap Comorin und schiffte von dem durch seine Perlensischercicn beruh,», ten Tuttikorin nach Ramiseram an der Adamsbrücke und nach Manar. Über fünf Monate verweilte er auf der reizenden Insel Ceylon, sie nach allen Richtungen durchziehend. No» hier kehrte er nach der Küste Koromandel zurück, besuchte Tranquebar, Pondichc'ry, Carieal und Madras, wo Capitain Lambert, Kommandant der zu einer Fahrt nach dem ind. Archipel, Neuholland und Polynesien bestimmten Fregatte Alligator, ihn zur Begleitung einlud. s H. nahm dieses Anerbieten freudig an. Das Schiffverließ im Öct. 1833 Madras, berührt! Sincapur, Sumatra, Borneo, Java, mehre der bedeutender» Inseln des ind. Archipels, Neuholland, Bandiemensland und endlich Neuseeland. Ein schon in Neuholland empfundener, in Neuseeland aber zum äußersten gestiegener Abscheu gegen wilde Völker verau- laßte H., den Reiseplan abzuändern und von der letztgenannten Insel sich nach Manila einzuschiffen. Über Macao und Canton nach Kalkutta gelangt, drang er durch das Hima- lajagebirge und Kaschmir bis zur Grenze von Tibet, folgte dem Flusse Thilum bis Ma< zufferabad, überstieg die Gebirge nach dem Indus und kehrte von Atock über Lahors und ! Ludiana nach Delhi zurück. Er erreichte Bombay, durch wenig besuchte Gegenden ziehend, ^ gerade vier Jahre, nachdem er cs zum ersten Mal betreten hatte, und nach einem kurz!» ! Aufenthalte am Cap und in St.-Helena landete er in Portsmouth, etwas über scchsZahre, ^ nachdem er Wien verlassen hatte. Wie fruchtbar seine Reise für die Wissenschaften überhaupt und insbesondere für dü Naturgeschichte und Ethnographie war, beweist die numerische Angabe der von ihm mit- gebrachten, für die kaiserlichen Cabinete und die Hofbibliothek in Wien angekauflen Samm- l lungen; die über alle Zweige der Naturwissenschaften sich erstreckenden enthalten mehr als 32000 Exemplare; die Münzsammlung beträgt >249 Stücke, meist indische, worunter 258 baktrische; die-ethnographische enthält in 24 Abtheilungen 928 Stücke, unter dich» 63 Idole und Tempelgeräthe von Silber, Bronze und Elfenbein, 40 musikalische Znstm- mente, 171 Waffen, 49 Stück ind., kaschmir. und chines. Stoffe, 168 Stück ind. und chines. Schmuck, zum Theil in Juwelen, 433 Gegenstände aus Ägypten u. s. w.; ferner einige hundert Zeichnungen und Ölgemälde, kostbare Manuscripte und Briefe; endlich 12000 Blätter, Tagebücher und Notizen. Von dem historischen Berichte über diese Reist erschien bisher erst „Kaschmir und das Reich der Sihks" (4Bde., Stuttg. 1840—42). Die amtlichen Berichte über die Versammlungen deutscher Naturforscher in Prag ( 1838 ) und Grätz(I843) theilen zwei von H. bei dieser Gelegenheit gehaltene Vorlesungen mit; die erster« gibt eine Skizze der ganzen Reise, die zweite eine Schilderung der Reise von Europa bis Bombay. Das naturgeschichtliche Material ist noch unvollständig bearbeitet; Endlicher gab eine lat. geschriebene Aufzählung der von H. am Schwanenflusse gesammelten Pflanzen (Wien 1837); Heckel beschrieb die „Fische aus Kaschmir" (Wien 1838). Gegenm» . tig scheintH. als Präsident der von ihm gestifteten östr. Gartenbaugesellschaft seine Thatig- ^ keit ganz der Horticultur zuzuwenden, nachdem er schon früher die wichtigsten der von ihm eingeführten Gewächse in seinem Werke „Botanisches Archiv der Gartenbaugesellschaft des östr. Kaiserstaats" (Wien 1837) beschrieben hatte. Hugenotte» (Suguenols) nannte man früher in Frankreich spottwcise die Anhalt' ger der Kirchenreformation. Nach Einigen, und dies scheint am wahrscheinlichsten, erhielten sie diesen Namen deshalb, weil sie in der ersten Zeit ihren Gottesdienst des Nachts auf einer Haide bei Tours hielten, wo der Volksglaube den Geist Hugo Capct's herumspuke» ließ. Gleich mit Beginn der Reformation inDeutschland zeigten sich auch Anhänger derftl' den in Frankreich. Unter dem Schutze der Königin Margaretha von Navarra verbreitete seit 1523 Melchior Wolmar, ein Schweizer, im Süden die Lehren Luther's, und Gerhard Roussel und Jakob Lefevre stifteten lutherische Gemeinden. Als später Calvin (s d) Hugenotten 329 auftrat, griff unter dem Adel und dem Mittelstände der Abfall von der röm. Kirche noch gewaltiger um sich. Aber schon Franz I. unterdrückte die Bewegung durch Strafgesetze und ließ viele Ketzer verbrennen. Die Verbindung Heinrich's II. mit den deutschen Protestanten leistete anfangs der Reformation einigen Vorschub. Dies änderte sich, als die Familie Guise (s. d.) bei Hofe gegen die protestantischen Bourbons die Oberhand gewannen. Seit 1554 bedrohte ein Edict die Ketzer mit dem Feuertode. Unter Franz II. wurde bei jedem Parlamente zur Bestrafung der Protestanten eine glühende Kammer (s. Oksmbre a rck e nte) eingerichtet, und Hinrichtungen, Consiscationen und Verbannungen erfüllten fortan das Reich mit Blut und Jammer. Solcher Gewaltsmisbrauch trieb endlich die Protestanten zur Empörung. Nach dem Gutachten deutscher Theologen und Juristen wählten sic den Prinzen Ludwig!. Conde (s. d.), den gewichtigsten Feind des Hofs, zu ihrem Haupte. Am I. Febr. > 560 wurde zu Nantes beschlossen, den König um Religionsfreiheit und Entfernung der Guisen zu bitten; im Weigerungsfälle sollte der König in Gewahrsam genommen und Conde zum Generalstatthalter proclamirt werden. Einem Edelmann aus Pe'rigord, Georges de Barci de la Renaudie, wurde die Ausführung des Anschlags übertragen. Doch der Hof, der den Plan erfuhr, floh von Blois nach Amboise (s.d.) und ernannte den Herzog Franc, von Guise (s. d.) zum Generalstatthalter. Als einige Scharen bewaffneter Protestanten vor Amboise rückten, wurden sie leicht geschlagen und gefangen; 1200 starben durch Henkershand. Die Guisen betrieben jetzt die Einführung der Inquisition; doch die würdigsten Männer und selbst die Bischöfe widersetzten sich und wirkten das Edict von Nomorantin im Mai 1560 aus, das den Parlamenten die Ketzerverfolgung abnahm und den Bischöfen übertrug. Auf der Notablenversammlung im Aug. wurde sogar beschlossen, die Neligionssache bis zur nächsten Reichsversammlung ruhen zu lassen. Während die erzürnten Guisen mit der Ermordung der protestantischen Häupter umgingen, bestieg der unmündige Karl IX. den Thron. Die Königin-Mutter, Katharina von Medici (s. o.), entfernte die herrscksüchtigen Guisen vom Staats- ruder und machte den schwachen Anton von Bourbon zum Generalstatthalter. Die Gui- scn stifteten eine Gegenverbindung, das sogenannte Triumvirat, wodurch Katharina genö- thigt wurde, ihre Stütze in den Protestanten zu suchen. Im Juli 1561 erschien ein Edict, das die Todesstrafe der Ketzer sowie den Schimpfnamen Hugenotten abschaffte. Zur völligen Beilegung des Streites eröffnete der Hof auf den 3. Sept. ein NeligionSgespräch zu Poiffy. Der Cardinal von Lothringen und gegen ihn Theodor Beza (s. d.) waren die Hauptkämpfer. Die Unterredung hatte nur zur Folge, daß sich sämmtliche Protestanten unter dem gemeinschaftlichen Namen der Calvinisten vereinigten und nun mit größerer Kühnheit auftraten. Zugleich sah sich Katharina durch die Machinationen der Triumvirn genöthigt, mehr als je mit den Protestanten gemeinschaftliche Sache zu machen. Am 17. Jan. >562 erschien ein Edict, das ihnen Gewissensfreiheit, und dem Adel auf seinen Gütern freie Religionsübung gewährte. Die Wuth der Guisen und ihres herrschsüchtigen oder fanatischen Anhangs war grenzenlos. Am I. März > 562 entstand zu Vassy zwischen dem Gefolge des Herzogs von Guise und den Protestanten, die in einer Scheune Gottesdienst hielten, eine blutige Metzelei, welche die Protestanten als Friedensbruch ansahen. Conde warf sich nach Orleans und rief seine Glaubensgenossen zu den Waffen, während sich die Guisen des Königs und dessen Mutter bemächtigten und die Protestanten für Aufrührer erklärten. Nachdem die Hof- krnppen am I l. Sept. >562 unter großem Blutvergießen Rouen erobert, kam cs am 19. Dec. zur Schlacht bei Dreux, wo die Protestanten nach heftigem Kampfe das Feld räumten. Der Herzog von Guise zog nun vor Orleans, um durch die Einnahme dieses Waffen- Plahes dem Feinde den Todesstoß zu versetzen, verlor aber daselbst am >8. Febr. 1563 das Leben. Die Königin-Mutter schloß eiligst am 19. März den Frieden von Amboise, der den Protestanten, mit Ausnahme gewisser Bezirke und Städte, freie Neligionsübung verschaffte. Katharina indessen haßte den neuen Glauben und hatte sich der Protestanten nur zur Vernichtung der Guisen bedient. Sie schloß jetzt zur Ausrottung der Ketzerei ein enges Bündniß mit Spanien, beschränkte die kaum gewährte Freiheit im Aug. 1564 durch das Edict von Roussillon und trachtete Conde und dem Admiral Coligny (s. d.) fort- 330 Hugenotten ! während nach Freiheit und Leben. Die beiden Häupter und Stützen der protestantische,, Sache faßten endlich den Entschluß, sich auf den 29. Scpt. >567 des Königs zu Mo», ceaux zu bemächtigen. Der Hof floh jedoch nach Paris, das Condc einen Monat einschloß. Am 10. Nov. kam es zwischen dem Prinzen und dem Connctablc Montmorency (s. d.) bei Saint-Dcnis zur Schlacht, wobei sich 2700 Protestanten gegen den siebenmal stärker» Feind aufs heldenmüthigste schlugen. Condc zog hierauf nach Lothringen, vereinigte sich mit einem l OOOO M. starken Hülfscorps, das ihm der kurpfälzische Prinz Johann Kasi- mir aus Deutschland zuführte, und bedrohte sogar Paris. Katharina schloß daher den Frieden zu Longjumeau am 27. März 1568, der den Vertrag von Amboisc wiederherstelltc. Dessenungeachtet fuhr sie fort, die Protestanten zu verfolgen; 3000 wurden unter der Hand ermordet oder hingerichtet; Condc und Coligny konnten sich kaum der Anschläge erwehren. Beide flohen deshalb nach Nochcllc, wo auch die Königin Johanna von Na- varra mit ihrem fünfzehnjährige» Sohne, dem später» Könige Heinrich! V. (s. d.) von , Frankreich, cintraf. Nachdem sich die Protestanten aus Deutschland durch Mannschaft, aus England durch Geld und Geschütz verstärkt, begannen sic den dritten Rcligionskiicg. Am 13. März >560 verloren sic aber gegen den Herzog von Anjou, den nachherigen König Heinrich III. (s. d.), bei Jarnac eine heiße Schlacht, wobei auch Condc durch Meuchelmord siel. Mit dem Verluste dieses Hauptes siel den Protestanten, die bisher Gut und Blut geopfert, der Muth. Die Königin von Navarra suchte ihre Glaubensgenossen auf einer Versammlung zu Cognac in einer feurigen Rede wieder aufzurichkcn und stellte ihrer Sohn als das Haupt der protestantischen Sache auf, dem man auch ohne Widerrede den Treueid leistete. Coligny hingegen übernahm die Leitung des Kampfes. Nachdem er sich am 15.Juni 1569 mit einem Corps von I >000 Deutschen, das ihm der Herzog Wolfgaug von Zweibrückcn, und als dieser unterwegs starb, der Graf Volrad von Mansfeld zufühue, vereinigt, belagerte er PoitierS, wurde aber am 3. Oct. von Anjou bei Mvncontour wieder geschlagen. Der Hof benutzte jedoch den Sieg nicht, und Coligny zog aus England, der ^ Schwei; und Deutschland bedeutende Verstärkung an sich, eroberte noch 1569 NismeS ^ und entsetzte Nochcllc, während Lanoue die Hoftruppen bei Lucon besiegte. Bei diesem Fortgange der protestantischen Sache suchten Katharina und ihr Sohn Frieden, den die Protestanten auch, des harten Kampfes müde, zu ihrem Nachthcil bewilligten. Der zu St.-Gcrmain-en-Laye am 8. Aug. 1570 geschlossene Vertrag gab den Protestanten Amnestie, Gewissensfreiheit, freie Neligionsübung, mit Ausnahme von Paris, und eine Menge Sicherheitsplätze. . Katharina versuchte jetzt die Reformation, die sie im offenen Felde nicht zu bewältigen vermochte, durch Mord und Vcrrath zu vernichten. Nachdem die protestantischen Großen durch die Vermählung Hcinrich's von Navarra mit des Königs Schwester und durch Vorspiegelung eines beabsichtigten Kriegs mit Spanien nach Paris gelockt, und daselbst durch Schmeichelei sicher gemacht worden waren, schritt der Hof in der Nacht des Bartholomäuö- festes, vom 24. zum 25. Aug. 1572, zu einer allgemeinen Nicdermetzelung der Ketzer. (S-Bluthochzeit.) Gegen 5000 Protestanten, darunter Coligny, wurden zu Paris, 30000 binnen zwei Monaten in den Provinzen gemordet. Durch diese ungeheure Frcvelthat ihrer Führer beraubt, griffen die Protestanten dessenungeachtet zu den Waffen. Sie verschlossen den Hoftruppen ihre wichtigsten Städte und verthcidigten dieselben mit großer ? Hartnäckigkeit. Der Herzog von Anjou, nachdem er vor Nochcllc sein Heer cingebüßt, benutzte seine Berufung auf den poln. Königsthron und schloß am 24. Juni 1573 Frieden, nach welchem die Protestanten freie Neligionsübung in ihren Sicherheitsplätzen, Montauban, Nismes und Nochelle, übrigens nur Gewissensfreiheit erhielten. Eine katholijche Adels - und Hofpartci, die sogenannten Politiker, an deren Spitze der Herzog von Alen- con, der jüngste Sohn Katharina's, stand, traten jetzt mit den Protestanten zum gemeinsamen Widerstande gegen das entsetzliche Regiment der Königin-Mutter und der Grusen in Verbindung. Katharina bewog deshalb nach dem Tode Karl's IX. ihren dritten Sohn, den König Heinrich III., sogleich den Kampf gegen die Protestanten wieder zu beginnen. Gegen Erwarten nahm indessen im Laufe des I. 1575 die protestantische Sache die günstigste Entwickelung; die Königlichen verloren viele feste Plätze, wurden bei Gordes Hugenotte» 331 von Montbrun besiegt und boten vergebens den Frieden an. Der Prinz Heinrich I. Co» de (s.d.) führte mit dem Pfalzgrafen Johann Kasimir ein starkes Corps aus Deutschland herbei und vereinigte sich im März 1576 zu Moulins mit dem unzufriedenen Herzoge von Alencon, sodaß das protestantische Heer 35600, das königliche unter dem Herzoge von Maycnne nur >8000 M. zählte; überdies machte Heinrich von Navarra in Guyenne tüchtige Fortschritte. Der Hof schloß darum, wie gewöhnlich, am 8. Mai zu Beaulieu einen Frieden, der den Protestanten endlich uneingeschränkte Ncligionsübung und eine Menge Sichcrhcitsplätze gewährte. Zugleich bezahlte der König die deutschen Hülfsvölker.' Der Herzog Heinrich I. Guise ss. d.), dadurch in seinen politischen Entwürfen, wie in seinem religiösen Fanatismus beeinträchtigt, ries jetzt einen katholischen Bund, die heilige Ligue (s. d.), ins Leben. Auch der König, um der Bewegung Herr zu bleiben, mußte am 6. Nov. >576 auf dem Reichstage zu Blois dem Bunde bcitreten und damit den sechsten Rcligionskricg eröffnen. Der Friede wurde jedoch vom Könige schon im Sept. 1577 zu Bcrgerac auf Grund der früher» Bedingungen geschloffen, und Katharina, um die Pläne des Herzogs von Euisc niedcczudrücken, trat mit Heinrich von Navarra zu Nerac in geheime Unterhandlungen, die den Protestanten noch einige Sichcr- heitsplätze cintrugcn. Da jedoch der nach allen Seiten hin treulose und vcrrälherischc Hof diese» Vertrag verletzte, so eröffnctc Condc im Nov. 1 570 den Krieg wieder mit der Einnahme von La Ferc, Heinrich von Navarra im Apr. 1586 mit der Eroberung von Lahors. Unter Vermittelung des Herzogs von Anjou (Alencon) schloffen aber die Protestanten, die diesen Krieg im Allgemeinen für unnöthig hielten, am >2. Sept. 1580 zu Flcx Frieden, der ihre alten Gerechtsame wiedcrherstclltc. Die langersehnte Waffenruhe dauerte nun bis ins I. 158-1, wo durch den Tod des Herzogs von Anjou Heinrich von Navarra die nächsten Ansprüche auf den franz. Thron erhielt. Die Griffen schritten bei diesem Ereignisse aufs neue zur Errichtung der Ligue, verbanden sich mit Spanien und dem Papste zur Ausrottung der Ketzerei, erklärten den Cardinal von Bourbon zum Thronfolger und begannen den Kampf gegen den König und die Protestanten zugleich. Auf Betrieb seiner Mutter mußte Heinrich III. nach einem zu Nemours am 7. Juli > 585 geschlossenen Vergleich die Protestanten aller ihrer Rechte verlustig erklären. Wer nicht zum Katholicismus übertreten würde, sollte das Reich binnen sechs Monaten, die Prediger aber sollten dasselbe sogleich verlassen. Zugleich entwickelte eine zu Paris unter dem Namen der Sechzchncr zaisammengetretene Ligue den furchtbarsten Fanatismus. Nachdem die Protestanten aus England Geld, aus Deutschland Heeresmacht hcrbeigezogen, begannen sie den achten Neligionskrieg. Aon den drei Armeen des -Hofs wurde die eine unter dem Herzoge von Joyeusc am 8. Oct. >»87 von Heinrich von Navarra bei Coutras gänzlich geschlagen. Heinrich benutzte jedoch diesen wichtigen Vorthcil nicht, und der Hof durfte ruhig das deutsche Heer aus Frankreich , vertreiben. Der Herzog von Guisc, der alle politische Gewalt während des Kampfes an sich gerissen, zwang den König am >9. Juli 1588 zum sogenannten Reunionscdictc von Rouen, welches die Ausrottung der Ketzer durchs Schwert und die Thronausschliefiung Heinrich's von Navarra proclamirtc. Indessen traten die Absichten des Herzogs von Gusse auf eine Thronrevolution so deutlich hervor, daß der König, dem bei seiner Schwäche und Verworfenheit kein anderer Ausweg blieb, den Herzog und dessen Bruder, den Cardinal, im Sept. 1588 auf dem Reichstage zu Blois ermorden ließ. Von der katholischen Partei, die besonders die Hauptstadt beherrschte, ganz verlassen, mußte sich jetzt der König dem protestantischen Heere und dessen Führer gänzlich in die Arme werfen. Heinrich III. zog nun inmitten der protestantischen Truppen zur Einnahme des im Aufruhr begriffenen Paris, wurde aber während der Belagerung am 1. Aug. 1580 von dem fanatischen Mönche Clement (s. d.) ermordet, sodaß die franz. Krone jetzt Heinrich von Navarra, dem Haupte der Reformation, zuficl. Die Lage der Protestanten veränderte sich zwar hiermit, wurde aber nicht gebessert. Sie waren jetzt gcnöthigt, Heinrich IV. in dem langen Kampfe um den Thron gegen die Ligue bcizustchcn und mußten, bei der Hartnäckigkeit, mit der die Großen und das gemeine Volk am katholischen Interesse hingen, doch befürchten, daß sic zuletzt den Thronansprüchen geopfert werden würden. Als endlich der König, um in den völligen 332 Hugenotten > Besitz seiner Krone zu gelangen, im Juli 1593 zur katholischen Kirche trat, dabei aber nicht j wagte, die Rechte seiner frühcrn Glaubensgenossen sogleich gesetzlich festzustellen, hielten ^ sich die Protestanten im Ernst verrathen; sie entzogen dem Könige ihre Hülfe und dachten ' an die Wahl eines neuen Hauptes. Endlich Unterzeichnete Heinrich, nachdem er die Ligue gebrochen, während der Friedensunterhandlung mit Spanien, am 13. Apr. >589 das berühmte Edict von Nantes, das in 91 öffentlichen und 51 geheimen Artikeln die Rechte der Protestanten politisch sicherte und erweiterte. Dieselben erhielten freie Religionsübung, mit Ausnahme einigerStädte, wieNheims und Soiffons, wo besondere Verträge entgegenstanden; auch durften sie fortan Synoden und überhaupt Versammlungen, selbst unter Zuziehung auswärtiger Protestanten, halten. Der Staat gewährte jährlich die Summe von ungefähr 35900 Thlr. zur Unterhaltung ihrer Geistlichkeit; ihre Söhne konnten gleich den Katholiken aufsranz. Schulen studiren, ihre Kranken und Armen in den öffentlichen Anstalten ausgenommen werden. Ebenso wurde den Protestanten der Zutritt zu allen Ämtern und Würden und die Besetzung der bei den Parlamenten schon früher zur Schlichtung der Parteihändel errichteten Tribunale (ULambres mi-parties) zur Hälfte gestattet. Die Sichcrheitsplähe endlich sollten sie noch acht Jahre behalten. Die Katholiken fanden des Edict so anstößig, daß es das Parlament erst am 25. Febr. 1599 bestätigte. Vgl. Bcnvik, „Hwtoire de I'edit de buntes" (2 Bde., Delft 1693). Unter Heinrich IV., dessen Minister Su lly (s. d.) selbst der Reformation angehörtc, lebten nun die Protestanten ohne Kränkung. Als sich jedoch Maria de' Medici die Gemahlin Hcinrich's IV., während der Minderjährigkeit Ludwig's XIII. der Negierung bemächtigte, erweckte die Unabhängigkeit, deren sich die Protestanten vermöge des Edikts erfreuten, den Haß und die Furcht des.nach Absolutismus strebenden Hofs. Zwar beschwor der König 1613 das Edict von Nantes; die Heirathsbündnisse mit dem span. Hofe aber steigerten die Besorgnisse der Protestanten in dem Grade, daß sie endlich im Nov. 1615, wiewol gegen den Rath du Plessis Morn ay's ff. d.), Lcsdiguieres'und anderer Einsichtsvollen, mit dem im Aufruhr begriffenen Prinzen Heinrich II. Conde ls.d.) gemeinschaftliche Sache machten. Obschön sie nochmals im Vertrage zu Loudun, am 3. Mai 1616, die Freiheit des Cultus bestätigt erhielten, wartete doch nur der Hof auf die Gelegenheit, wenigstens ihre politische Stellung zu brechen. Schon im Juni 1617 befahl der schwache und bigotte König durch ein Edict die Unterdrückung der protestantischen Kirche und der politischen Privilegien der Landschaft Bearn. Die Kanzlei zu Pau verweigert! die Einregistrirung des Edicts, und die Sache blieb liegen. Auf Anstiften der Jesuiten und des Eünstlings de Luynes, der sich auf leichte Weise das Connetableschwert verdienen wollte, fetzte endlich der König in Person 1620 das Edict durch Waffengewalt in Vollzug; die protestantischen Kirchen wurden niedergelassen, die geistlichen Güter confiscirt, der Kathv- licismus cingeführt und die Provinz der Krone cinverleibt. Die Protestanten erklärte» den Gewaltstreich für eine Verletzung des Edicts von Nantes und hielten zu Nochelle eine Versammlung, die der Hof als aufrührerisch verbot. Dessenungeachtet gaben dieProtestau- . ten, an deren Spitze jetzt die beiden Brüder, der Herzog von Rohan (s. d.) und der Prin; Soubise (s. d.) standen, nicht nach, und der Hof eröffnete im Mai >621 den Krieg. , Rohan wurde von seinen Glaubensgenossen indessen lau unterstützt; allmälig fielen alle " protestantischen Städte durch Gewalt, List und Bestechung in die Hände des Königs. Endlich nach der Capitulation von Montpellier, am2l.Oct. 1622, erfolgte ein allgemeiner Friede, in welchem den Protestanten das Edict von Nantes bestätigt, das Recht zur Abhaltung von Versammlungen aber genommen wurde. Der Hof hielt die nähern Bedingungen des Vertrags so wenig, daß die Protestanten die Verwickelungen der Negierung in Italien benutzten und zu Anfang von >625 wieder zu den Waffen griffen. Soubisc überwältigte mit einer von der Stadt Rochelle ausgerüsteten Flotte die allerdings schwache königliche Marine mehrmals. Der Cardinal Richelicu (s. d.), der jetzt das.Staaksruder führte, mußte sogar den Frieden.anbieten, der diesmal, und gerade mit Unrecht, zurückgewiesen wurde. Der Cardinal beschloß daher die Eroberung Rochelle's, des wichtigsten Bollwerks der Protestanten. Nachdem er aus geliehenen engl, und nicderländ. Schiffen eine Seemacht gebildet, erfocht Montmoren cy (s.d.) im Sept. 1625 über die von allen Bundes- Hugenotten 333 genossen entblößten Nocheller einen Äesicg, dem am 5. Febr. 1626 unter Englands Vermittelung ein Friede folgte. Die Rochcller mußten das königliche Fort Louis, um das cS sich besonders handelte, dulden, den Katholiken in ihren Mauern freien Gottesdienst gestatten und durften fortan keine Kriegsschiffe mehr halten. Bald merkten jedoch die Nocheller, daß sich Richelieu insgeheim zu ihrer völligen Unterwerfung rüstete. ' Sie baten Karl 1. von England um Schutz und Unterstützung, und dieser sendete ihnen im Juli > 627 unter dem Befehle des Herzogs von B u ckin gh am (s. d.) eine Flotte von 100 Schiffen mit 1666» M. Die Unfähigkeit des Herzogs, der Mangel an tüchtigen Führern überhaupt, endlich dieFurcht der übrigen Protestanten vor einem allgemeinen Kriege, lähmten jedoch das Unternehmen. Der Herzog von Nohan war zu schwach, um aus Languedoc hervorzubrechen. Am l 0. Aug. wurde die berühmte Belagerung von Nochelle in Gegenwart des Königs und des Cardinals eröffnet. Nachdem die Engländer am 8. Nov. von der Insel Ne vertrieben, ließ Richelieu die Stadt auch von der Seeseite durch einen mit unermeßlichen Kosten ins Meer gebauten Damm einschließcn. Die Belagerten vertheidigten sich zwar tapfer, litten aber bald den furchtbarsten Mangel. Im Mai 1628 erschien unter dem Gra- fen Deübigh eine engl. Flotte, die nach einigen Tagen wieder absegeln mußte; die 130 Segel starke Expedition unter dem unfähigen Grafen Lindsey im Sept. konnte ebensowenig ausrickten. Die Nvth zwang endlich am 28. Oct. 1628 die Nocheller zur Unterwerfung. Von 2-1000 waren noch -1000 mit dem Hungertode ringende Einwohner übrig, die völlige Amnestie erhielten. Die Stadt hingegen verlor ihre Privilegien und ihre Festungswerke. NochhatteNohanvielewichtigcPläße, wieNismes, Montauban nnd Castres, inne; auch er mußte sich in einem Vertrage am 27. Juni 1629 zu Alais auf gleiche Bedingungen unterwerfen. Die aller Sicherheitsplätze beraubten, mithin wehrlosen Protestanten hingen nun ganz von der Willkür des Hofs ab, der jedoch ihre Gewissensfreiheit nicht beeinträchtigte. Erst als Ludwig XIV. in seinen später» Jahren sich zur Frömmelei neigte, ließ er sich durch die Frau von Maintenon und den Beichtvater Lachaise zur Verfolgung der Protestanten verleiten. Allmälig entzog er ihnen die bürgerliche Rechtsgleichheit, und nach Colbert's Tode, 1683, begann er mit dem Kanzler Letellier ihre Vertilgung. Truppenabtheilungen mit wüthcnden Mönchen in ihrem Gefolge durchzogen nun die südlichen Provinzen, zwangen die Einwohner zur Verleugnung ihres Glaubens, rissen die Kirchen nieder und ermordeten die Prediger. Hunderttausende von Protestanten flohen nach der Schweiz, den Niederlanden, England, Deutschland, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden. Vergebens suchte Louvois durch Besetzung der Grenzen dieser Auswanderung Einhalt zu thun. Viele nahmen den Katholicismus zum Schein an, wurden aber bei der geringsten Äußerung des Rückfalls hingerichtet. Am 23 Oct. 168» hob zuletzt Ludwig, nachdem er die Ketzer vernichtet glaubte, das Edict von Nantes auf. Vgl. Rulhicre, „Lclriireissements distorigiies sur les csuses cle In revoca- tion de I'eciit ils iXantos" (2 Bde., Par. 1788). Hiermit begann eine neue Flucht und zu gleich eine noch furchtbarere Verfolgung der Protestanten. Ihre Ehen wurden für nichtig erklärt, ihre Kinder der Erbfolge beraubt und mit Gewalt in die Klöster gesperrt, ihre Prediger ohne Unterschied hingerichtet. Aus der Gegend von NismeS, wo sie immer noch sehr zahlreich waren, warfen sich Tausende in das Cevennengebirge und übten hier ihren Gottesdienstim Verborgenen. Gegen diese wurde 1702 der sogenannte Cevennenkrieg (s.d.) eröffnet, der unter großen Opfern und Greueln bis > 706 dauerte. DerHof, durch den span. Erbfolgckrieg gedrängt, gab endlich die Verfolgung auf, bewilligte Amnestie und störte die Protestanten nicht mehr in der heimlichen Ausübung ihres Gottesdienstes. Frankreich hatte mehr als eine Million seiner fleißigsten, wohlhabendsten und geschicktesten Bürger verloren; gegen zwei Millionen waren trotz der Verfolgung ihrem Glauben treu geblieben. Die Ruhe, deren sich die Protestanten nun länger als ein Jahrzehend erfreuten, beförderte ihren Anwuchs und ihr Hervortreten, besonders in der Provence und Dauphine, aufs neue. Im I. 1723 erließ daher Ludwig XV. auf Antrieb der Jesuiten gegen die Pro- üstanten ein hartes Edict. Sie mußten wieder ihren Glauben verleugnen und den Eottes- dunst aus den Häusern in wüste Gegenden verlegen; allein die Blutbefehle widerstritten schon dem Zeitgesste und fanden bei den Behörden und dem Volke wenig Anklang. Ein »'.-1 33-1 Hugo von Trimberg i Edict von >752 erklärte endlich die protestantische Trauung und Taufe für ungültig und befahl die Wiederholung derselben durch katholische Geistliche. Die Auswanderungen, die j sich hiermit erneuerten, empörten selbst die Katholiken so heftig, daß der Hof das Edict zu- rücknahm und die Protestanten fortan wenigstens nicht mehr verfolgte. Die Wissenschaft ! und Litcratür der Aufklärung traten nun in die Schranken; Männer, wie Montesquieu und Voltaire, besonders letzterer durch die Aufdeckung des Justizmords an Jean Calas (s.d.), befestigten im Volke Toleranz und Aufklärung. Ludwig XVI. endlich crthcilkc durch ein Edict von 1787, das freilich erst 178!» einregistrirt wurde, den Trauungen und Taufen der Protestanten Gültigkeit und gab denselben die bürgerlichen Rechte, mit Ausnahme der Erlangung öffentlicher Ämter und Würden, zurück. Zwar wurde 1789 ein Antrag auf völlige Emancipation der Protestanten von der Nationalversammlung verworfen; dessenungeachtet nahm sie Protestanten, selbst Prediger, ohne Widerrede als Mitglieder auf, und 179» verfügte sie in einem Decrete die Restitution aller seit Ludwig XiV. consiscirten Güter der Nichtkatholiken. Der „(locke Napoleon" ertheilte den Protestanten in Frankreich gleiche bürgerliche und politische Rechte mit den Katholiken. Obschon auch die von den Bourbons verliehene Charte die Freiheit des protestantischen Cultus anerkannte und den Staat selbst zur Besoldung der Pfarrer verpflichtete, so sahen sicb doch die Protestanten unter der Restauration mamüchfach gekränkt und verfolgt. In den südlichen Provinzen, zumal im Garddepartemenk, begann das niedere Volk, auf Anstiften der Ultraroyalisten und wü- thender Priester (s. (lliambre >»tro»vak>Ie) gegen die Protestanten blutige Ausschweifungen. Erst die durch die Julircvolution reformirte Charte Frankreichs proclamirte überhaupt die Freiheit des Gewissens und des religiösen Cultus. Dessenungeachtet hat die Negierung in der neuesten Zeit vielfach, wie bei dcr Kirchcnangelcgenhcit im Elsaß und dem beabsichtigten Übertritt ganzer Gemeinden zum Protestantismus, eine Parteilichkeit sin die katholische Kirche nicht verleugnen können. Vgl. Beza, „llistoire »es v^Iises relormees en lerance" (3 Bde., Antw. 1580); Thuanus, „llistoria SIN toinporis" (7 Bde., Par. , 162» und öft.); Davila, „8toria ckelle guerre civill cki kianeia" (Vcn. >»3»; deutsch von Reith, 5 Bde., Lp;. 1792—95); Court de Eebelin, „blistoire ckes tronlckes ckes tlo- venne.?"(3 Bde., Villefranche 1760); Lacretelle, „llistoirs «Is1?rancep6nckantles gnerres 815); Aignan, „1)6 I'etat ckc:s protestants en braune" (2. Aust., Par. 1818) und Browering, „Uistor^ oktbe Hiij-nenots" (2 Bde., Land. 1829). Hugo von Trimberg, einem Dorfe im Würzburgischen, wahrscheinlich seinem Geburtsorte, seit > 26» Magister und Rector der Schulen an dem Collcgiatstifte Marias und Gangolf's in der Theucrstadt, einer Vorstadt von Bamberg, ist bekannt als der Verfasser des „Nenners", eines seiner Zeit sehr beliebten in vielen Handschriften erhaltenen mittelhochdeutschen LehrgcdichtS, das er im I. > 3»» vollendete. Auf die Besserung und Belehrung der Zeitgenossen gerichtet, enthält es eine Schilderung des Zustandes und der Lebcns- und Sinncsweise derselben, namentlich eine Rüge ihrer Gebrechen und Laster; sehr wichtig für die Sittengeschichte zeigt es wenigstens in den zahlreich cingcwebten Beispielen, d.h. Gleichnissen, Fabeln und Erzählungen, von poetischer Begabung, mehr freilich noch von der wackern treuen Gesinnung, dem heitern Ernst des Verfassers, der in der Bibel, den Kirchen- ^ Vätern, den mittelalterlichen Theologen, aber auch in den Schriften des Alterthums wohl bewandert erscheint und den deutschen Ausdruck mit Kraft und großer, namentlich auch in zahlreichen Wortspielen sich kundgebendcr Gewandtheit handhabt. „Nenner" hat er es genannt, weil es durch alle Lande rennen solle, aber auch mit Beziehung theils auf die Man- nichfaltigkeit des Inhalts, durch den er „vürbaz rennet", theils auf den Mangel an festem Plan, da sein Gedicht wie ein mit seinem Reiter durchgehendes Roß mit ihm davon hie und dahin renne; auch auf ein „Büchlein der Samencr" (Sammler) genannt, das er schon 1266 abgefaßt, aber aus Verdruß über den Verlust eines Theils der Handschrift nicht beendet hatte, hat er dabei Rücksicht genommen, wenn er sagt: „jenes laufet vor, diz rennet nach". Vollständig wurde der „Renner" zuerst herausgegeben aus einer 1347 geschriebenen erlanget Pergamenthandschristvon dem bambergerHistorischenVerein (3 Hefte, Bamb- Hugo (Gust.) Hugo (Victor Maria) 1833—36); in der Bearbeitung Seb. Brandts (Franks. 15-16) ist das Gedicht mit großer Willkür umgestaltet. Hugo (Gust.), einer der berühmtesten Lehrer des röm. Rechts in der neuesten Zeit, geb. zu Lörrach im Badischen am 23. Nov. 1763, erhielt seine akademische Vorbildung zu Montbelliard und zu Karlsruhe, studirte 1782—85 zu Güttingen neben derJurispruden; mit großer Liebe Philosophie und Geschichte und wurde 1786 Lehrer des Erbprinzen Leopold Friedrich Frau; von Dessau. Seinen Nus begründete er durch die Ausgabe der „bü'axment.'l" des Ulpian (Gott. 1788). Im I. 1788 wurde er in Güttingen außerordentlicher, 1792 ordentlicher Professorder Rechte, erhielt später den Titel eines Geh. Justizraths und starb daselbst am > li.Scpt. 1833. Er war einer der Ersten, die nach Leibnitz's und Püttcr's Vorschläge das heutige röm. Recht nicht nach der Titelfolge, wie es damals noch auf den meisten Universitäten Sitte war, vortrugen, die Nechtsgeschichte »ach Zeiträumen darstclltcn und die Philosophie des positiven Rechts in den civilistischen Lehrcursus aufnahmen. Ihm, Haubold und Savigny dankt das röm. Recht seine tiefere Ausbildung. Sein durch Scharfsinn, Forschung und Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnetes Hauptwerk ist das „Lehrbuch des civilistischen Cursus", welches sieben Bände unter nachfolgenden Titeln umfaßt: >) das „Lehrbuch der juristischen Encyklopädie" (Berl- 1811; 8.Aufl., >835); 2) „Lehrbuch des Naturrechts, als einer Philosophie des positiven Rechts" (Berl. 1869; l.Aufl., 1819); 3) „Lehrbuch der Geschichte des röm. Rechts bis auf Justinian" (Berl. 1816 ; II. Aust., >832); 3) „Lehrbuch des heutigen röm. Rechts" (Berl. 1816; 7. Aust., 1826 ); 5) „Chrestomathie von Beweisstellen für das heutige röm. Recht" (Berl. 1867; nebst „Zusätzen", Gott. >812; 3. Aust., 1826); 6) „Lehrbuch der Geschichte des Rechts seit Justinian" (Berl. 1812; 3. Aust., 1836) und 7) „Lehrbuch der Digesten" (Berl. 1822; 2. Aust., 1828). Daran schließt sich sein in den ersten Bänden wiederholt neu aufgelegtes „Civilistisches Magazin" (6 Bde., Berl. >813—37), welches treffliche literarisch- kritische Beiträge zur röm. Nechtsgeschichte und andern Fächern enthält. Eine Beilage zu jenen wie zu diesem bilden seine „Beiträge zur civilistischen Vücherkenntniß der letzten 36 Jahre" (2 Bde., Berl. 1828—29), enthaltend seine Arbeiten für die „Göttinger gelehrten Anzeigen" u. s. w., denen nach seinem Tode ein dritter Band folgte (Berl. 1835). Hugo (Victor Maria), einer der hervorragendsten und einflußreichsten Dichter des modernen Frankreichs, geb. am26. Febr. >862 zu Besancon, wo sein Vater, welcher späyr in den Eraftnstand erhoben und zum General ernannt wurde, als Oberst in Garnison stand. Seine Mutter, aus der Vendce gebürtig, verlieh ihm ihre glühende, romantische Natur mit royalistischer Färbung, die ihn früh seinem Vater, dessen Ideal Napoleon war, entfremdete. Die Jugendzeit H.'s war vielbewegt; die drei ersten Jahre seines Lebens brachte er auf der Insel Elba zu; dann war er bis 1867 in Paris, hierauf in Unteritalicn bei seinem Vater, welcher Statthalter der Provinz Avellino geworden war und sich mit den Banden des berüchtigten Fra Diavolo herumschlug. Von 1869 —11 wohnte er wieder mit der Mutter in Paris, dann kam er nach Spanien, wo sein Vater Majordomus des Königs Joseph und Gouverneur zweier Provinzen wurde. Im I. 1812 kehrte er mit der Mutter nach Paris zurück und besuchte hierauf mit seinen Brüdern bis 1818 das College I-0IN5 le gr»n<1. Durch einige frühreife poetische Productionen erlangte er die Palme des literarischen Ruhmes. Sein erster literarischer Versuch war ein classischcs Trauerspiel, welches unvollendet blieb. In seinem l 5. Jahre überreichte er der Akademie ein Gedicht „8»>- lez avantagez (Io l'Ltude", durch welches er den Sieg über seine Mitbewerber davvngetra- ge» haben würde, wenn die Commission der Akademie in einer Anspielung, welche derDich- lcr sich auf seine Jugend erlaubte, nicht eine Mystisication gefunden hätte. Ähnlich erging ihm mit der Akademie der äenx ünraux zu Toulouse, die endlich seine drei Oden wlublisseinent e M" krönte und ihn selbst 1820 zum maitre des je»x lloraux ernannte. Diese und ähnliche Dichtungen, welche H. in der ersten Sammlung seiner „Ödes" (Par. 1821) und in siinen „vallades" (Par. 1823) zusammenstellte, erwarben ihm die Gunst des Publicums m> hohen Grade. Er entfaltete nun im „(lonservateur litte'raire" eine umfassende litera- ujche Thätigkeit. Die Aufsätze, welche er in diesem Journale niederlegte und die meist kri- I36 Hugo (Victor Maria) tischen Inhalts waren, finden sich zum Theilin seinem„I-itterature et plülosoplüe melöe^ (2 Bde., Par. 1834) gesammelt. Alle diese Produkte tragen das Gepräge einer katholisch, mittelalterlichen, romantischen Weltanschauung, welche der herrschenden Macht im hohen Grade zusagte. Daher wurde H. auch von Ludwig XVIIl. und dessen Nachfolger mit El,- ren überhäuft, wie er denn schon 1822 eine Pension erhielt. Erst als Chateaubriand, bei H.'s Entwickelung mit besonderm Interesse verfolgte, zur Opposition übcrtrat, sagte auch er sich von seiner streng royalistischen Richtung los. Als er nun sogar Napoleon, den Heroen des liberalen Frankreichs, in einigen feurigen Oden zum Gegenstände seiner Muse machte, da gewann sein Name einen immer schöner» Klang beim Volke. Um diese Zeit , hatten sich die modernen dem christlich-germanischen Boden entsprossenen Ideen auch i» Frankreich so weit entwickelt, daß sie zum Durchbruch kommen mußten. H. und einige ähnlich gestimmte Geister bemächtigten sich der Richtung der Zeit und entfalteten die Fahne der neuen,romantischen Schule. (S. Französische Literatur.) Diese Stellung a!§ Parteihaupt hat bei der empfindlichen Dichtereitelkeit, welche H. cigenthümlich ist, auf seine Entwickelung als Dichter höchst verderblich cingewirkt, indem sie ihn zu Extremen und Extravaganzen trieb, welche manche seiner Gestaltungen, besonders im Drama, zu wah- ren Zerrbildern gemacht haben. Unbedingt am höchsten stehen seine lyrischen Dichtungen, > obgleich auch hier und da, neben manchen wundervollen Tönen, sich Dissonanzen finden. ^ Besonders verleitete den Dichter seine unübertroffene Meisterschaft als Sprachkünsiler, die sich in seinen „Orientales" (Par. 1829) am großartigsten kundlhat, zu willkürlichen Kün< steleien, die häufig eine innere Leere zeigen. So seine „Olmnts üu crei»>scuIe"(Par. I8Z5) und vorzüglich seine „Voix illterienres". Reiner und inniger sind seine „Kenilles ä'au- loinne" (Par. 1831), in denen ihm zuweilen seine Vaterliebe die reinsten lyrischen Klänge eingibt. Unverholener noch als in seiner Lyrik zeigt sich das Streben nach Manier, druck die er sich um jeden Preis zum Haupt der Romantiker stempeln wollte, in seinen Dramen. ^ Hier wird das Haschen nach dem Gemachten, Gezwungenen und Ungewöhnlichen zuweilen wahrhaft unerträglich. H. wollte die Fesseln der klassischen Schule sprengen, vor dem ' Nichterstuhl nur die Form galt. Dadurch glaubte er der Idee ihre Geltung wiederzuewn- gen, die in den Äußerlichkeiten Jener verloren gegangen war. Aber indem er die willkürlichen Regeln einer misverstandenen Poetik vernichtete, sehte er sich auch über die ewige», unwandelbaren Gesetze hinweg, welche jedem Kunstwerke zu Grunde liegen müssen. Statt goldene Früchte in silbernen Sckalen zu reichen, warf er dem Publicum seine Gaben.inS Gesicht und sprach nicht allein den Federungen der Wahrscheinlichkeit, der Natürlichkeit, der Formschönheit, sondern nicht selten selbst denen des gesunden Geschmacks Hohn. Nur wo der Dichter in seinen Dramen lyrisch wird, erkennt man sein reiches Talent; aber da- ^ durck ist gerade der Stab über seine dramatischen Leistungen gebrochen. Die Galerie sei- ner Bühnenstücke begann mit „Oromrvell" (1827). Hierauf folgten „Hernsni" (I82S), „illsrion Oelorme" (1829), roi s'smuse" (I 832), „Imcrece Uorgür"(I833), „blu- rie1'u<1or"(I833), „^n^elo" (1835), „Iiii)-Ligs"(1839) lind „1^esLur§Frrrves"(l 812). Am weitesten hat H. sich in „Xugelo" und in den „Rurggravvs" verirrt, welches letzt!« Stück deshalb auch mit Recht eine sehr ungünstige Aufnahme fand. Unter seinen Leistungen auf dem Gebiete des Romans hat das vielbesprochene Werk „idlotre-vame äe k»r>s" , (3 Bde-, Par. 1831) ungeachtet bedeutender Misgriffe die größte Bedeutung. In seine» k übrigen Romanen „8sn ck'lsisncke" (3 Bde., Par. 1823 ), „Lux 3srAsI" (Par. >826), und der psychologischen Skizze „I^e llermer jour ll'iin cnnllsmue" (Par. 1829) überwiegt, bei allen gelungenen Einzelnheitcn, doch zu sehr das Gemachte und Forcirte. Seine Briest vom Rhein „I^v Lbm" (Par. 1812) enthalten nur da, wo er sich in den mannichfaluge» Windungen der mittelalterlichen Architektur ergehen kann, einzelnes Schöne; sonst find ße Unbedeutend und da, wo der Dichter sich zum Politiker machen will, streifen sie geradezu ans Lächerliche. Seine „Oeuvres" sind in zahllosen Ausgaben erschienen. Von den mehrfachen Übersetzungen seiner Werke ins Deutsche exwähnen wir nur die von Mehren bearbeiteten Übersetzungen „Sämmtlichex Werke" (19 Bde., Franks. 1835— 12 ,und 25 Bde., Sturtg. 1839—13). — Von seinen Brüdern hat sich der älteste, Abel H-, durch er» Hugo Capet Hühnerauge 337 vielgelesene „Geschichte des Kaisers Napoleon" (deutsch, 10 Bde., Stuttg. 1839,'und in Einem Bande, -1. Auff., Stuttg. 1849) bekannt gemacht. Hugo Capet, s. Capetinger. Hugtenburgh (Jan van), oder Huchtenburg, ein ausgezeichneter Schlachtenm'a- lcr, geb zuHarlcm 1646, hatte in Rom seinen frühverstorbenen Bruder Jak. van H. und dann in Paris van der Meulen zu Lehrern; seine Hauptmuster aber waren die Werke Phil. Wouverman's. Prinz Eugen von Savoyen ließ von ihm seine 1708 und 1,709 mit dem Herzog von Marlborough gelieferten Schlachten malen, die auch in einem Kupferwerke (Haag 1725, Fol.) erschienen. Im I. 1711 ging H. an den Hof des Kurfürsten von der Pfalz, wo er Mehres arbeitete und in großen Ehren stand. Sein Ereisenalter brachte er meist im Haag zu und starb zu Amsterdam 1733. Er übertraf van derMeulen und nähert sich Wouverman in Zartheit der Behandlung und Lebendigkeit der Darstellung, ja selbst in der Luftperspective. Seine Charakteristik der verschiedenen Leidenschaften, Individuen und Völker erregte mit Recht die Bewunderung der Zeitgenossen. Auch seine radirten Blätter und Kupferstiche haben vieles Verdienst. Huhn. Die gewöhnlichen Haushühner stammen wahrscheinlich von dem Bankiva, einer Hühnerart, die in den Wäldern von Java wild vorkommt, von dem franz. Reisenden Leschenault entdeckt wurde, gegenwärtig aber in den meisten ornithologischen Sammlungen sich findet; wenigstens ist die Ähnlichkeit zwischen dem Männchen der wilden Art und einem gewöhnlichen goldbraunen Haushahne sehr groß. Man vermuthet, daß zu des Königs Salomo Zeiten, wo der Handel mit Indien durch das Rothe Meer zuerst lebhaft betriebst, wurde, auch jenes nützliche Thier nachPalästina gekommen sein möge und von da sich über Europa verbreitet habe. Gegenwärtig findet man das Haushuhn, mit Ausnahme der kältesten Länder, fast über alle bewohnten Erdgegenden verbreitet. Wie alle der Cultur seit unvordenklichen Zeiten unterworfenen Hausthiere, ist auch das Haushuhn in sehr zahlreiche Varietäten zerfallen, unter welchen der Sarsevese oder Paduahahn, von acht bis zehn Pf. Schwere, den man nur im Venetianischen in wenigen Dörfern antrifft; der g e- haubte Hahn; der Bantom oder türk. Hahn; das Zwerghuhn und das mit schwarzer Haut und schwarzen Kielen versehene Negerhuhn die merkwürdigsten sind. Unter dem Hausgeflügel sind Hühner die nützlichsten, indem sie sich schnell vermehren und keine sehr sorgfältige Pflege erfodern; doch sind sie verschiedenen Krankheiten unterworfen. Der Hahn wird mit dem vierten Monate fähig zur Begattung und bleibt gegen drei Jahre in voller Kraft; durch Castration entsteht aus ihm der Kapaun. Die Fruchtbarkeit derHen- nen ist je nach der Nace verschieden; gute Leghennen bringen aller zwei Tage ein Ei. Die Zeit des Lcgens beginnt im Mittlern Europa im Febr. und dauert, wenn man der Henne das Brüten nicht gestattet, bis in den Sept., wo die Mauser eintritt; durch künstliche Mittel kann man indeß dieHennc, die häufig auch ohnevorgängigeVerbindung mit dem Hahne Eier (sogenannte Windeier) legt, dahin bringen, im Legen ununterbrochen fortzufahren, wodurch sie sich indeß frühzeitig erschöpft. Da die Hühnerzucht im Großen, zumal in der Nähe volkreicher Hauptstädte, ein einträgliches Geschäft ist,„so hat man in neuern Zeiten mehrmals, jedoch ohne genügenden Erfolg, die von den alten Ägyptern erfundene und noch jetzt im Nildclta geübte künstliche Ausbreitung der Eier nachzuahmen versucht. (S. Brüten.) Für das Studium der Entwickelungsgeschichte ist diese letztere von großem Interesse; die Ausbildung des jungen Vogels ist genau verfolgt und abgebildet worden von Pander in den „Beiträgen zur Entwickelungsgeschichte des Hühnchens im Ei" (Würzb. 1817, Fol.). Hühnen, s. Hünen. Hühnerauge, Krähen au ge oder Leichdorn (davus s. Kelos) nennt man die Verhärtung einer Hautstelle, welche sich auch manchmal auf den darunter liegenden Zellstoff fortsetzt und so eine Art Wurzel bildet. Das Hühnerauge entsteht stets durch einen anhaltenden Druck auf eine bestimmte Hautstelle, besonders wenn zwischen dieser und dem darunter liegenden Knochen nur ein schwaches Polster von Fett oder Fleisch sich befindet; daher erscheint es am häufigsten an den Füßen bei Personen, welche enge Fußbekleidung tragen, selten an andern Körperstellen, z. B. am obern Rande des Hüftknochens durch den Conv.-Sex. Neunte Aufl. VH. 22 338 Huissiers Hüll Druck einer Schnürbrust. Es verschwindet meist von selbst, wenn der Druck, durch den es entstand, aufgehoben wird, was, wenn man ihn nicht gänzlich entfernen kann, am besten dadurch geschieht, daß man mit Heftpflaster bestrichene Stückchen Leinwand zehn bis zwölffach übereinander legt und in deren Mitte ein Loch schneidet, welches beim Auflegen das Hühnerauge aufnimmt. Gegen Hühneraugen auf der Fußsohle trägt man Filzsohlen, die ebenso ausgeschnitten sind. Außerdem wendet man Bäder und verschiedene Pflaster an, um die Hühneraugen zu erweichen, worauf sie mit einem stumpfen Instrumente herausgehoben werden. Das Messer anzuwenden ist nicht rathsam, weil man leicht zu tief schneidet, was sehr gefährliche Zufälle zur Folge haben kann und auch nicht viel hilft, weil dabei die Wurzel selten mit ausgerottet wird, und wenn dieses nicht geschieht, bei wiederkehrendem Druck das Hühnerauge bald seine vorige Größe wiedererlangt. Huissiers oder Gerichtsvollzieher heißen in den Ländern der franz. Gerichts- . Verfassung diejenigen Unterbeamten der Gerichte, welche Ladungen, Insinuationen und ' Exemtionen auf vorherige Auffoderung der Parteien oder des Staatsanwalts besorgen. Sie sind öffentliche Beamte der vollziehenden Gewalt, von den Richtern unabhängig und befähigt, Protokolle mit der Wirkung voller Glaubwürdigkeit in ihrem Amtsbereiche aufzunehmen. Jedes Gericht wählt sich aus ihnen die zu seinem innernDienst benöthigte Zahl, die sogenannten Audienzhuissiers. Außerdem steht den Huissiers noch das Rechtzu manchen Acten der sogenannten freiwilligen Gerichtsbarkeit zu; in Nheinpreußen werdsn z. B. die meisten Auktionen von ihnen abgehalten. Huldigung nennt man die feierliche und eidliche Gelobung (bomuAinin), dem LehenS- und Landeshcrrn „treu, hold und gewärtig zu sein", besonders aber die Landes- oder Staatshuldigung, d. i. die feierliche und eidliche Gelobung der Treue und des Gehorsams von Seiten der Unterthanen gegen ihren Landesregenten. Die Landeshuldigung gilt dem Staatsvereine überhaupt und unterscheidet sich dadurch von dem Lehenseid (va-allsgium), dem Bürgereid, dem Erbeid und dem Amts- oder Diensteid, in welchen sie jedoch mikcnk- halten zu sein pflegt. Die Lanveshuldigung ist zwar das äußere Zeichen der Landeshoheit ^ auf der einen und der Landesunterthänigkeit auf der andern Seite, nicht aber die Bedingung derselben; beide werden vorausgesetzt, und man ist nicht darum Untcrthan, weil man huldigt, sondern man huldigt darum, weil man Unterthan ist. Durch die Huldigung koird die schon vorhandene Pflicht nur anerkannt, aber keine neue begründet, sodaß die Reckte und Pflichten des Landesherrn und des Unterkhans dieselben bleiben, wenn auch kein Un- terthaneneid geleistet wird. Wer aber die Huldigung annimmk, erklärt sich dadurch für den wirklichen Landesherrn, und wer sie leistet, erkennt die Rechtmäßigkeit des Regenten an und unterwirft sich demselben. Ein neuer Regent »siegt eine allgemeine Huldigung anzunehmen, welcher nach der Staatsverfassung gewöhnlich ein förmlicher Eid oder doch die i ausdrückliche Erklärung vorangeht, die Verfassung treulich zu beobachten; sodann schwö- ^ ren die Civil- und Militairbeamten in Person, die obersten in die Hände des Souverains, die übrigen in die Hände ihrer Vorgesetzten; die Einwohner öffentlich in Masse. Bgl. Bunz, „Grundsätze der Huldigung in Deutschland" (Tüb. 179-t). Hüll oder Kingston upon Hüll, an der Mündung des Flusses Hüll in den Humber, in der engl. Grafschaft Jork, mit -169V» E., eine blühende Fabrik- und Handelsstadt, die nur von London, Liverpool und Bristol übertroffen wird und die Erzeugnisse der Manufacturen und Fabriken, vorzüglich aus den Grafschaften York, Lancaster und Nottingham, in alle Welt verbreitet. Der Binnenhandel beläuft sich jährlich auf den Werth von fünf Mill.Pf.St. Der Seehandel wird durch die Lage der Stadt am Hüll und in der Nähe des Humber, an welchem lehtern 1778 die jetzt sogenannten alten Docks, > 809 die Hnmberdocks und >829 die Verbindungsdocks angelegt wurden, die mit ihrem Wasserbecken einen Flächenraum von 26 Ackern einnehmen. Auch sind in neuern Zeiten zwei große Schiffswerft-, das eine auf dem Hüll, das andere auf dem Humber, angelegt worden. Die Stadt besitzt über 550 Schiffe und treibt unter allen brit. Häfen den Walfisch- fang am lebhaftesten, obwol dieser Erwerbszweig in der neuesten Zeit verloren hat. Zugleich unterhält sie einen lebhaften Verkehr mittels Dampfpacketbooten mit dem Conti- ucnt. Außer dem Schiffbau treiben die Bewohner noch besonders Spermaceti-Wal- Hullin 339 rathslichterfabrikation, Seifensiederei, Thranbrennerei, Zucker- und Ölfabrikation. Die Stadt hat mehre schöne Straßen und ansehnliche Gebäude. Unter den erster» zeichnen sich aus die Georgen - und Charlottenstraße, und unter den letzter» die Dreifaltigkeitskirche, in gothischem Stile 1312 erbaut, eins der herrlichsten Denkmäler der Baukunst des Mittelalters. Außerdem sind zu erwähnen das Trinity-House mit vielen Alterthümern und Seltenheiten, das Museum, das Theater, die Neiterstatue Wilhelm's III. und der botanische Garten, welcher durch die Bemühungen Will. Spencer's zu Stande kam, und mehre gut eingerichtete Hospitäler. Während der Bürgerkriege in England spielte H. als Festung eine bedeutende Rolle. In dem einige Meilen landeinwärts, unweit der Ousemün- dung in den Humber, gelegenen Flecken Goole haben in neuerer Zeit reiche Capitalisten und Fabrikanten, deren gemeinnützige Vorschläge zur Förderung des Handels die Stadt H. »bwieS, durch Errichtung zahlreicher Etablissements einen neuen Handelsplatz gegründet, der im raschen Aufblühen begriffen, bereits sehr ansehnliche Geschäfte macht. Hullin (Pierre Aug., Gras), General des franz. Kaiserreichs, war am 6. Sept. 1758 zu Genf geboren. Als Uhrmachergeselle kam er 1787 nach Paris, legte daselbst einen Uhrenhandel an, wurde aber bald bankrott und begab sich, von schönem Äußern unterstützt, als Lcibjäger in den Dienst des Marquis von Conflans. In dieser Stellung hatte er hinreichend Gelegenheit, die Triebfedern und Charaktere der beginnenden Revolution kennen zu lernen. Ehrgeizig und frciheitlicbend, beschloß er, sich in die Bewegung zu stürzen. Bei Erstürmung der Bastille, am 13. Juli > 789, zeichnete er sich durch große Kühnheit aus und erwarb sich dadurch die Gunst des Volks und des Gemcindcraths. Vergebens suchte er nach dem Siege den alten Commandanten der Bastille, Marquis yon Lau- noy, zu retten, indem er ihm seinen Hut aufsetzte; das Volk erkannte den Unglücklichen und ermordete ihn. An den folgenden Aufständen und Greueln nahm H. keinen Antheil. Von den Bastillestürmern wurde er wiederholt als Deputirter an den Convent gesendet, benahm sich aber an den Schranken stets mit Anstand und Mäßigung. Nobespierre haßte und fürchtete ihn und ließ ihn ins Eefängniß bringen, woraus ihn nur der Sturz der Schreckensmänner am 9. Thermidor rettete. Er betrat nun in der ital. Armee die militai- rische Laufbahn und wurde schon 1799 Generaladjutant Bonaparte's. Nach der Schlacht bei Lodi, in der er mit Auszeichnung focht, erhielt er das Kommando in der Citadelle von Mailand und half dann Genua vertheidigen. Gleich rühmlich kämpfte er in der Schlacht bei Marengo, sodaß ihm der erste Consul das Gouvernement von Mailand wiederanvertraute. Mit dem Grade eines Divisionsgenerals erhielt er 1892 den Oberbefehl über die Consu- larzarde. In dieser Eigenschaft führte er 1993 den Vorsitz im Kriegsgericht über den Herzog von Enghien (s. d.). Während er, freilich nach seiner eigenen Behauptung, zur Mäßigung rieth und im Begriff stand, Bonaparte um Milderung des Urtheils zu bitten, ließ Savary (s. d.), der nachherige Herzog von Novigo, den Verurthcilten eiligst erschießen. Bei Errichtung des Kaiserthrons wurde H. Baron und 1899 Graf. Zn den Feldzügen des Kaisers führte er eine Division und wurde gewöhnlich da verwendet, wo der Kaiser auf besondere Klugheit, Ergebenheit und Festigkeit rechnete. So war er namentlich Gouverneur von Berlin und von Wien. Während des ruff. Feldzugs übertrug ihm Napoleon, als dem bewährtesten General, die Commandantur zu Paris. Ungeachtet seiner Wachsamkeit gelang es doch den Feinden des Kaisers, die sogenannte Verschwörung Mallet'S (s. d.) onzustisten. Letzterer erschien in der Nacht vom 29. zum 21. Oct. >812 vor H., brachte ihm die angebliche Nachricht von dem Tode des Kaisers und bot ihm den Befehl über die bewaffnete Macht an, wenn er anders zu einer Verfassungsveränderung beitragen wollte. Da indeß H., um Zeit zu gewinnen, mit seiner Erklärung zögerte, zerschmetterte ihm Mäklet durch einen Pistolenschuß die untere Kinnlade. H. hatte noch die Kraft, den Mörder z» überwältigen; auch wurde er glücklich geheilt. Er behielt die Commandantenstelle bis zum Mär; 1813 und begleitete dann die Kaiserin nach Blois. Nach der Abdankung Napo- leon's schickte er aus patriotischen Gründen seine Unterwerfung ein. Dessenungeachtet wurde er seines Postens entsetzt, weshalb er auch mit der Rückkehr des Kaisers wieder in besten Dienste trat. Bei der zweiten Restauration verlor er seine Freiheit und mußte im 22 * r. - Vj 340 Hüllmann Hnlthem Jan. 1816 in die Verbannung wandern. Von Brüssel ging er nach Hamburg, wo er sich dürftig von kleinen Handelsgeschäften nährte, da er verschmäht hatte, sein Vermögen in Sicherheit zu bringen. Seine Gattin verschaffte ihm 1819 Begnadigung; halb erblindet kehrte er nach Frankreich zurück, wo er bald gänzlich das Gesicht verlor. Der Streit mn die Verurtheilung und Hinrichtung des Herzogs von Enghien veranlaßte ihn noch 1821 , sich darüber in einer Schrift zu rechtfertigen und Savary als den Schuldigen zu bezeich. nen. Fern von aller Theilnahme am öffentlichen Leben starb er am 24. Aug. 1832. Hüllmann (Karl Dietr.), Geh. Negierungsrath und ordentlicher Professor der Eischichte an der Universität zu Bonn, geb. 1765 zu Erdeborn in der ehemaligen Grafschaft Mansfeld, war nach vollendeten Studien zuerst an der Schule zu Klosterbergen und dam an der Realschule in Berlin angestellt, worauf er als Professor nach Frankfurt an der Oder und l 898 in gleicher Eigenschaft nach Königsberg kam. In Folge eines Nuss nach Heidelberg im J. >817 erhielt er von der preuß. Regierung die Zusicherung, an die in Bonn zu errichtende Universität versetzt zu werden, was im folgenden Jahre geschah. Zum ersten Rector dieser neuen Hochschule ernannt, machte er sich insbesondere um deren innere Einrichtung verdient. Seiner schriftstellerischen Thätigkeit gaben die Ereignisse der Zeit, in welche seine wissenschaftliche Ausbildung fiel, und namentlich die durch die franz. Revolution bewirkte politische Umgestaltung Europas vorzugsweise die Richtung auf das Leben im Staate und in der Kirche, auf die geschichtliche Behandlung sowol der Verhältnisse beider gesellschaftlichen Anstalten überhaupt als insbesondere des Staatshaushalts, des Handels, der städtischen Betriebsamkeit und der Städteverfaffungen. Hierher 'gehören namentlich seine Schriften: „Untersuchungen der Naturaldienste des Unterthanen" (Berl. I80Z); „Deutsche Finanzgeschichte des Mittelalters" (Berl. >895) und der Nachtrag dazu die „Geschichte des Ursprungs der Regalien in Deutschland" (Franks. > 896); „Geschickte de§ Ursprungs der Stände in Deutschland" (3 Bde., Franks. 1896—8; 2. umgearb. Ausl., Berl. 1839); die beiden Preisschriften „Geschichte der Domainenbenutzung in Deutschland" (Franks. I8V7) und „Geschichte des byzant. Handels" (Franks. 1898); „Urgeschichte des Staats" (Königsb. 1817); „Ursprünge der Besteuerung" (Köln >8l8); „Staats- rechr des Alterthums" (Köln 1829); „Städtewesen des Mittelalters" (4 Bde., Vom 1825—29); „Ursprünge der Kirchenverfaffung des Mittelalters" (Bonn 1831); „Rim. Grundverfassung" (Bonn 1832); „Staatsverfassung der Israeliten" (Lpz. 1834); „Ursprünge der röm. Verfassung, durch Vergleichungen erläutert" (Bonn 1 835); „äus;>»n- tiüeiuw derRömer" (Bonn 1837); „Würdigung des delphischen Orakels" (Bonn IM); „Handelsgeschichte der Griechen" (Bonn 1839); „Griech. Denkwürdigkeiten" (Bonn 1849); „Geschichte des Ursprungs der deutschen Fürstenwürdc" (Bonn 1842) und „Staats- wirthschaftlich-geschichtliche Nebenstudien" (Bonn 1843). Hülsenfrüchte nennt man diejenigen landwirthschaftlichen Culturpslanzen, deren Samen in Schoten oder Hülsen eingeschloffen sind. Dahin gehören Erbsen, Bohnen, W- cken und Linsen. - Die Hülsenfrüchte enthalten weniger Mehl als die Getreidefrüchte, aber eine mehr schleimige, besonders stark nährende Substanz. (S. auch Cerealien.) Hulthem (Karl Jos. Emmanuel van), ein um die nationale Bildung in Belgien nach vielen Richtungen hin sehr verdienter Gelehrter, geb. zu Gent am l l.Apr. 1764, stammte aus einem sehr angesehenen genter Patriciergeschlechte. Frühzeitig seines Bakers durch den Tod beraubt, wurde er dem Gymnasium zu Gent zur Ausbildung übergeben, schwächlicher Gesundheit halber aber bald zu einem Kaufmann in Lille in die Lehre gebracht. Seinem für die Wissenschaften glühenden Geiste sagte aber dieser Beruf nicht z»i nach Überwindung mancher Hindernisse brachte er es endlich dahin, daß er >785 die Universität zu Löwen besuchen durfte, wo er die Rechte studirte, aber auch mit Vorliebe Phi> losophie und Literaturgeschichte betrieb, Reisen machte und ebensowol die Bibliotheken berühmter Abteien als Naturaliensammlungen, Bergwerke und Steinbrüche mit gleichem Interesse aufsuchte. Nach zurückgelegten Universitätsjahren lebte er, namentlich mit geschichtlichen Studien sich beschäftigend, in Gent. Unter den politischen Stürmen des Z- 1789 zum Mitglied des genter Stadtraths erwählt, trat er in die öffentliche Laufbahn ein, in welcher er mit ebensoviel Freiheitssinn und Patriotismus als Uneigennützigkeit wi rui ten aka Z- in ren ken zur Eis Ba einl Sä lich der ma un! nei Gl am bri sich nn ^ idlt um ich. Ze- jaft mn dm rch s nn ^ um >m eit, V0> den bei- an- mt- yi dir dl« > 5 , sch' I chtr >ts> >nn im. Ur. M- >nn >ls< rrn W. der ^len - cr- >en, ge> jUi Mi- chi> ken em ihn keil Human Humanität 341 wirkte. Im I. I79l kam er zum ersten Mal nach Paris, wo er namentlich auch die Bibliothekare von Saint-Leger, Van Praet und Leblond kennen lernte. Nach der Eroberung der Niederlande durch Dumouriez wurde er >792 unter die sechzig Repräsentanten von Gent ausgenommen und noch in demselben Jahre zum Director der Zeichenakademie erwählt. Bei dem zweiten Eindringen der Franzosen in die Niederlande im Z. 1794 wurde er mit 47 Landsleuten als Geisel nach Paris abgeführt, wo er jedoch in Folge der Ereignisse des 9. Thermidor sich einige Monate frei bewegen durfte, während welcher Zeit er besonders die Normalschule, sowie die Schähe der Nationalbibliothek kennen lernte. Dabei sammelte er für seine Bibliothek und brachte, als er im Mai 17 95 zurückkehren durfte, sechs Bücherkisten nach Gent mit zurück, wo er nun mit großem Eifer dahin wirkte, die vaterländischen Denkmäler der Kunst der Zerstörung des franz. Bandalismus zu entziehen Als das Gesetz vom 3. Brumaire des I. IV die Errichtung einer Centralschule und einer Bibliothek in jedem Departement gebot, sammelte er die Schätze der aufgelösten Klöster und vereinigte sie in einem Kunstmuseum und einer öffentlichen Bibliothek. Im I. >797 wurde er Deputirter des Schuldepartements beim Rath der Fünfhundert und zugleich Jnspector der Nationaldruckerei zu Paris. Nach aber- . maligem zweijährigen Aufenthalte in seiner Vaterstadt (>890—2), wo er als Bibliothekar und Mitglied des Departementsraths thätig war, wurde er ohne alle Bewerbung von seiner Seite Mitglied des Tribunals und blieb es bis zu dessen Aufhebung im I. >808. Glänzend war seine politische und literarische Thätigkeit sowol in dieser Eigenschaft als auch später als Rector der Rechtsakademie zu Brüssel (>8»9—>3), als Gründer der brüffeler Snciöte ckos bouux-srts (I8l l), als Gresfier der Abgeordnetenkammer (1815 — >7) und als beständiger Secretair der neuerrichteten brüffeler Akademie der Wissenschaften, und wenn er sich weniger als Bibliothekar der Stadt Brüssel und Aufseher der Manuscriptensammlung der Herzoge von Burgund verdient machte, woran ihm seine sonstigen vielen Beschäftigungen hinderlich waren, so war seine Wirksamkeit desto bedeutender als Curator der Universität zu Gent und als Mitglied der zweiten Kammer der General- siaaten- Die nach der Schlacht bei Waterloo auf ihn gefallene Wahl als Mitglied der Commission zur Rückfederung der nach Paris abgeführten Schätze lehnte er aus Rücksichten ab. Seine schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich auf historische und staatswirth- schastliche Abhandlungen von Zeit- und Localintercsse. In dem Streite über die Ansprüche der Holländer auf die Ehre der Erfindung der Buchdruckerkunst nahm er gegen dieselben Partei. Einen Namen erwarb sich H. nicht blos als Bücherkenner, sondern auch als Büchersammler. Seine mit Umsicht und Kenntniß von frühester Jugend an gesammelte Bi- - bliottzek, deren von Voisin redigirter Katalog unter dem Titel „vibliotllec.» Hultbemisn»" ss> Bde., Gent 183»—37) erschien, belief sich bei seinem Tode auf 6499» Bände, und die Manuskripte enthielten >»>6 Nummern, letztere größtentheils auf Belgiens politische, Kirchen- und Literaturgeschichte sich beziehend. Sie wurde >837 von der belg. Negierung für den Preis von 27949» Francs angekanft und bildet den Kern der >839 erössneten Nationalbibliothek in Brüssel. Human, ein Städtchen im russ. Gouvernement Kiew mit 399» E., ist dadurch denkwürdig geworden, daß es, als 1765 eine allgemeine Empörung derKosacken in der Ukraine gegen ihre poln. Herren ausbrach, von den Kosackenhäuptlingen Gonta und Zelezniak er- siürmt wurde, worauf man die Bewohner nebst vielen Flüchtlingen aus der Umgegend, vielleicht an >59»» Menschen, auf die schrecklichste Weise ermordete. Humanität, d. i. Menschlichkeit, bezeichnet im weitern Sinne Das, was den Menschen den Charakter der Menschheit gibt, im Gegensätze der Bestialität oder Brutalität, d i. Thierheit. Schon Cicero verbindet mit dem Grundbegriffe die Nebenvorstellungen von ^utseligkeit, Menschenfreundlichkeit, Feinheit und Artigkeit im Betragen, und weil diese mgcnschasten nur durch eine der Bestimmung des menschlichen Geistes angemessene Bildung erlangt werden können, knüpft er an den Begriff der Humanität den Besitz aller der Kniage», Kenntnisse und Fertigkeiten, welche Anspruch auf Bildung geben, und vorzugsweise dem Menschen angehören, der durch menschliche Bildung sich eigenthümlich entwickelt. Die Humanität besteht demnach in der harmonischen Ausbildung der den Men- 342 Human« scheu als solchen charakterisircnden ethischen und intellektuellen Eigenschaften. Als di, i griech. und lat. Sprache sich in die neuern verloren, und die Schätze des elastischen Alt«, j thumsaus dem wirklichen Leben in die Bibliotheken der Gelehrten übergingen, bliebensi, in den ersten Jahrhunderten nach der Völkerwanderung noch allein Anhalt und Musin der Bildung für Diejenigen, die sich über die Rohheit ihres Zeitalters erheben wollten. Wenn die Alten durch den Verkehr mit der Welt und philosophische Studien unmittelbar zu ihrer Bildung gelangten, so konnte es nun nicht ohne Vermittelung des Sprachstudium« geschehen. Der Schlüssel zu den Quellen der klassischen Bildung, die man für die einzig echte hielt, die Philologie, wurde nun Bedingung aller wissenschaftlichen Bildung, und da die wissenschaftliche Bildung für den höchsten Grad der menschlichen galt, so glaubte ma» den Begriff der Humanität auf die Kenntnis der alten Sprachen nicht nur ausdehnen, sondern bisweilen sogar auf sie beschränken zu müssen. Daher nannte man die philologi- ! scheu und die mit ihnen unmittelbar zusammenhängenden Studien vorzugsweise Humaniora und das Erziehungsfystem, welches alle Bildung auf die Erlernung der alten Sprachen baut, den Humanismus. Dieses System war seit der Wiederherstellung der Wis- . senschaften im Occidcnte das herrschende. Das im > '>. und l 6. Jahrh. neuangeregte Studium der elastischen Literatur und Sprache wurde der Grund der neuern gelehrten Bildung, und die Humanisten, d. h. die Kenner und Lehrer dieses Studiums, blieben seitdem bis in die letzte Hälfte des t 8. Jahrh. im ungestörten Besitze der Alleinherrschaft übn die gelehrte Welt. Daß aber der Zweck über den Mitteln oft aus den Augen gesetzt; das die Beschränkung des vielumfassenden Begriffs der Humanität auf den Gesichtskreis dcr Philologie allmälig zur Gewohnheit und verderblich wurde; daß dcr philosophische Steif- sinn der Scholastiker mit allen feinen Kleinlichkeiten in den grammatischen und kritischen der Humanisten überging; daß die Humanisten über den tobten Buchstaben den Geist der Alten verloren, und sich durch ihre Inhumanität, Anmaßung und Schroffheit nicht weniger berüchtigt als durch ihre Gelehrsamkeit berühmt, aber, versteinert in den Formen de« ^ Alterthums, zur lebendigen Wirksamkeit auf das gegenwärtige Geschlecht und für die Bedürfnisse desselben, die sie nicht kannten, untüchtig machten i das Alles waren Verirrungen des Humanismus, bei denen seine Humanität verdächtig und oft Gegenstand dcr Satire werden mußte. In offene Fehde wider die Humanisten trat in der zweiten Hälfte des Ib. Jahrh. der Philanthropinismus (s. d.), dessen Wortführer, Bascdow (s. d.)und Campe (s. d.), und ihre Nachfolger, durch die Verdrängung des Lateinischen und Griechischen aus den Schulen der Nichtgelehrten der Menschheit einen Dienst zu leisten glaubten. Da jedoch die Philanthropen sich nicht ohne Grund deu Vorwurf dcr Übertreibung , und Seichtigkeit in ihrer Bekämpfung des Humanismus zugezogcn hatten, so blieb die ; Mehrzahl der Gelehrten für das humanistische Studium, obgleich der Stoß, den dcr Humanismus in diesem Streite erlitt, an den Reformen der deutschen Schulen bcmerkiich wurde. Es kann zugegeben werden, daß Nichts, was zur harmonischen Ausbildung des Menschen dienen und ihn der ewigen Bestimmung seines Geistes näher führen kann , (s. Bildung), von der Humanität, in dem Sinne, in welchem sie Herder (s.d.)in seinen , „Briefen zur Förderung der Humanität" auffaßte, und von dem pädagogischen Systeme ' des Humanismus, wie es Niethammer in seinem „Streite des Humanismus und Philan- ^ thropinismus" (Jena 1808) aufstellte, ausgeschlossen ist; ebenso wird Niemand leugnen, daß eine ausreichende Kcnntniß dcr sogenannten klassischen Sprachen für eine eigentlich gelehrte Bildung noch für Jahrhunderte unentbehrlich bleiben wird; aber die wichtige pädagogische Frage ist, ob der lange und mühselige Weg des Unterrichts in der lat. und griech- Sprache für die überwiegende Mehrzahl Derer, für deren spätern Beruf die Kcnntniß dieser Sprachen entbehrlich ist, das ausschließende Mittel sei, sie der Wohlthaten einer wahrhaft bildenden Erziehung kheilhaftig zu machen. Eine große Anzahl Untcrrichtsanstalken hat daher in neuerer Zeit angefan^en, die Kenntniß dieser Sprachen dcr Kcnntniß der Sachen unterzuordnen oder sie der letzter» gegenüber ganz fallen zu lassen; schlimm ist es nur, daß dabei öfter die Rücksicht auf den künftigen Nutzen und die Brauchbarkeit für das Leben als die auf die Bedingungen eines wahrhaft erziehenden Unterrichts den Ausschlag gegeben hat. Human« (Jean Georges), franz. Finanzminister 1832—38 und > 8-10 -42, geb. ei^ tc ui ff I> stb dii in da die du bei E wi nu 8- ni wi de de E L Z d ei ei o> vi 2 Z a t! S l s' k v g e e t d d d r e t t i > tz» ! !ter- s ajü lstk! ten. lb» mit ml» )dr >u« aev, °g>' na> prr- Lis- :iu- 8i,. seit- ibn des dcr keif- chül der evi> dlS i N-- !gM uirc IS. und !ril< rub- ung, die Hu- klich des ann inen eine s lan> ncn, s tlich pä- iech. die- ahr- lken chen daß »IS hat. geh. Humboldt (Friedr. Heinr. Alex.) 343 zu Strasburg am 6. Aug. 1781, erlernte die Handlung und betrieb später mit Glück ein eigenes Geschäft. Im I. 1820 wählte ihn das Departement Niederrhein in die Deputir- kcnkammcr, wo er in verschiedenen Finanzangclegenheiten gegen die Negierung auftrat und als Anhänger dcr Doctrinaires auch >823 die Creditleistungen rücksichtlich der span. Expedition misbilligte. Ungeachtet der Gegenbestrebungen des Ministeriums wurde er 182 -t, nach Auflösung dcr Kammer, wieder gewählt. In der neuen Kammer erklärte er sich gegen die vom Minister Villele vorgeschlagene Rentenrcduction, indem er zwar nicht die Sache, aber die Art und Weise und die Ausdehnung verderblich fand. Ebenso nahm er in den Sitzungen von > 825—27 in allen Finanzfragen das Wort; auch erhob er sich gegen das Aufgeben der Souverainetät von Haiti, gegen die Entschädigung der Emigranten und die Beschränkungen der Presse. Bei den Wahlen von 1827 fiel er in seinem Departement durch; dagegen wählte ihn 1828 das Departement Aveiron zum Kammermitgliede. In der Sitzung von 1820 war er Berichterstatter über daS vorgelegte Budjet für 1830. Die Gründlichkeit, die er dabei an den Tag legte und die einfache, freimüthige Beredtsamkeit, womit er das Interesse des Landes dem Hofe gegenüber vertheidigte, erwarben ihm allgemeine Achtung und Popularität und legten den Grund zu seiner spätern Stellung. Im folgenden Jahre befand er sich unter den 221 Deputaten, welche die berühmte, gegen das Mi- nisterium Polignacss. d.) gerichtete Adresse vokirten. Gleich nach der Julirevolution trat er wieder als Deputirter des Niederrhein in die Kammer und wurde in den Ausschuß zur Abänderung der Verfassung berufen. Als Laffitte (s.d.) die Verwaltung übernahm, bot ihm derselbe das Finanzministerium an, was er jedoch, aus Rücksicht für seine Verbindung mit Gmzot, ausschlug. Auch den Eintritt in das Ministerium Pe'rier lehnte er ab. Erst als im Oct. >832 Soult mit den Doctrinaires die Verwaltung übernahm, trat auch H. an die Spitze des Finanzministeriums; zugleich gab ersein ausgedehntes Handelsgeschäft auf. An der politischen Reaction, welche nun die Doctrinaires in der Gesetzgebung begannen, nahm er mindern Antheil; dagegen begann er eine Reform des Staatshaushalts und der dahin einschlagenden Zweige, wofür ihm Frankreich für immer verpflichtet ist. Er setzte außerordentliche Ersparungen durch, regulirte daS Steuerwesen, besonders die Steuerkataster, vermehrte die Anstalten deS äußern und innern Verkehrs und belebte auf mannichfache Weise die Privatindustrie. Im Apr. 1833 brachte er das erste regelmäßige Budget zu Stande. Seine Zerwürfnisse mit dem Marschall Soult, der wie zur Zeit des Kaiserreichs auf die Reorganisation des Militairwescns ungeheure Summen verwendete, beschleunigten des letzter» Austritt im Juli 1833. H. führte, den Zwischenfall im Oct. >834 beim Rücktritte Gsrard's (s. d.) abgerechnet, die Finanzverwaltung bis zu Anfänge des I. 1836. Je tiefer er in den finanziellen Zustand des Landes eindrang, um so mehr überzeugte er sich, daß daS Gleichgewicht zwischen Einnahme und Ausgabe nur durch die Herabsetzung des Zinsfußes dcr Staatsschuld, wie es früher Villele gewollt, hergestellt werden könnte. Am 14. Jan. > 836 gestand er dies bei Vorlegung des Budgets von 1837 offen vor der Kammer ein. Diese Erklärung, der allerdings kein gemeinsamer Beschluß voran- gegangen, erregte den Unwillen seiner College», besonders aber des Königs, der sich durch eine Rentenrcduction die reiche Mittelklasse, die bisherige Hauptstütze seines Throns, zu entfremden fürchtete. H. legte sein Amt nieder, blieb aber in der Kammer, die.seine Ansicht theilte. Er unterstützte nun mit dem Gewichte seiner Kenntnisse den förmlichen Antrag des Deputaten Gouin auf Reduction des Zinsfußes und erfuhr bald die Eenugthuung, da? das Cabinet erliegen und abdanken mußte. , Am 3. Oct. 1837 wurde er zum Mitglied der Pairskammer ernannt, in der er sich mit Nachdruck der Finanzangelegenheilen annahm. Als im März 1839 Soult, nach dem Sturze des Grafen Mols", ein Ministerium aus dem linken Centrum zu bilden versuchte, wurde auch H. herbeigerufen. Die Zumu- thungen widerstritten jedoch seinen Grundsätzen, was die Auflösung der ganzen Combina- tion zur Folge hatte. Erst nach dem Rücktritte ThierS' im Oct. 1840 übernahm H. aufs neue im Ministerium Guizot die Finanzverwaltung. Durch ein strenges Ersparungs- Wern suchte er den durch die Kriegsrüstungen zerrütteten Staatshaushalt wieder zu ordnen. Der Tod überraschte ihn in seinen Amtsgeschäften am 25. Apr. 1842. Humboldt (Friedr. Heinr. Alexander, Freiherr von), wurde in Berlin am 14> 3-lä Humboldt (Kriedr. Heinr. Alex.) ^ Sept. 1769 geboren, studirte in Göttingen und Frankfurt an der Oder, besuchte eint Zeit lang die Handelsakademie Büsch's in Hamburg und verlebte hierauf, I7S<>—s>, ^ I ein Jahr auf der Bergakademie in Freiberg. Die ihm von der prcuß. Regierung NR ' > gegebene Anstellung als Assessor im Bergwerksdepartement, welche später mit dem Avilt j eines Oberbergmeisters in Baireuth vertauscht wurde, gab er >795 wieder auf, um einen i Lebensweg einzuschlagen, auf welchem es ihm gelungen ist, das Außerordentlichste für die i Wissenschaften zu leisten und sich einen unvergänglichen Namen zu bereiten. Von Jugend t auf zur Naturforschung durch innern Genius getrieben, angeregt durch erfolgreiche kleinere f Reisen, zumal aber durch den Umgang mit I. G. Förster (s. d.), den er > 79» auf einem 8 Ausfluge nach dem Niederrhein und Holland begleitet hatte, begann er nach einem Lande d umzublicken, dessen natürlicher und wenig gekannter Neichthum dem fleißigen Forscher die u Aussicht auf zahlreiche und wcrthvolle Entdeckungen eröffnen könnte. War auch die Wahl ! z desselben nicht sogleich fest entschieden, so wurden doch seit >795 die wissenschaftlichen Vor- ! a siudien mit großem Eifer begonnen und mehre Reisen zu diesem Zwecke unternommen. Um ^ c vulkanische Bodenbildung zu studiren, ging H. 1795 mit Hafter nach Oberitalien; der n Wunsch, thätigc Fcuerbcrge kennen zu lernen, sollte durch eine zweite im Nov. 1797 nach d Neapel gerichtete und in Begleitung von L. von Buch (s. d.) angetretcne Reise Befried,- ^ l, gung finden, jedoch zwangen die Kricgsercignisse schon in Wien zurAusgebung des Plans. ü H. wendete sich nach Paris, wo ihm eine zuvorkommende Aufnahme von Seiten der de- T rühmtesten Gelehrten wurde und bald ein freundschaftliches Verhältniß mit A. Bon- g plant» (s. d.) entstand, welcher zum Naturforscher der Expedition des Capitain Bau- 8 din (s. d.) ernannt war. Schon war H. entschlossen, diese zu begleiten, als derausgt- ^ brochene Krieg ihre Vertagung veranlaßte. ^ ? Ein zweiter Plan, Nordafrika zu bereisen, wurde fast in dem Augenblicke, wo dü ^ - Ausführung beginnen sollte, zum Glücke H.'s, der bereits mit Bonpland in Marseille auf - Schiffsgelegenheit wartete, durch Zeitereignisse durchkreuzt. Die Reisenden begaben sich - s nach Spanien, wo H durch den sächs. Gesandten, Freiherrn von Forell, unterstützt, im Mai i 1799 die sonst kaum gewährte Erlaubniß erhielt, das span. Amerika bereisen und jede Art k von Nachforschungen frei vornehmen zu dürfen. Am 4. Juni segelten die Reisenden «ou j t Coruna ab, vermieden glücklich die engl. Kreuzer und landeten am 19. Juni im Hafen vou , ! Santa-Cruz auf Teneriffa. Sic erstiegen den Pik und sammelten in wenig Tagen des Au- ^ fenthalts eine große Menge neuer Beobachtungen über die damals kaum gekannte natür- S liehe Beschaffenheit der Insel. Ohne Unfall kreuzten sie den Ocean und bettaten am >6. 1 r Juli zum ersten Male den Boden Amerikas bei Cumana. Achtzehn Monate verbrachten ^ s sie auf einer Forschungsreise durch die Provinzen des jetzigen Freistaats Venezuela, ge- S langten im Febr. 1899 nach Caracas, und verließen bei Puerto-Cabello von neuem die i Seeküste, um nach Süden gewendet über die merkwürdigen Grassteppen von Calobozo den ? Fluß Apure und durch diesen den Orinoco zu erreichen. Auf Jndianerkähnen drangen sie bis d zum südlichsten Grenzposten der Spanier, dem kaum zwei Breitegrade vom Äquator ent- i f fernten Fort San-Carlos am Niomegro vor, gelangten durch den Cassiquiare in den On- s i, noco zurück, fuhrdn bis Angostura hinab und erreichten Cumana am Ende einer Reise, die ß mehre hundert Meilen lang, nur durch unbewohnte Wildnisse geführt hatte. Sie schifften l >> sich nach Havana ein, lebten dort einige Monate und eilten, einen Südseehafen zu erreichen, f u als die falsche Nachricht sich verbreitete, Baudin, dem sie sich anzuschließen versprochen, S werde an der Westküste Südamerikas erscheinen. Von Batabano an der Südküste Cubas ü segelten sie im März 1891 nach Cartagena, um von da aus nach Panama zu gehen; allein ß da die Jahreszeit die Ausführung dieses Plans verbot, fuhren sie den Magdalenenstrom v hinauf bis Honda und wählten Bogota zum Wohnorte, um von da aus Streifzüge nach « den merkwürdigsten Punkten der Umgegend zu unternehmen. Sie setzten im Sept. 18«>> > trotz der eingetretenen Regenzeit die Reise nach Süden fort, indem sie die Cordillera de a Quindiu kreuzten, das Thal des Cauca verfolgten und nach den größten Beschwerden von Cali aus über Almaguer und Pasto am 6. Jan. 1892 Quito erreichten. Acht Monate ver- > g gingen ihnen unter den umfassendsten Untersuchungen des schönen Hochthales von Quito L und der Kette von gewaltigen Vulkanen, welche dasselbe umschließen. Von Umständen de- L 345 Humboldt (Friedr. Heim. Alex.) günstigt, bestiegen sie mehre derselben bis zu früher nicht erreichten Hohen. AufdenChim- borasso gelangten sie am 23. Juni >802 bis zur Höhe von 19300 F., also um 3385 F. höher als Condamine im I. >745. Sie standen hier auf dem höchsten, je vorher von Menschen erstiegenen Gipfel der Erde, und wurden durch eine tiefe Schlucht ander Erklimmung der äußersten, noch um 2 l 30 F. höhern Spitze gehindert. Carlos Montufar, der Sohn des Marquis von Selvalegre, ein für die Wissenschaften allein lebender junger Mann, der, wie viele der Bessern seines Volks, der später eingetrctenen Revolution als Opfer siel, schloß sich in Quito an die Reisenden an und begleitete sie fortan bis zum Schlüsse der langen Wanderung durch Peru und Mexico. Über Loxa, Jaen de Bracomoros, Caxamarca und die >2000 F. hohe Kette der Anden erreichten sie bei Truxillo die Küste des großen Oceans, und gingen durch die wasserarme Sandwüste von Niederperu bis Lima. Um nach Mexico zu gelangen, schifften sie sich im Jan. 1803 von Callao nach Guayaquil ein, und landeten am Schluffe einer zweiten ermüdenden Fahrt in Acapulco. Über Tasco und Cuernaraca erreichten sie im Apr. die Hauptstadt Mexicos, wo sie einige Monate verweilten und dann nach Süden gewendet Euanaxuato und Valladolid besuchten, die Provinz Mechoacan durchstreiften, nochmals die Küste des großen Oceans bei Jorullo berührten und über Tv- lucca nach Mexico zurückkehrten. Ein nochmaliger Aufenthalt in dieser damals sehr reichen und durch die Bildung der höhern Einwohnerclassen ausgezeichneten Stadt wurde zur Ordnung der reichen Sammlungen und Zusammenstellung der vielseitigen Beobachtungen verwendet. Im Jan. 1803 gingen die Reisenden auf der gewöhnlichen Straße nach Veracruz ab, entkamen glücklich dem damals ausgebrochenen Gelben Fieber, segelten nach Havana, wo sie nochmals zwei Monate verweilten, und von da nach Philadelphia, wo zwei Monate mit vergleichenden Untersuchungen verbracht wurden. Im Aug. 1803 landeten H. und sein treuer Begleiter Bonpland in Havre, an Sammlungen, besonders aber an Beobachtungen aus dem großen Gebiete der Naturwissenschaften, der Geographie, Statistik, Ethnographie, reicher als irgend ein früherer Reisender. H. wählte Paris zum Aufenthalte, indem kein Ort des Continents damals einen gleich bedeutenden Schatz von wissenschaftlichen Hülfsmitteln darbot, keine ebenso viel große und thätige Forscher einschloß als jene Hauptstadt. Nachdem H. in Gesellschaft von Gay- Lussa c(s. d.) Italien, dann 1818 London besucht hatte, ließ er sich 1828 in Berlin nieder und lebte daselbst in der unmittelbaren Umgebung des verstorbenen Königs, dem der Umgang mit dem geistreichen H. fortan ein Bedürsniß blieb. Zum Wirklichen Geh. Rath ernannt, erlangte er einen bedeutenden, aber stets nur für die edelsten Zwecke benutzten Einfluß und wurde mit mehren politischen Missionen betraut, die von der Art waren, daß man glaubte, ihren Zweck durch die gewinnende Persönlichkeit des gefeierten Gelehrten leichter zu erreichen als durch gewöhnliche diplomatische Unterhandlung. Ein früher entworfener Plan, Indien zu bereisen, um eine Vergleichung zwischen den höchsten Gebirgen der Erde, den Anden und dem Himalaja anzustellen, kam nicht zur Ausführung, obgleich zuerst die stanz. Regierung Unterstützung versprach, und später der König von Preußen, zu Aachen im Nsv. 1818, eine jährliche Summe von 12000 Thlr. und eine wissenschaftliche Ausrüstung anbot. Auf besonder» Wunsch und unter Begünstigung der russ. Regierung trat H. im Apr. 1829, begleitet von Ehrenberg (s. d.) und G. Rose, eine Reise nach Sibirien und dem Kaspischen See an. Die Reisenden legten in Zeit von einem Jahre 2132 geo- graphische Meilen zurück, gingen von Nowogorod auf der Wolga bis Kasan, zu Lande über Perm nach Katharinenburg, Tobolsk, Barnaul, Schlangenberg und Zyrianski am südwestlichen Abhange des Altai, über Buchtarminsk bis an die chines. Grenze, dann zurück über Ust-Kamenogorsk, Semipalatinsk, Omsk, Tobol, den südlichen Ural, Orenburg, Tscherkask, Saratow, Sarepta, Astrachan, Moskau und Petersburg, welches am >3.Nov. >829 erreicht wurde. Abgesehen von häufig wiederholten Besuchen in Paris und kleinen weisen in Deutschland lebte H. seitdem in Berlin. Wenden wir uns zur Darstellung der wissenschaftlichen Leistungen H.'s und des ebenso Wßen als wohlthätigen Einflusses, welchen er während eines langen und höchst arbeitsamen Gebens auf die Naturforschung ausgeübt hat, so stoßen wir auf einen hier kaum zu bewälti- MdenStoff. Die Thätigkeit der Naturforscher, zumal derReisenden unter ihnen, pflegt nach 346 Humboldt (Friedr. Heinr Alex.) zwei Richtungen zu gehen. Sie bezweckt entweder die Anhäufung eines reichen Materials an Sachen,Beobachtungen und speciellen Untersuchungen, oder sie unternimmt dieVerarbci- tung der Resultate eigenerund fremder Forschung zu einem Ganzen, welches entweder unterstützend und erweiternd an schon Vorhandenes sich anschließt, oder an die Stelle des unbrauchbar gewordenen Alten tritt. Seltener als man meinen möchte, sind die Männer, die mit gleichem Glück nach beiden Richtungen arbeiten, denn es seht die Verfolgung der leh- tern nicht nur tiefe, sondern auch sehr vielseitige positive Kenntnisse, großes Talent der Beobachtung und die Gabe des Generalisircns voraus, die Fähigkeit nämlich, an Thatsachen schnell und scharf jene wichtigen und bezeichnenden Seiten aufzufasscn, wo sie mit andern sich verbinden lassen, andere unterstützen und sie erklären. H.'S Leistungen sind in beiden Beziehungen sehr groß, aber besonders sind diejenigen seiner Arbeiten merkwürdig und verdienstlich, wo er den Schatz eigener Erfahrungen und Beobachtungen mit den fremden aller Zeiten bis auf die Gegenwart herab in Verbindung bringt, und mit Klarheit die überraschendsten Resultate darlegt. Schon aus einem seiner frühesten, noch vor der Reise nach Amerika verfaßten Werke „Über die gereizten Muskel - und Nervenfasern" (2 Bde., Berl.! 797—99) spricht dieser Geist, und nach Verlauf von fast einem halben Jahrhundert erkennt die inzwischen weit vorgeschrittene Physiologie die Genauigkeit und Schärfe jener Versuche über Galvanismus und die Wahrheit der meisten der aus ihnen gezogenen Folgerungen. Auf seinen Reisen Höhenmessungen mit Üntersuchung der thermometrische» Verhältnisse und der Beschaffenheit des BodenS verbindend, und neben diesen kiefern Arbeiten es nicht verschmähend, Herbarien zu sammeln, gelangte H. zu einem reichen Material, durch dessen geistreiche Combination unter seinen Händen eine neue Wissenschaft, die Pfianzengeographie, entstand. Zwar hatten schon Linns und einige seiner Nachfolger manche der hervorstechendsten Erscheinungen in der Verbreitung der Pflanzenwelt bemerkt, alleinsich nie mit genauer Untersuchung derselben beschäftigt. Es blieb H. das große Verdienst, eine unendliche Menge von Thatsachen, die zum Theil in den entlegensten Erdwinkeln beobachtet worden waren, mit den eigenen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, ihre Vrr- bindung mit den Lehren der Physik nachzuweiscn und die Gesetze zu erläutern, nach welchen die unendlich formenreiche Pflanzenwelt über den weiten Erdkreis vertheilt ist. Können solche Untersuchungen an sich nicht isolirt angestellt werden, so führen sie zumal einen geistreichen Forscher auf Prüfung mancher scheinbar fernliegenden Frage, und so ist es denn geschehen, daß unter H.'s Händen die in ihrer altherkömmlichen Form ziemlich geistlose Botanik zu einer der anziehendsten der Naturwissenschaften wurde. Es gelang H. nachzuweisen, welche gewaltige Einwirkung die stille und passive Pflanzenwelt auf Bildung des Bodens, auf den Zustand der Völker und auf die geschichtliche Entwickelung des Menschengeschlechts seit der Urzeit geübt hat. So viel Anziehendes hat für den Denkenden dich Verbindung der physikalischen Wissenschaften mit der menschlichen Geschichte, und so reich an unerwarteten Ergebnissen ist diese neue Betrachtungsweise, daß den von H- entdeckten Weg alsbald eine bedeutende Zahl von Forschern zu verfolgen begann. Mit allem Rechte darf man daher H. als den Gründer einer besondern Schule ansehen, die jetzt keineswegs in Deutschland allein wurzelt. Ist es auch nur Wenigen gelungen, dem Vorbilde sich fast gleichzustellen, so durchweht doch gegenwärtig der Geist, den wir nicht anstehen wollen als den H.'schen zu bezeichnen, die höhern Leistungen aller europ. naturwissenschaftlichen Reisenden. Je überraschender die Resultate sind, die durch Combination von Wissenschaften erreicht werden, welchen man ehedem keine engere Verwandtschaft zutraute, je wahrer sie sich erweisen, je freier die H.'sche Naturforschung von mystischer Deutung und von Geheim- spräche sich stets erhielt, je klarer und selbst den Mindergeweihten verständlich sie hintritt, um so sicherer wird sie für die Folgezeit ein Muster bleiben. Zu der innern Tüchtigkeit der H.'schen Werke gesellen sich als nicht unbedeutende Nebeneigenschasten die poetische Auffassung der Natur, da wo es darauf ankommt, anschauliche Gesammtbilder zu entwerfen, und das Geschmackvolle der Form. Tausende von Lesern, welchen im Übrigen keine spe- cielle Kenntniß der Naturwissenschaften zu Gebote stand, haben sich durch H.'s Naturge- mälde der Tropenländer hingerissen gefüblt. Die Arbeiten H.'s in einzelnen Fächern sind staunenswerth durch ihren Umfang und ! ! s i- :n r- e- >ir h- ch ne h- !r° en en st- m ei- ie- !N- ese ich e» )t- ast ^ f ci- ' !!» st- ith der uf- e", pe> ^ >nd Humboldt (Friede. Heinx. Alex.) 347 die Mannichfultigkcit ihrer Richtung. Ein großer Theil der weitschichtigen span. Colonien in der Neuen Welt war zu Anfang dieses Jahrhunderts kaum an den Küsten bekannt, und selbst den besten Karten durfte nur beschränktes Vertrauen geschenkt werden. Mehr als 70l» Ortsbestimmung«:, welche H. auf astronomischem Wege gewann, wurden die Grund- läge eines später von Oltmann hcrausgegcbenen astronomischen Werkes und der großen Karten des Orinoco, Magdalrnenstrvms uno Mcricos. Mit dem Barometer in der Hand legte H. Reisen, wie jene von Bogota bis Lima zurück, mit ihm erstieg er den Pik von Tcne- riffa, denChimboraffo, Antisana, Pcrotc und zahlreiche andere Bergspitzen, und so erlangte er <59 Höhenbestimmungen, die oft durch trigonometrische Messung unterstüht, für die Hypsometrie Amerikas unschätzbare Materialien lieferten, und für manche Provinzen bis jetzt die einzigen geblieben sind. Die später von ihm in Deutschland und Sibirien vorgenommenen Messungen und die Combinati'on dieser umfangreichen eigenen Arbeiten mit denjenigen, die andere Reisende in den meisten zugänglichen Weltgegenden gemacht hatten, gaben H. Veranlassung zu Zusammenstellungen, welche auf die Geographie den mächtigsten Einfluß ausübten, für die Lehre aber von der Verbreitung der Organismen die unentbehrlichsten Stützen bildeten. Die Klimatologie steht in enger Verbindung mit den For- schungen über Bodenbildung; auch sie hat durch H. Aufklärung und viele Erweiterung erhalten. Auf seine mit großer Genauigkeit geführten Tagebücher über meteorologische, thermometrische und elektrische Zustände begründete er jene Darstellung des Klimas der durchreisten Länder, welche später durch Boussingault, Pentland u. A. glänzende Bestätigung erhielten; indem er in gewohnter Weise Alles, was in diesen Beziehungen aus der übrigen Welt zu seiner Kenntniß gelangte, verarbeitete, kegte er den Grund zu einer vergleichenden Klimatologie. Ursprünglich zum Mineralogen gebildet, aber frühzeitig eman- üpirt von den zu Ende des vorigen Jahrhunderts geltenden Ansichten, wendete er Vorzugs- weise der geognostischen Erforschung Amerikas seine Aufmerksamkeit zu und trug durch mehre specielle Werke und ein vortreffliches Gesammtbild Her Gebirgsbildung Amerikas, die er später mit derjenigen Europas und Asiens verglich, nicht zur Kenntniß Amerikas allein bei, sondern zur festen Begründung der zwar noch jungen aber mit äußerster Schnelligkeit sich entwickelnden Wissenschaft der Geognosie. Die vulkanischen Erscheinungen der gewaltigen Feuerberge von Quito und Mexico und des unbedeutendem Vesuv fanden nacheinander an H. einen scharfen Beobachter und glücklichen Erklärer. Unterstüht von Bon- pland, welchem zumal die Anlegung von Sammlungen überlassen war, sammelte H. in Amerika viele sehr wichtige Beobachtungen über die Verbreitung, den Nutzen, ja sogar über den Bau der Pflanzen, die er dann wieder in ihrer Verbindung mit den verschiedenen Menschenracen betrachtete, oder als cultivirte unter dem politisch ökonomischen Gesichtspunkte erwog. Mehre botanische Prachtwerke streng systematischen Inhalts, die er in Ver- bindung mit Bonpland herausgab, beweisen, daß er auch in dieser minder lohnenden Richtung zu arbeiten völlig befähigt sei; sein botanisches Hauptwerk bleibt jenes über die Geographie der Pflanzen. Das von ihm und Bonpland gesammelte reiche Herbarium, welches über novo wegen der damaligen Unzugänglichkeit Südamerikas zum größten Theile neue Arten darbot, hat später K. S. Kunth in einem großen Werke beschrieben. Auch die Zoologie verdankt jener Reise nicht unansehnliche Vermehrungen, die in einer Section des H- scheu Rcisewerks niedergelegt sind. Ein anderes kostbares Werk, reich an kunstvoll gearbeiteten Abbildungen, entstand durch H.'s Bestreben, die großen Nakurscenen der Andenkette und die Denkmäler einer untergegangenen Civilisation der Ureinwohner den Euro- päern bildlich vorzuführen. Zum ersten Male sah man in Europa Landschaften, die mit künstlerischer Auffassung naturhistorische Treue verbanden. Sie verdrängten die phantastischen Machwerke früherer Zeiten und begründeten jene naturhistorische Landschaftsmalern, die in der Gegenwart durch RugendaS und andere deutsche und ausländische Künstler zu einer hohen Vollkommenheit gebracht ist. Das Studium der großen Bauwerke »er alten Mexikaner und Peruaner führte H. zu Untersuchungen über die Sprachen, die "°ch erhaltenen Handschriften, den Culturstand und dieWanderungen der ältcrn Bewoh- "er jener Länder, und lohnend gestaltete sich der Vergleich mit den Altägyptern und selbst den Südasiaten, da er die Verwandtschaft der durch weite Meere getrennten Völker erken- 3-19 Humboldt (Karl Wilh.) nen ließ. Statistik Mid Ethnographie erhielten durch H.'s Reise ungemein große Vermehrungen, denn keinem Fremden waren je die Archive der Colonien geöffnet worden. Indessen war auch hier die Verarbeitung der Materialien eine eigenthümliche, denn in dem mehre Bände umfassenden Musterwerke über das Königreich Neuspanien stehen nicht die trockenen statistischen Zahlenreihen allein da, sondern sic sind in Verbindung gebracht mit natur- geschichtlichen Thatsachen, so daß beide sich gegenseitig erklären und verschiedene Lehren der Staatsökonomie unter einem völlig neuen Gesichtspunkte behandelt erscheinen. Vergleiche anzustellen über die Bodencultur unter verschiedenen Klimaten und in weit voneinander entfernten Ländern, über ihre Einträglichkeit, ihren Einfluß auf die Civilisation und sonach auf die geschichtliche Entwickelung und selbst die späte Zukunft der Völker, die Ebbe und die Flut metallischer Reichthümer zu erforschen, wie sie nach allen Seiten verändernd sich über einzelne Welttheile ergießen, je nachdem der Boden irgendwo neu erschlossen oder nem Verbindungswege zwischen Völkern entdeckt wurden, ist eine von H. zuerst geübte philosophische und daher höhere Betrachtungsweise der Sätze der ältern Staatswirthschaftslehre. Es läßt sich denken, daß bei dieser Gewöhnung, keine Frage und kein Factum iso- lirt hinzustellen, sondern ihre Lösung in Combinationen zu suchen, die Werke H.'s Fundgruben des mannichfachsten Wissens, aber auch bändereich sein müssen; dennoch aber hat H.es möglich gefunden, zahlreiche abgesonderte Untersuchungen theils allein, theils in Verbindung mit Andern anzustellen, oder mindestens zu ihnen anzuregen. Sein letzte? Werk, die Geschichte der nautischen Geographie im Mittelalter, welche nur ein Historiker, der zugleich Astronom und Naturforscher war, schreiben konnte, seine gemeinsamen Arbeiten mit Gay-Lussac, die theils chemische waren, theils der Feststellung des magnetischen Äquators galten, seine große Entdeckung der Isothermen, eine Menge von Abhandlungen aus dem Gebiete der physischen Geographie und die Betheiligung an fremden Werken durch Lieferung von Beiträgen oder Anmerkungen, sind Beweise einer nimmer rastenden und Vieles und Großes in kurzer Zeit leistenden Thätigkeit. Anregend hat H. auf seine Zeitgenossen einmal durch sein Beispiel gewirkt, und hierdurch die Schule gebildet, die oben erwähnt wurde; außerdem aber hat er sich überall mit den Befähigten in Verbindung gesetzt und sie entweder auf Untersuchungen geleitet, oder auch ihnen durch seinen bedeutenden Einfluß und die wohlverdiente Achtung, die er bei Negierungen und gelehrten Körperschaften genießt, die nöthige Unterstützung verschafft. Die Errichtung von magnetischen Observatorien bis in die entlegensten Colonien der Engländer und bis Sibirien verdankt man ihm; auf seinen Betrieb ließ schon 1828 die Negierung in vielen preuß. Bergwerken thermomctrische Beobachtungen anstellen, und später wurden diese Forschungen aufBcfchl der russ. Regierung auf dem ewig gefrorenen Boden Nordasiens fortgesetzt. Manchem jünger« Naturforscher verschaffte er zuerst eine bürgerliche Stellung, mancher ungekrnnle oder vom Schicksal gedrückte talentvolle Gelehrte fand an ihm einen eifrigen Beschützer, und das Bedeutende, was Preußen in den letzten Jahrzehnden für die Förderung naturwissenschaftlicher Studien gethan, geschah größtentheils auf seine Veranlassung. Ein fleckenloses Leben, ein edler, von Selbsucht völlig freier Charakter haben ihn, ebenso die Liebe und Achtung aller mitlebenden Naturforscher als die Zuneigung der Fürsten verschafft, mit welchen er in häufiger Berührung steht; seinen wissenschaftlichen Leistungen wird auch die späte Nachwelt dankbare Anerkennung zollen. Humboldt (Karl Wilh., Freiherr von), der Bruder des Vorigen, ehemaliger preuß. Geh. Staatsminister, einer der gründlichsten Gelehrten und edelsten Staatsmänner, geb. zu Potsdam am 22. Zum 1767, empfing in Berlin eine sehr sorgfältige Vorbereitung, studirte dann in Göttingen und trat, nachdem er mehre Jahre in Jena, wo er namentlich Schiller's Freundschaft und täglichen Umgang genoß, gelebt hatte, > 800 als preuß. Resident am päpstlichen Hofe in die diplomatische Laufbahn. Rom, wo er einige Jahre später als außerordentlicher Gesandter bevollmächtigt wurde, gab nicht nur seinem Studium des AlterthumS neuen Schwung, sondern bildete ihn auch zu einem vorzüglichen Staatsmann. Jm J. 1808 wurde er Geh. Staatsrath und Chef der Section für den CultuS, den öffentlichen Unterricht und die Medicinalanstalten im Ministerium des Innern. Mit dem Range eines StaatsmmisterS ging er 1810 als Gesandter seines Hofes nach 349 Hume (Dav.) Wien und dann als preuß. Bevollmächtigter zu dem Friedenskongresse nach Prag. Er war bei dem Congresse zu Chatillon und bei dem Frieden zu Paris, welchen er zugleich mit dem Staatskanzler Hardenberg 1814 Unterzeichnete; auch war er bei dem Congresse zu Wien thatig und Unterzeichnete daselbst 1815 den Frieden zwischen Preußen und Sachsen. Im Juli >816 begab er sich nach Frankfurt als bevollmächtigter preuß. Minister zur Berichtigung der Territorialangelegenheiten in Deutschland. Bald nachher ernannte ihn der König zum Mitgliede des Staatsraths und beschenkte ihn mit mehren liegenden Gütern. Hierauf ging er als außerordentlicher Gesandter seines Hofes nach London und dann im Oct. >818 nach Aachen. Im 1.1819 wurde er mit SiH und Stimme in bas preuß. Ministerium berufen, wo er mehre Zweige, die bisher zum Ministerium des Innern gehört hatten, namentlich die ständischen Angelegenheiten, und das vom Staatskanzler abgetretene Departement des Fürstenthums Neufschatel übernahm. Inzwischen blieb er als Mitglied der Territorialcommission bis zu deren Auflösung am 16. Juli 1819 in Frankfurt, und kaum hatte er seinen Posten in Berlin angetreten, als er dessen wieder enthoben wurde, da er nebst den Ministern von Boyen und Beyme ein anderes System als das des Ministers von Hardenberg befolgt wissen wollte. Erst seit 1839 nahm er wieder an den Sitzungen im Staatsrathe Theil. Bereits >825 hakte ihn die franz. Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften zu ihrem auswärtigen Mitgliede erwählt. Seit dem Austritte aus dem Ministerium lebte er meist auf seinem Landsitze Tegel bei Berlin, wo er auch am 8. Upr. > 835 starb. Seine frühesten Arbeiten, z. B. über Schiller's „Spaziergang", über Goethe's „Hermann und Dorothea", über „Reinecke Fuchs" u. s. w., sammelte er in den „Ästhetischen Versuchen" (Bd. l, Braunschw. 1799). Seine Übersetzung des „Agamemnon" von Aschylus (Lp;. 1816) war das Ergebniß der schwierigsten Untersuchungen über Sprache und Versmaß der Griechen. Auf gründlichen Studien ruhen seine „Berichtigungen und Zusätze zu Adelung's Mithridates über die cantabrische oder baskische Sprache" > (Berl. 1817) und die „Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens vermittels der baskischen Sprache" (Berl. 1821). Unter seinen in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin gehaltenen und einzeln gedruckten Abhandlungen sind zu erwähnen die über die unter dem Namen „Bhagavad-Gita" bekannte Episode des Maha-Bharata (Berl. I826,4.);„ÜberdenDualis"(Berl. 1828,4.)und„ÜberdieVerwandtschastderOrtsadver- sarien mit den Pronomen in einigen Sprachen" (Berl. 1839, 4.). In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte er sich vorzugsweise mit den amerik. und malayischen Sprachen und zuletzt ausschließend mit der Kawisprache. Ihn unterstützte hierbei seit 1829 ein jun- ! ger Gelehrter, Eduard Buschmann, der sich ebenfalls die Erforschung der Ursprachen Amerikas zum vorzugsweise« Studium erwählt hatte und bereits mehre Jahre in Amerika für diesen Zweck gereist war. Von ihm wurde auch H.'s Werk „Über die Kawisprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts" (3 Bde., Berl. izzg—4», >.) der Öffentlichkeit übergeben. Sein „Vocnbulaire >n«-eryu de Is lungere <1es lies 51sro>üser ei In langue t-ul>e,me"(Berl. 18-13). Von derAusgabe seiner „Sämmtlichen Werke" sind vier Bände (Berl. 1841—43) erschienen. Seine die Sprachwissenschaft betreffende handschriftliche Sammlung und die ausländische Literatur seiner Bibliothek vermachte er der königlichen Bibliothek zu Berlin. Hume (Dav.), ein scharfsinniger Skeptiker und klassischer Geschichtschreiber, geb. ja Edinburg am 26. Apr. 1711, war der jüngere Sohn eines schot. Lords aus dem Ge- !chlechte der Grafen von Home. Früh schon fühlte er sich zur klassischen Literatur und zur Philosophie hingezogen; doch seine durch anhaltende Studien geschwächte Gesundheit und °ie beschränkten Vermögensverhältnisse seiner Familie veranlaßten ihn, in Bristol die Kaufmannschaft zu erlernen. Sehr bald aber dieser neuen Beschäftigung überdrüssig, kehrte er nach Edinburg zurück, wo er seine akademischen Studien beendete, und ging dann nach Krankreich, um unabhängig der wissenschaftlichen Ausbildung seines Geistes zu leben. In Krankreich schrieb er seine treffliche psychologisch-kritische Abhandlung „'I'rentise upon inr- Mnnsture" (3 Bde., Lond. 1738 -40; deutsch von Zakob, 3 Bde., Halle 1799- 91), 3LV Hume (Jos.) Hummel i der die „blssszs, morst, politiosl sixl titersrx" (Edinb. 1712; neue Aufl-, Lond. 17 <18; deutsch von Tennemann, Jena 1793) folgten. Im I. 17-15 wurde er Führer des jungen ^ geisteskranken Marquis von Annandale und sodann Secretair des Generals Sinclair auf dessen Expedition an die franz. Küste und der Eesandtschaftsreise nach Wien und Turin, nachdem seine Bewerbung um das Lehramt der Moralphilosvphie zu Edinburg am Widerstande der wegen seines Skepticismus wider ihn eingenommenen Geistlichkeit gescheitert war. In Turin arbeitete er den ersten Theil der oben genannten Abhandlung um und ließ ^ ihn unter dem Titel „Laguirz coueorning kumai» unlierstaiillilig" (Lond. 1718; deutsch von Tennemann, Jena 1793) erscheinen, worin er seinen Skepticismus am vollständigste» entwickelte. JmJ. 1751 nach Schottland zurückgekehrt, gab er seine „17m,mi-) concornmz tlle priuciples ok morsts" (Edinb. 1751) heraus, in der er genauer als seine Vorgänger den Grundsatz des moralischen Sinnes suchte, indem er das sittliche Gefühl als Beweggrund des sittlichen Handelns ansah und, den Charakter des Tugendhaften in den Besitz solcher geistiger Eigenschaften setzte, welche uns oder unfern Mitmenschen nützlich oder angenehm sind. Auch erschienen von ihm „Uolitical Ui^courze»" (Lond. 17 52), eine Sammlung seiner „Lssaxs sust treutisor »» severul subjeds" (1 Bde., Lond. 1755; neue Aust., 2 Bde., 1819), und die „Xutorsl bistur^ ok religiou" (Lond. 1755) in freigeisterischem Sinne seines Jahrhunderts. Der Umstand, daß er 1752 Aufseher der Advocatenbibliothek in Edinburg geworden war, veranlaß» ihn zu geschichtlichen Forschungen. Er schrieb zu- nächst 1751—56 die Geschichte Englands seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart, I75S die Geschichte des Hauses Tudor und 1761 die Darstellung über die frühem Perioden der engl. Geschichte. Das Gesammtwerk erschien dann als „Historz- ok LnglamI fron, tbo iuvasion okäul. <7osi,r to tlre revolntion 1688" (6 Bde-, Land. I 763, 1. und äst.; in , einer Prachtausgabe von Bowyer, I vBde., Lond. 1791 fg., Fol.; mit Smollet's Fortsetzung, 13 Bde., Lond. >796; deutsch von Dusch, 6 Bde., Bresl. 1762 — 71). Zm Z. 1763 begleitete er den Grafen von Hertford als Gesandtschastssecretair nach Paris, und nach seiner Rückkehr wurde er 1767 Unterstaatssecretair, legte aber zwei Jahre darauf dieses Amt nieder und starb zu Edinburg am 25. Aug. 1776. Nach seinem Tode erschiene» seine Autobiographie (engl., Lond. 1777; lat. 1787, 1.) und seine „visluAues covcernmg naturr»! religioi," (Lond. 1779; deutsch, Lpz. 1781). Vgl. F. H. Jacobi, „Dav. H., über den Glauben, oder Idealismus und Realismus" (Bresl. 1787). Hume (Joseph), ein bekanntes engl. Parlamentsmitglied, grb. >777 zu Montrost in Schottland, wurde auf dasiger Stadtschule gebildet und besuchte, nachdem er bei einem Wundarzte die Lehrzeit bestanden hatte, aus eigenem Antriebe die in sein Fach einschlagen- ! den Vorlesungen an der Universität zu Edinburg. Als ein armer Militairchirurg ging er 1799 nach Ostindien; als ein wohlhabender Mann kehrte er 1 808 zurück, worauf er Portugal und die Südprovinzen des osin-an. Reichs bereiste. Im I. 1812 gelangte er inS Unterhaus, wo er sich bald als strengsten Gegner aller Staatsausgaben erwies, von deren ^ dringendster Nothwendigkeit er sich nicht überzeugen konnte. Im I. 1 826 wählte ihn die Grafschaft Aberdeen, 1 830 die Grafschaft Middleser zu ihrem Parlamentsmitglied,» M solches kämpfte er in vorderster Reihe für die Reformbill, wurde im reformirten Parlamente ein Haupt der Radicalcn und erdrückte durch sein Gewicht im I. 183 5 den Orangebund. Bei der Wahl für Middlesex im I. >837 fiel er durch; dafür wurde er aufO'Con- irell's Verwendung von der irischen Stadt Kilkenny gewählt. Mit O'Connell entzweite er sich 1 839 in Folge der Abstimmung vom 7. Mai, welche den Austritt des Ministeriums Melbourne, obschon nur auf wenige Tage, veranlaß». Gegenwärtig sitzt er für den schof- Flecken Montrose im Unterhause, fortwährend ein scharfer und gefürchteter, wenn auch bisweilen kleinlicher Rechenmeister. Hummel (Joh. Nepomuk), einer der ausgezeichnetsten Klavierspieler und Compo- nisten der neuern Zeit, geb. zu Presburg am l l. Nov. 1778, erhielt den ersten musikalischen Unterricht durch seinen Vater, Ios. H. Als letzterer 1785 von Schikaneder als Ka- pelldirector nach Wien gezogen wurde, erregte des Knaben Talent Mozart's Jvterrffe >" dem Grade, daß er ihn in sein Haus und unter seine Leitung nahm. Schon I 7 v 6 mach > er mit seinem Vater Kunstreisen durch Deutschland, England und Holland. Zum Jung- ! eu -s i« -S- w< »!' M ;ei ,u> lrt, zm in >rt- iie> tw i°g der rose w- ! >n >or> Untre» ! die i M ^ rli>- i ige- ioN> j !e« Hot. auch npo> kali- Aa- 'e in -cht- iing< Hummer Humor 351 ling gereist, kehrt er 1795 nach Wien zurück und macht nun unter Albrechtsberger'« besonderer Leitung und in Salieri s bildendem Umgänge seine Schule in der Compositivn, deren Früchte verschiedene Sonaten, Rondos und Trios waren, die indeß, durch H.'s spätere Werke verdunkelt, sich überlebt haben. Als Kapellmeister in des Fürsten Esterhazy Diensten, fand er Anlaß, sich auch in der kirchlichen und dramatischen Musik zu versuchen. Nachdem er diese Stelle 181! aufgegeben hatte, widmete er sich, ohne öffentlich zu spielen, dem Unterricht und der Composition. Erst in Stuttgart, wohin er 1819 als Kapellmeister berufen wurde, trat er wieder als ClaviersAeler öffentlich auf, und zwar mit einer das allge- meinste Staunen erregenden Meisterschaft und namentlich einer so vollendeten Jmprovisa- tionsgabe, wie sie nach allen übereinstimmenden Zeugnissen wol kaum je vorgekommen ist. Im I. 182«> ging er als Kapellmeister nach Weimar, wo er, mehre großen Reisen, namentlich nach Rußland und England, abgerechnet, bis zu seinem Tode, am 17.Oct. 1837, blieb. In H. erreichte ein Zweig Seb. Bach'scher Kunst, der aufgezogen war durch PH. Em. Bach, Element! und Cramer, und zu deren Klarheit, Correctheit und harmonischer Tüchtigkeit der an Mozart'S und.Haydn's Feuer erwärmte H. das regere Gcmüthslcben der sogenannten wiener Schule brachte, seinen Höhepunkt und Abschluß. Seine Erfahrungen und Grundsätze hat H. in einer großen „Pianoforteschule und in Studienstücken dargelegt, die freilich zu einer Zeit erschienen, wo bereits eine neue Richtung sich Bahn zu brechen begonnen hatte, und die nun nicht mehr die Bedeutung erlangen konnten, die sie früher hätten ansprechen können. H.'s Compositionen bestehen in Concerten, Trios, Sonaten, vielen kleinern Klavierstücken und mehren kirchlichen und dramatischen Werken. Letztere, darunter die Oper „Mathilde von Guise", waren ohne Erfolg, wogegen seine zwei großen Messen, die Sonate in kis-moll, die beiden Concerte in ll-moll und ^-moll, einige Trios und andere Sachen bleibenden Werth haben. Hummer (cancer gitiimmrns), einer der größten Seekrebse, oft über eine Elle lang, ist a» Gestalt dem Flußkrebse sehr ähnlich und liefert eine wohlschmeckende, jedoch für viele Personen schwer verdauliche Speise. Der Hummerfang in der Nordsee ist besonders für die Bewohner der Insel Helgoland ein einträgliches Gewerbe, welche diesen Artikel meist nach Hamburg absetzen. Die Norweger, welche ebenfalls viele Hummer an ihren Küsten fangen, verkaufen sie meist an die Engländer und Holländer, welche in eigens dazu eingerichteten Fahrzeugen mit doppelten Böden, Hummerbuysen genannt, sie weiter verführen. Bei Versendungen landeinwärts werden die Hummer in den Seestädten, z. B. in Hamburg, zuvor gekocht oder marinirt. Humor wird sowol in physiologischer wie in psychologischer und in ästhetischer Bedeutung gebraucht. Das lat. Wortllumor heißt eigentlich Feuchtigkeit; die jetzt gangbare Bedeutung desselben aber ist Laune oder Aufgelegtsein. Man sieht leicht, daß die letztere Bedeutung die psychologische, die erstere die physiologische ist, und daß man zwischen dem Physiologischen ^ undPsychologischen irgend einen Zusammenhang voranssehte. Zu den ältesten Versuchen, ihn ! M erklären, gehören die Systeme der griech. Ärzte Hippokrates und Galenus. Wahrscheinlich durch Empcdokles wurdw die Humoralpathologie (s. d.) zu einer wissenschaftlichen ^ Theorie erhoben. Vorzugsweise von den Engländern behauptet man, daß sie im Humor sich rusuichnen, und wirklich ist vornehmlich durch engl. Schriftsteller der Ausdruck Humor inGe- brauch und Umlauf gekommen. Lessing war der Erste, der das Wort Humor durch Laune übersetzte; doch erklärte er nachher, sehr Unrecht daran gethan zu haben; „denn-", sagte er, »ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstände ganz entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor Werden; aber Humorist, außer diesem einzigen Falle, nie Laune." Die neuere Ästhetik hat den Begriff des Humors in ästhetischer Bedeutung noch genauer zu fixiren gesucht. Dann bezeichnet Humor nicht blos eine zufällige Form der Darstellung, sondern einen be- I n>mmten Typus der Welt - und Lcbensanschauung, der in der Darstellung seinen entspre- I s!s>>den Ausdruck sucht.' Der Humorist sicht zwischen dem Komiker und Satiriker, nähert M ^ mehr dem reinen Komiker durch seine Disposition, auch da noch lächeln zu können, ,.o Rudere das Gesicht in düstere Falten ziehen. Der wahre Humorist betrachtet die mensch- Hk Natur als eine Mischung guter und schlimmer Eigenschaften, und sieht im Ganzen 352 Humoralpathologie Humus mehr Schwachheit als Verbrechen, mehr Thorheit als Laster. Er erblickt in jeder, selbst in der moralischen Verkehrtheit, nicht eine Bosheit, sondern nur ein falsches Urtheil und u„. terscheidet sich hierbei dadurch von dem Komiker, daß er mit allem anscheinenden Ernste sich selbst unter die falsch Urtheilenden stellt, während der reine Komiker leichtals außerhalb der Clafse befindlich erkannt wird. Es gibt für den Humor keine Thoren, sondern nur Thorheit und eine tolle Welt. Darum findet er die Menschen weder lächerlich noch abscheulich, sondern bedauernswerth, woraus sich jene milde Empfindsamkeit erklärt, welche dem Humoristen vor Andern eigen ist, und durch welche seine Stimmung bald bis zum weichen Elegischen herab-, bald bis zum erhabenen Pathos hinaufsteigt. Bemächtigt sich der Gedanke an beide zugleich seiner Seele, so entsteht jene Ausgelassenheit, in welcher der lebhafteste Wih sich sarkastisch in wunderlichenCombinationen entladet. Diese Stimmung, welche den Humor von seiner erhabenen Seite zeigt und um deren Willen Jean Paul das Humoristische das „umgekehrt Erhabene" nennt, darf aber nicht die vorherrschende sein, weil er sonst nur verwunden würde, da er vielmehr heilen und aus der Entzweiung die Harmonie wiederherstellen will. Die humoristische Schönheit kann kaum eine andere sein als eine solche, wobei der individuellen Freiheit ungleich mehr Spielraum »erstattet wird als in Werken von regelmäßiger Schönheit. Ausgezeichnete Humoristiker sind z. B. Sterne. Hippel und Jean Paul. Humoraipathologie heißt diejenige nosologische Theorie, welche den Ursprung der Krankheiten ans Fehlern der Säfte herleitet, im Gegensatz zu der Solidarpathologie, welche die Ursachen der Krankheiten in der fehlerhaften Beschaffenheit der festen Theile, besonders der Nerven und Gefäße, sucht. Die Humoralpathologie ist jedenfalls die älteste Anschauungsweise der Krankheiten, auf welche die bei diesen so oft veränderte Beschaffenheit des Bluts, der Galle, des Schleims u. s. w. in Hinsicht auf Quantität und Qualität nothwendig führen mußte. Zu einer wissenschaftlichen Theorie jedoch wurde sie wahrschein- ^ lich erst durch des Empedokles Elementarlehre erhoben, indem man nach der schon alten Betrachtungsweise des Körpers als Mikrokosmus in diesem ebenfalls vier Stoffe suchte, j die den vier Elementen des Universums entsprächen und aus deren harmonischem und unharmonischem Zusammenwirken und Zusammentretcn man ebenso die gewöhnlichen und ungewöhnlichen Erscheinungen des Lebens herleitete, wie die in der Natur verkommenden Begebenheiten. (S. Humor.) Man setzte nämlich an die Stelle der concreten Gegen- - stände abstracte Begriffe und nahm so durch das Feuer die Wärme, durch das Wasser die Feuchtigkeit, durch die Luft die Kälte und durch die Erde die Trockenheit repräsentirt an. ^ Im menschlichen Körper aber entsprechen der Wärme das Blut, der Feuchtigkeit die gelbe Galle, der Kälte der Schleim und der Trockenheit die schwarze Galle. Sind diese vier Elementarflüssigkeiten < kuinores)in verhältnißmäßiger Menge und in der richtigen Mischung vorhanden, so ist auch Gesundheit da; das Misverhältniß in ihrer Menge und Mischung bedingt Krankheit. Auf dieselben Grundsätze wurde die Lehre von den Temperamenten (s. d.) gebaut. Wenn auch im Laufe der Zeit diese Theorie vielfachen Modifikationen, Erweiterungen und Einschränkungen unterworfen wurde, und die vier Elemente der Alten sowie die vier genannten Hauptsäfte des Körpers durch die Chemie, Physik und Physiologie die ihnen zugeschriebene Bedeutung verloren, so ist doch die ursprüngliche Idee der Humoralpathologie trotz der Anfechtungen, die sie namentlich von den Jatrom athemati- kern (s. d.) erlitt, bis auf die Gegenwart mit der nöthigen Berücksichtigung, welche die Wichtigkeit der festen Theile verlangt, die Grundlage der Pathologie geblieben, da sie in der Praxis eine Stütze findet, welche viele der übrigen medicinischen Theorien entbehren. Vgl. Steinheim, „Die Humoralpathologie" (Schlesw. 1826 ). Humus nennt man das Resultat der Fäulniß thierischer und vegetabilischer Körper. In der Qualität seiner Bestandtheile ist der Humus denjenigen Körpern gleich, aus welchen er entstand, im quantitativen Verhältniß erleidet er aber Veränderungen, indem d>! Urstoffe in ein anderes Verhältniß eintreten und ein Theil sich verflüchtigt. Er hat mehr Kohlen - und Stickstoff, dagegen weniger Sauerstoff als die Gewächse, aus denen er her- vsrgegangen, und bei der Verwesung entschwindet der Wasserstoff, und es tritt der Kohlenstoff hervor, der den Humus braunroth oder schwarzbraun färbt. Der Humus ist fthr ver- 353 Hund schieden, je nach den Verhältnissen, unter welchen er sich bildet. Steht der gehörig auSge- bildete Humus mit der atmosphärischen Luft in Verbindung, so tritt deren Sauerstoff mit demKohlcnstoffdes HumuSin Verbindung, wodurch die Kohlensäure, ein Hauptdüngungs- mitkel für die Pflanzen, entsteht. Befindet sich in dem Humus Stickstoff, so bildet dieser mit dem Sauerstoff Salpetersäure, welche Dünger aufschließend und düngend zugleich ist. Am stickstoffreichsten ist, der aus thierischen Körpern hervorgegangene Humus, ohne dem weder Cerealien noch Ölsaaten gedeihen. Während in dem vegetabilischen Humus der Kohlenstoff vorherrscht, herrscht in dem thierischen Humus der Stickstoff vor. Nach Liebig, Sprengel und andern Chemikern ist der Humus die in Verwesung begriffene Holzfaser; doch soll nach Liebig die Humussäurc nicht den ganzen Kohlenstoffgehalt der Cultur- pflanzen liefern, diese sollen vielmehr ihre Nahrung nur so lange aus dem Boden nehmen, als die Pflanze noch kleine Blätter hat. Die Humussäure im Boden wirkt aber nur dann düngend, wenn der Boden bearbeitet und dadurch die Humussäure der atmosphärischen Luft ausgeseht wird, wo sie sich dann in einen leichtlöslichen Extractivstoff umwandelt. Will man den schwerläslichenHumus schneller auflösen, so wendet man Mergel, Kalk, Ammoniak und Kali an, wodurch der Humus zu leichtlöslichem Salz gemacht wird. Hund, eine artenreiche Gattung von Säugthiercn aus der Familie der reißenden Thiere. Das Gebiß der Hunde trägt den Charakter des Zahnbaus der eigentlichen Fleischfresser in geringerm Grad an sich als dasjenige der Katzen; wirklich sind auch die Hunde weder so blutgierig noch auf animalische Nahrung so ausschließlich hingewicsen wie die letztem. Die über die ganze Erde verstreut vorkommenden Arten haben zwar ein gemeinsames Familienansehen, indessen vermag man sie in zwei gut unterschiedene Gruppen, die Füchse (s. d.) und die Wölfe (s. d.) zu theilen. Zur letztem Abtheilung gehört der Haushund, der treueste Freund, den der Mensch unter den Thieren jemals auffand, und daher ebenso weit verbreitet als dieser. Über das Stammthier dieses nirgend im eigentlich wilden, allerdings aber hin und wieder im verwilderten Zustande vorkommenden Geschö- > pfes herrschen sehr verschiedene Ansichten. Die mindest haltbare ist die, welche den Hund als einen Bastard von Wolf und Fuchs erzeugt gelten läßt. Am wahrscheinlichsten ist es, daß der wilde Hund in so entlegenen Zeiten vom Menschen unterjocht worden ist, daß sein wilder Stamm völlig ausstarb. Da die Hunde, als Gattung genommen, überhaupt weit mehr Zähmbarkeit zu Tage legen als die Katzen, und da sie einen großen Geselligkeitstrieb äußern, so mag die vollständige Domesticirung der intelligentesten Art, des Haushundes, schneller und leichter von statten gegangen sein, als man vorauszuseßen geneigt ist, > wenn man die über andere Hausthiere vorhandenen Erfahrungen allein bei Beurtheilung ^ der Möglichkeit zu Grunde legt. Daß der Hund durch sein Leben unter den Menschen seit Jahrtausenden, sowol im äußern Habitus als auch in Sitten sich weit von dem unbekannten Stammthiere entfernt haben müsse, kann nicht bezweifelt werden. Aus demselben Verhältnisse sind auch die Racen und Spielarten zu erklären, die bei keinem andern Hausthiere in gleich auffälligem Maße sich entwickelt haben. Man hat vielfach versucht, diese systematisch zu ordnen, jedoch mit unzureichendem Erfolge, indem der allseitigen Übergänge zu viele sind und Individuen von völlig reiner Nace weit seltener Vorkommen, als man gemeinhin annimmt. Die auf den Schädelbau und andere osteologische Kennzeichen gegründete Ein- > theilung Cuvier's hat für den gewöhnlichen Gebrauch zu viele Schwierigkeiten. Auf äußern, leichtfaßlichen Kennzeichen beruht die Eintheilung in Spitze, Pudel, Bluthunde und Jagdhunde. Unter diese vier Abtheilungen bringt man gegen 70 deutlich verschiedene Spielarten, zu welchen aber die ganz veränderlichen und charakterlosen Straßenhunde großer Städte nicht gerechnet werden können. Sehr abweichende Varietäten sind unter andern der durch Nacktheit ausgezeichnete schwarze ägypt. Hund, der mit Schwimmhäuten -wischen den Zehen versehene neufundländ. Hund, der oben gan» schwarze, unten weiße Polarhund der Eskimos; der an Größe alle andern übertreffende und sehr seltene irläntz. Wolfshund; der überaus wilde neuholländ. Hund oder Dingo u.s.w. Der Gebrauch des Hundes ist ebenso mannichfach, als die Völker verschieden sind, unter welchen «lebt; unter arktischen Völkern wird er als Zugthier benutzt, auf vielen Südseeinseln ge» e °n».. Lex. Neunte Aufl. VII. 23 354 Hundert Tage Hund-grotte ! mästet und gegessen; dem Feuerländcr stehi er bei im Fischfänge und im Ausstichen vo» Muscheln, und unter andern Völkern wird er zu den verschiedensten Arten von Jagd, ein: ^ auch zu ungewöhnlichem häuslichen Diensten, auf dein Großen Bcrnhardsberge sogar;»! Aufspürung der vom Schnee verschütteten Reisenden abgerichtet. In vielen Landern so go , schätzt alsHausthicr, daß man durch Gesetze gegen seine Vermehrung einschreitcn mußte, gilt ! er anderwärts für ein unreines Geschöpf, dessen Nähe man sorgfältig meidet. Kein andms ' Hausthier entwickelt eine gleich große Abrichtungsfähigkeit, und keins überrascht in denn - selben Verhältnisse wie der Hund durch Spuren von Intelligenz und durch große Simmi- schärfc; wenige sind aber auch so zahlreichen Krankheiten wie der Hund unterworfen, unt« denen die Hundswuth (s. d.) eine der furchtbarsten ist. Die Naturgcschicbte des . Hundes ist so vielfach bearbeitet worden, daß sie ein eigenes Fach der zoologischen Literatur bildet. Vgl., neben Busfoiüs bekannten Schriften, Walther, „Der Hund, seine verschick- ' neu Zuchten, Varietäten und Geschichte" (Gieß. >817) und L. Ncichenbacb, „Der Hund" (Lpz, 1835). Die deutschen Nacen wurden am besten von Niedinger (s. d.), die stau;, von Buffon, die engl, von Landseer abgebildet; vgl. außerdem W. H. Scott in den „llö- tisil üelllspart.-" (Lond. 1818) und Aikin in den „National -iports" (Lond. I 821). Hundert Tage (Ontsniirr) nennt man in der Geschichte Fran kreichs (s.d.)dit kurze Regierungsepoche Napoleon's von seiner Rückkehr von Elba und dem Einzug! i» Paris, am 2». März, bis zu seiner zweiten Abdankung nach der Schlacht von Waterlo« am 22. Juni 1815. Hundeshagen (Joh. Christian), ein berühmter deutscher Forstmann, gcb. am IN. Aug. 1783 zu Hanau, wurde, nachdem er die Forstwirthschaft längere Zeit praktisch betrieben hatte, 1818 Professorder Forstwissenschaft zu Tübingen, 1821 Forstmeister und Director der Forstlehranftalt zu Hersfeld, 1822 Professor und Director der ForstlehrauM zu Gießen, wo er am I 0. Febr. 1832 starb. Sein Bestreben, den Waldbau mit verständiger Berücksichtigung der staats-und landwirthschastlichen Interessen zu einer Queller«- , chcr und nachhaltiger Einnahmen zu gestalten, war ein sehr erfolgreiches. Von seinen;ahl- reichen gediegenen Schriften erwähnen wir: „Methodologie und Grundriß der Forstwissenschaft" (Tüb. 1819); „EncyklopädiederForstwissenschaften"(2Bde„Tüb. >821; 3.Aust 3 Bde., von Klauprecht, 1835—20; Bd. I und 2, l.Ausl. >822 — 23); „Lehrbuch d« forst-und landwirthschaftlichen Naturkunde" (> Abtbeil., Tüb. 1827 — 20); „DieAt»- romie, der Chemismus und die Physiologie der Pflanzen" (Tüb. 1829); „Die Forstabschätzung auf neuen wissenschaftlichen Grundlagen" (2 Bde., Tüb. 1820) und „DieWald- weide und Waldsireu in ihrer ganzen Bedeutung" (Tüb. >830); auch gab er „Forstlist Berichte und Miscellen" (2 Hefte, Tüb. 1830—32), und „Beiträge zur gesammtenForn- wisscnschaft" (2 Bde., Tüb. 1822—29) heraus. Hunhetragen war eine ursprünglich bei den Franken und Schwaben und daun i« l ganzen deutschen Reiche übliche Strafe adeliger Landfriedensbrecher. Dieselben muflc« nämlich, bevor das Todesurtheil an ihnen vollstreckt wurde, einen Hund, gleichwie in dein- selben Falle der Diensimann einen Sattel, der Bauer ein Pflugrad und der Pfaffe eint» Codcr, aus einem Gau in den andern tragen, wodurch symbolisch angcdeutet werden sollt!- daß sie besser gethan hätten, bei ihrem Geschäft zu bleiben als unberufen Kriegswirrcn o»- zusiiften. Auf diese Weise ließ 938 Kaiser Qtto >. die Anhänger des aufrührerflcben Herzogs Eberhard, und Kaiser Friedrich I. 1155 den ryeinischen Pfalzgrafen Hermann und dessen Genossen Hunde tragen. -Hundsgrotte (xrxtta <>el ca,»:), eine berübmte Höhle bei Neapel und in derNätk des Sees Agnano, unfern Puzzuvli. Sie ist etwa zebn F. tief, vier F. breit und neu» 5 boch und hat das Eigeuthümli'chc, daß kleinere Thiere, wclcbe hineiugebracht werden, ü gleich ersticken und brennende Lichter am Boden sogleich erlöschen; eine Erscheinung, weltbe sich dadurch erklärt, daß die Kohlensäure, die darin aufsteigt, am Boden in einer gewöhnlich einen halben F. hohen Schicht sich ansammelt, indem sie wegen ihrer größer^ speem-/ scheu Schwere mit der darüberstchendcn atmosphärischen Lust sich nicht vermischt. Grotte war schon den Alten bekannt und wurde von Plinius beschrieben. Ihren Namen Hmrdsrück Hnndswuth 355 bat sie von d?n Hunden, mit welchen man gewöhnlich den Erstickungsversuch in ihr anzu- , stillen Pflegt, die aber, wenn man sie schnell inS Wasser wirft, wieder zum Leben kommen. Hundsrück, ein etwa sechs Meilen langes, waldiges Kalkschiefergebirge, eine Fortsetzung der Vogesen, welches in den preuß. Regierungsbezirken Koblenz und Trier in bogenförmiger Richtung von Osten nach Westen zwischen den Flüssen Stahe, Mosel und Rhein sich hinzieht, ist 22M>—2:iü0 F. hoch, größkentheils mit dichten Waldungen bedeckt und besteht aus zwei verschiedenen Gcbirgsmasscn, von denen die nordöstliche den eigentlichen Huudsrück zwischen Kirn und Bacharach und die südwestliche den Hohen - oder Hochwald, von dem ein Theil der Jdarwald heißt, bildet. Dieser letztere Thcil, mit dem Walderbsenkopf und dem Jdarkopf, den höchsten Punkten des ganzen Gebirges, zieht sich in vielfachen Abzweigungen längs der Mosel und der Stahe hin und verursacht das enge Bett dieser Flüsse lind ihre vielen Krümmungen. Die Abdachung des Gebirges nach dem Rhein und der Mosel bilden kleine Ebenen, die aber durch Schluchten und Thäler und auch durch Höhen unterbrochen werde». Da, wo sich die Ebenen den Flüssen zuneigen, wird treffliches Wintergetreide gebaut; in den höher», steinigen Regionen gedeihen Gerste und Hafer, vorzüglich aber guter Flachs und Hanf; auch baut man in neuerer Zeit viel Klee, um des Samens willen, der stark nach England durch kreuznacher Handelshäuser versendet wird. Die großen Wälder enthalten viel Wild, und die Bäche sind reich an Krebsen und Forellen. Das Vieh ist durchgängig klein, das Fleisch desselben aber wohlschmeckend. An und auf ''ein Hundsrück liegen eine Menge Dörfer. Die Bewohner sind, wie alle Gebirgsbewohner, siol; auf ihr rauhes Land und kehren gern aus der Fremde wieder zurück in ihre Heimat. Berüchtigt wurde der Hundsrück als der Aufenthaltsort der Räuberbande des Schinderhannes. Den Namen leiten Einige von einer Colonie Hunnen ab, welche Kaiser Gratia» in diese Gegend versetzt haben soll, oder von Hunnen, welche nach der Niederlage Attila s sieb hierher geflüchtet; merkwürdig ist eS allerdings, daß in der Umgegend mehre auf die Hunnen hindcutende Benennungen Vorkommen, wie das Schloß Hunoldsiein, ferner Hu- nenborn, Hunthcim u. s. w. Hlttldstnste nennt man die Zeit vom 2-1. Juli bis zum 24. Aug-, und zwar darum, weil die entsprechende Jahreszeit, bei den Griechen Opora genannt, durch den kosmischen Aufgang des Hundssterns oder Sirius bestimmt wurde. Sic ist in Griechenland durch große Hitze ausgezeichnet; auch bei uns gilt sie für die heißeste Zeit des Jahres, iviewol gegen ihr Ende die Abnahme der Wärme meist sehr merklich wird. Hnndswuth, Wuth oder Tollheit (reckm-- min'»»,), ist eine eigenthümlichc Krankheit, welche meist die Hunde und die diesem Geschlechts angehörcnden Thiere, die Wölfe und Fücbse, befällt; außerdem aber noch an Katzen, Hühnern, Hornvieh und andern Thieren beobachtet worden ist. Die Furchtbarkeit und die verschiedenen oft voneinander abweichenden Symptome der Krankheit sind die Ursache gewesen, daß das Bild derselben von ! jeher, obwol sie schon seit den ältesten Zeiten bekannt ist, sehr entstellt und unklar war, und nur erst in der neuesten Zeit ist es namentlich Hartwig in Berlin gelungen, Aufklärung darüber zu verbreiten. Zufolge der eifrigen und umsichtigen Untersuchungen desselben sind die Svmptome der Tollheit an Hunden nach Racc, Temperament, Alter, Geschleckt u. s. w. , verschieden; den hauptsächlichsten Krankheitszeichen nach jedoch lassen sich die schon langst angenommenen zweiHaupkformen des Übels, die rasende und die stille Wuth, beibehalten. Die elftere gibt sich besonders dadurch kund, daß die Hunde mit dem Anfänge der Krankheit ihr bisheriges Betragen ändern, jedoch in dieser Änderung selbst wechseln; eine große Unruhe zeigen; viel an kalten Gegenständen lecken; die Eßlust verlieren und fremdartige Gegenstände, wie Holz, Stroh u. s. w., verschlingen; weder bellen noch in der Art der gesunden Hunde heulen, sondern einen ganz charakteristischen Ton von sich geben, der zwischen jenen ziemlich mitten inne steht; früher oder später eine Steigung zum Beißen, erst gegen Katzen, dann gegen Hunde und zuletzt gegen Menschen zeigen; oft auch in die bloße « Luft schnappen; äußerlich von Anfang wenig verändert sind, nach einigen Tagen aber ge- wthete und dann sehr matte Augen bekomme»; in kurzer Zeit sehr abmagcrn und dadurch k>» rauhes, struppiges Ansehen erhalten. Die stille Wuth unterscheidet sich von der rasen- W * ^ -V«-. >< . k»' 35Ü Hundswuth den hauptsächlich dadurch, daß der Unterkiefer vermöge einer Lähmung der Muskel» di, ihn an den Oberkiefer ziehen, herabhängt, weshalb Alles, was in die Mundhöhle gebracht wird, gleichwie auch der Speichel, wieder herausfließt; daß der Trieb zum Beißen, welckiS trotz der Lähmung des Unterkiefers durch augenblickliche Anstrengung möglich gemacht wich und zum Umherlaufen nicht so heftig ist, und daß die auf gleiche Weise veränderte Stimmt nur selten gehört wird; die übrigen Symptome sind denen der rasendenWuth gleich. Ganz irrig sind die Angaben, daß tolle Hunde eine vollkommene Abneigung gegen das Wasser, das Licht und die Luft hätten; daß sie ihren Herrn nicht mehr erkennten, daß sic den Schwanz zwischen den Hinterbeinen hindurch unter den Leib zögen, und daß sie nur immer geradeaus liefen; im Gegentheil scheuen sie das Wasser so wenig, daß sie viel davon zu sich nehmen, und das Licht nur, wenn sie entzündete Augen haben; auch sind sie nie ganz unfolgsam gegen ihren Herrn und tragen in der ersten Zeit den Schwanz ganz so wie andere Hundt, lassen ihn jedoch bei zunehmender Schwäche, die sich namentlich am Hinterkörper bemerkliäi macht, schlaff herabhängen. Der Verlauf der Krankheit ist bei beiden Formen sehr verschie- den und unbestimmt; der Tod, der binnen sechs bis acht Tagen nach dem ersten Erkrankt« erfolgt, beendigt sie in allen Fällen. Nur wenig tragen die Untersuchungen der gestorbkni» Thiere zur Aufklärung über die Natur der Krankheit bei; die meisten Organe, am constan- testen der Magen, zeigen einen vermehrten Blutrcichthum, jedoch kaum Entzündung; i« vielen Fällen aber ist eine bemerkenswerthe Abnormität in irgend einem Organe nicht;» finden. Da nicht wenige der angeführten Symptome auch bei andern Krankheiten gefun- den werden, und oft nur durch eine genauere Beobachtung die Hundswuth von diesen unterschieden werden kann, so ist cs Pflicht für jeden Besitzer eines Hundes, beim Erkrank»! desselben sogleich einen Sachverständigen zu Rathe zu ziehen. Bei dem Hunde - undKatzeu- gcschlecht entwickelt sich die Tollheit von selbst; doch ist cs zur Zeit noch sehr ungewiß, welch! Umstände ihrer Entstehung am günstigsten sind. Hunde jeder Nace, jedes Geschlechts mid jedes Alters sind in jeder Jahreszeit und Witterung und bei jeder Lebensart ihr ausgesetzl. Weder schlechte Nahrung und schlechtes Wasser oder gänzlicher Mangel dieser Dinge, noch große Hitze oder Kalte, noch Behinderung in Befriedigung des Geschlcchtstricbs sind nach den neuen Untersuchungen als alleinige Ursachen dieser furchtbaren Krankheit anzusehni. Nur wahrscheinlich ist es, daßmehrc dieser erwähnten Ursachen vereint bei schon dazudispe- nirten Thieren, für welche man, Beobachtungen zufolge, solche hält, die an gewissen Nervenkrankheiten gelitten haben, den Ausbruch der Wuth hcrbeiführen, und daß noch außerdem gewisse unbekannte endemische und epidemische Verhältnisse dabei Mitwirken. Weil öfter als durch diese Ursachen entsteht die Hundswuth durch den während der Krankheit erzeugten Ansteckungsstoff, das Wuthgift, welches sich im Speichel und Blute der kranken Thiere findet. Werden diese Säfte in das Blut eines andern Körpers übergeführt, so entsteht bei Thieren dieselbe Krankheit, bei Menschen die Wassersch eu (s. d.), während sie auf die unverletzte äußere Haut und Schleimhaut nicht einzuwirken scheinen, fidaß dir Ansteckung durch den Genuß der Milch und des Fleisches oder durch die Ausdünstung und den Athem wuthkranker Thiere sehr problematisch ist. Mit der eigenen Ansteckung erhalten die auf diese Art von der Hundswuth Ergriffene» zugleich die Fähigkeit, das Wuthglst ihrerseits immer weiter zu verbreiten; dock scheint dieses nach und nach an Wirksamkeit zu verlieren, und besonders bei den vonVcgctabilien sich nährenden Thieren und bei Mensäu"' eine Veränderung zu erleiden, welche der weitern Ansteckung, namentlich von Geschöpfe» derselben Gattung, nicht günstig ist. Überhaupt ist cS wahrscheinlich, daß eine befinde« Prädisposition vorhanden sein müsse, wenn das in das Blut gebrachte Wuthgift dieKrank- heit sortpflanze» soll, da einerseits durchaus nicht alle von wuthkranken Thieren Gebissene erkranken, andererseits die Krankheit in Folge von Bissen nur gereizter, aber, wie die fernere Beobachtung zeigte, keineswegs wuthkranker Thiere entstehen kann; jedoch ist die dl« dieser Anlage noch nicht genauer bekannt. Die Zeit des Ausbruchs der Krankheit nach ge schehener Ansteckung ist sehr verschieden; bei Hunden erfolgt sie fast immer innerhalb Tagen. Bis jetzt find alle Versuche, die schon ausgebrochene Wuthkrankheit zu heilen, g« scheitert; wohl aber kann der durch Biß übertragenen durch eine zweckmäßige Behandlung der Wunde vorgebeugt werden, indem so schnell wie möglich nach dem Biß die Wunde au' Hunger Huugercur 357 geschnitten oder ausgebrannt, oder mit reizenden Stoffen, wie Essig, Salzwasser u. s. w. ausgewaschen wird, wodurch in Folge der vermehrten Blutung und nachherigcn Eiterung das Gist entfernt werden kann, che es sich weiter im Körper verbreitet. Alle Vorkehrungen, die der Aberglaube erfunden hat, um dnrch gewisse Operationen an gesunden Hunden die Fähigkeit, toll zu werden, auszurotten, haben sich als unnütz und sogar als schädlich erwiesen, indem dadurch nur der Sorglosigkeit Vorschub geleistet wird. .Hunger (s-imcs) ist das Gefühl des Bedürfnisses der Nahrung, welches man im gesunden Zustande dann hat, wenn die zuletzt genossene Nahrung aufhört, reizend auf die Verdauungsorganc zu wirken. Was die nächste Ursache des Hungers sei, ist noch nicht erkannt; die Erklärungen, daß durch gegenseitiges Aneinandcrreiben der Magenwände oder durch die unmittelbar auf sie einwirkenden Verdauungssäftc, oder durch die sich in Ermangelung anderer Objecte auf die Magcnwände selbst richtende Thätigkeit der einsaugenden Gefäße der Hunger entstünde, lassen sämmtlich Widerlegungen zu. Al? bloße Eßlust oder Appetit ist der Hunger keine unangenehme Empfindung, als solche kann er selbst durch den Genuß von wenig nahrhaften, sondern nur reizenden, salzigen oder gewurzhaftcn Substanzen willkürlich erregt werden. Wird diese Eßlnst nicht befriedigt, so beginnt die Empfindung unangenehm zu werden und cs treten nun Erscheinungen ein, welche anzcigen, daß erneuerte Nahrung nicht nur Bcdürfniß der Magennerven, sondern des ganzen Organismus, daß die Ernährung desselben bereits beeinträchtigt sei. Bei fortgesetzter Enthaltung von Nahrungsmitteln wird der Magen immer empfindlicher, und diese Empfindlichkeit setzt sich auf das Gehirn fort; es folgen heftige Kopfschmerzen, Delirien und Tobsucht und ein fürchterlicher Tod endigt diesen Zustand. Die Länge der Zeit, welche der Mensch oder ein Thier ohne Nahrungsmittel zubringen kann, ist sehr verschieden; kaltblütige Thiere ertra- gen den Hunger viel länger als warmblütige; bei einem übrigens gesunden Menschen tritt der Tod bei vollkommener Nahrungslosigkeit ungefähr nach einer Woche ein. Heißhungers. d.) nennt man den Hunger nicht nur dann, wenn dieser schon einen hohen Grad erreicht hat, sondern auch, wenn er seiner Natur und seinen Ursachen nach krankhaft ist. Mit Jähhunger bezeichnet man ein starkes aber nicht krankhaftes Verlangen nach Speise. Hungerkur (cura psr inelliili») nennt man im engem Sinne dasjenige ärztliche Verfahren, welches hauptsächlich durch die Entziehung eines Theils der dem Körper nothi- zen Quantität Nahrung die Heilung einer Krankheit Herbeizufuhren sucht, während zuweilen auch schon die bloße Versagung gewisser Nahrungsmittel (cur-, per «liactiun, Diätcur) und die Entziehung eines Theils der gewöhnlichen, dem Körper aber nicht unbedingt nöthi- gcn Nahrung (cur-, per aiistineiitmm, Entziehungscur) diesen Namen im weitern Sinne führen. Die Anleitung zu einem solchen Verfahren, welche schon die Natur selbst durch die Appetitlosigkeit in fast allen acuten Krankheiten gibt, wurde bereits von den Alten aufgc- faßt, und schon Hippokrates bediente sich des Hungers als eines Heilmittels; die Ersten aber, die eine systematische Hungercur anwendcten, waren aus der Schule der sogenannten Methodiker, mit deren Erlöschen auch die Hungercur bis gegen das Ende des Mittelalters vergessen worden zu sein scheint. Die in dieser Zeit auftrctenden Übel waren der Wiederanwendung dieses Heilverfahrens besonders günstig, und so gelangte cs endlich, namentlich auch durch F. Hoffmann (s. d.), WinSlow, Struve, Pons, Kluge, Louvrier f »nd Rust empfohlen, zu hohem Ansehen. DicQuantität und Qualität der bei der Hungerkur zu genießenden Speisen ist nach Maßgabe der Verschiedenheit der Krankheiten und der > Kranken und selbst nach den nicht ganz übereinstimmenden Methoden allerdings verschiede», doch wird fast durchschnittlich die Menge von acht bis zwölf Loth einer leicht verdau- lichen Kost für den Tag nebst einer beliebigen Menge von Wasser oder Holztrank verord- »et, wobei noch andere die Secretivnen der Haut, der Nieren, der Lungen und des Darmkanals befördernde Mittel hin und wieder gereicht werden, und in dieser Art vier bis acht Wochen fortgefahren. Die nächste Wirkung eines solchen Verfahrens ist, daß Alles, was >n den Nahrungskanal gelangt, vollkommen verdaut und sonach ein besserer Nahrungssaft sanzüns) ausgeschicden wird. Da jedoch dieser allein seiner geringen Quantität wegen nicht w> Stande ist, dem Blute hinlänglichen Stoff zur Ernährung des ganzen Organismus zu Mähren, so werden, um Nahrungsstoff zu gewinnen, alle Secretionen vermindert und 858 Hünen Hüningen die am niedrigsten stehenden Gebilde des Körpers aufgesogen und zur Erhaltung des Gm. zcn verwendet. Es werden daher nicht nur die natürlichen Ausscheidungen durch die Haul u. s. w., sondern auch die regelwidrige», B. Eiterabsondcrungcn u. s. w., und sowie das Fett- und Zellgewebe, auch Geschwülste, überhaupt alle abnormen Gebilde in ihrer Ernährung beeinträchtigt und aufgesogen. Die Hungercur wird angewendct gegen die sogenannten Säftekrankheiten, welche regelwidrige Ausscheidungen zur Folge haben, z. B. Eich«, Syphilis, chronische Hantausschläge u. s. w.; doch ist bei dieser das Leben selbst so energisch angrcifenden Cur jederzeit die größte Vorsicht nöthig. Vgl. Struvc, „Uber Diät-, Entzic- huugs- und Hungercur" (Altona 1822, a.). Hünen nennt man ungewöhnlich große und starke Menschen. Nach einer frühem, wie man glaubt, im Mittelalter auch unter dem Volke verbreiteten Ansicht sollten die Hünen ein Deutschland in der Urzeit bewohnendes Niescngeschlecht gewesen sein. Andere finden in Hünen oder Hennen den verstümmelten Namen der Hunnen, die man ebenfalls für ein ungewöhnlich großes Menschengeschlecht hält. Allein ungeachtet der oben angegebenen allgemein gangbaren Bedeutung des Wortes Hüne, die erst durch die falsche Erklärung entstanden sein dürfte, ist cs am wahrscheinlichsten, daß dasselbe ein altgerman. Wort sei oder wenigstens auS einem solcbcn sich gebildet habe, welches so viel wie Tod bedeutete. Dafür spricht, daß bei den Friesen Hüne oder Henne für Todter gebraucht wird, und daß im Osna- brückische» das Sterbeklcid Hünenklcid heißt. So findet auch der Name dcrHünen- grä ber oder Hünenbetten, die man in Folge jener irrigen Erklärungen auch Niesengräber oder Hunncngräber genannt h?.t, die geeignetste Erklärung. Unter den Hünengräbern aber versteht man im Allgemeinen alle aus der heidnischen Vorzeit stammenden Grad- mäler, die theils in großer Menge und in Reihen geordnet, theils einzeln auf Anhöhen, i« Wäldern und entlegenen Gegenden sich vorfinden, bald in hohen, bald in unbcdenkendern Erdaufwürfcn von abgerundeter Form bestehen und entweder die Reste verbrannter Lei che» oder unverbrannter Gerippe, sowie Urnen und andere Gefäße, Waffen und verschiedene Gcräthe des häuslichen und öffentlichen Lebens von Stein, Horn'und Metall enthalten. Erst in neuerer Zeit hat man angefangen, unter Hünengräbern vorzugsweise die sogenannten Steinhäuser zu verstehen, die aus mehren Feldstücken erbaut, ein längliches, nach Westen zu breiteres Viereck von verschiedener Größe bilden, mit mächtigen platten Feldstücke» bedeckt, außerdem gewöhnlich von einem Steinkreise umgeben sind und neben den obenbe- zcichncten Gegenständen meist unvcrbrannte Skelette enthalten. Hünengräber in diestr engeru Bedeutung finden sich in großer Zahl durch ganz England, Schottland, Frankreich die Niederlande, Skandinavien und das nördliche Deutschland, namentlich im Holsteinischen, seltener im mittler» Deutschland, z. B. in Hessen, Thüringen und Sachsen, wo die Zeit und die Cultur sie geebnet haben und mehr und mehr selbst ihre Spuren verschwinde». Die durchgchends gleiche Beschaffenheit derselben und der ähnliche Inhalt, den sie biete», berechtigt zu der Annahme, daßsie insgcsammt einer und derselben Nation angehören. Lb- schon nun Einige sie auf die Kelten haben zurückführcn wollen, so dürfte doch der Umstand, daß sie überall, wo gcrman. Völkerschaften ihre Sitze hatten, sich vor'sindcn, für die Ansicht sprechen, daß sie den Germanen angehören, wenn auch die cindringendcn Slawen, die Sitte« der Germanen nachahmend, ebenfalls wenigstens einzelne ähnliche Grabhügel mögen errichtet haben. Der Hauptunterschied zwischen den german. und slaw. Grabhügeln dürste darin bestehen, daß die letzter», welche man allerdings im gewöhnlichen Leben auch Hünengräber nennt, die aber in der'Volkssprachc meist Heidengräber heißen, keine Reste unvcrbramiter Leichen, sondern durchweg die Spuren des Leichenbrandes enthalten. Im Interesse dcrÄl- tcrthumswissenschaft ist namentlich von den Alterthumsforschenden und Historischen Vereinen eine große Anzahl dieser Grabhügel geöffnet und manches schöneDenkmal aus der Verborgenheit hervorgczogen worden; allein da die Ausbeute in den verschiedensten Gegcndc» fast immer dieselbe gewesen und in der neuesten Zeit wenig Neues gefunden worden ist, U dürfte es wol an der Zeit sein, die Hügel selbst als Denkmale einer so frühen Zeit zu schone» und nicht muthwillig zu verheeren. Hüningeil, auch Großhüningen, eine Stadt im franz. Departement Obcrrhcin, Basel gegenüber, mit 9«v E., kam noch als Dorf durch Kauf an Ludwig XlV., der es durch 0 ch », ü- n- iu eu itt- ia- »- en- n- ab- in MI ei ene m. - an- Le- - kc» >be- i eser ich, midie >cii. te», Lb- wd, !>chl ticil i er- j arin , .iber ' »!-r Al- crei- ! »er- ^ idcii i, st nie» ^ sciu, urch Hunnen 359 Vauban in der zweiten Hälfte des I7.Jahrh. befestigen, später cineBrncke über den Rhein schlagen nnd auf deutschem Boden, da, wo gegenwärtig das Dorf Klei nhü ningcn mit etwa 100 E. steht, einen Brückenkopf anlcgcn ließ. In Gemäßheit der Friedensschlüsse von 1007, 1711 und 1755 mußten zwar die Franzosen den lchtern schleifen, doch schon >741 legten sie ihn aufs neue an und ebenso, nachdem er >751 abermals abgetragen worden war. Im 1.1706 wurde derBrückenkopfvon den Ostreichern unter Erzherzog Karl genommen. Jm J. 1815 nahmen dieÖsireicbcr die Festung, worauf die Werke geschleift wurden, die nichtwiederherzusicllen, Frankreich im Zweiten pariser Frieden sich verpflichten mußte. Hunnen, ei.n asiat. Volk, das nach der Zerstörung des griech. sogenannten Bospora- nischen Reichs in der Krim und nach der Besiegung der Alanen, mit diesen vereint im I. 575 den Don überschritt, das gothische Reich Ermanrich's (s. Gothen) zertrümmerte und damit in die abendländ. Geschichte cintrilt. In viele Horden gcthcilt, die voneinander unabhängig unter ihren Stammhäupkern standen, von denen Balamir zuerst genannt wird, wohnten die Hunnen hierauf in den weiten Ebenen von der Wolga bis zur Donau, wo der Name der Scythen nun durch den ihrigen verdrängt wurde. Nach den alten Schriftstellern waren sie von dunkler Farbe und abschreckender Häßlichkeit; schamlose Wollust, Grausamkeit und Raubsucht machten sie zum Schrecken der Völker, die ihre verwüstenden Naub- züge trafen, welche sich in Asien vom Kaukasus bis nach Syrien, in Europa über die Donau nach Thrazien erstreckten, wo schon unter Arcadius Uldin, einer ihrer Fürsten, bis an Konstantinopel streifte. Sie waren Nomaden, alle beritten und vortrcfflichcBogenschützcn; Herden ihr hauptsächlicher Rcichthum, Zelte nnd Hütten ihre Wohnung. Auf dem linken Donauufcr nahmen sie die Ebenen an der Theiß ein, wo nachher Attila sein Hoflagcr hatte, und auf dem rechten wurde ihnen das Land zwischen der Drau und S« ve von dem oström. Hofe überlassen, der sich hierdurch, wie durch Geldgeschenke, vor ihren Einfällen zu schützen suchte. DieBrüder Attila (s. d.) nnd Bleda unterwarfen seit -154 die einzelnen hunnischen Horden von Ungarn bis zum Kaspischen Meer ihrer Herrschaft, die Attila, nachdem crBlcda Itt ermordet, allein besaß. Nachdem Attila im I. -117 Thrazien, Makedonien und Jlly- ricum furchtbar beimgesucht halte, gab ihm Honorier, die Tochter der Placidia und Schwester Kaiser Valentinian'S !>>., dadurch, daß sie sich ihm als Gemahlin anbot, den Vorwand, das befreundete Vcrhältniß zu brechen, in welchem durch des Feldherrn Actius Vcrmitte- borg bas wcström. Reich bis dahin mit den Hunnen gestanden hatte. Zudem herrschte im oström. gleiche seit 450 Marcianus mit größerer Kraft als sein Vorgänger Theodosius II., und die Vandalen versprachen von Afrika herbem Attila Bundesgenossenschaft zum Zug gegen die Wcstgothcn. So führte er im I. -151 ein ungeheures Heer, aus hunnischen und den Scharen gcrman. Völker bestehend, die seiner Herrschaft gehorchten, namentlich Ostgo- ihen, Gcpidcn, Heruler, Rugier, Skyren, Obuaden, Markomannen, Thüringer und östliche Franken, über den Rhein nach Gallien, wo ihn jedoch die vereinte Macht der Römer und Westgothe» in der Schlacht auf den Cat alaunischcn Feldern (s. d.) zum Rückzug nötigte. Nach Attila's Tod, im I. 4 55, erhob sich Streit zwischen seinen Söhnen, die unterworfenen Völker befreiten sich, voran dic Gepiden, gegen die Ellak, derjenige von Attila's Söhne», dem dieser die Herrschaft zugcdacht hatte, fiel. Das Land an der Donau wurde hicr- emfvvn den Hunncngcräumt, die sich über den Pruth undDnicprzurückzogcu, wo sic wieder unter einzelnen Fürsten standen. Einer von diesen, Dagenzik, Attila's Sohn, fand den Tod um 408 gegen die Ostgothcn, und damit verschwindet der Name eines Reichs der Hunnen. In röm. Kriegsdienst kommen hunnische Scharen noch in dem Heere, das Nar- üs gegen die Ostgothen führte, vor. Das Volk selbst erscheint nun unter dem Namen der Kuturguren oder Kutriguren westlich, und der Uturgurcn oder Utrigurcn östlich vom Don, von denen namentlich die erster» im li. Jahrh. dem oström. Reiche durch ihre Einfälle furchtbar waren. Nach neuern Untersuchungen führten diese Hunnen den gemeinsamen Namen der Bulgaren, die als deren Nachkommen zu betrachten sind, zu dem türk, oder tatarischen Volksstammc gehörten und deren ursprüngliche Sitze an den nordwestlichen Gebirgen Hoch- asens waren. Nach der Schilderung der Alten betrachtete man sic gewöhnlich als Mongole», mit denen sich, nachdem sie aus Ostasien hcrvvrgebrochcn, tatarische Stamme vereint hätten. Die Ableitung der Ungarn (Magyaren) von ihnen ist entschieden unrichtig, und 360 Hunt (Henry) Hunter dr-rName der Hunnen auf diese spater», finnischen Einwanderer in Pannonien ebenso will- kürlich übergetragen worden, wie vorher auf die Avaren. Fraglich ist cS, ob mitdenHun- ncn die Hiongnu (Chiung-nu) gleichzuschcn sind, die nach chines. Angaben von der Man- golei aus schon im 2. Jahrh. v. Chr. den Chinesen furchtbar waren, dann in mehlen Ab> theilungen theils unter chines. Herrschaft wohnten, theils sich derselben durch AuSwande- rung in die Länder am Gihon und in das südliche Sibirien gegen de» Jaik (Ural) hin entzogen, und von denen die letzter», durch nachrückende Völker gedrängt, die Hunnen gc> wesen sein sollen, die 375 v. Chr. über den Don gingen. Hunt (Henry), ein bekannter radikaler Dcputirter des engl. Unterhauses, ein kräftiger Charakter mit schroffem, bizarren Äußern, gcb. 1773 zu Willingron in Wiltshire, der Sohn eines amerikan. Refugie und einer Schwester des Malers Bens. West, war erst Gutsbesitzer und dann Brauer in Bristol und Hauptmann bei der Aeomanry. Seit 1816 trat er als Dolksredncr für die Nadicalreform auf und berief >819 die große Versammlung bei Manchester, welche von der Aeomanry mit Gewalt und unter Blutvergießen zersprengt wurde. Wegen seiner zu Aufruhr reizenden Reden kam er hierauf in Untersuchung und wurde zu drittehalb Jahren Gefängniß vcrurtheilt. Bereits 1825 stand er wieder an der Spitze der die Abschaffung der Fenstersteuer sodernden Versammlungen, und 1826 intcressirte er sich besonders für Aufhebung der Korngesetze. In den Z. >8.ü> und >831 von Westminster ins Unterhaus gewählt, wirkte er wegen seines überspannten Radicalismus nur wenig. Er starb 1834 zu Alvesford. Hunt (James Henry Leigh-), ein berühmter engl. Schriftsteller, der Bruder des Vorigen, geb. zu London l 7 84, zeichnete sich schon im Christhospital zu London durch Sprach- und Schreibgewandtheit aus und ließ mehre Lsss)'8 an«i juvenil poems im „Iuvenile gre- ceptor" abdrucken. Nachdem er längere Zeit bei einem Ättorney gearbeitet, erhielt er eine einträgliche Staatsanstellung, die er aber wieder aufgab, um sich vorzugsweise der theatralischen Kritik zu widmen. Daher seine vortrefflichen über Theater und dramatisch! Kunst, die 1807 unter dem Titel „Oritical essaxs on tke performances "f tlie I^nnäau tkeatres" gesammelt erschienen. Schonungslos in Besprechung kirchlicher und politischer Verhältnisse und Personen, z. B- in den Pamphleten: „On tbe so»)' an«I «langer nl>le- tllnclism" (1809) und „Urs relormist's repl/ to «n »rtiele on tlie state esParties in tlie Liiinburgir review" (1809), war er Derjenige, welcher damals den Radikalismus am geistreichsten in die londonerJoumalistik einführte, besonders in dem von ihm gemeinschaftlich mit seinem Bruder John im I. > 808 gegründeten und im radical whiggischen Geist! geschriebenen „kxaminer". Sehr bald Gegenstand leidenschaftlicher Verhetzungen und ge- ricktlicher Anklagen, wurde er wegen eines Libells auf den Prinz-Regenten, nachhcrig« König Georg I V., zu zweijähriger Einkerkerung verurtheilt, wofür er sich durch seinen,Deport of an Information, lilell ex officio b^ tbe ^ttnrne^ general wild «bservatiom rächte. Später wendete er sich rein poetischen Bestrebungen zu und gründete durch sein herrliches Gedicht ,,'lfke storx ofkiinini" (1816) seinen Ruhm als Dichter. Alle sein! frühem und spätem Dichtungen, wie „Hie «lescent oklibert)-, a mark" (1815), „L«t of tbe poets an«I otber pieces" (18l4), „koliage nr pneins original an«I translatest" (1818), „?oetic»I worle-," (1833), das komische Gedicht „Oapitain swor-l anii (1835), stehen diesem echt romantischen Gedichte nach. In seiner Satire „Oltra cre>»>6- rius" (1823) suchte er dem Überstrengen Kritiker Will. Gifford, Herausgeber des „Ouar- terlx review", das harte Urtheil über seinen Freund Kcats W vergelten. Seine Viertel- jahrsschrift ,,1'lie reüector" und eine andere, ,,'l'be liberal", mislangen, dagegen macht! sein „ib.or«I 6^ron sn«i some of bis conteinporaries, witli recollections of tke siit>i«rs lise an«I ofkis visit to ltal)" (1828), eine Sammlung interessanter Episoden aus Byrons Leben, großes Aufsehen. Unter seinen übrigen poetischen Leistungen dürften „Olassic tale«, »electe«! from aatkars of clistingnisbecl genius" (5 Bde.), „llbe rounll takle, » collec- tions of esssz-, in conjunctinn witk VV. Uarlitt", „L translatiou «f^mints nf'fasso", literar^ pncleet-boolk", ,,'Lke in«iicator sn«l tke coinpanion-^ (2 Bde., Lond. 183l) und ,,1'lie Lalfrezf, a love stor^ ok ol«I times" (Lond. > 842) die vorzüglichsten sein. Hunter (William), einer der größten Anatomen, Wundärzte und Geburtshelfer, ged- ! s Hunyad 36l am 23. Mai >7 >8 zu Lang Caldcrwood in der schot. Grafschaft Lanark, besuchte die Schule zu Glasgow und begann daselbst Theologie zu studiren. Seine Bekanntschaft mit Cullen 737 an in Cullen's Hause zu Hamilton widmete, worauf er zu weiterer Ausbildung >740 nach Edinburg und >741 nach London ging, wo er zunächst Unterarzt am St.-Georgshospital wurde und 1746 me- dicinische Vorlesungen begann. Im I. >747 machte er eine wissenschaftliche Neise nach Holland und Frankreich und ließ sich dann in London als praktischer Arzt nieder, wo er, die chirurgische Praxis sehr bald aufgebend, sich ausschließend mit Geburtshülfe und Anatomie beschäftigte. Nack der glücklichen Entbindung der Königin wurde er >764 zum außerordentlichen Leibarzt und bei der Errichtung der Akademie der schönen Künste >768 zum Professor der Anatomie ernannt. Sein bedeutendes Vermögen wendete er dazu an, ein schönes Gebäude aufzuführen, in welchem er ein anatomisches Theater für seine Vorlesungen einrichtete und seine bedeutende» Sammlungen an anatomischen Präparaten, Büchern, Mineralien und Münzen aufstellte, die nach seinem Tode, am 3V. März 1783, erst an seinen Neffen und dann in Besitz der Universität zu Glasgow gelangten. Eine Beschreibung seiner „k<»mmori,iii veterum popuiorum et urkium" gab Combe (Lond. 1783, 4.) heraus. Das Hauptwerk H.'s ist die „^.natom^ os tke Kumsn gravicl „terus" (Lond- 1775, Fol.; deutsch von Froricp, Weim. > 802). Außerdem schrieb er viele Abhandlungen in den „ktiilosaplneal transactiuns", in den Schriften der Mcdicinischen Gesellschaft in London und in seinen „5letliek>I commentaries" (Lond. >762, 4., nebst Supplement >764), welche von Kühn gesammelt und überseht unter dem Titel „Medicinische und chirurgische Beobachtungen und Heilmethoden von Will. H." (2. Bde., Lpz. >784—85) erschienen. — Sein jüngerer Bruder, JohnH., als Anatom und Chirurg gleich ihm berühmt, geb. am 14. Juli I 728 ebenfalls zu Long Caldcrwood, wurde in seiner Erziehung sehr vernachlässigt, sodaß er in seinem 20. Jahre kaum lesen und schreiben konnte. Er hatte als Zimmcrmann gelernt, als das Glück, welches sein Bruder in London gemacht, ihn vcr- anlaßtc, > ^48 denselben aufzusuckcn und sich ihm als Eehülfe anzubieken. Von diesem ausgenommen, zeigte er besonders bei den anatomischen Arbeiten viele Geschicklichkeit. Dabei trieb er sehr eifrig die Chirurgie, studirte dann in Oxford und wurde >756 Wundarzt am St.-Georgshospital. Um seine in Folge der übermäßigen Anstrengungen wankende Gesundheit wieder zu befestigen, nahm er >760 Dienste in der Armee und wohnte der Expedition nach Bclle-Jsle und dem Feldzuge der Engländer in Portugal bei. Nach London zurückgekehrt, widmete er sich der chirurgischen Praxis und dem Studium der vergleichende» Anatomie und Physiologie, wozu er sich ein eigenes Haus in der Nähe von London baute, in welchem er eine kleine Menagerie unterhielt, um die Thiere zu beobachten. Er wurde I 68 dirigirendcr Wundarzt am St.-EeorgShospitale, >776 außerordentlicher Wundarzt deS Königs, >786 zweiter und 1 790 erster Ecneralchirurg der Armee und Ge- neralinsvector der Militairhospitäler und >792 Vicepräsident des neuerrichteten Thierarz- neicvllegiums in London. Seine große Sammlung anatomischer Präparate, die er >783 i» einem besonders dazu eingerichteten Hause aufstellte, wurde nach seinem Tode, am >6. Lct. 179., von der Negierung angekauft, in das O-IIege ns 8»rgenns gebracht und zu Vorlesungen benutzt. Seine Hauptwerke sind : „Kuturul kistor^ ns tüe immun teetk" ('-Bde., Lond. >77l—78; deutsch, 2 Bde., Lpz. >780); „Oll tke venereni liisease" (Lond. 1786; deutsch, Lpz. >787); „OkservstiouL ou tke ckiseui-es ns tke arm)' incka- muicu uiul nii tke best uieuos ob preservinF tke kealtk okLurnpesns" (Lond. >788; deutsch, Lpz. >792) und „On tke nuture ns tkeblaock, inüummutinn sntl giinskot erauniis" iherausgegeben mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers von Home, 2 Bde., Lond. deutsch von Hebenstrcit, 2 Bde., Lpz. >797— 1800 ). Hunyad (Joh.7, ein berühmter ungar. Held, soll der uneheliche Sohn des deutschen Kallers und Königs von Ungarn Sigismund mit der walach. Bojarin Elisabeth Morssi- nay und um > 93 geboren sein. Durch Sigismund wurde er zum Ban der westlichen Walachei erhoben, wo er nun Gelegenheit fand, sich Ruhm gegen die Türken zu erwerben, und Kaiser Albrecht II. übertrug ihm die Woiwodschaft von Siebenbürgen. Nachdem er durch wiederholte Siege die Türken gezwungen hatte, >440 mit Ungarn einen zehnjährigen Äi2 Hupfeld Hurd Waffenstillstand zu schließen, erfocht, er über sic, als sic denselben brachen, 1112 wieder einen der glänzendsten Siege. Als er nach dem Tode der Königin Elisabeth I 1 >3 sich für den König Wladislaw I. von Polen erklärte, wirkte sein Beispiel auf die Großen des Ncicbs so mächtig, daß cS diesem gelang, sich bald des größten Tbeils von Ungarn zu bemach, tigen. Als Feldherr Wladislaw's zwang er die Türken von neuem am l 3. Juni litt unter sehr vvrtheilhasten Bedingungen für Ungarn einen zehnjährigen Waffenstillstand ein- zugchcn. Wladislaw brach den Vertrag und fiel am in. Nov. l itt in der Schlacht bei Varna, worauf H. als Ncichsstatthalter für den nachgeborcncn Sohn Elisabeths, Wla- dislaw II., die Verwaltung Ungarns führte, das er mit großem Geschick gegen die wiederholten Einfälle der Türken vcrthcidigtc. Zwar wurde er im Oct. >118 in Serbien gänzlich geschlagen und gefangen; nachdem er aber auf Fürsprache der ungar. Stände seine Freiheit wicdcrerlangt hatte, ließ er zunächst dem scrb. Despoten seine ganze Rache empfinden, bis die Stände I 151 einen Frieden vermittelten. Nachdem Wladislaw II. 1-153 die Negierung selbst übernommen, sah sich H. sehr bald in arsse Händel mit dem ihm feindlichen Grafen Cillcy verwickelt. Nachdem er noch einmal seinen alten Ruhm gegen die Türken durch die heldcnmüthige Vcrthcidigung Belgrads und einen kühnen Überfall des türk. Lagers, der den Sultan Mohammsd II. zum Rückzuge zwang, bewährt hatte, starb er zu Scmlin am l I. Aug. 1156. H. hatte den Plan, die Türken ganz aus Europa zu vertreiben; dcch die Lauheit der curop. Höfe und die Ränke seiner Neider ließen ihn denselben nicht uir Ausführung bringen. — Sein ältester Sohn, Lad islaw H., wurde in Folge dessen, daß j bei einem Streite mit dem Erzfeinde seines Vaters, dem Grafen Cilley, seine Diener denselben erschlugen, zu Ofen am 16. März >157 hingcrichtct. — Der zweite Sohn, Matthias H., gelangte >158 als Matthias k. 816 Lehrer am Gymnasium ui Hanau. Als sein Gesundheitszustand 1822 ihn zur Niederlegung dieser Stelle nöthigtc, wendete er sich wieder ganz den theologischen, und zwar besonders den alttcstamentlichcn Studien zu. Er ging nach Halle, um Gescnius zu hören, habilitirte sich auch daselbst 1821 und fing Vorlesungen an, kehrte aber sehr bald nach Marburg zurück, wo er 1825 als außerordentlicher, >827 als ordentlicher Professor der Theologie angestellt wurde und bis 1813 blieb, wo er dem Rufe an Gescnius' Stelle nach Halle folgte. Au seinem Hauptstu- dium hat er sich die Grammatik der semitischen Sprachen erwählt und hier sich die Aufgabe gestellt, dieselben in der Weise, wie Jak. Grimm die gcrman. Sprachen bc-ha»delt, zu bearbeiten, namentlich auch durch das Achten auf den Laut eine genetische Entwickelung der Sprache, welche über die Schriftsprache hinausrcicht, auf historischem Wege zu versuchen, ohne sich in dem Grad-c, wie Ewald, auf Divinationen und Constructionen aus dem Jnncrn'der Sprache zu verlassen. Bei der Gewissenhaftigkeit, mit der er arbeitet, und in Folge seiner Kränklichkeit können seine literarischen Arbeiten immer nur sehr langsam vorwärts schreiten. Zu erwähnensind seine „bixercitatione« aetluopicae" (Lpz. > 825, ->.), die „(loininentstio »io eineurlaixla ratinne lexieo^rapb. .--emiticae" (Marb. >82,), die „Ausführliche hebr. Grammatik" (Thl. I, Abschn. >, Lieferung >, enthaltend die Schriftleh« in historischer Entwickelung, Kaff. 1811) und „Über den Begriff und Methode der sogenannten biblischen Einleitung" (Mark. 1811). Übrigens haben ihn seine Studien dem Leben nicht entfremdet; so sprach er namentlich in Hessen für Herstellung der presbyteria- nischcn Kirchenvcrfaffung, sowie für die Berechtigung zu religiösen Privatvercincn. Hurd (Rich.), ein bekannter philosophischer Schriftsteller, geb. am 13. Jan. >72" zu Congreve in der Grafschaft Stafford, trat nach Vollendung seiner Studien in Cambridge in den geistlichen Stand. Seinen literarischen Ruf begründete er durch seinen Com- mentar zu des Horatius „De arte poetica" (Lond. >716); noch bekannter wurde er durch die Streitschrift gegen Hume s „ldßatural lüstor^- ok religion" und namentlich durch die „vialogues, moral anck ;>olitical" (Lond. 1758—61, und3Bde., 1765; deutsch von HöltY 3Ü3 Huronei, Hurter ! I!!id von Voß, 2 Bde., Lpz. 1775). Im I. 1775 erhielt er das Bisthnm Lichsield und Coventry; bald nachher wurde er Lehrer Gcorg'sIV. und des Herzogs von Jork und >781 j Bischof von Worcester. Zwei Jahre darauf wollte ihn der König, mm Erzbischof von i Cantcrbury erheben, was aber H. ablehnte. Noch gab er die Werke des Bischofs Warbur- ! ton und später dessen Briefwechsel heraus. Er starb am 6. Juni 1608. Eine Sannn- ' lung seiner Werke (8 Bde., Lond. 18 lI) erschien nach seinem Tode. ! Huröncn, ein Jndiancrsiamm in Untercanada im Südwcsicn des Ericsees von jetzt vielleicht kaum noch 7oo Köpfen. Die Huronen waren früher sehr zahlreich und mächtig »nd wohnten auf der Ostscite des Hurvnsces, bis sie 1650 von den Irokesen (s. d.), die bisweilen mit zu ihnen gerechnet werden, vertrieben wurden. Sie gehören zu den gcbildct- > stcn der freien Nordindiancr, wohnen in gezimmerten Häusern, treiben Viehzucht, Ackcr- , bau und Handel mit Getreide. Die im Dorfe Loretto bei Ouebcck wohnenden bekennen sich zur christlichen Religion. Ihre Sprache, eine der merkwürdigste», hat sehr wenig Laute, namentlich keine Lippenlaute, aber desto mehr Gutturale; sic ist sehr unregelmäßig und kennt fast gar keine grammatische Beugung, ist aber dafür überschwenglich reich an Wörtern. ! Hurter (Friedr.), früher Vorsteher der reformirten Kirche des Cantons Schaffhau- ^ scn, dann zum Katholicismuö übergetreten, gcb. l 786, besuchte das Collegium in Schaffhausen und bezog 1804 die Universität zu Göttingen, wo er Theologie studirte. In den Grundsätzen eines starren Stabilismus erzogen, hat er sich noch in seinen neuesten Tchrif- ten mit gleicher Befangenheit über die Verfassungen der rcgenerirtcn Schweiz ausgelassen, wie über die von ihm sogenannte Hundstagsrevolution und das neuere Frankreich, in welches nach seinem Wunsche der junge Herzog von Bordeaux als Eroberer entziehen würde. Bon demselben Standpunkte aus wirkte er für möglichste Hemmung der so dringend noth- wcndigen Reformen im Canton Schaffhausen, wo endlich eine Verfassung und Verwaltung zu Stande kam, unter deren Herrschaft einige Anhänger der conservativen Partei sich in neuester Zeit die gröbsten Unbilden konnten zu Schulden kommen lassen. H. war seit >825 Antistcs und Dekan, als er.sein Hauptwerk „Geschichte Papst Jnnoccnz' UI. und seiner Zeitgenossen" (1 Bde., Hamb. 185-1—12) hcrausgab, dessen gelehrter Apparat die hervortrelcndc katholisircnde Tendenz nicht völlig verschleiern konnte, und das ihm von protestantischer Seite den bald auch öffentlich ausgesprochenen Verdacht des Kryptckatholicis- mus und Jesnitismus zuzog. Aber er tröstete sich mit den schlau berechneten Lobsprüchen einiger Häupter der ultramontancn Partei, die seine Schwächen möglichst ausznbeuten suchten und ihn auf der einmal betretenen Bahn des Rückschritts weiter trieben. Sein Verkehr mit Görrcs (s. d.), Jarcke ss. d.) und andern deutschen und franz. Jcsuitcn- freunden, erhöhte den gegen ihn laut gcwordenenVerdacht und rief eine fortdaucrndePolc- mik gegen ihn hervor. Im I. 1859 machte er einen von ihm beschriebenen „Ausflug nach Wien und Presburg" (2 Bde-, Schafft). 18-10), auf dem er in der Atmosphäre aller ihm erreichbare» Klöster, Prälaten und hochgestellten Personen schwelgte. Gleichzeitig erschienen seine „Denkwürdigkeiten ausdem letzten Decennium des > 8. Jahrh." (Schaffst. 1840). Veranlaßt durch einen an sich unbedeutenden Vorfall, hielt es endlich ein Thcil der Geistlichkeit in Schaffhaufcn für Pflicht, ihren Vorsteher wegen seiner Richtung zum Katholi- cismus zur bestimmten Erklärung aufzufodern. Seine von Leidenschaftlichkeit und Sclbst- ^ Überschätzung übcrsprudelnde Verthcidigung „Der Antistes H. von Schaffhauscn und sogenannte Amtsbrüdcr" (Schaffst. 18-10) konnte ihn nicht rechtfertigen, und er war also veranlaßt, seine Stelle niederzulcgen. Die Zeit seiner Muße benutzte er für die Schrift „Die Befeindung der katholischen Kirche in der Schweiz" (Schaffst. >8-10). Dann reiste er nach Nom, wo er endlich I 84-1 förmlich durch die von ihm selbst sogenannte Ceremonie , der Abschwörung zur katholischen Kirche übertrat, nachdem er noch 1840 in seiner Verthcidigung öffentlich erklärt hatte, daß er die Harmonie des im Heidelberger Katechismus widerlegten reformirten Glaubensbekenntnisses mit der göttlichen Offenbarung von Jahr j" Jahr immer-tiefer erkannt habe. H.'s Rückkehr von Rom nach Schaffhausen rief - bei seinen lange getäuschten Mitbürgern einige laute Äußerungen des Unwillens hervor. In Folge der Herausgabe seiner „Geschichte Papst Jnnoccnz' III." war er von der prote- stantisch-rheologischen Facultät in Basel zum Doctor der Theologie ernannt worden. Nich- 261 Husaren Huskisson lizcr aber hatte eine Recension des Professors Lange den eigentliche» Kern seiner Schrift M würdigen gewußt. Gegen den auch in dieser Kritik erhobenen Vorwurf der Hinneigung Hu den mittelalterlichen Instituten und zum KatholiciSmus hatte sich.H. zwar verlhcidigt, aber in seiner Antwort zugleich ein prophetisches Urthcil über sich selbst ausgesprochen, mit den Worten: „Können Sie im Ernst glauben, ich wolle durch die Jeschichte Jnnoccn;' III. «in Scherflcin zu dessen (des Mittelalters) Rückkehr beitragen, so müssen Sie mich für «inen einfältigen Pinsel halten, was Ihnen frei steht". In neuester Zeit begann er eine auf Lrci Bände berechnete Sammlung seiner „Kleinern Schriften" (Bd. >, Schaffh. > 84t). Husaren, von dem Ungar. Worte husz, d. h. 2», und ar, d. h. Löhnung, benannt, weil von 20 Häusern ein Mann gegen Löhnung gestellt wurde, kommen in Ungarn zuerst im I. >458 unter Matthias l. vor. Die Husaren gehörten von je zur leichten Cavalcrie, zeichneten sich mitunter durch abenteuerliche, zum Theil prächtige Kleidung aus, und wurden in Ostreich >688, in Frankreich > 692, in Rußland und Preußen zu Anfänge des >8. Jahrh. ebenfalls cingeführt. Sic sind fast überall, außer dem Säbel, mit Pistolen und Ca- rabiner bewaffnet, versehen in der Regel den Vorposten- und Patrouillendienst der leichten Cavalerie und dienen beim Angriff mehr zur Umschwärmung des Feindes als zum geschlossenen Stoß, weshalb sie auch überall mit leichten Pferden versehen werden. Huschke (Georg Phil. Eduard), ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Breslau, geb. zu Münden am 26. Juni >861, besuchte die Gymnasien zu Gotha und Zlefeld und studirte von >817 an in Göttingen, wo er >820 den Preis in Beantwortung der von der dasigen Juristenfacultät gestellten Aufgabe „De pignore nominis etc." und die juristische Doctorwürde erhielt. Er schloß sich hier an Hugo und während eines srätern «injährigen Aufenthalts in Berlin an Savigny an, trat dann >82l in Göttingen als Pri- vatdocent im Fache des röm. Rechts und derröm.Nechtsgcschichte aufund folgte 1824 dem Rufe als außerordentlicher Professor der Rechte nach Rostock. Nachdem er eincReise nach Paris gemacht hatte, wurde er >827 an die Universität zu Breslau berufen, der er ungeachtet mehrer ehrenvoller Rufe als Obcrappellationsgerichtsrath nach Parchim und als Professor nach Marburg treu blieb. H.'s Richtung ist vorzugsweise die historisch-philologische, in der sich auch die meisten seiner Schriften bewegen. Dahin gehören außer mehren kleinern Abhandlungen seine mit Ercursen versehene Ausgabe von Cicero's neu entdeckter „Oratio pro Tuilio" in Jmm. G. Huschke's „-Inslect. Iitter."(Lpz. 1826); „Ilicerti auctoris magistrstuum et sacerckotioriiin populi roni. sxpositiones iueciitse cum commenta- ria" (Bresl. >829); „Studien des röm. Rechts" (Bd. I, Bresl. 1830); „Über die Stelle des Varro von den Licinicrn" (Heidelb. >835), und sein größeres Werk „Die Verfassung des Königs Scrvius TulliuS, als Grundlage einer Geschichte der röm. Staatsvcrfassmig" (Heidelb. 1838); „ä.klav>>8zntrnplliii>str„inentiim clonatianis inetlitiim"(Bresl. > 838), und „Über den zur Zeit der Geburt Jesu gehaltenen Census" (Bresl. > 84V). Auch gab er Unterholzner's „Quellenmäßige Zusammenstellung der Lehre des röm. Rechts von den Schuldvcrhältnissen" nach des Verfassers Tode heraus (2 Bde., Lpz. 184V). Als Wortführer der schles. Altlutheraner hat er sich in seinen Beiträgen zu der „Evangelischen Kirchenzeitung" und in dem von Scheibe! hcrauSgcgebcncn „Theologischen Votum eines Juristen über die preuß. Agende" (Nürnb. >834) bezeigt. Eine im I. >835 in Folge der Vorfälle in Hönigern (s. d.) gegen ihn eingeleitete Criminaluntersuchung endete mit völliger Freisprechung von der in erster Instanz über ihn verhängten halbjährigen Festungsstrafe. Hnskiffon (Will.), ein bekannter engl. Staatsmann, geb. zu Birch Moreton in der Grafschaft Wertester, am ll.März >770, kam >783 zu seinem Oheim, dem gelehrten Arzte vr. Eem, nach Paris, wo er an der Erstürmung der Bastille Theil nahm und als Mitglied des Clubs von 1789 sich durch mehre vortreffliche Reden über staatsökonomische Gegenstände bemerklich machte. Im I. >792 ging er als Privatsccretair des engl- Gesandten, Lord Gower, mit diesem nach London und wurde daselbst >793 im Emigrantenbureau angestellt. Hier knüpfte sich seine Bekanntschaft mit Canning und Pitt. Im >795 wählte ihn der Kriegsminister Dundas zu seinem ersten Secretair, und auf Pitt S Verwendung der Rotten-Borough Morpeth zum Parlamcntsmitgliedc. Hierauf machte ihn Pitt zum Unterstaatssecrctair, Generalsteuereinnehmer des Herzogthums Lancaster Huß 365 und Commissar des Handelsbureau. Bei Pitt's Austritt im I. 1801 legte er seine Ämter nieder. Auch verlor er nach der Auflösung des Parlaments im I. 1802 seinen Sitz im Ilnterhause. Als Pitt 18«>-i von neuem an die Spitze der Verwaltung trat, wurde H. vom Flecke» Liskeard wieder ins Unterhaus gewählt und von Pitt zum Secretair der Schatzkammer ernannt. Nach Pitt's Tode unter Fox's Ministerium verlor er 1806 abermals diesen Posten, den er indeß durch Percival 1807 wiedererhielt. Seitdem saß er ununterbrochen im Untcrhause, zuletzt seit 1823 für Liverpool. Als Canning 1809 «us dem Ministerium trat, schied auch H. aus der Schatzkammer, und nur nachdem jener 1814 Gesandter in Portugal geworden war, ließ er sich bewegen, Generaldirektor der Forsten und Mitglied- des Geheimen Raths zu werden. Nach Castlereagh'sTode im J. 1822 wurde er Präsident der Marine - und Handelskammer, nach Canning's Tode 1827 Staatssecretair für dieCo- lonien, und unter Wellington Staatssecretair des Auswärtigen, bis er im Mai 1828 sich zurückzog. Als Mitglied des Cabinets gründete er die neue Handelspolitik Englands; als Handclsminister gewährte er allen Ländern an deni Handel mit den früher auf den Verkehr mit dem Muttcrlande beschränkten Colonien die unmittelbare Theilnahme; auch hob er mehre Einfuhrzölle auf und milderte die Verfügungen der Navigationsacte. Bei dev Eröffnung der Eisenbahn zwischen Liverpool und Manchester am 15. Sept. 1830 hatte er das Unglück, auf einem Anhaltepunkte, wo er sich etwas verspätet, beim Einsteigen zu fallen,, kam dabei unter den bereits in Bewegung gesetzten Wagen und starb in Folge der Vcr- lehung noch an demselben Tage. Er wurde in Liverpool begraben, wo die Dankbarkeit der Bürger ihm ein Denkmal errichtete. Huß (Johannes), in Verbindung mit Hieronymus von Prag (s. d.), der Reformator der Kirche in Böhmen, wurde 1373 zu Hussinecz bei Prachaticz im südlichen Böhmen geboren. Auf der Universität zu Prag, wo er seit l 389 mit Unterstützung seines Grundherrn Nikolaus und anderer Gönner studirte, erwarb er sich eine gelehrte, philosophisch-theologische Bildung; er wurde 1396 Magister und begann 1398 öffentliche Vor- lesimgen. Seit 1402 Prediger an der Bethlehemskapelle in Prag, war er um ernstlichen Volksunterricht und christlichere Seelsorge bemüht; durch seine Predigten in der Landessprache gewann er den Beifall der Studenten und des Volks, und als Beichtvater der Königin Sophia auch Eingang bei Hofe. In dieser Zeit lernte er Wicliffe's (s. d.) Schrif- ! ten kennen, die großen Einfluß auf ihn übten. In der Philosophie Realist, wurde er von den nominalistischen deutschen Professoren, welche Wicliffe's Schriften verdammten, an- gefeindet; doch vom Könige Wenzel IV. erlangte er 1409 cin Edict, durch welches jene ihre Rechte verloren, weshalb sie mit den ihnen anhängenden Studenten, namentlich den drei Nationen der Polen, Sachsen und Baiern, 5000 an der Zahl, die Universität verließen und nach Leipzig wanderten. Nicht weniger feindselig als die deutschen Professoren standen ihm aber die Mönche und der Klerus gegenüber, gegen deren Verderbtheit er immer kühner zu »«fern begann. Vom Erzbischof Sbinko, der 1410 gemäß einem Breve Alexander's V. Wicliffe's Schriften verbrannte, in Rom verklagt, als Wicliffit nach Nom gefodert, nahmen sich das Volk, der Hof und die Universität thatsächlich des Verfolgten dermaßen an, daß jener ihm nicht nur das Predigen, das er ihm untersagt, wieder gestatten, sondern sich auch 14 11 mit ihm wieder aussöhnen mußte. Im I. 1412 widersetzte sich H. der Ablaß- ' bulle Papst Johann's XXIII., in welcher zum Kreuzzuge gegen Ladislaw für das päpstliche Lehen Neapel aufgefodcrt wurde, und erklärte ein solches Büßungswerk für unchristlich, während Hieronymus von Prag eine öffentliche Verspottung der Bulle und der Ablaßpre- digerveranlaßte. Eserfolgtenun I4l3einJnterdictgegenihn; er aber appellirte vom Papst »nein allgemeines Concilium und Christus, und schrieb hierauf sein Werk „Über die Kirche" gegen die Misbräuche des Papstthums, in welchem er sich zur Idee der wahren Kirche erhob, deren Haupt nur Christus sein könne, die aber vom Papste durch Duldung der Ver- derbniß der Curie, des Klerus, der Mönche und Laien entehrt worden sei. Der Papst sei . ^urbedingterweise Petrus'Stellvertreter und ohne dessen Tugenden derBote des Antichrists; jeder Act geistlicher oder weltlicher Amtsgewalt erlange erst Vollgültigkeit durch die Nachweisung aus der heiligen Schrift. Als er sich in Prag nicht mehr für sicher hielt, zog er sich nach seinem Geburtsorte zurück, wo er mit gewaltiger Rede den Glauben des Evangeliums 366 Dusflten Husten predigte. Mit einer Bedeckung des Königs Wenzel und dem Geleitsbrief des Kaisers Sigismund wie im Vertrauen auf seine Nechtgläubigkeik, ging er 1414 nach Konstanz zum allgemeinen Concil. Nachdem er am 3. Nov. daselbst angelangt, wurde er am 28.,trotz der Einsvrüche des böhm. und poln. Adels, verhaftet und nun angeklagt, verhört, aber nicht gehört. Im Hauptverhöre, am <>. Juli 1415, wurden ihm 3!» Sähe aus seinen Schriften vvrgclese», die er entschieden und freudig als die scinigen anerkannte, deren Widerrufer aber, bis er aus der heiligen Schrift widerlegt sei, standhaft verweigerte. Darauf erfolgte die feierliche Verdammung seiner Seele, seines Leibes, seiner Schriften zum Scheiterhaufen. Der Kaiser brach ihm sein Geleit; noch am 9. Juli wurde er lebendig verbrannt und seine Asche in den Rhein geworfen. Vgl. „kkisloria et moniimenta .lob. Hussi atguo Ikie- rnnzmi l'ruF." (2 Bbe., Nürnb. 1558, Fol.); Zitte, „Lebensbeschreibung des 5kag. Ioh. H. " (2 Bde., Prag 1789—95) und Zirn, „Joh.H. auf dem Concil zu Kostnitz" (Lvz. > 836).' -Hnsstten nannten sich die Anhänger des Huß(s. d.), die ihn gleich dem Hieronymus von Prag als Märtyrer verehrten und, die Anordnungen und Bannflüche des Con- cils verlachend, an Priestern und München schrecklich rächten. Ihr Bundeszeichen wurde der Kelch, den sie, wie schon Jacobus de Misa gefedert hatte und was von Huß gebilligt wurde, auch den Laien reichten, und König Wenzel IV. räumte ihnen 1417 mehre Kirchen ein. Nach Wcnzel's Tode, am > 3. Aug. > 419, verweigerten die meisten Stände seinem wortbrüchigen Bruder, Kaiser Sigismund, die Huldigung, und des Cardinallegaten, Ioh. Domi- nico, päpstliche Instruction zu gewaltsamer Bekehrung brachte Aufruhr hervor, und es folgten nun Anarchie und Bürgerkrieg. Klöster und Kirchen wurden cingeäschert, Priester und Mönche ermordet. Tie Hussitcn trennten sich in die mildere Partei der Calixtincr (s. d.), und in die strengere der Taboritcn, so genannt nach ihrer Festung Labor (s. d), und geführt von dem erblindeten Ioh. Zizka (s.d.) von Trocznow, dessen Unterbefchls- haber Nikolaus von Hussinccz das kaiserliche Heer unter Führung des abtrünnig gewordenen Ulrich's von Rosenberg l >29 von Tabor zurückschlug. Die Calixtincr, die Ruhe des Reichs wünschend, trugen erst dein Könige Wladislaw von Polen, dann dem Großfürsten Vitold von Lithauen, zuletzt dessen Neffen Koribut die Krone Böhmens an. Zizka verweigerte seine Zustimmung, wodurch es zur vollständigen Trennung beider Parteien kam. Zn den I. 1429 und 1421 stellten beide in besonder»Artikeln ihreSeparatlehre auf. DieTo- boriten verwarfen unbedingt alle Satzungen der Kirche, die nicht buchstäblich aus der heiligen Sckrift erwiesen werden konnten. Doch handelten beide Parteien in gemeinsamer Gefahr vereinigt gegen de» gemeinschaftlichen Feind. Zizka schlug > 422 die Kaiserlichen bci Deutschbrot (s. d.) und fortwährend in kleinen Gefechten, und Prag stettcte sich >->-) nur durch einen barten Frieden vom Untergange. Nach Zizka's Tode > 124 stand der große Procopius (s. d.) an ihrer Spitze und der kleine Procopius leitete ihre Kriegsrügc. Z>>> I. 1427, wo Koribut der Krdne entsagen mußte, sowie im I. 1431 erfocht Procopius bä Mieß und Tachau entscheidende Siege über die söldnerischen Kreuzhcere des Deutsche» Reichs, und wurde nun bis 1432 den benachbarten Ländern durch verwüstende StreisiW furchtbar. Nachdem die Kirchcnversammlung ;u Basel durch Kaiser Sigismund mit den Unbesiegten I 133 in Unterhandlung getreten, kam es mit den Calirtinern zu einem Vergleiche, den sogenannten Prager Cvmpactaten. Die Laboriten und Waisen, wie sich TR- jenigcn nannten, welche Zizka für unersetzlich hielten, verachteten diesen Vergleich, wurden aber in der Schlacht bei Böhmischbrot am 3». Mai 1434 von den mit den Calirtinern vereinigten Katholischen vollständig besiegt. Im Vertrage zu Jglau im I. >436 bestätigte der Kaiser Sigismund jene Cvmpactaten und verbürgte religiöse und politische Freiheit. Doch der Bürgerkrieg dauerte fort, bis König Wladislaw auf dem Landtage zu Kuttenberg im J. >485 einen Ncligionssrieden stiftete, durch welchen die Calixtincr wie die Kathoü' scheu in ihrem Besitzstände gesichert werden sollten. Die Taboritcn verloren sich« später »i den aus ihrer Mitte entstandenen Böhmischen Brüdern (s. d.). Vgl. „Geschichte der Hussiken" (Lpc. >783) und Schubert, „Geschichte des Husfitcnkriegs" (Neust. > 825). Husten (t»«üi-Z nennt man das schnelle Ausstößen der Luft aus den Lungen, wobei mittels der, gleichzeitigen Verengerung der Stimmritze das Hustcngcräusch entsteht, die innere Überkleidung der Respirakionsorganc, namentlich der Luftröhre, durch jeden ße Httl 367 berührenden Körper, wenn es nicht gewöhnliche atmosphärische Luft oder der zu ihrer Function nöthige Schleim ist, regelwidrig gereizt wird und das Fremdartige auszustoßeu versucht, so ist auch die Veranlassung zum Husten sehr verschieden. Diese reizenden Dinge kommen jedoch nicht immer von außen auf die Schleimhaut der Respirationsorgane, sondern werden auch bei manchen Krankheiten innerlich erzeugt; so der Schleim beim K a- karrh (ff. d.), Eiter bei der Lungen-, Luftröhren- und Kehlkopfschwindsucht. Auch bei dem gesundesten Menschen ist Husten nicht selten, da theils schon der Genuß mancher Dinge eine Reizung der Luftröhrcnschleimhaut herbciführt, theils leicht mehr Schleim als nüthig ist, abgesondert wird. Oft bleibt auch nach Brustkrankheitcn eine so erhöhte Reizbarkeit in diesen Organen zurück, daß selbst die atmosphärische Luft Husten erregt. In einzelnen Fällen wird der Husten durch die bloße Mitleidenschaft der Athmnngswerkzcuge bei Leiden anderer in der Nähe liegender Organe hervorgcrufen. Der Husten ist sonach keine eigcn- thümliche Krankheit, sondern nur das Symptom eines regelwidrigen Zustandes, der häufig mit seinen Folgen sogleich nach Hinwegnahme der Ursachen schwindet, oft aber auch nicht entfernt werden kann, wie bei der Lungenschwindsucht und den andern Zerstörungskrank- hoiten der Respirationsorgane. Somit bietet der Husten selbst ein Erkennungsmittel des ihm zu Grunde liegenden krankhaften Zustandes dar, wenn man auf seinen Ton, das Gefühl, das ihn erregt, den Auswurf, der ihn begleitet, die Dauer des Reizes u. s. w. Rücksicht nimmt. Wenn schon jeder Reiz zum Husten beachtungswcrth ist, so wird er dies um so mehr, wenn ey längere Zeit, z. B. acht bis vierzehn Tage, anhält, ohne sich zu vermindern, da jeder Katarrh in Lungenentzündung übergehen oder zu Lungengeschwüren oder Lungenknoten und so zu Vereiterung dieser Organe Veranlassung geben kann. Da ferner bei starkem Husten eine Menge Organe in Thätigkeit gesetzt werden, so dehnen sich auch die Wirkungen desselben weit über die Stelle aus, auf welcher er entsteht. Durch die dabei beschleunigte Respiration und die Muskelcvntractionen werden Blutandrang nach einzelnen Thei- len, besonders nach dem Kopfe, Schwindel u. s. w., bisweilen auch Berstung von Gefäßen, Nasenbluten, selbst Schlagfluß, Eingeweidebrüche/Erbrechen, starker Schweiß und bedeutende Ermattung herbeiführt. Hut. Zur Anfertigung von Hüten dienen sehr verschiedenartige Stoffe. Aus Haaren und Wolle werden Filzhüte, aus seidenem Felbel, den man auf Pappe oder groben Filz zieht, Seidenhüte und aus Stroh Strohhüte gefertigt. Die sogenannten vegetabilischen Hüte, aus Pflanzenstoffen, z. B. Gras-, Pappel- oder Distelwollc mit Haaren von Thieren versetzt, sind wenig in Aufnahme gekommen. Nach dem Stoffe, aus welchem die Filzhüte gefertigt werden, erhalten sie sehr verschiedene Benennungen; feine Wollhüke sind aus Schaf- und Lämmcrwolle; mittelfeine Hüte aus Lämmcrwollc mit Kameelhaaren, Hasen- oderKaninchenhaaren überzogen, bauchhaarene Hüte aus Bauchhaaren der Hafen, Kaninchen undZiegen, rückenhaarene Hüte aus Nückenhaaren desBibers, Kaninchens und KameelS, viertel Kastorhüte aus Hasenhaaren mit etwas Vicvgnewolle, halbe Kastorhüte ans Bibcrhaarcn und Vicognewollc, drciviertel Kastorhüte aus Kaninchenhaaren mit Biber- Haar überzogen, ganze Kastorhüte aus Biberhaaren gefertigt. Zu den feinen ital. Strohhü- teu bedient man sich deS Reisstrohs. — Die Sitte, den Kopf mit irgend Etwas zu bedecken, ltannnt schon aus dem frühesten Altcrthum. Bei den Griechen thatcn dies indeß zunächst mir kränkliche Leute und die niedrigste Volksclasse; auch hatte ihre Kopfbedeckung, mit Ausnahme des aus Filz gefertigten sogenannten thessalischen Hutes, den insbesondere dieEpbe- be» zum Schutz gegen die Sonne trugen, mit den nachherigen Hüten sehr wenig gemein. Runde, auch svitzc Hüte kamen zuerst bei den Römern in Gebrauch, die sic bei Schauspielen, Festen und bei Begehung heiliger Gebräuche führten, und den Hut zum Symbol der Freiheit erhoben, weshalb auck die Sklaven bei ihrer Freilassung einen Hut erhielten. Nach Casar's Ermordung wurde der Hut als Zeichen der Freiheit zwischen zwei Schwertern auf die Münzen gesetzt, was später die Republik der Vereinigten Niederlande nach der Abwerfung des span. Jochs nachahmte. Allgemeiner wurde die Sitte, Hüte zu tragen, bei den Römern nach Ncro's Ermordung. In Deutschland kommen die Hüte zuerst im l I. Jahrh. vor und schon >U«Wgab cs in Nürnberg Hutmachcr; etwas später werden sie in Frankreich erwähnt. In Deutschland, Holland und der Schweiz trug man im ! 6. Iabrh. K68 Hutcheson Hutten hohe, spitzzulaufendeHütemit breiter Krempe, wie man sie in derSchweiz und in Tirol noch gegenwärtig findet; in Frankreich, wo fie unter den vornehmen Ständen um diese Zeit ebenfalls schon etwas Gewöhnliches waren, wurde bereits seit Heinrich's IV. Zeit die eine Krempe aufgeschlagcn. Als man unter Ludwig XIV. auch die andere Krempe aufzuschlagen anfing, entstanden nun die sogenannten dreieckigen Hüte, die fast ein ganzes Jahrhundert in der Mode blieben und allgemeine Verbreitung fanden. In England kamen in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zuerst die runden Hüte in der noch gegenwärtigen Form auf, die, nachdem man die seit 1796 in Frankreich eingcführten dreieckigen Hüte mit ungeheuer« Krempen, die sogenannten Bonapartcs oder Jncroyables, wieder bei Seite gelegt, auch hier und gleichzeitig in Deutschland Eingang fanden. G cweihte Hüte, vom Papst in der Christnacht geweiht, wurden ehedem von demselben an Fürsten und Feldherren, die sich Verdienste um die röm. Kirche erworben hatten oder die man für dieselbe zu gewinnen suchte, gleich den.weißen Rosen, verschenkt; den lehten erhielt nack der > Schlacht bei Hochkirch im I. 1758 der General Daun. Bankrottirer wurden sonst in Frankreich mit grünen, in Deutschland mit gelben Hüten ausgestellt; auch die Juden mußten sonst in Spanien und anderwärts gelbe Hüte tragen. — In der Heraldik nennt man Hut diejenige Wappenverzierung, welche bei bestimmten geistlichen sowol als weltlichen Ständen die Stelle des Helms oder der Krone vertritt. Was die Geistlichkeit anlangt, so führen die Protonotarien der päpstlichen Curie schwarze Hüte mit drei Quasten; die Bischöfe und Erzbischöfe grüne Hüte, erstere mit sechs, lehtere mit zehn Quasten; die Cardi- ^ näle rothe Hüte mit 15 Quasten, und es werden diese Hüte über dem Wappen so aufgc- ^ stellt, daß die Quasten auf beiden Seiten herabhängen, und zwar e» cpiiiicnuc«. Bei weltlichen Herren ist allein der Fürstenhut, der zwischen der Grafen- und der Köuigskrom nütteninnen steht, gebräuchlich. Er besteht aus dem metallenen Ring der Königskroue, auf dem sich aber nur einfache Spangen erheben, in denen eine Mütze von rothcm Sammet, ^ auch mit Hermelin besetzt, sich befindet. Das Wappen der ehemaligen deutschen Kurfürsten, der Kurhut, wich von dem Fürstenhut insofern ab, als an demselben keine Metall- ^ spangcn befindlich waren. Außerdem führen nur noch die Schweizercantone als Gesamnit- > heit den Hut über den Wappen. ! Hutchkson (Francis), der angebliche Stifter der Schule der sogenannten schot. Me- ! ralphilosophcn, die ihr System auf das Princip des Wohlwollens, d. h. auf das, ein uneigennütziges Wohlwollen fodernde, moralische Gefühl basirte, war im nördlichen Irland am 8. Aug. 169-1 geboren, studirte in Glasgow, ging dann nach Irland zurück, wo er einige Zeit Prediger einer Dissentergcmcinde war, und wendete sich hierauf nach Dublin, um eine Lehranstalt zu gründen. Im I. 1720 wurde er Professor zu Glasgow, wo er 1717 srarb- Seine Ansichten legte er in dem „klssa)- on tbe »sture sack concknct ok pssswrm sinl sklec- tions" (Lond. 1728) nieder; weiter aus geführt finden sich dieselben in seinem vonLcech- man herausgegebencn „8^stem okmoral plülosopbx" (2 Bde., Lond. 1755,1-; deutsch „Sittenlehre der Vernunft", 2 Bde., Lpz. 1756). Auch sein „Vn<,u>r>- !»to «Ke origiml vkour >«Ies5 otbesut)- snck virtue" (Lond. 1720; deutsch, Franks. 1762) enthält trefflicht Untersuchungen. In elegantem Latein schrieb er ferner Compendien der Metaphysik und Moral. Eine Sammlung seiner Werke erschien zu Glasgow (5 Bde., 1772). Hütte nennt man das oberste Stockwerk des Hinterschiffs, noch über der Schanz gelegen, welches gewöhnlich als Sommerwohnung der Offiziere dient. Hutten (Ulrich von) stammte aus einem alten Geschlechts, das in den Diensten dü deutschen Kaiserhauses manchen wackern Ritter und Staatsmann aufzuweisen hat. Auf der jetzt in Ruinen liegenden Stammburg seiner Familie, Steckelberg in Kurhessen, drei Meilen südlich von Fulda, am 22., nach Andern am 20. Apr. >188 geboren, kam H-, zehn Jahre alt, iuS Stift nach Fulda, wo er wissenschaftlich sich auszubilden vielfache Gelegenheit fand; allein Mönch zu werden sagte ihm so wenig zu, daß er > 501 nach Erfurt entfloh, wo er mit mehren Gelehrten und Dichtern in genaue Bekanntschaft trat. Eine ansteckende Seuche trieb ihn im nächsten Jahre nach Köln, von wo aus er > 506, als RhuP^ einer der aufgeklärtesten Lehrer dieser Hochschule, verwiesen wurde, demselben nach Fran' furt an der Oder folgte, wo in selbigem Jahre die neue Universität eingeweiht wuroe. Hutten 36S Wahrend seines Aufenthalts daselbst unterstützte ihn namentlich der Ritter Eitelwols von Stein. In dieser Zeit wurde auch er von jener bösen Krankheit ergriffen, die damals, erst ausgebrochen, pestartig wüthcte, aber den Schimpf noch nicht an sich trug, der jetzt ihr an- kiebt. Nichtsdestoweniger ging er, von ihren Schmerzen gepeinigt, >509 nach dem nördlichen Deutschland, wo er überall und namentlich in Greifswald und in Rostock als Dichter willkommene Aufnahme und durch seine Arbeiten die nöthige Unterstützung fand. Im I. 1511 kam er auch nach Wittenberg, wo er über die Verskunst ein Werk herausgab; dann ging er nach Pavia, um di eRechte zu studiren und so die Gunst des ihm wegen seiner Entfernung von Fulda noch immer zürnenden Vaters wiederzugewinnen. Gerade in die Zeit seines Aufenthalts fiel Pavias Eroberung durch die in Kaiser Maximilians I. Diensten stehenden Schweizer, hierbei aller seiner Habe beraubt, sah er sich genöthigt, nach Bologna zu wandern. Gänzlicher Mangel veranlaßte ihn endlich, 1513 kaiserliche Kriegsdienste zu nehmen, in denen er indeß nur ein Jahr blieb. In Deutschland machte er sich nun zunächst dadurch bekannt, daß er seinem Unwillen gegen den Herzog Ulrich vonWür- temb erg (s. d.), der einen von H.'S Vettern gemordet hatte, in Gedichten, Briefen und Reden freien Lauf ließ. Noch berühmter wurde er in den Reuchlin'schen Händeln mit dem Dominicaner Hoogstraten in Köln, in denen er sich des gelehrten, redlichen und darum so verfolgten Reuchlin iü Schriften, besonders in satirischen, aufs kräftigste annahm. (S. Lj>istolae odscuroruii, vil ornin.) Seinem Vater zu gefallen, ging er >515 noch einmal nach Italien, um Doctor der Rechte zu werden. Er besuchte zuerst Rom, dann Bologna; allein schon l517 kehrte er über Venedig ins Vaterland zurück, wo er in Augsburg von Peutinger's schöner Tochter, Constantia, mit dem poetischen Lorberkranze geschmückt und vom Kaiser Maximilian zum Ritter geschlagen wurde. In Italien hatte er das Leben der Mönche in seiner ganzen Verworfenheit kennen und die Klerisei vollends verachten lernen. Nachdem er die in einem Kloster aufgefundenc Schrift des Laurentius Valla „De " s-tls» crediti» et emeiitita ckonutione <7an5tuntini" herausgegeben hatte, die er vielleicht nur aus Spott dem Papste Leo X. widmete, trat er l 5 l 8 in die Dienste des gebildeten Erzbischofs Albrecht von Mainz, in dessen Angelegenheiten er mehre Reisen, unter Andern auch nach Paris, machte. Noch in demselben Jahre begleitete er den Erzbischof auf den Reichstag nach Augsburg, wo Luther mit Cajetan seine bekannte Unterredung hatte, und wo H. in einer Demosthenischen Rede die deutschen Fürsten zu einem Kriege gegen die Türken anfeuerte; doch sehr bald des Hoflebens überdrüßig, schloß er sich dem Schwäbischen Bunde an, mit dem er15 l 9 gegen seinen alten Feind, den Herzog Ulrich von Würtemberg, zog, bei welcher Fehde er nun auch Franz von Sickin gen (s. d.) kennen lernte. Nach Beendigung derselben ging er wieder nach Mainz, sehr bald aber auf seine Burg Steckcl- borg, wo er eine eigene Handdruckerei errichtete und, den Übermuth und die Schlechtigkeit der röm. Klerisei in vollem Lichte zu zeigen, eine Schrift nach der andern erscheinen ließ. Bon Rom aus deshalb bei dem Erzbischof Albrecht von Mainz verklagt und der Gunst desselben verlustig, trat er nun mit Luther, den er als einen Mönch bisher nicht hoch geachtet hatte, in unmittelbare und offene Verbindung. Auch begann er nun Alles deutsch zu schreiben, statt daß er vorher nur der lat. Sprache sich bedient hatte. Nirgend mehr sicher vor seinen Feinden, gewährte ihm Franz von Sickingen eine Freistätte in seiner Burg. Doch , m Folge des unglücklichen Ausgangs der Fehde Sickingcn's mit dem Erzbischof Richard von Trier mußte er sich einen andern Zufluchtsort suchen. Er hoffte ihn in der Schwei; zu linden; aber Erasmus, mit dem er früher befreundet gewesen, ließ ihn jetzt nirgend eine Ruhestätte gewinnen, sodaß er von Ort ru Ort wandern mußte, bis er endlich, von seiner alten neurusbrechenden Krankheit überwältigt, auf der Insel Ufengu im Zürcbersee am ttl.Aug. >5->n starb, H, war einer der freimüthigsten, kühnsten Männer seiner Zeit, ein Vorläufer und Beförderer der Reformation, ein Beispiel und Gehülfe für Luther, den er nie näher kennen lernte, für den er aber in der spätem Zeit, wie schon früher für Reuchlin, von der Srößten Achtung durchdrungen war. Könnte man ihm etwas Böses zum Vorwurf ma- > chen, so wäre es eine Art Leichtsinn, der ihn so manche Verhältnisse übersehen ließ, die scho- umder behandelt werden mußten. Aber sein Wahlspruch: Es sei gewagt! (äuctu ule» Conv.-Lex. Neunte Aufl. Vll. 24 -V-». 370 Hüttenkotze Hutton ^?t<>!) ließ ihn daran so wenig wie den vom Glück mehr begünstigten Luther denken. U>>, recht, Betrug, Heuchelei und Tyrannei empörten ihn, und so entlarvte er sie mit aller Krasl der Feder, die ihm wie Wenigen, besonders in der lat. Sprache, unter allen Gestalten m Gebote stand. Sein gerader, muthigcr Sinn ließ ihn, wenn auch alle seine Freunde zitier, tcn, nichts fürchten. Wir besitzen von ihm 45 Schriften, mehre ungerechnet, bei welchen 6 nicht mit Gewißheit ausgemittclt ist, ob sie von ihm herrührcn. Eine Sammlung derselben besorgte Münch (6 Bde., Berl. 1821—27), der auch dessen „Jugcnddichtungcn" in! Deutsche übersetzte (Stuttg. 1838). Vgl. Panzer, „Ulr. von H. in literarischer Hinsicht" (Nürnb. l7«»8); Mohnik», „H.'s Jugendlcbcn" (Grcifsw. 1816), und Wagcnseil, „Uli. von H. geschildert" (Nürnb. 1823). Hüttenkotze, auch Hüttenkatze oder Bcrgsucht (lakes seu stropbm Metallica), nennt man die von chronischer Vergiftung durck Blei, Kupfer u. s. w. entstehende Ab-eh- rung, von welcher die Berg- und Hüttcnleute befallen werden und die in ihrem Verlauf da gewöhnlichen Erscheinungen von Atrophie (s. d.) darbictct. Hüttenkunde heißt derjenige Theil der angewandten Chemie, welcher die in den Erzeugnissen des Mineralreichs befindlichen Körper durch zweckmäßige Behandlung im Großen darstellen lehrt und die Regeln angibt, nach denen diese Darstellung mit den gröftkv ökonomischen Vorthcilen bewirkt werden kann. Obgleich Chemie und Mineralogie dieei- gcntliche Grundlage der Hüttenkunde ausmachen, so sind doch Mathematik, Physik, Baukunst, Forstwissenschaft und Bergbaukunde wesentlich dazu nöthig, um das Hütkenwesca mit Erfolg zu betreiben. Man theilt dieselbe in die allgemeine und die besondere, je nachdem sie sich über alle oder nur über ein einzelnes hüttenmännisches Erzcugniß ausdehnt. Vgl. Lampadius, „Handbuch der Hüttenkunde" (4 Bde.; 2. Ausl., Gott. 1817 —18, ncdsl Supplementen, 1818—26) und Wehrle, „Handbuch der Hüttenkunde" (Wien > 83t). Hüttenrauch nennt man den aus Hüttenwerken sich erhebenden Rauch, insofern lk verflüchtigte metallische Besiandthcile enthält. Er kommt besonders bei Hüttenwerken »er, in denen arsenikhaltigc Erze verschmolzen werden; daher man wol auch den durch Verdichtung solches arsenikhaltigcn Hültlcnrauchs gewonnenen grauen Arsenik selbst H ulken rauch nennt. Hüttenwerke heißen die zur Verarbeitung der durch den Bergbau gewonnenen Fossilien bestimmten Gebäude und Anstalten, und es gibt sonach Eisen-, Messing-, Blei-, A- ber-, Arscnikhüttenwerke. Dieselben werden möglichst nahe an Bergwerken angelegt, >r« man zugleich fließendes Wasser und in der Nähe das nöthige Brennmaterial hat. Hlllter (Leonhard), protestantischer Thcolog, geb. in dem Dorfe Nellingen bei Ulm, im Jan. 1563, machte seine Studien in Strasburg, Leipzig, Heidelberg und Jena, an welchem letzteren Orte er 1564 die theologische Doctorwürde sich erwarb. Zwei Jahre fta'M als Professor nach Wittenberg berufen, wendete er sein gelehrtes Wissen vornehmlich dazu an, den durch die Concordicnformel ftstgcstellten Lehrbegriff gegen die Calvinisten zu vcttliu- digen. So schrieb er gegen Hospinian's „Ooncorllia «liscor.«" seine „Omcorllin concors" (Witt. >614), und als der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg I6N4 ziirrefor- mitten Kirche übertrat, ließ er seinen „tmlvinistkr nulico-i„>>ilicus «Iter" (Witt. 1614)cr- scheinen. Den meisten Beifall jedoch erhielten seine auf Befehl des Kurfürsten von Sachsen, Chrrstian's II., verfaßten, an die Concordicnformel sich eng anschließenden ,D<>L>ei"(Witk.l 61 »),dienachhcrun;ähligc Auslagen erlebten. H., der > 6 1 6 starb, kann all Repräsentant der strengen Symbolglänbigkcit angesehen werden; dahergabK. Hasc(s-d-) seiner Darstellung der altlutherischen Dogmatik mit Recht den Titel „Huttern-- reäivn us". Hutton (Charles), ein berühmter engl. Mathematiker, geb. am 14. Aug. > 737 ;u Newcastle am Tyne, der Sohn eines Erubenaufsehers, erhielt einen sehr mangelhaften gendunterricht und verdankte fast Alles sich selbst. Als eine Armvcrlehung ihn untüchtig gemacht hatte, dem Berufe des VaterS zu folgen, wendete er sich dem Studium der Mathematik zu. Die Abtragung einer alten Brücke zu Newcastle wurde für ihn Veranlassung zu einer kleinen Schrift über den Brückenbau, die ihn zuerst bekannt machte. Bald nachher e wurde er Mitglied der königlichen Societäl zu London, die ihn dann zu ihrem Sccrctair ftt die auswärtige Correspondcnz erwählte, und dann Professor der Mathematik an der köiuz- liche Ers in dr Unle tadle Al,fl j>l>ic< ot nr teil I von? cincn sowie ,änz< Land Rech muss nicht brach Leist« Stac diese« tigkel könn wen, nach, Bieh tung Wirt hielt „jede gene Ans 1728 und, kleine herau M» stark« wohn dem dann Äug. thum Aste Zeit! >-.d durch ist, Ms! »z« ' ltn- Nkj lbm >»j ich!" Uli. ca), Ukh- ' fdü ! Er. 8w- ßtk« l! ki' )AI- !esc» chm Lgl. ubsl ). ' mir ^ S-r- s ür- Sib i ,>r« ^ llli», wtl- cäm di;« nrs" efl>!< )cr< :ach> deo- a all s.d.) au" 7 zu chiig athc- suiiz chh-r r für sch' Hutungsrecht Hnijdccoper 371 lichen Akademie zu Woolwich, welche Stelle er bis 1897 begleitete, wo er pcnsionirt wurde. Er starb zu London am 27. Jan. > 823. Fast an allen Verbesserungen, die z» seiner Zeit in der Artillerie und dem Gcnicwescn der Engländer cingeführt wurden, nahm erTheil. Unter seinen zahlreichen Schriften verdienen besondere Erwälmung die ,,'IHos ok >I,e Products uiiil povvers oknimibcrs, uitii unintrorluction" (Lond. >781); „Alstlicinuticul tables, contuining; tke common li^pcrbolic null Io>-istic lo^aritlnns" (Lond. 1783; neue Aust., 181 l); „LUements okcouic scctions" (Lond. >787); „klatkematicul uru! pliilosu- pliical dictionsr^" (2 Bde., Lond. > 795—9>i; Verb. Aust., 1815,3., mit Kpfrn.); ,,t,'o»rs« ot inatbematies" (3 Bde., Lond. 1798—I8V I), und die mit Shaw nndPcarson gefertigten Auszüge aus den „kliilosopliical trunsaciinns" (18 Bde-, Lond. >893—9, 3.). Hutungsrecht. Ein großes Übel für den Landbau und eine sehr fruchtbare Quelle sm Belästigungen und Streitigkeiten bilden die HutungSrcchte, wornach dem Besitzer des einen Grundstücks frcisteht, auf die Felder des andern, vor der Aussaat und nach der Ernte sowie während der Brachzcit seine Hccrden zu treiben und ihr Futter suchen zu lasten. Anfangs mochte dies eine unbedeutende Coneession scheinen, die der sich allmälig ausbreitende Landbau willig machte. Sie wurde aber höchst nachtheilig, als aus dem Zugeständniß ein Recht wurde, besten Inhaber nun verlangten, daß cs ihnen fortwährend in gleichem Maße muffe erhalten werden, weshalb das gleiche Maß vom Felde brach liegen müsse, die Aussaat rächt früher, die Ernte nicht später vorgenommen werden dürfe als zu bestimmten, hergebrachten Zeiten. Bei keiner Dienstbarkeit liegt es so klar vor als bei dieser, daß sie dein Leistenden weit mehr kostet als sie dem Berechtigten einbringt. Vgl. Bülau, „Der Staat und der Landbau" (Lpz. >833). Ebendeshalb ist aber auch die Beseitigung dieses Verhältnisses durch Ablösung um so leichter und von unverzüglicher Wohlthä- ügkeit. Der Einwand, daß durch Aufhebung dieser Hutungsrechte die Schafzucht leiden könnte, ist theils nicht begründet, theils würde er nicht durchschlagen, da die Schafzucht, wenn sie nur auf diesem Wege blühen könnte, mehr schaden als nützen würde. Besonders nachtheilig sind die Koppelhutungen und Koppelweiden, wo mehre Grundcigcnthümer ihr Bieh gemeinschaftlich auf ihre Grundstücke treiben, was zu vielen Streitigkeiten, Verbreitung von Viehseuchen u. s. w. Anlaß gibt und den Einzelnen an der Annahme rationeller Wirthschaftssysteme behindert, so lange nicht Alle vernünftig geworden sind. Hllrham (John), ein berühmter engl. Arzt, geb. gegen das Ende des >7. Jahrh., hielt sich eine Zeit lang seiner Studien wegen in Paris auf und ließ sich dann in Plymouth nieder. Neben seiner ärztlichen Thätigkeit beschäftigte er sich insbesondere mit Beobachtungen epidemischer und endemischer Krankheiten. Er starb am t 9. Aug. >768. Am berühmte- stin sind unter seinen Schriften die „Observutiones «le uerc et inorlüs ep'uleinicis sd anno >728—52" (3Bde.,Lond. 1733—69); ,,^n esssxnnkevers and diseases" (Lond. I 759) und „llledical and ck^m'ical observations upon Antimon)'" (Lond. l 7 5 5), die nebst mehren kleinern Abhandlungen von Reichel als „Opera pli^sico-medica" (3 Bde., Lpz. 17 63) hnausgegebcn wurden; eine neue Ausgabe seiner „Opera" besorgte Häncl (Lpz. >829). Huy, kleine Stadt in der belg. Provinz Lüttich, am rechten Ufer der Maas, hat etwa 7l!v» E., eine lat. Schule, mehre bedeutende Fabriken und in seiner Nähe, außer einer starken Mineralquelle, Eisenwerke und Steinkohlcngrubcn, mit deren Erzeugnissen die Bewohner einen lebhaften Handel treiben. Sie war sonst Festung und wurde >673 von dm kaiserlichen General Charagnac, im Juni >67 5 von dem franz. Marschall Crequi, dann wieder am 23. Juli 1693 von den Franzosen unter Villeroi und endlich am 22. »ug. 1703 durch den Herzog von Marlborough und Coehoorn erobert. Hlttjdecoper (Balthasar), ein ausgezeichneter holländ. Sprachforscher und Altertumskenner, geb. zu Amsterdam 1695 aus einer angesehenen Familie, bekleidete in seiner Vaterstadt mehre öffentliche Ämter, namentlich das eines Schöffen, sowie später auch eine solang das eines Amtmanns auf der Insel Texel und starb zu Amsterdam am 23.Sept. ^>8. Große Verdienste um die holländ. Sprache und Alterthumskunde erwarb er sich s ourch seine „kroevs van taal- en dicbtlliinde, en vrijuinedige asrunerieingen op Von- ! uel s verstchll« llerscüeppinAeu van Ovidius" (Amst. 1739, 3.), ein Werk voll vieler Ee» 24 * ö/2 Hnyghens Huysnm lehrsamkeit und trefflicher Bemerkungen über die Holland- Sprache, das nach des Verfas sers Tode I. van Lelijveld und N. Hinlopen mit dessen und ihren eigenen Anmerkung!» , (-1 Bde-, Leyd. 1782 fg.) von neuem Herausgaben- Nicht minder verdient machte ersiih ^ durch die neue Ausgabe der „Rijmlernnijk" von Melis Stoke (3 Bde., Leyd. 1772, t), welche er mit vielen gelehrten, historischen, antiquarischen und grammatischen Bemerk» gen begleitete, und durch die Sammlung der „Privilegien en Usuckvesten vs» 'I>ch sowie durch die erste vollständige Ausgabe von P. Hooft's Briefwechsel (> 7:;8). A»z lieferte er eine metrische Nachahmung der „Satiren und Episteln" des Horatius (17??) mehre Trauerspiele, im franz. Geschmacke, und viele andere Gedichte, die nach seinem Tck in einer Sammlung vereinigt wurden (1788). Huyghens (Christian), lat. Hugeniii?, einer der größten Forscher und Entdecken» den Gebieten der Mathematik, Physik und Astronomie, geb. am II. Apr. > 829 im Haag,' wo sein als Dichter bekannter Vater, KonsiantinH., geb. im Haag >596, RathiO Secretair des Prinzen von Dramen war, erhielt durch diesen den ersten Unterricht undsi>> suchte seit 1617, die Universität in Leyden, um sich der Rechtsgelehrsamkeit zu midi«. Sehr bald aber wendete er sich der Mathematik zu, der er nun sein ganzes Leben widme, Im I. >6-19 begleitete er den Grafen von Nassau nach Dänemark. Nachdem er I6.il di, vorgebliche Quadratur des Kreises, die Gregoire de St.-Vinccnt angegeben hatte, grünt lich widerlegt hatte, ließ er noch in demselben Jahre seine eigene Quadratur des KM I und der Hyperbel erscheinen. Hierauf machte er 165,5 eine Reise nach Frankreich, ivoaj sich, nebst seinem Bruder Konstantin, vorzüglich mit dem Schleifen und Policen der Lins» zu Fernrohren beschäftigte. Nachdem er > 676 seine Abhandlung „De rutiociniis i» l»>! slese", das erste wahrhaft wissenschaftliche Werk über die Wahrscheinlichkeitsrechnung, hatte erscheinen lassen, machte er in den folgenden Jahren mehre Reisen nach England»»! Frankreich. In Paris erhielt er durch den Minister Colbcrt einen ansehnlichen Erhell, und eine Wohnung in der königlichen Bibliothek; auch wurde er Mitglied der Akademie. Nach der Aufhebung des Edicts von Nantes verließ er Paris und kehrte in sein Mini land zurück, wo er fortan in stiller Zurückgezogenheit ganz den Wissenschaften lebte. 2m Entdeckungen erstrecken sich beinahe über alle Zweige der obengenannten Wissenschaft Die Optik dankt ihm die Verbesserung der Fernrohre; er verfertigte eine Anzahl derseld» von ungewöhnlicher Größe und schenkte selbst der königlichen Akademie in London mi, deren eines 126 und das andere 136 F. Focallänge hatte. In seiner Abhandlung dem Lichte" stellte er die Undulationstheorie des Lichts auf; auch gab er eine sinnreickk Erklärung der doppelten Brechung des Lichts im isländ. Krystalle. Er entdeckte lüö'd« größten der sieben Satellitendes Saturn, dessen Umlaufszeit er berechnete, undnaÄc auch den freischwebenden Ring, von welchem Saturn umgeben ist. Um die Matheniatü und Geometrie machte er sich verdient durch seine Complanation der Konoide und Sphäre seine Methode, die Nectification der Curven auf die Quadratur derselben zurückzufühm sowie durch seine Quadratur der Ciffoide; durch die Auffindung der wahren Gestalt dc Kettenlinie, durch die Auffindung der Tautochrone, durch die so wichtige Erfindung Ausbildung der Theorie der Evoluten und durch seine Propositionen über die Centrifuga- kraft derjenigen Körper, die sich in der Peripherie eines Kreises bewegen. Sein Hauet»» dienst aber besteht in der zuerst von ihm vorgeschlagenen und ausgeführten Anbringung io Pendels an die Räderwerke der Uhren, wodurch diese einen sichern und gleichsinnig!) Gang erhielten. Er war cs auch, der die Länge des einfachen Secundenpendels als Nn mallängenmaß vorschlug und zugleich zeigte, daß die Länge selbst das einfachste und sicher!! Mittel gibt, die wahre Größe der Schwere der Erde oder, was damit genau zusamim hangt, den Raum zu bestimmen, welchen die auf der Oberfläche der Erde frei fallenden Körper in der ersten Sekunde zurücklegen. .Er starb im Haag am 8. Juli > 695. Die^ollsiam digste Ausgabe seiner Werke besorgte s'Gravesande (1 Bde., Leyd. 172 t; Amst. >728, Huysum (Jan van), der ausgezeichnetste Blumen- und Fruchtmaler des gcb. zu Amsterdam 1682, wurde von seinem Vater, Justus H-, einem Gemäldehaun- und sehr mittelmäßigen Maler, vorzugsweise zum Landschaftsmaler gebildet und M als solcher der Manier des in Holland sehr geschätzten Nie. Piemont. Erst im reifernMst diese! Lech schw> letzte lasser stück Pete emg van stück halt! Dar MN Znsl echs> rkm> exc!" Alüj wj Tck kam ^ ha-g' ndü> dmir »vlü. '> > d>> ^rüiid IrkiA wl>!I> S'lW iiuinz ld I»!i ^ belull. dkM. Sri»! lilfR csch» > urii, ,K- btL- 7> dl >LÄc enirik arid 'Ühlil alt dc «zue iftz^ axt-n mgiös imigc §W ichciß MMi" :nöl^ ollski»' !S,4 ^hlb sänbln > folg« «W Hveen Hyaden 373 fing er an, Blumen- und Fruchtstücke zu malen. In seinen Blumen, die er abweichend »on der bisherigen Manier, zuerst auf Hellem Grunde darstellte und die noch schöner und wahrer sind als seine Frücbtc, übertraf er an Weichheit und Frische, an Zartheit und Leben digkcit der Farben, an Feinheit des Pinsels im Ausdrucke des Saftigen und in den treffendsten Abstufungen des Lichtes alle seine Vorgänger, und in den Thautropfen und Insekten, die er dazu malte, wußte er die Natur in der höchsten Wahrheit und Lebendigkeit wiederzu- geben. Seine später» Arbeiten sind aber fast insgesammt flüchtiger als die früher«. Auf die Bereitung seiner Farben und Öle wendete er eine außerordentliche Sorgfalt und hielt dieselbe sehr geheim. Niemandem gestattete er, ihn malen zu sehen, aus Besorgniß, daß seine Technik ihm abgelauscht werde. Unglückliche Umstände, besonders die Gefallsucht und Verschwendung seiner Frau und die schlechte Aufführung eines Sohnes, machten ihn in den letzten Lebensjahren tiefsinnig. Er starb zu Amsterdam 1749, ohne Vermögen zu hinter- lassen, obgleich er sich für jedes seiner Bilder 199l!—1499 Fl. bezahlen ließ. Meisterstücke von ihm finden sich in den Galerien zu Wien, München, Dresden und besonders in Petersburg. — Er hatte drei Brüder, die ebenfalls Maler waren. Justus van H. war Schlachtenmaler, starb aber schon im 22. Lebensjahre. Nikolaus van H. war ebenfalls ein guter Künstler, doch ist von seinen Lebensumständen nichts Näheres bekannt. Jakob vanH., der >721 nach London ging, wo er >749 starb, copirte die Blumen-und Frucht- siücke seines Bruders Jan in so täuschender Weise, daß sie zu hohen Preisen bezahltavurden. Hveen, eine kleine zu Gothland gehörige Insel im Sunde, ist besonders als der Aufenthaltsort Tycho de Brah e's (s. d.) berühmt, dpr damit 1579 vom Könige Friedrich ll. von Dänemark belehnt wurde. Das von ihm zu einer Sternwarte eingerichtete Schloß Uranienburg, welches er bis 1597 bewohnte, liegt jetzt in Trümmern. Im I. 1658 wurde die Znsel von Dänemark an Schweden abgetreten. Hyacinthe ist der Name einer Pflanzengattung aus der Familie der Liliaceen. Die gewöhnlichste von den Blumisten mit unzähligen Spielarten vermehrte Art, dieorienta - lische Hyacinthe, wächst inKleinasien, Syrien und Persien wild, und ist seit länger als einem JahrhundertEegenstand einer sehr beliebten, in Hartem (s.d.) so in das Große getriebenen Cultur, daß einzelne der dortigen Handelsgärtner jährlich für 29—39999 Fl. absetzen. Die Zucht im Topfe ist nicht schwer; manche Erfahrung setzt aber die Zucht im Lande voraus, zumal wenn es darauf ankommt, ältere Varietäten unverändert zu erhalten und zu vermehren, oder neue zu erzeugen. Vgl. Bosse, „Handbuch der Blumengärtnerei" (Hannov. 184 l). Die schönsten, mannichfachsten, aber auch theuersten Hyacinthen kommen von Holland aus in den Handel; weit geringer sind die in Berlin gezogenen Sorten, wo die Zucht gleichfalls im Großen betrieben wird. Hyacinthus, der Sohn des spartan. Königs Amyklas und der Diomede, war ein Züngling von außerordentlicher Schönheit und wurde vom Apollon und Zephyrus, von lehterm jedoch ohne Erhörung, geliebt. Um sich für seine Zurücksetzung zu rächen, lenkte Zephyrus, als Apollon seinen Liebling im Diskuswerfen unterrichtete, den vom Apollon geworfenen Diskus gegen den Kopf des H-, sodaß dieser entseelt zu Boden stürzte. Da ihn Apollon nicht mehr ins Leben zurückzurufen vermochte, ließ er, um wenigstens das Andenken an den Geliebten zu verewigen, eine Blume, bezeichnet mit den Klagelauten «?, aus seinem Blute entsprießen. Diese Blume, welche nach Andern aus dem Blute des Ajax entstanden sein soll, ist nicht unsere Hyacin the (s. d.), sondern entweder die blaue Schwertlilie (ins soetitlissiiiii» l..) oder der Gartenrittersporn (llelpiilliiuin .äjucis I..). H. zu Ehren feierte man in Sparta und zunächst in Amyklä ein dreitägiges Fest, Hyacinthia genannt, welches auch noch in der röm. Kaiserzeit mit großem Pomp begangen wurde. - Hyacinthus, der Sohn des Pieros und der Muse Klio, und der Liebling des thrastschen Sängers Thamyris, gab das erste Beispiel von Knabenliebe. Auch auf ihn wird die Mythe »vn dem Ende des spartan. H. übergetragen. * Hyäden oder Hyäd es sind Nymphen, deren Zahl, Namen und Abstammung verschieden angegeben werden. Hesiod führt fünf Hyaden ass den Chariten ähnliche Nymphen an, Thales zwei, Pherecydes sechs, welche nach diesem vom Zeus den Bacchus zur Pflege rrhielten und später von jenem unter die Sterne versetzt wurden; nach Euripides sind sie 374 Hyalith Hyde de Neuville Töchter des Erechthcus, drei an Zahl. Musäus erzählt, die Occanide Plcone habe dn« Atlas >5 Töchter geboren, von denen fünfHyaden genannt worden seien, weil sie mitzr«, - ßcr Zärtlichkeit an ihrem Bruder Hyas hingen. Als dieser nämlich auf der Jagd von ei» 1 Löwen gctödtet worden war, beweinten sic ihn so anhaltend, daß die Götter ans Mitleids unter die Sterne versetzten. Nicht weniger verschieden sind die Ableitungen ihres Namens von denen jedenfalls die richtigste die vom griech. he»,, d. i. regnen, ist. Den Namen H>» den nämlich fuhrt eine Sterngrnppc am Kopfe dcö Stiers, dessen Aufgang mit der Sen», Regen ameigte. Die Römer nannten sie auch snc»!n<-, d. i. Schwcinchcn, weil sie in lächerlichem Jrrthume das Wort von nc, d. i. das Schwein, ableitcten. Hyälith heißt ein in wasserhellen, glasglänzenden, traubigcn Massen ziemlich selten in dolcritischen und trachitischen Gesteinen vorkommendes, dem Opal nahestehendes Fosih dann aber auch eine von Buquoi erfundene sehr harte und durchsichtige Glasgeschirrmch," welche auch Tempcraturvcränderungen gut verträgt, und glatt und geschliffen, mit und chm Vergoldung verfertigt wird. Hyalosidörit, s. Chrysolith. Hyalurgie heißt derjenige Zweig der technischen Chemie, welcher die Tlasbereitunz lehrt. (S. Glas.) Hyäne. Die Hyänen wurden früher zu den Hunden gerechnet, unterscheiden sich ab« von diesen nicht nur durch ein etwas abweichendes Gebiß, sondern auch dadurch, daß siea« den Füßen nur vier Zehen und unter dem Schwan; eine drüsige Tasche haben. Ihre Kiefii- und Halsmuskeln sind sehr stark, weshalb sie große Knochen zermalmen und ziemlich sch« Thiere mit Leichtigkeit wegtragen können. Sie sind nächtliche, gefährliche, sehr geftW Naubthicre, welche nicht blos lebende Thiere anfallen, sondern auch Aas nicht verschmäh«; ^ und Leichen, die nicht tief vergraben sind, ausscharren. Sie haben ein widerliches, tückW Ansehen, das noch vermehrt wird, wenn sie die Haare sträuben. Die bekannteste, fasti», allen Menagerien zu findende Art ist die gestreifte Hyäne,inSüdasicnundNordafck, einheimisch, graubraun mit unregelmäßigen dunkelbraunen oder schwarzen Oneisrrch» i und einer kurzen Mähne aufHals und Rücken. Ihr ähnlich, nur gesteckt, ist der sogen»» Tigerwolfam Cap der guten Hoffnung. Von einer verweltlichen Hyänenart findet nw in Höhlen in Deutschland, Frankreich und anderwärts häufige Überreste. Hybrida, s. Hibrida. Hydaspes ist der alte Name eines Flusses in Vorderindien, des jetzigen Behüt «bei Dschenab im Pendschab von Afghanistan, welcher in den Akesines, jetzt Chunaub, und ml diesem in den Indus (s.d.) fällt, und durch Alexander's des Großen Eroberungen ie Asien eine historische Bedeutsamkeit erhalten hat. Letzterer vermochte nämlich auf sei«« Zuge in das nördlich« Indien, 327—20 v. Chr., nicht bis an den Ganges vorzudringen sondern gelangte nach Überschreitung des Indus und Hydaspes unter fortwährenden bl» tigcn Kämpfen nur bis zum Hyphasis (s. d.), wo er, durch den Unwillen seines Hem genöthigt, dem Zuge eine südliche Richtung gab und mit einem Theile des Heers auf um iich 2NW Schiffen, die auf dem Hydaspes erbaut und von Nearch geführt wurden, du» den Indus in den indischen Occan segelte. Hyde (Anna und Edward), s. Cl arendon (Edward Hyde, Grafvon). Hyde de Neuville (Paul, Graf von), auch Graf von Bcmposta, ein eifriger An s Hänger der ältern Bourbons, wurde zu Charite für Loire geboren, wo sein Vater, ein Ena^ länder, eine große Knopffabrik besaß. Jung und reich kam er während der fram. Revals tion nach Paris, wo er sich aber in den ersten Jahren nicht bemerklich machte. Erst ^ als die Ümtriebc des Clubs Clichy gegen das Direktorium begannen, schloß er sich seinem Schwager Dclarue an, der Mitglied des Raths der Fünfknndcrt war und nachmals «er ! bannt wurde. Er selbst wußte glücklich dem Schlage, den die Royalisten am t 8. Fructidmt erlitten, zu entgehen, unb im Interesse der Bourbons machte er nun wiederholte Rege»! nach England. Im I. 17!-!' trat er mit den Häuptern der Jnsurrection im Westen, C» doudal (s. d.), Dandigne, Boürmont u. A., zur Ausführung einer Contrerevolution >« Verbindung, deren Plan er dem engl. Ministerium mitgethcilt hatte. Die Ereignisse vom 18. Bru maire (s. d.) machten indessen der Verschwörung ein Ende, und H. wagten»» Hyderabad 875 die Zurückführung der Bourbons auf den Thron dem ersten Csnsul persönlich ans Her; Ui legen, was allerdings großes Aufsehen erregte. Mit andern Royalistischgcsinnten errichtete er hierauf in Paris eine geheime Gegcnpolieei, welche die Schritte der Negierung und die Gelegenheit für einen neuen Handstreich auskundschaftcn sollte. Einem deshalb gegen ihn ergangenen Vcrhaftsbcfehl wußte er durch die Flucht nach England sich zu entziehen; doch fielen der Negierung seine Papiere in die Hände, die im Mai 1866 unter dem Titel „0«rres,>814 nach Frankreich zurück und wurde von Ludwig XVIII. zu diplomatischen Sendungen verwendet. Nach der zweiten Restauration trat er als Dcputirter des Departements Nievre in die Kammer. Den wü- lhendstcn Ultras zugesellt, wurde er von den Gemäßigten mit seinem Anhänge nur spott- weise tiiileux" genannt. (S. tl Ii u m b ro inti-oiivabl«-.) Im I. 1816 erhob ihn der König in den Grafenstand und schickte ihn als Gesandten in die Vereinigten Staaten. Nack seiner Rückkehr wählte ihn das Departement Nievre wieder in die Kammer; aber das Ministerium entfernte ihn sogleich als Gesandten nach Lissabon. Der Eifer, womit er hier die Sache König Johann's VI. gegen Dom Miguel unterstützte, brachte ihm den Tire! eines Grafen von Bcmvosta ein. Zur Kammersitzung von l 824 erschien er in Paris und zog sich durch seine Opposition gegen das Ministerium Villele und die Verbindung mit Chateaubriand das Misfallen der Regierung in dem Grade zu, daß er seinen Gesandr- schaftspostcn verlor. Bei dem Sturze Villele's übernahm er am 4. März > 828 das Marine- ministerium, gab aber, als am 8. Aug. 1829 Polignac an die Spitze der Verwaltung trat, seine Entlassung. Nach der Julirevolution verweigerte er der neuen Dynastie den Eid, legte seine Vollmacht als Dcputirter nieder und trat in das Privatleben. Er erneuerte nun seine Bemühungen für die altern Bourbons und empfing auch 18N2 zu Paris einen heimlichen Besuch von der Herzogin von Berri. Der Thcilnahme an den legimiristischen Umtrieben verdächtig, wurde er am 16. Juni 1862 mit Fihjames und Chateaubriand verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Nach der Gefangennahme der Herzogin von Berri bot er sich zu deren Vcrtheidiger vor Gericht an. Seitdem hat er wenig von sich hören lassen HyderaltZd ist der Name zweier Städte in Ostindien. Nach der einen wird ein der Engl.-ostind. Compagnie unterworfener Vasallenstaat genannt, bekannt unter dem Namen des Staats des Nizam von Hyderabad, sowie unter dem des Königreichs Dekan, aus dem er eigentlich nur hervorgegangen ist. Derselbe liegt mitten in der vorderind. eigentlichen Halbinsel und wird von den Flüssen Kistnah und Godavery durchströmt. Er bat ein Areal von 5 > 36 OM. mit ungefähr 8 Mill. E-, besteht aus den Provinzen Hyderabad, Bceder, Bcrar und Thcilcn von Aurungabad und Bebschapur und wird van dem 9ii.au> oder Subahdar, d. h. Statthalter, unter brit. Oberhoheit, die von einem Residenten ge- handhabt wird, beherrscht. Die Einkünfte bestehen aus 4,276006 Thlrn., wv.wn 6- 6 auf die innere Verwaltung und 3,4 30666 als Tribut an die Engländer verwendet werden. Die Kriegsmacht des Nizam beläuft sich auf >6506 M., wozu noch I65»«>M. brit. Truppen kommen. Die bedeutendsten Städte des Landes sind Hyderabad, die schlecht befestigte Haupt- und Residenzstadt des Nizam, am Mussy, mit 266666 E., einigen ansehnlichen Palästen, Moscheen und Diamantschleifereien;Golkonda (s. d.) in der Nähe von H., früher die Hauptstadt des Reichs gleiches Namens; Boeder, ebenfalls früher die Hauptstadt eines Reichs und merkwürdig durch prachtvolle Mausoleen, Moscheen und Paläste; Aurungabad (s. d.), Daulatabad (s. d.) und Ellora (s. d.). Dieser Staat theiltc im Alterthum und Mittelalter ganz die Geschichte des alten Reichs D e- kanss.d.), zu dem seine verschiedenen Thcile gehörten. Zuletzt gehörten sie dem dekanifchen Reiche der Bahmanydynastie an; von diesem rissen sich mehre Theile loS und bildeten 376 Hyder Hydraulik eigene Staaten, worunter auch Golkonda sich befand. Dieser Staat, der 15 > 2 von eine», mohammed. Abenteurer, Kuli-Kuttub-Schah, begründet wurde, dessen Sohn oder Enkö 1 585 die Stadt H. erbaute, bestand mit einer eigenen Dynastie bis 1704, wo er von dm > Großmogul Aurcng-Z eyb (s. d.) seinem Reiche einverleibt und dem Vicekönigrciche der fünf südlichen Staaten, dem ein Subahdar oder Statthalter Vorstand, zugctheilt wurde Um > , 17 machte sich dieser Statthalter, der den Titel Nizam-el-Mulk führte, unabhängig, behielt aber diesen Titel bei und wählte Aurungabad zu seiner Residenz. Sein Nachkomme Nasir-Ati, der von >761—1803 regierte und seine Residenz nach H. verlegte, verlor in verschiedenen Kriegen mit Hyder-Ali (s. d.), den Mahratten (s.d.) und den Engländern viel Land. Ihm folgte bei seinem Tode sein Sohn Mirza-Skander-Schah, der 182g starb und seinen jüngsten Sohn, Nasir-ed-Daulah, zum Nachfolger hatte, der, um sich gegen seinen altern Bruder auf dem Throne zu erhalten, der Oberhoheit der Engl.-ostind. Compagnie ' sich unterwarf, sodaß er nur noch die innere Verwaltung in seinen Händen hat. — Dai andere Hyderabad ist die Hauptstadt des neuerdings von den Engländern eroberten Kürüenthums Sind (s.d.). Sie liegt am Indus, am Anfänge von dessen Delta auf einer der Inseln desselben, ist befestigt, zählt etwa > 5000 E., treibt vielen Handel, hat bedeutende Waffenfabriken und war zcither die Residenz der Emirs von Sind. Hyder Ali, Beherrscher von Mysore in Ostindien und einer der bedeutendsten Fürsten Asiens, geb. 1728, war der Sohn eines mohammed. Gouverneurs der mysorischm Bergveste Bangalur. Durch die Franzosen in die Kriegskunst eingeweiht, schwang er sich zum Befehlshaber des mysorischen Heers empor, bei welchem er europ. Kriegs - und Mams- zucht einführrc, und verdrängte 1759 den bisherigen Radscha von Mysore, dem er seinen Titel ließ und in Gefangenschaft hielt. Darauf eroberte er Calicut, Bednor, Onor, Ca- nanor und andere benachbarte Staaten, sodaß sich >766 seine Besitzungen über 338« OM. erstreckten. Als in demselben Jahre der Radscha starb, bemächtigte er sich der Herrschaft ganz. Gegen die Engl.-ostind. Compagnie führte er mit abwechselndem Glücke zwei ^ Kriege, in dem zweiten sehr thätig von den Franzosen unterstützt. Er zeichnete sich unter > den asiat. Fürsten durch ungewöhnliche Milde aus, die ihm allgemeine Liebe erwarb. Zn seiner Regierung herrschte die größte Ordnung; er beförderte Cultur, Künste und Handel und schützte alle Religionsparteien, wenn sie nur seine Gesetze befolgten. Sein Sohn und Nachfolger war Tippo Sarb (s. d.). Hydra, bei den Alten Hydrea, eine kleine Insel des griech. Archipelagus von 2), OM. mit etwa 25000 E., südöstlich vom Peloponnes, drei Stunden von der Küste, bildet > jetzt eine der sechs zum Nomos von Argolis und Korinth gehörigen Eparchien des Königreichs Griechenland und ist durch steile Felswände und Batterien gegen feindliche Landungen geschützt. Die Bewohner der Insel, die Hydrioten, welche albanesischen Ursprungs sind und durch ihre arnautische Mundart sowie durch Charakter, Kleidung und Gebräuche von den übrigen Neugriechen sich unterscheiden, waren wegen der fast gänzlichen Unfruchtbarkeit des Bodens ausschließend auf Schiffahrt und Handel angewiesen und galten, da sie ven Jugend auf an Abhärtung und an die Gefahren des Seelcbens gewöhnt waren, von jeher für die geschicktesten und kühnsten Matrosen des Mittelländischen Meers. Mit dem Handel, der hier besonders seit 1792 einen erfreulichen Aufschwung nahm, hatten sich außer dem Wohlstände auch Bildung und Aufklärung verbreitet und Volksschulen und Akade- i mien für alte und neuere Sprachen wurden errichtet; doch der Freiheitskampf seit >82h an welchem die Insel den wärmsten Antheil nahm, vernichtete größtentheils wieder den mühsam errungenen Wohlstand. (S. Griechenland.) Die gleichnamige Stadl der Insel, mit 15000 E., erhebt sich amphitheatrisch über dem Hasen und zeichnet sich durch viele schöne, zum Theil mit Marmorarbeiten geschmückte Häuser sowie durch mehre Bildungs- anstaltcn aus, darunter namentlich ein Gymnasium, eine Handels- und Schiffahrtsschule- ! Vgl.A.Miaulis' in neugriech.Sprache verfaßte Schrift „Über dieJnselH." (Münch. > 832> Hydraulik ist strenggenommen derjenige Theil der Hydrodynamik, welcher sich ' mit den Gesetzen der Bewegung des Wassers und mit den Maschinen beschäftigt, deren man sich bedient, um das Wasser zu schöpfen, zu heben und überhaupt zu bewegen. Früher bezog man die Benennung Hydraulik auf die Lehre der Bewegung der Flüssigkeiten über- Hydröcephalus Hydröoxygeugas-Mikroskoj, 377 Haupt, welche man gegenwärtig aber Hydrodynamik nennt. Die Hydraulik ist eine Wissenschaft, bei welcher die Erfahrung die Mittel an die Hand geben muß, um die Gesetze derselben zu entwickeln. In ihr Gebiet gehören nicht allein die Maschinen und Apparate, um die Schnelligkeit, den Druck und den Stoß des Wassers zu bemessen, sondern auch alle diejenigen, mittels deren man eine der drei genannten Eigenschaften zu Erreichung irgend eines technischen Zwecks benutzt, z.B. die Wasserräder, Pumpen, Heber, Wassersäulenmaschinen u.s.w. Die Hydrostatik ist eigentlich eine Hydrodynamik in der Ruhe, indem sie sich mit der Lehre vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten beschäftigt. Sie lehrt z. B. die Bedingungen kennen, unter welchen ein Körper auf dem Wasser oder andern Flüssigkeiten schwimmt oder theilweise in dasselbe einsinkt; sie entwickelt das specifiscke Gewicht der festen und flüssigen Körper u. s. w- — Hydraulik und Hydrostatik sind für das praktische und technische Leben von der größten Wichtigkeit, da auf ihnen allein die Sicherheit von Wasserbauten, Brücken, Dämmen u. s. w. beruht und nur durch sie die Wirkung von Wassermaschinen im Voraus bestimmt werden kan». Hydröcephalus oder Wasserkopf, s. Wassersucht. Hydrodynamik, s. Hydraulik. Hydrogen, s- Wasserstoff. Hydrometer ist der griech. Name für Waffermesser, zur Wahrnehmung des steigenden oder fallenden Wassers. Hydrovrygcngas-Mikrvskop. Der erste Theil dieser Benennung ist aus einer Zusammensetzung der Worte Hydrogen oder Wasserstoff und Oxygen oder Sauerstoff, mit der gemeinschaftlichen Bezeichnung Gas entstanden und deutet an, daß man sich bei dieser Art von Mikroskopen als Brennstoff einer Mischung von Wasserstoffgas und Sauerstoffgas, mit andern Worten, des sogenannten Knallgases bedient. Die Mikroskope (s. d.) dienen bekanntlich dazu, kleine, dem unbewaffneten Auge kaum sichtbare Gegenstände durch optische Vorrichtungen so stark vergrößert darzustellen, daß man dieselbe» ganz genau kennen lernen kann. Bei den gewöhnlichen Mikroskopen ist diese Vergrößerung nur immer für einen Beobachter auf einmal sichtbar und selbst da noch ziemlich beschränkt. Ein großer Schritt ;ur Vervollkommnung war die Erfindung der Sonnenmikroskope, welche jedoch nur für ganz oder doch fast durchsichtige Gegenstände anwendbar sind. Mittels dieser Mikroskope werden die Gegenstände durch das von einem Planspiegel reflectirte Sonnenlicht erleuchtet und ihr Bild, durch ein System aplanalisch und achromatisch geschliffener Glaslinsen gewaltig vergrößert, gegen eine Helle Wand oder ein durchsichtiges Tuch geworfen und dadurch einer grvßern Menge von Beobachtern gleichzeitig sichtbar. Da jedoch durch die Vergrößerung das anfänglich sehr intensive Sonnenlicht bedeutend geschwächt wird, so erscheinen die Körper um so undeutlicher, je stärker die Vergrößerung ist, und cs schien somit der Vergrößerung auch hier wieder eine Grenze gesetzt, bis es gelänge, ein noch intensiveres Licht aufzufinden. Die Entdeckung Drummond's, daß eine Weingeistflamme mittels eines durch dieselbe geführten Stroms von Saucrstoffgas bedeutend verstärkt wird, wenn man diese Flamme auf ein Stückchen gebrannten Kalk führt, gab ein Mittel zu Hervorbringung eines solchen Lichts, und letzteres wurde dadurch noch schärfer, daß man statt des Weingeistes Wasserstoffgas anwendete und so das Knallgas machte, das schon früher wegen seiner höchst intensiven Hitze bedeutende technische Anwendung gefunden hatte. Die Knallgasflamme, auf einen Kalkcylinder vom 76 Zoll Durchmesser geworfen, der nun als der eigentliche leuchtende Punkt erscheint, übertrifft ein gewöhnliches Kerzenlicht 15:! mal an Stärke. Ausgerüstet mit diesem höchst intensiven Lichte, construirte nun Cary im I. >832 das erste Hydrooxygengasmikroskop, indem er in zwei abgesonderten Gasometern Sauerstoffgas und Wasserstoffgas ausbewahrte, beide Gase im Verhältniß von eins zu zwei in einem Sammelrohre mischte und beide dann gegen einen kleinen Knallcylin- der, der jedoch sehr häufig erneut werden muß, leitete. Als Mikroskop bedient man sich nun eines wie die Sonnenmikroskope construirten Apparats, wobei man jedoch darauf Rücksicht zu nehmen hat, daß man nicht wie beim Sonnenlicht parallele, sondern divergirende Lichtstrahlen hat, weshalb man dieselben durch eine convexe Linse zuvor parallel machen muß, ehe man sie dem Gegenstände zuschickt. In Deutschland hat Professor Döbler sich 378 Hydrophobie HyginuS um die Einführung dieses Apparats sehr verdient gemacht und damit auf seinen Reisen höchst interessante Schaustellungen gegeben. Auch der Physiker P. Christcinicke in Lübeck hat das Hydrooxygcngasmikroskop bedeutend verbessert. Hydrophöbie, s. Wasserscheu. Hydropifch nennt man Alles, was mit Wassersucht (s.d.) zusammenhängt, dabcr hydropische Anschwellung eine solche, die durch Wassersucht bcwirktwird, hydropi- sches An sehen ein solches, welches Wassersüchtige zu haben pflegen u. s. w. Hydrostatik, s. Hydraulik. Hydrostatische Wage, s. Aräometer. Hydrothionsäure oderSchwefelwasscrstoffsä ure ist eine Verbindung von Schwefel und Wasserstoff, welche sich besonders entwickelt, wenn man Schwcfclmetallc mit verdünnten Säuren übergicßt. Sie stellt in reinem Zustande ein farbloses Gas dar, welches die Eigenschaften einer Säure besitzt, und hat vollkommen den Geruch fauler Eier, wie denn wirklich aus faulenden Eiern sich Schweselwasserstoffgas entwickelt. Schon in geringer Menge ist sie tödtlich, sodaß man in neuerer Zeit das Einleikcn dieses Gases in die Schlupfwinkel von Ratten und Mäusen mit Vorthcil zur Vertilgung dieser Thiere benutzt hat. Silber wird in Berührung mit schwcfelwasscrstoffsaurem Gas sogleich geschwant, und die Schwärzung, die man an altem Silber oft bemerkt, scheint von nichts Andcrni ber- zurührcn^ als daß an bewohnten Orten die Atmosphäre öfters ein klein wenig Schwefelwasserstoff enthält. Wegen seiner großen Verwandtschaft mit Metallen und der charakteristischen Färbung der entstehenden Verbindungen ist dieser Körper sehr wichtig als Reagens in der analytischen Chemie. Hyeres, s. Hi eres. Hygiastik oder Gesundhcitslchre (kz-^ieine) ist derjenige Thcil der Medici», welcher die Gesundheit zu erhalten und somit die Lebensdauer zu verlängern lehrt. Die allgemeine Hygiastik, die Sorge für die Gesundheit eines Verbandes von Menschen, ist Sache der Staatsarzneikunde (s-d.); die besondere Hygiastik, welche den einzelnen Menschen betrifft und jedem selbst überlassen wird, verfolgt als Wissenschaft ihren Zweck ganz auf demselben Wege wie die Pathologie, nur mit dem Unterschiede, daß bei dieser die Wiederherstellung, bei jener die Erhaltung der Gesundheit Object ist. Sie hat daher vorerst zu untersuchen, was Gesundheit sei, welche Potenzen der Gesundheit nützlich und welche ihr schädlich, welches die Zeichen der Gesundheit seien, welche Dauer die Gesundheit haben u,:S welche Störungen sic am wahrscheinlichsten erleiden werde. Daß alle diese Fragen nicki leicht zu beantworten sind, fällt sogleich in die Augen, wenn man bedenkt, daß absolute Gesundheit nicht existirt, daß die Gesundheit nach Alter, Geschlecht u. s. w. verschieden sei und daß deshalb jedem Individuum eine eigene Art Gesundheit zukommc. Erst die mit Berücksichtigung aller dieser Punkte angcstcllte Untersuchung der Gesundheit läßt die Aufwerfung der Frage zu, welche Methode anzuwenden sei, um die Gesundheit zu erhalten; eine Frage, deren Beantwortung aus denselben Gründen an Schwierigkeit den srühern nichts naebgibl und die daher auch sehr verschieden beantwortet worden ist. (S. Gesundheit und Diät.) Hygi?a oder Hy g Lei a, die Göttin der Gcsundbcit, die Tochter des Äskulap, wurde erst nach Pindar's Zeit mit diesem göttlich verehrt. Gewöhnlich waren ihre Tempel und Bilder mit denen des Äskulap vereinigt. Mit ihrer Darstellung beschäftigten sich mebre ausgezeichnete Künstler. Sie erscheint als eine Jungfrau von besonders blühenden Formen, welche gewöhnlich eine Schlange, das Symbol der Gesundheit, aus einer Schale in ihrer Linken trinken laßt. Hyginus (Cajus Julius), ein gelehrter röm. Grammatiker im Zeitalter des Augu- stus, der ihn hoch schätzte und zum Vorsteher der P.ilakinischen Bibliothek ernannte, wurde früher gewöhnlich für den Verfasser des „^»lmlnrinn li!>,-r", einer Sammlung von Fabeln, welche aus dem gricch. und röm. Sagenkreise entnommen sind, und der vier Bucker „koeticüll nstronomicün", gehalten, worin mit Hinzuziehung der Mythologie und Philosophie über die Welt, HimmelSkugcl und Himmelszcichen gehandelt wird. Doch hat die Kritik wegen der verderbten Schreibart und geschmacklosen Darstellung, die in beiden Werken herrscht, längst entschieden, daß dieselben emweder später interpolirt wurden und ihre Hygrometer Hymen 379 jetzige Gestalt erhielten, oder einem ganz andern H. angehören, der zur Zeit der Antsninr oder vielleicht des Thcodosüis lebte. Am vollständigsten wurden sic in den „M)tIi«8r!>>>I>i la!." von Muncker (2 Vde., Amst. I t',81) und van Stavcrcn (2 Bdc., Lcyd. und Amst. 1732, 3.) hcransgegcbcn. Eine neue Sammlung von Fabeln, die ebenfalls den Namcir des H. führen, machte aus einer Vaticanischcn Handschrift zuerst A. Mai bekannt im dritten Bde. der „(7Iit5sic. -ttict. e Vutic. coclü. eclit." (Nom 1831). Hygrometer oder Feuchtigkeitsmesser, auch Hygroskop nennt man eine Vorrichtung zur Bestimmung der Menge des in der Lust enthaltenen Wassers, d. i. der Feuchtigkeit der Lust. Saussurc benutzte hierzu ausgelaugtes Menschenhrar, Deluc feine Fischbeinstreifen. Die Erfahrung hat indcß gezeigt, daß weder durch das Saussure'sche noch durch das Deluc'sche Hygrometer eine Genauigkeit der Bestimmung erreichbar ist. Daher sind in neuerer Zeit zwei andere Hygrometer zu wissenschaftlichen Untersuchungen mehr in Gebrauch gekommen, welche eine solche Genauigkeit in der Bestimmung wirklich gestatten, nämlich das Daniell'sche und das August'sche, welches letztere auch den Namen Psychrometer führt. Beide gründen sich auf den Satz, daß in einer feuchten Atmosphäre Flüssigkeiten langsamer verdampfen als in einer trockenen, und daß sich die Schnelligkeit dieser Verdampfung durch das Sinken eines mit der Flüssigkeit befeuchteten Thermometers messen läßt. Daniell läßt Äther auf einer Thermomcterkugel verdampfen, August Wasser; letzterer leitet dann aus der Vergleichung des Standes eines trockenen und des befeuchtete» Thermometers den Feuchtigkcitszustand der Atmosphäre ab. Die früher» Hygrometer warenbloße Hygroskope, d. h. Vorrichtungen, welche Feuchtigkeit anzeigen, aber den Grad derselbe» nicht messen. Ebenso sind die Husaren, welche beim Regen den Säbel einstccken, und die Mönche, welche die Kapuze aufsetzen u. s. w., nichts Anderes als Darmsaitenhygroskope, obwol man sie gewöhnlich als Barometer an den Fenstern aufhängt. Hylaö, der schöne Sohn des Theiodamas, war der Liebling des Hercules, den er auf dem Argonautenzuge begleitete. Durch seine Schönheit entzückt, zogen ihn die Naja- den, als er in der Gegend von Troja ans Land gestiegen war, um Wasser aus dein Asca- niusfluß zu schöpfen, in ihre Fluten hinab. Wehklagend suchte Hercules den Geliebten überall; untcrdeß aber setzte die Argo ihre Reise fort und ließ jenen zurück. In der Folge wurde zum Andenken daran in jener Gegend jährlich ein dreitägiges Fest gefeiert, wobei der Priester den H. dreimal mit Namen rief. Hylozoismus nennt man die Ansicht, daß den Urstoffcn der Dinge (der Materie, mit dem Ausdrucke der griech. Philosophen, derHyle) eine ursprüngliche Lebenskraft inwohne, deren Wirkungen sich in den Erscheinungen des Lebens offenbaren. Insofern es dabei überflüssig erscheint, zur Erklärung des Lebens, welches tatsächlich nur an einem kleinen Theile der Naturkörper vorkommt, auf eine schöpferische und ordnende Intelligenz als Urheber zmückzugehcn, hat man den Hylozoismus häufiger als eine Art des Atheismus (s.d). bezeichnet, und den hylozoisiischen von andern Ärten des Atheismus unterschieden. Hymen oder Hymenäus hieß eigentlich der Hochzciksgcsang, den die Begleiter der Braut sangen, wenn diese aus dem väterlichen Hause in das des Bräutigams geführt wurde, dann in späterer Zeit personificirt der Hochzeilsgolt selbst, der zuerst bei der Sappho vorkommt, und nachher häufig der Sohn der Musen Urania, Klio, Terpsichore, Kalliope genannt wird. Nach Andern war er ein sehr schöner Jüngling, welcher vor der Zeir starb, oder bei der Vermählung des Dionysos und der Ariadne nach Absingung des Brautliedes die Stimme oder auch das Leben verlor. Eine attische Sage macht ihn zu einem schönen, aber armen athenischen Jüngling, welcher eine Jungfrau aus reicher und vornehmer Familie ohne Erfolg liebte. Um ihr nahe zu sein, folgte er derselben in Mädchenkleidung zum Demeterfeste nach EleusiS. Hier entführten ihn nebst den dort versammelten Jungfrauen Seeräuber, welche H. tödtcte, als sie auf einer Insel gelandet ciuschliefen. Hierauf kehrt« er sogleich nach Athen zurück und versprach, die Geraubten zurückzubringcn, wenn man chm die Geliebte gäbe. Dieses geschah, und von nun an gedachte man seiner in allen Brautgesängen, bis er endlich gar vergöttert wurde. Dargcstcllt wird er als geflügelter und bekränzter Knabe, als ein ernsthafterer und größerer Eros, mit einer Brautfackcl und rmem Schleier in den Händen. 380 Hymenopteren Hyperbaton Hymenopteren, s. Insekten. Hymettus, ein schon im Alterthume durch seine Bienenkcauter und durch trefflichen Marmor berühmter Berg in Attika, jetzt Telowuni, liegt südöstlich von Athen und nimmt s ffeine Richtung von Westen nach Nordosten. Der hier gewonnene, überaus wohlschmeckende Honig, der den Alten für eine besondere Quelle des Reichthums galt, hat bis auf die Gegenwart seinen alten Ruhm behauptet. Hymne nannten die Griechen einen Preis- oder Lobgesang, welcher zu Ehren der Götter oder Heroen bei feierlichen Opfern und Festen, oft mit Begleitung der Musik, bisweilen auch unter feierlichen Tänzen, gesungen wurde und nach den Gottheiten verfehle- dene Namen und Charaktere, z. B. Dithyrambus (s.d.), Päan (s. d.) u. s. w. erhielt; ! dann jedes Loblied oder jede Ode, worin ein übersinnlicher oder vorzüglich erhabener Gegenstand im höher« Schwünge der Dichtkunst besungen wird. Viele Psalmen der Hebräer j sind in dieser Rücksicht auch Hymnen zu nennen und dem morgenländ. Charakter und ihrer Religion zufolge noch feuriger und religiöser als die Hymnen der Griechen. Letztere waren früher fast ganz episch, wie z. B. die unter dem Namen des Homer (s. d.) bekannten ; sie erzählten die Mythen der Götter und gaben von ihnen wie von den Thaten der Menschen eine anschauliche Schilderung. Die spätern, wie die des Pindar (s. d.) und Kallima- chus (s. d.) sind schon mehr lyrischer Art. (S. Lyrik.) Die christlichen Hymnen sind größtentheils ganz lyrisch und sprechen das Gefühl des Menschen aus, der sich zu dem Un sichtbaren erhebt. Sie werden gewöhnlich nur mit figurirter Musik gesungen, denn die langsame und gleichförmig fortschreitende, oft auch im Singen gedehnte Melodie des Chorals hemmt den feurigen Flug des Hymnus. Die ersten Hymnen in der morgenländ. Kirche soll der Bischof Hierotheus, in der abendländischen der heil. Hilarius (s. d.) verfaßt haben; später fertigten solche Ambrosius und die Päpste Gclasius und Gregor der ^ Große (s. d.). Der Gebrauch derselben in der Kirche wurde durch das vierte Concil ^ zu Toledo im I. 633 bestätigt; verbessert wurden sie durch Papst Urban VII!. Bekannt sind besonders der Ambrosianische Lobgesang (s. Ambrosius), der Lobqesang der i Engel (s. Doxologie) und der Marianische Lobgesang (s. Magnificat). — Hymno- ! logie nennt man insbesondere die Kenntniß der Kirchenlieder und der Kirchenlieddichter oder Hymnologen. (S. Kirchenlied.) Hypalläge (griech.), d. h. Verwechselung oder Vertauschung, heißt eine gramma- l tisch-rhetorische Figur, die in der oft nur scheinbaren Vertauschung einzelner Theile des Sa- I hes besteht, z. B. wenn der Begriff eines Beiworts in ein Hauptwort verwandelt wird, neben welches dann das eigentliche Hauptwort als Genitiv tritt, z. B. „Die Pracht dieser Baume" statt „Diese prächtigen Bäume"; oder wenn die Beziehungsformen der Nomina vertauscht werden, z. B. „Die wichtigem Anfänge der Begebenheiten" statt „Die Anfänge der wichtigem Begebenheiten". ^ Hypäta, eine alte Stadt im Südosten von Thessalien, am nördlichen Ufer des Sper- chius, gehörte zum ätolischen Bunde und war namentlich der Sammelplatz der berüchtigten thessalischen Zauberinnen. ! Hypatla aus Alexandria, die Tochter des Mathematikers Thron und die Gattin des Philosophen Jsidorus, ebenso berühmt wegen ihrer Schönheit und Sittenreinheit wie we- , gen ihrer Gelehrsamkeit, widmete sich in Athen dem Studium der Philosophie und trat ^ nach der Rückkehr in ihre Vaterstadt daselbst als Lehrerin in dieser Wissenschaft auf, wobei > sie namentlich den Neuplatonismus mit der Lehre des Aristoteles in eine innige Verbin- ! düng zu bringen suchte. Ihr Haus war ein Sammelplatz der gebildetsten und angesehensten Männer. Bei einem blutigen Volksaufstande, den die Vertreibung der Juden, welche der Patriarch von Alexandrien im I. 4 l 5 n. Chr. verordnte, hervorrief, wurde sie auf die . grausamste Weise ermordet. . ! Hyperbaton (griech.), eine grammatische Figur, besteht im Allgemeinen darin, baß > die zusammengehörcnden Worte versetzt sind und die Stellung derselben nicht in ihrer na- ^ türlichen Ordnung erscheint, was besonders dann geschieht, wenn durch Dazwischenstellung , eines oder mehrer minder wichtiger Wörter das eine von den auf diese Weste getrennten ! Wörtern nachdrücklich hervorgehoben werden soll, oder wenn ein Satz durch eine Paren- Hyperbel Hyperboreer Z61 these von größerm Umfange auseinandergehalten wrrd, ohne daß eine Anknüpfung an das Vorhergehende stattfindet. Hyperbel heißt in der Geometrie eine krumme Linie des zweiten Grades einer der drei Kegelschnitte, der entsteht, wenn der Schnitt so geführt wird, daß er nicht nur die eine Kcgclsläche, sondern bei hinreichender Erweiterung der schneidenden Ebene zugleich die Oberfläche des entgegengesetzten Kegels trifft. Sie besteht aus zwei voneinander ganz getrennten aber zusammengehörigen und symmetrischen Zweigen-, die man gewöhnlich entgegengesetzte oder conjugirte Hyperbeln nennt; jede derselben hatzwei symmetrische, ins Unendliche fortlaufende Äste oder Theile. Die beiden Punkte, in denen sich beide Hyperbel- zwcige am nächsten kommen, heißen Scheitelpunkte, eine sie verbindende Gerade die große oder erste Axe, auch Hauptaxe, uikd ihr Mittelpunkt der Mittelpunkt der Hyperbel. Eine kleine oder zweite Axe der Hyperbel gibt es eigentlich gar nicht; die mit diesem Namen be- zeichnete Linie hat keine unmittelbare Bedeutung für die Hyperbel und ist gleichsam nur gedacht oder imaginair; ist sic der großen Axe gleich, so heißt die Hyperbel gleichseitig. In den Verlängerungen der großen Axe gibt es zwei, vom Mittelpunkte gleichweit abstehende Punkte, die Brennpunkte genannt, welche die merkwürdige Eigenschaft haben, daß der Unterschied ihrer Entfernungen von irgend einem Punkte der Hyperbel immer gleich der großen Axe ist. Hierauf beruht auch ein einfaches Verfahren, die Hyperbel zu construiren. Jede von irgend einem Punkte der Hyperbel nach innen der beiden Brennpunkte gezogene Linie heißt ein Radius, Vector oder Wector. Errichtet man in einem der beiden Scheitelpunkte auf der großen Axe eine Senkrechte, welche gleich der kleinen Axe ist und durch die große Axe halbirt wird, und zieht durch beide Endpunkte derselben und den Mittelpunkt der Hyperbel zwei gerade Linien, so sind diese die Asymptoten der Hyperbel, d.h.ssie haben die merkwürdige Eigenschaft, daß sie zwar ganz außerhalb derHyperbel liegen, sich derselben aber immer mehr und mehr nähern, ohne doch jemals mit ihr wirklich zusammenzufallen. Ist die Hyperbel gleichseitig, so bilden die beiden Asymptoten einen rechten Winkel miteinander. Hyperbeln höherer Art sind krumme Linien, die auf ähnliche Art durch den Schnitt eines Konoids, das einen Kreis höherer Art zur Grundfläche hat, entstehen, wie die im Vorigen betrachtete Hyperbel, die man zum Unterschiede auch die Apollonische Hyperbel nennt, aus dem Kegel. Hyperbel oder Hyperböle (griech.), d. h. Übertreibung, heißt in der Rhetorik eine Figur des Ausdrucks, nach welcher man das Höchste in seiner Art setzt, um entweder daS Große oder das Kleine mit Nachdruck zu bezeichnen und zu verstärken. Sie findet daher nur da ihre richtige Anwendung, wo im Gegenstände selbst etwas Außergewöhnliches liegt, welches das natürliche Maß überschreitet, z. B. „sein Ruhm reicht an die Sterne", oder „der eingcpreßten Brust entstürzten Felsenbläcke"; im Gegentheile dient sie zur Darstellung des Lächerlichen. Beide Arten, die auch oft im gemeinen Leben Vorkommen, werden durch bewegte Gemüthsstimmung oder heitere Laune bedingt. Hyperbolisch nennt man dann überhaupt alles Übertriebene. Hyperboloid nennt man ein hyperbolisches Konoid (s. d.), zuweilen auch eine Hyperbel höherer Art. (S. Hyperbel.) Hyperboreer, d. h. die über den Boreas odcrNordwind hinaus Wohnenden, nannten die Alten alle unbekannten Völker des Westen und Norden, von denen sie glaubten, daß sie stets unter dem Einflüsse eines günstigen Himmels ständen. Namentlich verstand man darunter nach einer dunkeln Vorstellung, wie wir sie bei den ältesten griech. Schrift- stellern finden, alle Völker, welche jenscit der Bergkette wohnten, die Griechenland nördlich begrenzt, wie die Thrazier; Herodot selbst setzt sie nordwestlich von Griechenland, tief in das Innere des Landes, in die Nähe der Scythcn,Strabo in den Norden jenseit des Schwarzen Meers. Von den Neuern werden ihre Wohnsitze bald in den Norden des Pontus Eu- xinus und des Adriatischen Meeres, bald in das indische Asien, wie von Schubart, bald nach Italien, wie von Niebuhr, bald nach Skandinavien, endlich auch in den Südosten von Deutschland verlegt. Darin stimmen aber die Sagen der alten Völker und die Berichte ihrer Schriftsteller vollkommen überein, daß die Hyperboreer ein paradiesisches Land bewohnten, in welchem ewiger Frühling herrschte, daß sie im Genüsse einer steten Jugend und Z»v .382 Hyperides Hypochondrie N ! .. 4 ! Gesundheit eines tausendjährigen Lebensalters sich erfreuten und als Lieblinge Apollon's, dem sie in fruchtreichen Ebenen mit Musik und Opfern dienten, geschützt vor dem Nord' winde, in fortwährenden Festen und Lustbarkeiten rin glückseliges Leben führten. Vgl. Penzel, „Uber die Hyperboreer" (Petersb. I77l) und Schubart, „Do U^.eri-oreiz" (Mark. 182,). Hyperides, ein berühmter Redner und Staatsmann in Athen, Zeitgenosse des Demosthenes, wurde von Jsokrates in der Redekunst unterrichtet und vertheidigte mit einer seltenen Wärme und Begeisterung die Freiheit seines Vaterlandes gegen die Eroberungsplane der makedonischen Machthaber. Seine patriotische Gesinnung bewährte er selbst noch nach der unglücklichen Schlacht bei Chäronea im I. 338 v. Ehr. Später nahm er den eifrigsten Anthcil an dem Lamischen Kriege (s-d.), hielt die Leichenrede auf die in demselben gefallenen Griechen und flüchtete sich, als mit der Schlacht bei Krannon 322 v. Cbr. die letzte Hoffnung auf Unabhängigkeit vernichtet worden war, nach Ägina, wo er auf An- tivater's Befehl hingcrichtet wurde. Von seinen Reden, die meist mehr auf einen äugen blicklichen Effect als auf eine nachhaltige Wirkung berechnet waren, besitzen wir blvs noch einige Bruchstücke. Vgl. Kießling, „De ll^.ericke" (2 Äbtheil., Hildburgh. 1837, fg.). Hyperton ist bei Homer der Sonnengott, also Eine Person mit Helios (s. d.), der Vater der Phacchusa und Lampetie von der Neära. Nach Hesiod war er einer der Titanen, der Sohn des Uranus und der Gäa, Gemahl der Theia und Vater des Helios, der Selene und der Eos. Hypermöter (griech.) heißt in der Metrik ein Vers mit einer die gesetzmäßige Lange überschreitenden Schlußsylbe, welche mit der Anfangssylbe des folgenden Verses zusammen gelesen wird, wie dies namentlich in den jambischen, trockäischen und daktylischen Versen der röm. Dichter der Fall ist, wobei eine Elision (s. d.) stattsindct. Hypermnestra, eine der so Töchter des Dan aus (s. d.). Hypertrophie heißt im Gegensätze von Atrophie (s. d.) das Übermaß von Ernährung. Zm weitern Sinne begreift man darunter jede krankhafte Vergrößerung eines Organs, im cngern jedoch nur eine solche, bei welcher das hypertrophische Organ durch Vermehrung der Masse der ihm cizenthümlichen Substanz nicht durch Hinznkommen einer fremdartigen aus seinem regelmäßigen Zustande heraustritt. Man hat Hypertrophie fast an allen Organen des Körpers beobachtet, doch ist sie von bloßer Ausdehnung wol zu unterscheiden. Hypnos , der griech. Name des Somnus (s. d.). HyphLsis oder Hypsinis, hieß bei den Alten ein Nebenfluß des Indus (s. d.)in Vorderindien, jetzt Beyha oder Beipasha, an welchem Alexander der Große das Ziel seiner Eroberungen fand und zur Erinnerung mehre Altäre errichtete. (S. Hydaspes.) Hyphen (griech.) nennt man die Zusammenziehung zweier Wörter wie zu einem Compositum und das Bindezeichen (-) derselben, z-B. „Nicht-Körper", „wild-edel" u.s.w. Hypochondrie oder Milzsucht (livpncimocirissis) ist ein den Geisteskrankheiten ziemlich nahestehendes Übel, welches seinen Grund in Störungen der Functionen des Nervensystems hat, die am häufigsten durch Unregelmäßigkeiten in der Verdauung und im Blutumlaufe de- Unterleibes hervorgcrufcn werden. Das Übel ist in seinem Hauptsnm- ptome so allgemein bekannt, daß may fast sprichwörtlich jeden Menschen hypochondrisch nennt, der gewöhnt ist, alle Dinge in einem trüben Lichte zu sehen, und in der Thal ist auch neben Verdauungsbeschwcrdcn, die oft mit Hämorrhoidalleiden verbunden sind, Blulcongestiv- nen nach einzelnen Theilen und manchen besondern Ncrvenzufällen, das Hauptleiden des Hypochondristen gerade die Sucht, sich selbst durch fortwährendes Grübeln über seine verlorene Gesundheit sowie über allerhand unangenehme Verhältnisse, und Andere durch unablässiges Sprechen davon zu quälen. Dieses Symptom ist aber so reich an Abwechselungen, daß eine vollständige Beschreibung davon unmöglich gegeben werden kann. Die Hypochondrie befällt gewöhnlich Männer von melancholischem und cholerischemTempcramente zwischen dem 3". und VN. Lebensjahre und ist meist die Folge einer unregelmäßigen Lebensart. Bei der Behandlung des Übels sind die subjektiven Symptome fast gar nickt und nur die objectiven zu berücksichtigen; gewöhnlich ist Veränderung der bisherigen Lebensweise Hypocykloide Hypothek 382 unbedingte Federung, ohne deren Erfüllung an den günstigen Erfolg irgend eines Arznei» mittels nicht zu denken ist. So verschieden aber die Lebensarten sind, so verschieden sind auch die Umänderungen, die sic erleiden müssen; bei jeder derselben aber muß auf regelmäßige Beschäftigung, die den Geist nicht allzusehr in Anspruch nimmt, und gehörige Echo« lung, die mehr in einer leichten Bewegung als in vollkommener Ruhe bestehen muß, da letztere dem ohnehin bei solcher Lebensart sich bessernden Schlafe überlassen wird, viel Bewegung in freier Luft und einfache, leicht verdauliche Kost gesehen werden. Neben dicken diätetischen Vorschriften, bei denen das richtige Verhältniß zwischen körperlicher und geistiger Anstrengung berücksichtigt ist, hat sich das Bestreben des Arztes besonders auf Verbesserung der Verdauung zu richten, welche, wenn sic nicht schon durch die angegebene Lebensart von selbst eintritt, noch durch die gewöhnlichen digestiv-und auflösenden, sowiedurch vorsichtig angewcndctc stärkende Mittel unterstützt werden muß. Besonders sind wegen der noch nebenbei für den Hypochondristen aus ihrem Gebrauche rcsultircndcn Vortheile die Mineralwasser von Karlsbad, Marienbad und später von Egcr zu empfehlen. Oft freilich, wenn die Krankheit schon sehr ausgcbildct war, bietet sie allen angewcndcten Mitteln Trotz und bleibt das ganze Leben hindurch die Plage des Kranken und seiner Umgebungen, geht auch zuweilen in Melancholie über und führt nicht selten sogar zum Selbstmord. Vgl. Annmermann, „Über Hypochondrie und Hysterie" (Bamb. > 816 ). Hvpocykloide, s. Epicykloidc. Hypomochlium heißt beim Hebel (s. d.) derjenige Punkt, welcher dem Stützpunkte als Grundlage dient. Bei doppclarmigcn Hebeln liegt derselbe zwischen dem Kraft- und dem Lastpunkte, bei den einarmigen aber am Ende, dem Kraftpunkte gegenüber. Hypotenuse nennt man IN einem rcchtwinkcligcn Dreiecke die dem rechten Winkel gegenüberliegende Seite, im Gegensätze der beiden andern Seiten, welche Katheten (s d.) he.ßen. Über die merkwürdige, zwischen der Hypotenuse und den Katheten obwaltende Beziehung s. Pythago risch er Lehrsatz. Hypothek oder Unterpfänder echt heißt das Recht an einer unbeweglichen Sache, welches der Schuldner dem Gläubiger zur Sicherstellung seiner Foderungen cinräumt und das auch dann in Kraft bleibt, wenn die Sache in die Hände eines Andern als des Schuldners übergcgangcn ist. Cs ist dies ein Recht, welches weder mit der Bcfugniß, über die Sache zu verfügen, noch mit einem Gebrauchsrechte derselben verbunden ist, außer wenn durch einen Vertrag die Benutzung dem Gläubiger auf Abrechnung von den Zinsen überlassen wird. (S. Antichresc.) Das UnlcrpfandSrecht wird in der Regel durch Vertrag bestellt; in verschiedenen Fällen aber durch das Gesetz auch ohne Vertrag begründet (stillschweig en d e Hypothc k). Wenn auf einem Gegenstände mehre Rechte des Unterpfands zusammentrcffen, so müssen zuvörderst diejenigen befriedigt werden, welchen die Gesetze ein Vorzugsrecht beigelegt haben, die sogenannten privilegirten Hypotheken, die unter Andern dem Fiscus und den Ehefrauen wegen ihres Hcirathsgutes zustehen, sodann. wenige besondere Fälle ausgenommen, die frühem vor den spätem Hnpothcken, doch >o, daß unter den vertragsmäßigen Hypotheken diejenigen, welche unter öffentlicher Autoritär bestellt sind, den altern, welche nur auf eine Privaturkunde gegründet sind, Vorgehen. iS. Pfand.) Auf einem gut eingerichteten Hypothekenwcscn beruhen der Credit und die Sicherheit des bürgerlichen Verkehrs; der Gläubiger muß sicher sein, daß ihm die verpfändete Sache diejenige Sicherheit gewähre, welche der Grund seines Vertrauens bei dem Darleihen war, und daß ihm solche weder durch ältere ihm unbekannt gebliebene vertragsmäßige, noch durch gesetzlich privilcgirle Hypotheken geschmälert werde. Dagegen muß es auch der Freiheit der Bürger überlasse» bleiben, die Sicherheit, welche sie bei einem Grundstücke finden, selbst zu schätzen, nur daß ihnen die faktischen Prämissen (Schulden, Abgaben, Lasten u. s. w.) auf zuverlässige Weise vorgelegt werden. Dazu führen öffentliche Hyvothekenbücher, in welche unter öffentlicher Autorität alle Pfandrechte eingetragen werden müssen; mögen sie durch Gesetz, Vertrag oder auch richterlichen Ausspruch entstehen, wie denn z. B. in Frankreich alle rechtskräftige Urthcilc und alleNotariatsinstru- menre von Rechtswegen hypothekarische Rechte geben. Wenigen civilisirtcn Staaten wird es gegenwärtig ganz an einer solchen Einrichtung fehlen; allein in den meisten bleibt da- 384 Hypothese Hypsistarier bei nock viel zu wünschen übrig. Frankreich hat sogenannte Hypothekcnregister, welche von eigenen Beamten, den Conservatoren, geführt, und in welche alle Hypotheken auf Verlangen der Gläubiger eingetragen werden. Das Vorzugsrecht der Hypotheken richtet sich nach dem Datum der Einschreibung, die aber aller zehn Jahre erneuert werden muß, da die Wirkung einer jeden Jnscription nach zehn Jahren von selbst erlischt. In Preußen und andern Staaten, wie z. B. in Sachsen, werden bei den Gerichten Hypothekcnbücher gehalten, in welche alle Grundstücke, der Grund ihres Erwerbs oder der Besitztitel, der Kaufpreis, die Laxe, die darauf haftenden Reallasten und Pfandschulden eingetragen werden. Diese Einrichtung ist zwar bciweitem mühsamer als die französische, dafür aber auch zu- verlässiger und vollständiger als diese. ^ Hypothese, d. i. Unterlage, heißt im wissenschaftlichen Sprachgebrauchs so viel als Voraussetzung oder Bedingung. Ein solches Anknüpsen eines Gedankens an einen ihm vorausgesetzten erscheint am einfachsten in dem hypothetischen Urtheile von der Form: wenn ist, so ist I), wo die Gültigkeit des Nachsatzes stüesi») durch die des Vordersatzes bedingt ist. Hypothetisches Verhältniß nennt man daher das Verhältniß von Bedingung und Bedingtem, von Grund und Folge, und hypothetisch heißt dann oft so viel als ungewiß, zweifelhaft, wenn die Gültigkeit des Grundes nicht hinlänglich gesichert ist oder überhaupt ein Grund einer Behauptung nicht vorliegt. Hypothesen im engern Sinne nennt man Gedanken und Annahmen, welche man macht, um für eine Menge von Erscheinungen die Einheit einer Regel und eines Erkenntnißgruudes zu finden. In diesem Sinne ist jede Hypothese ein Versuch, die Lücken der Erfahrung durch Begriffe zu ergänzen und durch diese jene zu erklären. Der zum Zwecke der Erklärung vor- ausgesetzte Gedanke darf daher keinen Widerspruch in sich selbst enthalten; je einfacherer ! übrigens ist, je leichter, vollständiger und consequenter sich aus ihm die zu erklärenden Erscheinungen ableiten lassen, desto besser und brauchbarer ist eine Hypothese. H'ülfshypo- ! thesen nennt man solche Annahmen, die selbst wieder zur Sicherstellung einer Hypothese dienen sollen; sie vermindern natürlich die Wahrscheinlichkeit der ganzen Erklärung. Hy- > pothesen, welche ihrem Zwecke vollständig genügen, können geradezu in den Rang wissenschaftlicher Lehrsätze eintreten, wie z. B. die Hypothesen der Bewegung der Planeten um die Sonne und der Gravitation der erstem gegen die letztere, auf welchen das Gebäude der modernen Astronomie ruht, während es der Physik in andern Gebieten noch nicht hat ge- ringen wollen, ihre Hypothesen über Licht, Wärme, Elektricität u. s. w. bis zu einer glei- ^ chen Evidenz und Genauigkeit auszubilden. Es liegt übrigens im Begriffe der Hypothek daß ihre Aufstellung oft auf einer glücklichen'Combination, einem richtigen Blicke beruht, daher jede Hypothese in ihrer Entwickelung und Anwendung einer Kritik entgegensieht. Würden die zur Erklärung der Erscheinungen erfoderlichen Voraussetzungen nicht bloS versuchsweise hingestellt, sondern aus den Erscheinungen selbst abgeleitet, so würden sie als nothwendige sich darstellen, und eine solche Ableitung ist die wesentliche Aufgabe der Spe> culation (s. d.). Früher nannte man Hypothese auch jede willkürliche Annahme, ;.B- die Eintheilung des Kreises in 360 Grade, der Stunde in 60 Minuten u. s. w. Hypotypöse nennt man in der Rhetorik eine Figur, vermöge deren man eine Per- j son oder Sache so anschaulich darstellt, daß man sie lebhaft vor Augen zu sehen glaubt, s In dem Unterrichte bezeichnet Hypotyposc auch die Versinnlichung der Begriffe durch s anschauliche Vorstellungen, z. B. durch das Beispiel, das Gleichniß, die Analogie u. s. w. > Hypsspyle, die Tochter des lemnischen Königs Thoas und Gemahlin des Jason (s. d.). Von Lemnos vertrieben fiel sie unterwegs Seeräubern in die Hände, welche sie ! an den nemcischen König Lykurgus verkauften, dessen Sohn Archemöros, eigentlich Ophel- ! tes genannt, sie erziehen sollte. Der Tod desselben brachte die H. ins Gefängniß, aus dem sie jedoch von ihren Söhnen befreit wurde. Hypssstarrcr oder H ypsi st an ier ist der Name einer Sekte des->. Jahrh., die in Kappadocien ihre Wohnsitze hatte und aus Misbehagen an dem in derKirche schon vielfach ! entstellten Christenthume einem allgemeinen Gottesglauben sich zuwendete. Die Hyp^' rier verehrten Gott unter dem ältesten und einfachsten Namen, Hypsistos, d. i. der Höchue, und umgaben ihren Cultus mit Gebräuchen und Symbolen, die sie synkretistisch aus versaßt' I n n n I- cr f- n. >< ls > m er r- er e- ht y- m es 4 ir- er ir- o- ' ese w> ! m< ! der g-> lei- est, hsi kt. l°S als > p-> B. ^er- ibt. ^ ,rch ^ w. ! 'oi> ; sie ^ Hellem ein > fach sta- s sst-, ! hie- ^ Hyrkauren Hysterie 385 denen Religionen entlehnten. Daher wird ihnen von Gregor von Nazianz (s.d.) zu- gleich Feuerdienst und Beobachtung des jüd. Sabbaths nebst einigen Speisegesehen beigelegt. Verwandt scheinen die Sekten der Euphemiten oder Messalianer in Phönizicn und Palästina, vornehmlich aber der Abeliten (s. d.) und Ooelicolae in Afrika. Andere haben die Entstehung und den Charakter der Hypsistarier auf andere Weise dargestellt. Vgl. Ull- mann, „De u^psistariis" (peidelb. 1823) und Böhmer, „I)e n^psistsrüs" (Berl. 1823). Hyrkanien, eine Landschaft Irans, umfaßte den Landstrich zwischen dem Elbrusgebirge und dem Kaspischen Meere, also das Land längs der Südküste desselben, das heurige Masanderan, und lag zwischen dem alten Medien im Südwesten und Parthien im Osten. Die niedrigen Küstengegcnden abgerechnet, war cs ein rauhes, aber von den vielen kleinen, vom Gebirge nach dem Kasvischen Meere strömenden Flüssen wohlbewässertes Land, das in den Thälern und Niederungen höchst fruchtbar an Getreide, Obst und Wein war. Seine Bewohner, die sich in die Stämme der Maxerer, Astabener und Ehrender theilten, waren wahrscheinlich eines Stammes mit den Parth ern (s. d.) und in dem Alterthume wegen ihrer Wildheit verrufen. H. wurde frühzeitig von den Medern und Persern unterjocht und theilte als pers. Provinz zu allen Zeiten die Schicksale dieses Reichs, eine Periode unter der parthischen Herrschaft ausgenommen, wo es seine Unabhängigkeit behauptete und unter eigenen Königen den Parthern oft gefährlich wurde. Hyrkänus ist der Name zweier jüd. Hohenpriester und Fürsten aus dem Hasmo- naischen Geschlechte. JohannesH., Simon's Sohn, der von 136—IV6 v.Chr.regierte, war anfangs von den Syrern abhängig; bald jedoch selbständig geworden, unterwarf er sich die Samaritaner, auch zwang er die Jdumäer, sich an das Judenthum anzuschließen. Er knüpfte mit den Römern ein Bündniß, baute die starke Burg Baris an der nordöstlichen Ecke des Tempclbergs und erweiterte sein Gebiet fast wieder bis an die alten Grenzen des Davidischcn Reichs. Auch scheint er den Grund zu dem Synedrium (s. d.) gelegt zu haben. Ursprünglich ein Pharisäer, trat er später auf die Seite der Saddueäer. Er hinterließ bei seinem Tode fünf Sühne, von denen Aristobul und Alexander unter dem Titel von Königen regierten. — Hyrkanus II., des Vorigen Enkel, Alexander's Sohn, wurde 98 v. Chr. in Jerusalem zum Könige ausgerufen, trat aber, von seinem Bruder Aristobul bekämpft, bald ins Privatleben zurück. Von dem Jdumäer Antipater angereizt, suchte er nachmals mit Hülse des Arctas den Thron wiederzugewinnen, jedoch erfolglos, bis ihn Pompejus 63 v. Chr. zum Hohenpriester und Ethnarchen ernannte. H. besorgte nun den Tempel, Antipater die Regierung. Cäsar bestätigte ihm 37 v. Chr. seine erbliche Hohc- priesterwürde und machte den Antipater zum Procurator. Als AntigonuS, Aristobul'S Sohn, mit Hülfe der Parther König und Hohenpriester geworden, ließ er H. die Ohren abschneiden, um ihn zum Hohcnpriesteramte untauglich zu machen. Die Parther führten ihn 30 v. Chr. mit sich nach Seleucia. Hysterie, Muttcrplage oder Mutterstaupe ist eine durch Störungen der Functionen des Nervensystems, welche meist von den Geschlechtsorganen ausgehen, herbeigeführte Krankheit, welche ausschließend das weibliche Geschlecht befällt und derHy- poch ondrie (s. d.) der Männer entspricht. Die Ähnlichkeit mit diesem Übel besteht darin, daß die Hysterischen große Veränderlichkeit in der Gemüthsstimmung und Launenhaftigkeit zeigen, ihre körperlichen Beschwerden übertreiben und sehr zum Klagen geneigt sind, während der Hauptunterschied der ist, daß bei der Hysterie die Verdauungsbeschwerden, die sich oft als Heißhunger oder Mangel an Eßlust, Erbrechen u. s. w. aussprechen, weit mehr zurücktreten, die Nervenstörungen jedoch in höherm Grade als große Empfindlichkeit der Sinne, Sinnestäuschungen und namentlich Krämpfe auftreten. Sie befällt Mädchen und verheirathete Frauen vom l8. bis zum 35. Lebensjahre und hat meist ihren Grund im wirklichen oder vermeinten Verfehlen des Lebenszwecks derselben, daher auch die Behandlung Hysterischer hauptsächlich sich dahin richten muß, eine der Bestimmung des Weibes angemessene Lebensart herbeizuführen, was freilich oft unübersteigliche Hindernisse findet. Sind die zeugungsfähigen Jahre vorüber, so verschwindet die Hysterie gewöhnlich von selbst, läßt aber nicht selten Verbildungen in den Geschlechtsorganen zurück; zuweilen geht sie auch in Wahnsinn über. Lonv.-Lex. Neunte Aufl. VII. 25 386 Hysterologie Janina Hysterologie oder Hysteron P roteron (griech.) heißt eine grammatische Figur, nach welcher man die natürliche Ordnung des auözudrückcnden Begriffs oder Gedankens verkehrt und das Lehte zum Ersten macht, was namentlich dann mit Recht geschieht, wenn Das, was dem Andern der Zeit nach vorausgeht oder dasselbe bedingt, als das Nachdrücklichere der Steigerung wegen »achgestellt wird. Bisweilen ist diese Figur auch mir eine scheinbare, z. B. bei Virgil: „Laßt uns sterben und zu den Waffe»stürzen", wo die erstem Worte den Sinn enthalten „Laßt uns den Entschluß fassen, zu sterben u. s. w." ^ Hysteroplasmen nennt man künstliche Nachbildungen von den Theilen des weiblichen Körpers, deren Kenntniß im regelmäßigen wie im unregelmäßigen Zustande dem Geburtshelfer bei der Ausübung seines Berufs am nöthigsten ist. Zuerst von Osiander in Göttingen angegeben, sind sie besonders von Elias von Siebold bedeutend verbessert wer- den und finden sich in den meisten Entbindungsschulen zum Gebrauche für Untersuchungen > und geburtshülsliche Operationen vor. ^Hambltchlts, ein neuplatonischer Philosoph, aus Chalcis in Cölesyrien, lebte im 4. Jahrh. n. Ehr. und war ein Schüler des Porphyrius. Durch ihn artete die neuplakv- nische Philosophie in Dämonologie und Theurgie (s. d.) aus, weshalb er auch bei seine» Schülern den Ruf eines Geisterbcschwörers und Wunderthäters erhielt. An dem Kaiser Julian fand er, als Vertheidiger des alten Götterglaubens, einen begeisterten Verehrer, was dazu beitragen mochte, ihm den Beinamen des Göttlichen zu geben. Von seinen vielen Schriften sind nächst einigen mathematischen noch übrig ein Bruchstück des Lebens bes Pythagoras, über den er manches Seltsame und Fabelhafte berichtet, und eine Ermah- nung zur Philosophie, beide von Kießling (Lpz. >813 und 1815) herausgegebcn. Auch wird ihm eine Schrift über die ägypt. Mysterien, herausgegeben von Eale (Oxf. >6^, Fol.) beigelegt, deren Echtheit aber verdächtig ist. Jambus (griech.) heißt in der Metrik theils ein aus einer kurzen und langen Sylbe —) bestehender Versfuß, theils überhaupt ein aus mehren solchen Füßen zusammengesetzter Vers, auch deriambische genannt, für dessen Erfinder man gewöhnlich den griech. > Dichter Archilochus (s.d.) hält, der ihn schon völlig ausgcbildct in seinenSchmähgedich- i ten angewendet hat. Sowie es mehrfache Auflösungen des Jambus selbst in einen Tri- brachys, Daktylus, Anapäst und Spondcus gibt, so sind auch die Arten dieses Verses je nach der Länge oder Kürze sehr verschieden, obgleich bei den Alten der aus sechs Füßen be- ^ stehende jambische Trimeter als selbständiger Vers der bekannteste ist. Als Hauptregel gilt auch hier, daß Wort- und Versfüße nicht zu oft ineinandcrfallen. Janina oder I oanina, die Hauptstadt des gleichnamigen Sandschakats im Eja- let Numili der türk. Provinz Niederalbanien, bekannt insbesondere durch den berüchtig- ! ten Ali Pascha von Janina (s.d.), liegt am See gleiches Namens (dem See Acherusia ! der Alten) und wird von mehren festen Schlössern beschützt, wovon eines auf einer Insel s im See sich befindet. Sie ist der Sitz eines Paschas und zählt gegen 4000« E., meist Griechen, die unter einem Erzbischof stehen und noch immer einen ziemlich ansehnlichen Handel, wenn auch nicht so bedeutend wie früher, treiben. Unter den Fabriken sind namentlich die in Saffian zu erwähnen. Auch gibt es daselbst mehre Buchhändler, die Bücher aber werden im Auslande gedruckt. Sie zählt I ü Moscheen, acht griech. Kirchen und hat zwei > ehemals berühmte höhere griech. Schulen mit Bibliotheken. I. kommt zuerst im 9. Jahrh. l als dem byzant. Reiche unterworfen vor; seit dem 11. Jahrh. war es abwechselnd in den > Händen der Normannen, der Byzantiner, der Catalanen und der Triballer oder Serbier. wurde dann von eigenen Despoten regiert, die bald von Konstantinopel, bald von den Grafen von Kephalonia abhingen, und unterwarf sich 1431 den Türken. Im vorigen und im Anfänge dieses Jahrhunderts war I. ein Hauptsitz neugriech. Geistesbildung. Bei dem Japetus Jason 387 > Bombardement durch den Pascha Ali imJ. I820litt die Stadt ungemein, auch wurden da« ' male die Gebäude der Schulen zu Grunde gerichtet, die jedoch seitdem wicderhergestellt sind. Japetus, ein Titan, der Sohn des Uranus und der Gäa, vermählte sich nach Apollodor mit der Tochter seines Bruders Oceanus, Asia, und zeugte mit ihr den AtlaS, Pro- 1 metheus, Epimetheus und den Menötios. Nach Andern hatte er die Klymene, ebenfalls ! eine Tochter des Oceanus, oder die Tethys, seine Schwester, oder die Asopis oder Libya zur > Gemahlin. Als Vater des Prometheus steht er an derSpitze der hellenischen Stammtafel. Jarbas, König und Priester der Getuler in Nordafrika, der Sohn des Jupiter Ammon und einer libyschen Nymphe, erbaute seinem Vater viele prächtige Tempel. Gegen die Dido (s.d.) war er so zudringlich, daß diese sich nur durch den Tod vor ihm retten konnte. Järta (Hans), ehemaliger schweb. Staatsminister, geb. am 11. Febr. 1774, der > Sohn des Generallieutenants Freiherrn Karl Hjerta, studirte in Upsala und war seit >700 in der königlichen Kanzlei angesiellt, als er in Folge der auf dem Reichstage im I. 1800 zwischen dem Könige und dem Adel eintretenden heftigen Spannung denjenigen Adeligen sich anschloß, welche dem Adelstande entsagten, aus dem Dienste des Königs trat und den Namen Järta annahm. Er bekleidete eineStelle bei dem Assecuranzcomtoir zu Stockholm, als die Revolution von > 800 ausbrach, in Folge deren er als Staatssecretair dem Handels- und Finanzdepartement vorgesetzt wurde. Nachdem er > 8 ll seine Entlassung aus dem Ministerium genommen, ging er 1812 als Landeshauptmann nach Falun Auch diese Stelle gab er >822 auf und lebte nun als Privatmann in Upsala, wo er der akademischen Bildung seiner Söhne eine vorzügliche Sorgfalt widmete, und dann wieder in Stockholm, wo er 1837 als Chef des Neichsarchivs angestellt wurde. In Folge des Todes seines Sohns Thomas zog er sich >842 von allen öffentlichen Geschäften zurück und lebt gegenwärtig auf dem Lande in tiefer Einsamkeit. Bereits I8l9 wurde er Einer der Achtzehn der schweb. Akademie, >820 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und >832 Mitglied der Akademie der Geschichte und Alterthümer. Er ist ein erklärter Feind des mo- >' deinen Liberalismus und ein entschiedener Ultra, wie er früher dem Despotismus muthig entgegcntrat. Seine Grundsätze hat er in seiner Zeitschrift „Odalmannen" (Falun > 822 —23) ausgesprochen. Mit Ecijer verfocht er damals das der Classicität bei dem Schul- unterrichte gebührende Übergewicht, während Tegne'r, Agardh, von Hartmansdorff u. A. für die Realien stritten. Von gründlichen Quellenstudien zeigt seine >838 von der Aka- > demie der Geschichte und der Alterthümer gekrönte Geschichte der juridischen Wissenschaft in Schweden während des >7. Jahrh. Seine Gedichte lassen hinsichtlich des rhetorischen Schmucks und des Ausdrucks wenig zu wünschen übrig, ermangeln aber der Phantasie und echt poetischen Anschauung. — Sein ältester Sohn, Karl Tho m. I., geb. zu Stockholm am 2. Sept. 1802, früher Lcctor am Gymnasium zu Westeras, seit 1840 Professor der Beredtsamkeit an der Üniversität zu Upsala und bekannt als Verfasser einiger von der Akademie gekrönten Preisschriften, starb am 8. Nov. 1841. Jasion, der Sohn des Zeus und der Elektra, der Tochter des Atlas, ein Bruder des Dardanus, nach Andern der Sohn des Korythos und der Elektra oder des Jlithyios, oder - auch des Minos und der Nymphe Phronia, war von so ausgezeichneter Schönheit, daß ! auf der Hochzeit seiner Schwester Harmonia mit Kadmus sich Demeter in ihn verliebte, f Als er ihre Liebe auf einem dreimal geackerten Felde genossen, wurde er vom Zeus durch einen Blitzstrahl getödtet. Nach Später», außer Ovid, der ihn bis ins höchste Alter als Gemahl der Demeter leben läßt, erschlägt ihn Dardanus, oder er wird von seinem eigenen Gespann getödtet. Auch erzählt man, daß er mit seinem Bruder aus der Heimat durch i eine Wasserflut vertrieben nach Samothrake gekommen sei, wo ihn Zeus selbst in die Mysterien der Demeter eingeweiht habe. Das Ganze ist jedenfalls eine Feldbausage, und I. in den samothrazischen Mysterien Das, was Triptolemus in den elepsinischen. Jason, ein Heros des alten Griechenlands, war der Sohn des Ason, Königs von Jolkus in Thessalien, und der Polymede, nach Andern dcr Polymele, Alkimede oder Poly- s Pheme, und hatte den Centaur Chiron (s.d.) zum Lehrer. Schon als Jüngling wohnte er der Eberjagd bei Kalydon (s.d.) bei. Als sein Vater, noch eheJ. volljährig geworden, die 25* 388 Jatralipten Iatrochemiker Negierung niederlcgte, übernahm sie als Vormund Pelias (s.d.), J.'s Oheim. Die Ver- anlaffung zuJ.'s Zuge nach Kolchis war der gewöhnlichen Sage nachfolgende: Pelias ließ einst zu einem feierlichen Opfer des Neptun alle seine Verwandten, folglich auch den Z., ' einladen. Als dieser auf seinem Wege nach Jolkus an den Fluß Evenus, Enipeus oder Anaurus kam, fand er die Juno in Gestalt einer alte» Frau, welche ihn bat, sie über den , Fluß zu tragen. I. that dies, ließ aber den einen seiner Schuhe im Schlamme zurück. So ^ kam er zum Pelias, der sich darüber entschte, weil ein Orakclspruch ihm geweissagt häkle, daß Derjenige ihm Thron und Leben rauben würde, der zu dem Opfer ohne Schuhe käme. Pelias fragte den I., was er wol mit Demjenigen machen würde, der ihm von dem Ora- , kel als sein Mörder verkündigt worden wäre? Auf Eingebung der Juno antwortete I., er würde ihn nach Kolchis schicken, um das goldene Vließ wiederzuholen. Diesen Auftrag e» hielt nun I. selbst vom Pelias. Nach Andern hatte Pelias seinem Bruder Äson de» j Thron geraubt und ihn getödtet. Als I. volljährig geworden, befragte er das Orakel, wie er sich den Besitz seines rechtmäßigen Erbes wiederverschaffen könnte? Das Orakel befahl ihm, in der Kleidung eines Magnesiers, mit einer Lcopardenhaut um die Schultern und mit zwei Lanzen bewaffnet, nach Jolkus an den Hof des PeliaS zu gehen. Dies geschah, doch kam I. nur mit einem Schuhe bei dem Pelias an, da er den andern auf die angezeigt! Weise verloren hatte. Als Pelias, der ihn nicht kannte, sich nach seiner Herkunft erkundigte, antwortete er dreist, er sei Äson's Sohn, ließ sich dann die Wohnung seines Vaters zeigen und feierte daselbst mit seinen Verwandten, Pheres, Neleus, Admetus, Amythron, Akastus und Melampus, fünf Tage lang das Fest des Wiedersehens. Hierauf gingen sie gemeinsam zu Pelias und verlangten die Abtretung des Reichs. Pelias antwortete, daß er bereit sei, dasselbe I. zu überlassen, wenn dieser zuvor das goldene Vließ wieder nach Thessalien zurückgebracht haben würde. Auf der Fahrt dahin (s. Argonauten) zeugte I. mit der Hypsipyle auf Lemnos zwei Söhne. Von derMedea (s. d.) unterstützt, erreichte er den Zweck seiner Reise glücklich, und kehrte mit ihr, als seiner Gemahlin, nach langem Herumirrey in die väterliche Heimat zurück. Hier rächte er die Ermordung seiner ; Altern und seines Bruders durch den Tod des Pelias. Dennoch war es ihm nicht möglich, zu dem Throne von Jolkus zu gelangen. Er mußte denselben dem AkastuS, dem Sohne des Pelias, überlassen und sich mit seiner Gemahlin nach Korinth flüchten. Hier lebte» beide zehn Jahre in der glücklichsten Ehe, bis I., der Medea überdrüßig, sich in Elanke, nach Andern, in Kreusa, die Tochter des korinth. Königs Kreon, verliebte, sie heirathele und seine Gemahlin und Kinder verstieß. Doch Medea rächte sich schrecklich an der verhaß- ^ ten Nebenbuhlerin und floh, als I. sie dafür bestrafen wollte, auf ihrem Drachenwagen zum König Ägeus in Athen, nachdem sie zuvor ihre mit I. erzeugten Kinder, MermcroS und Pheretos, getödtet hatte. Nach Einigen soll I. hierauf sich aus Verzweiflung getödtet haben; nach Andern führte er seitdem ein heimatloses Leben und wurde, als er eines Tags am Meeresufer, im Schatten desselben Schiffs, welches ihn früher nach Kolchis gebracht hatte, erschöpft eingeschlafen war, von einem herabstürzenden Balken zerschmettert; , noch Andere erzählen, er habe sich später mit der Medea ausgcsöhnt, sei mit ihr nach Kolchts ; zurückgekehrt und habe nach dem Tode seines Schwiegervaters dessen Thron bestiegen. > Jatralipten nannte man im Alterthume Diejenigen, welche aus der Kunst, die 1 Salben, deren Gebrauch namentlich in den Bädern und Gymnasien sehr ausgedehnt war, i nach den vielseitigen darüber aufgestellten Regeln anzuwenden, eine eigene Profession machten. Bei der Ausübung ihres Berufs kamen sie in den Besitz oberflächlicher ärztlicher Kenntnisse und machten von diesen häufig besonders zu diätetischen Zwecken und beiden Unfällen, die in den Gymnasien verkamen, einen für die Ärzte nachtheiligen Gebrauch- Als der Stifter der Jatraliptik wird Herodikos von Selymbria, der im 5. Jahrh. zu Athen lebte, genannt. Mit der nach und nach gänzlich veränderten Lebensweise mußte auch diesir Stand und mit ihm die Kunst verschwinden. Iatrochemiker oder Ch emiatriker nennt man die Anhänger eines mediciuischen Systems, welches von Paracelsus (s. d.) und Hclmont (s. d.) durch die nähere Ver- t bindung der Chemie mit der Medicin vorbereitet, von Franz Sylvius aber weiter ausge- breitet wurde. Dieser lehrte nämlich, daß alle physiologischen und pathologischen Vorgänge er. ieß Z. ^ )er >en ös lle, »e. w- ! er ! er- >e» 1 sie ihl rid rh, gt- »i- erS o», ft !aß ch gle er- rch iier i °g- ! >>ie ten >ke, ete aß- ;e» roi sd- res g-° hiS die ar, s ion her en ll§ yen scr hen !er- , ige- nge Jatromathematiker Jbell 389 im Körper durch Gährung vermittelt würde», in welcher die drei Hauptsäft«, der Speichel, die Galle und der pankrcatische Saft (s. Bauch), sich verbänden. Bei Gährung der rich- tigen Art sei der Körper gesund, bei unrichtiger entstände alkalische oder saure Schärfe und so Krankheit, bei deren Behandlung die Neutralisation des Überschusses an Säure oder Alkali bewirkt werden müsse. Diese neue Lehre fand im Anfänge besonders in Deutschland, England und Italien viele, in Frankreich nur wenige Anhänger und wurde später durch dieIatromath ematikcr (s. d.) verdrängt. Jatromathematiker nannte man im Alterthume diejenigen Ärzte, welche noch neben ihrem eigentlichen Berufe mathematische Wissenschaften, besonders Astronomie und Astrologie, trieben und wol auch diese beiden Wissenschaften aus eigenem Aberglauben oder, um sich mehr Ansehen zu verschaffen, mit der Medicin verbanden, ohne gerade in die Classe der Magier zu gehören. In der neuern Zeit bedeutet dieser Name, welchem der der Jatromcchaniker gleich steht, die Anhänger einer eigenen ärztlichen Schule, welche ein bis dahin noch in keiner Gestalt vorgetragenes System aufstellte. Der Grund dieses Systems war die durch Galilei (s. d.) so eifrig und so erfolgreich geförderte Physik und die durch Harvey (s. d.) gemachte Entdeckung des Blutkreislaufes- Schon Santorio Santori, gest. >636, stellte physiologische Versuche zur Entdeckung der physikalischen Gesetze im thierischen Körper an, und nach ihm erklärte Borelli in dem nach seinem Tode, 1079, erschienenen Buche „I)e motu »mmalium" (Nom >680) die Proteste im lebenden Organismus nach den Gesetzen der Statik und Hydraulik, indem er ihn mit einer einfachen Maschine verglich, ohne auf ein höheres Lebensprincip Rücksicht zu nehmen. Dieser Ansicht zufolge waren die Definitionen für Gesundheit und Krankheit leicht festgestellt, jedoch rcsultirtc für die Praxis so wenig daraus, daß die Jatromathematiker selbst Praxis und Theorie vollständig geschieden wissen wollten. Das von Borelli aufgestellte System fand seine meisten Anhänger in Italien, unter denen besonders Bellini, gest. 1713, und Baglivi, gest. 1706, zu nennen sind, und in England. In Frankreich wurde diese Lehre von Einzelnen nur zum Theil angenommen und in Deutschland auch nur der Hauptidee nach andern Systemen, z. B- dem von F. Hoffmann (s. d.), zu Grunde gelegt. Auch Boerhave (s. d.) gehört, obschon nicht unbedingt, zu den Jatromathematikern. Jaxartcs, jetzt Sir-Sihon, ein Fluß, der in den Aralsee (s. d.) fließt und namentlich in der Geschichte des Cyrus häufig genannt wird. Jbarra (Joachim), geb. zu Saragossa 1726, gest. in Madrid als Hofbuchdrucker am 23. Nov. 1785, erwarb sich das Verdienst, in Spanien die Buchdruckerknnst auf eine Stufe der Vollkommenheit zu erheben, von welcher man bis dahin noch keinen Begriff gehabt hatte. Aus seinen Pressen gingen Prachtausgaben der Bibel, des „Mozarabischen MissalS", der „Geschichte Spaniens" vonMarianaj(2Bde., 1780, Fol.), des „Don Quixote" (2 Bde., 1780, 4.) und der span. Übersetzung des „Sallust" (1772, Fol.), welche den Jnfanten Don Gabriel zum Verfasser hatte, hervor. Da er sein Vaterland nie verlassen hatte, so war er zumeist auch der Erfinder aller seiner Verbesserungen im Buchdruck. Jbell (Karl Friedr. Justus Emil von), ehemaliger hessen-homb. Geh. Rath, geb. am 30. Oct. 1780 zu Wasen im Nassauischen, erhielt seine erste Bildung auf dem Gymnasium zu Idstein, studirte dann in Göttingen die Rechte und wurde hieraus als Rath bei der Negierung in Wiesbaden angcstellt. Seit 1806 Negierungsrath, später zum Geh. Rath und Präsidenten der Landesregierung ernannt, hatte er großen Antheil an dem 1811 eingeführten gleichmäßigen Steuersysteme, sowie an der Begründung der Staatsverwaltung, welche seit >815 cintrat, wodurch er sich aber zugleich unter den Anhängern am Alt- herkömmlichen manche Feinde zuzog. Dem an ihm am I. Juli 1819 durch den geisteskranken Apotheker, Karl Löning aus Idstein, im Bade zu Schwalbach verübten Mord- »ersuche entging er durch seine Geistesgegenwart und Körpcrstärke, indem er den nach ihm geführten Dolchstoß geschickt von sich abwendctc und den Mörder, der sich nachmals im Gefängnisse entleibte, festhielt, bis er zur Haft gebracht werden konnte. Nichtsdestoweniger fand er sich in Folge dieses Vorfalls veranlaßt, aus dem nassauischen Staatsdienste zu treten, wurde aber bald darauf vom Herzog zu Sachsen-Meiningen als Geh. Rath berufen. Später trat er als Geh. Rath und dirigirender Präsident in die Dienste des Landgrafen 390 Jberia Ibrahim Pascha von Hessen-Homburg. Hier erwarb er sich, namentlich in finanzieller Hinsicht, ausgezeich. > netc Verdienste. Er starb zu Homburg vor der Höhe am 6. Oct. 1834. Jberia hieß bei den Alten die fast rings von Gebirgen umschlossene, vom Flusse Cy- ! rus, jetzt Kur, durchströmte, an Getreide, Öl und Wein fruchtbare Ebene des kaukasischen Isthmus, welche im Norden durch den Kaukasus vom Lande der Sarmatcn geschieden, im Westen an Kolchis, im Süden an Armenien, im Osten an Albania (s. d.) grenzte und die jetzt den Namen russ. Georgien (s. d.) oder Grusien trägt. Die Einwohner, dieJbc- > rer, gehörten höchst wahrscheinlich dem medisch-pcrs. Volksstamme an, wohnten in Städten und Dörfern aus Backsteinen erbaut, trieben vornehmlich Ackerbau und schieden sich in vier Kasten, Edle, Priester, Krieger und Ackerbauer, und Sklaven. Bekannt wurde ihr Land, das früher, wie cs scheint, zur pers. Monarchie gehört hatte und von Alexander dem Großen nicht betreten worden war, namentlich durch den Feldzug des Pompcjus im 1.65 , v. Ehr. Dauernd stand es unter röm. Herrschaft von Trajan bis nach dem Tode Julian s, wo es im 4. Jahrh. n. Ehr. der pers. König Sapores II. unterwarf. — Auch Hispanien wurde von den Alten Zberia genannt, das vom Iberus (Ebro) durchflossene Land der Iberer, eines Urvolks des südwestlichen Europas, das mit den asiat. Iberern in keinem Zusammenhang steht, und das in vielen kleinen Völkerschaften nicht blos über ganz Spanien, sondern auch nördlich der Pyrenäen in Aquitanien (s. d.) und einst vcrmuthlich noch weiter in Gallien hinein und am Mittelmeere bis zurRhone wohnte. Daß die jetzigen Basken die Nachkommen dieser Iberer seien, ist vornehmlich durch W. von Humboldt iu der „Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispanicns vermittels der basischen Sprache" (Berl. 1821) dargethan worden. Aus der Vereinigung iberischer und eingewanderter keltischer Stämme entstand das Mischvolk der Keltiberer, das die Hochebenen des Mittlern Spaniens bewohnte. .. Ibis war das am meisten verehrte unter den heiligen Thieren der alten Ägypter (s. Ägyptische Mythologie), weshalb sich sein Cultus, dessen Hauptsitz jedock inHcr- mopolis war, über ganz Ägypten erstreckte. Der Grund dieser großen Verehrung lag ohne > Zweifel in der Nützlichkeit des Thieres, welches das Land nach den Nilüberschwemmuugcn ! von dem zurückgebliebenen Ungeziefer reinigte, dann überhaupt zu einem Symbol desselben gemacht und dem Th o t (s. d.) geheiligt und mit ihm identisicirt wurde. Außerdem wurden manche abgeschmackte Fabeln von ihm erzählt, wie die von seinem Ab - undZuneh- rnen mit dem des Mondes, daß er sich mit seinem Schnabel Nilwasserklystire cinspriße und deshalb der Erfinder derselben sei, u. s. w. Er wurde in vielen Tempeln lebendig gehalten und göttlich verehrt, und die Massen von Jbismumien, die man in den ägypt. TodtenM- ten findet, bezeigen die Heiligkeit, in der er bei den Ägyptern stand, wie denn selbst auf unfreiwillige Tödtung desselben Todesstrafe stand. Der alte Ibis ist, soweit wir ihn als Mumie kennen, völlig von dem noch in Ägypten lebenden verschieden. Dieser stammt aus Indien, gehört zu den Sumpfvögeln und hält sich am liebsten da auf, wo der Nil zussick- gctreten ist und Schlangen, Frösche, Fische, Jnsekteneier u. s. w. im Schlamme zurückgelassen hat. Er hat die Größe eines Storchs und ist von Farbe weiß; die Spitzen seiner Schwungfedern aber sind schwarz, gleich dem Schnabel, den Füßen, dem nackten Kopf und Hals. Die letzten Flügeldeckfedern desselben sind sehr lang, violettschwarz und fallen über dieFlügelspitzen und den Schwanz herab. Jbn Roschd, s. Averrhoes. Jbn Sina, s. Ävicenna. Ibrahim Pascha ist wahrscheinlich nur Adoptivsohn der Vicekönigs von Ägypten Mehemed Ali (s. d.) und 1786 geboren. Die ersten glänzenden Proben seiner Tapferkeit und seines Feldherrntalents gab er im Kampfe gegen die empörten W ahabi (s. d>-, die er 1819 völlig besiegte, dann in Sennaar und Darfur, das er unterjochte. An der Spitze eines ägypt. Heers fiel er im Febr. 1825 in Morea ein, um Griechenland für seinen Vater zu erobern, sah sich aber in Folge der Wendung, welche das Schicksal Griechenlands durch die Übereinkunft Englands, Frankreichs und Rußlands erhielt, 1828 genöthigt, seine Absichten aufzugeben. (S. Griechenland.) Als nach dem Frieden zu Adrianopel von 1829 sein Vater daran dachte, Syrien zur Vormauer des neuen ägypt.-kretensischen Reichs zu Jbykus 391 ! I s l mache», Abdallah aber, Pascha von St.-Jcan d'Acre, von welcher Feste Besitz die Be- Häuptling Syriens wesentlich abhing, nicht auf seine Plane einging, erhielt I. von seinem Vater den Auftrag, die Aufgabe mit dem Schwerte zu lösen. Am 29. Oct. 1831 überschritt nun I. mit dem Landhcerc die ägypt. Grenze, besetzte in kurzer Zeit Palästina, nahm am 25. Mai 1832 St.-Zcan d'Acre mit Sturm, bemächtigte sich dann in reißender Schnelle ganz Syriens, schlug die Türken am 9. Juli 1832 bei Homs, dann bei Beilan, und am 29. Dec. bei Konich in Kleinasien, bis am Ende die Landung der Russen im BoS- porus seinem Siegeslauf ein Ziel setzte. Unter Vermittelung der europ. Großmächte endete dieser Feldzug damit, daß die Pforte am -i. Mai 1833 nicht nur in die Abtretung Syriens willigte, sondern auch den Bezirk von Adana unter dem Titel einer Pachtung an I. persönlich abtrat. Hierauf begann I. die Organisation der neuerworbenen Provinzen, Hurch die er sich, wie die gegenwärtigen Verhältnisse Syriens beweisen, große Verdienste erwarb, indem er, wenn auch auf oriental. Weise, Ordnung und Sicherheit der Person und des Eigenthums herstellte; als er aber in der Verwaltung Syriens an die Stelle der frühem Milde ein strenges System treten ließ, brach 1834 ein Aufstand aus, sodaß sein Vater ihm zu Hülfe eilen mußte. Zwar ward die Ruhe scheinbar wiederhergestcllt, doch mußte er dem Volke wichtige Zugeständnisse machen, und völlige Stillung des Aufruhrs gelang ihm keineswegs. Neben diesen fortwährenden Unruhen in Syrien, die hauptsächlich durch die von Z. cingeführte Conscription veranlaßt wurden, dauerte der diplomatische Krieg zwischen Mehemed Äli und dem Sultan Mahmud II. ununterbrochen fort, bis er 1839 zum Waffenkrieg wurde. Mit dem Übergang des türk. Heers unter dem Seraskier Hafiz Pascha über den Euphrat bei Bir, also auf syr.-ägypt. Gebiet, im Apr. 1839, war der Krieg so gut wie erklärt. I. zog sich fortwährend zurück, bis es am 24. Juni bei Nisib zu einer Schlacht zwischen beiden Theilcn kam, in welcher das türk. Heer völlig vernichtet und zerstreut wurde. Wiederum wurde I. durch die Auffodcrung Frankreichs, die Feindseligkeiten einzustellen, indem die Großmächte den Streit ausgleichen würden, in seinem Siegeslauf gehemmt. Die Folge davon war, daß, als die diplomatischen Unterhandlungen in Folge von Mehemed Ali s zu hoch gespannten Federungen zu nichts führten, eine engl. östr. Flotte im Sommer >849 an der syr. Küste erschien, welche die Städte Beirut, Jaffa und St.-Jean d'Acre bombardirte und einnahm, die Gebirgsvölker deS Libanon zu einem allgemeinen Aufstand brachte und die Ägypter von allen Küstenstellungen vertrieb. So war die Lage J.'s, der sich mit seinem Heer nach Damask zurückgezogen hatte, bei dem immer weiter um sich greifenden Aufstande ganz unhaltbar geworden, und er sah sich am .Ende genöthigt, alle seine Eroberungen in Syrien auszugeben und den Rückzug nach Ägypten anzutreten, den er auch von DamaSk aus in drei Colonnen durch die Wüste hindurch unter unsäglichen Mühen und Verlusten bewerkstelligte. Seit dieser Zeit zog sich I., der in Folge der zwischen seinem Vater und der Pforte getroffenen Vereinbarungen zum Nachfolger des Erstem bestimmt ist, von den öffentlichen Geschäften, wenigstens scheinbar, zurück und beschäftigte sich lediglich mit der Förderung des Ackerbaues auf seinen Gütern. Erst im I. 1844 trat er wieder bei Gelegenheit des ebenso plötzlich gefaßten als wiederaufgegebenen Entschlusses seines Vaters, sich von den Geschäften zurückzuzichen und nach Mekka zu begeben, wieder in den Vordergrund, auf eine Weise, welche vermuthen ließ, daß er heimlich an der Spitze einer Partei stehe, die nichts weniger als übereinstimmend mit Mehemed Ali gesinnt ist. Jbykus, ein griech. Lyriker und Zeitgenosse des Anakrcon, aus Rhegium in Unteritalien gebürtig, kam um die Mitte des 6. Jahrh. v. Ehr. an den damals sehr glänzenden Hof des Polykrates nach Samos. Später, nachdem er mehre Reisen unternommen hatte, kchrte er in seine Vaterstadt zurück, wo er starb. Einer schon im Alterthum verbreiteten Sage nach, die auch Schiller in seiner schönen Ballade „Die Kraniche des I." behandelt hat, wurde er auf einer seiner Reisen von Räubern überfallen und ermordet. Seine Dro- hung, daß die Kraniche, welche während dieser ruchlosen That in der Luft vorbcizogcn, ihn einst rächen würden, ging zu Korinth in Erfüllung. Als nämlich dort ein Zug Kraniche sich sehen ließ, sprach einer der Mörder zum andern: „Siehe da die Rächer deS I.!" Einer der Umstehenden hörte dies und zeigte es der Obrigkeit an, welche die Räuber sogleich festnehmen und, nachdem sie die That gestanden, hinrichten ließ. Von I. erwähnen die Al- 392 r, ' Ich ten sieben Bücher lyrischer Gedichte in dorisch-äolischer Mundart, welche heroisch-erotischen Inhalts waren und sich durch Glut der Phantasie und Leidenschaft auszeichneten, wie du noch vorhandenen Bruchstücke beweisen, deren Sammlung von Schneidcwin in „U-zci «r- ' winum relicjuiae" (Gott. I 83'i), sowie in dessen „velectiis poe.?. Fr»ec. eie;;, etc." (Gött. 1839), und zuleht von Bergk in„?netne >) rici graec."(Lpz. l 833) veranstaltet worden ist. Ich bezeichnet in der unmittelbaren Selbstaufsassung das in der Mannichfaltigkeit und dem Wechsel der geistigen Zustände identische, gleichbleibende Subjekt, die eigene Per- son, deren Zustand oder Thätigkeit alles Das ist, was Jeder in seinem eigenen Bewußtsein findet. Es kündigt sich als das Reelle, Wirkliche zu dieser Mannichfaltigkeit der geistigen Phänomene an, und diese Art der Selbstauffassung ist dem Menschen so natürlich, daß der Ausdruck „so wahr ich bin" als eine der stärksten Detheuerungen der Realität gilt; sie ist ihm überdies so geläufig, daß das gewöhnliche Denken an dem Begriff der Ichheit oder des - Selbstbewußtseins keinen Anstoß nimmt. Die populaire Psychologie hat sich daher lange ^ Zeit begnügt, zur Erklärung desselben nach Analogie der äußern Sinne einen innern Sinn anzunehmen, vermöge dessen wir unsere eigenen Zustände und Thätigkeiten als unsere eigenen auffassen, und selbst bei Kant tritt die „Synthesis der Apperception", d. h. eben die Thätigkeit des innern Sinnes, einfach als eine Thatsache oder vielmehr Thathandlung des Ich auf, welche die Bedingung des Bewußtseins überhaupt enthalte. Die spätere Philssophie hat jedoch den Begriff des Ich zum Gegenstände sehr tiefeingreifender Untersuch»»- gen gemacht. Wenn man nämlich die Antwort aus die Frage „Was bin ich?" aus dem empirischen Bewußtsein entlehnt, so bezeichnet sie ein zeitlich entstandenes, veränderliches, neuen Zusätzen und Umbildungen entgegensetzendes Subjekt; Ich ist dieses bestimmte Individuum mit diesen bestimmten Meinungen, Kenntnissen, Neigungen, Charakterzügen u.s.w., und dieses Ich ist für Jeden ein anderes. Gleichwol schreibt sich Jeder Ichheit zu, und der wahre Inhalt des Begriffs vom Ich kann also nicht in diesen Merkmalen der individuellen Persönlichkeit liegen; es entsteht das Bedürfnis, das reine Ich, d. h. den Begriff vomZch, dcr von allen ihm fremdartigen Bestimmungen gereinigt ist, von dem empirischen zu unter- j scheiden. Das Verdienst, durch eine geschärfte Reflexion auf das Ich diese Scheidung aus- ! geführt zichhaben, gebührt I. G. Fichte (s. d.); dieser stellte die Definition auf: Das Ich ist das mit seinem Object identische Subjekt, d. h. in dem reinen Begriffe des Ich liegt durch- . aus nichts als diese Reflexion auf sich. Fichte fühlte sehr wohl, was auch schon Kant an- gedeutet hatte, daß dieser Begriff ganz leer sei; gleichwol steigerte er die Ansicht der gemeinen Auffassung, daß das Ich ein Reelles sei, dadurch, daß er dem Ich zugleich absolute Thätigkeit zuschrieb; das Sein des Ich ist sein Sich-Setzen und umgekehrt; das Ich ist zugleich Producent und Product; die Ichheit reine, absolute Produktivität. Diese reine Prs- ductivität kann aber als reine, gegenstandslose, niemals ins Bewußtsein cintreten, sondern liegt als der letzte Grund des Bewußtseins außerhalb desselben; deshalb muß das Ich, um zum Bewußtsein seiner selbst zu kommen, sich ein Nicht-ich entgegensetzen, und die Nachweisung, wie durch die Wechselwirkung des Ich mit dem von ihm selbst gesetzten Nicht-ich das Bewußtsein zu Stande kommt, ist die theoretische Aufgabe des Fichte'schen Idealismus. Dieser Idealismus scheitert aber, auch blos als psychologische Theorie betrachtet, daran, daß er unfähig ist, die individuellen Bestimmungen des empirischen Selbstbewußt- , seins zu erklären. Während nun die ftsätern Systeme zum größern Theil an der Voraus- ^ setzungdervon Fichte behaupteten absoluten Produktivität festhielten, hat dagegen Herbart (s. d.) den Begriff des Ich in ganz entgegengesetzter Richtung zu Schlüssen über die Bedingungen des geistigen Lebens überhaupt benutzt. Er erklärt die von Fichte dem Ich beigelegte absolute Produktivität für eine Erschleichung und gründet auf die Nachweisung, daß der Begriff des reinen Ich nicht nur ganz leer, sondern selbst widersprechend ist, den Satz: daß das Ich nicht ein Unbedingtes, Reelles, sondern die Ichheit, das Selbstbewußtsein ein Phänomen neben andern Phänomenen des geistigen Lebens sei, und daß es folglich darauf ankomme, die Bedingungen nachzuweisen, unter welchen dieses Phänomen m der Mitte der übrigen Erscheinungen des geistigen Lebens cintreten könne, so oft dazu hin- ; reichende Veranlassungen vorhanden sind. Das reelle, sich selbst in allem Wechsel der Innern Zustände gleiche Subjekt des gesammten geistigen Lebens sei die Seele, deren wech- Ichneumon Jda 393 stlnder, in seinen einzelnen Bestandtheilen sich zum Theil entgegengesetzter VvrstellungS- kreis eine innere Dynamik begründe, au« deren entferntern Folgen sich zeigen lasse, wie die Selbsiauffassung einen so veränderlichen, immer aber individuell bestimmten Inhalt ge» winne, wie die Erfahrung wirtlich zeigt. Ichneumon, auch Pharaonsratze, in Ägypten NemS genannt, ist ein den Mardern ähnliche« Raubthier, von schmächtigem Bau, mit kurzen Füßen, katzenartigen Krallen, einem langen, am Ende büschelförmigen Schwänze, dichtem harten Haar, welches einzeln braun und grau geringelt erscheint. Das Ichneumon lebt von kleinen Säugthie- een, Vögeln, Reptilien und ihren Eiern, die c« sehr geschickt im Sande aufzusinden weiß, hat übrigens die Blutgier und Grausamkeit der Marder und stand im alten Ägypten, wo es auch als gezähmtes Hausthicr gehalten wurde, in großer Achtung, indem man von ihm glaubte, daß es in den Rachen des schlafenden Krokodils krieche und dasselbe tödte. Zchthyölith nennt man in der Mineralogie einen versteinerten Fisch, oder einen Stein, in welchem ein Fisch abgedrückt ist. Um die nähere Kenntniß und Classification dieser, wie alle Versteinerungen, für die Geologie sehr wichtigen Vorkommnisse, deren Stu- dium wegen des seltenen Vorkommens vollständiger Abdrücke sehr schwierig ist, hat sich besonders Agassiz (s. d.) in seinen „keekercbos sur les poissons fossiles" verdient gemacht. Ichthyophagen, d. i. Fischesser, hießen bei den Alten zwei Völker, von denen das eine in Gedrosien, dem heutigen Beludschistan, am arab.-pers. Meere, das andere in Äthiopien am Arabischen Meerbusen wohnte. Den Namen erhielten sie ohne Zweifel von ihrer Ernährungsweise, sowie mau noch gegenwärtig Völker, die sich hauptsächlich von Fischen und andern Wafferthieren ernähren, in culturhistorischer Hinsicht unter diesem Namen begreift. Jcilius ist der Name eines röm. plebejischen Geschlechts, dem mehre Verfechter der plebejischen Sache gegen die Patricicr angehörten, so namentlich Spurius Zcilius, der als Tribun im I. 402, nach Niebuhr 470 v. Ehr., die Störung eines Tribuns, der mit dem Volke verhandele, durch ein strenges Gesetz verpönte, und LuciuS Jcilius, unter dessen erstem Tribunal im I. 456 v. Chr. die Anweisung des Aventinus an die Plebejer erlangt und den Tribunen das Recht erworben wurde, den Senat zusammenzuberusen; als Verlobter der Virginia war er einer der Thätigsten bei dem Sturze der Herrschaft der De- cemvirn. (S. Appius, Claudius Crassus.) Jcilius (Quintus), s. Guischard (Karl Gottlieb). Jcolmkill, eine kleine hcbridische Insel, von den Schriftstellern des Mittelalters auch 3 ona genannt, etwas über eine Stunde lang, gegen eine halbe Stunde breit und durch einen schmalen Kanal von der Insel Mull getrennt, hieß ursprünglich Hy oder I, d. i. Insel Den obigen Namen erhielt sie nach dem irischen Mönche Columba, der sichimO.Jahrh. hier niederließ, indem man sie nun I 6ol»mb-kill, d.h. die Insel, Columba's Zelle, nannte. Noch zeigt man die Trümmer der von Columba angelegten Klostergebäude. In der später, wahrscheinlich gegen das Ende des l l.Jahrh. erbauten Kirche sind die Gräber von 48 schvt., vier irländ. und acht vorweg. Königen. Im Mittelalter bestand hier eine berühmte, von den vornehmsten Schotten besuchte Lehranstalt. Jda, ein hohes Gebirge, welches von Phrygien aus durch Mysien und mithin auch durch die Landschaft Troas sich erstreckt, an dessen Fuße die Stadt Troja lag, und dessen Abhang bis an das Meer eine Ebene bildet, auf welcher die Belagerung der Stadt Troja vorgenommen wurde, ist der Schauplatz vieler griech. Mythen. Der südliche Theil d-ssel- ben hieß Gargarus, aus dessen höchster Spitze, Kstyllus genannt, ein Heiligthum der Cy- bele (s. d.) sich befand, die deshalb den Namen der rdäischen Mutter (icksea mster) erhielt. Hier entschied Paris (s. d.) den Streit der Venus, Juno und Minerva, indem er der erstem den goldenen Apfel überreichte, und von hier soll auch G anymedes (s. d.) entführt worden sein. — Ein anderes Gebirge Jda findet sich auf der Insel Kreta, jetzt Psiloriti. Es durchschneidet dieselbe von Westen nach Osten und wurde im Westen Leuke (ulbi montes), im Osten Dikte genannt. Reiche Quellen entspringen aus demselben und befruchten den felsigen Boden. Unter den Gewächsen, die hier gedeihen, ist besonders dieTragakantha oder der Bocksdorn zu erwähnen, von welchem das Traganthgummi, ein bedeutender Handels- artikcl, gewonnen wird, Außerdem, daß Jupiter hier der Sage nach erzogen wurde, ver« 391 Zdalium Idealismus setzte man auch hierher die idäi scheu Daktylen, die ihren Namen daher erhielteir, weil sie auf der höchsten Spitze des Gebirgs wohnten, und in der griech. Mythe als uralte Da- moncn von sehr dunkler Bedeutung und stets in Verbindung mit der Cybele erscheinen. Sie sollen von dem Berge Jda in Phrygien hierher gewandert sein und den Gebrauch des Feuers sowie das Schmelzen der Metalle erfunden haben, was auf frühe Entdeckung von Eisen- und Kupfergruben auf diesen Gebirgen und die Bearbeitung dieser Metalle hinwcist. JdaltUM, ein Vorgebirge und eine Stadt auf der östlichen Seite der Insel Cypmi, wird von den alten Dichtern häufig erwähnt, weil hier ein Tempel und ein heiliger Hai» der Venus waren, die deshalb auch den Beinamen I -Isliu erhielt. Jdas, der Sohn des AphareuS und der Arenc, der Tochter des Öbalos, der Bruder des Lynkeus, Gemahl der Marpessa und Vater der Kleopatra, entführte seine Gemahlin auf einem von Poseidon erhaltenen geflügelten Wagen und kam dabei mit dem Apollon, der sich ebenfalls um die Marpessa bewarb, in Streit. Zeus trennte die Streitenden und überließ der Jungfrau die Wahl. Diese wählte den I., weil sie glaubte, der Gott werde sie verlassen, wenn sie altere. Besonders berühmt ist aber der Kampf des I. und Lynkeus mii den Dioskuren, Kastor und Pollux. Gemeinschaftlich hatten sie nämlich Herden als Beute aus Arkadien weggctrieben; bei der Theilung machte I. den Vorschlag, daß Derjenige, welcher zuerst einen Theil eines in vier Theilc zerlegten Stiers aufgegessen hätte, die Beute erhalten solle. I. wurde zuerst fertig und trieb nun die Herde nach Messenien. Die Dies- kuren aber eilten ihm nach und kamen in Kampf mit den beiden Brüdern. I. erschlug dm Kastor, Pollux den Lynkeus; I. aber tödtete Zeus mit dem Blitze. Nach Theokrit galt die- scr Kampf den Töchtern des Leucippus, Phöbe und Jlaeira. Jdäus, iwr Sohn des Dardanus und der Chryse, der Bruder des Deimas, wunderte mit seinem Vater nach Phrygien und erbaute dort einen Tempel der Cybele, in welchem er die Mysterien derselben gründete. Jdkal im weitern Sinne des Worts wird dem Realen entgegengesetzt als das blos Vorgestellte, Gedachte, im Gegensätze zu dem Wirklichen, außerhalb und unabhängig von dem Denken Existirenden. Im cngern Sinne versteht man unter einem Ideal einen als wirklich gedachten Gegenstand, der einer Idee, einem Vorbilde oder Musterbilde vollkommen entspreche. Wie vielfach daher die Gebiete sind, in denen der Gedanke des Musterhaften, Vollkommenen und Vollendeten eine Bedeutung hat, so vielfältig ist die Anwendung des Begriffs Ideal; daher vornehmlich sittliche und ästhetische Ideale; dann im Einzelnen Ideal der Wissenschaft, Ideal des Weisen, der Tugend, des Staats, der Familie u. s. w. Kant spricht sogar von einem theoretischen Ideal der reinen Vernunft, d. h. von dem Ideal eines Wesens, welches der Vernunftidee eines Alles bedingenden Unbedingten entsprechen würde; ebenso würde ein Ideal der Häßlichkeit, der Bosheit u. s. w. gedacht werden können. Insofern man versuchen kann und aus dem sittlichen Gebiete versuchen soll, das Wirkliche dem Ideal gemäß zu bestimmen, bedient man sich deS Wortes Ideal wol auch da, wo ein Wirkliches der Idee in hohem Grade zu entsprechen scheint. So namentlich im Gebiete der Künste; der Apollon von Belvedere, Nafael's Madonna, der Zeus des Phidias sind Kunstideale, d.h. Darstellungen, welche den diesen Göttergestaltcn zu Grunde liegenden Ideen vollkommen oder wenigstens mit einem hohen Grade der Annäherung entsprechen. Wo sich Ideen nicht anschaulich darstellen lassen, wie in den Künsten, sondern wo, wie in der Wissenschaft, die Aufgabe darin besteht, sie durch Begriffe zu bestimmen, wird daß Wort Idee (s. d.) und Ideal oft ^gleichbedeutend gebraucht. — Idealisiren heißt ein Wirkliches nach einer Regel der Vollkommenheit behandeln; so idealisirt z. B. der Künstler die Natur. Jm Sprachgebrauche des gewöhnlichen Lebens bezeichnet man dadurch bisweilen auch die Täuschung, welche in dem Wirklichen mehr Vollkommenheit zu finden glaubt als es besitzt. Psychologisch genommen richten sich überhaupt die Ideale eines Menschen nach der Höhe seiner geistigen Ausbildung; jedem wird Dasjenige ein Ideal, was ihm in irgend einer Art ein Maß derVollkommenhcit darbietet, daher in diesem Sinne die ästhetischen, sittlichen, politischen, religiösen Ideale nicht nur einzelner Menschen, Ion- dern ganzer Zeitalter und Völker sehr verschieden sind. Idealismus heißt im Gegensätze zumRealisINus (s. d.) diejenige philosophische ! Idealismus 395 oeil > Ansicht, welche nicht die äußern Dinge, sondern entweder das vorstellende Subject oder )ci> überhaupt nur das Gedarbte für das wirklich Seiende, Reelle erklärt. Die verschiedenen e„. ; Formen, in welchen der Idealismus ausgetreten ist, sind durchaus ein Erzeugnis, der neuern des Philosophie seit Descartos; bei den Alten waren selbst die ausgebildctstcn Systeme rca- M lisrisch. Namentlich ist es ein Jrrthum, wenn man etwa das Platonische System als idealst. ! listisch, das des Aristoteles als realistisch bezeichnet; denn wenn Platon die Ideen für das ni, > wahrhaft Seiende erklärte, so waren ihm diese doch keineswegs bloße Produkte eines voran, ! stellenden Wesens, sondern etwas unabhängig von jeder Intelligenz Existirendcs. In der modernen Philosophie liegen die Veranlassungen idealistischer Lehrmcinungen theils in der dn ^ Frage nach der Art, wie man sich die Einwirkung der Körperwelt auf die Seele denken solle, vermöge deren die Dinge die Vorstellungen hcrvorbringe», theils in der geschärften o„, i Reflexion darauf, daß die Annahme äußerer Dinge überhaupt doch immer nur Vorstellung l„d ! des vorstellenden Subjects sei. Die verschiedenen Meinungen, zu welchen jene erste Frage sie ' führte, hatten indessen noch keinen entschiedenen Idealismus zur Folge. Descartes (s.d.), „st Malebranche (s. d.) und Lcibnih (s. d.) begnügten sich, einen physischen Einfluß des >,ke Körperlichen auf das Geistige zu leugnen und an dessen Stelle die Systeme der Assistenz, ge, dergelcgentlichenUrsachen und dcrPrästabilirten Harmonie (s.d.) aufzustellen; abcrsie iitt leugneten nicht die Realität derKörperwelt, obwol Malebranche den Satz ausführte: Es sei >§< sehr schwer zu beweisen, daß es Dinge außer uns gebe. Daß jedoch die sinnlichen Qualitä- !M ten der Dinge nicht ihr wahres Wesen, sondern nur Erscheinungen seien, hatte sogar der ü< , Empirismus eines H obb es (s. d.) und Locke (s. d.) zugegeben, und da die ganze Voraussetzung äußerer Dinge empirisch nur auf der Wahrnehmung Dessen, was sie für die n- Empfindung sind, beruht, so läßt sich begreifen, warum der Versuch, die Annahme einer el> objecti» existirenden Körperwclt für eine Täuschung zu erklären und alle Realität nur geistigen Substanzen beizulegen, gerade zuerst in England, wo der EmpirisRus herrschend os war, durch Collier und E. Berkeley (s. d.) gemacht wurde. Dieser Berkeley'sche Jdea- on lismus erklärt aber nicht den menschlichen, sondern den göttlichen Geist für den Urheber sts der Vorstellungen von einer scheinbar objectiven Welt. Die Nichtexistenz der letztem wird m- jedoch in ihm als Lehrsatz behauptet, und deshalb hat man diesen Idealismus später einen ,f. dogmatischen genannt. Von diesem dogmatischen Idealismus verschieden ist Kant's ng (s. d.) kritisch er oder transscendentaler Idealismus. Dieser beruht auf der Lehre, en daß zwar der Stoff der Erfahrung durch die Empfindung gegeben werde, und daß ihm die w. Dinge an sich als Ursachen vorausgesetzt werden müssen, daß aber die Formen der Erfahrung :m (Raum, Zeit und die Kategorien) als Bedingung jeder möglichen Erfahrung in uns 1 t- a priori, d. h. unabhängig von der Erfahrung, bereit liegen, und daß wir daher die Dinge er- immer nur erkennen, wie sie erscheinen, nicht aber, wie sie an sich sind. Zn der weitern Ent- >ll, Wickelung des Kant'schen Kriticismus glaubten Sigism. Beck und namentlich I. G. »ol Fichte (s. d.) zu finden, daß die Voraussetzung der Dinge an sich überflüssig sein würde, ü- wenn sich Nachweisen ließe, durch welche nothwendige Handlungsweise das Ich, als das es allein Thätige und Productive unseres gesummten Vorstellungskreises, dazu komme, sich de selbst den Schein einer objectiven Welt einzubilden und dieses sein Product näher zu beit- stimmen. (S. Fichte und I ch.) Dieser Idealismus beruht also auf dem Satze, daß das jo, . 3ch, das sich selbst und die Welt vorstellende Subject nicht blos der Träger, sondern auch rd der Urheber der als objectiv gegebenen Erschcinungswclt sei. Deshalb hat man ihn später ßt den subjektiven Idealismus genannt. Er schloß die Identität des Denkens und Seins, er des Subjektiven und Objectiven, zunächst nur im Ich ein; aber die spätere Jdentitätsphi- ch lvsophie Schelling's (s. d.) trug kein Bedenken, diese Identität des Denkens und Seins cn auch unabhängig vom Ich an die Spitze des Systems der Philosophie zu stellen, und r§ da nun den Begriffen und Ideen sowol im Gebiete des Geistigen als des natürlichen rl, Daseins kraft der intellektuellen Anschauung eine absolute Pcoductivität zugeschrieben nt wurde, so nannte man diese Steigerung des Idealismus den objectiven, als dessen letzter , Sprößling der absolute Idealismus derHcgel'schen Philosophie zu betrachten ist. Während Fichte sagte: Das Ich, das Denkende ist, erklärt Hegel: Das Denken, der Begriff, he die Idee oder vielmehr der Proceß, das immanente Werden des Begriffs, ist das allein 396 Idee Jdeler (Christian Ludw.) ! Wirklich« und Wahre. Zc mehr sich alle Formen des Idealismus von der gewohnten An- sicht der Dinge entfernen, desto wichtiger ist, zu bemerken, daß namentlich der Fichte'sch Idealismus einen nothwendigen Durchgangspunkt des speculativcn Denkens bezeichnet und daß der Realismus der gemeinen Ansicht allerdings nicht fähig ist, die Angriffe des Idealismus zurückzuweise». Idee heißt im gewöhnlichen Sprachgebrauch sowie in dem der engl, und franz. Phi. losophie, der sich auch bei den Deutschen bis auf Kant ziemlich allgemein findet, so viel wie Vorstellung oder Gedanke. Eine viel prägnantere Bedeutung hat das Wort in dem Systeme Platon's (s. d.), wo es das wahrhaft Seiende und Gedanken nur insofern bedeu- tet, als das wahrhaft Seiende in Begriffen aufgefaßt wird. Der Sprachgebrauch du neuern deutschen Philosophie, der Ideen von bloßen Vorstellungen und Begriffen unterscheidet, ist auf Kant zurückzuführen. Dieser nannte nämlich Ideen oder Vernunft. , begriffe, zum Unterschiede von sinnlichen Anschauungen und Verstandcsbegriffen (Kat!- ^ gorien), diejenigen, welchen in der Erfahrung ein entsprechendes Object gar nicht gige- ben werden kann, und legte diese Begriffe einem besonder» Vermögen, der Vernunft, als dem Vermögen der Principien, des Unbedingten, bei. Da die Vernunft bei ihm ft- wol theoretisch als praktisch war, so unterschied er theoretische und praktische Ideen ; beidt begegne« sich in der Idee des Unbedingten. Die Anwendung dieses Vernunftbegriffs auf die verschiedenen Gebiete der Erscheinungswelt führte ihn zu dem Versuche eines Systems der theoretischen Ideen, unter denen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit die wichtigsten sind, während dieselbe Idee in ihrer praktischen Bedeutung sich in dem kategorischen Imperativ ; des Sittengesetzes zu erkennen geben sollte. Dazu kommt noch eine dritte Classc von Idem, die ästhetischen, die durch die Beziehung der Vernunft auf die Einbildungskraft entstehen soll- ten. (S. Kant.) Die später»Systeme haben, wenn sie auch den psychologischen Unterbau Kant's vcrwMfen, doch die Bedeutung des Wortes Idee beibehalten, daß cs einen di! , Erfahrung überschreitenden Begriff bezeichne, namentlich solche, die zugleich als Vor- und Musterbilder zu gelten Anspruch machen. In der Beschränkung auf die letztere Be- s deutung spricht man namentlich von sittlichen und ästhetischen Ideen in einem ähnlichen Sinne, wie auch schon Platon von der Idee des Guten und des Schönen gesprochen hatte, und wenn man diese Beschränkung des Wortes auf den Begriff Dessen, was zugleich Muster, Urbild und Maßstab der Vortrefflichkeit sein kann, festhält, so würde man eigentlich ebenso wenig von einer Idee des Seins, des Unendlichen u. s. w. sprechen können, wie «au etwa von einer Idee der Quadratwurzel und dergleichen spricht. In diesem ausschließend auf den Begriff des Musterbilds beschränkten Sinne bedient sich das Hcrbart'sche System des Wortes Idee. Jdeeimffocilltion, s. Association der Ideen. Jdeler (Christian Lud w.), Geh. Regierungsrath, königlicher Astronom und ordentlicher Professor an der Universität zu Berlin, geb. am 21. Sept. 1766, der Sohn eines Landpredigers zu Groß-Brese bei Perleberg, wurde bereits 179-1 als Astronom für die Berechnung der Kalender im preuß. Staate angestrllt. Von 1816 —22 war er Lehrer dn Prinzen Wilhelm Friedrich und Karl, dann Studiendirector des Cadettencorps; auch gab er lange Zeit Unterricht bei der Forstakademie und in der allgemeinen Kriegsschule. An bst , Universität wurde er 1821 Professor, und nachdem ihm schon früher die berliner Akademie ^ der Wissenschaften und die Asiatischen Gesellschaften zu Paris und London die Mitgliedschaft verliehen, 1839 auswärtiges Mitglied des franz. Instituts. Als gründliche» scher zeigte er sich schon in seinen „Historischen Untersuchungen über die astronomischen Beobachtungen der Alten" (Lpz. 1806), in der „Untersuchung über den Ursprung und du Bedeutung der Sternnamen^ (Berl. 1809) und in mehren seiner in der Akademie gehaltenen Vorlesungen, z. B. „Über den Kalender des Ptolemäus", „Über die Wegemaße der Alten" und „Über das Alter der Runenkalender". Von seinem mit Nolte herausgegebenen „Handbuch der franz. Sprache und Literatur" erschien der erste Thcil in der neunten (Berl. 1838), der zweite in der sechsten (l 838) und der dritte in der zweiten Auflage, m- , arbeitet von seinem Sohne I. L. Ideler (s. d.), der auch einen vierten Band (Berl. 2. Aust. 1842) und einen „Einleitungsband", enthaltend die Geschichte der altftanz.^i» tior ebe Th So ma buc Ee ner (B abs der V° kan dir; Kö seir hm die der (2 gcr En sei; litt ha; gal vo> rib Er ein ms gen der Tu tat! M, nisi So zun the So ein Ei, In an V, no An. ! ''sch chm! > dkl Phi. Hk ' Sy. deu- ! dir u». mst- , katk- ! >igl. ^ inft, is«. >eidi cmk sind, oti» >kkN, soll- Mi > dik I 8«. Bi- ', chm Utk, Ku- tliih iian send ßm enl- imi ldie >dn gab der ^ inik ied- ' sor> B-> dik hal- d-r cbe- lkk» be- , 35; ' st»' Jbeler (Zul. Ludw.) Idiopathisch 397 tioiiLlliteratur bis auf Franzi." (Berl. 1842) -hinzufügtc. Ebenso erschien von seinem ebenfalls mit Nolte herausgegebenen „Handbuch der engl. Sprache und Literatur" der erste Theil in der sechsten (Berl. 3814), der zweite in der vierten Auflage (1832), denen sein Sohn gleichfalls einen dritten Theil (Berl. >838) beifügte. Sein „Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie" (2 Bde., Berl. l825—26), das er auch als „Lehrbuch der Chronologie" (Berl. I83l) bearbeitete, war das erste umfassende Werk, das dem Geschichtsforscher wie dem Astronomen eine klare Übersicht der Zeitrechnung älterer und neuerer Völker gewährt. Seine bedeutendste Arbeit ist „Die Zeitrechnung der Chinesen" (Berl. 1839), mit der er gleichsam den Kreis seiner technisch-chronologischen Forschungen abschloß. Bei der Feier seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums im März 1842 erhielt er den Charakter als Geh. Regierungsrath. Jdeler (Julius Ludw.), ein vielseitig gebildeter Gelehrter, der älteste Sohn des Vorigen, geb. am 3. Sept. 1809 zu Berlin, besuchte das franz. Gymnasium daselbst und kam 1821 in die Landesschule zu Pforta. Nach seinem Abgänge von hier im I. 1828 stu- dirte er anfangs Medicin, später Naturwissenschaften zu Berlin und dann Mathematik zu Königsberg. Nachdem er sich in Berlin als Privatdocent habilitirt hatte, ließ er zunächst seine „lVleteorologia veterum Ornecormn et Romanoruni" (Berl. 1832) und die Abhandlungen „Über den Ursprung der Feuerkugeln und des Nordlichts" (Berl. 1832), „Über die angeblichen Veränderungen des Klimas" in Berghaus' „Annalen" (1832) und „Über den Hagel" (Lpz. 1833) erscheinen, denen die Ausgabe von des Aristoteles „^leteorolo^iu" (2 Bde., Lpz. > 834—36) folgte. Seit 1833 verfolgte er mit Eifer die durch Champollion gemachten Entdeckungen auf dem Gebiete der altägypt. Sprache und Alterthumskunde. Eine Frucht dieser Studien waren die Ausgabedes „ksaltsrium cozitice" (Berl. 1837) und sein größeres Werk „Hermspion sive ruclimeuta lliervAl^pliicue veteruin ^eg^ptiornm 1>terLturi»e"(2Bde., Lpz. 1841,4.). Nebenbei beleuchtete er in einer historisch-kritischen Abhandlung „Die Sage von dem Schuß des Teil" (Berl. 1836); auch lieferte er Ausgaben von Einhard's „Leben und Wandel Karl des Großen" (2 Bde,, Hamb. 1839), der „kdvsici et meelici grneci minvi es" (2 Bde., Berl. 1841 —42), eine Übersetzung von Alex. vonHumboldt's „Kritische Untersuchungen über die Geschichte der Entdeckung von Ame- rika"(Bd. I—3, Berl. 1838—39) und das „Namen- und Sachverzeichniß zu Nitter's Erdkunde von Asien" (Bd. I, Berl. 1841). Ein zu wenig geordnetes Leben brachte ihm einen frühen Tod. Er starb in Berlin am 17. Juli l 842. Identität ist ein philosophischer Kunstausdruck für das Verhältniß der Gleichheit mehrcr Gegenstände oder Begriffe, dergestalt, daß, wenn man von der Identität eines Gegenstandes mit sich selbst spricht, derselbe doch durch mehre Begriffe gedacht werden muß, deren Identität eben behauptet wird; wie wenn man z. B. die Ichheit als Identität des Subjects und Objects erklärt. Der Satz derlogischen Id entität (principium iäenti- tatis) heißt daher: jeder Begriff ist sich selbst gleich, Insofern Begriffe nur einige Merkmale miteinander gemein haben, andere nicht, stehen sie zueinander in dem Verhältnisse der relativen Identität, d. h. der Übereinstimmung in gewissen Beziehungen. So sind die Begriffe Tiger und Löwe relativ identisch, indem sie die Merkmale, vierfüßige, zum Katzengeschlecht gehörige Säugthiere u. s. w. gemeinschaftlich haben. — In der Mathematik nennt man identisch oder einerlei Das, was in Größe und Form übercinstimmt. So sind zwei Ausdrücke identisch, wenn sie beide aus denselben Größen bestehen und von einerlei Form sind oder doch wenigstens auf eine und dieselbe Form gebracht werden können. Eine Gleichung zwischen zwei solchen Ausdrücken nennt man eine identische Gleichung. Zn der Geometrie braucht man statt identisch den Ausdruck congruent. (S.Congruenz.) Jdentitätssystem, s. Schelling (Friedr. Wilh. Jos. von). Jdeolögie, eigentlich Jdeenlehre, nennen die Franzosen die Wissenschaft, welche sie an die Stelle der Metaphysik gesetzt haben, und die eine Art Eklekticismus bezeichnet, dessen Vertreter besonders Noyer- Col lard (s. d.) und Cousin (s. d.) waren und zum Theil noch sind. (S. Französische Philosophie.) Idlom, s. Idiotismus. Idiopathisch nennt man diejenigen krankhaften Erscheinungen, die unmittelbar aus 398 Idiosynkrasie Idiotismus den Krankheitsursachen hervorgchen, in, Gegensätze von sympathisch. (S. Sympathie.) Wenn vermöge eines krankhaften Zustandes des Magens Kopfschmerzen und Schwindel erscheinen, während Blutandrang nach dem Gehirn bei Kopfverletzungen und andern schätz- lichen Einwirkungen auf dieses Organ nicht selten mit Ekel, Übelkeit und Erbrechen verbunden ist, so sind im ersten Falle die Erscheinungen im Magen idiopathisch, die im Gehirn sympathisch, im zweiten umgekehrt. In vielen Fallen ist es dem Arzte leicht, solche Erscheinungen nach ihrer chronologischen Ordnung und ihrem ursächlichem Zusammenhänge zu würdigen, während es in andern eine nicht leicht zu lösende Aufgabe ist. Idiosynkrasie nennt man eine eigenthümliche von der Regel abweichende Empfänglichkeit des Organismus für gewisse Reize und Zurückwirkung gegen dieselben. Diese G- genthümlichkeit spricht sich nicht nur in einem unüberwindlichen Widerwillen Mancher gegen gewisse Speisen, Getränke, Gerüche, Töne u. s. w. aus, sondern auch in den Folgen du Einwirkung derselben, wenn diese ohne Wissen eines Individuums stattsindet oder selbst, wenn die erste Empfindung, die sie hervorbringt, eine angenehme ist, z. B. im Erscheinen eines Ausschlags nach dem Genüsse von Erdbeeren. Ferner gehört dazu die Abweichung des Begehrungsvermögens, wodurch von Manchen Dinge, die Andere verabscheuen, als Annehmlichkeiten begehrt werden. Auch kann die Idiosynkrasie negativer Art sein, wenn Gegenstände, welche in der Regel Jeden afficiren, für Manche indifferent sind. Die Mo- synkrasien sind dauernd oder auch nur auf eine gewisse Zeit beschränkt, namentlich wenn sie in oder nach Krankheiten entstehen, oder wenn eine bedeutende Veränderung im Körper vorgeht, z.B. in den Entwickelungsperiodcn, in der Schwangerschaft u. s. w. Für den Ach sind sie von besonderer Wichtigkeit, da sie bei der Bcurtheilung und Behandlung von Krankheiten volle Berücksichtigung fodern. Idiot hieß bei den Griechen ursprünglich Jeder, der an den Staatsgeschäften keinen Anlhcil nahm, mithin der Privatmann im Gegensätze zum Staatsmanne; sehr bald aber dehnte man diesen Namen nach einer allgemeinen Bedeutung auf Diejenigen aus, welche aus Unkunde eine Kunst nicht ausübten, die einen hohem und allgemeinem Wirkungskreis hatte. Die Römer verstanden darunter, wie noch gegenwärtig, jeden unwissenden und unerfahrenen Menschen, jeden Stümper und Pfuscher in Kunst und Wissenschaft, und be- zcichneten mit Idioten auch den gemeinen Haufen, den Jan-Hagel überhaupt. Idiotikon nennt man ein Wörterbuch, welches die einer gewissen Mundart oder auch einem Zweige dieser Mundart eigenthümlichen Wörter und Ausdrücke (Idiotismen) enthält. Ein schwerlich zu übertreffendes Muster solcher lexikalischen Darstellung von Mundarten hat Schmeller (s. d.) geliefert in seinem auf historischer Forschung ebenso wie auf Kenntniß der lebendigen Gegenwart begründeten „Bair. Wörterbuch" (-1 Bde., Stuttg. und Tüb. >827 — 37), welchem desselben nicht minder vorzügliche grammatische Darstellung der „Mundarten Baierns" (Münch. 1821) voranging. Unter den übrigen Idiotiken deutscher Sprache sind am bcmerkenswerthesten M. Höfer's „Etymologisches Wörterbuch der in Obcrdeutschland, vorzüglich aber in Ostreich üblichenMundart"(3Bde., Linz >8Iö), verglichen mit dessen Schrift „Die Volkssprache in Ostreich, vorzüglich ob der Ens, nach ihrer innerlichen Verfassung" (Wien 1899); I. C. von Schmid's (s. d.) „Schwab. Wörterbuch" (Stuttg. 1831); F. I. Stalder's „Versuch eines schweizer. Idiotikon" (2 Bde., Aarau >812), verglichen mit dessen Schrift „Die Landessprachen der Schweiz oder schweizer. Dialektologie" (Aarau 1819); I. Tobler's „Appenzcllischer Sprachschatz" (Zür. >837); Neinwald's „Hennebergisches Idiotikon" (2 Bde., Berl. 1793 —>8n>)i „Versuch eines bremisch-niedersächs. Wörterbuchs", herausgegeben von der bremischen Deutschen Gesellschaft durch E. Tilling (5 Bde., Brem. 1767—71); I. F. Sckütze's „Holsteinisches Idiotikon" (-1 Bde., Hamb. 1899—7); M. Nichey's „Iclioticon kkamknirgewe, oder Wörterbuch der eigenen in und um Hamburg gebräuchlichen niedersächs. Mundart" (Hamb. 1755); E. S. Hennig's „Preuß. Wörterbuch" (Königsb. 1785), undA-W- Hupcl's „Idiotikon der deutschen Sprache in Lief- und Esthland" (Riga 1795). Idiotismus, abgeleitet von Idiot (s. d.), die Sprachwcise oder Mundart des gemeinen Mannes, auch Idiom genannt, heißt nach einer allgemeinem Fassung jede Eigenheit im Ausdrucke, welche dieser oder jener Sprache ausschließend zukommt. Diese Eigen- 399 Idmoil Idylle heiten gehen von dem individuellen Volkscharakter aus, entwickeln sich in der Conversations- l spräche des gewöhnlichen Lebens und verlangen daher, da sie den schwierigsten Theil jeder ! Sprache ausmachen, besonders in den fremden Sprachen, das sorgfältigste Studium. Der erste größere Versuch dieser Art, eine Zusammenstellung derJdiotismen der griech. Sprache, machte gegen Anfang des 17. Jahrh. der Franzose Franc. Vigier oder Vig erus (s. d.). Über die Sammlungen deutscher Idiotismen s. Idiotikon- Idmon, der Sohn des Apollon und derKyrene oder Asteria, ein ausgezeichneter Seher, begleitete, obschon er seinen Tod dabei voraussah, die Argonauten auf ihrem Zuge. Idololatrie, die Verehrung eines Idols oder Götzenbildes, steht mit der Abgötterei in naher Verbindung. (S. Abgott und Götze.) Jdomöneus, König von Kreta, ein Enkel Minos' II., der Sohn des Deukalisn, war sehr schön und nach später» Mythographen einer der Freier der Helena. Er führte mit MerioneS, dem Sohne seines Halbbruders, die Kreter in 80 Schiffen gegen Troja und war hier einer der tapfersten Helden. Nach Beendigung des Krieges kehrte er glücklich mit Me- riones in die Heimat zurück. Spätere Sagen berichten von ihm noch Folgendes. Von einem Sturme auf dem Meere ergriffen, habe er dem Poseidon gelobt, ihm, wenn er glücklich nach Hause zurückkehre, Dasjenige zu opfern, was ihm auf dem heimatlichen Boden zuerst begegnen werde. Dieses war sein Sohn. Weil er nun diesen opferte und darauf eine Pest ausbrach, vertrieben ihn die Kreter. Er begab sich nach Italien, hierauf aber nach Kolophon und wurde aus dem Berge Kerkaphos begraben. Nach Diodvrus wurde sein Grab '' zu Knossos gezeigt und er dort als Heros verehrt. Jdrra, eine wegen ihrer ergiebigen, im I. I3S7 entdeckten Quecksilbergruben berühmte Stadt in Jnncrkrain im östr. Königreich Jllyrien, der Sitz eines Bergamts, liegt in einem tiefen, kesselartigen Thale, welches die Zdrizza bewässert, ziemlich zerstreut auf j einzelnen Hügeln und hat gegen -1300 E., von denen gegen 600 zum Bergwerkspersonale gehören. Unter den Gebäuden zeichnet sich das >527 von den Gewerken unter der Rcpu- > blik Venedig erbaute Schloß Gewerkenegg, in welchem gegenwärtig das Bergamt ist, aus. i Das Quecksilberbergwerk ist seiner Einrichtung wegen eines der sehenswürdigsten der östr. ! Monarchie. Die jährliche Ausbeute an Quecksilber beträgt gegenwärtig ungefähr 3000 Ctr. und die Zinnoberfabrik liefert jährlich 600—700 Ctr. Zinnober. Unter den hier vorkommenden Mineralien ist der Zdrialit, in welchem man einen neuen Kohlenwasserstoff, Jdrialiti n genannt, entdeckte, am bemerkenswerthesten. Eine Stunde nördlich von der ' Stadt liegt der Flecken Unteridria. Der idrianerBezirk zählt auf drei LiM. gegen >1500 E., die nächst dem Bergbau namentlich auch mit Verfertigung von Zwiruspitzen sich beschäftigen. Jdumäerwder Edomiter, Esau's Nachkommen, bewohnten das kleine, von Felsklüften durchschnittene Gebirgsland Jdumäa an der südöstlichen Grenze Palästinas nachdem sie die Honten, d. i. Höhlenbewohner, aus demselben vertrieben hatten. Unter Hyrkan us (s. d.) wurde ihr Land dem jüd. Reiche einverleibt, dem sie später in den He- rodianern eine Herrscherdynastie gaben. Nach dem letzten jüd. Kriege verfließt der Name ihres Landes in die Benennung Arabia. , Jdunna, die Gattin Bragi's (s.d.), des Gottes der Dichtkunst, stammt nicht von , den Äsen, sondern von den Alfen, und war eine Tochter des Zwergs Jwald. Sie hütete das Gefäß mit den goldenen Äpfeln, deren Genuß den Göttern ewige Schönheit und Ju- gend verlieh. (S. Asenlehre.) Als mit Loki's Beistände der Niese Thiasse einst I. mit ihren Äpfeln geraubt, fingen die Äsen an alt und grau zu werden. Durch ihre Drohungen gezwungen, holte Loki sie wieder aus Jotunheim, indem er durch Freyja's zauberisches Federgewand in der Gestalt eines Falken I. als Sperling davontrug. Jdus, s. Kalender. Idylle, griech Eidyllron, d. i- ein kleines Bild, nennt man eine aus dem Leben einfacher und unverdorbener Landleute entnommene, poetische Schilderung, deren Schau- j Platz die Natur ist und worin andere Personen, als Landbewohner, nur des Contrastes ipegen auftreten, daher sie bei den Alten als besondere Dichtgattung auch das.bukolische Erdicht oder Ekloge (s. d.) heißt. Je mehr nämlich die Menschen von dem Naturleben 400 Offerten Jffland und der Sitteneinfalt der frühesten Zeiten sich entfernten und je stärker der Gegensatz der beengenden Verhältnisse der bürgerlichen Convenienz hertzortrat, um so sehnsüchtiger muß- ten sie auf das ursprüngliche Naturleben, als ein verlorenes ideales Dasein, als ein Leben voll Unschuld zurückblicken, das in der Befriedigung der einfachsten Bedürfnisse Genüge fand. In der That gehört daher die Idylle, als eigenthümliche Dichtform, .überall einer solchen Zeit an, in welcher das einfache Naturleben, der Wirklichkeit gegenüber, als ein idealer Zustand, bereits in eine voetische Ferne zurückgetreten war. Darum wählten die Jdyllendichter von jeher am liebsten Menschen, Scencn und Vorgänge des ländlichen Daseins, insbesondere des Hirten-, Schäfer-, Fischer- und Jägerlebens, zu ihren Gemälden, und namentlich gab das harmlose Hirtcnleben der alten Völker mit dem Ideal eines goldenen Zeitalters oder einer Unschuldswelt, zu solchen Schilderungen reichen Stoff. So finde» wir denn die ersten Spuren dieser Dichtgattung bereits im Orient, nur daß sie hier noch mehl als für sich bestehende Gattung ausgeprägt ist, sondern bald mehr als Epos, wie das Bach Ruth (s.d.), bald, wie das Hohe Lied (s. d.)und Kalidasas' (s.d.) „Sakuntala" mehr als Drama mit idyllischem Charakter erscheint. Auch bei den Griechen war sie anfangs mehr epischer Art, doch schon mit Beimischung eines lyrischen Elements, wie bei Stesichorus (s.d.), welcher die Leiden derDaphnis zum Gegenstände wählte; als selbständige Gattung tritt bei ihnen die Idylle erst zu Anfänge des alexandrin. Zeitalters mit Theokrit (s. d.) auf, der in sorgfältig ausgeführten Bildern vorzugsweise das Naturleben sicilischer Hirten zur Anschauung bringt. Ihm schließen sich Bion (s. d.) und Moschus (s.d.) an- Unter den röm. Dichtern nimmt Virgil (s.d.) die erste Stelle ein; nächst ihm sind noch Calpur- nius (s. d.) und Nemesianus (s. d.) zu nennen, denn die sogenannten Idyllen desAu- sonius (s.d.) gehören ihrem Inhalte nach ausschließend der beschreibenden Poesie an Die gelungensten idyllischen Dichtungen derJtaliener, wie dievon Lasso (s.d.) und Gua- rini (s.d.) sind der Form nach dramatisch; doch haben Andere, wie Sannazaro (s.d.)und i Alamanni (s. d.), auch epische und lyrische Idyllen geliefert. Die franz. Idylle verlor in ihrem Streben nach Eleganz und Zierlichkeit die Wahrheit der Natur aus den Augen, und l die engl. Dichter, außer Spenser (s. d.), folgten zu sklavisch den Alten. Die span. Idylle ! wählte mit Vorliebe die Form des Romans für ihre Darstellungen, die auch bei andern ! Nationen Nachahmung fand. Unter den Deutschen galt lange Zeit Geßner (s. d.) als Muster in dieser Gattung, bis Friedr. Müller (s. d.), Voß(s.d.), Goethe (s. d.)u.A. seinen Ruhm verdunkelten und mehr wieder zur treuen Schilderung der Natur zurückkehr- ten, die Geßner in ein verschönertes Ideal umgeschaffen hatte. Jfferten, s. Uv er dun. Jfsland (Aug. Wilh.), in der Geschichte der deutschen Bühne als darstellend« Künstler, Theaterdichter und Dramaturg berühmt, wurde am > 9. Apr. 1759 zu Hannover geboren, von angesehenen, bemittelten Altern, die ihn zu dem Studium der Theologie bestimmten. Aus Abneigung gegen dasselbe und um der durch die Vorstellungen der Acker- mann'schen Gesellschaft in ihm erweckten Neigung für die Bühne genug zu thun, ging « in seinem 18. Jahre heimlich nach Gotha, bildete sich hier unter Leitung des großen Eck- Hof (s.d.)und wurde 1779 Mitglied des damals hochberühmten manheimerTheaters. Hier , legte er den Grund zu seinem Ruhme, den er durch Gastvorstellungen bald über ganz > Deutschland ausbreitete. Zerwürfnisse mit dem Intendanten, namentlich aber die Kriegs- > ereignisse führten ihn 1796 nach Berlin als Director des dortigen Nationaltheaters, woselbst er 1811 zum Generaldirector aller königlichen Schauspiele ernannt wurde und am 22. Sept. 1814 starb, ^lls Schauspieler nahm J. einen eminenten Rang ein, wenig« durch poetische Auffassung, geniales Feuer und Macht der Phantasie als durch das kritische Bewußtsein, womit er seine Darstellung bis ins Einzelnste beherrschte, sodaß jedes Detail in derselben berechnet und nichts darin wahrzunehmen war, was sich vor dem Nich- terstuhle der Reflexion nicht hätte rechtfertigen lassen. Daher war er meisterhaft in char- girten und hochkomischen, wie auch in gemüthvoll rührenden Rollen, welche der Familien- > sphäre und dem bürgerlichen Leben angehörten. In Partien hochtragischen und heroisch" : Stils dagegen vermißte man an ihm Schwung der Phantasie und Wärme des Gefühls, da bei ihm stets kritische Abwägung an die Stelle der Inspiration trat. Zu hochtragisch" Igel Zglesias de la Casa 401 Rollen stimmte schon sein Äußeres nicht ganz. Goethe lernte I. in seinen zwanziger Zah. ren kennen und beschreibt ihn als einen jungen Mann von mittlerer Größe, wohl propor- kionirtem Körperbau, runden, vollen und heitern Gesichts, in seiner ganzen Erscheinung behaglich. Später wurde er corpulent, doch blieb seinen Augen ihr seelenvollcs Feuer und die Fähigkeit, jede Nuance der Empfindung aufs beredteste widerzuspiegeln. Als Theaterdichter zeichnete sich I. als tüchtiger Sittcnmaler aus. Seine Stücke erscheinen zwar breit, moralisirend, schwunglos, empfindsam, an die Scholle der engsten Häuslichkeit gebunden, aber sie zeugen dabei von vollendeter Bühnenpraktik, großer Menschenkenntniß und gemächlich sittlichem Streben; durch wahre Charakteristik und einfache Natur anziehend, sind sie noch jetzt als Prüfstein für die echte Darstellungskunst schätzbar, obschon sie mit ihrer hausväterlichen Sentimentalität dem Gedeihen der dramatischen Literatur eherscbäd- lich als förderlich gewesen sind. Von seinen Stücken haben sich namentlich die „Jäger", „Dienstpflicht", „Die Advocaten", „DicMündel" und „Die Hagestolzen" auf dem Neper- toir erhalten. Als Dramaturg hat er in den theoretischen Abhandlungen und Aufsätzen seines Almanachs für das Theater" (Berl. 1807, 1808 und t8I8) tiefe Blicke in das Wesen der Mcnschendarstellung gethan und dem sich bildenden Schauspieler fruchtbare Winke gegeben. An die Sammlung seiner „Dramatischen Werke" mit einer Selbstbiographie (16 Bde., Lpz. 17 98—1802) schlossen sich die „Neuen dramatischen Werke" (2 Bde., Berl. 1807—9). Eine Auswahl derselben enthält die Ausgabe in elf Bändchen (Lpz. 1827—28, 12.). Zur Stellung eines Schauspieldirectors, in welcher I. die berliner Bühne zur ersten Deutschlands machte, war er wie geschaffen; aufmerksam auf das Kleinste, streng und gebietend in seinen Federungen an Einzelne, doch mit seinen Zurechtweisungen die Kraft der Belehrung verbindend. Seine Selbstbiographie steht vor dem ersten Bande seiner gesammelten Werke; dankenswerthe Nachrichten über ihn lieferte auch Z. Funck in seinen „Erinnerungen aus dem Leben zweier Schauspieler, Äug. Wilh. J.'s und Ludw. Devrient's" (Lpz. 1838). Igel (Lriimeeus), ein zu den Raubthieren gehöriges Säugthier, ist besonders merkwürdig durch die Stacheln, welche die obere Körperseite vom Scheitel an bedecken. Diese Stacheln sind eigentlich zusammengewachsene Haarbündel und dienen ihm als Schutzwehr, indem der eigene Bau seiner Hautmuskeln ihm gestattet, sich dergestalt zusammenzurollen, daß er dem angreifenden Feinde nach allen Richtungen sich kreuzende Spitzen entgegenstellt. Er wird durch seine Nahrung sehr nützlich, indem er meist von Schnecken, Würmern, In- selten, besonders aber von Mäusen lebt. Versuche haben bewiesen, daß ihm der Genuß span. Fliegen ebenso wenig nachlheilig ist, wie der Biß der giftigen Kreuzotter, die ihm vielmehr gleich andern Schlangen, Fröschen und Kröten eine willkommene Nahrung bietet. Daß er den Obstgärten gefährlich werde, indem er die abfallenden Früchte auf seine Stacheln gespießt in seine Magazine trage, ist eine längst widerlegte Fabel; nur bei Mangel an animalischer Nahrung nimmt er zu Obst seine Zuflucht. Die Jungen bringen schon fühlbare Stachelspihen mit auf die Welt, welche binnen 23 Stunden eine Länge von vier Linien erhalten und anfangs weiß sind. Den.Winter bringt der Igel schlafend hin. Er ist in ganz Europa heimisch; ein in Asien und Ägypten lebender zeichnet sich durch lange Ohren aus. Jglestas de la Casa (Jose), einer der besten span. Dichter des vorigenJahrh., geb. um 1753 zu Salamanca, schloß während seiner Studienzeit auf der dasigen Universität mit seinem Freunde Melendez und andern durch poetisches Talent ausgezeichneten Jünglingen jenen Dichterbund, der unter dem Namen der Salamantinischen Schule so einflußreich wurde, und bildete sich fast ausschließend nach den klassischen Dichtern seines Vaterlands, vorzüglich nach Balbuena und Quevedo. Nach vollendeten Studien wurde er Pfarrer im Bisthum von Salamanca, starb aber schon am 26. Aug. 1791. Erst sieben Jahre nach seinem Tode wurden seine Gedichte gesammelt (2 Bde., Salamanca 1798); seitdem aber sehr oft wieder aufgelegt; denn I. gehört unter die Lieblingsdichter der Nation und viele von seinen Gedichten leben selbst im Munde des Volks fort. Dies gilt jedoch nur von den scherzhaften Gedichten aus seiner Jugendperiode, seinen Epigrammen und satirischen Lc- tnllas, m welchen er bald mit anmuthiger Schalkheit tändelnd geißelt, bald mit dem von C onv.. Lex. Neunte Aufl. VII. 26 402 Ignatius der Heilige Ikonographie ihm meisterlich benutzten unerschöpflichen Reichthum der span. Sprache an witzigem Do» pelsinn die Lächerlichkeiten und Lieblingssünden seiner Nation züchtigt. Dabei ist seine Sprache von klassischer Reinheit, sein Versbau von ungemeiner Leichtigkeit und seine Ec> sinnung durch und durch national, sodaß die span. Kritiker ihn nicht mitUnrecht den modernen Quevedo genannt haben. Minder gelungen und populair sind seine ernsten Gedichte. Eine Auswahl aus seinen Werken gibt Wolfs „klorestn cle rimas motierna« costellsnns" Ignatius der Heilige, Bischof von Antiochien seit 49 n. Ehr., war noch ein Schüler des Äpostels Johannes und vielleicht auch des Petrus. Er führt den Beinamen Th e o- phoros, d.h. der „Gott", oder nach seiner eigenen Erklärung, „Christum im Herzen trägt", und soll das Kind gewesen sein, das Jesus seinen Jüngern als Muster hinstellte. Er sehnt! sich nach dem Märtyrertodc und fand ihn unter Kaiser Trajan zu Rom, wo er im I. I«H, nach andern Nachrichten > 16, vor der schaulustigen Volksmenge im Circus von Löwen zerrissen wurde. Er hat in der katholischen Kirche sein Fest am l. Febr. Von den ihm beigelegten Schriften und Briefen scheinen nur sieben der letzter» echt zu sein, die mit des Barnabas Briefen von Joh. Voß (Amst. 1646; neue Aust., Lond. 1680, 4.) herausgegebm und von Wocher (Tüb. 1829) übersetzt und erklärt wurden. Ignaz von Loyola, s. Loyola. JgUVtUM, eine alte Stadt der Landschaft Umbrien in Mittelitalien, jetzt Eubbio oderEugubio, ist später durch die im Mittelalter dort aufgefundenen etruskischen Zuschriften berühmt worden. (S. Eugubinische Tafeln.) Jkarms , ein Heros der Athener, der den unter Pandion's Regierung nach Attika kommenden Bacchus freundlich aufnahm, wofür ihm dieser die Kenntniß des Weinbaus mittheilte. Nachdem er den ersten Wein gekeltert, fuhr er denselben in Schläuchen umher, um ihn zu verschenken. Da aber Einige davon berauscht wurden, so tödtete man ihn in der Meinung, daß er sie vergiftet habe, und warf ihn in den Brunnen Anygros oder vergrub ibn unter einem Baume. Aus Betrübniß darüber crhenkte sich seine Tochter Erigonean diesem Baume. Zeus aber, oder Bacchus, versetzte sic hierauf als die Jungfrau unter die Gestirne, desgleichermhren treuen Hund Mära als den Hundsstern und ihren Vater als Bootes oder Arkturos. Über die undankbaren Athener aber kam eine Pest, oder wie Andere erzählen, eine Raserei über die Jungfrauen, daß sie sich wie Erigone erhenkten. — Jkarius oder Jkarion hieß auch der Sohn des Perieres und der Gorgophone, der Bruder des Tyndareus, und Vater jener berühmten Penelope (s. d.), der von Hippokoon aus Laee- dämon vertrieben einen Theil von Akarnanien beherrschte. Ikarus war der Sohn des Dädalus (s. d.). Jkomum, die im Alterthum wohlbekannte Hauptstadt der kleinasiat. Landschaft Ly- kaonien, im Mittelalter, vom 1 >—4 3. Jahrh. als Mittelpunkt des gleichnamigen seld- schuckischen Sultanats hochberühmt, und auch gegenwärtig noch unter dem Namen Ko- nieh ein ziemlich bedeutender Ort, hat aus der früher« Zeit noch mancherlei interessante Kunst- und Baudenkmale aufzuweisen. Im 1.23 3 n. Chr. wurde hier eine christliche Synode gehalten, die sich vornehmlich mit der Gültigkeit der Kehertaufe beschäftigte. Jnnem- ßber Zeit wurde die Stadt wieder geschichtlich denkwürdig durch die Schlacht am 2V. Dec. 1832, in welcher Ibrahim Pascha (s. d.) das türk. Heer vollständig schlug. Jkonodülen oder Jkonolatren, d. i. Bilderverehrer, und Jkonoklasten, du. Bilderstürmer, s. Bilderdienst. Ikonographie und Ikonologie, d.i. Bild n ißwissensch aft, nannte man früher nach der Etymologie der Wörter die Nachweisung, Verzeichnung und Geschichte von Bildnissen ausgezeichneter Personen des Alterthums in Bildsäulen, Büsten, Münzen, geschnittenen Steinen, Gemälden u. s. w. Michel Angelo und Fulvius Ursinus wurden im l 6-Jahrf die Wiederhersteller dieser Wissenschaft, die Eiov. Angel. Canini in seiner „Iconogralia" (Rom >669, Fol.), besonders aber E. O. Visconti (s. d.) weiter ausbildeten. Neuerdings hat man die Ikonographie auch auf die Kunde der Jdealtypen, seien es Götter, He>' lige oder Abstracta, mit Recht ausgedehnt, und so enthält das ausgezeichnete kleine Werk „Christliche Kunstsymbolik und Ikonographie" (Franks. > 839) eine Physiognomik aller wesentlicher« Jdealtypen der ältern christlichen Kunst. Ikosaeder Ilgen 463 Ikosaeder nennt man in der Geometrie im weitem Sinne jeden eckigen Körper von SN Seitenflächen, im engem Sinne aber denjenigen regulairen Körper, der durck 2» gleichseitige und congruente Dreiecke begrenzt wird und zwölf Ecken, 30 Kanten, 36 Diagonalen hat. Jldefonso (San), eine kleine, angenehm gelegene Stadt am nördlichen Abhange des Guadaramagebirgs in der span. Provinz Segovia, hat etwa 5000 E., eine große von Philipp V. gegründete königliche Spiegelfabrik, welche die größten, jedoch in Hinsicht der Politur denen von St.-Gobin und Venedig nachstehenden Spiegel liefert und eine in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts angelegte Leinwandmanufactur. Die größte Sehenswürdigkeit daselbst aber ist das Schloß Lagranja, wo der Hof während der Sommermonate sich aufzuhalten pflegt. Dasselbe wurde von Philipp V. erbaut und soll nebst seinen Umgebungen einen Aufwand von 45 Mill. Piastern verursacht haben. Die Haupt- ftite hat eine Länge von 530 F. Zn den untern Zimmern findet sich die ausgezeichnete Antikensammlung, welche einst der Königin Christine von Schweden gehörte. Die Kirche, welche sich in dem Schlosse befindet, ist überreich an Gold, Silber und Edelsteinen. In dem herrlichen Garten, auf welchen das Schloß die Aussicht hat, finden sich großartige Alleen, ausgezeichnete Wasserkünste und zahlreiche schöne Statuen. Bekannt ist das Bündniß von San-Zldefonso, welches am 10. Aug. >796 zwischen Frankreich und Spanien geschlossen wurde. Eine neue Berühmtheit erlangte das Schloß Lagranja durch M Revolution der Garden in der Nacht vom l 2. zum > 3. Aug. 1836, welche die Königin-Regentin zwangen, die Constitution von I8i2 zu proclamiren. (S. Spanien.) Ilefeld oder Ilfeld, ein Flecken im Königreich Hannover, an der Südseite des Harzes, mit etwa 600 E-, verdankt seine Entstehung dem Grafen Jlger zu Hohnstein und seinen noch gegenwärtigen Ruf dem Gymnasium, welches, zuerst als Klosterschule, 1550 aus dem daselbst l lOO gestifteten Prämvnstratenser-Mönchskloster hervvrging, zur Zeit des Königreichs Westfalen aufgehoben, dann aber wiederhergestellt wurde, und gegenwärtig 40 Zöglinge zählt. Östlich von Z. liegt der Bielstein mit der Bielshöhle (s. d.), südlich die Zlburg, im 12. Jahrh. der Sitz der Grafen von Hohnstein; nordwestlich lag die Harzburg, die aber nicht mit der Harzburg (s. d.) am nördlichen Abhange des Harzes zu verwechseln ist. Vgl. Lenckfeld, „^ntiyuitates lllel000 meist deutschen Einwohnern; Shawaneetown, mit einträglichen, der Union gehörenden Salinen; Galena in der Nähe der Bleigruben und Jacksonville mit einer Unterrichtsanstalt. Jlluminuten, d. i. Erleuchtete. Unter diesem Namen bestanden vier verschiedene Gesellschaften: zu Ende des 16.Jahrh. der Verein der Alombrados in Spanien; um 1634 der der Guerinets in Frankreich, Schwärmer und Geisterseher; in der zweiten Hälfte des IS.Jahrh. ein Verein von Mystikern in Belgien und seit dem l.Mai I776 derJllu- minatenorden, der sich von Ingolstadt aus zumeist über das katholische Deutschland verbreitete. Letzterer ist es, den man vorzugsweise unter diesem Namen versteht, wenn ihn auch sein Stifter anfangs noch den Orden der Perfectibilisten nannte. Adam Weishaupt, Professor des kanonischen Rechts in Ingolstadt, ein vortrefflicher Kopf, ein tiefer Denker, glühend von menschenfreundlichem Eifer, aber ohne viel praktische Menschenkenntnis, faßte, angeregt von jesuitischem Hasse, den Gedanken, in einem weitverzweigten Männerverein ein Bündniß der Edelsten, eine heilige Legion unüberwindlicher Streiter für Weisheit und Tugend zu bilden. Dieser Verein sollte die Vernunft zur Herrschaft bringen, religiöse und politische Aufklärung befördern durch Untergrabung des kirchlichen Dogmenglaubens und Kultus, durch Verbreitung des Deismus oder der natürlichen Religion und durch Bildung zu einer republikanischen Denk- und Sinnesart. Diese Aufgabe war hoch und schön genug, um eine große Anzahl von Menschen zu begeistern, und cs gewann der Orden, besonders als Knigge's Theilnahme ihm gewidmet war und der Freimaurerbund in das Interesse gezogen wurde, so viele Anhänger, daß er in seiner Blütezeit mehr als 2000 der gebildetsten und zum Theil geachtetsten Männer Deutschlands zu Mitgliedern hatte. Wie edel und uneigennützig Weishaupt aber auch war, so verleitete ihn doch sein Studium der Verfassung und der Erziehungsweise des Jesuitenordens zu dem Gedanken, sich der nämlichen Mittel zum Guten zu bedienen, mit welchen die Jesuiten so viel Schlimmes ins Werk gesetzt hätten. Zwar sollten nicht Anstalten zur Bildung der Mitglieder für den Orden errichtet werden, wie die Jesuiten ihre Erziehungshäuser haben; aber bewachen sollten die Numinaken einander, ausspähen, beichten, kurz alle die geistigen Mißhandlungen, alle die unnatürlichen Beschränkungen und Bevormundungen sollten eintreten, die dem edeln, freien Menschen so widerlich sind. Aus diesem Wege sollten die Fäden in einer Hand vereinigt werden, an denen die heilige Legion geleitet würde zum Segen der Menschheit. Lag aber in der Wahl der Mittel der Keim des Todes für den Orden, so erfolgte auch bald die Entzweiung seiner Häupter, Weishaupt's und Knigge's; öffentliche Stimmen erhoben sich gegen ihn, und am 22. Juni 1784 hob ein Befehl des Kurfürsten von Baiern, der am 2. März >785 erneuert wurde, den Orden auf. Weishaupt wurde abgcsetzt und verbannt; wehre andere Mitglieder traf harte Strafe, ohne daß die Form des Gerichts, das über den Orden erging, sich hätte rechtfertigen lassen. So war denn wieder einmal ein edler Versuch, der Menschheit aus den Banden des Jrrthums und der Selbstsucht zu helfen, gescheitert an menschlicher Befangenheit in der Wahl der Mittel und wol auck zum Theil an geheimer jesuitischer Befeindung. Doch der Gedanke, ein Vernunftreich herzustellen und die Sittlichkeit zur Herrscherin in allen Kreisen des Menschenlebens zu erheben, ist nicht mit dem Illuminatenorden begraben worden; er lebt, und seine Pfleger haben gelernt, sein Gedeihen nur am Lichte der Öffentlichkeit zu hoffen. Illusion heißt im Gebiete der schönen Künste die größtentheils durch Kunst erzeugte Täuschung, vermöge welcher man sich der angenehmen Einbildung hingibt, als wäre das Dsrgestellte die Sache selbst. Es kann hier jedoch nur von einer bewußten Täuschung di? 406 Zllustrirte Ausgabe» Zllyrien Rede sein, welche uns mit denselben oder ähnlichen Empfindungen und Vorstellungen af. ficirt, wie das Wirkliche selbst uns erscheinen würde, obschon wir wissen, daß wir es nur mit einer Nachbildung des Wirklichen zu thun haben. Sie ist demnach nur dann ästhetisch, ! wenn sie als Mittel dient, das Schöne darzustellen und das in sich Vollendete zu verkörpern; wenn sie aber die Verwechselung des Scheinbaren mit dem Wirklichen selbst oder eine blos materielle Wirkung zur Absicht hat, so artet sie aus einer ästhetischen, sich selbst bewußten Täuschung in einen groben Betrug aus. Aus demselben Grunde wendet man bei theatralischen Vorstellungen nicht wirkliche Bäume, wirkliches Wasser u. s. w. an, sondern künstliche Mittel, welche in uns die Vorstellung solcher Naturgegenstände erwecken und uns mit- hin in eine ästhetische Illusion versetzen. Je mehr es gelingt, diese Täuschung durch künstliche Mittel in uns hervorzubringen, in desto höherm Grade wird sich unser ästhetisches Gefühl befriedigt fühlen. Ein Hauptgrund dieses Wohlgefallens beruht in der Mitthätigkeik, I woxu sich unsere Phantasie aufgesodert fühlt, wie in der Wahrnehmung, welche reiche Mt- ! tel der Kunst für die Nachahmung des Naturwirklichen zu Gebote stehen. Die Illusion l hat in allen Künsten einen großen Spielraum, und wenn man bisher behauptete, daß sie sich z. B. im Gebiete der Tonkunst nur in den ohnehin verdächtigen Tongemälden äußere, so hat man sie in einem allzu materiellen und beschränkten Sinne aufgefaßt. Man würde sie dann, weiterschließend, auch der Poesie absprechen und sie nur in das Gebiet der dar- ' stellenden Kunst und der bildenden Künste verweisen müssen, bei denen sie freilich erkennbarer, aber vielleicht nicht einmal so intensiv als in der Tonkunst und namentlich in der Poesie sich geltend macht. So werden z. B. die Chöre, Arien und Recitative in einer Oper oder einem Oratorium uns um so mehr afficiren, je mehr sie in uns die Illusion erwecken, als drücke sich in ihnen der Empfindungszustand, dem Texte entsprechend, aufs wahrste und lebendigste aus. Alle Künste beruhen zuletzt auf dem schönen Schein, auf der Illusion, die jedoch nur zum geringsten Theile auf der durch bloS materielle und körperlich sichtbareKunst- mittel bewirkten Sinnentäuschung beruht. , Jllustrirtc Ausgaben nennt man die in neuerer Zeit in Aufnahme gekommenen Erzeugnisse der Presse mit in den Text eingedruckten Holzschnitten, Kupferstichen, die nicht ein wesentlicher Zubehör wie bei den Kupferwerken sind, sondern blos dazu dienen, den Text zu veranschaulichen oder dem Druckwerke selbst ein stattliches Ansehen zu geben. Wohl zu unterscheiden sind diese illustrirten Ausgaben von den bei den Bibliophilen beliebten illustrirten Exemplaren. (S. Bibliomrnie.) Die Sitte der illustrirten Ausgaben kam zuerst in England auf und verbreitete, wie dort, sich auch sehr schnell in Frankreich, worauf sie auch in Deutschland und anderwärts Eingang fand, und hat nicht wenig dazu beigetragen, den ganz besonders für sie geeigneten Holzschnitt wieder in die verdiente Aufnahme zu bringen. (S. Holzschnitt.) Jllyrien, ein zur östr. Monarchie gehöriges Königreich, welches nebst dem Königreiche Dalmatien (s. d.) den Grundpfeiler der östr. Seemacht bildet, enthält auf 52l> OM. in 44 Städten, 45 Vorstädten, 73 Marktflecken und 7666 Dörfern l,l 56006 E., die sich meist zur katholischen Kirche bekennen. Es zerfällt in das Gubernium von Laibach, 326 OM. mit 736006, und das von Triest, I S 4 OM. mit 426666 E. Zu erster»! gehören die Herzogthümer Krain (s. d.) und Kärnten (s. d.), und das Gubernium von Triest umfaßt das östr. Friaul (s. d.), die gefürsteten Grafschaften Görz (s. d.) und Gradis- ka (s. d.), das Gebiet von Aquileja und die Halbinsel Istrien (s. d.); die Hauptstadt des ganzen Königreichs istLaibach (s. d.). Das Land wird bewässert durch die Save, Drau und den Jsonzo, und hat mehre Seen, z.B. den Czirknitzersee (s.d.); an den Küsten ist es flach und sandig, im Innern aber gebirgig durch die Norischen, Karnischen undZulische» Alpen, und daher hier das Klima rauh, wogegen es in den südlichen Thälern Südfrüchte zur Reife bringt. Die wichtigsten Erzeugnisse sind, zumal in Kärnten und Krain, Ehen- und Stahlwaaren, deren Fabrikation jährlich mehr als zwei Mill. Fl. einträgt. Die Mehrzahl der Bewohner ist slawischer Abkunst; sie haben in neuester Zeit angefangen, ihre - Sprache zu cultiviren, werden mehr und mehr ihrer Nationalität sich bewußt, ziehen unwillkürlich auch ihre Stammgensssen in Kroatien, Dalmatien, Bosnien und Serbien m ihren Kreis hinein und arbeiten so darauf hin, wenn auch nicht einen unabhängigen sud- fl te v. 3 ei a> th 4 n § 3 hi § m 3 v< g> vi Si st zr st gl w d, ch K m 6 I n w S- le ei tu sp de Lc te 3 ei! ft! rh zu n ge sei wl «ii Zllyrischc Sprache und Literatur Ilmenau 407 slawischen Staat, doch wieder ein einiges Volk zu bilden. In der Thal fehlt es ihnen nicht an großartigen Erinnerungen; sie sind die Stammgenossen der alten Thrazier und bewohnten, frühzeitig mit Phöniziern, Griechen, Italienern und Kelten untermischt, im 4. Jahrh. v. Chr. das ganze Küstenland auf der Osiseite des Adriatischcn Meers, die hierzu gehörigen Inseln und das westliche Makedonien bis Epirus; doch Philipp, König von Makedonien, entriß ihnen den ganzen Bezirk von Makedonien bis an den Fluß Drinius, jetzt Drino,wor- aufJllyricum oderJllyrica,WiedamalsI.hieß, inIllz'ricu grsecu und bardara einge- theilt wurde. Das erstere, das heutige Albanien (s. d.) wurde Makedonien einverleibt. Hier lagen Dyrrhachium, jetzt Durazzo (s. d.), das frühere Epidamnus, wo sich die Römer gewöhnlich nach Italien einschifften, und Apollonia (s. d.), eine ansehnliche griech. Handelsstadt und Akademie. Ill^riee bsrbara erstreckte sich vom Flusse Arsia, jetzt Arsa, in Istrien bis an den Drinius, war in Zapydia, Liburnia und Dalmatia eingetheilt und erhielt als das Geburtsland mehrer röm. Kaiser einen glänzenden Namen in der Geschichte. Seeräubern war ein Haupterwerbszweig der Illyrier, deren Könige deshalb mit den Rö- mern schon früh in Streitigkeiten verwickelt wurden, welche endlich die Unterjochung der Illyrier unter ihrer Königin Teuta im I. 228 v. Chr. zur Folge hatten. Zwar suchten sie von Zeit zu Zeit die Fesseln wieder abzuschütteln, allein von Cäsar geschlagen und von Au- gustus, Germanicus und Tiber gänzlich entkräftet, wurde das Land endlich eine röm. Provinz, behauptete aber auch als solche einen bedeutenden Rang im großen Nömerstaate. Der Name Illxricum, dem im 4. Jahrh. das Beiwort hinzugefügt wurde, umfaßte jetzt fast alle gegen Osten gelegene röm. Provinzen. Bei der Theilung des röm. Reichs kam I. zu dem abendländischen Kaiserthume, bei dessen Verfall im I. 476 es an die morgenländischen Kaiser fiel. Nachdem die Nationalität durch diese langwierige röm. und die vorübergehende goth. Okkupation des Landes sehr entartet war, wurde sie im 6. Jahrh. durch einwandernde stammverwandte slawische Völker, Kroaten und Serben, wieder aufgefrischt, denen es sehr bald gelang, sich von der schwachen byzantin. Regierung unabhängig zu machen. Nun wurden zwar die westlichen Provinzen, Kärnten, Krain und Istrien, seit der Karolinger Zeit für immer dem Deutschen Reiche einverleibt, die östlichen dagegen fielen nur noch einmal im I. l 020 vorübergehend den morgenländ. Kaisern in die Hände. Seit >000 machten die Venetiancr und Ungarn sich zu Herren kleiner Ländertheile und im I. >>70 entstand dort das ungar.-slaw. Königreich Nascien, aus welchem später sich Bosniens, d.) und Serbien (s. d.) entwickelten. Dalmatien kam anfangs an Venedig, wurde aber 1270 größtentheils ein Raub der Ungarn, die bis an das Schwarze Meer vorgedrungen waren. Doch sowol diese als Venedig verloren beinahe Alles an die Türken; letzteres behielt nur einen kleinen Theil von Dalmatien, und Ungarn nur Slawonien und einen Theil von Kroatien. Der Friede von Campo-Formio im I. >797 brachte das vene- tian. Dalmatien nebst seinen Inseln bis Cattaro unter Ostreichs Herrschaft. Zwölf Jahre später trat das alte I. aufs neue in die Gegenwart ein, indem Napoleon am >4.Oct. >80> decretirte: „Der Kreis Villach, Krain, das ehemalige vstr. Istrien, Fiume und Triest, die Länder, welche unter dem Namen Littorale bekannt sind, und Alles, was uns auf dem rechten Saveufer überlassen ist, Dalmatien nebst seinen Inseln, sollen künftig den Namen Jllyri sch e Provinzen führen." Nachdem I. noch einen Zuwachs von 3> QM. durch einen Theil des von Baiern abgetretenen ital. Tirols erhalten hatte, wurde durch ein kaiserliches Decret vom 15. Apr. >8! I die Organisation der illyrischen Provinzen in militai- chcher und finanzieller Hinsicht definitiv regulirt. I. blieb nun unter franz. Herrschaft bis zum Sturze Napoleon's, worauf es l 8 l 6 als Königreich an Ostreich kam. Seitdem wurde 1822 das ungar. Littorale nebst Kroatien davon abgetrennt und wieder zu Ungarn geschlagen,dagegen 1825 das ganze Kärntnerland demKönigreiche I. einverleibt,welches somit seine jetzige Gestaltung erhielt. Jllyrische Sprache und Literatur, s. Serbische Sprache und Literatur. Ilmenau, eine kleine Stadt mit 3800 E. im Großberzogthum Sachsen-Weimar, welche den Titel einer freien Bergstadt führt, an der Ilm, ist der Sitz eines Bergamts und oner mehrseitigen Industrie. Der Bergbau ist beiweitem nicht mehr so bedeutend als frü- 408 Jlmensee Imatrafall kl i her und gibt nur noch Eisen als Ausbeute. Eine neue Erwerbsquelle hat sich in der I8ZS begründeten Kaltwasserheilanstalt eröffnet. Jlmensee, ein sechs Meilen langer und 4', M. breiter, sehr tiefer und gefahrvoll« See im ruff. Gouvernement Groß-Nowogorod, an dessen nördlichstem Gestade, zwei Meilen vonNowogorod, da, wo derWolchowfluß sich mit ihm vereinigt und jenes prächtigeKlost« des heil. Juni sich befindet, das in seinem einfach-edlen Baustil und mit seinen nicht blot durch Alter oder Goldwerth, sondern auch durch wahre Kunstschätze wichtigen Sammlun- gen sich vor den meisten übrigen Klöstern Rußlands auszeichnet. Der Jlmensee ist wasserreich, durch viele Ströme genährt und für den Fischfang sehr ergiebig. Die durch die Vereinigung der Zna und Schlina entstehende Msta, der Lowat mit seiner Deltabildung und seinen vielen wasserreichen Zuflüssen, und die Schelona find seine drei beträchtlichsten Zuflüsse, während der Wolchow seinen Abfluß bildet, der seine Wasser dem Ladogasee zuführt. Der Jlmensee und seine Kanäle bilden gegenwärtig zwei der wichtigsten Wasserstraßen Rußlands, indem jener Kanal, der am Nordgestade des Sees die Msta mit dem Wolchow verbindet, Petersburg und Astrachan vereint, und-der Kanal von Weliki- luki mittels der Düna und des Lowat, Riga und Petersburg in Verbindung seht. Auf drei Seiten, im Norden, Süden und Westen, ist der See von Militaircolonien umgeben, und Staraja Rusa, im Süden, die Hauptstadt dieser Colonien, ist durch ihre außerordentlich ergiebigen Salinen ausgezeichnet. Iltis, ein zur Gattung der Marder (s.d.) gehöriges Raubthier von anderthalb Fuß Länge, mit sechs Zoll langem Schwänze und dunkelbraunem Pelze, ist im gemäßigten Europa einheimisch. Der Iltis richtet nicht nur in Wald und Feld viel Schaden an, indem er den jungen Hasen, Kaninchen und dem wilden Geflügel nachstellt, sondern ist auch ein gefährlicher Feind der Hühnerhöfe, die er in Einer Nacht oft völlig leert. Seine Beute schleppt er, sowie auch die Eier, die er indeß meist auf der Stelle ausschlürst, nach seiner Höhle. Sowol wegen des Schadens, den er anrichtet, wie wegen seines Balges, der, ungeachtet er sehr stark riecht, doch ein gutes Pelzwerk abgibt, wird er verfolgt. Jlus, der Sohn des Dardanus und der Bateia, der Tochter des Teukrus, starb kinderlos und hinterlicß das Reich seinem Bruder Erichthonius. — Jlus, der Sohn des Tros und der Kalirrhoe, der Tochter des Skamandrus, der Gemahl der Eurydic^ Vater des Laomedon und somit Großvater des Priamus, war der Erbauer von Jlium. — Jlus hieß auch der Sohn des Mermerus und Urenkel des Jason und der Medea, bei dem Ulysses Gift zum Bestreichen der Pfeile holen wollte, was ihm jedoch I. abschlug aus Furcht vor der Vergeltung der Götter. Imagination, soviel wie EinbildungSkraftss.d.). Imam (arab.), d. i. Vorsteher oder Lehrer, werden vorzugsweise die berühmtesten Dogmatiker des Mohammedanismus genannt; im Allgemeinen bezeichnet man aber damit eine von denjenigen Personen der mohammedanischen Ulema oder Geistlichen, welche in den Moscheen den Gottesdienst verrichten. Sie beten, lesen den Koran vor, predigen, leisten den Kranken Beistand, sprechen den Segen bei Vermählungen und sind überhaupt die eigentlichen Priester der Mohammedaner. In ihrer Tracht sind sie von den Personen weltlichen Standes blos durch den Turban verschieden, der bei ihnen etwas höher als gewöhnlich geformt ist. Sie erhalten ihre Besoldung aus den Moscheen, bei welchen sie angestcllt sind, und stehen bei dem Volke in großem Ansehen. Selbst der Sultan führt als geistliches Oberhaupt der Muselmänner den Titel Imam. — Jman, was oft mit Imam verwechselt wird, bedeutet Glauben. Imatrafall, einer der prächtigsten Wasserfälle Finnlands, liegt etwas über neun Meilen von Wiborg. Von hier aus fährt wöchentlich zu mehren Malen eine Diligence nach der südöstlichen Spitze des Saimasees, dort, wo die Wuoxa ihm entspringt, die im wilden Laufe jenen Felsenhängen zueilt, über die sie sich schäumend und tosend, in der Nähe des kleinen finnischen Dörfchens Sietola, hart an der Wegscheide jener Straßen, die Wiborg mit Nyslott, und Wilmanstrand mit Serdobol verbinden, mit einem donnerartigen Getöse hinabstürzt, das man schon aufStundenweite vernimmt. Von einem kleinen offenen Säulentempel, der «»feiner weit vorspringenden Granitklippe steht und von wo eine Jmandrasee Immediatstände 409 schmale Felstreppe bis jum Flußrande hinunterführt, übersieht man am besten jenes groß- i artige Schauspiel; auch gewährt ein kleiner Balcon am jenseitigen Ufer des Stroms einen I herrlichen Standpunkt. Nahe 20» F. breit stürzt sich die wilde Wuoxa, von Klippe zu Klippe schäumend, auf einer Länge von mehr als 500 Schritten wol über l20 F. hoch herab und bildet einen schräggelegencn Wasserstur;, wie ihn in solcher Ausdehnung, viel» leicht mit alleiniger Ausnahme des Niagara, kein anderer Katarakt des Erdballs aufzuwei- sm haben dürfte. Klippe über Klippe ragt aus der wilden Wallung hervor und erhöht durch die Brandung der Wogen, die sich an ihr brechen, die Reize des imposanten Schauspiels. Bald sind es schroffe, thurmartige Felswände, bald runde, langgezogene Riffe, bald schwarze, halb verwitterte, mit düster» Tannen oder blendenden Birken gekrönte Granitschollen, die im bunten chaotischen Wechsel aus dem Schaume der zerstäubenden Fluten s emportauchen. An den Ufern des Flusses, in der Nähe des Katarakts, findet man eine Menge durch den Wogenschlag ganz eigentümlich abgerundeter Kiesel, die unter dem Namen der Jmatrasteine bekannt sind. Jmandrasee, ein zwölfMeilen langer, drei Meilen breiter, die meiste Zeit desJahres mit Eis bedeckter See, im hohen Norden Rußlands, im Gouvernement Archangelsk, der zur Sommerszeit von herumschweifenden Lappen des Fischfangs wegen besucht wird und an dessen über 30 M. weitem Küstenringe überhaupt nur fünf stationaire Ansiedelungen ainutreffen sind. Die Straße von Kern, in der Kemi-Lappmark, nach Kola am nördlichen ^ Eismeer führt quer über den See und berührt allein vier von jenen erwähnten Stationen, i Durch einen fortlaufenden Fluß- und Seenzug steht der Jmandra mit der Kandalaskaji- schm Bai, dem äußersten Nordwestgolfe des Weißen Meers, in Verbindung. Jmäus ist der Name der Alten für Himalaja (s. d.) Jmbert (Barthelemy), einer der vorzüglichsten franz. Fabeldichter, geb. 1747 zu Nismes, widmete sich nach freier Wahl fast ausschließend den schönen Wissenschaften und > machte sich durch sein „änFemsnt cke ksris" (Amst. und Par. 1772) zuerst als Dichter ^ vortheilhaft bekannt. Wenn er in der Folge auch nicht alle Erwartungen, welche durch dieses erste Auftreten angeregt wurden, erfüllte, so sichern seine anmuthigcn Fabeln doch seinen Ruf. Eine Auswahl derselben enthalten seine „Oeuvres poötiques" (2 Bde., Haag >777, 12 .). Sein Lustspiel „I-e juloux saus amour" erhielt sich sehr lange auf der Bühne. Auch versuchte er sich auf dem Gebiete des Romans, jedoch mit geringerm Erfolg. Er starb zu Paris am 23. Aug. 1790. Imitation, s. Nachahmung. Immanent, im Gegensahe zu dem Transeunten oder Transscendentcn (s. d.), heißt alles Das, was innerhalb einer Sache oder eines Begriffs bleibt und nicht über sie hinausgeht. Die Philosophie bedient sich daher dieses Ausdrucks in mehr als einer Beziehung. Man unterscheidet z.B. äußere transeunte Ursachen von innern, immanenten, d. h. solchen, die, wie bei der Selbstbestimmung, in dem sich verändernden Dinge selbst liegen. So nannte Spinoza Gott die immanente Ursache der Welt, um dadurch zu bezeichnen, daß Gott dem Sein nach nicht von der Welt verschieden ist, eine Form der Bezeichnung, welche sich auch die spätem pantheistischen Systeme angeeignet haben. Kant sprach von einem imma- l nenten Vernunftgebrauche, d. h. bei ihm einem solchen, der sich auf die Grenzen der gegebe- ' Erscheinungswelt beschränkt, im Gegensätze zu dem transscendentcn, d. h. dem diese Grenze überschreitenden. Ebenso spricht man von einer immanenten Methode, d. h. einer solchen, welche sich durch den Gegenstand der Untersuchung selbst bestimmen läßt, immanenter Entwickelung einer Wissenschaft, einem immanenten, d. h. nicht äußerlichen, in den Gegenstand selbst vertieften, Wissen. Der Mystiker, der sich m das Wesen Gottes hinein versetzen -u können glaubt, würde von einer Immanenz seines eigenen Ich in Gott sprechen können. Immediatstände heißen im Allgemeinen solche Stände, welche den Vorzug genießt», nur vor der höchsten Landesbehörde Recht nehmen zu dürfen, insbesondere aber die - nach der ehemaligen deutschen Reichsverfassung unmittelbar unter Kaiser und Reich stehenden und keiner dazwischentretenden Territorialhoheit untergebenen geistlichen und weltlichen Stände. Alle Mitglieder deutscher altfürstlicher Familien und ebenso auch gewiss« geistliche und weltliche Corporationen, wie die Reichsstifter und die Reichsritterschaft, besä- 410 Immen Irnmermaim ßen als Reichsstände das Prärogativ der Neichsunmittelbarkcit, neuernanntc Reichsfür- sten und Reichsgrafen aber nur, wenn sie zugleich Sitz und Stimme auf dem Reichstage erhielten und somit zu wirklichen Reichsständen erhoben wurden. Mit Aufhebung des Deutschen Reichsverbands im I. 1806 wurden die meisten jener Jmmediatstände mediaki- sirt, d. h. der Hoheit der souverain gewordenen bedeutendem ehemaligen Reichsstände un- tergeben, und nur gewisse secundaire Vorrechte blieben ihnen nachmals durch die deutsche Bundesacte zugesichert. Immen, s. Bienen. Zmmermann (Karl Lebr.), ein bekannter dramatischer Dichter und Romanschriststeller, geb. am 2-1. Apr. 1796 zu Magdeburg, wo sein Vater, ein gewissenhaft strenger Mann aus der altpreuß. Schule, als Kreis- und Domainenrath lebte. Zu der ernsten und strengen Lebensrichtung, welche er der väterlichen Erziehung verdankte, gesellte sich indes früh als heilsamer Gegensatz die Neigung zur Poesie und eigenen dichterischen Versuchen. Von seinem Vater zum Juristen bestimmt, erhielt er auf dem Gymnasium zu Magdeburg seine akademische Vorbildung. Seine auf der Universität zu Halle im I. 1813 begonnenen Studien unterbrach er, indem er in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger trat. Ein heftiges Nervenfieber gestattete ihm jedoch nur den Feldzug von 1815 mitzumachen. Nach Halle zurückgekehrt, kämpfte er mit Muth und Entschlossenheit gegen eine gutgemeinte, aber unpraktische Richtung unter den Studenten, namentlich in der Schrift „Über die Streitigkeiten der Studirenden in Halle" (Lpz. 1817), die bei dem Wartburgsfeste mitverbrannt wurde. Bald darauf trat er als Referendar in Magdeburg in den Staatsdienst, wurde 1823 Auditeur in Münster und 1827 Landgerichtsrath in Düsseldorf. Hier übernahm er im uneigennützigsten Sinne die Verwaltung des Theaters, welches er zu einer deutschen Musteranstalt zu erheben gedachte. In der That gelang es ihm, aus zum Theil schwachen Kräften ein vorzüglich geschultes Ensemble zu bilden; dennoch scheiterte das Unternehmen, das auf ein naiv empfängliches oder wenigstens poetischen Intentionen gemixtes Publicum berechnet war, und nicht ohne eigene Verluste trat I. von der Bühnenver- waltung in seine amtliche Stellung zurück. Beschäftigt mit der Abfassung seiner „Memorabilien" (Bd. I, Hamb. 1810) starb er an den Folgen eines plötzlich eingetretenen Schlrg- flusses am 25. Aug. 1 810 . Im Anfänge und in der Mitte seiner literarischen Laufbahn machte sich I. besonders durch seine dramatischen Dichtungen einen Namen. Zn seinen Trauerspielen lassen sich die tiefen Studien, die er den dramatischen Dichtungen Shak- speare's gewidmet, nicht verkennen. Groß in der Anlage, bedeutsam in der Charakteristik, tiefin der Gedankenentwickelung, haben sie etwas Herbes und Schroffes und entbehren einer eigentlich humoristischen Auffassung und des süßen Zaubers der Lyrik, die er in seinen dramatischen Dichtungen, um diese von allen fremdartigen Elementen sreizuhalten, möglichst vermied. Seinen Lustspielen fehlt es nicht an sinnreichen Wendungen, doch sind im Allgemeinen seine dramatischen Dichtungen, die in der deutschen Literatur einen ehrenvollen Platz einnehmen, mehr für die Lectüre als für die theatraliche Wirkung berechnet. Nacheinander erschienen „Die Prinzen von Syrakus", ein Lustspiel (1821); die drei Trauerspiele „Das Thal von Nonceval", „Edwin" und „Petrarca" (1822); „König Periander", ein Trauerspiel (1823); „Ein ganz schön Trauerspiel von Pater Brey, dem falschen Propheten" (1823), veranlaßt durch Pustkuchen's „Wanderjahre"; das schöne Lustspiel „Das Auge der Liebe" (1821); die Tragödie „Cardenio und Celinde" ( 1826 ); das dramatische Gedicht „Trauerspiel in Tirol"; das Trauerspiel „Kaiser Friedrich 1l. die Lustspiele „Die Verkleidungen" (1828) und „Die Schule der Frommen" (1829); die Trilogie „Alexis" (1832) und die tiefsinnige Mythe „Merlin" (1832), seine beiden großartigsten dramatischen Dichtungen und das Trauerspiel „Ghismonda oder die Opfer des Schweigens" (> 830). Gleichzeitig ließ er den Halbroman „Das Papierfenster eines Eremiten" (1822), „Miscellen" (Stuttg. 1330) und das „Reisejournal" (Düsseld. 1833 —35) erscheinen. Selbst im Lyrischen, das ihm ferner lag, versuchte er sich in seinen „Gedichten" (Hamm 1825) und der neuen Folge seiner „Gedichte" (Stuttg. 1830); und sein lieblich drolliges Märchen „Tulifäntchen" (Münst. 1830) verdient weit mehr Anerkennung als es gefunden zu haben scheint. In eine unerquickliche und unersprießliche Fe! tat des crk gr- F sin B> he> lick we der nie die in mö ger mo tiv z-- rec gei die B, Di hör So erb Gr un! dra sick kon > 1 ! »Ni tior ken Alt her! Chi nur »r- agr der ati- un- sche Immobil Impanation 411 Fehde mit dem Grafen Plater verwickelt, schrieb er den „Im Irrgarten der Metrik umher- taumelnden Cavalier" (Hamb. 1829). Seine mannhafte ernste Gesinnung läßt sich am besten aus dem von E. Schenk herausgegebcnen „Briefwechsel Mich.Beer's" (Lpz. 1831) erkennen. Eine hohe Stellung nimmt I. als Romanschriftsteller ein durch seine „Epigramme" (2 Bde., Düsseld. > 836), die freilich sehr in der Nachwirkung des Goetheffchen „Wilhelm Meister" befangen und trotz einzelner Vortrefflichkelten keine ganze Komposition sind, namentlich aber durch seinen komischen, jedoch auch an ernsten Partien und meisterhaften Schilderungen aus dem westfäl. Dorflcben reichen Romane „Münchhausen" (4 Bde., Düsseld. 1838—39; 2. Aust., 1841). In sorgfältiger Auswahl erschienen seine „Gesammelten Schriften" (11 Bde-, Düsseld. 1834—43). Immobil heißt der Theil eines Heers, welcher nicht auf dem Feldetat steht und daher nicht zum Fechten gegen den Feind bestimmt ist. Immobilien nennt man im Gegensätze von den Mobilicn (s. d.) alles unbewegliche äußere Befitzthum, mit Inbegriff der Federungen und Rechte, das nicht fortgeschafft werden kann (res soll), weil es in einem Theile des Bodens selbst besteht oder doch mit dem Boden so verbunden ist, daß es, ohne seinen Charakter im Ganzen zu verlieren, sich nicht von ihm trennen läßt, z. B. ein Gebäude. Das Im mobiliarvermögen gewährt dieser Unbeweglichkeit wegen und weil die damit vorgehenden Veränderungen meist sogleich in die Augen fallen, in verschiedener Hinsicht eine größere Sicherheit als das Mobiliarvermögen, die noch dadurch erhöht wird, daß Veräußerungen und Verpfändungen nur unter gerichtlicher Autorität vorgenommen werden können. Auch gewährt der Immobiliarbesitz manche Vortheile, z. B. Befreiung von Cautionen im Proceß. Übrigens sind durch positive Gesetze manche an sich bewegliche Gegenstände den Immobilien gleichgestellt worden, z. B. Schiffe, große Bibliotheken, Waarenlager, hypothekarische Federungen und Realgerechtsame, auch Staatsrenten, welche im Staatsschuldbuche als unveräußerlich eingetragen stehen. Immunität, abgeleitet vom lat. immunis, d. h. frei von Verpflichtungen gegen den Staat, nennt man die Befreiung namentlich von Abgaben (s. Steuern) und Kriegsdiensten und dann die gewissen privilegirtcn Ständen in bestimmten Fällen zustehende Befreiung von den allen Staatsbürgern auferlegten Verpflichtungen, insbesondere die Befreiung der Geistlichkeit (immunitus ecclesmsticu) von dinglichen und persönlichen Diensten und deren Exemtion von dem gewöhnlichen Gerichtsstände. (S. Exemtionen.) Jmöla, eine Stadt in der vormaligen Romagna, jetzt zur Delegation Ravenna gehörig, im Kirchenstaate, an der Straße von Bologna nach Faenza, auf einer kleinen vom Santerno gebildeten Insel, in höchst reizenden Umgebungen, soll das vom Diktator Sulla erbaute koriim OornelH der Römer sein, ist gegenwärtig noch mit Mauern, Thürmen und Gräben umgeben und der Sitz eines Bischofs und hat gegen 8666 E., ein altes Schloß und mehre ansehnliche Kirchen, darunter die im modernen Geschmack restaurirte Kathedrale und die Kirchen der Dominicaner und der Brüderschaft von San-Carlo. Ein hauptsächlicher Nahrungszweig der Bewohner ist der Weinbau. Der hier bereitete Weinstein kommt unter dem Namen lartaro Ui Luloz-nu in den Handel. ÄMöla (Jnnocenzo da), eigentlich Jnnocenzo Francucci aus Zmola, geb. um ^94, erlernte die Malerei bei Franc. Francia, dann in Florenz bei Mariotto Albertinelli mid wurde in der Folge einer der eifrigsten Nachahmer Rafael's, sodaß er sogar einzelne Kafael'sche Figuren und Partien geradezu in seine Gemälde aufnahm. Seine Composi- km ist meist ziemlich einfach und unbedeutend, auch sein Colorit nicht ohne Härte, dagegen W sich in dem oft schönen und kräftigen Ausdruck der Köpfe die Anmuth des Francia er- Anen. Seine Hauptwerke sind Fresken zu San-Michele in Bosco zu Bologna und einige Marblätter in der dortigen Pinakothek. Er lebte meist in Bologna und starb um 1556. Impanation wurde im 12. Jahrh. die Meinung Derer genannt, welche, wie Ru- pertus Duitiensts, Abt zu Deutz, und Johann von Paris, den Zusammenhang des Leibes Christi mit dem Brote im Abendmahle, im Gegensatz zu der substantiellen Verwandlung, »ur als ein unsichtbares Hinzutreten der Leiblichkeit Christi zu dem in Gestalt und Wesen Lr-' W 412 Imperativ Imperium unveränderten Brote sich dachten, nach Ähnlichkeit der Menschwerdung gleichsam eine Brotwerdung des Leibes. Luther wurde von den Katholiken derselben Annahme beschuldigt Imperativ (lat.), eigentlich die befehlende Art, heißt in der Grammatik diejenige Form des Zeitworts, durch welche das Verlangen des Redenden, die Handlung verwirklicht ju sehen, also ein Befehl, ein Gebot, eine Foderung oder Bitte direct ausgedrückt wird. Daher können einige Zeitwörter vermöge ihrer Bedeutung diese Form nicht annehmen, wie „sollen", „müssen", „dürfen", „können" und „wollen". Am vollständigsten sind du Formen des Imperativs in der griech., lat. und zum Theil in den slawischen Sprachen ausgeprägt. (S. auch Kategorischer Imperativ.) Imperator hieß bei den Römern im weitern Sinne jeder Maglstratus, derZm- pcrium (s. d.) hatte, besonders wenn er den Oberbefehl im Felde führte. In einem engem Sinne wurde das Wort gebraucht, wenn das Heer auf der Wahlstatt den siegreichen Feldherrn feierlich als Imperator ausrief; er galt dann, vom Senate bestätigt, als Ehrenname, der dem Namen des Feldherrn nachgesetzt, aber nach dem Triumph, der gewöhnlich darauf erfolgte, wieder abgelegt wurde. Zn anderer Weise erhielt Julius Cäsar nach seiner Rückkehr aus dem span. Kriege im Z. 45 v.Chr. vom Senat auf Lebenszeit den Titel Imperator; er wurde als Pränomen seinem Namen vorangestellt, um die ihm auf Lebenszeit zuerkannte höchste militairische Gewalt zu bezeichnen. Ebenso und in derselben Bedeutung ließ sich Octavianus nach der Schlacht bei Actium im I. 29 v. Chr. den Titel vom Senat ertheilen, und so führten ihn auch die folgenden Kaiser. Daher kam es, daß mit dem Worte Imperator auch der Kaiser überhaupt, dessen Vorrang vor allen Bürgern eigentlich dos Wort Princeps ausdrückte, bezeichnet wurde. Imperfektum (lat.) ist in der Grammatik der Name für eine am Zeitworte ausgedrückte Form der Vergangenheit. Die letztere überhaupt, Präteritum (s. d.) genannt, kann entweder als absolute oder als relative, d. h. mit oder ohne Beziehung auf andere Handlungen und Zustände gedacht werden. Die beziehungslose Vergangenheit wird eigentlich durch das Perfectum bezeichnet, z. B. „er hat geschrieben", die bezügliche durch das Jmperfectum und Plusquamperfectum, z. B. „er schrieb, als ich eiutrat"; „er hatte geschrieben, als ich eintrat". In beiden Sätzen beziehen sich zwar vergangene Handlungen aufeinander; in dem ersten aber werden beide Handlungen in Beziehung aufeinander als gleichzeitig, in dem zweiten als ungleichzeitig, die eine als die früher, die andere als die später vergangene gesetzt. Somit würde das Jmperfectum diejenige Zeit der Vergangenheit ausdrücken, welche eine vollendete Handlung in Beziehung auf eine andere mit dem Nebenbegriffe der Gegenwart anzeigt, weshalb es von Einigen auch Präsens der Vergangenheit genannt wird. Daraus erhellt zugleich, warum im Deutschen das Jmperfectum überhaupt auch als erzählendes Tempus gebraucht wird; denn wenn man sagt: „Homer lebte im 9. Jahrh. v. Chr.", so heißt dies, Homer lebte damals, als das?. Jahrh. war, in welches man sich, indem man so spricht, versetzt. Die beiden gebildetsten Sprachen des Alterthums, die griechische und lateinische, haben die Zeitformen der Vergangenheit auch hierin genau unterschieden und erstere den Aorist (s. d.), letztere in demselben > tien) übertragene, höchste befehlende und ausführende Gewalt; unterschieden von dcm Wörte potestss, welches die Macht, welche jedem Magistratus seinem Amte gemäß zst' kommt, bedeutet. Das Imperium, dessen wesentliches Zeichen die Lictoren waren, warmu de de sie de xr du ge Fe st- ri st. m t» tr bit fw z"- br od E, . ge- du - au s vo ka> Mi laj Bi du UN ft» hä m st- Bl bei sch > -rs l Zu mi Mil Bi die unl vpe tes ! du, rur iiai Impfen Impotenz 4!3 dem Recht zur Anstellung der höhern Auspicien verbunden und zeigte sich vornehmlich in der Ausübung der höchsten militairischen und richterlichen Gewalt. In Hinsicht auf die erste« militaro) erhielten in den spätem Zeiten der röm. Republik zum Behuf der Kriegführung Consuln und Prätoren nach Niederlegung ihres Amtes das Imperium prorogirt oder verlängert, als Proconsuln und Proprätoren, und theils daher, theils weil die Statthalter in den Provinzen Imperium hatten, wurde das Wort auch im Gegensatz gegen Magistratus gebraucht. Die Juristen der röm. Kaiscrzeit unterschieden das aus der Feldherrngewalt abgeleitete imperinm mernm, d. i. das reine Imperium, auch glullii liatestas genannt, die Criminalgewalt überLeben und Tod, welche der Kaiser den Provinzstatthaltern und den Präfecten der Stadt und des Prätoriums überträgt, und das impe- , rium mixtum, das sich auf die Civiljurisdiction beziehende, welches namentlich die Be- sugniß des Magistrats zum außerordentlichen Messverfahren durch Cognition und Dekret enthält. Impfen, s. Kuhpockenimpfung und Pfropfen. Imponderabilien oder unwägbare Stoffe nennt man in der Physik die unbekann- Im Ursachen, welche den Erscheinungen des Lichts (s. d.), der Wärme (s.d.), der Elek- tricität (s. d.) und des Magnetismus (s. d.) zum Grunde liegen. Man hat nämlich bis auf die neueste Zeit diese Erscheinungen nicht anders zu erklären gewußt, als daß man für jede Classe derselben die Existenz einer oder, wie bei Elektricität und Magnetismus, gar zweier polar entgegengesetzter sehr feiner, weder durch die Sinne unmittelbar wahrnehmbarer, noch durch das Gewicht bestimmbarer, Materien annahm, durch deren Bewegung oder Ruhe, Mangel oder Überfluß u. s. w. unter verschiedenen äußern Bedingungen jene Erscheinungen hervorgebracht würden. Jndeß haben Euler und Fresnel zuerst beim Lichte gezeigt, daß dessen Erscheinungen auch ohne Annahme einer besonder« Lichtsubstanz sich durch schnelle schwingende Bewegungen der Molocule erklären lassen, und Gleiches wird ^ auch von den übrigen Imponderabilien immer wahrscheinlicher. ^ Jmpost nennt man eine Auflage auf das Erzeugen, Verbrauchen und Einbringen von Salz, Getränke, Getreide u. s. w., also eine indirecte Abgabe, deren Object Alles sein kann, was im Verkehr ist. Eine bestimmtere Bedeutung bekommt das Wort dann, wenn man damit einzelne in einem Lande eingeführte, neben der Steuer auf gewissen Maaren lastende Abgaben bezeichnet, wie es denn sonst Jmpost und Tranksteuer von Wein und Bier nebeneinander gab, die sich nicht nur durch die verschiedene Zeit der Einführung, sondern auch durch die Erhebungsweise voneinander unterschieden. Jmpötenz oder das Unvermögen, den Act der Begattung auszuüben, ist wohl zu unterscheiden von der Unfruchtbarkeit (s. d.) oder der Unfähigkeit, zu zeugen, zu befruchten oder befruchtet zu werden. Die Impotenz kommt bei beiden Geschlechtern, weit häufiger jedoch bei dem männlichen als bei dem weiblichen, vor. Sie kann angeboren oder nworben, beständig vorhanden oder nur momentan, heilbar oder unheilbar sein. Die hauptsächlichsten Ursachen der Impotenz sind gänzlicher Mangel oder fehlerhafter Bau der zur Begattung und Zeugung nöthigen Geschlechtsorgane, sowie Krankheiten derselben, besonders aber allgemeine und örtliche Erschöpfung in Folge zu frühen und unmäßigen Geschlechtsgenusses oder unnatürlicher Ausschweifungen, schwerer Krankheiten, mit Gehirn- I Erschütterung verbundener Verwundungen des Hinterkopfs, hohen Alters, gemächlicher § Zustände, die das Verlangen der physischen Liebe zum Schweigen bringen, wie z. B. Ab- »eigung, Widerwille oder auch Mangel an Vertrauen zu sich, in seltenen Fällen selbst eine mit scheuer Ehrfurcht gepaarte oder zu glühende, schwärmerische Liebe. Anlangend die Behandlung der Impotenz, die meist nur als symptomatische Erscheinung gelten kann, ist die Heilung der sie'bedingenden Grundkrankheit, die Entfernung der diese veranlassenden und unterhaltenden Ursachen die Hauptaufgabe. Sind diese durch diätetische, arzneiliche, vperative oder psychische Einwirkungen absolut oder wegen besonderer Umstände nicht zu beseitigen, so ist auch die Impotenz unheilbar. In jFällen, wo Kraftvergeudung und da- > durch herbeigeführtcr Kraftmangel sie verursacht, hat man die Thätigkeit und Kraftäuße- rung der betreffenden Organe meist vergebens wieder hervorzurufen gesucht durch soge- urnnte Liebestranke (s. d.), von denen einige so heftig einwirken, daß schon mancher 414 Imprägnation Improvisatoren lüsterne Greis oder abgelebte Wüstling mitten unter den auf solche Art erzwungenen Ec. nüssen den Tod gefunden hat. Dauert bei allgemeiner oder örtlicher Schwäche trotz des er loschenen Vermögens dennoch der Trieb fort, oder gilt es die Wiederbelebung beider, so sind e in erstcrm Falle Zügelung der verderbten Einbildungskraft, lange Enthaltsamkeit und ei», kräftige, nahrhafte Diät, in letzteren allerdings noch verzweifelteren Falle eine gleiche Diät und manche Arzneien Dasjenige, was noch einige, aber immer schwache Hoffnung eines glücklichen Erfolgs gestattet. Imprägnation, so viel als Durchdringung, wird besonders von gewissen auf der Grenze der mechanischen und chemischen Vorgänge stehenden Erscheinungen gebraucht, und in den meisten Fällen bedient man sich dafür bezeichnender und richtiger des Wortes Absorption. So werden z. B. poröse Körper, wie Wolle u. s. w., von Fettigkeiten im , prägnirt, und Flüssigkeiten von Salzen, die sich darin auflösen, oder von Gasarten. Auch vor Riech-und Ansteckungsstoffen, welche gewisse poröse Körper, besonders animalischen Ursprungs, durchdringen und diesen fest anhaften, braucht man den Ausdruck Imprägnation Impromptu, von dem lat. in prnwjitn, im Deutschen Stegreifwitz, nennt man « eine unvorbereitete sinnreiche, den Bedingungen des Augenblicks angemessene Äußerung in Prosa oder in Versen, bestehe sie nun in einem einzelnen Wißworte (bon mit) oder in einer zusammenhängenden, abgerundeten Darstellung. Am effectvollsten ist das Impromptu, ! wenn es entweder einzelnen Individuen gegenüber, als schnelle Entgegnung (riposte), oder der ganzen Gegenwart gegenüber mit treffenden Beziehungen auf allgemein bekannte Verhältnisse hcrvortritt. Veranlassung zu Impromptu's letzter Art geben besonders die Tribüne und die Bühne; auf beiden zeichnen sich die Franzosen darin vorzüglich aus. Vou deutschen Komikern verdanken namentlich Nestroy und Scholz in Wien und F. Beckmann (s. d.) in Berlin denselben großentheils ihre Beliebtheit. Die deutsche Literatur hat, ohn: den Neichthum der franz. an Stegreifgedichtchen zu besitzen, doch in Dem, was von den sogenannten Spruchsprechern aus uns gekommen, Meisterhaftes aufzuweisen. Zahlreich, l gute ältere Schlag- und Wihworte enthalten auch Zinckgrefs „Deutsche Apophthegmata, > Improvisatoren (improvisatori) heißen in Italien Dichter, die aus dem Stegreif (ex improvisn) jedes aufgegebene Thema sogleich dichterisch ausführen, ihre Verse decla miren oder unter Begleitung eines Instruments absingen. Bei Völkern von lebhafter und fruchtbarer Phantasie ist die Gabe des Jneprovisirens, besonders durch Musik angeregt, ofl allgemein, z. B. bei vielen Negerstämmen und unter den Arabern. EineZdee von denZm- provesationen der letzterer geben die von Nückert frei nachgebildeten „Makamen" des Huri re (s. d.). War, wie aus mehren Stellen der Alten zu schließen, Griechenland die Hcinu! der Improvisatoren des Alterthums, so wurde dies für das neuere Europa, etwa Valcncü und Minorca ausgenommen, vom 12. Jahrh. ab ausschlicßend Italien, wo Petrarca di, Sitte der improvisirenden Dichter, den Gesang mit der Laute zu begleiten, eingeführt U haben scheint. Das lebhafteste Interesse für die itteprovisirte Poesie und zwar in lat. Sprache herrschte an den Höfen von Urbino, Ferrara, Mantua, Mailand und Neapel. Als besonders ausgezeichnete Improvisatoren werden gerühmt Serafino d'Aqu ila, geb. ItK6i>i Aquila, gest. in Rom >500, der selbst mit Petrarca an Ruhm wetteiferte ; BernardoAc- rolti, l'unico Xretino zubenannt, gest. >534; der storentin. Cristoforo, ^üissimogr reanret; ferner Nie. Leoniceno, Mario Filalfo, Pamfilo Sasse, Zppolito»" l Ferrara, Batt. Strozzi,Pero, Nie. Fran ciotti, Cesare da Fano, Crisioforo j Sordi, Aurelio und Nafaello Brand o leni, welche drei letztere blind waren. Als du griech. Gelehrten, welche zu Anfänge des >6. Jahrh. von Konstantinopel nach Italien ge- flüchtet, daselbst mit dem Geschmack an ihrer Sprache und Literatur auch ihre Gebräuche verbreiteten, führte man die Symposien ein, bei denen die Freuden der Tafel durch die de« Geistes erhöht wurden. Leo X. liebte sic sehr, und unter den um seiner Tafel versammelten Gelehrten zeichnete sich besonders Andr. Marone, geb. 1474, gest. >527, als Improvisator aus. Hadrian VI., der die Dicbter als eine Art Abgötter ansah, vertrieb ihn zwar vom Vatican, wo Leo ihm eine Wohnung angewiesen; doch Clemens Vll. rief ihn weedn - zurück. Querno, ein anderer Improvisator, war bei Leo X. eine Art von Hofnarr een wurde spottweise der Erzpoet genannt. Nach Leo'S Tode fingen auch die Improvisatoren ai vl L A ?- ch eer N A rv L> R ft, de- pa zu ca sio S eie ge sin B A ?i da er, sa< Sh etu cae sich Vc in dai Al A» La ein Zn des in, G Et 14; Als Jmpiltiren Znachus 415 l ei- sind eine Dü! ine« ^ der uchi, >rte« im- m Ar iiov man mnz r in PtU, oder Ler- Lei- arm ahn: uss ^ eich > rta^ ^ greis ecle- und l,°? ^ Zm- H-' in»! :ncii idir rt» aehe- rson> r6i» ^ Ac- ,ge- von i rfore I ! die ^ >ge- iuche ^ r de« ! elien l covi- zwar jeder ' und vren an, statt in lat. Sprache in der Ii»F»a voi^are zu improvisiren. Großen Nuferlangte Silvio Antoniano, > 5,uv zu Rom in nicdermStande geboren, durch seine Talente aber zur Würde eines Cardinals erhoben, ein gelehrter Kenner der alten Sprachen und in allen Wissenschaften wohl bewandert, der wegen seines Talents zu improvisiren den Beinamen Poetin» erhielt. Einer der berühmtesten Improvisatoren aber war der Ritter Perfetti, geb. >680 zu Siena, gest. zu Rom >747, von dessen improvisirten Gedichten 1748 zwei Bände erschienen. Unter Benedict XIV. wurde er auf dem Capitol als Dichter gekrönt, wel- eher Ehre bis dahin nur Petrarca und Tasso würdig erachtet worden waren; später verlieh man chm sogar das röm. Bürgerrecht und fügte seinem Wappen die Lorberkrone bei. Auch Mekastasio (s. d.) zeigte von früher Jugend an ein seltenes Jmprovisationstalent, dessen Ausübung er jedoch aus Rücksichten auf seine Gesundheit unterlassen mußte. Andere berühmte ital.Improvisatoren waren Zu cco, der l 76-1 zu Verona starb und an dem Abbate Lorenzi einen würdigen Zögling und Nachfolger hinterließ; der Advocat B er n ard i in Rom, Ludov. Serio und Ludov. Nossi, die Beide 1799 in Neapel hingerichtet wurden; ferner Francesco Gianni, geb. 1769, der wegen seines glühenden Republikanismus von den Russen in Cattaro eingesperrt, nach seiner Befreiung aber, im I. 1899, von Bonaparte mit einer Pension von 6999 Francs beschenkt wurde, und Tommaso Sgricci, geb. zu Arezzo 1798, gest. zu Floren; am 23. Aug. 1836, der von dem Großherzog von Toscana für seine Improvisation auf den Tod der Maria Stuart 2909 Francs und eine Pension von 2499 Francs erhielt, und dessen zu Turin improvisirtes Trauerspiel „Lector" der Stenograph Delpino (Tur. 1823) im Druck erscheinen ließ; Cicconi, derzuNomI82S eine ganze Epopöe improvisirte, und der auch in Deutschland durch seine Reisen bekannt gewordene Bindocciaus Siena. Unter den mit Jmprovisationstalent begabten Frauen sind aus früherer Zeit Cacilia Micheli von Venedig, Giovanna da' Santi und die Barbara von Correggio berühmt. Keine jedoch wurde mehr gefeiert als Maddalena Moralli Fernandez, aus Pistoja, in der Akademie der Arkadier Corilla Olimpica genannt. Vom Kaiser Franz l. nachWien berufen und daselbst vielfach ausgezeichnet, dann 1776 öffentlich in Rom gekrönt und von dem röm. Senate zu einer Mobile cittaäins ernannt, lebte sie später in Florenz, wo sie 1899 starb. Nächstdem sind noch als Jmprovi- satricen zu erwähnen Teresa Bandettini, geb. zu Lucca um >756, Fortunata Sul- gher-Fantastici aus Livorno, Rosa Taddei, geb. zu Nom 1891, besonders aber Mazzei, geb. Lanti, welche an Ergiebigkeit der Phantasie, Neichthum und Reinheit des Ausdrucks, wie im Wohlklange und in Regelmäßigkeit der Verse Alle überragt. Von jeher aber erschienen die gedruckten Werke der bewundertsten Improvisatoren nicht über dem Mittelmäßigen; Perfetti war deswegen klug genug, bei seinem Leben nicht zuzugeben, daß etwas von ihm gedruckt werde. Auffallend ist es, daß die meisten Improvisatoren in Toscana oder Venedig, namentlich in Siena und Verona, geboren sind, und daß dieses Talent sich bis auf die Gegenwart an diesen Orten fortgepflanzt hat. — In Deutschland, wo Bvlkscharaktex und Sprachform der Improvisation nicht günstig sind, findet sich fast nur in Steiermark und Tirol einiges Talent für die Stegreifdichtung. Unter den Wenigen, die damit öffentlich auftraten, ist als der vorzüglichste hervorzuheben O. L. B. Wolfs aus Altona, gegenwärtig Professor in, Jena, der bei seinem ersten Auftreten im I. 1825 vieles Aufsehen erregte, jetzt aber diese Öffentlichkeit aufgegcben hat; ferner sind zu nennen M Langen schwarz, der cs sogar wagte, mit ital. und franz. Improvisatoren Wettkämpfe unzugehcn; K. Richter; Frau Karoline Leonhardt-Lyser undEd. Beermann.— 3» Frankreich versuchte sich seit 1824 in der Improvisation Eugene de Pradel, dem besonders kleine Gedichte, namentlich die sogenannten bouts rimes trefflich gelangen, und '»Holland Willem de Clercq, geb. zu Amsterdam 1793, der jedoch nie öffentlich austrat. Imputiren, soviel als zurechnen. (S. Zurechnung.) Jnächus, einer der ältesten Heroen der Cultur, der Sohn des OceanuS und der Te« W, der Vater des Phvroneus und Ägialeus, nach Einigen auch der I o (s. d.), war der Stammvater des ältesten Königsgeschlrchts von Argos, welches 382 Jahre, bis 1511 oder ^ v. Chr. blühte. Sein Mythus verschmilzt häufig mit dem des gleichnamigen Flusses. Alseinst Poseidon und Here über denBesitzvon Argos stritten und I., hierbei zum Schieds- 416 Jnaugnraldisputation Inkompetenz, lichter gewählt, es der Here zusprach, gerieth Poseidon darüber in Zorn und suchte dar l Land mit Dürre heim. Wahrscheinlich betrifft dieser Mythus eine der ältesten Ansiedelun- gen am Flusse Jnachus. Jnauguraldispntation, s. Disputation. Inauguration bedeutet die feierliche Einweihung einer Person zu einem Amte, einer Ortes zu einem bestimmten Zwecke und dergleichen, besonders durch Vornahme religiöser Handlungen. Sie wurde bei den Römern von den Augurn (s. d.) durch Befragung der Augurien, die den göttlichen Willen offenbarten, vorgenommen und fand bei den Königen , statt, um ihnen, nachdem sie vom Volke erwählt waren, die religiöse Sanction für das oberste ^ priesterliche Amt, das sie hatten, zu gewähren; in der republikanischen Zeit blieb sie bei mehren Gattungen von Priestern bestehen, für die Magistrate fiel sie weg. , Inkarnat, wahrscheinlich eine Abkürzung der lat. Worte in granstis, heißt die hoeh- rothe, keineswegs aber fleischfarbene Farbe, obschon dies eine sehr gewöhnliche Annahme ist, und Jncarnatin nennen die Engländer die etwas blässere Farbe als Jncarnat. Auch Pflegt man wol das tiefe Erröthen des Antlitzes bei Affecten der Leidenschaft, der Scham u. s. w. Jncarnat zu nennen; misbräuchlich wird der Ausdruck sogar statt Carnation (s. d.) angewendet. Incest, s. Blutschande. Znchbald (Elisabeth), engl. Schauspielerin und Dichterin, g«b. 1756, entfernte sich i früh aus dem Hause ihres Vaters, des Pachters Simson in der Grafschaft Suffolk, um in London die Bühne zu betreten, heirathete hier den Schauspieler I., den sie aber auf ei- ner Reise im südlichen Frankreich durch den Tod verlor. Hierauf kehrte sie nach London zurück und spielte bis l 789 in Coventgarden, wo ihre Schönheit und ihre Talente ihr großen Ruferwarben. Nach ihremAbgangevon der Bühne schrieb sie mehre Lust- und Schau- ! spiele, von denen einige noch jetzt auf dem Repertoir sind. Außerdem lieferte sie eine Samm- ! lung beliebter Theaterstücke verschiedener Verfasser mit biographischen und kritischen Zu- ! gaben „Iks britislr ttieatre" (95 Bde., Lond. 1896—9); eine „Ooliection of iarces" 1 (7 Bde., Lond. 1809) und „Dbe möllern tbestre" (10 Bde., Lond. 1811). Unbedeutend find ihre Romane „Dbe simple stör)" (9 Bde., Lond. 1791), und „Nature snll sit" (3 Bde., Lond. 1796). Sie starb am I. Aug. 1821 zu Kensington bei London. Inklination, d. i. Neigung, bezeichnet als Ausdruck für einen psychischen Zustand so viel als Zuneigung oder Anhänglichkeit. Zn der Mathematik versteht man darunter die Neigung Zweier Ebenen gegeneinander, oder ei»er Linie gegen eine Ebene. Die Astronomie bedient sich dieses Wortes, noch häufiger aber des deutschen Wortes Neigung für die Winkel, welche die Planeten - und Kometenbahnen mit der Erdbahn machen. Zn einem andern Sinne gebraucht man Jn clin atio n und Jnclinatoriumin der Physik von der Magnetnadel (s. d.). — Jncliniren Heißtein Geschütz oder Gewehr so richten, daß die Mittellinie der Seele sich vorn nach dem Horizont zuneigt. Inkognito reisen, d. h. so viel als unbekannt reisen, wird von fürstlichen Personen gesagt, welche, um manches lästigen Ceremoniells überhoben zu sein und unnöthigen Aufwand zu vermeiden, auf größer» Reisen die äußern Zeichen ihres Ranges ablegen und sich gewöhnlich einen gräflichen Namen beilegen. So reiste der König Friedrich Wilhelm »b von Preußen gewöhnlich incognito als Graf von Ruppin. s Jncölat, s. Jndigenat. , ! Inkommensurabel heißen zwei gleichartige Größen, welche kein, auch noch so klm nes, gemeinschaftliches Maß haben, wie dies z. B. mit den Seiten eines Quadrats und dessen Diagonale der Fall ist. Das Verhältniß zweier solcher Größen läßt sich durch Zahlen nicht genau ausdrücken. Eine Zahl, die in Bezug auf die Einheit inkommensurabel ist, nennt man irrational (s.d.). ^ Inkompetenz oder Unzuständigkeit bezeichnet in der Gerichtssprache den Mangel an denjenigen Bedingungen, von welchen das Recht abhängt, eine gewisse Handlung, zumal der öffentlichen Autorität, vorzunehmen, Recht zu sprechen, Befehle zu erlassen u. s. w. (S. Comp etenz.) Die Einrede der Jncompeten; muß vorgebracht werden, eh man etwas thut, worin eine Anerkennung liegt. A Zl IN »c u. B II ab tei sich ne nu D t'g <>o ein sie Ai un wr un der inq bro Be UNj ine auc der kun I5i Be die ist, die die scha den neu leri dru litt, gin, »ock kl da« un> ms ösrr dn gm rstk bu jme mt. der iatt si-h i M fei- gr°- mu- ! am- > Zu- > ^es« ) Und >rt" Zu- M- Die uag 3" >h«- ^ sehr ' >nea luf- sich »I. klei- : des- wzr abel !an- ^ ana, isteu i ehr Jncomplexe Größe Zucunabetn 417 Jncomplere Größe nennt man in dcr Mathematikeine solche, die aus keinen durch Addition, Subtraction u.s.w. besonders angezeigten Theilen besteht und nur durch ein bloßes Zeichen, r.B. durch s, durch x u. s.w., bezeichnet wird. Auch benennt man mit diesem Namen benannte, ganze Größen, z. B. >8 Pfd., 42 Tage u. s. w.; haben aber diese Größen noch kleinere Theile bei sich, z. B. 18 Pfd. 13 Lvth, 42 Tage I l Stunden 14 Minuten u.s.w., so nennt man sie complexe Größen. In eoenii «ivmini oder Nachtmahlsbullc, die merkwürdigste aller päpstlichen Bullen, rührt in ihrem ersten Entwürfe aus sehr früher Zeit und namentlich von Urban V., 1362—76, her; durch Pius V. wurde sie > 567 und durch Urban Vlll. 1627 erneuert und abgeändert. Sie enthält die vollständige Darlegung aller Rechte der rvm. und der gesamm- ten Hierarchie und die Verwahrung derselben gegen die weltlichen Fürsten, die Kirchcnver- sammlungen und die Laien, verbunden mit der feierlichen Excommunicirung und Verfluchung aller Ketzer. Der Anordnung Pius' V. zufolge sollte sie jährlich am Grünen Donnerstag in allen Kirchen verlesen werden, was sich aber des Widerstandes wegen, den sie nicht nur in Frankreich, wo deshalb 1568 große Unruhen außbrachen, sondern auch in Deutschland und anderwärts fand, nur in Rom bewerkstelligen ließ, wo sie auch gegenwärtig noch verlesen werden soll. Vgl. Lebret, „Pragmatische Geschichte der Bulle iu cooim (Ivmini" (4 Bde., Lpj. 1769). Jncröment nennen vorzugsweise die engl. Mathematiker die Veränderung, welche eine veränderliche Größe erleidet, diese Veränderung mag positiv oder negativ sein, wenn sie nur von endlicher Größe ist. Auch nennen sie das negative Jncrement oft Decrement. Auf dem Festlande nennt man diese Veränderungen überhaupt Differenzen (s. d.) und,wenn sie unendlich klein sind, Differentiale. (S. Differentialrechnung.) Inkubation, das Schlafen im Tempel, war im Alterthume etwas gar nicht Ungewöhnliches, da man hier in derNähe derGötter divinatorischeTräume zu erhalten glaubte, und viel erzählen die Alten von Orakeln durch Jncubation, bei welcher, wie beim Somnambulismus, verschiedene anregende Einflüsse mitwirkten. Jncübus, s. Alp. Jnculpat wird im deutschen Untersuchungsprocesse bei den wichtiger» Verbrechen der Angeschuldigtc so lange genannt, bis auf articulirtes Verhör desselben oder die Special- inquisition erkannt ist, wo er nun den Namen Jnquisit erhält. Bei leichtern Vergehungen braucht man statt Jnculpat Denunciat. Jncunäbeln, auch Paläotypen oder alte Drucke, ist die in Deutschland üblichste Benennung für diejenigen Bücher, welche bis zum I. > 566 gedruckt sind, und deren Zahl wol ungefähr auf 15666 anzuschlagen ist. Der Name Jncunabel stammt von dem lat. Wort mcunsbul», d. i. Wiege und dann überhaupt Anfang oder Ursprung, daher man sie auch zuweilen Wiegendrucke nennt. Am richtigsten beschränkt man den Begriff d» Jncunäbeln auf die angegebene Periode, weil in dieser die Technik der Buchdruckerkunst in ihren Haupttheilen vollkommen ausgebildet war. Daß Panzer sein Werk bis >5Z6, Maittaire das seinige noch weiter fortführte, kann gegen diese Beschränkung keinen Beweis liefern, da beide Gelehrte mehr die Geschichte der Buchdruckerkunst überhaupt als °>e besondere der eigentlichen Jncunäbeln im Auge hatten. Die Kenntniß der Jncunäbeln >st um so wichtiger, weil sie die zuverlässigsten Urkunden und oft die einzigen Quellen für svecielle Geschichte der Buchdruckcrkunst sind. Außerdem sind viele derselben theils für m Kunstgeschichte durch die beigegebenen Decorationen mancherlei Art, theils in wissen- Mftlicher Hinsicht wichtig und interessant, zu welcher letztem Art vorzüglich die ersten, brni Kritiker wichtigen Ausgaben, die sogenannten editiones principe«, der älter» und neuern Classiker gehören. Folgendes sind ungefähr die Hauptrücksichten, welche den Sammler bei der Auswahl unter denselben leiten: l) Die Vorspiele und ersten Anfänge der Buch- . ckerkunst überhaupt, wohin zuvörderst die xylographischen Produkte und die ersten Valuten wirklichen Drucke gehören, deren Reihe mit Nicolaus' V. Ablaßbriefe von 1454 be- Mnt, obwol das erste mit einem ganz unzweideutigen Datum versehene gedruckte Buch noch immer das Psalterium von 1457 ist. 2) Die ersten Drucke einzelner Länder und C°n».-Ler. Neunte Auff. VII. 27 418 Jncuna-elrr I Orte, welche in der Regel von nicht geringerer Seltenheit sind als die vorigen. 3) Die ersten in einer gewissen Sprache oder mit besondern Typenarten gedruckten Bücher. Die ältesten Drucke haben die sogenannte gothischc Type, etwas später ist der Gebrauch der i runden oder röm., welche in Italien bald die herrschende wurde. Einzelne griech. Worte, nur in Holz geschnitten, erschienen zuerst in Cicero „De ofücüs" von 1-165 und im Lactan- tius desselben Jahres; das erste griech., mit gegossenen Lettern gedruckte Buch war Laskaris' „Griech. Grammatik", welche zu Mailand 1476 erschien, -i) Drucke aus Ofß- cinen, welche wenig geliefert haben, z.B. H. Bechtermünze zu Eltville, Adam Not zu Nom, ! Arnold de Bruxell«, zu Neapel, Kune in Memmingen, sowie aus andern lhätigen Öfsicüien gewisse Arten Bücher,;. B. Mentelin'sche Drucke von alten röm. Classikern. 5) Drucke, in denen technische Vervollkommnungen der Buchdruckerkunst zuerst Vorkommen; so ist „3. Kicker, ziraeceptorinin ckivinse legis" (Köln, Koelhof, 1472, Fol.) das erste gedruckte Buch mit Signatur, der „8ermn !,ll pozmimn praeckicabilis" (Köln, ther Hoernen, i4il>, 4.) das erste mit Blatkzahl, Cicero „De „flicüs" von 1465 das erste in Quart und das „Officium b. iVlariae virgiuis" (Ven., Jenson, 1473, 32.) das erste im kleinsten Formate. Titelblätter erschienen erst seit 1485. 6) Drucke mit den ersten oder sehr vorzüglichen Versuchen, die Kunst zur Dccoration der Bücher anzuweuden. Das erste gedruckte Buch mit , Kupferstichen ist Antonio's da Siena „iVlonte ssnto cki Oio" (Flor. 1477, Fol.). Die vor- ! züglichsten Holzschnitte, von denen besonders der strasburger Drucker Grüninger ein großer Freund war, finden sich in deutschen und ital. Drucken. Vgl. Heller, „Geschichte der Holzschneidekunst" (Bamb. 1823). Auch kann man hierher Exemplare mit ausgezeichneten Miniaturen rechnen. 7) Einzelne Exemplare, welche durch besondere andere Ausstattungen eine vorzügliche Auszeichnung erhalten haben, z. B. Pergamentdrucke, Golddrücke, deren einige bereits das 15. Jahrh. aufzuweisen hat, u. s. w. Von den Pergamentdrucken, welche zu Anfang der Buchdruckerkunst so allgemein waren, daß beiden ersten Büchern die ^ ganze Auflage auf diesem Material abgezogen wurde, und von später», z. B. von der lat. Bibel des I. 1462, die Papierexemplare wenigstens die selteneren sind, werden vorzüglich > diejenigen sehr gesucht, die aus Ofsicinen stammen, welche wenig aus Pergament drucktcn, z. B. Schweynheim und Pannarz zu Nom, von denen man nur sechs Pcrgamentdrucke kennt. Vgl. van Praet, „Oatalo^us ckes livres imprimes sur velii," (6 Bde., Par. 1822 —23 und 4 Bde., 1824—26). 8) Einzelne Collectionen oder Suiten, z. B. die von Alopa zu Florenz 1494—96 mit Kapitälchen gedruckten sechs griech. Werke (die Anthologie, Apollonius Rhodius, Euripides, Kallimachus, die Gnomiker und Musäus), oder die Mailänder griech. Drucke mit einer merkwürdigen runden Schrift, von denen die „Griech. Grammatik" des Laskaris von 1476 der erste und der Suidas von 1499 der letzte ist. Auch werden die Drucke von berühmten Ofsicinen des > 5. Jahrh., z. V. die von Schweynheu» > und Pannarz, welche noch dazu nie starke Auflagen machten und nie die Zahl von 2 , > Exemplare» überschritten, eifrig gesammelt. Was die Hülfsmiltel zur Jncunabelnkunde betrifft, so enthalten Panzer's (s. d.) „^imales t^pngrapbici", verbunden mit seinen „Annalen der älter» deutschen Literatur", die vollständigste Nomenclatur bis 1536. Weit unvollständiger, aber mit etwas mehr Detail ausgestattet und etwas weiter fortgefühn, sind Maittaire's (s. d.) „^muckos t>i>»8r»i>Iiici". Ein recht brauchbares Werk öder die interessantesten Jncunabeln ist Scrna Santander's „Dictinunaire l)ihli<>grr>>>>üc>»e , choisi <9, 15. siecle" (3 Bde., Brüss. 1895—7), welches, zumal von span, und nieder- ^ länd. Jncunabeln, Vieles enthält, was bei Panzer fehlt. Das Hauptwerk aber ist Lud. ! Hain's „Repertorium biblingrapliicuiii, in gno libri omnes ab arte Dpogrspbica m- venta nstjiie ack a«r>. 511). tvpis express! nrckiue al>>habetic<> recenseutur" (2 Bde., Stuttg. 1826—38, 4.). Außerdem findet man gute Beschreibungen von Jncunabelinn den Buchdruckergeschichtcn einzelner Orte, ;. B. in Audiffr cd i's (s. d.) Werken über röm. und ital. Drucke, sowie in denen, welche Panzer von Nürnberg, Sprenger von Bamberg (Nürnb. >799), Denis (s.d.) von Wien, Merkel von Aschaffenburg (AschM-w' 1832) geliefert haben, i» de» Monographien über einzelne Buchdrucker des > 5 . Jahrh-- ! wie Gutenberg, Janßon, Aldus, Giunti u. s. w., und in den Werken über die Jncunaben in einzelnen Bibliotheken, z.B. von Fossi, Dib din (s. d.), Braun, Seemiller, Strauß 8 ki st b, (' l lc L dl ck rr ei ar L T gl cU al dl s- V dl m V he C n> zu ku de s-h dil au in ne P Ml de sie bc C, W üb all >oe M mr de, de, dee er- Oie dir rtc, au- var !ff- om, ' ne» icke, "st ckte > ate. I Ser- ^ mil § vor- oßcr >oh- üm Ml>- >cke, kt», l die . kt. ' stich > tcu, ! ucke 8ü^! von lho- cdit iech. iuch >eim mde imn L-ü . >hrl, ^ über -,»« ^ der- j ?ud. l liu- >de., nin über am- enb. ,rh., - dein zuß Indeterminismus ln,lex 419 Groß, Hupfauer u. A. Namentlich gab die Secularfeier der Erfindung der Buchdrucker- kunstim I. 1840 in Deutschland, das überhaupt die meisten literarischen Hülfsmittel dieser Art besitzt, vielfache Veranlassung, die Jncnnabelnknnde mit tüchtigen Schriften zu bereichern. Dahin gehören Lisch, „Geschichte der Buchdruckcrkunst in Mecklenburg"; (Schwer. 1839); Schwetschkc, „Vorakademische Buchdruckergeschichte von Halle" (Halle >840, 4.); Mohnike, „Geschichte der Buchdruckerkunst in Pommern" (Stett. >840); Häßler, „Buchdruckergeschichte Ulms" (Ulm 1840, 4.); Lappenberg, „Zur Geschichte der Buchdruckerkunst in Hamburg" (Hamb. 181», 4.); Mezger, „Augsburgs älteste Druck- dcnkmale" (Augsb. 1840, 4.); Stockmeyer,und Neber, „Beiträge zur baseler Buchdruckergeschichte" (Bas. 1840, 4.) n. s. w. Vgl. auch L. de Laborde, „Debüts de l'impi-iinei-is ie Htrssbourg" (Par. 1840) und desselben Verfassers „Debüts elk l'imzirimerio üNu^ence et ü Lamberg" (Par. 1840, I.). Zndeterminismns ist die philosophische Ansicht, welche behauptet, daß dieWillcns- acte des Menschen durch keine Ursachen und Motive bestimmbar sind, daß vielmehr der Mensch, ohne Grund, ja sogar trotz der entgegenstchenden Motive auch das Gegentheil von Demjenigen wollen könne, was er wirklich will. Die Willensactc erscheinen demnach, gleichviel ob man den Indeterminismus als sogenannte Freiheit der Willkür (liberlas aegmlibrii oder indilk'erentiae) oder als transscendentale Freiheit auffaßt, als Zufall, d. h. als unabhängig von jedem Causalzusammenhange. Über die falsche Ansicht, als ob ein indeterministischer Freihcitsbcgriff die nothwendige Voraussetzung für die Sittlichkeit sei, (.Freiheit und Determinismus. Illäex oder Index librnrum prokikitn r»IN heißt das Verzeichnis; derjenigen Bücher, welche die katholische Kirche wegen der angeblich darin enthaltenen Irrlehren oder der den Verfassern derselben zngeschriebenen ketzerischen Meinungen überhaupt und namentlich den Laien verboten hat. Schon in der frühem Zeit der Kirche gab es solche Beifügungen, z. B. das Verbot der Kirchenversammlung zu Karthago im I. 400 gegen heidnische Bücher und das der Schriften des Anus durch Kaiser Konstantin. Auch die Schriften der Vorläufer der Reformation wurden von der röm. Hierarchie streng überwacht, und es verbot z. B. im I. l 408 die Synode zu London, die Schriften von Wicliffe zu lesen, die nicht vorher approbirt mären. Als sich nach der Erfindung der Buchdruckerkunst die Zahl der Bücher mehrte, war man nur um so eifriger bedacht, die Verbreitung derjenigen Schriften zu hindern, welche dem Interesse der röm. Kirche nachtheilig zu sein schienen (s. Cen sur), und nach der Reformation suchte man alle die neue Lehre verthei- digenden Schriften geradezu zu unterdrücken. So ließ die Universität zu Löwen >540 auf Befehl Karl's V. ein Verzeichnis für gefährlich geachteter Bücher drucken, das > 550 in einer neuen Ausgabe erschien- Ähnliche Verbote erschienen ziemlich gleichzeitig zu Venedig, Paris, Köln und anderwärts. Bereits >557 und dann wieder > 559 ließ Papst Paui lV. durch die Inquisition in Rom ein Verzeichniß der verbotenen Bücher bekannt machen, welches der erste eigentliche röm. Index ist. Gleichzeitig im 1.1558 verbot er auch den katholischen Theologen und den Gelehrten überhaupt das ihnen früher von den Päpsten und von der Inquisition gestattete Lesen ketzerischer Bücher. Während früher nur ketzerische Bücher verdammter Schriftsteller verboten wurden, zerfiel der Index nun in drei Claffen. In der ersten standen die Gelehrten, selbst der katholischen Kirche, deren sämmtliche Werke verboten waren; in der zweiten die verbotene» Werke derjenigen Schriftsteller, deren übrigen Bücher nicht verboten waren, und in der dritten die anonymen Werke, namentlich alle seit 1519 erschienenen Bücher dieser Art. Auch unterlagen dem Verbote alle Bücher, ^vnn die Rechte der weltlichen Obrigkeit gegen die Geistlichkeit und das Ansehen und die Macht der Bischöfe und der Concilien im Gegensätze zu dem päpstliche» Stuyl vertheidigt wurden; ja die Inquisition wollte sogar alle von 62 namentlich angeführten Buchdruckern »erlegte Schriften nicht gelesen wissen. Zugleich wurden scharfe Strafen für das Lesen der »erbotenen Bücher bestimmt, z. B. Amtsentsehung, Infamie u. s. w., überhaupt die Strafe »es großen Bannes, der sogenannten exvvmmunicatin Istse sententise. Eine geregeltere o°nn erhielt der Index durch die Kirchenversammlung zu Trient, nachdem derselbe wegen 420 Indiana Indikativ seiner Strenge und Härte von Pius IV. widerrufen worden war. I» der 18. Sitzung (1562) ernannte die Kirchenversammlung einen Ausschuß, der das Verfahre» gegen kctze- ^ rische Bücher bestimmen und ihm darüber Bericht erstatten sollte. Das Ergcbniß der Ar- > beiten dieses Ausschusses war aber so umfassend, daß die Kirchenversammlung in ihrer letzten Sitzung beschloß, diese Angelegenheit dem Papste zur Erledigung zu überlassen. Pius IV. genehmigte nun 1564 durch eine Bulle das Verzeichniß der zu verbietenden Bücher, und so entstand der sogenannte „Index rincipa»x livre» condainnö« »u len, nuzapriines c>n censnres" (2 Bde., ^ Par. 1806), und Mendham, „Account c>f tll« indices, botll prollibitor^ snd expurga- tor^ ok tlie cllurck ok Rome". Indiana, einer der Vereinigten Staaten von Nordamerika, zwischen Michigan, Ohio, Kentucky und Illinois, kam schon 1783 unter den Schuh der Union und wurde, nachdem die Pflanzer seit 1795 von den Eingeborenen das Land am Wabasch erkauft hatten, 1810 in den Bund ausgenommen. Der Name bezieht sich auf die ehemals dieses Land bewohnenden zahlreichen Jndianerstämme. I. hat einen Umfang von 1840 mM. und zählte 1840 685866E., worunter 7000 Indianer. Das Klima ist gemäßigt, der Himmel stets heiter und der Boden für alle Producte des Mittlern Amerika geeignet. Steinkohlen und Salzquellen sind in Menge vorhanden. Zum Kongresse sendet der Staat zwei Senatoren und fünf Volksvertreter. Die Hauptstadt istJndianopolis am White mit 1200 E.; andere wichtige Orte sind New-Albany, mit 4300 E.; VincenneS am Wabasch, mit 2000 E.; New-Harmony, eine schöne, von Rapp 1815 begründete Stadt, in einem unfern vom Flusse Wabasch gelegenen Thale, in deren Nähe Owen (s. d.) eine Kolonie errichtete, in der er sein System einzuführen gedachte, die sich aber >826 auflöste; Vevey am Ohio, von Auswanderern des schweiz. Kantons Waadt angelegt, weshalb auch die Ge- j gend Schweizerland genannt wird; Blomington, mit dem College, und Clarkeville, gegründet vom General Clarke auf den ihm vom Kongresse für seine Dienste geschenkte» 150000 Morgen Landes. Indikativ (lat.), eigentlich die bestimmt anzeigende Form, heißt in der Grammatik derjenige Modus des Zeitworts, durch welchen der Gedanke als gegebene oder gesetzte Wirklichkeit, also objectiv und unabhängig von der Ansicht des Subjects dargestellt wird, im Gegensätze zum Conjunctiv, der den Begriff des Möglichen, Unbestimmten und Jndnecten enthält. Mithin wird durch ihn einem Subjecte ein Prädicat als wirklich zugehörig beigelegt oder abgesprochen, z.B. „Alle Menschen sind sterblich" u.s. w. Übrigens ist diese Forw i sehr verschieden in den Sprachen ausgeprägt und gewöhnlich in der Endung zu erkennen, auch schließt sie häufig zugleich Person, Zahl und Geschlecht mit ein. Jirdicienbcweis IndifferenLismuS 421 Jndicienbeweis, s. Anzeige. Jndiction oder Römer ZinSzahl nennt man die Art, die Jahre zu zählen, zu welcher das Ansagen oder die Jndiction gewisser den Römern unter Kaiser Konstantin dem Großen aufcrlegtcn, aller 15 Jahre zu entrichtenden Steuern oder Zinsen die Veranlassung gab. Die Jndictionen heben mit dem I. 313 n. Chr. an und umfassen immer eine Zeit- Periode von 15 Jahren. Wenn man diese Zeitrechnung auf die Geburt Christi zurückführt, so fällt diese in das dritte Jahr einer Jndiction. Demnach muß man, um die Jahre v. Chr. Geb. nach Jndictionen zu berechnen, zu der betreffenden Jahrszahl erst noch 3 hinzufügen und dann das Ganze mit 15 dividiren, wo der Rest dieJndiction ergibt, und wenn kein Rest bleibt, so ist 15 dieJndiction. DieJndiction ;. B- für dasJ. 1835 ist 3 und seit Chr. Geb. sind 123 Jndictionen verlaufen. Die Jndiction wurde sehr frühzeitig und das ganze Mittelalter hindurch in allen öffentlichen Schriften der gewöhnlichen Jahrzahl hin- -»gefugt; sie begann anfangs mit dem 15. Sept., unter den später« grirch.Kaisern mit dem l.Sevt., und dann zufolge einer päpstlichen Verordnung mit dem I. Jan. (päpstliche Jndiction). In Urkunden und Notariatsinstrumenten kommt sie, angeblich um Fälschungen vorzubeugen, selbst noch in neuerer Zeit bisweilen vor, weshalb sie auch in den Kalen- dein angegeben wird. Indien nannten die Griechen und Römer das ihnen ferne, bis auf die Zeit Alexander des Großen fast ganz unbekannte Land jenseit des Indus,-welches schon für die Phöni- zier, Karthager und Ägypter der Zielpunkt ihres Handels war. Erst durch die Eroberun- gen der Perscrkönige und durch die Züge Alexander's und des Seleukus Nikator erhielten sie genauere Nachrichten über dieses Land. Nach dem Untergange des röm. Reichs, vor- züglich aber durch die Herrschaft des Islam in Asien, hörte die unmittelbare Verbindung Europas mit I. fast ganz auf, und die Europäer erhielten die ind. Maaren nur aus der zweiten Hand, theils über Ägypten, thcils auf einem langen Karavanenwege durch das innere Asien. Dieser Handel war von der Levante aus in den Händen der Venetianer und Genueser, bis die Portugiesen l 398 den Seeweg nach I. entdeckten. Seitdem erhielt das eigentliche I. den Namen Ostindien (s. d.). Der Name Indien kommt ohne Zweifel her von dem Volke der Hind us (s. d.), als dem bedeutendsten und den Alten bckannntesten jener Gegenden. Doch umfaßten sie mit diesem Namen nicht blos das eigentliche Hindo- stan, sondern alle jenseit deS Indus liegenden Länder, welche sic in die Inclia intra 6anxein (das Land zwischen Indus und Ganges sammt der Halbinsel Dekan und der Insel Ceylon) und in die Inclia extri» 6angein (das heutige Hintcrindien sammt dem entfernten Serie«, China) thcilten, eine Eintheilung, die bis auf den heutigen Tag geblieben, und wenn auch nicht wörtlich richtig (denn der Ganges macht nicht die Grenze zwischen Vorder- und Hin- kcrindicn), doch ihren Grundzügcn (der Unterscheidung der beiden Halbinseln) nach bleibend begründet ist. Die Eingeborenen J.'s haben kein entsprechendes Wort für den Län- dcrcomplex, den wir mit diesem Namen bezeichnen; das eigentliche Land der Hindus wird von ihnen mit dem Namen Dschambu-Dwipa, d.i. Insel des Dschambubaums, bezeichnet. (S. auch Indisch e Kunst, Ind ische Religion und Indische Sprach en.) Später wurde der Name Indien auf die Inseln vor dem Mexikanischen Meerbusen übcrgetra- gen. (S. Wcstindicn.) Jndifferentismus bezeichnet diejenige Denkungsart, welche in Rücksicht auf die Wahl zwischen mehren verschiedenartigen Gegenständen der Beurtheilung, des Glaubens oder der Neigung unentschieden bleibt und den Werth dieser Gegenstände dahingestellt sein läßt, weil sie für keinen derselben eine überwiegende Neigung hat oder überhaupt keine Kenntniß davon nimmt. So gibt cs einen politischen, philosophischen, religiö- sin und moralischen In differentismus. Kein gebildeter Mensch wird sich jedoch den Mangel an aller Theilnahme für die Sache des Rechts und der Wahrheit, die immer »uv Eine ist, verzeihen; ja in Sachen des religiösen Glaubens und der moralischen Überzeugung kann man ohne strafbare Gleichgültigkeit gegen das Heiligste weder ganz indifferent nvchirgend neutral bleiben. Jener vornehme JndifferentismuS, welcher es unter der Würde hält, in die Wissenschaften cinzugchen, deren Anbau das Verdienst eines gerin- gtw Standes ist, verdient mindestens den Vorwurf der Inhumanität. Den Jndiffe- 422 Jndiffcrenzpunkt Indigestion rentismus der Unkunde in Dem, was allen Menschen wichtig ist, muß man bemitlei- den, wenn er von Trägheit und Unfähigkeit des Geistes, über den Kreis der sinnlichen Er- , fahrung hinauszugehen, herrührt; von ihm kann man noch den I ndiffercntismus ' derGesinnungslosigkcit unterscheiden. Mit den Äußerungen des moralischen J„> differentismus darf man aber nicht verwechseln die Unparteilichkeit des Geschichtschreibers, > welcher, um treu und unbefangen zu bleiben, der eigenen Meinung keinen Einfluß auf seine ! historischen Darstellungen »erstattet; sowie die Behutsamkeit und Selbständigkeit des Eklektikers, der das Beste, wo er es findet, anerkennt; ferner die freilich an den religiösen Jndiffcrentismus streifende Liberalität des Synkretisten, welche die Abweichung der verschiedenen Religionen voneinander für außerwesentlich und unschädlich erklärt; und endlich die Ansicht des sogenannten Latitudinarier(s. d.). Am bedauernswürdigsten ist der totale In differentismus, wo man überhaupt nichts mehr liebt oder haßt ; denn mit der warmen Theilnahmc für oder wider irgend Etwas stirbt auch das Leben und die That- kraft selbst ab. Endlich bezeichnet Jndisferentismus auch in Hinsicht der Lehre von der Freiheit die Annahme einer Indifferenz des Willens oder einer unbedingten Unab- hängigkeit von Bestimmungsgründen. (S. Jndeterminis mus und Freiheit.) Zndifferenzpunkt nannte die Schelling'schc Jdealitätsphilosophie den Punkt, in welchem kraft der intellectucllen Anschauung die Gegensätze und Unterschiede des Subjecti- ven und Objectiven, des Realen und Idealen, der Natur und des Geistes als idealisch erkannt werden sollten, und von welchem herabsteigcnd die Reflexion die Entwickelung dieser Gegensätze aus der absoluten Einheit und Identität zu verfolgen habe. (S. Schell ing.) — Magnetischer Jndifferenzpunkt heißt gewöhnlich der in der Mitte zwischen dem Nord- und Südpol eines Magnets liegende Punkt, wo gleichsam die beiden polaren Hälften des Magnets zusammcnstoßen und keine Anziehung stattfindet. Bei der Voltäschen Säule, deren eines Ende positive, das andere negative Elektricität zeigt und bei jedem längern durch Verthcilung elektrifirten Körper gibt es in der Mitte einen Punkt, wo keine elektrische Spannung stattfindet, und dieser Punkt ist ein elektrischer Jndiffe- t rcnzpunkt. ' Jlldigönat oder Jncolat, heißt das durch Geburt erlangte Recht an einen Staat, Mitglied desselben zu sein, an allen Vortheilen desselben Theil zu nehmen, Staatsbürgerrechte zu erwerben, Güter zu besitzen, Ämter und Würden zu erlangen, welchem dann auch die Pflicht gegenübersteht, dem Staate seine Kräfte zu widmen, zu den Staatsabgaben beizutragen und vornehmlich zur Landesvertheidigung ordentliche und außerordentliche Kriegsdienste zu leisten. DasJndigenat wird auch Fremden verliehen (s. Naturalisation) und ist verwandt, aber doch nicht ganz eins mit dem Heimatsrecht (s. d.), indem sich das letzte mehr auf den einzelnen Ort als auf den ganzen Staat bezieht, und man Landeseinge- borencr sein kann, ohne darum Heimatsrechte an einem bestimmten Orte zu haben. Indigestion bezeichnet im weitern Sinne jede Störung der Verdauung, im engem jedoch nur eine solche, die aus Überfüllung des Magens oder aus Aufnahme unverdaulicher Stoffe in denselben entspringt. Die gewöhnlichern Erscheinungen in den lehtern Fällen sind allgemeine Unbehaglichkeit mit Gefühl von Schwere im Magen, Mangel an Eßlust, Ekel vor Speisen, die vorher mit großem Appetite genossen worden waren, Durchfall und Erbrechen; im höhern Grade kommen noch Beengung der Respiration mit dadurch gestörter , Circulation des Bluts und Symptome der Mitleidenschaft des Gehirns hinzu, welche sich i vom Kopfschmerz bis zu Ohnmacht und Schlagfluß steigern können. Die Empfänglichkeit für diese Äffection des Magens ist bei verschiedenen Individuen verschieden, wobei theils Das, was man im gewöhnlichen Leben einen guten nnd einen schlechten Magen nennt, also überhaupt die größere oder geringere Verdauungsfähigkeit des Magens, theils die häufigen der Magenschleimhaut und den Magenncrven eigenthümlichcn Idiosynkrasien als ursächliche Momente zu betrachten sind. Bei einem übrigens gesunden Menschen wird eine Indigestion meist von der Natur selbst durch Erbrechen oder Durchfall, sowie durch gewöhnliche Hausmittel bald beseitigt. Ändcrs verhält cs sich bei Kranken, welche Indigestionen > sehr sorgfältig zu vermeiden haben, theils weil sie bei ihnen leichter entstehen, theils weil sie viel schlimmere Folgen, besonders in Bezug auf die Krankheit, haben können und nicht so i Indigo Indische Knnst 423 leicht wie bei Gesunden durch die Natur oder die Kunst sich heben lassen. Ist die Anlage zu Indigestionen so stark, daß auch leicht verdauliche Speisen in geringerer Menge nicht vertragen werden, so nennt man dieses zur vollen Krankheit gewordene Übel Dyspepsie und im höchsten Grade Apepsie. Indigo, ein bekannter schön blauer Farbestoff, wird aus mehren Arten des Pflanzengeschlechts Inciigolera gewonnen. Besonders sind es siitlignier-r ^nil in Westindien aus den Antillen und lntliAolera tinctoriu in Ostindien, namentlich in der Provinz Ti- nevelly in der Präsidentschaft Madras, welche Indigo liefern; aber auch IiickiFofora->r- ßenteu n. a. m. enthalten diesen Farbcstoff. Man bereitet in Indien und Amerika diese Substanz, indem man die Indigopflanzen in Gruben mit Wasser einige Zeit maceriren laßt. Har sich das Wasser grün gefärbt, und beginnt die Gährung, so gießt man cs ab und vermischt es mit Kalkwasser, worauf sich dann der blaue Indigo absetzt, den man nun auf verschiedene Weise reinigt. Der Indigo besteht in seinem reinsten Zustande, in welchen er durch Sublimation gebracht wird, aus purpurfarbenen, metallisch glänzenden, zusammcn- gedrückten, vierseitigen, rechtwinkeligen prismatischen Krystallen. Der in größer«, meist viereckigen Stücken im Handel vorkommende Indigo zeigt, wenn er gut ist, auf seinen muschligcn Bruchflächen einen purpurgoldigcn Metallglanz. Durch eine geeignete Behandlung mit Schwefelsäure wird der sogenannte blaue Karmin (s. d.) erhalten. Die Benutzung des Indigo zur Färbung der Wolle und der Tuche hat ihn zu einem bedeutenden Handelsartikel gemacht. Es findet sich diese eigenthümliche Substanz des Pflanzenreichs, die Döberciner als ein Pflanzcnmetall betrachtet, auch noch in mehren andern Gewächsen aus der Familie der Hülscngewächse (^eguminosse), sowie aus der der Apo- cyneen; ferner im Waid und im tinctorimn und cüiiiense. Daß der Indigo schon vor 2000 Jahren in Gebrauch gewesen sei, hat man zufolge einer Stelle des Plinius angenommen; doch ist es sehr wahrscheinlich, daß das bei ihm verkommende inüicnm bloß eine Malerfarbe sei. Dasselbe gilt von einer Stelle in einer Urkunde vom I. l >03, wo ebenfalls das Wort inüicim vorkommt. Zn der Mitte des >6. Jahrh. wurde der Indigo durch die Holländer ans Ostindien nach Europa gebracht, doch erst zu Anfänge des >7. Jahrh. allgemein bekannt. Aus der Provinz Tinevclly bezogen die Engländer >830 gegen 32000 Kisten, und in Bengalen allein werden jährlich im Durchschnitt neun Mill.Pf. Indigo gewonnen. Indisches Feuer oder Bengalisches Feuer, besteht in einer Mengung von Schwefel und Salpeter, die entweder bei dem Schmelzen des erstern, oder auch in Staub- form beider bewirkt wird. Auch setzt man noch andere Materialien, z. B. Antimon, Arsenik u. s. w. hinzu. Die außerordentlich Helle, fast ganz ungefärbte, weiße, kräftige Flamme dieser Mengung macht sie zu einem wesentlichen Thcile der Lustfeuerwerkc (s.Feuerwerk); wichtiger aber ist ihre Anwendung als Signalfeuer (s. d.). Indische Knnst. Wie in der Literatur (s. Sanskrit), so entwickelte der Inder auch in der Kunst eine reiche Phantasie, welche hier freilich in ihrer Unbändigkeit alle übri- gen Bedingungen des Kunstlcbens sich nnterordnetc und im Gegensätze der ägypt. Kunst ihre Schöpfungen in gesetzloser Willkür zu einem wirren, wenn auch einzelne Schönheiten bergenden Chaos zusammenfügte. In dem ind. Volksleben lassen sich zwei Blütcperioden erkennen; die eine etwa >500— 1000 v. Ehr., der wahrscheinlich auch die größcrn Grot- tcntcmpel angchören; die andere in den letzten Jahrhunderten v. Ehr. Geb. Die bedeutendsten, auch wol die ältesten Monumente der ind. Architektur sind die im westlichen Thcile von Dekan, etwa zwischen Goa und Surate gelegenen Grottenbauten, nämlich die Grotten von Carli undMhar, die Tempel aus den Inseln Salsette und Elcphante (s.d.) bei Bombay, die Grottcntempcl der Pandu Lena, endlich die Riesenbauten von Ellora (s d.) und die Grotten von Adjunta. Dieselben bestehen theils aus wirklichen Felsengrotten, theils aus freistehenden Bauten, welche indcß nicht aus einzelnen Steinen errichtet, sondern aus dem harten Fclsgcstcin frcigemeißclt und ausgespart sind. Gewöhnlich sind cS Grotten, viereckig, auf vielen Pfeilern ruhend, gegen vorn offen und auf einen freien Vorhof mit Säulenhallen ausmündend; Hinte» findet sich, von einem Gang umgeben, ein Hci- llgthum als Cella ausgcspart-. Die Pfeiler sind meist bis zu einer bedeutenden Höhe vier- 421 Indische Kunst eckig und verwandeln sich dann in einen sehr kurzen cannclirten Säulenschaft, der als Ca- pitäl einen gedrückten Wulst und über diesem einen cubischen Aufsatz mit Consolen trägt; , darauf erst folgt die Decke mit architravähnlichen Streifen. Diese Stützen sind vielleicht ! das künstlerisch Reinste, was die ind. Architektur geschaffen hat und drücken das Tragen einer Ungeheuern Last vortrefflich aus, obwol sie 'auch an den ind. Freibanken in derselben Gestalt wiederkehren. Bisweilen finden sich auch blos dicke vierseitige Pfeiler, während an andern kräftiges Laubwerk dieAbstumpfung des Pfeilers zur Säule bezeichnet. Doch zeigt sich schon an diesen Freibauten große Willkür; ganze Tempel ruhen auf dem Rücken von Elefanten und das Detail ist nach freiester Phantasie zum Theil in wunderlich geschweiften Formen gebildet. DaS Kolossalste ist der aus einem einzigen Steine gearbeitete riesige Kailasa in Ellora; ein tief in den Felsen von oben herab ausgehöhlter Hof, in dessen Mitte ein gro- j ßer Tempel mit Brücken, Pyramiden und sonderbar abgestuften Obelisken ausgespark ist. Neben diesen der brahminischen Religion angehörenden Bauten finden sich daselbst auäi Felstempel und Freibauten aus der buddhistischen Periode, die sich von den erstem durch runden Abschluß, tonnengewölbartige Decke und geschlossene Vorderseite unterscheiden. Unter ihnen sind die Dagops besonders merkwürdig, welche aus einem cylindrischen Untcr- satz und einem halbkugelförmigen Abschlüsse bestehen. Letzterer soll die dem Buddhismus geläufige Vergleichung des Menschen mit der Wasserblase versinnlichen; das Innere enthält in einem sehr engen cylindrischen Raume Reliquien. Der berühmteste buddhistische Tempel ist der des Wiswakarma in Ellora. Andere sehr merkwürdige Grottentempel finden sich in dem Hochlande von Dekan und an der Ostküste. Die erstem, unweit der Stadt Baug, erinnern durch ihre starkenNundsäulen ohne den cubischen Untersatz und mit einem dem dorischen ähnlichen Capitäl an die griech. Kunst und gehören wol in der That der Periode an, in welcher die Herrschaft der Diadochen, nach Alexander's Tode, bis über den Indus griech. Bildung verbreitete. Kaum älter mögen die Monumente an der Ostküste sein, z. B. die der prachtvollen, jetzt ganz verlassenen Stadt Mahabalipuram, eine Stunde von Madras, gewöhnlich die sieben Pagoden genannt. Endlich folgt eine große Anzahl neuerer j; Freibanken, zumal an der Ostküste, welche bis auf die Zeit der Mongolcneinfälle herabrci- chen. Diese sind die eigentlichen Pagoden (s. d.). Die Grundform der eigentlichen Tempel selbst ist eine mehrfach'abgestufte Pyramide, welche mit einer Kuppel schließt; die einzelnen Absätze sind meist mit ausgeschwungenen Dächern, kleinen Kuppeln und wunderlichen Pilastern und Gesimsen, sowie mit zahllosen Sculpturen verziert. Durchweg hat die Decoration die Grundform überwuchert und durch Schnörkel unkenntlich gemacht; besonders ist Anwendung und Ausbildung der Gesimse bis ins Widersinnige gesteigert. Eine der glänzendsten Pagoden ist die zu Dschagarnat in Orissa, die erst 1198 n. Ehr. vollendet wurde. Noch neuer, erst 1623 begonnen, ist der ungeheure Hauptsaal des PilgerhospitiumS von Madura, dessen architektonische Glieder schon zum Theil aus Thier- und Menschenfor- ^ men bestehen. Noch in dieser späten gedrückten Epoche der Moguls war das Volk andächtig genug, um das Hinaufschaffen der kolossalen Deckplatten auf die Pfeiler so zu ermöglichen, daß zuerst der Raum mit Erde aufgefüllt, dann die Platten auf der schiefen Erdstäche hinaufgeschafft und endlich die Erde wieder hinausgetragen wurde. In den ind. Ci- vilbautcn herrscht oft noch große Pracht; doch ist von den alten Königsresidenzen, mitAuS- nahme der Trümmer von Audh, fast nichts erhalten, da sie, zumal in dem Eangeslande, j von den Sultanen und Moguls als Steinbrüche für ihre zum Theil sehr prachtvoll im arab. Stile aufgeführtcn Gebäude benutzt wurden. Gleichwol ist die Tradition der ccbtcn ! einheimischen Baulehre gegenwärtig noch nicht erloschen, wie dies des Nammohun Roo, eines gelehrten Brahmanen, „Lss»)- on tl»e -n-ckitecture «5 tbe Hindus" (Lond. > 83H de- ^ weist, der ein lautes Zeugniß von der äußersten Verwilderung dieser Arcbitektur gibt. Die Sculptur und Malerei der Inder fanden in der überreichen Mythologie derselben einen zwar der Masse nach unerschöpflichen, aber durch die willkürliche Phantasterei und Symbolik der Volksanschauung sehr ungünstigen Stoff. Denn der Künstler welcher beständig vier- bis zwölfarmige und dreiköpfige Gottheiten darzustellen hat, wird schwerlich die Erscheinungen des wirklichen Lebens gründlich erforschen. Gleichwol dürft" . wir den Indern das Zeugniß nicht versagen, daß sie die großenthcils nackten, doch mit reicht Lü si- ha jei eil Ük N ra de S er! ur Ei wi tu n. lie w wi ex ä( lie w! m «e A S- »l ar ii« W III de he he ga D zü s°! wi Zi sie ßö N, re; >v! he liö S-! im a- t; h- cn m m ch n- r- sa o- ». ä, ch n. r- IS !k- hc u- dt m c- li> n, »i er u< a- li- ie »< re ct iS r> z- d- i> ö> c, m 'N o, e- ir >- r, :d n i- Indischer Occan Indische Religion 425 chem Schmuck versehenen Körper oft in edeln Verhältnissen und mit großer Weichheit der E Linien gebildet haben. Selbst ihre lächerlichsten Göttergestalten zeugen, daß ihrer Phanta- 1 sie sich das Geschöpf gewissermaßen als ein harmonisches Ganze dargestellt habe. Leider hat die Zusammensetzung eines Körpers aus so verschiedenartig symbolischen Theilen, deren jeder seine Bedeutung hat, die wahre Darstellung der großen göttlichen Eigenschaften an einem rein menschlichen Körper, mittels des höhern Ausdrucks, auf immer verhindert. Übrigens sind nur die älter» ind. Sculpturen, säst lauter Hautreliefs, von künstlerischem Geiste durchdrungen; die neuern werden zusehends lebloser und versinken in die widerlichste Monstrosität. Unter jenen werden die Reliefs von Elephante, Ellora und Mahabalipu- ram am meisten gerühmt. Von den altind. Gemälden in einigen Erottentempeln, z. B. in i dem von Adjunta, ist noch nichts nach Europa gekommen. Dagegen fanden sich mehre Sammlungen ind. Miniaturen aus neuerer Zeit, zum Theil in Manuscripten. Dieselben erheben sich oft zu einer gewissen Anmuth, wenn sie Scenen des täglichen Lebens darstellen und stehen in Freiheit der Zeichnung und im Ausdrucke ungleich höher als die chinesischen. Es kann nicht befremden, daß die ind. Kunst auch für die benachbarten Länder maßgebend wurde. So sind die Stupas oder Topes in Kabulistan nichts als eine reichere Umgestaltung der buddhistischen Dagops in Indien, und zwar aus den ersten sechs Jahrhunderten n. Ehr. Derselben Epoche gehören die beiden Kolosse von Bamiyan an, stehende Hautrelieffiguren in Nischen an einer Felswand, die eine I2ü F. hoch. Später ist der Dagop noch reicher und schwülstiger umgebildet in den Prachtbauten von Ceylon, Nepal und Java, welche zum Theil erst dem ganz späten Mittelalter angehören. Vgl. Daniell, „He 8mw nördlichen Indien ihren Sitz gehabt zu haben scheint, aber nachher auch weiter sich ver- 426 Indische Religion , breitete. Siva führt die Beinamen Jswara, d. i. Herrscher, Mahädcwa, d. i. großer Gott, Rudra, d. i. Fürchterlicher, Sthanu, d. i. Standhafter, u. s. w. Er wird dargestellt mit weißer Hautfarbe, drei Augen, vier Armen und einen Dreizack tragend, zur Bczeickiumg t seiner Herrschaft über die drei Welten. Symbole desselben sind der mit der Spitze nach oben ! gekehrte Triangel welcker die Flamme andeutet, und der Linga oder Phallus ss. d.) ^ zurBezeichnung der belebenden, zeugenden Naturkraft Siva'S. Seine Gattin erscheint in verschiedenen Gestalten und heißt baldBhawani, d.i. Natur, baldParwvati, Tochter des Berges, weil Siva im Gebirge wohnt; bald Durga, d. i. Schwcrnahbare, bald Kali, d. i.Zcit, als schreckliche Zerstörerin des Weltalls. Abtheilungen der Sivaitcn sind die Saktas, welche vorzüglich die Bhawäni oder weibliche Naturkraft, die LingiS, die den Linga oder die männliche Naturkraft, und Diejenigen, welche den Siva als Ardhanan, d. i. Mannweib oder als männliche und weibliche„Kraft in sich vereinigend verehren. Vishnu, d. i. der Durchbringer, wahrscheinlich der Äther, als belebendes Princip des Weltalls, ist der Hauptgegenstand der Verehrung der Neligionspartei der Vishnuiten, welche gegenwärtig die weitverbreitetste in Indien zu sein scheint. Vishnu hat einen mildern Charakter als Siva. Auch er führt zahllose Beinamen; einer der häufigsten ist Hans, d.i. der Grüne; wie er denn auch dunkelblau oder grünfarbig dargestellt wird. Ein Hauptattribut desselben ist die Lotosblume (s. d.). Oft scheint unter Vishnu auch das Wasser gedacht zu sein, und hierauf bezieht sich vielleicht sein Symbol, der Triangel mit der Spitze nach unten ^7, als Zeichen des Wassers. Seine Gattin heißt Sri, d. i. Glückseligkeit, oder Lakschmi, d. i. Schön- ^ heit. Die Verehrung desselben scheint besonders bei dem gebildetem Theile des Volks Eingang gesunden zu haben, und der größte Theil der ind. Literatur ist von Vishnuiten ge- ^ schrieben. Der den Vishnu betreffende Mythenkreis erzählt vorzüglich die Verkörperungen desselben oder seine körperlichen Erscheinungen in der Welt, Awatara, d. i. Hinabsteigung, genannt, welche er annahm, um das Böse zu überwältigen, und mit denen die Puranas i sich viel beschäftigen. Die zehn berühmtesten Verkörperungen desselben sind die als Fislb, bei der großen Flut; als Schildkröte, bei der Aufsuchung des Unsterblichkeitstranks; als v Eber, bei der Tödtung des Riesen Hiranjakscha; als Mannlöwe, bei derTödtung des Riesen Hiranjakasipu; als Zwerg, bei der Überwältigung des Tyrannen Mahabali ; als Held Balarama oder Parasuräma, bei dem Kriege gegen die Kschatrijas oder den Kriegerstand; als Held Ramatfchandra oder Rama, bei dem Feldzuge gegen den Tyrannen Rawana auf Ceylon; als Gott Krischna, d. i. der Blaue, in welcher Verkörperung er die Nymphe Ra- dha liebt und den Drachen Kalija tödtet; als Buddha oder Stifter des Buddhismus, und als Kalki, d. i. der Böse, welche Verkörperung noch zukünftig ist und in der er, auf einem weißen Rosse reitend, erscheinen wird, um die Welt zu zerstören und alle Seelen von der Sünde zu befreien. Diese Verkörperungen enthalten thcils physische und religiöse Ideen, theils historische Sagen. Unter dem Namen Dschagan-nätha, d. i. Weltherrscher, wird Vishnu auf der Küste Koromandel und anderwärts verehrt. (S. Dsch agarnat.) Auch werden Brahma, Siva, Vishnu bisweilen unter dem Namen Trimürti, d. i. der Gcstaltigc, vereinigt dargestellt. Neben ihnen erscheint im Volksglauben und in den Sagen der Dieter noch eine große Anzahl Unkcrgötter, welche meist Pcrsonificationen physischer Gegenstände sind. Dahin gehören zuvörderst die acht Wclthütcr, Indras, d. i. das sichtbare Firmament, Agnes, d. i. das Feuer, Jamas, d.!. die Unterwelt, Sürjas, d. i- die Sonne, Wo- , runaS, d. i. das Wasser, Wajus, d. i. der Wind, Prithive, d. i. die Erde, und Somas,d.i. der Mond; ferner Kartikejas, der Bote der Götter und Führer der Heere; Ganesas, der Gott der Klugheit und Gelehrsamkeit; Kamas, der Gott der Liebe, und Gang«, die Nympbe des Ganges. Diesen folgt eine lange Reihe Halbgötter, Dämonen, heilige Wesen und Helden; z. B. die Gandharwas oder himmlischen Sänger, die Apsarasas oder himmlischen Nymphen, die JakschaS oder Schahhüter im Gebirge, die NäkschasaS oder Kobolde und die Kinnaras oder Waldmcnschen. Die äußere Verehrung dieser Götter bestand und besteht noch gegenwärtig bei den Indern in Opfern, Gebeten, Abwaschungen, Wallfahrten zu be>- legen Orten und Büßungen. Doch herrscht hierin in den verschiedenen Landschaften «nd Städten große Verschiedenheit; sowie denn auch an den einzelnen Orten bald dieser, da ^ jener Gott vorzugsweise verehrt wird, und zwar bald in dieser, bald in jener speciellen Dar- ; l ci ö h 1 b t« S st 8 si a d a e> 2 § st 2 h b d I 8 ei li n 8 L E 8 VI s- gl ei bi »I n a » Ü ai zi E >v -h ai u ei dl Indische Sprachen 427 iellung und Form. Übrigens ist die politische Eintheilung der ind. Bevölkerung in Prie- jer, Krieger, Gewerbsleutc und Diener, und in eine große Anzahl Unterstände, mit den religiösen Mythen enge verknüpft und durch dieselben geheiligt. 3) Der Buddhismus oder die Lehre des Buddh a (s. d.). 4) Die Religion der Dschinitcn oder der Anhänger des Dschina, die eine Abzweigung des Buddhismus zu sein scheint. Etwa im 5. ! Jahrh. n. Ehr. entstanden, scheint sie vom 8.—11. Jahrh. im südlichen Indien weitverbreitet gewesen zu sein, wo noch gegenwärtig ihr Hauptsih ist. Prachtvolle alte Marmor- tempel der Dschinitcn findet man besonders in der Provinz Guzurate und den Staaten der Radschputs. Sie nehmen die ind.Göttcrwelt an in Art und Weise der Vishnuiten; hauptsächlich verehren sie ihre 24 ältesten Lehrer, Tirthakäras, d. i. Reinmachcr, genannt und Bildsäulen derselben sind in den Tempeln ausgestellt. Das Ansehen der Vedas verwerfen sie; doch lesen sie die Puranas. Ihre heiligen Bücher sind zum Theil in der Prakritsprache abgefaßt. Gleich den Buddhisten empfehlen sic ein schuldloses und asketisches Leben; nicht das geringste lebende Wesen darf getödtet werden, weshalb sie auch Thierhospitäler für alle Arten der Thiere unterhalten. Durch reines Leben wird nach ihrer Ansicht die Seele endlich so geläutert, daß sie zum Nirwana, d. h. zur vollständigen Jdentisicirnng mit der Weltseele gelangen kann. Der Hauptort ihres Cultus ist seht Balligota, nicht weit von Scringapatam in Mysore, wo auch ihr Oberpriestcr seinen Sitz hat. Übrigens theilcn sie sich in SräwakaS, d. i. Hörende oder Laien, und Jätninas, d. i. Strebende oder Priester. ! Außerdem gibt es eine unzählige Menge von Religionssekten, die seit einerReihc von Jahrhunderten in Indien sich entwickelt haben. Vgl. Wilson, „On tüe , eligions sects ak tüs I üiiulus" in den „^siutie researebes" (Bd. >6 und 17). Ihrem Grundwcsen nach sind dieselben gegenwärtig inögesammt monotheistisch und von dem Streben durchdrungen, die Anhänger der verschiedenen religiösen Systeme in Indien zu verschmelzen und zu vereini- ^ gen. Die wichtigste unter ihnen ist die Sekte der Seikhs (s. d.), die auch eine Zeit lang eine bedeutende politische Nolle gespielt hat. Eine befriedigende Darstellung der ind. Re- > ligion, der leitenden Ideen derselben, des Cultus und der Mythologie in historischer Entwickelung fehlt noch. Das beste Material dazu lieferten die Engländer Colcbrooke und Wilson in zerstreuten Abhandlungen, Moore in seinem „Hinck» psntkeon" (Lond. 1810); Bans Kennedy in den „Resoarclles into tüe natore okHirniu mz'tiioloN^" (Lond. 183 l); Coleman in der „Uxtknlo^ »kille Uinl1»s"(Lond. 1832); Malcolm, Ward, Uphamu.A. Bgl. auch Polier, „Hlz-tkologie ckesHinckous" (2 Bde., Rudolst. I8IO); Bochingcr, „Da >io conteinplative, sscetic;»« et maoastigue cller les Inclous" (Strasb. 183 l); Neve in seinen „Ltockes sur le Lig-Vecka" (Löwen 1842), und E. Burnouf in der „Intrnclueti»» äl'llistoire » Ctr., in Java allein auf 27000 Pf., belaufen. Ihr Preis ist zwar schwankend, aber dennoch hoch, denn in Kanton wird das Pfund mit 18— 24 span. Thalern bezahlt. Individuell heißt der Etymologie und dem Begriffe nack Dasjenige, was einem einzelnenEegenstande untheilbar und untrennbar, d.h. so angehört, daß es von ihm nicht ab- gesondert werden kann, ohne seine Natur, als besonderes Ding, aufzuheben, und Individualität nennt man den Inbegriff der Merkmale, wodurch sich ein Ding von andern seiner Art unterscheidet. Das Individuelle ist daher Gegenstand der Anschauung und kann nur durch diese erkannt werden; das Allgemeine dagegen läßt sich nur durch Vergleichung und Nachdenken finden; deshalb müssen die Künste nicht blos idealisiren, sondern auch in- dividualisiren, weil ihre Producte Objecte der Anschauung werden sollen. Das, wodurch sich die Vorstellung des Individuellen dem Begriffe nähert, ist das Gemeinbild oder Schema der Einbildungskraft, d. h. ein Typus der Gesetzmäßigkeit, nach welchem sich die individuel- > len Bestimmungen einer gewissen Classe von Dingen gestalten. Je viclfältigern Bestim- ^ mungen eine Classe von Dingen zugänglich ist, desto reicker entfaltet sich innerhalb dersel- ^ ben die Individualität, am reichsten da, wo das geistige Leben einer selbständigen Ausbildung fähig ist. Deshalb bedient man sich des Worts Individuum vorzugsweise zur Bezeichnung eines Wesens, dem eine eigene geistige Regsamkeit untheilbar und ihm > ausschließend angehörig inwohnt, und bezeichnet durch Individualität den Inbegriff der geistigen Eigenthümlichkeiten, die dieses Wesen von allen andern seiner Gattung unterscheiden. Eleichwol ist die Individualität nicht mit dem CH arakter (s. d.) zu verwechseln. Die Ursachen einer bestimmten Individualität können höchst mannichfaltig sein, wie es die Unterschiede der Individualitäten sind; jedenfalls liegen sie nicht blos in der Gesetzmäßigkeit des geistigen Lebens, sondern zum großen Theile in dem Verhältnisse des Geistigen und Leiblichen. Die Frage nach dem Princip der Individualität (principmm inclivilluationw) hat übrigens in einem viel ausgedehnter« Sinne die Metaphysik, namentlich bei den Scholastikern, lange Zeit beschäftigt, und wurde die Veranlassung sehr verschiedener Lehrmei- nungen. Sie entstand dadurch, daß man nach Platonischer Art die allgemeinen Begriffe für dm Ausdruck des wahren Wesens der Dinge erklärte und dadurch in Verlegenheit ge- rieth, wie man sich die Entstehung der individuellen Bestimmungen, durch welche sich alles Wirkliche thatsachlich zu erkennen gibt, zu denken habe. Indo-germanische Sprachen nennt man nach zwei Hauptvölkcrstämmen die durch Urverwandtschaft untereinander verbundenen Sprachen einer großen Zahl von Völkern, welche, dem kaukaf. Menschenstamm angehörig, über einen beträchtlichen Theil Asiens, fast über ganz Europa und von diesem aus nach andern Erdtheilen, vornehmlich Amerika, verbreitet sind. Es scheidet sich aber dieser große Sprachstamm in sechs Unterabtheilungen, , beren jede aus Sprachen besteht, die, wie die Völker, welche sie sprechen, wieder in engerer Verwandtschaft untereinander als mit den andern desselben Stammes stehen, l) Die I n'- dischen Sprachen (s. d.), an deren Spitze, als die älteste, nicht nur dieser, sondern als die älteste der Sprachen des ganzen Stamms das Sanskrit (s.d.) steht. 2) Die Mcdo- bersjschen oder arischen (iranischen) Sprachen, deren älteste das sich noch eng an das Sanskrit schließende Zend ist, erhalten in dem Zendavesta (s- d.), dem heiligen Buche berBekenner des Zvroaster'schen Glaubens. Mit ihm verwandt ist daß Altpersische, und aus diesem entstand das Parsi der Parsen oder Gebern und dasNeupersischc st'Persische Sprache und Literatur); ferner gehören hierher die Sprachen der z Afghanen und Beludschen, der Kurden und Osseten, und die mit vielen dem in- bv-germ. Stamm nicht angehörigen Elementen gemischte Sprache der Armenier. (S. Armenische Literatur.) Das P eh lwi dagegen, zur Zeit der Parther die heilige Sprache ^30 Indolenz Jndnction des Zoroaster'schen Glaubens, neigt sich mehr zu den semitischen Sprachen. 3) Die Pelas- gischen Sprachen oder das Schwesterpaar der griechischen und lateinische» Sprache (s. Griechische Sprache und Römische Sprache), aus deren erstem die Neugriechische Sprache (s. d.) hervorgegangen ist, während aus der letztem, mit welcher die Sprachen der Umbrer, Sabeller, Osker, nahe verwandt waren, die weitverbreiteten Romanischen Sprachen (s. d.) hervorgingen. 4) Die Sprachen des Volksstamms der Kelten (s. d.), jetzt nur noch im westlichsten Europa erhalten, die in zwei Hauprastcn, de», britischen, der sich in die w elsche Mundart in Wales, dieco rnische in Cornwallis, die armoricanische in Klein-Bretagne, und dem gaelischen, der sich in die irische Mundart der Irländer, die ga elische der Hochschotten, und die mankische auf der Insel Man verzweigt. 5) Die Germanischen Sprachen (s. d.) mit dem Gothischen (s. Goth en) an ihrer Spitze. 6) Die Slawisch en Sprachen (s. d.), in ältester Fon», wie es scheint, in dem Preußisch-Lithauischen nebst dem Lettischen; die übrigen scheiden sich in die südöstlichen und westlichen. Zu den erstem gehören das Russische im großruss., kleinrufs. und weißruss. Dialekt, die Bulgarische Sprache (s. d.) und zwar die Kirchensprache (s. d.) oder das Cyrillische und das Neubulgarische, die Sprachen der illyrischenSlawen, nämlich die Ser bische Sprache (s.d.), das Kroatische, das Kärnt- nisch-Slowenzische; die westlichen bestehen aus derPol irischen Sprache (s.d.) mit dem Nebcndialekt der Kassubcn, dem Czechischen in der böhm.-mährischen und der ungar- slowakischen Mundart, und dem Lau sitzi sch-Ser bischen in den Mundarten der oberund Niederlausitzer Wenden. Eine tief begründete Durchforschung dieses ganze» Sprach- ftammes verdanken wir den Bemühungen Bopp's in seiner „Sprachvergleichenden Grammatik" (-t Abtheil., Berl. 1833—12, 4.), an die sich die Arbeiten Pott's u. A. rühmlich anschließen. Die neuern Bemühungen, die Verwandtschaft dieses Sprachstammes auch auf die semitischen, koptischen, malayischen und kaukasischen Sprachen auszudehnen, haben wenig Anklang gefunden. Indolenz, eigentlich Schmerzlosigkeit, bezeichnet überhaupt Empfindungslosigkeit, Unempfindlichkeit, Gleichgültigkeit, Trägheit. Die Fähigkeit nämlich des lebenden Wesens, von außen Eindrücke zu empfangen und dadurch zu Lust und Schmer; bestimmt zu werden, hat verschiedene Grade. Den Mangel oder vielmehr eine große Schwäche derselben nennen wir Empfindungslosigkeit, Unempfindlichkeit oder auch Apathie (s. d.). Diese Schwäche ist entweder natürlich und mehr physischen, oder entstanden durch Abstumpfung der Empfindungsthätigkeit und .daher mehr psychischen Ursprungs. , Die Unfähigkeit, in eine innere Bewegung gesetzt zu werden, die gewöhnlich in Folge des Übergewichts desVcr- standes entsteht, der ruhig und kalt die Gegenstände so zergliedert, daß er den Eindruck derselben verliert, neNnt man Gefühllosigkeit, und den Zustand der Gefühllosigkeit und Unempfindlichkeit für gewisse Gegenstände oder Ereignisse Gleichgültigkeit. Inwiefern endlich ein hoher Grad der geistigen Lebcnsthätigkeit auch meist mit einem hohen Grade oon Kraft und Regsamkeit im Handeln, ein niedriger Grad dagegen von Unentschlossenheit und Langsamkeit im Handeln begleitet ist, so wird Indolen; auch für Trägheit gebraucht, »nt der sie in genauer Verbindung steht. Indossement oder Jnd osso, vom lat. inclassare, d. i. aufdcmRücken übertrage», nennt man die Übertragung eines Wechsels oder einer Anweisung auf einen Andern, die von Seiten des Remittenten auf der Rückseite des an seine Ordre gestellten Papiers bemerkt wird. Häufig nimmt man Indossement und G i ro (s. d.) für gleichbedeutend, wahrend doch eigentlich durch das Indossement der Wechsel zum girirten Wechsel und in b>r- culation gesetzt wird. Indossant heißt Der, welcher den Wechsel überträgt, Indossatar, auf welchen er übertragen wird, und Indossat, welcher die Zahlung zu leisten hat. Der Indossant ist gleich dem Aussteller des Wechsels verpflichtet, wenn der Indossat nicht zahlt, dem Jndossator den empfangenen Betrag oder den Werth des Wechsels, dieVa luta (s. d.), sofort nach erfolgtem Beweise, daß der Indossat nicht gezahlt habe, u>- rückzuzahlen. (T. Wechsel.) Hnductwn heißt in der Logik das Verfahren, durch welches man ein Merkmal, das man an einer Mehrheit von Dingen einer Art gefunden hat, bei allen Dingen derselben Indulgenz Industrie 431 Art voraussetzt, oder der Schluß von dem Besonder» auf das Allgemeine. Wahrend die strengen Schlüffe, die Syllogismen im enger» Sinne, welche vom Allgemeinen auf das ihm untergeordnete Besondere gehen, immer logische Gewißheit geben, gewähren dagegen die Jnductionsschlüsse, wenn die Jnduction nicht vollständig ist, nur Wahrscheinlichkeit. Eine Jnduction ist nämlich entweder vollständig oder unvollständig, je nachdem man dar- thun kann, daß die ganze Sphäre des Hauptbegriffs, auf welchen geschlossen werden soll, erschöpft und kein Fall übersehen worden ist, oder nur von vielen untergeordneten Fällen auf den ganzen Umfang des höher» Begriffs schließt. Vollständiger Jnductionen bedient sich in einzelnen Fällen die Geometrie; die Naturwissenschaften müssen sich meist mit unvollständigen Jnductionen begnügen, um aus die Vielheit beobachteter Fälle die Voraussetzung allgemeiner Regeln zu gründen, wobei jedoch ihren Jnductionen, durch welche sie so glänzende Erfolge erreicht haben, der Gedanke zur Seite geht, daß die Natur unter gleichen Verhältnissen sich in ihren Wirkungen immer gleichbleibt und daß also schon eine genaue Beobachtung, z. B. des Verhaltens zweier chemischer Stoffe, einen festen Haltpunkt darbietet. Eine Thatsache, welche gegen die inductorische Annahme einer allgemeinen Regel spricht, heißt eine Instanz; so ist z. B. der Walfisch eine Instanz gegen den Satz, daß im Meere keine Säugthierc leben. Eine Methode, welche sich ausschließend auf Jnduction gründet, nennt man in ductorisch; Wissenschaften, die auf diesem Verfahren wesentlich beruhen, induktive. Vgl. Whewell, „Geschichte der inductiven Wissenschaften" (deutsch von Littrow, 3 Bde., Stuttg. l 839—32). Jndulgenz, s. Ablaß. Jndult ist im kirchlichen Sinne mit Jndulgenz oder Ablaß (s. d.) gleichbedeutend; in der Rechtssprache bezeichnet es im Allgemeinen lsie Frist, die Jemandem zur Erfüllung einer Verbindlichkeit »erstattet wird, und dann insbesondere soviel als Anstandsbrief oder Moratorium (s.d.). Auch braucht man in einigen Gegenden Deutschlands, z.B. in Kiel und in München, I ndult oder Dult für Jahrmarkt oder Messe, indem da, wo Ablaß er- theilt wurde, wegen des Zusammcnströmens vieler Menschen, allmälig Jahrmärkte sich bildeten, und umgekehrt auf Jahrmärkten und Messen zugleich Ablaßkrämer sich einfanden. Indus oder Sind, auch Mita-Morun, oder der Süße Fluß genannt, der zweite Strom Indiens, dessen Länge mit den Krümmungen ungefähr 390 M. und dessen Flußgebiet auf 19000 OM. beträgt, entspringt in Kleintibet am Fuße der Kailasaberge und durchströmt dieses Land in einem von dem Nordabhange des Himalaja und dem gegenüberliegenden Plateau Tibets gebildeten Thale in der Richtung von Südosten nach Nord- westen, bis er nördlich von Kaschmir nach Südwesten umbiegt. Nachdem er hierauf den Himalaja gerade da durchbrochen, wo er an den Hindukusch stößt, fließt er in derselben südwestlichen Richtung, das Land der Seikhs mit dem Pendschab von Afghanistan trennend, und dann durch das Land Sind dem Arab. Meere zu, in das er sich in einem Delta ergießt. In seinem Laufe nimmt er eine Menge Flüsse auf; die bedeutendste» sind der aus Afghanistan kommende Kabulfluß und der Pendschand, in welchem sich die fünf Flüsse des Pend- schab vereinigen. Die bedeutendsten Städte, welche er berührt, sind Leh oder Ladak in Tibet, Attok im Lande der Seikhs, Bakkar, Hyderabad und Tatta in Sind. Industrie ist im weitesten Sinne der Inbegriff aller menschlichen Bestrebungen, die Massen der vorhandenen Neichthümer zu vermehren, mit andern Worten, zu verdienen, insofern ein Theil der erzeugten Neichthümer Dem zu Gute kommt, welcher diese Bestrebungen macht. Gegenstand der Industrie kann Alles sein, was einen Werth producirt, der Ackerbau und der Bergbau nicht weniger als die Gewerbe, welche den Werth der Naturprodukte vermehren, indem sie die unzweckmäßige Form in eine zweckmäßige verwandeln, ebenso auch der Handel, walcher, wie eine gesunde Nationalökonomie zeigt, stets einen reellen Werth producirt, d. h. den Mehrwerth, welchen die Waare am Orte des Verkaufs hat, gegen ihren um die eigenen Transportspesen vermehrten Werth am Einkaufsorte. In rein persönlicher Beziehung kann auch jede andere lohnbringende Beschäftigung Industrie genannt werden, wenn sie auch keine neuen Werthe erzeugt. Im engern Sinne pflegt man '»dessen nur die auf Werthsvcrmehrung der Naturprodukte durch technische Operationen gerichteten Bestrebungen als Industrie zu bezeichnen und sie dann wol auch specieller Ge- 432 Industrie w erbs- und Fabrik,'kdustrie zu nennen. In diesem Sinne hat sie auch einem besonder» nationalökonomischen Systeme den Namen gegeben, indem man die drei Hauptrich- lungen der Nationalökonomie, die dem Ackerbau, Bergbau u. s. w., dem Handel oder endlich den Gewerben den Hauptantheil an Vermehrung der Nationalreichthümer zuschreiben, mit den Namen des Physiokratischen Systems (s. d.), des Merkantil- systemsss. d.) und des Jndustriesystems belegt hat. Gegenwärtig ist man darüber einig, daß jede solche einseitige Richtung verwerflich sei, und der Streit geht nur noch über den vergleichungsweisen Grad der Wichtigkeit fort, wclchejedcr dieser Richtungen zugebenist. Ohne Industrie im weitesten Sinne kann kein Volk bestehen, da es fortwährend Wcrthe consumirt, also auch stets neue produciren muß, wenn es nicht untergehen will. In dem Grade, in welchem die geistige Bildung sich steigert und somit die Zahl der Bedürfnisse wächst, vermehren sich einerseits die Gegenstände der Industrie im engen, Sinne, andererseits aber auch die in Kenntniß und Übung bestehenden Mittel zu Erreichung des Zwecks, sodaß also ein Wachsen der Industrie innerhalb der durch die Umstände dargebotenen Grenzen eine ganz natürliche und nothwendige Folge der steigenden Entwickelung der Völker ist. Jene die Industrie bestimmenden äußern Umstände sind aber die natürliche Beschaffenheit des Landes in Beziehung auf die daselbst producirten Rohstoffe, die vorhandene» Wasserkräfte und Brennmaterialien u. s. w.; ferner der Grad der Intelligenz der Einwohner und die Zahl der vorhandenen Arbeiter, die vorhandenen Capitalien und die Beschaffenheit der Verbindungen mit dem Auslande. Denkt man sich einen Staat völlig isolirt, so würde er natürlich für alle Bedürfnisse seiner Einwohner selbst sorgen und der Werth der Manufacte im Verhältniß der Schwierigkeit ihrer Erzeugung steigen müssen, und was man nicht selbst produciren könnte, z. B. wegen Mangels an Rohstoff, würde von selbst ausgeschlossen bleiben. Davon findet aber ganz das Gegentheil statt; der Handel hat die verschiedensten Länder, welche für die verschiedensten Industriezweige geeignete Bedingungen darbieten, in Verbindung gebracht und dadurch Concurrenz (s. d.) erzeugt. Da der Werth der Manufacte nur insofern ein reeller ist, als die Waare Begehr findet, als sie consumirt wird, so handelt es sich bei der Concurrenz Mehrer nicht mehr allein darum, die Waare zu fertigen, sondern sie bei gleicher Güte am billigsten und in größter Masse zu liefern. In dieser Beziehung hat denn nun von vornherein stets derjenige Staat den Vorzug, bei welchem in Hinsicht auf den betreffenden Industriezweig die genannten Bedingungen am vollkommensten erfüllt sind. Was den Einfluß jener Bedingungen anlangt, so ist die natürliche Beschaffenheit des Landes von Wichtigkeit, zuerst, indem sie die einheimischen Rohstoffe bedingt, welche zunächst und vorzugsweise der Verarbeitung unterliegen, so z. B. in England das Eisen und Kupfer, in Deutschland Wolle und Flachs, in Frankreich die Seide u. s. w.z zweitens, indem von ihr, und natürlich zugleich vom Zustande des Ackerbaus, die Menge der möglicherweise ohne Zufuhr zu ernährenden Arbeiter, die Preise der Lebensmittel und somit die Arbeitslöhne abhängen, eine Bedingung, welche in Deutschland vorzüglich erfüllt ist, in England am wenigsten; drittens endlich, indem von ihr das Vorhandensein und der Preis der wichtigsten aller Hülfsmittel der Industrie, der Wasserkräfte und des Brennmaterials, abhängt, ein Punkt, in dem England unendlich viel voraus hat. Von den Einwohnern des Landes hängt die Industrie ab, weil diese an Zahl hinreichend sein müssen, um die Industrie betreiben zu können, ohne dem Ackerbau die nöthigen Hände zu entziehen, weil ferner von dem Grade ihrer Bildung und ihres praktischen Sinnes die Brauchbarkeit und von der gewohnten Lebensart zum Theil der Preis der Arbeiten abhängt; England erfüllt die beiden ersten Bedingungen sehr vollkommen, in der letzten Beziehung ist Deutschland voraus. Die Verbindungen mit dem Auslande, der Handel, die Colonien sind in doppelter Beziehung wichtig, denn erstens bängt von ihnen der vortheilhafteste Bezug solcher Rohstoffe ab, die nicht im Lande erzeugt werden, und zweitens der Absatz des Überschusses von Fabrikaten über den innern Bedarf, und es ist auch hier England im großen Vorsprunge. Daß endlich eine Industrie ohne Capitalien nicht bestehen kann, daß sie also nur da eine rasche und kräftige Entwickelung erreicht, wo ein durch Ackerbau erzeugter Wohlstand schon vorhanden ist, bedarf kaum eines Beweises; das Capital eines industriellen Etablissements besteht aber außer Gebäude« gei dci hei gv du Ec wc s°l S ! ge wi vü be au vo un ti ih> ge! D stä Gl ku ein ^ so, W si° ga Ce s-l Dl > fu> s°l du als zu ba! i me zw ! ha> ivö erf Hi st» . UN! Nif ' na zu Industrie 433 den und Maschinen aus dem gesammten Verlage für Rohstoff und Arbeitslohn, .welcher gemacht werden muß bis zum Verkauf der Waare. Was von dem Verhältnisse verschiedener Staaten untereinander gesagt ist, gilt zum Theil auch von der Concurrenz der ein- heimischen Industriellen unter sich, da auch hier der Eine mehr günstige Löcalnmstände, größere Intelligenz, größeres Capital, bessern Arbeiterschlag und umfassendere Verbindungen für sich hat als der Andere. Sowie nun die einzelnen Individuen alle Kräfte anspannen, um die Vortheile der Concurrenz auf ihre Seite zu lenken und ungünstige Umstände zu besiegen, ein Wetteifer, welcher der Haupthebel alles industriellen Fortschritts ist, so kann man nun auch fragen, soll man die Industrie ganzer Nationen ihrer eigenen Entwickelung überlassen, oder von Seiten der Staatsverwaltungen direct fördernd einwirken? Diese Frage ist schon der Gegenstand viclfacker Diskussionen gewesen und noch gegenwärtig eine der schwierigsten und wichtigsten Materien nationalökonomischer Besprechung. Man hat in dieser Beziehung viel von künstlicher Industrie gesprochen und als solche jeden industriellen Zustand bezeichnet, der, ohne in der natürlichen Begebung des Landes eine Wurzel zu haben oder aus dem natürlichen Entwickelungsgange der Dinge hervorgegangen zu sein, nur durch vorübergehende günstige Umstände, wie z. B. die Contincntalsperre zur Zeit Napoleon's, und durch directe Unterstützung und Förderung der Regierung herbeigeführt ist. (S. Con- tinentalsystem.) Es gibt unleugbar solche Fälle, wie z. B. die elsasser Industrie in ihrer Entwickelung, in der für dauernde industrielle Bestrebungen gerade ungünstigsten gelegenen Gegend Frankreichs, zum großen Theil eine künstliche genannt werden muß. Die Erfahrung zeigt dann allerdings, daß nach dem Aufhören jener vorübergehenden Umstände dergleichen Industrien allmälig zurückgehen und in sich zerfallen oder in andere Gegenden verpflanzt werden, was natürlich nicht ohne mannichsache nachtheilige Rückwirkung geschehen kann. Daraus folgt freilich die Lehre, daß man bei thätiger Beförderung eines unter den gerade vorliegenden Umständen Erfolg versprechenden Industriezweigs > sorgfältig zu überlegen habe, ob jene Umstände eine längere Dauer versprechen oder nicht . Wenn man aber so weit gegangen ist, jede nicht auf die Verarbeitung einheimischer Rohstoffe gegründete Industrie als eine künstliche zu verwerfen und zu fodern, daß der Staat gar nichts für Beförderung der Industrie thun, sondern Alles der völlig freien, d. h. jeder Concurrenz ungehindert bloßgestellten, Entwickelung überlassen soll, wobei sich schon von selbst Alles in das richtige Verhältniß stellen werde, so ist dies jedenfalls ein Zrrthum. Das Vorhandensein des Rohstoffs ist nur Eine der Bedingungen für das Gedeihen einer Industrie; wo nun die übrigen Bedingungen in zureichender Weise erfüllt sind und man stch durch Regulirung und Beförderung der Schiffahrts- und Handelsverhältniffe Zufuhren eines für die inländische Verarbeitung geeigneten Rohstoffs sichern kann, wäre cs Vernachlässigung einer der wichtigsten Quellen des Nationalreichthums, die Einführung solcher Industrie hindern zu wollen, insbesondere da, wo die Zahl der vorhandenen Hände durch den Ackerbau und ähnliche Beschäftigungen nicht ganz in Anspruch genommen wird, also die Nothwendigkeit vorliegt, für jene überzähligen Hände lohnende Beschäftigungen zu finden. Wäre keine Concurrenz anderer Staaten zu bestehen, so würde jeder Staat sehr bald dahin kommen, den eigenen Bedarf an Fabrikaten zu erzeugen. Diese Concurrenz s macht aber für emporblühende Industrie den Kampf zu ungleich, da jeder neue Industrie- Mig, selbst unter den günstigsten Bedingungen, eine Entwickelungsperiode durchzumachen ! hat; sollte eine neue Industrie von Anfang an mit ihren ältern Rivalen Preis halten, so würde sie während dieser ganzen Periode mit Verlust arbeiten und dieser Verlust also das erfoderüche Capital auf eine solche Weise erhöhen, daß daran häufig die Versuche scheitern. Hier scheint es nun Pflicht der Verwaltungen, einestheils durch freie Einfuhr der Rohstoffe, Begünstigung der Schiffahrt, Beförderung des Transportwesens, Ermunterung und Bevorzugung derjenigen Betriebsweisen, welche den besten Erfolg sichern, die Hinder- . risse hinwegzuräumen, anderntheils aber durch angemessene Eingangszölle, deren Höhe sich nach den Preisdifferenzen der in- und ausländischen Waare zu richten hat, jenen Verlust zu beseitigen. Die letztere Maßregel ist offenbar ein der Industrie indirect gewährter Ca- Sonv.-Ly. Neunte Aufl. VII. 28 454 Industrie- oder Arbeitsschulen l pitalzuschuß, ein Vorschuß, welchen die Consumenten den Prodnccnten zahlen. Es ist eint leere Furcht, wenn man glaubt, daß dadurch der industrielle Fortschritt gehemmt und ohne reellen Vortheil für die Industrie nur die Faulheit der Producenten auf Kosten der Consumenten begünstigt werde. Dazu läßt es die innere Konkurrenz gar nicht kommen, abgesehen davon, daß die Verwaltung dadurch, daß sie die Zölle nach den Preisen, zu welchen die Maaren im Jnlande geliefert werden können, regulirt, Dem Vorbeugen kann. Endlich ist zu bedenken, wenn man von Benachtheiligung der Consumenten den Producenten gegenüber spricht, daß gerade die Hauptmasse der Consumenten von der arbeitenden Gasse gebildet wird, daß es sich also gerade hier um Beförderung des Wohls nicht blos einzelner Fabrikanten, sondern eines Haupttheils der cvnsumirenden Masse handelt. Ein System völlig freier Entwickelung aller Industrie und alles Handels ist überhaupt nur bei völliger Reciprocität denkbar; halbe Maßregeln aber, d. h. Zölle, welche dem angedeuteten Zwecke s nicht genügen, füllen nur die Zollkasscn, ohne dem Lande bleibenden Nutzen zu gewähren. Wenn man ferner vielfache Klagen darüber hört, daß gegenwärtig die industrielle Richtung alle andern überwiege, daß über der Sorge für das Materielle aller Sinn für Höheres verloren gehe und daß namentlich die Industrie die öffentliche Moral untergrabe, zur Aristokratie des Geldes und zum Sklaventhum und zu moralischer Erniedrigung der Arbeiter führe, so ist darauf zuerst zu antworten, daß dergleichen historische Entwickelungen § in keiner Weise zu hindern, ja als Resultate eines inner« nothwendigen Zusammenhangs ^ aller Erscheinungen trotz mannichfacher Auswüchse nicht einmal zu beklagen sind; zweitens aber ist die Klage über moralische Erniedrigung und Pauperismus (s. d.) der Arbeiter, ^ so begründet sie sein mag, keineswegs eine solche, welche die Industrie an sich trifft, oder welche durch Beseitigung aller Industrie erledigt werden könnte; sie trifft vielmehr nur einzelne verwerfliche Methoden des Betriebs (s. Fabrikwesen) und die Hindernisse, welche man der vollen Entwickelung der Industrie, d. h. der ausreichenden Beschäftigung der Arbeiter entgegenstellt oder hinwegzuräumen versäumt hat. Nur wo wirkliche Überproductien siattfindet, d. h. wo außer dem inländischen Bedarfe mehr fabricirt wird, als die Vorhände- ) nen Abzugsquellen abzusetzen erlauben, kann von Besorgnissen die Rede sein, nicht aber ! da, wo, wie in Deutschland, beiweitem der innere Consum noch nicht gedeckt ist. Dieses weist deutlich darauf hin, daß nicht in der Ausfuhr nach außen, welche von Umständen abhängt und sich in dem Maße mindern muß, als die Industrie auswärts vorschreitet, sondern im inner« Consum die Hauptstütze jeder Industrie zu suchen ist. Selbst England con- sumirt den größten Theil seiner Fabrikate selbst; für seine Überproduction aber ist es bemüht, statt der europ. Märkte, die sich ihm allmälig verschließen, andere sich zu sichern, die ihm durch Entwickelung einheimischer Industrie nicht so bald verloren gehen können. Industrie- oder Arbeitsschulen sind bestimmt, die Jugend schon in den frühesten Jahren zu nützlichen Beschäftigungen anzuhalten und durch die Gewöhnung an Fleiß und Arbeitsamkeit der Neigung zum Müßiggänge und zur Bettelei entgegenzuwirken. Das Wesentliche der Volksbildung zur Industrie besteht darin, die Jugend auf dem Lande im Sommer mit Gartenbau, Obst- und Baumzucht, sowie auf dem Felde, im Winter mit Flachs- und Baumwollspinnerei, in den Städten aber die Kinder der Armen in Spinnschulen u. s. w. zu beschäftigen. Das erste aller Bedingnisse einer Industrieschule ist, daß der Unterricht unentgeltlich ertheilt werde, und dann, daß der Ertrag der gelieferten Arbei- s ten den Kindern ohne Abzug zu Gute gehe. Zu ihrer zweckmäßigen Einrichtung gehört, daß die Art der Industrie der künftigen Bestimmung der Jugend, sowie ihrem Geschleckte, Alter, ihren Geistesfähigkeiten und körperlichen Kräften angemessen sei; daß die gefertigten Arbeiten möglichst schnell einen reellen Werth an sich haben und daß deren Nützlichkeit nicht finanzwäßig berechnet werde; daß die gut gearbeiteten Sachen, zur Anregung des Erwerbgeistcs, etwas höher bezahlt werden; daß der Unterricht auch bei den Erwachsenen fortgesetzt und aller pedantische Zwang hinsichtlich der Disciplin möglichst vermieden werde. Die erste deutsche Industrieschule wurde von dem Propste von Schulstein 1777 zu Prag errichtet und fand in Böhmen sehr bald Nachahmung. Auch in Wien und andern östr- Städten, in Hamburg, in der Stadt und in dem Fürstenthum Würzburg fanden die Industrieschulen schon seit I78V Eingang und Pflege. Demnächst wurden solche in Mecklen- eint >hne ion- bge- chen ge- Ich lm: slm ign »eckt , m. ielle für abe, d-r lgM , ngS Ms iler, ^ >der ein- lche Ar- icn ide- ) ber ! !sts ' ab- on- on- be- die M >nd )as im mit mi- >aß »ei- s >rt, ike, ten ?cik )es >en de. «g ^r. ' >n> Ines de Castro 435 burg-Schwerin, in Baden unter der Regierung des Markgrafen Karl Friedrich, in Hessen, Hannover, Braunschweig und Baiern errichtet, und gegenwärtig gibt eswol keinen deutschen Staat ohne solche Anstalten, die freilich nach Verschiedenheit der Örtlichkeiten und Mittel eine sehr mannichfache Einrichtung haben. Nichtsdestoweniger steht Deutschland in Hinsicht der Industrieschulen Frankreich und England bciweitem nach. Besonders berühmt und eine wahre Musteranstalt ist die mit dem Fellenberg'schen Institut zu Ho f- wyl (s. d.) in Verbindung stehende Arbeitsschule. Zn Frankreich ist vorzüglich die Arbeitsschule zu Strasburg vortrefflich eingerichtet. Neuerdings hat man die Aufmerksamkeit namentlich auf die Gründung landwirthschastlicher Armenschulen hingerichtet. Vgl. Lange, „Feldgärlnereicolonien oder ländliche Erziehungsanstalten für Armenkinder" (2 Bde., 2. Auf!., Dresd. 1836—37) und Preusker, „Andeutungen über Sonntags-, Real - und Eewerbsschulen" (2. Aust. Lpz. 1835). Ines de Castro, die Tochter Pedro's Fernande; de Castro, entsprossen vom castil. Königsstamme, fesselte als Hofdame der Gemahlin des Jnfanten Dom Pedro, des Sohnes Königs Alfons' IV. von Portugal, durch ihre Schönheit diesen dermaßen, daß er sich nach dem Tode seiner Gemahlin, 1345, heimlich mit ihr vermählte. In der Stille des Klosters der heil. Clara zu Coimbra genossen nun beide des lang ersehnten Glücks, bis die Neider der schönen I., die hinterlistigen Rathgeber des Königs, Diego Lopez Pacheco, Pedro Coelho und Alvaro Gonsalvez, das Geheimniß durchschauend, bei diesem die Besorg- niß zu erwecken wußten, daß diese Verbindung seinem unmündigen Enkel, Ferdinand, dem Sohne Dom Pedro's von seiner verstorbenen Gemahlin, nachtheilig werden könnte. Dom Pedro, von seinem Vater wegen seiner Vermählung befragt, wagte es nicht, die Wahrheit zu gestehen, noch weniger aber konnte er des Königs Befehl gehorchen, sich mit einer Andern zu vermählen. Im Rathe des Königs mit seinen Günstlingen wurde nun beschlossen, die unglückliche Z. zu tödten. Während der Abwesenheit Dom Pedro's auf einer Jagd im I. >355 eilte der König nach Coimbra; doch gerührt durch den Anblick der Unglücklichen, die sich mit ihren Kindern zu seinen Füßen warf und um Gnade bat, hatte er nicht den Muth, die grausame That zu vollführen. Doch kaum war die erste Rührung vorüber, so gelang es seinen Rathgebern, von ihm die Erlaubniß zu erhalten, den beschlossenen Mord zu vollziehen, und noch in derselben Stunde erlag I. unter den Dolchen ihrer Feinde. Dom Pedro empörte sich nun zwar wider seinen Vater, doch gelang es der Königin und dem Erzbischof von Braga, Vater und Sohn zu versöhnen. Letzterer erhielt mebre Vorrechte, wogegen er eidlich versprochen haben soll, sich an den Mördern seiner geliebten I. nicht zu rächen. Zwei Jahre darauf starb der König; nock vor seinem Tode waren, auf seinen Rath, jene drei Männer, auf welchen die schwere Blutschuld lastete, aus dem Reiche gegangen, um in Kastilien Sicherheit zu suchen. Hier herrschte damals Peter der Grausame, vor dessen furchtbarer Strenge mehre edle Castilier nach Portugal entflohen waren. Er ließ dem Könige von Portugal den Antrag machen, diese Flüchtlinge gegen die Mörder der Z. auszu- wechseln. Dom Pedro ging darauf ein und bekam 1360 Pedro Coelho und Alvaro Gonsalvez in seine Gewalt, während Diego Lopez Pacheco noch Zeit gefunden hatte, nach Aragon zu entfliehen. In grausamer Weise wurden nun die Mörder, um ihre Mitschuldigen zu erforschen, vor des Königs Augen gefoltert, der ihnen dann das Her; aus dem Leibe reißen, die Körper verbrennen und ihre Asche in die Lust streuen ließ. Zwei Jahre später berief der König die Ersten seines Reichs nach Cantanheda und erklärte durch einen feierlichen Eid, daß er sich nach dem Tode seiner Gemahlin Konstantia, kraft päpstlicher Erlaubniß, mit I. ^ Castro zu Braganza habe trauen lassen, und zwar in Gegenwart des Erzbischofs von Euarda und eines seiner Hofbeamten, Stephan Lobato. Der Erzbischof und Lobato muß- ün des Königs Wort bekräftigen, und die päpstliche Urkunde, worauf sich der König bezogen, wurde öffentlich verkündet. Sodann ließ der König den Leichnam seiner geliebten I. aus dem Grabe heben und mit dem königlichen Gewände und einer Krone geschmückt auf einen Thron sehen, dem alle Großen des Reichs sich nahen mußten, um den Saum des Gewands zu küssen und der Königin nach dem Tode die Huldigung zu leisten, die sie im Leben weht hatte empfangen sollen. Nachdem dieses geschehen, wurde dieLeiche auf einem Trauer- 436 Jnfallibilität Jnfantado wagen nach Alcobaza geführt; der König, die Bischöfe, die Großen und Ritter des Reichs begleiteten den Zug zu Fuß; der ganze 17 M. lange Weg aber von Coimbra bis Alcobaza war von vielen Tausenden, die brennende Fackeln hielten, auf beiden Seiten besetzt. Über l ihrem Grabe ließ der König ein prächtiges Denkmal von weißem Marmor errichten und ihr Bild mit der Künigskrone auf dem Haupte aufstellen. Die Geschichte der unglücklichen i I. hat mehren Dichtern Stoff zu Trauerspielen gegeben, unter den Portugiesen I. B. ! Gomes (s. d.), unter den Deutschen dem Grafen von Soden und unter den Holländern R. Feith (s. d.); am schönsten aber hat Camoens (s. d.) sie verewigt, in dessen „Lusia- den" die Geschichte ihrer Liebe eine der herrlichsten Episoden bildet. Eine vergleichende Kritik der verschiedenen Ines-Tragödien hat Wittich seiner Übersetzung des Trauerspiels von Gomes (Lpz. 1841) beigefügt. ^ Jnfallibilität, d. h. Unfehlbarkeit in Sachen des Glaubens und der Lehre, leg- c ten die allgemeinen Concilien der Kirche als Inhaberin des heiligen Geistes und sich als Repräsentanten derselben bei, um ihren Entscheidungen und Beschlüssen allgemeine Gültigkeit zu verschaffen. Auch der Papst, als Repräsentant und sichtbares Oberhaupt der Kirche, schreibt sich dieselbe zu. Er gründet darauf die Herrschaft über Kaiser und Könige, Fürsten und Herren, über die Concilien, den gesammten Klerus und alle Völker und nimmt in kirchlichen Dingen das Entscheidungsrecht für sich allein in Anspruch. Die protestantische Kirche verwirft dieses Dogma und erkennt nur das Evangelium für infallibel. Infamie oder Ehrlosigkeit. Das röm. Recht, in welchem die Lehre von der Infamie sehr ausgebildet erscheint, unterscheidet die inlumia tscti, welche von der öffentlichen Meinung mit gewissen Beschäftigungen und Handlungen verknüpft wird, von der mlamia juris, welche von den Gesetzen auf gewisse Vergehungen oder pflichtwidrige Handlungen gesetzt ist, und theilt die letztere wieder in iolsmia metlista, welche erst durch Urtheil ein- tritt, und üil'siniu immeeliutu, welche unmittelbare Folge der verbrecherischen Handlung ist. Im deutschen Criminalrechte hat diese Lehre sowol durch die zum Theil wesentlich abweichenden Grundsätze des altern einheimischen Rechts über Rechtlosigkeit und Ehrlvsig- 1 keit, als auch namentlich unter dem Einflüsse der fortschreitenden Cultur und Gesetzgk- ^ bungspolitik mannichfache Umgestaltungen erfahren. Nach der gemeinrechtlichen Praris wird anzunehmen sein, daß die Ehrlosigkeit als Folge einer Verurtheilung nur dann ein- treten könne, wenn der Richter im Urtheile sie ausdrücklich ausgesprochen hat, oder wenn ein bestimmtes Gesetz dieselbe als nothwendige Folge eines bestimmten Verbrechens an- droht, oder in Folge einer Strafe, an welche nach den Gesetzen oder dem Gerichtsbrauch bestimmte Nachtheile für die bürgerliche Ehre geknüpft sind. Die neuern Gesetzgebungen gehen mit Recht in Betreff dieser Ehrenschmälerung, welche immer allgemeiner an die Stelle der Entziehung aller Ehre tritt, milder zu Werke und pflegen nur an wirklich erlittene schwere Freiheitsstrafen den Verlust der bürgerlichen und politischen Ehrenrechte zu knüpfen, wie sie auch die sogenannte Anrü chigkeit (s. d.) immer mehr zu verdrängen suchen. Jnfant (ilitsote), vom lat. inksns, d. i. Kind, wurde in sehr früher Zeit in Portugal und Spanien der Titel für die sämmtlichen Prinzen des königlichen Hauses, und ebenso Infantin (lukaotas) für die Prinzessinnen. Dies ist auch gegenwärtig beibehalten, nur daß in Spanien seit dem 14. Jahrh. dem jedesmaligen Thronfolger der Titel eines Prinzen von Asturien durch den König beigelegt wird, und daß in Portugal der Thron- j folger bis zur Abtrennung Brasiliens den Titel als Prinz von Brasilien führte. Der Jnfant Heinrich, der älteste Sohn König Johann's I. von Castilien, war der Erste, der 1388 den Titel als Prinz von Asturien erhielt. Den Titel Jnfant führen die span. Prinzen auch fort, wenn sie auf fremde Throne gelangen. So führt der König beider Sicilien neben seinem königlichen Titel unmittelbar den eines Jnfanten von Spanien, und derHcr- zog von Lucca den Titel Jnfant von Spanien, Fürst von Lucca, Erbherzog von Parwr. Das einem Jnfanten oder einer Infantin als Leibgedinge angewiesene Gebiet hieß Z n- fa ntado. Dieser Name erhielt sich in dem Gebiete von Jnfantado, das der König Heinrich IV. von Castilien an Don Diego Hurtado Mendoza verlieh. Im I. 1475 zum Hcr- zogthum erhoben, kam dasselbe nachmals durch Vermählung an das Haus Silva. Jnfantado (Herzog von), einer der uneigennützigsten Anhänger König Ferdi- Infanterie Infarkten 437 nand's Vll. von Spanien, geb. um 1773, aus dem Geschlecht der Silva, wurde in Frank- , reich unter den Augen seiner Mutter, einer Prinzessin von Salm-Salm, erzogen. Im Kriege von >793 warb er in Catalonien ein Regiment auf seine Kosten und schloß sich dem damaligen Prinzen von Asturien näher an, weshalb er 1896 Madrid verlassen mußte. Seitdem in noch engerer Verbindung mit dem Prinzen, scharten sich nun um ihn die mit dem Günstlinge des Königs, dem Herzog von Alcudia (s. d.), unzufriedenen Großen. So wurde er in den Proceß vom Escurial verwickelt, in welchem der Generalprocurator des Königs gegen ihn auf Todesstrafe antrug, die man jedoch nicht auszusprechen wagte. Zm I. >898 begleitete er den König Ferdinand VII. nach Bayonne, Unterzeichnete daselbst am 7. Juli 1898 die Constitution, welche Napoleon für Spanien bestimmt hatte, und trat > als Oberst in die Garde des Königs Joseph. Doch sehr bald legte er seine Stellen nieder ' und fodertc die Nation aus, die Waffen gegen Frankreich zu ergreifen, weshalb ihn Napo- 1 leon am 12. Nov. l 898 als Verräther ächtete. Im 1.1899 befehligte er ein span.Armee- ^ corxs, wurde aber von den Franzosen unter Sebastiani zweimal geschlagen und ging, nach- ! dem man ihm den Oberbefehl genommen, nach Sevilla. Durch die Cortes wurde er 1811 zum Präsidenten des Raths von Spanien und Indien ernannt und mit einer außerordentlichen Sendung an den Prinz-Regenten von England beauftragt. Als einem der Häupter der Partei der Servilen schenkte ihm Ferdinand VII. (s. d.) nach seiner Wiedereinsetzung seine vorzügliche Gunst und ernannte ihn zum Präsidenten des Raths von Casti- lien. Nach der Wiederherstellung der Constitution im März 1829 legte er seine Stellen nieder und wurde dann nach Majorca verwiesen. Im I. >823 wurde er Präsident der während der franz. Occupation in Madrid eingesetzten Regentschaft, und nachdem er im Aug. dem Könige die Regierung übergeben, Mitglied des Staatsraths. Nachdem er an verschiedenen Staatsgeschäften thätigen Antheil genommen, trat er im Oct. 1825 an die Spitze des Ministeriums, doch schon im Oct. 1826 sah er sich genöthigt, seine Entlassung zu nehmen. Seitdem privatisirte er in Madrid, wo er scharf beobachtet wurde, sodaß man 1 ihm 1839 nicht einmal nach Italien zu reisen erlaubte. Nach dem Tode Ferdinand's VIl. begab ec sich nach Frankreich, wo er l 832 starb. Infanterie oder Fußvolk heißen diejenigen Soldaten, welche mit Schießgewehr und dem Bayonnet bewaffnet fechten und nicht beritten sind. Der Name soll daher entstanden sein, daß eine span. Infantin, als sie erfuhr, daß ihres Vaters Heer von den Mauren geschlagen sei, eine große Anzahl Fußvolk versammelte, an der Spitze desselben gegen den Feind zog und einen glänzenden Sieg davon trug, worauf zum bleibenden Andenken dieser Waffenthat das span. Fußvolk Infanterie genannt worden sei. DaSpaniens Militaircin- richtungen lange Zeit als Vorbild dienten, ging dieser Name auch auf das Fußvolk anderer Nationen über. Die frühere Eintheilung in leichte und schw ere Infanterie ist nicht mehr ganz anwendbar, seit die Ausbildung der Truppen überall so gesteigert wird, daß die Selbstthätigkeit des einzelnen Mannes als unentbehrliches Bedürfnis erscheint. Der Gegenlatz von Linieninfanterie und Tirailleurs(s. d.) beruht nur auf der Art der Aufstellung der Truppen in zusammenhängender Linie, also als Einzelfechter. Unterabtheilungen ber Infanterie sind die Grenadiere (s. Granaten), welche noch im Siebenjährigen Kriege als der Kern der Infanterie betrachtet wurden; dieMusketiere (s. Muskete), die > m Masse oder Linie zu fechten bestimmt sind; die Füsiliere (s.d.), vorzugsweise zum zerstreuten Gefecht ausgebildet, und die Schützen und Jäger, mit Büchsen bewaffnet, mehr durch die große Wirksamkeit ihrer Waffe als durch den Gebrauch des Hirschfängers, der hier die Stelle des Bayonnets vertritt, eine vorzügliche Truppe. Die Infanterie ist unter allen Truppengattungen die selbständigste und wird mit Recht als der Haupttheil jedes Heers betrachtet, weil sie weit unabhängiger vom Terrain als alle andere Truppen fechten kann, leichter unterhalten und schneller ausgebildet wird. Nur im Orient ist aus localen Gründen die Anzahl der Cavalerie größer als die der Infanterie; in allen andern Heeren . bildet die letztere die Hauptmasse jedes größern oder kleinern Corps. Infarkten ist ein medicinischer Ausdruck, welcher besonders in den Schriften des 18. 3ahrh. häufig vorkommt. Man verstand darunter gallertartige Klumpen, welche aus geron- rmem Blute, verhärtetem Speisedrei, fleischiger und häutiger Masse bestehend, bald mehr 488 Jnferien Jnflexioil bald weniger hart sich im Dickdarme festsetzen und Ursache der Hämorrhoidalkrankheit, Me. lancholie u. s. w. sein sollten. Nachdiesen Voraussetzungen waren allerdings Klystiere ein sehr paffendes Mittel gegen dieses Übel; jedoch führte die ganze Annahme sehr bald zum Misbrauch dieses sonst so nützlichen Heilmittels, der auch die Lehre von den Infarkten wieder so tief stürzte, daß man sie für eine leere Einbildung hielt. Allein auch hierin wurde zu weit gegangen, da das Vorhandensein von Infarkten leicht erklärlich ist und solche sich wol annehmen lassen, ohne daß man ihnen deshalb die früher angenommenen Folgen beizulegen und die dagegen angewendeten Mittel in der sfrühern Ausdehnung anzuwenden braucht. Jnferien (inkeriae) hießen bei den Alten die Todtenopfer, welche den unterirdischen Gottheiten für die Seelen der Verstorbenen gebracht wurden. Etwas Ähnliches der christ. lichen Kirche sind die Exequien (s. d.). Jnfibulation nennt man eine Operation, mittels deren die männlichen oder weib- lichen Geschlechtstheile zur Vollziehung der Begattung oder zu unnatürlichen Ausschwei- fungen vorübergehend untauglich gemacht werden. Die Anwendung dieser Operation stammt aus dem frühesten Alterthume und wahrscheinlich aus Asien, von wo aus sie zu den Griechen und dann zu den Römern gelangte, bei denen ihr vorzüglich Sänger und Schauspieler unterworfen wurden, deren Talente man dadurch, daß ihnen Ausschweifungen unmöglich gemacht wurden, sicherer zu bewahren glaubte. Die Jnfibulation der Man- ner wird schon von Celsus beschrieben und von Juvenal und Martial erwähnt; in neuerer Zeit ist sie wieder empfohlen und zuweilen auch an Knaben und Jünglingen aus- geführt worden, um diese von unnatürlichen Ausschweifungen abzuhalten. Der Vorschlag Weinhold's in der Schrift „Von der Übervölkerung in Mitteleuropa u. s. w." (Halle 1827), alle unverheiratheten Männer zu infibuliren, um der allzugroßen Vermehrung der Menschen Einhalt zu thun, wurde mit dem verdienten Hohne, namentlich in der Schrift von Wahrhold, „Die Weinhold'sche Übervölkerung betreffend u. s. w." (Halle 1827) zurückgewiesen. Die Angaben, daß die Jnfibulation des weiblichen Geschlechts bei manchen Völkern bis in die neuere Zeit allgemein in Gebrauch sei, sind unzuverlässig, ebenso dir Nachrichten von den Keuschheitsgürteln, durch welche sich im Mittelalter besonders im südlichen Europa eifersüchtige Ehemänner der Treue ihrer Frauen versichert haben sollen. Infinitesimalrechnung oder AnalysisdesUnendlichen nennt man gewöhnlich die Differentialrechnung (s. d.) und Integralrechnung (s. d.). Infinitiv (lat.) heißt in der Grammatik derjenige Theil des Zeitworts, welcher die Handlung oder auch den Zustand des letztem in abstracter Allgemeinheit, ohne Bezeichnung des persönlichen und numerischen Verhältnisses ausdrückt. Er enthält mithin für sich allein keine aussagende Kraft, sondern ist nur die unbestimmte Form des Zeitworts, in welcher dieses ohne Subject selbständig dargestellt wird, und nähert sich dadurch dem abstracten Substantiv, jedoch mit dem Unterschiede, daß er das Thun noch als etwas in der Zeit Verfließendes denken läßt, während dasselbe in jenem als etwas Selbständiges erscheint, z. B. „Lügen ist schändlich", und „Die Lüge ist schändlich". In diesem Falle nimmt er auch die Modifikation des Substantivs an, wird als Neutrum betrachtet und in einigen Sprachen, wie in der griech. und deutschen, mittels des Artikels declinirt. Indem nun das Zeitwort eine Thätigkeit oder einen Zustand bezeichnet, welche in zeitlichen Verhältnissen steht, so kann auch der Infinitiv der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft angehören, obgleich diese Beziehungen nicht in allen Sprachen durch besondere Formen hervortreten. Jnfierion.. oder Beugung des Lichts. Wenn man einen Sonnenstrahl durch eine ganz kleine Öffnung eines verfinsterten Zimmers auf einen feinen Draht oder über- Haupt einen schmalen undurchsichtigen Körper fallen läßt, so werfen dieselben einen Schatten, den man mit einer weißen Fläche auffangen kann. Hierbei wird man finden, daß dieser Schatten breiter ist, als er der Rechnung und der gradlinigen Fortpflanzung des Lichts zufolge sein sollte, und daß er an seinen Grenzen einen farbigen Saum hat, den man sonst an keinem Schatten zu bemerken pflegt. Läßt man ebenso einen Lichtstrahl senkrecht auf eine sehr schmale, den 400. Theil eines Zolls nicht übersteigende Ritze fallen, die sich zwischen zwei stählernen oder überhaupt metallenen Schneiden befindet, so theilt sich dieser Lichtstrahl und läßt in der Mitte einen Schatten, ja auch farbige Streifen zurück. Diese 1 Influenza Infusorien 439 und noch viele andere Erscheinungen beweisen, daß Lichtstrahlen, die an den Kanten eines Körpers Vorbeigehen oder durch sehr kleine Öffnungen geleitet werden, eine Ablenkung von der gradlinigen Bahn erleiden und dabei in farbige Büschel zerlegt werden. Man nennt diese Modifikation des Lichts, welche zuerst im 17. Jahrh. von Erimaldi bemerkt und von ihm Disfraction genannt wurde, jetzt gewöhnlicher Jnflexion oder auch Beugung des Lichts. Sie ist von Newton, Flaubergues, Bist, Fresnel, Young und Fraunhofer, in der neuesten Zeit von Schwerd genauer erforscht worden. Viele sehr gewöhnliche Erscheinun- gen beruhen hierauf, z. B. die Farbenbilder, die wir an dünnen cylindrischen Körpern, wie Spinnfäden und Haaren, wahrnehmen. Zur Beobachtung dieser Erscheinungen bedient man sich derZnflexioskope. Das bequemste Jnflexioskop erfand Mayer; doch weit reiner lassen sich diese Phänomene nach Fraunhofer's Methode wahrnehmen, der einen Lichtbüschel durch eine schmale, aber hohe Öffnung in ein verfinstertes Zimmer leitete, dann in den Weg der Strahlen ein achromatisches Fernrohr so stellte, daß man durch dasselbe die genannte Öffnung deutlich sehen konnte, und hierauf vor das Objectivglas des Fernrohrs einen Schirm mit einer sehr schmalen Öffnung oder mit sehr feinem Draht setzte. Influenza, s. Grippe. Jnful (mtiila oder auch vitts) hieß bei den Römern die weißwollene Stirnbinde, mit der Priester, Vestalinnen und Opfernde das Haupt turbanartig umwanden. Anfangs ein Zeichen der Demuth, wurde die Jnful nachmals zum Zeichen der Heiligkeit und Unverletzlichkeit. Opferthiere, Kirchen und Altäre wurden nun mit ihr behängen, und auch die Bittenden (supplices) und die Friedensgesandten legten sie an. In späterer Zeit diente sie den kaiserlichen Statthaltern zur Bezeichnung ihrer Würde. Von den heidnischen Priestern ging sie im karolingischen Zeitalter auf die christlichen Bischöfe über und erhielt nun für gewöhnlich den Namen der Bischofsmütze (mitru). Eine solche besteht aus zwei flachen, hohen, oben spitzzulaufenden Deckeln von Blech oder Pappe, die mit seidenem Zeuch, von der Grundfarbe des Meßgewandes überzogen, meist reich gestickt und häufig mit Gold und Edelsteinen besetzt sind. Die nach vorn zustehende Seite ist mit dem Kreuze geziert, gleich den hinten herabhängenden zwei Bändern, die noch an die röm. Jnful erinnern. Die Bischofsmütze ist bei den Amtsverrichtungen die cigenthümlichc Kopfbedeckung aller Bischöfe, einschließlich des Papstes, der zugleich das Recht hat, auch Äbte und Pröpste zu infuliren, d. h. ihnen das Tragen einer Bischofsmütze ausnahmsweise zu gestatten. Auch wird die Bischofsmütze von Denen, die zum Tragen derselben berechtigt sind, im Wappen geführt. Infusion oder Aufguß nennt man sowol die Bereitungsart gewisser Arzneien, welche darin besteht, daß man feste Stoffe mit Flüssigkeiten übergießt, um die wirksamen Theile aus ihnen herauszuziehen, als die auf diese Art dargestellte Arznei selbst. Diesem Processe werden viele vegetabilische und einige animalische Stoffe unterworfen, während man von Flüssigkeiten, wie Wasser, Wein, Weingeist, Branntwein, Essig, Öle u. s. w., auch zuweilen das Deco et (s. d.) einer andern Arzneisubstanz benutzt. Da man beider Infusion stets solche arzneiliche Theile auszuziehen beabsichtigt, welche entweder der Siedehitze zum Ausziehen nicht bedürfen, oder welche sich in derselben zersetzen oder durch dieselbe verfliegen würden, so muß auch rücksichtlich dieser Umstände die Temperatur der zu gebrauchenden Flüssigkeit eine sehr verschiedene sein. Infusorien oder Jnfusionsthierchen, d. i. Aufgußthierchen, nennt man der Wortbedeutung nach jene nur mittels des Mikroskops unterscheidbaren, dem unbewaffneten Auge meist unsichtbaren Geschöpfe, die sich in wässerigen Aufgüssen auf thierische oder Pflanzliche Körper erzeugen. Sie wurden kurz nach Erfindung des Mikroskops und zwar schon um 1660 von Leuwenhoek entdeckt, indessen fällt ihre genaue Kenntniß erst in die neueste Zeit; aufO. F. Müller (1776), der bereits an 400 Arten aufzählte, folgte eine Menge von Beobachtern, unter welchen C. G. Ehrenberg (s. d.) durch den Umfang seiner Entdeckungen und die Tiefe seiner Untersuchungen zum Begründer der gegenwärtigen Jnfu- sorienkunde geworden ist. Der Aufenthalt dieser Geschöpfe ist stets im Wasser oder doch im Feuchten, nie im Thau; man findet sie in jeder Art von Gewässern, in den Flüssigkeiten der Pflanzen und Thiere, im Schleim, Eiter, der Samenflüssigkeit der Thiere, im Torfmoore u. s. w. Sie sind die kleinsten aller Thiere, haben eine mittlere Größe von E Jngävonen Ingelheim Millimeter, und nur wenige, dem nackten Auge als gefärbte Punkte erscheinend« Arten erreichen die in ihrer Claffe riesige Größe von 3 Millimeter; die kleinsten aber ha. ben einen Durchmesser von Vro»» Linie; eine Cubiklinie Wasser kann daher, nach Ehrenberg, s an 50 Mill. Infusorien enthalten. Ihr gewöhnlich rundlicher Körper besteht aus einem > gallertartigen, durchscheinenden, selten lebhaft gefärbten Gewebe und hat keine eigentlichen ! Glieder, sondern nur sehr zarte Wimpern und Aäden, die wie Ruder gebraucht werden ' und bisweilen zu einer Art von Rädern vereint sind. Ehrenbcrg schreibt den meisten eine ! sehr zusammengesetzte Organisation zu, einen oder mehre Mägen, Darmkanal, Gebiß, Au- gen und Geschlechtswerkzeuge; er fand auf ihnen sogar Läuse, die selbst wieder andere Parasiten auf sich trugen; doch wurden diese höchst wunderbaren Entdeckungen durch an- ^ derc Beobachter, namentlich Dujardin, in Zweifel gezogen, oder wenigstens einfacher geben, tet. Die der Ernährung wegen in den Hähern Thierclassen geführten Kriege wiederholen j sich auch bei den Infusorien. Sie sind niemals schlafend beobachtet worden, vielmehr sind die meisten in ununterbrochener Bewegung. Ihre Lebensdauer ist kurz; beim Zersetzender Flüssigkeit, die sic umgibt, zerfließen sie, jedoch können unter günstigen Umständen ihre Bruchtheilc die ursprüngliche Lebhaftigkeit wieder erlangen; keine Art jedoch kann, wie man ehedem wol behauptete, Jahre lang eingetrocknet liegen und durch Anfeuchtung wieder belebt werden. Sie pflanzen sich entweder durch Eier oder durch Selbsttheilung oder auf beide Weisen zugleich fort. Die Selbsttheilung besteht darin, daß der Körper irgendwo beginnt, eine Einschnürung zu zeigen, die gradweise zunehmend mit dem Zerfallen in zwei selbständige Individuen endet und sich so vielfach wiederholt, daß aus einem einzigen Zn- fusionsthierchen in wenigen Stunden durch Selbsttheilung möglicherweise an eine Million Individuen entstehen kann. Da viele von ihnen mit Panzern bekleidet sind, die, aus Kieselerde bestehend, Zerstörung durch Fäulniß nicht erleiden, so können bei rascher Vermehrung binnen vier Tagen l 30 Billionen dieser Panzer entstanden sein, die zusammen zwei Cubik- fuß Erde bilden. In der That hat man auch entdeckt, daß viele Gebilde der jünger« Erdschickten, Polirschiefer, Feuerstein, Kieselguhr der Hauptsache nach aus Zusammenhängen- sj den Panzern theils der Jetztwelt angehörender, theils untergegangener Arten von Insu- sorien bestehen, die man scharf unterschieden und beschrieben hat. Zu vielfachen noch ? keineswegs abgeschlossenen Kämpfen hat die Frage geführt über die Entstehung der Zn- ! susorien, die auch dann vor sich geht, wenn man ursprünglich ganz reines Wasser in bedeck- ten Gläsern mit einigen Pflanzentheilen gemengt ein paar Tage aufbewahyk. Der Gedanke an Urzeugung (s. Zeugung), d. h. an die Möglichkeit des Entstehens niederer Organismen ohne Ei oder Altern und nur mittels des Zusammentretens günstiger elemen- ^ tarer Bedingungen, liegt hier sehr nahe, und Versuche, die man mit äußerster Vorsicht vornahm, sprechen so zu Gunsten dieser Annahme, daß Ehrenberg's vollständige Verwerfung derselben und seine Behauptung, die Infusorien entständen nur durch Eier, die überall verbreitet sich erst entwickeln, wenn sie in Flüssigkeiten gelangen, sehr viele Angriffe erfahren hat. Die Jnfusorienkunde wird gegenwärtig von vielen Seiten her bearbeitet, denn selbst über die Infusorien weitentlegener Länder empfängt man gegenwärtig Nachrichten, und daher ist die Zahl der beschriebenen Arten schon sehr ansehnlich, ihre systematische Ein- theilung auf fester Basis begründet, und der innere Bau vieler durch sinnreiche Versuche . oder sogar durch Anatomirung festgestellt. Obschon zu dieser tiefen Forschung große Übung ^ und Vorkenntniß gehören, so wird doch auch der Laie bei einiger Vertrautheit mit dem Mikroskop und mittels einer nur I50—200fachen Vergrößerung in einem halben Tropfen Sumpfwasser eine Wunderwelt entdecken. R^sh an den herrlichsten Abbildungen ist das Hauptwerk C. G. Ehrenberg's „Die Jnfusionsthierchen als vollkommene Organismen" (Lpz. 1838, mit 64 color. Taf., Fol.). Jngävönen hieß nach Ing oder Ingo, einem der drei Söhne des Mannus, der eine der drei Zweige, in welche die Germanen sich theilten. (S. Germanien.) Zu ihm rech-, net Plinius die Cimbern, Teutonen und die Chauken; nach neuern Forschungen muffen auch die Sachsen, Angeln und Jüten, die Friesen und die Heruler ihnen beigezählt werden. Ingelheim, zwei am Rhein nahe beieinander gelegene Orte, in der großherzoglich Hess. Provinz Rheinhessen, beide bedeutend durch ihren trefflichen Rothwein, mehr aber ; Jngernann Ingenieure 441 noch durch ihre historischen Denkmäler und Erinnerungen. Oberingelheim, mit jetzt 23«0 E., ein ehemaliges Reichsdorf, wird schon 76» als Zubehör der kaiserlichen Pfalz in 1 Niederingelhcim erwähnt. Es hatte mit letzterm zusammen ein Ritter- und Centgericht, welches erstere zu Ende des >7. Iahrh. mit dem des kurpfälzischen Oberamts Oppenheim ^ vereinigt wurde. Die dasige uralte, jetzt evangelische Kirche, ist mit vielenErabmälern und > Grabschriftcn, auch mit Glasmalereien, welche Sccnen aus Karl des Großen Leben dar- > stellen, geziert. — Niederingelheim ist besonders berühmt durch den Palast Karl des Großen, der zwischen 768-7-1 gebaut, auf I»», zum Theil aus Ravenna herbeigeschafften Granit - und Marmorsäulen ruhte. Hier hielt im Z. 7 7 1 Karl der Große einen ^ Reichstag, und auch unter seinen Nachfolgern, die öfters daselbst residirten, wurden hier mehre Kirchen- und Rcichsversammlungen gehalten. Kaiser Friedrich l. ließ > >51 den , Palast ausbessern und auch noch Karl lV. suchte ihn in baulichem Stande zu erhalten, überließ ihn aber >356 an Kurpfalz. Namentlich in der sogenannten bair. Fehde von I5»->, dann im Dreißigjährigen Kriege und zuletzt bei dem Einfalle der Franzosen im I. 1689 ist die alte Kaiserburg gänzlich verwüstet worden. Nur wenige Trümmer, der Saal genannt, hatten sich noch erhalten, und auch diese stürzten am 13. Febr. 1831 zusammen. Übrigens führt von diesen Orten die seit 1737 in den Rcichsgrafenstand erhobene und noch gegenwärtig im Rheingau stark begüterte Familie vonJngelheim den Namen, die aus einem schon 111» urkundlich erwähnten Reichsministerial-Eeschlecht stammt, welches ursprünglich als Bnrgmannen in die kaiserliche Pfalz eingesetzt war. Jngemann (Beruh. Severin), einer der bedeutendsten jeßtlebenden dän. Dichter, geb. am 28. Mai >789 auf der Insel Falster, wo sein Vater Geistlicher war, besuchte nach dessen Tode im I. >799, von der Mutter zum Studiren angehalten, das Gymnasium zu Siagelse und dann die Universität, wo er für die Abhandlung „Über die Grenzen der Dicht- und Redekunst" > 812 die Preismedaille erhielt. Seine erste Dichterperiode, von 1811 — ! I >, in der er seine „Digte" (2 Bde., 1811 — l 2), eine Sammlung zum Theil lyrischer Gels dichte unter dem Titel „Procne" und ein Epos in neun Gesängen mit durchgreifender alle- Mischer Richtung „Den sorte Ridder" (1811) erscheinen ließ, trägt den lyrisch-epischen Ä Charakter; dagegen erscheint er im zweiten Abschnitte seiner Dichterlaufbahn, von >815 ! - 2>, mehr lyrisch-dramatisch, mit einer kräftigen, frischen Lebcnsfarbung und einer bestimmten objectiven Richtung. Dieselbe manifestirt sich durch eine Reihe Tragödien („Ma- saniello", !8I5; „Bianca", 1815; „Hyrden af Tolosa", 1816; „Loveridderen", 181»), Dramen („Rosten iDrkenen", 1815; „Reinald Underbarnet", 1816; „Tasso'sBefriede", ! >818), Novellen und Mährchen („De Underjordiske", >817, und „Eventyr og Fortällin- ger", 182»), die zum Theil ins Deutsche übertragen sind. Die inzwischen von I. unternommene erste Reise durch Deutschland, Frankreich, die Schweiz und Italien in den I. 1818—I9veranlaßte ihn zu der „Resselyren"(2Bde., 182»), welcher eine lyrische Samm- lung („Julegave", 1826) vorausgegangen war. Den dritten Abschnitt von J.'s Dichter- keben, seit 1822, bezeichnet einerseits eine national-historische und religiöse Richtung, andererseits eine bewußte Aneignung der objectiven Form der Poesie. Dem trefflichen Epos »Waldemar de Store og Hans Mcrnd" (1821) folgten nun seine historischen Romane, in welchen er selbständig den romantischen Gehalt der dän. Geschichte des Mittelalters poe- f tisch darzustellen suchte. Sie beginnen mit „Waldemar Seir" (3 Bde., >826); darauf folgten „Erik Menved's Barndom" (3 Bde., 1828); „Kong Erik og de Fredlose"(2 Bde., >8-j3) und „Prinds Otto og Hans Samtid" (2 Bde., > 835). Wie er schon früher durch leine „Hoimessepsalmer" (1825) einem kirchlichen Bedürfnisse seiner Zeit entgegengekommen war, so fesselte ihn jetzt auch der symbolische Gehalt mehrer auf christlichem Grunde entstandenen Sagen und veranlaßte seine „Blade af Jerusalems Skomagers Lommebog" (>833), und „Salomons Ring" (1839). Zu seinen vortrefflichsten Arbeiten gehören endlich die beiden romantisch-historischen Gedichte „Dronning Margrete" (1836) und „Hol- Scr Danske" (1837). Eine Ausgabe seiner „Samlede Skrifter" hat er >8-13 begonnen. Ingenieure hießen schon in den frühesten Zeiten die Verfertiger der Kriegsmaschi- mn (enFb,1os), von welchen die Wurfmaschinen und späterhin die Feuerwaffen abgezwciat dos besondere Fach der Artillerie (s. d>) bildeten. In ältern Schriften findet man zu« 442 Jilgermanland Ingersleben weilen den Ausdruck, daß ei» wohlgcnirrcr Büchscnmeister am liebsten zum Ingenieur angenommen wurde. Bei der weitern Fortbildung des Kriegswesens erweiterte sich auch der Umfang der Geschäfte der Ingenieure, und cs siel ihnen meist alles Das zu, was man unter dem allgemeinen Ausdruck der Terrainvcrwandlung begreifen kann, weshalb ihnen auch in der neuesten Zeit in den meisten Armeen eine eigene Truppe, bestehend aus Pion> nieren (s. d.), Sappeuren, Mineuren und Pontonieren beigegcbcn wurde, welche die Beaufsichtigung und zum Theil auch die unmittelbare Ausführung der militairischen Bauten aller Art zu besorgen hat. Der Fcstungskrieg, der die Verbindung derBautechnik mit dem Verhalten beim Angriff und der Dcrtheidigung an Festungen in ihrer eigentlichsten Wirksamkeit umfaßt, bedingt für den Ingenieur, nächst der crfoderlichen militairischen und technischen Ausbildung, nicht minder Muth, Entschlossenheit, Haltung und Umsicht, die als allgemeine Eigenschaften eines guten Soldaten ihm vorzugsweise beiwohnen müssen. Sully bildete 1604 in Frankreich das erste Jngenicurcorps, zum Festungsbau und Belagerungskriege bestimmt; ihm folgten hierin nacheinander Gustav Adolf von Schweden, der deutsche Kaiser, König Friedrich Wilhelm l. von Preußen, und August der Starke von Sachsen und Polen. Ingenieurschulen wurden 1742 in Dresden, 1747 in Wien, l750,nMezie- res und 1788 in Potsdam gestiftet. Bei dem wesentlichen, stets fortschreitenden Einflüsse der Physik, Chemie und Mechanik auf Kunst und Gewerbe ist die Benennung Ingenieure auch auf die in diesen Richtungen thätigen Techniker übergegangen, oder doch von ihnen in Anspruch genommen worden, sodaß es gegenwärtig neben den ursprünglichen Feld - und Kriegsingenieuren auch Bergwerks-, Mühlen-, Brücken- und Straßen-, Gasbelruch- tungs- und Eisenbahn-, überhaupt Civilingenieure verschiedener Art gibt. Jngermanlaud, ein Theil des ruff. Gouvernements Petersburg, heißt der Strich Landes zwischen dem Ladogasee, der Newa, dem Finnischen Golf, der Narwa und derpleß- kowschen und nowogorodschen Statthalterschaft. Die Bewohner, nach dem Flusse Inger oder Zschora Jngrier oder Zschoren genannt, sind finnischen Ursprungs, haben aber in Sitten und Sprache viel von den Russen angenommen, mit denen sie seit langer Zeit vermischt leben. Sie sind träge, unwissend, abergläubisch und leben darum in großer Dürftigkeit. Ihre Hauptnahrungszweige sind Ackerbau und Viehzucht. Der Name Jngermanlaud kam erst auf, als das Land 1617 von Rußland, wozu es seit dem l 3. Jahrh. gehört hatte, an Schweden abgetreten wurde. Durch Peter den Großen 1702 wiedererobert, wurde e§ 1783 zum Gouvernement Petersburg geschlagen. Ingersleben (Karl Heinr. Ludw. von), ehemaliger preuß. Geh. Staatsminister, geb. am 1. Apr. 1753, widmete sich zunächst der militairischen Laufbahn, die er aber bei der geringen Aussicht auf Beförderung 1786 verließ. Im folgenden Jahre von der Ritterschaft der Altmark zum Landrath des tangermünder und arneburger Kreises erwählt, zeichnete er sich bald so aus, daß er von Friedrich Wilhelm ll. 1793 zum Präsidenten derKriegs- und Domainenkammer in Halberstadt ernannt wurde. Von Friedrich Wilhelm III. I"98 in gleicher Eigenschaft in die Provinz Pommern versetzt, machte er sich namentlich durch die gänzliche Auflösung der Leibeigenschaft in den ausgedehnten pommerschen Domainen höchst verdient. Im I. 1806 wurde er Minister und zugleich Chef der Organisationscommission, welche für Preußen das Kurfürstenthum Hannover in Besitz nahm, wobei er sich durch Milde und Gerechtigkeit ein bleibendes Andenken bei den Bewohnern Hannovers gründete. Nach dem tilsiter Frieden seines Ministeriums, in Folge der Beschränkung des preuß. Staats, enthoben, lebte er als Privatmann, bis ihn der König, auf die Bitte Her pommerschen Stände, 1812 zum Präsidenten der pommerschen Regierung ernannte, wo er sich bei den bald erfolgenden Kriegsrüstungen ebenso rastlos als wirksam bewies. Unter seiner Leitung faßten die pommerschen Stände den Beschluß, ein Cavaleriercgiment auf Kosten der Provinz zu errichten, das an dem Kampfe gegen Frankreich theilnahm und demsich auch J.'s einziger Sohn angeschlossen hatte, der in derSchlachtbei Großbeeren fiel. Jm J. >61» zum Oberpräsidenten von Pommern ernannt, wurde er mit der Besitzergreifung und Annahme der Erbhuldigung in Neu-Vorpommern beauftragt, die er auch mit Würde und Humanität und zugleich mit zarter Berücksichtigung des Königs von Schweden vollzog. Hieraufwurde er i8i6Oberpräsident des mit der preuß. Monarchie vereinigtenGroß- he ka ' ge B ss ! er w! T n« Ul B in ge at so >»! »a ne ur ! E sp du lei ) du ! Le ^ he de A> U> au Ur na de! ne ja UN 3 . er ) si-i sin dei na du di! k°i ter s-i Bi 3 > Jnglis Ingres E Herzogthums Niederrhein, wo er sich namentlich mit großer Umsicht und Klugheit gegen die katholische Geistlichkeit benahm, deren Anmaßungen er mit großer Entschiedenheit in die gesetzlichen Schranken wies, auch in der Leitung der landständischen Versammlungen große Besonnenheit bekundete und die Ansprüche der Rheinländer durch Beibehaltung ihrer Zu- Azverfassung und anderer ihnen lieb gewordener Einrichtungen zufrieden zu stellen wußte. Nachdem er bereits am 15. Oct. 18t8 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum gefeiert, starb er zu Köln am 13. Mai 1831. Jnglis (Henry Dav.), ein ausgezeichneter Reiseerzähler, geb. zu Edinburg 1795, widmete sich anfangs dem Studium der Rechte, sehr bald aber ganz der schönen Literatur. Doch weder sein erster Roman „Hs ns« Oil Llss", obschon ein würdiges Seitenstück seines Vorbildes, noch seine „8olitarx «»Iks in msn^ Ismäs", die in Diction, Erhabenheit und Schönheit der Gedanken mit Byron's und Scott's Schilderungen wetteifern, fanden Beachtung. Desto entschiedenem Beifall erwarben ihm seine Reisewerke, die sich nicht sowol durch Correctheit und Vollständigkeit, als durch elegante Darstellung auszeichnen. Dahin gehören namentlich sein „8paill in I83V" (2 Bde., Lond. 1832); „l'xrol «itb a glance at Lavaria" (2 Bde., Lond. 1833; deutsch, Lpz. 1833); „8«itrerlant1, 8outb okkrsnce sixi tke kz'renees"; „lour tbrougb 8«e800 den zweiten und im folgenden Jahre den ersten Preis zuerkannte. Hierauf ging er nach Rom, wo er von dem steifen Classicismus seines Lehrers sich frei machte, der Natur sich zuwendete und insbesondere Rafael zum Muster wählte. Seine vorzüglichsten Gemälde sind „Ödipus und die Sphinx"; „Jupiter und Thetis"; „Virgil, derbem Augustus und "st Llctavia die Amide vorliest"; „Francisco von Nimini"; „Karl's V.Einzug in Paris"; »Napoleon auf dem Throne", jetzt im Jnvalidenhause zu Paris; „Rafael und die For- narina"; „Die Messe Papst Pius'Vll."; „Das Gelübde Ludwigs Xlll., in der Kathedrale zu Montauban; „Der Tod Leonardo da Vinci's"; „Heinrich IV. mit seinen Kindern"; „Die Martern des heil. Symphorian", in derKirche zu Autun, und ein „Christus- '°pf". Im Quirinal zu Rom malte er Romulus und den Schlaf Ossian's, und im neunten Saale des Museums an der Decke das Frescobild, die Vergötterung Homer's. Unter simen großartig aufgefaßten und herrlich ausgeführten Portraits sind die des Marschalls «erwick, Pastoret's, Bertin'sdeVaux und Mole"s zu erwähnen. Seit 1826 Mitglied des Instituts, ging er 1834 an Vernet's Stelle als Direktor der franz. Akademie nach Rom, Ingwer Injurie legte aber in Folge der bittern Angriffe, die er wegen seines „Symphorian" erdulden mußte, 1836 diese Stelle nieder und kehrte nach Paris zurück. Ingwer oder Ingber nennt man die getrockneten Knollen oder Wurzeln der gemeinen In gw erpflanze (^IIWMIUN Lillgiber), welche in Ostindien, auf Malabar, Java u. s. w., jetzt auch in Westindicn, an sumpfigen Orten wächst. Die Wurzeln sind fingerdick, ebenso lang, gegliedert und haben eine gerunzelte Oberhaut. In Folge der Behandlung und Trocknung unterscheidet man gemeinen schwarzen oder braunen Ingwer, und weißen oder geschabten Ingwer. Sowol dieser als jener hat einen kampherartigen Geruch und einen gewürzhaften, brcnnendfeurigen Geschmack, doch der weiße in höherm Grade als der schwarze. Früher wurde der Ingwer häufig als magenstärkendes Gewürz genossen. Zn Ostindien macht man die frischen Wurzeln auch in Zucker ein und bringt sie als candir- ten Ingwer in den Handel. Zur Gattung Ingwer gehören auch die Pflanzen, welche die als Blockingwer, Kurkumä und Zittwerwurzel bekannten Wurzeln, sowie die Paradieskörner und Kardamomen liefern; auch diese sind fast ausschließlich ostind. Ursprungs. Initiative ist eigentlich der erste Schritt, der erste Anstoß zu einer Handlung oder einem Beschluß. Die Initiative einer Sache ergreifen heißt den Anfang mit einer Einleitung machen, den übrigen Betheiligten entgegenkommen Es ist daher eigentlich falsch, daß man von Ständen, die das Recht, vollständige Gesetzentwürfe vorzulegen, zwar nicht, wohl aber das Recht besitzen, auf die Vorlage solcher anzutragen, zu sagen pflegt, sie hätten die Initiative der Gesetzgebung nicht. Gerade diese haben sie, aber die Mittelstufe, die Redaction der Gesetzentwürfe, gebricht ihnen. Es wird schwerlich eine volksvertretende Gewalt geben, welche die eigentliche Initiative nicht besäße. Wolaber war bis 18 3 Oder stanz. Kammer und ist noch gegenwärtig in den meisten deutschen Verfassungsurkunden den Ständen die volle Initiative, das Recht, der Regierung ganze Gesetzentwürfe zur Annabme oder Verwerfung vorzulegen, versagt. Da sie jedoch das Recht haben, aus Vorlegung von Gesetzentwürfen anzutragen und dabei die Gesichtspunkte anzugeben, aus welchen sie dieselben gefaßt wünschen, worauf ihnen die Regierung eine motivirte Antwort geben muß, so entbehren sie etwas Wesentliches nicht. Die deutsche Einrichtung ist vielmehr insofern sachgemäß, als sich in der That für eine zahlreiche Versammlung weit mehr die Besprechung von Principien als eine specielle Redaction eignet. Sie hat ferner den Vortheil, daß nicht erst viele Zeit auf Abfassung und Discussion eines ganzen Entwurfs verwendet wird, den die Regierung nachher verwirft. Die Erfahrung hat übrigens gezeigt, daß in Frankreich, wo die revidirte Charte von l 830 den Kammern die volle Initiative zusprach, sehr wenig und kein politisch wichtiger Gebrauch davon gemacht worden ist. In England ßndet übrigens, in Folge der ganzen Eigenthümlichkeit seiner Verfassung, das directe Gegentheil statt und, während die Theorie gewöhnlich sagt, die Initiative sei dort zwischen der Negierung und dem Parlament getheilt, hat in Wahrheit die Regierung, soweit man sie als etwas vom Parlament Getrenntes auffassen mag, die Initiative gar nicht. Denn was die Minister im Parlamente Vorschlägen, das schlagen sie als Mitglieder des Parlaments vor, in welcher Eigenschaft allein sie darin erscheinen, reden und handeln dürfen. Vgl. Murhard, „Die Initiative bei der Gesetzgebung" (Kass. >833). Injektion, s- Einspritzung. Injurie, Ehrenkränkung oder Beleidigung, heißt jedes rechtswidrige Verhalten, welches die Persönlichkeit eines Andern, insbesondere seine Ehre zu verletzen geeignet und zu diesemZwecke absichtlich geschehen ist. Nach gemeinem in Deutschland geltendem Rechte findet wegen Injurie ein Antrag auf Privatgenugthuung statt, bestehend in Ehrenerklärung, Widerruf und Abbitte (s. d.), oder auf Bestrafung, bestehend in Geld- oder^gerin- ger Freiheitsstrafe; in einigen Staaten kann sogar beides combinirt werden; neuere Strafgesetzgebungen pflegen jedoch die sogenannte Privatgenugthuung als ungeeignet und nian- nichfach unzuträglich in Wegfall zu bringen. In England kann nur dann eine Ehrenkran- kung gerichtlich verfolgt werden, wenn sie entweder als gedruckte oder schriftlich verbreite e Verleumdung (s. Libell) eine Störung des Landfriedens enthält oder dem Gekrankten einen Schaden in seinem Gewerbe oder sonst zugefügt hat, welcher zu Geld anzusmlagen ist. Übrigens unterscheidet man Real», d.i. thätliche, und Verbal-, d.i. wörtliche In;urien, j ru, N- 445 Inkas Inn ememderGesetzgebungmeistbesondershervorgehobeneArt der Injurien ist das Pasquill (s.d.). Verschieden von der eigentlichen Injurie ist übrigens die Verleumd»ng (s. d.). Inkas hießen die Beherrscher Perus vor der Eroberung durch die Spanier. Die Urgeschichte dieses Landes ist ebenso dunkel als diejenige der neuen Welt überhaupt, wo, wie Tagen und Trümmer großartiger Bauwerke beweisen, in unbekannter Vorzeit mächtige Völker gelebt und eine hohe Civilisation geherrscht haben müssen, auf welche eine lange Periode der Verödung und der Verwilderung folgte. Zwischen die peruanischen Wilden, die nicht einmal eine deutliche Erinnerung an die bessere Vorzeit bewahrt hatten, trat plötzlich ein Fremdling, Manco Capac, der sich einen Sohn der Sonne nannte, sich Achtung und Gehorsam zu verschaffen wußte, ein Volk aus vereinzelten Stämmen bildete und einen Staat nach theokratischen Grundsätzen errichtete, der unter den Nachfolgern zum ausgedehntesten und mächtigsten der historisch nachweisbaren der neuen Welt anwuchs. Gegen vier Jahrhunderte bestand derselbe; der 13. Inka verlor Reich und Leben im I. 1533 durch die span. Eroberer.. So viel Unsicheres sich auch in der Geschichte eines Volks finden muß, welches mit dem Schreiben unbekannt war, so sind doch die umständlichsten Nachrichten über Staatseinrichtungen und sittliche Zustände der Peruaner, wie sie zur Zeit der Eroberung bestanden, durch span. Augenzeugen an uns gekommen. Sie beweisen, daß die Inkas nicht allein als sichtbare Beherrscher, sondern auch als Vertreter und Organe der Gottheit galten, die unbedingteste Unterwerfung verlangten, jedoch mit ebenso großer Gütr als Staatsklugheit das Volk regierten, welches in genau geschiedene Kasten geordnet, völlig willenlos sich verhielt. Nur einer der 13 Inkas war ein eigentlicher Eroberer; die andern vergrößerten durch friedliche Unterjochung roher Volksstämme, welche in kurzer Zeit civili- ßrt wurden, ihr Reich so sehr, daß es zur Zeit seines Falls sich von Quito bis Chile ausdehnte. Die Staatscinrichtung war sehr geregelt, aber sie konnte nur unter einem gering begabten und ruhigen Volke bestehen; Fortschritte erlaubte sie nur bis zu festen Grenzen. Für öffentliche Bedürfnisse, für den Cultus, der die bei den Mexikanern gewöhnlichen Menschenopfer verwarf, und für die Wehrhaftigkeit des Reichs war vorsichtig gesorgt. Noch sind die Trümmer gewaltig großer Magazine und Tempel übrig, und theilweise wird noch gegenwärtig diesogenannte Jnkastraße benutzt, die, ein wirklich staunenerregendes Bauwerk, sich über den Rücken der Andes durch fast 2» Breitegrade hinzog, als Militairstraße diente und selbst in ihren Trümmern den Vergleich mit manchen ägypt. Bauten aushält.. Zm Znkareiche wurden nur eine Sprache und eine Religion geduldet; der Unterdrückung, war überall vorgebeugt; aber die Fürsten und der Adel, Orejones von den Spaniern genannt, verhielten sich stets als abgesonderte Kaste zum Volke und rechtfertigen hierdurch die Bermuthung, daß sie die Nachkommen eines fremden erobernden Stamms gewesen sind. Der Ackerbau blühte, und ungeachtet des Mangels an eisernen Werkzeugen, wurden siele Handwerke mit Erfolg geübt. Handel kannte man nicht, da die Grenzen streng bewacht wurden und jede Verbindung mit den ununterjochten Nachbarvölkern verboten war. Dennoch befand das Volk sich sehr wohl, bis die Spanier erschienen und mit ihnen Elend, Verwilderung und Entvölkerung über Peru hereinbrachen. Die Familie des letzten Inka ßarb aus; jedoch leiten von Seitenzweigen derselben mehre peruanische Halbweiße Familien ihren Ursprung ab, und eine derselben wurde schon im II.Jahrh. von der span. Negierung in den Grafenstand erhoben. Die umständlichsten, wenn auch nicht ganz zuverlässigen Nachrichten über die Inkas gaben die span. Eroberer selbst, wie Cieza und zumal Garn- laso delaBega (s. d.), welcher mütterlicher Seite vom letzten Inka abstammte. Ihre Nach. Achten sind von Robertson in seiner „Geschichte Amerikas" gut verarbeitet worden. Der siacht Roman „Des Incas" von Marmontel ist ohne allen historischen Werth. Inn, der Oenus der Alten, der größte Nebenfluß der Donau, entspringt im obern Mgadin und wendet sich, nachdem er durch den schaurigen Gebirgspaß Finstermün; durch- Sebrochen, als wildtobender Bergstrom nach Tirol, wo er einem der größten und an Naturschönheiten reichsten Thäler des Alpengebirgs den Namen gibt und Innsbruck bespült, unterhalb Kufstein geht er nach Baiern über, wo er mehre Seen bildet, mehre Nebenflüsse unstnmmt, bei Telfs schiffbar wird und nach einem Laufe von 65 M. bei Paffau, 160 schritte breiter als die Donau, in diese sich ergießt. Nach ihm ist das Jnnviertel be- Znnocenz (Päpste) Innsbruck nannt, ein Kreis von 4 1 lUM. mit 130000 E. und der Hauptstadt Braunau, welcher ftü- ! her zu Baiern, gegenwärtig aber zu dem östr. Lande ob der Ens gehört. > JlUlöcenz ist der Name 13 röm. Päpste. — I. I., 302—316, röm. Bischof, kam bereits zu der Überzeugung, daß ohne ihn in der ganzen Christenheit, besonders in Glau- benssachen, nichts zu entscheiden sei. — I. II., 1130—33, mußte gegen zwei Gegenpäpste und deren Beschützer, Roger von Sicilien, kämpfen. — I. III., 1198— 1216, der bedeu- , tendstc unter ihnen, stammte aus dem Hause der Conti in Anagni; geb. 1161, gebildet»» I Paris, Nom und Bologna, war er gleich berühmt als Theolog wie als Jurist. In ihm ge- , dich die Idee des Papstthums und deren Ausführung zur höchsten Vollendung. Er machte , den Kirchenstaat unabhängig nnd führte als Vormund Kaiser Friedrich's II., den er freisinnig und glänzend erziehen ließ, die Regentschaft über beide Sicilien. Die Entscheidung der Streitigkeiten bei Königswahlen erklärte er für ein päpstliches Recht, gab Königreiche zu Lehen, empfing von den Königen Europas Tribut und belegte mit Bann und Znterdict ss.d.), was ihm widerstrebte. Um das Morgenland der Kirche zu retten, ließ er das Kreuz predigen, gleichwie gegen die Ketzer, namentlich die Albig enser (s. d.). Muf der vierten Lateransynode im I. 1215 wurden 7» Kanones über die Glaubenssatzungen, die wichtigsten RechtS- und Disciplinarverhältnisse aufgestellt, und die Lehre von der Brotverwandlung samt lenkt. Auch genehmigte er das Verbot des Bibellesens und entzog den Laien den Kelch. Zwar habsüchtig, war er doch ein Vater der Witwen und Waisen; auch vermittelte er gm den Frieden zwischen Städten und Fürsten. Er erhob Rom noch einmal zur Beherrscherin der gebildeten Welt und verglich die geistliche Macht der Sonne, die weltliche dem Monde. Seine Schriften erschienen 1552 und 1575 inFol.zuKöln. — J.IV., 1233—53,kämpfte ! mit dem Banne gegen Friedrich II., aber ohne ihn zu besiegen. Die Cardinäle zeichnete ^ er durch rothe Hüte aus. — I. V., 1266, starb, ehe er noch die Weihe empfangen. — Der exilirte I. VI., 1352—62, suchte dem Bedürfniß einer Reformation durch Beschränkung seines Hofes abzuhelfen. — I. VII., 1303—6, lebte in der Zeit der Spaltungen und Ee- genpäpste. — I. Vlll., 1383—92, erneuerte die Gesetze gegen Zauberei, die besonders in Deutschland und Skandinavien streng vollzogen wurden. In dem von Parteikämpfen zerrütteten Rom hieß er seltsamerweise Vater des Vaterlands. — I. IX. war nur vom2S.Öel. bis 30. Dec. 1591 Papst.— Z.X., 1633—57, wurde von Olympia Maldachini regiert und mußte sich auf einer Münze verspottet sehen, die ihn am Spinnrocken darstellt. Er hat den röm. Ackerbau durch das päpstliche Kornmonopol zu Grunde gerichtet. Im I. 1651 verdammte er in einer Bulle den westsäl. Frieden; >653 fünf Sätze von Corn. I a nsen (s.d.). -— I. XI., Odescalchi, 1676—89, ein Römer und von strengen Grundsätzen, suchte die Finanzen durch Sparsamkeit zu verbessern und unterstützte Ostreich gegen die Türken durch Geldvorschüsse. Er verdammte die vier Sätze, welche eine Versammlung von Bischöfen und Baronen zu Paris 1682 gegen den Papst aufstellte. (S. Galli canische Kirche.) — Nach seinem Vorbilde regierte I. XII., 1691 —17 00. Seine Nepoten waren, wie er von sich selbst sagte, die Armen, der Lateran sein Hospital. — Z. XIII., Conti, >721- 23, war als Bischof gewissenhaft, als Fürst gerecht und gütig. Innsbruck, die Hauptstadt der gefürsteten Grafschaft Tirol, am Einflüsse der reißenden Sill in den Inn, über welchen zwei Brücken führen, liegt höchst romantisch in der größten Breite des pittoresken Jnnthales, welches nördlich durch eine 7—8000 F. hohe Bergkette begrenzt wird. Sie hat gegen > 2000 E-, zwölf Kirchen, fünf Klöster, bedeutende Seiden-, Handschuh-, Baumwollen-, Messer- und Siegellackfabriken und einen starken Tranfitohandel zwischen Deutschland und Italien. Zugleich ist sie der Sitz des östr. Landes- guberniums, des tirol-vorarlberg.Appellationsgerichts, eines Militaircommandos, des > 6>6 erneuerten Landtags und einer Universität mit zwei Facultäten und einem Studium, welche 1672 durch Kaiser Leopold I. gestiftet, von Kaiser Joseph II. 1782 in ein Lycenm verwandelt, 1792 wiederhergestellt, 1810 nochmals aufgehoben, endlich >826 wiederum erneuert wurde. Dieselbe ist reich an Stiftungen, zählt 22 Lehrer und etwa 350 Studenten. Der , Gouverneur, Karl Graf Chotek, gründete im I. 1823 ein Landesmuscum, das nach dem damaligen Kronprinzen, jetzigen Kaiser, Ferdinandeum benannt wurde und dessen M- glieder seit 1825 „Beiträge zur Geschichte, Statistik, Naturkunde und Kunst von Tirol u st st 3 S n n a § d d 8 p 8 je 2 p' vi d, Z dl w li u P! m gl di ei k! le L T S Ni w s° UI E de ar eii tu ha de Inschriftenkunde Inquisition 447 Mid Vorarlberg" herausgcben. Auch bestehen in I. eine Musterhauptschule, ein Gymnasium, die theresianische Ritterakademie, ein Damenstift, ein landwirthschastlicher und ein '> Misikvcrein u. s. w. Die innere alte Stadt ist Wink lig und unregelmäßig und zum Theil schon in ital. Geschmacke erbaut, schöner und großartiger nehmen sich die Neustadt und die > Vorstädte aus. Die Franciscaner- oder Hofkirche enthält außer der sogenannten silbernen Kapelle, von ihrem silbernen Bilde der heil. Jungfrau und den sehr massiven, aus Silber ! getriebenen Darstellungen der Lauretanischcn Litanei so genannt, das berühmte Grabdenkmal Kaiser Maximilian's l., der jedoch nicht hier begraben liegt, bestehend in einem Marmorsarkophag mit des Kaisers ehernem Standbilde und 24 Basreliefs von Alex. Colin ^ aus Mecheln. Um dasselbe stehen 28 kolossale Erzstatuen der Verwandten und Ahnen des Kaisers, von den Tirolern Godel, Löffler und Lendensireich gearbeitet. Auch das Grabmal des Erzherzogs Ferdinand II. und der schönen Philippine Welser, von Alex. Colin, sowie das Grab Andr. Hofer's und dessen Standbild, von Schalter, befinden sich hier. Vor der Burg auf dem schönen Rennplätze steht die bronzene Neiterstatue des Erzherzogs Leopold V., von dem trrol. Bildhauer Kasp. Gras und dem Rothgießer Heinr. Neinhart. Ein Gebäude auf dem geräumigen Stadtplatz, das früher die Residenz der tirol. Grafen, j jetzt ein Prisathaus ist, trägt das berühmte goldene Dach, von Friedrich IV. mit der leeren Tasche für 2VV00V Dukaten errichtet. Am Ende der neustädter Straße steht eine Triumphpforte, welche bei Gelegenheit der hier gehaltenen Vermählung des Großherzogs Leopold von Toscana mit der Infantin Marie Luise errichtet wurde. I. hieß früher Oenipautium, d.i. Übergang über den Inn, und wurde 1234 von dem Herzog Otto I. von Meran zur Stadt erhoben. Nach der Besitznahme Tirols durch Ostreich war es eine Zeit lang Sitz der östr. Herzoge. In dem Aufstandskriege der Tiroler gegen die Baiern und Franzosen wurde es mehrmals von beiden Parteien genommen und wieder verloren, wodurch es viel litt. Zn der Nähe liegt das berühmte Lustschloß Ambras (s. d.). Vgl. Zoller, „Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt I." (2. Aust-, Jnnsbr. 1828) und „Historisch-topographisch-statistisches Gemälde J.'s" (Jnnsbr. 183S). Inschriftenkunde oder Epigraphik, s. Epigraphe. Innung, s. Zünfte. Ino, die Tochter des Kadmus und der Harmonia, und die zweite Gattin des Ath a- mas (s. d.), lenkte den Zorn der Juno dadurch auf sich und ihren Gemahl, daß sie den jungen Bacchus erzogen. Noch mehr reizte sie die Göttin, als sie, um ihre eigenen Kinder zu begünstigen, ihre Stiefkinder, Phrixus und Helle, ermorden lassen wollte, die indeß durch eine Erscheinung ihrer rechten Mutter, Nephele, im Traume gewarnt, sich durch die Flucht retteten. Als Athamas, durch die Juno rasend gemacht, seinen ältesten mit der I. erzeugten Sohne Learchus an einem Felsen zerschmetterte, floh die Mutter mit ihrem jüngsten Sohne Mclikertes und stürzte sich mit ihm von der Klippe Moluris in Megaris ins Meer. Des Sohnes Leichnam wurde von einem Delphin ans Ufer getragen, wo ihn der König Sisyphus begraben ließ und ihm zu Ehren die Jsthmischen Spiele (s.d.) anstellte, nachdem auf Bitten der Venus die I., welche nachher unter dem Namen Leukothea verehrt wurde, und Mclikertes unter die Meergökter verseht waren. Nach einer andern Erzählung soll der Körper des Melikertes anfangs unbegraben gelegen und eine fürchterliche Pest ver- i ursacht haben, worauf das Orakel befohlen habe, ihn feierlich zu beerdigen und ihm zu Ehren Spiele anzustellen. Auch übrigens noch wird der Mythus von der I. sehr verschieden erzählt, was seinen Grund darin hat, daß derselbe sich ganz besonders zu poetischen Bearbeitungen eignete. So hatte Äschylus einen „Athamas", Sophokles eine „Ino" und einen „Athamas", Euripides einen „Phrixus" und eine „Ino", auch Achäus einen „Phri- lus" gedichtet; doch sind von allen diesen Bearbeitungen nur noch Bruchstücke übrig. Inoeulatron, s. Kuhpockenimpfung und Pfropfen. Inquisst, s. Jnculpat. . Inquisition hieß das Glaubens- oder Ketzergericht, welches als ein Act der röm. Kirchenzucht in den Sendgerichten oder Kirchenvisitationen der Bischöfe feinen Ursprung hat. (S. Send.) Jeder Bischof mußte nämlich jährlich wenigstens einmal seine Diöces bereisen, um Gesetz und Recht der Kirche zu überwachen, und die Ortsvorstände waren ver- 448 Inquisition pflichtet, Übertretungen ihm anzuzeigen. Da sich indeß seit dem 12. Jahrh. die Abtrünnigen der Kirche trotz des Kirchenbannes mehrten, so sahen die Päpste sich veranlaßt, Legaten auszusenden, die mit Hülfe der weltlichen Obrigkeit die Ketzer aufspüren und bestrafen sollten. Im südlichen Frankreich aber konnten sie selbst durch einen Kreuzzug im J. >209 nicht gänzlich ausgerottet werden. Daher ordnete Gregor IX. die Inquisition an als ein bleibendes Gericht, und bestimmte auf der Synode zu Toulouse imJ. 1229, daß alle Landes- und Gutsherren, Bischöfe und Richter zur Ketzerverfolgung, alle Einwohner zur unbedingten Unterstützung verpflichtet sein sollten. Die Namen der Angeber und Zeugen wurden verschwiegen; schon Verwandtschaft und Verkehr mit Verdächtigen oder Fürsprache verwickelten in Untersuchung. Die Schuldigen wurden lebenslänglich eingespcrrt und Niemandem, auch nicht dem Arzte im Falle tödtlicher Krankheit, der Zutritt zu ihnen gestattet. Ihr Eigenthum wurde unter die Ankläger und die Behörden vertheilt, ihre Wohnungen wurden zerstört, Kinder und Enkel waren bürgerlich ehrlos. Selbst aufrichtig Reuige wurden in unverdächtige Gegenden versetzt, erhielten besondere Tracht, und waren bis auf päpstliche Dispensation aller öffentlichen Rechte verlustig. Im I. 1232 kam die Inquisition in,die Hände der Dominicaner, welche sich ihrer bald ausschließend bemächtigten. Ludwig IX. von Frankreich nahm sich der Inquisition zuerst an, und bald folgten ihm hierin auch der Kaiser Friedrich II. und Raymund VII. von Toulouse. Volksaufstände im südlichen Frankreich vermochten nichts gegen sie; nur in Deutschland wollte sie nicht gedeihen, da Volk und Bischöfe ihr entgegen waren, wo indeß die Hexenproceffe desto reichlichern Ersatz gewährten. Bald kam sie auch in den Niederlanden, in Italien und Aragon zum Vorschein; in Venedig unterlag sie indeß der strengsten Aufsicht der Staatsgewalt. In Spanien erkannten Ferdinand von Aragon und Jsabella von Castilien in ihr ein Mittel, die Gewalt des Lehenadels wie des Klerus zu brechen und die königliche Macht der Unumschränktheit entgegenzuführen. Schon 1391 und 1392 s atte hier ein fanatischer Mönch, Fernan Martine; Nunez, die Volkswuth gegen die Juden erregt, welcher zu entgehen sich viele taufen ließen. Den ersten Versuch, die Inquisition wirklich einzuführen, machte >377 der Cardinal Pedro Gonzalez de Mendoza, indem er viele Bewohner Sevillas jüd. Abkunft, auf Grund der Verdächtigung, daß sie heimlich nach ihrer Väter Gesetzen und Sitten lebten, insgeheim wie öffentlich bestrafen ließ. Sodann legte derselbe der Regierung den Entwurf zu einem beständigen Glaubensgericht und einer geistlichen Policei vor, der Ferdinand und Jsabella wohlgcfiel, und auf Mendoza's Betrieb auf dem Reichstage zu Toledo im I. 1189, trotz des Widerspruchs vieler Reichsstände, auch angenommen wurde. Schon im nächsten Jahre hatte nun die Eröffnung der Generalinquisition zu Sevilla statt, die bald nachher das erste Auto da F e (s. d.) hielt, wobei sieben Personen lebendig verbrannt wurden. Über >799« Personen gaben sich, nach span. Geschichtschreibern, selbst der Inquisition an; über 2M wurden in den ersten Jahren zum Scheiterhaufen verurtheilt, noch weit mehr flüchteten m die Nachbarländer. Der erste Generalinquisitor war der Dominicanerprior zu Segovia, Thom. de Torquemada, der 1-198 starb und in dem von ihm gestifteten Kloster zu Avila begraben wurde. Er hatte 290 Jnquisitionsdiener und eine Schutzwache von 50 Reitern. Der Papst Sixtus IV. widersctzte sich zwar anfangs dieser span. Inquisition und federte Torquemada nach Nom, gab aber, da dieser nicht erschien, sondern einen Vertheidiger lendete, 1183 nach/bestätigte Torquemada als Glaubensrichter über Castilien und Leon, verlieh ihm die Macht, die bisherigen Glaubensrichter abzusetzen und nach Gutdünken neue zu bestellen, und unterwarf ihm auch Aragon, Valencia und Sicilien. In den verschiedenen Landschaften wurden Jnquisitionsgerichte gestiftet, die allein unter dem Generalinquisitor standen. Niemand konnte sich der Inquisition entziehen; sie richtete auch über dieGe- danken, deutete Worte und Handlungen nach Belieben, und jede Angabe reichte zur Verdummung hin. Auch reuige Ketzer, wenngleich begnadigt, waren ehrlos und durften kem öffentliches Amt verwalten, nicht Pächter, Sachwalter, Arzte, Apotheker, Specereihändler sein, weder Gold, Silber und Edelsteine tragen, noch reiten und Waffen führen. Auch du längst Gestorbenen verurtheiltc man und scharrte ihre Gebeine aus der Erde, um ihre Guter der königlichen Kammer zuzuwenden. Selbst die Vornehmsten wurden um ihrer Sicherheit willen Aufseher und Häscher der Inquisition, Familiäres genannt, deren man in Inqrlisitionsproceß 449 Spanien 20000 zählte. Übrigens waren mit der Angeberei zugleich bedeutende bürgerliche Vorrechte und reicher Ablaß verbunden. In dem höchsten Glaubcnsgericht, das später in Madrid seinen Sitz hatte, führte der Großinquisitor den Vorsitz; er wählte auf des Königs Vorschlag sich die beisihcnden Räthe, von denen einer ein Dominicaner sein mußte. Von diesen Beisitzern hatten einige, (litlitlcuckvrcs genannt, über das Verhältniß theologischer Meinungen undSätze zu dem kirchlichen Lehrbegriff zu entscheiden; die übrigen warenRechts- gelehrtc mit blos bcratheuder Stimme. Außerdem gehörten zu dem Glaubensgericht ein Fiscal, zwei Secretaire, ein Einnehmer, zwei Referenten und mehre Ofsiciale, welche die Angeklagten verhafteten. Die Gefängnisse nannte man heilige Häuser (cos»« santss). Zm I. > -102 war die Inquisition in ganz Spanien eingeführt; die zahlreichen Juden hatten sich zum Thcil taufen lassen; über 200000 mußten in dem gedachten Jahre auswan- ^ dem. Den Mauren hatte man anfangs freie Religionsübung gestattet, nachdem aber der Cardinal und Erzbischof Limen es (s. d.) >400 durch Geschenke und Zureden einige Tausende zum Übertritt bewogen hatte, erging in Folge eines Aufstandes in Granada im 1.1501 der königliche Befehl, zufolge dessen alle Mauren binnen drei Monaten Spanien verlassen oder sich taufen lassen sollten. Viele Tausende nahmen die Taufe an, weit mehr aber gingen »ach Afrika hinüber. So wüthete die Inquisition in Spanien fort, bis sie im 18.Jahrh. allmrlig ihre Furchtbarkeit verlor und das schreckliche Schauspiel eines Auto da Fe immer ! seltener wurde. Im I. 1770 wurde ihr verboten, einen königlichen Unterthan zu verhaften, bevor die Beschuldigung völlig erwiesen sei, und >784 bestimmt, daß sie die Acten jedes Processes gegen einen Granden, Minister, Offizier, überhaupt gegen jeden angesehenen Beamten, dem Könige zur Einsicht vorzulegen habe. Napoleon hob sie durch das Decret vom ->. Dec. > 808 auf. Ferdinand VII. stellte sie zwar nach seiner Rückkehr wiederher, doch in der Constitution der Cortes wurde sie 1820 gänzlich abgeschafft und auch nach der Restauration im I. 1820 auf Vermittelung der europ. Großmächte nicht wiedereingeführt. Nach Aorente's Berechnung in seiner „tlistoire > ritiquc 557 eingeführt. Das oberste Glaubensgericht, dem alle andern Gerichte im Reiche untergeordnet waren, hatte seinen Sitz zu Lissabon; der Großinquisitor wurde vom Könige ernannt und vom Papste bestätigt. Zwar hatte König Johann IV., aus dem Hause Braganza, nachdem Portugal im I. l010 sich von der span. Herrschaft befreit, die Absicht, die Inquisition zu unterdrücken, doch gelang cs ihm nur, derselben die Besugniß der Gütereinziehung der Verurtheilten zu nehmen. Nach seinem Tode wurde er dafür von ihr in den ! Bann gethan. Wie die Spanier die Inquisition nach Amerika, so brachten die Portugiesen sie nach Indien, wo sie ihren Sitz in Goa hatte. Im 18. Jahrh. wurde die Gewalt der Inquisition in Portugal durch den König Joseph und den Minister Pombal insoweit beschrankt, daß der Ankläger des Gerichtshofs dem Beschuldigten die Anklagepunkte und ^ie Namen der Zeugen zuvor mittheilen, daß der Angeklagte die Freiheit haben sollte, einen Sachwalter zu wählen und sich mit demselben zu besprechen, und daß kein Urtheilsspruch s ^er Inquisition ohne Bestätigung des königlichen Raths vollzogen werden durfte. König Johann ^ l. hob die Inquisition nicht nur in Portugal, sondern auch in Brasilien und Ost- »>dien auf und ließ alle Acten derselben in Goa verbrennen. — Die von Pius VII. wieder- Mestellte Inquisition zu Rom ist ein bloßes Zuchtgericht über die katholischen Geistlichen. Juquisttionsproceß heißt diejenige Form des Criminalprocesses, bei welcher der Richter selbst die Spuren und Beweise eines Verbrechens aufsucht, den Verdächtigen darüber vernimmt und ihn zum Geständnisse zu bringen sucht, aber auch sich mit dem bloßen Geständnisse nicht begnügt, sondern dasselbe in seinem innern Zusammenhänge und in seiner Übereinstimmung mit äußern erwiesenen Umständen prüft, und endlich auch von Amts- ^egen Dasjenige zu erforschen sucht, was zur Verthcidigung und Milderung der Strafe >enen kann. Der Jnquisitionsproceß ist im Mittelalter unter dem hauptsächlichen EPfll»sse ts kanonischen Rechts in Deutschland allmälig an die Stelle des allerdings mannichfacher ^sv.-Lex. Neunte Aufl. V». 29 V», 450 Jnrotnlation der Acten Insekten fr Reformen bedürftigen alten Anklagcproccsscs (s. Anklage) getreten und seitdem in seiner Fortbildung durch Reichs - und Landesgcsctzgcbung zur fast ausschlicßcndcn Proccßfvnn in Deutschland geworden. Er hat folgende wesentliche Hauptabschnitte: >) Die allgemeine Feststellung des Thatbestandcs eines Verbrechens ohneRücksicht anfeincn bestimmtenThä- ter und die Verfolgung aller Spuren, welche zur Entdeckung des Urhebers führen -iitio genvralisZinm, auch FLneralis); 2) die Sammlung der Vcrdachtsgründe gegen bestimmte Verdächtige, die Vernehmung der letzten über ihr Thun und Lassen zur Zeit der That, und überhaupt insofern dasselbe mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werden kann und die Bestrebung, ein Gcständniß von denselben zu erlangen, wozu geeignete Vorhalte, Confrontationen u. s. w. dienen; nächsidem die vollständige Aufnahme aller andern Beweise der That und des Thäters. Hierbei können auch Sichcrungsmaßrcgeln, z.B. Verhaftung, Anhalten zur Cautionstellung oder zur Abnahme des Handgelöbnisscs, gegen den Angeschuldigten eintreten. Dieser selbst wird Jnculpat genannt; das ganze Verfahren in diesem Abschnitt summarische Untersuchung, von Einigen aber auch minder stier- liche Specialinquisition. Ergibt sich, daß rin voller Beweis der Schuld, ungeachtet vorhandener starker Verdachtsgründe, nicht hergestcllt werden kann, so ergeht nun ein „von der Instanz entbindendes" Urtheil, welches den Angcschuldigten von dem Criminalprocesse auf so lange befreit, als nicht neue Umstände in Betreff der vorliegenden verbrecherischen That sich gegen ihn ergeben; bisweilen wird auch auf dcnNeinigungseid (s. Eid) erkannt. Ist aber der Beweis der Schuld nicht eminent bis zur Wahrscheinlichkeit gebracht oder ist die Nichtschuld als Gewißheit gestellt, so erfolgt ein völlig lossprechendes Erkenntniß. Bei vorhandenem Geständniß oder cingetretenerÜberführung wird bei geringernVerbrechennoch aufVerlangen des Jnculpatcnnach vorgängigerVcrtheidigung sofort einStraferkenntnißge- fallt; liegt aber einVerbrechcn vor, welches wenigstens schwereLcibesstrascn nach sich zieht, und ist der Angeschuldigte entweder geständig oder doch halber Beweis gegen ihn vorhanden, so geht das Verfahren :;) in den eigentlichen feierlichen Criminalproceß (s.d.) oder die Specialinquisition über, und es tritt in der Regel nach vorgängigem Erkenntniß das articulirte Verhör, eine Vernehmung dcsAngeschuldigten, der jetztJnquisit heißt, nbrr die in Artikel gebrachten Hauptpunkte der Anschuldigung vor gehörig besetztem Criininal- gericht ein. Diese Specialinquisition zieht eine Ehrenschmälcrung für den durch sie Betroffenen nach sich, daher vorherige Verteidigung zu ihrer Abwendung gestattet zu werden pflegt. Hierauf folgt Verteidigung und Enderkenntniß. Jnrotulation der Acten, eigentlich deren Zusanimenhestung, dann aber überhaupt der Abschluß ihrer äußer» Anordnung, Fertigung eines Inhaltsverzeichnisses u. s. w. nennt man die processualische Handlung, welche vor Übergabe eines Actenstücks zum Fallen einer Entscheidung stattsinden muß und wegen der in manchen Fällen ei» besonderer Jnro- tulationstermin angcseht zu werden pflegt, damit sich die Parteien überzeugen können, daß die Acten Alles, was wirklich vorgegangen ist, aber auch nichts Ungehöriges enthalten. Insekten, auch Kerfe odcrKerbthiere genannt von der äußern Gestalt ihres Leibes, welcher gleichsam cingekerbt erscheint und mit wenigen Ausnahmen aus den drei denkliih geschiedenen Haupttheilen, Kopf, Bruststück und Hinterleib besteht, bilden unter den wirbellosen Thieren eine eigene große Abkhcilung, nach altern Systemen die sechste Elaffe des Thierreichs. Sie unterscheiden sich von verwandten Thierclassen thcils durch den erwähnten äußern Bau, theils durch ihre Beine, die bei dem ausgcbildeten Thiere stets mir teä>s und gegliedert sind, d. h. aus mehren durch Gelenke miteinander verbundenen Theilen bestehen. Meist gesellen sich zu diesen Bewegungsorganen noch ein oder zwei Paare verscliic- den gebauter Flügel. Ein eigentliches inneres Skelett fehlt ihnen; dagegen ist ihre Hülle meist hornig oder hart und trägt den Namen des Hautskclekts. Das Nervensystem der Insekten ist von einfachen» Bau als das der Wirbelthiere; ein cigentlickes, im Kopfe gelegenes Hirn fehlr. Die Sinne sind meist in gewöhnlicher Zahl vorhanden, doch scheinen einige bisweilen zusammenzufließen, wahrend der Sitz anderer, deren Thätigkeit nicht abgeleugnet werden kann, zweifelhaft ist. Das Tasten wird besonder- durch gewisse, oft sehr künstliche, um das Maul gelegene Organe, die Palpen oder Taster, vermittelt; das -Poren durch die fälschlich sogenannten Fühler, Fühlhörner oder Antennen, die gleichfalls von man- Insekten 451 nichfaltigster Bildung sind; das Schmecken theils durch besondere Werkzeuge, z. B. die Zunge, theils durch die Schleimhaut, welche die Mundhöhle oder die Säugrüssel auskleidet; das Riechen durch die inncrn Membranen der Athmungsöffnungen. Am erkennbarsten sind die Augen, die bisweilen von einfachen Nebcnaugen umgeben, entweder selbst einfach sind, oder als zusammengesetzte äußerlich eine Menge von Facetten gewahren lassen, B. an der Stubenfliege 4»«>», an Stachelspringkäfern 25»»0. Daß die Sinne der Insekten übrigens sehr scharf sein müssen, lehrt die tägliche Erfahrung; z. B. die Schnelligkeit, mit welcher viele einem Schlage ausweichcn, ihr rasches Aufspüren angemessener Nah- umg, ihre Vermeidung vergifteter Lockspeisen und Ähnliches. Ihre Bewegungensind nicht allein kräftig und sehr ausdauernd, sondern geschehen oft, namentlich jene des Fliegens, mit reißender Schnelligkeit, indem die Muskeln der Insekten nicht allein sehr zahlreich, sondern meist auch unter den günstigsten Bedingungen angcheftet sind. Jeder organische Stoff wird von den Insekten zur Nahrung benutzt, indeß ist jede Gruppe von ihnen auf irgend ein bestimmtes Nahrungsmittel angewiesen; so gibt es Käfer, die nur thierische Stoffe verzehre», andere, die nur an pflanzliche sich halten; unter den letzter» genießen manche nur Samen, andere nur Blätter; ganze Ordnungen, wie Schmetterlinge, nähren sich allein von Pflanzensäfte», oder sind allein Naubthiere, wie die Libellen. Da nun die Nahrung entweder flüssig oder fest sein und dann Zerkleinerung erheischen kann, so ergibt sich an den Mundwerkzeugen ein wichtiger Unterschied, den» sie sind entweder zum Beißen oder zum Saugen eingerichtet. In einer Ordnung, den Aderflüglern, finden sich beide nebeneinander vor. Jene Werkzeuge ändern sich in ihrem Baue, je nachBcschaffenheit der angewiesenen Nahrung, sind oft sehr zusammengesetzt und daher wichtig für Zwecke systematischer Einthei- limg. An den beißenden beobachtet man eine seitliche oder vcrticale Stellung im Gegensatz der horizontalen Kinnladen aller Wirbelthiere; an den saugenden verschmelzen diese Theile z» rüffelartigen Gebilden. Die Verdauungswerkzeuge sind zwar merklich verschieden von denjenigen höherer Thicre, allein keineswegs von sehr einfachem Baue ; die Verdauung selbst geschieht nach denselben Gesetzen wie in den höher» Thierclaffen. Das Blut der Kerfe ist farblos und kalt und läuft nicht in Gefäßen um, obgleich eine Art von Herz, das sogenannte Rückengefäß, dasselbe in Bewegung setzt. Die Athmungsorgane bestehen in vielästigen, de» Körper durchziehenden Kanälen oder Luftgefäßen, die an den Seiten des Hinterleibes durch eine Reihe von Löchern oder Stigmen ausmünden, niemals in Lungen; bei dem un- ausgebildeten Insekt, der Larve, bisweilen in Kiemen, wenn ihm anders das Wasser zum Aufenthaltsort angewiesen ist. Eine eigentliche Stimme kommt keinem Insekt zu, denn die vielfachen, oft sehr lauten Töne desselben gehen nie aus den Luftwegen desselben hervor, sondern entstehen durch andere, oft sehr künstliche Organe in Folge von Reibung oder raschem Erzitternlassen. Die Geschlechter sind in jedem normal gebildeten Insekt gesondert und es gehören daher stets zwei sexuell verschiedene Individuen zur Fortpflanzung, die mit wenigen Ausnahmen durch Eierlegen geschieht. Ihre Fruchtbarkeit ist unglaublich groß und wird bei vielen vermehrt durch bald eintretende Zeugungsfähigkeit der Jungen. Man hat nachgerechnet, daß ein Paar Schmeißfliegen am Ende eines fünfmonatlichen Sommers eine Nachkommenschaft von 50» Mill. haben kann; das merkwürdigste Beispiel liefern in dieser Beziehung die Blattläuse, wo aus einem Individuum, welches noch Eier legt, wenn bereits die neunte Generation seiner Nachkommen vorhanden ist, in der fünften Generation schon 59»4 Mill. Nachkommen entsprossen sind. Eigenthümlich ist dieser Thicrclassc, namentlich den Bienen und Ameisen, das Vorkommen ansehnlicher Mengen geschlechtsloser Individuen, die eigentlich verkümmerte Weibchen sind, und in dem wohleingerichteten Staate die Pflege und Erziehung der Jungen, und manche andere häusliche Arbeit besorgen. Die Mehrzahl der Insekten hat eine Reihe von körperlichen Umänderungen oder Metamorphosen zu durchlaufen, ehe sic als vollkommen ausgcbildete in die Periode ihres Lebens gelangen, wo sie eine erneute Verwandlung nicht mehr erfahren und allein zeugungs- sähig sind. Es können diese Verwandlungen mehr oder weniger allgemein sein, und daher bat man in der Wissenschaft die Zwischenstufen festgesetzt, welche einer jeden Gruppe von -inseklen unabänderlich zukonnncn. Das bekannteste Beispiel vollkommener Verwandlung bietet der Schmetterling; aus seinem Ei entwickelt sich die Raupe oder Larve, deren Ec- * 452 Insekten schlechtstheile unausgebildet sind und die als Lebenszweck nur Ernährung und Ansammlung von den Stoffen verfolgt, die später verarbeitet werden sollen. Durch Einspinnung entsteht aus ihr die Puppe (Nymphe oder Chrysalidc), die, ohne je zu fressen, nur durch Athmung mit der Außenwelt in Verkehr bleibt, endlich zerreißt und von den« ausschlüpfen- den vollendeten Schmetterling als leere Hülle zurückgclassen wird. Aus ähnliche, jedoch häufig verkannte Weise geschieht die Metamorphose bei Käfern, deren Larven oft für Würmer gehalten werden, bei Fliegen, deren Larven Maden heißen. Die genauesten wissenschaftlichen Untersuchungen haben übrigens gelehrt, daß in allen diesen Zuständen das Insekt nicht sowol eine eigentliche Verwandlung erfahre, sondern daß nur seine Körpcrkheile, die schon bei der Raupe in ihren Anfängen vorhanden waren, sich gradweise entwickeln, daß also die wunderbare Erscheinung der Umgestaltung einer unansehnlichen Raupe in einen herrlichen Schmetterling ein einfacher und regelmäßiger Proceß sei. Die Lebensdauer der Insekten hängt in der Regel von dem Verlaufe ihrer Metamorphose ab; die Mehrzahl der Schmetterlinge, Immen und Netzflügler ist einjährig, d. h. aus dem im Herbste gelegten und überwinterten Ei wird im nächsten Sommer ein vollständiges Insekt sich gebildet haben, welches gemeiniglich die Begattung nicht lange überlebt, aber den Keim seiner Nachkommenschaft zurückläßt. Bei Käfern, z. B. den Maikäfern, dauert der Larvenzustand (der Engerling) mehre Jahre, das vollkommene Thier aber lebt nur einen Sommer. Nicht groß ist die Zahl derjenigen Insekten, welche als ausgebildete einige Jahre leben. Die Verbreitung der Insekten reicht über die ganze bewohnbare Erde; fehlen sie selbst in Grönland und auf den höchsten Alpen nicht gan^ so sind sic jedoch in Äquatorialländern am zahl- und artenreichsten und zugleich durchGröße und Pracht der Färbung am meisten ausgezeichnet. Sie sind mehr Luft- als Wasserthiere, kommen im Meere niemals vor, zeigen aber in Hinsicht auf Wohnung, Ernährung und Lebensweise so viele Mannichfaltigkeit, daß es unmöglich ist, hierüber etwas Allgemeines zu sagen. Ihr Instinkt ist oft von großer Schärfe und einzelne seiner Äußerungen, besonders bei den Bienen, sind auch dem Volke nicht »ntgan- gen; er läßt sie stets die passendsten Mittel zur Erreichung eines Endzwecks ergreifen, Gefahren entdecken und solche im Gcdächtniß bewahren; er befähigt sie sogar zu jenen gegenseitigen Mittheilungen, die mindestens bei Bienen und Ameisen unzweifelhaft Vorkommen- In gesteigertem Grade entwickeln die Insekten diesen Instinkt in ihrem Haushalte und in der Sorge für ihre Jungen, wovon der vielbeschricbene und am besten bekannte Staat der Bienen eines der auffälligsten Beispiele liefert. In der Natur ist den Insekten eine wichtige Rolle überwiesen, die sie auch vollkommen erfüllen, denn die Machtlosigkeit, die in ihrer Kleinheit zu liegen scheint, wird vollkommen ausgewogen durch die Zahl ihrer Individuen. Die übermäßig wuchernde Pflanzenwelt wird durch sie allein beschränkt und hierdurch das Fortbestehen derselben befördert; auf einen Theil des Thierreichs wirken die Insekten in ähnlicher Ärt ein; sie beseitigen die alljährlich neuentstehenden Trümmer organischer Körper und erscheinen im großen Haushalte der Natur als eine ausgleichende Macht. Unter einem großartigem Gesichtspunkte aufgefaßt muß diese Nützlichkeit die Nachtheile gering erscheinen lassen, die bisweilen, besonders wenn eine jener Epochen unbegreiflicher Fruchtbarkeit erschienen ist, durch Kerfe eintreten, welche, selbst unabwehrbar, Forsten und Ernten zerstören, wie die Wanderheuschrecke grünende Gefilde schnell kn Wüsten verwandeln oder als blutsaugende Moskiten große und fruchtbare Länder dem Menschen fast unbewohnbar machen. Das Reich der Kerfe zieht ebenso sehr an durch seinen Neichthum an Formen und durch seinen Farbenglanz als durch den Ausdruck einer nimmer rastenden Thätigkeit und das Wunderbare der Organisation, und daher erklärt es sich, warum die Jnsektenku nd e oder Entomologie von jeher so hoch in Gunst gestanden und eine größere Zahl von Bearbeitern aufzuweisen hat als die übrigen Classen des Thierreiches zusammengenommen. In Folge dieser allseitigen Bestrebungen mehrt sich das schon jetzt an UM"» Arten begreifende Verzeichnest in das Unübersehbare, während die Anatomie, Entwickc- lungsgeschichte, Physiologie und Systematik der Insekten durch Entomologen einer Hähern Classe täglich neue Aufklärung erhält. Zwar ist auch die systematische Anordnung dieser Myriaden von Thieren vielfachem Wechsel unterworfen gewesen, indeß genügt cs, die Insekten in Kerfe mit beißenden un^> in solche mit laugenden Mundtbeilcn einzutheilen. Zu 453 Inseln Inseln der Seligen jenen gehören: l) die Käfer (s. d.) oder Coleoptercn, mit vier ungleichen Flügeln, die vor- dem hornig; 2) die Aderflüglcr oder Hymeewpteren, mit vier ungleichen, ästig geaderten Flügeln, wie die Ameisen (s. d.), Bienen (s. d.) und Wespen; 3) die Gittcrflüglcr oder Ncuroptercn, mit vier gleichen netzadrigen Flügeln, wie die Lib ellen (s. d.); js) Nctzflüg- ler oder Diktyotopteren, mit vier bald gleichen, bald ungleichen, häutigen, netzadrigen Flügeln; .5) die Gradflügler oder Orthopteren, mit vier ungleichen Flügeln, die vordem pcr- gamentrrtig, die hintern häutig und in der Ruhe längsgcfaltet, wie die Heuschrecken (s. d.). Zu den Kerfen mit saugenden Mundtheilen gehören: 8) die Halbflügler odcrHe- mipteren, mit vier kreuzweis zusammengelegten, gerade ausgestreckten Flügeln, die vordem meist bis zur Hälfte pergamcntartig, wie die Wanzen (s. d.) und Blattläuse (s. d.); 7) die S chmctterlinge ss. d.) oder Lepidoptercn, mit vier großen beschuppten Flügeln; 8) die Zweiflügler oder Dipteren, mit zwei nackte» durchsichtigen Flügeln, wie Fliegen und Mücken. Die Literatur der Entomologie ist außerordentlich reich. Als wissenschaftliche Einleitung zeichnet sich aus Herm. Burmeister's „Handbuch der Entomologie" (Bd. I, Bcrl. 1832); populair geschrieben, aber werthvoll, ist W.Kirby's und W. Spence's „Entomologie" (deutsch von Oken, ä Bde., Stuttg. >823). Inseln, franz. ries, nennt man kleinere, ringsum von Wasser umflossene, zusammenhängende Thcile der festen Erdoberfläche. Kleine Inseln pflegt man auch Eilande und die von zwei Armen eines Flusses gebildeten W erd er (s.d.) oderWörth zu nennen. Eine Anzahl nahe beisammen liegcnderJnselnhcißteinc Inselgruppe oderArchipcl (s. Ar- chipelagus) und eine in gerader Linie nacheinander fortlaufende Reihe derselben eine Inselkette. Ein vom Meere umflossenes, auf einer Seite mit dem Festlande zusammenhängendes Land nennt man eine Halbinsel. Was die Entstehung der Inseln betrifft, so unterscheidet die neuere Geologie zwei ihrem Charakter nach wesentlich verschiedene Arten derselben. Die einen, welche langgestreckt und schmal erscheinen und an den gegenüberliegenden Enden meist in Spitzen auslaufen, müssen sowol vermöge ihrer geognostischcn Beschaffenheit als wegen der Vcrtheilung ihrer Gebirge und des auffallenden Parallelismus ihrer Richtung unter einander als abgeriffenoTheile des festen Landes, als Stücke ehemaliger Continente, betrachtet werden. Die andere Art von Inseln aber, welche sich in ihrem Haupttypus mehr der runden als der elliptischen Gestalt nähert, begreift rein selbständige Bildungen und in sich abgeschlossene Individuen unter sich, die ihre Entstehung entweder vulkanischen Wirkungen und Einflüssen verdanken, oder der unermüdeten Thätigkeit der in der Tiefe des Meers hausenden Korallenthicre, wie die große Anzahl der jährlich noch in der Südsce und im Indischen Meere entstehenden Koralleninseln. Die Gestalt beider ist wesentlich voneinander verschieden. Im erstem Falle nämlich ragen diese Inseln hoch aus dem Meere hervor und haben eine mehr oder minder vollkommene Kegelgestalt, im zweiten bilden sie niedrige, ebene Flächen, welche in ihrer Mitte stets niedriger bleiben als die sie umgebende, an den Ufern aufgeworfene Korallenmauer. Den gesammten Flächeninhalt aller bekannten Inseln der Erde berechnet man, Neuholland als Festland angenommen, zu l 8VVV0 UM. Die größten Inseln sind Borneo und Grönland; ihnen zunächst stehen Neuguinea, Madagaskar, Sumatra und Großbritannien. Die größte Menge der Inseln liegt in dem weiten Becken des Großen Oceans, den Erdthcil Australien (s. d.) bildend, den man deshalb auch Polynesien, d- i. Vielinsclland, nennt. Inseln der Seligen waren zufolge eines uralten griech. Mythus glückliche Inseln am Westrande der Erde im Ocean, wo die anserwähltcn Lieblinge der Götter, dem Tode entrückt, in Wonne und Fülle des Überflusses lebten. Währscheinlich bezeichnet sie schon Homer durch sein Elysium (s. d.). Hesiod schildert sie besonders als Aufenthaltsort des vierten Geschlechts der Heroen und so erhielten sie bei den nachfolgenden Dichtern, z. B. bei Pindar, sowie in der röm. Poesie, namentlich seit dem Zeitalter des AugustuS, aller- Hand Ausschmückungen. Hcrodot gibt einer der libyschen Oasen den Namen Insel der Seligen, daher sic Einige nach Ägypten versetzen, während sie die Alten selbst an der Küste von Spanien suchen oder sie an der Westküste von Afrika in den jetzigen Carrarische» Inseln (s. d.) wieder zu finden glaubten. Eine sehr anziehende Beschreibung gibt Murrt im ersten Abschnitt dcS fünften Buchs seiner „V«riue lectioner". 4,->r Inseln des grünen Vorgebirgs Inspiration Inseln des grünen Vorgebirgs, s. Grünes Vorgebirge. Insignien nennt man alle äußern Andeutungen der Macht und der Würde, des Standes, der Amtsgewalt und der Auszeichnung. Die Insignien der Könige bei den Römern waren die goldene Krone, der elfenbeinerne Stuhl und die mit Beilen ihnen vorangehenden zwölf Lictoren, welche auch in der röm. Republik bcibehaltcn, die Consuln, sowie in geringerer Anzahl die übrigen hohen Magistratspcrsoncn begleiteten. Die Insignien des ehemaligen deutschen Kaisers waren die Rcichskleinodien (s. d.). Gegenwärtig bilden Krone und Sccptcr die Insignien der curop. Monarchen. Zu den Insignien der Ritterschaft gehören Helm und Schild, und als Insignien der Heere sind Fahnen und Adler zu betrachten. Ebenso sind die Marschallsstäbe, der Stab des LordmayorS in London und die Noßschweifc der türk. Paschas Insignien ihrer Würde. Die Insignien der hohen katholischen Geistlichkeit bestehen in Pallium (s. d.), Insul (s. d.), Stab und Ring. Die Hand ist die Jnsignie der Gerechtigkeit und das Beil die der hohen Gerichtsbarkeit. Auch alle Orden pflegt man Insignien oder Dekorationen zu nennen. Insinuation, s. Citation. In8nli«ium, s. Solidarisch. Insolvenz, s- Bankrott. Inspection nennt man eine Hcersabtheilung aus mehren Untcrabthcilungcn glci- chcr Truppcnartcn bestehend und von einem höher« Vorgesetzten befehligt; so gibt cs Inspektionen der Jäger, der Artillerie u. s. w. Inspicirung nennt man die von dem höher»Vorgesetzten ausgcführtc Besichtigung und Prüfung der militairischcn Ausbildung einer Truppe. Inspiration oder Thcopncustic nennt man einerseits eine unmittelbare, also übernatürliche Mittheilung Gottes an die Menschen durch den Anhauch seines Geistes, andererseits den Zustand Derjenigen, welche unter dem begeisternden Einflüsse des göttlichen Geistes wirkten. Es war eine Vorstellung des ganzen heidnischen und jüd. Altcrthnms, daß Weise, Künstler, Dichter, überhaupt alH wahrhaft große Männer mit der Gottheit im Verkehr und unter ihrem begeisternden Einflüsse ständen, und daß nur von Gott selbst Gelehrte von ihm und göttlichen Dingen Kunde geben könnten. (S. Offenbarung.) Daher haben alle Religionsstiftcr beansprucht, daß sic für unmittelbar von Gott gelehrt gehalten würden. Eine heilige geistige Überwältigung schrieben die Hebräer ihren Sehern oder Propheten zu, und im Neuen Testament wird die Heilige Schrift Alten Testaments als von Gott cingcgcben bezeichnet, wiefern die heiligen Mcnscken Gottes geredet, getrieben vom Heiligen Geiste. Nach Ansicht der Rabbiner und des Philo ist das Mosaische Gesetz vom Himmel gekommen und das Alte Testament ein Werk des Heiligen Geistes, zu dessen Verständnisse nach Philo wieder Inspiration crfodcrlich sei, wie auch die Alexandriner Clemens und Origcnc« die 70 Dolmetscher für inspirirt hielten. Diesen Begriff haben die Christen auf das Neue Testament übergctragcn, und bereits im 2. Jahrh. wird der Heilige Geist von Athenagoras mit einem Flötcnbläscr verglichen, sodaß er also der Verfasser der Heiligen Schrift war, die Verfasser selbst aber nur als Instrumente erscheinen. Vollständig bildeten erst die protestantischen Theologen die Inspirationsthcoric aus, veranlaßt durch den Lehrsatz von dem auöschlicßcndcn richterlichen Ansehen der Heiligen Schrift im Gegensätze zu der Tradition und der Inspiration des Papstes, wie der Überschätzung der menschlichen Vernunft. In Folge dieser Polemik suchten sic die absolute Untrüglichkcit des Buchstabens festzustcllcn und leiteten nicht bloß die Anregung zum Schreiben, sondern auch den ganzen Inhalt, Geschichte, Lehre, ja selbst die einzelnen Worte von einer übernatürlichen Einhauchung Gottes ab. Allein ein solches Jnspirationswunder würde nur wieder durch ein Wunder Bestätigung erhalten können, und man müßte conscqucntcrwcisc auch eine Inspiration der Abschreiber, vielleicht auch der Ausleger und Hörer annchmcn, um jede Möglichkeit eines Jrrthums zu beseitigen. Dazu kommt, daß der Inhalt der Heiligen Schrift jener Idee in ihrer strengen Fassung keineswegs entspricht; denn ein Fortschrcitcn der Lehre, eine freie Auffassung der Geschichte und daher verschiedener Formen, ja im Ein;cl- nen widersprechende Darstellungen liegen unleugbar in den Heiligen Urkunden vor und d>c Handschriften sind nicht ohne zahlreiche Lücken und Abweichungen. Nicht minder nnrd Instanz Jnstinct 455 durch strenges Festhalten an einer solchen außer» Göttlichkeit der Schrift ihre menschliche Zuverlässigkeit, d. h. ihre Echtheit, Unvcrfälschthcit und Glaubwürdigkeit gefährdet. Man begnügt sich daher in neuerer Zeit mit der nicht zu bezweifelnden inner» Göttlichkeit derselben, oder mit der Annahme, daß der Inhalt der Heiligen Schrift in Wahrheit göttliches Wort sei, wie denn auch der in und aus ihr wehende Heilige und heiligende Geist zeigt, daß sie Gottes Hauch ist. Nach diesem biblischen Begriffe hat man sich die Inspiration nicht als eine wörtliche, sondern als eine Jrrthümcrn vorbeugende und die ganze religiöse Entwickelung der heiligen Schriftsteller bestimmende göttliche Einwirkung zu denken. Damit steht das höchste richterliche Ansehen der Heiligen Schrift fest und eine sortgehcnde göttliche Eingebung, deren sich zu allen Zeiten Viele unter den Christen gerühmt haben, wie in neuerer Zeit Eichtel (s. d.), Jak. Böhme (s. d.), Swedenborg (s. d.), die Camisardcn und die janscnistischcn Convulsionnaircs in Frankreich, die Quaker, Methodisten und andere Sekten in England und Nordamerika, wird entbehrlich. Instanz bedeutet einen wirklichen oder nur erdachten Fall oder Umstand, welcher zum Beleg, noch gewöhnlicher aber zur Widerlegung irgend cincs ausgesprochenen allgemeinen Satzes angeführt wird. In derNechtssprachc heißt Instanz der Abschnitt eines gerichtlichen Verfahrens, welcher durch das Ansuchen cincs Thcils, die Verantwortung des andern und die richterliche Entscheidung begrenzt wird. Daher spricht man von der Instanz des ersten Verfahrens, von der Beweisinstan; u. s. w. In diesem Sinne sagt man auch, einen Beklagten von der Instanz entbinden, wenn der Kläger vomProccß zurückgewiescn wird, ohne daß er sein Recht selbst verliert, und einen Angeklagten von der Instanz fr ei sprechen. (S. Freisprechung und Inquisition sproccß.) Ferner bezeichnet man mit Instanz auch diejenigen Abschnitte, welche auf das Ansuchen der Parteien um andcrwcitc Prüfung cincs ergangenen Nichtcrspruchs, durch Lcutcrung, Appellation, Restitution, Revision, Nullitätsqncrcl und weitere Vcrthcidigung, gebildet werden. Solcher Instanzen soll es nach der deutschen Bundesverfassung in allen deutschen Bundesstaaten für Civilsa- clien der Regel nach drei geben; in Criminalsachcn sind sic vielfältig auf zwei beschränkt Man spricht hier von der untern und ober», mittler» und höchsten oder letzten Instanz. Niemand soll wider seinen Willen einer Instanz entzogen, keine Instanz übersprungen werden. Der Jnstan zcnzug ist dieOrdnung, in welcher diese Abstufungen des Nichtcramrß in der gerichtlichen Organisation gebildet werden. Er ist wechselseitig, wenn die Lcutcrungs-, Appellations- oder Rcvisions- (Obcrappcllations-) Instanz zwischen mehren Gerichten gegenseitig von einem an das andere geht. Die oberste Instanz aber sollte immer bei einem und demselben höchsten Gerichte sein, um durch seine Aussprüche eine conscqucnte und übereinstimmende Fortbildung des Rechts, welche der bloßen Gesetzgebung unerreichbar ist, zu gewinnen. Jnstinct oder Naturtrieb nennt man die in dem thicrischcn Wesen herrschende bewußtlose und unwillkürliche Richtung der Thätigkcit, welche sich vornehmlich im Begehren oder Vermeiden zxigt. Sic wird Jnstinct genannt, weil man dabei etwas in der Natur der thicrischcn Geschöpfe voranssctzt, was zu einer bestimmten Wirkungsweise treibt. Der Jnstinct ist angeboren, da er nicht erst durch Gewohnheit oder Nachahmung angenommen wird, sondern sich sogleich mit dem Dasein cincs thicrischcn Wesens äußert, und ein natürlicher Trieb, da er nicht von Überlegung und Nachdenken, sondern von der jedem Thicrgc- schlechtc cigcnthümlichcn Organisation und Natur abhängt. Es gibtJnstincte, welche allen thicrischcn Geschöpfen gemein sind, z. B. der Nahrungs- und Gcschlcchtstricb, andere, welche »ur besonder» Thierartc» eigen sind, z.V. den Wasscrvögcln der Trieb, im Wasser zu schwimmen; noch andere Triebe scheinen an periodische Bedingungen und Verhältnisse gebunden M sein, z. V. bei den Zugvögeln der Trieb zu Versammlungen und Wanderungen. Am bestimmtesten und ausgeprägtesten treten die Jnstincte bei den Thiercn auf, während die Naturanlagc des Menschen auf die Entwickelung der verständigen und vernünftigen Überlegung berechnet ist. In den Instinkten der Thicrc, insbesondere insofern sie sich, z. B- bei den Bibern, Bienen u. s. w. als Kunst trieb c (s. d.) äußern, ist viel Überraschendes und Wunderbares, was jedenfalls als zweckmäßige Naturcinrichtnng zu betrachten ist. Eine» Gesichtspunkt für die Erklärung der Jnstincte bietet der Gedanke dar, daß das Thier im 456 Institut Verlaufe seines Daseins immer von dem Totalzustande seines Organismus abhängig ist und daß sein Begehren durch ihn bestimmt wird. Damit stimmt zusammen, daß auch bei den Menschen der Jnstinct erst von der geistigen Bildungwerdrängt wird, bei Verwilderung wieder hervortritt und namentlich in Zuständen der Krankheit sich nicht selten geltest» macht. Es ist dann, als wenn die Seele ein dunkles Gefühl von dem ungewöhnlichen Bedürfnisse des Körpers erlangte. So zeigt sich z.B. in Fiebern ein größeres Verlangen nach Flüssigkeiten, zumal nach säuerlichen, bei großer Schwäche Durst nach Wein; bei Kindern, die viel Säure im Magen haben, zuweilen ein Trieb zu erdigen Mitteln, Kreide, Thon u. s. w.; bei Kranken zuweilen mitten in der Krankheit ein plötzlicher Appetit zu irgend Etwas, und gemeiniglich ist dies ein Jnstinct, welcher ein inneres, der Krankheit angemessenes Bcdürfniß verkündigt, dessen Befriedigung öfters nicht nur unschädlich, sondern sogar heilsam ist. Vielleicht gehören hierher auch manche somnambule Zustände. Falsch ist cs aber, alle unwillkürliche Neigungen und Bestrebungen des Menschen Naturtriebe odrr Jnstincte zu nennen, insofern bei denselben eine Nöthigung der Natur nicht siattfindct. Institut nennt man gegenwärtig vorzugsweise eine von Privatpersonen und für bestimmte Korporationen errichtete Erziehungs- oder Unkerrichtsanstalt, in welcker Kinder und junge Leute gegen Vergütung oder auf öffentliche Kosten verpflegt, erzogen und unterrichtet werden. Je nach den besondern Zwecken unterscheidet man, nächst den Instituten im Allgemeinen, Militair-, Handlungs-, landwirthschastliche, Forst-, Sing-, Hebammen- und andere Institute. Dieselben sollen die Vorzüge des öffentlichen Unterrichts mit den Dortheilen der häuslichen Erziehung vereinigen. Im Alterthume, wo die Erziehung einen ganz andern Charakter hatte als gegenwärtig, kannte man solche nicht. Ebenso wenig können die Kloster-, Stifts- und andere Schulen des Mittelalters als Institute im neuern Sinne angesehen werden, wenn sie auch zum Theil lediglich den Bemühungen von Privaten und Korporationen ihre Entstehung verdankten. Erst nach der Mitte des 18. Jahrh. entstanden eigentliche Erziehungsinstitute im Gegensatz gegen die in äußerlichem Formalismus mehr oder weniger untergegangenen öffentlichen Schulen. B asedow (s. d.) und seine Freunde glaubten Locke's und Rousseau's Ideen einer naturgemäßen Erziehung nicht leichter ausführcn zu können, als wenn sic Institute errichteten, die, unabhängig von Staat und Kirche, ein freies Feld zu Ausführung der pädagogischen Theorien und Weltvcrbesse- rungsplane des Tages darböten. Das 1774 zu Dessau eröffnete Philanthropin, sowie die diesem nachgebildeten Erziehungsinstitute von Salis zu Marschlins, von Bahrdt zu Hei- desheim, von Campe und Trapp zu Trittow, von Salzmann zu Schnepfenthal, von Feder, Spazier, Olivier und Tillich zu Dessau fanden ein empfängliches Publicum. (S. Ph>- lanthropinismus.) Doch gingen mehre dieser Institute ebenso schnell unter, als sie begonnen hatten; mehre kamen in andere Hände, und nur das Salzmann'sche hak sich erhalten. Unter den übrigen allgemeiner bekannt gewordenen Instituten sind das ehemals Christian'sche bei Kopenhagen, das eingegangene Hundeiker'sche zu Vechelde bei Braunschweig, das von K. Lang in Tharand gegründete, 1816 nach Wackerbarthsruhe bei Dresden verlegte und von Serrius in derselben Gegend fortgesetzte, insbesondere die von Pestalozzi (s. d.) zu Ave rdun (s. d.) und von Fellenberg (s.d.) in Hofw yl (s.d.) begründeten Institute, sowie das Blochmann'sche Institut in Dresden zu erwähnen. Institut (königliches) von Frankreich. Das Bcdürfniß wissenschaftlicher Vereinigung und geistigen Zusammenwirkens rief zur Zeit der Wiederbelebung der Künste und Wissenschaften verschiedene Akademien ins Leben, welche nach ital. Mustern literarische Centralpunkte bildeten. Die meisten derselben, wie z. B. der poetische Verein des Siebengestirns, 157V—91 (s. Französische Literatur), hatten nur eine kurze Dauer, bis unter Richelieu's Schutze eine Privatgesellschaft, welche 1625 im Hause Valentin Conrart's von Chapelain und andern mittelmäßigen Dichtern gebildet war, sich > 635 zur Staatsanstalt umgestaltete und als ^cuckeinio ttan^ise am Iv. Juli 1637 ihre ersten öffentlichen Sitzungen hielt. Dieses Institut war vorzüglich zur Pflege und Ausbildung dcr franz. Sprache bestimmt; doch hatte es zugleich den Nebenzweck, verdienten Schriftstellern ein anständiges Auskommen zu sichern. Wenn dessenungeachtet die Akademie zu»> Theil durch Erstickung der freien selbständigen Entwickelung der franz. Literatur geschadet . h» bi - la > L fl dl eil iv dl d, A be rr ch a> eü S ft» V Uk Ml tu ivl de thl (!e du S V ivi ric M erl ivi tcr vei ! s-r ivi . > gr> bei ^ gl- jld M l ui, s El sie » de. Institut 457 hat, so ist dies vorzugsweise auf Rechnung des Hofes zu setzen, welcher in der Akademie blos ein Werkzeug sah, auf den Geschmack der Nation bestimmend einzuwirken. Daher lassen sich die unzähligen Misgriffe erklären, die von der Akademie seit dem unglücklichen VerdammungSurtheile des „Cid" (s. Corneille) bis auf die neuere Zeit gethan sind. Auch die Wahl der Mitglieder, deren Anzahl auf 4« bestimmt ist, hat oft unter dem Ein- flusse großer Willkür gestanden, obschon man bei der Beurtheilung dieser Akademie von dem Gesichtspunkte ausgehen muß, der von früh an festgehalten ist, daß nämlich nicht blos eigentlich literarisches Verdienst, sondern auch besondere Gewandtheit der mündlichen Rede zur Aufnahme in dieselbe befähigen. Freilich kann dieser Umstand nicht als Entschuldigung dafür dienen, daß Männer wie Moliere gar nicht und Boileau und Labruyere nur auf ausdrücklichen Befehl Ludwig's XIV. in die Akademie gewählt wurden. In Bezug auf die Ausarbeitung des großen Wörterbuchs der franz. Sprache, mit der die Akademie früh beauftragt wurde, sind ihre Verdienste vielfach angefochten. Statt mit dem Tone dictato- rischer Machtvollkommenheit dieses Werk zu einem Gesehbuche des guten Geschmacks machen zu wollen, außerhalb dessen es kein Heil gäbe, hätte die Akademie sich durchaus nur auf den Standpunkt der historischen Sprachforschung stellen und außer der Etymologie eine geschichtliche Begriffsentwickelung jedes Wortes liefern sollen. Dadurch wäre die franz. Sprache mehr gefördert worden als durch kleinliche Bestimmungen und Gesetze, welche auf die freie Production nur lästig einwirken können. Der Geschmack an Devisen, Inschriften und Medaillen, der im l 7. Jahrh. herrschte, gab Ludwig XIV. die Idee zur Stiftung der ^cs- <>emie 66:; den ursprünglichen Stamm dieser neuen Akademie, deren nächste Aufgabe war, die Geschichte durch Medaillen u. s. w. zu erläutern. Als dieseArbeit durch Benutzung der im königlichen Besitze sich befindenden Alterthumsdcnkmäler erledigt schien, drohte der Gesellschaft Auflösung; der Abbe Bignon aber, damals Vorsteher der königlichen Bibliothek, sicherte das Fortbestehen dieser Akademie. Sie erhielt den Namen Xcsciemic royale lies iiiscriptions et delles-Iettres und ein neues Reglement mit bestimmten Einkünften; die Zahl ihrer Mitglieder wurde vermehrt und im Louvre am 16. Juli >76l ihre erste Sitzung gehalten. Die dritte der franz. Akademien, durch wiffenschaftlicheBedeutung und Wirksamkeit noch gegenwärtig die erste der Welt, die Vcaclemie ro^sle lies Sciences, wurde von Colbert >666 gestiftet, 1699 von dem schon genannten Bignon neu cingp- richtet und in sechs Claffen eingetheilt, wozu 1785 noch zwei neue Claffen kamen. Der Maler Lebrun hatte I6 <8 eine Akademie der Malerei gestiftet, welche 1655 ein Patent erhielt und 1664 als ^cselemis 6e psintnre et sculpture von Colbert neu eingerichtet wurde. Außerdem gab es noch eine ^cselemie ll'arcliitecture. Alle diese Akademien wurden durch ein Edict des Convents vom 8. Aug. 1793 unterdrückt; doch am 25. Oct. 1795 beschloß das Direktorium, einen National-Gelehrten- »erein ins Leben zu rufen, dessen Aufgabe die Pflege und Förderung der Künste und Wissenschaften sein sollte. Diese Anstalt erhielt den Namen Institut nationul; fast gleichzeitig wurden die Normalschulen, die Polytechnische Schule, ursprünglich Lcals Ues trsvsux publics genannt, das Längenbureau, das Museum der Naturgeschichte und mehre andere große Anstalten gegründet und erweitert. Das Institut war in drei Claffen, nämlich für die Sciences pb^siques et mstkemstiqnes, für die Sciences morsles et politigues und für die litterature et desux-srts getheilt, deren jede wieder in mehre Sektionen zerfiel, und bestand aus einer Anzahl in Paris wohnender Mitgleider (membres lesillsnts) und einer gleichen Anzahl Affocics in den verschiedenen Theilen der Republik; auch sollte außerdem As Klasse sich acht auswärtige Gelehrte zugesellen können. Die Zahl der wirklichen Mitglieder war ohne die Affocics auf 144 bestimmt. Um diese nicht ganz bequeme Organisation zu verbessern, ließ Bonaparte, der, selbst Mitglied des Nationalinstituts, diese Ehre so hoch schätzte, daß er während des ägypt. Feldzugs seinem Titel als Obergeneral MS den eines Mitglieds des Instituts vorsetzte, im I. >862 eine Commission bilden, auf deren Gutachten das Nationalinstitut am 23. Jan. eine neue Einrichtung und vier Claffen 458 Institut erhielt. Die erste von 63 Mitgliedern hatte die mathematischen und Naturwissenschaft!« und entsprach also der früher» Xcallcmio >Ies Science.*. Die zweite von 46 Mitglieder« beschäftigte sich, wie früher dicXcatlemie trmi^aisc, mit der franz. Sprache-und Literatur; die dritte, bestehend aus 46 Mitgliedern, acht fremden Assocics und 36 Correspondcntc«, war für Bearbeitung der Geschichte und alten Literatur bestimmt; die vierte endlich, 2« Mitglieder, acht fremde Assocics und 36 Corrcspondcntcn zählend, war den schönen Künsten gewidmet. Zu Anfänge des I. 1514 nahm diese Anstalt den Namen Institut imperial an, nachdem sic der Reihe nach Institut national, dann Institut tlcs Sciences, lcttcez et arts und endlich Institut »le Trance geheißen hatte. Die Maßregeln der Ncstauratie« trafen auch das kaiserliche Institut. Mehre seiner Mitglieder, Männer des Convents »ud des Direktoriums, waren den Bourbons persönlich verhaßt; überhaupt war das Institut dem größten Thcile seiner Mitglieder nach liberal und war dies unter Napoleon geblieben. Ludwig XVlII. hielt für gut, die Vorgefundene Einrichtung insofern zu modisicircn, daß der Name Institut nur der Gcsammthcit der Akademien verbleiben, jede Classe aber wieder den Namen Akademie annchmcn sollte. So entstanden denn durch die Ordonnanz vom 2 l . März >516 I ) die Xcaclömie slun^uise, 2) die 4cul« Sciences morales et Politik,»es, bewirkt haben, welche durch Ordonnanz vom 26. Llt. 1 832 entstand und 36 Mitglieder zählt. Die Wirksamkeit aller dieser Anstalten wird nicht wenig erleichtert und gefördert durch die Preise, welche jede Akademie jährlich zu vergeben hat. Die Xcaklemie t»>w«üe theilt einen jährlichen Preis von >566 Francs für das beste bei ihr cingegangcnc Werk der Poesie oder Bercdtsamkcit aus; zudem ist ihr die Verthcilung von zwei Preisen zu llM» Francs ans der Stiftung des verstorbenen Staatsraths Baron Monthyon übertrage«, von denen der eine für denjenigen armen Franzosen, welcher im Laufe des Jahrs die tugendhafteste Handlung auSgcübt, der andere für den Verfasser des den Sitten nützlichsti» popplaircn Buchs bestimmt ist. Die XcallciNie tlcs iuscriptions vergibt einen Jahrespreis von l 366 Francs und einen von Allier d'Autcroche gestifteten numismatischen Preis. Die ^cstlemio löm>e «ca- tlemie Iran?." (2 Bdc., Par. 1664, Fol.; 5. Ausl., 2 Bdc., 1768, 4.; neueste Aust, 2 Bdc., 1835) mit einer Einleitung von Villcmain, dem gegenwärtig immerwährend!« Sccrctair dieser Akademie. Der Xcaclemie tlcs iuscriptions sind mehre wisscnschastliä>k Arbeiten anvcrtcaut. Eine Commission setzt die von den Bcncdictincrn der Congregam« St.-Maur begonnene „Ilistoiro littcraire kill la Ikrauce" fort, die gegenwärtig 21 Bändk umfaßt, deren letzter bis gegen das Ende des >3. Jahrh. geht; eine andere besorgt^ „(lollection tie notices ct cxtraits «les mauuscrits cle la I)i6Iiotiie<,ue roz-slc et autres > lilio4liec,ues publigiics", welche bis zum 14. Bande gediehen ist; eine dritte hat cs mitde« Inschriften, Medaillen und Münzen zu lhun; eine vierte ist für die Erhaltung und W- schreibung der Alterthümcr Frankreichs niedcrgcsetzt; eine fünfte leitet die Herausga e solcher Dokumente, welche für die Geschichte Frankreichs von Bedeutung sind. Außerdem veröffentlicht die Akademie noch andere umfangreiche Werke, wie z. B. die „Uwtorwm rms tend „I«> tintl >Ie H -l seit eile Par ,lö>n Par tmi halb N!» hat. nm N >1 >«r; d. h. Blc >«a» Lla, Arte der, «c» «in, Phii Nie dnrcl Pa> lsd. ssd. MIN! dirl sau. kies tlroisarles", dis>ton den Bcncdictincrn begonnene Sammlung der „Orklormiuices cles ßror altes harf Institutionen Instrument 45 » lfti» dcre tur; Um, , 8» kmi- ij>e- trez >tio» U»d Utld bc». ider icdkr vom ü.s- stich cldu >o>u- ! (los L-t. cdeü H>ise kdst !»«» >g->d c l»- hsikN hres- lreis. Ucis! stiul cdeni Ent' emie »dc- das iuste äko lufl., >ld!» llidie itio» ände t die z bi- tdm !gade cbem dem > des reis de franco" u. s. w., dcrcn Herausgabe nur eine gelehrte Gesellschaft von so bedeutenden Mitteln gewachsen ist. Auch die Herausgabe des schon von Eolbcrt gestifteten „dcmnud »los sitv-ints", zu welchem indeß Mitglieder aller Akademien beisteuern, fällt größ- tcnthcils dieser Akademie anheim. Die inhaltrcichcn Schriften derselben, die „Memoire? de litter-ltore, tirc? des registres de I'ackldemie de? in?crij>tio»?" (41 Bdc., Par. >717 — 1808, - 1 .) werden, sowie die nicht minder wichtigen,Memoire?" der übrigen Akademien seit >889 fortgesetzt. Am allgemeinsten ist die wissenschaftliche Thätigkcit der sendende de» Science? anerkannt. Viel trägt hierzu die Öffentlichkeit ihrer Sitzungen bei, welche geeignet Ist, selbst einem großem Publicum Interesse an der Behandlung wissenschaftlicher Fragen cinzuflößcn. Vgl. über die ^cademie trunyuise P. Pclisson's „klistoue 706 vom Abbed'Olivct (Par. 1736 ; 3 . Ausl., 2 Bdc., 1743 , > 2 .) und d'Alcmbcrt's „llistoiro des membre? de I'ncude'niie sruiip. inort? de;»d? 1776 jii?(;,i' en 1771 " (6 Bdc., Par. > 786 , 12.); über die sendende de? iascrchtions Eros de Bozc's „ldistoire de I'ocude- mic de? in?cr!;>tions et de? stelles-Iettres" (3 Bdc., Par. 1746 ) und über die sendende des Science? Duhamcl's „blistoria rexiue scientiaruin ncndemine" (Par. 1668 und 1781 , 4 .); Fontenclle's „blistnire (In renonvellement de I'nckideinie rnvule de? Science? eile? «Inges de ton? Ic? acndeiniciens dezniis co renniivellemcnt" (2 Bdc., Anist. und Par. 1769 — 17 mit verschiedenen Fortsetzungen); ferner Condorcct's „Üloge? de? -icu- dcmiciens morts depni? > 666—1766 (6 Bdc., Par. 1773 — 66 , > 2 .); Cuvicr'S „lie- cned dcs «Inge? bi?t»ri<;nes Ins dun? les seances j»ibl!y>iie? de I'institnt rnzul" (2 Bdc., Par. > 816 ) und Mignct'S „Melringe?" (2 Bdc, Par. 1844 ). Die Geschichte und Arbci- «m der sänuntlichen Akademien während ihres Bestehens als Institut >765 -1815 enthalten die ,Memoire? de I'institut nntionnl de? Science? et des nrts" (33 Bdc., Par. > 786 — 1816 , 4 .) und der Didot'sche Kalender unter dem Titel „Institut rozul dekstunce". Institutionen, s. 6 «r;>us suris, Gajuchund Römisches Recht. Instruction nennt man die Anweisung, wie sich ein Gesandter u. s. w. zu verhalten lat. - Über die juristische Instruction s. Proccß. Instrument, d. i. Werkzeug, heißt in der juristischen Sprache eine mit gewissen Förmlichkeiten aufgcnommcne Urkunde, z. B. Notariatsinstrumcnt. (S. Notariell.) Musikalische Instrumente nennt man alle Werkzeuge, Körper und Maschinen, die M Klangerzcugung verwendet werden. Nach den verschiedenen Weisen, wie sic intonirt, d h. zum Erklingen gebracht werden, lassen sic sich in viele Elasten thcilcn, nämlich in Blas-, Saiten-, S chlag-und T astinstrumcnte. Die Saiteninstrumente thcilt »>wwieder in Streich- oder Bogeninstrumente (s. d.) und in harfcnartige, und die Blasinstrumentc in Holz- und Mcssinginstru mente. Eigentlich gibt cs nur zwei Arten der Toncrzeugung; entweder ist ein in Schwingung gesetzter fester, elastischer Kör- ttr, oder ein gebrochener Luftstrom das tongcbcndc Element. Als klingende Körper kön- acu die verschiedenartigsten Stoffe in sehr verschiedenartiger Form und Anwendung dic- "m, z. B. Metall- und Darmsaiten, Holz - und Mctallblättchen oder Zungen, gegerbte rhicrftlle, Glas - und Mctallglocken u. s. w., die wiederum entweder durch Reibung, wie Bio Ion (s. d.), Violonccll (s. d.), Bratsche (s. d.), Violine (s. d.), Gambc(s.d.) »nd H^rm o nica (s. d.); oder durch Reißen, wieH arfc (s.d.)und Guita rrc (s. d.); oder durch Schlagen mit Hammer oder Klöppel, wie Pianofortc(s. d.), Hackcbrct (s. d.), Pauken (s. d.) und Tamtam (s. d.); oder durch Wind, wie Oboe (s. d.), Ela rinctte sd.), Fagott(s. d.), Physharmonica (s. d.) und die Zungcnwcrke in der Orgel ff d ), zum Erklingen gebracht werden. Von der zweiten Art sind nur wenigeBlasinstru- Antc, nämlich die Flötc (s. d.), die Schnabelflötc (tlüte douce), das Flag colet (s. d.), d» Czakan und alle Labialstimmen der Orgel. Trompctc (s. d.), Horn (s. d.) undPo- i^^ (s. d.) rechnet man in der Regel zur crstcrn Gattung; ob aber wirklich die Lippen es Bläsers, wie bei den Zungenstimmen, und nicht vielmehr der durch sic gepreßte Luft- mom, wie bei den Labialstimmcn, das eigentliche Agens sei, scheint noch zu erweisen. Die Emen, schon bei den Ägyptern, Hebräern und Griechen bekannten Instrumente waren Harfen- und zitherartigc Saiten-, sowie flöten- und trompctcnartigcBlasinstrnmentc. Gei- 460 Instrumentale Arithmetik Insubordination geninstrumente kommen schon ungefähr im 12. oder 13. Jahrh. vor. Später« Ursprung sind Fagott, Oboe und Klarinette, welche letztere erst um >69« erfunden wurde. Die Clil Vierinstrumente verdanken ihren Ursprung, muthmaßlich ums I. >5««, dem Versuche, dal' Hackebret mit einem bequemen Mechanismus zu versehen. Nur wenig früher ist die end liche Vervollkommnung der Orgel zu setzen, obwol die ersten Anfänge ihrer Erfindung ü die vorchristliche Zeit hinausrcichen. Von den zahlreichen neuerdings erfundenen Jnstni- menten hat nur die Physharmonica eine gewisse, doch beschränkte Verbreitung gefunden. Instrumentale Arithmetik nennt man die Auflösung gewisser Rechnungen nii:- tels mechanischer Hülfsmittel, deren namentlich die Alten bei ihrer unbequemen Bezeick- nungsart der Zahlen bedurften. Hierher gehören der Ab acus (s. d.) der Römer, das Reihen knöcherner oder elfenbeinerner Kügelchen auf Drahtsaiten bei den Chinesen, die Rn Berg kann, beirre Unter einth stufe derB mäßic ungee Dies per'schen Rechenstäbchen, welche in Deutschland von Kasp. Schott, Leupold u. A. nach;:- ) ohne, fegen breche heit; der ss standt den re lichse nicht! Volk. ahmt wurden, Pascal's (s. d.) Rechenmaschine, desgleichen die von L'Epine, Boikissw deau und dem Professor Polenus zu Padua sowie Babbage's (s. d.) sinnreiche, ade nicht zur gänzlichen Vollendung gekommene Maschine zur Berechnung der Logarithmen. Instrumentalmusik heißt alle durch Instrumente ausgeführtc Musik, im Gegen satz zur V ocalmusik (s. d.), deren Darstellungsmittel die menschliche Stimme ist. Ui sprünglich Sklavin, dann Freundin und Vertraute der letztem, ist die Jnstrumentalmusü in neuester Zeit zu einer Selbständigkeit gelangt, daß sie unabhängig von'ihr aufzutrmi vermag, ja die einstige Herrin als bloße Gehülfin sich öfters zugesellt, z. B. in Beethoven'! Symphonie mit Chören u. s. w. Man hat dies einen Misgriff nennen wollen, doch mit Unrecht. Nicht die Sache, nur ihr Misbrauch, der freilich nicht ausblicb, ist verwerslick. Gleiches gilt von der sogenannten malerischen Musik und von den Massenwirkungen. Ki letzter« geht der Einzelcharakter der Instrumente in ihrer vereinigten Klangmasse unm, während jene gerade die verschiedenen Klangfärbungcn der einzelnen Instrumente zu allerlei sinnlichen Nachahmungen von Naturklängen und dergleichen benutzt. Bleibt dieselbe dabei im Bereich des Anmuthigen und Heitern, so ist nichts dagegen zu sagen; will sie aber durch Donner und Kriegslärm, durch klingenden Sonnenschein, oder durch in Tönen dargcstellti Seelenzustände, z. B. eines Verbrechers vor der Hinrichtung, wirklich rühren oder erschüttern, so ist dies eine Verirrung. Was endlich jene Form der Instrumentalmusik anlangt die man brillante, Bravour- oder auch Virtuosenmusik nennt, bei der cs aufDarlegung der Geschicklichkeit des Vortragenden abgesehen ist, so ist wohl zu unterscheiden, obdieSdes Komponisten erster oder gar einziger Zweck war, oder ob er nur zu Erreichung höherer Tendenzen jedes dem Instrumente inwohncnde Wirkungsmittel aufbietet. In beiden Fällen mb zum Vortrag des Stücks volle Beherrschung des Instruments, also Virtuosität erfodeit, ^ dennoch ist zwischen beiden Arten von Stücken ein gleicher Unterschied, wie zwischen einem Meister und einem Virtuosen. Die ausgebildetste Form dieser Gattung ist das Eon- hem; des« gab di verthe eliclse Md ! Mar ßone i alles j cert (s. d.), das aber in neuerer Zeit.durch die sogenannte große Phantasie verdrängt; nas ei werden bedroht ist, die, alle höher» Tendenzen offen ablehnend, bloß den nieder» egoistischen Zwecken des Virtuosen zu fröhneifbcstimmt ist. Die bedeutendsten Gattungen undFonnm ^ ^ der Instrumentalmusik sind das Concert, die Sonate (s. d.), das Duo, Trio, Ouawor ten, al u. s. w., die Ouvertüre (s. d.) und die Symphonie (s. d.), welchen letzter« beiden das ganze Gebiet aller dermalen üblichen und vorhandenen Instrumente zu Gebote steht. - - Instrumentalmusik, vor Allem ikw Gipfelpunkt, die Symphonie, ist in Bildung^und Mm ^ ^ deutsch und Seb. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Fr. Schubert, Spohr, Weber, delssohn u. A. ihre bedeutendsten Förderer und Pfleger. (S. Deutsche Musik.) De Bestrebungen des Franzosen Berlioz (s. d.) sind, wie bemerkenswcrlh immer, doch zur Zeit in ihrem Einfluß noch zweifelhaft. In Bezug auf Jnsirrimcntalspicl haben sich >u> mentlich Frankreich, Deutschland und neuerdings Belgien fruchtbar gezeigt, welches letztere eine große Anzahl bedeutender Künstler, hauptsächlich für Violine und Violoncelli Benot, Vieuxtcmps, Prume, Scrvais u. A. aufzuweisen vermag. Italien hat von Zeit Zeit bedeutende Virtuosen, namentlich Geiger, wie Tarkini, Corelli, Viotti, Paganini u. > erzeugt, sich aber im Ganzen wenig an den Fortschritten der Instrumentalmusik bethemg- Insubordination wird jede Widersctzung eines Militairs gegen Befehle seine brauch Acichx viszel kotz«, Mg briße Znte- Jnfurrection - Integralrechnung 461 Vorgesetzten genannt. Da nur der strengste, unbedingteste Gehorsam rin Heer befähigen ^ knm, vor dem Feinde kricgsbrauchbar zu sein, so muß jedes Subordinationsvcrgehcn streng >e bffuaft werden. Schön eine die Widersetzlichkeit bezeichnende Miene oder Gebende des e end Untergebenen darf nicht ungeahndet bleiben, vielwcniger das Wort. Findet dabei zugleich ein Gütlicher Angriff gegen den Vorgesetzten statt, so ist selbst in Fricdenszcitcn die Todes- nstro ^ überall verwirkt. Im Augenblicke, wo cincTruppe gegen den Feind fechten soll, kann >der. n mir euick- ieH Nlhgo der Vorgesetzte den nicht gehorchenden Untergebenen ohne Weiteres niedcrstoßen. Insurrektion oder Aufstand, die Erhebung des Volks gegen eine für unrechtmäßig angesehene Herrschaft, ist wohl zu unterscheiden vom Aufruhr (s. d.), der in einer ungeordneten, gewaltsäiüen Widersetzlichkeit gegen eine obrigkeitliche Anordnung besteht. Die Frage, inwiefern das Volk zu einer solchen Erhebung berechtigt sein könne, hat eine s ^ sehr verschiedene Beantwortung gefunden. Dem Volke das Recht bcizulegen, beliebig und «hne einen andern Grund, als weil es ihm so gefällt, gegen die Obrigkeit aufzustehen, das sogenannte heilige RechtderZnsurrection, unter dessen Vorwände die meisten Verbrechen und Greuel der franz. Revolution verübt wurden, ist eine vollkommene Ungereimtheit; nicht weniger ungereimt ist es aber, alle Gegenwehr gegen die rohesten Mißbrauche der Gewalt für unrechtmäßig zu erklären. Nur über das Eine ist man von jeher einver- stunden gewesen, nämlich daß der Ausstand gegen einen Usurpator oder eine Partei, welche den rechtmäßigen Herrscher in Abhängigkeit hält, nicht nur erlaubt, sondern sogar verdienstlich sei; doch hat man dabei den Punkt, wo die Usurpation in legitime Herrschaft übergeht, nicht mit Bestimmtheit angeben können. Schwieriger ist die Frage, in welchen Fällen das Bolkauch gegen einen Herrscher, dessen Recht zum Throne nicht zu bezweifeln ist, wegen Mißbrauchs seiner Macht zur Gegenwehr, Absetzung u. s. w. schreiten könne. In deir frü- hm Zeiten war die Idee des Rechts dabei ganz unwirksam; erst in den Religionskriegen beb IV.Jahrh. wurde die Sache von der rechtlichen Seite beleuchtet. Den ersten Anstoß dH die Stadt Magdeburg, welche sich gegen den Vorwurf einer strafbaren Widersetzlichkeit tiffcr- abe mm. icgm i. Uo imust trmi IM': h mit rM . Ki UIM. Iler!» durch stcliu schilt- largt ig du Conr mden> > wird 'odert, eincm E°r- >gtzu vecheidigte, als sie das Interim (s. d.) nicht annehmen wollte, wodurch später die „V,n chc'mecontra G-rnnnos" von Hubert LaIIg u et (s. d.) veranlaßt wurden, und nächst Lau- M die Rechtfertigung des Mörders Heinrich's lll., Clement, in der Schrift des Jesuiten Mariana (s. d.) „Do roA« et i,l.«ti1,iti»iie i-exis". Sehr loyale Männer haben Grenzen des bürgerlichen Gehorsams angenommen, wie Hume, Schlüter, Fe'ne'lon, Bossuet, Black- sione u. A., und sehr eifrige Kämpfer für Recht und bürgerliche Freiheit haben dem Volke Er Recht des Widerstandes abgesprochen, wie Hugo Grotius und Kant. Es ist leicht zu sigcn, daß ein Volk zur Nothwehr gegen ungerechte Gewalt berechtigt sei; allein im Vor- As die Fälle zu bestimmen, in welchen der Zustand der Nothwehr wirklich cintritt, möcbke ümso unmöglich als unnöthig sein. So lange es blos Güter gilt, über welche die Men chm verfügen und welchen sie entsagen können, ist unstreitig jeder Aufstand gegen eine in ihm Entstehung rechtmäßige Herrschaft unerlaubt; wenn aber Das angegriffen wird, jslbcu °üiem Jede,, heilig sein muß, die Religion und die moralische Entwickelung des Volks, ,rmm die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird und man nicht gehorchen kann, ohne sich Mer "^verächtlich zu werden, dann ist kein Mittel, sich von moralischer Vernichtung zu rek- n br« der Gebrauch physischer Kraft. Aus diesem Gesichtspunkte war die Jnsurrectivn der Ae sMcchen zu betrachten, denen die Osmancn noch nie Regenten, sondern stets nur Eroberer Mn "Unterdrücker gewesen waren und denen man die Pflicht des bürgerlichen Gehorsams Mn- "E auflegen konnte, man mochte nun auf den Ursprung der Gewalt oder auf den Mis- Lie derselben sehen. — In Ungarn heißt In surr ection das allgemeine Aufgebot des ch,„r ^ichsadcls zur Vertheidigung der Grenzen, was bei dringenden Gefahren vom Könige h >u> ?bcht, wo dann jeder Adelige verbunden ist, in Person bewaffnet im Felde zu erscheinen. S ütz- ^ bei Raab die Ungar. Jnsurrection gegen den Vicekönig Eugen von Italien. l,vm ANtagllen (lutu^Iiu?), ticfgeschnittene Steine, s. Steinschneidekunst, ein».'. Integralrechnung heißt derjenige Theil der Jnsinitesimalrechnung, welcher aus u.A.' "n gegebenen Gleichung zwischen den Differentialen zweier oder mehrer veränderlicher ülig!> eine Gleichung oder Relation zwischen diesen Größen selbst auffinden lehrt. Das stirer ^""gral eines gegebenen Differentials ist diejenige Function einer oder mehrer vcrän- k' 462 Intellektuell ^ Intelligenz derlicher Größen, durch deren Differentiation jenes Differential entsteht; es wird durch dij dem Differential Vorgesetzte Zeichen /bezeichnet, z. B./°x°tlx----'^x°. Ein Differential integriren heißt das Integral des erstem finden. Ein Integral wird vollständig oder allge- l mein genannt, wenn es eine willkürliche unveränderliche Größe oder Eonstante cnkbist parkiculair aber, wenn der Eonstante ein bestimmter Werth, z. B. Null, bcigclegt werde« ist. Die Integralrechnung ist ihrem Zwecke und Gegenstände nach das Umgekehrte du i Differentialrechnung (s. d.), übcrtrifft dieselbe aber an Schwierigkeit und Umfang! beiweitem. Sie zerfällt in zwei Hauptabthcilungen, von denen die eine Differentialglcichu»- . gen mit zwei, die andere aber solche mit mehren veränderlichen Größen behandelt. Jede dieser. Abthcilungen hat wieder zwei Theile; der erste enthält die Jntegralien solcher Diffm»- tialgleichungen, in denen nur Differentiale des ersten Grades Vorkommen; deranderete-s schäftigt sich dagegen mit solchen, in denen Differentiale vom zweiten oder einem noch!» , Hern Grade enthalten sind. Die Integralrechnung wurde, wie die Differentialrechnung, ' zuerst um >67l in England von Newton, und nicht lange nachher in Deutschland« > Leibnitz, dem die Entdeckungen Jenes ganz unbekannt waren, erfunden und seitdem außcr- ordentlich ausgebildet und bereichert, obgleich noch immer viel darin zu leisten übrig bleib! Intellektuell oder Jntellectual bezeichnet im Allgemeinen Das, was sich au das Wissen, die Erkenntniß bezieht und sie ausdrückt. In diesem Sjnne spricht man z. B von intellectu eller Bildung, im Unterschiede von der moralischen des Willens u»i der ästhetischen des Geschmacks. Im cngern Sinne unterscheidet man intellektuell! Erkenntnisse von sinnlichen oder sensuellen und versteht darunter solche Erkennlnisse, > die durch Verknüpfung und Entwickelung der Begriffe ohne Beihülfe der Erfahrung und sinnlichen Anschauung gewonnen werden können, also was man gewöhnlich Verstandes- ööcr Vernunfterkenntnisse im Gegensätze zu sinnlichen Wahrnehmungen nennt. Zn diesem Sinne bietet nicht blos die Philosophie, sondern auch die Mathematik einintellce- tuelleS Wissen dar. Objecte der Erkenntniß, welche gar kein Gegenstand der Erfab- rung werden können, würden daher nur durch ein intcllcctuelles Wissen erreicht werde» können, und heißen deshalb auch intclligibel, d. h. nur durch Denken erkennbar. Tolelie intelligible Objecte bezeichnen die Begriffe Gottes, des Geistes u. s. w. Jntellcctua- lismus oder Intel lectualphilosophic nannte man demgemäß bisweilen diejenige j philosophische Ansicht/ nach welcher nicht nur die Objecte der wahren Erkenntniß nicht»» Bereiche der sinnlichen Wahrnehmung liegen, sondern auch die Quelle des Wissens über sie in dem Verstände und der Vernunft au suchen ist, womit sich häufig die Voraussetzung gewisser angeborener Grundsätze und Begriffe verband, welche in letzter Instanz über Wahrheit und Jrrthum entscheiden sollten. Dem Intellektualismus steht dann der Ein- pirismus (s. d.) und Sensualismus (s. d.) entgegen, der letztere besonders insofern, als er alle Erkenntniß ans sinnlicher Wahrnehmung ableitcn zu können glaubt. Eineuoed engere Bedeutung endlich als die erwähnte erhielt das Wort intel lectuell in denL»- steinen Fichte's und Schelling's als Prädicat für die nicht empirische, sondern geistige Anschau un g (s. d.), die ohne alle Reflexion und verständige, an Begriffen und ihren Behältnissen fortgehende Überlegung, unmittelbar in das oberste Princip alles Wissens Hw' ein versetzen sollte, für welches Fichte die absolute Spontaneität des Ick, Schilling die Identität aller Gegensätze in dem Absoluten erklärte. Auf ähnliche Weise suchten früher . die Mystiker ihre Anschauungen des göttliche» Wesens zu rechtfertigen. Die Berufung auf diese intellectuelle Anschauung, für .welche Fichte auch den Ausdruck productive U»- bildungskraft anwendete, ist aber aus den Systemen der Philosophie wieder verschwunden, seitdem man die Willkürlichkeit ihrer Foderung und Behauptung eingesehen hat. Intelligenz bezeichnet ursprünglich Verständniß, Einsicht, Erkenntniß, besonder die von der sinnlichen Wahrnehmung nicht unmittelbar abhängige und auf sie beMan ^ also die verständige und vernünftige Erkenntniß; sodann die Vermögen, solche^Einsich i erwerben, und endlich ein Wesen, welches durch solche Vermögen charakterisirt ist. Des, gelten nicht die Thiere, sondern erst der Mensch für eine Intelligenz, indem sich stwo - - stellunge» und Begriffe zu einen von den unmittelbaren sinnlichen Empfindungen uu hängigen, in sich selbst zusammenhängenden, bewußtvollen Gedankenkrtise ausbnden, »er lieh zule find die geh int eher au lich toi in», >'"k geu zcici Zeit erste rich eich dab dem reis roll holt zus der; Tite Bei »uu de», der! erhi um; wen wer »ich thei Ära fähi ße». Wir auze Bes »>cn rrn die oder Intelligeiizblättcr Intensivum 463 hdi- entiil allgo ; tbäli, vrdn, te du ' liftnz! eln»>- dicht sttk»' «bk- chbö ^ MH I W .ußkt' >leib! h w z.B ^ su»! >ellt lniss-, z und ndts- n die- lltt' rfab' crdk» :Me tna- it>M! hin» ! nbil tznng übtt Ein- >fer», inock >S»> A»' Äer- ;hin> gdic liihcr lfmiz Ei»- IldkN, ndcrs inkte, htz» -balb Por- niab- >, innerhalb dessen seine Überzeugungen von Wahrheit und Jrrthum wurzeln. Es ist natürlich, daß wir auch höhern geistigen Wesen, selbst dem höchsten, Gott, eine Intelligenz bei- ,»legen geneigt sind, deren Merkmale wir nach der Analogie Dessen, was wir in uns selbst finden, bestimmen. Mit welchem Rechte oder Unrechte dies geschieht, würde nur eine auf die letzten Bedingungen und allgemeinen Gesetze des geistigen Lebens überhaupt zurück- gehendeUntersuchung entscheiden können. — Zm weitern Sinne des Worts nennt man intelligent Jeden, der ein Gebiet des Wissens oder Handelns mit Klarheit und Si- ckerheit beherrscht, z. B. einen Baumeister, Staatsmann u. s. w. Jntellistenzblätter nannte man die seit Anfänge des >8. Jahrh.'täglich oder an bestimmten Tagen erscheinenden Blätter mit Nachrichten, die schleunig zur öffentlichen Kenntniß oder Intelligenz gebracht werden sollten, und Jntelligenzcom - teir die Anstalt, welche dergleichen Nachrichten sammelte und durch den Druck bekannt machte. Schon die Römer hatten etwas den Jntelligenzblättern Ähnliches in den >»gm>i i-om.", in welchen die Geborenen, Gestorbenen, die Verheirathungen, Ehescheidungen, Todesstrafen, Adoptionen, Manumissionen, auch die angekommenen Fremden verzeichnet wurden, und die an öffentlicher Stelle Jedermann einsehen konnte. In neuerer Zeit sind an die Stelle der Jntelligenzblätter, die aber auch noch hier und da in Folge früher erhaltener Privilegien fort erscheinen, die umfassendern Zeitungen (s.d.) und besser eingerichtete Lokalblätter unter den verschiedensten Titeln getreten. Den ersten Vorschlag zur Einrichtung eines Jntelligenzcomtoirs soll der Vater Montaigne's, der l56!> starb, gemacht laben; John Jnnys war dagegen der Erste, der 1637 in London eine solche Anstalt unter dem Namen „'Lim oMce nt' Intelligence" ins Leben treten ließ. In Deutschland überreichte zuerst der Baron Wilh. von Schröder, der >663 ermordet wurde, dem Kaiser Leopold einen Entwurf zu einem Jntelligenzcomtoir, welchen dann von Boden 1763 wicder- lM, worauf >722 in Frankfurt am Main, >723 in Hamburg, 1727 zu Berlin, >72!» zu Halle, 1732 in Dresden, >733 zu Augsburg, >735 zu Braunschwcig, 1738 zu Nürnberg, 1750 zu Hannover und 1763 zu Leipzig Jntelligenzcomtoirs errichtet wurden. Jntcllistibcl, d. h. nur durch Denken erkennbar, s. Intel lectuell. Intendant heißt soviel als Obcraufscher oder Direktor. In Preußen führen diesen Titel die ehemaligen vbcrn Kriegscommissare, welche bei dem Armcecorps die Bezahlung, Verpflegung und Bekleidung der Truppen leiten und über die Wirtschaft und das Rechnungswesen die Aufsicht führen. Ihnen sind Jntendanturräth e zum Beistände gegeben, und alle stehen unter dem Generalintendanten der Armee. In Frankreich wurde der Titel Intendant, weil crandasKönigthnm erinnerte, in Präfect (s.d.) umgewandelt. Intensiv», d. i. Anspannung, mithin Verstärkung der innern Kraft, nennt man die »höhte innere Wirksamkeit im Gegensätze der Extension (s. d.), die mit ihr häufig im umgekehrten Verhältnisse steht. So spricht man von einer Jntension der Gefühle, wenn man die Innigkeit derselben anzeigen will, und in diesem Sinne wird auch das Beiwort intensiv gebraucht. — Intensives Leben nennt man ein solches, welches man nicht nach der Zeitdauer, sondern nach der innern Wirksamkeit und seinem Gehalte beur- tbeilt.— Unter intensiver Größe versteht man die Größe deS Inhalts oder der innern Kraft. Auch nennt man zuweilen Licht, Wärme, Kraft u. s. w., insofern sie einer Messung sühig sind, intensive Größen im Gegensätze der räumlich ausgedehnten oder extensiven Größt». — Etwas intensiv vergr ößern heißt solches seinem innernWerthe nach erhöhen. Intensität ist ein in der Physik sehr gebräuchlicher Ausdruck, der die Stärke einer Anrkung im Vergleich mit der Stärke einer andern Wirkung, unter ähnlichen Umständen Mzeigt. So sagt man, das Licht der Sonne hat mehr Intensität als das des Mondes. Vejvnders wichtig ist der Begriff der Intensität in der Lehre von de» galvanischen Strömen, wo sic von der Quantität zu unterscheiden ist. (S. Galvanismus.) Jntensivum (lat.) heißt in der Grammatik ein solches Zeitwort, welches, meist Mn durch seine besondere Bildung charakterisirt, eine Verstärkung oder das eifrige Behar- renbei einerThätigkeitausdrückt, wie „ängstigen", „horchen" u.s.w., und, weites zugleich >e öftere Wiederholung derselben Handlung einschließt, häufig als Frequentativum "derZterativum (s. d.) erscheint. 464 Intention Interesse Intention, nicht zu verwechseln mit Intensiv« (s. d.), heißt Richtung und wild gewöhnlich von der Richtung des Wollens, der Absicht des Handelnden, gebraucht, von welcher der äußere Erfolg, die Wirkung der Handlung, abwcichen kann. Auf das sittliche ; Gewicht, welches die Frage nach dem Verhältniß zwischen Absicht und That hat, kann die Lehre der Jesuiten aufmerksam machen- nach welcher auch eine schlechte Handlung erlaiib! sein soll, wenn man nur eine gute Absicht dabei habe; eine Lehre, die wie der damit genau zusammenhängende Grundsatz: der Zweck heilige die Mittel, alle Moral untergräbt, wenn sie ohne Einschränkung aufgestellt wird. Jntercefskon ist im Civilrechte so viel als Bürgschaft (s. d.). Im Staats- und Völkerrechte versteht man darunter die Verwendung eines Staats bei einem andern Staan > für Privatpersonen, die Unterthanen eines der beiden oder auch eines dritten Staats sind. Die Jntercession für Bürger des intcrcedirenden Staats, um ihnen z. B. zu gerechten Fe- ! derungen zu verhelfen, sie gegen Beleidigungen und Unrecht zu schützen, sie zu einer mildern , Behandlung zu empfehlen, sie aus der Kriegsgefangenschaft zu reclamiren u. s. w-, ist all- ' gemein als zulässig anerkannt; dagegen sind dieJntercessioncn, die zuweilen zu Gunsten der Unterthanen des fremden Staats versucht wurden, in derRegel zurückgewiesen und oft sehr ! übel genommen worden, so die Jntercessionen für den evangelischen Magistrat der Stadt Thorn (s. d.) im I. 172-1; für die Protestanten, welche ber Erzbischof von Salzburg, Leop. Ant. Graf von Firmian (s. d.), 1731—32 aus dem Lande trieb; des Holland. Gesandten für den Prätendenten Karl Eduard (s.d.) beim fcanz.HofeimJ- >737 u.s.w. Interdikt hieß in der röm. Rechtspflege eine vorläufige Verordnung des Prätvrs, durch welche, mit Vorbehalt des eigentlichen Rechts, Jemand im Besitz einer Sacke geschützt, dareingesetzt oder wiedercingesetzt wurde. Jemandem Feuer und Wasser unter- sagen (mterckicere), war so viel, als Jemand ins Exil schicken. In der kirchlichen Disciplin bezeichnet man mit Jnterdict ein Verbot aller kirchlichen Handlungen, nut Ausnahme der Taufe; keine Glocke durfte geläutet und das Abendmahl Niemandem, selbst den Sterbenden nicht, gereicht werden, die Beerdigungen mußten ohne die kirchlichen Gebräuche geschehen und aller Kirchenschmuck wurde verhüllt oder entfernt. Es war eine allgemeine Fasten- und Bußzeit. Dieses li^urs terruin publica exeommiiiücution« war eine Steigerung des Kirchenbanns (s.d.), des Anathema und der Ercommunication, welche von der schuldigen Person auf ihre Umgebung, Dienstleute, Unterthanen, auf ganze Landesdi- stricte und ganze Länder ausgedehnt wurde, und hatte zunächst zum Zweck, den Gottes- frieden (s. d.) zu vermitteln, d. h. die Fehden, wenigstens auf gewisse Zeiten, zu beschränken. Später galt es als Strafe für alle schwere Vergehen gegen geistliches oder weltliches Recht. Dieser gesteigerte oder große Bann wurde zuerst von Gregor V. im I. 998 ange- wcndet, vermöge dessen König Robert, um eine Volksempörung zu verhüten, sich zu einer Trennung von seiner im vierten Grade mit ihm verwandten Gemahlin Bertha verstehen mußte. Kirchengesetzlich wurde das Jnterdict erst 1031 auf der Synode zu Limoges. Zw I. 1209 sprach es Jnnocenz III. über England aus und entsetzte König Johann des Reichs, das er an Philipp von Frankreich übertrug. Die Folge war, daß Johann dem Papste das Patronat über die engl. Bisthümer überlassen, unter schimpflicher Dcmüthigung und Büßung sein Reich vom Papste zu Lehen nehmen und der Aristokratie Englands die AlsZna 6lisrts gewähren mußte. Eine aufgeklärtere Zeit hat auch die Schrecknisse des Jnterdicts beseitigt. Interesse (lat.), d. h. daran gelegen sein, bezeichnet, im Gegensätze von Gleichgül' tigkeit, den Antheil, welchen man an einer Sache nimmt, und in Hinsicht des Gegenstandes selbst den Werth und die Wichtigkeit, die er für uns hat. Dem sinnlichen Menschen w nur das Sinnliche, der Nutzen und Gewinn, interessant, und man nennt daher diejen Antheil Interesse im niedern Sinne, und den Gewinnsüchtigen selbst einen interessrr- len Menschen. In diesem Sinne sagt Kant, das Schöne gefalle ohne Interesse, nnd ss wird auch der Eigennutz oder die angelegentliche Sorge für seinen äußern Vortheil, sowu dieser Vortheil oder Gewinn selbst, Interesse genannt, besonders wenn er sich auf oder Geldeswerth bezieht. Nicht minder hat jeder Stand, jede Lebensart, jedes Geschle ein eigenthümliches Interesse. Von diesem besonder« Interesse unterscheidet man daher Znteressenrechimng Interim 465 Das, was allen Menschen interessant sein sollt«, was mithin an sich Werth hat. Interessant in dieser Bedeutung ist nur Das, was auf eine ausgezeichnete Weise die Hähern ^ Tätigkeiten des Geistes beschäftigt oder ein eigenthümlicher Ausdruck derselben ist, also Das, was entweder durch seine bedeutsame Form oder seinen ausgezeichneten Gehalt die Aufmerksamkeit des Gebildeten, für den Werth des Gegenstandes Empfänglichen reizt und I insbesondere Das, was sich auf die Menschheit und deren Bestimmung bezieht. In diesem ! Sinne erhebt sich das ästhetische, sittliche und religiöse Interesse über alle andern Arten desselben. Der gewöhnliche Sprachgebrauch bewegt sich jedoch in einer weitern Bedeutung des Begriffs und nennt z.B. Vieles interessant, was nicht gerade schön oder gut . ist. — In tere sse im juristischen Sinne, ick schädigte ein rechtliches Interesse bei der Sache. Denn wenn auch Derjenige, welcher sich seines Rechts bedient, dadurch allein keinem Andern Unrecht thut, und die Nachtheile, welche daraus für einen Andern entstehen, nicht zu berücksichtigen braucht, so beschränkt sich dieses doch wieder aufHandlungen, welche unmittelbar nicht weiter gehen als das Recht selbst, und im Ganzen ist Jeder verbunden, sein Handeln so einzurichten, daß daraus einem Andern kein Schade entstehe. Das Interesse faßt Dreierlei in sich: I) die bloße Erhaltung des Bestehenden, die Rückgabe oder den Ersah des Werths einer weggenommenen oder beschädigten Sache; 2) den positiven Verlust, welchen Jemand außer diesem Werthe noch erlitten hat (ckamnum emerAsns) und 3) den Gewinn, welchen er ohne die beschädigende Handlung würde gemacht haben (l»crum cessans). Auch die Zinsen eines Capitals oder Grundstücks werden im gemeinen Leben Interessen genannt. — Interessenten nennt > man Diejenigen, welche an einer Sache, einem Geschäft ein rechtliches Interesse haben. Jnteressenrechnung, Bei Interessen oder Zinsen kommen im Allgemeinen vier ' Dinge in Betracht, nämlich das Capital, die Procente, zu welchen das Capital, die Zeit, wie lange es angelegt ist, und die Interessen oder Zinsen, welche es trägt. Die Interesse n re ch n u n g lehrt, wenn von diesen vier Größen drei bekannt sind, die vierte, unbekannte, stnden. Dividirt man die Zahl > 00 durch die Zahl der Procente, so zeigt der Quotient die Anzahl der Jahre an, in welchen die Interessen die Summe des angelegten Capitals erreichen. So verdoppelt sich ein Capital, wenn es zu zwei, drei, vier, fünf oder sechs Procent ausgeliehen ist, beziehungsweise in 50, 33'/,, 25, 20 oder >6/, Jahren. Um die Interessen zu erfahren, die von einem Capitale zu zahlen sind, hat man das Capital mit den Procen- ten, das gefundene Product aber mit der in Jahren ausgedrückten Zeit zu multipliciren, und dann das Ganze durch l 00 zu dividiren, so gibt der Quotient die Interessen an. Man kann aber auch dieJnteressen selbst wieder zum Capitale schlagen und von ihnen Interessen verlangen. Ein so angelegtes Capital nennt man auf Zinseszinsen angelegt; die Zin- seszinsen pfiegt man zusammengesetzte Interessen, und die Rechnungsart, welche dieselben berechnen lehrt, zusammengesetzte Jnteressenrechnung zu nennen. Weil aber ein auf diese Art angelegtes Capital sehr schnell anwächst, ist es in der Gesetzgebung mehrer Staaten verboten, Capitalien auf Zinseszinsen anzulegen. So steigen z. B. 100 Thaler zu fünf Procent auf Zinseszinsen angelegt, nach 20 Jahren auf 265'/, Thlr., nach 40 Jahren auf 704 Thlr. und nach 50 Jahren sogar auf t I46/, Thlr., während sie, auf ein- ^che Interessen angelegt, in 50 Jahren nur zu 350 Thlr. anwachsen würden. Bei den Sparkassen und ähnlichen Instituten werden Zinseszinsen berechnet, jedoch zu einem nie- vvigern als dem landesüblichen Zinsfüße. ÄNtörim oder Augsburgisches Interim nennt man die zu Augsburg 1548 , bublicirtc, reichsgesetzliche Verordnung Kaiser Karls V., welche, unter Zuziehung des bran- ^enburg. Theologen Joh. Ag ricol a (s. d.) verfaßt, bestimmte, wie es in Deutschland der aieligion halber einstweilen (interim) bis zur Entscheidung durch ein allgemeines Concil Com. - Ler. Neunte Aust. VII. 30 466 Juterimtsticmn Intermezzo gehalten werden sollte. Schon 1511 hatte man bei einem Rcligionsgespräch zu Ncgcns- burg auf Veranlassung einer, den Evangelischen günstigen, katholischen Partei eine einst, weiligc Vereinigung, das Regens burgische Interim, unter dem päpstlichen Legat« Contarini, zu bewirken gesucht, die jedoch ohne Erfolg bkieb. In demAugsburgischcn wurdk den Protestanten der Kelch, die Priesterehe und anderes weniger Wesentliche zugestanden. Dasselbe fandjedoch allgemeinen Widerstand und konnte in Süddcutschland lediglich durch die kaiserliche Übermacht, namentlich den freien Städten nur mit Gewalt aufgezwungen werden, während es in Norddcutschland entschieden abgelehnt oder gemildert wurde. Durch die Bemühungen des Kurfürsten Moritz von Sachsen entstand auf dem Landtage zu Leipzig am 22. Dec. >548 das modificirte Leipziger I nterim, welches den evangelischen Glauben wahrte, das katholische Ceremoniel größtcntheils als gleichgültig zugestand und auch die päpstliche und bischöfliche Gewalt, wenn sie nicht misbraucht würde, anerkennen wollte. Es war, wie jenes, unter Protestanten und Katholiken verachtet und mußte vielen widerstrebenden Gemeinden und Geistlichen aufgezwungen werden. Interimistikum nennt man eine Anordnung, welche einstweilen für irgend ein streitiges Verhältniß, entweder durch den Vergleich der Parteien oder durch die Verwaltungsbehörden, oder durch die Gerichte getroffen wird, mit Vorbehalt einer weitern Untersuchung und Entscheidung der Sache. Die Verwaltung kann nur in solchen Gegenständen ein Zn- terimisticum anordnen, wo ihr die Entscheidung der Hauptsache zustehk, und der Richter nur in dem Falle dazu schreiten, wenn die Sache nicht in dem gegenwärtigen Zustande bleiben, also auch nicht durch Schutz des Besitzstandes geordnet werden kann. Das Interim!- sticum muß sich so nahe als möglich an die künftige endliche Entscheidung halten und darf Niemandem bereits erworbene Rechte entziehen. Jnterimswirthschaft tritt besonders in den Gegenden ein, wo die Bauern zwar nicht wahres Eigenthum, aber doch erbliches Colonat- oder Meierrecht an ihren Gütern haben. In den Fällen nämlich, wo der Besitzer eines Gutes frühzeitig stirbt und Kinder : hinterläßt, welche der Wirthschaft selbst noch nicht vorzustehen im Stande sind, wird ein ' Jnterimswirth so lange eingesetzt, bis der eigentliche Anerbe das gehörige Alter erreicht hat. > Die Rechte des Znterimswirths werden hauptsächlich durch Vertrag bestimmt und richten sich nach den bäuerlichen Verhältnissen des Landes. Im Allgemeinen gewinnt er die Ersparnisse der Wirthschaft als Eigenthum, muß aber das Gut in gutem Stande erhalten. Er hat zuweilen ein Recht auf den Auszug im Gute; auch kommt es vor, daß feineKinder Ausstattungen erhalten; das Weitere aber ist provinziell. ^ Interjektionen (lat.), d. h. Zwischenwörter, heißen in der Grammatik Vorzugs- ! weise diejenigen Partikeln, welche irgendeine Empfindung oder Gemüthsbewegung aus- ! drücken und meist in einem Ausrufe bestehen, wie z. B. des Erstaunens durch ein „Ah!" oder „Oh!"; des Schmerzes oder der Klage durch „Weh!" u. s. w. Obgleich sie ihrer Na- , tur nach mit den übrigen Wörtern des Satzes in eine äußere Verbindung nicht treten können, so ist dies doch wenigstens scheinbar bei einigen der Fall, z. B. „Weh mir, daß ich mich so vergaß!" In weiterer Bedeutung rechnet man auch alle die Wörter dahin, die vermöge deS Sprachgebrauchs einen ganzen Satz verstellen, wie „Halt!" oder die Nachahmung des Schalles enthalten, wie „Knack", „Schnapp" u. s. w. > Jnterlocut oder Zwischenurtheil nennt man eine richterliche Entscheidung, welche nur den Gang des Processe«, die Schuldigkeit des Beklagten, sich auf die Klage einzulassen, die Beweislast, die Beweissätze, die Mittel des Beweises u. s. w. betrifft und also die Hauptentscheidung oder Definitivscntenz (s. Urth e i l) vorbereitet. Oft aber hat das Jnterlocut einen solchen Einfluß auf die Hauptentscheidung, daß diese zur bloßen Folgerung wird. In diesen Fällen können dann auch die Rechtsmittel der Appellation und Revision, welche bei den Jntcrlocnten im Allgemeinen oft beschränkt sind, nicht versagt werden. Auch im Criminalprocesse kommen Jnterlocutionen zur Vervollständigung der Untersuchung vor. Intermezzo oder Zwischenspiel ist keine Erfindung der Neuern; denn schon . die Alten kannten gewisse kurze, abgerissene, locker ancinandergeknüpste Darstellungen, durch welche sie den Übergang von einem Stücke zu dem andern machten und zugleich längere Zwischenräume der Zeit ausfüllten. Gegenwärtig gibt man den Namen Inter- inst. Ltcn nrdk den> urch 0!t- )die iM lbm die lltk dn- lrii- igs- Mg Zn- httr ilii< mi> darf war lern ider : ein ' ha!. ! ;ten Er- ün. ider 'S»- ^ us> > h!" in> ailh °ge de» llso ras mg an, uch or. wn en, in- !k- Znternnntien Jnterpunction 467 mezzo vorzüglich kleinen komischen Opern, in welchen eine, höchsten- zwei Personen auf. treten, und die weder mit dem vorhergehenden noch, mit dem nachfolgenden Stücke in irgend- einer Verbindung stehen. Da die Kritik an diese Art Erzeugnisse, weil sie durch die geringe Anzahl Personen sehr beschrankt sind, keine strengen Anfoderungen zu machen scheint, so fühlt man sich von denselben hinlänglich befriedigt, wenn sie sich nur durch Laune und komische Kraft auözeichnen, ohne es gerade mit dem inner» Zusammenhänge der beschränktem Handlung sehr genau zu nehmen. Die neuem Intermezzi sollen anfangs inMadri - galen (s.d.) bestanden haben, welche zwischen denAufzügen abgesungcn wurden und auf das Stück Beziehung hatten, aber bald von ihrer ersten Bestimmung sich entfernend, zu selbständigen Stücken geworden sein. Als eins der ältesten und schönsten Intermezzi gilt Bardi's „II combuttimento ll'^pvlline col rerpenle". Auch in den älter« franz. Opern kamen Intermezzi unter den Namen Nondeaux oder Sarabanden vor, um mittels derselben dem Sänger Zeit zur Erholung zu schaffen. Jntcrnuntien heißen die Gesandten des Papstes an auswärtigen kleinern Höfen »der bei Republiken, im Gegensätze der Nuntien (s. d.) an kaiserlichen oder königlichen Höfen. Auch der östr. Botschafter zu Konstantinopel führt den Titel Jnternuntius. Jnterpoliren (lat.), eigentlich anders gestalten oder bilden, heißt in der philologischen Kritik, den ursprünglichen Text einer Schrift durch Einschaltung einzelner Wörter, Satze oder ganzer Abschnitte verfälschen, daher man dergleichen Stellen und Schriften in- terpo li rte, di« Handlung selbst Interpolation, und den Verfertiger solcher Verfälschungen einen Interpolator nennt. Diese Sitte ist, wenigstens in Hinsicht der griech. und röm. Schriftdenkmal!, sehr alt, da schon Solon einen Vers in die „Jliade" auf diese Weise eingeschoben und OnomakrituS die ehrwürdigen Orakelsprüche des Musäus verfälscht haben soll. Später trugen besonders jüd. und christliche Gelehrte selbstgemachte Stellen oder Verse in die Werke Anderer über, um ihren eigenen Lehren dadurch höheres Alter und Ansehen zu verschaffen. Vorzüglich aber geschah dies im Zeitalter der Grammatiker, wo man seltene und ungewöhnliche Ausdrücke durch bekannte, die man Glosseme nennt, zu ersetzen suchte. Die Nachweisung und Ausscheidung solcher Zusätze von fremder Hand, mit der sich bereits die alexandrin. Grammatiker, wie Aristarchus (s. d.) beschäftigten, ist Auf. gäbe der Kritik (s. d.). — Zn der Mathematik heißt Jnterpoliren zwischen zwei Glieder einer an ein bestimmtes Gesetz gebundenen Reihenfolge von Größen mehre Glieder so einrcihcn, daß sie, wenn auch nicht ganz, doch so nahe als möglich dem in der genannten Reihenfolge herrschenden Gesetze sich anschließen, wobei man in der Regel die Reihe als eine arithmetische Reihe höherer Ordnung zu betrachten pflegt. Interpretation, s. Exegese und Hermeneutik. Interpunktion nennt man die gesetzmäßige Anwendung gewisser Schriftlichen, durch welche die Verbindung und Trennung Dessen, was in einer Rede, dem Sinne nach, zusammengehört oder getrennt werden muß, und die Hebung und Senkung der Stimme angedeutet werden, sodaß sie in ersterer Hinsicht der logischen Deutlichkeit, in der andern der Vollkommenheit des mündlichen Vortrags dient. Die Morgenländer kennen nur Tonzeichen, aber keine eigentlichen Interpunktionszeichen; die Römer hatten zwar den Namen Interpunktion, verbanden aber damit einen ganz andern Begriff. Ihre Interpunktion war, sowie die der Griechen, größkentheils eine blos oratorische, d. h. sie bezog sich nur auf den Vortrag und die Deklamation der Worte, und wurde oft gar nicht oder höchstens durch ei» um Punkt am Ende des Satzes, oder durch neue Linienansänge und Absätze (versus, griech. Slichoi) angedeutet. Die neuere, größkentheils grammatische Interpunktion ist angeblich eine Erfindung dcS alexandrin. Grammatikers Aristophanes (s. d.), welche von den folgenden Grammatikern mehr ausgebildet wurde, sich aber zu Karl's des Großen Zeiten schon wieder so verloren hatte, daß dieser für nöthig fand, sie durch Warnefried und Al- chuin (s. d.) Herstellen zu lassen. Sie bestand anfangs nur in einem auf dreifache Art an- Sebrachten Punkte oder Stigma (daher in der Diplomatik dieBennungStigmeologie), und bisweilen noch in einem Striche, die beide auf sehr verschiedene Art geformt wurden. Da «an aber bei dem Gebrauche dieser Zeichen keine bestimmten Regeln befolgte und sich 468 Interregnum Interventionen " 7 ^ ihrer zur nothdürftigen Abtheilung der Sähe sehr willkürlich bediente, so behielt die Alk«, punction noch immer viel Schwankendes, bis zu Ende des > 5. Jahrh. die gelehrten venet. Buchdrucker Manucci (s. Mauritius) die Interpunktionszeichen vermehrten und sich ihm nach festem Regeln bedienten. Ihr Beispiel wirkte bald so allgemein, daß man sie allerdings als Schöpfer der gegenwärtigen Jnterpunctionsmcthode betrachten kann, und es ist seit jener Zeit, außer einzelnen genauem Bestimmungen, nichts hinzugethan worden. Die allgemein üblichen Interpunktionszeichen sind das Komma, Semikolon, Kolon, Punctum und Fragezeichen, welches die Spanier nicht nur am Ende, sondern sehr zweckgemäß auch zu Anfang des Fragsatzes setzen; ferner das Ausrufteichen, das Theilungszeichen, die Parenthese, der Gedankenstrich, das Anführungs- oder Citationszeichen und der Apostroph (s. d.). Interregnum, d. i. Zwischenreich, heißt überhaupt die Zeit von dem Tode oder dkl Entsetzung des bisherigen, bis zur Wahl eines neuen Oberhaupts. So bezeichnete man bisweilen die oft längere Zeit dauernde Erledigung des poln. Throns, sowie nicht minder die Zeit des Vikariats im Deutschen Reiche mit diesem Namen. Vorzugsweise aber hat man in der Geschichte Deutschlands (s. d.) mit dem Namen Großes Interregnum die Zeit nach dem Tode Kaiser Konrad's IV., bis zur Wahl Rudolfs l., 1254—73, benannt, wo kein eigentliches Oberhaupt an der Spitze des Reichs stand. Zwar waren nach Wilhelm von Holland, der 1 256 umkam, A lfo n s X. (s. d.)vonCastilien und Richard von Corn- wallis zu Königen erwählt worden, aber beide gelangten zu keinem Ansehen, und Alfons kam sogar nicht einmal nach Deutschland. Natürlich nahmen während dieser Zeit Selbsthülfe und allgemeine Befehdung und somit Raub, Mord und Verwirrung im Reiche so furchtbar überhand, daß diese Periode zu der betrübendsten in der ganzen deutschen Geschichte gehört. Nur die Städte benutzten die Zeit dieses rechtlosen Zustandes zu ihrem Dortheil, indem sie Bündnisse untereinander schlossen und dadurch den Grund zu ihrer spä- tern Macht, dem Adel gegenüber, legten. Jntsrrex hieß bei den Römern der Magistrat, der ursprünglich nach dem Tode des Königs (Rex) eintrat, vornehmlich zu dem Zwecke, die Wahl eines neuen Königs zu bewerkstelligen. Der erste Jnterrex, vom Senate aus seiner Mitte ernannt, hielt aber noch nicht die Wahlversammlung, sondern erst der zweite, den er selbst ernannte, oder wenn die Wahl unter diesem nicht zu Stande kam, ein folgender. Die Zeit, während welcher auf diese Weise Jnterreges, jeder fünf Tage lang, im Amte waren, hieß Interregnum. In der Republik kommen, namentlich in den zwei ersten Jahrhunderten, Jnterreges vor zur Haltung der Consulwahlen, wenn die abgehenden Konsuln an derselben verhindert warm; ihre Würde blieb stets patricisch, sodaß, nachdem auch Plebejer in den Senat traten, nur die patricischen Senatoren ihrer fähig und zur Ernennung berechtigt waren. Intervall bezeichnet in der Musik das Verhältniß zweier Töne in Rücksicht ihrer Höhe und Tiefe im Gegensätze zum Einklänge, d. i. dem Zusammenklingen zweier Töne von vollkommen gleicher Tonhöhe. Ist die Wirkung eines solchen Verhältnisses auf das Gehör in sich befriedigend, so heißt das Intervall ein consonirendes; ist sie unbefriedigend oder hart und erweckt sie somit das Verlangen nach einem befriedigendern Verhältnis oder nach Auflösung (s. d.), so ist es ein dissonirendes. (S. Dissonanz.) Evnso- nirende Intervalle sind die kleine und große Terzie, die reine Quarte und Quinte, die kleine und große Sexte und die reine Oktave; alle andere sind dissonirende. Auch ein ursprünglich consonirendes Intervall kann unter gewissen Bedingungen als dissonirendes erscheinen, wenn es nur durch Verzögerung eines andern erwarteten entsteht, so z. B. die Quarte als verzögerte oder aufgehaltene Terzie. — In der Taktik bezeichnet Intervall die für gewöhnliche Fälle festgestellte Entfernung zwischen zwei nebeneinander stehenden Truppen- abtheilungen oder auch zweier Geschütze. Die Größe des Intervalls richtet sich theils naa allgemeinen taktischen Grundsätzen, theils nach dem jedesmaligen Terrain, und hängt namentlich davon ab, daß der Truppentheil freie Beweglichkeit behält, ohne sich von dem nebenstehenden so weit zu entfernen, daß der innere Zusammenhang verloren geht und das Commando nickt mehr gehört werden kann. Das Intervall ist nicht mit der Distanz z» perwechseln, welche den Abstand hintereinander stehender Truppen oder Geschütze bezeichne. Interventionen, d. h. Einmischungen in die innern Angelegenheiten andererStaa- ten, men der Int grof rika veni Här renc M inte nah Unc 18. den Gel ten seit star dur gen sie« den wai Be her hat g-s dur dar der Interventionen 469 ten, selbst mit gewaffnetcr Hand, haben von jeher und überall stattgefunden und sind namentlich immer ein beliebtes Werkzeug der Eroberungs- oder Unterwcrfungspolitik und der Politik der Hegemonie gewesen. Sparta und Athen, Karthago und Rom kannten die Znterventionspolitik, und namentlich hat Nom sie mit seiner ganzen Konsequenz und mit großem Erfolge geübt. Asien hat sie nicht weniger gekannt und selbst die Geschichte Amerikas vor seiner Entdeckung bietet Beispiele derselben. Die Franken verstanden das Jnter- veniren sehr gut und auch die deutschen Kaiser haben in ital., ungar., poln. und skandinav. Händeln stets intervenirt. Auch unter den ital. Staaten selbst, unter den Staaten der py- renäischen und skandinav. Halbinsel und der großbrit. Insel kommen zahlreiche Beispiele gegenseitiger Interventionen seit langen Jahrhunderten vor. Die Schweden und Polen intervenirten in den Ostseeprovinzen und in Rußland, bis sie endlich, letztere ganz, jene beinahe, über gegenseitigen Interventionen zu Grunde gegangen sind. In dem niederländ. llnabhangigkeitskampfe intervenirten bald Ostreich, bald Frankreich, bald England. Im >6. Jahrh. intervenirte Frankreich in Deutschland, im l 7. thatenes hierDänemark, Schweden und Frankreich, namentlich machte Ludwig XIV. häufig von der Jnterventionspolitik Gebrauch. Die erste Koalition gegen duS revolulionirte Frankreich war ebenfalls eine Intervention und nachher hat Frankreich unter dem Convent, dem Direktorium und dem Kai- serkhum vielfach in Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien intervenirt. Ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und der Politik wurde die Intervention aber erst, als sie durch die Congresse zu Troppau, Laibach und Verona zu einer Art System erhoben werden sollte und die vier festländischen Großmächte eine Art Recht zu haben meinten, die Angelegenheiten aller Staaten, sobald dieselben irgend einen Einfluß auf das europ. Staatensystem zu äußern, oder eigentlich, sobald sie irgend jenen Großmächten unangenehm zu werden drohten, nach ih^em Ermessen zu ordnen und ihre Beschlüsse nöthigenfallS mit Gewalt durchzusetzen. England widersprach damals theoretisch; doch hat es seinerseits nie Bedenken getragen, praktisch von demselben Systeme Gebrauch zu machen. Es hat in frühem Zeiten, namentlich in niederländ., portugics., skandinav. Händeln vielfach intervenirt, hat sich neuerdings in Belgien, Spanien und Griechenland den europ. Interventionen an- geschlvssen; auch intervenirt es häufig in Amerika und hat sein ostind. Reich hauptsächlich durch Interventionen erworben und vergrößert. Kraft des Systems der Intervention dämpfte Ostreich die Revolutionen in Neapel und Piemont, stieß Frankreich das Regiment der Cortes in Spanien über den Haufen und wurde die Schlacht bei Navarin geschlagen gegen eine Macht, mit der alle Theile im Frieden zu sein behaupteten. Nach der Julirevolution fing auf einmal Frankreich, das bis dahin so viel im Jnterventionswesen gckhan hatte, an, ein System der Nichtintervcntion zu behaupten, hauptsächlich deshalb, weil ihm daran gelegen war, daß die kleinen nachbarlichen Revolutionen, durch die es fick zu schützen gedachte, nicht gestört würden. Gleichwol intervenirte Ostreich im Kirchenstaate und in Modena, und Frankreich selbst sodann in Belgien und mit England in Spanien, wenn auch unter dem neuersundenen Namen der Cooperation. Nichtsdestoweniger stellte man eine Zeit lang dem Systeme der Intervention ein System der Nichtintervention gegenüber, und der Liberalismus, der anfangs in dem erstem zum Theil einen Anfang seines idealistischen Weltstaats begrüßt hatte, neigte sich später, praktisch belehrt, dem zweiten Systeme A Jetzt ist die ganze, eine Zeit lang lebhaft verhandelte Streitfrage im Entschlummern, weil man die systematischen Prätensionen von beiden Seiten aufgegeben zu haben scheint. Dem praktischen Völkerrechte gegenüber ist allerdings ein System der Intervention, wonach eine oder mehre Mächte das Recht hätten, die innern Angelegenheiten eines andern als unabhängig anerkannten Staats zu ordnen, nicht denkbar; denn die völkerrechtliche Unabhängigkeit eines Staats faßt das unbedingte Recht desselben in sich, seine Angelegenheiten nach eigenem Ermessen zu gestalten. Alle Rücksichten auf andere Staaten sind nur Klugheits-, nicht Rechtssache, soweit nicht entweder die allgemeinen Grundsätze des praktischen Völkerrechts oder specielle Verträge und Rechtsverhältnisse mit andern Staaten ein- Magen, was dann nicht innere, sondern äußere, nicht lediglich eigene, sondern zugleich ftemde Angelegenheiten sind, folglich gar nicht unter die Jntcrventionsfrage gehören. Jede Einrichtung, welche einzelnen Staaten das beständige Recht gäbe, über die Angelegenhei- 470 Zntestaterbfolge Intonation ! ten anderer Staaten zu richten, machte jene zu Herren dieser, und wenn auch eine solch« Herrschaft durch die gegenseitigen Einflüsse verschiedener Mächte sehr gemäßigt werden möchte, so würde doch auf die Dauer ein Zurücktreten der Interessen aller so bevormunde. 1 ten Staaten hinter die durch die Einrichtung selbst immer wachsende Macht der Vormün- der nicht ausbleiben und zuletzt wieder factisch nur die vier oder fünf Großmächte eine Stimme haben, während im Eegentheil eine immer größere Vielseitigkeit der Entwickelung selb- ständiger Staaten zu wünschen ist und die Mächte des zweiten Ranges, welche zur Acr- theidigung, aber nicht zum Angriffe, Kraft genug haben, dem Frieden und der Freiheit viel günstiger sind als die des ersten. So wenig wir aber ein System der Intervention mit Recht und Politik im Einklänge finden können, so wenig wird sich auch ein System der > Nichtintervention rechtfertigen und durchführen lassen, sofern es den Staaten verbiet!» will, sich irgend um den Stand der Dinge in andern Staaten zu kümmern und gegen die- > selben aufzutreten, so lange nicht ein offener Angriff gegen sie geschehen, oder eine grobe Rechtsverletzung gegen sie begangen ist. Denn in derselben Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Staaten, welche sie vor dem Jnterventionsrechte schützt, liegt auch das unbedingte Kriegsrecht, was keineswegs auf bestimmte Fälle beschränkt werden kann, wo sich jedenfalls Niemand zum äußern Richter aufwerfen darf, ob es mit Recht geübt sei. Was Moral und Geschichte für ein Nichteramt übernehmen, das steht auf einem andern Blatte. Wenn daher auch das Princip der Nichtintervention ausgesprochen und anerkannt wäre, so würde doch der Staat, der sich durch die Vorgänge in einem andern Staate bedroht sähe, das Recht haben, diesen Staat unter Androhung des Kriegs um Abstellung seiner ! Beschwerden anzugchen. Ob seine Interessen wirklich bedroht sind, darüber brauchte! ^ keinen Dritten als Richter anzuerkennen. Den Krieg beginnt er auf eigene Gefahr und unterwirft sich allen Wechselfällen. Wem sein Schritt, wem diese Form der Einmischung nicht gefällt, der hat seinerseits auch wieder das Recht, gegen ihn mit Krieg aufzutreten, und in der Möglichkeit solchen Ausgangs liegt eine starke Zügelung des Entschlusses. Was immer in diesen Dingen festgesetzt würde, sobald es die Staaten in dringenden In- ' teressen fesselte, so würde es nicht gehalten werden; der Staat, der sich gedrungen fühlte, gegen die Vorgänge in andern Staaten aufzutreten und sich für befähigt hielte, die Chancen des Erfolgs zu bestehen, würde unfehlbar auftreten, und man soll im Völkerrechte nicht fcstsetzen, was nicht unverbrüchlich gehalten wird. So führt immer Alles auf die gegenseitige Klugheit zurück, welche die Staaten abhält, von ihrer Selbständigkeit Gebrauch zu machen, die Andern Anstoß geben könnte, sich aber auch nicht ohne Noth in die Angelegenheiten Anderer zu mischen und ebenso wieder solche Einmischungen, die gegen Dritte vorgekommen, nach Umständen bald zu dulden, bald zu bekämpfen. Darüber lassen sich keine > Regeln geben, sondern der Stand der politischen Interessen entscheidet, und weder die Para- ^ graphen d er Compendien, noch die Moralpredigten werden Das ändern, oder überhaupt den Zustand der Weltfreiheil und des Weltfriedens begründen; dazu wirken vielmehr theilS die zunehmende Verflechtung der Interessen, die sich gegen jede gewaltsame Störung erheben, theils der mehr und mehr durchdringende Geist des Christenthums, der Gerechtigkeit und der Weisheit, unter welchen Einflüssen die Neigung zum Umsichgreifen sich vermindert, die Staaten in der Wahl der Mittel bedenklicher werden und Veranlassungen zu Stö- , rungen nicht so leicht aufkommen. Äußerlich sind noch die getheilten Interessen der großen Mächte häufig ein Schutz, und außerdem wird auch ein kleiner Staat sich vor EinmisäM' gen schützen können, wenn er mit Mäßigung und billiger Rücksicht verfährt, dabei aber sich durch kräftigen Aufschwung, Ordnung und innere Eintracht in Ansehen zu halten weiß. Jntestaterbfol.qe heißt die Erbfolgess. d.), welche, im Gegensatz zu der freien Verfügung des Erblassers für den Todesfall, auf Gesetzen beruht und eintritt, wenn weder em Er bv ertrag (s.d.)noch ein gültiges Testam ent (s.d.) vorhanden sind. (S.Erbrecht.) Jntoleranz, s. Jndifferentismu« und Religionsfreiheit. Intonation heißt in der Musik die Art und Weise, wie der Ton oder richtiger der Klang durch die Menschenstimme oder durch Instrumente erzeugt wird. Die beiden Haupt' bedingungen einer guten Intonation sind vollkommene Reinheit in Bezug auf Tonhohe, und Klangschönheit. Eine kunstgerechte und aller Abstufungen fähige Intonation ist der er bc B zu ke L Z L! hl li dl cc Pl v Z u d n ii c 4 n y r a r f ( L ? r r L l 1 1 i ! ! s Jntrade Invalide 471 erste und wichtigste Theil aller Schule in Gesang und Jnstrumentspiel. Im Instrument, bau ist die Intonation namentlich bei den Clavierinstrumenten und der Orgel von großer Bedeutung. Bei den erster» wird sie hauptsächlich durch die Belederung, d. h. den Uber, mg der Hammerköpfe mit Wildleder, und durch den Fallwinkel der Hämmer, bei der letz» tern durch Beschaffenheit des Labiums der Pfeifen und durch die Stärke und Masse des Windzufluffes bedingt. Bei den Blas- und Streichinstrumenten, sowie im Gesang ist die Intonation weit mehr von der Fähigkeit und Geschicklichkeit des Vortragenden abhängig. Auch bezeichnet man mit Intonation die Worte, welche der Geistliche vor der Collecte am Altäre singt und die vom Chore beantwortet werden. (S. auch Anti pHonie.) Jntrade (ital. intrats) nennt man einen aus vollständiger Instrumentalmusik beste- henden kurzen, feierlichen Satz, der einem größer» Tonstücke als Einleitung dient. Ursprünglich bestand die Jntrade aus einem an keine bestimmte Melodie gebundenen Durcheinan- derblasen eines Trompeterchors, das am Ende in ein sanftes Aushalten des Dominamac- cords auslief. Nach und nach aber wurde diese Jntrade künstlerisch behandelt; den Trompeten wurden andere Instrumente hinzugefügt und so entstand aus der Jntrade die O u - verture (s. d.). Übrigens ist die ursprüngliche Jntrade nicht mit der Fanfare (s. d.) zu verwechseln. — In der Staatswirthschaftslehrc versteht man unter In traben die Staatseinkünfte und landesherrlichen Gefälle oder Abgaben. Jntrigue heißt die künstliche Verknüpfung oder Verwickelung von Handlungen und Personen zu einem bestimmten Zwecke. Im Drama versteht man darunter besonders die entweder mehr zufällig zusammentreffenden oder absichtlich herbcigeführten Verhältnisse oder Umstände, durch welche die Hauptpersonen gehindert, geneckt, irre geführt und in Verlegenheit gesetzt werden. Eigentlich liegt jedem Drama, namentlich dem Lustspiele, eine Jntrigue zum Grunde; doch nur Stücke, in welchen sie so überwiegt, daß sie zur Hauptsache wird und die Charaktere nur zu ihrer Schürzung und Lösung da zu sein schei- nen, nennt man Jntriguenstücke, im Gegensatz zu den Charakterstücken, in welchen die Jntrigue blos zur schärfer» Hervorhebung der Charaktere dient. Das Jntriguenstück ist mehr belustigenden und neckischen Charakters, und es beruht das Komische darin zunächst auf den Verhältnissen und Lagen der Personen, doch wird dadurch die Zeichnung der Cha- raktere und deren Einfluß auf die Entwickelung der Handlung keineswegs vom Jntriguen- stück.ausgeschlossen. Muster in dieser Gattung sind die span. Mantel- und Degcnstücke (coniecimz cki capo ^ ssxacka). Das kühnste und auch so ziemlich letzte Stück dieser Art ist Beaumarchais' „kils: WA« lls kiKsro ou!s solle journee". Der gemüthlichen Natur der Deutschen haben die mehr äußerlichen Neckereien des Jntriguenstücks nie zusagen wollen. In der Theatersprache bezeichnet man mit Jntriguantalle diejenigen Charaktere, welche durch Ränke, Hinterlist oder überhaupt durch bösherzige und lasterhafte Motive in das Getriebe der dramatischen Handlung eingreifen. Früher bestand dieses Fach selbständiger, jetzt fällt es zum größern Theile mit dem Charakterfach zusammen. Jntroduction nennt man in der Musik einen kurzen, meist pathetischen Satz, der einem Hauptsatze, z. B. einem Rondo, Concert- oder Symphoniesatze, einer Ouvertüre, §uge, einem Gesangstücke u. s. w., als Einleitung porausgeht. Vom Vorspiele (s. d.) oder Präludium unterscheidet sich die Jntroduction dadurch, daß sie keine abgeschlossene Form hat, während jenes ein in sich abgerundetes Stück ist. In der Oper heißt Jntro- duction das erste Stück unmittelbar nach der Ouvertüre (s. d.), meist ein großes Ensemblestück, aus Chören und mehrstimmigen Sähen bestehend. Invalide wird derjenige Militair jeden Grades genannt, der nicht mehr zum Dienst vor dem Feinde tauglich ist, und man unterscheidet, namentlich in Friedenszeiten, Halb- und Ganzinvaliden, von denen die erster» noch zum Earnisondienst für fähig er- achtet werden. Die Versorgung der Invaliden ließen sich schon in den frühesten Zeiten die Staaten und Herrscher angelegen sein, theilS aus dem menschlichen Gefühle der nothwen- digen Entschädigung für Aufopferung der Gesundheit und der Glieder, theils als Sporn für den Soldaten im Augenblicke des Kampfes. In England, wo jede Beschädigung des Körpers ihre besondere Taxe hat, werden die Invaliden zum Theil mit Geld entschädigt; m vielen andern Staaten wird für die Familie des Invaliden, gleichwie für die des Ecblie- ^»4 k-.' 472 Inventarium Inversion benen gesorgt; meist aber werden die Invaliden in besonders dazu bestimmten Anstalten untcrgebracht und verpflegt. Schon Athen und Rom sorgten in ähnlicher Weise für lang- gediente Krieger; im Mittelalter scheint König Philipp August von Frankreich, > >80- 1223, zuerst die Einrichtung eines Jnvalidenhausesin Anregung gebracht zu haben; bis dahin und auch später noch wurden invalid gewordene Krieger in Klöstern zur Verpflegung untergebracht. Unter Ludwig XIV. wurde in der letzten Hälfte des l'.Jahrh. das Invalidenhaus zu Paris errichtet, das in neuerer Zeit Napoleon großartig ausstaktete. Zn Berlin errichtete Friedrich II. 1745 das Jnvalidenhaus mit der Inschrift: I^aezo ses invicto militi. Das prachtvolle Jnvalidenhaus zu Chelsea (s. d.) für Invaliden der Landarmer und das für Seesoldaten in Greenwich (s.'d.) stammen ebenfalls aus den letzten Decennien des >7. Jahrh. — Jnvalidencompagnien werden in der Regel nur in den Jnvalidenhäusern selbst gebildet und erhalten z. B. in Preußen den Namen Garnisoncompagnie, wenn sie von Halbinvaliden gebildet, noch zum Festungsdienste oder zu einzelnen, den Kräften der Leute angemessenen, leichten Diensten verwendet werden. Inventarium, überhaupt jedes genaue Verzeichniß Vorgefundener Sachen, nennt man insbesondere das genaue Verzeichniß aller einzelnen Sachen, welche das bewegliche Vermögen eines Menschen ausmachen. Dergleichen Verzeichnisse werden bei Antretung ein« Vormundschaft über das Vermögen des Mündels, bei Sterbefällen über die Verlassenschaft der Verstorbenen, bei Übernahme eines ererbten oder erkauften Gutes, bei Pachten u.s. w. ausgenommen. Unterder Rcchtswohlthat des Inventar! ums (benellcium inventurii) versteht man diejenige gesetzliche Bestimmung, welche den Erben, der in der ebenfalls gesetzlichen Frist (in Sachsen ein Jahr, sechs Wochen und drei Tage) das Jnven- tarium einreicht, gegen die Ansprüche der Erbschaftsgläubiger sichersiellt, fall-der Nachlaß nicht zureichen sollte. Bei Landgütern ma ht das Wirthsch a ft s i nventa, ium einen wesentlichen Bestand aus, welches in das lebendige oder das Viehinventarium, auch Ms- ventien, und in das tobte oder leblose Inventarium, auch Fahrniß oder Mobilien genannt, zerfällt. Das Wirthschaftsinventarium muß in demselben Zustande zurückgegeben werden, in dem es übergeben worden ist. In der Regel wird es von Taxatoren nach Geldwerth geschätzt. Die Kaufleute sind verpflichtet, jährlich ein Inventarium ihrer vorhandenen Waa- renbestände aufzunehmen, was man Inventur nennt. (S. auch Handlungsbücher.) Jnvernesi, die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft in Nordschottland, am Moray Frith, mit I5000E., meist engl. Abkunft, weshalb sie auch noch Englisch sprechen, einem guten, durch zwei Forts geschützten Hafen, einen, befestigte» Schloß, einer Akademie und mehren guten Schulen, ist der Hauptmarktplatz für die Bergschotten, welche hier ihre Producte verhandeln. In der Nähe hatten die alten caledonischen Könige ihren Sitz, der jetzt nur noch in seinen Trümmern sich erkennen läßt. Historisch merkwürdig wurde die Stadt durch ein glückliches Gefecht des Prätendenten Karl Eduard (s. d.), welches er im Febr. >746 nach dem siegreichen Treffen bei Falkirk gegen den General Loudon bestand. Inversion (lat.), d. i. Umkehrung, bezeichnet als stilistische und rhetorische Figur die Versetzung eines Worts oder ganzen Satztheils ans seiner, der strengen grammatischen Construction nach, ihm gebührenden Stelle an eine andere, um den Begriff desselben herauszuheben und die Aufmerksamkeit auf denselben zu lenken, z. B. „Zum Genießen nicht hat uns Gott geschaffen", statt „Gott hat uns nicht zum Genießen geschaffen". Auch wird sie oft, namentlich in der Poesie, durch den Wohlklang und Rhythmus hervorgerüfcn und gerechtfertigt. Unter den alten Sprachen lassen die griechische und lateinische wegen ihrer außerordentlichen Freiheit in der Wortstellung die meisten Inversionen zu, wahrend sie in den neuern Sprachen, besonders in der französischen, weit beschränkter sind. Die Römer selbst verstanden übrigens unter Inversion im tropischen Sinne die Ironie (s-d.). — In der Taktik versteht man unter Inversion die Verwechselung der ursprünglich festgesetzten Folgereihe neben- oder hintereinander stehender Truppentheile oderGeschühe. Wenn die Ordnung und Übersicht es erfodert, daß jedem Theile der Truppe, z. B. der Compagnie im Bataillon, dem Zuge in der Compagnie u. s. w., ein bestimmter, gewöhnlich durch eine Nummer bezeichneter Platz bei der Aufstellung und Bewegung angewiesen sei, so kann eS -och auch Verhältnisse geben, wo der rasche Übergang aus einer Formation in dir andere da so! ge> tune Ke H- da' de, Ke s pe! ^ die ! - zw Ce üb re, , km pst ! sch all ^ bl, , de, ^ thi . A! de. m w< Fl sch de, sc, R Al t>g V , E, i gl, de, t>o ka 3r lül (st ter kei ' liö hi, er, Jnvestitnrstreit Jo 473 das Beibchalten jener Folgereihe nicht ohne nachtheiligen Zeitverlust erlauben würde. In solchen Fällen zieht man den Aufmarsch mit Inversion um so mehr vor, da bei einer gut geübten Truppe dadurch keine anderweitigen Nachtheile zu befürchten sind. Jnvestiturstreit heißt der in Folge des von Gregor VII. 1075 erlassenen Anvesti- turgesehes, durch welches er unter Androhung des Banns die weltliche Investitur, Belehnung (s. d.) geistlicher Personen mit Kirchengut als Simonie verbot, veranlaßte Streit. Kaiser Heinrich I V. ließ zwar den Papst als einen Tyrannen, der sich am Gesalbten des Herrn vergreife, auf einer Synode zu Worms am 21. Jan. 1076 absetzen, sah sich aber dafür mit dem Banne belegt und mußte sich demüthigen. Hierauf wurde der Streit mit den Waffen geführt; Gregor starb 1085 überwunden, HeinrichlV. 1106 unter dem Bann. Kaiser Heinrich V. fuhr fort zu investier«, und als er I > 10 mit einem Heere über die Alpen zog, entschloß sich der Papst Paschalis II., ihm gegen die Freiheit der Bischofswahlen die bischöflichen Reichslehen zurückzugcben. Doch die Lateransynode im I. l 112 erkannte in dieser Handlung des Papstes einen Hochverrats; an der Kirche und nöthigte ihn, Alles zurückzunehmen. Endlich kam zu Worms 1122 zwischen Calixtus II. und Heinrich V. ein Concordat zu Stande, nach welchem Heinrich dem Papste die Investitur mit Ring und Stab überließ und Freiheit der Bischofswahlen, jedoch unter weltlicher Aufsicht, versprach; während dagegen Paschalis II. dem Kaiser zugestand, den Prälaten die Reichslehen mittels des königlichen Scepters zu ertheilen und von ihm vor der Consecration den Lehenseid zu empfangen. Ein gleiches Abkommen trafen Frankreich und England mit dem Papste. Doch schon 1125 milderte Kaiser Lothar II. das Concordat, indem er von den Prälaten nur den allgemeinen Unterthaneneid verlangte und die Consecration vor der Jnvestirung gestattete. Jnvocävit, s. Sonntag. Inzucht nennt der Landwirth die absichtliche Vermischung der besten und schönsten blutsverwandten Thiere miteinander. Die Inzucht ist das einfachste, wohlfeilste und in dm meisten Fällen auch das sicherste Mittel zur Verbesserung und Veredelung der Haus- thiere, indem durch sie die Organisation gleichartig und die Erwartung der Gleichheit des Abkömmlings in der einzelnen Eigenschaft gesichert wird, was besonders bei Veredelung der Schafe durch Inzucht sich zeigt. Die auffallendsten und günstigsten Resultate hat Bakewell (s. d.) durch die Inzucht erzielt. (S. auch Kreuzung.) Jo war der Sage nach die Tochter des Jnachus, oder des Jasu.s, oder des Peircn, in welche sich Zeus verliebte. Um dies zu verheimlichen, verwandelte er sie in eine schöne weiße Kuh. Here jedoch merkte auch so das Liebesverhältniß, bat sich die Kuh von ihrem Gemahl, der nichts Arges ahnete, zum Geschenk aus und übergab hierauf dieselbe dem allsehenden Argos (Panoptes) zur Bewachung. Sie zu befreien, ertheilte Zeus dem Hermes den Befehl, ihren Wächter zu tödten. Aber in demselben Augenblicke, als dieses geschehen, sendete Here der I. eine Bremse, von der sie durch alle Welt gejagt wurde, bis sie am Nil Ruhe fand. Dies die gewöhnliche Erzählung, die sich in das graueste Alterthum verliert. Als Heimat der Sage und der I. ist Argos anzusehcn, wo das Wesen der I. mit dem dortigen Zeus- und Heredicnst auf das innigste verbunden war. Ihre Wanderungen, die im Verlauf der Zeit jedenfalls sehr ausqeschmückt wurden, lassen sich schwer mit der mythischen Geographie in Übereinstimmung 'bringen; nur die Hauptrichtung derselben bleibt sich gleich. Hauptquclle dafür ist des Äschylus „Prometheus", womit aber wieder Vieles in den „Schutzflehenden" nicht vereinbar ist. Von Argos aus kam sie an das Meer, welches bon ihr den Namen des Jonischen erhielt; hierauf nach mancherlei Irrfahrten in den Kaukasus, wo sie den Prometheus traf, welcher ihr den Weg zeigte, den sie zu nehmen hätte. Zuleht gelangte sie nach Ägypten, wo sie Erlösung von ihren Leiden fand, unter der Berührung des Zeus den Epaphus gebar und den Jsisdienst stiftete. Daß sie mit der Isis (s- d.) geradezu identificirt wurde, dazu gab namentlich die Kuhgestalt Veranlassung. Unter den mannichfachen Deutungen ihres Mythus hat diejenige die meiste Wahrscheinlichste daß I. den Mond oder die Mondgottin bedeute; ihr Umherirren zeige den unvermeid- uchen Kreislauf des Mondes, der hundert- oder tausendäugige Argos aber den Sternenhimmel cm. Nach G. Hermann ist der Schlüssel zur Deutung in dem wichtigsten Natur- twgniß Ägyptens, in dem jährlichen Anschwellen des Nil, zu suchen. Buktmann sah d.e 474 Jod Jon I. für eine Personification des Jonierstammes an, den Epaphus aber für den ägypt.Apis, I und die Verbindung beider für den Ausdruck einer alten Überzeugung von einer Verbin- ^ düng zwischen Ägypten und Griechenland. ! Jod oder Jodin e (loclum), abgeleitet vom griech. Jodes, d. i. veilchenartig, ist ein ! Element, welches im reinen Zustande kleine dunkelgraue, metallglänzende Tafeln darstellt, , die ein specisisches Gewicht von 4,948, einen eigenthümlichen dem des Chlors nicht unähnlichen Geruch und einen herben, scharfen Geschmack haben, in reinem Wasser sehr wenig, dagegen im Äther und Alkohol leicht löslich sind, über dem Feuer schmelzen und sich dann in schönen, tief violetten Dämpfen verflüchtigen. Das Jod wurde l8l l von Courtois, einem Sodafabrikanten in Paris, in der Asche verbrannter Meergräser entdeckt und ist seil- dem fast in allen Meerpflanzen, vielen Seethiercn, im Meerwasser, in den Salzsoolen, in verschiedenen Mineralwässern und einigen Metallerzen gefunden worden. Im Großm / wird cs gewöhnlich aus der Asche verbrannter Seepflanzen, welche Kelp oder Varecsoda genannt wird, gewonnen. Das Jod geht fast mit allen übrigen Elementarköryern Berbin- j düngen ein; die wichtigsten darunter sind die Jod säure (ftciäum ioclicum), Jodwas- ' serstoffsäure (^ciclum ü^tlriullieum), Jod schwefel (locluretum suipinii-is), Jodkalium (lochiretum Icalii, Xuli ii^cirioclicinn), Jodammonium (Ammonium üz'llriociicum), Jodquecksilber (loclm «tu», bz-cli srgxro-ium und loäuretum icum) und Zod> silber (Argentum kzüriockicum). Letzteres hat in der neuern Zeit vorzugsweise durch die Daguerrotypie (s. d.) eine Bedeutung gewonnen; von den übrigen werden diemei- stcn, besonders das Jodkalium und das Jodquecksilber medicinisch gebraucht und sowvl innerlich als äußerlich, zum Theil mit ausgezeichnetem Erfolge, angewendet. Das in den Körper gebrachte Jod wirkt hauptsächlich auf das Lymphsystem, die Drüsen, die einsaugenden Gefäße und die Schleimhäute, wo es die Aufsaugung befördert, sodaß ein Schwin- j den der drüsigen Organe sich nach seinem Gebrauche bcmerklich macht; auf dasEefäx- und Nervensystem wirkt essehr aufregend, besonders auf die Geschlechtsorgane; aufdie Verdauung zuerst wohlthätig erregend, bei längerm Gebrauche jedoch störend und in grö- f ßern Gaben nach Art der ätzenden Gifte. Seine Hauptanwendung findet es daher gegen Skrofeln, Kropf, Anschwellungen und Verhärtungen drüsiger Organe überhaupt, Syphilis, Wasser- und Fettsucht und Eicht. Der große Ruhm, den das Jod bald nach seiner Entdeckung alsHcilmittel erlangte, gab auch bei ihm zu Mißbrauch Veranlassung, und mancher traurige Erfolg seinerAnwendung hat seitdem zur Vorsicht bei seinem Gebrauche aufgefodert. Jokaste, auch Epikaste genannt, die Tochter des Menökeus und Schwester des Kreon, war die Gemahlin des theban. Königs Laius, dem sie den Ödipus (s. d.) gebar. Joläus, der Sohn des Jphikles und der Automedusa, war berühmt als treuer Gefährte des Hercules. Unter andern ausgezeichneten Thaten gewann er mit des Hercules Pferden den Preis in den Olympischen Spielen. Mit den Söhnen der Thespiaden gründete er eine Colonie auf Sardinien, wo er zuletzt göttlich verehrt worden sein soll. Hierauf ging er wieder zu Hercules, bei dessen Tode er zugegen war und dem zu Elften er einen großen Erdhügel errichtete. Als er zum Greis geworden, machte ihn Hercules durch Hebe wieder jung. Ihm und Hercules zu Ehren feierte man in Theben dieIoläa, bei denen am ersten Tage geopfert, am zweiten ein Pferderennen gehalten wurde, wobei der Sieger einen Myrtenkranz erhielt. — I o laus war auch der eigentliche Name des Protesilaus (s. d.). j Jole, di« Tochter des Königs EurytoS in Öchalia, gab die Veranlassung zu des Hercules (s. d.) Tode. Jolkos war eine alte Stadt Thessaliens an der innersten Bucht d«S Pagasaiscken Meerbusens, sieben Stadien von Demetrias, das aus jener Trümmern emporwuchs. In I. thronten einst Pelias und Jason, und von I. zogen die Argonauten nach Kolchis aus. Ion war eigentlich der Sohn des Apollon, der ihn heimlich mit Kreusa, der Tochter des Königs Erechtheus von Athen, vor ihrer Vermählung mit LuthuS erzeugt hatte. 3" einem Kästchen von der Mutter in der nämlichen Höhle ausgesetzt, in welcher sie vomApol- ^ lon umarmt worden war, brachte Mercur auf Bitten des letztem das Kind nach Delrhl, wo es erzogen wurde. Da die später'eingegangene Ehe der Kreusa mit Luthus kinderlos blieb, so beschloß Apollon, seinen inzwischen herangewachsenen Sohn dem Luthus als eige- Ni Li ei L in in ih ai T sa L in gl bi re sil Z 3 ei IN IN IN Ü ei la (I ai zr ei in s- A si st s> in 3 gl IN s- !N dl A dl E >» S- ol L >r in iS, ^ m- j llt, >n- -g, IM il- in nn , da ^ m- ! m- >en iu< die l cö- ls M iS, nt< ,-r rt. >cS ar. He> leS in- uf n> ie> en st- ^ i r- en Zn ler ;» h-, ' os »e- Jonien 475 nen Sohn zu übergeben. Die Gelegenheit dazu bot sich ihm, alsLuthus wegen seinerKin» Lerlosigkeit das Orakel um Nath fragen ließ. Das Orakel antwortete ihm, er habe bereits einen Srhn, und Derjenige sei es, der ihm zuerst begegnen würde. Dieses war Apollon's Sohn, den Luthus, der einst bei einem Bacchusfeste zu Delphi ein Mädchen umarmt halte, Inder Meinung, daß derselbe eine Frucht jener Umarmung sei, mit väterlicher Liebe auf. nahm und Jon benannte. Desto unzufriedener aberwar Kreusa mit dem gefundenen Sohne; ihr Haß ging, so weit, daß sie sogar bei dem Gastmahle, welches Luthus in seiner Freude anstellen ließ, ihn zu vergiften gedachte; I. aber opferte den Giftbecher den Göttern. Eine Taube, die von dem ausgegossenen Tranke kostete und gleich darauf starb, entdeckte Kreu- sa's schreckliches Vorhaben. Zur Steinigung verurtheilt, flicht sie zum Altäre, wo Z. im Begriffe ist, sie von demselben wcgzureißen, als eine Priesterin das Kästchen herbeibringt, in welchem Kreusa ihr neugeborenes Kind ausgesetzt hatte. Kreusa erkennt dasselbe und zu- gleich in I. ihren Sohn, dem sie Apollon als seinen Vater nennt. Die Priesterin bekräftigt diese Aussage und beredet beide, Luthus in dem Glauben zu lassen, daß I. sein wahrer Sohn sei. Auf diese Sage gründet sich Euripides' Trauerspiel „Jon". I. zeichnete sich sehr bald durch männliche Thaten aus und führte nach der Sage um 1406 v. Chr. eine Cvlonie nach dem Peloponnes. Hier erhielt er das Königreich Ägiale, dessen Beherrscher Selinus ihm seine Tochter zur Gemahlin gab und ihn selbst an Kindes Statt annahm. Seiner Gemahlin zu Ehren baute er die Stadt Helice, nach sich selbst nannte er das Land Zonien. Von den Athenern im Kriege gegen die Eleusinier zum Anführer gewählt, besiegte er die Thrazier, worauf die Athener ihn als König anerkannten und sich nun ebenfalls Ionier nannten. Er theilte Attika in vier Stämme (Phylä), die er entweder nach seinen Söhnen oder nach der Beschäftigung dieserStämme benannte. Mit den Ioniern siedelte er sich um 1050 v. Chr. an die Westküste von Asien über. Einer andern Sage zufolge kehrte er später nach Athen zurück und starb daselbst. Jemen war im Alterthume der blühendste Theil von Vorder- oder Kleinasien, und erhielt seinen Namen von denIoniern, einem der vier ältesten Hauptstämme Griechenlands, welche ihren Ursprung von Jon (s.d.) ableiteten und, nachdem sie vondenAchäern (s. d.) aus dem Peloponnes verdrängt worden waren, nach Attika sich flüchteten, von wo aus sie um 1050 v. Chr. großentheils an die Westküste von Asien sich übersiedelten und hier zugleich mit den früher und später dahin eingewanderten Ä o l e r n (s. d.) und D o r e r n (s. d.) einen dreifachen Staatenverein mit republikanischer Verfassung bildeten. Dieses schöne und fruchtbare Küstenland, das sich zwischen den Flüssen Hermos und Mäander, ^den In- sein Samos und Chios gegenüber, längs des Ägäischen Meeres erstreckte und an Karlen, Aolien und Lydien grenzte, gelangte sehr frühzeitig durch den Verkehr und die Nachbarschaft mit Fremden, durch Schiffahrt und Ackerbau zu einem hohen Grade von Wohlstand und Bildung, den eine große Anzahl herrlicher Städte bezeugte, unter denen Ephesus (s. d.), Smyrna (s. d.), Klazomenä (s. d.), Erythrä (s. d.), Kolophon (s. d.) und M i l e t (s. d.) die berühmtesten wurden. Diese freien Städte, welche den Kern des Ionischen Bundes ausmachten, wurden zuerst um 560 v. Chr. von den lydischen Köni- gen, und seit 548 v. Chr. von den Persern unterworfen. Nachdem durch die Empörung unter Aristagoras in Milet im J.-500 v. Chr. ihre Lage sich nur verschlimmert hatte, schlossen sie sich nach den Siegen der Griechen über die Perser seit 479 v. Chr. als Bundesgenossen Athen an. Nach dem Peloponnes. Kriege wurden sie von den Spartanern und seit dem Frieden des Antalkidas im I. 387 v. Chr. wieder von den Persern abhängig, bis Alexander der Große sie befreite. Später theilte I. das Schicksal der Nachbarländer, indem es nach dem dritten Kriege gegen Mithridates im I. 64 v. Chr. durch Pompejus den Großen zur röm. Provinz gemacht und endlich durch die Sarazenen so gänzlich verwüstet wurde, daß nur wenige Spuren der alten Herrlichkeit noch übrig sind. Die Ionier selbst Aalten in Folge des mildern Klimas und üppigen asiat. Lebens,, da- auch bei ihnen nicht ohne allen Einfluß blieb, für weichlich, daher auch der ionische Dialekt durch besondere -weiche und Sanftheit sich auszeichnet, die zum Theil durch die Häufung der Vocale be- wirkt wird. Sinn für Kunst und Wissenschaft aber wurde bei ihnen früher geweckt und ge- wahrt als bei den stammverwandten Griechen im Mutkerlande, und namentlich wurde hier 476 Jonikus Ionische Inseln die Dichtkunst zunächst durch Homer gleich der Philosophie, welche eine eigene, die sogenannte Ionische Schule (s. d.) umfaßte, die Malerkunst durch Apelles undParrhasios, die Geschichtschreibung durch Herodot begonnen und ausgebildct, sowie in der Baukunst die ionische Säuless. Sänlenordnung) durch Schlankheit und schöne Verzierung beliebt war. Vgl. nächst Nich. Chandler's „äonian antiguities" (2 Bde-, Lond. 1769—97, Fol.), besonders Leake, „Daur in ^«i-c »,,«<»-" (Lond. 1824); „Alterthümer von Zonien", herausgegeben von der Gesellschaft der Dilettanti zu London, nebst erläuterndem Texte von Wagner (19 Hefte, Lpz. und Darmst. 1826 fg., Fol.); Prokesch von Osten „Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient" (3 Bde., Stuttg. 1836) und Hamilton, „kesearcdss in ^sia minor" (2 Bde., Lond. 1842). Iomkus, s. Rhythmus. Ionische Inseln nennt man die im Ionischen Meere an der Westküste von Alba j nien und dem Königreich Griechenland gelegenen Inseln Korfu (s. d.), Paxo mit 52»ü E. auf l'/4 QM., SantaMaura (s. Leukadia), Kephalonia (s. d.), Zantess.d.), Theaki (s. Jthaka), sowie die Insel Cerigo (s. d.) an der Südspitze des Peloponnes - am Anfänge des Agäischen Meeres, sammt den zu diesen Inseln gehörigen vielen Neben- inselchen. Schon in der Herocnzeit des griech. Alterthums finden wir diese Inseln von Griechen unter eigenen Stammesfürsten bewohnt, die später republikanischen Verfassungen Platz machten. Nach der Blütezeit Griechenlands geriethen sie unter macedon., und aus dieser unter röm. Herrschaft. Bei der Thcilung des röm. Reichs sielen sie dem byzant. Kaiserthum zu. In den Kriegen der neapolitan. Normannen und der Vene- , tianer mit diesem Reich wurden sie bald von jenen erobert, bald von diesen wiedergenommen, bis sie im 15. Jahrh. völlig in die Gewalt der Venetianer kamen, welche sie, mit Belastung ihrer weltlichen und geistlichen Verfassung, durch Proveditoren regieren ließen und sie gegen alle Angriffe der Türken siegreich behaupteten. Nach dem Untergang der Republik Venedig im I. 1797 kamen sie an Frankreich, wurden aber schon 1799 von den Russen > und Türken erobert, worauf sie der russ. Kaiser Paul, durch den Vertrag mit der Pforte f vom 21. Mär; 1899, in eine Republik der Sieben vereinigten Inseln ver- , wandelte, die unter der Hoheit der Pforte stehen sollte, aber unterheftigen inner» Parteiungen und blos von einer russ. Besatzung im Zaume gehalten, nur bis >897 bestand, wo sich die Franzosen ihrer bemächtigten. Auch diese vermochten sich nicht im Besitze derselben zu behaupten; >811 wurden die Inseln von den Engländern beseht, mit Ausnahme von Korfu, das erst durch den pariser Frieden von 1814 England zufiel. Durch den in Paris am 5. Nov. 1815 zwischen England, Ostreich, Preußen und Rußland abgeschlossenen Vertrag wurde sie endlich unter dem Titel Vereinigter Staat der ionischen Inseln zu einem freien, besonder« Staat unter dem unmittelbaren und ausschließenden Schutz der brit- Krone constituirt. Nach diesem Vertrag hat letztere das Besatzungsrecht sammt dem Oberbefehl über die Truppen des Staats und übt ihre Schutzrechte durch einen Lordobcr- commissar aus, welcher die innere Verwaltung, sowie die gegenseitigen Verhältnisse zwischen dem Staat und derSchutzmacht durch eine von einer Nationalversammlungberathene Versammlung reguliren sollte. Diese Verfassung kam, lediglich unter Mitwirkung von elf vornehmen Eingeborenen, am 26.Aug. 1817 wirklich zu Stande, verlieh jedoch der.Schutz- macht eine so große Gewalt, daß diese fast zur unbeschränkten Herrschaft wurde. Immer- ' währender Groll gegen dieselbe war die Folge davon, der, noch vermehrt durch das schroffe, schonungslose Benehmen der meisten der Lordobercommissare und übrigen engl- Beamten, sich bald in passivem Widerstand und geheimen Umtrieben, bald in offener Opposition oder gar in Aufruhr kundgab, zur Zeit des griech. Befreiungskriegs in Flammen aufschlug und selbst jetzt noch unter der Asche glimmt, obschon die engl. Regierung für die materielle Wohlfahrt der Inseln durch Anlegung von Landstraßen, Schulen u. s. w. viel gethan hat. Sämmtliche Inseln, wichtig durch ihre Lage für die Beherrschung der Levantischen Meere, haben einen Flächenraum von fast 52 QM. und sind sämmtlich sehr gebirgig, den Thälern und an denKüsten fruchtbar, aufden kahlen und dürren Bergen, die sssifKephü' lonia bis zu 5399 F. ansteigen, jedoch höchst steril. Sie erfreuen sich eines köstlichen, wenn auch im Sommer sehr heißen Klimas, leiden aber durch häufige Orkane und Erdbeben, 477 Ionisches Meer und in manchen Gegenden an Wassermangel. In naturhistorischer Beziehung kommen sie ganz mit dem übrigen Griechenland, besonders dem insularen, überein. Sie haben keine Waldungen, erzeugen kaum das Drittel ihres Getreidebedarfs, dafür aber desto mehr Wein, Obst, Rosinen, Korinthen, Südfrüchte, Öl, welches nebst dem Salz die Hauptstapelartikel des Ausfuhrhandels der Inseln bilden, sowie auch Baumwolle und Flachs. Die Viehzucht ist unzureichend, am bedeutendsten noch in Schafen und Ziegen; dagegen die Tauben-, Bienen - und Seidenwürmerzucht, der Wachtel - und Fischfang sehr ansehnlich; im Mineralreich liefern die Inseln Salz, Steinkohlen, Schwefel, Marmor und Erdpech. Die Zahl der Einwohner, die eine Zeit lang in Folge der Auswanderungen nach Griechenland und der Abnahme des Handels sehr gesunken war, wird gegenwärtig wieder auf 228000 angegeben. Mit Ausnahme von etwa l OOO Engländern (die Garnisonen nicht gerechnet), 5500 l Juden und 8000 Italienern, sind sie sämmtlich griech. oder albanesischen Stammes. Au- , ßer den Juden und protestantischen Engländern bekennen sich ein Sechstheil zur röm.-ka- tholischen, fünf Sechstheilc zur griech. Kirche. Die Geistlichkeit darf mit ausländischen ^ geistlichen oder weltlichen Behörden nur mittels des Senats correspondiren. Für den Unterricht ist durch viele Particular- und Centralschulen, durch zwei Gymnasien und eine Universität in Korfu (s. d.) gut gesorgt, weshalb auch die ionischen Griechen die übrigen an wissenschaftlicher Bildung übertreffen. Das Volk zerfällt in Adel (mit ital. Titeln), welcher fast alleiniger Grundbesitzer ist, in Bürger und in Bauern, welche nur Pächter und Meier sind. Die Hauptbeschäftigungen der Einwohner, welche der Übervölkerung wegen häufig im Auslande ihren Ünterhalt suchen müssen, sind Landbau und die damit verbundenen Gewerbe, Fischerei, Seefahrt und Handel. Letzterer, der jetzt wieder, söhne überhaupt der Wohlstand des Staats im Steigen ist, beliefsich in den letzten Jahren auf 4,300000 Thlr. an Einfuhren und auf 4 Mill. Thlr. an Ausfuhren. Nach der Verfassung ist die griech. Kirche die herrschende und die griech. Sprache die gesetzliche. Die Gesetzgebende Ver- > sammlung, welche auch die ordentlichen Staatsausgaben zu regeln hat, besteht aus elf stän- s digen und aus 20 aus dem grundbesihenden Adel gewählten Mitgliedern; der aus sechs Personen bestehende Senat, welcher die ausführende Gewalt und die legislatorische Initiative besitzt, auch die meisten Gerichtsbehörden und die Eparchen der einzelnen Inseln ernennt, wird aus der Mitte der Gesetzgebenden Versammlung gewählt. Der Lordobercom- miffar entwirft die Wahllisten und kann die Gesetzgebende Versammlung außerordentlich zusammcnberufen und auflösen; er bestätigt oder verwirft die Senatorenwahlen und alle von der Gesetzgebenden Versammlung und dem Senat beschlossenen Gesetze, Einrichtungen, Verordnungen, sowie alle vom Senat ausgegangenen Ernennungen und sonstigen Handlungen; er ernennt die meisten Regierungs-, Finanz- und theilweise such die höchsten Ge- richtsbeamtcn, kann jeden Beamten von seiner Stelle entlassen und hat die ganze Finanz-, Policei- und Sanitätsverwaltung in seinen Händen. Preßfreiheit besteht nicht; die Presse steht vielmehr unter der unmittelbaren Leitung des Senats und des Lordobercommissars, ohne dessen Erlaubniß keine neue Druckerei angelegt werden darf. Die Staatseinkünfte, meist aus indirekten Steuern herkommend, belaufen sich auf 1,400000 Thlr., die Ausgaben auf ungefähr 700000 Thlr. Die engl. Besatzung besteht aus 3000 M., wozu noch vier aus Eingeborenen bestehende und von dem Lordobercommiffar organisirte Milizregi- ' menter, jedes von 800 M. kommen. Vgl. Kendrick, ,,1'üe iomem islsncis" (Lond. 1 822); „Histoirc et clescription eles lies ioniennes stc." (Par. 1823); Vaudoncourt, „5le- moirs VN tlie ionian isisucis" (Lond. 1810); Goodisson, kiotoricsl etc. esss)? IIPNN tiie Island ok 6orf» etc." (Lond. 1822); Neigebaur, „Die Verfassung der ionischen Inseln u. s. w." (Lpz. I 830), und W. Mure, „äournsi of a tour in 6reece »nck tüe ionisn islanch" (2 Bde-, Lond. 1 842). Ionisches Meer heißt das Mittelländische Meer zwischen der Westküste von Albanien und dem Königreiche Griechenland und der Ostküste von Calabrien, unstreitig nach . den Ioniern auf der Westküste des Peloponnes. Dasselbe bildet den Meerbusen von Tarent zwischen Calabrien, Basilicata und Terra d'Otranto; ferner den Golf von Patras und jcnjeit der Meerenge von Lepanto den von Korinth oder von Lepanto, beide zwischen dem Peloponnes und dem griech. Festlande; sodann den von Arkadien (den Cyparissischen Bu 478 Jonische Schule Jphikrates sen der Alten) im Westen des Peloponneses und endlich den von Arta (den Ambracische» Busen der Alten) an der Küste von Epirus, zwischen Griechenland und Albanien. Ionische Schule nennt man die ältesten griech. Philosophen, Thales (s.d.), ' Anaximander (s. d.), Anaximenes (s.d.), Heraklit(s.d.) und Anaxagoras (s. d.), die in der Erklärung der Natur eine gemeinsame Richtung verfolgten, weil sie groß- ; tentheils aus Jonien stammten. (S. Griechische Philosophie.) Jöta ist der griech. Name des Buchstabens I, welcher bei den Griechen, wie auch bei den Römern in der frühesten Zeit, nie als Consonant bettachtet wurde, sondern stets Do- cal geblieben ist. Die Einfachheit dieses Buchstabens, der im Griechischen unter einigen Bocalen nur durch ein Häkchen in gewissen Fällen angedeutet wird, das man dann int- »ubscnptum, d. i. das untergeschriebene Iota, nennt, veranlage die sprüchwörtliche Redensart: „Es fehlt auch kein Jota", d. h. durchaus nichts. ! Jpecacuanha, Brech Wurzel oder Ruhrwurz«!, eins der gebräuchlichsten und ausgezeichnetsten Arzneimittel, ist die Wurzel der Oepkaelis lpecaoiank» in Brasilien. Dieselbe wirkt besonders auf die Nervengeflechte des Unterleibs und äußert sich hier in kleinern Gaben krampfstillend, in größern brechenerregend. Sie wird gewöhnlich in Form des Pulvers oder der Infusion gegeben. Vortrefflich ist Dower's Mischung der Jpecacuanha mit Opium, die als?»I vis ipecacuai-bse compositus oder kulvisllo wer! allgemein bekannt ist. Jphigenia, die Tochter des Agamemnon (s.d.) und der Klytämncstra, nach einer andern Sage eine uneheliche Tochter des Theseus und der Helena, aber von Klytämnestre an Kindesstatt angenommen, sollte, auf des Sehers KalchaS Rath, der Diana geopfert werden, um die Göttin zu versöhnen, die, erzürnt gegen Agamemnon wegen der von ihm auf der Jagd erlegten, ihr geweihten Hirschkuh, durch Windstille die zur Eroberung Trojas ! bestimmte griech. Flotte an dem Auslaufen aus dem Hafen von Aulis zurückhielt. Uii- ^ ter dem Vorwände, daß sie mit Achilles vermählt werden solle, wurde sie von ihrer Mutter herbeigeholt rmd zum Altäre geführt. Doch in dem Augenblicke, wo der Opferpriester ihr . den Todesstoß versetzte, war sie verschwunden und statt ihrer lag eine schöne Hirschkuh da, i deren Blut über den Altar strömte; denn Diana hatte sich ihrer erbarmt und sie in einer Wolke nach Tauris entführt, wo sie die Gerettete zu ihrer Priesterin machte. Der grausamen Sitte des Landes gemäß hatte sie hier jeden anlandenden Griechen der Göttin zum Opfer zu bringen. Als nun J.'S Bruder, Orestes (s. d.), in Verzweiflung über den begangenen Müttermord herumirrend, hier anlangte, um, nach dem Ausspruche des Orakels, der Diana Bildsäule zu rauben, und ebenfalls der Göttin geopfert werden sollte, erkannte im Tempel die Schwester den Bruder, der diese nebst der Bildsäule der Diana entführte und glücklich in die attische Landgemeinde Brauron bei Marathon brachte, wo I. als Priesterin starb und als Tochter des Theseus in die heroische Genealogie des Landes eingetragen wurde. Nach Pausanias soll man ihr Grabmal zu Mcgara gezeigt haben. Nach Andern ist sie gar nicht gestorben, sondern von der Diana zur Hekate (s.d.) gemacht worden; nach noch anderer Sage wurde sie von der Diana mit Unsterblichkeit und ewiger Zugend begabt und unter dem Namen Oreilochia die Gemahlin des Achilles auf der Insel Leuke. Übrigens behaupten mehre Völker, den Cultus der taurischen Diana durch die I. erhalten zu haben. Die Sage von der I. in Tauris und ihrem von dort nach Griechenland gebrach- . ten CultuS ist nachhomerischcn Ursprungs. ' Jphlkles, der Sohn des Amphitryon und der Alkmene, der Halbbruder des Hercules, den er auf mehren Zügen begleitete, der Gemahl der Automedusa und Vater des Zo- laus (s. d.), starb nach Pausanias nach dem Kampfe gegen die Molioniden, nach Apollo- vor bei dem Zuge des Hercules gegen Hippokoon.— Jphikles oder Jphiklos, ein Argonaut, der Sohn des PhilakoS, von der Diomcde oder Astyoche der Vater des Podar- kes und ProtesilauS, war ein ausgezeichneter Wettläufer und berühmt durch seine schönen Rinderheerden, die er dem Weissager Melampus schenkte, als dieser ihm miltheilte, wie er seine in der Jugend verlorene Mannbarkeit wiedergewinnen könne. JphikräteS, einer der vorzüglichsten athen. Feldherren, zeichnete sich zuerst in dem böotischen oder korinthischen Kriege von 3S5—387 v. Chr. und dann im theban. von 3 - —362 rheils durch persönliche Tapferkeit, theilS durch Herstellung einerttefflichen Manns- Jphimedea Iran 479 jucht in seinem Heere und durch Einführung einer neuen Bewaffnung und Taktik aus. Seine großen Feldherrntalentc entwickelte er namentlich bei dem Siege, den er bei Korinth gegen die Spartaver erfocht, und in dem Kampfe der Spartaner gegen Theben, in welchen, er die erobernden Schritte des Epaminondas (s.d.) hemmte und die Hauptstadt Spart« vom Untergänge rettete. Im I. 37-1 v. Chr. wurde er von dem Perserkönige Artaxerxes, als dieser den Empörer Nektanabis in Ägypten bekriegen wollte, über das zahlreiche griech. Söldnerheer gesetzt, verließ aber, da er sich von dem eifersüchtigen Satrapen Pharnabazus in seinen Unternehmungen behindert sah, das Heer heimlich und kehrte nach Athen zurück, um den damals von den Spartanern bedrängten Korcyräern zu Hülfe zu eilen. Als Mensch wußte sich I. durch Treue und Biederkeit die Liebe und Hochachtung seiner Mitbürger bis in seine sväkesten Lebenstage zu erhalten; nur einmal wurde er im Bundesgenoffenkriege zugleich mit Timotheus (s. d.) in Anklagestand versetzt, vomGerichte jedoch völlig freigesprochen. Außerdem zeugt von seinem edeln Charakter der wahrhaft väterliche Schutz, den er nach dem Tode des Macedoniers Amyntas, des Großvaters Älexander des Großen, der Eury- dice, der Gattin des Erster,,, nebst ihren Kindern angedcihen ließ. Sein Leben ist von Cornelius Nepos in einen, kurzen Abrisse, ausführlich in neuester Zeit von Nehdanh in „Vitso Ixincrstis, Oliskrise, '1'imotkei" (Berl. 18-15) beschrieben worden. Jphimedka, die Tochter des Triops, Gemahlin des Alceus, und von Poseidon Mutter des Olos und Ephialtes, wurde nebst ihrer Tochter von thrazischen Seeräubern entführt, aber von ihren Söhnen wieder befreit. Ihr Grab zu Anthedon erwähnt PausaniaS. Zpsära oder Psara, eine kleine felsige Insel im Ägeischen Meere, westlich nicht weit von Saki oder Chios gelegen, und zum türk. Sandschak Saki gehörig, zählte vor dem griech. Befreiungskriege mehr als 20000 durch Handel und Schiffahrt wohlhabende Bewohner und bildete während desselben nebst Hydra die griech. Hauptseemacht, wurde aber ungeachtet ihres tapfer,, Widerstands am 3. Juli >824 von den Türken erobert, gräßlich verwüstet und entvölkert. Die gleichnamige Hauptstadt hat jetzt ungefähr 500 E., die sich durch Fischfang nähren, auch auf Seeräuberei ausgehen. Jpsus oder HipsuS, eine Stadt in der kleinasiat. Landschaft Eroßphrygien, ist historisch merkwürdig durch die Schlacht im J. 30l v. Chr., in der AntigonuS (s. d.) von Se- leukus Nikator gänzlich geschlagen und mit dem Leben zugleich seines Reichs verlustig wurde. Irak Adschöini, die größte Provinz Persiens, mit mehr als 4400 OM. und ungefähr 2/2 Mill. Menschen, zwischen Aserbeidschan, Ghilan und Masanderan im Norden, Kurdistan im Westen, Luristan und Farsistan im Süden und der großen Salzwüste im Osten, entspricht dem alten Medien (s. d.) und ist zum Theil gebirgig, aber größtentheils fruchtbar und zum Theil ziemlick gut bewässert und angebaut, gegen früher jedoch außerordentlich in Betreff ihrer Volksmenge wie ihres Wohlstands und ihrer Bebauung gesunken. Eine Menge Städte und Dörfer liegt ganz oder zum Theil in Trümmern, alle übrigen sind im Verfall. Die bedeutendsten Städte sind ISpahan (s. d.) und Teheran (s.d.). Irak Aräbi, das alte Babylonien (s. d.)^ die südöstlichste Provinz des türk. Reichs, zwischen Persien, Mesopotamien, der syr. Wüste, Arabien und dem Pers. Meerbusen, bildet eine weite Ebene am untern Euvhrat und Tigris, welche sich hier vereinigen und unter dem Namen Schat-el-Arab in den Pers. Meerbusen münden. Das Land ist westlich dom Euphrat Sandwüste, sonst aber, und besonders an den Flußufern, fruchtbar, doch nur wenig angebaut und deshalb ungesund; anders war es im Alterthume und selbst noch zum Theil im Mittelalter, wo es zu den Wohlbebautesten Ländern gehörte. Bergöl, Datteln, Kameele, Büffel und Schafe sind die Hauptproducte des Landes, dessen Einwohner, meist «ab. Stammes, theils in schlecht gebauten Dörfern, häufiger aber noch als Nomaden leben. Die wichtigsten Städte sind Bagdad (s. d.) und Bassora (s. d.). Iran heißt im Allgemeinen, im Gegensätze zu Turan (s.d.), dem türk. Niederlande, ^ große Tafelland Asiens, das sich in einer Mittlern Höhe von 3500—4000 F. von den Eebirgsketten des Hindukusch, des nördlichen Khorasan und des Elbrus bis an den Pers. Meerbusen und das Pers.-indische Meer im Süden erstreckt und im Osten aus Afghani- sian (s. d.) und Belud sch ist an (s. d.), im Westen aber aus dem eigentlichen Persien (s- d.) besteht. Im Osten ist der Abfall dieses Tafellandes gegen den JnduS sehr jäh, im 480 Jreland Ireton Westen aber, vom Pers. Meerbusen bis zum Plateau von Armenien, hat es eine Reihe von Gebirgsketten zur Grenze, welche die Alten im Allgemeinen Zagros nannten, und die jetzt das Gebirge von Kurdistan bilden. Die Mitte des Landes bildet eine große Salzwüste. Zröland (John), ein bekannter engl. Kunsthändler, war in Shropshire geboren Mid in seiner Jugend Uhrmacher. Sein später in London errichteter Kunsthandel brachte ihn mit den berühmten Malern Mortimer und Gainsborough in Verbindung und befreundete ihn mit dem gefeierten Schauspieler Henderson, dessen von ihm selbst beschriebenes Leben und Briefe er herausgab (Lond. l 7 86). Am bekanntesten wurde er durch seine Erklärung der Hogarth'schen Kupferstiche, „Hoxartii illustrutocl" (2 Bde., Lond. I79l—9:;), derer später einen Supplementband (Lond. l 7 98) hinzufügtc, welcherHogarth's Leben und Briefwechsel, eine Geschichte seiner politischen Streitigkeiten und seine „^»nlz-sis of benutz enthält. Er starb bei Birmingham im Febr. 1809; nach Chalmers aber im Nov. 1808. Irenaus, einer der berühmtesten christlichen Kirchenlehrer des 2. Jahrh., ein geborener Grieche, in Smyrna der Schüler des Polykarpus, wurde, von den niedern kirchlichen Stufen aufsteigend, >77 Bischof von Lyon, wo er 202 starb. Voll glühenden Eifers für das Christenthum schrieb er um > 76 n. Chr. eine Widerlegung der verschiedenen gnostischcn Parteien, die zwar nur in einer schlechten lat. Übersetzung unter dem Titel „clontra iisers- ticoo" erhalten, aber für die Dogmengeschichte von vieler Wichtigkeit ist. Die beste Ausgabe besorgte Pfaff (Haag l 715). Vgl. Duncker, „Des heil. I. Christologie" (Gott. 1844). Irene oder Eir-en e, die Friedensgöttin, eine Tochter des Zeus und der Themis, die jüngste der Horen (s. d.), kommt in der altern Mythologie nicht vor. Pausanirs erwähnt zwei Bilder von ihr im Prytaneum in Athen. In Rom errichtete ihr Vespasian einen prächtigen Tempel. Irene, griech. Kaiserin, gleich berühmt durch Geist und Schönheit wie berüchtigt durch Lasterthaten, geb. in Athen, wurde 769 mit dem nachherigen Kaiser Leo IV. vermählt. Nachdem sie ihren Gemahl im Z. 780 durch Gift getödtet, setzte sie, unterstützt von der Partei der Vornehmen, sich und ihren Sohn Konstantin Vl., der erst neun Jahre alt war, auf den kaiserlichen Thron, in dessen Besitz sie sich durch die Hinrichtung der beiden Brüder ihres gemordeten Gemahls, welche eine Verschwörung gegen sie angestiftet hatten, befestigte. Karl den Großen, der damals das morgenländ. Kaiserthum bedrohte, wußte sie anfangs durch Versprechungen hinzuhalten; als es aber zum Kampfe kam, wurde ihr Heer von ihm im I. 788 in Calabrien geschlagen. Das Jahr vorher, 787, hatte sie zu Maa eine Kirchenversammlung, die siebente ökumenische, veranstaltet, durch welche der Bilderdien st (s. d.) wiedereingeführt wurde. Im I. 7 90 gelang es Konstantin, sie von der Regierung zu verdrängen und von ihrem verderblichen Einflüsse sich zu befreien. Doch sieben Jahre darauf bemächtigte sie sich von neuem des Throns, indem sie ihren Sohn verhaften und blenden ließ, der bald nachher starb. I. war die erste Frau, die das morgenländ. Kaiserthum beherrschte. Ihr Einzug in Konstantinopel aus einem von Gold und Edelsteinen glänzenden Triumphwagen, ihre Freigebigkeit gegen das Volk, die Freiheit, welche sie allen Gefangenen ertheilen ließ, und andere von ihr gebrauchte Kunstgriffe waren jedoch nicht im Stande, sie vor den Folgen ihrer Frevel zu sichern. Sie hatte mehre Große verweise» lassen und, um sich noch sicherer auf dem Throne zu befestigen, den Entschluß gefaßt, Karl den Großen zu heirathen, als im I. 802 Nicephorus zum Kaiser ausgerufen wurde, der sie auf die Insel LesboS verwies, wo sie in einem Kloster in I. 803 starb. Jrkton (Henry), General und einflußreicher Staatsmann während der engl. Staatsumwälzung unter KarlI. (s. d.), stammte aus guter Familie und widmete sich anfangs dem Rechtssache. Beim Ausbruche des Bürgerkriegs bot er seine Dienste der Parlamentspartei an und schwang sich durch Cromwell's Unterstützung, dessen Tochter Brigitte er h«- rathete, bald zum Generalcommissar empor. In der Schlacht von Naseby im I. >64) befehligte er den linken Flügel des Parlamentsheers gegen den Prinzen Ruprecht von der Pfalz, wobei er geschlagen und gefangen, von Cromwell aber alsbald wieder befreit wurde. (S. Großbr i tan n ie n.) Ebenso charakterstark und klug als fanatisch, gewann er nächst Cromwell (s. d.) den mächtigsten Einfluß auf den Gang der Revolution. Beide suchten planmäßig das Parlament dem Heere zu unterwerfen und den König, nach dessen Ausm- > ! d II k II g r Jriarte (Juan de) Jriarte (Tomas de) 481 ferung durch die Schotten, vollends zu verderben. Die Verleitung des Königs zur Flucht von Hamptoncourt auf die Insel Wight, die Aufreizung und Fanatisirung der Truppen, die Mishandlungen des ParlameMs waren ebenso sehr ein Werk J.'s wie seines Schwiegervaters. Einer der glühendsten Independenten, wurde I. Mitglied des außerordentlichen Gerichtshofs, der über Karl I. das Todesurtheil aussprach, und als Cromwell mit der Vollziehung des Urtheils zögerte, drängte Z. denselben zu diesem letzten Schritte. Jm Aug. IK19 begleitete er seinen Schwiegervater zur Unterwerfung Irlands (s. d.). Beide ließen das Blut in Strömen fließen und hatten es auf gänzliche Ausrottung der Katholiken abgesehen. Als Cromwell im folgenden Jahre die Insel verließ, um Schottland zu züchtigen, übernahm I. den Oberbefehl und führte denselben in gleich blutiger Weise. Alle Gefangene, die am Blutbade im I. 1611 irgendwie Theil genommen, wurden ohne Schonung am Leben gestraft. Endlich im Herbst 1651, nachdem die Irländer fast gänzlich besiegt waren, unternahm er die Belagerung ihres letzten Platzes, Limerick, den er auch nach großen Anstrengungen eroberte. Einige Tage daraus, am 26. Nov. >651, wurde I. durch ein Fieber hingerafft, nachdem er noch zuvor den größten Theil der Besatzung hatte mederhauen lassen. Cromwell sah sich durch dessen Tod von einem Genossen befreit, dessen Unbeugsamkeit und fanatischen Republikanismus er fürchtete. J.'s Witwe vermählte sich mildem General Fleetwood (s.d.), der nach Cromwell's Tode eine wichtige Nolle spielte. Jriarte (Juan de), ein ausgezeichneter Philolog, wurde am 15. Dec. 15 62 zu Orotava auf Teneriffa geboren. Nachdem er in Paris und Rouen die alten Sprachen stu- dirthatte, führte ihn 1724 das Studium der Rechtswissenschaft nach Madrid. Hier erwarb er sich durch sein öfteres Besuchen der königlichen Bibliothek die Freundschaft des ersten Bibliothekars, Juan Ferreras, durch dessen Verwendung er eine Anstellung bei dieser Bibliothek erhielt, worauf er 1732 Bibliothekar, 1712 Interpret im Ministerium des Auswärtigen und 1713 Mitglied der königlichen Akademie wurde. Er starb am 23.Aug. >771. Seine vorzüglichsten Werke find der Katalog der griech. Handschriften der königst- chen Bibliothek, wovon aber nur der erste Band (Madr. 1769) erschien; eine lat. Grammatik, an der er sein ganzes Leben gearbeitet hatte, die aber erst nach seinem Tode von seinem Neffen Tomäs de Jriarte herausgegeben wurde (Madr. >771), und endlich seine lat. und span. Epigramme und Sprüchwörter (retranes), die nebst einigen lat. epischen Gedichten ebenfalls von seinem Neffen Tomäs und Domingo unter dem Titel „Odra, suol- ts>" (2 Bde., Madr. 1771,1.) bekannt gemacht wurden. Jriarte (Tomäs de), einer der bekanntesten span. Dichter, der Neffe des Vorigen, geb.am I8.Sept. 1756 zu Orotava aufTeneriffa, machte seine ersten Studien in seiner Vaterstadt unter der Leitung seines Bruders, des Predigermönchs Juan Tomäs deJ. Später ließ ihn sein Oheim Juan nach Madrid kommen, unter dessen Führung er sich in den Humanitätswissenschaften, den modernen Sprachen, der Poesie und Musik vervollkomm- uete. Seiner unter dem Anagramm Tirso Jmareta herausgegcbenen Originalkomödie „Lscer giie Kacemos" (Madr. >770) folgten mehre im Aufträge der Theaterintendanz verfaßte Übersetzungen franz. Dramen und einige Originalstücke. Nach seines Oheims Tode wurde er dessen Nachfolger als Interpret im Ministerium des Auswärtigen. Im I. 1772 übertrug man ihm die Nedaction des „blercurio Kistorico ^ politico cle Aluiliid", die er aber wegen überhäufter Arbeiten im Ministerium nur elf Monate bekleiden konnte. Hierauf wurde er 17 7 6 Archivar des obersten Kriegsraths. Seinen Ruf verdankt er hauptsächlich dem didaktischen Gedichte „I-a muoiea" (1786) und den „IHuIas literarias" (1782), die beide sehr viele Auflagen erlebten und in die meisten europ. Sprachen überseht wurden. Besonders machte das letztere, das rein literarische Zustände und Charaktere -um Gegenstände hat, bei seinem Erscheinen durch die Repliken der Angegriffenen viel Aufsehen. Nachdem er darauf die ersten vier Gesänge der „Äneis" überseht, verfaßte er «n Aufträge des Grafen Florida-Blanca mehre Elementarbücher für Schulen und überall Campe's „Neuen Robinson". Auch veranstaltete er 1787 eine Sammlung seiner Werke in sechs Bänden, von der nach seinem Tode eine um zwei Bände vermehrte Ausgabe "schien (Madr. 1805), und ließ 1788 die Komödie „l-a seSonia mal criscka" erscheinen. 2»»». - Lex. Neunte Ausl. Vll. 31 482 Iridium Irland (Geogr. u. Statist.) In Andalusien, wohin er sich 1790 zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit begeben hatte, schrieb er den Monolog „6»rman «I bueno" und eine Satire auf den in den span. Schulen damals noch herrschenden schlechten lHeschmack in macaron «schein Latein. Er starb am 17. Sept. 1791. Z. leistete als Dichter, was man ohne poetisches Genie durch Fleiß und Gewandtheit in der Nachahmung leisten kann, d. h. er brachte es in der Klarheit, Correctheit und Eleganz der Verse zu einer großen Vollkommenheit. Eine Auswahl seiner Gedichte gibt Wolf's „bUoreuta cke rimas mociernns csstellnnas". Iridium, eins der vier Metalle, welche sich im Platinsande finden, und das sowol einen Bestandtheil der eigentlichen, hauptsächlich aus Platin bestehenden Platinkörner, als der darunter gemengten schweren Schuppen, welche eine Verbindung von Iridium mit Osmium sind, bildet, wurde, mit dem Osmium zugleich, im I. 1803 von Tennant entdeckt. Dargestellt wird es aus dem in Königswasser unauflöslichen Rückstände des Platin- I sandes, der ein Gemenge von Iridium mit Osmium, Titansäure und Chromeisen ist, und gewöhnlich erhält man es in Form eines nicht zusammenhängenden Pulvers. Sein spcci- ! sisches Gewicht ist 23,5. In unfern Öfen ist es unschmelzbar und in keiner Säure, selbst ^ Königswasser nicht ausgenommen, auflöslich. Eine wichtige technische Anwendung deffel- , ben lehrte der Bergrath Frick. Es liefert nämlich dasselbe so tief und rein schwarze, höchst > glänzende Porzellanfarben, daß jede der früher gebräuchlichen schwarzen Porzellanfarben bräunlich dagegen aussieht, sowie gtaue Porzellanfarben von höchstem Glanze, und diese Farben werden auS den früher ganz werthlosen Rückständen, die von der Zugutemachung des Platins in der Petersburger Münze zurückbleiben, in solcher Menge verfertigt, daß sie ^ jetzt bereits sehr allgemein in Anwendung sind. Iris, die Tochter des Thaumas und der Elektra, einer Tochter des Oceanus und der Tethys, die Schwester der Harpyien (s. d.), eine jungfräuliche Göttin, ist neben Hermes die windschnelle Botschafterin der Götter, namentlich des Zeus und der Here, der lehtern besonders bei den spätem griech. und noch mehr bei den röm. Dichtern, und begleitet die . weiblichen Seelen, wie Hermes die männlichen, in die Unterwelt. Schon bei Homer ist sie ^ ganz zur mythischen Person geworden und ihre Entstehung aus der Anschauung des Regenbogens ganz verwischt; denn daß die physische Erscheinung des Regenbogens der Mythe zum Grunde liege, ist wol nicht zu bezweifeln. Dem Grundbegriffe nach ist I- die den Frieden in der Natur herstellende Botin. Dargestellt wird sie als eine schöne, geflügelte Jungfrau mit einem Heroldsstab und ejner Blume. — Auch wird der breite, farbige Ring in dem Augapfel Iris genannt. — Iris st eine heißen gewisse Krystalle oder Quarze, welche die Farben des Regenbogens spielen. Irkutsk, die Hauptstadt in dem gleichnamigen Gouvernement (22300 lüM. mit 522500 E.) des russ. Generalgouvernements Ostsibirien, am Zusammenflüsse desZrkuk und der Angara, nicht weit vom Baikalsee, nach Tobolsk die wichtigste Stadt in ganz Sibirien und der Sitz eines Erzbischofs, hat 25000 E., darunter eine deutsche Gemeinde mit eigener Kirche, die beträchtlichen Handel, vorzüglich mit chines. Maaren, treiben, ein theologisches Seminar, ein Gymnasium, in welchem Chinesisch und Japanisch gelehrt wird, ein Seminar für junge Tungusen und Buräten, eine Schiffahrts- und Militairschule, mehre wissenschaftliche Sammlungen, ein Theater, eine große kaiserliche Tuchfabrik und . ansehnliche Branntweinbrennereien. Die warmen Bäder im bargusinischen Bezirk deS Gouvernements I., gegen Rheumatismus und Scorbut sehr heilsam, werden häufig besucht. Irland (lrelanck), bei den Iren Er in genannt, die zweite der beiden großen brit. ^ Inseln, ein mit Großbritannien vereinigtes Königreich, auf der Ostseite von dem Irischen Meere, auf den übrigen Seiten von dem Atlantischen Meere umflossen, von Großbritannien durch den St.-Georgskanal getrennt, hat einen Flächenraum von 1315 IHM- Die Küste senkt sich auf der Ostseite in sanfte Abhänge, während sie im Westen und Süden zerrissen und ausgezackt in Buchten und Vorgebirge ausläuft. Ein Theil der Nordküste ist > von hohen Basaltklippen umschlossen, die in dem Riesendamme und demVorgebirgePleas- . kin ihre mächtigen Säulen in das Meer ausstrecken. Die ganze Küste hat zahlreiche un bequeme Häfen, deren man in einem Umfange von 100 geographischen Meilen über zählt. Die Bodenflächc der Insel bildet eine schöne Abwechselung von Ebenen und Hügel dui ftl zusl hob nor Mi ein, ster ster Eri Co, Zu »de Uw «er! im tra, st-i we, (ds wa faß lich Fr, zeit Ja! Fr- dae tau bek ach sin! nch Zn sich zu nil! sin! Go den ben Au ren Th sch, un! bli, D sch U»! / >e!t i )en > UN. nie der us- vol ier, mit Ult- cci- s-l- , chsl . den iest ^ mg ' . der »es er» die ^ isie »e- der die lü- der mit kuk Limit reich ile, >nd , de§ iht. rit. je» m- v!e . er- j ist . »§- . >nd ' >ü- Zrland (Geogr. u. Statist.) 483 geln, die nur selten zu hohen Bergrücken ansteigcn. Die ausgedehnteste Ebene zieht sich durch die Mitte des Landes von einem Meere zum ander». Der gebirgigste Theil der Insel ist die westliche Hälfte, aber auch hier bilden die Berge mehr einzelne Gruppen als große zusammenhängende Ketten. Die bedeutendsten Gebirge, jedoch nicht viel über 3666 F. hoch, sind auf der westlichen Halbinsel Connaught der Nephrit und Croagh-Patrick, in dem nordwestlichen Theile der Insel die Longfieldberge und im südwestlichen der Mangerton, Mac-Gillicuddy und Sleevebogher. Der ansehnlichste Fluß ist der Shannon, überhaupt einer der bedeutendsten der brit. Inseln, der einen großen Theil Z.s von Norden nach Westen durchströmt. Von den übrigen Flüssen sind der Bandon, Lee, Blackwater, Sure, Liffy, Boyne und Bann zw erwähnen. Unter den zahlreichen Süßwasserseen sind die bedeutendsten der aus zwei verbundenen Wasserbecken bestehende, gegen fünf Meilen lange Lough- Erne in dem nordwestlichen Theile der Insel, der Lough-Neagh im Nordosten, der Lough- Corrib, die drei Killarneysecn mit reizenden Umgebungen und der Mucroßsee im Süden. Zu den größten Salzwasscrscen, die eigentlich Seearme sind, gehören der Lough-Conne oder die Strangfordbai im Osten, der Lough-Foyle und der Lough-Swilly im Norden. Unter den Kanälen ist derjenige der wichtigste, der die Stadt Dublin mit dem Shannon verbindet. Der Boden der Insel ist im Ganzen fruchtbar, besonders im Mittellande und im Süden. Eine Eigenthümlichkeit sind die ausgedehnten Moore (Kngz), welche die Ertragsfähigkeit desselben sehr vermindern. Sie sind nicht, wie in England, flach, sondern steigen zu Hügeln «n, und theile» sich in Grasmoore, die zum Theil im Sommer beweibet werden, in unzugängliche Sumpfmoore, in seichte, mit Schilf und Rohr bewachsene Seen (bsssoclcx bngs) und Torfmoore. Von den Wäldern, womit das Land vor Zeiten bedeckt war, sieht man nur noch Überreste, da sie seit der Eroberung der Insel durch die Engländer fast überall gelichtet oder verwüstet wurden. Das Klima ist bei den vorherrschenden westlichen und südwestlichen Winden gemäßigt und die Feuchtigkeit der Atmosphäre für die Fruchtbarkeit des Bodens günstig, der nur seicht auf felsigem Grunde liegt. Die Jahreszeiten sind unregelmäßiger als in England, aber die Temperatur milder und im ganzen Jahre im Durchschnitt höher. Der Regen ist besonders im Winter häufig; Schnee und Frost sind selten dauernd. Das Klima, die Gebirgsgegenden und die Moore begünstigen das Gedeihen mancher eigenthümlichen Pflanzen. Man findet in I. fast alle in Großbritannien lebenden Thiere; Frösche und Elstern waren bis zu Anfänge des 18. Jahrh. unbekannt, und noch gegenwärtig sind Maulwürfe, Kröten und alle Arten von Schlangen auf der Insel nicht heimisch. Das Rothwild wird immer seltener. Die Flüsse und Seen sind sehr fischreich, und die Bänke bei Carlingford liefern vorzügliche Austern. AußerGra- nü, der das Grundgebirge der Insel bildet, sind verschiedene Arten von Kalkstein häufigen vielen Gegenden wird Marmor gebrochen, der schönste bei Kilkenny. Der Basalt, der sich von der Mündung des Carrickfergus bis zum Lough-Foyle und in das Binnenland bis zu den Ufern des Lough-Neagh erstreckt, gehört hinsichtlich der Regelmäßigkeit und Man- uichfaltigkeit der Säulenbildung zu den interessantesten geologischen Erscheinungen. Auch sinket man in mehren Gegenden Amethyst, Jaspis und andere edle Steine. Gediegenes Gold führt ein Bergstrom in der Grafschaft Wicklow. Silber fand man früher häufig in dm Bleimincn im nördlichen, westlichen und südlichen I., doch wurden diese reichen Gruben im >7. Jahrh. zerstört. Gegenwärtig wird nur in zwei Gruben auf Blei gebaut. Kupfer ist nicht selten; Eisen häufig; jedoch sind von den im 16. und l7. Jahrh. gangba- «n Eisenwerken nur noch wenige übrig. Steinkohlengruben findet man in verschiedenen Theilen des Landes, die ergiebigste und vorzüglichste zu Castle-Coomer in Leinster. I. wird in vier Provinzen eingetheilt: i) Ulster, die nördlichste, mit den neun Grafschaften Armagh, Down, Anlrim, Londonderry, Donegal, Tyrone, Fermanagh, Cavan und Monaghan; 2) Leinster, die östlichste, mit den zwölfGrafschaften Louth, Meath, Dublin, Kildare, Wicklow, Wecford, Kilkenny, Carlow, Queen's county, King's county, Westmeath und Longford; 3) Connaught, die westlichste und kleinste, mit den fünf Grafschaften Gälway, Mayo, Sligo, Leitrim und Roscommon; und -1) Munster, die südlichste größte, mit den sechs Grafschaften Cork, Kerry, Cläre, Limerick, Tipperary und Wa> ZI* i Irland (Geogr. u. Statist.) tcrford. Die bedeutendsten Städte, außer der Hauptstadt Dublin (s. d.), sind Cork, N> mcrick, Belfast, Sligo, Galway, Waterford und Kilkenny. Fast alle ansehnlichen Stadt! haben eine Verbindung mit dem Meere. Die Provinz Leinster hat im Verhältnisse;» ihrem Flächenraume die meisten Kirchspiele, weil sie zuerst von den Engländern angebain wurde und daher die bedeutendste Zunahme der Bevölkerung erfuhr. Das Besitzrecht faß alles LandeigenthumS in I. beruht auf Schenkungen, meist arischer Regierungszeit Hein- rich's VIII., der Königin Elisabeth, Cromwell's und Wilhelm's Ill-z nur in Eonnaught gibt es noch einige Familien, die ihren Besitz auf altes Erbrecht gründen. Die Besitzest des LandeigenthumS ist verschieden von der in England üblichen. Gutsherrliche-Rechte, die zum Theil noch in England bestehen, gibt es in I. nicht. Die Grundherren bezieh!» häufig nur geringen Zins, weil in früher« Zeiten sehr lange Pachtungen, auf ewige Zeit!» oder 999 Jahre, üblich waren. Es gibt wenig kleine Grundeigenthümer, und die Zahl der Freisassen (sreekvlckers) beträgt nicht viel über 59099, worunter 2990V mit einem jährlichen Bodenertrag von 19 Pf. St., I V99V mit doppelt so vielen Einkünften und etira 29999 mit 59 Pf. St. sich befinden. Sie haben zusammen höchstens IV- Mill. Morgen. Der übrige Theil des auf beinahe 20 Mill. Morgen geschätzten Bodens des ganzen Landes ist in den Händen der Geistlichkeit und großer Gutsherren, deren mehre gegen 5NM> Morgen besitzen. Einen nachtheiligen Einstuß auf den Culturzustand hat das dem Land! cigenthümliche Vcrhältniß der sogenannten Mittelleute (mickcllemen), die von dem Eigen- thümer Land pachten und es wieder an den anbauenden Inhaber verpachten, sodaß zuwei- len mehre Pachter und Asterpachter zwischen dem Grundherrn und dem Anbauer stehe». Der Inhaber hes Landes ist verantwortlich nicht blos für den Zins, den er seinem unmittelbaren Verpachter zu bezahlen hat, sondern hat auch die Verbindlichkeiten zu vertreten, die jeder Pachter gegen seinen Verpachter und der ursprüngliche Pachter gegen denGrund- cigenthümer hat. Die Afterpachter haben jedoch gar keine Sicherheit gegen den Erund- rigenthümer, und wenn mit dem Hauptpachter eine Veränderung stattfindet, werden sie sogleich weggetrieben. Dieses System ging aus der Armuth der irischen Pachter hervor und muß nothwendig dazu beitragen, die Armuth zu vermehren. Die landwirthschafilich! Betriebsamkeit, die in drei Elasten, Ackerbau, Milchwirthschaft und Viehzucht zerfällt, steht nicht so hoch als in England und Schottland; doch hat sich der Ackerbau in der neuesten Zeit etwas gehoben, und es wird jetzt mehr Getreide als früher ausgeführt. Das Aufkommen des Ackerbaus hindern, außer den kleinen Unterabthcilungcn des Eigenthums, das in den Dorfschaften des westlichen J.s übliche System gemeinschaftlicher Bearbeitung des Bodens, die vielen kleinen Pachter in Ulster, die zugleich dem Manufatturbetritbr sich widmen, und die bedeutenden, zu Weideland und Milchwirthschaft bestimmten Theile des Landeigenthums in andern Gegenden des Landes. In den Grafschaften TiV- pcrary, King's und Queen's county, Wexford, Wicklow, Kilkenny, Kildare, Meakh und Louth ist der Ackerbau an Mannichfaltigkeit der Gegenstände der Cultur und durch Einführung des Fruchtwechsels am meisten vorgeschritten. Unter den Getreidearten wird am meisten Hafer, Weizen aber noch wenig gebaut, auch ist er nicht so fein als der englische. Die reichlich angebaute, überall fortkommende Kartoffel ist von vorzüglicher Güte und neben Hafer die Hauptnahrung des Volks. Flachs wird fast überall gebaut, Hanf wenig- Der Wiesenbau ist noch vernachlässigt. Die Milchwirthschaft wird in mehren Gegenden der Provinzen Leinster, Eonnaught und Munster betrieben, im südlichen I. nach dem engl. System der Milchpachtungen gegen einen bestimmten Zins für jede Kuh und das für jede bestimmte Land. Es wird nur Butter gewonnen, wovon die beste nach England geht. Du Viehzucht ist nicht mit dem Ackerbau verbunden, wie in England; auch gibt es nicht, wu im schot. Hochlande, große dazu bestimmte Bezirke. Vieh zur Mast wird besonders in einigen Theilen von Leinster und Munster gezogen. Der ursprüngliche irische Rindviehstamw ist fast ausgestorben, und der jetzt einheimische aus England eingeführt. Die Schafzucht treibt man besonders in einigen Theilen von Eonnaught und Munster. Das einheimische Schaf, das ein haariges Vließ hat, ist nicht mehr häufig und durch Kreuzen mit dem eng - Stamme ein anderer langwolliger entstanden. Die irischen Pferde find stark und sicher- Ziegen sind häufig in Gebirgsgegenden. Schweine werden besonders von den Milchwwthen »mi rei, gm derb gm Can den allg' als! und tenj j den. wur verb gleic aufg iviri ß°ff Bul und »er, eine Elei s und Aur dem Nei kirä Tue UNtl meh lich! NO rech istli Die sler. für dem die! 8ei »ist hun kob sch- «it Hali sch» den Mt N. ädt! e;u )MIl faß lein> aght Prt cht-, chm !iW Idn ähr- twi gm. ?an- NS« andi gen- wki- hm. mit- !ten, tnd- tnd- nße r»or lichi Ut, cue- lliif- tns, ung iibk üen riv- vnd ^in. am Ä!. liech' dm ngl' jede Die wie ini- mw «bt sch- igl. ,er. hen Irland (Geogr. u. Statist.) 485 meist mit Kartoffeln gemästet. Die Bienenzucht ist gegenwärtig im Verfall. Die Leinwebeiei, die Stapelmanufactur J.s, wurde im 17. Jahrh. von dem Grafen von Strafford gegründet, welcher Leinsamen aus Holland einführte und Spinner und Weber aus den Niederlanden und Frankreich kommen ließ. Der Lcinwandhandel, der schon um >670 gegründet war, erhielt zu Anfänge des 18. Jahrh. Begünstigung von dem Parlament. Die Cambrikmanufactur wurde 1737 eingeführt. Bis zu Anfänge des 10. Jahrh. spann man den Flachs fast ausschlicßend mit der Hand, und auch jetzt werden Maschinen noch nicht allgemein gebraucht, weil bei dem geringen Arbeitslöhne das Handgespinnst wohlfeiler ist als das Maschinengarn in England. Die Leinwandmanufactur blüht vorzüglich in Ulster und in einigen Grafschaften von Connaught. Die meisten Bleichen sind in den Grafschaften Fermanagh und Sligo. Damastfabrikation wird besonders zu Lisburn in Ulster berrie- ! den. Die Baumwollenmanufactur ist neuern Ursprungs. Die erste Wasserspinnmühle wurde 1784 angelegt, doch schon zu Anfänge des >9. Jahrh. war die Manufactür weit verbreitet. Ihr Hauptsitz ist Belfast. Die Wollmanufactur ist nicht von Bedeutung, obgleich die früher durch Englands Eifersucht aufgelegten Beschränkungen seit der Union aufgehört haben. Die Branntweinbrennerei ist sehr ansehnlich, und auch die Bierbrauerei wird immer allgemeiner. Der Handel hat im 19. Jahrh. zugenommen. Während I. aus Großbritannien vorzüglich Eisen und Eisenwaaren, Taback, Indigo, Baumwolle, Farbe- , sioffe, Zucker, Kaffee, Bier, Hüte und Kattun bezieht, führt es Häute, Fleisch, Rindvieh, i Butter, Branntwein, Garn und Salz dahin. Bedeutend ist der Verkehr mit Frankreich l und Nordamerika, wohin I. einen ansehnlichen Absatz für seine Leinwand hat. DieVolksmenge betrug 1695 nach der ersten genauer» Bevölkcrungsangabe 1,034162; N31 schon 2,010221 und gegenwärtig gegen 7,800000. Ein großer Theil der Bewohneristarm. Die in den Leinwandmanufacturen in Ulster beschäftigten Arbeiter sind in einer günstigem Lage. Tagelöhner und selbst kleine Pachter leben in Unwissenheit und Elend; die geringem Landleute wohnen in armseligen Lehmhütten, die oft ohne Fenster und Schornstein sind, und bauen auf ihrem kleinen Acker Kartoffeln, Hafer und Flachs. Auch unter Druck und Noth aber zeigt sich der Charakter, wodurch sich der Irländer vor dem Engländer auszeichnet, seine Lebhaftigkeit, seine größere geistige Empfänglichkeit, seine Neigung zur Geselligkeit, aber auch seine geringere Festigkeit und Selbstbeherrschung. In kirchlicher Beziehung ist das Land in die vier Provinzen Armagh, Dublin, Cashel und Tuam getheilt, deren jeder ein Erzbischof von der herrschenden engl. Kirche vorsteht und unter denen 18 Suffraganbischöfe stehen. Die Erzbisthümer und die BiSthümcr sind mit mehr als einer Mill. Morgen Landes ausgestattet, und die Einkünfte der gesammten Geistlichkeit der bischöflichen Kirche werden auf l'/» Mill. Pf. St. berechnet. Es gibt überhaupt NW Geistliche in der bischöflichen Kirche, deren Mitglieder man zu höchstens 500000 rechnet. Die Katholiken bilden drei Viertel.der Volksmenge. In dem nördlichen und nord- östlichen Theile von Ulster sind die Presbyterianer zahlreicher als die bischöfliche Kirche. Die Katholiken sind am zahlreichsten in Connaught, Munster und im nordwestlichen Ul- ster. Der drückendste Theil der den bischöflichen Geistlichen zugewiesenen Einkünfte sind für die Anhänger anderer Elaubensparteien die Zehnten, welche der größte Theil des Bodens entrichten muß, und auf diese Weise haben Katholiken und Presbyterianer nicht nur die bischöflichen Pfarrer, deren Sprengel» sie zugetheilt sind, sondern auch ihre eigenen Geistlichen zu erhalten. Die katholische Kirche steht unter einem Erzbischöfe und mehren Bischöfen. Die Zahl der katholischen Geistlichen beläuft sich aus 2000, die der preshyteria- mschen auf 240, wozu noch 145 von andern Elaubensparteien kommen. Für die Erziehung des Volks fehlt es noch an hinlänglichen Anstalten, obgleich man die schon unter Jakob II. errichteten Freischulen seitdem vermehrt hat, da die Zwietracht und Eifersucht zwischen Protestanten und Katholiken vielen Verbesserungsvcrsuchen im Wege stehen. Eine «it reichen Mitteln versehene Universität hat I. zu Dublin und eine von dem Staate erhaltene katholische höhere Lehranstalt zu Maynooth. Ter Unterricht in den Elementarschulen wird noch häufig von wandernden Lehrern besorgt. An der Spitze der vollziehenden Gewalt steht der in Dublin wohnende Statthalter (Lordlieutenant), dessen erster Se- ttetair die Verwalkungsgeschäfte führt. Er steht unter dem brit. Ministerium, dem auch -L86 Irland (Geschichte) ein Kanzler für I. beigescllt ist. Seit der Union wird I. im brit. Reichsparlament durch 28 Peers und vier Bischöfe im Oberhause und im Unterhause von einer durch die Reform- bill auf l»5 vermehrten Anzahl gewählter Abgeordneter der Grafschaften und Städte vertreten. Dazu wählen in den 32 Grafschaften 60607 Wähler 64 und in 34 Städtrn und Flecken 31545 Wähler 4 l Mitglieder. Die ersten bekannten Bewohner des Landes waren Galen (s. Kelten), die während der Eroberungen der Römer in Gallien und Britannien hier Zuflucht suchten und ihr Volksthum in Reinheit erhielten. Die Galen gaben der Insel den Namen Eri», d. i. die westliche Insel, woraus die Griechen Zerne, die Römer Hibernia bildeten. Indem langen Zeiträume, wo Britannien röm. Provinz war, fehlen über I. fast gänzlich die geschichtlichen Nachrichten. Die zahlreichen irländ. Chronisten, die indeß nicht vor dem lv. Jahrh. schrieben, haben diese frühe Epoche mit den abenteuerlichsten Sagen ausgeM. Ihrer Dtammverwandtschast wegen wurden die Irländer gegen das 4. Jahrh. Scott» genannt, und noch bis ins frühe Mittelalter hinein nennen die abendländ. Schriftsteller die Insel Großschottland (Scotire msjor). Die alten Iren lebten stammweise unter erbliche» Häuptlingen, besaßen Grund und Boden gemeinschaftlich und cultivirten fast ausschließend die Viehzucht. Ums I. 430 verbreitete unter ihnen der Glaubensprediger Patrick, ein geborener Schotte, das Christenthum und machte die Schreibekunst und gelehrte Ken»!- niffc einheimisch. Die Ruhe, welche die Insel genoß, während Südeuropa von germ». Horden verwüstet wurde, begünstigte die Entwickelung eines gelehrten Mönchthums. Schon seit dem 6. Jahrh. wurde I. der Sih abendländ. Gelehrsamkeit; aus seinen Klo- sterschulen gingen die Apostel des Festlandes hervor, deren Spuren in den sogcnanntm Schottenklöstern noch vorhanden sind. Diese Mönchsbildung, die wol wenig aus das Volk selbst wirkte, erlosch, als mit dem 9. Jahrh. die Normänner auf ihren Streifereien auch Z- heimsuchten. Im I. 835 eroberten dän. Seeräuber die ganze Insel und zerstörten Kirchm und Stifte. Zwar wurden die Dänen, von den Eingeborenen Ostmänner genannt, im folgenden Jahre verjagt; allein 849 kehrten die Fremdlinge, von einem Häuptlinge in dm m- nern Fehden zu Hülfe gerufen, um so zahlreicher zurück, ließen sich auf der östlichen Aüsie nieder und gründeten 854 das spätere Dublin. Um 853 kam ein norweg. Eroberer, Ola», nach I., der sich zum Oberkönig aller angesessenen Normänner aufwarf und auch die Eingeborenen zinspflichtig machte; Waterford und Limerick wurden von seinen Brüder», Sitric und Jvor, gegründet. Erst zu Anfänge des 42. Jahrh. schüttelten die irländ. Dänen das norweg. Joch wieder ab. Nachdem seit Mitte des 10. Jahrh. auch die Ostmänncr das Christenthum angenommen, wurde 4152 auf der großen Kirchenversammlung zu Drogheda die irländ. Gesammtkirche dem päpstlichen Stuhle unterstellt und unter den vier Erzbisthümern das schon von Patrick gegründete Armagh zum Primat erhoben. Um diese Zeit fingen auch die Normänner in England an, ihre Augen auf I. zu richten. Die Insel zerfiel damals, mit Ausnahme der von den Ostmännern bewohntenKüsten- striche, in vier Königreiche, Leinster, Munster, Ulster und Connaught, deren jedes wiederum in einander untergeordnete, von abhängigen Häuptlingen regierte Stammgebiete getheilt war. Ein Oberkönig übte eine beschränkte Lehensherrlichkcit über das Ganze. Häufige Kriege untereinander und gegen die Ostmänner, die immer als Feinde betrachtet wurde», hielten die Eingeborenen in großer Verwilderung und machten sie gegen ausländische Eroberer schwach. Dermod, Fürst von Leinster, hatte O'Rourke, einem untergeordneten Stammhäuptling von Meath, die Gemahlin geraubt, war deshalb mit Hülfe des Obcrko- nigs, Roderich O'Connor, von seinen Besitzungen vertrieben worden und suchte llb- >n England Schutz und Hülfe. König Heinrichll. (s.d.), der seit längererZeit die Eroberung J.s im Einverständnisse mit Papst Hadrian 4V. beschlossen hatte, vermochte zwar augenblicklich die Gelegenheit nicht zu ergreifen, erlaubte aber seinen engl. Vasallen, den Dermod zu unterstützen. Im I. 1469 landeten daher auf I. die engl. Barone Rob. Fitz-Stephen und Mor. Fitz-Gerald mit geringer Mannschaft und setzten Dermod in Math wieder em. Dermod, der seinen Verbündeten die Stadt Wcxford abtrat, hoffte nun die ganze Znl« ^ unterwerfen und verband sich zu dem Zwecke noch mit dem Grafen Strongbow von Pem- bpoke, der l i?0 ebenfalls nach I. kam und den Ostmännern Waterford und Dublin ent- 487 Irland (Geschichte) riß. Nun erschien auch Heinrich II., auf das Glück seiner Barone eisersüchrig, im Ott. 1171 mit "IVO Rittern und 3009 Kriegsleuten in Person in I. und besetzte zunächst Waterford. Da er seine Eroberung auf eine päpstliche Bulle stützte, fiel ihm besonders die Geistlichkeit zu. Auch die Fürsten von Leinstcr und Munster unterwarfen sich der engl. Oberherrlichkeit, während Roderich von Connaught in Verbindung mit den andern Häuptlingen der Fremdherrschaft den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzte. Heinrich nahm Dublin mit dem ganzen Küstenstriche, verlieh die Ländereien an seine Barone und führte engl. Recht und Verfassung ein. Dieses eroberte Gebiet wurde die Mark (tlie pale) genannt. Endlich verstand sich auch im Ott. 1175 Roderich zu einem Vergleich, demzufolge Z. eigentlich gc- theilt wurde. Heinrich behielt den südöstlichenTheil; Roderich nahm den nördlichen, wurde aber dabei wegen Connaught Vasall der engl. Krone und überhaupt tributpflichtig. Dieser Friede bestimmte das Schicksal der Insel auf Jahrhunderte. Zunächst setzten sich die engl. Barone mit Gewalt in das verliehene Land, vertrieben die eingeborenen Häuptlinge und wurden der Gegenstand des glühendsten Hasses. Bald sahen auch, in Folge des wenig bestimmten Vergleichs, die Engländer die Insel überhaupt als ihr Eigenthum an und drangen, wicwol vereinzelt und auf gut Glück, in das Innere vor. Die Kriege mit den Eingeborenen, die Willkür, Herrschsucht und die Kämpfe der Barone untereinander, die argwöhnischen Besorgnisse und verkehrten Verwaltungsmaßregeln des noch schwachen Königthums machten I. fortgesetzt zu einem Schauplatze der Zwietracht, Unordnung und Verwilderung. Zwar geschahen allmälig Annäherungen zwischen den Eingeborenen und den Fremdlingen. Schon um die Mitte des 1.7. Jahrh. unterwarfen sich viele irische Häuptlinge unmittelbar der engl. Krone, womit sie in das Verhältniß der Barone traten und die frühern Stammländereien nebst ihren Stammgenossen zu Eigenthum erhielten. Allein diese Verschmelzung, welche die Könige begünstigten, fand den härtesten Widerstand an den engl. Ansiedlern, die dadurch die Gelegenheit zu Raub und'Eroberung cinbüßten. Als sich Rob. Bruce die schot. Krone angeeignet, suchten auch-irische Häuptlinge seinen Beistand. Sein Bruder Eduard landete 1315 mit einem Heere und wurde von den Iren zum Könige erhoben; aber nach dreijährigem Kampfe, der die Insel furchtbar verwüstete, fiel er gegen die Engländer, worauf grenzenlose Verwirrung und Gesetzlosigkeit eintraten. Raubsüchtige Engländer arteten selbst in rohe Iren aus und legten ihr Recht und ihre Sitte ab, weil nach der Rechtsgewohnheit der Eingeborenen Raub und Mord höchstens einer Geldbuße unterlagen. Das Mittel, das die engl. Machthaber dagegen ergriffen, verhinderte jede Vereinigung der Nationalitäten und verewigte den Kriegszustand mit den Eingeborenen. Ein Gesetz nämlich vom Z. 1367 erklärte die Iren für Feinde und verbot bei Strafe des Hochverraths, den Engländern, sich mit Eingeborenen zu verheirathen und deren Sprache und Sitten anzunehmen. Während des Kriegs der Beiden Rosen (s. Großbri - tannien) waren inJ. die Anhänger des Hauses Aork übermächtig. König Heinrich VIl (s- d.) sendete deshalb ein Heer und einen neuen Statthalter nach J., um die fast unabhängigen Barone zu unterwerfen. Die Verfassung, insoweit nämlich das Land den Engländern unterworfen war, erhielt 1395 durch die nach dem Statthalter benannte Poynings- acte eine neue Grundlage, die eigentlich bis in die neuere Zeit geblieben ist. Das irländ. Parlament, in dem die angesessenen Engländer Sitz und Stimme hatten, durste sich fortan nur mit Bewilligung des Statthalters versammeln und mußte die Gesetzvorschläge vor ihrer Verhandlung erst der Regierung zur Einsicht vorlegen. Wiewol mit der Erstarkung des Königthums sich nun auch die Verwaltung in I. kräftiger gestaltete, so geschah doch für die Urbewohner nichts, und der Druck und die Härte, womit man denselben begegnete, erhielten sie in Erbitterung, Roheit und wilder Unabhängigkeit. Zu Anfänge des 16 . Jahrh. war unter solchen Umständen noch der größte Theil der Insel den Engländern nicht unterworfen, obschon man sich daran gewöhnt hatte, das ganze Land als eine engl. Eroberung zu betrachten. Die Iren lebten nach alter Verfassung unter ihren Stammhäuptlingen und glichen nach Sitte und Lebensart den Wilden. Heinrich VIII. (s. d.) suchte die kirchlichen Neuerungen, die er in England cingeführt, auch in I. heimisch zu machen; allein die Häuptlinge, selbst viele engl. Lebensleute, widcrsetzten sich seinem Unternehmen und unterwarfen sich dem königlichen Willen nur gezwungen. Nicht 488 Irland (Geschichte) nur, daß die Iren in dem dürftigsten Zustande geistiger Bildung lebten, sondern auch der Umstand, daß die Reformation von ihren Feinden, den Engländern, ausging, kettete sie um so fester an ihren alten Glauben. Besonders nährten die seit ISäl in die Insel bingedrun- genen Jesuiten den Haß gegen den abgefallenen König. Heinrich VIII. suchte zwar seine Macht dadurch zu verstärken, daß er sich am 23. Jan. 1542 von dem irländ. und engl. Parlament zum König von J. erheben ließ, aber für die Verbesserung der socialen Zustände des Volks that er nichts. Die Reformation, die unter ihm und seinem Sohn Eduard VI. in den engl. Bezirken nur schwache Wurzel gefaßt, wurde daher unter der Königin Ma- ria I. (s. d.) mit Leichtigkeit ausgerottet. Als Elisabeth (s. d.) 1558 den engl. Thron be> stieg, gedachte sie anfangs den Glauben der Iren zu schonen, bis sie die Anfeindungen des Papstes und der katholischen Partei bewogen, auch in I. die Reformation herzustellen und das ganze katholische Kirchenvermögen zu Gunsten des neuen Klerus einzuzichen. Schon seit 1560 begannen in Folge dieses Gewaltstreichs fortgesetzte Empörungen, deren Urheber engl. Flüchtlinge, der Papst und der span. Hof waren. Der Statthalter Sir John Perrot suchte die Königin für durchgreifende Reformen und eine sorgfältige Entwickelung des Landes zu stimmen; allein die engl. Großen hielten dies für gefährlich und für zu kostspielig. Die Einkünfte aus I. betrugen freilich für die Krone nur ungefähr 6000 Pf. St., und die Königin mußte gewöhnlich noch jährlich 20000 Pf. hinzulegen, um durch ein schwaches, schlecht bezahltes Truppencorps nur einigermaßen die Oberherrschaft über die Insel zu behaupten. Von jeder Theilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen, traten damals die Iren häufig in span, und franz. Kriegsdienste und kehrten mit dem Waffenhandwerke vertraut zurück. Diesen Dortheil benutzte ein kühner, erfahrener Häuptling, Hug O'Niele, den die Königin zum Grafen von Tyrone erhoben hatte, und begann unter span. Aufmunterung >595 einen Aufstand, der die Befreiung der Insel vom engl. Joche zum Zwecke hatte und reißende Fortschritte machte. Die Königin schickte im März 1599 endlich ihren Günstling, den Grafen von Essex (s. d.), mit einem Heere von 22000 M. nach I.; doch Essex vermochte wenig auszurichten, schloß mit Tyrone einen Waffenstillstand und entfernte sich eigenmächtig, worauf die Empörung wieder losbrach. Hierauf wurde Lord Mountjoy zum Statthalter ernannt, der mit bedeutenden Streitkräften in wenigen Monaten die blutige Unterwerfung des Landes vollendete. Als jedoch am 23. Sept. >601 4000 Spanier unter Aquila, der den Titel eines Wiederherstellers des Glaubens an- nahm, bei Kinsale, und bald daraus ein anderes Heer unter Ocampo im südlichen Theile landeten, griffen die Iren wieder zu den Waffen. Tyrone vereinigte sich mit Ocampo; beide wurden aber am 24. Dec. 1601 vor Kinsale von Mountjoy mit großem Verluste geschlagen. Die Spanier zogen hierauf im Jan. 1602 vertragsmäßig ab und Tyrone mußte sich freiwillig ergeben. Als Elisabeth starb, war ganz I. der engl. Krone unterworfen. Die Unterdrückung des Aufstandes hatte aber einen Theil der Urbewohner hingerafft und zu massenhaften Confiscationen von Grund und Boden geführt, die das Misverhältniß begründeten, an dem die Insel noch gegenwärtig leidet. Mehr als 600000 Morgen urbaren Landes waren von der Krone den irischen Häuptlingen und ihren Stammverwandten entrissen und zum größten Theil an engl. Colonistcn vertheilt worden. König Iakob I. (s. d.) faßte nun den Plan, die Lage J.s durch politische Reformen zu verbessern. Er wollte zuvörderst die Willkür der irischen Häuptlinge, die im Laufe der Zeit eigentlich engl. Barone geworden, brechen und die Iren überhaupt zu freien, persönlich berechtigten Männern, gleich den Engländern, machen. Zu diesem Zwecke begann er jedoch wieder mit Confiscationen. Er verlangte von jedem irischen Großen den Lehenbrief, der sein Besitzrecht begründete, und war die Urkunde nicht vorhanden, oder entdeckte man nur einen Formfehler, so zog man die Güter zu Gunsten der Krone ein. Von 800000 Morgen Landes, die auf diese Weise dem Könige im Norden der Insel anheimfielen, wurde der beträchtlichere Theil der irischen Bevölkerung gänzlich entzogen und an Schotten «der engl. Speculanten verkauft, welche die Stadt Londonderry gründeten. Die sonst trefflichen Anstalten, welche Jakob zur Civilisirung der Insel machte, konnten in der Folge diese Ungerechtigkeit nicht ausgleichen. Er theilte I. in Kirchspiele ein, hob die rohen irischen Rechtsgewvhnheiten auf,, führte das engl. Recht ein und erklärte alle Bewohner J.s kur l Irland (Geschichte) 489 :r freie Bürger. Ein irisches Nationalparlament, das sich 16 l 5 zum ersten Male versam- n ^ melte und dem also auch irische Große beiwohnten, mußte diese Verordnungen bestätigen. Unter den 25 Lords jedoch, die mit 25 protestantischen Bischöfen das Oberhaus bildeten, >e befanden sich sehr wenige Katholiken, und von den 226 Mitgliedern des Unterhauses waren l. 125 Protestanten. Überdies blieben die Katholiken, zufolge des Supremateides, der den >e König als kirchliches Oberhaupt bezeichnet«:, von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. I. Der Papst hingegen ermunterte die Eideswcigerer (recnsants) zur Standhaftigkeit und l. ! führte, neben der protestantischen Kirche, eine neue katholische Hierarchie über die ganze l> Znsel ein. Zu diesem kirchlichen Zwiespalt, der hierdurch wieder eine feste Stühe erhielt :s und der von den im Auslande gebildeten Priestern auf das heftigste unterhalten wurde, ,d , gesellte sich während der Negierung Karl's I. noch das politische Zerwürfniß. Unter den n s engl. Ansiedlern gewannen die religiösen und politischen Grundsähe der Puritaner (s.d.) er täglich mehr Anhänger und richteten sich gegen das Königthum überhaupt. Die Iren aber ,t empörte die Härte, womit der Statthalter Strasford (s. d.) das nationale Element dies handelte, indem er unter mancherlei Vorwänden die Confiscationen fortsehte, ja sogar die g. ganze Provinz Connanght in königliches Eigenthum zu verwandeln suchte. Da entschlos- ie sen sich die Iren, die Verwickelungen des Königs mit Schottland und England zu nützen S, und das brit. Joch mit Gewalt abzuwerfen. Zudem bestand das zahlreiche, gegen die !> Schotten zusammengezogene Heer der Insel fast ganz aus eingeborenen Irländern. Ein ü gewisser Roger More, aus altirischer Familie, entwarf zuerst den Plan zum Aufstande, r< über dessen Ausführung er mit Lord Maguire und dem Ritter O'Ncale, die beide Nach- e, kommen alter Stammhäuptlinge waren, in Unterhandlung trat. Bald verbreitete sich un- > ter den irischen Familienhäuptern eine Verschwörung, von der die engl. Protestanten nichts ke ahmten. Am 23. Oct. 1641 griff O'Ncale in der Provinz Ulster zu den Waffen, deren n Bevölkerung zum Theil heimatlos in den Wäldern und Morästen umherirrte. Der Plan ch ! an sich war auf eine politische Revolution, aber keinen Religionskrieg gerichtet. Allein die k- 1 fanatische Priesterschaft riß das Volk zu einem fürchterlichen Morden hin, sodaß in wem- :d gen Tagen auf verschiedenen Punkten der Insel 40—50000 protestantische Engländer >< gemordet wurden und noch mehr auf der Flucht umkamen. Diese Blutthat wurde von den I Engländern dem bedrängten Könige zur Last gelegt und übte auf den Gang der beginnen- den Staatsumwälzung einen wesentlichen Einfluß. Karl I. mußte die Bestrafung der in- le schm Rebellen dem engl. Parlamente anheimstellen, das sogleich zur Ausrüstung eines 0 Heers 2,500000 Morgen irischen Grund und Bodens confiscirte. Der Nachezug jedoch !< j unterblieb, weil der Kampf des Parlaments gegen die königliche Macht selbst begann, ke j Der Marquis von Ormond suchte als königlicher Statthalter während des Bürgerkriegs i. ! die Sache seines Herrn in I. aufrecht zu erhalten und schloß 1646 unter Zusicherung von d Amnestie und Religionsduldung mit den katholischen Iren einen Frieden, in welchem die ß letztem dem Könige Karl I. ein Hülfscorps von >0000 M. versprachen. Der päpstliche n Nuntius Rinuccini wirkte zwar diesem Bündnisse entgegen, sodaß Ormond I. verlassen l- und die festen Plätze den Parlamentstruppen ausliefern mußte; allein nach Vertreibung des Nuntius erneuerten die Iren ihren Vertrag und Ormond bildete ein bedeutendes Heer n von Eingeborenen, mit dem er den Parlamentstruppen manchen Abbruch that. Nach der r ' Hinrichtung Karl's l. standen die katholischen Iren im Begriff, auf Ormond's Betrieb den !- Prinzen von Wales als Karl II. (s. d.) zum Könige anzunchmen. Das republikanische r , Parlament ernannte darum Cromwell zum Lordlieutenant von I., der am 15. Aug. 1749 ^ w I. mit einem bedeutenden Heere landete, das mit seinem Führer im politischen und reli- o giösen Fanatismus wetteiferte. Cromwell nahm ohne Verzug die Städte Drogheoa und ) Wexford mit Sturm und ließ die Bevölkerung ohne Unterschied niederhauen. Die Iren e ^ wurden dadurch von solchem Schrecken ergriffen, daß sie meist ihre festen Plätze freiwillig r cmfgaben und in die Moräste entflohen. Binnen neun Monaten hatte Cromwell unter i , Blutvergießen fast die ganze Insel unterworfen, worauf er den Oberbefehl seinem Schwie- - ' Sfrsohn Jreton (s.d.) überließ, der das auf die völlige Ausrottung der Katholiken ge- i richtete Blutwerk fortsehte. An 40000 waffenfähige Iren, die ihren Unterdrückern hätten c ^jährlich werden können, mußten dieJnsel verlassen und traten in span, und franz. Dienste. 4U0 Irland (Geschichte) Die bürgerlichen Angelegenheiten des Landes wurden fortan von einer engl. Commission Verwalter. Da aber bei allem Wüchen die katholischen Iren zahlreich blieben und ihren Glauben nicht aufgaben, so beschloß Cromwell, das ganze, zum Thcil in den Wäldern uni» Sümpfen versteckte Volk nach den westind. Inseln zu deportiren, was sich jedoch als un- möglich erwies. Der Protector erließ hierauf den Befehl, die sämmtlichen Iren von ihrem Grund und Boden nach der westlichen Insel, in das frühere Königreich Connaught, zu drängen und unter Aufsicht der protestantischen Bevölkerung in die festen Städte cinzuschließen. Bei aller Barbarei, die man anwendetc, konnte auch dieser Plan nur theilweisc ausgcführt werden. Das urbare Land, das dessenungeachtet frei wurde, erhielten Soldaten und engl. Kolonisten, während Hunderttausende von Eingeborenen umherirrten und in den Morästen durch Hunger und Frost umkamen. Die Restauration des Königthums änderte im Ganzen die unglückliche Lage der katholischen Iren wenig. Karl II. (s-d.) stellte zwar die Religionsvcrfolgung ein, aber die Protestanten behielten die den Eingeborenen entrissenen Güter. Nur einige Iren, die noch vermögend genug waren, einen weitläufigen Rechtsstreit zu beginnen, gewannen auf diesem Wege ihren Grundbesitz wieder. Die katholische Reaction, welche mit der Thronbesteigung I akob's II. (s. d.) begann, erregte unter den Iren große Freude. Nachdem Jakob die Krone verloren, erschien er zu Anfänge des 1.1689 mit einem franz. Corps von 5999 M. in I. Die Katholiken strömten ihm scharenweise zu; bald war sein Heer auf 38999 M. angewachsen, und die engl. Truppen verloren alle Plätze bis auf Londonderry und Jnniskilling. Gegen 2199 protestantische Grundbesitzer mußten dabei ihre Güter den Katholiken abtreten. Doch im Frühjahre 1690 landete König Wilhelm III. (s. d.) mit einem bedeutenden Corps und schlug das katholische Heer entscheidend am I. Julian» Boynefluffemnweit Drogheda und am 13. Juli 1691 bei Aughrim. Der Aufstand war hiermit zu Ende und die Insel der neuen Dynastie fast ganz unterworfen. Im Aug überlieferten die Katholiken ihren letzten Platz, Limerick, wobei mit dem engl. General Kinkel ein Vertrag zu Stande kam, nach welchem die katholischen Iren freie Religionsübung, wie dieselbe unter Karl II. bestanden, erhalten sollten. Über > 2999 Irländer, die für Jakob gekämpft hatten, gingen in freiwillige Verbannung. Durch einen Beschluß des engl. Parlaments wurden jetzt nochmals 1,969,999 Morgen Landes consiscirt und an Protestanten vertheilt. In den Städten aber bildeten die Protestanten zur Aufrechthaltung des dynasti- schenJnteresses sogenannte OranischeGesellschaften(s. Orangcmen), die mit fanatischem Eifer die katholische Bevölkerung verfolgten und bedrückten. Um jede Regung des katholischen und nationalen Elements niederzuhalten, wurden überdies barbarische Strafgesetze gegen den Katholicismus, die sogenannten?ensl laws, eingeführt. Nach diesen Gesehen mußten die höhern kirchlichen Würdenträger die Insel verlassen; niedere Priester durften nicht aus ihren Grafschaften weichen; der katholische Unterricht war gleich den öffentlichen Zeichen des Cultus verboten; kein Katholik konnte ein öffentliches Amt bekleiden, Grund- eigcnthum erwerben, eine Ehe mit Protestanten eingehen, frei testiren u. s. w. Eine besondere Verfügung gebot sogar den Katholiken, nur Pferde im Werthe von fünf Pf St. zu reiten; im Übertretungsfalle hatte jeder Protestant das Recht, dem Eigenthümer dasPftrd für fünf Pf. abzunehmen. Obschon diese Gesetze von den protestantischen Beamten nicht immer streng gehandhabt wurden, so nährten sie doch Kittern Haß und feuerten zu verzweifelten Befreiungsentwürfen an. Aus Furcht vor diesen Regungen suchte das engl. Parlament endlich die Quellen des irländ. Nationalreichthums, der sich besonders in der Woll- manufactur zu entwickeln begann, zu unterdrücken. Alle irländ. Natur- und Kunsterzeugnisse wurden mit so starken Ausgangszöllen belegt, daß die Maßregel dem Verbote gleichkam. Schon seit 1695 hatte das irländ. Parlament die Aufhebung der Poyningsacte, mithin seine legislative Unabhängigkeit, verlangt. Dieser Anspruch wurde 1719 unter der Regierung Georg's I. (s. d.) vom brit. Parlament zurückgewiesen, die Gültigkeit der Acte erneuert und 1727 den irländ. Katholiken sogar das Stimmrecht bei Parlaments- Wahlen genommen. Mehr als drei Jahrzehnde verharrten nun die Irländer in dumpfer Unterwerfung. Als sich ihre Hoffnungen bei dem Aufstande der Jakobiten (s d.) m Schottland vom 1.1715 belebten, fand sich die Negierung zu Milderungen geneigt, kehr-e Irland (Geschichte) 491 aber nach der Schlacht von Culloden (s. d.) sogleich zur Strenge zurück. Der Druck der protestantischen Grundherren und Pfarrer ries jetzt allmälig unter den katholischen Iren jene in der neuern Geschichte der Insel wichtigen Verbindungen derDefenderS (s. d.) hervor. Ums J. >760 traten die Wbitelrozcs, d. i. weiße Burschen (von den Hemden, die sie über den Kleidern trugen), auf. Es waren brotlose Tagelöhner, Arbeiter, ausgesetzte Pächter, die sich des Nachts versammelten, um harte Grundherren, Pfarrer, Agenten, Beamte zu strafen oder zu morden, worauf sie gewöhnlich wieder geheimnißvoll verschwanden. Kein Ire durfte, ohne daß er ihre Rache empfunden, gegen sie vor Gericht zeugen, was sie besonders unerreichbar machte. Neben ihnen erschienen >763 die 8eart» ok osk, d.i. Eichenherzen, die sich gegen die drückenden Straßenbaufrohnden auflehnten. Im Ganzen änderte diese rohe Selbsthülfc die Lage desLandes nicht. Ersinnt dem Freiheitskampfe der Nordamerikas Colonien nahm das Volk einen allgemeinen Aufschwung und nöthigte der bedrängten Regierung einige Zugeständnisse ab. Die Strafgesetze wurden mit Zustimmung des brit. Parlaments >778 gemildert; Katholiken durften hiernach Pachtcontracte auf 999 Jahre schließen. Da Frankreich mit Angriffen auf die irische Küste drohte und das Land von Truppen fast entblößt war, so nahmen die Irländer Gelegenheit und stifteten >779, zuerst in Belfast, angeblich zum Schutze des Landes, ein Corps irischer Freiwilliger (lrisk rollmtsries), das nach zwei Jahren 50000 M. zählte. Das Volk begann hiermit seine Stärke zu fühlen. Die Freiwilligen entwarfen mit den Waffen in der Hand Petitionen, und die Regierung gerieth um so mehr in Furcht, als sich auch die irländ. Protestanten zu den Katholiken schlugen und gemeinsam eine Reform des politischen Zustandes foderten. Man ^erlangte völlige Befreiung des irländ. Handels, die Aufhebung der Strafgesetze, vor Allem aber die Selbständigkeit des irländ. Parlaments und eine Reform des mit unglaublichen Misbräuchen behafteten Wahlgesetzes. Um einen allgemeinen Aufstand zu verhindern, sah sich das engl. Parlament >782 gcnöthigt, die Poyningsacte abzuschaffen und den Irländern die legislative Unabhängigkeit zu gestatten. Zugleich wurden die Strafgesetze gegen die Katholiken, wenn auch nicht ganz abgeschafft, doch wieder bedeutend gemildert. Dieselben durften nun Grundbesitz erwerben, Schulen errichten und ihre Religions- gcbräuche freier ausüben. Besonders drückend waren für die Katholiken die Zehnten, die sie allenthalben an die protestantischen Pfarrer entrichten mußten, während sie überdies noch für ihr eigenes Kirchenwesen zu sorgen hatten. Die Härte, mit welcher viele Pfarrer diesen Zehnten von den armen Pächtern eintrieben, brachte k786 einen geheimen Verein zuwege, dessen Mitglieder sich Ri^Ktl,«)'«, d. i. Rechtsburschen, nannten. Diese Verbündeten rächten ihre Landsleute an den Pfarrern, nahmen dem Volke das eidliche Versprechen ab, den Zehnten gar nicht oder nur zu einem bestimmten Betrage abzuführen, und bestraften die Wortbrüchigen. Streitigkeiten um die protestantischen Kirchengefälle nahmen seitdem zu Zeiten den Charakter eines kleinen Kriegs an. Der Ausbruch der franz. Revolution konnte wol nirgend einen größer» Widerhall sinken als in dem Jahrhunderte hindurch von seinen Gewalthabern gemishandelten I. Die Begeisterung, die Hoffnungen und die Entwürfe, welche auftauchten, waren ausschweifend. Aus den Freiwilligen, die sich jedoch schon seit mehren Jahren aufgelöst hatten, trat im Nov. >79> zu Dublin der Bund der Vereinigten Irländer (liniteck Irizbmen) zusammen, an dem auch viele Protestanten Theil nahmen. Der Verein hatte den angeblichen Zweck, die Grundsätze und Ereignisse der franz. Revolution zu verbreiten und zu besprechen; insgeheim aber betrieb er die Einleitung einer Revolution, welche I. in eine unabhängige Republik verwandeln sollte. Man war mit dem franz. Nationalconvent in geheime Verbindung getreten, arbeitete an der Wiedcrbcwaffnung der Freiwilligen, und das Erscheinen eines franz. Heers sollte das Zeichen zum allgemeinen Aufstande sein. Die Katholiken benutzten die Verlegenheit der brit. Regierung für sich und foderten >792 auf einer großen Versammlung zu Dublin völlige Rechtsgleichheit mit den Protestanten. Das brit. Parlament suchte den Sturm zu beschworen, indem es die Hindernisse gegen irländ. Handel und Gewerbthätigkeit, sowie die berüchtigten l'ensl lavs, bis auf wenige Reste aufhob. Die Katholiken erhielten das Recht der Sachwalterschaft vor Gericht und dursten von nun an auch Ehen mit Protestanten schließen. Im I. >793 schaffte man die 492 Irland (Geschichte) Strafen ab, in welche Katholiken verfielen, wenn sie am Sonntage nicht die protestantische Kirche besuchten; auch wurde ihnen das Recht der Theilnahmc an den Parlamentswah- len, ohne doch selbst wahlfähig zu sein, und die Zulassung zu Ämtern niedern Ranges ver. stattet. Da weitere Foderungen unerfüllt blieben, so ließ der Bund seine revolutionairen Abfichten um so kühner hervortreten, und die Negierung beschloß endlich die Bewegung mit Gewalt zu dämvfen. Die seit 1782 in I. eingeführte Habeas-Corpus-Acte wurde aufgehoben, in die Städte eine starke Besatzung gelegt, der Bund aber aufgelöst und ent. waffnet. Im Vertrauen auf die franz. Hülfe ließen sich jedoch die Verschworenen nicht ent- muthigen. Endlich im Dec. 1796 erschien an der irländ. Küste eine bedeutende franz. Flotte mit 25000 M. Landungstruppen unter dem General Hoch e (s. d.), die jedoch in Folge widriger Zufälle und der Ungeschicklichkeit der Befehlshaber unverrichteter Sache umkehren mußte. Die brit. Negierung schärfte nun ihr Verhalten und stellte die ganze Insel unter Kriegsrecht, was die Irländer besonders erbitterte. Der Bund trat 1797 zu neuer, geheimer Thätigkeit zusammen und gewann eine höchst geschickte, militärische Organisation. An der Spitze stand ein Direktorium von fünf Männern, deren Namen nur den Geschäftsführern der vier Provinzialausschüsse bekannt waren. Schon zählte der Bund über 599900 Verschworene, als im Jan. 1798 die Regierung von einem verräterischen Mit- gliede vollständigen Aufschluß erhielt. Ungeachtet dieser Entdeckung und der Verhaftung mehrer Häupter, brach der Aufstand im Mai auf mehren Punkten des Landes los. Doch waren es meist nur Katholiken, die eine blutige Rache an den Orangemännern begannen, eine bedeutende Militairmacht verhinderte die völlige Entwickelung der Empörung. Bewegliche Kolonnen durchzogen die Insel und erstickten den Aufstand im eigentlichen Sinne in Blut. Die Anführer ergriffen die Iren und ließen sie ohne Weiteres aufhängen; die Gesammtzahl der Eetödteten betrug gegen 30000, darunter viele von den Katholiken er- mordete Protestanten. Kaum war das Blutbad vorüber, so erschien im Aug. 1798 ein franz. Geschwader unter Savary und setzte ein Corps von > 960 M. unter Befehl des General Humbert in der Killalabai an die irische Küste. Große Scharen von Iren zogen den Franzosen zu; allein die brit. Truppenmacht hielt einen allgemeinen Aufstand darnieder und sämmtliche Insurgenten mußten sich ergeben. Eine andere franz. Expedition, die unter Bonaparte und dem General Hadry mit 3200 M. und bedeutenden Waffenvorrä- thcn sich im Sept. der Küste näherte, wurde von dem brit. Admiral Warren aufgcfangen und fast ganz genommen. Noch mehre andere franz. Landungsversuche bis in den No», scheiterten ebenfalls. Die brit. Machthaber faßten nach dieser Katastrophe den Entschluß, eine Vereinigung des irländ. Parlaments mit dem britischen einzuleiten; denn die Selbständigkeit der Gesetzgebung mußte nothwendig den Unabhängigkeitssinn der Irländer nähren und konnte leicht dahin führen, daß neue Revolutionsversuche eine rechtliche Autorität erhielten. Der erste Antrag, den man dem irländ. Parlamente 1799 machte, wurde mit Unwillen verworfen. Die brit. Regierung nahm hieraus ihre Zuflucht zur Bestechung. Die verrotteten Flecken, von denen die Mehrzahl der irländ. Parlamentssitze abhing, wurden ihren Eigenthümem mit Golde ausgewogen. Die Regierung erkaufte die Stimme jedes Besitzers mit mehr als 20000 Pf., wozu das brit. Parlament unter dem Titel einer Entschädigung ungefähr 1,600000 Pf. bewilligte. Durch diese Operation kam am 26. Mai 1809 die legislative oder die sogenannte Finalunion zwischen I. und Großbritannien mit großer Stimmenmehrheit zu Stande. I. sollte fortan 32 gewählte Lords und Peers, darunter vier Bischöfe, ins brit. Oberhaus, 100 Deputirte der Grafschaften, Städte und Flecken ins Unterhaus senden. Ferner sollten die Irländer mit den Briten gleiche Rechte und Freiheiten genießen und zwischen beiden ein völlig freierVerkehr stattfinden, I. verpflichtete sich dagegen, fürdie ersten 20 Jahre zwei Fünfundzwanzigtheile der gesummten Staatslasten zu tragen. Mit dem J. I80> trat dieses Vereinigte Parlament ins Leben. Um die Masse zu gewinnen, hatte der Minister Pitt (s. d.) auch eine völligf politische Emancipation der Katholiken (s- d.) versprochen ; aber der bigote Georg III. (s. d.) war zu diesem Zugeständniß nicht zu vermo- gen. Die schon ausgearbeitete Acte kam gar nicht zur Verhandlung. Die irländ. Katholiken waren über dirsen Wortbruch heftig erbittert; sie begannen schon 1802 zu Dublin zu 493 Irland (Geschichte) ! einem großen katholischen Verein (Outbnlic associstwn) zusammenzutreten, der sich die ! Durchführung der Emancipation zum Zweck setzte. Dieser Verein bildete im Laufe eines I Jahrzehnds den Mittelpunkt aller irischen Angelegenheiten und erlangte eine unbedingte' Herrschaft über die Gemüther der Katholiken. Die ungemeine Thätigkcit, die er entwickelte, als sich seit 1812 im Parlamente mehrfache Theilnahme an dem Schicksale J.'s zeigte, rief dagegen auch die frühern Orangelogen und die alten Reibungen zwischen Katholiken und Protestanten ins Leben, sodaß die Ruhe der Insel wiederholt gestört wurde. Als 1825 die Regierung beide Verbindungen auflöste, gab O'Connell (s. d.) der katholischen Association zwar eine neue Gestalt, doch setzte sie ihre eigentliche Wirksamkeit fort. Erst als nach Cannin g's (s. d.) Tode, im I. 1827, der Herzog von Wellington (s. d.) das Staatsruder übernahm, verließ I. seine ruhige Haltung und gerieth in die heftigste Bewe- s gung. Die Association organisirle sich wieder durch alle Grafschaften und übte vornehmlich i ihren Einfluß auf die Wahlen, welche von den kleinen Landwirthen entschieden wurden. Alle i Katholiken mußten eine Abgabe zahlen, um die Vereinszwecke zu fördern und die von protestantischen Grundherren ausgesetzten Pächter zu unterstützen. Unter dem Namen von Braunschweigclubs entstanden nun abermals protestantische Gesellschaften und damit so heftige Zwistigkeiten, daß auf der Insel jeden Augenblick ein Bürgerkrieg auszubrechen drohte. Die katholischen Bauern scharten sich zu Tausenden und durchzogen das Land, was hinge- . gen auch bewaffnete Versammlungen der Protestanten veranlaßte. Die Häupter der Association, indem sie Alles anwendeten, um einen Ausbruch des Kampfes zu verhindern, zeigten damit der Regierung und den Protestanten erst vollständig ihre Gewalt und ihren Einfluß. Bei dieser drohenden Haltung der Katholiken beschloß die Negierung, dem Friedcns- bruche durch ein großes Zugeständniß zuvorzukommen. Nachdem die Auflösung der Ver- eine geboten war, brachte Wellington eine Emancipationsbill vor das Parlament, die unter heftigen Parteibewegungen und dem Widerspruche der Hochtories angenommen und am ^ 13. Apr. 1829 von Georg IV. (s. d.) bestätigt wurde. Ein neuer Eid, den auch die Ka- ' tholiken leisten konnten, trat an die Stelle des frühern, wodurch denselben endlich die Möglichkeit gegeben war, Sitz im Parlamente zu nehmen. Auch erhielten sie dadurch die Fähig, keit, öffentliche Ämter, doch mit Ausnahme des eines Lordkanzlers von I., zu bekleiden. Diese Maßregel wurde von den irländ. Katholiken mit großer Freude begrüßt; denn obschon man bald einsah,daß hierdurch das Übel nichtunmittelbaraeheiltwerde,sobesaßman nun doch das Recht, den Druck und das Elend des Landes zur Öffentlichkeit zu bringen, ^ und von diesem Rechte machten die Iren sogleich den ausgedehntesten Gebrauch. Ihr Wortführer O'Connell stellte im Parlamente zunächst den Antrag auf Abschaffung des ebenso drückenden, wie gehässigen Kirchcnzchnten. Bei einer Bevölkerung J.s von sieben Mill. betrug die Eesammtzahl der Protestanten nicht viel über eine halbe Million. In vielen Gegenden, besonders im südlichen und westlichen Theile der Insel, gab es gar keine Protestanten. Dennoch hatte jedes Kirchspiel seinen protestantischen Pfarrer, der von dem armen katholischen Bauer den zehnten Theil v'on allem Ertrage des Grundes und Bodens zog. Die blutigen Zwiste, welche dieses Verhältniß fortgesetzt veranlaßte, hatten schon 1815 ein Gesetz (Titke composition act) hervorgerufen, nach welchem es beiden Theilen frcistand, sich statt der Naturalleistung über eine bestimmte Geldrente zu vereinigen. Nur wenige ! Kirchspiele hatten indcß davon Gebrauch gemacht. Jetzt, nach der Emancipation, erhielten die Katholiken plötzlich den Muth, die Entrichtung des Zehnten geradezu zu verweigern. Der Widerstand gegen die Abgaben wurde noch allgemeiner, als zu Ende des I. > 830 die Toryverwaltung fiel und die Whigs mit dem Ministerium Grey (s. d.) ans Ruder gelangten. Die neue Verwaltung, die auf Gewinnung der Volksmaffen zur Durchsetzung der Parlamentsreform bedacht sein mußte, kündigte alsbald im Parlament an, daß sie ei- > nen Gesetzentwurf über die Ablösung des irländ. Zehnten vorlegen werde. Kein katholi- l scher Irländer wollte mehr den Zehnten geben, und wo die Pfarrer den Beistand der Po» . licei und der Gerichte anriefen, kam es zu blutigen Auftritten. Ganze Compagnien mußten °st zur Pfändung einiger Stücke Vieh aufgeboten werden, die dann bei der Versteigerung «in Ire kaufte. Endlich trat Lord Stanley, der Staatssecretair für J., in der Sitzung von l832 mit dem verheißenen Gesetze hervor. Nach demselben sollte die Ablösung durch Geld 494 Irland (Geschichte) nun gezwungen vor sich gehen und in Zukunft die Zahlung von den katholischen Pachtern auf die protestantischen Grundbesitzer übertragen werden. Beide Häuser nahmen die Bill an; allein dieselbe erwies sich als unausführbar, da die irländ. Katholiken darin keine wahre " Erleichterung sahen und sich der Ausführung heftig widersetzten. Zm ganzen Lande wurden Volksversammlungen gehalten, auf denen man die Verweigerung jeder Zehntleistung . beschloß. Das Parlament sah sich genöthigt, den darbenden Pfarrern eine Mill. Pf. als ! Vorschuß zu gewähren. O'Connell, das Haupt der irländ. Partei, trat jetzt bei der gerin gen Geneigtheit der Regierung, die Lage seines Vaterlandes zu verbessern, mit der Eröffnung hervor, daß erseineBestrebungen fortan auf den Widerruf (s. Repeal association) - der legislativen Union zwischen I. und Großbritannien richten werde; denn allein eine selb- ^ ständige Gesetzgebung könne I. Gerechtigkeit verschaffen. Dieses kühne Work, an dessen - Verwirklichung wol O'Connell weder jetzt noch in der Folge glaubte, das ihm vielmehr zur l Aufrechthaltung der Bewegung und zum Einschüchterungsmittel gegen die Briten dienen ! sollte, brachte in Z. eine elektrische Wirkung hervor. Von einem Ende der Insel zum andern wurde die Auflösung der Union die Losung, und O'Connell stiftete die sogenannte Rc- pealassociation, die bald der Mittelpunkt aller politischen Opposition wurde. Der irische ^ Bauer, dessen Nationalgefühl in Volksversammlungen durch glühende Redner geweckt > wurde, erhob sein Haupt und setzte den Foderungen der protestantischen Grundherren und Pfarrer, statt Bitten, nun Drohungen entgegen. Es begann auf der ganzen Insel eine ^ Unsicherheit des Lebens und Eigenthums, wie sie kaum zu Zeiten offener Empörung statk- gefunden. Alle die zahllosen heimlichen Mordthaten zeigten einen politischen Charakter. Die Aufregung des Volks war fv Lroß, daß O'Connell selbst nur mit Mühe einen Aufstand Niederhalten und die gesetzliche Bahn fcsthalten konnte. In der Sitzung von >833, der ersten nach der Parlamentsrcform, mußten daher sogleich die irländ. Angelegenheiten in den Vordergrund treten. Der Minister Grey, der überhaupt gegen I. torystische Vor- urtheilc hegte, glaubte die Ordnung nur durch Gewalt aufrecht erhalten zu können. Er brachte die sogenannte Irische Zwangsbill (lrisk coercioliki») vor dieHäuser, die unter hef- ! tigem Widerspruch auch angenommen wurde. Nach diesem Gesetz erhielt der Lordlieutenant von I. die Macht, Volksversammlungen ohne Weiteres zu verbieten und das Kriegs- recht zu proclamiren. Ein Heer von 36«><>«> M. und 6l>W bewaffnete Policeidiener, die man nach I. sendete, mußten der Acte Nachdruck geben, und wirklich wurden einige Bezirke unter Kriegsrecht gestellt. Um die allgemeine Erbitterung einigermaßen zu besänftigen, brachte das Ministerium auch einen zweiten Gesetzvorschlag, die irische Kirchenbill, ein, nach welcher in I. die Kirchensteuer aufgehoben, die Einkünfte der Pfründen herabgesetzt und die unnöthigcn protestantischen Kirchen und Bischofsitze abgeschafft werden sollten. Nachdem diese Acte zum Verdruß der eifrigen Protestanten durchgegangen, trat der freisinnige Lord Lyttelton, der an Stanley's Stelle Staatssecretair für I: geworden, mit einer neuen irländ. Zehntenbill auf, vermöge welcher statt der Zehnten eine auf die Grundeigen- thümer übertragene Grundrente eingeführt wurde, die jedoch nur drei Fünstheile des ftü- hcrn Zehnten betrug. Um zwei Fünstheile sollten also die Irländer von dem Zehnten überhaupt befreit werden. Das Unterhaus genehmigte diesen billigen Vorschlag; die Lords aber verwarfen denselben^ weil er noch die Nebenbestimmung enthielt,, daß die durch die Kirchenbill gewonnenen Überschüsse des Kirchcnvermögcns zur Verbesserung des irländ. Schul- und Gemcindewesens verwendet werden sollten. Die Tories hielten eine solche Maßregel für Raub an der protestantischen Kirche und nannten die Bestimmung die Appropriationsclausel (s. d.). Unter der Aufregung, den die Verwerfung der Zehntenbill in I. hervorbrachte, legte Grey das Ministerium nieder, zumal da im Ea- binet selbst Streit wegen der Zwangsbill entstanden war, und der milder gesinnte Melbourne (s. d.) trat im Juli > 833van die Spitze der Verwaltung. Die Zwangsbill wurde nun sogleich zurückgenommen und von der Regierung gegen I. die versöhnlichste Politik eingeschlagcn. O'Connell, mit dem man sogar in enge Verbindung trat, löste seinerseits die . Repealassociation auf, indem er die Irländer versicherte, die Gesinnungen der Whigs seien hinreichend Bürge für eine bessere Zukunft. Die TorieS waren über diesen Regierung mit der irländ. Volkspartei so entrüstet, daß sie den leichtgläubigen König Wust d d st ll ch ri A bl st n rr ch tr w n tl bi ir gl n ir I ir st st dl st st di ä ri >r ir rr d ti I d l< b ii tr d ei ik n I h g N 495 Irland (Geschichte) Helm IV. durch mancherlei Einflüsterungen im Nov. 1834 zu einer plötzlichen Entlassung des Ministeriums bewogen. Das neue Torycabinet unter Peel (s. d.) hoffte den drohen- > den Sturm, der sich über diesen Wechsel in I. erhob, niederzuhalten, indem es in der Session von 1835 eine von der vorigen wenig verschiedene Zehntenbill einbrachtc. Als aber das Unterhaus auf den Vorschlag Lord Russell's (s. d.), den Überschuß aus dem irländ.Kir- chenvermögen zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden, nochmals einging, traten die Tories schon im Apr. zurück und Melbourne übernahm wieder die Leitung der Geschäfte. In diesem heftigen Kampfe hatten die irländ. Parlamentsgliedcr zum ersten Mal den I Ausschlag gegeben und der Sieg erfüllte ganz Z. mit Hoffnung und Freude. Aus Dankbarkeit ernannten die Whigs im Mai 1835 den Grafen Mulgrave, spätem Marquis von , Norm an b y (s. d.), einen edlen, als Verfechter volksthümlicher Freiheit bekannten Cha. l rakter, zum Statthalter von I. Das erste Mal seit Jahrhunderten gelangte die Insel wäh- rend dieser Verwaltung zu ruhiger Stimmung und friedlicher Entwickelung. Alle gesehli- > chen Veränderungen, die seit 56 Jahren zu Gunsten der irischen Bevölkerung waren getroffen worden, hatten bisher durch die Parteilichkeit der Protestanten und durch die Ge- , wohnheit, den irischen Mann niederzudrücke», nur theilweise und unvollkommene Ausfüh- j rung gesunden. Mulgrave brachte in die wichtigsten Ämter Katholiken, führte eine unparteiische Übung der Gerechtigkoitspflege ein, reinigte die Verwaltung von ungesetzlichen Mis- , brauchen und hielt die übermüthigen Protestanten, namentlich die Orangistenverbindungen, im Zaum, die sogar > 836 gesetzlich verboten wurden. Indessen waren die irländ. Angelegenheiten im Parlament fortgesetzt der Gegenstand heftiger Verhandlungen. Die Negierung brachte in drei aufeinander folgenden Sitzungen die irländ. Zehntenbill ein, die jedoch im Oberhause zweimal an der sogenannten Appropriationsclausel scheiterte. Endlich im 1.1838 entschlossen sich die Minister, die Häusel fallen zu lassen, und die Bill wurde, fast > in der Gestalt, wie sic zuerst von Lyktelton eingebracht worden, angenommen, zumal da die Grundbesitzer auf jede Entschädigung verzichteten. I. hatte einen' bedeutenden Sieg errun- I gen; aber weniger glücklich war es in Betreff einer neuen Städteordnung. Das irländ. Gemeindewesen war mit so schreienden Mängeln behaftet, daß selbst die eifrigsten Tories das Unwesen nicht vertheidigen konnten. Nur protestantische Bürger bildeten die städtischen Korporationen, die sichsselbst ergänzten und, gleich den Grundherren auf dem Lande, der Gemeinde willkürliche Lasten zu Localzwecken auflegten. Die Aufhebung der ?snsl Isrvs, die Einführung der Emancipationsacte, hatten in diesem Verhältnis wenig oder nichts geändert, indem die Katholiken thcils das crfoderliche Vermögen zum Eintritt in die Corps rakion nicht besaßen, theils willkürlich von denprotestantischen Machthabern zurückgewiesen wurden. Die Whigs brachten deshalb seit l 836 einen Gesetzentwurf für Verbesserung des irländ. Städtewesens, nach dem Muster des neuen engl., vor die Häuser. Allein die Lords ' waren so wenig geneigt, den Irländern und Katholiken fernere Zugeständnisse zu machen, daß das Ministerium die Bill l 836 endlich fallen lassen mußte. Eine Reihe minder wichtiger Gesetzentwürfe zu Gunsten J.s erlitt dasselbe Schicksal; kaum daß die Regierung >836 die Einführung besoldeter Friedensrichter und Policeibeamten erlangen konnte, wodurch besonders der Willkür der Grundherren Abbruch geschah. Ungeachtet dieser Niederlagen verhielt sich das irländ. Volk, das namentlich >838 durch eine Misernte von furchtbarem Elende gedrückt wurde, unter der versöhnlichen Verwaltung Mulgrave's und seines >»> gleichen Geiste, wenn auch klüger handelnden Nachfolgers, des Lords Fortescuc, ruhig. Nur als im Mai 183S der Abfall der Radikalen die Whigs für den Augenblick zum Rücktritt nöthigte, flammte der alte Haß auf, und ein Zeichen von O'Connell hätte hingereicht, das Land zum Schauplatze eines neuen Bürgerkrieges zu machen. Indessen mußten die einsichtsvoller» Vertreter der irischen Volkspartei doch längst einsehen, daß die Whigs nach >hrer Stellung und Gesinnung nicht im Stande waren, die tiefe Wunde J.s zu berühren, »ach zu heilen. Zur Linderung des unsäglichen Elends im Volke setzten die Minister noch >838 eine irländ. Armenbill durch, nach welcher in den Grafschaften Werk- und Armenhäuser für 76—86666 Dürftige erbaut werden sollten. Diese nach ihrer Ausdehnung großartige Maßregel, die ganz gegen die Ansichten der irischen Stimmführer durchging, Har nicht nur unzulänglich; sie mußte auch schädlich sein, wo die ganze Nation am Bettel- 496 Jrmensäule I stabc stand und statt Almosen, eine billige Ausgleichung unnatürlicher, auf rohe Consiscation i gegründeter Besitzverhältnisse erwartete. Als im Aug. I 84 l die Whigs der Toryvmval- i tung unter Peel gänzlich weichen mußten, zeigten sich auch die irländ. Stimmführer für ' das Interesse ihrer bisherigen Bundesgenossen lau; einem Torycabinet gegenüber hofften sie freiern Spielraum für ihre oppositionelle Stellung zu gewinnen. Vielleicht nur um daß > irländ. Volk wach und in Athem zu erhalten, reorganisirte nun O'Connell die Nexealaffo- ciation, die ungeachtet des klugen Benehmens des torystischen Statthalters, Grafen Ere», einen reißenden Fortgang nahm. Zwar wurden die Reden und Versammlungen im Früh- , fahre 1842 während der demokratischen Bewegungen in England eingestellt, aber gegen ! den Herbst begann O'Connell die Repealagitation um so entschiedener, zumal da sich auch ! der katholische Klerus für die Sache entschieden hatte und das Volk ermunterte. In den - ersten Monaten des 1.18-13 gerietst die ganze Insel in Bewegung. O'Connell und stim j Gehülfen durchzogen das Land, riefen das Volk zusammen und hielten feurige Reden, iu , denen sie das Elend der Nation beschrieben, die Gesetzlichkeit des Unternehmens versichn- : ten, vor Eewaltthaten warnten und die Auflösung der Union als das Ende aller Leiden br> zeichneten. Die Aufregung gewann bei allen Friedenszusicherungen des Agitators täglich j einen drohendern Charakter; im April kam es zwischen Katholiken und Protestanten zum ! Handgemenge und Hunderte von Landleuten verweigerten ihren Grundherrcn die Zinsen. Nach einer Riesenversammlung von 400000 Repealern zu Mallow am 22. Mai erklärten endlich die zögernden Minister auf Befragen vor dem Parlament, daß sie die legislative Union aufrecht zu erhalten entschlossen seien, und erhielten dafür die Unterstützung des Hauses zugesichert. Jetzt wurden die im Juli ablaufende Bill erneuert, die den Irländern das Tragen von Waffen verbietet, eine bedeutende Truppcnmacht nach I. gesendet und mehre Friedensrichter und Magistratspersonen abgeseßt, die an der Nepeal Theil genommen halten. Endlich wagte die Regierung sogar die im Oct. zu Clontarf schon eröffnete große Repeal- Versammlung zu verbieten, ohne dabei auf eigentlichen Widerstand zu stoßen. O'Connell - ließ dagegen in der Wochenversammlung des Vereins Beschlüsse fassen, die den Landfrie- I den einschärften, die Handlung der Regierung für ungesetzlich erklärten und das Fortbestehen des Vereins aussprachen, bis Z. ein eigenes Parlament erlangt haben würde. Gegen den Agitator und seine Genossen wurde hierauf dieser und anderer Äußerungen zufolge z» Dublin ein Staatsproceß eröffnet, der im Mai >8,14 die Verurtheilung der Angeklagten wegen Aufruhrstiftung zu einjähriger Gefängnißstrafe nach jsich zog. Kaum vermochten selbst die Verurtheilten das Volk von Gewaltthätigkeiten abzuhalten, als sic diele Strafe noch im Laufe des Monats antraten. Da inzwischen bei dem Processe mehrfache Formfehler vorgekommen waren, so erklärte der Peershof am 2. Sept. das Verfahren für ungültig, wodurch den Märtyrern der irischen Sache die Thüren des Gefängnisses sich öffneten. Ungeachtet dieser friedlichen Lösung der Katastrophe, hat aber die Bewegung, wenigstens sm den Augenblick, an Schwung und Zauber einigermaßen verloren. Die alten irischen Chroniken hat O'Connor unter dem Titel l„Lerum bibern. »cri- xtores veteres", in der Urschrift und mit lat. Übersetzung herausgegeben (4 Bde., Land. 1814—26). Vgl. Cox, „öibernia ^NFlicsna, or tbe bistor^ of l. from tlie conguest tberevk bzr tbe Lngüsb to tbe present time" (2 Bde., Lond. 1689—90); Mac Gevghe- gan, „Ristoire <1e I'I. socionne et moclerne" (3 Bde., Par. und Amst. 1758 —K3)i ! O'Halloran, „(General kistorzc ofl." (2 Bde., Lond. 1779); Leland, „l'ks kistorv ol I. j from tbe Invasion ok Lenrx II cvitti a preliminar^ tliscourse on tbe sncient state of tilgt ! lcinFclow" (3 Bde., Lond. 17 7 3 und Dubl. 1814); Plowden, „Listorical reviev of I." , (2 Bde., Lond. 1805); Gordon, „öistor^ ofl. from tbe earliest seconnt to tks sccow- plisbmeot of tbe nvion vvitb Orest-Lritain" (2 Bde., Lond. 1806); Hcgewisch, »Übersicht derirländ. Geschichte" (Altona 1806); Burdy, „Historzc of I."(Lond. >819); O'Dris- . col, „ttistorz- ofl," (2 Bde., Lond. 1827); Thom. Moore, ,,»!->tor)- ofl." (2 Bde., Lond. i 1835); Beaumont, „l.'l. sociale, politi ehre (s. d.) vorkommenden, das Weltall darstellenden Esche Agdrasil. Noch heute zeigt man im Dom zu Hildesheim eine Säule, die für die Jrmensäule ausgegeben wird. Vgl. Jak. Grimm, „Jrmenstvaße und Jrmensäule" (Wien 1815), und Ledebur, „Beleuchtung einiger Punkte in den Feldzügen Karl des Großen gegen die Sachsen und Slawen" (Berl. 1829). Irokesen, ein Jndianerstamm, den man bisweilen mit zu den Huronen (s. d.) rechnet, in Untercanada am Huron-, Eric- und Ontariosee, zu beiden Seiten des Lorenz- fluffes. Dazu gehören die freien Nationen der Mohawker oder Mohawks, der Senecas, Lnondagos, Oneidas und Tuskaroras, unter denen die der Mohawker die gebildetste und zahlreichste ist, weshalb man unter ihrem Namen oft auch die andern Nationen mitbegreift. Gleichsam als Schutzverwandte schließen sich ihnen die minder bedeutenden Völkerschaften der Shawanesen, Delaware«, Mikanders und Miamier an. Die Franzosen, so lange sie in Kanada Nachbarn der Irokesen waren, sowie die Engländer, hatten, ungeachtet der mit ihnen geschlossenen Verträge, wiederholte grausame Anfälle durch sie zu erdulden; doch hat im Laufe der Zeit ihre Zahl und die Ausdehnung ihres Gebietes sich immer mehr vermindert. Während sie im I. >711« noch 54,561) Krieger zählten, können sie, die Huronen mit eingeschlossen, gegenwärtig kaum einige Tausend stellen. Sie sind an Sitten und Lebensart den Indianern im westlichen Binnenlande Nordamerikas gleich, haben eine republikanische Verfassung mit einem gemeinsamen Oberhaupte, einer der Huronenspräche ähnliche, aber nach den Stämmen wieder vielfach geschiedene Sprache und glauben an Geister, Zauberei und an die Wahrsagungsgabe der von Geistern Besessenen. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts haben sie angefangen, Ackerbau, Viehzucht und selbst etwas Spinnerei und Weberei zu treiben, und durch. Schulen, welche unter ihnen errichtet wurden, einige Bildung angenommen; auch sind Viele in neuerer Zeit zum Christenthume iibergetreten. Ihr Hauptort ist Anondago. Jröltie, eigentlich Verstellung, ein von den verfeinerten Athenern entlehntes Wort, welches Canipe durch Schalksernst, Jean Paul durch Ernst des Scheins verdeutschte, bezeichnet im gemeinen Leben jene feinere Art des Spottes, welche, unter der Maske treu- berzigcr Einfalt oder Unwissenheit, die Fehler der anmaßenden Thorheit hervorhebt und lächerlich macht. Sie setzt weder ein böses Herz noch einen schlimmen Zweck voraus, kann vielmehr den reinen Zweck haben, zu belehren und zu bessern, und mir so viel Eutmüthig» keit und wahrer Urbanität bestehen, daß selbst der Belachte; zum Mitlachen genöthigt oder zu besserer Einsicht erhoben wird. Als Nedefigur bezeichnet Ironie diejenige Wendung des Ausdrucks, wo man spottend daS Gegcntheil von Dem aussagt, was man verstanden wissen will, und durch ausgesprochenes Lob den Tadel schärft. Die Sokratische Ironie hatte den Zweck der Erregung des Nachdenkens und der Ausbildung des Bewußtseins, schloß sich aber in ihrer Erscheinung der attischen Urbanität an. Eine Abart der echten Ironie ist die' Persiflage, welche die Mittel, deren sich die Ironie zur Belehrung und Besserung bedient , zur Verspottung Anderer gebraucht. Irrational heißt eine Zahl, die sich weder durch ganze Einheiten noch durch Theile der Einheit völlig genau ausdrücken läßt, also in Bezug auf die Einheit inkommensurabel (s. d.) ist. Dahin gehören alle diejenigen Wurzeln ganzer Zahlen, die sich nicht selbst unter den ganzen Zahlen befinden, also beiweitem die meisten Wurzeln, ebenso die Logarithmen der beiweitem meisten Zahlen. Irrationalität, altf die Vernunft bezogen, heißt Unvernünftigkeit, und Jrratio- »alismus eine die Würde der Vernunft verleugnende oder auch vernunftwidrige Ansicht. Conv.-Lex. Neunte Aull. VH. 32 498 Jrregulair Irrenanstalten s's ! d> Jrregulair, d. i. unregelmäßig, heißt Alles, was von der Ziegel abweicht und dieser zuwider ist. Irre gulaire Naumgesi alten in der Mathematik sind solche, deren Seiten oder Winkel, Ecken und Flächen nicht von gleicher Größe und Gestalt sind, im Gegensätze der regulairen, bei welchen diese alle gleich sind. An» häufigsten braucht man das Wort von ebenen, geradlinigen Figuren. Eine krumme Linie heißt irregulair, wenn sie kein de- stimmtes mathematisch ausdrückbares Gesetz befolgt. Irrenanstalten nennt man Institute, in welche Geisteskranke (s. Geisteskrankheit e n) ausgenommen werden, um diejenige Verpflegung und ärztliche Behandlung zu erhalten, welche ihr Zustand ersodert, insoweit diese von den Mitteln und Einrichtungen der Anstalt gewährt werden kann, wobei natürlich Manches, was zur Heilung von Irren nöthig erscheint, §. B. Reisen, nicht mit inbegriffen sein kann. Die Einrichtung solcher Institute gehört lediglich zu den Wohlthaten, welche die Aufklärung und der Philanthro- pismus der neuern Zeit der Menschheit gewährt haben. War in frühen» Zeiten der Gedanke an solche Anstalten noch gar nicht vorhanden und der Zustand der meisten Geisteskranken völlig abhängig von ehren Angehörigen und darum traurig genug, so dienten auch die seit mehren Jahrhunderten diesen Unglücklichen cröffneten Kranken-, Arbeits-, Gesängen- und Zuchthäuser mehr dazu, diese Art des menschlichen Elends dein Auge der Mitmenschen zu entziehen und in Vergessenheit zu begraben, als es selbst zu mildern, denn gewöhnlich theilten die Irren die Behandlung Derer, für die jene Häuser erbaut waren. Als die erste Irrenanstalt nach den neuern Begriffen ist das St.-Lucashospital in London anzusehen, welches 1751 gegründet und ausschlicßend für Irre bestimmt wurde. Seit jener Zeit, besonders nachdem auch Pinel (s. d.) und Willis ein richtigeres und menschenfreundlicheres Princip der Seelenh eilkundc (s. d.) aufgestellt hatten, sind in dieser Hinsicht in den civilisirten Staaten erfreuliche Fortschritte geschehen, obgleich beiweitem noch nicht hinlängliche Erfahrungen über diesen Gegenstand vorliege»», um die Grundsätze, aufwelchc die Einrichtung einer Irrenanstalt zu basiren ist, genügend fesizustellen. Besonders weichen die Ansichten der beiden Völker, deren Bemühungen die Geisteskranken das Meiste zu danken haben, der Engländer und Franzosen, bedeutend voneinander ab. Während die engl. Irrenhäuser meistens so eingerichtet sind, daß eine strenge Beaufsichtigung der Kranken leicht geführt werden kann und also als Hauptabsicht erscheint, lassen die fron;. Einrichtungen den Irren mehr Freiheit und stellen somit die ärztliche Behandlung an die Spitze ihres Zwecks. Es ist höchst wahrscheinlich, daß auf beiden Seiten zu weit gegangen wird, da eine gehörige Beobachtung und Unterscheidung der Kranken bald zeigt, wie schädlich hierbei jede starre Consequenz sei. Daß eben diese Verschiedenheit der Ansichten auf die äußere und innere Einrichtung einer Irrenanstalt einen durchgreifenden Einfluß haben müsse, ist zu klar, um weiterer Auseinandersetzung zu bedürfen. Im Allgemeinen hat sich durch die Erfahrung als nützlich und nothwendig hcrausgestellt, daß die für heilbar gehaltenen Irren von den unheilbaren, die Männer von den Frauen, daß ferner die verschiedenartigen Kranken, wie die Tobsüchtigen, die Schrcisüchtigen u. s. w., die durch ihren Stand schon sehr voneinander verschiedenen, die noch an andern Krankheiten Leidenden und endlich die Genesenden durchaus zu scheiden sind. Übrigens »nuß, was die Lage, das Baumaterial, die ganze Hauseinrichtung, die Dienerschaft, die Verwaltung und die behandelnden Personen, Ärzte und Geistliche, anlangt, in einer Irrenanstalt nicht nur Übel- Haupt den Foderungen, welche an jedes Hospital zu machen sind, entsprochen, sondern auch in Hinsicht auf Apparate und gewöhnlichen Utensilien noch viele Rücksicht genommen werden, die in andern Krankenanstalten nicht nöthig sind. Besonders ist zu»»» Besten der Geisteskranken für hinreichende und für die verschiedenen Individuen paffende Beichafu- gung zu sorgen, wobei namentlich Feld - oder Gartenarbeit nicht vergessen werden darf. Zn mehren der. neben den auf Staatskosten gegründeten Irrenhäuser zu gleichem Zwecke von einzelnen Ärzten errichteten Privatanstalten finden sich bei der viel kleinern Anzahl der Kranken und der Mittel, welche diese meist besitzen, viele vortreffliche Einrichtungen, welche den öffentlichen noch nicht möglich gewesen ist nachzuahmen. Von den öffentlichen Irrenanstalten sind die berühmtesten in Deutschland: Siegburg bei Bonn, Brieg in Schlesien, Winnenthal in Würtemberg, Sorau in Brandenburg, Sonnenstein und Kolditz in Sach- Irritabilität Irrthum 499 sen, von denen die letztere das erste für Unheilbare ausschließcnd errichtete Irrenhaus war, Achern in Baden und anderwärts; in England Neu-Bethlem in London ; in Frankreich die Salpetriere, Bicetre, Charenton bei Paris und Nonen; in Italien Aversa bei Neapel; in der Schweiz Avenches chei Lausanne. Viele derselben lassen allerdings noch Manches zu wünschen übrig, da sie thcils nach einseitigen Ansichten erbaut, theils aus schon vor- handenen Gebäuden entstanden sind, deren frühere einem andern Zwecke dienende Einrichtung nicht so umgeändert werden konnte, als es die neue Bestimmung verlangte. Eine merkwürdige Art Irrenanstalt ist die Jrrencolonie zu Gheel bei Antwerpen, wo unter die 7566 E. -t—566 Irre mehr zur Pflege als zur Heilung vertheilt sind. Vgl. Roller, „Die Irrenanstalt nach allen ihren Beziehungen" (Karlsr. 1831), und Jacob!, „Über die Anlegung und Einrichtung von Jrrcnheilansialken und Darstellung der Jrrenhcilanstalt zu Siegburg" (Berl. 1834). Irritabilität ist ein von dem engl. Arzte Glisson, gest. zu London 1 677, zuerst gebrauchtes Wort, mit dem er die Fähigkeit der organischen Faser, sich vermöge gewisser Reize zusammenzuziehen, bczeicknete. Insofern durch dieses Zusammcnziehen an und für sich schon eine Bewegung und durch dae Zusammenziehen mehrerFaserbündel eine noch ausgedehntere entsteht, wurde die Irritabilität als der Grund der willkürlichen sowol als der unwillkürlichen Bewegungen angesehen. Bei dieser allgemeinen Bestimmung blieb Glisson stehen, wenigstens erklärte er sich nicht genauer über die Organe, welche Irritabilität und in welchem Grade sie diese besäßen. Später legte der Professor Gorter in Harderwijk gest. 1762, allen Theilen des lebenden Körpers Irritabilität bei, ohne jedoch über die Gesetze, denen diese Kraft unterworfen sei, genauere Bestimmungen zu geben. Dieses that endlich Haller (s. d ), indem er zahllose Versuche über diesen Gegenstand anstellte und daraus seine Schlüsse zog. Nach ihm ist die Irritabilität lediglich eine Eigenschaft der Muskelfaser und äußert sich sonach i» allen Theilen, welche mit Muskelfasern versehen sind. Seine Versuche zeigten ihm, daß das Her; die meiste Irritabilität besitze. Sorgfältig unterschied er davon die Nervenkraft, welche allerdings ähnliche Wirkungen hervorbringe, jedoch von der Irritabilität überdauert werde, indem, wenn man einen Nerven unfähig mache zu wirken, jene sich nicht mehr äußere, diese aber, durch andere Reize erregt, sich ini- mer noch kund gebe. Auch beschrieb er sehr genau die Erscheinungen, welche sich in einem gereizten Muskel zeigen, und gab überhaupt der ganzen Lehre von der Irritabilität die Gestalt, in welcher sie die Grundlage aller neuern dynamischen Theorien geworden ist. Einen weit ausgebrcitetern Umfang jedoch als Haller s Lehre von der Irritabilität hat die nach ihm entstandene von derReizbarkeit (s. d.). Irrlicht, Irrwisch, in Norddeutschland Tückebote, nennt man eine kleineleuch- kende, namentlich in sumpfigen Gegenden häufig verkommende Lufterscheinung von der , Größe einer Lichtflamme, welche durch den leisesten Luftzug fortbcwegt wird, sodaß sie von einem Orte zum andern zu Hüpfen scheint. Da solche Erscheinungen in finsterer Nacht den Wanderer sehr leicht irreleiteten, so hat dies die obigen, sowie manche andere provinzielle Benennungen veranlaßt. In warmen Sommernächten werde» die Irrlichter öfter gesehen als im Winter, und überhaupt sind sie in südlichen und warmen Gegenden häufiger und auch viel größer als in nördlichen und kalten. Ihre Natur ist noch unbekannt; wahr- j scheinlich bestehen sic aus gephosphortem Wasscrsioffgas, welches sich, durch Wärme be- günstigt, aus faulenden Körpern entwickelt und schon durch bloße Berührung der Luft entzündet. — In der Feuerwerkskunst versteht man unter Irrlicht oder Irrwisch eine das- selbe nachahmcnde, zu Lustfeuerwerken angewendete Art Schwärmer, welche nicht zum Weitfliegen, sondern zum sHin- und Herspringen auf der Erde, oder zum abwechselnden. Untertauchen auf dem Wasser, sowie zum Brennen mit abwechselnder hellerer und schwächerer Flamme eingerichtet ist. ! Irrthum heißt ein falsches Urtheil, insofern es für wahr gehalten wird. Veranlaßt «Kd der Irrthum durch den Schein, d. h. durch subjective Verhältnisse, welche statt objecri- ver gebraucht werden. Diesen Schein nannten die Alten species veri, und mit Recht behaupteten sie, daß jeder Irrthum einen solchen Schein voraussetze, weil, wenn der Verstand 32* 500 Jrus Irving (Washington) wirklich einsieht, daß eine Sache nicht gcdenkbar ist, er solche unmöglich für wahrhalten j kann und folglich Niemand das Falsche mit Willen für wahr hält. Dieser Schein besieht > sich entweder auf die logische Form oder auf die Materie des Urtheils. Im ersten Falle ent- ' steht der formelle, im andern der Materie llc Jrrthum. Eine Erkenntnis, die den Ge- ! setzen des Denkens, d. h. sich selbst widerspricht, ist logisch falsch, z. B. wenn man wähnt, ' ein Geist habe Fleisch und Bein. Der materielle Jrrthum bezieht sich auf die von der s»b- jectiven Vorstellung verschiedene Sache und besteht in dem Widerspruche der Gedanken und Urtheile mit den Gegenständen, z. B. wenn die Alten meinten, die Sonne laufe um die Erde. Der formelle Jrrthum läßt sich aus logischen Grundsätzen erkennen, weil er seinen - Widerspruch in sich selbst tragt; der materielle nicht, weil über die Erkenntnis eines be- / stimmten Gegenstands die blos formellen Gesetze des Denkens nicht entscheiden. Formelle , Jrrthümer beseitigt die Logik, materielle die Naturlehre, Geschichte und andere Wissen- schäften. Verknüpft man mit einem Jrrthumc mehre andere, deren Wahrheit man auf jenes erste falsche Urtheil stützt, so heißt jenes erste falsche Unheil der Grund irr thum. ' Das Irren ist allerdings an und für sich menschlich, d. h. als Folge der Beschränktheit des Menschen überhaupt und immer möglich; jeder einzelne Jrrthum aber ist, weil eine Prüfung des Wahren stattfinden kann, ein überwindlicher ferror vincidilis); einen unüberwindlichen Jrrthum (error invincibilis) gibt es nicht; relativ unüberwindlich ist der, welcher unter gewissen Verhältnissen nicht zu vermeiden war. Jrus ist der Name des aus der „Odyssee" bekannten Bettlers aufJthaka, der eigenk- , lich Arnäus hieß und von den Freiern der Penelope zur Ausrichtung verschiedener Aufträge benutzt wurde. Als Odysseus bei seiner Rückkehr, selbst als Bettler gekleidet, seiner Wohnung sich näherte, um jene Zudringlichen zu überraschen, suchte I- ihm den Eingang z'u verwehren und foderte den Odysseus zu einem Zweikampfe heraus, in welchem I., da er zwar groß von Körper, aber schwach an Kraft war, erschlagen wurde. Seine Armuth ging schon bei den Alten, besonders im Gegensätze zum Reichthume des Krösus (s. d.), ins Sprüchwort über, und so sagen wir noch gegenwärtig: „Arm wie Jrus." Irving (Edward), Stifter der Jrvingisten, geb. 1 792 zu Annan in der schot. Grafschaft Dumfries, wurde 1810 Lehrer der Mathematik zu Haddington, >812 Director des Gymnasiums zu Kirkaldy, später Gehülfe des Pfarrers Chalmers in Glasgow und seit 1822 Prediger an der schot. Nationalkirche in London, wo seine Vorträge die Wiedereinführung der ursprünglichen Kirchenverfassung aus der apostolischen Zeit zur Tendenz hakten. Als er darauf 1827 anfing, von dem gewöhnlichen Glauben abweichende Ansichten über die menschliche Natur Christi zu verkünden und sich nicht nur in seinen häuslichen Andachtsübungen, sondern seit 1831 auch in der Kirche sogar bis zu mystischen Gaukeleien und chiliastischcn Erwartungen verflieg, sah sich das Presbyterium veranlaßt, cinzuschrei- ten und ihn endlich, da alle Mahnungen fruchtlos blieben, 1832 seiner Stelle zu entsetzen. ! Da er nichtsdestoweniger fortfuhr, der um ihn versammelten Schar von Anhängern in gleichem Sinne zu predigen, wurde er >833 von der schot. Generalsynode ausgestoßen. Er starb in Glasgow zu Anfänge des I. 1835. Die von ihm gestiftete kirchliche Sekte, wenn auch klein an Zahl, besteht noch, und bildet nach den sieben Sternen der Offenbarung sieben Gemeinden mit sieben Vorstehern. J.'s Vorträge erschienen als „Oracles ok 6»el" (Lond. 1822) und „Lermons, lectnres ailckspeeelles" (3Bde.,Lond. 1828). Vgl.Hohl, „Brucb- ! stücke aus dem Leben und Schriften J.'s" (St.-Gallen 1839). Irving (Washington), einer der geistreichsten amerik. Schriftsteller, geb. 1781 ,n Neuyork, studirte daselbst seit >800 im Columbia-College und machte dann, von der Schwindsucht bedroht, eine zweijährige Reise durch Italien, die Schweiz, Frankreich, Holland und England, von der er genesen wiederzurückkehrte. In der literarischen Aelt machte er sich zuerst bekannt durch „Retters ok äonstkan OI6«t)Ie" in der von seinem altern Bruder zu Neuyork herausgcgebenen Zeitschrift „lilornii^ckronicle", die später gesammelt wurden (deutsch von Spiker, Berl. 1821), und durch die Herausgabe der humoristischin , Zeitschrift „SsImoFuncki", aus der er die von ihm herrührenden Beiträge nachher unter dem < Titel „8aImaKUll(!i, or tko vllim>v->M3 anel opiklioiis Osl.unncelotl.km^ztall-tNil otder- (Lond. 1823) besonders abdrucken ließ. Hierauf schrieb er seine „Listor^ »s >0" H 501 . Isaak Isabella von Castilien b^Dieäricb KniclcerbncLor" (deutsch, Lpz. 1525). Gleichzeitig studirte er die Rechte, gab aber bald den Gedanken auf, Sachwalter zu werden, und trat mit seinen Brüdern in Handelsverbindung. Als diese durch den Krieg mit England >5 l2 unterbrochen wurde, diente er als Adjutant des amcrik. Generals Tompkins. Nach dem Frieden trat er in sein kaufmännisches Geschäft zurück. Auf einer Geschäftsreise in England im I. 1815 sammelte er Stoff zu Schilderungen des gesellschaftlichen Lebens der Engländer, die er, als seine kaufmännische Laufbahn mit dem Verluste seines Vermögens geendigt, in seinem „Sleetck- lwnie os Osnllrnx Ouxnn" (2 Bde., Land, und Neuyork 182»; deutsch von Spiker, Berl. > 825) veröffentlichte. Hierauf reiste er wieder nach Europa und schrieb in Paris „krace- bmlge llall, or Ibe lmmorists" (2 Bde, Lond. 1823; deutsch, Berl. 1826). Im Sommer 1822 besuchte er die Nheingcgendcn, lebte dann einige Zeit in Prag, hierauf in Dresden und kam 1824 nach England, wo er seine ,,'VaIes of a travelier" (2 Bde., Lond. 1824; deutsch, Berl. 1825) erscheinen ließ. Nachdem er unmittelbar darauf Südfrankreich bereist haste, ging er 1825 nach Spanien, wo c-r während eines vierjährigen Aufenthalts sich die genaueste Kenntniß dieses Landes verschaffte und die auf die Geschichte der Entdeckung Amerikas sich beziehenden Schriften und Manuskripte im Escurial aufsuchte. Die erste Frucht dieser Studien war „llistor^ of tiie like an«1 vo^s^es of Obristazrber <7olum- bu8" (4 Bde., Lond. 1828—30; deutsch, Franks. 1828), die er nachmals in den „Voyages siul liiscoverie» of tb« cnmpanions ok <7ol»mbu8" (Lond. >831; deutsch im Auszüge, Stuttg- >833) ergänzte. Span. Chroniken und die Handschriften des Antonio Agapida gaben ihm sodann den Stoff zu dem „(Rronielo of tiie conc;uest of 6rana832) schrieb. Jm Z. 1832 kehrte er nach Amerika zurück und lebte nun in Washington, bis er die Botschaftcrstelle am madrider Hofe übernahm. Inzwischen erschienen von ihm „Ms- cellimioz" (3 Bde., Lond. I 835—36) enthaltend: „V tour on tiie prairie-i", „^bbotrforck sixi bievesteack-^bbex" und „IwFenrls of tke congue8t of 8puii>"; „^clventurss of<Äp- toillLolmeviile" (3Bde., Lond. 1837) und „8ketck-lioole" (Lond. 1839; deutsch,Hamb. 1840). Eine vollständige Sammlung seiner Werke mit Biographie erschien 1834 in Paris (deutsch; 74 Bde., Franks. 1826—37). Zsäak, Abrah am's (s. d.) Sohn, mit der Sara erzeugt, da beide schon in hohem Alter waren, sollte von seinem thatkräftig gläubigen Vater in frommerHingebung aufdem heil. Berge Moria geopfert werden, entging aber diesem Schicksale durch Gottes Veranstaltung, indem Abraham bei dieser Gelegenheit das göttliche Verbot der Menschenopfer empfing. Ein Patriarch, von Charakter milder und weicher als Abraham, und reiner und edler als sein Sohn Jakob, zog er nomadisircnd auf Kanaans und Philistäas Weideplätzen umher, doch versuchte er schon mehr als seine Vorfahren den Landbau. Durch seine Ver- hcirathung mit Rebekka aus Mesopotamien setzte ex die Verbindung mit dem Stammlande der Familie fort. Seinem jüngcrn Sohne Jakob (s. d.), der ihn auf Anstiften der Ne- bekka täuschte, gab er den Segen des altern, Esau (s. d.). Seine Verheirathung mit Rebekka hat Karoline Pichler in ihren „Biblischen Idyllen" besungen. Isabella von Castilien, Königin von Spanien, die Tochter König Johann's II. von Castilien und Leon, gcb. am 23. Apr. 1451 und seit 1469 mit dem Könige Ferdinand V. oder dem Katholischen von Aragon (s. Ferdinand) vermählt,' bestieg nack dem Tode ihres Bruders, Heinrich's IV., unter Ausschließung ihrer ältern Schwester Johanna, >174 dem Thron von Castilien. Noch bei Lebzeiten ihres Bruders hatte sie die Stände des Reichs so zu gewinnen gewußt, daß ein großer Thcil derselben nach dem Tode Heinrich's IV. sich für sie erklärte; die Zustimmung der übrigen erzwang sie durch die siegreichen Waffen ihres Gemahls in der Schlacht bei Toro im I. 1476. Nachdem in solcher Weise die Reiche Castilien und Aragon vereinigt waren, nannten sich nun Ferdinand und 3- König und Königin von Spanien. Mit der Grazie und Liebenswürdigkeit ihres Geschlechts verband I. den Muth eines Helden, die tiefe Staatsklugheit eines Ministers, den Scharfsinn eines Gesetzgebers und die glänzenden Eigenschaften eines Eroberers. Sie way 502 Jsabella U. (Königin von Spanien) Zsabey stets bei den StaatSvcrhandlungen gegenwärtig und hielt streng daraus, daß in den öffentlichen Verordnungen neben den Namen ihres Gemahls auch der ihrige gesetzt wurde. Als die höchste Aufgabe ihrer Regierung betrachtete sie die Vertreibung der Mauren (s. d.) aus Spanien, und auch die Unterstützung, welche Colombo (s. d.) fand, war meist ihr Werk. In allen ihren Unternehmungen stand ihr der staatskluge Cardinal -kimenes (s.d.) zur Seite. Man hat ihr Härte, Stolz, Ehrgeiz und eine ungemessene Herrschsucht vorgeworfen, aber diese Fehler förderten das Wohl des Reichs nicht weniger als ihre Tugenden und Talente. Ein Geist wie der ihrige war nöthig, den Übermuth der Großen zu demüthi- gen, ohne sie zu empören, Granada zu erobern, ohne die Horden Afrikas nach Europa zu locken, und ihre durch schlechte Verwaltung entarteten Unterthanen der Laster zu entwöhnen, ohne das Leben rechtschaffener Leute in Gefahr zu setzen- Durch Einführung eines strengen Hofccremoniels wußte sic den zahlreichen übermüthigen Adel von der Person des Königs zu entfernen und ihm somit jeden verderblichen Einfluß auf diesen zu benehmen. Das Faustrecht, welches bis dahin geherrscht hatte, stürzte sic durch Behauptung eines allgemeinen Landfriedens (s. Hcrmandad), sowie durch Einführung einer schnellen Rechtspflege. Papst Alexander VI. bestätigte beiden Gatten den Titel Katholische Majestät (s. d.), dessen sie sich durch ihren Eifer für die katholische Kirche würdig bezeigten. Weniger jedoch der Eifer für diese als die Absicht, ein politisches Verfolgungsinsiitut zu begründen, veranlaßtc sic, in Spanien die Inquisition (s. d.) cinzuführen. Der Tod ihres Sohnes Don Juan, Prinzen von Asturien, und ihrer Tochter, der Königin von Portugal, trübten ihre letzten Rcgicrungsjahrc. Sie starb zu Medina del Campo am 2ti.Nov. 150s, nachdem sie ihrem Gemahl, auf welchen sie stets sehr eifersüchtig war, den Schwur abgenommen hatte, sich nicht wieder zu verheirathen. Jsabella ll. (Maria Luise), Königin von Spanien, geb. am 10. Oct. 1830, istj die Tochter König Ferdinand's VIl. (s. d.) mit seiner vierten Gemahlin Marie Christine (s. d.). Da Ferdinand VII. keinen Sohn hatte und zufolge der bestehenden Thronfolgeordnung nach seinem Tode die Krone seinem Bruder Don CarloS (s. d.) zugefallcn wäre, hob er bei der Aussicht auf einen aus seiner vierten Ehe zu erzielenden Lcibeserbcn das sogenannte Salische Gesetz (s. d.) unterm 29. Mär; 1830 auf, wodurch die ihm nachmals geborene Tochter zur Thronerbin wurde. Für den Fall seines Todes ernannte Ferdinand VIl. in seinem Testamente seine Gemahlin bis zur Volljährigkeit seiner Tochter zur Vormünderin derselben und zur Regcntin des Reichs. Dieser Fall trat bereits am 29. Sept. 1833 ein, worauf Marie Christine im Namen ihrer Tochter als Königin-Rcgentin an die Spitze der Regierung trat. Nachdem aber der durch den Prätendenten Don Carlos und seiner Anhänger entzündete Bürgerkrieg durch Espartero's(s. d.) siegreiche Waffen gedämpft war, sah sich die Königin-Regentin genöthigt, am 10. Oct. 1810 abzudankcn und Spanien zu verlassen, worauf Espartcro zum Regenten, und Arguelles (s. d.) zum Vormund der Königin erwählt wurden. Doch auch Espartcro war es nicht Vorbehalten, den Tag der Volljährigkeit der jungen Königin (19. Oct. 1811) in Spanien zu sehen und die vom Volke erhaltene Vollmacht in die Hände desselben zurückzugeben. Durch ein unnatürliches Bündniß der Republikaner oder Progressisten und der Christinischen Partei gestürzt und flüchtig, ernannte zunächst die neue provisorische Regierung an Arguelles' Stelle Castanos (s.d.), Herzog von Baylen, zum Vormund der Königin; doch schon am 8. Nov. 1813 wurde dieselbe durch Beschluß der neuen Cortes für majorenn erklärt. Seitdem hat man sich cifrigst sowol von Seiten der Parteien wie der auswärtigen Mächte mit Heirathsprojecten für die Königin beschäftigt, die aber zur Zeit insgesammtgeschciterlsind. Noch mehr Besorgniß als die Verheirathung erregte der schwächliche Gesundheitszustand der Königin und ihr öfteres Unwohlsein. Ihre einzige Schwester ist die Infantin Marie Ferdinande Luise, geb. am 30. Jan. 1832. Jsabey (Jean Bapt.), berühmter sranz. Miniaturmaler,, geb. zu Nancy um 1H0, hatte David zum Lehrer. Durch seine außerordentlich geschmackvollen, in Farbe und Charakter trefflichen Miniaturarbeiten zog er die Aufmerksamkeit Napolcon's schon zur Zeit des Consulats auf sich und gehörte sogar später zu dem vertrauter» Kreise des Tuilcrien- Hofs. Dir Porrraitirung des Kaisers und der kaiserlichen Familie war lange Zeit beinahe Jsagoqe Isarrre 503 ein Monopol für ihn, und um nur einigermaßen den von allen Seiten cinlaufendcn Bestellungen zu genügen, hatte er zugleich vier bis fünf Ateliers. Übrigens war er nicht bloS im Portrait thätig; als Cabincks- und Ccremoiiieninaler des Kaisers und als Direktor der Dccorationen der Oper und der Hoffeste malte er auch militairische Aufzüge und Feierlichkeiten, sowie treffliche Architekturbilder und Landschaften. Selbst Porzellanmalerei übte er; auch hat er manche Blätter selbst lithographirt. Sein Verdienst gestattete ihm, sich einen Palast mit fürstlicher Pracht cinzurichlen. Namentlich gewann er viel Geld mit dem Prachtwerk über die Krönung Napolcon's und mit Darstellungen mehrer anderer Momente aus dem Leben des Kaisers. Nach der Restauration wurde er Hofmaler Lud- wig's XVIII., was er auch gegenwärtig bei Ludwig Philipp noch ist. Seine Portraits deS Kaisers sind die ähnlichsten, da er, in der Umgebung desselben lebend, ihn beständig beobachten konnte. Übrigens hat er nicht nur alle Glieder der jüngern und der altern Linie der Bourbonen, sondern auch fast alle curop. Monarchen gemalt. Unter seinen Landschaften ist „I.a barque" die berühmteste, und unter seinen Architekturbildern die Treppe des Louvre eine der meisterhaftesten Aquarellen. — Sein Sohn, Eugene I-, genießt als Marinemaler einen großen Ruf. Die einfache Naturwahrhcit in seinen Bildern steht in einem wohl- khätigen Gegensatz zu der Effekthascherei einigersciner Schulgcnossen. Der Feldzug in Afrika im I. 1830, welchem er als Marinemaler beiwohnte, gab ihm Stoff zu einigen seiner vorzüglichsten Sccbilder, auch das Schmugglerleben hat er in trefflichen Ecnrestücken geschildert. Seine Technik ist fein und durchdacht, und der Ton seiner Bilder fast sprüch- wörtlich berühmt. Jsagöge, d. i. Einleitung, nennt man gewöhnlich denJnbegriffvonVorkenntniffen, die zu dem Studium eines größer» wissenschaftlichen Ganzen nöthig sind. Der ältere Sprachgebrauch bezeichnet! damit häufig Das, was wir jetzt die Darstellung einer Wissenschaft nennen, jedoch mit besonderer Rücksicht auf das Bedürfniß der Lernenden. Jfambert (Frank. Andre), historischer Rechtsgelchrtcr, Praktiker und Deputirter, gcb. zu Aunay im Departement der Eure und Loire am 30. Nov. 1792, ein Zögling des Grafen Lanjuinais, wurde >818 Advocat und nach der Zulirevolution Rath am Cassr- tionshofe. In der Kammer hielt er sich stets zur liberalen Opposition. Positiv hat er besonders als Bevollmächtigter der Colonien gewirkt, für die er unter der Restauration bedeutende legislative und administrative Verbesserungen hervorrief. Weniger richtet er durch seine alljährlich wiederkehrenden Reden gegen die katholische Kirche und den KleruS aus.. Als Advocat beim Cassationshofe fand I. vielfache Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Berühmt sind seine „dlemoires ;>831). Als historischer Jurist hat er sich durch sein „kecueil general cke» aucieimes luis tranh. ckepuis I'origme ruckeuce". Isar, ein reißender Bcrgstrom, der im nördlichen Tirol entspringt, nach Baiern hin- abstürzt, wo er viele Inseln bildet, an München vorübcrflicßt und, nachdem er eine Anzahl kleinerer Nebenflüsse in sich ausgenommen, sich bei Deggendorf in die Donau ergießt. Nach ihm ist das Jsarmoo s, eine 7 V, M. lange und )) M. breite Haidcstrecke zwischen Jsar- cck und der Donau, benannt. Der nach ihm benannte Isar kreis heißt jetzt Oberbaiern. Jsaure (Cle'mence), die Wiederhcrstellerin der 3 LUX IIorau X (s. d.) zu Toulouse, geb. 1464 aus dem väterlichen Schlosse in der Nähe von Toulouse, verlor ihren Vater Lu- dovicI., der im Kampfe fiel, schon in ihrem fünften Jahre. Von ihrer Mutter dem Kloster geweiht, zeigte sic von Jugend auf entschiedene Vorliebe für Musik, Dichtkunst und 594 Jsaurien JSchia Blumen. In sprachloser Minne verlebte sie glückliche Tage mit dem Troubadour Raoul, dem natürlichen Sohne des Grasen Raimund von Toulouse, bis Vater und Sohn gegen Kaiser Maximilian I. zum Kampfe zogen, in welchem sie fielen. Mit Freuden sprach I. nun das Klostcrgelübde aus; hoch fortwährend der reinen Sängerliebe gedenkend, erneuerte sie zum Andenken derselben das schon lange nicht mehr gefeierte Sängerfest unter dem Namen deräeux tlnraux, indem sie zugleich die fünf Blumen, das Veilchen, die Lilie, dasTausend- sckön, die wilde Rose und die Ringelblume, die ihre Minnesprache gebildet hatten, in Gold und Silber nachgebildet, zu Dichterpreisen bestimmte. Sie selbst war Meisterin in der so- genannten fröhlichen Kunst (gai ruvoir oder sciencs), und ihrer Frühlingsode bei der ersten Prcisvertheilung verdankt sie den Namen der toulousischen Sappho. EineMarmor- statuc in Toulouse ist noch gegenwärtig ihrem Andenken gewidmet. Jsaurien, eine Landschaft im Süden von Kleinasien zwischen Pamphylien und §i- lieien, war im Alterthume durch die Raubsucht seiner Bewohner ebenso sehr gefürchtet als berüchtigt. Die Jsaurier nämlich, welche schon frühzeitig alsPiratendas ganze Mittelmeer beunruhigten, bildeten hier und in dem angrenzenden rauhen Cilicien einen eigenen Freistaat und traten namentlich seit dem ersten Kriege gegen Mithridates, 87—84 v. Chr., der sich mit ihnen gegen die Römer verband, kühner und verwegener auf. Selbst nachdem von Nom aus der Krieg gegen sie beschlossen war und der Proconsul P. Servilius, der deshalb den Beinamen Zsauricus erhielt, in einem dreijährigen Kampfe von 78—75 v. Chr., mehre Punkte nebst der Hauptstadt erobert und zur röm. Provinz gemacht hatte, trieben sie ihr unedles Handwerk fort, bis Pompejus, durch eine zahlreiche Flotte unterstützt, im I. 67 v. Chr. sie in ihren verborgensten Schlupfwinkeln aufsuchte und gänzlich schlug. Doch wurde auch durch diese Niederlagen für die Folgezeit ihre Macht nicht völlig gelähmt, denn im 3. Jahrh. v. Chr. stellten sie unter Gallienus den C. Annius Trcbellianus an ihre Spitze, wurden zwar von Probus besiegt, nahmen aber später wieder die meisten röm. Küstenstädte Ciliciens weg und plünderten noch im 5. Jahrh. v. Chr. Seleucia in Syrien, seit welcher Zeit sie aus der Geschichte verschwinden. Ihre Hauptstadt Isaura, welche nahe am TauruS lag, wurde nach Alexander's Tode von Perdikkas, später von dem röm. Proconsul Servilius zerstört, unter Augustus von Amyntas, dem Könige Galatiens, in der Nähe ihrer früher» Lage wieder aufgebaut und dient gegenwärtig in ihren Trümmern zum Raubneste. Zsälls, ein attischer Redner, aus Chalcis in Euböa, nach Andern aus Athen, wohin er wenigstens schon frühzeitig kam, lebte in der ersten Hälfte des 4. Jahrh. v. Chr. bis nach 357. Seine Lehrer waren Lysias und Jsokrates; er selbst errheilte dann, abgezogen von Staatsgeschäften, Unterricht in der Beredtsamkeit, namentlich auch dem Demosthenes, und schrieb gerichtliche Reden für Andere. Von seinen 56 Reden haben sich nur elf erhallen, die sich durch einfachen und oft kräftigen Stil empfehlen und meist Erbschaftsangelegenheiten betreffen. Sic finden sich in den Sammlungen der „Orators« attici" von Reiske (12 Bdc., Lpz. 1776—75), J.Bekker(5Bde.,Berl. 1823—24), und Baitcrund Sauppe (Zür. 1846). Eine besondere, sehr gute Ausgabe besitzen wir von Schömann (Greifsw. 1831), eine deutsche Übersetzung von Demselben (2 Bde., Stuttg. 1836) und eine stanz, von Auger (Par. 1783). Vgl. Liebmann, „Os Isaeai vitr» st scriptis" (Halle 1831). Jöchta, bssi den Alten Än aria genannt, eine kleine Insel vulkanischen Ursprungs, am Eingänge des Meerbusens von Neapel, südwestlich vom Vorgebirge Misene, ist sowol ihrer beizenden Lage als ibrer Fruchtbarkeit, ihres trefflichen Weins und ihrer heißen Bäder wegen berühmt. Sie hat einen Flächcnraum von 1 '/» IHM. und gegen 24606 E. Der höchste Berg der Insel ist der 1866 F. hohe Vulkan Epomeo, auch Monte San-Ni- colo genannt, der erst im 14. Jahrh. aufgehört hat, thätig zu sein und gegenwärtig, ziemlich auf seinem Gipfel, ein Kloster trägt. Die Hauptorte sind Ischiaan der Ostküste, mit 366 E. und einem bedeutenden Hafen, der durch ein hochliegendes Castell beschützt wird, und Foria an der Westküste, von wo die Landesproducte ausgeführt werden. Die berühmtesten Bäder sind die von Casam icciola mit einem Hospital, worin 366 Kranke unentgeltlich verpflegt werden, die Dunstbäder von Castiglionc, San-Lorenzo und Santa- Rcstituta bei dem Dorfe Lecco. Die ersten Bewohner der Insel, die Euböer, wurden gleich Pen Syrakusanern, den nachfolgenden Besitzern derselben, durch heftige Ausbrüche deS Ischl Isenburg 505 Exomeo vertrieben. Lange blieb nun die Insel unbewohnt, bis die benachbarten Neapolitaner sie mit neuen Kolonisten besetzten, die aber bald unter die Herrschaft der Römer sich beugen mußten. Wie überhaupt mehre reiche Römer auf I. ihre Landsitze hatten, so hatte auch dcrKaiser Augustus daselbst einen Palast, dessen Trümmer noch jetzt vorhanden sind. Zn der Nähe liegt die Insel Procida, welche, ebenso fruchtbar wie jene, auf'/, OM. >5000 E. zahlt. Wegen einer im Alterthum auf I. und Procida einheimischen Affenart, gab man beiden Inseln zusammen den Namen Pithecusä. Ischl, ein Marktflecken im oberöstr. Salzkammergut (s. d.), am Traun, 1588 F. über dem Meere gekegen, mit 2000 E. und den großen Salzwerken in der Nähe, wurde noch insbesondere durch die seit >822 daselbst eingerichteten Soolbäder berühmt, welche jetzt jährlich von mehr als >000 Badegästen besucht werden. Besonders wirksam sind die Sooldunstbäder, welche man über der großen Salzsicdepfanne angebracht hat. Auch ist eine kräftige Salzquelle im Orte. Die Umgebungen J.s sind so reizend, daß cS der Lieblingsort des östr. hohen Adels geworden ist. Vgl. „I. und seine Soolbäder" (Wien >826); Weidemann, „Der Führer nach und um I." (Wien >834). Jsögrim, eigentlich Jsangrim,d.h. scharf, grausam wie das Eisen oder Schwert, ist in der deutschen Thiersage (s. Reineke Fuchs) der Name des einen ihrer beiden Haupthelden, des Wolfs. Ein lat., in Südflandern verfaßtes Gedicht des >2. Jahrh., das diesen, doch unzweifelhaft weit altern Namen trägt und seinem Inhalt nach später in den lat. „Reiimrckus" verarbeitet worden ist, hat Jak. Grimm in seinem „Neinhart Fuchs" (Berl. >834) herausgegeben. Iselin (Isaak), ein geistreicher philosophischer Schriftsteller, geb. zu Basel am 17. März >728, der Sohn Jak. Christoph J.'s, der ebenfalls als historischer und politischer Schriftsteller bekannt ist und >737 als Professor der Theologie zu Basel starb, stu- dirte die Rechte in Göttingen, wo er auch als Doctor promovirte und ging dann zu seiner weitern Ausbildung auf Reisen. Nach der Rückkehr in seine Vaterstadt wurde er >754 Mitglied des Großen Raths und >750 Rathsschreiber, in welcher Eigenschaft er sich bei treuer und eifriger Abwartung seines Amts große Verdienste erwarb. Er starb zu Basel am >5. Juni 1782. Sein Hauptwerk ist die „Geschichte der Menschheit" (2 Bde., Zur. >704—70). Nächstdem sind zu erwähnen seine „Vermischten philosophischen Schriften" (2 Bde., Zür. >770) und seine „Ephemeriden der Menschheit" (7Bde., Bas. >776—82), die R. Z. Becker bis > 7 86 fortsetzte. Vgl. S. Hirzel, „J.'s Denkmal" (Zür. >782). Isenburg, eine Standesherrschaft im Großherzogthum und Kurfürstenthum Hessen, von >5 OM. mit 50000 E-, großentheils gebirgig, liefert Getreide, Flachs, Taback und viel Holz, auch Eisen und Salz und hat treffliche Viehzucht und Fischerei. Die bedeutendste Stadl ist Offenbach (s. d.). — Die gegenwärtigen Fürsten und Grafen von Isen - bürg, von deren Stammburg in dem gleichnamigen Flecken in der Nähe von Koblenz sich nur wenige Ruinen erhalten haben, gehören zu den ältesten deutschen Dynastengeschlechtern, deren die Geschichte erwähnt. Als der älteste geschichtlich beglaubigte Ahnherr des Hauses erschien H einrich Grafv on I. um >290. Nach vielfachen Spaltungen der Familie in verschiedene Linien und mehrfachen Theilungen des Besitzthums wurde > 7>2 das Erstgeburtsrecht eingeführt. Damals bestanden bereits die beiden noch gegenwärtig fortblühenden Hauptlinien J.-Offenbach-Birstein und J.-Büdingen, gestiftet von den Söhnen Wo lfg. Ern st's, gest. >633, nämlich jene von Wolfg. H einr., gest. 1635, dicsevon Joh. Ernst, gest. >685. Die erste theilte sich in die Speciallinien J.-Offen- bach, die aber schon wieder mit ihrem Begründer, Joh. Phil., >718 erlosch, und J.- Birstein, die in der Person Wolfg. ErNst's I., der auch Offenbach ererbte, von Kaiser Karl VII. in den Neichsfürstenstand erhoben wurde, während Wolfg. Ernst's jüngerer Bruder, der Graf Wilh. Moritz, mit Philippseich paragirt, die noch vorhandene Nebenlinie 2--P hilipp seich gründete. J.-Birstein hatte eine Stimme im wetterauischen Grafen- cvllegium, wie bei dem obcrrhein. Kreise. Durch seinen Beitritt zum Rheinbunde erlangte der Fürst Karl von J.-Birstein >806 nicht nur selbst dieSouverainetät, sondern auch die Oberhoheit über die Besitzungen von J.-Büdingen, ingleichen über die der Grafen von Schönborn-Heusenstamm und Lerchenfeld. Durch die wiener Congreßacte wurde das Für, 506 Iserlohn Isis stcnthum >815 als mediatisirtes Land unter die Sou'/crainetät des Kaisers von Ostreich gestellt, nachher aber zum größern Theile als Standeßherrschaft der Hoheit des Großherzogs von Hessen untergeben, welcher cs den Provinzen Starkenburg und Obcrheffen ein- vcrleibtc, während er einen Theil davon an Kurhesscn für hanauische Ämter zur Kutscha- digung überließ. Von dem Fürstcnthum I., welches der Kurfürst von Hessen in seinen Titel und sein Wappen ausgenommen hat, besitzt J.-Offenbach-Birstcin unter kurfürstlich und großhcrzoglick Hess. Hoheit zusammen 7'/- UM. mit 1730V E. und 104000 Fl. Einkünften. Der jetzige Standesherr ist Fürst Wolfg. Ernst III., geb. 1708, welcher 182U seinem Vater Ernst folgte und mit der Gräfin Adelheid von Erbach-Fürstenau in kinderloser Ehe lebt. An der Sviße der paragirten Nebenlinie J.-Philippscich steht als Standes- Herr der GrafGeorg Kasimir, geb. 17-94, der den Titel Erlaucht führt und als Chef seines Hauses Mitglied der ersten Kammer der Stände im Großhcrzogthum Hessen ist. Zn der zweiten Hauptlinie I.-Büdingen stifteten die vier Söhne des Stifters derselben wieder vier Speciallinien, nämlich J.-Büdingcn, J.-Wächtcrsbach, I. zu Meerholz und I. zu Maricnborn, die I725 ausstarb und deren Besitzungen an Z. zu Meerholz sielen. Die erste besitzt unter großherzoglich Hess. Oberhoheit 3'/4 UM, mit 11 OVO E. und 90000 Fl. Einkünften. Der gegenwärtige Standesherr Kasimir Ernst, geb. 1781, wurde 1840 mit seiner gesammten Nachkommenschaft von dem Großherzog von Hessen in den Fürstcnstand erhoben. Der Erbprim, Kasimir Ernst, geb. 1806, ist mit der Gräfin Thekla von Erbach-Fürstenau vermählt. Die Linie I.-Wächtersbach besitzt 2 OM. mit 5600 E. unter größtmöglicher und das Amt Wächtersbach unter knrhess.Oberhoheit. Der Standesherr ist der GrafAdolf, geb. 1705, vermählt mit der Gräfin Philipxine von J.-Philippseich, mit der er einen Sohn, Maximilian, geb. 1824, zeugte. Die Linie I. zu Meerholz, die unter kurhess. Oberhoheit das Amt Mrerholz, unter großherzoglich Hess, das Amt Marienborn und 'unter würtemberg. einen Theil an Limpurg- Gaildorf, zusammen 2 UM. mit 7000 E. besitzt, mit dem Standesherrn, dem Grafen Karl, geb. 1810, steht jetzt im Erlöschungsfalle. Iserlohn, eine wichtige Handelsstadt im" alten Saucrlande der Grafschaft Mark, zum Regierungsbezirk Arnsberg, der preuß. Provinz Westfalen gehörig, am kleinen Flusse Baaren, in einer bergigen Gegend, hat 7500 E-, drei evangelische und eine katholische Kirche und ein Gymnasium. Die Fabriken liefern kurze Eisenwaaren, Messing- und Drahkarbeiten, ferner Siamoisen, Sammetband, Seiden- und Wollcnzeug u. s. w. Mehr ^ als 60 ansehnliche Handelshäuser beschäftigt der Verkehr niit Italien, Frankreich und dem Norden. In der Nähe J.s, im Herzogthum Berg, liegt die Messingfabrik in der Grüne. Isidörus Hispalensis, Bischof von Sevilla (tkigpalis), ein um die span. Kirche sehr verdienter Geistlicher, geb. zu Cartagena in Murcia, gest. 636, lieferte in seinen „8en- tentiarum 5>ve cle SIIMINO Onno likri III" eine Art Glaubenslehre nach den Aussprüchen der ältern Kirchenlehrer, und in seinen „Origiunm xeu et^molvFisrum libri XX" eine Ar! Encyklopädie, auch mehre grammatische, historische und theologische Schriften, wie «liüorentiis verirorum libri III", „iHnniiz-innrum libri II" und „lüber glnssarum"; das „Obronicon »sgiie ae sie denn selbst unter der Gestalt derselben verehrt oder wenigstens mit Kuhhörnern ab- ' gebildet wurde; ja nach dem einen Mythus wurde sie sogar als junge Kuh durch einen Strahl vom Himmel (Osiris) schwanger und Mutter des Apis; daher vermischten die siechen, seit sie den ägypt. Jsisdienst kennen lernten, hiermit ihre Mythe von I o (s. d.). Die Kühe aber wurden in Ägypten deshalb so heilig gehalten, daß keine geschlachtet oder 5N8 Jsistafel Isla geopfert, noch weniger ihr Fleisch gegessen wurde, indem man sie gewissermaßen fürIncar- Nationen der I. ansah; starb eine, so wurde sie feierlich in den Nil begraben. Die I. wird in einem knapp anliegenden Unterkleide dargestellt, mit der ägypt. Haube auf dem Haupte, welcher die Kuhhörner und eine Scheibe dazwischen nicht fehlen; außerdem erkennt men sie an dem Lotos (s d.), über dem Scheitel und dem Sistrum (s. d.) in der Hand. Spätere röm. Künstler gaben ihr fast alle Attribute weiblicher Gottheiten; doch sind die Bilder, wo sie den Horus säugt, am häufigsten. Bisweilen wird sie auch, gleich der kleinasiat. All- mutter, der Cybele, der ephesischen Diana, der sic ihrer mythologischen Bedeutung nach sehr ähnlich ist, mit einer Menge von Brüsten dargestcllt. Später erhielt sie bei den Römern in Gesichtsbildung, Gestalt und Schleier einen Junonischen Charakter; nur an dem Mantel, der auf der Brust in einem Knoten zusammengeschlungcn ist, dem mitFranzen besetzten Schleier und ihren übrigen Attributen erkennt man noch die nichtröm. Göttin. Die I. wurde, wie der Osiris, in ganz Ägypten, vorzüglich aber in Memphis, mit vielen gcheimnißvollen Ceremonien und Diensten verehrt. Jährlich wurde ihr nach dem Winter- solstitium ein großes zehntägiges Fest gefeiert, welches in einer allgemeinen Reinigung bestand. Von Ägypten ging ihr mysteriöser Cultus nach Griechenland, vorzüglich aber »ach Nom über, wo er in den später« Zeiten der Republik aufkam. Wegen der Menge Mis- bräuche, die mit dem Jsiscultus in Rom, wo er ganz den Charakter eines Geheimdienstes hatte, verbunden waren, wurde er anfangs daselbst verboten, und mehrmals schritt der Senat dagegen ein.' Dessenungeachtet griff er immer mehr um sich und fand bei der sittlichen Verdorbenheit der später» Römer immer zahlreichere Änhänger, sodaß am Ende der Kaiser Augusius ihn völlig freigab und unter der Kaiserregierung die Jsistempel die Freistätten der größten Ausschweifungen wurden. Jsistafel (A-lensa Isiaca, auch TabiilaLombina), ein altes berühmter ägypt. Denkmal, besteht aus einer mit vermischtem blauen Schmelzwerk überzogenen, kupfernen viereckigen Tafel, mit künstlich eingelegten Silberfäden. Die Hauptfigur ist die sitzende W; der Sinn der übrigen bildlichen Darstellungen aber ist zweifelhaft. Nach der Einnahme Noms im J. 1527 kam die Tafel an den Cardinal Bembo; jetzt befindet sie sich in der ägypt. Sammlung im Museum zu Turin. Durch Äncas Vicus wurde sie zuerst, in Kupfer gestochen, herausgegeben (Vcn. I55S). Isla (Jose Francisco de), ein span. Satiriker, gcb. im Apr. 1713 zu Segovia, nach andern Angaben 1703 zu Villavidane in Leon, zeichnete sich als Mitglied des Ordens du Jesuiten in mehren Klöstern als Lehrer und Prediger aus und ging, nach der Vertreibung der Jesuiten aus Spanien, nach Bologna, wo er im Dcc. >783 starb. Schon in seinem „Trüinlo llel amor etc." (Madr. 1736; 3. Aust. 1803) persiflirte er die anspruchsvollen und doch kleinlichen, von den Deputaten Navarras in Pampelona veranstalteten Festlichkeiten zur Feier der Thronbesteigung Ferdinand's Vl. mit so feiner Ironie, daß diese sein Lob anfangs für Ernst nahmen und ihn mit Dank und Geschenken überhäuften. Einen europ. Nuf und eine bleibende Stelle in der span. Literatur erwarb er sich durch seine unter dem fingirten Namen, Don Franc. Loben de Salazar, herausgegebene „öistoria sei ls- inuso preckicstlor Lraz? 6er»n cko Oamparas, alias Dotes" (Madr. 1758), in derer, nach dem Vorbilde des Cervantes, in dem ironisch dargestellten Lebenslaufe seines Helden die svan. Prcdigermönche jener Zeit als geschmack- und sinnlose Erbauungsredner in solcher Weise persiflirte, daß das Buch von der Inquisition verboten und der zweite Theil eyr 1^70 mit dem fingirten Druckorte Oampsras (d.j. Madrid), „a costa cls coskereclero-öe Lra^ tilerunclio" erscheinen konnte. Eina-engl. Übersetzung dieses Wecks besorgte Baretti (Land. 1771), und darnach eine deutsche, Bertuch (Lpz. 1773). Inden später» Ausgaben („Ovleccion tle varias pieras relativas ä la obra cle k'r. 6.", 3 Bde., Campazas I8b1; 3 Bde., Madr. 1813; 6 Bde., Lyon 1823 u. öft.) erschien das Werk mit einem dritten Theile bereichert. Eine franz. Übersetzung besorgte F. Cardini (2 Bde-, Par. 1822)- Man hat von I. auch mehre Übersetzungen aus dem Französischen, unter welchen d>e de „6il Lias" von Lesage (s. d.), die er schon 1781 vollendet hatte, die aber erst nach seinem Tode (7 Theile in 3 Bdn., Madr. 1797, 3. und öft.) erschien, die merkwürdigste ist, wocm nämlich I. behauptete, daß dieser Roman schon 1635 von einem Spanier verfaßt woroeii 5«9 Islam Island sei, der sich, deshalb angeklagt und verfolgt, mit einer von Lesage später benutzten Abschrift „ach Frankreich geflüchtet habe, wo er 1640 gestorben. Nach seinem Tode erschienen auch seine „(lrirtas smnilisres" (6 Bdc., Madr. 1790, 12.), enthaltend seinen Briefwechsel mit seiner Schwester und seinem Schwager, die später in einer Auswahl mit gcgenüberstehen- derfranz. Übersetzung unter dem Titel „Orrssponll-mce (Par. 1804) wieder abgedruckt wurden, und eine Sammlung seiner übrigen nachgelassenen Schriften, „kobnsco (ls^iis obras literarias, asi en prosa como en verso" (2 Bde., Madr. 1797). Islam und Jslamismus, s. Mohammedanismus. Island, die im hohen Norden zwischen dem 63° 35 / und 66° und 3 schichte. Ein kleiner, dürftiger Menschenschlag, erreichen sie selten ein hohes Alter, besonders haben sie an Skorbut und Gicht zu leiden. Merkwürdig ist dieFruchtbarkeitderFrauen, del denen es etwas ganz Gewöhnliches ist, daß sie 12—15 Kinder zeugen. Die Wohnun- 510 Isländisches Moos gen bestehen in niedern mit Moos ausgestopsten und mit Rasen gedeckten Hütten, von Torf oder Lavastücken. Städte und Dörfer gibt es eigentlich gar nicht, indem man sich ganz vereinzelt nach dem Bedürfniß und der Beschaffenheit des Bodens angebaut hat. Fisch, fang, Jagd auf Vögel, Viehzucht, Strumpf- und Handschuhweberei und Handel mit Ei- d erd u nen (s. d.), Wolle u. s. w. bilden die Erwerbsquellen des Isländers. Brot gilt siir einen Leckerbissen des Reichen; aus dem Isländischen Moos bereitet man Mehl, das auf sehr verschiedene Weise verspeist wird; die Hauptnahrung sind getrocknete Seefische, auch genießt man viel Milch. Das Vieh füttert man in schlimmen Zeiten mit gestoßenen Fischgräten. Wenn auch in großer Armuth, so leidet doch der Isländer bei seiner Genügsamkeit für gewöhnlich keinen Mangel; dieser tritt erst dann ein, aber auch um so furch;- barer, wenn vulkanische Ausbrüche die Wiesen überschütten und das Treibeis den Fischfang und das Einlaufen europ. Schiffe verhindert. Die ganze Insel ist politisch nach den Himmelsgegenden in Nord-, Ost-, West - und Südland gctheilt. Der einzige stadtähnlichcOt , ^ Reikiavig an der Westküste, am Faxefiord, der Sitz des Stiftamtmanns und des Bischofs, hat 5—60» E., eine Bibliothek von 4—5000 Bänden, eine Sternwarte und eine Apotheke. Außerdem sind noch Havnefiord, mit einem guten Hafen und einer Gelehrtenschule, und Leirar, nördlich vom Reikiavig, wegen der'einzigen Druckerei aufJ. zu erwähnen. Agl. Eliemann, „Geographische Beschreibung von I." (Altona >824). - Die Insel soll von dem normänn. Abenteurer Nadoddr, der im I. 861 vom Sturm verschlagen hier landete, entdeckt, von ihm des vielen Schnees wegen Sniöland genannt und, nachdem ein Schwede, Namens Flake, daselbst überwintert und sie Island genannt habe, imJ.874 durch zwei andere normänn.Abenteurer, Jngolfr undLeifr, mit normänn. Auswanderern bevölkert worden sein. Eine frühere christliche Bevölkerung, aus Schottland und Irland, scheint diesen Einwanderern bald unterlegen zu sein. Die Nachkommen der letztem lebten mehre Jahrhunderte in einer unabhängigen Aristokratie, während welcher Zeit auch ums I. >000 das Christenthum wieder Fuß faßte, bis es im I. >261 dem König Hakon VI. von Norwegen gelang, dieJnsel seiner Herrschaft zu unterwerfen. Kaum zu bezweifeln ist es, daß Isländer ums I. 932 Grönland und 986 einen Theil von Amerika, den sie Vinlan d (si d.) nannten, entdeckt haben. Die Wissenschaften und Künste, welche im Gefolge des Christenthums in I. einzogen, blühten hier bereits vor der Mitte des >>. Jahrh. und bis in die Mitte des >4. Jahrh. (S. Skandinavische Sprache und Literatur.) Gegen Ende des > -i. Jahrh. kamen Wissenschaften und Künste, welche seit der Einführung der norweg. Herrschaft zu'sinken begannen, in gänzlichen Verfall, doch Hobe» sic sich allmälig wieder, seitdem König Christian III. von Dänemark die Reformation im I. >540 einzuführcn begann, die aber erst >591 völlig zu Stande kam. Im > 7 . Jahrh. wurde dieJnsel zweimal von algicrischen Seeräubern heimgesucht, die >627 und >K8l eine Masse Menschen mordeten und raubten; im 18. Jahrh. hatte sie überhaupt ->3 Jahre Miswachs und >8 Mal Hungersnoth zu ertragen; im I. > 707 starben gegen >'"VU Menschen an den Blattern und >784 auf >785 gegen 9000 vor Hunger. Nichtsdestoweniger bildeten sich seit derMitte des > 8. Jahrh. aufJ. mehre Gesellschaften, die wesentlich zur Verbreitung der Aufklärung und Bildung des Volks beitrugen, die noch gegenwärtig herrschen. Im I. >809, während des Kriegs zwischen England und Dänemark, bemächtigte sich ein zu den Engländern übergelaufener dän. Matrose, Jörgen Jörgenso», der mit einem armirten engl. Handelsschiffe nach Reikiavig gekommen war, der unbewaffneten Stadt und der höchsten Gewalt in I., wurde aber nach anderthalb Monaten, im Aug. > 809, von den Engländern selbst wieder verjagt, gerade als eine gegen ihn gerichtete Verschwörung im Ausbruche begriffen war. In den Jl >824 und 1825 herrschte auf I. abermals große Hungersnoth, namentlich in Folge heftiger vulkanischer Ausbrüche in den vorhergehenden Jahren, und >827 eine heftige Epidemie, die nicht minder zahlreiche Opfer foderte- Dg - Thienemann und Günther, „Nc-ise im Norden Europas, vorzüglich in I. in den I- und >821" (Lpz. >827) und Narrow, „Visit okl. in tke «nmmer <»t' >834" (Lond.I83a)- .3. ; Isländisches Moos nennt man eine Flechte, welche im Norden Europas, in - land, Norwegen und Schweden im Flachlande wächst, in Deutschland aber nur auf hohes» Bergen gefunden wird. Sie besteht aus einem aufrecht stehenden, unregelmäßig geschuh' Jöle de France Jsobarornerrische Linien 511 ten und gelappten, oben graugrünen oder bräunlichen, unten lichtgrauen oder weißen Laube von lederartiger, etwas knorpeliger Substanz. In Nordeuropa dient das Isländische Moos als Nahrungsmittel, indem man ihm einen Theil seiner Bitterkeit mittels Einweichens in Wasser entzogen hat. In der Arzneikunde wird cs bei verschiedenen Brusileiden, langwierigen Katarrhen, Blutspucken und Auszehrung angewcndet und in verschiedener Form gegeben, z. B. als Thee, als Gallert oder auch mit Chocolade verbunden, welche man dann Mooschocolade nennt. Isle de France, ein ehemaliges franz. Gouvernement, welches die in den gegenwärtigen Departements Seine, Oise, Seine und Oise, Seine und Marne, und AiSne enthaltenen Landschaften Hurepoix, Brie francaise, Ealinois, Mantais, Vexin francais, Beauvaisss, Valois, Soissonnais, Noyonnais, Lapnnais und Aunais umfaßte. Es war dieser Landestheil nicht nur das Herz, sondern auch, als Erbland der Capetinger, recht eigentlich der Kern Frar-kreichs, üm welchen die Nachfolger des Gründers der franz. Nationaldynastie im Laufe der Zeit mit ebenso viel Glück als Geschick die Bruchstücke des zersplitterten westfränk. Reichs Karl des Kahlen sammelten und zu einem gleichmäßig orga- nisirten Ganzen formten. Jsle de France hieß eine Zeit lang die östlich von Madagaskar im Indischen Ocean gelegene, im Z. 1715 von den Franzosen in Besitz genommene Insel, die aber, seit sie 1810 unter engl. Herrschaft gekommen, wieder ihren frühem Namen Mauritius (s.d.) erhielt. Jsly, ein kleiner Fluß in Marokko, wurde in neuester Zeit, durch die Schlacht bekannt, welche daselbst der franz. Marschall Bugeaud (s. d.) am 1-1. Aug. 184-1 den Marokkanern lieferte und die ihm als Sieger den Titel eines Herzogs von Jsly einbrachte. Jsmaellten heißen mohammedan. Sektirer, die vom 10 . Jahrh. an in Syrien und Persien hausten und in mehr als einer Form zu freigcistigen Grundsätzen sich bekannten. Sie bildeten einen Zweig der Jmamie, einer Sekte, welche an die Existenz eines einst verschwundenen Jmam's glaubte und behauptete, daß dessen Geschlecht auf geheimnißvolle Weise sich fortpflanze bis zur Ankunft des letzten Jmam's, der sie von der Pflicht der Ge- setzbeobachtung entbinden werde. (S. Imam.) DasEigenthümliche dcrJsmaelitenwar, daß sie nur sieben Imams anerkannten, nämlich Ali, Hassan, Ali Seinolabidin, Mohammed Bakir, Dschafer Sadikund dessen Sohn Jsmael. Bon letzterm leiteten sie ihren Ursprung her und nach ihm nannten sie sich. Trotz mancher Berührungspunkte mit den Assassinen (s. d.), die deshalb auch westliche Jsmaeliten genannt wurden, theilten sie doch nicht den blutdürstigen Fanatismus derselben. Nicht unpassend kann man sie mit den Brüdern »nd Schwestern des freien Geistes (s. d.) vergleichen. Ismail, die Hauptfestung in russ. Bessarabien (s.d.), am Donauarm Kilia gelegen, war vor dem I. 1789, wo Suwarow diese früher türk. Festung durch ein blutiges Bombardement eroberte, noch ungleich wichtiger und zählte damals über 30000 E. Nach jener Zeit lag es lange Zeit in Schutt und Ruinen; erst in neuerer Zeit, seitdem es durch den bukareschter Frieden von 1812 an Rußland gekommen, hob es sich wieder. Gegenwärtig hat es 21908 E. in 238-1 Häusern, zwölf Kirchen, zwei Schulanstalten und 16 Fabriken, wie denn auch bereits 142 Schiffe im I. 1840 in seinen Hafen einlicfen- Vor Kilia und Reni, den beiden andern, andemselbenDonauarm gelegenen Hauptfcstungen undHan- delsstädten in diesem südlichen Theile Bessarabicns, behauptet es beiweitem den Vorrang, da im 1.1838 Kilia nur 6304 und Neni sogar nur 5394 E. zählte. Äsny, eine Standesherrschaft der Grafen von Quadt-Jsny in Würtemberg, von /« OM. mit 2100 E. Die gleichnamige sehr alterthümliche Hauptstadt derselben kam im Jahrh. von den Grafen von Beringen an die Truchseß von Waldburg, erkaufte von letzter» ihre Freiheit und wurde durch KaiserKarllV. 1365 zurNeicbsstadt erklärt. Durch den Reichsdeputationshauptschluß kam sic an die Neichjgrafen von Quakt; als Entschädigung für die an Frankreich abgetretenen Besitzungen auf dem linken Ufer des Niederrhein, und bei der Auflösung des Reichsverbandes im I. 1806 unter würtemberg. Hoheit. Der gegenwärtige Standesherr ist der Erbdrost und Erbhofmeisier des Fürstenthums Geldern und der Grafschaft Zütphen, Graf von Quadt-Jsny, geb. 1783. Jsobarornetrische Linien heißen diejenigen Linien, die man sich durch Orte gczo- 512 Isochron ZsokrateS si r gen denkt, in welchen die jährlichen Mittlern barometrischen Änderungen gleich groß sind; iso thermische oder Isothermen solche, die durch Orte von gleicher mittlerer Temxe- ratur; isotherische oder Jsotheren diejenigen, die durch Orte mit gleicher Sommerhitze und isochimcnische oder Jsochimcncn diejenigen, die durch Orte mit gleicher Winterkälu gehen. Der Urheber dieser Benennungen ist Aler. von Humboldt, welcher zuerst alle diese Linien einer genauen Untersuchung unterwarf. Wen» die Oberfläche der Erde überall dieselbe Kraft besäße, Wärme aus dem Sonnenlichte zu entwickeln, und überdies ohne Echtz- Hungen, ohne Meere u. s. w. wäre, so würden alle Orte von gleicherBreite dieselbe mittlere Temperatur, dieselbe Sommerhitze und dieselbe Wintcrkältc haben und die genannten drei Gattungen von Linien würden dem Äquator parallel laufen. Da dieses aber der Fall nicht ist, so lausen auch die genannten Linien nicht nur dem Äquator nicht parallel, sondern sie weichen selbst voneinander sehr bedeutend in der Gestalt ab. Wie die Temperatur, so ist auch die magnetische Kraft der Erde, die Intensität des Erdmagnetismus, nicht überall gleich. Jsodynamische Linien heißen diejenigen Linien, welche Orte von gleicher magnetischer Kraft miteinander verbinden; isogo nische solche, welche durch Orte der Erde von gleicher magnetischer Abweichung gehen, und isoklinische solche, welche durch Orte gehen, nr welchen gleiche magnetische Neigungen stattsinden. Isochron oder iso chronisch heißt Das, was in gleichen Zeiten geschieht; so nennt man z. B- die Schwingungen des Pendels isochronisch, weil zu jeder Schwingung, wenigstens wenn sie sehr klein ist, gleich viel Zeit verwendet wird, und isochrone Linie oder Isochrone, häufiger und richtiger Tautochrone, diejenige krumme Linie, in welcher ein schwerer Körper, wenn er längs derselben zu fallen oder zu rollen gezwungen wäre, immer, von welcher Höhe oder von welchem Punkte dieser Linie man ihn auch herablassen möchte, dennoch in einer und derselben Zeit bis zu ihrem tiefsten Punkte gelangen würde. Nachdem Leibnitz schon 1689 das Problem, diese Linien zu bestimmen, gelöst hatte, führten lksi» , Jak. Bernoulli und Varignon diesen Gegenstand auf eine allgemeinere und analytische Art weiter aus. (S. Cykloide.) - ' ^ Jsogräphie nennen die Franzosen das Facsimiliren. (S. Facsimilc.) Jsokrätes, einer der berühmtesten griech. Redner, geb. zu Athen -136 v. Ehr., hattk den Gorgias, Prodikus und Protagoras zu Lehrern, wagte es aber in Folge seiner schwachen Stimme und einer ihm angeborenen Schüchternheit nicht leicht, öffentlich aufzutrekeit, sondern beschäftigte sich vielmehr mit dem Unterrichte in der Redekunst, den er sich sehr theucr bezahlen ließ, und mit Verfertigung von Reden für Andere, die ihm ebenfalls große Summen cinbrachten. Mit Platon, dessen Gespiele er in seiner Kindheit gewesen war, blieb er bis in das späteste Alter befreundet; ebenso war er ein großer Verehrer des Sokrates, nach dessen Tode er allein in Athen Trauerklcider anlegtc, dagegen der heftigste Gegner der Sophisten. Sein Hauptverdienst um die Beredtsamkeit bestand darin, daß er diese erst für praktische Zwecke, namentlich für Erweckung des sittlichen Lebens, benutzte und die größte Sorgfalt auf einen gebildeten Stil und die harmonische Abrundung der Sprache verwendete, daher ihm das Verfertigen und Ausfeilen seiner Reden viel Zeit kostete, wie ihn denn die Ausarbeitung des „Panathenaikos" zehn volle Jahre beschäftigt haben soll. Auf der andern Seite ist nicht zu verkennen, daß seineReden, da sie meist nach Einem Zuschnitte Verfertigt sind, am Ende wegen Mangel an Abwechselung Kälte und Überdruß erregen s mußten, obschon die Fehler, die ihm die Kritiker seiner Zeit vorwarfen, daß nämlich seinSm i an Weitschweifigkeit und Überladung mit Zierathen, an müßigen Ausdrücken und unpas- ! senden Figuren leide, und daß er seine Gedanken den Worten sklavisch unterwerfe, nicht im- ^ mer so scharf hervortreten. Für Griechenlands Freiheit war er mit solchem Eifer begeistert, daß er aus Kummer über das unglückliche Treffen bei Chäronea im I. 338 v. Ehr. im S - Lebensjahre eines freiwilligen Todes starb. Von seinen 69 Reden, die man noch zu MU' ^ tarch's Zeiten unter seinem Namen kannte, von denen aber nicht die Hälfte für eckt geh»' ^ len wurde, sind noch 21 übrig, unter denen der „Panegvrikos", in welchem die Griechen . zur Eintracht gegen die Perser ermuntert werden, und der „Panathenaikos", eineLvbre e auf Athen, die erste Stelle einnehmen. Nach der ersten Äusgabe durch Demelr. EHU ' kondylas (Mail. 1493, Fol.) sind sämmtliche Reden theilS in die Sammlungen der,, " Isola-beÜa Isomorphismus 513 tnres attic!"von Reiske (12 Bde., Lpz. 177«—75), I. Bekker (5 Bde.,Berl. 1823—24) und Baiter und Sauppe (Zür. 184«) ausgenommen, theils von Lange (Halle > 803), Ko- > rais (2 Bde., Par. I8«7), W. Dindorf(Lpz. 1825), Bremi (Gotha und Erf. 1831), und Baiter und Sauppe (2 Bde., Zür. 1839) besonders herausgegcben worden. Unter den vorzüglichsten Bearbeitungen einzelner Reden erwähnen wir die des „Pancgyrikos" von Spohn (Lpz. >817), Pinzger (Lpz. > 825), W. Dindorf(Lpz. 1826) und Baiter (Lpz. 1831); des „Areopagitikos" von Bergmann (Leyd. 1819) und Benseler (Lpz. 1832); des,',Eua- goras" von Benseler (Lpz. 1834) und dcrRede„I)epermutotione"vonBremi(Zür. 1814). Deutsche Übersetzungen sämmtlicher Werke besitzen wir von Benseler (4 Bde., Prenzl. 1829 —31) und Christian (8 Bde., Stuttg. 1833—36), eine franz. von Auger (3 Bde., Par. 1781), eine ital. von Labanti (Parma 1842). Auch wurde der „Pancgyrikos" von Lange ^ (Lpz. 1797; 2. Ausg. 1833) und Hofsa (Mark. 1839), und die Rede „An den Demoi- ' kos" von Drescher (Büding. > 826) besonders ins Deutsche übertragen. Vgl. Pfund, „De Isocrstis vita et seriptis" (Berl. 1833, 4.). Jsola-bella, s. Borromeische Inseln. Jsoläni (Joh. Ludw. Hektor, Graf von), kaiserlicher General im Dreißigjährigen Kriege, geb. 1586, stammte aus cyprischem Adelsgeschlechte und trat nach dem Beispiele seines Vaters in kaiserliche Kriegsdienste. Jm J. 1602 wurde er von den Türken gefangen, entkam aber und erhielt bald darauf das Kommando eines Kroatenregiments. In den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges focht er gegen den Grafen Pet. Ernst von Mansfeld und dann unter Savelli in Pommern. Später zum General ernannt, wurde er 1631 bei Sihlbach und 1632 bei Lützen geschlagen. Als Feldzeugmeister erhielt er 1634 das Generalat über die Kroaten und von den Wallenstein'schen Gütern die Herrschaften Aicha und Friedenstein; auch wurde er im folgenden Jahre zum Lohn für seinen Verrath an Wallenstein mit dem Grafentitel begnadigt. Später focht er bei Nördlingrn, in Burgund, 1637 in Hessen, 1638 in Pommern, > 639 am Oberrhein gegen Herzog Bernhard ! von Weimar und Gue'briant und starb 164« zu Wien. Er war weder groß als Mensch noch als Feldherr, aber ein tüchtiger Soldat, und vereinigte mit einigen guten Eigenschaften alle aus einem unstäten Leben entspringenden Fehler dieses Standes. Jsolrren heißt in der Lehre von der Elektricität einen Körper durch Nichtleiter der Elektricität von der Verbindung mit dem Erdboden und andern Leitern abschneiden und somit verhindern, daß die Elektricität, die man ihm mitzutheilen beabsichtigt, sich in ihnen verliere. Zur Jsolation dienen Handgriffe oder Füße von Glas, Harz, Siegellack u. s. w., vorauf man den Körper setzt, oder Schnüre von Seide, worin man ihn aufhängt. Aus einem Jsolirsch emel, dessen Füße von Glas sind, kann man daher auch einen Menschen mit Elektricität füllen und dann aus ihm, wie der Elcktrisirmaschine, selbst Funken ziehen. Isomerische Körper nennt man in der Chemie solche Körper, an denen zwar die Analyse dieselben Bestandtheile und in denselben Gewichtsverhältnissen nachweist, die aber doch verschiedene Eigenschaften haben. Die Zahl der isomerischen Körper ist besonders groß in der organischen Chemie. Für eine ähnliche Erscheinung in der anorganischen Natur, wo derselbe Körper in zwei verschiedenen Zuständen vorhanden sein kann, die sich durch Form und Verhalten zu Auflösungsmitteln unterscheiden, hat Berzelius neuerdings den Namen ^ Isotropie vorgeschlagen. Mehr verwandt damit ist der Dimorphismus, d. h. die Fähigkeit deffelben Körpers in zwei mincralogisch verschiedenen Formen zu krystallisiren. Isometrisch, d. i. gleichmessend, nennt man diejenige Projectionsweise, die sich dreier untereinander senkrechter Ebenen bedient, welche die isometrischen Hauptebenen und deren Durchschnittslinien dieisometrischenAchsen heißen. Den Namen isometrisch sührt diese Projcction deshalb, weil die den Achsen parallelen Dimensionen in ihrer ^ Vahren Größe erscheinen; hierin und in der deutlichen Vorstellung, welche sie von der Ee- ^ stalt der Gegenstände gibt, liegen ihre wesentlichen Vorzüge, die aber erst in der neuesten - Zeit richtig gewürdigt worden sind. Isomorphismus ist der Gegensatz von Dimorphismus. (S. JsomerischeKör^ s".) Isomorph nennt man nämlich Körper, welche zwar verschiedene chemische Bestand- Conv.-Lex. Neunte Aufl. VII- 33 t-.'i 514 Isoperimetrisch Israeli theile, aber gleiche Krystallform haben. In der Regel ist aber, bei aller Verschiedenheit der Bestandkheile, doch Übereinstimmung in der Form ihrer chemischen Constitution vorhanden. Isoperimetrisch nennt man alles Das, was gleichen Umfang hat. Isoperimetrische Figuren find solche, deren Umfang oder Peripherie gleich ist. Von zwei geradlinigen isoperimetrischen Figuren hat diejenige den größten Flächeninhalt, welche die meisten Seiten hat. — Das in der Geschichte der Mathematik berühmte isoperimetrische Problem ist eine Aufgabe, welche Jak. Bernoulli im I. > 697 den Geometern seiner Zeit vorlegte, nämlich unter allen Kurven von gleicher Länge und derselben Grundlinie diejenige zu finden, die so beschaffen ist, daß eine andere über derselben Grundlinie stehende Cum, deren Ordinaten zu den Ordinate» oder Bogen jener ersten Kurve irgendein bestimmtes Verhältniß haben, mit der Grundlinie den größtmöglichen Raum einschließt. Namentlich hat sich Euler mit dieser schwierigen Aufgabe viel beschäftigt. Isothermen, s. Erdwärme. Jsouard (Nicolo), gewöhnlich blos Nicolo oder Nicolo de Malte genannt, einer der beliebtesten dramatischen Komponisten Frankreichs, wurde 1777 auf Malta geboren, wo sein Vater Kämmerer des Großmeisters war, und sollte nach dem Willen desselben in Paris zum Seedienst sich vorbereiten. Schon war er in die Marine ausgenommen, als der Ausbruch der Revolution ihn 1790 nach Malta zurückzukehren bewog. Von seinem Vater nunmehr für den Handel bestimmt, brachte er in Palermo und Neapel mehre Jahre als Commis in dortigen Handlungshäusern zu; doch beschäftigte er sich zugleich, seiner Neigung folgend, fortwährend mit dem Studium der Komposition. Gegen den Willen seiner Altern widmete er sich endlich ganz dieser seiner Lieblingsneigung, brachte in Florenz mit glücklichem Erfolg seine erste Oper „I-'svviso ai msrituti" und in Livorno die ernste Oper „^rtaserse" zur Aufführung und wurde hierauf vom Großmeister des Maltesern dens als Organist und Kapellmeister nach Malta berufen. Nach Aushebung des Ordens lebte er daselbst als Privatmann und schrieb mehre kleine Opern unter dem Namen Nicolo. Erst in Paris, wohin ihn der General Vaubois als Privatsecretair mitnahm und woerstch zum großen Vortheil des Theaters Feydeau mit dem dramatischen Dichter Charl. Guill. Etienne (s.d.) verband, trat er unter dem Namen Jsouard auf. Von seinen Opern haben „Oeuciriiloii" (Aschenbrödel) und „äoconcie" die meiste Berühmtheit erlangt. Die ersten wurde l 810 mehr als hundertmal hintereinander gegeben, und beide brachten auf seinen An- theilmehr als 160000 Francs ein. Die Aufführung seiner letzten Oper „^laclinim lu lampe merveilleuoe", die von Kennern als seine correcteste bezeichnet wird, erlebte er nicht. Er starb zu Paris am 23. März >818. Jspähan oder Jsfahan, das Aspadana der Alten, einst die blühende Haupt- stadtPersiens von Schah Abbas dem Großen an bis aus Nadir-Schah, auch jetzt noch nach Teheran die bedeutendste Stadt des Reichs, liegt in der Provinz Irak Adschcmi in einer schönen, in ganz Persien am besten angebauten Gegend, am östlichen Abfall des Zagrosge- birgs am Zenderud, über den zwei schöne Brücken führen. Obschon cs noch immer wegen seiner Schulen berühmt ist, bedeutende Fabriken unterhält und einen ansehnlichen Handel treibt, so hat es doch, seitdem es aufgehört hat, die Residenz der pers. Könige zu sein, um einen Schatten seiner ehemaligen Größe bewahrt, deren Verfall mit dem des ganzen pers Reichs Hand in Hand gegangen ist. Von den 700000 E., die es im 17. Jahrh. zählte, ih eS auf 200000, nach andern Nachrichten gar auf 50—60000 herabgekommen, und ins»' nem noch vier Stunden betragenden Umkreis liegt der größere Theil der früher» Gebäude in Ruinen. Die Juden und Armenier sind sehr zahlreich in J. und bewohnen als besondere Gemeinden eigene Vorstädte; die der erster» heißt Jahudia, die der letzter« Dschulfa. Ob- schon -1 > 30 F. über dem Meere, genießt die Stadl doch des schönsten, gemäßigten und re- gelmäßigen Klimas, das seinen Frühling zu dem berühmtesten in ganz Asien gemacht ha - Iftael und Israeliten, s. Hebräer und Juden. Israeli (Isaak d'), ein bekanntes Mitglied des Unterhauses und ein eifriger Lor^ aber zum sogenannten Jungen England zählend, von jüd. Älter» stammend, hat sich auch als Historiker und Publicist einen bedeutenden Namen erworben. Unter seinen schnell auseinander gefolgten Schriften sind vorzugsweise zu nennen die „Oommerituries ou tue i s 515 Mrs Istrien snä rsign ok Obarles I" (4 Bde.); „Ouriosities ok litsrature" (3 Bde.); „I'be literar^ ebaructsr" (2 Bde.); „Osisinities ok autbors" s2 Bde.); „Huurrels ol sutbvrs" (3 Bde.); ,,^n inguir^ into tbe litersr)' gnll Political ckaracter okäamos l"; „I^iterar) INI8- cellanies" (3 Bde.) und „Ooningsb)-, «r tbe new Generation" (3 Bde., Lond. 1844). Jssus, eine Seestadt in Cili eien (s. d.), am Meerbusen gleiches Namens, wahrscheinlich das jetzige Ajazzo in Natolien, ist durch den zweiten Sieg berühmt worden, den hier Alexander der Große in einer Schlacht im I. 333 v.Chr. über Darms erkämpfte, wobei ihm das ganze pers. Lager nebst der Familie des Darms in die Hände fiel, und in dessen Folge er den Plan zur Zertrümmerung der pers. Monarchie gefaßt zu haben scheint. ' Jstävönen, nach Jak. Grimm richtiger Jskävonen, ist der von Jsk oder Jsko, einem der drei Söhne des Mannus, abgeleitete Name des einen der drei Zweige, in welche die Germanen sich theilten. (S. Germanien.) Ihm gehörten die goth. Völker mit den Eepiden, die Burgundionen, Variner und Semnonen an. Jster ist der alte Name derDonau (s. d.). Isthmus (griech.), eigentlich jeder schmale Zugang, hieß bei den Alten zwar im Allgemeinen jede Erdenge oder Landzunge, vorzugsweise aber die Landenge bei Korinth (s. d.), zwischen dem Korinthischen und Saronischen Meerbusen, welche den Peloponnes mit dem Festlande Hellas verbindet und deren Durchstechung zu den Zeiten der Römer, freilich ohne glücklichen Erfolg, zu wiederholten Malen versucht wurde. Hier stand in der Nähe eines Fichtenhains ein dem Poseidon oder Neptun geweihter, berühmter Tempel, in welchem sich vier vergoldete Pferde, zu beiden Seiten derselben ein Triton und hinter denselben ein Wagen mit den Bildsäulen des Neptun und der Amphitrite befanden, welche Gegenstände theifs aus Gold, theils aus Elfenbein kunstreich verfertigt waren. Nicht weit von diesem Tempel sah man ein Theater und ein Stadium von weißen Steinen, wo anfangs jedes dritte, später jedes fünfte Jahr, wahrscheinlich zur Hcrbstzeit, die isthmischcn Spiele oder Jsthmien (Istbmia) mit außerordentlicher Pracht gefeiert wurden. Diese Spiele waren der Sage nach von Sisyphus zur Erinnerung an den Mcergott Meliker - kes(s. d.) gestiftet und von Theseus dem isthmischcn Poseidon zu Ehren erneuert worden, daher auch die Gesandten der Athener immer den Ehrensitz bei diesen Festlichkeiten cinnah- men. Die Beschaffenheit der hierbei angestellten Wettkämpfe war ganz dieselbe, wie bei den zu Olympia (s. d.) gefeierten Spielen, indem'sie namentlich in gymnischen Kämpfen und Wettrennen zu Roß und zu Wagen bestanden, nur daß bei den isthmischcn, wie auch bei den Pythischen Spielen (s. d.), Cither- und Flötenspiel, mit Gesang begleitet, später sogar dramatische Darstellungen hinzukamen. Ganz Griechenland, mit Ausschluß der Eleer, nahm daran Theil. Die Sieger, mit deren Statuen die eine Seite des Neptuntem- rels geziert wurde, erhielten einen Kranz aus Fichtenzweigen. Vgl. Krause, „Die Pythien, Nemeen und Jsthmien" (Lpz. 1841). Istrien, eine Halbinsel des nordöstlichen Italiens, am Adriatischen Meere, begrenzt von Kram, Friaul und Kroatien, hat einen Flächenraum von 75 l^M. und gegen I5N990E. Die Lust ist ungesund, das Land aber reich an Wein, feinem Öle, Wiesewachs, Honig, Salz, Schiffbauholz, Marmor und Bausteinen; einen ergiebigen Erwerbzweig gewährt auch der Fischfang. Die Einwohner, welche sich fast durchgehends durch Roheit, Faulheit ! und Raubsucht auszeichnen, sind theils, namentlich in den Städten, Italiener, theils, ! vorzüglich auf dem Lande, slawische Illyrier. Die Römer lernten dieselben als verwegene ! Seeräuber kennen und unterjochten sie im 3. Jahrh. v. Ehr. Geb. Augustus schlug ihr Land zu Italien. Im 6. Jahrh. n. Chr. eroberten das Land die Gothen, denen es die ^ byzant. Kaiser wieder abnahmen, die es sodann den Karolingern abtreten mußten. Seit Mitte des I». Jahrh. bildeteJ. eine eigene Markgrafschaft, die aber dann wieder zum Her- > jvgthum Kärnten gehörte, bis sie um l >70 an die Grasen von Andechs, Herzoge von j Dalmatien, kam. Als der Herzog Heinrich von Dalmatien >204 von König Philipp s pachtet wurde, gelangte I. an den Patriarchen von Aquileja, der aber in der Folge fast Al- I le§ an Venedig verlor. So war bis 1797 der größte Theil der Halbinsel den Venetianern unterworfen; nur der nordöstliche Theil, das sogenannte östr. Istrien, bestehend aus der 33-i- 516 Isturtz Grafschaft Mitterburg, war nach Aussterben der letzten Besitzer, der Grafen von Gör;, an Ostreich gefallen und zum, Herzogthum Kram geschlagen worden. Nach dem Frieden von Campo-Formio besetzte Ostreich auch den venetian. Theil des Landes, zu welchem noch mehre venetian. Besitzungen geschlagen wurden. Als aber Ostreich in dem Frieden zu Prcs- bürg auf sämmtliche venetian. Besitzungen Verzicht geleistet hatte, mußte cs auch Z. an Frankreich abtreten. Zur Belohnung seiner Verdienste in dem span. Feldzuge ernannte Napoleon 1808 den Marschall Bessieres (s. d.) zumHerzog von Istrien. Später wurde es durch Napoleon mit'den illyrischen Provinzen vereinigt, 1813 aber an Ostreich zurückgegeben. Seit 1815 bildet es nebst cinigenJnseln imGolfvonOuarnero den Jstria- ner Kreis (>03s/< OM. mit 195000 E.) des östr. Königreichs Jllyrien (s. d.). Die wichtigsten Orte sind die jetzige Hauptstadt Mitter bürg mit 1700 E.; Capo d'Jstria (s. d.); Rovigno, die reichste Stadt, mit 9600 E. und zwei Häfen; die Hafenstädte Wa, der Sitz eines Bischofs, mit merkwürdigen röm. Ruinen, darunter das 360 F. lange Amphitheater; ferner Citta nuova, Parenzo, Isola, Fasanna und das Dorf Salvore mit einem 106 F. hohen Leuchtthurm. In der Nähe der Küste liegen die Inseln Veglia, Cherso und Offero, auf welcher letztem sich der illyr. Volksstamm vorzüglich rein erhalten hat. Jsturiz (Don Javier de), span. Ministerpräsident im 1. 1836, ein in der neuern span. Geschichte viel genannter Mann, geb. um 1790 in Cadiz, wo sein Vater, der aus demfran;. Baskenlande stammte, eines der bedeutendsten Handelshäuser gegründet hatte, machte sich nach der Wiederherstellung der absoluten Monarchie, in Folge der Rückkehr Ferdinand'slll., nebst seinem ältern Bruder, Don Thomas de J., der 1812—14 Cortesdeputirter war, um die politische Wiedergeburt seines Vaterlandes namentlich dadurch verdient, daß sie den Mißvergnügten in Cadiz ihre Wohnung zum sichern Versammlungsort boten, wo der Aufstand vorbereitet wurde, der unter Quiroga's und Riego's Leitung am I. Jan. >820 ausbrach. Nach der Wiederherstellung der Constitution begab er sich nach Madrid, wo er an die Spitze der exaltirtesten Partei unter den Liberalen trat und in Verbindung mit Alcala Galiano und andern Demagogen, die man „KI yumtillo üe Istnrir", d. i. das fünfte Stock- ^ werk des I., nannte, die öffentliche Meinung gegen die Minister Arguelles, Martine; de la Rosa und deren Partei einzunehmen wußte. Im I. 1822 zum Mitglied der Cortes und 1823 zum Präsidenten derselben erwählt, ging er mit nach Sevilla, wo er für dieSuspen- birung der Königs stimmte, und dann nach Cadiz. Nach der Restauration zum Tode «er- urtheilt, flüchtete er nach Englaüd, wo er in London mit dem Handelshause Zulueta in Verbindung trat, sich mit Arguelles aussöhnte und mit Mendizabal in vertraute Verhältnisse trat. Jm J. 1834 von der Känigin-Regentin amnestirt, kehrte er nach Spanien zurück und wurde von der Provinz Cadiz zum Procurador bei den Cortes erwählt. In Madrid schloß er sich wieder den Häuptern der exaltirten Partei an und in Verbindung mit Alcala Ea> liano, Calatrava, Caballero, las Navas u. A. brachte er am 15. Aug. 1835 den Aufstand der Milicia urbana zu Stande, der den Sturz des Ministeriums Toreno bezweckte, durch den General Quesada aber unterdrückt wurde. Hierauf mußte er sich einige Zeit verborgen halten; da aber bald darauf sein Freund Mendizabal an die Spitze des Ministeriums trat, so eröffnete sich ihm nun eine glänzende politische Laufbahn. Er war einer der vertrauten Rathgeber des neuen Ministerpräsidenten; auch wurde er Präsident der im Nov. 1835 zu- sammengetretenen Kammer der Procuradoren, die Mendizabal im Jan. 1836 auflöste. Bald daraus verfeindete er sich indeß mit Mendizabal, der cs dahin zu bringen wußte, daß I. von den neu einberufenen Procuradoren nicht wieder zum Präsidenten gewählt wurde. Dagegen arbeitete I. nun an dem Sturze des bei den Hähern Ständen, am Hofe und unter den Proceres verhaßten Mendizabal und zwar in so leidenschaftlicher Weise, daß dieser ihn zu einem Zweikampf foderte, der unblutig ablief. Nach Mendizabal's Sturze übernahm I. am l 5. Mai 1836 daß Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und den Vorsitz im Ministerrathe. Doch durch diese Abtrünnigkeit und durch seinen unbeugsamen Chara' ter, der nach Rache dürstete, reizte er nicht nur die Cortes, sondern das ganze Volk dermaße. «. gegen sich auf, daß er, nachdem dieKönigin-Regentin am 13. Aug. 1836 in La Gran>a gezwungen worden war, die Constitution von 1812 zu proclamiren, vor der Wuth dcs^o verkleidet nach Lissabon flüchten mußte, von wo er sich nach England einschisfte. Kur; 517 Italien (Geogr. u. Statist.) Zeit nachher ging er nach Paris, wo er sich an Toren», Miraflores, den Herzog von Frias und andere ausgewanderte span. Aristokraten anschloß. Nachdem er die Constitution von >837 beschworen, wurde er von der Provinz Cadiz in die Cortes von 1838 erwählt und Präsident des Congrcsses, was er auch im folgenden Jahre war. Fortwährend feindlich gegen Espartero gesinnt, wußte er während dessen Regentschaft sich doch durch seine Schlauheit in Spanien zu behaupten und im Interesse der Königin Christine zu arbeiten, nach deren Rückkehr in Folge der Vertreibung Espartero's, zu der er treulich mitgewirkt hatte, ihm jedoch eine bedeutende Nolle bis jetzt nicht zu Theil geworden ist. Italien bildet eine Halbinsel, die, zwischen 37" 56/— 46" -12/ nördl. Br. und von 23" 3 /— 36" 16/ östl. L. gelegen, nur im Norden mit dem Fcstlande zusammenhängt, wo sie im Westen von Frankreich und im Norden und Osten von der Schweiz und Deutschland j begrenzt, sonst aber im Westen und Süden vom Mittelländischen, im Osten vom Adriatischen ^ Meere umgeben wird. Mit den dazugehörigen Inseln Sardinien, Sicilien, Corsica und den kleinern, enthält sie einen Flächenraum von 5856, ohne dieselben 4616 OM. I. wird im Norden vom übrigen Europa durch dieAlpen (s. d.) getrennt, die sich wie in einem Halbkreise von dem westlichsten Theile derselben, den Seealpen bis zu dem östlichsten, den Julischen, um Norditalien herumziehen und ihre größte Höhe aus der ital. Seite im M 0 ntblanc (s. d.) erreichen. Im Süden der nach I. plötzlich und steil abfallenden Alpenketten breitet sich die tiefe lombard. Ebene mit östlicher Abdachung aus, welche an vielen Stellen gegen das Adriatische Meer, längs dessen Küste sie bedeutende Lagunen (s. d.) bildet, durch Dämme geschützt werden muß und sich südwestlich sanft zum Apennin erhebt, welcher die Gestalt der ganzen Halbinsel bestimmt. Außer der lombard. Ebene finden sich dergleichen auf der Westseite J.s am untern Arno, sodann weiter nach Süden die Campagna di Roma (s. d.) mit den Po ntinischen Sümpfen (s. d.), und dann bei Neapel die Campagna felice, an deren Südseite sich der Vesuv (s. d.) erhebt. Auf der Ostseite ist die apu- lische Ebene die bedeutendste. Der Boden J.s ist zwar sehr verschiedenartig, aber meist anbaufähig und in vielen Gegenden, besonders da, wo es nicht an Bewässerung fehlt, durch ^ die höchste Fruchtbarkeit ausgezeichnet. In der ausgezeichnet angebauten lombard. Ebene ist er schwer und marschenartig, in den meist kahlen Gebirgen auf den Höhen dürr, in den Thälern fruchtbar, in den Maremm en (s. d.) am Mittelmeer und in der röm. Campagna stexpenartig, und in Süditalien, wo er um Capua und Neapel nur seiner vulkanischen Beschaffenheit seine ausgezeichnete Fruchtbarkeit verdankt, im Ganzen leicht und weniger er- tragsfähig. Das Klima J.s gehört, mit Ausnahme der hohen Gebirgsgegenden, durch seine Milde zu den schönsten von Europa. Man unterscheidet vier Hauptrcgionen: 1) Ober- italien im Norden des Apennin, wo das Reaumur'sche Thermometer im Winter zuweilen noch bis zu 16" Kälte stillt, der Schnee oft wochenlang die Fluren bedeckt und selbst die adriat. Lagunen sich mit Eis belegen, wo die edeln Südfrüchte nur an begünstigten Stellen im Freien gedeihen; 2) Mittelitalien mit Genua bis zum 41" 36/ südl. Br., wo ein eigentli- chcr Winter nur in den Gebirgen stattfindet, bleibendes Eis und Schnee in den Thälern selten sind, und der Ölbaum und Orangen im Freien überall in den Niederungen gedeihen; 3) das übrige Unteritalien, bis auf die südlichste Spitze, wo das Thermometer nur höchst selten unter 3" Kälte fällt und Schnee ebenso selten ist, wo die Aloe und die feinsten Südfrüchte im Freien überwintern; 4) die südlichste Spitze Neapels, Sicilien und Malta, wo das Thermometer fast nicht unter den Gefrierpunkt fällt und neben der indian. Feige auch die Dattelpalme und das Zuckerrohr gedeihen, und Aloe und Papyrus zur Einfassung von Feldern benutzt werden. Im Sommer ist der Himmel fast fortwährend heiter, und Seehunde mäßigen die große Hitze; doch leidet das Land deshalb häufig an Dürre, und wird im Sommer öfter vom Siro cco (s. d.) heimgesucht. Noch schädlicher sind in manchen hegenden, namentlich in den toscan. Maremmen, der röm- Campagna und überhaupt in vielen Küstengegenden Mittel- und Unteritaliens, die dem Boden entströmenden, unter dem Namen Malaria oder Aria cattiva (s. d.) bekannten Dünste. Unteritalien undSicilien ! mit seinem Ätn a (s. d.) werden häufig von Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen hcim- gejucht. Unter den vielen Seen J.s zeichnen sich am Südabhange der Alpen der Lago maggiore (s. d.), der Luganrrsee ss. d.), der Comersee (s. Como), der Chia- 518 Italien (Geschichte) vennaer, Jseo- und Gardasee (s. d.), im übrigen Z. aber der See von Casiiglione in Toscana, die von Perugia, Bolscna und Bracciano im Kirchenstaat und der von Celano in den neapolit. Abruzzen aus. I. hat nur zwei bedeutende Flüsse, den P o (s. d.) und die Etsch (s.d.); außerdem find in Obcritalien noch Brenta, Piave und Tagliamento, die ins Adriatische Meer münden, und im übrigen I. der Arno inToscana, die Tiber (s. d.), der Garigliano (s. d.), der reißende Volturno und der Sele zu erwähnen. Die zahlreichen von dem Apennin ins Adriatische Meer strömenden Flüsse sind sämmtlich kleine nicht schiffbare Küstenflüssc. Nur in Oberitalien wird die Schiffahrt durch Kanäle befördert, z. B. den Ticinellokanal, die von Mailand, Pavia, Monselice, Bologna und die in den adriat. Lagunen. An Mineralquellen ist das Land sehr reich. Die hauptsächlichsten Producte sind Getreide, das überall, aber doch im Ganzen nicht ausreichend erbaut wird, Mais, Hirse, Reis, Wein, Öl, Rosinen, Kastanien, Südfrüchte, Mandeln, viel Obst, Ta- back, Kali, Süßholz und Johannisbrot, Kork, Galläpfel, Hanf und Flachs; Rindvieh, Schafe, Schweine und Pferde; Büffel, Ziegen, Esel, Maulesel, viel Seidenraupen und Bienen, vielerlei Geflügel und Seethiere aller Art; Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Blei, Steinkohlen, Salz, Salpeter, Schwefel, Alaun, Salmiak, edle Arbeitssteine, besonders Marmor, Puzzolane und Braunstein. Die Zahl der Einwohner schätzt man über 22 Mill., welche fünf Hauptsprachen sprechen: die ital. in vielen Dialekten im beiweitem größten Theile des Landes, die franz. in Savoyen, die deutsche in den sieben und den 13 Gemeinden im lombard.-venet. Königreich, die aus der arab. und ital. entstandene aufMalta, und die neugriech. in einigen Gegenden Süditaliens und Siciliens. Die katholische Kirche ist die herrschende und in den meisten Ländern der Halbinsel allein gesetzlich bestehende; Griechen, schismatische Armenier, Protestanten, Juden und Türken haben nur an wenigen Orten die Erlaubniß, Gottesdienst duldungsweise zu halten. Die Industrie und der Handel J.s, bis zu Ende des Mittelalters der bedeutendste in ganz Europa, sind im Ganzen mehr activ als passiv; doch gibt es bedeutende Fabriken in Seide, Glaswaaren, Fayence, Strohhüten, künstlichen Blumen, Korallen, Maccaroni und Seife; der Handel ist nur in Genua, Livorno und Venedig von Wichtigkeit, und zwar mehr in Bezug auf die Ausfuhr von Natur - als von Kunstproducten. Die Schiffahrt, im Mittelalter die aller andern Nationen überstrahlend, ist jetzt gleichfalls sehr herabgckommen und erstreckt sich wenig über das Mittelmeer hinaus; doch wird von den meisten ital. Regierungen viel gethan, um sowol sie als den Handel und die Industrie überhaupt wieder zu heben. Ganz I. zerfällt in dreiHaupttheile: 1) Oberitalien mit der Sar di ui scheu Monarchie (s.d.), dem Lombardisch-Benetianischen Königreich (f d.), den Herzogthümcrn Parma (s.d.), Modena (s.d.)undLucea(s.d.); 2)Mitte litalicn, mitToscaNass.d.), dem Kirchenstaat (s. d.) und der Republik San-Marino (s.d.); 3) Unteritalien mit dem Königreich beider Si eilten (s. d.) und Malta (s. d.), wozu noch die Inseln Sardinien (s. d.) und Corsica (s. d.) kommen. Die alte Geschichte J.s, von den ältesten Zeiten bis zur Auflösung des röm. Reichs, ist so eng mit der Geschichte dieses letzter» verbunden, daß sie meist in derselben ganz aufgeht. (S. Nömiscke Geschichte.) Die erste Periode der Geschichte des modernen J.s umfaßt die Zeit von dem Untergange des alten weström. Reichs bis zur Begründung des neuen abendländischen Kaiserthums oder die Zeit der Bildung german. Stauten durch die erobernde Einwanderung deutscher Völker von 476 — 774 n. Ehr. In dem erstem Jahre stürzte O doacer (s. d.) den röm. Kaiser Romulus Augustulus (s.d.) und be mächtigte sich des Thrones unter dem Titel eines Königs von I., das auf diese Weise zuerst wieder abgesondert aus der Ländermasse des röm. Reichs hervortrat. Noch mehr ige- schah dies durch Theoderich den Großen (s. d.), der 493 Odoacer's Reich stürzte, ganz I. von den Alpen bis Sicilien mit seinen Gothen eroberte und als König über dasselbe herrschte. So blühend indeß auch sein Reich war, so schnell ging ^es nach seinem Tode, m Folge der iunern Vcrderbniß, die über die barbarischen Gothen durch ihre Berührung mit der verdorbenen röm. Civilisation gekommen war, der Auflösung entgegen. Die Siege der byzantin. Feldherren Bell sar (s. d.) und Narses (s. d.) machten ihm schon in der Mte des 6. Jahrh. ein Ende (s. Gothen) und gewannen I. wieder dem byzantin. Reiche. Em in no >ie >ie >ie Irin en ld, ia< nd ci, Ts cn in- nd ist ie- )r- rel hr >d- ie- hr rn ng in, er- r- -), en iln >s, -ft en "g ich rn >e u- je- te, be in lil er Ne in Italien (Geschichte) 519 byzantin. Statthalter wurde unter dem Titel eines Exarchen (s. d.), der in Ravenna seinen Sitz hatte, über dasselbe gesetzt. Doch diese Statthalter vermochten ebenso wenig als die frühem weström. Kaiser die andringenden deutschen Eroberer abzuhalten, und so fielen schon 568 die Long obard en (s. d.) unter Alboin (s. d.) ins Land und eroberten in kurzer Zeit fast ganz Ober -, einen bedeutenden Theil von Mittel- und einen großen Theil vonUnteritalicn. (S. Lombardei, Toscana und Benevent.) Erst mit der Consti- tuirung des Longobardenreichs kann man den Übergang J.s aus dem Alterthum in das Mittelalter als vollendet ansehen, denn mit ihr erst war der große Proceß, in den I. durch die Völkerwanderung, durch die Mischung mit dem german. Elemente gerathen war, zu einem Resultat gekommen, das in der Einführung der germanisch-mittelalterlichen Skaatsformen und socialen Zustände neben und an die Stelle der zerfallenen Formen und 1 Zustände des röm. Kaiserreichs bestand, und natürlich eine Umgestaltung der ganzen alten, ! 'chon vom Christenthum mannichfaltig veränderten röm. Civilisation zur Folge haben mußte. ' So sehen wir denn vor Allem mit den Langobarden das Lehenswesen in I. herrschend wer- l den, das gerade unter ihnen zu einer hohen Stufe der Ausbildung kam. Neben dem neuen - Reiche, und gewissermaßen im staatsrechtlichen Gegensätze zu ihm und als Vorläufer der spätem ital. städtischen Republiken, entwickelte sich um diese Zeit aus den Flüchtlingen, welche vor den Stürmen der Völkerwanderung ihre Freiheit in die adriat. Lagunen gerct- s tet hatten, das Gemeinwesen von Venedigs. d.), während vor der Hand noch das durch die Siege der Langobarden auf Ravenna nebst der Romagna und der Pentapolis (die fünf Seestädte Nimini, Pesaro, Fano, Sinigaglia und Ancona) beschränkte Exarchat, ein Theil der Seeküste von Unteritalien, wo Amalfi und Gaeta eigene Herzoge griech. Nation hatten, sowie Sicilien und Rom mit der Umgegend, wo ein sogenannter Pa- tricier in des byzantin. Kaisers Namen regierte, im schwankenden Besitz dieses letztem verblieben. Doch auch die geringe Abhängigkeit vom byzantin. Hose verschwand in einem großen Theile dieser Besitzungen ganz, als Leo der Jsaurier im Anfänge des 8. Jahrh. durch seine Bilderstürmerei die orthodoxen Italiener erbitterte. Viele Städte verjagten seine Beamten und gaben sich Konsuln und einen Senat wie in alter Zeit. Rom erkannte dabei War nicht die Herrschaft, doch eine gewisse väterliche Gewalt seiner Bischöfe auch im Weltlichen an. Nicht lange dauerte es aber, so geriethen die Päpste mit den Longobarden in Streit; schon das immer zunehmende Umsichgreifen ihrer Herrschaft, die sich jetzt auch auf das ravennatische Exarchat erstreckte, noch mehr aber der Umstand, daß die Longobarden Arianer waren, mußte eine unheilbare Spaltung zwischen ihnen und den Päpsten Hervorrufen. Diese wendeten sich deshalb um Hülfe an die ihnen geneigtem fränk. Könige gegen die Longobarden. Für seine Salbung zum Könige der Franken und seine Ernennung zum rom. Patricier und höchsten Schutzherrn des päpstlichen Stuhls bekriegte Pipin der Kleine (s. d.) die Longobarden und schenkte das denselben entrissene Exarchat dem Papst Stephan II. Karl der Große (s. d.) machte endlich dem Reiche der Longobarden ein Ende und vereinigte es "74 mit der fränk. Monarchie. Hiermit beginnt die zweite Periode der Geschichte Z.s, von 7 7 4—961, die Herr- > schaft der Karolinger sammt dem darauf folgenden Zwischenreich umfassend, oder die Zeit der überwiegenden Macht der Feudalherrschaft. Der Übergang derHerrschaft über I. an den I Frankenkönig war vorzüglich deshalb von Wichtigkeit, weil aus ihr die Erneuerung der röm. ' Kaiserwürde im Abendlande hervorging und durch sie der vorzüglichste Grund zur geistli- i chen Herrschaft des Papstes gelegt wurde. Trotz seiner Salbung zum röm. Kaiser vermochte Karl der Große indeß doch nicht, ganz I. sich zu unterwerfen, vergebens waren seine ^ Unternehmungen gegen das Herzogthum Benevent und die Republiken inÜnteritalien, wo besonders Neapel, Amalfi und Gaeta durch Schiffahrt und Handel zu großem Reichthum ge- ! langten. Diese, sowie auch andere freie Städte, Rom ausgenommen, schloffen sich von neuem ! fester an das byzantin. Reich an, dessen Macht dadurch in Unteritalien wieder verstärkt wurde. < Das übrige Z. blieb dagegen unmittelbarer Bestandtheil der fränk. Monarchie bis zur ! Theilung im Vertrage von Verdun, im I. 843, zufolge dessen es nebst der Kaiserwürde und dem später sogenannten Lothringen Lothar 1. (s. d.) zufiel. Dieser überließ die Regierung 850 seinem Sohne Ludwig H., dem löblichsten der ital. Fürsten aus karolingischem 520 « 1 Italien (Geschichte) Stamme. Nach Ludwig's II. Tode im I. 875 wurde I. der Zankapfel des ganzen Hauses, bis es zuleht im I. 880 in den Besitz Karl des Dicken kam, der die ganze frank. Monarchie zum letzten Male vereinigte. Mit seiner Absetzung im Z. 887 begann in I. eine Zeit der Gesetzlosigkeit und der bürgerlichen Kriege. Der Herzog Berengar von Friaul und der Herzog Guido von Spoleto nebst dem Markgrafen von Jvrea buhlten um die Krone; end- lich wurde Guido 888 zum König und 891 zum Kaiser von I. gewählt, und ihm folgten bei seinem Tode im I. 894 sein Sohn Lambert, der 898 starb. Zwar machte der karolingi- sche König der Deutschen, Arnulf, im I. 896 sein Recht auf die ital. Königs- und Kaiserkrone wieder geltend, doch konnte er sie nicht behaupten. Nach Arnulf's Tode im Z. 88g kämpften wieder der Herzog Berengar I. von Friaul, der schon 89-t als König von Z. gekrönt worden war, der König Ludwig von Niedcrburgund, den der Papst im I. 901 zum I Kaiser von I. krönte, und der König Rudolf I. von Oberburgund um die Herrschaft in Z. 1 Endlich gelangte Berengar l. zum ruhigen Besitz derselben und wurde 9 1 5 zum Kaiser gekrönt; doch vermochte er nicht, bei der innern Auflösung das Reich gegen die sich seit 899 wiederholenden räuberischen Einfälle der Sarazenen und der Ungarn, die 899 zum ersten Male I. beunruhigt hatten, .wirksam zu vertheidigen. Nach Berengar's I. Ermordung im I. 924 überließ Rudolf kk. von Oberburgund im I. 930 gegen Abtretung des ! Arelatischen Reichs seine Ansprüche aufJ. an den Grafen Hugo von Provence. Hugo suchte durch blutige Tyrannei sich auf dem unsichern Throne Z.s zu befestigen. Durch seinen Neffen, den Markgrafen Berengar II. von Jvrea, der 940 bei Otto dem Großen in Deutschland Sicherheit gegen des Onkels Nachstellungen gesucht hatte und mit einem aus Geflüchteten gesammelten Heere nach I. zurückkehrte, wurde Hugo im I. 945 gestürzt. Ihm folgten in der Regierung sein minder gehaßter Sohn Lothar; Berengar aber wurde dessen erster Rath. Nachdem Lothar, wie man glaubt, von Berengar vergiftet, 95V gestorben war, wollte Letzterer dessen Witwe, die schöne Adelheid, gegen ihren Willen mit seinem Sohne Adelbert verheirathen. Seinen Mishandlungen und ihrem Kerker entron- , nen, fand sie Schuh in der Burg Canossa; hier von Berengar ll. belagert, bat sie Otto I. um Beistand. Dieser zog über die Alpen, befreite sie, eroberte Pavia, wurde 951 als König der Langobarden gekrönt und vermählte sich mit Adelheid. Da Berengar sich sofort unterwarf und den Schlüssel von I., die Markgrafschaft Friaul, die Otto seinem Bruder Heinrich übergab, abtrat, so ließ sich der Kaiser bewegen, ihn, als seinen Vasallen in der Regierung, zu lassen. Als aber zehn Jahre später Klagen der ital. Großen gegen Berengar einliefen, kehrte Otto 96 l nach I. zurück, ließ ihn absetzen und gefangen nacb Bamberg führen, sich selbst aber zum Könige und 962 zum Kaiser krönen. (S. Otto l.) Noch behaupteten während dieser Periode in Unteritalien die Republiken Neapel, Gaeta und Amalfi gegen das longobard. Herzogthum Benevent ihre Unabhängigkeit, und zwar um so leichter, da dasselbe vielfach gethcilt war und sie mit den Herzogen einen gemeinschaftlichen Feind in den Sarazenen zu bekämpfen hatten, die sie selbst um 830 aus Sicilicn herübergerufen, um sie als Hülfsvölker gegeneinander zu gebrauchen, und die in Apulien feste Sitze gewonnen hatten. Selbst nachdem Kaiser Ludwig ll. und der nachmalige byzant. Kaiser Basilius der Macedonier mit vereinigter Kraft im I. 866 die Macht der Sarazenen gebrochen hatten, vermochte jener dennoch in Unteritalien sich nicht zu behaupten; dagegen faßten die Griechen festem Fuß. Letztere bildeten aus dem den Sarazenen abgenommenen Gebiet eine eigene Provinz, das Thema der Lombardei genannt, die, von.einem Katapan oder Generalstatthalter zu Bari regiert, über hundert Jahre unter ihrer Botmäßigkeit blieb. Selbst Otto dem Großen gelang es nicht ganz, sie aus I. zu vertreiben und ganz Unteritalicn zu unterwerfen. (S. Skcilien.) Mit dem Übergang der Kaiserwürde an die deutschen Könige durch Otto's I. Krönung beginnt die dritte Periode der Geschichte J.s, die Zeit der entschiedenen Herrschaft der deutschen Kaiser, während dersich jedoch das städtische und hierarchische Element, indeßnoch völlig von den Kaisern beherrscht, zu entwickeln begannen, den Zeitraum der sachs. Kaiser und der fränkischen bis zu Hcinrich'sIII. Tode, 96l — 1056, umfassend. Ottol. gab die ital. Reichslehen an Deutsche und den ital. Städten Vorrechte, welche ihre spätere freie Verfassung, Selbständigkeit und Macht begründeten, der sie bei dem fast immer anar- Italien (Geschichte) 521 chischen Zustande des Landes schnell entgegenreiften. Dagegen war der päpstliche Hof damals noch im Zustande der größten Verwilderung und Entweihung. Otto setzte deshalb und weil der Papst Johann XII. gegen ihn die Waffen ergriff, denselben ab, ließ Leo VIII. wählen, züchtigte die rebellischen Römer und machte so den Papst ganz von sich abhängig. Gegen den Einfluß der Grafen von Tusculum, die den abwesenden Kaiser zu Rom vertreten wollten, versuchte 980 ein edler Römer, der ConsulCrescentius, in Rom wenigstens den Schein der alten Freiheit wicderherzustellen. Mit Eroberungsversuchen auf Unterita- lien beschäftigt, die noch dazu schlecht endeten, ließ Otto II. (s. d.) die ruhmvolle, den lasterhaften Päpsten Bonifaz VII. und Johann XV. fürchterliche, Verwaltung des Cresccn- tius ungestört. Aber Otto III. (s. d.) machte der Herrschaft des Crescentius ein Ende, setzte Päpste seiner Wahl ein und hielt die Römer durch Gewalt im Zaume. Nach Otto's III. Tode im I. 1002 hielten die Italiener ihre Verbindung mit dem Deutschen Reiche für aufgelöst; man wählte den Markgrafen Harduin von Jvrea zum Könige, der zu Pavia gekrönt wurde, während eine andere Partei den deutschen König Heinrich II. zum Könige von J. ausrief. Ein Bürgerkrieg, in welchem sich hauptsächlich Mailand und Pavia gegenüberstanden und Heinrich II. (s.d.) am Ende den Sieg davon trug, war die Folge davon. Heinrich's Nachfolger in der Königs- und Kaiserwürde, Konrad II., seit 1026, suchte mit kräftiger Hand Ruhe und Ordnung unter den widerspenstigen Vasallen und Städten, unter denen schon Mailand mächtig sein Haupt erhob, herzustellen und dem Staate Frieden und Festigkeit zu geben. Doch vergebens; ununterbrochen wütheten die Fehden der immer mächtiger werdenden Städte und der Bischöfe gegen den Adel, und der Adel gegen seine Lehensleute. Das republikanische Rom, von der Familie des Crescentius geleitet, konnten weder Heinrich II. und Konrad II. noch die Päpste zum Gehorsam bringen. Als Heinrich III. (s. d.), Konrad's Sohn und Nachfolger, 1046 nach Italien kam, fand er in Rom drei Päpste. Er setzte sie alle drei ab und besetzte nachher stets aus eigener Macht den päpstlichen Stuhl mit würdigen Geistlichen DieseReform gab den Päpsten ein neues Ansehen, das später seinem Nachfolger verderblich wurde. Heinrich III. starb 1056, nachdem er durchgreifend und mächtig, wie seit Otto I. kein deutscher Kaiser, über J. geherrscht hatte. Mit Heinrich's III. Tode beginnt die vierte Periode der Geschichte J.s, 1056 — 1259, die Zeit des großen Kampfes zwischen den Kaisern und Päpsten um die höchste Macht und zwischen den Kaisern und den.ital. Städten um die Herrschaft über Z-, mit einem Worte die Zeit der Reaction des röm.-ital. Elements gegen das feudalistisch-germanische umfassend. In der langen Minderjährigkeit Heinrich's IV. gelang es der besonders durch den Mönch Hildebrand, den nachherigen Papst Gregor VII. (s.d.), geleiteten Politik der Päpste, eine Opposition, die bald zu einer furchtbaren Größe anwuchs, gegen die weltliche Macht vorzubereiten. Dazu trugen insbesondere die Normänner bei, die sich in Untcritalien niedergelassen hatten und auf die sich der Papst inseinem Kampfe mit der kaiserlichen Macht vorzüglich stützte. (S. Guiscard und Sicilien.) Während so im südlichen I. die kleinen Staaten zu einem großen zusammenwuchsen, löste sich im Norden das Königreich in kleinere Staaten auf. Die lombard. Städte gründeten ihre spätere Macht; Venedig (s. d.), Genua (s.d.) und Pisa (s. d.) waren bereits groß und blühend. Gregor VII. demüthigte 1077 Heinrich IV. (s. d.); Urban II. (s. d.) wiegelte die eigenen Söhne gegen den Kaiser auf; Konrad, der älteste, wurde 1093 zum König von I. gekrönt, und nach Konrad's Tode IIV1 gelang es dessen Bruder Heinrich, den Vater vom Kaiserthrone zu verdrängen. Heinrich V. (s. d.), das Geschöpf des Papstes, gerieth jedoch bald in harte Kämpfe mit demselben, besonders um die Erbschaft der Markgräfin Mathilde (s.d.) von Toscana, welche das 12. und I3.Jahrh. hindurch fortwährende Zwiste erregte. Unterdeß bildete sich im Süden aus den Trümmern republikanischer Freiheit der Griechen- und Lombardenherrschaft der normannische Staat unter R o - ger I. (s. d.) imI. 1130 zum Königreich. In den kleinen Freistaaten im Norden J.s war die Staatsgewalt gewöhnlich unter die Consuln, den Kleinen Rath (creckenru), den Großen Rath und die Volksversammlung (purlismentn) vertheilt. Kleine Fehden entwickelten chre jugendliche Kraft. Dergleichen war die, welche > > 11 mit der Zerstörung von Lodi durch die Mailänder endigte, und die zehnjährige Belagerung von Como durch Heere aller 522 Italien (Geschichte) lombard. Städte, l l >8—28. Die Unterwerfung dieser Stadt erhob Mailand zur ersten Macht der Lombardei, mit der sich die meisten benachbarten Städte verbanden. Andere bildeten um ihre Nebenbuhlerin Pavia einen entgegengesetzten Bund. Streitigkeiten zwi- schen Mailand und Cremona veranlaßten >129 zwischen beiden Vereinen den ersten Krieg, dem der Streit Lothar'sll. und Konrad's III. (s.d.) um dieKrone bald eine andere Richtung gab. Dies der Ursprung der Guelfen (s. d.) und der Ghib ellinen (s. d.). I» Rom erhob sich der von Gregor VII. gefesselte Freiheitssinn in dem Maße wieder, als seine Nachfolger minder kräftig regierten, und Arnold von Bres cia (s.d.)gelanges, für kurze Zeit das Scheinbild einer röm. Republik wiederhcrzustellen. Doch bald sollte der Kampf um die Souverainetätsrechke über I. und um die höchste Gewalt in geistlichen und weltlichen Dingen mit der Befestigung der Hohenstaufen (si d.) auf dem Kaiserthron allen diesen Zwistigkeiten eine großartige Richtung geben und mit einer Energie, wie noch nie zuvor, von beiden Seiten geführt werden. Friedrich I. von Hohenstaufen suchte seine Pläne auf Befestigung der kaiserlichen Macht über das widerspenstige I. und die Hierarchie mit einer Ausdauer, einem Aufwand an Mitteln und einer geistigen Kraft durchzuführcn, die eine Zeit lang einen glänzenden Erfolg versprach, zuletzt aber doch an der Ungunst der Zeiten und der Übermacht der sich aufthürmenden Hindernisse scheiterte. Zwar gewannen weder die Päpste noch die widerspenstigen, freiheitsmuthigen Städte, welche sich seit l l 67 zumLom- bard. Bunde einigten, entscheidende Vortheile über den Kaiser; allein auch ihm gelang es nicht, seine Plane durchzuführen, und eine Reihe von Unglücksfällen, die ihn nach frühern glücklichen Erfolgen traf, nöthigte ihn am Ende seiner Laufbahn mit seinen beiden Haupk- gegnern, dem Papst und den Städten, einen Compromiß einzugehen. Nur in einer Be- ^ ziehung, durch die Vermählung seines Sohnes Heinrich mit der normännisch-sicil. Erbtochter Constantia, gelangen ihm seine Plane. Durch die Erwerbung des Reichs beider Sicilien (s.d.) für sein Haus gewann er diesem nicht nur ein ansehnliches Erbreich, sondern vernichtete auch eine der zeitherigen hauptsächlichsten Stützen der päpstlichen Gewalt in ihrem Streite mit der kaiserlichen. (S. Friedrich I.) Sein Nachfolger, Heinrich VI (s. d.), regierte zu kurze Zeit und war zu sehr mit der Begründung seiner Macht im Reicht beider Sicilien beschäftigt, als daß er den übrigen ital. Angelegenheiten große Aufmerksamkeit hätte widmen können. So kam es, daß die Anarchie und die Parteien der Guelfen und Ghibellinen im nördlichen I. immer mehr um sich griffen und im politischen Leben Js sich befestigten. Unter den Edelleuten traten die Herren da Romano (s. Ezelin) und die Markgrafen von Este als Häupter, jene der Ghibellinen, diese der Guelfen auf. Während der Minderjährigkeit Friedrich's II. und des Thronfolgestreits in Deutschland gelang es Jnnocen; III., als Vormund Friedrich's II., die weltliche Herrschaft des heiligen Stuhls in Rom und in der Umgegend neu zu begründen und die Ansprüche auf Pipin's und Ma- thilde's Schenkungen geltend zu machen; auch zog er 1 l97 fast ganz Toscana zur Guel- senpartei, nur Pisa nicht. Mehr blinde Erbfeindschaft als Eifer für die Sache begeisterte die Parteien; denn als in Otto IV. (s. d.) ein Guelfe den Kaiserthron bestieg, wurden die Guelfen seine und die Ghibellinen des Papstes Partei; bald stellte jedoch die Wicderüber- tragung der Kaiserkrone auf das Hohenstaufensche Haus in der Person Friedrich's II., im I. >2l2, die alten Verhältnisse wieder her. In Florenz gab dieser politische Parteigeist 1215 den ursprünglich aus Privatbeleidigungen entstandenen Zwisten der Buondel- monti und Donati gegen die Uberti und Amidei Vorwand und Nahrung, und so theilten sich nun fast alle Städte auch im Innern in Guelfen und Ghibellinen. Die guelfischen Städte der Lombardei erneuerten > 226 den Lombard. Bund. Gegen diese Bürgerkriege erhob sich damals der hochgeachtete Dominicaner Johann von Vicenza als Strafpredigec und Schiedsrichter. Die Versammlung von Paquara schien 1233 seine Bemühungen zu krönen; aber das Streben nach weltlicher Herrschaft in Vicenza stürzte ihn. So wurde denn die Regierung Kaiser Friedrich's II. (s. d.) zu einem Kampfe auf Leben und Tod mit der Hierarchie und den wilden Städterepubliken J.s, der von beiden Seiten mit dem größten Aufwand von Thatkraft und Geist geführt wurde. Anfangs mit ziemlichem, obwol abwechselndem Glück von dem Kaiser geführt, traf ihn später Schlag auf Schlag, und als zuletzt seine Sache wieder eine günstige Wendung zu nehmen begann, starb er 1259. Die Italien (Geschichte) 523 Wessen trugen nun den Sieg über die Ghibellinenpartci davon, die durch die Ränke der Bettelorden schon ohnedies vielfach beeinträchtigt war. Selbst das treue Parma fiel ab. Der Sieg der Ghibcllinen in Florenz im I. 1248 hatte nur eine zweijährige, und ein neuer, nach der Schlacht von Monte-Apcrto im I. >260, nur eine sechsjährige Dauer. Die Bologneser zwangen alle Städte J.S in einen Guelfischen Bund und hatten das Glück, in der Schlacht bei Fossalte im I. 1249 den König Enzio (s. d.) gefangen zu nehmen, den sie nie wieder freigaben. So kam es, daß Konrad IV. (s. d.) während seines dreijährigen Aufenthalts in I. nur wenige Erfolge errang, und daß mit seinem Tode im I. 1254 der Fall der Hohenstaufcnherrschast so gut wie entschieden war, trotz der Tapferkeit und der Ausdauer, mit der Manfred (s. d.) für die Rechte seines Stamms kämpfte. Nur in der trevisan. Mark hatte die ghibellinische Partei durch Eze- lin (s. d.) die Oberhand, bis er in dem gegen ihn unternommenen Kreuzzuge aller Guelfen unterlag und 1259 gefangen wurde. Die Freiheit erlitt in diesen Kämpfen immer größere Beeinträchtigung; das Haus della Scala (s. d.) folgte dem der Romano in der Herrschaft und selbst Mailand nebst einem großen Theile der Lombardei kam in den Besitz des Hauses della Torre. (S.THurn und Taxis.) Überall erhoben sich Tyrannen; nur die Seerepubliken und die Republik Florenz blieben frei. Die fünfte Periode der Geschichte Z.s umfaßt die Zeit vom Falle der Hohenstaufen bis zur Gestaltung der neuern Staaten, 1259 bis ungefähr 153V, den Zeitraum des Siegs des röm.-ital. Elements, der sich in der Übermacht der päpstlichen Gewalt und der entschiedenen Selbständigkeit der ital. Städterepubliken, wie überhaupt durch die Blüte des ital. Lebens in allen Beziehungen aussprach, jedoch bald in sich wieder zerfiel durch die innere Auflösung des Papstthums, sowie durch das Aufkommen von Tyrannen in den freien Städten und die Bildung absolut-monarchischer Staaten. Seit Karl 1. aus dem Hause Anjou, durch des Papstes Gunst König von Neapel, auf Z.s Königskrone seinen Ehrgeiz richtete, bekamen die Namen der Guelfen und Ghibcllinen eine neue Bedeutung. Jener be- zeichnete die Freunde, dieser die Feinde der Franzosen. Diesen Parteien gesellten sich in den Republiken noch die des Adels und die des Volks bei, welche letztere fast überall den Sieg davon trug und die Oberhand gewann. Vergebens waren die Bemühungen Gregor s X., Frieden zu stiften, wirksamer die seines Nachfolgers Nicolaus' Ul., der Karl's Übermacht fürchtete. Mit neuer Wuth wurden die Ghibellinen durch Martin i V. seit 1280 «erfolgt, der Karl I. knechtisch ergeben war. Ein anderes Interesse, das des Handels und der Schiffahrt, trieb die Seerepubliken gegeneinander zu den Waffen. Die Genueser unterstützten 1261 den byzant. Kaiser Michael VIU. Paläologus bei der Wiedereroberung KonstantinopelS gegen die Venetianer; sie vernichteten bei Meloria im I. 1284 die Seemacht der Pisaner und vollendeten ihre Herrschaft auf dem Meere durch den Sieg über die Venetianer bei Curzola im Z. >298. (S. Genua.) Florenz vollendete seine Demokratie durch vollständige Ächtung des Adels im J. 1282 und befestigte die Guelfenpartei durch Meise Einrichtungen; doch schon im I. 1300 theiltc eine neue Parteiung, von dem unbedeutenden Pistoja aus verbreitet, in Florenz und ganz Toscana die Guelfen selbst in zwei Factionen, die Schwarzen und die Weißen, bis letztere vertrieben wurden. (S. Toscana.) In der Lombardei schien die ersterbende Freiheit zum letzten Male auszulodern; gleichzeitig erhob sich in den I. 1302—6, der ewigen Fehden der Tyrannen müde, in den meisten Städten das Volk und verjagte sie, darunter auch die Visconti ss. d.), die 1277 die della Torre in der Herrschaft von Mailand verdrängt hatten. Da erschien plötzlich, nach langen, Zwischenräume, ein deutscher Kaiser, Heinrich VII. (s. d.), in Z., um die kaiserliche Herrschaft wicderherzustellen. Zwar errang er mannichfaltige Vortheile; am Ende aber mußte er doch mit seinen Planen scheitern, da seit dem Sturze der Hohenstaufen die Anarchie sich so befestigt hatte, daß die Verhältnisse einer geordneten Monarchie immer ungünstiger geworden waren. Vorzüglich war es Florenz, das seine Entwürfe vereitelte, die Stadt, die jetzt die frühere Rolle Mailands spielte, allen Versuchen, Z. Einer Macht zu unterwerfen, kräftig widerstand und durch ihren Freiheitssinn lange ihre Hegemonie bewahrte, während es im übrigen I. von Tyrannen wimmelte. Das ghibellinische Pisa kam nach Heinrich's Tode im I. 1314 an Uguccione della Faggiuola, und Lucca, das er eben» 524 Italien (Geschichte) falls beherrschte, nach seiner Vertreibung daselbst imJ. >316 an Castruccio Castracani; Padua fiel >318 dem Hause Carrara anheim; Alessandria ererbten, sowie Tortona im I. >315 und Cremona im I. 1322 die Visconti zu Mailand; Mantua, wo seit 1215 die Bonacossi geherrscht hatten, kam >328 an die Gonzaga (s. d.); in Ferrara befestigte sich 1317 die lange bestrittene Herrschaft der Este (s. d.); Ravenna beherrschten schon seit 1273 die Polenta; Verona nebst mehren andern Städten seit Anfang des IZ. Zahrh. die Scala (s. d.), Bologna seit >335 die Pepoli u. s.w. In den übrigen Städten herrschte dieselbe Tyrannei, die umso drückender wurde, je öfter die herrschenden Geschlechter wechselten. Diese kleinen Fürsten hielten den Vcrgrößerungsabsichtcn Robert's von Neapel, den Clemens V. zum Reichsvicar in I. ernannt hatte, die Wage, und Kaiser Ludwig der Baier(s. d.), der 1327 nach Italien kam, um die Anjou und die Guelfen zuunterdrü- cken, sah sich selbst mit den Ghibellinen in Händel verwickelt, sowie andererseits die Schlechtigkeit Iohann's XXlI. auch den Eifer der Guelfen so abkühlte, daß beide Parteien, das gemeinschaftliche Interesse der Freiheit erkennend, sich einander mehr näherten. Plötzlich erschien im I. 1330 der König Johann von Böhmen in I. Von den Bresciancrn gerufen, vom Papste begünstigt, von Lucca zum Herrn gewählt, überall den Versöhner und Friedensstifter spielend, würde es ihm gelungen sein, die Macht, die er beabsichtigte, zu gründen, hätten nicht die Florentiner nebst Azzo Visconti, Masiino della Scala und Ne- bert von Neapel sich ihm entgegengestellt. Nach seinem Sturze begann Mastino della Scala, der die Hälfte der Lombardei und Lucca beherrschte, die Freiheit der ganzen Lombardei zu bedrohen. Auch gegen ihn leitete Florenz den Widerstand und erregte ihm einen Bundeskrieg, in welchem es nichts gewann als Sicherung der Freiheit. In dem vom Adel ' zerrissenen Rom herrschte Cola Rienzi (s. d.) seit 1337 eine kurze Zeit. Die Genueser, der ewigen Zänkereien der ghibellinischen Spinola und Doria und der guelfischen Grimaldi und Fieschi müde, vertrieben 1339 alle diese Familien und gaben sich in Simon Bocca- negra den ersten Doge. Überall in ganz J. herrschte 1337 eine entsetzliche Hungersnoth und 1338 eine noch gräßlichere Pest, der Schwarze Tod, welcher zwei Drittheile der Be- j völkcrung hinraffte. Nicht weniger furchtbar war die Geißel der Söldnerbanden oder großen Compagnien, die nach dem Frieden den Krieg auf eigene Hand fortseßten und überall plünderten und brandschatzten, wie die des Grafen Werner im I. 1338 und des Ritters Montreal im I. 1353. So sehen wir denn mit dem Sturze der kaiserlichen Gewalt I. im 13. und 15. Jahrh. in immer größere politische Zerrüttung verfallen und eine Auflösung aller sittlichen Bande cintreten, wie sie nur in wenigen Zeitpunkten der Geschichte geherrscht hat, während merkwürdigerweise damit ein glänzendes Aufblühen der Künste, Wissenschaften und des gewerblichen Lebens parallel ging, eine Erscheinung, die sich aus der Ungeheuern Masse der geistigen und materiellen Kräfte erklären läßt, welche durch den Streit gegen die kaiserliche Herrschaft entfesselt worden waren und nun, da sie durch den Sturz der letztern ihr Object verloren hatten, sich ebenso fürchterlich gegeneinander kehrten, als in andern Beziehungen Großes schafften. In dieser allgemeinen Anarchie treten vorzüglich fünf Punkte, um die sich die übrigen gruppiren, tonangebend hervor, nämlich Unteritalien, der Kirchenstaat, Florenz an der Spitze von Toscana, Mailand unter den Visconti und Venedig, von denen jedes einen Kreis bestimmter Bestrebungen bildet. Vor der Hand versuchte cs noch einmal Karl IV. (s. d.) das kaiserliche Ansehen herzustellcn; er erschien 1355 in I., unterwarf sich unverzüglich ganz Toscana, scheiterte aber am Ende an dem Freiheitssinne der tapfern Bürger von Siena und Pisa. Dem Papst Jnnocenz Vl. gelang cs, 1353—69 den ganzen Kirchenstaat zu erobern; aber durch die Bedrückungen der Legaten aufs Äußerste gebracht und von Florenz unterstützt, fielen 1375 alle eroberten Städte wieder ab, worauf sich während des großen Schisma die Freiheit dieser Städte, oder vielmehr die Herrschaft ihrer kleinen Tyrannen, völlig befestigte. Inzwischen beharrten die Visconti in ihren Eroberungsplanen, reizten J.s ganze Kraft zum Widerstande und machten die alte Parteiung der Guelfen und Ghibellinen über die nahe Gefahr vergessen. Genua unterwarf sich 1353 dem Giov. Visconti, der Bologna >359 von den Pepoli gekauft hatte; doch seine Unternehmung gegen Toscana scheiterte an dem Widerstande der verbündeten Tosca». Republiken. Einen andern Bund gegen ihn schlossen 1353 die Venetianer 525 Italien (Geschichte) mit den kleinen Tyrannen der Lombardei, bis sie am Ende nach vielfachen Kämpfen der letztem mit den Visconti gegen Anfang des > 5. Zahrh. aus Gegnern der Vistonti'schen Eroberungsabsichten ihre Nebenbuhler wurden. Giangaleazzo Visconti erwarb l 305 vom Kaiser Wenzel die Belehnung mit Mailand als Herzogthum, unterwarf sich > 309 Siena, 1400 Perugia und 1402 Bologna, sodaß Florenz, furchtbar bedroht, allein für die Sache der Freiheit gegen ihn stand. Allein nach seinem Tode im 1.1402 ging während derMin- derjährigkeit seiner Söhne ein großer Theil seiner Staaten wieder verloren. Als in Ladi- slaw von Neapel, der, das Schisma benutzend, sich des ganzen Kirchenstaats bemächtigte, 1400 dem bedrängten I. ein neuer Eroberer aufstand, wagte wiederum Florenz allein ihm zu widerstehen. Doch diese Gefahr war nur vorübergehend, denn bald erhoben sich dagegen die Visconti wieder. Der Herzog Filippo Maria Visconti eroberte 141 6—20 alle seine Staaten der Lombardei wieder; auch unterwarf sich ihm 1421 Genua. Da verband sich Florenz 1425 nochmals gegen ihn mit den Venetianern, die alles Land bis an die Adda eroberten und im Frieden von Ferrara 1428 behielten. In Perugia gelang es Braccio da Montane sich 1416 zum Herrn dieser Stadt und ganz Umbriens, ja selbst auf eine Zeit lang von Nom, zu machen. Zn Siena gelangten > 430 die Petrucci zur festen Herrschaft. Nach der Schwächung Mailands durch die Venetianer und Florentiner, und bei der beständigen Beunruhigung des Königs Alfons von Aragon in Neapel durch die Partei der Anjou war jetzt keine gefährliche Übermacht in Z. mehr vorhanden, obwol gegenseitige Eifersucht noch häufige Kriege erregte, in welchen die beiden Parteien unter den ital. Mieth- soldaten, die Bracheschi, nach Braccio da Montone, und die Sforzeschi, nach Sforza At- tendolo so genannt, einander stets feindlich gegenüber standen. Dem Franc. Sforza (s. d.) gelang es, nach demAussterben der Visconti im I. 1447, sich 1450 zum Herrn des mailänd. Staats zu machen. Als die Venetianer mit einigen Fürsten sich gegen ihn verbanden, fand er einen Bundesgenossen an Florenz, wo sich um diese Zeit durch Reichkhum und Klugheit das Haus Medici (s. d.) erhob. Mailand, wo die Sforza sich befestigten, Venedig, das die Hälfte der Lombardei besaß, Florenz, das durch Lorenzv Medici weise geleitet wurde, der Kirchenstaat, der größtentheils dem heiligen Stuhle zurückgegeben war, und Neapel, das unfähig war, seine Macht zu gefährlichen Angriffen zu gebrauchen, bildeten im 1 5. Zahrh. das politische Gleichgewicht J.s, sodaß in den fortgesetzten Fehden dieser Staaten keiner der Unabhängigkeit des andern furchtbar werden konnte. Da zog 1494 Karl VIII. von Frankreich, der Erbe des Hauses Anjou, heran, um Neapel und das durch die Sicili» sche Vesper (s.d.) den Franzosen entrissene Sicrlien zu erobern. Zwar trat Lodov. Sforza, Mvro genannt, erst sein Bundesgenosse, dann als Feind, wider ihn; allein Papst Alexander VI. (s.d.), um seinen Sohn Cesare Borgia (s. d.) zu erheben, begünstigte des Königs Plane. Karl eroberte Neapel schnell durch die blutigen Waffen seines stehenden Heeres, verlor es aber sehr bald wieder durch die Eifersucht der übrigen größer» Mächte an AlfonsII. von Aragon. Auch Karl'sVIII. Nachfolger, Ludwig XII. (s.d.), wurde von Ferdinand dem Katholischen aus dem mit ihm wiedereroberten Neapel 1504 verdrängt. Glücklicher war Ludwig XII. gegen Mailand, das er, auf ein Erbrecht gestützt, >500 sich unterwarf. Cesare Borgia's Versuche auf J.s Herrschaft wurden durch den Tod seines Vaters im I. 1503 vereitelt, worauf der kriegerische Papst Julius II. die vor ihm begonnene Unterwerfung des Kirchenstaats vollendete. Erschloß mit Kaiser Maximilian I., Ferdinand dem Katholischen und Ludwig XII. 1508 die Ligue von Cambray gegen die Vergrößerungsabsichten der Venetianer, deren Schlauheit aber diesen Vernichtung drohenden Bund bald zu trennen wußte, und sodann 1509 mit den Venetianern, Spaniern und den Schweizern zu Vertreibung der Franzosen aus I. die heilige Ligue, die aber damals ihren Zweck noch nicht erreichte. Der Streit zwischen den Sforza und später zwischen Kaiser Karl V. (s. d.) mit den Franzosen um Mailand dauerte fort und endete erst durch Franz 'sI. (s- d.) von Frankreich Niederlage bei Pavia im 1.1525. In Folge davon blieb Mailand dem Franc. Sforza, dem bei seinem Tode im J. 1540 sein Sohn Filippo in der Negierung folgte. Die mediceischen Päpste, Leo X. (s.d.), 1513 — 21, und Clemens VII., >523 — 34, waren eifrig auf Vergrößerung ihres Hauses bedacht. Karl V., unter den seit der Schlacht von Pavia sich ganz I. beugte, vereitelte zwar Clemens' VII. Anschläge, seine Macht zu 526 Italien (Geschichte) schwachen; er eroberte und plünderte >527 Rom, aber, bald mit dem Papste versöhnt, er- l hob er 1530 die Mediceer in den Fürsienstand. Florenz, das durch innere Demoralisation i seinen alten Freiheitssinn cingebüßt hatte und factisch schon seit längerer Zeit von den Mediceern beherrscht wurde, mußte nun unter dem Herzog Alefsandro l. sich förmlich in die Reihe der Fürstenthümer stellen. Von da an gebricht es der ital. Politik, von der Floren; bisher die Seele gewesen, an Gemeingcist und der Geschichte J.s an einem Mittelpunkte. Die sechste Periode der Geschichte J.s umfaßt die Zeit des Verfalls des ganzen ncuital. Elements, der sich politisch in dem erneuerten Eintreten der Fremdherrschaft und dem ausschließlichen Vorherrschen fremden Einflusses aussprach, welche von nun an alle Umgestaltungen der ital. Staaten bis auf die franz. Revolution bestimmten. Nachdem Außsterben des Mannsstamms der Markgrafen von Montferrat gab Kaiser KarlV. dieses Land >536 dem Gonzaga (s.d.) zu Mantua. Aus Parma und Piacenza, die Papst Julius II. für den heiligen Stuhl erobert, machte Papst Paul Ul. > 535 ein Herzogthum und gab es seinem Bastard Pietro Luigi Farnese (s. d.), dessen Sohn Ottavio 1556 die kaiserliche Belehnung erhielt. Genua fand in Andrea Doria (s.d.) 1523 seinen Befreier von der franz. Herrschaft, den 153 7 die Verschwörung Fiesco 's (s. d.) nicht zu stürzen vermochte Karl V. überließ schon 1553, außer Mailand, auch Neapel seinem Sohne Phi lipp II. (s.d.) von Spanien, und hiermit wurde auf anderthalb Jahrhunderte, zum Unglücke für das ganze geistige und politische Leben der Halbinsel, der östr.-span-Einfluß vorherrschend; doch im Frieden zu Chäteau-Cambresis im J. >559 wurde Piemont dem Herzog Emanuel Philibert von Savoyen zurückgegeben. In der zweiten Hälfte des lO.Jahrh. hob sich der Flor J.s,so weit dies bei dem Verluste des Welthandels möglich war, durch langen Frieden, der bis zum Erbsolgestreit über Mantua und Montserrat sortdauerte, wodurch die Noth des Dreißigjährigen Kriegs auch über I. kam. Seine Bedrängniß in Deutschland nöthigte Kaiser Ferdinand U., jene beiden Länder 1631 Frankreichs Schützlinge, Karl von Revers, zu Lehen zu geben, dessen Geschlecht bis zum span. Erbfolgekriege im Besitze blieb. Durch den Abgang des Hauses della Novera fiel Urbino 1631 dem päpstlichen Stuhle anheim. Der Friede l J.s wurde, mit Ausnahme der Unternehmungen Ludwig's XIV. auf Savoyen und Piemont, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. nicht gestört, und schien durch den turinerNeutralitätsvertrag von 1696 auf lange Zeit gesichert zu sein, als der span- Erbfolgekrieg ausbrach. Ostreich eroberte > 706 Mailand, Mantua und Montferrat, behielt die erstem beiden für sich, indem Mantua wegen Felonie des geächteten Herzogs eingezogen wurde, und gab letzteres an Savoyen. Im utrechter Frieden von 1713 bekam Ostreich noch die Insel Sardinien und Neapel, Savoyen aber die Insel Sicilien, die es gegen Sardinien an Ostreich abtrat. .Parma und Piacenza erhielt, als 1731 das Haus Farnese ausstarb, der span. Jnfant Karl. In dem poln. Thronfolgekriege von 1733 eroberte Karl Emanuel von Savoyen, mit Frankreich und Spanien verbunden, Mailand, und behielt davon im wiener ^ Frieden von >738 Novara und Tortona. Der Jnfant Karl von Spanien wurde König beider Sicilien und trat dafür Parma und Piacenza an Ostreich ab. Als die Mediceer zu Florenz 1737 ausstarben, erhielt der Herzog Franz Stephan (s.d.) von Lothringen nach der Bestimmung des wiener Präliminarfriedens Toscana, das er >735, wo er Kaiser wurde, zur Secundogenitur des östr.-lothring. Hauses machte. Im östr. Erbfolgekriege eroberten die Spanier >735 Mailand, wurden aber durch Karl Emanuel daraus vertrieben, welchem ^ Maria Theresia zum Dank einige mailänd. Landschaften abtrat. Mafia und Carrara fielen >733 als Erbe an Modena. Parma und Piacenza eroberte der span. ZnfantDon Philipp für sich, verlor es zwar wieder, erhielt es aber als erbliches Herzogthum im aache- ner Frieden von > 7 38 zurück. So theilten sich im >8.Jahrh. die Häuser Lothringen, Bourbon und Savoyen in ganz I., bis auf den Kirchenstaat, Modena und die Republiken, welche als abgelebte Greise dem Treiben der neuen Zeit, in die sie nicht Mehr paßten, kraftlos zuschauten, während östr. und span. Einfluß um die Oberherrschaft in I. kämpften. Die siebente Periode der Geschichte J.s begreift die Zeit seit der franz. Revolution > bis auf die Gegenwart; die Zeit der verunglückten Versuche, I. eine neue Selbständigkeit und ein neues nationelles Leben zu erringen. Jm Sept. >792 drangen die franz. Truppen zuerst in Savoyen ein, wurden zwar >793 auf einige Zeit wieder vertrieben, behaupteten es aber 527 Italien (Geschichte) doch sm Ende des Jahres. Der Nationalconvent hatte schon im Febr. >793 auch Neapel den Krieg erklärt. Im Apr. 17S4 rückten die Franzosen im Picmontesischcn und Genuesischen vor, wurden aber im Juli 1795 von den Ostreichern, Sardiniern und Neapolitanern aus I. nochmals vertrieben. Nachdem 1796 Napoleon Bonaparte den Oberbefehl des franz. Heers in I. erhalten, zwang er zunächst den König von Sardinien zum Frieden, in welchem Nizza und Savoyen an Frankreich abgetreten werden mußten. Nachdem er sodann die östr. Lombardei erobert, den Herzog von Parma und den Papst gebrandschaht und dem Könige von Neapel solche Furcht cingeflößt hatte, daß er um Frieden bat, errichtete er 1797 aus Mailand, Mantua, dem Theile von Parma diesseit des Po und Modena die Cisal- xinische Republik (s. d.). Der Kirchenstaat (s. d.) wurde 1798 in eine Römische Republik, Genua in eine Ligurische Republik (s. d.) umgewandelt. Auch Venedig wurde, als die Franzosen durch das vcnet. Gebiet in Ostreich eingedrungen, von ihnen besetzt und der Republik eine demokratische Form gegeben; im Frieden zukampo-For- mio (s. d.) aber das venet. Gebiet, bis an die Etsch an Ostreich überlasten und derÜber- ' rest mit der Cisalpinischen Republik vereinigt. Der König von Sardinien schloß zwar mit Frankreich am 25. Oct. >797 einen Allianz- und Subsidienvertrag; doch 1798 fand das in Folge der zweiten Koalition von Neapel her in Rom angegriffene Direktorium (s. d.) für gut, ihn zur Abtretung seiner Staaten auf dem festen Lande zu nöthigen. Neapel selbst wurde vom General Championnet (s. d.) >799 besetzt und in eine Parthenopei- sche Republik verwandelt; Toscana aber wie Piemont von den Franzosen militairisch verwaltet. In Folge der Siege der Koalition (s. Suwarow) wurden indeß die Franzosen wieder aus Neapel und Rom und dem ganzen übrigen I. bis auf Genua (s. Masse na) vertrieben, und der König und der Papst kehrten in ihre Hauptstädte zurück. Doch durch seinen glänzenden Feldzug von 1809 (s. Marengo) vernichtete Bonaparte fast alle diese Bortheile der Coalisirtcn in Oberitalien, das er zum größten Theile wieder eroberte. Im , luneviller Frieden von 1891 wurde der Besitz Venedigs für Ostreich bestätigt; der Herzog 1 von Parma bekam Toscana als Königreich Etrurien (s. d.); Parma aber wurde mit Frankreich vereinigt. Die Cisalpinische und die Ligurische Republik wurden von Ostreich und Frankreich verbürgt und mit letzterer die eingeschlossenen Reichslehen vereinigt. Nun wurde auch der König von Neapel zum Frieden zu Florenz vom 28.März > 891 genöthigk, in welchem er Piombino, den Stato degli Presidj, welchen Frankreich wiederum an Etrurien abtrat, und seine Hälfte der Insel Elba abtreten mußte. In Folge des Friedens zu Amiens von 1891 mußten die Franzosen Neapel, Rom und Elba räumen. Die Republiken Genua und Lucca erhielten durch den ersten Konsul noch im I. 1891 neue Verfassungen Im Jan. 1892 erfolgte die Umsckmelzung der Cisalpinischen in eine Italienische Republik, nach dem Muster der neuen franz. Verfassung, und Bonaparte wurde Präsident derselben. Auch Genua erhielt wieder eine neue Verfassung und den Girolamo Durazzo zum Doge; Piemont aber wurde mit Frankreich vereinigt. Doch schon > 895 verwandelte der nunmehrige Kaiser Napoleon die Italienische Republik in ein Königreich Italien, machte sich zum König, seinen Stiefsohn Eugen Beauharnais (s. Le uchte nberg) aber zum Vicekönig desselben, gab ihm eine der franz. ähnliche Verfassung und vereinigte damit Euastalla, während seine Schwester Elisa Bac cioccki (s. d.) Piombino und Lucca als ^ Fürstenthümer und franz. Lehen erhielt. Der Friede zu Presburg im I. 1895 vollendete die franz. Allgewalt in I. Das östr. Venedig nebst Istrien und Dalmatien wurde mit dem Königreiche I. vereinigt, das nun einen Flächeninhalt von 1672 UlM. mit 5,657999 E. hatte. Am 2a. Mai >896 wurde Guastalla, am 25. die Ligurische Republik, am 21. Juli Parma und Piacenza franz. Provinzen. Neapel wurde 1896 ebenfalls von den Franzosen besetzt und von Napoleon am 31. März seinem Bruder Joseph Bonaparte (s. d.) als Königreich gegeben, und von diesem trotz eines Aufstandes in Kalabrien und einer-Landung der Engländer in Besitz genommen, 1898 aber, da Joseph zum Könige von Spanien f «.mannt war, dem Eroßherzog von Berg, I. Murat (s. d.), verliehen, während das von I den Engländern beherrschte Meer dem Könige Ferdinand den Besitz Siciliens sicherte. Noch imJ. >898 wurde Etrurien zu Frankreich geschlagen und 1899 gab der Kaiser Toscana als Statthalterschaft seiner Schwester Elisa mit dem Titel als Eroßherzogin. In demselben 528 Italien (Geschichte) Jahre erfolgte die völlige Vereinigung des Kirchenstaats mit Frankreich. Nach dem wiener Frieden wurden Istrien und Dalniatien vom Königreiche I. abgetrennt und dem neugebildc- ten Königreiche J llyri en (s. d.)cinverleibt. Baiern mußte von Tirol den Etschkreis, einen Theil des Fisackkreises und das Landgericht Clausen an I. abtreten. (S.Frankrcich.) Unerschütterlich schien nun des sranz.Kaisers Macht in I. wie in ganz Europa befestigt; doch der Feldzug nach Rußland sollte auch sie bald stürzen. Murat verließ die Sache Frankreichs und verband sich am ll.Jan. 181-1 mit Ostreich, dessen Heere unterBellegarde (s. d.) in I. eindrangen, gegen Napoleon, und der Vicekönig Eugen mußte am Ende, trotz seiner tapfern Vertheidigung, in Folge des Waffenstillstands vom 23. Apr. 1814 mit dm Franzosen ganz I. räumen. Neapel blieb zufolge der Bestimmung des wiener Congreffei im Besitze Murat's; allein die verunglückte Schilderhebung desselben im I. 1815 bracht! es wieder an seinen alten Herrn, den König Ferdinand IV., und bewirkte Murat's Beitreibung und am Ende dessen Tod. Inzwischen hatte die wiener Congreßacte vom S. Jun. 1815 J.s Verhältnisse geordnet. Der König von Sardinien erhielt seine Staaten wieder, nach den Grenzen von 1792, nebst der ehemaligen Republik Genua; der Kaiser von Ostreich vereinigte mit seiner Erbmonarchie das neuerrichtete lombardisch- venet. Königreich, das Haus Ostreich-Este bekam wieder die Souverainetät in Modena, Reggio, Mirandola, Mafsa und Carrara; die Kaisers» Marie Luise erhielt Parma, Piacenza und Guastalla; der Erzherzog Ferdinand von Ostreich wurde wieder Großherzog von Toscana; die Infantin Marie Luise erhielt Lucca; der Kirchenstaat wurde, mit Ausnahme des am linken Ufer des Po gelegenen Landstrichs, gänzlich hergestellt, der König Ferdinand IV. wieder als König beider Sicilien anerkannt, und im Besitz der Insel Malta blieben die Engländer, während die Republik San-Marino und der Fürst von Monaco unter allen politischen Umgestaltungen, die I. seit der franz. Revolution erlebt, sich unversehrt erhalten hatten. So wurde das östr. Übergewicht in I. fester als jemals begründet, auf der See aber und an den Küsten gebot England. Hiermit war in- deß unter den Völkern J.'s der Wunsch nach Einheit und Unabhängigkeit nicht unterdrückt. Fast allgemein spürte man das Verlangen nach einer repräsentativen Verfassung und vergebens suchten sich die Negierungen, vorzüglich Neapel, Rom und Turin, gegen geheime politische Gesellschaften, wie Unitarier, Carbonari u. s. w., selbst gegen die Freimaurer, durch Ketzergerichte, Jesuiten und geheime Police, zu schützen. Der Geist des Car- bonarismus (s. Carbonari), durch die span. Revolution von 182« aufgeregt und die Errichtung eines ital. Bundesstaats und dessen Unabhängigkeit von fremder Herrschaft, namentlich von Ostreich, bezweckend, drohte den politischen Zustand J.s überhaupt und der einzelnen Staaten insbesondere zu stürzen und erschütterte theilweise wirklich, vorzüglich Neapel und Sicilien, wo der König Ferdinand I. (s.d.) 182« eine freisinnige, der span.von >811 ähnliche Constitution versprechen mußte, auch Sardinien, wo der König Victor Ema- n ucl I. (s. d.) im Jan. 1821 zu Gunsten seines Bruders Karl Felix resignirte. Die Cabinete der Großmächte Europas behaupteten indeß kräftig den Grundsatz der Stabilität durch schleunige Unterdrückung jeder Revolution und durch Bekämpfung des gefährlichen VolksgeiM Ostreich, als die beiden Aufständen inJ. zunächst bethciligte Macht, welche schon 18 >5 der Einführung des Repräsentativsystems in I. vorgebeugt hatte, übernahm es, mit Zustimmung der übrigen auf dem Kongresse zu Laibach versammelten Mächte, mit gewaffneter Hand die legitimen Rechte der königlichen Macht in.Neapel und Sicilien sowie in Sardinien wiederherzustellen. Ein viertägiger Kampf der Östreicher mit dem Revolutionsheere von Neapel (s. Sicilien) vom 7.— 1«. März 1821, und ein dreitägiger mit der Föderationspartei von Piemont (s. Sardi ni sche Monarchie), vom 7.-9. Apr. 1821, stellten die Ruhe und alte Ordnung in I. wieder her. Seitdem wurde in Übereinstimmung mit den auf den Congressen zu Laibach und zu Verona hinsichtlich J.s festgestellten politischen Grundsätzen das Unterdrückungssystem mit der größten Strenge geübt. Während man aber von Seiten der Regierung in mehren Staaten durch Jesuiten und andere Mittel die Nieder- drückung und Entgeistigung des Volkes förmlich systematisch betrieb, erstarkten auch von neuem d>- geheimen Gesellschaften, welche das Volk zu erheben und in ihm den Geist ssr eine zu erringende schönere Zukunft zu entflammen suchten. Dagegen suchten die Reglern; ve, M lic. son Ca im N- all. sin un du in lieh str« ber aea des ver Be nn! ger pm sie, lier unl sich g° En unl sei, me ken all; md De am ns. na. Pr err eni sog B- Pe pä, 8/ zus len 8l> erk ten W 529 Italien (Geschichte) rungen durch strenge Maßregeln allen Umtrieben der Carbonari zu steuern; grausam «erfuhr man in Neapel und Sicilien gegen politisch Verdächtige, ganz besonders aber in Modena, dessen Herzog Franz IV. (s. d.) seit >821 sich an die Spitze einer geheimen Police! in I. gestellt hatte; minder streng im lombard.-venet. Königreich, Parma und Lucca, sowie in Toscana und im Kirchenstaate. Pius VII. (s. d.), durch dessen Staatssecretair Cardinal Co n salv i (s. d.) viel zur Versöhnung der Eemüthcr und Befestigung der Nutze im Innern gethan und das Vcrwaltungssystcm wohlthätig geordnet wurde, sowie seine Nachfolger Leo XII. (s. d.) und Pius VIII. (s. d.) begnügten sich, die Carbonari sowie alle andern geheimen Gesellschaften mit dem Banne zu belegen, ohne die Theilnehmer an frühem politischen Verbindungen zur Rechenschaft zu ziehen. Letzteres war auch in Parma und Lucca sowie in Toscana der Fall, seitdem Leopold II. (s. d.) > 824 seinem Vater Ferdinand »I. (s. d.) gefolgt war. Der Tod Ferdinands I. von Sicilien im Z. >825 hatte in Hinsicht der dort gegen die politisch Verdächtigen genommenen Maßregeln keine wesentliche Änderung zur Folge, da sein Sohn und Nachfolger, Franzi-, wenn auch minder streng, des Vaters Grundsätze festhielt. Die Ursachen der ital. Revolution in den I. I82i) und 1821 wurden nirgend gehoben; die unzähligen Proscriptionen und das Einkcrkern so vieler angesehener, allgemein geachteter Männer hatten einen nur noch liefern Groll erregt; immer fester hatte in Folge des Druckes und der Verfolgung von oben der Carbonarismus gewurzclt und sich weiter verzweigt, als in Frankreich die Julirevolution auebrach, in Folge deren im Sept. >836 Belgien und im Nov. 183» Polen sich erhob. Da die franz. Revolution einen schnellen und glücklichen Ausgang nahm, hinsichtlich Belgiens offen und in BetreffPoleus stillschweigend das System der Nichtintervention befolgt wurde, so glaubte auch Italien diesen Zeit- Punkt wahrnehmen zu müssen, um sich aufs neue zu erheben und über den Geist der Verfinsterung die Oberhand zu gewinnen. Ehe dies noch geschah, hatte im Königreich beider Sici- > lim am 8. Nov. >83» Ferdin an d II. (s. d.), der in minder strengem Geiste als Franzi. ! und mehr das Wohl seines Landes berücksichtigend zu regieren gleich vom Anfänge die Absicht zeigte, und, während der ersten Unruhen im Kirchenstaat, am 2. Febr. 1831 Gregor XVl. (s. d.) den Thron bestiegen. Der Herzog von Modena, Franz IV., suchte mit Energie fort und fort seine despotischem Grundsätze durchzuführen, ungeachtet schon hier und da Zeichen der Aufregung des arg gedrückten Volkes sich kund gaben. Offen gab er seine Gesinnung!» zu erkennen, unter Anderm auch dadurch, daß er, als bereits schon die meisten europ. Mächte die neue franz. Regierung anerkannt hatten, beharrlich die Anerkennung derselben verweigerte. So war es kein Wunder, daß in Modena (s.d.) zuerst unter allen ital. Staaten, in der Nacht vom 3. auf den 4. Febr. 1831, ein Aufstand erfolgte, der indeß durch militairische Gewalt gedämpft wurde. Kaum vernahm man zu Bologna den Donner der Kanonen in Modena, als auch hier am 4. Febr. das Volk sich erhob, und schon am 5. wurde eine Provinzialgarde errichtet, die ital. Cocarde aufgesteckt und eine provisorische Negierung eingesetzt. Der Herzog von Modena hielt für gerathen, mit den Seinigen nach Mantua zu flüchten, und mit Blitzesschnelle verbreitete sich nun der Aufruhr über die Provinzen von Modena und Reggio, sodap man hier für nöthig fand, Bürgergardcn zu errichten und eine provisorische Regierung zu ernennen, die später'in eine Dictatur und endlich in eine Vereinigte Negierung von Modena und Reggio umgeschaffen wurde, welche sogleich viele wohlthcktige Einrichtungen ins Leben treten ließ. Nasch breitete sich von Bologna aus der Aufstand auch über den größten Theil des Kirchenstaats, Nomagna, Pentapolis und Umbrien, aus. Ein Theil der neuen Bürgergarden wurde beordert, die päpstlichen Truppen, welche noch in den Provinzen standen, zu vertreiben, und schon am b. war die weltliche Herrschaft des Papstes für beendigt erklärt, worauf Wahlcollegien zusammenberufen wurden, welche Deputirtc zur Berathung der neuen Verfassung erwählen sollten. Unruhen in Parma am >2. veranlaßt»; am 15. die Herzogin Marie Luise zur - Flucht. Die Stadt Ancona hatte sich bereits am 8. Febr. für die neue Ordnung der Dinge erklärt; später drangen die Bürgergarden bis Riet! und Eivita-Castellana vor und bedrohten selbst die Hauptstadt, wo ein vorbereiteter Aufstand kurz vor dem Ausbruche entdeckt wurde. Der Papst, nicht im Stande, mit Gewalt die Unruhen zu dämpfen, versuchte eine Conv.. Lex. Neunte Aufl. VH. 34 530 Italien (Geschichte) Gegenrevolution zu bewirken, doch seine Bemühungen waren vergebens. Am 26. Fckr. traten zum ersten Male die Abgeordneten der freien Provinzen J.s zusammen und «ro- clamirten einstimmig die völlige Emancipation der in ihrer Versammlung vertretenen üü. Provinzen von der zeitlichenHerrschaft des Papstes und die Vereinigung derselben in Einen Staat unter Einer Regierung, die aus einem Präsidenten, einem Ministerrathe und einer Gesetzgebenden Consulta bestehen sollte, welche am 4. März bereits erwählt wurden. Doch die Cabinete der europ. Hauptmächte hatten beschlossen, hinsichtlich J.s das System der Intervention in Anwendung zu bringen. Mit seinen eigenen und östr. Truppen rückte der Herzog von Modena, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, am 9. März in seiner Residenz ein. So sah sich der General Zucchi mit einem Theile der Bürgergarden, denen sich die am meisten Gefährdeten anschlosscn, genöthigt, sich auf das bolognes. Gebiet zu luge- den. Die Ostreicher hatten schon am 5. März Ferrara besetzt und rückten am IZ. auch in Parma ein. Noch immer wollten die Bologneser an keine Intervention glauben, sie wählten den General Zucchi zum Oberbefehlshaber und verlegten, als die Östreichcr Bologna sich näherten, am 29. März die provisorische Regierung nach Ancona, worauf auchÄo- logna am 21. von den Östreichern besetzt wurde. Nach dem vergeblichen Gefechte der Italiener bei Rimini am 25. März war die provisorische Regierung in die NothwendiM versetzt, sich aufzulösen. Am 27. März wurde nun auch Ancona den Östreichern übergeben und am 4. Apr., iiachdcm die Italiener unter Sercognani am 30. März die Waffen gestreckt, Spoleto durch die päpstlichen Truppen besetzt. Die, welche am meisten compromü- tirt waren, suchten nach den Jonischen Inseln zu entkommen, wurden aber durch die Ösi- reicher gefangen genommen und später an ihre Negierungen ausgeliefert; nur den General Zucchi verurthcilte man von Seiten Ostreichs zu Festungsarrcst. (S. Kirchenstaat.) Der Herzog von Modena erklärte sogleich nach seiner Rückkehr alle Verordnungen und die Acte der provisorischen Regierung für ungültig, berief eine Commission zurVer- urtheilung der Theilnehmer an der Revolution und regierte seitdem mit eiserner Hand, so- daß alles Leben erstarrte und Grabesstille herrschte. Auch der päpstliche Hoshob Wes von der neuen Regierung Angeordnete auf; doch bei der Schwäche desselben und den verkehrten Maßregeln, die man ergriff, wurde es ihm, nachdem die Östreichcr am > 8. Mai Ancona und am 15. Jul. Bologna geräumt hatten, sehr schwer, Ruhe und Ordnung zu erhalten. Erneute Unruhen im Kirchenstaat veranlaßten ein neues Einrücken der Ostreicher am 2t. Jan. 1832 und gaben dem franz. Ministerium Veranlassung, am 22 .Febr. 1832 Ancona (s. d.) zu besetzen, wogegen der Papst vergebens protestirle. In Parma suchte nach ihrer Rückkehr die Herzogin Marie Luise durch Milde und manche zweckmäßige Änderungen die aufgeregten Gemüther zu versöhnen, was ihr auch insoweit gelang, daß die Ryhe nicht weiter gestört wurde. In der sardin. Monarchie wußte der König Karl Albert (s.d.), der am 27. Äpr. 1831 den Thron bestiegen, im Anfänge seiner Negierung durch ein liberales, die Wohlfahrt des Landes beförderndes Regierungssystem sein Land vor Aufständen zu bewahren; bald aber änderte er sein Negierungssystem und schlug ganz ins Gegentheil um, den Herzog von Modena sich zum Muster nehmend, und vor Allem die Bestrebungen des modernen Jesuitismus begünstigend, sodaß es nicht Wunder nehmen darf, wenn man fort' während von Verschwörungen hört, die zum Theil ebenso geheim unterdrückt wie gemacht werden. Die bedeutendste unter denselben war die im I. 1833 entdeckte, in Folge deren 32 Individuen verhaftet und zum Tode verurthcilt wurden. Ebenso mislang der unmi- nige Einfall der poln. und ital. Flüchtlinge nach Savoyen in der Nacht vom 2.—3. Febr. 1834 völlig. (S. Sardinische Monarchie) So herrschte denn in Folge des Mislin- gens aller Aufstandsversuche in I. eine Art Ruhe; aber es war die der Erschöpfung und keine Beruhigung der Gemüther. Verfolgungen, Verhaftungen und willkürliche Handlungen währten fort, und mit ihnen Furcht, Haß und Erbitterung. Die Provinzen, welche, wenn auch nicht auf Unterstützung von außen, doch darauf gerechnet hatten, daß man auch bei ihnen das System der Nichtintervention in Anwendung bringen werde, und sich dadurch hatten verleiten lassen, die drückenden Fesseln zu brechen, wurden in härtere Sklaverei geschlagen als früher. So konnte es nicht fehlen, daß geheime Verbindungen, unter denen die von Mazzini (s.d.) im I. 1831 in Marseille gestls- stbr. »ro- ital. inin uucr Hoch ^du ! dkl ^si. lßch !lg!- h in ähl- >gm Bo- pka- zkeit rze- ffe» mi!< Ost- ml t) W 8-r. so. «on rlen ona ten. 1U. INI hrer ldie >ichl der les, i zu um, des erricht re» MI- :br. iin> mg iche un- at- ;en ur- me lis. Italienische Kunst (Architektur) 531 tete, der griech. Hetäria ähnliche Verbindung 1>a giovine Italia die verbreitetste zu sein scheint, entstanden, welche fort und fort sich bemühen, die morschen Gebäude der ital. Staaten zu stürzen. Zwar schien im Z. 1838 Alles sich beruhigt zu haben, die östr. Truppen wurden deshalb aus dem Kirchenstaat zurückgezogen, und die Franzosen mußten gleichzeitig noch im Dec.,1838 Ancona räumen; ja die allgemeine Amnestie, welche Kaiser Ferdinand I. von Ostreich im Oct. 1838 bei seiner Krönung in Mailand für die politischen Verbrecher ergehen ließ, schien die öffentliche Meinung im lombardisch - venet. König- reiche der östr. Regierung ganz gewonnen und neue Verschwörungen unmöglich gemacht zu haben. Allein das Übel lag tiefer, als daß es durch eine Amnestie hätte gehoben werden können; es liegt einestheils in dem wiedererwachten Nationalgeiste der Italiener, der ihre Vereinigung zu Einer Nation verlangt, und anderntheils in dem drückenden Despotismus der meisten ital. Regierungen und ihrem Widerstreben gegen jeden geistigen und politischen Fortschritt. So kam es denn, daß schon in den I. >843 und 1844 wieder Unruhen in der Romagna ausbrachcn, die zwar ohne fremde Intervention gedämpft wurden, aber doch die Bildung von Banden veranlaßten, welche der päpstlichen Regierung lange viel zu schaffen machten und eine Menge politischer Processc herbeiführten, die mit der größten Strenge geführt, mit vielen Todes - und andern schweren Strafurtheilen endigten, die an den betreffenden Individuen, so weit man ihrer habhaft werden konnte, mit Strenge vollzogen wurden, viele Andere aber zu immerwährender Verbannung zwangen. (S. Kirchenstaat.) Nicht zweifelhaft ist es, daß die 6iovine Italia, die jetzt unter ihrem Hauptleiter Mazzini dm Mittelpunkt ihrer Bewegungen in London und andere Neben- herde in Malta, Korfu und Smyrna hat, fortwährend mit einer Jnsurgirung I.s umgeht, und daß ihr geheime Unterstützung und Beförderung ihrer Plane in diesem Lande nicht entgehen, wo der gebildete Theil der Bewohner, wenn auch nur mit passiver Thcil- nähme, im Geheimen beifällig ihrem Treiben zusieht. Dieser ital. Geheimbund hat seine Absichten vorzüglich auf die Romagna und Neapel gerichtet, und seine zwar verunglückten Unternehmungen im Z. 1844 lieferten den Beweis, wie vielen Einfluß er hat, indem es ihm namentlich gelang, mehre Offiziere der östr. Marine zu gewinnen, wie die Gebrüder Bandiera, die Söhne des Admirals gleichen Namens, und mit ihnen von Korfu aus eine Znsurrectionsexpedition nach Neapel zu unternehmen, die indeß jin Folge von Vcrrath gänzlich mislang und die Hinrichtung vieler der dabei Betheiligten zur Folge hatte. Vgl. über die Geschichte I.s, neben den Werken von Muratori (s. d.), Sismondi (s. d.), Guicciardini (s. d.) und Botta (s. d.), Lebret, „Geschichte von I." (9 Bde., Halle 1718—87); Fantin Desodoards, „üistoire de l'I. depuis Is cllüte de Is. republigu«: rvm. etc." (g Bde. Par. 1802—°3); Perceval, „Histor^ ok l." (2 Bde., Land. 1825) und Leo, „Geschichte der ital. Staaten" (5 Bde., Hamb. 1829—32). Italienische Kunst. Die in Italien eindringenden Barbaren fanden das Land mit Prachtbauten der mannichfachsten Bestimmung und mit Trümmern bedeckt. Entweder schon Christen oder dem Christenthum sich sehr bald zuwendend und von dem Geiste der Civilisa- tion angeweht, ließen sie sich im Bedürfniß ihres Cultus die Erhaltung derBasiliken (s. d.) angelegen sein, deren Form sie sich dann auch bei der Erbauung neuer Kirchen zum Muster nahmen. Nachgewiesen ist, daß die in Italien seit 493 angesiedelten Ostgothen (s. Go th en) bei Dem, was sich als ihnen angehörig darthun läßt, die in Italien Vorgefundene Bauweise zum Muster nahmen. Daß der König Theodorich (s. d.) viel und in eigenthümlicher Weist haben bauen lassen, ist eine nichtunwahrscheinliche Annahme; als beglaubigte Denkmäler von ihm liegen indessen nur vor sein Grab, jetzt die Kirche Santa-Maria della No- tondr in Ravenna, beiweitem das bedeutendste seiner erhaltenen Denkmale, bestehend aus einer zehneckigcn, innen runden Kapelle, bedeckt mit einem einzigen als Flachkuppel ausgehauenen Steine und ehemals noch rings herum umgeben von einem zehnseitigen Porticus; ferner die Basilika San-Apollinare, das Baptisterium Santa-Maria in Cosmedin und ein Fragment des königlichen Palastes, insgesammt ebenfalls in Ravenna. Einzelne Details dieser Denkmale, die wesentlich noch dem Stile des sinkenden Römerreichs angehören, sind st kräftig und schön gearbeitet, wie man es in dieser Zeit kaum erwarten sollte. Übrigens wurde später von ital. Kunsthistorikern mit Unrecht unter dem Namen gothischer Baustil 34 * 532 Italienische Kunst (Architektur) alles Das begriffen, was nicht mit ihren Ansichten von Classicität übereinstimmte und felg, sich auch die Bauten des ganzen Mittelalters bis zu Anfänge des 15. Jahrh. (S. Bau- tun st.) Einen eigenen Kreis bilden die Bauten des byzantin. Exarchats in Ravenna, z. B. die vielleicht schon von den Gothen begonnene achteckige Kuppelkirche San-Vitale, obschon sic im Wesentlichen in Stil und Anlage mit denen des oström. Reichs übereinstim- men. Den Longobarden, die in der Herrschaft über Oberitalien auf die Gothen folgten und 56S ihre Macht bis in die Gegend von Nom ausdehnten, hat man, um auch diese Periode durch großartige Baudenkmal? zu beglaubigen, namentlich die beiden von Pavia, San- Michele und San-Giovanni in Borgo zugeschrieben, die aber nach neuern Untersuchungen beide dem i2. Jahrh. angehören. Die wenigen wirklich longvbard. Baudenkmale, z.V. die noch vorhandenen Unterbauten bei der Wasserleitung in Spoleto, charakterisier» sieb durch gediegene Arbeit, Mächtigkeit der Construction und völlige Schmucklosigkeit. Eigen- thümlich stationair zeigte sich in diesen Jahrhunderten besonders der Basilikenbau Roms, in welchem sich kaum irgendwo eine wesentliche Modifikation kund gibt; nur die Fenster wurden schmäler und die Säulen mit größer» Zwischenräumen gestellt, letzteres wahrscheinlich aus dem Grunde, weil die altrom. Säulen nach und nach zu fehlen anfingen. Die Zeit der Herrschaft Karl des Großen nach der Zertrümmerung des longvbard. Reichs und der Friede mit der Kirche hätten der Baukunst förderlich werden können, wenn nicht die durch barbarische Einfälle erzeugte Verarmung solches verhinderte. Erst niit dem lu.Jahrb. erwachte in den verschiedenen Landschaften Italiens ein neues Leben für die Architektur! in die alten, theits durch Rom, theils durch Byzanz überlieferten Formen drang umgestaltend und gewissermaßen neu belebend ein provinzieller Geist. Toscana blieb im Ganzen der alten Basilika am treuesten, behandelte sie jedoch mit neuer, origineller Zierlichkeit und gab ihr ein organisch durchgebildetesÄußere, während an den altchristlichen Basilikennaikte, rauhe Seitenwände mit einer reichen Mosaikfacade in Disharmonie standen. Zeugen dessen sind die Kapellenrcihen längs der Nebcnschiffe an der unter Karl dem Großen erbauten Apostclkirche in Floren; und das aus derselben Zeit stammende s-bteckige Baptisterium daselbst; San-Miniato al Monte aber, das schönste und reichste dieser storentin. Gebäude, dürfte wol erst dem 13. Jahrh. angehören. Während Florenz durch bunten Detailschmuä eine gewisse heitere Pracht erstrebte, ging man in Lucca und Pisa noch weiter und gab den Fanden und Rundgcbäuden ein noch glänzendercs'Ansehen durch mehre übcrciuander- stehende Säulenreihen mit Bogen. San-Frediano in Lucca, besonders aber der Dom, das Baptisterium, der krumme Thurm und eine Reihe von Kirchen in Pisa, die insgcsamml dem I l. und l2. Jahrh. angehören und im Innern noch reinen Säulenbau zeigen, stellen dieses Princip in seinem vollen Reichthum dar; doch bemerkt man am Dome schon die fm die venetian. Bauten bedeutsame Kuppel. AufV en e d ig wirkte nämlich, wie früher auf Ravenna, Byzanz unmittelbar ein, welches sich von der altröm. Bauweise weniger die grie-h. Stilisirung und das Säulensystem als den etrusk. Gewölbe - und Kuppelbau ungeeignet hatte. So bildet der Dom San-Marco (076 — 1071) ein griech. Kreuz niit fünf großen Kuppeln; die Nebenräume sind, wie in der Sophienkirche zu Konstantinopel, durch Amben von den sich kreuzenden Hauptschiffen getrennt; eine Vorhalle mit kleinen Kupveln läuft nach oström. Weise auf drei Seiten herum. Von ähnlicher Anlage, nur kleiner, iß Santa-Fosca auf Torcello. In dem den Arabern abgenommenen Sicilicn wurde die Basilika zwar beibehalten, aber mit dem arab. Spitzbogen und einem bisweilen dreifachen Kuppelbau, sowie mit reichster Mosaikverzierung verbunden, wie die Rogerökapellc ru Palermo und der Dom von Monreale darthun. Abweichend von Obigem zeigt die Architektur der Lombardei die, außer Deutschland, vielleicht früheste Anwendung gegliederter Pfeiler und Gewölbe. Auch hier ist der Plan noch immer der der Basilika; die Facade jedoch ist zu einer selbständigen, mit der Kirche nicht organisch verbundenen, durch Portale und Galerien gezierten Prunkwand umgebildet, wie an den beiden erwähnten Kirchen m Pavia, San-Ambrogio in Mailand, an den Domen von Modena, Crcmona, Piacenza, Parma, Ferrara, Vicenza, Spoleto u. a. m. zu bemerken ist. Inzwischen hatte sich im nördlichen Europa der Spitzbogenbau und allmälig auck al» neuer consegucnt durchgebildeter Stil, der Spitzbogenstil, entwickelt und war in der erstell Häl denc inZ dUNl und IMl Art, 81 °: »och rend entn Litei söge gan, man Fra maß aus Doi bm hm «är tige laß. Pal Ara len! und bcrt Che Fra Me verl tari sind fun ine 15! iie von da» sm aus St me »er bu, chü las ter au au- nna, lolt, !IA- und uodr :an- igm .L ß-b gm- miS, tsllr üin- Zeit >der urch hrb. kur, stol- uzen und ckte, des- iten da- »de, UUlk gab der- daS nml !lllU für auf iech piel ißrn rca> relu iß di! hm pa> tek< rkcr j!- rale in l-a, als teil Italienische Kunst (Architektur) 533 Hälfte des 13. Jahrh. zu allgemeiner Herrschaft gelangt. Diese Bauweise bot so enrschie. dem Vortheile und entsprach in so vieler Hinsicht dem rituellen Bedürfnisse, daß sie auch in Italien, obgleich dort mehr äußerlich als in das Ganze der Bauten einwirkend, Anwendung fand, wie dies z. B. Giotto' s (s. d.) Glockenthurm zu Florenz, dieKirchcn zu Assisi und Orvieto, und die Loggia zu Floren; beweisen. Doch bewirkte das Festhalten derJtalie- mr an den überkommenen classisch-r8m. Formen, daß an den prachtvollsten Bauten dieser Art, z. V. den Domen von Mailand, entworfen 1386 von Heinrich von Gmünd, und von Florenz, um 1300, trotz der goth. Details, noch immer die Horizontallinie in den Gesimsen vorherrscht, wie eS sich denn auch durchgehend zeigt, daß dieser Stil dem Italiener fortwährend etwas Fremdes, von außen Eingeführtes blieb. Der höchste Glanz ital. Architektur entwickelte sich im 15. Jahrh., wo in Verbindung mit dem Wicdererwacken der elastischen Literatur auch zugleich die antiken Bauformen wieder ans Licht gezogen wurden und das sogenannte Cinquecento (500), eine der größten Epochen der ganzen Kunstgeschickte, be- gönn. Der Übergang von der Willkür zur Regel, die Verbindung der phantastischen No- mntik des Mittelalters mit dem Ernste der Antike charakterisiren diese Zeit. Während FraGiocondo und Leo Baltista Alberti (s. d.) die alten Formen aufzusinden und gesetzmäßig zu bestimmen suchten, schritt Filippo Brunelleschi (s. d.), 1375—1333, zur ausgedehntesten Anwendung der neugewonnenen Principien. In.seiner Niesenkuvpel des Doms von Florenz war er noch theilweise «n den Spitzbogen gebunden; freier und reiner bewegte er sich im Entwürfe der beiden Kirchen San-Lorenzo und Santo-Spirito. Sein herrlichstes Werk ist jedoch der Palast Pitti in Florenz, bestehend aus einfachen Nusiika- «änden mit halbrunden Fenstern, aber von größter Schönheit der Verhältnisse und mächtigen Dimensionen. Das Ganze trägt den ernsten Charakter einer Burg, der auch den Palästen der Schüler Brunelleschi's, z. B. dem Palast Medici von Michel ozzo und dem Palast Strozzi von Cronaca geblieben ist, nur daß hier das Detail, zumal die Fenster und f stranzgcsimse, noch zierlicher ausgebildet erscheint. Andere schone Bauten dieser Zeit führ- lenBernardoNoscllini, nach Andern Francesco di Giorgio, in Siena und Pienza, undGiuliano da Majano und Baccio Pintelli in Rom aus. Bon Leo Battista Al- bcrti, dem ersten Theoretiker dieser Richtung, rühren zwei Paläste in Florenz, die dortige Chorrotunde von Santa-Annunciata, die Kirchen San-Andrea in Mantua und San- Francesco in Nimini her, welche letztere, deren Facade einem Triumphbogen gleicht, für sein Meisterstück gilt. In Venedig wurde die neue Richtung durch die Familie Lombardi vertreten, welche daselbst die Paläste Angarani, Dario, Vendramin, Corner Spinelli, Con- tarini u. A. mit elegantem Mosaikschmuck und reichen Loggien erbaute; weniger bedeutend stnd ihre Kirchen, übrigens entsprach diese ganze Periode, in Bezug auf graciöse Umschaffung der wiederaufgefundenen Antike zu einem mehr decoraliven Stil, der franz. Renaissance. Im 16. Jahrh. trat das großartige antike Bausystem regelrechter und bewußter, oft in großartiger Weise auf. Den Übergang bildet der große Bramsnte (s. d.), 1333— l5 U, dessen frühere Bauten, meist in Oberitalien, z.B. die Kirchen Santa-Maria belle Grazie und Santa-Maria presto San-Satiro in Mailand, und die herrliche Faxade des DomS 1 von Lugano, die indeß von Einigen einem gewissen Notari zugeschrieben wird, noch ganz , das anmuthige Gepräge des Cinquecentostils tragen. Später eignete er sich in Rom den strengem, trocknern Stil an, wie er im dortigen Palaste der Cancelleria, in San-Pietro in Monwrio, im Palaste Giraud und andern Bauten zu Tage tritt. Nach seinem später aufgegebenen Plane wurde 1506 der Neubau der Peterskirche in Nom begonnen. Dem Etile Bramante's steht am nächsten Balth. Peruzzi, 1381—>536, welchem Nom uuhre seiner zierlichsten Paläste, unter Andern» die Farnesina und den Palast Massimi, verdankt. Sein Schüler Seb. Serlio, welcher lange in Frankreich lebte und am Bau des Louvre und des Schlosses Fontainebleau Theil hatte, wirkte am meisten durch sein Lehr- buch der Baukunst. Auch NafaelSanzio(s. d.), der Neffe Bramante's, war als Ar -- f chitekt höchst ausgezeichnet. Die bedeutendsten von ihm ausgeführten Bauten sind der Pa- lost Cafarelli in Rom und der herrliche kleine Palast Pandolfini in Florenz; auch er hin llrließ als Baumeister der Peterskirche in Nom einen höchst geistreichen, ebenfalls nicht auszcführten Plan, nach welchem an Bramante's Kuppelbau ein kolossales Langschiff sich 534 Italienische Kunst (Architektur) anschließen sollte. Sein Schüler in der Malerei, Giulio Nomano (s. d.), 1492—lzqz, folgte seinem Stile auch in der Baukunst. Zn Nom sind von ihm die Villen Madamaund Laute erbaut. In der Folge widmete er seine ganze Thätigkeit Mantua, wo der etwas trocken componirte Palast Te und der Umbau der Kathedrale von ihm herrühren. Antonio Sangallo aus Florenz, gest. 1546, schuf den großartigen Palast Farnese in Rom, in welchem die Würde und Majestät des florentin. Palaststils mit dem Reichthume des röni. aufs schönste verbunden sind. Pirro Li gorio, gest. 1580, ein gelehrter Antiquar, handhabte, z. B. in der Villa Pia, den röm. Stil mit einer mehr decorativen Zierlichkeit. Din größten, jedoch nicht gerade günstigsten Einfluß auf die ital. Architektur übte Michel Angela Buonarotti (s. d.), 1474—1504, von dem auch das weltberühmte Kranzgesimsr am Palaste Farnese herrührt. Die bisher genannten Meister hatten sich in ihrer Gesammi- composition den wesentlichsten Foderungen der Antike bequemt und den malerischen Sinn ihrer Zeit durch naive Zierlichkeit des Details zur Geltung gebracht; Michel Angelo dagegen basirte seine Composition auf den malerischen Effect und brachte bei aller Großartigkeit des Ganzen doch eine große Willkür in das Einzelne. Die Sacristei von San-Lorenzo in Florenz, der Umbau des Capitols, der Klosterhof von Santa-Maria degli Angel, und vor Allem die Vollendung der Haupttheile, vorzüglich der Kuppel der Peterskirche in Rom, ' seit 1546, gelten als seine bedeutendsten selbständigen Werke; die Porta Pia aber, welche in sein Todesjahr fällt, bezeichnet bereits eine tiefe Ausartung seines Stils. Unter seine« Zeitgenossen, welche der Willkür des großen Meisters erfolgreich entgegentraten, ist besonders Giac. Barozzio, genannt Vignola, 1507—73, zu nennen, der mit seinem Lehrbuche der'Architektur dritthalb Jahrhunderte hindurch wenigstens die Einzelformen du Kunst vor gröberer Entartung bewahrte. Das große Lustschloß Caprarola zwischen Rom und Viterbo, welches er für die Farnese baute, ist eine der geistreichsten und prächtigsten Palastanlagen Italiens. Der röm. Schule gehört auch Galeazzo Alessi (s. d.), I5M>— 72, an, der später seine ganze Thätigkeit Genua zuwendete und daselbst viele Paläste, Billen und Kirchen baute, die sich durch malerische Composition und Zierlichkeit auszeichmn. Von ihm ist auch die Kirche Madonna di Carignano in Genua. Michele San-Micheli von Verona, >484—1549, auch als Ingenieur ausgezeichnet, entwarfdie schönsten Stadt- und Festungsthore seiner Zeit und trug die Bekleidung mit antiken Säulenordnungen auf die venetian. Paläste über. Von ihm sind die Paläste Grimani und Cornaro. Zacopo Tatti, genannt Sansovino, 1479—1570, mehr als Bildhauer berühmt, war nicht frei von einer gewissen nüchternen Willkür; sein bestes Gebäude ist die sogenannte alteW- bliothek in Venedig. Sein hochberühmter Nachfolger, Andrea Palladio (s. d.) von W- cenza, 15!8—80, hat durch zahllose Paläste und Kirchen seiner Vaterstadt und Venedig eine noch jetzt bemerkbare Physiognomie gegeben. Wenn nicht der Größte in seinem Fache, so war er doch der Geschickteste. Allen Bedürfnissen und Umständen wußte er sich mit Grazie zu fügen. Er hielt sich fern von der Willkür und Kühnheit Michel Angelo's und ist zwar nirgend großartig, aber auch nie bizarr und stets wohlthuend in Anordnung und Detail. Diejenigen seiner Gebäude, auf welche er selbst den meisten Werth legte, sind die sogenannte Basilika und das Theater nach antiker Art zu Vicenza, sowie die Rotonda der Familie Capra. Auch er machte sich, gleich feinem Nachfolger Scamozzi, durch ein Lehrbuch der Architektur berühmt. Gleichzeitig blühte der letzte große florentin. Baumeister Bartsl. Ammanati, 1510—92, der den Palast Pitti in kolossalen Rustikaordnungen vollendete und die Dreifaltigkeitsbrücke in drei schönen leichtgeschwungcnen Bogen ausführte. Seit dem 17. Jahrh. machte sich immer mehr Willkür in Composition und Form bt- merklich, und die Rücksicht auf den Effect verdrängte die auf die Bedeutung der Formen so völlig, daß sich hieraus die abenteuerlichsten Misgestalten ergaben. Das Ornament, bn aller Verschwendung in Masse und Stoff innerlich armselig, und eine ins Unendliche gehende Detaillirung der Massen machte die Grundformen fast unkenntlich. Die Zahl der Kirchen und Paläste aus dieser Zeit ist unendlich groß und eine großartige Conception m vielen nicht zu verkennen. Zu den bessern Architekten dieser Periode gehören Domemco Fontana (s. d.), 1543—1607, der Erbauer des neuen Palastes am Lateran und Aufrichter des Obelisken von St.-Peter; Carlo M aderno, 1556—1629, der Vollender der 535 Italienische Kunst (Malerei) Petcrskirche, der er die triviale Facade hinzufügte; und Lsrenzo Bernini (s. d.) 1598— 1686, der die Peterskirche mit den großen Colonnaden versah, und aus dem ehernen Ge- bälkc des Pantheons den großen Tabernakel mit gewundenen Säulen goß, von dem auch die Scala Regia im Vatican und der Palast Barberini herrühren. In diese Zeit gehören ferner die Bauten der Maler Domenico Zampieri (s. d.), Pietro da Cortona (s.d.) und des Bildhauers Al gar di (s.d.). Als Gipfelpunkt des Ungeschmackes gilt derTici- neseFranc. Borromini, >599—>667, in dessen Bauten alle Linien in Curven und Schnörkel aufgelöst erscheinen. Die Architektur vom Anfänge des 18. Jahrh., welche sich zwar mäßiger in der Form, aber wo möglich noch matter zeigt, zählt unter ihre bessern Werke das Kloster Superga bei Turin von Filippo Jvara, >685—>755, und das Schloß Caserta bei Neapel von Lodov. Vanvitelli, >769—75. Jesuiten und Franzosen maßten sich das große Wort an, und trotz der schönen Muster wurde in Italien, mit wenigen Ausnahmen, bis zum Ende des > 8. Jahrh. in einer Weise gebaut, die darum dop, pelt zu beklagen war, weil sie dem Auslande als Muster galt. Erst nachdem Ausländer auf die Grundsätze der Baukunst bei den Alten hingewiesen hatten, durch Piranesi u. A. die vorhandenen Monumente genauer geprüft und gemessen worden waren, und MiUzia « dm Autoritätsglauben schonungslos bei der Wurzel angegriffen hatte, kehrte man zu Prin- cipien zurück, die wieder eine bessere Schule begründeten, aus der der Marchese Cagnola, Simonetti, Camvesi und Stern, die Architekten der wichtigsten Werke in Mailand Rom und Neapel, hervorgingen. Die italienische Malerei ruht, wie die deutsche Malerei, in ihrem Ursprünge, theils auf altröm. Tradition, theils auf byzant. Einwirkung. Natur, Nationalcharakter und Religion bewirkten aber in beiden Ländern eine ganz verschiedene Entfaltung. Glühende Phantasie, frohe Lebenslust, angeborener Schönheitssinn, schwärmerische Frömmigkeit und stete Gelegenheit des Anschauens schöner Natur und Meisterwerke alter Kunst, mach- ! tm in Italien die Malerei blühender und fruchtbarer als je in einem andern Lande, während in Deutschland der Tiefsinn und Fleiß der alten Meister sich mehr auf das Gemüth richtete. Die Italiener blieben in dem Jdealstil der Malerei ebenso unerreichbar, wie die Griechen in der Bildhauerkunst. Gewöhnlich setzt man den Anfang der Malerei in Italien ins >2. Jahrh.; aber schon weit früher wurde in Fresco (s. Frescomalerei) auf Tafeln, Pergament und in Email gemalt, wobei Stil und Technik oft noch völlig spätrömisch sind. Selbst die diesen Bildern zu Grunde liegende geistige Anschauung wird oft noch durch die Symbolik des Alterthums vermittelt; die Flüsse noch, als Flußgenien, die Berge durch Berggötter, die Nacht durch ein verhülltes Weib dargestellt. Manches davon, namentlich viele Gemälde in den Katakomben, ist noch erhalten. Unter Papst Leo I., oder dem Großen, wurde im I. -14 > in der Basilika des heil. Paulus, am Wege »ach Ostia, die >824 abbrannte, ein großes Gemälde in Mosaik gearbeitet, und auch die Bildnisse der 42 Bischöfe in dieser Kirche waren, wie man behauptet, aus dieser Zeit. Damals waren Mosaiken (s. d.) und enkaustische (s. En kaustik) Gemälde gewöhnlich, später fing man an mit einer Art Leimfarbe zu malen, was man a tempern (s. Temperamalerei) nannte. Gegen das Ende des 6. Jahrh. kamen viele Gemälde zum Vorschein, die nicht von sterblichen Händen, sondern von Engeln und seligen Geistern hcrrühren sollten. In diese Classe gehört eine der berühmtesten Abbildungen des Heilandes in Rom, Acheropita genannt, auf Holz gemalt, die man nur mit vieler Mühe im Allerheiligsten zu sehen bekommt. Ob es wahr sei, daß der Evangelist 8 ucas (s. d.), den alle Malerzünfte später zu ihrem Beschützer wählten, selbst Maler war, darüber ist viel gestritten worden; in Rom werden namentlich die Madonnenbilder zu Sta.-Maria Maggiore, Sta.-Maria del Po- Polo, Sta.-Maria in Araceli und in der benachbarten Grotta Ferrata ihm zugeschrieben. Im 8. Jahrh. wurden Mosaikmalerei auf Goldgrund und Emailmalerci in Italien von einheimischen sowol als byzant. Künstlern schon eifrig getrieben. Eins der ältesten dieser Kunstdenkmale ist der Christus am Kreuze in der Dreieinigkeitskirche zu Florenz, der schon >063 daselbst vorhanden war. Ums I. >200 stiftete ein griech. Künstler, Theophanes, bereits eine Malerschule in Venedig. Der echt italien. Stil erblühte zuerst in Florenz und läßt, sich nach drei Haupt- 536 Italienische Kunst (Malerei) .> « Perioden betrachten, von Cimabuc bis auf Rafael, von Rafael bis ans die Caracci und von den Caracci bis auf die gegenwärtige Zeit. In der ersten Periode war die Malerei völlig im Dienste der Kirche; bei noch wenig entwickelten Kunsimitteln concentrirte sich lhr ganzes Streben auf eine schöne und reiche Symbolik, während sich die Reinheit der Intention in würdiger Haltung und frommem Ausdruck der Figuren ausprägte. Ein zwar äußerlich durch die architektonische Anordnung, innerlich durch die Beschränktheit der Mittel befangener, auf wenige Tyyen beschränkter Stil erhielt sich, von Giotto an, fast ein Jahrhundert hindurch, bis iirl 15. Jahrh. unter Masaccio das StrcbeiB nach Naturwahr- hcit hcrvorbrach, und endlich durch Leonardo da Vinci sich der gründlichsten Einsicht in dü Natur bemächtigte. Hierdurch war die Fähigkeit schöner Darstellung für die Malerei erworben, die wir nun zu Anfänge der »weiten Periode unter Rafael und Michel Angele, Tizian und Correggio auf dem Gipfel ihrer Leistungen finden. Durch die Stimmung der it wie durch ihre eigene Richtung trennte sie sich sehr bald von der Kirche, und völliger Willkür überlassen, verbreitete sie sich nun mit unbeschränkter Freiheit über profane wie über religiöse Gegenstände, verlor aber dadurch das Tiefe und Edle der Auffassung und ging in eine leichtsinnige, gehaltlose und oberflächliche Dacstellungsweise über. Durch unmittelbare Nachahmung der Natur suchte daraufCaravaggio die eine Seite derMalerei, die der Naturnachahmung, zu sichern, verfiel aber in den Fehler der Gemeinheit, aus welchem auch die eklektische Schule der Caracci, welche die dritte Periode beginnt, trotz ihrer Gelehrsamkeit und ihrem Streben nach allseitigcr Correctheit, diese Kunst nicht retten konnte, weil kein innerer Anhaltepunkt für künstlerische Gedanken mehr vorhanden war. Von dieser Zeit an bestand die Malerei in Italien zwar unter geschickten Künstlern fort, doch mit manierirter Willkür und ohne die Wärme und Genialität der Blüteepoche. In neuerer Zeit gewann die Schule David's (s. d.) mit ihren Übertreibungen viele Anhänger unter den ital. Malern, während die Richtung von Overbeck (s. d.), Cornelius (s.d) und Koch (s. d.) bei ihnen keine Wurzel zu fassen vermochte. Auf diese allgemeine Übersicht lassen wir eine gedrängte Angabe der wichtigsten Thal- sachen folgen. In Pisa und Siena regte sich zuerst in Italien der Kunstfleiß; Giunta Pi sano, Guido von Siena, Andr. Tafi und Buffalmaco waren Vorgänger des Cimabue (s. d.), 1219—1399, der zuerst richtigere Verhältnisse einführte, seinen Gestalten mehr Leben und Ausdruck gab und von seinen Zeitgenossen als ein Wunder betrachtet wurde. Mit ihm erst begann eine florentin. Malerschulemit bestimmterer Eigen- thümlichkeit, welche der leblosen Starrheit der ital.-byzantin. Kunstübung ein Ende machte. Sein Schüler Giotto (s. d.), I27st—1336, der ihn noch darin übertraf, daß er seinen Gestalten eine bisher unbekannte Grazie zu geben wußte, war ein Freund Dante's und Pc- trarca's, und trieb neben der Geschichtsmalerei mit gleichem Glücke Sculptur, Baukunst, Mosaik-, Portrait - und Miniaturmalerei. Er wagte zuerst Verkürzungen und einen natürlichen Faltenwurf, doch blieb sein Stil noch sehr trocken und steif. Bonifacius VIll. berief ihn nach Nom, wo er die berühmte Navicella in Mosaik darstellte. Seine Nachfolger waren Gab di, Stefano,Maso und Simone Martini, der die berühmten Bildnisse von Petrarca und Laura malte. Durch Masaccio (s. d.), lävl— 13, vollendete sich so> dann die Emancipation der Kunst von der typischen Befangenheit; er versuchte es zuerst mit Erfolg, Menschen, Gebäude und Landschaften zur Verherrlichung der heiligen Geschichten anzuwenden. Doch erst seine Schüler fingen an in Ol zu malen und zwar auf hölzerne Tafeln oder mit Typs überzogene Wände, denn erst viel später fing man an auf Leinwand zu malen. Paolo Uccello legte den Grund zum Studium derPerspective, in welcherBc- ziehung Luca Signorelli, der zuerst die Anatomie ftudirte, und Domenico Ghirlan - dajo (s. d.), 1451—95, der edle Formen und Gefühl mit Kenntniß der Perspective verband und den Misbrauch der zu häufigen Vergoldungen abschaffte, sich auszeichneten. Mit lctzterm erreichte die ältere florentin. Schule ihren Höhepunkt; der durch Ma* saccio zu ihrem Lebensprincip erhobene edlere Realismus erscheint bei ihm völlig durchge- bildet und frei gehandhabt. Der erhabene Geist des Leonardo da Vinci (s. d.), 1452 — 15 >9, der in allen Künsten und Wissenschaften Meister war, hob endlich die Kunst durch universelle Studien auf eine Höhe der Darstellungsmittel, welche, nebst dem erneuten Sku- r '.-1 H 537 Italienische Kunst (Malerei) dium der Antiken, als Grundlage des Aufschwungs der nun folgenden Epoche betrachtet werden muß. Durch ihn erhielt die florenrin. Schule den ernsten, strengen, tiefsinnigen Charakter, zu dem sie sich vom Anfänge an hinneigte, und den sie später mit der von Michel Angel» erweckten Kühnheit und Riesenkraft vereinte. Die röm. Schule rechnet unter ihre Stifter schon den Miniaturmaler Oderigi da Gubbio, gest. 1299, der die Handschriften mit kleinen Bildern zierte; Guido Palmcrucci, Pietro Cavallini (s. d.) und Gentile daFabriano waren die geschicktesten seiner Nachfolger. Fast alle Maler dieser Zeit pflegten ihren Gemälden Inschriften beizufügen, und die Verkündigung Mariä war ilw Lieblingsgegenstand. An einheimischen großen Malern hatte das damalige Nom keinen Überfluß, meist waren es Künstler aus andern ital. Städten, welche im Dienste der Päpste und der röm. Kirchen arbeiteten. Ein Hauptsitz der Malerei war Perugia, wo es schon im > 13. Jahrh. eine Malerzunft gab. Pietro Vanucci (s. d.), Perugino genannt, 1336— 152t, brachte zuerst mehr Grazie und edle Form in diese Schule, welche durch ihn etwas Gemächliches, Edles, einfach Frommes, unverkünstelt Natürliches als ihren bleibenden Hauplcharakter erhielt. Vielleicht am längsten hielt Venedig an der byzantin. Kunst- äbung fest, deren Spuren bis ans Ende des >5. Jahrh. sich erkennen lassen. Antonello von Messina (s. d.), 131-1—93, Schüler der van Eyck, brachte die Ölmalerei nach Venedig, welche sich die venctian. Maler, z. B. Viktore Carpa ccio (s. d.), Carlo Crivelli u.A., schnell aneigneten. Giovanni Bellini (s. d.), 1326—1516, und sein Bruder Gentile, der lange Zeit unter Mohammed's II. Negierung in Konstantinopel arbeitete, sind die ausgezeichnetsten Maler der frühem venetian. Schule. Ihre Färbung war schon sehr kräftig, leuchtend und durchsichtig, ihr Stil einfach und symmetrisch rein, ohne sich zum Idealen zu erheben. Der treffliche Andr. Mantegna (s. d.), 1331 —1566, gründete die pa- d u an. Schule, welche wesentlich auf dem Studium der Antike beruhend, eine fast reliefartige Strenge der Composition mit venetian. Färbung vereinigte. Auch in Verona, Bas- sano und Brescia blühten Malerschulen auf. Giovanni von Udine, welcher sich durch treue Nachahmung der Natur in Nebendingen so auszeichnctc, daß Rafael ihn die Guir- landen um seine Gemälde in der Farnesina und den Logen malen ließ, Pellegrino und Regillo da Pordenone, waren die geschicktesten Vorgänger der beiden größten Meister der venetian. Schule, Giorgione und Tizian. In derLombardei lassen sich schon sehr früh mehre Schulen unterscheiden, namentlich eine altmailändische und eine altmode- nesische. Der bedeutendste Maler der erstem um die Mitte des 15. Jahrh. ist der einfach fromme Ambrogio Borgognone; ihm folgte der tiefsinnige, phantasiereiche Bernardino Luini (s.d.), gest. um >536, welcher gewöhnlich nicht nach seiner Bedeutung gewürdigt wird. Leonardo da Vinci's Berufung nach Mailand im I. 1382 brachte in die dortige Schule ein neues, reiches Leben; damals malten Luini und Cesare da Sesto jene Bilder, welche in so manchen Galerien als Werke des großen Meisters selbst gelten. Auch in F cr- rara herrschte ein reges Kunstleben; Gelasio, der gegen 1226 lebte, Alighieri, Alghisi, Cosimo Tura, Ercole Gr an di, Dosso D ossi (s. d.), 1379—1566, und besonders Lodov. Mazzolini (f. d.) waren die vorzüglichsten dortigen Maler. Unter den bologncs. Meistern zeichneten sich besonders aus Bramante (s. d.), 1333 — >513, der zugleich großer Baumeister war, Lippo Dalmasi und Franc. Naibolini (s. d.), zeb. 1350, dem ein zarter, frommer Ausdruck und ungemeiner Fleiß eigenthümlich warm. Hierher gehört auch der liebliche Jnnvccnzo daImola (s. d.). Doch sie Alle wurden später beiweirem übcrtroffen von dem unvergleichlichen Antonio Allegri da Correggio (s.d.), welcher den Charakter der lombard. Schule, der in Harmonie der Farben, gefühlvollem Ausdruck und echter Grazie besteht,-erst eigentlich gründete. Inder zweiten P erio de lebten die größten Meister aller Zeiten, die fast gleichzeitig, als Häupter der vier Schulen, alle Zweige der Kunst zur höchsten Vollkommenheit brach- ten. Nach ihrem Jahrhundert nennt man in Italien sie und ihre Schüler Cinquecentist! Leonardo da Vinci hakte in der florentin. S ch ul c alle Verhältnisse der Figuren und die Regeln der Perspective und Beleuchtung bestimmt. Berühmt machten dieseSchule Luini, der Rafael's Stil mit dem seines Meisters zu vereinigen wußte, Salaino, Melzi und Bo lt rasfio, die, obwol Lombarden, doch als Schüler Leonarda da Vinci's zur florentin 538 Italienische Kunst (Malerei) Schule gerechnet werden; ferner der treffliche BacciodcllaPorta (s. d.), dessen Weck sich durch die Hoheit ihrer Gedanken und die Glut der Andacht sowol als der Farben auszeichnen; der sanfte, gefühlvolle Andr. del Sarto (s.d.), 1-188—1530; der ideenreiche Baltasar P eruz zi, der lebensfrohe Razzi (s. d.) und der außerordentlichste aller Künstler, Michel Angela Buonarotti (s. d.), >474 — 1564. Mit gleicher Kraft und Tiefe umfaßte sein Geist die Bildhauerkunst, Baukunst und Malerei. Sein Feuer dn Composition, sein gründliches Studium der Anatomie, die wilde Kühnheit seiner Wendungen und Verkürzungen bezeichnten ihm einen ganz eigenen Weg; doch für die Kunst wurde er als Vorbild verderblich, weil seine Nachahmer in Übertreibung und Verschmähung des einfach reinen Stils verfallen mußten. Sein großes Frescogemälde, das jüngste Gericht, in der Sixtinischen Kapelle in Nom, und noch mehr die herrliche Decke derselben Karelle, bleiben unerreichbar in der Hoheit des Stils. Die Schönheit zog ihn nie so an wiedieKrast und Größe, um so mehr, da er in jener nie den Rafael erreichen konnte, in dieser aber einzig war und blieb. Bezeichnend ist es für seine Richtung, daß er der Malerei neben der Bildhauerkunst, welche er Is prima arte nannte, nur einen secundairen Werth zugestand. Es gibt nur ein einziges als echt anerkanntes Ölgemälde von seiner Hand; dagegen sind viele seiner Entwürfe von seiner Schule in Öl ausgeführt. Rosso de' Rossi, Daniel von Volterra, G. Vasari, Salviati, Angelo Bronzino (s. d.), Alessandro Al- lori (s. d.) u. A. waren,seine Schüler und Nachahmer. Sie vernachlässigten übengewalt- samer Anordnung und Äußerlichkeit des Ausdrucks nur zu oft das Colorit. Einen neuen Geist weckten 158t» Lodov. Ci go li (s. d.) und Greg. Pagani durch Rückkehr zur Natur und bessern Geschmack im Helldunkel; Domenico Passignani, Cristoforo Allori (s.d.) und Co modi waren ihre Nachfolger. An der Spitze derröm. Schule stand der erste aller Maler, Rafael Sanzio(s.d) von Urbino, 1483 — 1520. Sein Geist zeigte sich ebenso erhaben in seinen großen Frescogemälden, in den Stanzen und Logen des Vaticans, als lieblich, ideenreich und originell in den Frescogemälden der das Leben der Psyche darstellenden Farnesina. Nicht minder herrlich sind seine weltberühmten Ölgemälde. Seme Größe besteht in der höchsten Anschauung des geistigen Adels der Menschennatur, welche je ein Künstler besessen hat, und in einer Darstellungsgabe, welche über ihren riesigen Mitteln nie den Gesetzen des Stils untreu wurde. Sein Genius ließ sich niemals gehen, sondern erscheint in jedem seiner Bilder in derselben keuschen und feierlichen Schönheit. Seine Schüler, der kühneEiulio Romano(s.d.), 1492—1546, der düstereFranc.Penni il Fattore, 1488—1528, der erhabeneBagnacavallo (s.d.), Perin del Vaga, Poli- doroCaldara (s.d.),Gemignano, Garofalo (s.d.) und viele Andere, waren geschickte Meister; doch verließensie bald den einzig richtigen Weg ihres großen Vorbildes und arteten in Manier aus. Federico B aroccio (s.d.), 1528—1612, der seinem Geiste nach mehr der lombard. Schule angehörte, da er der Anmuth des Correggio ernstlich nachstrebte, suchte der Manier entgegenzuwirken und hat ungemein viel Grazie und Ausdruck. Er und seine Schüler, Franc. Bann i, Pellegrini, und die Brüder Zuccheri brachten ein letztes Lebens- aufflackern in die röm. Schule, doch lieferten die letztem mehr gefällige als große Werke und arteten wieder ganz in Manier aus. Muziano zeichnete sich in der Landschafts-, und Nogari,P ulzone und Fachettiin der Portraitmalerei aus. An der Spitze der v e - netian. Schule standen die beiden trefflichen Coloristen Eiorgione (s. d.), >477— I5II, und Tizians (s.d.), 1477—1576. Des erster« Portraits sind berühmt durch Wärme und Wahrheit, der letztere war in allen Kunstfächern groß, in Verschmelzung und Behandlung der Fleischtinten unnachahmlich, als Geschichts- und Portraitmaler trefflich und der erste große Landschaftsmaler; auch der Erste, der die Carnation des menschlichen Körpers mit voller Wahrheit malte. Bei den Gruppen wählte er die Form der Weintrauben zum Verbilde. In ihm culminirte die venetian. Schule besonders in der würdigen Auffassung des menschlichen Lebens von der freudigen, prachtvollen Seite; er zeigt den Menschen weniger in seiner höchsten religiösen als in seiner höchsten weltlichen Entwickelung. Seine berühmtesten Nachfolger waren Sebastian» del Piombo (s. d.), Palma Vecchio (s. d.), Lorenzo Lotto, Paris Bordone (s. d.) und Ncgillo da P ordenone (s. d.). Der treffliche Schiavone (s. d.), dessen Helldunkel und saftiger Pinsel wahrhaft ausge- 1 Italienische Kunst (Malerei) 539 zeichnet sind; der die Wirklichkeit, selbst die gemeine, bis zur Täuschung nachahmende Nassau» (s. d.), das Haupt einer ganzen Malerfamilie, welche in der venekian. Schule die Genremalerei vertritt; der geniale, glühend begeisterte Tintorekto (s.d.), 1512 - 94 , den Tizian aus Künstlerneid früh aus seiner Schule verbannte; der phantastische, pracht- liebende Paul Veronese (s. Ca gli a ri), 1539 — 88 , der, im höchsten Besitze der Technik und reichen Darstellung seiner Schule, auf seinen Gastmälern die Costüme der verschiedensten Zeiten zusammenstellte, und der Veronese Carlo Cagliari waren Zierden der vene- tian. Schule. Doch auch.sie artete aus, wenngleich der Kern eines gesunden Nakurstudiums sie weniger als die übrigen Schulen der Manier anheimfallen ließ. Das Haupt der spätem lombard. Schule war der gefühlvolle, liebliche Correggio. Seine Nachfolger und Schüler waren Franc. Rondani, Gatti, Lelio Orsi und besonders Franc. Maz- zola hs. d.), >503 — 49 , voll Leichtigkeit, Feuer und eigenthümlicher, doch oft manierirter Grazie. Gaudenzio Ferrari (s.d.), welcher eigentlich noch der Mailand.Schule im engem Sinne angehörte, hatte sich später der Schule Rafael's zugewendet und in dieser eigcn- thümlich gemischten Richtung viel Herrliches hervorgebracht. Von der berühmten Por- traitmalerin Sofonisba Anguisciolain Cremona, 1539 — 1629 , behauptete van Dyk, daß er durch die Unterhaltung mit ihr mehr gelernt habe als durch das Studium der Meister. Andere berühmte Künstlerinnen dieser Zeit waren Lavinia Fontana, Artemisia Gentileschi, Maria Robusti und Elis. Sirani. Camillo und Giulio Procaccini zeichneten sich durch Kraft der Phantasie und treffliches Colorit aus. InBologna sind neben Bagnacavallo zu erwähnen Franc. Primaticcio (s. d.), 1499 — 1579 , Nicolo bell'Abbate (s.d.), Pellcgrino Tjbaldi, Passerolli und Prospero Fontana (s.d.); zumeist mehr oder weniger von Franc. Raibolini abhängig, ohne ihn jedoch zu erreichen. Die dritte Periode beginnt mit dem Zeitalter der drei Caracci, deren Streben, den reinen Stil wiederherzustcllen und durch das vereinte Studium der alten Meister, Natur und Wissenschaft, der überall gesunkenen Kunst neuen Glanz zu geben, ein herrlicher Erfolg krönte. Von dieser Zeit an verwischen sich die Unterschiede der frühem Schulen mehr und mehr, und cs lassen sich nur zwei Hauptmassen unterscheiden, nämlich die Nachfolger der Caracci, die man Eklektiker, und die des Michel Angelo Caravaggio, die man Naturalisten nennt. Diese Scheidung, wenn auch nicht streng im Einzelnen durchzufüh- ren, war ganz naturgemäß. Zwei Wege führten aus dem Unwesen der Manieristen und beide schlug man ein. Die Eklektiker hofften durch Annahme des Guten aus allen Schulen einen auf feste Normen gegründeten neuen Stil zu erhalten; sie bemühten sich, die Zeichnung von der Antike, die Farbe von Tizian, das Helldunkel von Correggio u. s. w. zu entnehmen und auf diese Weise den frühem naturnothwendigen Schöpfungen ähnliche bewußt zu produciren. Da dies natürlich nur in sehr beschränktem Sinne gelang, intcres- strcn uns, trotz ihrer rohen Gewaltsamkeit, die Naturalisten mehr, denn selbst ihren Extravaganzen liegt Wirklichkeit zu Grunde. Lodov. Caracci (s. d.), 1555 — 1619 , der Oheim der beiden Brüder Agostino, 1558 — 1691 , und Annibale, > 569 — 1699 , war ruhig, nachdenkend, sanft und ernst; seine Lehrer Fontana und Tintoretto sprachen ihm anfangs alles Kunsttalent ab; desto eifriger studirte er und erwarb sich die tiefsten künstlerischen Einsichten. Agostino vereinte mit einem edeln Charakter ungemeinen Sckarfsinn und die vielfältigsten Kenntnisse. Mit bitterm Spott verfolgte ihn Annibale darüber, der unter Lodovico's Leitung Riesenschritte in der Kunst that. Da die Zwistigkeiten zwischen den beiden so ungleichen Brüdern nie aufhörten, widmete sich der gekränkte Agostino aus Verdruß der Kupferstecherkunst. Erst die Anfeindungen ihrer Gegner vereinten sie wieder, worauf sie zusammen in Bologna eine Akademie stifteten. Nach Rom berufen, um die Galerie des Herzogs Farnese zu malen, entzweiten sich die Brüder von neuem; der sanfte Agostino trat zurück und überließ das ehrenvolle Werk dem Feuergeiste seines Bruders. Annibale hatte die große Arbeit rühmlich vollendet, wurde aber um den größten Theil des Lohnes dafür schändlich betrogen. Tiefgebeugt, süchte cr sich sowol durch neue Arbeiten als durch eine Reise nach Neapel zu zerstreuen; doch die Anfeindungen, die er dort erlitt, beschleunigten seinen Tod. Der stille Lodovico vollendete unterdessen nebst seinen Schülern eine der größten Arbeiten, den berühmten Porticus von San-Michele in Bosco 540 Italienische Kunst (Malerei) in Bologna, auf dem sieben der herrlichsten Gemälde die Legenden des heil. Benedict und der heil. Cacilia darsiellen. Die letzte Arbeit dieses großen Meisters war die Verkündigung Mariä, in zwei kolossalen Figuren, auf dem großen Halbbogen der .Ktrche von Bologna. Der Engel ist mit einem leichten Gewände bekleidet, und durch einen unglücklichen Faltenwurf scheint sein rechter Fuß da zu stehen, wo der linke hingehört, und umgekehrt. Zn der Nähe bemerkte man dies nicht; erst als das Gerüste abgebrochen war, sah Lodovico den Fehler, der seinen Feinden zu den bittersten Kritiken Veranlassung gab, worüber er sich zu Tode grämte. Überhaupt machte die tödtliche, oft mit Eist und Dolch bewaffnete Feindschaft, zumal der neapolit. Naturalisten, den Eklektikern viel Noth. Auch ist Annib. Ca- racci als Gründer der ital. Landschaftsmalerei zu betrachten. Unter den zahllosen Schülern der Caracci strebten die berühmtesten danach, die Anmuth des Correggio mit der ernsten Größe röm.Meistcr zu vereinen. Cesare Aretusi zeichnete sich durch die treuesten Copien Correggio's und Guido Neniss.d.), 1575—16-12, besonders durch die 'deal.Schönheit seiner Köpfe, die Lieblichkeit seiner Kinderfiguren und die ungemeine Leichtigkeit aus, womit sein Pinsel Alles gleichsam hinschrieb. Franc. Albani (s. d.), 1578—1686, der mit Guido in stetem Wetteifer lebte, lieferte viele größere Kirchengemälde, doch wurde er besonders berühmt durch den Reiz, womit er in kleinerm Maßstabe liebliche Gegenstände der Fabel und besonders Gruppen von Amormen darstellte. Sein landschaftlicher Hintergrund ist trefflich; seine Werke athmen Heiterkeit, Scherz und eine, freilich bisweilen fadc Anmuth. Domenico Zampieri (s.d.), >581—1641, anfangs wegen seiner allzugroßen Schüchternheit und Bescheidenheit von seinen Lehrern übersehen, wurde nach und nach durch Fleiß und eifriges Streben derLiebling derselben. Seine Werke zeugen von den gründ- lirüsten Kenntnissen und sind reich an Charakterausdruck, Kraft und Wahrheit. Nach Neapel berufen, wurde er von der dortigen Malerzunft vielfach verfolgt, nach Einigen sogar vergiftet. Auch Euercino (s.d.) von Cento, 1596—1666, gehört dem Stile nach dieser spätern bolognes. Schule an; er ist in seinen frühem Bildern ausgezeichnet durch eine gewisse herbe Anmuth, durch Feuer und Kraft der Darstellung; später nahm er eine verschwimmende, blasse Weichheit an, der mehre Eklektiker unterlagen. Giov. Lanfranco, 1580—1647, zeichnete sich besonders durch Lichteffecte aus. und Bartol. S chido ne gehört zu den trefflichsten Coloristen dieser Schule. Endlich sind noch dieBibiena (s. d.) die Mola (s. d.), Al. Tiarini, Pietro da Cortona (s.d.), Ciro Ferri hier zu nennen. An der Spitze der Naturalisten, die nur die Natur ohne Auswahl und ohne feinem Schönheitssinn mit kühnem, oft frechem Pinsel nachahmten, steht Michel Angele da Caravaggio (s.d.), 1569—1669. Sein Hauptgcgner in Nom war der Ritter d'Arpino, der an derSpitze der dortigen Idealisten oder vielmehr Manieristen stand. Caravaggio und seine Nachfolger, Manfredi, Lionello Spada u. A. wählten oft die ge-, meinste Natur zum Modell, das sie sklavisch nachahmten, und so die Würde der Kunst entweihten, obschon ihnen Kraft und Genie nicht abzusprechen war. In Nom nabm im Anfänge des 17. Jahrh. durch Peter Laar (s. d.) das Genrebild in Gestalt der sogenannten Bambocciaden (s. d.) überhand, und viele Künstler, besonders Michel Angelo Cer- quo zzi (s. d.) folgten diesem Geschmack mit mehr oder weniger Humor und Grazie, wogegen sich der heroische Eklektiker Andr. Saccchi nicht ohne Erfolg auflehnte, obwol Genre - und historische Malerei gar wohl nebeneinander bestehen konnten. Sein berühmtester Schüler war Carlo Maratti (s. d.), 1625—>713, dessen Stil nicht ohne Adel, aber von einem etwas leeren Idealismus durchdrungen war. Pietro Liberi, Andr. C e - lesti, die Portraitmalerin Nosalba Carriers, I675--I757, die sich in der Pastellmalerei auszeichnete, der anmuthigc Franc. Trevisani, Piaz etta, Tiepolo und derPerspectivmaler Ant. Canaletto (s.d.) waren die berühmtesten venetian. Maler dieser Zeit. Carlo Cignani (s. d.), >628—1719, erwarb sich großen Ruhm durch Eigenthümlichkeit und seine ebenso kräftige als angenehme Behandlung der Farben. Unter seinen Schülern zeichnet sich besonders Marcant. Franceschini aus, 1648 — 1729, dessen Werke reizend und seclenvoll sind. Eins. Maria Crcspi (s.d.), genannt il Spagnuolo, verdient seines Fleißes und guten Stils wegen Erwähnung; leider haben seine Gemälde sehr nachgedunkelt. Unter den Römern zeichnete sich Pompes Ba tto ni, 1708—87. Vorzug- 5-11 Italienische Kunst (Kupferstechkunst) lich aus, obwol seine anspruchslose Grazie den Kampf mit dem neuen, kraftvollen Eklckti- lismus eines Ant. Ras. Meng s (s. d.) nicht bestehen konnte. Angelica Kanffmann (s.d.) verdient als Erazienmalerin genannt zu werden. Als Nebenschulcn der Malerei in Italien sind die neapolitanische und die genuesische zu erwähnen. Von den Neapolitanern nennen wirTommasode'Stefani, geb. >230; Fil.Tcsauro; Simone; Colantonio delFiore; geo. >352; Solaris il Zingaro; Sabatino, geb. I480;Belisario;Caracciolo; Gius. Ribera (s. d.), genannt Spagnoletto, geb. 1503, einer der feurigsten Schüler des Caravaggio, den er an Schönheitssinn weit übertraf; Spadaro; den trefflichen Fran- cescodiMaria, geb. 1623; Andr. Va ccaro; den kühnen, geistreichen Landschaftsmaler Salvator No sa (s.d.), geb. 1615, Preti(s.d.), geb. >6,13, und Luca Gior- dano (s.d.), >632—1765, den man wegen seines schnellen Arbeitens Luca fa presto nannte. Solimena, geb. 1657, und Conca gehören zu den neuern Meistern dieser Schule. Die ausgezeichnetsten Künstler der genucs. Schule waren Semino, geb. 1485; Luca Cambiasi, geb. 1527; Paggi; Strozzi, genannt il Prete Genovese; Castig- lione, geb. >616; Biscaino; Gaulli nndParodi. Der berühmteste aller modernen ital. Maler war Camuccini (s. d.) in Nom, gest. >814; sein Stil ist groß und echt historisch; doch lassen seine Bilder kalt. Als Portrait- maler zeichnete sich in Rom Landi aus, dock findet man sein Colorit ebenfalls ein wenig kalt. Unter den jüngern Künstlern ist Agricola zu,erwähnen. In Florenz ist unstreitig Benvenuti der vorzüglichste Künstler, der in neuerer Zeit den Palast Pitti mitFrescoge- malden verzierte. Mit ihm wetteifert der in Florenz lebende-franz. Künstler Fa bre, dessen Landschaften ebenso trefflich find, wie seine historischen Gemälde. Auszeichnung verdient gleichfalls der in Siena lebende Colignon. Der Florentiner Sabbatelli in Mailand ist seiner Federzeichnungen wegen geschätzt; Hayez und Pelagio Palage gelten als die berühmtesten Historienmaler; Migliara, gest. >837, war als Architekturmaler ausgezeichnet, und Er mini in Florenz lieferte schöne Miniaturmalereien in Jsabey's Manier. Die meisten dieser Künstler standen und stehen unter dem sichtbaren Einflüsse der klassisch» stanz., besonders der David'schen Schule, wie die schönen, aber kalten Fresken des Mailänders Appiani (s. d.) recht deutlich zeigen., In der Kupfer steche rkwnst zeichnen sich die Italiener ebenfalls sehr vortheilhaft aus. Lommaso Finiguerra (s.d.), der erste bekannte Meister dieser Kunst, theiltesie um die Mitte des 15. Jahrh. dem Baccio Bandini mit. Ihnen folgte Mantcg na (s.d.), allem erst Marcant. Raimondi von Bologna, um 1560, brachte größere Freiheit in seine Kupferstiche, und seine Arbeiten nach Rafael bleiben wegen ihrer richtigen Zeichnung stets von großem Werth. In seiner Manier arbeiteten Bonasone, Marco di Ravenna, die Ghisi u. A. In anderer Art brachten Agostino Caracci, Parin egg i an o, Carlo Maratti (s. d.) und Pietro Testa vortreffliche Sachen mit der Nadir» nadel hervor. Stefano della Bella zeichnete sich durch geistreiche und zierliche Arbeiten aus. Unter den Neuern, welche eine früher unbekannte, wirkungsvolle und fleißige Behandlungsart einführten, verdienen Barts lozzi (s.d.) in der punktirten Manier, Cu- nego, Volpato (s. d.) und Bettelini besondere Erwähnung, vor Allen aber der Florentiner Naf. Morghen (s. d.), der die Kupferstccherkunst auf einen Grad der Vollkommenheit brachte, den man zuvor nicht ahnete. Das Bedürfniß der Künstler dieses Fachs, sich an große Musterbilder alter Meister zu halten, um würdige Gegenstände ihres Fleißes zu haben, gab dieser Kunst einen selbständigen Charakter; sie, die früher dienend gewesen, erhob sich dadurch zu eigenthümlicher Würde, und die Arbeiten Morghen's, noch mehr die Longhi's (s. d.), vielleicht die beachtenswerthesten unter allen neuen Kupferstichen, die von To Schi, And erloni (s. d.), Fo lo, P almerini, die Umrisse La sin io's, die ausgeführten Blätter Garavaglia's,Lapi's und Schiavonetti's beweisen eine Regsamkeit, welcher die Liebhaberei der Reisenden, die Menge Prachtwerke über wichtige Gebäude stets neue Beschäftigung und Anregung zum Bessern zuweiscn.' Vgl. Uoung Ott- ley, „Itslikm sckool ofclesiFn^ (Lond. 1823, Fol., mit bl Kpfn.); Speth, „Die Kunst in Italien" (Münch. 1823) und Lanzi, „Geschichte der ital. Malerei" (deutsch von Ad. Wagner, 3 Bdc, Lpz. 1830—33). 542 Italienische Kunst (Sculptur) Mit dem Einbrechen der german. Völker verkümmerte auch die Plastik Italiens mehr und mehr, bis sie, allmälig alle Selbständigkeit verlor und von Byzanz abhängig wurde. Manches wichtige Werk bezog man sogar direct von dort; so die goldene Altartafel zu San-Marco in Venedig im I. 976 und die ehernen Pforten von St.-Paul bei Rom im Z. I V70, an welchen die Umrisse der Figuren mit Silber- und Goldfäden ausgedrückt und mit Email ausgefüllt waren. Anderes wurde zwar in Italien, doch von by- zant. Künstlern gefertigt; so die Bronzethüren von San-Marco in Venedig, am Dom zu Amalfi und an mehren Kirchen zu Salerno, Palermo, Benevent, Monreale, Trani u.s.tv. Auch die Altarbekleidungen von Silber und Gold, z. B. in Citta di Castello, zu San- Ambrogio in Mailand und anderwärts sind ganz in byzant.-starrer Weise gehalten. Einer der frühesten ital. Künstlernamen in diesem Fache, Bonannus von Pisa, fand sich auf zwei übrigens noch sehr rohen Erzlhüren an den Kathedralen von Monreale und Pisa, aus den I. 118» und t l 86. Schon besser ist eine Bronzethür im Baptisterium des Laterans zu Rom vom I. >293, welche die Namen Hubert und Petrus von Piacenza trägt. Die Steinsculpturen des l I. Jahrh., besonders an oberital. Kirchen, z.B. zu Modena, Verona, Ferrara, Parma und Lucca, erheben sich selten über das Barbarische. Erst Nicola P>- san o(s. d.) hob die Plastik plötzlich auf einen Punkt hoher Entwickelung und befreite sie aus ihrer trockenen Starrheit. Damals stand, die deutsche Sculptur in ihrer höchsten Blüte, und wahrscheinlich wurde Nicola Pisano durch nordische Kunstwerke oder reisende nordische Künstler angeregt, während ihm zugleich die Antike zu Gebote stand. Von dieser haben allerdings seine Gestalten noch mehr als von dem hohen gcmüthlichen Ausdrucke der deutschen Bildwerke jener Zeit. Seine Hauptarbeiten sind die herrlichen Kanzeln im Baptisterium zu Pisa und im Dom zu Siena, und der Sarkophag des heil. Dominicus in der gleichnamigen Kirche zu Bologna. Nach Nicola Pisano verlor sich die antike Formenfülle und Weichheit wieder, und die ihm folgenden Künstler näherten sich dem damals strenger» Stile Deutschlands. So die in Rom lebende Künstlerfamilie der Cosmaten, um >399, und Giovanni Pisano, Nicola's Sohn, 12-19—>329, von dem der Brunnen auf dem Domplatze von Perugia mit zahlreichen Reliefs, eine schöne, einfache Madonna am Dome zu Florenz und die Kanzeln im Dom zu Pisa und in San-Andrea in Pistoja herrühren. Es lebten damals viele deutsche Künstler in Italien, deren einige als Mitarbeiter an den Sculpturen des Doms von Orvieto genannt werden; dieselben übten fast das ganze 1-1. Jahrh. hindurch nicht nur auf die Sculptur den größten Einfluß aus, sondern brachten zugleich auch den goth. Baustil nach Italien. Giotto (s. d.) scheint als Maler und Baumeister auch auf die Bildhauerei eingewirkt zu haben; wenigstens müssen die symbolischen Reliefs, welche Andr. Pisano, >289—13-15, an dem florentin. Glockenthurme seit 133-1 ausführte, im Ganzen seine Erfindung sein. Von Andr. Pisano ist auch die schöne ältere Bronzethür an dem gegenüberliegenden Baptisterium. Vorzügliches leistete Andrea's Sohn, Nino Pisano, an mehren Kirchen in Pisa. Der Maler und Baumeister Andr. Orcagna zeichnete sich nicht weniger als Bildhauer aus; doch deutet Einzelnes in seinen Sculpturen am Tabernakel von Or San-Michele in Florenz bereits auf den Naturalismus hin, welcher sich im 15. Jahrh. der florentin. Malerschule bemächtigte. Prachtvoll in der Gesammtanlage, aber minder rein und weich in den Formen sind einige Denkmäler in Oberitalien; so in San-Eustorgio zu Mailand, das des Petrus Martyr, welches 1338 von Eiov. Balduccio aus Pisa gefertigt wurde, und in Verona das des Can della Scala, sowie das Grab deS heil.Augustin im Dom zu Pavia, welches letztere von Balduccio's Schüler Bonino daCampione gearbeitet ist. Auch Venedig und Neapel besitzen bedeutende Werke aus dieser Epoche. Das 15. Jahrh. war auch für die Sculptur reich an großartigen Entwickelungen. Was Nicola Pisano vereinzelt versucht hatte, die Wiederbelebung der Antike, wurde jetzt nach 299 Jahren von neuem das Lebensprincip der nach dem höchsten Ausdrucke äußerlicher und geistiger Größe, Tiefe und Schönheit ringenden Kunst. Für Toscana bezeichnet den Übergang Jacopo della Quercia, gest. um 1123, dessen Hauptarbeiten sich in Lucca finden. Das Größte aber leistete der Florentiner Lorenzv Ghiberti (s. d.), der die Natur in vollster Anmuth und in einem durch das Studium der Antike veredelten und gern- 543 Italienische Knust (Sculptur) nigten Stile darstellte. An seinen weltberühmten Bronzcthürcn des Baptisteriums von Florenz ist zwar der strenge antike Reliefstil aufgegeben und dafür eine malerische, auf Perspective beruhende Anordnung,befolgt; allein die Formenreinheit, der Adel der Auffassung und der Decoration, sowie die Technik des Gusses machen diesen Mangel völlig vergessen. Auch mehre Statuen an der Kirche Or San-Michele, ein Prachtsarkophag des heil. Zenobius u. s. w. bekunden überall den großen Meister. Gleichzeitig schuf Luca 0 elba Ro bbia, etwa >400 —80, eine neue Kunstübung, nämlich die glasirte Terracotta, in welcher er unzählige Reliefs, hauptsächlich weiße Figuren auf blauem Grunde mit reichem Ornament, arbeitete. Auffassung und Ausführung sind meist anspruchslos, oft flüchtig ; die Form aber anmu- thig. Auch als Bildhauer und Erzgießcr nimmt della Robbia eine bedeutende Stelle ein; , doch brachte ihm die durch zahlreiche Schüler weit verbreitete Arbeit in Terracotta den größten Ruhm. Mächtiger im Ausdrucke der Leidenschaft und zugleich noch mehr der Auffassung der Antike hingegeben erscheint Donatello (s. d.) von Florenz, 1383—1486, in seinen zahlreichen Reliefs und Statuen. Unter letzter» sind am bekanntesten die Judith unter der Loggia de'Lanzi; die Magdalena im Baptisterium, Petrus, Marcus und der herrliche St.-Georg an der Kirche Or San-Michele, sowie der berühmte iLuccone, d. i. Aahlkopf, am Glockenthurme des Doms zu Florenz. Donatello's Bruder Simon fertigte eine der Bronzcthürcn von St.-Peter in Rom und das Grabmal Martin's V. im Lateran. Auch Brunelleschi (s. d.) versuchte sich mehrfach in der Sculptur. Zum Naturalismus geneigter erscheint Andr. Verocchio von Florenz, 1432—88, in seinen Statuen an Or San-Michele und in der florentin. Akademie. Er soll zuerst Körpertheile zum Behuf des Studiums in Eyps abgeformt und die ersten Todtenmasken verfertigt haben. Seine Bildwerke pflegte er mit den natürlichen Farben zu bemalen, wie es denn treffliche bemalte Portraitbüsten in Wachsmassen aus dieser Schule gibt. Auch war Verocchio Maler und Lehrer Leonardo da Vinci's und Pietro Perugino's, doch soll er die Malerei aufgegeben haben, weil er sich von beiden übertroffen sah. Andere Künstler dieser Schule waren - Nanni d'Antonio di Banco, Michelozzo der Architekt, die beiden Rosselini, Mino daFiesole und Benedetto da Majano, von dem die Kanzel in Santa-Croce herrührt. Die gleichzeitigen venet., lombard. und neapolit. Künstler haben ebenfalls manches Bedeutende geliefert, doch ist nur der Neapolitaner Angelo Aniello Fiore, gest. gegen >509, durch seine schönen Grabmonumente allgemein bekannt. Im 15. Jahrh. erwachte auch die Medailleurkunst wieder, und eine Anzahl großer gegossener Medaillen, die gegenwärtig zu den größten Schätzen eines Cabinets gehören, stammt aus dieser Zeit. Vittore Pisano (s.d.),dessenHauptarbeiten > 429—4 9 fallen, hat die meisten und schönsten geliefert. Mit dem Anfänge des l 6. Jahrh. trat die ital. Kunst in das Stadium ihrer höchsten Reife. Durch unablässiges Studium der Natur und der Antike war man nicht nur der Darstellungselemenke und der Technik Meister geworden, sondern beherrschte auch den idealen geistigen und körperlichen Ausdruck völlig. Äußerlich und innerlich fördernd entfalteten sich zugleich die Prachtliebe der Fürsten und eine großartige Bewegung auf allen geistigen Gebieten. Von Verocchio's großen Schülern Giov. Franc. Nustici und Leonardo da Binci (s. d.) hat sich leider nichts erhalten als eine herrliche Bronzegruppe des erster» und begeisterte Nachrichten von einer Reiterstatue des letztern. Andr. Sansovins i der Altere, gest. l 529, hat ebenfalls einfach großartige Werke geliefert; von ihm Md seinen Schülern rührt die prächtige Umklcidung des heil. Hauses von Lorcto her. Michel Angelo Buonarotti (s. d.), l 474—>564, der anfangs die Sculptur zu seinem eigentlichen Beruf ausersehen hatte, hob dieselbe auf ihre gewaltigste Höhe, führte sie aber dann auch wieder dem Verfall entgegen, da er weniger aus die Darstellung ruhiger Schönheit als auf die großartigen Lebensäußerungen ausging, worauf seine Nachahmer beim drasti- scheu Effecte der Formen stehen blieben. Seine freiern florentin. Werke achmen jedoch noch die milde Grazie der Schules so seine herrliche Pieta in St.-Peter in Rom, sein Bacchus und sein David in Florenz. Ein Ämor, den er in Florenz vergraben hatte und wieder ausgraben ließ, wurde für eine schöne Antike gehalten, bis der Künstler einen zurückbehaltenen Arm desselben vorzeigte. Durch Papst Julius II. nach Rom im I. 1593 gerufen, begann er das große Grabmonument desselben, doch durch den Papst selbst fortwährend zu großen 344 Italienische Kunst (Sculptur) Bauten und Fresken in Anspruch genommen, konnte er von den vielen für das Grabmal bestimmten Statuen nur den großartigen Moses, die Nahel, die Lea und die im Louvre befindlichen beiden Gefesselten ausführen, welche letztere schon den wildtitanischen Geist sti- ncr spätern Werke athmen. Erst diesen Arbeiten folgte sein Meisterwerk, die Monumente des Giuliano und Lorcnzo Medici zu San-Lorenzo in Florenz. Sein Nebenbuhler Baeei» Dandine lli, 1487 — 1559, stand schon völlig unter dem Einflüsse seines Stils und elg- nete sich besonders das Gewaltsame, äußerlich Imposante davon an, wie sein Hercules und Cacus, seine Reliefs an den Monumenten Lco's X. und Clemens' V!I. und seine Statuen der Choreinfassung des Doms in Floren; beweisen. Unter den eigentlichen Schülern und Gehülfen Michel Angelo's sind nur Poggibonso, genannt Montorsoli, und Rafael de Monte lupo zu nennen. Benvenuto Cellini (s. d.), Zeitgenosse und Fcind des großen ' Mannes, hat in seiner unschätzbaren Selbsibiographie zahlreiche Aufschlüsse über das damalige Künstlerleben niedergelegt. Er war besonders als Goldschmied und Medailleur bedeutend; doch von seinen zahlreichen, zum Theil in Paris für Franz 1. verfertigten großem Sculpturen ist, außer der etwas nüchternen Bronzcstatue des Perseus und einer trefflichen Büste in Florenz, nichts erhalten. Zn Venedig blühten um diese Zeit Pietro, Tullio und Antonio Lombard! und Ha- copo Sansovino derJüngere, eigentlich J.Tatti, aus Florenz, 1479—1579, derSchü- ler des altern Sansovino. Eine Zeit lang Nachfolger der Richtung Michel Angelo's, brachte er diese seit 1527 nach Venedig, doch in zarterer, freier Weise, und sammelte eine Schule um sich. Von ihm ist die Marmorstalue der Madonna in San-Marco und die Johannes des Täufers in der Kirche zu Casa grande. In der Lombardei zeichneten sich der noch der ältern, mehr decorativcn Kunstübung zugethane Bambaja und Marco Agrate aus; von dem letzter« rührt die Statue des geschundenen St.-Bartholomäus im Dom von Mailand her. Neapel besitzt treffliche Grabmonumente von Giov. da Nola, genannt Mcrliano, dem Schüler des Anicllo Fiore. Als Gemmen- und Stempelschneider zeichnete sich nächst Benv. Cellini besonders Valerio Viccntino aus. Selbst die Kleinkünstelei, daS Einschnciden von ganzen Geschichten auf Pfirsichkerne und dergleichen, wurde in dieser künstlerisch so reichbewegten Zeit durch die Bologneserin Properzia Ro ssi, gest. I5ZV, vertreten. Die meisten Arbeiten aus der zweiten Hälfte des l6. Jahrh. verfolgten die von Michel Angela eingeschlagene Richtung bis zur Manier. Dahin gehören die Werke deS Mailänders Guglielmo della Porta, welcher die Beine des Farnese'schen Hercules so gut restaurirte, daß Michel Angelo die später aufgefundeneu ecbten nicht besser fand. Von ihm sind das großartige Grabmal Papst Pius' III. zu St.-Peter in Rom und die vier großen Propheten in den Pfeilernischen der ersten Arcade daselbst. Bartol. Ammanati, der auch Baukünstler war, arbeitete in der Weise seines Lehrers Bandinelli unter Andern den großen Brunnen auf dem Signorenplatz in Florenz. Damals schuf der Niederländer Giov. da Bologna aus Douai, 1524—>608, in ähnlichem Stile seine ehernen Thore am Dom zu Pisa, seinen Neptunbrunnen, seine Neiterstatue Cosmo's 1. und seinen allzu- berühmten Raub einer Sabinerin in Florenz. Mit Lorcnzo Bernini (s. d.), >585— I68<>, trat dann eine Periode vollständiger Entartung ein, welche durch zahllose Schüler noch bedeutend gesteigert wurde. Bcrnini selbst, der auch in der Architektur eine ähnliche Stellung cinnahm, imponirte bei aller Vernachlässigung der strengen Gesetze des plastische» Stils noch durch einen kräftigen Naturalismus und oft überwältigenden Ausdruck der Leidenschaft, während seine Schüler bald völliger Stillosigkeit, Unwahrheit und Affectatio» anheimfielen. Seine berühmtesten Werke sind die ohnmächtig hinsinkende heil. Therese, die heil. Bibiana, die Reitcrstatuc Konstantin's und der brillante Stuhl Petri. Sein Zeitgenosse Alessandro Algardi (s. d.), 1588—1854, war zwar im Ganzen von Berninis Richtung beherrscht und ersetzte wie dieser die plastische Concepkion durch malerischen Effect, erfreute aber durch eine gewisse Weichheit und Lieblichkeit. Besonders bekannt sind sein kolossales Relief, Leo der Große und Attila, sein Crucifix und seine schöne Bronzestatue Jnnocenz's X. Unter Brrnini's Nachfolgern, deren Arbeiten bald alle Kirchen Italiens füllten und manches edle Werk des Cinquecento daraus verdrängten, sind als die bessern zu nennen Domenico Guido, Ant. Raggi, Ercole Ferrata, Gabr. Brunelli, der 545 Italienische Musik blinde Gonelli von Cambassi, der die Bildhauerei durch Tasten erlernte und auf diese Weise eine Büste Cosmo's I. von Toscana fertigte; Tu bi, Camillo Nusconi, von dem das Monument Gregors XIII. in St.-Peter herrührt, Angela Nossi, der das Grab Alexander s VIII. arbeitete, Gaetano Zumbo aus Syrakus, und im 18. Jahrh. Cor- radino und Sanmartino. Ein gesunderer Lebensathem zeigte sich unter den in Italien arbeitenden Fremden; so bei den Niederländern Franz Duquesnoy, genannt Jl Fia- mingvss.d.), >594—1644, Arthur Quellinus und dem großensranz. Naturalisten Pierre Puger. (S. Französische Kunst.) Nach der Mitte des 18. Jahrh. trat auf Einwirkung von Raf. Mengs (s. d.) und Winckel mann (s. d.) hin eine, wenn auck nur bedingte Rückkehr von der Manier zur antiken Reinheit ein. Der Träger dieser Richtung war Ant. Canova (s.d.), 1757 — 1822, der in überaus zahlreichen Werke« einer neuen Auffassung der Natur die Bahn brach. Sein Stil ist oft weichlich, doch von einer Reinheit, wie sie seit den großen Meistern des 16. Jahrh. nicht mehr gesehen worden. Sein Einfluß auf strie neuere, zumal sranz. Kunst ist nicht zu berechnen. Von seinen ital. Schülern nennen wir Ant. d'Este, bekannt durch treffliche Reliefs und Büsten; Grus. Fabris, dessen Arbeiten, z.B. die Monumente Tasso's und Leo's XII., an einer gewissenStillosigkeit leiden; Q,. Tadolini, G. Finelli, die beiden Ferrari (s. d.), L. Bartolini in Florenz, der vielleicht als der echteste Geisteserbe Canova's zu betrachten ist, und Pompeo March esi (s. d.) in Mailand, geb. 1796, einer der ersten jetzt lebenden Künstler seines Faches. Von ihm rührt die schöne, obwol nicht völlig ähnliche Statue Goethe's in Frankfurt her, und sein bedeutendstes neueres Werk ist die Gruppe In Inions maäre nel Veneräi ssnto zu Santo-Satiro in Mailand. Andere berühmte mailänd. Künstler sind Gaetano Monti, B. Comolli, der Verfertiger des schönen Reliefs Dante utid Beatrice in der Villa Melzi, unweit Eomo, Sangiorgio und Putti, welche letztere beide die großen Bronzewerke auf dem Xrco (lella ysce in Mailand fertigten. In Florenz steht L. Pampaloni, in Neapel L. Per- sico in großem Ruf. Endlich hat A. Th orw aldsen (s. d.) in neuerer Zeit sehr bedeutend auf die ital. Sculptur eingcwirkt; außer L. Bienaime, Galli, Benzoni u. A. war auch der bedeutendste Bildner des jetzigen Italiens, Pietro Tenerani aus Carrara, sein Schüler, der sich zuerst durch eine Psyche und eine Venus berühmt machte und neuerdings mehre kolossale Heiligenstatuen und die Modelle zu den in München gegossenen Standbildern des Königs Ferdinand von Neapel und Bolivar's lieferte. Die Aussichten der ital. Sculptur sind gegenwärtig in mehren Beziehungen sehr gut; eine reiche Kirche, historischer Sinn und Localpatriotismus bürgen zur Zeit für die Ausführung zahlreicher heiliger Gegenstände und öffentlicher Denkmale. Doch sind die deutsche und die franz. Kunst gegenwärtig in so großartiger und eigenthümlicher Entwickelung begriffen, daß sic längere Zeit hindurch mehr auf die ital. Sculptur einwirken als von ihr Anregung empfangen dürften. Vgl. Seroux d'Agincourt, „üistoire de I'art par Iss momiments" («Bde., Strasb. 1819—29, Fol.). Italienische Musik. Dem tiefsinnigen, harmonischen Element der deutschen Musik und dem declamatorisch-charakteristischen der französischen gegenüber, besteht das Grundwesen der neuern italienischen im reinen Wohlklang. Dies zeigt sich in dem Vorwalten sinnlich schöner Melodie, deren Reiz durch lebhafte, jedoch einfache, klare Rhythmik gehoben wird, mit der aber die Harmonik keineswegs eng verschmolzen ist, die vielmehr in einem ganz untergeordneten Verhältniß zu ihr steht, daher sie auch meist gleichgültig behandelt und zuweilen ganz vernachlässigt wird. Ebenso ist in der neuern ital. Musik das charakteristische Eingehen auf Situationen und Gemüthslagen dem sinnlichen Wohlklang stets untergeordnet, nicht selten in ihm ganz untergegangen. Diese neuere ital. Musik hat wRossini (s. d.) ihren Gipfelpunkt erreicht Und im Wesentlichen ihr Grundgepräge be- hauptet, obschon sie durch Bellini und Donizetti manche Modificationen erfuhr. Ganz an- deks verhält es sich mit der altital. Musik, die in Italien zwar wachsend und reifend und in «m Italiener Palestrina culminirend, doch ursprünglich von Niederländern nach Italien verpflanzt, auch vorzugsweise von Niederländern dort gepflegt wurde. Ihr Erundwesen Conv.-rer. Neunte Aufl. VII. 35 546 Italienische Musik besteht in der Harmonie oder, richtiger ausgedrückt, in der Vielstimmigkeit; Melodie ab» im heutigen Sinne, das Hervortreten eines charakteristischen Gedankens, einer Tonreihe von entschiedenem rhythmischen und melodischen Charakter, die von der Harmonie zw« gehoben, unterstützt und klarer ausgeprägt werden kann, an sich aber schon verständlich und von bestimmtem Ausdruck ist, findet sich in ihr kaum in unsicherer Andeutung, eigent- lich gar nicht. Denn was jenen tüanto ferm o (s. d.) anlangk, den man manchen Sätzen zu Grunde legte und wozu man oft bekannte Volksmelodien benutzte, so wurde derselbe, auch angenommen, daß er in den unverhältnißmäßig langen Tönen und der rhythmischen Monotonie noch erkennbar blieb, von den contrapunktischen Stimmen so übertönt, daß er irgend eine charakteristische Beziehung oder Einwirkung auf das Stück nicht haben konnte, und überhaupt mehr ein Anknüpfungspunkt für den Componisten als bedeutsam für den Hörer war. Dabei ist noch zu bemerken, daß die Harmonie im engern Sinne, nämlich die bloße Accordfolge, weit mehr ein Ergebniß der Stimmenführung als auf die verwandtschaftliche Beziehung der Accorde zueinander basirt war, daß aber auch hierin gerade in Verbindung mit dem Festhalten an den sogenannten Kirchen- oder griech. Tonarten (s. Griechische Musik) der Grund zu jenen ganz eigenthümlichen Modulationen zu su> chen ist, die so fremdartig und doch so wunderbar ergreifend aus jenen alten Gesängen zu uns sprechen. Die auffallende Erscheinung, daß in der Musik ein und desselben Volks diese scheinbaren Extreme hervorkreten konnten, erklärt die Entwickelungsgeschichte der ital. Musik. Wie alle neue Kunst, so fand auch die Musik in der Religion den Boden, aus dem sic hcrvorsproßte. Wie viel aus der griech. oder hebr. Musik in die christlich-kirchliche herüber- gekommen sei, ist nicht nachzuweisen. Zwar wird dem Bischof Ambro si us (s.d.) von Mailand die Verpflanzung des morgenländ. Hymnen- und Psalmengesangs in das Abendland zugeschrieben; auch ist es ausgemacht, daß man sich in späterer Zeit noch lange abmühte, ein System der Musik nach griech. Grundsätzen aufzurichten. Aber ebenso gewiß ist, daß die neue nur in dem Maße, in welchem sie von den Fesseln eines ihr aufgedrungc- nen widerstrebenden Systems sich frei zu machen wußte, gedieh und reifte. Die erste Enk- wickelungsphase erlebte dieselbe durch den röm. Bischof Greg o r 1. oder den Großen, gest. im I. 6t)4. Er vermehrte das Tonsystem (s. Ton und Tonarten), verbesserte die Notation (s. Noten) und führte eine langsam gemessene, gravitätische Sangweise ein, um daS Heilige von dem Profanen zu unterscheiden. Noch lange aber war von einer Harmonie nicht die Rede. Erst im 10. Zahrh. machte der flandr. Benedictinermönch Hucbald den ersten bekannt gewordenen Versuch, mehre Töne zugleich erklingen zu lassen. Aber sein sogenanntes Organon bestand blos in einer Reihe auf- und absteigender Quarten mit und ohne Li- tavenverdoppelung, und in Italien nahm man gerade am wenigsten Notiz davon. Selbst nachdem durch Guido von Arezzo, um >020—-io (s. IIt, re, mi), Franco vonKöln (s. d.), im Anfänge des 13.Jahrh., und später durch MarchettuS von Paduass.d.) und Johannes de Muris in Paris, im !4.Jahrh., bedeutende Verbesserungen in der Men- suralmusik und Harmonie versucht waren, mußten diese erst durch Ausländer, namentlich Niederländer, nach Italien gebracht werden. War doch auch Palestrina's (s. d.), >56» —1600, Lehrerder Niederländer Goudimel (s. d.). Mit Palestrina aber beginnt die Zeit der Blüte des künstlichen Contrapunkts der rein kirchlichen Richtung der Musik- Bildungsschulen wurden errichtet, und Italien, namentlich Nom und Venedig, begann dem Auslande mit Zinsen zurückzuzahlcn, was es von ihm erhielt. Die hervorleuchtendsten Nomen jener Zeit sind außer Palestrina, Felice Anerio, Andr. und Giov. Gabriel!, L. Mare- zio, Nanini (s. d.), Zarlino (s. d.), der Deutsche L. Häßler und der Niederländer Orlando Lasso. Noch während dieser Epoche aber, zu Ende des 16. und Anfänge des Jahrh., bereitete sich ein Umschwung vor, der, gefördert von vielen zusammentreffenden Umständen, der Musik eine in ihrem innersten Wesen veränderte Richtung gab. Es wurden nämlich die ersten Versuche eines dramatischen Stils gemacht. Waren auch >E 2«r- suche eines Orazio Vecchi in Modena, Giulio Caccini und Em. del Cavaliere in Rom, Peri in Floren; u. A. noch lange nicht Opern zu nennen, so war doch eine neue Richtung angedeutet, vor Allem bildete sich allmälig die Grundbedingung derselben hera^, °ie Selbständigkeit der Melodie. Man fing an, nicht mehr auf den Sologesang mit Begle>' »er hr ar ich Ä- en bc, en kr te, >cn di! dt- in ün »u est >». ir- on id- lb- -iß ze- > »i. , lst. !«. >aS len m> bst ln d.) !N- ich 80 di! stk- !M i !a> k!- )r- >7. ! i!U ar- er- m, NS die ei- Italienische Schule Italienische Sprache und Literatur 547 !tmg eines Instruments als etwas blos dem Volke Ungehöriges verächtlich herabzusehen, nachdem Binc. Galilei glückliche Versuche darin gemacht hatte. Die geistlichen Spiele, Mysterien, Oratorien und die sogenannten Kirchenconcerte, wie das sich allmälig durch Tartini (s. d.), Nardini (s. d.) und Pugrani ausbildende Jnstrumentspiel, trugen das Ihrige zur Verbreitung der neuen Weise bei. Dazu kam, daß dieselbe, namentlich in dem südlichen Volkscharakter, starke Sympathie finden mußte. Wie das Jnstrumentspiel, die Kammer- und concertirende Musik, so bildete sich der Kunstgesang aus, wozu die Eesang- schule des Bernacchi von Bologna mitwirkte. Venedig und Neapel wurden die Hauptpflanzschulen der neuen Richtung und nacheinander A. Scarlatti (s.d.), Leon Leo (s.d.), Durante (s. d.), Jomelli (s. d.), Pergolese (s. d.), Sacchini (s.d.), Piecini (s.d.), Cimarosa (s. d.), Paisiello (s. d.), Zingarelli (s. d.) u. A. ihre Hauptbeförderer. So wuchs das neue Kind Italiens, die Oper (s. d.), heran, vom In- und Auslande gepflegt, geschmeichelt und verzogen. Hauptsächlich durch Einführung der Bravourarie wurde die dramatische Wahrheit in Fesseln geschlagen, und die Person des Sängers über die dramatische Person gestellt. So war es denn endlich die Leistung des Sängers, auf welche das Publicum horchte, das Andere als nothwendige Folie nehmend und während dessen der freien Unterhaltung sich überlassend. Da trat Ro ssini (s. d.) auf. Genial, voll Temperament, klug seine Zeit erfassend, mit den Leistungen des Auslandes in der Jnstru- mcntalmusik vertraut, wußte er Eigenes und Vorgefundenes in einen Brennpunkt zu fassen, der augenblicklich zündete, und seine Opern wurden Weltopern in' einem Sinne wie wenige und in einerKürze der Zeit, wie noch wenigere. Unter dem Heere seiner Nachfolger sind nur Belli ni (s. d.) und Donizetti (s. d.) zu nennen. Namentlich zeigte der erstere eigmthümlichc Kraft; auch beschränkte er mit Glück das überwuchernde Coloraturwesen. In der Blüte der Jahre dahinsterbend, überließ er Donizetti das unbestrittene Suprimat. Noch ist einiger Meister zu gedenken, die ihrer Geburt nach Italiener, aber ins Ausland versetzt, in ihrer Musik eine Richtung nahmen, die mit der ihres Vaterlandes kaum einige allgemeine Züge gemein hat. Dieses sind Cherubini (s. d.) und Spontini (s. d.), die derfranz., und Salieri (s. d.) und Nighini (s. d.), die mehr der deutschen Schule sich anschlossen. Was außer der Oper in musikalischer Hinsicht von Italien zu sagen ist, läßt sich in wenige Worte fassen. In der Kirchenmusik sind die Gesänge während der heiligen Woche in der päpstlichen Kapelle die einzigen traditionellen Überreste des alten Glanzes, und in der Instrumentalmusik ist Italien hinter Deutschland und Frankreich weit zurückgeblieben, sc» in Composition wie in der Ausübung. Doch hat es die ausgezeichnetsten Geiger aufzuweisen, in Tartini (s. d.), Corelli (s.d.), Paganini (s. d.), wie denn auch die Geigeninstrumente eines Am a ti (s. d.) und Stradivari zu Cremona .von unerreichter Vortrefflichkcit sind. Italienische Schule bezeichnet in der Kunstgeschichte den Inbegriff der ital. Architekten, Maler, Bildhauer, Componisten, insofern sie in ihren Künsten Nationalcharakter entwickelt haben. (S. Italienische Kunst und Italienische Musik.) In der Geschichte der Philosophie dagegen versteht man unter dem Namen der Italischen Schule die vor Sokrates in Italien oder Großgriechenland entwickelte Philosophie, der Pythago- räer und Eleaten, im Gegensatz derIonischen Schule (s. d.). Italienische Sprache und Literatur. Die Sprache Italiens in allen ihren ver- tchiedcnen Mundarten vom Sardinischen und Corsicanischen bis zu dem schon sehr ins Französische hinüberspielenden Piemontesischen gehört demjenigen Stamme an, welchen man den romanischen nennt und dessen Wurzel die lat. Sprache ist. (S. Romanische ^brachen und Römische Sprache.) Der Aretiner Leonardo Bruni stellte im l5. 3ahrh., als man in Italien die Sprache grammatisch zu behandeln anfing, die Ansicht ^uf, welcher Cardinal Bembo und viele Andere, neuerlich noch Quadrio beitraten, daß die verschiedenen Dialekte, welche in Italien vorgefunden werden, dieselben seien, die i"^3eit der alten Römer in den Provinzen des röm. Reichs gesprochen wurden; Kaff« in seiner „Verona illustrsta" leugnete gleich den Genannten, daß die modernen Dialekte durch Vermischung des Lateinischen mit den Sprachen der in Italien eingedrun» i>5* 548 Italienische Sprache und Literatur gcnen Barbaren entstauben seien, und hielt sie vielmehr für Ausartungen der gebildeten lat. Sprache; Muratori bekämpfte diese Ansicht und wies nach, von welchem Ein- > flusse auf das Italienische die Sprachen der eingedrungenen Völkerstämme gewesen; Naynouard endlich in seiner „drammsiro cowpares etc." (Par. 1821) ging so weit, das Italienische recht eigentlich als ein Erzeugniß der Völkerwanderung zu bewach, ten. Alle diese Ansichten heben immer nur Eine Seite der Sache hervor. Man kann sich aber den Gang der Sprachentwickelung etwa so vorstellen. Die lat. Schriftsprache war außerhalb der Mundarten des alten Italiens, von denen sich noch allerlei Spuren in denkt. Schriftstellern und auf Monumenten finden, von den Dichtern und Gelehrten ausgebildet worden; sch wirkte aber auf das Volk zurück. Unter ihrem und der eingedrungenen fremden Sprachen Einstuß erfuhren die Volksmundarten allmälig Wandlungen, bis sie die Gestalt annahmen, in welcher Dante sie im 13. Jahrh. vorfand. Man unterschied drei Sprache», die lateinische, welche die gelehrte blieb, die fränkische oder fremde und die einheimische oder gemeine, wie aus einer alten Grabschrift Gregor's V., der 999 starb, zu ersehen ist („krrm- ciAsn», vulgär! et voce lutiua iustitnit populos", d. h. „er lehrte in fränk., gemeiner und lat. Sprache"). Die gemeine hieß auch die romanische; so schon im 13. Jahrh.meinem Edict König Jakob's l. von Aragon, welches die Übersetzung der Bibel ins Romanische verbot. Allmälig wurde die Gemeinsprache (linguu volgsre) neben der lateinischen wieder zu einer Schriftsprache ausgebildet-, und zwar zunächst von den sogenannten Volksdichtmi und Chronisten. Die ersten Spuren der lmgu» volgsre finden sich um das Ende des l->. Jahrh. und zwar in Sicilien und Neapel. Es sind zwei ital. Inschriften aufbehalten, die eine vom Dom zu Ferrara mit der Jahrszahl von 1135, die andere des Hauses Ubaldini vom I. 1184, die aber leicht später verfaßt sein können. Gewisser ist, daß Kaiser Friedrich II., der 1197 Sicilien erhielt, Dichter in der Volkssprache, Trovatoren an seinemHofe hatte und selbst in sicil. Sprache dichtete. Die älteste Vulgärsprache, von der wir Kunde > haben, ist also die sicilische. Diese war es auch, die sich als Sprache der Dichter und Chronisten über ganz Italien verbreitete. Im 13. Jahrh. finden wir sie nicht nur in Siidita- s lien, sondern auch im Florentinischen, Bolognesischen und überall. Nur von vier Städte», Ferrara, Modena, Reggio, Parma, sagt Dante in seiner Schrift „De vulgär, elogueutia", sie hätten keine Dichter Hervorbringen können, aber es finden sich dennoch Spuren, welche beweisen, daß Dante irrte. Aus dem Anfang des 14. Jahrh. sind die berühmten florenli». und sanesischen Chroniken eines DinoCompagni, Velluti, Andr.Dei u.A. Auch übersetzte man lat. Autoren in die Vulgärsprache. Die Wunderromane vom Zauberer Merlin, Lau- celst, von dem heil. Graal, den Neali di Francia wurden um l 35V italienisch verfaßt. Endlich bildeten Dante Alighieri (s-d.), Petrarca (s.d.) und Boccaccio (s.d.) die Gemeinsprache zur größten Rundung, Biegsamkeit und Schönheit in Poesie und Prosa aus. Dante unterwarf diese Sprache sogar schon der kritischen Untersuchung. Es gab in Italien, sagt er, 14 Dialekte, mit vielen Untermundarten, sodaß sich in diesem kleinen Erdwinkel wol Ivvv und mehr verschiedene Sprachweisen finden, die, seiner Meinung nach, alle nicht zur Schriftsprache taugten, auch selbst der bolognes. Dialekt nicht, den er übrigens am meisten lobt. Zur Schriftsprache eigne sich nur diejenige, welche von den illustri clottor,, du in der liugiia volgare gedichtet, von Siciliern, Pugliesen, Toscanern, Romagnuole», Lombarden und in den Marken ausgebildet worden und welche sich in allen Provinzen bei den Gebildeten, an den Höfen finde, ohne irgend einer Provinz eigen zu sein. Man legte daher dieser Gemeinsprache (volgare, commune) auch die Namen der Hof-, Cardinal-oder Prunksprache bei (a»Iica, cortigians, car»iiiurle, solenne, illnstre). Im 15. Jahrh., mit dem Aufblühen der sogenannten humanistischen Studien, verfiel die ital. Sprache und wurde wieder roh, da die Gebildeten sie verachteten und verschmähtem Man kann den Cardinal Bembo (s.d.), 1470 —1547, als ihren Wiederhersteller ansehw, indem dieser sich nach Petrarca bildete und, wenn auch selbst kein ausgezeichneter Dichter, doch Nacheiferung weckte, auch über die geschmackvolle Schreibart Regeln gab. Durch >»» . belehrt, verfaßte Gianfrancesco Fortunio „Re^ole gr-unmaticuli «lella volgsre linguo, welche zuerst 1518 in Ancona erschienen und bis >552 nicht weniger als 15 mal wieder aufgelegt wurden. Ein Venctianer, Liburnio, dann Marcanton. Flaminio schlossen sich "" 549 Italienische Sprache und Literatur grammatischen Schriften an. Endlich erschienen >525 Bembo'S eigene „?rose", welche in dieser Hinsicht Epoche machen. Es entbrannte damals ein heftiger Kampf der Latinisten gegen die Verehrer der Gemeinsprache; ja man war so verliebt in die alten tobten Sprachen, daß selbst die Damen lateinisch und zuweilen griechisch dichteten. Die Gelehrten in Pisa, Padua u. s. w. eiferten für die Rechte der lat. Sprache; ein Ro- molo Amaseo hielt >520 vor glanzender Versammlung, in welcher sich auch Papst Cle- mens VII. und Kaiser Karl V. befanden, zwei Reden zum Lobe der lat. Sprache und wider die gemeine, welche in die Kneipen und auf die Märkte gehöre, und der berühmte Carlo Sigonio schrieb „De lut. Immune n«n retineniin". Kaum aber war die Gemeinsprache wieder in Aufnahme gekommen, so entspann sich ein neuer heftiger und hartnäckiger Zwist, indem die Florentiner, sich stützend auf die Herkunft der berühmten Schriftsteller des 13. Jahrh. (der Treccntisten), hauptsächlich Dantc's, Petratca's und Bvccaccio's, die Ehre in Anspruch nahmen, Italien mit seiner Gemeinsprache beschenkt zu haben. Der Kampf, der sich jetzt entspann, war nicht blos ein kindischer Streit, wie oft gesagt worden ist, über den Namen derSprache, ob volare oder itslian» oder toscsnn, sondern ein Kampf der Idee von einer Gesammtnationalität Italiens gegen das Particularinteresse von Florenz und von Siena, denn auch die Sanesen maßten sich die Ehre der Sprachschöpfung an. Claudio Tolommei in seinem Dialog „II Osano" (Ven. >555) trat für die Florentiner in die Schranken; ihm gesellten sich bei Bened. Varchi in dem Dialog „Lrcolann" (Ven. 1570), der sich auch auf Bembo berief, Lodov. Dolce in seinen „Os?ei-r«xi<>„i etc." (Ven. >550) und Leon. Salviati in seinen „Xvvertimcnti clell» lingua etc." (1584). Zu Gegnern hatten diese den Trissino, der Dante's alte Ansicht geltend machte, den fchdclustigen Jeron. Muzio in seinen „Dattnglie zier cliie-m llell' itsl. liligiis" (Ven. >582) und den Castelvctro in seiner „6nrrerinne lli nlcune cv5e etc." (>572). Dante und die andern großen Dichter, ! sagte Trissino, seien Italiener gewesen, nicht Florentiner; dem gemeinsamen Vatcrlande , gehörten sic an. Wir müssen eine Gemeinsprache haben, sagte Muzio, eine Sprache Italiens, ! geeignet, den modernen Ideen Form zu geben; wir dürfen nicht bei den Treccntisten stehen bleiben. Die gute Sache der Treccntisten wurde nun mit Eifer, ja mit Wuth von den Mitgliedern der Crnsca vertheidigt. Schon Salviati hatte dieser Gesellschaft angehört und war unter Denen, welchen man die Ausarbeitung eines Wörterbuchs anvertraute. In dieses Wörterbuch sollte nur Das ausgenommen werden, was die Autorität der Trecenti- sten für sich hätte. Torquato Tasso wurde von der Crusca, namentlich von Salviati, heftig angegriffen und geschmäht, wegen einiger Ausdrücke in seinem Dialog „Del piacer ouento" und dann wegen seines ganzen großen Epos; auch an dieser Fehde nahmen Viele für und wider Theil. Die Gegner der Crusca hatten das große Publicum auf ihrer Seite; man wollte damals von den Treccntisten nichts wissen; Varchi wurde, wie er selbst erzählt, als junger Mensch einmal ausgescholtcn, daß er sich mit dem Petrarca, den man ihn lesen sah, den Geschmack verdürbe. Während die Crusca die Sprache des >3. Jahrh. wiederherzu- stcllen suchte, sannen die Gegner derselben auf Bereicherung und Weiterbildung der Sprache, so schon in der Orthographie; Trissino in seiner „Lpistnla ckelle lettere etc." (152-t) schlug vor, daS griech. c, ferner 2 , j, v, cd, g!>, tk, >>!, aufzunehmen und ließ auch seine Dramen so drucken; zwar fand er heftigen Widerspruch, z. B. von Lodov. Martelli u. A., drang aber doch mit j, v und 2 durch. Übrigens waren es in der Thal damals vorzugsweise Toscancr, welche sich mit dem Studium der Sprache beschäftigten. Des Piersranc. Eiam- bullari Werk „II Oello" („Über die Sprache, die man in Florenz Pricht und schreibt") erschien daselbst >547. Auch mit Vokabularien waren schon Versuche gemacht; Minerbi hatte seiner Ausgabe des „vecumernn", ein Wortverzeichniß beigefügt (>535), der Neapolitaner Fabrik. Luna 5000 toscan. Wörter zusammengestcllt (1536), Franc. Alunno aus Ferrara ein umfassenderes Wörterbuch „kicüerre ckella lingna volgare" (1543) herausgegeben. Endlich >612 erschien das große Wörterbuch der Crusca, durch welches sich die Mitglieder derselben kühnlich zu Gesetzgebern von Italien aufwarfen. Sie sahen indeß sehr bald, daß Umarbeitungen und Vervollständigungen desselben nöthig waren und ließen >823 die zweite und >69> in drei Bänden die dritte Ausgabe erscheinen. Die vierte, in sechs Bänden prächtig ausgestattet, wurde erst >729—38 besorgt. Gleichzeitig ließ es sich -^1 550 Italienische Sprache und Literatur die Crusca angelegen sein, Musterschriftstcller, „'IV-sti l kliritto llel Kon ui puo", und viele Andere schlossen sich diesem an. Die Vcrtheidiger des florentin. Vorrechts fanden außer den florentin. Akademikern noch andere seltsame Bundesgenossen; eine Masse von Volksdichtern in allen Theilen Italiens überließ ihnen willig die Vulgärsprache als toscan. Eigenthum, aber nur, weil diese Dich- tcr ihren besonder« Volksdialekt allein hegten und ehrten, also eine antinationale und im Volke sehr mächtige Partei bildeten. Auch der Kampf gegen die Dialekte wurde mit großer Hitze und mit vieler Erbitterung geführt. Die Poesie in den Volksdialekten blühte vom 16. zum 17. Zahrh. überall auf der Halbinsel; in Piemont, wo 1515 Aglionc's Gedichte erschienen; in Neapel, wo die Pontanische Akademie dawider eiferte, aber nicht verhindern konnte, daß der Dialekt mit der Erhebung des Volks zur Zeit Masaniello's einen neuen Aufschwung nahm und wo Basilio mit seinem „I^entameron", Cortese und der pseudonyme Sgruttendio auftraten; in Bologna, wo der Schlosser Cesare della Croce (155U- 1605), Bolognas Hans Sachs, und Scaligero della Fratte von den Akademikern befehdet wurden; in Genua, wo Foglietta, Zabatta, Dortona, Villa, Spinola, Castro und Cavallo zu nennen sind; in Padua, wo die Volksdichter sich gegen die Akademiker und gegen den venetian. Dialekt zugleich zu wehren hatten und wo wir die bukolischen Dichter Maganza, Riva, Rusticello und Bertarello und den Dramatiker Agn. Balco bemerken; in Venedig, wo Calmo, der Sohn eines Gondeliers, der berühmteste Volksdichter; ferner Venicro, Zn- gegneri, Caravia, Pino und Britti; ja selbst in Florenz, wo Lorenzo von Medici (s.d.), die Pulci (s.d.), Gabr. Simconi, Dom, Franc. Berni (s. d.), von dem die?ossieLer- ne8cüe den Namen haben, Cicognini, Michel Angela Buonarotti der Jüngere, Lor. §ipP> und Franc. Baldovini, dessen unendlich gepriesene Liebesklage „I^ament» 7. durch den devoten Carlo Maria Maggi gepflegt, dann gegen diePedan- terei des Pater Branda von Ballcstricri und Porta, den Nachfolgern Maggi's vertheidigt und zur Satire angewendet, endlich von dem jungen Erossi in seiner ersten Novelle zu ernster Dichtung entfaltet wurde. Als die Volkspoesie ermattete, sing man an, die Dialekte grammatisch und lexikalisch zu behandeln. Zu den beiden Parteien, den Trecentisten und den Nationalen, welche leh- tern eine sich fortentwickelnde Gesammtsprache verlangten, kam nun eine dritte Partei, welche durch Pflege der einzelnen Dialekte das Sprachgebiet erweitern, bereichern und vervollkommnen zu können glaubte. Schon Muratori, 1672—1750, hatte auf die Dialekte aufmerksam gemacht; cs folgten Cesarotti, Bettinelli, Apostolo Zeno, Galeano Na- pione u. A. Der erste Versuch eines Provinzialwörtcrbuchs wurde im Mailändischen von Gius. Capis gegen Ende des 16. Jahrh. gemacht, und im 17. Jahrh. schrieb Ovid. Mon- talbani über den bolognes. Dialekt Dann wurde der brescianische und in Tarenga's Inder zu Teofilo Folengo's Werken der mantuanische bedacht. Das erste bedeutendere Unternehmen ist aber Fernando Galiani's Schrift „llel ckialetto nspolitano". Für den picmonkes Dialekt sorgten erstlich Vopisco, dann durch Grammatik und Wörterbuch Maurizi» Pixwo (Tur. 1783), der auch eine Sammlung herausgab; für den paduan. Patriarch! und für den sicil. Mich. Pasqualino in seinem „Vocakiilarin etimoiogico" (5 Bde., Palermo 17f>5). Viele Sammlungen wurden veranstaltet, besonders für den neapolitan. Dialc 551 Italienische Sprache und Literatur von der Akademie der IHpstritii (28 Bde., 1760); die ini Mailand Dialekt umfaßt >2, die im venetian. beinahe SO Bände. Noch entstand im 18. Jahrh. eine vierte Partei, als deren Wortführer vornehmlich Barett! angesehen werden kann. Diese Partei verachtete Treccntisten und Provinzialistcn nicht weniger als den Nationalismus; sie verlangte allgemeine Weltbildung, spottete gleichermaßen der Schönredner ohne Gedanken . und der Denker ohne Stil, der allgemein verbreiteten Wortklingelei und der Philosoph!- schen Schwerfälligkeit; von den Engländern und Franzosen, meinte sie, solle man lernen und in der Universalentwickelung mit fortgehen. So war der Weg für den Einbruch der franz. Revolution auch im literarischen Italien gebahnt. Die florcntin. Herrschaft und die Anbetung der Treccntisten wurden völlig gestürzt. Vincents Monti führte den Neigen der Stürmer. In seiner „?r»;«>rtrc (1827); des Mantovaniscben (Pavia 1820); des Venetianischen von Gius. Boerio (Ven. ' 1826); des Ferrarischen von Nannini; des Brescianischen von Melchiorri und von Ea- ! gliardi; des Piemontesischen, erst von Capcllo di Sanfranco, dann von Zalli, ferner von Barbie, ausführlicher von Mich. Ponza (3 Bde., Tur. 1830—32) und Mich. Pomba („virionsrietta", 3. Aust., 1834, nebst Nachtrag, 1836); des Neggianischen von Eio. Danti und Gio. Alai, deren Wörterbuch (Reggio 1832) jedoch schon vor 60 Jahren verfaßt ist; des Sardinischen von Vissentu Porru („I>i<»i clirionsriu", 1832—34); desBolognesi- schen von Claud. lHerm. Ferrari (neue Aust., 1835—38); des Parmesanischen von F. Peschieri (Parma 1837); des Piacentischen von L. Foresti (Piacenza 1837, mit Nachtrag 1838); des Sicilischen von Jnnoc. Fulci („Olottopeckia", 1836) und von Vinc.Mor- tillaro (Palermo 1838). Giul. Ferrari« sammelte Gedichte im floxentin. (Flor. 1812), Gamba (Ven. 1832) und Lamberti (Treviso 1835) im venetian. Dialekt. Für Herausgabe von „l'esti tli linc-im" zu sorgen, fuhr die Akademie der Crusca fort, von deren Wörterbuch Paolo Zanotti 1836 die zwölfte Ausgabe besorgte. Zu einer neuen Bearbeitung desselben hatte die Akademie 1810 eine Commission von zwölf ihrer Mitglieder niedergesetzt, doch ist deren Arbeit noch nicht veröffentlicht worden; auch ist überhaupt nichts von Seiten der Akademie seit dem dritten Bande ihrer ,,-^tti" (1829) erschienen. Grammatiken und Wörterbücher der ital. Schriftsprache sind in solcher Menge geliefert worden, daß Franc. Anto- lini schon 1825 in seiner Schrift ,,1.a lessicnninnia esaminsta" (2. Aust., Mail. 1836) darüber spöttelte. Auszuzeichnen sind Quir. Viviani's „Usnuale ckella lingua itsl." (Padua 1834 fg.), fortgesetzt von Vinc. Tuzzi; Ant. Lcffoni's „krasologi»" (Mail. 1835 fg.) und Nic. Tommasco's „Kiinvo cliriniisrio lls' !-inoniin>" (neu bearbeitet von Vieusseux, 2 Ddc., Flor. 1839). Eine Übersicht der Geschichte der ital. Sprache enthalten des Sici- liers Ben. Castiglia „8t,»IH «»Ila lin^na" (Palermo >836). Endlich sind noch mehre technische Wörterbücher zu erwähnen, wie Marchi's „Disinnoric, teenicn-etimologica" (Mail. I 828); Stratico's „Iliriouari»
  • i" bekannt ist. Auch in andern Städten blühten Rechtsschulen, wie in Mailand, Mantua, Modena, Padua, Piacenza und Pisa. Auf die Pflege der Arzneikunde wirkten die Berührungen Süditalicns mit Griechen und Sarazenen ein. Die Araber hatten der Wissenschaft desGalenus eine neue Ausbildung gegeben, und Salerno und Amalfi unterhielten mit allen sarazenischen Häfen im I". Jahrh. den lebhaftesten Handelsverkehr; damals entstand die Salcrnitanische Schule der Meinem, aus welcher die alte Sammlung von Gesundheitsrcgeln, die „l11e<>icilli»8sl«rnitsn»", hcrrührt. Die Poesie wurde in Italien durch die provencalischen Troubadours eingeführk; sie gedieh an den Höfen der Fürsten, und die provencalische Sprache wurde auch von denjenigen Italienern, welche sich mit der Dichtkunst abgaben, beibehalten. Es sind handschriftliche Sammlungen dieser Art erhalten, so z.B. eine vom 1.125-1, welche Lieder enthält, die am Hofe Azzo's Vll. von Este gedichtet worden waren. Azzo hatte an seinem Hofe den Maestro Ferrari ausFerrara als Giullare, d. i. Spaßmacher, der sich, wie berichtet wird, trefflich auf die provencalische Dichtkunst verstand. Auch der Fürst von Trevigi, Gherardo da Camino, und Bonifacio III. von Monferrato sind als große Freunde der provencalischen Poesie bekannt. Unter den Dichtern in provencalischer Sprache sind Folco oder Folchetlo von Marseille, von Geburt Italiener, Nicolctto aus Turin, Bonif. Calvo aus Genua, Bartol. Giorgi aus Venedig und Alb. Quaglia, hauptsächlich aber Perceval Doria aus Genua, welcher Staatsmann, Philosoph und Dichter war, sowie der berühmteste von Allen, der tapfere Ritter und Troubadour, Sordello von Mantua, zu erwähnen. Ob ein gewisser Lucio Drusi aus Pisa, der sich der ital. Sprache statt der provencalischen bediente, in das 12. Jahrh. zu verweisen sei, ist mindestens ungewiß; sicherer ist die Annahme, daß Cmllo d'Alcamo, von welchem ein Lied in provencalischer Form und sickl. Sprache erhalten ist, in dieses Jahrhundert gehöre, und ausgemacht, daß Friedrich II., der llS7 Herr von Sicilien wurde, nicht nur mit Dichtern sich umgab, sondern auch selbst in sicil. Sprache dichtete. Bald verbreitete sich die Dichtung in sicil. Sprache und Weise über ganz Italien, um 1260 finden wir einen Lodov. della Vcrnaccia aus florent. Familie, einen Guido Guinicelle, nach der Angabe Dante's, der ihn sehr hoch stellt, aus Bologna, woher auch Guido GhiSlieri und Oncsto, die Dante ebenfalls erwähnt, stammten; die bedeutendste» aber der von ihm Genannten sind Guittone von Arezzo, um das Ende des 13. Jahrh., dessen „Uime" von Lodov. Valeriani (2 Bde., Flor. 1828) hcrausgegeben wurden, un 553 Italienische Sprache und Literatur Emde Cavalcanti (s. d.) um 1366. Auch ist hier noch Iacopone von Todi zu erwähnen, der 1366 starb und dem das bekannte „8tat>at mster" zugeschrieben wird ; er dichtete geistliche Gesänge nicht nur in latein. Sprache, sondern auch in einem Gemisch von Sici- iiamsch und Marcheggianisch. Dante in der „Vita nuovu" setzt die ersten Anfänge der steil. Poesie in die Zeit zwischen 1140—50, und daß Sicilien den Anfang mit Dichtungen in ital. Sprache gemacht habe, nimmt auch Petrarca an. Vgl. die „koeti ckel primo seeol» ilells litteraturu ital." (Flor. 1816). Der Inhalt aller dieser Dichtungen ist die Liebe, die ideale, demüthige, aufopfernde, schwärmerische Liebe des Mittelalters, sei es, daß sie als Liebe zum irdischen Weibe, sei es, daß sie als Liebe zur himmlischen Jungfrau auftrirt, beide Vorstellungen berühren sich aufs innigste; die Fraucnliebe war ebenso gut ein Cultus ' als der Gottes - und Heiligendienst, man glaubte, daß treue Fraucnliebe dem Ritter seine ! Seligkeit nicht minder verbürge als unverbrüchliche Anhänglichkeit an die Kirche. Unbemerkt mischte sich das Himmlische und Irdische in der Seele der Menschen; die Kirche, die unter Jnnocenz III. ihre Vollendung erhielt, galt für die unmittelbare Darstellung des Reichs Christi auf Erden, und alles irdische Thun und Streben gewann nur dadurch, daß es auf das Himmlische bezogen wurde, Werth und Bedeutung. Noch sammelten sich alle Wissenschaften entschieden um die Kirche als ihren Mittelpunkt. Gelehrte Päpste standen im 12. und >3. Jahrh. an der Spitze der geistigen Entwickelung, wie Jnnocenz III , Jnnoccnz IV. und Bonifacius VIII. Das päpstliche Recht wurde anfangs durck neue Sammlungen bereichert und endlich auf Befehl Gregor's IX. »onRaimund von Pennafort in fünfBüchcrn, denen Bonifaz VIII. ein sechstes hinzufügte, systematisch zusammengestellt, und durch die Klementinen (s. d.) geschlossen. (S. auch Corpus snris.) Die Rcchtsstudien blühten auf derUniversität zu Bologna, die zuAnfange des >3. Jahrh. 16,666 Schüler zählte, und Arezzo, Padua, Vicenza, Neapel standen ihr ^ wetteifernd zur Seite. Die Gesetzwissenschaft der Städte machte nicht minder Fortschritte; . Sammlungen des Rechts entstanden in Mailand, Ferrara, Verona und Modena, und auch diese bürgerlichen Rechte erhielten ihre himmlische Sanction; Giovanni von Vicenza, > ein Dominicaner, ein Mann von begeisterter Frömmigkeit und den das Volk auch als Wunderthäter pries, seitdem er >233 ganz Bologna durch seine gewaltige Predigt erschüttert und den Bürgerkrieg gestillt, auch viele lombardische Städte zum Frieden bewogen und alte Streitigkeiten geschlichtet hatte, reformirte, wie gleichzeitige Geschichtschreiber erzählen, die Statuten von Padua, Treviso, Feltre, Belluno, Vicenza, Verona, Mantua, Brescia u. s. w. und brachte einen öffentlichen und feierlichen Friedensschluß zwischen allen diesen Städten in großer Volksversammlung bei Verona zu Stande. Wie die Rechtswissenschaft so stand auch die Philosophie auf kirchlichem Boden. Man darf nur die glänzendsten Namen dieser Zeit nennen, Thomas von Aquino (s. d.) und Bonaventura ss. d.), um den Charakter derselben zu bezeichnen. Das Studium des Aristoteles, dessen Werke unter den Augen des Aquinaten neu ins Lateinische übersetzt und von ihm commen- tirt wurden, brachte eine lebhaftere Bewegung in die philosophischen Bestrebungen. Bru- »etto Latini, der Lehrer Dante's, verfaßte eine Art Encyklopädie der damaligen Wissenschaften, der Geschichte, Erdbeschreibung, Naturkunde, Grammatik, Moral und Politik, in > stanz. Sprache unter dem Titel „lüvre unter dem Titel „II tesoro" (2 Bde., Ven. 1533) gedruckt erschien. In allen diesen Wissenschaften hatte man allmälig manchen Fortschritt gethan. Die Geschichtschreibung, die im II. und 12. Jahrh. noch einen rohen und naiven Charakter batte, wie die Chroniken und Klostergeschichten von Arnolphus, den beiden Landolphen, Gottfried Malaterra u. A. zeigen, nahm schon ein entwickelteres und anmuthigercs Wesen an. Chroniken verfaßten Gottfried von Viterbo (s.d.), Giov. Colonna, Riccobaldi u-A. in lat. Sprache, oft unter wunderlichen Titeln, wie „Zlars lüstoriarum", „koinu- ttnm" u. s. w. Unter den Siciliern, deren Mehre die Geschichte ihrer Zeit aufzeichneten, i war Matteo Spinells, dessen Werk die I. 1247—68 umfaßt, der Erste, der italienisch > schrieb. Auch die Geschichte von Florenz, Mailand und vielen andern Städten wurde in Chroniken versaßt. Für die Naturwissenschaft hatte sich früh in'Sicilien eine Neigung entwickelt. Friedrich II., der nicht nur mit Dichtern, sondern auch mitPhiloso- 554 Italienische Sprache und Literatur Phen, wie man alle Gelehrten nannte, sich umgab, schrieb selbst ein Werk über die Vögel Die Arzncikunst breitete sich in Untcritalicn und von dort immer frischer und lebendige, aus. Zn Salerno lehrten Pietro Musandino, Matteo Plateario u. A., die mit vielem Ruhm genannt werden; in Lucca, Parma, Florenz und Genua begegnen uns überall ge- priescne Ärzte, namentlich Wundärzte, die auch meist sich in Schriften Denkmale gesetzt haben. Charlatancrie und Aberglaube ließen noch immer eine rationelle Behandlung der Ärznciwiffcnschaft nicht auskommen; Wundcrcuren und Amulette mußten helfen, und hauptsächlich spielte die Astrologie eine große Rolle. Wenn von Mathematikern jener Zeit die Rede ist, so muß man dabei immer zugleich an Astrologen denken ; doch gab e§ schon manche klare Köpfe, die sich an die Geometrie und Arithmetik allein hielten und mit Verachtung der Sterndeutern und Mystik nach den Verhältnissen der Größen forschten. Cam- pano schrieb einen Kommentar zum Euklidcs; das meiste Lob aber verdient Leonardo Fibonacci, der die arab. Ziffern einführte, ein nüchterner Verstand, der sich von den astrologischen Grillen seiner Zeit frei erhielt. Der Eifer in der Schiffahrt, welchen besonders Süditalicn und Venedig damals entwickelten, gereichte der Astronomie und den Erfindungen zu großer Förderung; der berühmte Venetianer Marco Polo (s. d.) machte seine für jene Zeit ungeheure Reisen, und man lernte bereits die Magnetnadel zur Orientirung gebrauchen. Gläser wurden zu verschiedenen Zwecken geschliffen, und Roger Baco in seinem „Opus maFnum" um 13l)0 erwähnt schon der Brillen, die einFlorentiner erfunden haben soll. In der Kunst, die Natur zu beobachten, und in der Fertigkeit, Werkzeuge zu diesem Behufe und zur Darstellung natürlicher Erscheinungen zu fertigen, kam man allmälig weiter. Von einem der vielen berühmten Astronomen und Mathematiker des 13. Jahrh., von Paolo Dagomari, dem man den Beinamen II geometra gab, wird heuchlet, daß er viel Fleiß auf die Verfertigung von Instrumenten zur Beobachtung des Firmaments verwendet, auch daß er eine Art Kalender zusammengestellt habe, und Giov. Dondi i» Padua stellte eine Art astronomischer Uhr auf, welche er in Gemeinschaft mit seinem Vater Jacopo verfertigt hatte. Die Wisseiffchaft fing schon an, die gemeinste Lebcnsxraxis nicht zu verschmähen, wie denn ein Bologneser, Petrus de Crescentiis (s. d.) in lat. Sprache ein später ins Italienische übersetztes Werk über den Ackerbau schrieb, und sogar Dichter wählten sich Gegenstände der Wissenschaft zu Vorwürfen, so Paganino Bonafede 1360 ebenfalls den Äckerbau in seinem ,,'Lesoro Welt entsagen; schwärmerische Gesellschaften, Sekten, Haufen von Asceten entstanden, ' wie die Beguinen (s.d.), Waldenser (s.d.) und Albigenser (s. d.), Brüder l undSchwestern des freien Geistes (s. d.), die insgesammtdem Gedanken an die Verwirklichung des Himmelreichs und dem Regiment des Papstes mehr oder minder absagten; und ihnen gegenüber auf der kirchlichen Seite die Orden der Francis caner (s.d.) und Dominicaner (s.d.), der Reiniger des kirchlich-christlichen Lebens, der Eiferer für das weltumfassende Christusreick. Aus diesen Elementen ist Dante's großes Gedicht zu begreifen. Dante war von den christlichen Vorstellungen, von Himmel und Hölle, von der Nothwendigkeit, die Welt zu verachten und dem ewigen Dasein zu leben, ganz ! erfüllt; Die Erde ist ihm die Stätte der Verworfenheit, auf welcher man sich nur für > das Reich der Seligkeit bereit zu machen hat, ohne es hicnieden selbst je finden zu können; er wendet den Blick ab von der Tragödie dieses Erdcnlebens und schaut das Schauspiel an des einzigen Lebens, in welchem Wahrheit ist, das göttliche Gericht, die höllische und himmlische Komödie. Er geißelt die Verweltlichung der Kirche, beweint die Erde als den Schau- platz unvermeidlichen und unaufhörlichen Jammers und erquickt sich an dem Anblick der neuen Welt, die jenseit dieser elenden zu erwarten ist. Die Triebfeder des irdischen Lebens, die sinnliche Liebe, verklärt sich ihm aus ihrer irdischen Idealität zu einer völlig transsccn- , denken, himmlischen Idealität; die Wissenschaft selbst, die heidnische, weist ihn ebenso nur auf die göttliche Welt hin; Virgil, der Repräsentant der klassischen Studien, ist Dante's Führer in das jenseitige Reich. Was in Dante früh vollbracht war, dasselbe vollbringt in den andern großen Dichtern dieses Jahrhunderts das Leben allmälig; Petrarca verachtet in seinem Alter den „(üsnxnniere", den er mit so großem Fleiß gedichtet und verbessert, als eine Jugendverirrung, und Boccaccio bereut es schmerzlich, daß er seinen „vecumerone" geschrieben: Alles sehnt sich nach dem Himmel und schämt sich der Erde und des irdischenSinnes. Ungeachtet dieser Wendung, welche der Geist der Zeit in den genannten Männern nahm, haben sie der weitern Entwicklung des menschlichen Geistes die größten Dienste ge- - leistet. Nicht nur durch ihre Pflege der Volkssprache bauten sie das Fundament für eine neue, sich nach und nach aller Fesseln der Überlieferung entledigenden Zeit, sondern auch durch ihren Eifer für Erforschung des Alterthums bahnten sie, ohne es zu wollen, Wege an, auf welchen man sich von den mittelalterlichen Vorstellungen allmälig immer weiter 556 Italienische Sprache und Literatur entfernen mußte. Andere Männer ihrer Zeit waren schon kühner als sie, indem sie ei wagten, sich gegen das Joch des christlichen Glaubens zu erheben ; aber diesen Männern fehlte der klare, durch Forschung geläuterte Blick, der ihnen den Abgrund des Aberglaubens , in welchen sie sich auf der andern Seite stürzten, gezeigt hakte. Petrarca und Bei- caccio, die den christlichen Lehren treu blieben, thaten mehr zu deren Erschütterung, indem ste die Liebe zu der heidnischen Literatur und zu den Denkmälern der alten Kunst entflammten und nährten. Auch das Studium der griech. Sprache wurde damals in Italien nicht vernachlässigt; Petrarca und Boccaccio sind auch in dieser Beziehung zu nennen, von denen der ersterc den griech. Mönch Barlaam (s-d.), einenCalabresen, der nachSalonichi und Ko», siankinopcl in seiner Jugend gereist und Basilianer geworden war, um die griech. Sprache gründlich zu erlernen, und Boccaccio den Leonziv Pilato, nach Petrarca's Angabe ebenfalls einen Calabresen, zum Lehrer gehabt hatte. Pilato, der durch Boccaccio's Vermittelung den Lehrstuhl der griech. Sprache, den ersten Italiens, den man um 13-18 in Florenz errichtete, erhalten hatte, übersetzte auf Boccaccio's Dringen die „Ilias" und einen Theil der „Odyssee" ins Lateinische. Boccaccio und Petrarca sammelten Handschriften, letzterer auch Münzen; die Universitäten und die Bibliotheken mehrten sich überall und einzelne Männer gingen in der Sorgfalt ihrer klassischen Studien schon so weit, daß sie sich die Vergleichung von Handschriften angelegen sein ließen, vorzüglich ColuceioSalutato, geboren in Toscana 1330, der auch eine Abhandlung schrieb über die Ursachen des schlechten Zustandes, in welchem man die Handschriften finde. Die Reiselust, welche bedeutend zuge- nommen hatte, trug zur Aufklärung in dieser Zeit ebenfalls bei. Der Astronom Andalone del Nero, ein Genueser, reiste im Dienste seiner Wissenschaft; Petrarca benutzte seine Reisen zur Entdeckung und Erforschung von Alterthümern. Auch über Asien erhielt man wieder, wenn auch mit vielen Fabeln vermischte Nachrichten. Der FranciscanerOdorico »onPor- denone, der übrigens im Rufe heroischer Lugenden, sogar vollführter Wunderstarb, ! durchzog verschiedene Gegenden Asiens bis 1330 und hinterlicß eine Beschreibung derselben, die Pater Venni aus einer Handschrift von l-io i bekannt gemacht hat. ^ Der gesunde Sinn fürs Leben, die Lust an der wirklichen Welt und an ihren Verhältnissen, welche auf dem wissenschaftlichen Felde die Beschäftigung mit der Natur, mit dem Ackerbau u. s. w. hervorricf, offenbarte sich am frischesten in der Poesie, nicht sowol in > jenen Liebesliedern, die auch wieder das Gcmüth in eine ideale Sphäre versetzen, als in de» kleinen Geschichten, die man einfach und reizend zu erzählen verstand, Geschichten, wie stk ! sich besonders in der Sammlung der „(lento Novelle snticlie" finden, dann geschmückt« im „Decainerone" des Boccaccio und endlich bei Franc. Sacchcttl, der theils dem Boccaccio nachahmte, theils aber auch wieder einfacher erzählte. Diese Novellen, halb Wahrhrit halb Dichtung, bilden den Übergang zu den gereimten Chroniken, deren das >->. Jahrh. mehre auszuweisen hat, wie die Geschichte von Aquila zwischen 1252—1362, beschriebe» in sogenannten Martcllianischen Versen von Boezio di Nainaldo di Poppletto, gewöhnlich Buccio Renallo genannt, und die Fortsetzung dieser Geschichte bis > 382 von Aut. d> Boezio, genannt Buccio von San-Vittorino; ferner Ser Gorcllo's von Sinigaldi gereimte Chronik Arezzos zwischen 1310—8-1 u. s. w. Sind diese Reimereien ziemlich roh und ungeschickt, so sind die Chroniken in ital. Prosa, welche wir aus dieser Zeit haben, desto stchi' ^ ner, wie die florentinischen von Dino Compagni, von Giov. Villani, dessen Bruder Mattes und des letzter« Sohn Filippo, von Donato Velluti, von Castore di Durante, von Simone della Losa, die sanesische von Andr. Dei u. A. Daß aber die Beschreibung der wirk- liehen Welt nicht zu vielen Raum gewinne, dafür sorgten die phantastischen, hinreißenden, herrlichen Rittergeschichtcn voll mystischer Wunder und christlicher Anschauungen, welche seit dem Anfänge des 1-1. Jahrh. sich über Italien verbreiteten, die Geschichten von Josiph von Arimathia und dem heil. Graal, von Lancelot, die Neali di Francia u. s. w. Dieser Stoffe bemächtigten sich tue Dichter im folgenden Jahrh., und neben den bescanzonen, Nachahmungen des Petrarca'schen „Onnroniere", wie z. B- in Giusto de ; Conti's (s. d.) Sammlung von Sonetten auf „die schone Hand" seiner Geliebten (,cha liells muno"), oder in denen Lorcnzo's von Medici, neben den Lobgesängcn aufhohe Häup' ter, wie z. B. den prachtvollen Stanzen des Angel» Poliziano (s. du) und neben man- 557 Italienische Sprache und Literatur chem satirischen Gedicht, z. B. des Barbiers Burchiello (s. d.) in Florenz, entstanden Rittersagen, wie die Bearbeitung des ersten Buchs der „Reali" von dem Improvisator Cristoforo Allisfimo in Florenz, der >514 noch lebte; der „vuavo ci'^ntoiia", eine Bearbeitung des vierten Buchs der „liouli" in Ottaven von einem Ungenannten; „Im Spanns", ->0 Gesänge in Ottaven, nach dem achten Buche der „Rssli", von dem Florentiner So- stegno di Zanobi, der „(UM dlalvsoea" von Luca Pulci (s. d.), nach seinem Tode von Bernardo Giambullari beendet, der ,chlorxante ms^'ore" von Luigi, dem Bruder des genannten Pulci, und endlich der „Orlsucio innamornto" von Boyardo (s.d.). Die ital. Poesie nahm in diesem Jahrh. eine untergeordnete Stelle ein. Die Fürsten, welche die Pflege der Wissenschaften und Künste zu ihrem Hofluxus rechneten und sich mit gelehrten Cavaliere»wiemitritterlichen umgaben, dieVisconti, Sforza, Este, Montferrat, vorAllem die Medici und König Alfons von Neapel, ließen sich auch wol durch den Vortrag von Sonetten und Epen in der lingna volgare ergötzen, allein ihren vornehmste» Ruhm setzten sie darein, die gelehrten Wissenschaften zu begünstigen, die Studien der alten Sprachen und der griech. Philosophie. Die Philologie nahm jetzt den ersten Rang unter den Wissenschaften ein. In der ersten Hälfte des 15. Jahrh. begegnen uns überall noch Philosophen im älter» Sinne, strenge Aristoteliker, Lehrer der Ethik und Eloquenz, gewaltige Disputatoren, die gelehrte Turniere ausfochten wie die Ritter Massenturniere und wie die Troubadoure der frühem Jahrh. poetische Wettkämpfe. Vorzüglich zeichneten sich die Augustinermönche in diesen Studien und Kämpfen aus. In Venedig lebten gleichzeitig drei Paule, die unter dem Namen Paolo Veneto oft miteinander verwechselt worden sind, alle drei große Dialektiker und Aristotelische Klopffechter; der berühmteste unter ihnen war der Lehrer Savonaro- la's, mit dem Beinamen cloctor zcrokunclissimus. Ein anderer Philosoph dieser Zeit, Bia- gio Pelacane aus Parma, wurde kaiuosissiinim cloctor betitelt und ein dritter, Niccolo Fava, ! j>lillo50^lior>im s»i sasculi ziraestantissiinus. Zu diesen Aristoteliker» gehört auch noch ! Lauro Querini aus Candia, geb. 142V, der in Venedig und Padua die Eloquenz und ! Ethik lehrte. Inzwischen waren viele Griechen, besonders seit die Eroberung Konstantinopels den Türken >453 gelang, aus ihrem Vaterlandc vertrieben, nach Italien gekommen, so schon Johann Argiropulo, der >434 in Padua, später in Florenz und Rom lehrte und Werke des Aristoteles übersetzte, dann aber Georgius Gemistus Pletho, Georg von Trapezunt u. A. Jedenfalls gereichte die Ankunft der Griechen dem Studium der ! griech. Sprache in Italien, das schon beliebt war, sehr zur Förderung. Die steife Scholastik wich mehr und mehr, und der Geschmack bildete sich feiner, mannichfaltiger und freier aus. Wie die Griechen dem alten Nom seine höhere geistige Entwickelung zugeführt hatten, so brachen sie jetzt auch die Starrheit der mittelalterlich röm. Bildung. Die Erfindung der Buchdruckerkunst kam dem Eifer der Humanisten zu Hülfe. Bald genoß nichts mehr die Achtung der gebildeten Geister als das Alterthum und dessen Denkmale. Handschriften wurden aus dem Staube der Bibliotheken hervorgesucht, übersetzt und erklärt; in Rom fanden Nachgrabungen statt, und man fing an, die Denkmale, die aus dem Schutte erstanden, sorgfältig zu untersuchen und gelehrt zu beschreiben. Einen eleganten lat. Stil sich anzueignen, griech. zu verstehen, das heidnische Alterthum zu verehren und die christliche Barbarei mit ihrem Scholasticismus, ihren heiligen Fabeln und ihrer abenteuerlichen l Philosophie zu verachten, galt für den höchsten Ruhm. Wie die Fürsten Gelehrte um sich sammelten, so sammelten jetzt auch einzelne hervorragende Männer Gesellschaften um sich, in denen man über Gegenstände entweder der Philosophie und Moral oder, was bald vorherrschende Mode geworden war, der schönen oder humanistischen Wissenschaften (»mene lottere), d. h. solcher, welche das Alkerthum betrafen, verhandelte. Eine Vereinigung von Männern zur gegenseitigen Mittheilung poetischer Erzeugnisse hatte schon im vorigen Jahrh. Jac. Alegretti aus Forli um I38V in Nimiiii gestiftet. Regelmäßige Versammlungen gelehrter Männer, zur Besprechung philosophi- scher Gegenstände, bildeten sich in diesem Jahrhundert zuerst bei den Augustinern von San- Spirito in Florenz, wo man über Fragen der Physik und Metaphysik, welche an der Wand angeschlagen wurden, disputirte. In derselben Stadt gab bald darauf Cosimo von Medici den Gelehrten, die ihn umgaben und deren Namen zu den glänzendsicn dieser Zeit gehören, 558 Italienische Sprache und Literatur »s - Marsilius F-icinus (s. d.), Pico von Mirandolals. d.), Cristoforo Landini (s.d.) Eiov. Cavalcanti (s. d.), Leo Battista Alberti (s. d.) und so vielen Andern Gele- genheit, sich bei ihm regelmäßig zu versammeln, und zwar in der ausdrücklichen Absicht, um sich gegenseitig im Studium der Platonischen Philosophie zu fördern. Diese Gesellschaft, die nach Cosimo's Tode im Hause des berühmten Bcrnardo Nucellai zusammenkam. legte sich den Namen der Platonischen Akademie bei und seitdem wurde das Wort Akademie in Italien gewöhnlich, um solche Gesellschaften von Freunden der Künste und Wissen- schäften, die sich zu regelmäßigen Zusammenkünften verbanden, zu bezeichnen. In Rom entstand die Akademie d?s Cardinal Bessarion, welche sich mit Gegenständen der Moral und der Philosophie beschäftigte, und die Akademie des Pomponio Leto, welche die erste humanistische ist. Bald aber wurden sie verketzert. Daß man ihnen hochverräterische Absichten Schuld gab, z.B. Ermordung des Papstes und dergleichen, war, wie es scheint, nur ei» Vorwand, ihre Verachtung des christlichen Glaubens, ihre Vorliebe für das Heidenchum war der wahre Grund, weshalb Paul II. die Akademie aufhob und ihre Mitglieder gefangen nehmen und der Tortur unterwerfen ließ. Auch Platina wurde damals gefoltert und der Papst selbst warf ihm vor, daß er und seine Freunde Platonische Lehren denen der Kirche vorzögen und über die Unsterblichkeit der Seele verderbliche Meinungen hegten. Zn Neapel bildete sich eine andere Akademie unter den Auspicien des Königs Alfons, an den» Spitze Ant. Panormitano stand, zu der Laur. Valla und andere namhafte Humanisten gehörten und die nach dem Namen ihres zweiten Präsidenten Pontano die ^ccsdeim» 436—60 zahllose Schüler bildete, dann Georg von Trapezunt, gest. 1-181, Joh. Argyropulos, gest. I486, Theodorus Gaza (s. d.), gest- 1418 , Joh.Bessarion (s.d.), gest. 1-172, Georgius Gemistus Pletho (s. d.), derSici- lianer Givv. Aurispa, der gricch. Handschriften sammelte und in Bologna, Florenz und Ferrara öffentlich lehrte, Gasparino von Bargizza aus der Gegend vonBergamo, der in Pavia, Venedig, Padua und Mailand die lat.Classiker erklärte, der CamaldulenserabtAm- brogio Traversari, LeonardoBruno ausArezzo, Franc. Iilclfo, der kühne Laurentius Valla (s.d.), Nicol. Pcrotto, Poggio, Beroaldo der Ältere und Angelo Poliziano (s. d.). Der Eifer, den Petrarca geweckt hatte, die Denkmale der alten bildnerischen Kunst zu erforschen, wurde immer lebendiger. Ciriaco von Ancona, der <433—35 ganz Italien durchreiste, eröffnete den Neigen mit seinem antiquarischen „Itiiierario"; der Florentiner Poggio (1440), Bionde Flavio (1481), Pomp. Leto, der Stifter der archäologischen Akademie in Rom, Raff.Maffei (s.d.) ausVolterra, Andr. Fulvio u.A-beschrieben die Alterthümcr der Stadt Nom in Werken, denen meist noch wenig Kritik inwohnt, die aber wegen vieler Nachrichten über seitdem untergcgangene Denkmale noch immer wichtig sind. Der monarchische Grundsatz des Papsithums war inzwischen ebenso wie der des Kaiserthums mit den aristokratischen Bestrebungen der Bischöfe, die gleich den Fürsten Deutschlands eine souveraine Stellung einzunchmen trachteten, in Streit gerathen. Die Concilien von Konstanz und Basel erschütterten das päpstliche Ansehen und es fruchtete gegen die schnell um sich greifende Vorstellung von der Gesetzgebenden Macht der Bischofsversammlungen wenig, daß das Concilium von Florenz und die fünfte Lateransynode, welche Julius ll. I5l2 veranstaltete, das unbedingte Ansehen des röm. Stuhls behaupteten. Mehre Schriften wurden über diesen Gegenstand gewechselt; die Dominicaner bockten für 559 Italienische Sprache und Literatur den Papst, so Johann de Turrecremata, welcher Legat auf dem baseler Concil war, und Kajetan (s. d.), gegen dessen Schrift im Aufträge der Synode von Pisa 1512 der Doc- lor der Sorbonne, Jak. Almain, für das Recht der allgemeinen Concilien schrieb. Schon 1132 hatte Nik. von Cusa (s. d.) die angebliche Schenkung Konstantin's in Zweifel gezogen; die Literaten wurden jetzt immer kritischer, Laurentius Valla erklärte entschieden das betreffende Document für unecht, und kein katholischer Schriftsteller wagte seitdem die Echtheit desselben zu behaupten; auch den Pseudo-isidorischenDecrctalcn (s. Jsidorus His- prlensis) fing man an nicht mehr zu trauen. Mit eigentlich kritischer Geschichtsforschung war man noch nicht im Stande, die Grundlagen der päpstlichen Macht anzutastcn, man kämpfte mehr mit scholastischen Gründen für und wider; aber ein Anfang geschicht- ! licher Einsicht war doch immer gemacht. Zugleich war gegen die Habsucht der Curie, die Verkäuflichkeit der Ämter und Pfründen, der Dispensationen und des Erlasses von Kirchenbußen, sowie gegen die Unsittlichkcit des Klerus allgemeine Klage und Beschwerde reger und reger geworden; in Italien drangen hohe Geistliche auf Reformation, der Patriarch von Venedig, Laurent. Justinianus, gest. 1155, der Erzbischof Antonio von Florenz, gesi. 1159, und der päpstliche Referendar Rod. Sanzio in Nom selbst, der Verfasser des „8;>ec>iluin vitue Inimunuo" (1168); ein Karmeliter, Baptist Mantuanus, geißelte die Sittenlosigkeik der Geistlichen in Epigrammen und in einem Gedichte „De korum temziorum calitmilulitiils" ; Joh. Pico von Mirandola schrieb 1517 eine „Orstlo Mit den Studien, die man jetzt als die einzigen des Menschen würdigen anzusehen be- ! gann, und die man deshalb die humanistischen nannte, und mit dem Sinne für die Bctrach- ! tung der antiken Denkmale gedieh die bildende Kunst (s. Italienische Kunst); zu- gleich entwickelte sich eine Neigung für glänzende Haushaltungen und ein mit Anmukh, Schönheit und sinnvollem Scherz geschmücktes Leben. Das erste Beispiel einer prächtigen Hofhaltung hatte Karl I. in Neapel gegeben; bald folgten alle Fürstenhäuser und die Häupter der großen Familien in den Städten nach, vorzüglich in Mailand Galeazzo Maria Sforza, in Floren; Lorenzo Medici, in Nom die Nepoten der Päpste, insbesondere unter Gregor XII., Calixt III. und Sixtus IV. Feste uud Nittcrspiele jagten einander; Besuche fremder Gewalthaber, z. B. Kaiser Friedrich's III. in den I. >162 und 1169 erhöhten den Glanz. Friedrich III. theilte freigebig Titel und Würden aus, machte zahllose Grafen, Ritter und Doctoren; eine wahre Titelwuth ergriff die Italiener, Alles wollte emporkommen, geehrt und begnadigt sein, und für Geld war dieses Ziel gar leicht zu erreichen. Es bildete sich die elegante Hofsitte, das feine, rücksichtsvolle, kavaliermäßige Benehmen aus, »on welchem uns Baldassare Castiglione (s. d.), der seine Schule an den Höfen der Markgrafen von Gonzaga, der Herzoge von Urbino, der Könige von England und Frankreich, des Kaiftr's Karl, der Päpste Leo's X. und Clemens' VII. gemacht, ein in frischen, reizenden Farben gezeichnetes Bild in seinem „VlortsFiunu" hinterlasscn hat. ' Männer, welche ihre Zeit erkannt halten, fühlten, daß das Leben der Republiken zu Grundeging; die Ehelosigkeit großer Menschenmassen, die überhandnchmende Lüderlich- keit, Kriege und Seuchen hatten Italien erschöpft, die Blüte des Handels welkte hin, Amalsi war längst, seit dem Beginne des 15. Jahrh. auch Ancona vor der steigenden Thä- tigkcit Pisas, Genuas und Venedigs erblichen, bald stand nur Venedig allein noch auf lfiner Höhe, das 1129 gegen 36999 Seeleute hielt; aber auch Venedigs Handel erlag den eigenen ehrgeizigen, in Kämpfen um den Besitz der Lombardei sich erschöpfenden Bestrebungen, den Fortschritten der osman. Macht und dem Aufschwünge Portugals. Jtal. Seeleute nahmen fremde Dienste, Cristoforo Colombo (s. d.) konnte in seiner Vaterlradt keine Unterstützung finden, und um die Mitte des 15. Jahrh. gab es in Italien keine Seemacht von Belang mehr. Statt dessen wuchs die Macht der einzelnen Machthaber im Lande 56tt Italienische Sprache und Literatur l ^ I »i die Zeit der Fürstenherrschaft kam herauf. Scharfblickende Männer verstanden ihre Zeit und Macchiavelli (s. d.) schrieb seinen „krineipe". Die Poesie war zur reinen Hofpoesie geworden. Die Gelehrten waren zugleich Poeten; unter diesem Namen wurden sie auch von der strengkirchlichen Partei, von den Bet- telmönchen, die cs mit der absoluten Papstgewalt hielten und Ketzerrichter waren, angefeindet und verrufen. Diese Poeten dichteten in lat. Sprache Oden, Episteln und Satiren nach dem Muster der Alten,voll heidnischer Vorstellungen und unmäßigen Lobeserhebungen ihrer vornehmen Gönner. Man übersetzte auch die Komödien des Terentius und Plautus und dichtete neue Stücke nach diesen Mustern. Italien hatte noch keine andern Dramen gehabt als die sogenannten Mysterien (s.d.), von denen aber aus älterer Zeit vor dem I5.Jahrh. in Italien nichts erhalten ist; die ältesten, die wir besitzen, sind von den Florentinern Eiu- liano Dati und Feo B el car i, um l 44 5, dann von BernardoPulci („Barlaam und Josaphat"), Lorenzo Medici („Die Heiligen Johann und Paulus") und Ant. Alamanm („Die Buße der Magdalena"). Jndeß hatten schon im 14. Jahrh. Albertino Mussato zwei Tragödien („Li^erinis" und „^clnlleis") nach dem Vorbilde des Seneca, später Petrarca ein verloren gegangenes Schauspiel „kliilalogia" (die zwei dialogisirten Geschichtiu, die„Medea"und die „Eroberung von Cesena", sind ihm wol nurUntergeschoben), Verga- rio ein Trauerspiel „Üsulus", Gregor. Corraro eins unterdem Titel „?rugne",Leo Batt. Alberti (s.d.) eineKomödie „klülodoxias", Leonardo Bruni (s.d.) eine andere, die „ko- Hxena", gedichtet, insgesammt Jugendarbeiten, die niemals aufgeführt wurden. Pompoim Leto fing zuerst an, Komödien des Terenz und Plautus in den Häusern der vornehmen Prälaten aufzuführen. Diese Stücke, sowie auch manchmal neugedichtete Dramen, oder vielmehr Dialoge in lat. Versen, wurden 1470—90 in Rom auch häufig bei festlichen Gelegenheiten aufgeführt. DemBeispiele, das Nom gab, folgten alsbald Mantua, wo man ein stehendes Theater errichtete und Stücke von lebenden Dichtern mit vieler Pracht gab, z. B. den „Orleo" des Ang. Poliziano, und sodann Ferrara, wo Hercules I.dieStücke desTerentius und Planlus in ital. Übersetzung auf einem prächtig eingerichteten Theater aufführen ließ; für diese Bühne dichtete auch Boyarbo seinen,,'Üimoue", nach einem Gespräche Lucian's, Ant. de Pistoja und Nie. de Correggio andere Dramen in gereimten Versen. Der „kilo- Iauro^< (gedruckt zu Bologna 1520) ist ein Dialog halb in der Schriftsprache halb im loin- bard.Dialekt. Vornehme Herren versuchten sich in Dramen, z. B. Aleff. Pazzi, Leo'sX. Nepote, der Marchese Ealeotto del Carretto, der wunderliche Sachen dichtete, unter Andern ein Stück, worin 42 Personen auftreten, „II tempio 6'amore". Das erste ordentliche Trauerspiel nach griech. Regeln abgefaßt ist die „8okonisde" (1515) des Trissino (s.d.), dem sich in derselben Manier Giov. Rucellai (s. d.) mit der „kosmoncla", einer Bearbeitung der „Hekuba" des Euripides, und dem „Oreste", einer Bearbeitung der „Jphige- nia in Tauris" anschloß. Um dieselbe Zeit gingen aus dem Volke Dichter hervor, die sich der einheimischen Mundart zu höchst lebendigen, naiven und heitern Compositionen voll scharfen Witzes und üppiger Laune bedienten, und zwar zunächst in Piemont Aglione, dessen Gedichte schon 1515 gedruckt wurden, in Florenz Lorenzo Medici, die Pulci u. A. 3" Bologna, Padua, Neapel und Venedig fällt die Blüte der Volkspoesie erst etwas später, zwischen 1550—60, in Bologna mehr spießbürgerlich und derbkomisch, in Padua ländlich und schäferlich, in Neapel leidenschaftlich, wild, jauchzend, blutig, voll Rausch und ausgelassen spottend, in Venedig verliebt, süß, schmerzlich, farbenreich und sarkastisch. Die lyrische Dichtkunst fand zu Anfänge des Jahrhunderts in den neu entstandenen und immer zahlreicher entstehenden Akademien ihre Pflege, in denen neben Abhandlungen über Sprache und Dichtkunst Oden, Hymnen, Fabeln u. s. w. vorgelesen wurden. Jacopo Sannazaro (s. d.) aus Neapel, geb. 1458, erwarb durch seine „-Xrcsllia", dem Scha- fergedicht, außerordentliche Liebe und hatte zahllose Nachahmer. Auch das Lehrgedicht fano Liebhaber und sehr talentvolle Bearbeiter, namentlich an Luigi Alamanni (s. d.), der m der „(loltivsrücme" den Ackerbau, und an Giov. Rucellai, der in den „äpe" die Bienenzucht in Versen behandelte. Eine eigenthümliche poetische Gattung aber bildete sich an den Höfen aus, wo Alles damals von Ritterthum und Ritterlichkeit strotzte, Turniere ^i kemem Feste fehlten und eine phantastische Erneuerung des alterthümlichen Ritterwesens versuch ma Italienische Sprache und Literatur 561 wurde, nämlich das romantische Epos. An der naiven Haltung der alten Rittergedichte, die aus den „Real! cki kruncia" und andern Sagenbüchern hcrvorgegangen waren, konnte sich das Zeitalter der Kunst und Bildung nicht mehr genügen lassen; schon im ,,5larF»n'« muMiore" mischte sich eine leise Ironie einim ,Msinl>rü>no", den Franc. Bc l lo aus Ferrara um das Ende des >5. Iahrh. dichtete, beginnt das Altcrthum sich geltend zu machen, heidnische Götter, Musen und dergleichen werden angcrufcn; Matteo Boyardo endlich, der seit etwa I4UO am Hofe von Ferrara als Cavalicr des Marchese Borso und später Hercules' l. lebte, bildete ein Epos aus allen den phantastischen Elementen, welche damals die Seelen erfüllte; der Gegenstand, ein Kampf der Mauren und Christen, ist ganz geeignet, die ritterliche und fromme Schwärmerei der Zeitgenossen zu befriedigen, die Darstellung, tausend wunderbare und geheimnißvolle Mächte, Zauber-undFecrcien, Orient und Oecident, Heldenthum und Liebe, Heidnisches und Christliches vermischend; Boyardo hat im Epos zum ersten Male aus den strengen, enthaltsamen Eottesstreitcrn minnigliche Helden gemacht; „denn", singt er, „Lieb ists, die dem Mann verhilft zu Glorien, daß er geehrt wird und ihn Andere schätzen". Unverzüglich folgte diesem Dichter der nicht minder schwärmerische und dabei so reizend übermüthigc, den Stoff wie im Spiel beherrschende, künstlich verwebende, »ui allem Reiz des Wunderbaren, Überraschenden, Neuen, Mannichfaltigcn, anmurhig schmückende und kühn gestaltende Cavalicr des Cardinals Hippolyt von Este, Ariosto (s. d.). Au den Höfen gedieh auch die satirische Poesie; sic war dort rücksichtsvoll und suchte wol, um Wahrheiten wie übergoldete Pillen einzugcben, ein oriental, märchenhaftes Gewand, wie dies z. B. in Macchiavelli's humoristischem „Uelluxor" der Fall ist. Auch Laigi Ala- mauni erwarb sich als Satiriker Ruhm. Schonungsloser waltete der Spott in gewissen Gesellschaften von jungen Geistlichen, wie z. B. die der Mgnajuoli in Nom war; Mitglieder dieser Gesellschaft waren unter Andern Franc. Bcrni, 14W—15.')«;, Giov. , Mauro u. A., die ihren Spott in Prosa und in Versen über Mönche, Geistlichkeit, ! Kirche und Religion, kurz über alles Heilige ausgosscn. Pietro Arctino (s. d.), der sich, ^ wenn er wollte, auch so fromm geberden konnte, dichtete die losesten und unsaubersten Sachen, und auch die damals berüchtigte Schrift „De tridus imzinstoriliils", welche die Ncligious- stifter für Lügner erklärte, soll von ihm sein. Mit solchen Arbeiten brauchte man zur Zeit Leo's X. nicht gar zu sehr geheim zu lhun; man fand damit, wenn auch äußerlich, vor dem Volke, das Decornm noch einigermaßen gewahrt wurde, Beifall bei Cardinälen und Prälaten; cs gehörte am päpstlichen Hofe selbst zum guten Tone, über die kirchlichen Bräuche und Lehren zu witzeln. Vor keiner Frage schreckten diese Poeten zurück; man disputirte in Gesellschaft über die Meinung der Averrhoisten, daß die Seele sterblich sei, und ob nicht Menschen- und Thierseclc von einer und derselben Substanz seien, und fand gemeiniglich für diese Ansichten bessere Gründe als für die entgegengesetzten. Seitdem man die wirklichen Schriften des Aristoteles wieder ans Licht gezogen, zu studircn angefangen und übersetzt hatte, wollten alle gebildeten Leute Ari- stotelikcr, oder wie sie sich vielmehr nannten, Peripatetikcr sein. Beinahe die ganze Erde, schrieb schon in der letzten Zeit des 15. Iahrh. Marsilius Ficinus, der berühmte Übersetzer Plrlon's. ist von den Pcripatetikern eingenommen, und zwar von zwei verschiedenen Sekten derselben, den Alexandrinern und den Averrhoisten; jene unterscheiden Geist und Seele, ; erstem halten sie für unsterblich, letztere für vergänglich, diese lassen den Geist ganz und gar vergehen; beide erschüttern die Grundlagen aller Religion, hauptsächlich dadurch, daß sie die göttliche Vorscbung nicht mit ihren Systemen vereinigen können. Aber dabei unterwarfen sich die Pcnparcliktt. zum Scheine der kirchlichen Autorität; man könne, sagten ße, nur die Kirchcnlehre nicht philosophisch beweisen. In Padua lebte zu Anfänge des IS. 3ahrh. ein Professor, von seiner kümmerlichen Gestalt il peretto genannt, aus Mantua gebürtig, Pietro Pomponazzo, der als Lehrer zu Bologna 1524 starb; er war kein Sprachkenner, verstand außer seinem Mantuanisch nur Latein, das er schlecht genug schrieb, über im Aristoteles und Averrhoes war er wohl bewandert. Die Unsterblichkeit der Seele, sagte er in seiner Schrift „De immnrtalitute »mm-re", sei mittels der Aristotelischen Philosophie und mittels des Denkens überhaupt nicht zu erweisen, und, wenn man nicht die Of- Conv -Lex. Neunte Ausl. Vll. 36 562 Italienische Sprache und Literatur ftnbarung hakte, sollte man meinen, der Philosophie Recht geben zu müssen. Dieses Buch wurde in Venedig öffentlich verbrannt, auch von den Kanzeln dagegen geeifert, Mehr! schrieben Widerlegringen, und dem Cardinal Bembo, der damals Leo's X. Secretair war, schickte man cs zu, damit er es vom Papste verdammen ließe. Aber Bembo und der Maestro des päpstlichen Palastes fanden das Buch gar nicht so schlimm, und die Verdammung unterblieb. Übrigens hat Pomponazzo noch ganz andere Sachen geschrieben, die erst nach seinem Tode ans Licht kamen, wie die Abhandlung „Vs naturalimn elkectuum cansis" und die „ve tiltn, libero arbitrio etc.", worin er die Wunder für Einbildungen erklärt, die Möglichkeit einer Vorsehung Gottes mit scharfen Gründen anficht und von keiner andern Seligkeit wissen will als einer solchen, die mit natürlichen Kräften sich erwerben lasse. Gegen solchen Unglauben hatte Ficinuß durch Wiedererweckung derPlatonischen Philosophie wirksam kämpfen zu können geglaubt; damit die Poeten, sagte er, endlich aufhören müssen, die göttlichen Geheimnisse für eitle Dichtungen zu erklären, gäbe er Platon und Plotin heraus. Zoh. Franz Pico führte sogar die kabbalistischen Schriften der Juden als Hülfstruppen zur Vertheidigung der Kirchenlehren herbei. Aber die Zweifler, namentlich die feurigen Süditaliener, ließen sich nicht mit solchen Autoritäten schlagen. Bernardino Telesio, geb. in Cosenza 1508, von welchem Baco sagt, er sei mehr im Zerstören als im Aufbauen groß gewesen, ging weit über Aristoteles und Platon aus die alten Naturxhiloso- phen der Griechen zurück; man nannte ihn den Wiederherstellcr des Parmenides. Er gründete in seiner Vaterstadt eine Akademie, die den Namen der Cosentinischen später wü dem der Costanti, d. i. der Standhaften, vertauschte und leitete seine jugendlichen Genossen zum Studium der Natur an; man versuchte mit den eigenen Kräften des Denkens in die Mysterien der Natur einzudringen. In weitern Kreisen wirkte Telesio durch seine Schrift „De rerum naturajuxtu prapria principia" (6 Bde., Neap. 1580). Noch ausgebreiletcr war der Einfluß des Mathematikers und Physikers Hieron. Cardanus (s. d.), lövl — 76, ein wilder, stürmischer, vyn der Sehnsucht nach Wissen und von Schmerz und Luft dks Denkens bacchantisch aufgeregter Geist, der die Jugend, welche seinen Vorträgen lauschte, taumelnd mit sich fortriß. Dieser Schul« gegenüber setzte Franc. Patrizi, geb. auf der Insel Cherso 1529, das Werk des Ficinus fort; in den „viscussiones perchiateticse" bekämpfte er die Aristoteliker und in der „lXovu >le uuiversis >>tüIo8<>jiI,ia" entwickelte er eine Art NeuplatoniSmus, indem er zugleich in der Geschichte der Philosophie einen Zusammenhang seit Hermes Trismegistus nachzuweisen suchte. So sehr die Kirche diese philosophische Richtung, welche ihre Lehre zu vertheidigen schien, damals sich gefallen ließ, so konnte es doch damit nicht anders ergehen als gegenwärtig mit der Hegel'schen Spekulation; ei zeigte sich, daß sie nur ein Pantheismus war und abermals zur Entwickelung atheistischer Ansichten Anlaß gab. Entschieden trat das pantheistische Element in der Lehre des Gior- dano Bruno (s. d.) auf, der die Welt als ewig betrachtete und keine andere Gottheit anerkannte, als das die Welt belebende Princip, d. i. die Weltseele. Sein eigentliches Verdienst setzte er in die Wiederbelebung der alten kultischen Kunst, der urs mugim, die er aus einem Hülfsmittel fürs Gedächtniß in eine Systematik des Denkens umwandclte. Neben dieser philosophischen Richtung, die sich von der Kirche losriß und dem Unglauben der Poeten, die alles Kirchliche verspotteten, hatte sich innerhalb der Kirche eine Partei gebildet, welche aus christlicher Gesinnung und schwärmerischer Frömmigkeit die Verweltlichung der Kirche, nicht die Kirche selbst bekämpfte. Die ersten Männer, welche eine Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern federten und die Unsittlichkeit des Klerus in Predigten vor dem Volke geißelten, wurden als Ketzer hingerichtet, wie sie denn auch wirklich ein ketzerisches und politisch, gegenpäpstisch gefärbte- Element in sich trugen; s° der Karmeliter Thom. Connecta, der 1432 in Rom verbrannt wurde, undGeron.Savo- n a rola, der noch >498 den Ketzertod starb. Wo eine ähnliche Richtung sich dem katholischen Kirchenthum anschloß, wurde sie von den Päpsten geduldet oder sogar begünstigt. Franc, von P aola in Calabrien, der 1457 einen neuen Eremitcnorden stiftete, wurde spater sogar heilig gesprochen. Die Roscnkranzbrüderschaften, in Deutschland 1475 von dem Ketzermeister Jak. Sprenger in Köln gestiftet, kamen nach Italien herüber. In einem Winkel Noms versammelten sich Männer, die gleich den deutschen Reformatoren bei vielem Ei- Italienische Sprache und Literatur 563 fcr für die Förderung der humanistischen Wissenschaft, doch die Lehre von der Rechtfertigung durch Christi Blut fcsthielten und beschlossen, weil sie den Gottesdienst in Rom und ganz Italien so elend mißhandelt sähen, Alles zu thun, was sie vermöchten, um die göttlichen Gesetze zu beobachten. Der nachmals kanonisirte Gactano von Thiene, von dem der Theatinerorden den Namen hat, die nachmaligen kardinale Caraffa, der Stifter des genannten Ordens, Contarini, Gibcrti, Sadoleto u. A-, 50—60 an der Zahl, bildeten eine Gesellschaft, die sie „Oratorium der göttlichen Liebe" nannten, um in einer Kirche von Trastevere Betstunden zu halten. Contarini war ein Schüler des Pomp onazzo, aber einer der Ersten, die gegen dessen Buch „Vv immnrtulitste snimue" schrieben. Durch Roms Plünderung, den Fall der toscan. Hauptstadt und die Unruhen und Kriegsstürme in ganz Italien verscheucht und vertrieben, sammelten sich die frommen Männer allmälig in Venedig, das allein vollkommener Ruhe genoß. Cortese, Abt von San-Eiorgio Maggiore daselbst, öffnete ihnen den Garten seines Klosters; es entstand eine Art geistlicher Akademie, deren Seele Contarini war. Am andern Ende Italiens, in Neapel, wurde gleichzeitig dieselbe Richtung von einem Spanier Juan Valdez vertreten, der unglaublichen Einfluß weithin, besonders unter Vornehmen und Frauen übte, mit Vielen in Verkehr und Briefwechsel stand, unter Andern mit der berühmten Viktoria Colonna, auch mit Julia Gonzaga, die für die schönste Frau ihrer Zeit galt. Zahlreiche Schriften gingen von den Anhängern dieser fast ganz der protestantischen ähnlichen Richtung aus. Wie leicht der Übergang dieser Richtung zum Protestantismus war, zeigt das Beispiel des Kapuziners Bernardo Occhino, der zweimal General seines Ordens und von Bembo, der seine Predigten bewunderte, zum Eewiffensrath erwählt worden war, 1511 aber, als gegen seine Nechtgläubigkcit Verdacht entstand, flüchtete und zuletzt, nach vielem Umherirren, auch aus Genf, Zürich und Basel vertrieben, 76 Jahre alt, in Mähren an der Pest starb. In diesen frommen Kreisen bildete sich auch eine fromme Poesie aus. Marcant. Fla- minio aus Serravalle, geb. 1-198, der die Psalmen paraphrasirte und commentirte, war auch Poet und seine Gedichte fand man damals und noch in späterer Zeit unwiderstehlich durch Anmuth und Liebreiz. Diese Art Poesie, die überhaupt etwas Weibliches hatte, wurde am meisten von den Frauen gepflegt. Viktoria Colonna (s. d.), Veronica Tam - barra, die beide jung verwitwet nicht wieder heirathetcn, waren unerschöpflich an frommen und zarten Gesängen, und ihrer Geistesschwestern waren so viele, daß schon 1550 Lo- dov. Domenichi eine Sammlung von Gedichten „Di olcune (d.h. beinahe 50) nobilissime et virtuosissime Vvnue" herausgeben konnte. Nun nahm auch dasRittcrgcdicht eine eigen- thümliche Gestalt an. Eine wesentliche Veränderung hatte sein Charakter schon durch den übrigens lustigen und lebensfrohen Franc. Berni (s. d.), 1190—15.76, von dem die komische Dichtart der Vor8i kernescin den Namen hat, erfahren, indem Berni den Roland Boyardo's glatt und fein machte. Dagegen verfolgten Luigi Alamanni (s.d.) in seinem „kirone il Cortese" und Bernardo Tasso (s.d.), Torquato's Vater, in seinem „VmatliAi" und in seinem „Vloritiante" (um l 515) bereits eine moralischeTendenz; Giangiorgio Tris- sino (s. d.) aus Vicenza wählte schon einen geschichtlichen Stoff, Italiens Befreiung von den Gothen; endlich dichtete der jüngere Tasso (s. d.), die Seele voll christlicher, schwärmerischer Frömmigkeit, seine „6erusalemme liberata". Daneben freilich setzten Andere noch die ältere Weise fort, so Teofilo Folengoden humoristischen Ton in seinem „Orlan-Iino", und Vicenzo Brusantini die verliebten Abenteuer in der „^ngelica irmamorsta". Einige, zu denen Trissino den Übergang bildet, dessen „Italis libersta" reimlos ist, brachten dem Antiken ihre Huldigung dar, so Giambatt. Giraldi in seinem „Lrcole" und Lodov. Dolce im „Lima" und im „^clülle", in denen er sich den Homer zum Vorbild genommen. Die Richtung der Neuerer, wie man sie anfangs nannte, eines Bälde; und Contarini, gewann allmälig Einfluß auch am röm. Hofe und endlich auf die Papstwahlen. Im I. >555 wurde Marcellus II. gewählt, ein Mann nach dem Herzen der frommen Eiferer, und da Marcellus bald starb, noch in demselben Jahre sogar der strenge Cardinal Caraffa selbst, der unter dem Namen Paul IV. den päpstlichen Stuhl bestieg. Jetzt kämpfte man nicht mehr mit Schriften gegen die Ketztr und Gottlosen,, man kämvkte mit Bullen und mit dem 564 Italienische Sprache und Literatur Holzstoß. Die Inquisition wurde wiederhergestellt und nacksichtslos gegen Jedermann geükt, sogar gegen Inquisitoren selbst. Die orthodoxe Richtung war durchgedrungen; auch solche lebenslustige, behagliche Männer, deren Einige aufPeter's Stuhle folgten, wie Pius lV.mck Gregor Xlll., mußten ihr ihren Gang lassen; überall flammten Scheiterhaufen, und die kich. neu Denker mußten ihre Wahrheitsliebe mit dem Leben büßen. Jndcß gab es ihrer »och Manche, welche der gährcnde Drang dcs Erkcnncns nicht ruhen ließ, bis ins I6.Jahrh.hin> ein, besonders im Süden Italiens. Thom. Eampanella (s. d.) aus Calabricn, der 1581 seine „PIiiin5oz»tns sensibus «lemonstrata" schrieb, mußte lange im Kerker schmachten und schreckliche Foltern erdulden; freilich schützte man nur politischen Verdacht vor, aber Pol,, tik und Atheismus schienen Hand in Hand zu gehen. Auch die neapolitan. Akademien der Sercni, der Ardentr und der Jncogniti löste der Vicekönig Pietro von Toledo um die Mitte dieses Jahrhunderts auf, aus Furcht, daß dergleichen Versammlungen junger Nobili politisch gefährlich werden möchten. Allerdings war freies und kühnes Denken ebenso sehr politisch als religiös gefährlich. Die Fortschritte der Naturwissenschaften, insoweit sie sich aus friedlicher Beobachtung des Himmels und der Erde ergaben und nicht mit dcstruclivcn Gedanken verbündet schienen, duldete man, und diese Fortschritte waren in der That glänzend. Die Mathematik wurde mit Eifer und unterstützt von dem Studium der klassischen Alten getrieben; Federigo Commandino aus Urbino, 1509—75, übersetzte und erläuterte in eleganter Schreibart die griech. Mathematiker, Nie. Tartaglia aus Brescia, >500-57, des Cardanus Schüler, Lodov. Ferrari, 1522—64, undNaffacle Bo m belli, beide aus Bologna, bildeten die Lehre von den Gleichungen des dritten und vierten Grades aus. Der Mailänder Bonavent. Cavalieri erfand und schrieb seinen ,Met„tl<> ciegli iiitlivi-jbil!» (1629). Man begann Licht und Farbe zu beobachten. Ein merkwürdiger, eigcnthiimlicher Mann, ebenfalls ein Süditaliener, Franc. Maurolico aus Messina, 1494—1575, hatte den Bau des Auges untersucht und über das Einfällen der Lichtstrahlen Beobachtungen ! gemacht. Der Servit Fra Paolo Sarpi (s.d.),der alle Wissenschaften mitunermüdlichcm ^ Eifer durch Rath und That förderte, zeichnete sich auf dem Felde der Optik dadurch aus, ! daß er die Eigenschaft der Iris, sich auszudchnen und zusammenzuzichcn, entdeckte. Er spk- culirte über die Mischung der Substanzen, über die Ernährung des Lebens und dergleichen, und legte überall Beobachtungen der Natur seinen Speculationen zu Grunde. Der Jesuit Franc. Maria Grimaldi (s. d.) aus Bologna, l 6 l 3—63, schrieb „?iiisicc>-mutliesis äe Inmiiie, colnrilnis et iricle" (1665), und trug in dieser Schrift unter Anderm seine Entdeckungen über die Strahlenbrechung vor. Künstler wurden durch diese Forschungen in den Stand gesetzt, über die malerischen Wirkungen des Lichts nachzudenken. Es entstand die Ws- enschaft der Perspective; derMaler Pietro della Francesca und der Architekt Peruzzi stellten Untersuchungen über dieselbe an, und der Vcnctianer Dan. Barbaro schrieb das erste Lehrbuch „4>a pruttica «lolla zirnspettiv»" (Vcn. l 568). Die Astronomie wurde fast von keinem der Männer, welche sich den Naturwissenschaften widmeten, vernachlässigt ; die Fortschritte in der Mathematik und Optik, der in mannichfaltigcn Werkzeugen erfinderische Geist der Zeit, die Förderung, deren sie um der Astrologie willen von den Großen genoß, das Alles kam ihr zu statten. Nicht minder bedeutend als Galileo Ga lilei (s.d.) waren Giov. Domcnico Cassini (s. d.), Galilci's Schüler, EvangelistaToricelli (s. d.), der Erfinder des Barometers, und Eianant. Magini aus Padua, 1588—1617, der den Vrenuspiegcl vervollkommnte. Giambatt. Riccioli bekämpfte in seiner „ästrvuvmis no vr>" das Koper- nicanische System, aber durch die Menge von Beobachtungen, die er am Himmel anstellte, förderte er praktisch, was er theoretisch zu gefährden suchte. Mit der Schwere, mit der Statik und Mechanik beschäftigte sich Luca Valerio in Nom; ebenso wie der Abbate Be> nedetto Castelli aus Brescia, Galilci's Schüler, der 1625 Professor an derSavienza in N m wurde und zuerst die Geometrie auf die Hydraulik anwendcte. Gianalfonsv BoreUi, gebkim Neapolitanischen 1608, wendete die Mechanik aufdas organische Leben an ; so schrieb er „ve mntil nuimaliuin". überhaupt machten die Botanik, die Anatomie, die Physiologie beträchtliche Fortschritte; die Botanik besonders durch Pierandrea Mattioli aus Siena, >501—77, FabioColonna aus Neapel, 1567—1630, Marcello Malpighi aus dem Bolognesischen, 1628—94, Prospcrino AlPino aus dem Viccntinischen, 1553— 1 6 1 6, der Italienische Sprache und Literatur 565 die ägypt. Pflanzen beschrieb; die Naturgeschichte der Thiere durch Uliffe Aldrovandi, der Europa durchreiste; die Anatomie durch mehre der Genannten, vorzüglich aber durch Giro- lamoFracastoro (s.d.), Gabriele Fallopia ausModcna, und dessen Scküler Fabricio di Acquapendente, der, ebenso wie auch Sarpi, Untersuchungen über den Blutumlauf an- st-llke. Der genannte Alpino brachte auch die Semiotik auf; der Neapolitaner Giov.Vatt. Porta, der Erfinder der O.imer» »t>sc,ir?>, beschäftigte sich mit dem Zusammenhang der äußern Gestalt und der innen, Beschaffenheit der organischen Wesen in seiner „Ubt^ngnomicu" und in der „klmn-nm pli^singnomin". Im I. I «^>3 stiftete der junge Fürst Fcderigo Cesi zu Nom die Akademie der Lincci, d. i. der Lüchse, ganz zum Zweck der Naturstudien, richtete ihr einen botanischen Garten, ein Naturalicncabinct ein und ließ auf seine Kosten die naturwissenschaftlichen Werke der Mitglieder drucken. An vielen Orten entstanden botanische Gärten, z. B. in Padua, Florenz; in Pisa wurde der erste Lehrstuhl für Chemie errichtet. Man konnte cs sich unmöglich verbergen, daß die angelegentliche Beschäftigung mit dm Naturwissenschaften den Glauben dcrMenschen an das Übersinnliche erschüttern mußte; allein am Anfänge des 16. Jahrh. fürchteten die Machthaber eine solche Erschütterung nicht, da durch dieselbe ihr Besitzstand nicht zu leiden schien, und nur, wenn dieser angeta- stct wurde, regten sie sich und gebrauchten Gewalt. Dieser Standpunkt hatte sich geändert, seit die religiöse Neaction zur Macht und Herrschaft gelangt war; man wollte jetzt seine Meinung, seinen Glauben durchsetzen; man begnügte sich nicht mehr mit der äußerlichen Unterwerfung unter die Verordnungen der Kirche, man foderte herzliche Unterwerfung, gläubige Zustimmung, Aufopferung der Philosophie, und da man wohl wußte, daß sich dieses Alles nicht erzwingen lasse, so schaffte man die gefährlichen Zweifler und Denker aus dem Lande und wo möglich aus dem Leben, wie den Eiordano Bruno im I. I6m»in l Nom, und den brausenden und sarkastischen Neapolitaner Lucilio Vannini (s. d.) im I. lölllinParis. Diesen Geistern, obwol sie sich von einem gewissen mystischen Element in der ^ Naturbctrachtung nicht losmachen konnten, war es doch wenigstens mit der Astrologie kein ^ Emst; alle Autoritäten ohne Ausnahme stürzten vor ihrer Prüfung nieder, sie trauten nur > der eigenen sinnlichen Wahrnehmung und dem eigenen Gedanken, der eigenen Combination; freilich mußten sie schon ihres Unterhalts wegen der astrologischen Eier ihrer Zeitgenossen stöhnen, wie dies auch Kepler that, aber sie verspotteten die Dcutckunst und übten sie nur auf Verlangen aus. Am liebsten würden die scharfsichtigsten Wächter des Glaubens und der Kirche sich aller Naturwissenschaften ganz und gar entledigt haben, da sie die Gefahren sahen, womit diese stets den Glauben bedrohten; das war indcß unmöglich, denn die Liebe zu diesen Wissenschaften hatte eine zu gewaltige Ausbreitung gewonnen. Es blieb daher nichts Anderes übrig, als daß man dieselben für die Religion unschädlich zu machen suchte. Als Nicol. C u sa (s. d.), schon hundert Jahre vor Kopcrnicus, in seiner Schrift „De cloct» igiwriintii»" die Lehre vortrug, daß die Erde um die Sonne gehe, fand er keinerlei Anfechtung in Nom, im Gegcnthcil Gunst bei drei Päpsten bis an seinen Tod und wurde zum Cardinal erhoben, auch wurden seine Werke in Italien >502 ohne Hinderung gedruckt. Kopernicus selber verdankte den Muth, sein Werk „Über die Umwälzung der Himmelskörper" I5-13 hcräuszugcben, der Gunst und Aufmunterung eines Bischofs, eines Cardi- nals und sogar eines Papstes, Paul's III., dem es auch gewidmet ist, und noch ehe dasselbe '> erschien, gab schon ein Italiener, Celio Ca l c a g n i n >, l 54 0 einen Versuch, den Kopernicani- schen Hauptgedanken zu entwickeln, heraus, in der Schrift ,,tz»ock coolum -tet, terr» autem movüstur". Der greise Galilei aber mußte >633 den verderblichen Jrrthum abschwören, daß die Erde um die Sonne laufe. Und dennoch hatte das Wort Wissenschaft noch zu guten, Ehrfurcht erweckenden Klang; hatte man doch >617, als die Thatigkcit der röm. Inquisition gegen Galilei bereits im Gange war, noch Kepler, den bedeutendsten Vertreter der Kopcrnicanischen Lehre, an die wichtigste Universität des Kirchenstaats, nach Bologna, berufen wollen; die orthodoxe Partei selbst hatte sich der Ehrfurcht vor dem geheiligten ! Namen der Wissenschaft nicht entschlagen können, nur wollte sie es dahin bringen, daß die ! Wissenschaft ganz wieder zur Dienerin der Theologie, der Kirche würde. Die Knechtung > des forschenden Geistes hätte ihr allerdings trotz aller Maklerkammern und Scheiter» Haufen nicht gelingen können, wenn nicht das flackernde Feuer eines freien, alle Autori- 566 Italienische Sprache und Literatur tat verzehrenden, geistigen Lebens, das wol ein halbes Jahrhundert vorgehalten hatte, all- malig von selbst aus Mangel an Nahrungsstoff erloschen wäre. Was sich aus den damals ' der Untersuchung vorliegenden, der Geschichte und Natur abgewonncnenMaterialien denkend machen ließ, haben die edeln Geister Italiens geleistet; aber aus den Elementen, die sie mit ihren Mitteln noch nicht überwältigen konnten, bildete sich unvermeidlich eine religiöse Neaction, deren allmälige Bekämpfung den Denkern anderer Nationen aufbehalten blieb. Als Sixtus V. aus innerm Haffe gegen alles Heidnische die Denkmäler Roms zu zerstören begann, fanden sich noch Cardinäle, die vor solcher Barbarei sich entsetzten und dawider demüthige Vorstellungen machten; Sixtus ließ sich auch bestimmen, dem Zerstörungswerke Einhalt zu thun, aber was er unvcrnichtet ließ, das sollte wenigstens den Triumph des Christenthums über den heidnischen Geist versinnbildlichen ; auf Kaisersaulcn pflanzte er Heiligenbilder und einer Minervenstatue gab er ein mächtiges Kreuz in dieHand. Die Blüte des Humanismus war dahin. Wie klagte nicht schon Erasmus von Rotter- oam, selbst Melanchthon um den Verfall der Wissenschaften! Die Zeit des Sammlersteißcs hatte begonnen, der geistlosen, Stoff aufhäusenden Gelehrsamkeit. Des Baronius (s.d.) großes kirchengeschichtliches Werk, auf päpstlichen Befehl gegen die „Magdeburger Cen- turien" zusammengetragen, gibt davon ein Beispiel. Die Wissenschaft wurde auf alle Weise wieder zur Magd der Kirche gemacht. Die Reform des Kalenders, die Gregor XIll. ausführen ließ und bei welcher sich ein sonst nicht sehr bekannter Calabrese, Luigi Lilie, durch Angabe der einfachsten Methode bemerklich machte, war nur der Berechnung der kirchlichen Feste wegen auf Wunsch des tridentiner Concils unternommen worden. Durch das tridentiner Concil war die Kirchenlehre ein für allemal festgestellt, und so der Theologie ein Ende gemacht; man wollte und mußte nun auch eine festgestellte Bibel haben, eine solche, an der die Kritik kein Recht mehr hätte; deshalb publicirte Sixtus V. 1590 einen authentischen Text der Vulgata, den jedoch schon 1592 Clemens VIII. authentisch ver- > bessern mußte. Eine neue lat. Übersetzung, welche 1607 in Genf erschien, war das Werk , eines Protestanten, Gio. Deodati aus Lucca, und wurde von der Kirche verdammt. Die Geschichtschreibung, welche in der Zeit der wiederaufblühenden Wissenschaften nach antiken Mustern getrieben worden war, nicht aus Interesse für die Sachen, sondern aus Lust an der Darstellung, aus Eifer, es den Alten nachzuthun und also mit weit überwiegender, oft ausschließlicher Rücksicht auf elegante Latinität, sodaß unter der großen Masse von Geschichtschreibern nur wenige, wie Macchiavelli (s. d.), einen eigenthüni- lichen Charakter entwickelten, theilte um die Mitte des >6. Jahrh. das allgemeine Schick- l sal der ital. Literatur; sie wurde ängstlich, kleinlich und höfisch, sie beschränkte sich auf die engsten Localitäten, auf die geringfügigsten Gegenstände, Inschriften, Alterthümer einzelner Städte, oder sie diente den kirchlichen Interessen, wie in den Werken des Baronius und seiner Fortsetzer, des Pallavicini und Paolo Sarpi über das tridentiner Concil. Es ist unglaublich, welch ein schwachherziger, spielender, eitler, geckischer Sinn überall in Italien einriß. Die Massen des Volkes, die überhaupt nur insofern von dem wissenschaftlichen Aufstrebcn berührt gewesen waren, als sie den Widerschein desselben in Volksdichtungen , Komödien und Liedern empfanden und sich zum Spott über kirchliche Dinge Hinreißen ließen, oder zur Auflehnung gegen mancherlei Druck und Last, wurden von den . Bettelmönchen und bald auch von den Jesuiten emsig bearbeitet und devot gemacht, ohne ' daß sie sich deshalb die Lust zu spotten und im Stillen zu raisonniren rauben ließen; sie lästerten und beteten in einem Athem, schimpften Und ließen sich treten. Die Gebildeten lebten an Höfen oder richteten sich nach dem Muster der Höfe, hatten keine Interesse» mehr als Hoffeste, Hofvermählungen, Schmausereien der Großen, Einholungen, Ehren und Beförderungen, glatte Verse und wohlklingende Reime. Ein Streit, wie jener, ob die Schriftsprache italienisch, toscanisch oder sanesisch zu nennen sei, erhitzte alle Köpfe, und zwar seiner oberflächlichsten Bedeutung nach, denn einen patriotischen Sinn gewannen ihm nur Wenige ab; ganz Italien zerschlug sich in Parteien über den Werth eines Madrigals oder , eines Dramas; so stritt man sich über den Stil und die Composition des Trauerspiels „6»- Iisce" von >543—90 unablässig IN Schriften und in allen Akademien herum, und Gua- rini's „Pastor 660" erregte 1585 einen Se»rm vnteb den Literaten, der gar nicht enden Italienische Sprache und Literatur 567 wollte. Ein eleganter Stil war das höchste Ziel des Strcbcns, der geschmackvollste Redner , der größte Mann der Zeit. Die akademischen Reden Speronc Speroni's schildernd, ströme» seine Zeitgenossen vor Bewunderung und Entzücken über; alle Großen rissen sich um Speroni, alle Fürsten wollten ihn an ihren Höfen haben, mit Besuchen, mit Geschenken wurde er überhäuft. Die Akademien mehrten sich wie Sand am Meere; ihre langweilige Geschichte wurde von einzelnen ihrer Mitglieder in dicken Quartanten beschrieben. Damit das ewige Versgeklingel nicht allzu ermüdend würde, verschafften sie sich bisweilen eine Abwechselung mit der wirklichen Aufführung von Dramen, welche in ihrem Kreise mit Beifall vorgelesen worden. Viele Akademien erbauten sich ihre eigenen Theater; in Florenz gab es um die Mitte des 16. Jahrh. drei Akademien, die ihre besonder« Theater hatten, die Iiilacati, die Immobil! und die 8orK6nti; die Krone aber trug in dieser Hinsicht die > olympische Akademie zu Vicenza davon, deren prachtvolles Theater, von Palladio begonnen, >580 von Scamozzi vollendet, eine der größten Zierden der Stadt abgab. Zn dieser ganzen Zeit war man im Trauerspiel wie im Lustspiel unwandelbar den antiken Vorbildern gefolgt. An dem Trauerspiele „Xtnmnnte", von Girolamo Zoppi, fand Muretus, der berühmte Philolog, der gleich allen Gelehrten seiner Zeit auch selbst Poet war, zu tadeln, daß der Dichter, von den alten Mustern abweichend, sein Stück in Acte und Scenen getheilt hatte. Die meisten Dramen wurden bei festlicher Gelegenheit an Häfen oft von vornehmen Personen aufgeführt; auch waren sie oft von Fürsten und hohen Adeligen oder Prälaten gedichtet. Die Städte wetteiferten mit den Fürsten; Vicenza ließ ^ 1565 ein hölzernes Theater von Palladio bauen, um den „Läsix," des Gio. Andr. dell' Angnillara darin aufzuführen, und in demselben Jahre baute Palladio ein solches Theater für dieVenetianer, als diese den „XntiAonn" des Grafen del Monte wollten aufführen lassen. Unter den zahllosen Tragödiendichtern dieser Zeit zeichnet sich Torquato Lasso aus, ! dessen „l'orrismoixio" vielleicht das Beste ist, was in dieser Art gemacht wurde. Wie den ^ Sophokles und Euripides in der Tragödie, ahmte man noch immer in der Komödie den Terenz und Plautus, die Nachahmer der Griechen, nach. Diese Lustspiele waren gewöhnlich, namentlich im Anfänge des > 6. Jahrh., voll von Obscönitäten. Mit den Dichtern, unter denen Pietro Aretino obenansteht, wetteiferten hierin die Schauspieler; dem Unanständi- gen der Erfindungen, wird versichert, habe das Anstößige des Costüms und der Geberdung nichts nachgegeben. Leo X. nahm an den Schlüpfrigkeiten und Späßen der Komödie noch keinen Anstoß; er ließ die Nozzi, eine Akademie von Siena, die erste, welche Komödien ! gab, alle Jahre einmal nach Rom kommen, um vor ihm zu spielen. Lodov. Ariosto ^ machte Lustspiele für den Herzog Alfons, der nach Angabe des Dichters ein Theater dafür einrichten ließ, das schönste, welches man damals noch gesehen hatte. Auch Trissins und Alamanni versuchten sich in der Komödie; die besten Stücke aber lieferte der Florentiner Giammaria Cecchi. Manche behaupteten, ein Lustspiel müsse in Prosa geschrieben sein, weil es das wirkliche Leben darstcllc, und Cardinal Bibiena, Leo's X. Liebling, dichtete so die „6nl?>nll,a", die 1520 mit großem Beifall aufgeführt wurde; desgleichen Aretino und mancher Andere; die ausgezeichnetsten Stücke in diesem Genre sind ,von einem Schuhmacher aus Florenz, Giambattista G el li. Hier bildete sich nun schon ein Übergang in die Volkskomödie. Das Lustspiel in antiker Form gerieth immer mehr in Abnahme, je frömmer, moralischer, sittsamer die Welt wurde. Nur auf der Volksbühne erhielt sich der derbe Spaß, der Ubermuth, die kecke Laune. Angclo Ruzzsnte, zubenannt Beolco, den Speroni den modernen Roscius nennt, verfaßte Possen in allerlei vermischten Dialekten und bediente sich dabei der beliebten stehenden Charaktere oder Masken (s. d.). Ebenso wendete Andr. Calmo in Venedig, eines Gondoliers Sohn, die verschiedenartigsten Dialekte in seinen Lustspielen an. In der Commedia dell' Arte, wie man diejes Volksschauspiel nannte, das von den Schauspielern halb improvisirt wurde, kam nach und nach eineMenge verschiedener Charaktere auf, je nach den Nationalitäten individualisirt; ein Kaufmann, Pantalone, der Venetianisch spricht; ein Arzt aus Bologna, il Doktors ; ein röm. Süß- s ling, Namens Gelsomino; Bektrame, ein Einfaltspinsel aus Mailand; der Kuppler ! Brighello ist Ferrarese, der komische Bediente Arlechino, Bergamaske; es kommt auch noch ein Spaßvogel aus Apulien hinzu, Pulcinella; ein neapolit. Bramarbas, Spaviento, und 568 Italienische Sprache und Literatur etwa ein Paar Tölpel aus Calabrien, Giangnrgvlo und Coviello; endlich ein Stotterer, Tarlaglio, und ein Gauner, Truffaldin; die Liebhaber und die Frauen, Colombine, Spi- ! leite, Smeraldina sprechen Römisch oder Toscanisch. Sehr merkwürdig ist die Wandlung, welche in der ncapolitan. Commedia dcll' Arte mit dem Charakter des „Ospitano" nach und nach vor sich geht; anfangs ist dieserCapitano, der immer vom Pulcinello geneckt wird, ein Prahler, welcher Nitterthaten austischt, nachher unter span. Herrschaft ein seiger und hinterlistiger Castilier, endlich im 17. Jahrh. wird er zum Scaramuz, der sich für einen Grafen oder Marchesen ausgibt und seine vielen Besitzungen rühmt, die aber alle nur in seinem Kopfe existiren. Während diese Art Belustigung den untern Clasfcn allmälig ganz anhcimfiel, wurde in der vornehmen Sphäre eine neue Dichtungsart erfunden, welche dem tugendlichen, frömmelnden und zärtelnden Geiste der Zeit besser zusagte, nämlich das Schäferspiel. Agostino Bcccari aus Ferrara brachte es auf, und sein erstes Pastoraldram „Das Opfer", mit Musik von Alfonso della Viola, wurde vor Hercules II. von Ferrara 1554 aufgeführt. Diesem Beispiel folgten andere Fcrraresen. Sie Alle übcrtrafTasso mit seinem „^minta", und nachdem dieses Stück stürmischen Beifall gefunden, war bald ganz Italien mitSchäferspielcn überschwemmt; das berühmteste derselben ist G uarini's (s.d.) „kastvr 66v", der zum ersten Male 1585 zu Turin gegeben wurde. Zur Abwechselung machte man auch Fischerspicle (Oramini percstorH). Die Oper(clramma per musica) kam erst gegen Ende des Jahrhunderts auf; das erste namhafte und auf die Musik berechnete Werk dieser Art ist, wie es scheint, die „vstne", von einem Florentiner Ninuccini, in Musik gesetzt von dessen Landsmann Jac. Peri, um I5S4. Die Sprache wurde jetzt, dem prunkenden Hofleben, der schnörkelhaften Architektur und ^ Dildnerei überhaupt entsprechend, immer künstlicher und gesuchter. Einer der Ersten, welche sich in geschraubten Wendungen, gehäuften Bildern, auffallenden Wortspielen, Assonanzen u. s. w. gefielen, war schon im 16. Jahrh. Luigi Grotto, der Blinde von Adria genannt, weil er von Jugend auf des Augenlickts beraubt war; dieser dichtete außer Oden und Sonetten auch Trauer-, Lust, und Schäferspiele voll affectirter Gedanken und Wen- düngen, die aber mit vielem Beifall ausgenommen wurden. Noch gab es selbst im folgenden Jahrhundert einen Dichter, der nach Einfachheit und Erhabenheit des Vortrags und der Erfindung trachtete, Gabricllo Chiabrera (s.d.) ausSavona, 1552—1637. Erging darauf aus, ein Colombo in der Poesie zu sein, wie er selbst sagte, a trovar mwvo mnnüo, und es gelang ihm, sich den Namen des ital. Pindar zu erwerben. Er fand vielen Beifall, besonders wol, weil er in seiner Gesinnung ganz reactionair, ganz katholisch war, doch sein Stil wenig Nachahmung. Dagegen traten Unzählige in die Fußtapfen des Neapolitaners Giambatt. Marino (s.d.), des so ganz für diese conventionelle Zeit geschaffenen Dichters, deS Meisters in der Überladung und Überfeinerung des Stils. Seine Jünger, Casoni, Guido u.A., besonders aber Claud. Achillini (um 1620) und Girolamo Preti, gest. 1626, überboten ihn noch in den Concett> (s. d.) und Künstlichkeiten aller Art. Die dramatische Dichtung verfiel im 17. Jahrh. besonders auffallend; unter der ganzen Masse zahlloser Stücke sind kaum einige Trauerspiele von Zopplo aus Bologna, gcst.1634, vomGraftn Campeggi, ebenfalls aus Bologna, gest. 1624, von dem Sicilicr, Pater Ortensio Sca- macca, einem Jesuiten, der allein mehr als 50 geistliche und weltliche Dramen schrieb, er- wähncnswerth, und unter den Lustspielen die Stücke im Volksdialekt, ;. B. im flvrcntini- schen die „'Osncia" von Michael Agnolo dem Jüngern; im mailändischen dievon Maggio und im neapolitanischen die von Cesare Cor'tese; die Stücke von Maggio sind sehr katholisch und höfisch, dagegen frisch und lustig die neapolitanischen. Das Sckäfcrdrama lei- stete in dieser Zeit das Äußerste in Abgeschmacktheit. In der Oper wurde aller Werth auf Bühnenpomp, Märsche mit Pferden, Triumphwagen und dergleichen gelegt. Die hervorstechenden Dichter des 17. Jahrh. waren fast insgcsammt Toscaner, so Franc. Ncdi au§ Arc;zo, geb. 1626, der Verfasser eines berühmten Dithyrambus „6»cc" in 1*oscana"; Lorenzo M a g a l o t t i, geb. 1 6 3 7, der im Dienste der Großhcrzoge von Toscana stand und in allen Formen dichtete; Franc. Baldovini; Ant. Malate sti, gest. 1672 , u.A. Florentiner waren auch der fromme Senator Vinc. Filicaja (s. d.), 1642—1707, dessen Gedichte die innigste katholische Frömmigkeit, den tiefsten Schmerz um den Verfall des Italienische Sprache und Literatur 569 Gottesrcichs und Italiens und die brennendste Sehnsucht nach dem Ende dieser verderbten i Welt athmen, ferner Bened. Mancini, 16-10 — I76k», der die Akademie der Arkadier in Nom stiften half und sich in Elegien, Hymnen, Pastoralen auszeichnctc. Der Akademien gab cs in Nom allein wenigstens ein Dutzend, die bedeutendsten darunter sind die der lämoristi, gestiftet um 1666 von Paolo Mancini, die sich rühmen konnte, daß es in Italien keinen namhaften Mann gebe, der nicht ihr Mitglied sei und der sogar zwei Päpste angehörten, Clemens VIII. und Alexander VII.; ferner die der Or675, seinen tiefen Unmuth. Das romantische Epos trat nun noch einmal ayf, in aber- , mals veränderter Gestalt, elegant nachlässig,'scharfzüngig, mit höhnisch verzogener Miene; Alessandro Tassoni (s. d.), ein Feind aller Vorurtheile und Narrheiten, in denen er die Masse der Menschen sich kindisch umtreibcn und sich kläglich hinschlcppen sah, ward in seiner „Lecciiia raznts" Schöpfer des komischen Heldengedichts, ein Verdienst, das ihm übrigens durch Franc. Bracciolini ausPistoja streitig gemacht wurde, indem dieser, noch eh: Tassoni's Gedicht gedruckt war, ein Epos derselben Gattung „I-o sciiernn i ckei" 1618 veröffentlichte. Chiabrcra machte damals noch ernsthafte Epen im großen Stil, wie „si'ltalia I,berat»", ,,Iä» 6nt>»tie", „lä'^malieüie» u. s. w., ebenso auch Bracciolini, z. B. ,,I-u croce racc>»i8tata". Den meisten Beifall gewann jedoch das komische Genre, in welchem sich nun auch Andere versuchten, besonders Lorenzo Lippi und Bartol. Corsini. Die NcihederHeldendichtcrbeschließtNicc.Forteguerriss d.), 167 1 —>765, der seinen „Ric- 7 ci->rllettv" blos in der Absicht begann, wie er selbst erzählte, um seinen Freunden zu zeigen, daß so etwas dem Genie nicht viel Schweiß koste. Die zur Pflege der Naturwissenschaften vom Eroßherzog Ferdinand ll. in Florenz 1651 gegründete, 1657 unter dem Namen <>el (limentn von Leopold Medici förmlich eingerichtete Akademie löste sich schon 1667 auf; es war kein Boden mehr für die geistige Regsamkeit in Italien. Wieder ein Süditalicncr war eS, Tommaso Cornelia, der der Cartcsianischen Philosophie in Italien Eingang zu verschaffen suchte; als Arzt und Mathematiker fand er viel Gunst, aber als Philosoph auch viel Anfeindung. Bei dieser Gelegenheit ist auch I »och Michel Angela Fardella, ein Sicilier, zu erwähnen, der sich gleichfalls anderCar- ' testamschcn Philosophie heranbiidcte und unter Anderm wegen einer Schrift „^nimae im- waooe uutiiru ab ^»gustino cketeeta etc." (Ven. 1698) sehr beachtenswerth ist ; sowie der wenig bekannte Giammaria Ciassi wegen seiner „5leclitationes cke natura plantarum et 570 Italienische Sprache und Literatur tractatiis 6s aeqnilibrio praesertim lluidorum ete." (Ven. 1677). Die Philologie siedelte sich nach Holland über; ital. Gelehrte brachten nur noch ungeheure Sammelwerke zu Stande, wie die „ltslia sacra" des Ughelli(20 Bde., 1644—62), die ,Miscellanea italiea erudito^ des Gaudenzio Roberto, oder lexikalische Arbeiten, wie die des Giacomo Fa cci o l ati (s.d.), 1682—1769, aus dem Paduanischen, welche dessen Landsmann und Schüler Egidio Force lli ni (s.d.), 1688— 1768, sortsetzte und in seinem „I>exicon totius latinitatis" aufspei- cherte; der Vorsteher der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand, L. Ant. Muratori (s. d.) brachte aus Handschriften und Büchern ungeheure Massen von Material in gewaltigen Folianten zusammen, und derVenetianerVincenzo Coronelli, der>7!8starb,recht eigentlich blos ein Sammler, arbeitete an einer alphabetisch geordneten „Siblwteca universale", die auf 40 Bande angelegt war; doch sind zum Glück nur sieben fertig geworden Nachdem die Akademie cicl Ciinento sich ausgelöst hatte, war es nun fast nur Bologna, das in den nächsten 50 Jahren Italiens wissenschaftlichen Ruhm einigermaßen aufrecht erhielt. Berühmte Astronomen von dorther waren Giov. Domenico Cassini (s.d.), >825 —1712, und Eustachis Manfred!, 1674—1738, der sich auch als Mathematiker, Hy- drostatiker und Poet einen Namen machte; durch seine Reisen und geographischen Arbei- te» erwarb sich Luigi Ferdinands Marsigli (s. d.), >658—1730, der Stifter des Io- ! stitnto delle seiende, Ruf; Franc. Maria Zanotti (s.d.), 1692— 1777, zeichnete sich auf dem Felde der schönen Wissenschaften und als Dichter aus. Wo es einen Mann von freiem Muthe und gesundem Geiste gab, erlag er dem Hasse und der Verfolgung. Pietro Giannone (s. d.) wurde das Opfer zweijähriger harter Gefangenschaft. Gian- battista Vico (s. d.) verkam in Dürftigkeit und endete blödsinnig. Dennoch erhoben ^ sich noch ein Gaetano Filangieri (s. d.), ein Maria Pagano aus Salerno, 1758 — 1800, den man wegen der Klarheit und Beredtsamkeit seiner Lehrverträge den Platon Neapels nannte, aber des Atheismus angeschuldigt, in den Kerker warf, und ein § Cesare Beccaria (s. d.). Auch brachte Italien noch einen feinen Naturbeobachter, wie Alessandro Volta (s. d.), hervor, dem andere Physiker nicht unwürdig zur Seite stehen, ^ jetzt meist aus Piemont und Savoyen, die bisher an der geistigen Entwickelung Italiens noch keinen Antheil genommen, nun aber, da alle andere ital. Länder ermattet waren, in die Schranken traten; dahin gehörten der Mathematiker Lagran g e (s. d.), der Chemiker, GrafBerth o llet (s. d.), der GrafSaluzzo (s.d.), der Gründer einer Wissenschaft- ^ liehen Gesellschaft, welche 1783 als Akademie der Wissenschaften constituirt wurde. Die > Mehrzahl dieser Männer war indeß gezwungen, im Auslande Unterhalt oder Rettung vor ! Verfolgungen zu suchen. Anderwärts wendeten sich die meisten Kräfte auch während des 18. Jahrh. nur den Alterthümern zu; der Sammlerfleiß war unermüdlich. Man zog alte Denkmale, Inschriften, Handschriften und Münzen ans Licht, machte bibliographisebe, biographische und antiquarische Studien und wußte sich unsäglich viel mit dem Verdienste, das man sich darin um die Wissenschaft erwarb. Corsini, Morelli (s. d.), Fabroni (s. d.), Bandini, Audiffredi (s. d.), Maffei (s.d.), Lanzi (s. d.), die Visconti (s.d.), Rosini, Fea (s. d.), Jgnarra, Ficcoroni, Manni, Sestini (s. d.) u.A. wären hier zu nennen. Ein Deutscher, Win ckelmann (s.d.), war es, der in diese vereinzelten antiquarischen Bestrebungen etwas Leben, Sinn und Zusammenhang bringen mußte. Überhaupt kam schon längst aller Antrieb zu neuen Schöpfungen und Gedanken den ) Italienern von außen. Schon seit dem Ende des 17. Jahrh. machte sich franz. Einfluß außerordentlich fühlbar. Dem franz. Beispiele folgte man, indem man die literarische Journalistik einführte; das „donrnal des savants" war das Muster, nach welchem Franc. N azzari auf Veranlassung des Cardinals Ricci 1658 in Nom das erste „Llioroale de' letterati" gründete, das dann wieder andern, die in Venedig, Parma, Ferrara entstanden, zum Vorbilde diente. Erst Apostolo Zeno (s. d.) wagte es, nachdem die älter» Journale eingegangen waren, und Italien sich seit einer Reihe von Jahren wieder ohne Wissenschaft' liche Zeitung befand, im I. 1807 unabhängig von fremden Mustern ein Organ zu grün- ! den, von welchem nach und nach 40 Bände erschienen sind, das „Oiornale de' letterati d'Italia". Diesem ahmten dann verschiedene andere nach, unter denen das pisanische, 1771 begonnen, als „Nuovo giornale ds' letterati" bis in die neueste Zeit fortgedauert hat. Nl dei Pl >7 ne si-l ler kai bei di! als lai üb dei ne taj ge! bei Ei Vl eir de die üb na (s- ße da th> de ha de dü Zl M sei de ro tei de! »r sie au al> B bei eir lici 17 st° du 571 lte >-, r< li- ri il- h' r- n ->, !r- !ö y- !i> , II- ite in n- en ^ i« a- I »e 11, »s ! III II- st- )i- i « ,cs lt- . h-, > ie, ni >ti A. inte. cn I uß che nc. Is' in, ile st- n- ! Ni ' llt. Italienische Sprache und Literatur Noch starker zeigte sich die franz. Einwirkung in der Poesie. Die Dichter, welche man in der ersten Halste des Jahrhunderts noch als Muster gepriesen hatte, wie der Astronom und Poet Manfredi, der Professor Zanotti und Dom. Lazzarini aus Macerata, 1668— 173-1,dersoschrfeilte und sichtete, daß er nur vier von seinen Sonetten in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm; sie alle geriekhen allmälig in Vergessenheit. Während die Franzosen sich noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts an Marini'schen Gedichten weideten, dichteten nun die Italiener wässerige Oden nach franz. Vorbildern; Alles, was aus Frankreich kam, wurde mit ergebener Verehrung ausgenommen, wiewol es die Italiener nie Wort haben wollten, daß sie Nachahmer der Franzosen seien. Franc. Alg arotti (s. d.), der an des Königs von Preußen Hofe lebte und noch ein Schüler Manfredi's und Zanotti's war, als Mathematiker den „Nervtonikniismo per Ie Dame" schrieb (l733), verfaßte als Poel lange, dünne Oden, die für den heutigen Leser nicht auszuhalten sind, obgleich sie gar nicht übel klingen. Im Lustspiel fing Carlo G o ld o n i (s. d.) um l 7 36 an, Moliere nachzueifern, dessen ,,'1'artiltfe" Girolamo Gi g li (s. d.) von Siena schon einige Jahre früher in seinem „von kilone" für die Italiener bearbeitet hatte, und Carlo Gozzi's (s. d.) phantastische Frazzen, die freilich keine Kopien sind, konnten dem Goldoni'schen Charakterstücke gegenüber die Theilnahme, welche sie sich bei einem Theile der venet. Theaterfreunde erobert hatten, nicht auf die Dauer fesseln. Bei aller Französelei hielt man indeß aus alter Erinnerung oder wenigstens aus einer Art Patriotismus noch immer an der herkömmlichen Vergötterung der ital. Classiker, derTrecentisten, fest, und alsSaverio Bettinelli (s.d.), ein Jesuit von ganz franz. Bildung, gelehrt, fein, sarkastisch, in seinen 17S7 geschriebenen „vettere 763, die durchgreifendsten Reformen vor, hob die beschwerlichsten Grundlasten und die störendsten Schranken des städtischen Gewerbes auf, verbesserte das Gerichtswesen, schränkte die Klöster ein, machte der geistlichen Inquisition ein Ende und suchte die toscan. Kirche 572 Italienische Sprache und Literatur nach den Planen des Bischofs Ricci (s.d.) von Pistoja unabhängiger vom röm. Stuhle zu machen; in Neapel rüttelte der Marchese Tanucci an den alten Rechten der Barone und sein Nachfolger, Marchese dclla Sambuca, seit I71N, ging in demselben Gleise fort. Niemand wollte mehr an den Teufel glauben; der Abt Tartarotti, der sich des Teufels annahm, erntete nur Spott, und kaum war es nöthig, daß Maffei seine „lVl-iFia nmiiliilatn" schrieb; Niemand achtete mehr der Heiligkeit der Adclsvorzüge, Gius. Parini verspottete sie in seinem Gedicht „ülsttino, Alermo^isno etc."; Niemand ließ mehr die unumstößlichen Satzungen der Akademien gelten, Pietro Vcrri brach ihnen dcn Stab in seinen „?en->ieri sull» spirito «lslls letterstnra in Itulia". Alles erfüllte der philosophische Geist, wie man es nannte; fast mit denselben Worten, denen wir in Voltairc's Briefen mehrmals chegegnen, sagt Bern: Das Alte kann sich nicht mehr halten, zu sehr hat sich das Licht verbreitet, zu große Fortschritte macht der philosophische Geist. Männer wie Bern, Graf Carli, Ccsare ! Beccaria und Parini in Mailand schienen dcn Akademien nur anzugehören, um deren Geltung und Ansehen recht von innen heraus zu stürzen, wurden im Staatsdienst gebraucht und hatten Gelegenheit, ihren Gedanken Verwirklichung und daneben in Schriften die weiteste ! Verbreitung zu geben. Melchior« Ccsarotti entzündete die Jugend »it begeisterten Hoffnungen, Gedanken der Wiedergeburt und einer reichen Zukunft Italiens und der Mensch- ! heit. Alfieri (s. d.) brach dem Drama zum ersten Male in Italien eine eigene Bahn; er fühlte cs, daß man immer nur fremden Mustern gefolgt sei, erst den Griechen und Nö> , mcrn, dann den Franzosen; er wollte frisch ans dem sprudelnden Quell der sich verjüngenden Zeit, aus der Tiefe des eigenen, nach Freiheit dürstenden, für Tugend brennenden Ge- müthes schöpfen. Freiheit war die Losung Monti' s (s. d.) und Ugo Foscolo 's (s. d.) Da brach die franz. Revolution aus; mit ihr, glaubte man, breche der Morgen der Freiheit an, Alles jauchzte den Franzosen entgegen. Die Massen wurden entflammt, die Au- . toritäten gestürzt, Freihcitsbäume und Republiken vtrichtck; der Papst selbst ließ sich von dem allgemeinen Schwindel fortreißen; Pius VI. glaubte den zeitbewegcnden Ideen sich , beuge» zu müssen, man ließ sich am röm. Hofe des Siciliers Nice. Spedalieri Buch > „viritti ilell' uomo", welches die Volkssouvcraiuetät predigte, dediciren und dem Verfasser Beförderung angcdcihcn. Der Rausch hatte indcß bald ein Ende. Unter dem Vicckönig Eugen Beauharnais wurde Mailand abermals das Athen Italiens ; Monte, Foscolo, Silvio Pcllico (s. d.) bildeten hier ein glänzendes literarisches Triumvirat. Man hielt den Gedanken einer Wiedergeburt Italiens fest, aber sie sollte ^ national sein; der wcltbürgerlichc Traum war verschwunden, und doch konnten sich die patriotischen Gedanken auf das politische Feld nicht mehr ohne Gefahr hinauswagen, mau rettete seinen Patriotismus in die Verschanzungen der friedfertigen Literatur. Dante war nun die Losung, welche Viccnzo Monti ausgab, Dante das Panier, unter welchem sich das geistig junge, neu erwachende Italien sammeln sollte, und die Jugend folgte wirklich dem Rufe Monti's. Monti wurde der Mann der Zeit und behauptete seine Diktatur bis spat über seinen Tod hinaus, bis zur franz. Julirevolution. Monti aber war ein Vcrskünstlcr, ein Meister in der Behandlung der Sprache, des Tonfalls und des Wohllauts, ein Wundcr- thätcr in der Anwendung bezaubernder Phrasen; entscheidende Gedanken oder tief ergreifende Gefühle, Charaktcrzeichnung oder wahr geschilderte Leidenschaft sucht man bei ihm vcr- gebens; um ein paar Stichworte dreht sich und in gestempelten Formen bewegt sich stink I Poesie und seine Prosa. Er ist nicht nur abhängig in Erfindung und Form von den franz. sogenannten Classikcrn, er hat ganze Stellen von Racine, man möchte sagen, nur übersetzt. Die Italiener haben nie ein eigenes Drama gehabt. Indessen pflegen sie cs übel zu nehmen, wenn man sagt, daß Monti Nachahmer der Franzosen gewesen. Der Glan; stm» Diction, der Schimmer seiner Rhetorik, der Effect, den das Alles auf die Menge machte, gewann ihmBeifall und vorzüglich in der Lyrik Nachtreter genug, unter denen ctwa Cesare Arici aus Bologna auszuzeichnen ist. Monti, die Brüder Pindem onte (s. d.) und selbst . Ugo Foscolo hielten noch starr an dem Glauben fest, daß nur antike Stoffe sich für das , Trauerspiel eigneten; Foscolo wich in seinem kiccinrelu" nur ausnahmsweise einmal von dicscrRegel ab, und Monti kämpfte noch als Greis für den Gebrauch der heidnischen Mythologie („Sulla witolvFlL", Mail, ll 825). Die Ideen der franz.Revolution, Menschenwürde, R m si- w> D P hi g° go S- lic ne he E E> m »e re! A da ne ca gd nn UN R S-! tie Nil m, sa> ge wi st-! tre alt kri tie de> die Ly du ker wc die Bl ler all mi Ni! Italienische Sprache und Literatur 573 Republikanismus und antike Größe, hatten diese Männer geweckt und füllten ihr Denke» und Vorstellen ganz aus. Damals, als sich Italien republikanisch umformen ließ, hatten sie mit ihren Hymnen, mit ihren tönenden Stichwortcn einen Sturm von Begeisterung erwecken können; als bald darauf die Zeit des Drucks eintrat und die Jämmerlichkeit und Wandelbarkeit der großen Menge mit Händen zu greifen war, zog sich Monti mit seinem Patriotismus in das Reich der Verse zurück, wo er, als ein König verehrt, seine Eitelkeit hinlänglich befriedigt fand, während Foscolo um den Untergang des Vaterlandes und der goldenen Frciheitshoffnungen im Auslande klagte und sich einsam strengen Studien hingab. Der von Monti gepredigten Anbetung des göttlichen Dante gab er eine neue, gediegenere Wendung, indem er dem Verständnis des alten Dichters, durch Erwägung des sittlichen und patriotischen Elements in dessen Werken, für die Italiener einen noch unbetretc- nen Weg öffnete. Er hat, sagte man von ihm, die Kritik geadelt und die Philologie zu höherer Würde, zu politischer Bedeutung erhoben. Noch immer gilt in Italien Foscolo als Gesetzgeber auf dem Gebiete der ästhetischen Kritik. Merkwürdiger noch ist er durch den Eifer für die Moralität, welchen er in Italien entzündete. Tiefe Ehrfurcht vor dem Namen der Tugend, die in der franz. Epoche, welcher er seine Bildung verdankt, als Gottheit verehrt wurde, ist eins der bezeichnendsten Merkmale der Schule Foscoio's. Diese Tugendreligion pflanzte ihren Bekennern denTncb ein, die Menschen zu gewinnen, führte zu einer Art Mission; vorzüglich mußte man die Jugend für den Tugcndglauben hcranbilden und das Wort Volkscrzichung wurde die Losung der Schule. Man schritt auch zur That, setzte neue Organisationen des Schulwesens durch, führte neue Methoden ein, wie die Bcll-Lan- castersche, gab belehrende Schriften über Erziehung, auch moralische Erzählungen und dergleichen Kinderbücher heraus. Die jüngere romantische Schule machte in dieser Hinsicht mit der klassischen Monki's und Foscolo's gemeinsame Sache; besonders viele Mailänder, Biava, Cesarc Cantu, die Brüder Sacchi, Mich. Parma, in Toscana A.Majcr, in Venedig Eins. Godemo, in Treviso Fapanni u. A. bemühten sich eifrig um das Erziehungswesen. Die Generation der Restaurativnsepvche wurde in Italien wie in Deutschland fromm und romantisch. Die neue Richtung verrieth sich zuerst durch eine Auflehnung gegen den Regelzwang der akademischen Dichtung, gegen die Verehrung des heidnischen Ältcrthums, gegen die Anwendung mythologischer Namen in der Poesie; man wollte christlich sein, vertiefte sich in die Mysterien der Religion; man spannte den Blick auf das Jenscit, dum hie- mcden meinte man nichts zu finden als Greuel, Miffcthat und Elend; man gefiel sich dar» üi, alles Schreckliche und Jammervolle, das je geschehen oder nur irgend möglich war, zu- sammeuzuhäufcn, in Bildern der Verruchtheit, des Elends und derVcrzweiflung zu schwelgen; man sah Criminalgcschichten und Tollhausbegcbenheiten für die würdigsten Vorwürfe der Poesie an; man machte die Erde zu einem Ort der Schrecken, um sich desto brünstiger nach dem Himmel sehnen zu können. Dieses Greuelstudium, das nur wenige Vertreter zählt, wie Victorelli und Frugoni war bald durchlaufen und der ins Mittel- alter verliebte, thcils schwächliche, cmpfindelndc, weiche, Weiberhafte, thränenreiche, theils kriegerische, Waffen schwingende, Himmel stürmende und mit der Hölle spielende Romanticismus der jüngcrn Schule machte sich Bahn. Man fing jetzt an, seine Stoffe aus dem frühem Mittelalter, aus echt christlichen Zeiten zu wählen. Ein förmlicher Sturm auf die Burgen des Classicismus begann. Bcrchet führte den Neigen und machte sich in der Lyrik, im Drama und Epos bald eine starke Partei. Manzoni (s. d.) gab den Ausschlag durch die Erfolge, welche er mit seinen Dichtungen erkämpfte. Die Niederlage der Classi- ker aus der franz. Schule, welche die antiken Stoffe und die drei Einheiten verthcidigten, war entschieden. Monti hatte noch 1816 in Verbindung mit Gius.A c erbi (s. d.), welcher die Leitung übernahm, Scipio Breis la k (s. d.) und Pietro Giordani ein Organ für die Behauptung der klassischen Grundsätze gegründet, die „kiblioteca itaüana", welche in aller Weise die Behauptung durchzuführcn suchte, daß auch ohne politische Einheit, ja trotz aller Zersplitterung und Zerrissenheit, Italien im Geiste ein einziges Ganze sei oder sein müsse und sich so fühlen lernen solle, vermöge und mittels dcrEinhcitscincrSprachc undsci- nerLireratur. Giordani ausPiacenza wurde als eine Stütze derPartei angesehen und hatte 574 Italienische Sprache und Literatur sich durch die Reinheit seiner Sprache und die Rundung seines Stils bald so großen Ruf erworben, daß man jeden Aufsatz von ihm, da er nur wenig schrieb, wie ein Ercignißbegrüßte. Dagegen schufen sich auch die Romantiker in Mailand, Berchet, Manzoni, Giojr und Erossi ein Organ in dem „Onciliatore", der aber einer eifersüchtigen Bewachung von Seiten der östr. Negierung unterlag, allmälig mitimmer größer» Censurlückcnerschien und schon 1820 völlig untc-edrückt wurde. Das Haus des Grafen Perro, in welchem auch Silvio Pellico als Erzieher lebte, war damals der Sammelpunkt der romantischen Schule Mailands und aller Berühmtheiten aus der Fremde, die gelegentlich Italien besuchten: dort sah man A. Wilh. Schlegel, Lord Brougham, Lord Byron, Frau von Stack und viele Andere. Pellico, Ugo Foscolo's vertrauter Freund, ein Jünger der altern klassischen und patriotischen Schule, aber schon zur Frömmigkeit und Romantik binneigend, übersehteBg- ron's „Manfred", wiedagegenByronPellico's „lbrsnoe-cn", und schloß sich der Partei des „tünncilürtore" immer enger an. Man durfte sich aus politische Gegenstände nicht einlasscn, aber schon das beständige Reden von Italiens Wiedergeburt und von patriotischer Tugend weckte den Argwohn der Negierung; die Mitarbeiter des Journals wurden als Carbonari angesehen, Verhaftungen begannen, die Meisten entflohen, Pellico wurde gefangen gesetzt. In derThat sind in seinen politischen Tragödien nicht immer nur die Schrecken desBürgcr- zwistes den Segnungen des Friedens gegcnübergestcllt, sondern sie athmen auch Haß gegen Fremdherrschaft. Das Unglück vollendete Silvio Pellico's christliche Wiedergeburt. Ter Übergang zu ausschließlichcrFrömmigkeit war bei dcnAnhängern dieser Schule nichtschwer; Keuschheit, Wehmuth, Weichheit und Sehnsucht nach dem ewigen Frieden, Gotlesinnig- keit sind die Elemente, die bei allen diesen Romantikern, bei Manzoni, bei Grösst, bei dem Maler Masstmo d'Azeglio, Manzoni's Schwiegersöhne, bei Carrer, Gcorgini, Carcano, Biava u. s. w. sich finden. Den Gipfel dieser Gesinnung ersteigt Pellico in dem nach seiner Freilassung geschriebenen Buche -nie priAioni", das ganz im Geiste dcmüthiger, verzeihender Liebe abgefaßt ist. Ein Neichthum von geistlichen Oden und Hymnen entstand seitdem; Manzoni, Borghi, Arici, Emiliani, Montinari, Paolo Costa, Mamiani della Rovera, Muzzarelli, Vittorelli u.A. wetteiferten miteinander in dieser Dichtungsart. Auch die geistliche Beredtsamkeit nahm einen Aufschwung; am meisten geschätzt sind auf diesem Felde die Fastenpredigten und andere geistliche Reden von Gius. Barbicri („Opere", <1 Bde., Padua >82-1; „Ora-rioni czuaresimati", 8 Bde., Mail. >836 fg), der als Dichter die Manier Cesarotti's fortsührte. Genug, die fromme Literatur hat eine solche Ausdehnung in Italien gewonnen, daß wolein Viertel aller daselbst erscheinenden Bücher aus geist liehen und Erbauungsschrifken zu bestehen Pflegte. Die„andere Fraction der romantische» Schule, die gewaltsam stürmende, derPellico mit seinerÜbersehung des „Manfred" sehr zu Hülfe kam, hob Byron und Foscolo auf den Schild; ihre Helden find kolossal, übermenschlich in Tugend und Laster; das Dasein ist ihr ein Vernichtungskampf, den der Edle gege» die höllischen Mächte führt und in welchem auch zu unterliegen groß ist. Dieser Richtung gehören Guerazzi aus Livorno („Schlacht vonBenevent") und Anselmo Guarlandi(„Be- lagcrung von Florenz", l836) an. Als eine dritte Classe kann man diejenigen Dichter betrachten, welche die Vorzüge der klassischen und romantischen Schule zu vereinigen suchen; die meiste Beachtung unter diesen verdient Niccolini (s. d.), gegenwärtig der Liebling des ital. Publicums. In Sicilien fand die romantische Schule ebenfalls Anhänger und ein Organ zu Messina in. dem „Zuschauer von Zankle"; gegen diese Richtung und für die moralischen Tendenzen kämpfte das daselbst auf Anregung Vinc. Mortillaro's, eines eifrigen sicilian. Patrioten, >834 entstandene Blatt „II IVlanrolica". Mit dem „6onciliatore" zugleich waren in Mailand >8N> noch zwei andere kritische Journale entstanden „U ricogli- rare" und „I/accattsdriKde". Letzteres ging bald wieder unter, der „Ibicogliture", vorzüglich des unermüdlichen, in allen Sätteln gerechten Cesare Cantu Organ, wurde >838 mit dem „Illüiestore" vereinigt und nahm in seiner neuen Gestalt den Titel „Rivists en- ropes" an. Cesare Cantu bemüht sich seit längerer Zeit, die Italiener mit der deutschen Literatur bekannt zu machen; doch hält dies schwer, zum Theil wol deshalb, weil, sagt ein Italiener selbst, sich die Italiener nicht so leicht in deutschem Geschmack und deutscher Em- pfindungsweise zurechtsinden können, ferner weil es Literaten in Massen gibt, die aus dem 575 Italienische Sprache und Literatur Französischen übersetzen, aber nur Wenige, die sich an die deutsche Sprache wagen. Indessen kommt doch in Mailand eine „Libliotsca sceltu" von Übersetzungen aus dem Deutschen heraus, wovon bereits mehr als 20 Bändchen erschienen lind; die Auswahl ist freilich seltsam genug. Gedichte von Matthifson, Bürger u.A. hat Bellati übersetzt und gesammelt herausgegeben, Goethe's „Faust" Scalvini, den „Taffo"Raineriübertragen; die „Wahlverwandtschaften" sind unter dem komischen Titel „I-a scelta äoi parenti" ersckie- nen. Von Schiller sind fast alle Dramen übersetzt, der „Wallenstein" von Vergani, die übrigen theils von Ferraris, theils von Maffei, die meisten von beiden. Auch Jffland's und Kotzcbue's Stücke sind übersetzt, Jffland ist den Italienern zu trocken, nur „Die Jäger" haben Beifall gefunden; Kotzebue, so entsetzlick verballhornt die Übersetzung seiner Stücke ist, findet großen Beifall. Von Lconi's Übersetzung des Shakspeare (l 8 l 9—21) machte sich bald eine zweite Auflage nöthig, und 1830 wurden zwei Übersetzungen der sämmtlichen Werke Shakspeare's zugleich begonnen, die eine von Bazzoni und Sormani, die andere von Soncini, jedoch, meinte damals die „Libliotsca itsliann", kalt ausgenommen, weil das Zeitalter schon wieder zu praktisch sei und in den menschlichen Dingen nicht das Fatum walten, sondern die Vernunft herrschen lassen wollte; um dieselbe Zeit erschienen „Romeo und Julia" von Eiov. Barbieri und „Macbeth" von Niccolini übersetzt. Von Byron's „Manfred" hat Marc. Mazzoni eine neue Übersetzung 1832 herausgegebcn und 1838 „koeuii äi L^ron". Mit Übersetzungen aus dem Französischen ist Alles überschwemmt; sie machen einen von den 1842 in Italien erschienenen 3024 Werken in 5807 Banden den größern Thcil aus. In der Philosophie hat lange Zeit Giandomenico Romagnosi (s. d.), geb. 1761, die vorzüglichste Stelle behauptet, der auch in der Politik und Staatsökonomie, sowie besonders in Fragen des bürgerlichen und peinlichen Rechts seit dem ersten Jahrzehnd dieses Jahrhunderts von Sicilien bis zu den Alpen wie ein Orakel betrachtet wurde; er verdankte seine Bildung noch der Zeit der Encyklopädisten, hatte einen großen Hang, die Natur zu beobachten, und suchte auch das Staatswesen aufNaturgesetze zurückzusühren; seine empirische Richtung führte ihn in der Theorie auf ein Abwägen der Kräfte, auf die dem consti- tukionellen Princip sich nähernde Ansicht, daß im Staate Alles von dem Gleichgewicht der Gewalten abhänge. Unterdeß sahSüdikalien, wo schon Borelli in seiner „Genealogie der Gedanken", Bozzelli in seiner „Anwendung der Philosophie auf die Moral" der philosophischen „Idee" mehr Gewicht zu geben versucht hatten, in dem Sicilier PasqualeGal- luppi einen Philosophen sich heranbilden, der die deutschen Philosophen studirtc und den Versuch machte, sich von der bisherigen empirischen Methode ganz loszureißen. Einen ähnlichen Versuch machte im Norden der Halbinsel der tiroler Priester Rosmini. Er ging von dem Begriffe des Seins aus. Seine Philosophie ist Transscendentalphilosophie; sie verhält sich zu der Romagnosi's wie die Jdentitätsvhilosophie zu der Kant'schen. Nach Nomagnosi muß sich der Geist in einem alle Menschen umfassenden Reiche objectiviren; dieser Gedanke nimmt bei ihm die Wendung, daß die Kirche dieses Reich, den allumfassenden Staat darstellen soll; die Männer ohne Vaterland und ohne Familie, die Priester, müssen die Gemeinleitung ausführen. Nosmini ist durch und durch reactionair, ideal-katholisch; im 1. 1828 gründete er den Orden der Christlichen Liebe, der >839 durch eine päpstliche Bulle bestätigt wurde und dessen Haupt Rosmini noch gegenwärtig ist. Er hat eine Schule gebildet, deren namhafteste Jünger Tarditi, Nic.Tommaseo und derMarchese Gust.de Cavours in Turin sind. Cavours hat 1841 „I'ra^ments plülosoplliques" herausgegeben, in denen er die Geschichte der neuern Philosophie (bis auf Kant) behandelt, die Grundzüge derRosmini'schen Philosophie darstellt und einen Versuch der Ethik und Betrachtungen über Philosophie des Ehristenthums im Nosminischen Sinne liefert. Rosmini wurde neuerlich von den Jesuiten in Schriften angegriffen und verketzert; da aber die Gunst des Papstes ihm nicht zu rauben Kar, so präconisirten dieJesuiten seitdem den Philosophen Vinc.Gioberti von Turin, einen chemaligen Demagogen, der später als ein entschiedener Vertheidiger des allgemeinen Kirchenthums auftrat. Er hat in seiner Philosophie ein ähnliches Verhältniß zu Rosmini, kie neuerlich Schelling zur Hegel'schen Schule. Das Übersinnliche, Transscendentale, wird durch Anschauung (intuito) begriffen, es ist Offenbarung des übersinnlichen Seins, ver- 576 Italienische Sprache und Literatur , mittelt durch das Wort, für dessen unverfälschte Erhaltung die Kirche zu sorgen hat, damit nicht Sprach- und Begriffsverwirrung einrciße. Nosmini ist, ohne es zu wollen, eine Stütze derje»igenPartci,dicGrafBalbo in seinem „jungwclfischen" Manifest „I.e sper-mr» il'l'iuün" vertritt, gegen die, wie er sie nennt, „jungghibellinische", d. h. östreichischc. Bälde, dessen Schrift an den ital. Höfen, denen Ostreichs Allmacht in Italien zuwider ist, gar nicht misste!, will Italien selbständig wissen, Ostreich möge dafür die Türkei nehmen, Prcußm mit Polen zu einem Staate verbunden werden. Man will sich mit diesen Wünschen und Planen auf das Papstthum stützen und Nosminüs Gedanke von der Herrschaft der Leute ohne Vaterland und Familie, der hiermit übereinzukommen scheint, hat in der Thal die östr. Negierung aufmerksam gemacht. Der Gegensatz zu diesen religiös-philosophischen und philosophisch-religiösen Bestrebungen bildet die Richtung und Schule des Geschichtschreibers Gius. Gugl. Botta (s. d.). Diese will von einem absoluten Geist, der sich in der Geschichte offenbart, einer die Erscheinungen beherrschenden Vorsehung nichts wissen; sie hofft nichts, träumt nicht von einer großen Zukunft, betrachtet mit Trauer und Wehmuth daS Elend der Menschen und mit spöttischem Lächeln ihre utopischen Träume. Dieser Richtung reihete sich seit etwa >820 der Philolog und Dichter GrafLco pardi (s. d.) an, der nni bei den Alten einen unbefangenen Blick für die Natur und gesundes Leben zu erkennen meint; Alles, was die Vorstellungen der Menschen erfüllt, reizt und entzückt, Ruhm, Glück nnd Tugend, Vorsehung und Jenseits sind in seinen Augen Schein und Täuschung. Die Zahl der Männer von Botta's und Leopardi's Ansicht ist in Italien gering, obwol Lcopardi's Gedichte durch die tiefe Melancholie, welche in ihnen herrscht, durch ihre patriotische Färbung und die Schönheit der Sprache außerordentlichen Beifall gefunden haben, besonders in den Kreisen jüngerer Italiener, deren Stimmführer die „^„tnlogia «liki- rsm-e" (1820 begonnen, 1833 durch großherzogl. Dccret unterdrückt) zu ihrem Organe ^ gemacht hatten. Die Masse des nieder« Volkes ist in den Händen der Mönche und Jesuiten. Unter den gebildeten Stände» breitet sich der sogenannte consiitutionelle Sinn immer ' rascher und allgemeiner aus; im Hähern Bürgerstande die Mehrzahl, ein großer Thcil der ^ adeligen Jugend, selbst viele Beamte, die besten Talente sind von den liberalen Ideen ergriffen. Geschrieben wird zuGunsten derselben von Flüchtlingen im Auslande. Die Werke, welche in Italien erscheinen, sind, abgesehen von den schon erwähnten Elasten der religiösen, philosophischen und poetischen Literatur, und von den Übersetzungen, fast durchaus nichts weiter als Ansammlungen von Beobachtungen, Notizen, Materialien, theils natur- geschichtlichen, theils historischen und antiquarischen Inhalts. Man beschreibt Pflanzen, Thierc, Mineralien, Alkerthümer, Bauwerke, Münzen, beschriebene Denksteine, Basen, und Vasenmalereien, Gräber, antike Geräthschaften, Handschriften, Institute, Museen, Städte, Länder u. s.w., erklärt, oft abenteuerlich genug, mythologische Schildcrcien, etruskische Schriftzüge und Hieroglyphen, gibt Schriften des röm.Alrerthums oder des lä-Jahrh. und anderer Zeiten aus Handschriften heraus, schreibt Commentare darüber und macht historische Actcnstücke in prachtvollen Sammlungen durch den Druck bekannt. Die Ausstattung der antiquarischen und naturhistorischen Werke ist häufig sehr glänzend; die Arbeitsamkeit der Gelehrten, unter denen auch wieder viele der obengenannten Dichter, wie Foscolo, Leopard!, Cesare Cantu nnd Niccolini zu nennen sind, ist aller Anerkennung, und die Ausbeute an geschichtlichem Stoff des besten Dankes werth. Allerdings ist den Schrift- - stellern Italiens daß literarische Leben außerordentlich sauer gemacht; die Censur drückt .schwer, alle die vielen kleinen Staaten sperren sich gegeneinander ab, ausländische Bücher müssen meist eingeschmuggelt werden, in Neapel sind sie sogar mit einer hohen Abgabe belegt, das literarische Eigenthum ist nicht geschützt, der Buchhandel auf alle Weise gelähmt, der Schriftsteller hat von seinen Arbeiten selten Ruhm und, Übersetzungen etwa abgerechnet, fast nie Gewinn, sondern im Gcgentheil, da er den Verlag gewöhnlich selbst übernehmen oder doch sich dabei bcthciligen muß, nur Last, Mühe, Unkosten und Sorge. Diese Verhältnisse muß man nicht übersehen, wenn man den Zustand der ital. Literatur mit dem anderer Länder rn Vergleichung stellen will. Jedenfalls ist nicht zu verkennen, daß die Jta- i liencr sich aus der Erschlaffung, der sie im l 8. Jahrh. mit dem übrigen Europa verfallen waren, ebenso wie die andern Nationen zu erheben suchen; sie haben das revolutionrirc und das ire! dm rab Ei. 18 .Irl nel I8i A. (B 12 Mil Um Au !s j Mit Au fori ma kcn vor in! viu ihn St mil Pa den erst erl ein er! rick sei, zu! siit abe der sei» ner der vor uni see> far W Ob nn ode ein i Jtalinsky Ithäka 577 da§ rcactionaire Stadium in ihrer Weise mit durchlaufen, und die geistigen Fähigkeiten, welche sichtlich in reichem Maße vorhanden sind, lassen erwarten, daß sie auch an der Bildung einer bevorstehenden neuen Zeit werden thätigen Antheil nehmen können. Vgl. Ti- wboschi, „8t<»ili dcllu Ictt. ital. sinn all' »MIN 1700" (13 Bde., Modena 1772 — 81); Eiambatt.Corniani, „l sccnli «lella Ictt. ital. dopo il SUN risorgimciit»" (9 Bde., Brescia 1818), fortgesetzt von Stefano Ticozi (2Bde., Mail. 1832—33); Güis.Maffci, „8t«ria >le»a Ictt. ital. sinn al sec. XIX." (-1 Bde., Mail. 1833); Camillo Ugoni, „vella Ictt. ital. nella secciida »icta dsl sec. XVIII." (3 Bde., Brescia 1820—21 ; deutsch, 3 Bde., Zur. 1825 — 30); Franc. Ambrosoli, „Alamiale della Ictt. ital." (3 Bde., Mail. >831 — 33); A. L. (Levati), „8a^i;i<) Sulla storia della letterat. ital. nei primi 25 anni clel sec. XlX." (Mail. 1831); Ginguene, „üist. de lalitt, ital." tital., mit Anmerkungen von B. Perotti, 12 Bde., Flor. 1823—26) und Ruth, „Geschichte der ital. Poesie" (Vd. I, Lpz. > 833). Jtalinsky (Andr.), russ. Diplomat, hieß eigentlich Andrej Jakowlewitsch imd stammte aus einer saporojischen Kosackenfamilie, die in Folge der Mazeppa'schen Unruhen sich unfern Kiew angesiedclt hatte, wo er 1733 geboren wurde. Wahrend seines Aufenthalts in Petersburg, wo er seit 1761 Medicin und Chirurgie studirte, war er, wie es scheint, sehr naher Zeuge der Thronumwälzung zu Gunsten Katharina's II. Reichlich unterstützt und mit Empfehlungen versehen, ging er zu seiner weitern wissenschaftlichen ' Ausbildung nach London und später nach Edinburg, wo er mehre Jahre sich aufhielt und fortwährend eifrig dem Studium der Medicin sich widmete. Nachdem er sodann seine Heimat besucht, ging er nach Leyden und Paris. In letzterer Stadt lernte er den Baron Grimm kennen, der ihn dem >780 in Paris als <7c»nte du lXnrd anwesenden Großfürsten Paul vorstellte. Schon im folgenden Jahre wurde I. nun Secretair bei der russ. Gesandtschaft in Neapel. Der nähere Umgang mit Sir William Hamilton (s.d.) führte ihn dem Stu- ^ vium der Alterthumswissenschaften im weitesten Umfange des Worts zu und veranlaßte ^ ihn, zu diesem Zwecke reiche Sammlungen anzulegen. Als eine Frucht seiner ernstlichen i Studien in dieser Beziehung ist der Text der zweiten von Tischbein bekannt gemachten Ha- milton'schen Vasensammlung (i Bde., Neap. 1791—1809, 3.) anzusehen. Nach Kaiser Paul's Thronbesteigung wurde er zum Wirklichen Staatsrath, Kammerhcrrn und außerordentlichen Gesandten am neapolitan. Hofe erhoben. Kaiser Alexander sandte ihn in den ersten Jahren seiner Regierung als außerordentlichen Gesandten nach Konstantinopcl, wo er bis zum Ausbruche des russ.-türk. Kriegs blieb, dem der Friede von Bukarcscht 1812 ein Ende machte. Gemeinsam mit dem General Kutusow unterhandelte und Unterzeichnete er diesen Frieden, worauf er als bevollmächtigter Minister wieder nach Konstantinopcl zu- rückkehrte. Im I. >817 wurde er in gleicher Eigenschaft nach Nom versetzt, wo er bis zu seinem Tode, am 27. Juni >827, verweilte. Beerdigt wurde er auf dem gricch. Gottesacker zu Livorno. Seine Sammlung oriental. Handschriften vermachte er dem Asiatischen Institute in Petersburg ; seine mehr als 30000 Bände starke auscrwähltc Büchersammlung aber wurde zerstreut. Seine Büste, von Canova, ließ der Kaiser Nikolaus in der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg aufstellen. Iteratlvum oder Frequentativum (lat.) heißt in der Grammatik einschon durch seine eigenthümliche Endung markirtes Zeitwort, durch welches die öftere Wiederholung ei- > ner Handlung oder eines Zustandes ausgedrückt wird, z. B. „streicheln", „klappern" u. s. w. Jthäka, jetzt Thiaki, eine kleine Insel im Jonischen Meere von 3'< OM., zwischen der Küste von Epirus und Samos, südlich von Leukadia, nordwestlich von Kephalonia, »on letzterer Insel durch den Guiscardkanal getrennt, war im Alterthume als Vaterland und Reich des Odysseus (s.d.) berühmt. Nach der Beschreibung Homer's in der „Odys- ste", die freilich in Hinsicht der jetzigen Beschaffenheit der Insel manchen Zweifel erregt, fand man hier, obgleich der Boden gebirgig und felsig war, Neichthum an Getreide und Wem, und außer der Hauptstadt gleiches Namens und der mit ihr verbundenen Burg des Odysseus namentlich folgende bemerkenswerthe Punkte: die Berge Ncritos oder Neriton > und Neiön, durch welchen der Hafen Nheithron gebildet wurde, und das Vorgebirge Korax oder den Nabcnfelsen. Das heutige Thiaki mit der Hauptstadt Vathi von 2000 E- und einem geräumigen Hafen, gehört zu dem Vereinigten Staate der Jonischen Inseln und Ton».-Lex. Neunte Aust. VII. 57 Jthome Itzehoe W- 4 bringt als Hauptproducke Öl, Wein, Rosine» und Korinthen hervor, die in großer Mengt ausgcführt werden. Vgl. Gell, ,,'I'Iie ^-"iprupli) :,»«> »ntignitics osl." (Lond. 1807); Schreiber, „I., oder Versuch einer geographisch-antiquarischen Darstellung der Insel nach Homer und den neuern Reisenden" (Lpz. > 820) und Rühle von Lilienster», „Über das Hs- merische I., nebst einem Plane des kcphalonischen Reichs" (Berl. 1832). Jlhvme, eine befestigte Stadt in Messenien, seit 36S v. Chr. die Hauptstadt des Landes, lag nördlich von Mcssene auf dem gleichnamigen Berge Jthome, dem jetzige» Monte Vulcano, auf welchem, dem griech. Mythus zufolge, Zeus von den Nynrphe» erzogen und später in einem ihm geweihten Tempel verehrt wurde. Jturbide (Don Augustin de), Kaiser von Mexico, geb. 176-1, nach andern Angabe» 1700, zu Valladolid in Mexico, der Sohn eines eingewanderten biscayischen Edelmanns und einer reichen Creolin, lebte 1810, zur Zeit des ersten Aufstandes in Mexico, als Milft- lieutenant auf seinen Gütern und wies damals alle Anträge der Insurgenten standhaft zurück. Im Gegentheil übernahm er auf den Ruf des Vicekönigs Apodaca den Befehl über die Miliz seiner Provinz und führte ihn so geschickt, daß die Horden der Insurgenten nach mehren Niederlagen sich zerstreuten. Hierauf lebte er von >816 an wieder auf seinen Eutern, bis ihm im Febr. 1821 der Vicekönig Apodaca de» Heeresbefehl übertrug. I. näherte sich jedoch bald der Partei der Insurgenten und stellte sich dann an ihre Spitze. Narb vergeblichen Unterhandlungen mit dem Vicekönige, dem Lande eine besondere Verfassung zu geben, bestieg er selbst am 18. Mai 1822 unter dem Namen Au gustin I. als Kaiser de» Thron von Mexico und wurde als solcher, nachdem der neugewählte Congreß am 22. Juni einmüthig die Kaiserwürde in J.'s Familie für erblich erklärt hatte, am 21. Juli gekrönt. Als jedoch sehr bald der öffentliche Schatz erschöpft war, machten die entgegengesetzten Parteien deS^ongresses gemeinsame Sache gegen den neuen Kaiser, dem allerdings die Kraft und das Genie abgingen, die Gesetzgebung und Verwaltung des Staats zu ordnen und die Widerspenstigen im Zaume zu halten. Mehre der bedeutendsten Generale verschworen sich zu seinem Sturz, und der Aufstand erhob sich gegen ihn. I. dankte daher ab und legte am 20. März 1823 seine Vollmacht in die Hände des Kongresses nieder. (S. Südamerika.) Der Congreß bewilligte ihm und seiner Familie einen Jahrgehalt von 25,000 Piaster unter der Bedingung, daß er in Italien seinen Aufenthalt wähle, worauf er mit seiner Familie nach Livorno gebracht wurde. Obgleich von dem Parteihasse vielfach verleumdet, Ham I., dem man weder Despotismus noch Habsucht mit Recht zum Vorwurf machen konnte, viele Anhänger in Mexico. Unterrichtet von der durch sie zu seinen Gunsten angezettelte» Verschwörung, ging er >823 mit seiner Familie nach London, in der Absicht, »ach Mexico zurückzukehren. Allein der Congreß entdeckte dies Alles, erklärte I. am 28. April INI in die Acht, und befahl dessen augenblickliche Hinrichtung, sobald er ans Land träte. Als nun I. am 16. Juli verkleidet ans Land stieg, wurde er vom General Garza erkannt, verhaftet und schon am >0. Juli in Padilla erschossen. Seiner Witwe und ihren fünfKinder» setzte der Congreß ein Jahrgeld von 8000 Piastern unter der Bedingung aus, daß sie sieb an dem ihr angewiesenen Orte in Colombia aufhalte, und im I. 1835 wurden seinen Erben eine Mill. Piaster ausgezahlt und 20 OM. Landes in Texas, Neu-Mexico und Ober - und Untercalifornien als Eigenthum angewiesen. Vgl. J.'s „Statement ol s<»n° ok tbe Principal «vents in tüe public lite ns Xngnsti» 272 nach I. verlegt wurde. I. verdankt seine Entstehung der Burg, welche der Graf Egbert, auf Befehl Karl des Großen, 809 an ff i Jhstein Jviza 579 der Stör wider die Danen und Wende» anlegen mußte. Vom I2.Jahrh. an war es Ne- sideuz derGrafen von Holstein. Zni Dreißigjährigen Kriege wurde es mehre Male von den Schweden erobert und 1657 durch dieselben bis auf wenige Häuser niedergebrannt. Ztzstein (Joh. Adam von), einer der bekanntesten Abgeordneten der zweiten Kammer der bad. Ständeversammlung, geb. am 18. Sept. 1775 zu Mainz, wo sein Vater kur- fürsil. Geh. Nach war, wurde nach vollendeten akademischen Studien 1798 Accessist bei dem kurmainz.Amte Amorbach, dannSyndicus daselbstund später Stadtdirector in Amorbach. Nachdem die Besitzungen des Fürsten von Leiningen, zu denen Amorbach gehörte, unter bad. Oberhoheit gekommen waren, wurde er 1819 als Oberamtmann in Schwetzingen angestellt, und bei dem Regierungsantritt des Großherzogs Ludwig im I. 1819 als Hofgerichtsrach nach Manheim verseht. Im I. 1822 zum Landtagsabgeordneten und als solcher zum ersten Secretair der Kammer erwählt, nahm er den lebhaftesten Antheil an deren denkwürdigen Verhandlungen. Als die Federung einer Ersparniß von 59,999 Fl. im Militairetat zwischen Regierung und Ständen eine völlige Zerwürfniß hcrbeisührte, welche die Vertagung und bald darauf die Auflösung der Kammern zur Folge hatte, wurde I., gleich den übrigen von der Hofpartei gehaßten Oppositionshäuptern, der Gegenstand kleinlichcrVerfolgung. Er sollte zum Hofgcrichte in Mörsburg versetzt werden, was nach den damaligen Verhältnissen als Verbannungsstrafe galt und wogegen er, mit Berufung auf den Neichsdeputationsbeschluß, vergebens protestirle. Mit Verlust seiner Stelle bei längen» Ungehorsam bedroht, und ohnedies schon durch die großen Anstrengungen auf dem Landtage im höchsten Grade angegriffen, wurde er von einem lange andauernden ner- rosen Kopfleide» befallen, in Betracht dessen ihm endlich die Negierung die crbetenePen- sionirung, jedoch nicht ohne bedeutende pecuniäre Verkümmerung für ihn, bewilligte. Im I. 1831 war er indeß so weit wicdcrheraestellt, daß er die auf ihn gefallene Wahl zum Abgeordneten des Amtes Schwetzingen annchmen konnte. Gebleichten Hauptes, aber durch den Umschwung der Zeit gleichsam verjüngt, nahm er an de» wichtigen und lange dauernden Verhandlungen dieses Landtags den lebhaftesten Antheil und gehörte seitdem auf allen Landtagen zu den Candidaten, welche die Kammer zur Präsidentenwürde vorschlug. In der Budgetcommission, zu deren Präsidenten er seit 1839 jederzeit gewählt wurde, suchte er mit Kraft und Einsicht in allen Zweigen des Staatshaushalts vernünftige Ersparnisse und Ordnung herbeizuführen, wie es seine desfallsigen umfassenden und belehrenden Berichte zeigen. Mit eigenthümlicher Gewandtheit brachte er die hannov. Verfassungsangelegenheiten zuerst in einer deutschen Ständeversammlung zur Sprache, was bald in allen deutschen Kammern übereinstimmenden Anklang fand. Das Verlangen nach einer Amnestie für die politischen Flüchtlinge in Baden, die Bitte um Wiedereinsetzung der Professoren Rotteck und Welcker, der Kampf für die freie Presse und für Einführung des Geschworenengerichts, die Opposition gegen die ministeriellen Wahlrescripte und gegen die Urlaubsverweigerung u. s. w. fanden an ihm den wärmsten, nachhaltigsten und entschiedensten Vertreter. Er ist vielleicht das größte parlamentarische Talent in Deutschland, unter den Vordersten in den Reihen des Liberalismus, jedoch mit Vorliebe bei den Gegenständen weilend, die praktischer und dem Volke verständlicher Natur sind, und dabei vom edelsten Politischen Charakter. Darum ist er auch nicht blos in Baden und dessen nähern Umgebung hochgeehrt und gefeiert, sondern Einer der Wenigen, auf die das gesammte deutsche Vaterland stolz zu sein ein Recht hat. Jvlza, im Alterthume LV»8»8, eine der Pythiusischen Inseln, zur span. Provinz Mallorca gehörig, mit einem Flächenraume von 8'/i mM., ist gebirgig, waldig, gut bewässert und fruchtbar an Öl, Wein und Südfrüchten. Die Einwohner, etwa 29,900 an der Zahl, wahrscheinlich von Phöniziern herstammend, welche von Karthago aus sich im 8- Jahrh. v. Ehr. daselbst ansicdelten, sprechen einen eigenen Dialekt, treiben Fischerei und Schifffahrt und bereiten viel Seesalz. Den Karthagern wurde die Insel von den Römern abgenommen; später setzten sich die Mauren darauf fest, bis sie 1233 durch König Jakobi, von Aragon vertrieben wurden. —- Die gleichnamige Hauptstadt der Insel mit 3099 E. und einer Kathedrale ist befestigt und hat eine» Seehafen. 37 * 580 Jvrea Iwan Jvröa, das alte k>»»e>>ia, eine feste Stadl mir 'ISA» E., einer Kathedrale, Mid einem Priesterscminar, ist zugleich die Hauptstadt der zur sardin. Obcrintendanj Turin gehörigen Provinz Jvrea, die auf 31^ lüM. >37,ooo E. zählt. Diese letztere entstand aus der Markgrafschaft Jvrea, welche Karl der Große nach Erobc- rung des Longobardenreichs daselbst gründete. Nach der Absetzung Karl des Dicke» im I. 887 standen die Markgrafen von I. unter Denen, die sich um die ilal. Königtkrom bewarben, mit oben an. Endlich gelang eS sogar dem Markgrafen Berengar >!., sich um 950 des Thrones zu bemächtigen, den er aber sehr bald wieder aufgeben mußte. Wie er, so behielten auch seincNachkommen, welche zugleich Herzoge in Burgund waren, dieMark- grafschaft I. bei, bis Kaiser Heinrich II. 1018 dieselbe den Söhnen des aufrührerischen Markgrafen Arduin wegnahm und dem Reiche einverleibte. Bei diesem blieb sie, bis >2t§ Kaiser Friedrich ll. den Grafen Thomas von Savoyen danüt belehnte, dessen Nachkommen sich auch, obgleich eine Zeitlang die Markgrafen von Montferrat Ansprüche darauf erhoben, in ihrem Besitze behauptet haben. Jvky, ein Marktflecken mit 800 E. an der Eure, im Bezirk Evreux des franz. Departement Eure, ist geschichtlich denkwürdig durch die Schlacht daselbst, in welcher König Heinrich IV. am 14. März >590 die liguisiischen Truppen des Herzogs von Mayemie uud den span. General Egmond besiegte. Iwan ist der Name mehrer russ. Großfürsten und Zare. — Iwan I. oder Kalita, 1328—40, Großfürst von Moskau, suchte, obgleich abhängig von den Tataren, über die andern russ. Fürsten sich zu erheben lind Moskau zur Hauptstadt Rußlands zu mache», was ihm zum Theil schon dadurch gelang, daß es statt Wladimir der Sitz des Metropoliten wurde. — Iwan II., l 353—59, der Sohn J.'s I., war weder den Streitigkeiten mit den andern russ. Fürsten, noch dem Kampfe mit den Lithauern gewachsen, die ihm große Länderstrecken am Dniepr entrissen. — Iwan III., als Zar Iwan I., Wasiljewitscb, 1462—>505, wird für den Begründer des russ. Zarrhums angesehen; er vereinigte nach > und nach die andern russ. Fürstenthümer, wie Twer, Moshaisk und Wologda, mit dem moskowitischen Großfürstenthum, unterwarf >478 das mächtige Now ogorod (s. d.), wo die der Hansa angehörenden Kaufleutc größtcntheils gemordet wurden, und befreite sich gänzlich von der Oberhoheit der Tataren, unter der Rußland so lange geschmachtet hatte, indem er die durch die Theilungen der Khanate Und Timur's Eroberungen herbeigeführtc Schwäche des Khans von Kaptschak klug benutzte. Jm J. >472 vermählte er sich mit Zoe, , einer Tochter des Thomas PaläologuS, Bruders des letzten byzant. Kaisers, durch welche - den europ. Sitten der Eingang nach Rußland geöffnet wurde und der zweiköpfige byzant. Adler in das russ Wappen kam. Er stellte zuerst Einheit und Untheilbarkcit des Reicks als Neichsgesetz auf und war der erste, der sich Zar von Großrußland nannte. — Iwan !!. , Wasiljewitsch, derSchreckliche genannt, 1533—84, that mehr für die Beförderung der Civilisation seines halbwilden Volks als alle seine Vorgänger, die er aber auch alle an Grausamkeit übertraf. Er zog deutsche Handwerker, Künstler und Gelehrte nach Rußland, legte die ersten Buchdruckereien an, begründete den Handel durch einen Vertrag mit der Königin Elisabeth, nachdem die Engländer den Seeweg nach Archangel gefunden hatten, und errichtete 1545 ein stehendes Heer, die Strelitzen (s. d,). Im 1.1552 eroberte erKasan und 1554 Astrachan; als er aber Licfland den Deutschen Rittern zu entreißen versuchte, , verbanden sich die Polen, Schweden und Dänen gegen ihn. VonStephan Bathoriss.d.) ! bedrängt, wendete sich I. an den Kaiser Rudolf II. und an Papst Gregor XIII. Letzterer, in derHoffnung, den Zar, welcher Hinneigung zur rom.-katholischen Kirche vorspiegelte, zu gewinnen, entsendete seinen Nuntius P o ssev in (s. d.), der 1582 zwischen Stephan Ba- thori und I. den Waffenstillstand zu Zapolya vermittelte, zufolge dessen I. sein Recht an Liefland abtrat. Gegen Nowogorod, dessen Freiheitssinn ihn aufbrachte, unternahm er 1570 einen Zug und mordete dort binnen sechs Wochen an ooooo Menschen. Nicht weniger wüthete er in Twer, Moskau und an andern Orten. Am Ende seiner Regierung unternahm Jermak (s. d.)seinen Zug nach Sibirien. — Iwan Alexjewitsch, Peter's I. Halbbruder, geb. 1663, gest. 1696, nahm, obgleich er 1682 Zar wurde, wegen Kränklichkeit und Blödsinn an der Negierung wenig und seit 1688 gar keinen Theil. — Iwan II>v Iw ein Iynr 581 zeb. am 24. Aug. 17 , dem Prinren huldigen, und als er selbst verbannt wurde, übernahmen die Älter» J.'s die Regentschaft. Doch schon am 7. Dec. >741 bemächtigte sich Peter's I. Tochter Elisabeth ss. d.) des Throns. Der junge I. wurde anfangs zu Jwanogrod bei Narwa gefangen gehalten; seine Älter» entließ man nach Deutschland; im1.1756 brachte man ibn auf die Festung Tchlüsselburg, dann an einige andere feste Orte und nach der Thronbesteigung Katharina's II. wieder nach Tchlüsselburg, wo man ihn in strengem Gewahrsam hielt. AlS hier Mirowitsch, ein Edelmann aus der Ukraine, der als Lieutenant bei der Besatzung in Schlüsselburg stand, mit Hülfe eines untergeschobenen Befehls der Kaiserin den Versuch machte, den Gefangenen zu befreien, wurde I. von den andern Offizieren, als sie sahen, daß Widerstand vergeblich sein würde, am 5. Dec. >764 ermordet, wozu sie im äußersten Falle durch einen Befehl der Kaiserin Elisabeth ermächtigt waren. Die Kapelle in Tchlüsselburg, wo man ihn begrub, wurde später zerstört. Zwei» heißt der Held einer bretoniscken, zum Sagenkreis von König Artus (s. d.) und der T afe lrunde (s. d.) gehörenden Sage, die im 12. Jahrh. der nordfranz. Trou- vere Chretien von Troyes in dem „b'lmcallm m, lion" bearbeitete, der dem deutschen Dichter Hartman» von Aue ss.d.) den Stoff ru seiner vollendetsten Erzählung „Jwcin" lieferte. Ein wälisches Märchen „Die Frau des Brunnens", das die Sage vom I. enthalt, aber selbst nicht die unmittelbare Quelle des franz. Gedichts ist, hat Lady Charlotte Guest im ersten Theile der „>Ii>l>i»»z>i<-»" sLond. >648) aus einer Handschrift des >4. Iahrh. in wälischer Sprache, LH. de la Villemarque in franz. Übersetzung nach einer Handschrift des 16. Jahrh. i)1 seinen „<ü>»>^ j><>j,»lairc5 >ie.<> aucien» Lretons" sBd. 2, Par. 1842) bekannt gemacht. Durch Ladn Guest, von deren Buch San-Marte sA. Schulz) einen Auszug in seiner „Arthursagc" (Qucdlinb. 1842) lieferte, ist auch am angeführten Orte zuerst das ganze Gedicht Chretien's, da? bis dahin nur in ungenügenden Auszügen der Franzosen und in der altengl. Übersetzung in Nitson's ,,/Lnoient englisk metricsl rv- mances" (Bd. I, 18N2) bekannt war, ans einer pariser Handschrift herausgegeben worden; ansehnliche Bruchstücke desselben aus einer vaticanischen Handschrift gibtA. Keller in „lü rauiims ,l<», ollevuliei MI I,->»,"(Tüb. I 8t I)und in seiner „Hünivart"(Manh. 1844). JrivN, König der Lapithen in Thessalien, einSohn des Phlegyas, oder des Leonteus, und ein Enkel des Periphas, eines Lohnes des Lapithas, welcher der Stammvater der La- pichen war, heirathete die Dia, des Deioneus Tochter, mit welcher er denPeirithous zeugte. Jupiter «erstattete ihm an der Götcertafel Thcil zu nehmen. Hier entbrannte er für Zuno; diese aber täuschte ihn, und er umarmte statt ihrer eine Wolke, aus welcher Umarmung die fabelhaften Centauren entsprungen sein sollen. Jupiter schleuderte ihn für diesen Frevel mit seinem Blitze in den Tartarus, wo er ihn mit Schlangen an ein Rad fesseln ließ, das vom Sturmwinde in ewigen Kreisen herumgetrieben wurde. Jylix, die Tochter des Pan und der Echo, die Dienerin der Jo, wurde von der Here in einen Vogel, den sogenannten Wendehals (Ivnx t»rcj»i1In), verwandelt, weil sie den Zeus zu dem Liebeshandel mit der Io verführt harte. Von dieser Zeit an war dieser Vogel, wie man glaubte, in Bezug auf die Liebe mir übernatürlichen Kräften begabt. Man gebrauchte ihn daher als Mittel, Jemand verliebt zu machen, indem man ihn mit Füßen und Flügeln auf ein vierspeichigeS Rad band und dieses unter Aussprcchung von Zauberformeln umdrehte. Auch die bildende Kunst brauchte I. als Symbol der Überredungskünste zur Liebe; auf Vasen und Gemme» hält häufig ein Jüngling diesen Vogel seinem Mädchen entgegen. 582 Jablonowsrr Jacht Jod. Aablouowski, eine fürstliche Familie in Polen, der mehre ausgezeichnete Männer LN- gehören. StanislawI. wurde, nachdem er sich im Kampfe gegen die Kosacken, Tata- rcnund Schweden hervorgcthan und dem Könige Johann Sobieski in der siegreichen Schlacht bei Choczim l «73 zur Seite gestanden hatte, > 682 Großhetman der Krone. Hochberühmt ist sein Rückzug aus der Bukowina, der, nachdem er sich hier 1685 mit dem poln. Heere gegen die weit überlegenen Heeresmassen der Türken und Tataren glücklich vertheidigt hatte, dasselbe aus sehr schwieriger Lage befreite. Er starb >702. — Jos. Alex. I., geb. am ! 4. Febr. 1712, wurde Wojewode von Nowogorod und erhielt 1733 die Würde eines dem. schen Reichsfürsten. Im Z. >768 verließ er nach dem Ausbruche der Unruhen sein Vaterland und wählte, nach mehren Reisen durch Frankreich und Italien, Leipzig zu seinem Aufenthalte, wo er am I. März 1777 starb. Ein Freund und Beförderer der Wissenschaften, legte er aufseinen Erbgütern, wieJablonow, reiche Sammlungen von Büchern, Münzen u. s. w. an; auch schrieb er selbst mehre poln., lat. und franz. Werke. Im I. 116; setzte er drei Preise für drei von ihm gestellte Aufgaben aus der poln. Geschichte, der Polin- schen Ökonomie, der Physik und Mathematik aus, deren erste Vertheilung durch die Naturforschende Gesellschaft in Danzig 1766 erfolgte. Da diese aber den Preis fürJ.'s Aufgabe, die Ankunft des Lech in Polen gründlicher als bisher zu erweisen, der Abhandlung Schlö- zer's zuerkannte, der das Dasein des Lech in das Reich der Fabeln verwies, was der Fürst als eine unstatthafte historische Ketzerei ansah und wogegen er die „Vinüicise I^ecbi ei Orecili" (Lpj. 1776, 3., neue Ausl. 1775) richtete, so entzog er jenerGesellschaftdie Preis- vertheilung und gründete > 768 in Leipzig die noch bestehende „Fürstlich Jablonowsti'sehe i Gesellschaft der Wissenschaften", die aber erst 1773 ins Leben trat. I. schenkte derselben ein bei der Kämmerei der Stadt Danzig stehendes Capital, von dessen Interessen sie drei goldene Preismedaillen mit dem Bildnisse des Fürsten, jede 23 Dukaten an Werth, prägen läßt und für die beste Beantwortung der drei aus de» genannten Fächern gewählten Fra- gen ertheilt. Da in Folge des Kriegs die Zinszahlung seit 1811 ausblieb, so wurde auch die Thätigkeit der Gesellschaft unterbrochen, bis im J. 1828 durch einen Vergleich die Sache wieder geordnet wurde. Vgl. ,,^cta 5ncietutis .lablonov." (6 Bde., Lpz. 1772—73, 3.) und „Nova sota 5ocietatis äudlnnov." (8 Bde., Lpz. 1862—32, 3.). — Die Familie I. blüht noch in Rußland und Ostreich. An der Spitze derselben steht der Fürst Anton I., geb. 1793. — Maxim. I., geb. 1783, ist russ. Geh. Rath und Großmeister des kaiserlichen Hofes; Ludw. I., geb. 1 783, östr. Wirklicher Geh. Rath, Oberstlandstallmeister und Oberstlandküchenmeister in Galizien und Lodomirien. Jablnnka, ein zu den teschener Kammergütern des Erzherzogs Karl gehöriges Städtchen, im teschener Kreise des östr. Herzogthums Schlesien, in rauhen Gebirgsgegenden der Karpaten gelegen, mit 2666 E., die sich von Leinwandfabrikation nähren, ist schlecht ge- baut und ärmlich, aber lebhaft und bedeutungsvoll wegen der Hauptstraße, die hier durch den sogenannten Jablunkapaß nach Ungarn führt. Die lM. südlich von dem Städtchen befindliche, kriegsgeschichtlich denkwürdige Schanze wurde 1531 errichtet, als Schlesien von den Türken, die fast ganz Ungarn überschwemmt hatten, bedroht war. Im Dreißigjährigen Kriege eroberte sie 1625 das mansfeldische Corps und hielt sich ein ganzes Jahr lang darin; 1635 aber bemächtigte sich ihrer der schweb. General Königsmark. Im ersten schles. Kriege nahm sie Friedrich der Große; im Siebenjährigen Kriege gerieth sie durch mehrmalige Bestürmung ganz in Verfall. Erst in neuerer Zeit hat man wieder mehr Gewicht auf dieses Bollwerk gelegt und es von neuem in guten Vertheidigungsstand gesetzt. Jacht nennt man ein einmastiges, verdecktes Fahrzeug, das vorzüglich von Engländern und Amerikanern, in der Ostsee unter dem Namen Erröe-Jacht von den Dänen gebraucht wird und sich durch schnelles Segeln auszeichnet. Man benutzt die Jacht häufig zum Uberbringen von Depeschen und nennt sie dann Postjacht; bei einer Flotte dienen zu gleichem ZweckdieAdvisjachten. Der königliche Iachtclnb in England ist eine Jack Jackson 58 Z Gesellschaft vornehmer Herren, die eine Menge herrlicher Svicliachten zum Vergnüge» unterhalten und, diese oft selbst bedienend, Wett- und Lustfahrten unternehmen; doch sind nicht alle dem Club gehörigen Schiffe eigentliche Jachten, sondern sogar zuweilen Fregatten in verjüngtem Maßstabe und neuerdings selbst Dampfschiffe, wiez.B.die königliche Lustjacht „Victoria und Albert". Jack Büdding, s. Hanswurst. Jackson (Andrew), Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika >82»— Z', würde am l t. März 1767 auf dem Landgute seiner aus Irland stammenden Altern unweit der Stadt Camden in Südcarolina geboren und zum geistlichen Stande bestimmt. Als aber die Engländer in die Provinz cinsielen, verließ er, 15 I. alt, die Schule und trat in die Reihen der freiwilligen Krieger. Nachdem er zwei seiner Brüder im Kampfe verloren hatte, sein Vater und bald darauf auch seine Mutter gestorben waren, trat er aus dem Kriegsdienste, widmete sich, l 7 I. alt, zu Salisbury der Rechtswissenschaft und begann 1788 seine Laufbahn als Sachwalter in Nordcarolina. Vier Jahre später zog ernachNash- »ille in Lennessee, wo er von seinen neuen Mitbürgern zum Procurator erwählt wurde und als Befehlshaber der Miliz mehrmals die Indianer von deu Grenzen zurückschlug. Als Tennessee in die Reihe der Staaten der Union trat, wurde er Mitglied des Bürgeraus- schuffes, der 1796 das Grundgesetz entwarf, bald nachher Repräsentant des neuen Staats bei dem Congresse und später Senator. Als indeß die politischen Grundsätze der Föderalisten das Übergewicht erlangten, legte er seine Stelle nieder, kehrte nach Tennessee zurück und wurde hier 1799 zum Oberrichter und Oberbefehlshaber der Miliz ernannt, zog sich jedoch nachher von allen Staatsgeschäften zurück. Er bewirthschaftete sein Landgut am Eumberlandflusse, als >812 bei dem Ausdrucke des Kriegs mit England der Congrcß ihm als Generalmajor den Oberbefehl über die Milizen anvertraute. An der Spitze von 2566 M. schiffte er den Mississippi hinab, um die Küste bei Neuorleans in Luisiana gegen einen etwaigen Angriff zu schützen; als aber ein solcher nicht stattfand, erhielt er den Befehl, nach Tennessee zurückzukehren und seine Truppen zu entlassen, wogegen er vergebens Vorstellungen machte. Kaum in Tennessee angelangt, fielen die von den Spaniern in Pensacola unterstützten Creek-Indianer in das Land ein, das sie mit Feuer und Schwert verwüsteten. I. sammelte rasch wieder seine Truppen, schlug sie gänzlich nach Florida zurück und bemächtigte sich sogar der Stadt Pcnsacola. Als einige Zeit darauf die Engländer Neuorleans in der That bedrohten, erhielt I. von neuem von dem Congreß den Befehl über die Linientruppcn. Bei seiner Ankunft in Neuorleans fand er weder Truppen, noch Waffen, noch Schießbedarf. Der größte Theil der Bewohner zeigte sich gleichgültig, ja sogar übelgesinnt und der Gesetzgebende Körper ohne Kraft und Willen. Unter diesen schwierigen Verhältnissen entwickelte I. die ganze Energie seines Charakters und seiner Thatigkeit. Durch strenges Eingreifen beseitigte er alle Hindernisse, sodaß er ein wohlgerüstetes Heer den Engländern entgegenstellte, als diese im Oct. >814 mit beinahe 5666 M. landeten. Obgleich er nur 2666 M. unter den Waffen hatte, griff er die Engländer sogleich mit Erfolg an, und als einige Monate darauf, nachdem sich beide Thcile verstärkt hatten, die weit überlegenen Feinde mit 16666 alten Kriegern, die in Spanien gedient halten, am 8. Jan. 1815 die Verschanzungen der Amerikaner zu erstürmen suchten, erlitten sie eine entscheidende Niederlage. Die willkürlichen Maßregeln jedoch, di« sich I. vor dem Siege durch Einführung des Kriegsgesctzes, durch Auflösung-der Gesetzgebenden Versammlung erlaubt hatte, zogen ihm später Verantwortung zu; ein durch ihn seiner Widersetzlichkeit wegen verbannter Richter trat als Kläger gegen ihn auf, und als I. dem erlassenen Verhaftsbcfehle sich entzog, wurde ihm eine hohe Geldbuße aufcrlcgt. In de» I. 1816 — 21 zeichnete er sich wieder in dem Kampfe gegen die Indianer aus ; doch sah er sich auch neuen Angriffen ausgcseht, als er zwei Engländer, welche die Indianer zum Kriege aufgereizt hatten, erschießen ließ. Nachdem er 1821 das von den Spaniern abgetretene Florida in Besitz genommen, zog er sich wieder in das Privatleben zurück. Schon >824 schlug ihn die Gesetzgebende Versammlung des Staates Tennessee zur Präsidentenwürde vor; auch erhielt er, besonders in den südlichen Staa- ten, eine bedeutende Stimmcnzahl; das Haus der Repräsentanten aber, dem damals, da 584 Jackson sich keine entschiedene Stimmenmehrheit ergeben hatte, verfassungsmäßig die Wahl zufiel, ^ ernannte J.'s Mitbewerber Quincy Adams (s. d.). Zn den nun folgenden Jahren rega > die Einführung des Zolltarifs, den die südlichen ackerbauenden Staaten ihrem Interesse nachthcilig fanden, ihren alten Widerstreit gegen die nördlichen heftiger auf, und cs wurde deshalb Alles aufgebotcn, die Wiedererwählung des Präsidenten Adams zu verhindern, während die Gegenpartei an J.'s frühere Gewaltschritte erinnerte und ihn leidenschaftlich angriff. Die demokratische Partei, welche die Rechte der einzelnen Staaten gegen die Fö- deralregierung verfocht, siegte, und I., der sich schon früher für die reinen Demokraten n- klärt hatte, wurde >828 zum Präsidenten erwählt. Nach dem Antritte seiner Würde am Marz >82!) besetzte er die höhern Verwaltungsstellen mit tüchtigen Geschäftsmännern; er hielt sich über den Parteien, und während er in der Verwaltung des Innern Mäßigung zeigte, suchte er in den auswärtigen Verhältnissen den Frieden zu erhalten und die Aus. > breitung des amerikan. Handels nach den Grundsätzen einer freisinnigen Politik zu befer- ' dem. Er machte das demokratische Princip der freien Wahlen geltend und wünschte durch Gesetz die Dauer aller Staatsämter auf vier Jahre beschränkt zu sehen. Die Opposition vermied cS, im Congreffe gegen den Präsidenten aufzutreten, und erst 1831 begann wieder ein offener Kampf der Parteien, dem die wichtigen Fragen über die Fortdauer der Bank, l über den Zolltarif und über die Zwistigkeiten mit den Indianer», die nach J.'s Vorschläge ! seit 183» immer mehr auf das rechte Ufer des Mississippi gedrängt wurden, neueNahrung gaben. Während nun die Partei des Präsidenten und seine Gegner immer erbitterter sich > anfcindetc», brach im Sommer l 832 die Widersetzlichkeit gegen den Zolltarif besonders in l Südcarolina mit einer Heftigkeit aus, die dem Frieden der Union gefährlich zu werden schien. In dieser verwickelten Lage der öffentlichen Angelegenheiten, wo nur eine kräftige Hand die Verwaltung glücklich zu leiten vermochte, wurde I. 1832 nochmals auf vier Jahre zum Präsidenten gewählt. Er erließ gegen Südcarolina, das durch die Drohung > sich von der Union zu trennen, die Aufhebung des Tarifs erzwingen wollte, einen Aufruf , der Kraft und Würde mit Versöhnlichkeit verband, und machte zu gleicher Zeit kriegerische i Rüstungen, dem Gesetze Achtung zu verschaffen. Als diese Gefahr durch die Ermäßigung des Tarifs abgewendet war, führten die Angelegenheiten der Vereinigten Staatenbank zu neuen Verwickelungen. I. hatte schon früher seine Abneigung gegen diese Anstalt verra< thcn und dem Beschlüsse des Congresses, welcher >832 für die Erneuerung des Privile- giums derselben entschied, sein Veto entgegengesetzt, weil ihr Vorrecht ein Monopol sei und der nachtheilige Einfluß einer durch sie begründeten Geldaristokratie unterdrückt werden müsse. Jetzt ging er in seinen Maßregeln gegen die Bank immer weiter; er ließ die bei ihr nicdergclcgten Staatsgeldcr zurückziehen, indem er Zweifel gegen die Sicherheit der Anstalt erweckte, und erließ im Dec. l 833 eine Botschaft an den Congreß, worin er sein Verfahre» durch die Beschuldigung rechtfertigen wollte, daß die Bank durch Benutzung ihrer Geldmittel sich einen ungebührlichen Einfluß auf die Wahlen zu verschaffen gesucht und dem Finanzintercsse nachtheilige Schritte gethan habe, um die zur Tilgung der öffentlichen Schuld bestimmten Staatsgelder länger zu ihrer Verfügung zu behalten. Diese Maßregeln erregten einen heftigen Kampf zwischen dem Präsidenten und den Bankmännern, der um so lebhafter und allgemeiner wurde, da nun die Bank sich bewogen sah, die Begünstigungen und Erleichterungen, womit sie früher in allen Staaten den Verkehr unterstützt ^ hatte, zu beschränken. Diese Hemmungen erweckten auch Parteien unter dem Volke, während der Präsident über diese Streitfrage mit dem Senat zerfiel, der, auf die Seite der Bank tretend, ihn einer verfassungswidrigen Eewaltanmaßung beschuldigte, und die heftigsten persönlichen Angriffe gegen ihn machte, wogegen die Mehrheit des Hauses der Repräsentanten J.'s Verfahren billigte. I. erließ im Apr. >833 an den Senat eine Verwahrung, worin er den Vorwurf der VcrfassungSverletzung auf dessen Beschlüsse wälzte, und seine im Kampfe für die Freiheit bewährte Vaterlandsliebe und seine Uneigennützigkeit m der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten mit kräftiger Beredtsamkeit geltend zu machen wußte. In einigen Staaten kam es zwar zwischen der Bankpartei und J.'s Anhängern zu offenem Kampfe, aber durch seine Beharrlichkeit, seinen gesetzlichen Gang und bei der Unterstützung, die I. unter den kleinen Grundeigenkhümern und der arbeitenden 585 Jack Iacobäa Classe fand, wußte er sich fortwährend gegen seine mächtigen Gegner zn behaupten. Dem ^ Handel Amerikas schlug er allerdings durch seine mit Energie durchgeführtc Maßregel unendliche Wunden, und die dadurch veranlaßte Einstellung der Zahlungen in vielen Staaten erschütterte den Credit gewaltig; allein sie war durchaus nöthig, um den übertriebenen Spekulationen der Geldaristokratie ein Ziel zu sehen, den ackerbautreibenden Staaten aufzuhelfen und die demokratischen Institutionen vor gefährlicher Beeinträchtigung von Sei- ten des immer weiter um sich greifenden Handelsgcistcs zu schützen. Daß indeß I. unter den obwaltenden Verhältnissen bei der erneuerten Präsidentenwahl im Z. 1840 unterlag, war sehr natürlich. Sein Nachfolger wurde 1841 Harrison (s. d.), der indeß wenige Wochen nach seinem Negierungsantrittc starb, worauf der Vicepräsident Tyler den Prä- sidentenstuhl bestieg. I. aber lebte seit seinem Rücktritte in großer Zurückgezogenheit und wiederholt schon wurde das Gerücht von seinem Tode verbreitet. Vgl. Warden, „Kotice biogruplütjiie s»r le 3." (Par. I 829). Jäck (Heinr. Joach.), Bibliothekar zu Bamberg, geb. daselbst am 3». Oct. 1777, wurde 1803 bei der centralisirten Bibliothek des ehemaligen Fürstenthums Bamberg angestellt, über die er seit 1815 die Aufsicht allein führt und um deren Aufstellung, Ordnung und Bereicherung er sich große Verdienste erworben hat. Auch lieferte er eine „Vollständige Beschreibung der Bibliothek zu Bamberg" (4 Bde., Nürnb. >831 —3-1) und „Alpha- bete und ganze Schristmuster vom 8.— io. Jahrh. aus den Handschriften der Bibliothek zu Bamberg" (i Hefte, Lp;. >833—36, Fol.). Mit Jos. Heller (s. d.) besuchte er die ansehnlichsten Bibliotheken Deutschlands, der Schweiz, Frankreichs, Englands und der Niederlande, über deren Mehrzahl er in der „Reise nach Wien, Triest, Venedig, Verona und Innsbruck" (4 Bde., Wenn, l 822—2-t) und in der „Reise durch Frankreich, Eng- land und die beiden Niederlande" (2 Bde, Weim. >826) berichtete. Seine Vorliebe für Reisebcschrcibungen beurkundete er auch in der grüßtentheils von ihm selbst bearbeiteten , und sehr verbreiteten „Taschcnbibliothek der wichtigsten und interessantesten See- und > Landreisen" (87 Bändch., Nürnb- > 827—36). Von seinen Forschungen in der Spccial- geschichte seines Vaterlandes zcngendie„GeschichteBambergs"(4Bde.,Bamb. 1806—9), „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte Bambergs" (Bamb. >811 ; 2.Ausl., 1820), „Bamberg und dessen Umgebungen" (ein Taschenbuch, 3 Jahrg., Erlang. <812—19), „Pantheon der Literatur Bambergs" (7 Hefte, Erlang. 1812—15, -t.), „Pantheon der Literaten und Künstler Bambergs" (2 Bde., Erlang., dann Bamb. 1822—25) und „Zweites Pantheon der Literaten und Künstler Bambergs" (Bamb. > 8-13; 2.Aufl., l 8-1-1), „Bamberg. Jahrbücher von 7-11 —1833" (5 Bde., Bamb. 1829—34), „Der Ober-Mainkreis, historisch, statistisch») topographisch und geographisch beschrieben" (6 Hefte, Augsb. >829— 39) und die „Neueste Kunde des Königreichs Baicrn", welche den 13. Band der „Allge- meinen Länder - und Völkerkunde" (Weim. 1820) bildet. Außerdem erwähnen wir noch seine „Betrachtungen über ständische Mediatisirte, Edelleute und Gutsbesitzer" (Augsb. >818), „Wahres Bild der Klöster" (2 Bde., Bamb. >826—27) und „Galerie der Klö- ster Deutschlands" (2 Bde., Nürnb. >831—32). Jacob (P. L.), Ijiblinpliilo, s. 8 a croix (Paul). Iacobäa von Holland, die Erbtochter.Wilhclm's VI., Grafen von Holland uudHcn- ^ »egau, geb. 1400, kam nach dem Tode ihres Vaters im I. 1417 als Witwe des Dauphins von Frankreich in Besitz von Holland und Hennegau, zu einer Zeit, wo jene Lander durch zwei Parteien, dieHoeks (s. d.) und die Kabeljaus, in die grauenvollste Zerrüttung versetzt waren. Auf Anstiften der Erstern vermählte sie sich mit dem Herzog Johann von Brabant, trennte sich jedoch bald, angeblich wegen zu naher Verwandtschaft, wieder von ihm und verband sich mit dem Herzog Humphrey von Gloucester. Der verstoßene Gemahl . machte ihr nun mit seinem Anhänge Holland streitig, und als er plötzlich gestorben, suchte ihr Vetter, Philipp der Gute von Burgund, vermeintliche Erbansprüche darauf geltend zu I machen. Nach langen Zwistigkeiten sah sich I. zu einem Vergleiche genöthigt, in welchem sie sich gegen Anerkennung ihres Erbrechts verpflichtete, nicht ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund eine neue Ehe einzug'rhen. Glcichwol vermählte sie sich, nachdem ihre Ehe mit dem Herzog von Gloucester vom Papste gelöst war, heimlich mit einem Edelmann, 586 Jacob! (Friedr. Hcinr.) Franko von Borsele. Kaum hatte der Herzog Philipp davon Kunde erhalten, so ließ er auch Franko von Borsele gefangen nehmen. Diesem das Leben ru retten, mußte nun I. 1433 ihrem habsüchtigen Vetter ihre Lander abtreren, welche von nun an mit dem bur- gund. Gebiete vereinigt wurden. Aus Gram über so viel Mißgeschick starb I. im 1.1tZs. Wenn auch oft leichtsinnig, erscheint sie doch immer als ein edles, bcdauernswerthes Weib. Jacob! (Kriedr. Hcinr.), einer der geistreichsten Pbilosophen, gcb. zu Düsseldorf am 23. Jan. 1743, wurde von seinem Vater, der ein wohlhabender Kaufmann war, ebenfalls für den Kaufmannsstand bestimmt. Frühzeitig zeigte sich jedoch bei ihm ein inniges reli giöscs Bedürfnifi, das ihm, als er im I 6. Jahre als Lebrling nach Frankfurt kam, manchen Spott zuzog. In Genf, wohin er bald nachher ging und sich drei Jahre aufhielt, gewann er durch Umgang, Unterricht und Lecture der bessern Erzeugnisse der franz. Literatur eine solche Liebe zu wissenschaftlicher Beschäftigung, daß er nur mit schwerem Herren in seine Vaterstadt zurückkchrte, um des Vaters Handlung zu übernehmen. Ein günstiges Geschick wählte ihm durch seines Vaters Hand eine mit allem Reichthum des Geistes und Körper? geschmückte Gattin, Betty von Clcrmont, aus Vaels bei Aachen. Nachdem er mehre Jabre das Handelsgeschäft getrieben, ohne der Beschäftigung mit der Literatur untreu zu werden, und mit vielen ausgezeichneten Personen seiner Zeit in Berührung gekommen war, wurde er durch Vermittelung des Grafen von Goltstein zum Mitgliede der Hvfkammcr ernannt, sodaß er sich nun des Handelsgeschäfts entledigt sah. Durch seinen älter« Bruder wurde er mit Wieland bekannt; noch mehr aber wirkte Goethe auf ihn ein. Ungeachtet er 177«, in den Besitz des ansehnlichen Vermögens seiner Frau gelangte, gab er doch sein Amt nickt auf; vielmehr folgte er 1779 einem Rufe nach München, wo er Geh. Rath wurde. Zwar siel er hier dadurch, daß er die Schädlichkeit des bair. Mauthweseus offen darlegte, bald in Ungnade; doch blieb deshalb sein Wirkungskreis unverändert. Erst als schwere Krankheit und der Tod seiner geliebten Gattin sein Glück unterbrachen, widmete er sich mehr der wissenschaftlichen Betrachtung. In Folge der immer weiter in Deutschland sich verbreitende» Bewegungen der franz. Revolution ging er 17!»1 nach Holstein und hielt sich dann bald in Wandsbeck und Hamburg, bald in Eutin auf, bis er 1864 einen Ruf an die neu zu bildende Akademie der Wissenschaften in München erhielt, zu dessen Annahme er um so mehr ge- nöthigt war, da die Unternehmungen eines Schwagers ihm einen beträchtlichen Theil seines Vermögens gekostet hatten. Im I. 1807 wurde er Präsident der Akademie, legte aber diese Stelle 1813 mit Beibehaltung seines Gehalts nieder und starb am I". März >8>" Unter seinen Schriften sind hervorzuheben: „Woldemar" (2 Bde., Flensb. 17!>S; Ausg. letzter Hand, Lpz. 1826); „Eduard Alwill's Briefsammlung" (Bresl. 1781; Ausg. letzter Hand, Lpz. > 826); „Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Mendelssohn" (BreSl. 178 »; neue Aust. 178!»), „Dav. Hume über den Glauben, oder Idealismus und Realismus" (Bresl. 1787) und das „Sendschreiben an Fichte" (Hamb. 17!»!»). Als Dicktet zeichnete sich I. aus durch kräftige Darstellung, treffliche Schilderung der Natur und de? menschlichen Herzens, einen lebendigen, geistreichen, kühnen und doch sichern Ausdruck; als Philosoph durch Wärme des religiösen Gefühls, verbunden mit der Eigenthümlichkcil und Schönheit der Darstellung. Gleichwol gibt cs nicht leicht einen Schriftsteller, übci welchen gleich verschiedenartig geurthcilk worden wäre. Der Grund davon liegt in der Persönlichkeit J.'s, ohne deren Kenntniß in der That fast alle seine Schriften unverständlich sind. Große Verdienste erwarb er sich um die Philosophie durch seine Polemik, worin er die Lücken, die Willkür und die in seinen Augen verderblichen Folgen der herrschenden Denkart des Zeitalters mit kritischem Geist und mit großer Beredtsamkeit aufdcckte. Allein zu einer fcstbegründeten und durchgeführten philosophische» Weltansicht fehlte es ihm strenger Konsequenz, Methode und vor Allem an eigentlich productivem Scharfsinn. Wie dem äußern Sinne die Außenwelt, so offenbare sich uns das.Göttliche, behauptete er, durch den Glauben, oder, wie er später sich ausdrücktc, durch die Vernunft. Diese Offenbarung sei ein unmittelbares Bewußtsein; alles Wissen (des Verstandes) nur ein Wissen aus der zweiten Hand. Diese Offenbarung oder Vernunftanschauung soll sogar von einem persönlichen Schöpfergotte sprechen. Allein diese Idee ist ohne Zweifel erst durch Entwickelung des Denkens zu gewinnen, gegen welche Entwickelung, wenigstens als wissenschaftliche, mi be de tr» D ru E h- S wi de ; V er in in S B de be st A . A ' 4. g- st tii F be st vi ? th d: ei 4 ,v > h> > ei di h> st le n n ei u » 587 Jacobi (Ivb. Georg) Jacobi (Jak. mit einer an Wisscnschaftshaß greinenden Schärfe polemisirte. Es war natürlich, daß I. bei dieser cigenthümlichen Denkart nicht leicht der Schüler eines andern Philosophen werden, sondern den Philosovhcn seines Zeitalters mir als polcmistrendcr Kritiker gegcnübcr- treten konnte. In dieses Vcrhältniß kam er mit Mendelssohn, Kant, Fichte und Schilling. Die mit dem Letzter« durch J/s Schrift „Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung" (Lpz. I8II; 2. Aufl., >822) vcranlaßte Streitigkeit wurde zum Theil mit großer Erbitterung geführt. Nichtsdestoweniger gebührt ihm der Rang unter den edelsten Wahr- heitsforschcrn, eine edle, religiöse Denkart bleibt ihm unbestritten; ja manche ticfgefundene Schätze, die er aus seinem innersten Leben zu Tage förderte, gehören zu dem reinsten Gewinn des Wahren und Guten. An seine „Werke" (6 Bde., Lp;. >812—24) schließt sich der von Fr. Roth heransgegebene „Auserlesene Briefwechsel" (2 Bde., Lp;. 1825—27). ! Vgl. Schlichtegroll, Weiller und Thiersch, „Friedr. Heinr. I. nach seinem Leben, Lehren ^ und Wirken" (Münch. > 819) und Kuhn, „I. und diePhilosophie seiner Zeit"(Mainz 1834). Jacobi (Joh. Georg), ein anmuthsvoller deutscher Dichter, der ältere Bruder des Vorigen, geb. am 2. Dec. 1749 zu Düsseldorf, studirte seit 1758 in Eöttingen, und als > ihn die Kriegsunruhen von hier vertrieben, ein Jahr lang in Helmstedt Theologie, worauf ! er wieder nach Göttingcn zurückkehrte. Als der Professor Klotz, niit dem er in Göttingcn in freundschaftlichem Verkehr lebte, nach Halle berufen wurde, erhielt er durch dessen Vermittelung ebenfalls einen Ruf dahin als Professor der Philosophie und Bercdtsamkcit. Seine „Poetischen Versuche" (Düsseld. 1761) brachten ihn 1766 mit Gleim in persönliche Bekanntschaft, die für sein Leben entscheidend war; denn Gleim war es, der das Gefühl des Dichterberufs in ihm erweckte und nährte und ihm 1769 zu einem Kanonikat in Hat- berstadt verhalf, wo Beide mehre glückliche Jahre miteinander verlebten. Im I. 1784 folgte er einem Rufe Joscph's II. nach Freiburg im Breisgau als Professor der schönen Wissenschaften. Nachdem er noch eine zweite vermehrte Ausgabe seiner „Sämmtlichen Werke" (7 Bde., Zür. >897—13; neueste Aust., 4 Bde., 1825) besorgt hatte, starb er am > 1. Jan. 181 -1. Er hatte sich nach franz. Dichtern, insbesondere nach Gresset und Chaulieu gebildet, und erst in seinen später» Jahren erhob er sich von der tändelnden Weichheit seiner früher» Gedichte zu männlich-kräftigerer Empfindung. Zum Nachtheil eines bessern, kräf- tigen Geschmacks wurde er von seiner Zeit überschätzt. Seine Biographie lieferte sein Freund Jos. Albr. von Jttner (Zür. 1825). Jacobi (Jak.), ordentlicher Professor der Mathematik an der Universität zu Königsberg, geb. 1894 als der Sohn eines Kaufmanns zu Potsdam, erhielt de» ersten wissenschaftlichen Unterricht in dem dasigen Gymnasium und bezog in keinem 17. Jahre die Universität zu Berlin, wo er seine Studien anfangs zwischen Mathematik, Philosophie und Philologie theilte. Sein ausgezeichnet klarer Geist, sein scharfes und tiefeindringendes Ur- theil, ließen ihn bald das Fach erkennen, welches den Beruf seines Lebens bilden sollte und das er bereits mit so großartigen und glänzenden Untersuchungen bereichert hat. Nachdem er sich >824 als Privatdocent bei der Universität habilitirt, wurde er im folgenden Jahre auf Hegel's Empfehlung als Lehrer der Mathematik an die Universität nach Königsberg gesendet, -vo er 1827 eine außerordentliche und 1829 die ordentliche Professur der Mathematik erhielt. Wie selten auch für die Mathematik neben gründlicher und umfassender Wissenschaft ein klarer Lehrvortrag angetroffen werden mag, der den Zuhörer zu fesseln und mit sich in die höhcrn Regionen seines Fachs zu erheben vermag, so vereinigt doch I. Beides in einem hohen Grade. Als Schriftsteller hat er sich durch seine ausgezeichneten Leistungen zur Lösung der höher« Gleichungen, für die schwierigsten Aufgaben der Differential - und Integral-Rechnung und für andere Thcile der höher» Mathematik, welche er vorzugsweise in lat. Sprache theils in besondern Werken, wie die „kiiixlninenti, nnv»e tiieni-iu« kuncti»- nnm ellipticsruin" (Königsb. 1829, 4.), theils in zahlreichen Beiträgen in Crelle's „Journal für die reine und angewandte Mathematik", theils in den „Abhandlungen" der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin nicdcrlcgte, einen wohlverdienten Ruf im Jn- und Auslande erworben. In noch weitern Kreisen wurde er seit > 836 als Erfinder der Galvanoplastik (s. d.) bekannt. Ein besonderes Verdienst um die Universität zu Königsberg 588 Jacobs erwarb er sich in Verbindung mit dem Professor Neumann durch die Bildung eines mache- matisch-physikalischen Seminars, welches zu einem königlichen Institut erhoben worden ist Jacobs (Christian Friedrich Will).), einer der geschmackvollsten Alterthumsken- ner und vorzüglichsten Humanisten der neuesten Zeit, ebenso ausgezeichnet als erzählender Schriftsteller und Übersetzer, stammt aus einer alten Holstein. Familie, die später sich nach Thüringen wendete, und wurde zu Gotha, wo sein Vater als Sachwalter lebte, am «i.Oct. I 76 l geboren. Von dem Gymnasium seiner Vaterstadt, dem er > 777 übergeben wurde, kam er 1781 ans die Universität zu Jena, wo er in der Philologie Schütz, in der Theologie Griesbach hörte und mit Manch und Huschke ein enges Freundschaftsbündniß knüpfte. Nach Verlauf von zwei Jahren kehrte er in dao väterliche Hans rurück, nach seinem eigenen Geständniß „reicher an Erfahrung als an Wissenschaft", beschäftigte sich dort die Wintermonate hindurch mit der Leccure der griech. Classiker und begab sich im Mai I78t, durch Heyne's Ruf veranlaßt, nach Göttingen, wo er sehr bald in das philologische Seminar ausgenommen wurde und seine weitern Studien eine entschiedene Richtung nahmen. Schon ein Jahr darauf erhielt er eine Lchrerstelle an dem Gnnmasium zu Gotha, wo er nun neben andern literarischen Arbeiten den Plan ;u einer neuen Bearbeitung der griech. Anthologie, den er später so herrlick ausführte, ernstlich vorbereitete. Wiederholte Rufe an auswärtige Schulen und Universitäten, die er ablchnte, gaben die Veranlassung, daß er 1862 zugleich eine Anstellung bei der öffentlichen Bibliothek erhielt. In dieser doppelte» Beschäftigung, an der Schule und Bibliothek, lebte I. äußerst glücklich, bis er >867 dem Rufe nach München als Lehrer der alten Literatur gm Lvccuni und Mitglied der neu or- ganisirten Akademie der Wissenschaften folgte. Mit diesem Schritte begann für ihn eine trübe und unruhige Zukunft; denn schon ein Jahr darauf wigte sich dort Mietrauen nnd Gehässigkeit gegen die Ausländer und die politiscken Kämpfe, welche damals Baiern bewegten, riefen auch in dem Kreise von wissenschaftlick gebildeten Männern gegenseitige Verdächtigungen und Anfeindungen hervor. Aus dem Sturme dieser leidenschaftliche» Befehdungen rettete I. den Namen eines Biedermanns. Von Freund und Feind gleich geachtet, verließ er gegen Ende des I. 1819 München, um, nachdem er mehre andere vortheil- hafte Anerbietungen aus fernen Ländern ausgeschlagen hatte, in seiner Geburtsstadt Gotha die Stelle als Oberbibliothekar und Direktor des Münzeabinets zu übernehmen. Hier wirkte er nun eine lange Reihe von Jahren, selbst noch als Jubelgreis, mit rastloser Lhätigkcit, gefällig und wohlwollend gegen Alle, die sich ihm nabten; hier wirkt er noch gegenwärtig, nachdem man seinem hohen Alter die verdiente Ruhe und Erquickung nach langer Arbeit gegönnt, durch Rath, Erfahrung und Beistand, noch immer begeistert für die Wissenschaft, in der er längst die Meisterschaft errungen. Wie als Mensch, Familienoberhaupt und Beamter, ebenso gibt I. namentlich auch als Gelehrter ein musterhaftes Bild der Nachah- mung, da er der Älterthumswissrnschast, deren verschiedenste Zweige er mit Glück bearbeitete und förderte, stets nur die edelste Seite abzugewinnen und sie so in der gebildeten Well als Gemeingut cinzuführen gewußt hat, während er auf der andern Seite bei der gewaltigen Währung in dieser Wissenschaft, welche in die Zeit seiner vollen Thätigkcit fiel, von jeder Parteiung und niedriger Streitsucht fern geblieben ist. Die außerordentliche Productirität seines Geistes zeigt sich in einer langen Reihe von Sckriften des mannichfaltigsten Inhalts, in denen ohne Ausnahme Correctheit und Eleganz des Stils, Gründlichkeit und Gesckmack wetteifern. Unter den literarischen Erzeugnissen, die zunächst auf Kritik und Erklärung dcr Alten sich beziehen, nennen wir die „,4niin->liver?im,es in L„rij,i); „Lmenclationes in ^ntkoloKisin grsec." (Lp;. >7!>!i); „bunenclatwnes criticue in scri- 1 >t»res vsteres" (2 Bdk., Lpz. >766 — 67); „.^«Iclitamenln .-iniiiiaiiversionum i» ^tbe- naeum" (Jena >869); „Ii,ectl»no« 8tc>1x>„«^" (Jena 1827); unter den Ausgaben die der „^nletminericn" des Tzetzes (Lpz. >796), des Bion und Moschus (Gotha 1795), der „^ntboloAia graeca" (13 Bde., Lpz. 1794—>814), die er nachher aus der einzigen Handschrift, die sich erhalten hat, unter dem Titel „^ntlioloKia Ai-aec» a«I tickem cnckcis Vaticani eckla" (4 Bde., Lpz. 1813— 17) verbessert herausgab; ferner des „Achilles Ta- tius" (2 Bde., Lpz. 1821), die mit Welcker zugleich veranstaltete Bearbeitung von „Lim jostrstorum imagine» etOallistrati statuao" (Lpz. 1825), den „veiectus epißr-umilstum Zaconnets Jacotots 589 grueo." (Gotha l 826) und die Ausgabe des Älianus „De „uturu animulium" (2 Bde., ^ Jena 1832). Von den Übersetzungen nenne» wir die deö Vellejus (Lp;. >793), der ^ „Athenicnsischen Briefes aus dem Englischen mit Anmerkungen (2 Bde., Lp;. > 799- ^ > 180«), eine Sammlung gelungener Übertragungen der gricch. Anthologie unter dem Titel ch ^ „Teiupe" (2 Bde., Lvz. I 8«3) und des Demosthenes „Staatsreden und Rede für die t, Krone" (Lp;, l 895,; 2. sehr verb. Aust-, 1833); auch lieferte er in der von Ostander und x, Schwab in Stuttgart besorgten Bibliothek deutscher Übersetzungen der griech. Prosaiker k ken Longus und Philostratus und ein;elne Stücke in der von N. Klotz begonnenen deutschen Übersetzung von Cicero's Werken (2 Bde., Lp;. 1849 — 41). Außerdem fin- dcn sich namhafte Beiträge von ihm in der „Bibliothek der alten Literatur und Kunst", in ii dcn als „Nachträge ;u Sulzer's Theorie der schönen Wissenschaften" erschienenen „Cha- ratteren der Dichter aller Nationen" (7 Bde., Lp;. 1793—1893), in Wieland's „Attischen, Museum", in Wolfs „Literarischen Analektcn" und in vielen andern gelehrten Zeitschrif- , ten, die dcn scharfsinnigen Kritiker und sinnvollen Ausleger des alterthümlichen Geistes be- r währen. Auch gehören hierher seine „Beiträge zur altern Literatur oder Merkwürdigkeiten der öffentlichen Bibliothek zu Gotha" (3 Bde., Lpr. 1835 ,— 43). Seine Reden und Ab- t Handlungen über Gegenstände des klassischen Alterthums u. s. w. sind von ihm selbst geord- r net und zum Theil mit vielen neuen Zugaben bereichert als „Vermischte Schriften" (Bd. „ 1—3, Gotha 1823—24; Bd. 4—8, Lp;. 1829 —44) herausgegeben worden. Uni den >i fruchtbringenden Unterricht in der griech. Sprache erwarb er sich ein wesentliches Verdienst durch sein »och jetzt weit verbreitetes, durch treffliche Methode ausgezeichnetes „Elcmentar- , buch der griech. Sprache" (4 Bde., Jena 1895 fg.), welches vielfach aufgelegt, von den d Brrfassern ähnlicher Bücher ausgebeutet und öfter nachgedruckt worden ist. Endlich sind auch seine belletristischen Schriften, die schönsten Früchte seiner humanistischen Studien, wie c „Alwin und Tbeodor", „Rosaliens Nachlaß", die „Auswahl aus den Papieren eines Un- genannten", die „Feierabende in Mainau", „Dic beiden Marien" u. s. w. hinsichtlich des b i reinen Sinnes und der lebendigen Schilderungen der verschiedenen Charaktere und Verhältnisse, den besten ibrer Gattung in der dcrttschen Literatur beizuzählen. Die meisten der- a selben nebst vielen andern erschienen gesammelt unter dem Titel „Schriften für die Jugend" l (.iBde., Lpr. 1842—4 I); „Erzählungen" (7 Bde., >824—37); „Ährenlese aus dem Tagebuche des Pfarrers zu Mainau" (2 Bde., > 823—25) und in der „Schule für Frauen" (7Bde.,Lpz. I827fg.). EinentreuenAbrißseinesLebcnsgabJ.selbst inden„Personalien" t (8pz. 1849), welche den siebenten Band der „Vermischten Schriften" bilden. Den hohen Werth seiner Verdienste hat das In- und Ausland auch dadurch äußerlich anzucrkennen ge- d sucht, daß er von seinem Landesfürsten zum Geh. Hofrath ernannt, und von den bedeutendste» Akademien und gelehrten Gesellschaften als Mitglied ausgenommen wurde. i< Jaconnets, Jacquets oder Jaquenettes sind eine Gattung baumwollener, l meist glatter, selten gestreifterMusline, gewebt aus Garn Nr. 89—>2» mit 2590—3599 i> Fäden auf die Elle. r Jacötot (Jos.), bekannt durch seine Methode des Universalunterrichts, wurde zu t Dijon geboren und in der Polytechnischen Schule zu Paris gebildet. Nach beendeten !, Rechtsstudien fing er an als Advocat zu prakticiren, wurde dann Professor der Humani- k ; tälswiffenschaften, hierauf Capital» der Artillerie, später Secretair im Kriegsministerium r und, nachdem er einige Zeit Substitut des Direktors der Polytechnischen Schule und Pro- ; stffor der Mathematik gewesen, als Professor der franz. Sprache und Literatur nach Löwen berufen. Hier führte er jeit >818 seine Methode des Universalunterrichts ins Leben ein, nachdem er 39 Jahre lang nach der alten, ihm verkehrt erscheinenden Methode unterrichtet e hatte. Er ging dabei von den Grundsätzen aus: „Alle Menschen haben gleiche Intelligenz, > gleichen Verstand", und „Alles ist in Allem". Ersterer klingt allerdings sehr paradox und i »regte deshalb lebhaften Widerspruch; doch I. wollte damit nicht sagen, daß alle Menschen , I >hren Verstand gleichmäßig ausgebildet, sondern nur, daß alle gleiche Anlagen hätten und - ' befähigt seien, durch Entwickelung sich gleichmäßig auszubilden; der andere aber läuft auf pantheistische Ansichten hinaus. Seine Methode hat, wie Pestalozzi's Methode, den > Zweck, den Geist in Thätigkeit zu sehen, die Kraft desselben zur andern Natur des Men- 59N Jacquenliuot Zacquerie schen zu mache» und so de» Geist zur Herrschaft über Alles zu erhebe», was au und um den Menschen äußere, materielle Natur ist. Als unerläßliche Bedingung aber, jene Herrschaft de« Geistes zu erreichen, betrachtet er die Selbstüberwindung. In Beziehung auf den Unter- rieht, das Lernen, das Erwerben von Kentnisscn, das Erkennen und die Einsicht in das Wesen der menschlichen und natürlichen Dinge, die durch die Erfahrung geboten werden, stellt er die unausgesetzte Übung und Stärkung des Gedächtnisses an die Spitze. Der Sprachunterricht ist in seiner Methode am weitesten entwickele. Es wird bei demselben vom Satze ausgcgange» und der Schüler zuerst angelcitct, die vorgesagten Worte nachzuspre- chcn und zu memoriren, sodann durch immer weiter gehende Analyse das Einzelne anfzn- sasscn. Durch stufenweise sich steigernde Übungen gelangt der Schüler nach und nach dahin, das Lescstück in jeder Beziehung zu verstehe» und nachzubilden, zuerst an Worte und Formen sich genauer anschließend, allmälig freier. Der grammatische Unterricht läuft mit dem stilistischen, sobald als möglich, parallel. Es wird dazu eine kur; und bestimmt abgcfaftr Grammatik gewählt, die gar keine Beispiele zu haben braucht. Man läßt den Schüler einen Parapraphen nach dem andern merken und die Beispiele dazu in seinem Gedächtnisse oder im Lesebuche suchen. Ganz dieselbe Methode wird bei dem Erlernen fremder, alter wie neuer Sprachen angewendet. Der Schüler lernt einzelne Sätze auswendig, erhält die Übersetzung derselben und muß nun nachAnleitung der Wortstellung und des Lehrers die entsprechenden Wörter in den fremden Sprachen selbst suchen, und später aus dem Satze der Muttersprache den fremden wiederhcrstellen. Ist auf diese Weise ein Abschnitt zu völligem, vorerst noch mechanischen Verständniß erhoben, so beginnt die grammatische Analyse und Synthese und wird mit deni weiter zu Lernenden verbunden. Zuerst wird die Aufmerksamkeit auf die Formen, dann auf die Syntax gerichtet. Wie in der Muttersprache werden auch hier Lese», Auswendiglernen, Übersetzen, Auslegen des Gelesenen und Gelernten, Aufschreibcn, Nach- bildcn und mündliche und schriftliche Übungen im ununterbrochenen Kreisläufe vorgenom- inen. Auch auf Mathematik, Geographie, Geschichte und Naturkunde, selbst auf Musik und Zeichenkunst wurde J.'s Methode angewcndet. Abgesehen von den pädagogische» Principien J.'s läßt es sich doch nicht leugnen, daß sowol er wie seine Nachfolger im Einzelnen diese Methode mit überraschendem Erfolge angewendet haben. Vgl. „J.'s Uniocr- salunterricht, oder Lernen und Lehren nach der Naturmethode", deutsch von Krieger (Zweibr 18.13) und bearbeitet von Weingart (Ilmenau 183«>), Braubach (Marb. >830), Krieger (Zweibr. >83») und Hoffmann (Jena 1835). — Der Jacotot'schen ist die Hamilton'scke Methode nicht unähnlich. (S. James Hamilton.) Jacqueminot (Baron), sranz. General und Oberbefehlshaber der Nationalgarde in Paris, geb. 1787, trat, tüchtig wissenschaftlich vorbereitet, zur Zeit des Kaiserreichs in die Armee. Fortwährend zu topographischen Arbeiten verwendet, hatte er keine Gelegenheit, sich auf dem Schlachtselde auszuzeichnen. Als Oberst trat er 1815 aus dem activen Dienste. Bon 1827—34 vertrat er in der Kammer das Departement der Voge- ^ sen, seitdem das der Seine. Er gehörte unter der Restauration fortwährend zur Opposition und wurde 183«» Mitglied der Regierungscommission, welche Karl X. vermochte, jede Feindseligkeit einzustellen und pon Rambouillet aus die Reise ins Ausland anzutre- tcn. Für seine große Anhänglichkeit, die er seit der Julirevolution dem Hause Orleans bewies, ernannte ihn Ludwig Philipp zu seinem Adjutanten und sehr bald auch zum Man- chal de Camp. In der Kammer unterstützte er nun mit Eifer die Politik des Hofes, besonders wirkte er in der Sitzung von 1835 für die Septembergesehe. Im Oct. 1842 wurde er Generallieutenant und durch die Gunst und das Vertrauen des HofeS an Gcrard s Stelle Oberbefehlshaber der Nakionalgarde von Paris. Seine Erhebung zu diesem wichtigen Posten, den die öffentliche Meinung einem alten verdienten Krieger zugedacht, erregte anfangs vieles Misfallen. Jacquerie nannte man den Bauernaufruhr, welchen die politische Auflösung, der Frankreich (s. d.) in der Mitte des >4. Jahrh. durch die Kriege mit Eduard III. (s-d.) von England unterlag, im 1.1358 im nördlichen Theile herbeiführte und zwar deshalb, weil die Edelleute ihre Bauern, die sich geduldig schinden ließen, spottweise „äscguss lxm komm«;" zu nennen pflegten. Den ersten Anlaß zum Aufstande gaben die Verwüstungen, 59 ! Jacqum Jaffa welche König Karl der Bose von Navarra in der Umgegend von Paris anrichtete, und die de» Landmann besonders hart trafen. Da die Bauern von dem verwilderten und schwelgerischen Adel durch Frohndienste, Abgaben und Strafen auf das härteste bedrückt wurden, so wendeten stc sich zugleich gegen diese ihre nächsten Peiniger, legten Hunderte von Schlössern in Schutt, ermordeten die Edelleutr, die ihnen in die Hände sielen, und schändeten deren Franc» und Töchter. Bald verbreitete sich dieser Aufruhr aus der Gegend von Beau- vais und Elermont in die Landschaften Brie, Soissonnais, Laonnais und an den Ufern der Marne und Oise. Hunderttausende von Bauern hatten sich erhoben und verübten die scheußlichsten Greuel, um, wie sie sich ausdrückten, Das zu thun, was ihnen gethan worden war. Obschon die Empörung weder Plan und Zusammenhang hatte, noch bei den Bewohnern der Städte Anklang fand, so würde sie doch mit der gänzlichen Vertilgung des Adels geendet haben, hätten nicht die Edelleute aller Parteien, Franzosen, Normänner und Engländer, sich vereinigt und die Bewegung in Blut erstickt. Iacquill (Nikol. Jos., Freiherr von), ein berühmter Botaniker, stammte aus einer alten brabantischen Familie und wurde 1727 zu Leyden geboren. Er studirte in Antwerpen, Löwen, Leyden und Paris, und wählte endlich Wien zum Aufenthalte. Nachdem Franzi, auf van Swieten's Betrieb >753 den kaiserlichen Garten zu Schönbrunn angelegt, beschloß man, mehre Botaniker nach fernen Welttheilen auszusenden und lesende Pflanzen sammeln zu lassen. I. erhielt den Auftrag, nach Amerika zu gehen. Er bereiste von >755—59 mehre westindische Inseln und einige Küstenstriche des heutigen Colombia und erhob durch seine Sendungen die wiener Gärten zu den reichsten jener Zeit. Hierauf wurde er >763 zum Bergrath und Professor der Chemie und Mineralogie zu Schemnitz ernannt, und >768 Professor der Chemie und Botanik an der Universität zu Wien, wo er als Nestor der deutschen Botaniker 1817 starb. I. steht unter den Botanikern seiner Zeit auf einer hohen Stufe, denn abgesehen von seinen Verdiensten um botanische Gärten, zeichnete er auch sich als Lehrer und Schriftsteller aus. Er gab zuerst in Deutschland kostspielige, , aber auch sehr nützliche Prachtwerke heraus, so die ,Il(,ra »ustr'meu" (5 Bde., Wien >773—78, mit 5»» col. Kupfert.), die „8tir;>'»ui> -imericni,. Instor'm" (Wien I 763—8», mit 264 gemalten, nicht gestochenen Tafeln) und mehre große Monographien und Abhandlungen. — Sein Sohn Jos.Franz, Freiherr von I-, der als Regierungsrath und Professor der Chemie an der Universität zu Wien 1835 starb, ist der Verfasser des für die damalige Zeit sehr verdienstlichen „Lehrbuchs der allgenieinen und medicinischen Chemie" (2 Bde., Wien >792; neue Ausl. 181») und mehrer botanischer Werke. Jaen, eine Provinz des span. Königreichs Andalusien, früher ein selbständiges maurisches Königreich, nördlich von der Sierra Morena, im Osten durch das Gebirge von Ca- zorla und im Süden durch die Sierra Nevada durchzogen, durch den Guadalquivir, Gua- dalimar und viele andere Flüsse reich bewässert, zählt auf209lOM. 315,»»» E. und gehört zu de» schönsten Gegenden der pyrenäischen Halbinsel. Durch die Mauren bei ihrem Einfalle in Spanien erobert, behauptete I. als maurischer Staat seine Selbständigkeit bis 1234, wo er von Ferdinand IU. erobert und zum Königreich Castilien geschlagen wurde. Die gleichnamige Hauptstadt der Provinz mit etwa 2»,»»» Einwohnern und einem präch- ,, cigen Dome, der Sitz eines Bischofs, liegt in einer reizenden Gegend. Außerdem sind zu h erwähnen Andujar mit 14,»»» Einw., wo die berühmten span. Wasserkrüge gefertigt werden; Linares mit Blei - und Silbergruben; das Dorf Naras de Toloza, wo König Alfons >25» über die Araber und >812 die Spanier über die Franzosen siegten; der Bergpaß Baylen (s. d.) und die Ansiedelungen in der Sierra Morena (s. d.). Jaffa, oder Joppe, war schon im Alterthum eine berühmte, feste Seestadt Syriens, Hier soll Andromeda an den Felsen geschmiedet worden sein; hierher ließ von Tyrus Salomo die Baumaterialien zum Tempel schaffen; hier hatte Petrus die Erscheinung mit dem Tuche, welches mit allerlei Thieren angefüllt vom Himmel fiel. Unter Konstantin dem Großen wurde die Stadt zumBischofssitz erhoben, zu ihrerHauptblüte aber gedieh sie durch > die Kreuzzüge, wo sie als Hauptlandungsplatz der Kreuzfahrer eine große Bedeutung erhielt und darum ein steter Zankapfel zwischen den streitenden Parteien war, j>is sie 1268 gänzlich für die Christen verloren ging. Im 1.1799 wurde sie von den aus Ägypten heranzie- 592 Jagd ^ hcnden Franzosen unter Bonapartc erstürmt, worauf sie der Schauplatz des über die türk. Gefangenen verhängten Blutbades war. Im I. > 832 bemächtigte sich ihrer Mehcmed Ali, > doch wurde sie ihm 1840 von den Türken mit engl, und östr. Hülfe wieder abgcnommeu. Jagd oder Waidwerk nennt man die Kunst, nützliches Wild in gehöriger Menge und angemessenem Zustande zu erhalten, schädliches zu vermindern oder nach Umständen ganz auszurottcn, und beides auf die zweckmäßigste Art zu benutzen. Die Jagd zerfällt demnach in zwei Hauptabtheilungen; die erste beschäftigt sich mit der Naturgeschichte des Wildes, der Wildzucht und dem Wildschutz, die zweite enthält die Lehren von der Habhaft. Werbung des Wildes durch Tödtung oder Fang und der Wildbenutzung. Die Naturgeschichte des Wildes, wie der Jäger sie gegenwärtig kennen muß, besteht nicht nur in der Wissenschaft von dem Bau der inncrn und äußern Theile und dcrEintheilung und Benennung desselben, seinem Aufenthalt, seiner Nahrung und Fortpflanzung, sondern vorzüglich auch in der Kenntniß der Eigenthümlichkeiten in seinem Leben und Benehmen, seinen Geschlechts- und Altersverschicdenheiten und seinen Spuren oder Fährten. Die Lehre von der Wildzucht beruht auf der Kenntniß von den Verhältnissen, die jeder Wildart zuträglich oder nachtheilig sind, von dem einer jeden Wildgattung zuträglichsten Boden und Orte, von dem gehörigen Vcrhälkniß in der Menge einer Wildgattung zur andern, und des männ- lichen und werblichen Wildes derselben Gattung gegeneinander, und den Regeln, wie man neue Wildstände im Freien oder in Thicrgärten anlegen oder gesunkenen wieder aufhelfen könne. Der Wildschutz endlich besteht einerseits in der möglichsten Vertilgung alles Raubzeuges, der Wölfe, Füchse, wilden und verwilderten Katzen, der Marder, Iltisse, Wiesel und Raubvögel, andererseits in strenger Aufrechthaltung der Gesetze gegen Wilddieberei, zu ^ vieles und unzeitiges Jagen, Verletzungen der Schonzeit und Beunruhigungen der Wälder. Die Jagd selbst theilt man in Hinsicht der zu jagenden Thiere in Hohe - und Nieder-, oder auch in Hohe-, Mittel- und Niederjagd. Zur hohen Jagd gehören im nördlichen Deutschland Roth-, Dam-, Reh- und Schwarzwild, Bären, Wölfe und Lüchse, Auer- , und Birkwildprct, Fasanen, Trappen, Kraniche und Schwäne. Alles Übrige rechnet man l zur nieder» Jagd; wo aber eine Mittelja g d ist, da rechnet man zu dieser das Reh- , und Schwarzwild, das Birk - und Hasclwildpret und den großen Brachvogel. Das Raub- ^ zeug, mag es zur hohen oder nieder» Jagd gehören, kann nach neuern Bestimmungen in mehren Staaten von jedem Jagdberechtigten geschossen werden. Die Jagd auf hohes sowol als niederes Wild wird auf sehr verschiedene Art betrieben. Die älteste Weise besteht dariip daß man dem Wilde unbemerkt näher zu kommen sucht und es dann durch einen Schuß erlegt, was man bei Hochwild Pürschgang, bei Niederwild Suche zu nennen pflegt Sowol bei dieser, wie bei jenem ist ein gut abgerichteter Hund nöthig, um das Wild auf- zuspürcn, zu stellen, das angeschossene zu verfolgen und das erlegte zu apportiren. Eine , zweite Jagdart ist der Anstand (s. d.). Auch pflegt man manche Arten von Wild durch Nachahmung ihres Locktones, z. B. den Nehbock durch das sogenannte Blatten, und Wölfe und Füchse durch den Ton eines geängsteten Hasen anzulockcn und dann zu schießen. Fast ebenso allgemein und anwendbar ist das Treib jagen, wo eine bestimmte Anzahl von Treibern das zwischen der Treiblinie und den Schützen befindliche Wild auf letztere zutrcibt. Auch bei diesen Jagdarten werden, wenn der Gegenstand derselben in Hochwild besteht, Schweißhunde, geht die Jagd aber auf Niederwild, Hühnerhunde erfodert. Ebenst i läßt man durch Braken oder Wildbodenhunde in Gegenden, wo das Wild nicht sehr zahlreich ist, dasselbe aufsuchen und sich zutreiben. Endlich gibt es noch mancherlei Jagden, der welchen das Wild, gewöhnlich Hochwild, mit Netzen, Lappen oder Tüchern umstellt und in dem eingestellten Bezirke erlegt wird. Außer diesen und ähnlichen Jagdarten, bei denen der Mensch die Hauptrolle spielt, gibt es auch viele, bei denen Hunde mehr thun als Menschen. Hierher gehört vor allen die Parforcejagd, bei welcher ein Hirsch, fast immer ein starker Nothhirsch, von einer Meute, d. h. einer großen Anzahl sogenannter Parforce- hunde, so lange verfolgt wird, bis er aus Wuth oder aus Müdigkeit sich stellt und dann durch eine Kugel auf den Kopf, oder einen Stich hinter dem Blatte ins Herz getödtet wird. Da bei der Parforcejad von der Wildbenutzung abgesehen werden muß, die Meute sehr kostbar zu unterhalten und ein eigens mit gebahnten Wegen versehenes Revier dazu erfoderlich G l. l-, l g- m llt is 't- !- er n- ch c- >n ch li- m m b> el ;» i 7 . M r- , m i b- > in ol n, nß st- >f- iil ^ lid IN tt ld s° ' >l- >ei nd !N n- er e- ch !a ir Jagd 593 auch viele berittene Jäger nöthig sind, so ist dieselbe nur ein Vergnügen großer Herren und mehr aus jenen Gründen, als weil man das Grausame derselben eingesehen, in neuern Zeiten immer seltener geworden. Nur in England stehen die Parforcejagden noch in ihrer Blüte. Auch Hasen, Füchse, Dachse nnd wilde Schweine pflegt man mit eigens dazu abgerichtetcn Hunden parforce zu jagen. Gewöhnlicher aber ist für diese Wildarten die Hetze (s. d.), bei der man sich auf Hasen und Füchse der Windhunde, auf wilde Schweine der schweren Hatz- Hunde, und aus Dachse der Dachssucher bedient. Füchse und Dachse werden in ihren Bauen auch durch Dächsel ausgesucht und festgemacht, worauf man an dem Orte, wo man den Hund am deutlichsten bellen hört, den Bau anfgräbt nnd seinen Bewohner mit einem Haken oder einer Zange hervorzieht und rodtschlägt. Zur Kaninchenjagd bedient man sich der Frettchen, die man, nachdem die Eingänge des Baues mit Netzen verlegt sind, hineinläßt, worauf die Kaninchen herausfahren und sich in den Netzen fangen. Die Falken, die man in frühem Zeiten zur Jagd auf Hasen, Reiher und anderes Wild abrichtete (s. Falknerci), sind fast ganz außer Gebrauch gekommen. Außerdem fängt man das Wild, namentlich das Raubzeug und die Wildgattungen, die man selten zum Schuß bekommt, wie Ottern und Biber, durch Fallen, z. B. sogenannte Schwanenhälse oder Berlinereisen, Tellereisen und Angeleisen; das Federwild, Raub- wie eßbare Vögel, auch Hasen u. s. w. in Netzen, Fangschlingen und Laufdohnen; kleinere Vögel in Hängedohnen, Sprenkeln und auf Leim- rnthen. Die Wildbenutzung endlich, welche cs damit zu thun hat, aus der Jagd den möglichsten Nutzen zu ziehen, erfodert die Kenntniß der gehörigen Jagdzeit für jede Art Wild, die Beurtheilung, wie viel dem Wilde ohne Nachtheil für künftige Zeiten Abbruch gethan werde» dürfe, die Kunst, das Wild auf die seinem Werthe am wenigsten nachtheiliae Art zu erlegen, aufzubrechen, abzubalgen und zu zerlegen, seinen Transport zweckmäßig ein- zurichten, die Bälge gehörig zu erhalten, und endlich die Berechnungen des Geldertrages zu führen. Vgl. aus dem Winckell, „Handbuch für Jäger, Jagdberechtigte und Jagd- liebhaber" (3 -Bde., 2. Aufl., Lpz. 1820—22); Döbel, „Neueröffnete Jäger-Practica" (t. Aufl., 3 Bde., Lpz. !828, 4.); Hartig, „Lehrbuch für Jäger" (3. Aust., Tüb. !8I7) und Bechstcin, „Forst- und Jagdwissenschaft", fortgesetzt von Laurop (I 1 Bde., Ecf- und Gotha >8,8—27). Alle kriegerische Völker des Alterthums waren eifrige Jäger, so namentlich die Perser. Nach Herodot hielt Cyrus so zahlreiche Meuten, daß die Einkünfte der vier größten Städte des Reichs kaum hinreichten, sie zu ernähren. Auch die Griechen hatten die Ausbildung des Waidwerkes zu einem hohen Grade gebracht. Dagegen vernachläßigten die Römer dieJagd, indem sie ihren Sklaven das Fangen des Wildes überließen. Von beiden Nationen wurde sie theils in Gedichten, theils in Prosa unter dem Namen „tlxnej-etica" wissenschaftlich behandelt. Unter den Griechen gehören hierher besonders die dem Tenophon (s. d.) beigelegte Abhandlung „(izmogeticiiü" und ein längeres Gedicht in vier Büchern von Op - Pian (s. d.); unter den Römern die unter dem obigen Titel bekannten Gedichte des Gra- tmsFaliscus, seines Zeitgenossen, des Ovidins (s. d.) und des Nemesianus (s.d.), welche vereinigt von Haupt (Lpz. >838), während die des Gratius Faliscus und Neme- stanus von Stern (Halle > 832) am besten bearbeitet sind. Überaus kühne Jäger waren die alten Gallier und unter den Deutschen die Cimbern und Teutonen. Erst die röm. Zwingherrschaft entfremdete den Gallier der Jagd, die nach 500 Jahren wieder durch die Franken in Aufnahme kam. Seitdem wurde dieselbe im Frankenlande zum adeligen Vergnügen und zu einer besonder» Kunst ausgebildet. Der König, Edelleute, Soldaten und Geistlichkeit kannten kein höheres Vergnügen als die Jagd, an der selbst die Frauen Thcil nahmen. Die Geistlichkeit betrieb die Jagd so leidenschaftlich, daß bereits eine Kirchen- versammlung im I. 5 1 7 sich genöthigt sah, den Geistlichen zu verbieten, Hunde und Fal- kn abzurichten und zu halten. Als Patron des gesammten Waidwerks galt der heil. Hu- bcrtu s (s. d.). Ein sehr eifriger Waidmann war Karl der Große. Derselbe kannte fast keinen andern Aufwand als in prächtigem Jagdzeug, in Hunden und Falken. Ein großer Verehrer der Jagd, besonders mit Hunden, von denen er eine eigene Art aus der Tatarek kommen ließ, war auch Ludwig der Heilige. Philipp der Kühne begünstigte dagegen die Falknerei. Karl lX. verfaßte ein eigenes Werk über die Jagd „I-a cimsse royale". Auch Conv. - Lex. Neunte Aufl. VII. 38 594 Jagdrecht Heinrich IV. und seine Nachkommen waren große Jäger. Bei den Franzosen begriffdir Jagd im engern Sinne das Erlegen und Fangen des Wildes (veuerie), die Falkncrci da- gegen das Fangen des Geflügels durch Stoßvögel, unter denen der graue isländische FM der beliebteste war. Das älteste franz. Werk über die Jagd, das noch heute in der Hand- schriftensammlung der königlichen Bibliothek zu Paris sich befindet, ist ein Lehrgedicht aus der Zeit Ludwig des Heiligen: „De In ckssse clu cerf". Außerdem schrieben noch über die Jagd der Bischof Denis von Smlis, Phil. v. Vitry, Gaston Phöbus von Foix und GasieS de la Vigne. Zwischen Jagd und Falknerei herrschte übrigens ein steter Wettstreit um den Vorrang, den die Falknerei stets behauptete, weil ihr die Frauen den Vorzug gaben. Doch kam deshalb die Jagd nicht in Verfall. Namentlich bildete sich die Hirschjagd als Parforcejagd zur wahren Glanzepoche des Waidwerks ans. Der Hirschjagd mit der Meute folgte das Erlegen des Wildschweines im offenen Kampfe mit dem blanken Stahl, besonders im Mondschein. Der Herbst galt für die günstigste Jahreszeit zur Jagd, doch hatten die verschiedenen Arten des Waidwerks ihre bestimmte Zeit. Der Hirsch wurde zur Feistzeit, vor Eintritt der Brunst, der Eber im September, die Streichvögel vom Oktober an den ganzen Winter hindurch erlegt. Die Könige von Frankreich hatten das Recht, im ganzen Reiche zu jagen, doch zogen sie vorzüglich die Wälder der Vogesen, Ardennen und von Compiegne vor, wo sich Bären, Hirsche, Rehe, Auerochsen, Wölfe, Wildschweine, Luchse u. s. w.in Menge vorfanden. Dabei war die Jagd ein unerläßlicher Bestandtheil der königlichen Hofhaltung geworden. Es waren Schlösser und Klöster auf dem Wege des Königs bei seinen Jagdzügen zur Beherbergung derHunde verpflichtet, welche Verpflichtung der Geistlichkeit und den Laien endlich so drückend wurde, daß sic darüber murrten und Karl V. sich geni- thigt sah, zu diesem Behufe neue Schlösser, wie Fontainebleau, Compiegne, Samt-Ger- main, Chambord und Versailles zu bauen. Ähnlich ging es auch in Ostreich zu. Bon Maximilians II. Zeiten an waren die Vorstädte Wiens verpflichtet, Jagdfrohnen zu leisten, welche erst > 689 geregelt wurde. Zum Genuß der Jagd erkor sich Maximilian den heutigen Prater, auch baute er das Jagdschloß Schönbrunn. Sowie Pracht und Aufwand beim Waidwerk wetteiferten, so hielten die Jagdberechtigten auch streng auf ihr Recht. Was früher in Frankreich Gemeingut war, wurde tzald ausschließliches Eigenthum der Großen. Der burgundische König Guntram ließ seinen Kämmerling Chondon aufhängen, weil er im Walde von Vassac einen Büffel erlegt hatte. Die Mönche von Saint-Denis erhielten dagegen von Karl dem Großen die erbetene Vergünstigung zur Hirschjagd. Schon unter den letzten Karolingern wurde die Jagd aus einer angeborenen Befugniß ein dingliches, streng begrenztes Recht, welches die Geburt verlieh. (S. Jagdrecht.) Ludwig XI. handhabte die Jagdgesetze mit eiserner Strenge auch gegen den Adel; doch wußten die Edlen auf der Versammlung zu Tours im 1 . 1 483 ihre entzogenen Rechte wieder zu gewinnen, und jeder Herr hatte nun die Jagd im Umfange seiner Gerichtsbarkeit. Nach dem Herkommen in der Bretagne stand auf das nächtliche Entwenden eines Kaninchens Galgenstrafe. Den Unadeligen blieb das Waidwerk gänzlich untersagt, und wer, einmal bestraft, zum zweiten Male betreten wurde, büßte den Frevel mit dem Tode. Erst Ludwig XIV. setzte eine entehrende Strafe statt des Todes, die bis zur Revolution in Anwendung kam. Die fortschreitende Civilisation, in Verbindung mit vernünftigern, auf möglichste Ersparung im Staatshaushalte gerichteten staatsökonomischen Ansichten, hat in neuester Zeit die Jagd in so enge Grenzen gewiesen, daß die Zeit nicht fern sein dürfte, wo das Wild nur noch in Thiergärten gehegt wird. Jagdrecht oder Iagdregal. Das griech.-röm. Alterthum weiß nichts von einem ausschließlichen Jagdrechte der Fürsten auf die größern, seltenern und gefährlichen Zhiere, und der Grundherren aus Hasen, Rehe, Feldhühner u. s. w.; erst in den german. Starten bildete sich ein solches aus, und zwar aus dem fürstlichen Vorrechte auf die Ehre und Lust der höher« Jagd und aus dem ausschließlichen Rechte eines Theils der Nation, Waffen zu führen. Auf dem letzten beruhen noch gegenwärtig in England das Jagdrecht und die harten Gesetze gegen Die, welche jagen und Wildpret verkaufen ohne waffenfähig oder, was man seit 1831 eingeführt hat, ohne durch besondere jährliche Erlaubnißscheine der Regierung dazu berechtigt zu sein. In Frankreich, wo sonst die Jagdrechte der Gutsbesitzer die ^ Jagello Jagemaim 595 j größten Klagen veranlaßtcn, ist es nach der neuern Gesetzgebung Jedem gestattet, das ! Wild ans seinem Grund und Boden zu tödtcn. In Deutschland kam die Idee von der Nc- > galität der Jagd und die damit zusammenhängende Eintheilung der Jagd in hohe, mittlere und niedere erst im > 6. Jahrh. auf. Das positive Recht behandelt hier die Jagdgcreckkig- keitaufdem Grundeigenthumc eines Andern gleich einem Servitut, sodaß also daraus keineswegs die Vergütung alles Wildschadens folgen kann, sondern nur des durch.übermäßi- gen Wildstand ungerichteten. Mögen auch particularrcchtlich hier einige Milderungen cingetreten sein, so wendet sich doch, namentlich im Hinblicke auf die menschenmörderischen Gesetze über Wildfrevel und auf deren factisch eher sich steigernde strenge Vollziehung, die öffentliche Stimme und der gesunde Sinn der wahrhaft Wohlgesinnten der Aufhebung aller Forstprivilegien mehr und mehr zu. Jagello oder Ja gj e ll o, der Sohn Olgerd's, der Enkel Gedimin's ls.d.), wurde 1881 nach dem Tode seines Vaters Großherzog von Lithauen und behauptete sich in dieser Würde gegen seinen Oheim Kjeystut, den er gefangen nahm und ermorden ließ, und gegen dessen tapfer» Sohn Witold (s. d.), mit dem er sich versöhnte. Im I. 1886 bestieg er, nachdem er das Christenthum angenommen und sich mit der Königin H edwig (s. d.) vermahlt hatte, als Wladislaw II. den poln. Thron. Seine fortwährenden Kämpfe mit den deutschen Rittern in Preußen und sein Bestreben, Lithauen in Verbindung mit Polen zn erhalten, sind die Hanptmomente seiner 48jährigen Negierung. Die deutschen Ritter besiegte er in der großen Schlacht bei Tannenb erg (s. d.) im I. 141«), die für Polen zunächst zwar nur geringen Erfolg hatte, mit der aber des Ordens gänzlicher Verfall begann. Die Verbindung Polens mit dem von besonder» Herzogen beherrschten Lithauen blieb nur eine lose, und zuletzt trat Lithauens Herzog Swidrigaylo in offenem Kampfe gegen Polen auf. Durch die Gründung des Bisthums zu Wilna suchte I. das röm. Chri- sienthum in Lithauen zu befördern. Schon immer bei der Geistlichkeit im Verdachte einer Hinneigung zum Hussitismus, rief er 1482 die Hussiten zur Hülfe gegen die Ordensritter, die Pomerellen verwüsteten. Im I. 1400 gründete er an der Stelle der verfallenen Anstalt Kasimir des Großen die Universität zu Krakau, die noch gegenwärtig seinen Namen trägt. Er starb 1434 in Grodek bei Lemberg und wurde zu Krakau beigesetzt. Von seiner vierten Gemahlin Elisabeth hinterließ er einen Sohn, Wladislaw III., seinen Nachfolger in der Regierung. Jagellonen ist der Name einer Dynastie, die in Polen und Lithauen, Böhmen und Ungarn geherrscht hat. Sie stammte von Jagello (s.d.) ab. In Polen regierten sieben Könige aus dem jagellonischen Hause, von 1386—>372, in vier Generationen; auf Jagello selbst folgten dessen Söhne Wladislaw III. und Kasimir IV., dann des letztem drei Söhne, Johann Albrecht, Alexander und Sigismundl. (s.d.), zuletzt Sigismund's Sohn, S i- gismund August (s. d.), mit Hem der jagcllonische Mannsstamm in Polen ausstarb. Der letzte Sproß der männlichen Linie in Polen war die Schwester Sigismund Angriffs, die Königin Anna, mit der Stephan Bathori (s. d.) sich vermählte und die 1506 kinderlos starb. Mit Sigismund III., einem Sohne des Königs Johann von Schweden und der Schwester Sigismund Angriffs, Katharina, kam >587 eine weibliche Linie derJa- gcllonen wieder auf den poln. Thron und regierte in dessen Söhnen Wladislaw IV. und Johann Kasimir (s. d.) noch bis zum 1 . 1668. In Ungarn regierten zweiJagellonen, Wladislaw, der zugleich auch Polen und Böhmen beherrschte und bei Varna fiel, und dessen Sohn Ludwig II., der bei Mohatsch blieb. Übrigens waren die Jagellonen mit mehren deutschen Häusern, wie Brandenburg, Sachsen und Braunschweig, verschwägert. Jagemann (Christian Jos.), ein um die Verbreitung der ital. Literatur in Deutsch, land sehr verdienter Gelehrter, geb. 1735 zu Dingclstadt im Eichsfeld von katholischen Altern, trat, zum Mönchsstande bestimmt, mit dem 17. Jahre in den Augustinerorden, entfloh aber aus dem Kloster zu Konstanz gleich nach, dem Noviziat. Mit Hunger und Noch kämpfend half er sich durch bis nach Dänemark, wo er zwei Großonkel aufsuchte. Diese verschafften ihm eine Hauslehrerstelle; doch vom Heimweh getrieben, kehrte I. nach Swei Jahren ins Vaterhaus zurück und mußte zur Sühnung nach Rom pilgern. Mit 38* 596 Jäger Jägerndorf Freuden wanderte er nach Nom, bat den Papst um Erlaß der Strafe wegen seiner E»l. wcichung und um Dispens vom kanonischen Alter, mußte jedoch Jahre lang auf die Er- füllung seiner Wünsche hoffen. Inzwischen hatte er die ital. Literatur so lieb gewonnen, daß er nach erhaltener Priesterweihe noch länger in Florenz zu bleiben beschloß und deshalb die Stelle als Beichtvater bei den Deutschen daselbst annahm. Seine ital. Übersetzung von Büsching's „Erdbeschreibung" (Flor. >770) brachte ihm zwar bei den Italienern den Ruf eines Gelehrten; doch eine fehlgeschlagene Hoffnung bestimmte ihn, nach seinem Va< terlande zurückzukehren, wo er durch den Kurfürsten von Mainz als Direktor am katholi- scheu Gymnasium zu Erfurt angestellt und 1775 als Privatbibliothekar der Herzogin Amalie nach Weimar berufen wurde. Er starb am 1. Febr. 18»-t. Durch seine Bearbeitung von Tiraboschi's „8toris elella letteraturu ital." (3 Bdc., Lpz. 1777—81) trug er viel bei zur genauern Kcnntniß der altern ital. Literatur. Sein „Ital. Wörterbuch" machte das Bedürfniß eines bessern nur fühlbarer, und seine „Sprachlehre" kam durch Fernow in Vergessenheit. — Sein Sohn, Ferdinand I., geb. zu Weimar I78st, erwarb sich den Ruf eines nicht unbedeutenden Malers. Er war der Schüler Tischbein s in Kassel, bildete sich dann in Wien und Paris weiter aus, erhielt 1801 den Professorkitel und lebte dann 1806—10 in Italien, zumeist in Rom. Als Fahnenträger machte er den Freiheitskrieg mit und starb 1820. — KarolineJ., die Schwester des letzter«, geb.zn Weimar 1778, wurde zur Ausbildung ihres seltenen Talents für die Tonkunst von der Herzogin Amalie nach Manheim gesendet, hier von Beck und Zffland unterrichtet und darauf als Hofsängerin am Weimar. Theater angestellt. Durch ihre außerordentliche Schönheit, wie durch ihre seelenvolle Stimme, ihren trefflichen Vortrag und ihr im Tragischen ergreifendes Spiel riß sie Alles zur Bewunderung hin. Auch gewann sie die Neigung de- Großherzogs Karl August, der sie mit dem Rittergute Heigendorf beschenkte und zur Frau von Heigendorf erhob. Ihrem mächtigen Einflüsse soll sogar Goethe gewichen sein, indem er, um ihr gänzlich das Feld zu räumen, von der Verwaltung der Bühne zurücktrat, auf welche sie von da an bis zum Tode des Großherzogs den größten Einfluß ausübte. Später lebte sie abwechselnd in Berlin und Manheim und auf ihrem Gute. Jäger sind eine der wichtigsten Truvpenarten und durch die vorzügliche Sicherheit ihres fernhin treffenden Schusses ebenso zum Angriff wie zurVertheidigung geeignet. Sie haben nicht die Bestimmung, in Masse zu fechten, weil dadurch die Wirksamkeit des Einzelnen beschränkt und die für denselben nothwendige Deckung durch geschickte Benutzung de- Terrains unmöglich werden würde; im Nothfall zur Masse vereinigt, bedienen sie sich bei auf der Büchse zu befestigenden Hirschfängers zur Vertheidigung. Ihr Schuß ist auf Ivo —200 Schritt gegen den einzelnen Mann als sicher zu betrachten, und kann bis Kvv Schritt noch mit Wahrscheinlichkeit des Erfolgs angewendet werden. Durchschnittene- Terrain zu vertheidigen, ist ihrer Eigenthümlichkeit besonders angemessen; in offenem ebenem Terrain werden sie besser durch Tirailleurc erseht, weil sie zu keinen raschen Bewegungen geeignet sind, die ihnen die Ruhe beim Schuß nehmen würden. Vorzüglich wichtig ist ihr Dienst im Belagerungskricgc, wo sie die Artilleristen des Feindes durch ihr Feuer lichten und an kräftiger Geschützbedienung hindern. Jägerndorf, ein gegenwärtig theils zum leobschüher Kreise des Regierungsbezirk- Oppeln der preuß. Provinz Schlesien, theils zum troppauer Kreise des östr. Schlesiens gehöriges Fürstentum, ehedem ein Bestandteil des Herzogtums Ratibor-Troppau, wurde zu Ende des 15. Jahrh. durch eine Erbsonderung zu einem eigenen Fürstenthum gestaltet und kam bald darauf in Besitz eines Freiherr« von Schellenberg, dessen Söhne es aber 1512 an den Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg verkauften. Nach dem kinderlosen Ableben desselben siel es 1603 an den Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg, der seinen nachgeborenen Sohn Johann Georg damit apanagirte. Letzterer wurde >623 als Anhänger des von den Böhmen erwählten Königs Friedrich geächtet und seines Landes verlustig. Obschon nun nachmals Kaiser Leopold 1. den Kurfürsten Friedrich Wilhelm wegen seiner Ansprüche aufJ. entschädigte, so nahm hoch König Friedrich», von Preußen jenen Verlust zum Vorwand des ersten Kriegs mit Ostreich und erlangte im darauffolgenden Frieden auch einen Theil dieses Fürstentums mit der Hauptstadt Leobschütz- Deci . eines durch undr nitz, > Trau V-rk dkF darai stüchl Köln stolze durch dahei Thai erwe Mut in de Herst, düng ' sind er in stelle "ig I i Rufs ! von Feld- in di wur! früh. . regte und Tun als^ verh. comr ' inK indej Einr gesp täts- dahe durö leda I8Z s'chi Helm Lrt< !>ü. Er. mn, halb Wz dm Va. >sli< -gin bei- g-r ich" mch cr> s in litel dm . m der >ar> >ön< hen des ran >em auf Her heit Sie rin- d-S des !00 > 0 » neS 8e- lich ihr rki g-' rde !tet der in> in- rde res il- an ir- ltz. Jaguar Jahn (Friede. Ludw.) 597 Der östr. gebliebene Theil, mit gegenwärtig 32000 E., hat zum Hauptort Jägern darf, eine Stadt von 5000 E-, den Sih der obern Behörden des Fürstenthums und merkwürdig durch die schönen Trümmer zweier Burgen. Jaguar, s. Unze. Jahn (Friede. Ludw.), ein originell kräftiger Mann, vielfach bewegt von der Zeit und von volksthümlich-pädagogischen Ideen, geb. am l > . Aug. > 7 78 zu Lanz in der Prieg- nih, wo sein Vater Prediger war, besuchte das Gymnasium zu Salzwcdel und das zum Grauen Kloster in Berlin und studirte hierauf in Halle und Göttingcn Theologie. Dann ging er als Hauslehrer nach Greifswald, wo er mit E. M. Arndt (s. d.) in freundlichem Verkehr lebte, und 1805 nach Jena, wo er sich zu habilitiren beabsichtigte. Aus Haß gegen die Franzosen wollte er vor der Schlacht bei Jena in das preuß. Heer cintreten, wurde aber daran verhindert, indemmanihn als franz. Spion festnahm. Mit den geschlagenen Preußen flüchtete er bis Lübeck; erst >809 kehrte er nach Berlin zurück, wo erl 81 0 alsHülfslehreram Kölnischen Gymnasium angestellt wurde und >81 l seine Turnanstalt eröffnete. In dem Schmerze nämlich überdieDemüthigungDeutschlands, insbesondere Preußens, durch einen stolzen Feind, begeisterte er sich zu dem Entschlüsse, die Wiederherstellung des Volksgeistes durch die Entwickelung der Volkskraft zur Aufgabe seines Lebens zu machen. Er bekämpfte daher durch Lehre und Beispiel jede Art der Ausländerei, und trug durch Nede, Schrift und Thal dazu bei, den Stolz des Nationalgefühls zur mannhaften Abwehr alles Fremden zu erwecken. Da er die Zeit kommen sah, wo sein Vaterland Männer brauchen werde, die den Muth hätten, das Leben für den Sieg einzusetzen, er aber die Grundlage solcher Gesinnung indem urdeutschen Nationalcharakter erkannte, so wandte sich sein Eifer auf die Wiederherstellung der reinen Kraftsprache des deutschen Volks und auf die volksthümliche Bil- dang der deutschen Jugend. Die preuß. Jünglinge sollten zu deutschen Männern reifen für den Tvdeskampf der Freiheit und der Ehre des Vaterlandes. Das Mittel dazu glaubte , er in derTurnkunst (s. d.) gefunden zu haben. Gleichzeitig wirkte er auch als Schriftsteller für Belebung des deutschen Nationalsinns unter der Jugend, wodurch er nicht wenig für Erhebung des Volks in dem großen Kampfe von 1813 beitrug. In Folge des j Rufs seines Königs ging er 1813 nach Breslau, trat in das Lühow'sche Corps und wurde ' von hier mehrfach von dem Könige von Preußen zu dringenden Sendungen verwendet. Mit dem Lützow'schen Corps und als Führer eines Bataillons Freiwilliger machte er den Feldzug von 1813 und 1814 mit und zog 1815 mit in Paris ein. Nach der Rückkehr in die Heimat hielt er seit 1817 in Berlin Vorlesungen über deutsches Volksthum und wurde vom Staate als Turnlehrer besoldet. Allein sowol er wie seine Anhänger, schon früher in politische Vereine (s. Tu gendbund) verflochten, konnten nicht gleich ihr aufgeregtes Kraftgefühl, noch weniger das der kecken, hochfahrenden Jugend, wieder in die Schranken der Mäßigung, des Anstands und der bürgerlichen Ansichten zurückdrängen, und erregten so sehr bald den vielfach gereizten Argwohn demagogischer Umtriebe. Die Turnplätze wurden geschloffen; I. selbst aber wurde im Juli 1819, da er gerade einem Rufe als Professor der Geschichte nach Greifswald zu folgen im Begriff stand, als Demagog verhaftet, zuerst nach Spandau, dann nach Küstrin gebracht, hierauf vor eine Jmmediat- commission in Berlin gestellt, im I. >820, bis zur Entscheidung, als Festungsgefangener in Kolberg unter Aufsicht gestellt, 1824 zu, zweijähriger Festungsstrafe verurtheilt, 1825 indes von der Anschuldigung, durch freche Äußerungen über die bestehende Verfassung und Einrichtung des preuß. Staats Misvcrgnügen und Unzufriedenheit erregt zu haben, frei- Aesprockien. Nichtsdestoweniger untersagte man ihm, seinen Aufenthalt in einer Universi- täts- oder Gymnasialstadt und innerhalb zehn Meilen von Berlin zu nehmen. Er wählte daher Freiburg an der Unstrut zum Aufenthaltsorte, wurde aber l 829, weil er der Jugend durch seine demagogischen Umtriebe ein gefährliches Beispiel gegeben haben sollte, nach Kölleda verwiesen und ihm erst später gestattet, wieder nach Frciburg zurückzukehren, wo er 1838 das Unglück hatte, durch Feuersgefahr seiner ganzen Habe verlustig zu werden, jedoch sich nachher wieder anbautc. In Freiburg blieb er daher auch, als der König Friedrich Wilhelm IV. nach seinem Regierungsantritte ihm die Freiheit zurückgab, an jedem beliebigen Drte sich niederzulassen. Im Nov. 1840 erhielt er auch nachträglich das Eiserne Kreuz. 598 Zahn (Hof.) Jahr Eine große Theilnahme erregte 1844 sein Ausruf, ihn in so weit zu unterstützen, daß ihm sein Besththum in Freiburg verbleibe. Wie in seinen Ansichten, so ist er auch in seinem Äußern noch ganz der Mann von 1813. Demagog ist er eigentlich nie gewesen; nur in sei nein Eifer für Preußen und dessen König ging er weiter, als in Hähern Regionen belieb! wurde. Außer der mit Eifelen herausgegebenen „Deutschen Turnkunst" (Berl. 1818) er. wähnen wir von seinen, durch kernige, freilich auch m>rnchmal etwas gezierte Sprache ausgezeichneten Schriften „Das deutsche Volksthum" (Lüb. 1810; 2. Aust., 1817); „Runenblätter" (Naumb. 1814); „Neue Runenblätter" (Naumb. 1828) und „Merken zum deutschen Volksthum" (Hildburgh. 1833), worin er die maßlose, undeutsche Richtung der Bewunderer der franz. Julirevolution angriff. Jahn (Jos-), ein verdienter katholischerTheolog und Schriftsteller, geb. 175vzuTas- witz in Mähren, widmete sich vorzugsweise dem Studium der oriental. Sprachen und wurde dann Professor der Theologie an der Universität zu Wien. Im I. > 807 legte er freiwillig seine Stelle nieder, wurde dann Kanonikus und starb zu Wien im I. 1816. Er schrieb so- wol eine chald. und syr., wie eine arab. und endlich auch eine hebr. Grammatik (Mn 1809). Den meisten Ruf erwarb er sich durch die „lntrockuctio in liiiros sacros vetem lostamenti" (Wien 1804; 3.Aufl. 4825). Außerdem haben wir noch von ihm eine„Bib< lischt Archäologie" (2 Bde., Wien 1797—>800; 2. Ausl. 1817—18) und eine» „6ow- insnturm« criticus in lilrros prvpüeticos vetsris testuineati" (Wien 1815). Jahn (Joh. Christ.) „Conrector an der Thomasschule zu Leipzig, einer der geachtet- sien und für die Förderung der classischen Gymnasialbildung thätigsten Schulmänner Deutschlands, geb. am >5. Jan. 1 797 zu Stolzenhain im preuß. Herzogthume Sachsen, wurde seit 1812 auf der Landesschulc zu Meißen vorbereitet und bezog 1818 die Universität zu Leipzig, um unter Hermann's und Spohn's Leitung Philologie zu studiren, mit welchem Letztem er sehr bald in ein wahrhaft freundschaftliches Verhältniß trat. Bereits imI. I8IS erhielt er hier eine außerordentliche Und 162 1 eine ordentliche Collaboratur an der Thomasschule, die er 1823 mit einer Adjunctur an der Landesschule zu Grimma vertauschte. Im I. 1825 legte er dieselbe indeß freiwillig nieder, habilitirte sich ein Jahr darauf in Leipzig durch die Abhandlung „De Ovickü et 8ul>ini epistolis" und nahm 1830 eine ihm abermals angetragene Collaboratur an der Thomasschule an. Nachdem er seine Thätigkeit bei der Universität längst aufgegeben und mehre ehrenvolle Anerbietungen des Äuslandes abgelehnt hatte, rückte er 1835 in das Conrectorat dieser Anstalt auf. Schon frühzeitig beschäftigte sich I. mit dem Studium der drei namhaftesten röm. Dichter, des Ovid, Hora; und Virgil, deren Kritik und Erklärung durch ihn um ein Bedeutendes weiter gebracht worden ist, wie die von ihm verbesserte dritte Auflage der Gierig'schen Ausgabe von Ovid's „Metamorphosen" (2 Bde., Lp;. >821), die Bearbeitung des Horaz (Lpz. 1824; 2. Ausl. 1827), des Virgil (Lpz. 1825; 2. verb. Ausl., 1838), die leider noch unvollendete grase kritische Ecsammtausgabe der Werke des Ovid (2 Bde., Lpz. 1828—32), die anonym erschienene treffliche Schulausgabe von Ovid's ,,'4'ristia" (Lpz. 1829) und seincGratulo- tionsschrift „Vs Hor-ttii eurmine primo" (Lpz. 1845, 4.) hinlänglich bestätigen. Ein allgemeines Verdienst erwarb er sich aber durch Übernahme der Redaction der von ihm im I. ! 826 begründeten und bis jetzt mit gleicher Umsicht und Einsicht fortgeführten „Jahrbücher für Philologie und Pädagogik", die sehr bald auch über Deutschlands Grenzen hinaus Anklang und Verbreitung fanden, da sie durch ausführliche, gediegene und unparteiischt Recensionen, durch treffliche bibliographische Berichte und Übersichten, durch vollständige Mitthrilung von Schulnachrichten, durch sorgfältige Anzeige von allen dahin gehörigen Monographien und Programmen vor allen ähnlichen Zeitschriften sich auszeichnen und bei den Gährungen in der Alterthumswiffenschaft und dem Kampfe des Humanismus mit dem Realismus nur für eine ruhige und würdevolle Besprechung der Angelegenheiten der Schule im Allgemeinen, und der zeitgemäßen Einrichtungen und Verbesserungen des Eymnasialunterrichls insbesondere, ihre Spalten geöffnet haben. Jahr nennen wir gewöhnlich den Zeitraum, in welchem die Erde ihren Lauf um die Sonne einmal vollendet und nach dessen Verlauf die davon abhängigen Veränderungen in der Natur sich wiederholen, gleiche Erscheinungen der Tageslgnge, der Kalke und Zahr 599 Wärme u. s. w. eintreten. Da dieser natürliche Zeitraum keine ganze Zahl von Tagen enthält, im gewöhnlichen Leben aber nur ein Zeitraum von einer Anzahl von ganzen Tagen ^ zur Zeitrechnung brauchbar ist, so hat man zuvörderst das astronomische und das bürgerliche Jahr zu unterscheiden. Die Länge des astronomischen Jahres ist nicht ganz unveränderlich; im Mitteln beträgt sie nach den neuesten Bestimmungen 365 Tage 5 Stunden 48 Minuten 48 Secunden, während die längste Dauer, wie sie um 3646 v. Chr. stattfand, etwa 38 Secunden mehr, die kürzeste, wie sie um 7606 n. Chr. eintreten wird, ebenso viel weniger als die mittlere beträgt. Das Jahr in diesem Sinne genommen, oder den Zeitraum zwischen zwei aufeinanderfolgenden Frühlingsnachtgleichen (Herbstnachtgleichen, Sommersolsiitien, Wintersolstitien) nennt man auch das tropische Jahr, zum Unterschiede von dem siderischen Jahre, worunter man die Zeit eines ganzen scheinbaren Umlaufs der Sonne am Himmel, oder die Zeit versteht, welche die Sonne braucht, um zu demselben Fixstern, von dem sie ausgegangen ist, zurückzukehren. Das fiderischcJahr ist wegen der Vorrückung der Nachtgleichenpunkte, welche der Sonne ent- gegenkommen, etwas länger als das tropische, nämlich um 26 Min. 23 Sec., und beträgt 365 Tage 6 Stunden 6 Min. l l Sec.; die Länge des tropischen ist jedoch für die Erde und deren Bewohner am wichtigsten. Verschieden von beiden ist das Mondjahr oder die Periode von zwölf Mondwechseln, nach deren Verlauf die Sonne beinahe denselben Orr am Himmel wieder einnimmt; es beträgt 354 Tage 8 St. 48 Min. 36 Sec., und ist also fast um l l Tage kürzer als das Sounenjahr. Die Zeitrechnung der verschiedenen Völker und die Anordnung ihrer bürgerlichen Jahre gründet sich entweder auf das Sonnen- oder auf das Mondjahr; indeß haben nur die Mohammedaner ein reines Mondjahr, während die meisten andern Völker, die sich des Mondjahrs bedienen oder bedient haben, dasselbe durch Einschaltungen mit dem Sonncnjahr in Einklang sehen oder setzten. Schon die Ägyp- tier wußten, daß das Sonnenjahr fast genau 365'/, Tage lang sei, behielten jedoch ihrer Festtage wegen ein unveränderliches Jahr von 365 Tagen bei, das um l 322 v. Chr. ein- geführt worden zu sein scheint. Die Römer und Griechen hatten ein Mondjahr, das mit dem Sonnenjahre durch einen Schaltmonat in Verbindung gesetzt wurde. Ein solcher wurde von den Römern jedes zweite Jahr eingeschaltet und zwar nach dem Monat Februar, welcher in diesem Schaltjahr nur 23 Tage hatte, während der Schaltmonat 27 oder 28 Tage erhielt. Dieser Einrichtung ungeachtet gerieth die röm. Zeitrechnung allmälig in große Verwirrung, und die Kalenderfeste paßten nicht mehr auf die Jahreszeiten, in welche sie fielen, auch fiel der Anfang des Jahres nicht mehr, wie ehemals, um die Zeit des kürzesten Tages. Julius Cäsar fand daher eine andere Einrichtung des Kalenders (s. d.) für nö- thig, die nach ihm den Namen des Julianischen Kalenders erhalten hat, aber eigentlich von dem alexandrin. Astronomen SosigeneS, der den Cäsar mit seinem N«th unterstützte, ersonnen zu sein scheint. Cäsar legte dem I. 46 v. Chr., das ohnehin schon einen Schaltmonat gehabt hatte, noch 67 Tage hinzu, sodaß es 445 Tage erhielt, weshalb man es un- IMS eonüisionis, d.i.Jahr der Verwirrung, nannte. Für die Folgezeit setzte er fest, daß die Länge des Jahres für drei aufeinanderfolgende Jahre 365 Tage betragen, jedes vierte Jahr aber einen Tag mehr haben sollte, dem er seine Stelle in dem kürzesten Monate, dem Februar, und zwar nach dem 23. Tage desselben, anwies, wo die Römer ohnehin eine Einschaltung gewohnt waren. Diese Einschaltungsmethode würde indeß nur dann völlig genau sein, wenn das Jahr gerade 36 5 Tage 6 Stunden enthielte, daran fehlen aber noch > > Min^ l2 Sec. oder der 129sie Theil eines Tages, sodaß alle I2S Jahre ein Tag zu viel einge-- schaltet wird. Aus diesem Grunde mußte sich das bürgerliche Jahr mit der Zeit doch wieder von den natürlichen Erscheinungen entfernen; z. B. die Frühlingsnachtgleiche trat nicht immer wie anfangs um den 21. Mär; ein, sondern fiel allmälig auf frühere Monatstage. Erst im 14. oder 15. Jahrh. scheint man hierauf aufmerksam geworden zu sein. Papst Sixtus IV. wollte eine Verbesserung des Kalenders durch den Astronomen Regiomonta- nus veranstalten lassen, dieser starb jedoch vor Ausführung derselben; erst Papst Gregor XIll. brachte sie mittels der Vorschläge des Aloysius Lilius zu Stande und führte sic durch die Bulle vom 24.Febr. >581 ein. In derselben wurde bestimmt, daß imOctober des I. > >82 zehn Tage, vom 5.—14. Oct., für die Folgezeit aber in vier Jahrhunderten drei Schalt- eoo Jahr und Tag Jakob tage wegfallen sollten. Hiernach sollte also, wie bisher, jedes vierte Jahr, oder jedes Jahr, dessen Jahreszahl durch vier theilbar ist, ein Schaltjahr sein, nur mit der Ausnahme der. jenigen Secularjahre, deren Jahrszahl nicht durch 400 theilbar ist, also >700, 18W, l >800, 2100 u. s. w., wogegen die durch 400 Heilbaren Säcularjahre >600, 2090; 240v u. s. w- Schaltjahre sein sollten. Diese Einschaltungsmethode ist unter dem Namen des Gregorianischen Kalenders bekannt; sie wurde sofort in den meisten katholischen Ländern eingeführt, in dem protestantischen Theile Deutschlands aber erst im I. > 700 und in Eng- land und Schweden erst ein halbes Jahrhundert später; die Bekenner der griech. Kirche, also auch die Russen, bedienen sich noch gegenwärtig des Julianischen Kalenders und sind demnach hinter,den übrigen christlichen Nationen in der Zeitrechnung seit > 800 um zwölf Tage zurück. Übrigens ist auch die Gregorianische Einschaltungsregel noch einer kleinen Verbesserung bedürftig, indem nach ihr etwa in >000 Jahren ein Tag zu viel eingeschaltet werden würde. Das bürgerliche Jahr der Araber und Türken hat 354 Tage (12 Monate, abwechselnd von 29 und 30 Tagen) undistdaher gegen das wahre Mondjahr um8Stunden 48 Min. zu kurz, weshalb in 30 Jahren l > Tage eingeschaltet werden, und zwar sind die I. 2,5, 7, 10, >3, 10, 18 , 21 , 24, 23, 29 des 3« jährigen Cyklus Schaltjahre. Bei den Juden hat das gemeineJahr in der Regel auch 334, zuweilen aber 333 oder 333 Tage; in den regelmäßigen Schaltjahren kommt ein Schaltmonat von 30 Tagen dazu, und zwar wird ein solcher in den I. 3, 0, 8, 11, 14, 17, 19 eines I9jährigen Eyklus eingeschaltet. Von dem tropischen und siderischen Jahre unterscheidet man in der Astronomie noch das a nomalistische Jahr oder die Zeit von einer Sonnennähe (vder Sonnenferne) der Erde bis zur nächsten; es ist noch um 5 Min. 12 Sec. länger als das siderische, oder um 25 Min. 33 Sec. länger als das tropische Jahr. Großes oder platonisches Jahr nenntman diejenige Periode, in welcher der Pol des Äquators einen Umlauf um den Pol der Ekliptik macht, oder nach deren Verlauf die Nachtgleichenpunkte wieder auf dieselben Punkte der Ekliptik fallen; sie umfaßt einen Zeitraum von beinahe 23,900 Jahren. Jahr und Tag, s. Frist. Jahreszeiten werden gewöhnlich vier angenommen, nämlich Frühling (s.d), Sommer (s. d.), Herbst (s. d.) und Winter (s. d.). Diese vier Perioden, welche durch die Erscheinungen, durch den Stand der Sonne erzeugt, scharf voneinander unterschieden sind, nennt man die astronomischen Iahres zeiten, zum Unterschiede von den natürlichen oder meteorologischen, unter welchen man den mit den astronomischen Jahreszeiten nicht immer zusammenfallenden Wechsel der Witterung versteht, der vorzüglich von der Lage der Orte auf der Oberfläche der Erde abhängt. So hat das Jahr in der heißen Zone nur zwei Jahreszeiten, die trockene Jahreszeit und die Regenzeit. Jahrringe nennt man die krummen Linien um den Kern des Baumes, die in Folge dessen, daß ein Theil des Splints jährlich in den Kern übergeht, entstehen, welcher Zuwachs auf dem Querschnitt des Baumes mehr oder weniger deutlich zu erkennen ist. Aus derZahl der Jahrringe läßt sich indeß das Alter des Baumes nur annähernd angeben, weil sie meist nur sehr undeutlich hervortreten, und manche Bäume in einem Jahre mehre Ringe ansetzen, bei höherm Alter aber vielleicht erst in zwei bis drei Jahren einen Ring. Dem Techniker, welcher durch lange Erfahrung und Übung seinen Blick geschärft hat, können sie aber doch als ein Merkmal zur Beurtheilung der Güte des Holzes dienen. Jakob, Jfaak's zweiter Sohn, war der letzte der Patriarchen und der Stammvater der Israeliten (s. d.). Er wußte von seinem ältern Bruder Esau(s. d.) das Recht der Erstgeburt durch ein Linsengericht an sich zu bringen, und erschlich später, auf Anstiften seiner Mutter Rebekka, von seinem Vater auch den Segen des Erstgeborenen und mit diesem die Verheißung Abrahams. Die Rache des schwer beleidigten Bruders fürchtend, floh er zu seinem Verwandten Laban in Mesopotamien, welchem er 14 Jahre um den Preis seiner Töchter Lea und Nahel, und noch sechs Jahre, um eine Herde zu erwerben, diente. Darnach entzog er sich diesem mit Weibern, Kindern und Eigenthum durch die Flucht und, als er verfolgt wurde, durch gütlichen Vergleich. Sodann kehrte er nach Kanaan zurück und weidete auf dessen Triften, nachdem er sich mit seinem Bruder ausgesöhnt hatte. Hier starb ihm seine geliebte Rahel und ein Fürstcnsohn der Hevither schändete seine Tochter 661 Jakob 1. (König von Schottland) r, Dina. Er hatte zwölf Söhne, sechs von Lea: Rüben, Simeon, Levi, Juda, Jssaschar r. und Sebulon; zwei von Rahel: Joseph und Benjamin; zwei von der Beischläferin Bilha: >, > Dan und Naphtali, und zwei von Silpa: Gab und Affer.. Seinen Liebling Ioseph (s. d.) y verkauften dessen Brüder an Jsmaeliten, die ihn nach Ägypten brachten. Dort sah ihn s der Vater wieder als ersten Würdenträger des Reichs, und zog auf seine Veranlassung in n das weidereiche Land Gosen, wo er im > -17. Jahre seines Älters starb. Der moralische Charakter J.'s ist, namentlich in seinen frühern Jahren, nicht tadellos und steht an Ein- e, sachheit und Biederkeit dem seines Bruders Esau nach. d Jakob I., König von Schottland > -121—37, geb. l 3V3, der Sohn Nobert's III., f verdankte die Geistesbildung, die ihn vor seinen Zeitgenossen auszcichnete, einer langen Ge- >, fangenschaft in England. Sein Vater schickte ihn I INS, um ihn den Nachstellungen sei- k > ues Oheims, des nach der Krone strebenden Herzogs von Albany, zu entziehen, nach Frank- j reich. Das Schiff wurde jedoch an die engl. Küste getrieben und Heinrich IV., obschon er n soeben mit Schottland Waffenstillstand geschloffen, hielt es für gerathen, den Prinzen als e Unterpfand des Friedens festzuhalten. Nach Nobert's III. Tode, der den Verlust des Soh- j neS nicht überlebte, riefen zwar die Sckotten den jungen I. als König aus, aber der Herzog ; von Albany, welcher Reichsverweser geworden, betrieb die Auslösung des Gefangenen ebenso c lässig, wie seit 1120 sein Sohn und Nachfolger, Murdac. Anfangs wurde I. auf verschie- - denen Schlössern in strengem Gewahrsam gehalten. Indessen gab ihm Heinrich IV. tüch- z § tige Lehrer, und derPrinz benutzte die Muße, um seine glücklichen Anlagen im hohen Grade e j auszubilden. Während Heinrich's V. Feldzügen mußte I. nach Frankreich kommen, um > daselbst die Schotten vom Bündnisse mit den Franzosen abzubringen. Die Schotten hin- , ' gegen verweigerten ihrem Könige den Gehorsam, weil er nicht frei war. DaßJ. sogar nach > Schottland reiste, um die Anhänglichkeit seiner Ünterthanen zu wecken, ist nicht erwiesen. > Nach Heinrich's V. Tode verstanden sich die Engländer endlich zur Freilassung des Prinzen, der ihnen auf dem Throne nützen konnte. Nur mußten sich die Schotten zur Zahlung t von 16660 Pf. St. verpflichten, die man zur Vermeidung jeder Erörterung als Kost- , und Erziehungsgold anschlug. I. kehrte nun im März 1121 nach Schottland zurück, fand ^ aber das Reich in Auflösung, das Volk in tiefer Verwilderung und den Glanz der Krone > erloschen. Die Regenten hatten die Krongüter an ihre Freunde verschleudert und dem Adel jede Zügellosigkeit gestattet. Die Edelleute zogen mit ihren Knechten zu Tausenden im > Lande umher, bekämpften sich und plünderten die Bürger und Bauern. Der König begann seine Herrschaft mit Einziehung der Krongüter und trieb die Verbindungen des Adels ge- > gen die Krone und den Landfrieden auseinander. Hierauf zog er Murdac und dessen Anhang zu strenget Rechenschaft und ließ die Schuldigen nach dem Spruche des Parlaments - hinrichten. Mit ebenso viel Eifer als Besonnenheit suchte I. durch eine Reihe von Reformen die Cultur des Landes zu befördern und das Volk der Verwilderung zu entreißen- Ansiedelungen wurden unternommen und Handel, Gewerbe und Ackerbau angelegentlichst, besonders durch Einführung fremder Handwerker, unterstützt. Durch Erweiterung der Gerechtsame der Bürgerim Parlament, durch Einführung einer bewaffneten Landesmiliz, durch Errichtung vieler Lehranstalten, sollte das Bürgerthum überhaupt gehoben und die > wüste Macht des Adels gebrochen werden. Eine verbesserte und strenge Rechtspflege ko- I stete während J.'s Negierung 3666 Räubern das Leben, die gehangen, geviertheilt oder gekreuzigt wurden. Die Verbindungen J.'s mit Frankreich, besonders die Verlobung seiner Tochter Margarethe mit dem Dauphin (Ludwig XI.), verwickelte ihn seit 1136 mit England in Feindseligkeiten. Während sich I. demzufolge an der Grenze befand und das Schloß Noxburgh belagerte, benutzte der mit weitern Gütereinziehungen bedrohte und unzufriedene Adel die Gelegenheit, und trat zu einer Verschwörung gegen des Königs Leben zujammen, die dessen eigener Oheim, Walther Stuart, Graf von Athol, leitete. Als I. den Anschlag erfuhr, entließ er das Heer und zog sich mit seiner Gemahlin in ein Dominicaner- klostcr bei Perth zurück, um im Verborgenen auf die Entdeckung zu lauern. Durch einen ^ seiner Diener wurde jedoch der Aufenthalt verrathen. In der Nacht vom 26. Febr. 1137 drang Rob. Graham mit einer Räuberbande in das Kloster und ließ den König ermorden. Seine Gemahlin war die schöne Anna Beaufort, Tochter des Herzogs von Somerset und 603 Jakob I. (König von Großbritannien und Irland) Enkelin des Herzogs von Lancaster. Er lernte dieselbe während der Gefangenschaft ini Schlosse zu Windsor kennen und hat die Geschichte seiner Liebe in einem längen, anziehcn ! den Gedichte ,,1'be Icing'» tzkuuir" beschrieben. Ihm folgte sein siebenjähriger Sohn Ja- " kobII. auf dem Throne. (S. Stuart.) Vgl. Irving, „läve» »k tl>s scniisli pnets" (2 Bde., 2. Aust., Edinb. 1810). Die Zeitgenossen rühmen die Bildung, Gelehrsamkeit und die Kunstfertigkeiten Z.'s. Wenn er auch wol kaum der Erfinder der Nationalmelodien Niedcr- schottlands ist, sohat er doch ohne Zweifel die Kirchenmusik der Schotten verbessert. Semem schot. und lat. Sprache verfaßten und durch Schwung und Phantasie ausgezeichneten Dichtungen wurden von W. Tytler „l'ke poeticsl remains" (Edinb. 1780) hcrausgegeben. Jakob I-, König von Großbritannien und Irland 1603—25, als König von Schott- land, seit 1567, Jakob VI. genannt, Sohn der Königin Maria (s. d.) und des Henry Darnley, aus dem Hause Stuart (s. d.), geb. zu Edinburg am >0. Juni 1566, wurde ' sogleich nach der Geburt der Aufsicht des Grafen Marr änvertraut, weil seine Mutter, mit ihrem Gemahl zerfallen, ihre Neigung.dem Grafen Bothwell zugewendet hatte. Nach der erzwungenen Abdankung seiner Mutter am 23. Juli 1567 krönte man den Knaben zum Könige von Schottland. Während das Reich unter ehrgeizigen Regenten, einer wilden . Feudalaristokratie und den Einmischungen Englands und Frankreichs der Auflösung entgegenging, verlebte I. seine Kindheit zu Stirling und machte unter seinem Lehrer Bucha- n an (s. d.) große Fortschritte in der Schulgelehrsamkeit, besonders, nach der Sitte dama- . liger Zeit, in der Theologie. Schon früh scheint er sich auch die überspannten Begriffe von der königlichen Gewalt und dem von Gott verliehenen Herrscherrecht eingeprägt zu haben, was ihm selbst, mehr aber noch seinen Nachkommen, so verderblich wurde. Kaum war I. zum Jünglinge erwachsen, als sich die Parteien seiner nacheinander bemächtigten und in eine Reihe von Verschwörungen und Befreiungsversuchcn verwickelten, wobei er immer nur seine Unterdrücker vertauschte. Als endlich das Leben seiner unglücklichen Mutter, die er nicht liebte und gegen deren Schicksal er bisher gleichgültig gewesen, in Gefahr schwebte, , bedrohte er mit Entschlossenheit die Königin Elisabeth (s. d.) von England mit Krieg und rief auch den Beistand Frankreichs, Dänemarks, selbst Spaniens an. Allein die Unzulänglichkeit seiner Macht, die Aussicht auf die engl. Thronfolge, das gleißnerische Benehmen Elisabeths und endlich ein Jahrgeld von 5000 Pf. St., das ihm dieselbe als Bundesgenossen seit längerer Zeit bewilligte, bestimmten ihn nicht nur, den Zorn über die Hinrichtung seiner Mutter zu unterdrücken, sondern 1588 auch mit Elisabeth ein neues Bündniß gegen Spanien einzugehcn. Unter vielen, von Elisabeth bereiteten Hindernissen heirathete er 1589 Anna, die Tochter des Königs von Dänemark. Bei der Pedanterie, Charakterlosigkeit, Saumseligkeit und Gutmüthigkeit, die er allenthalben bewies, war Schottland in fortgesetzter Empörung begriffen. Nachdem 1592 die presbyterianische Kir- chenverfaffung gegen seinen Willen vom Parlamente bestätigt worden, brach eine von Spanien unterstützte Verschwörung des katholischen Adels aus, der 1596 die Empörung der protestantischen Geistlichkeit folgte. Nach dem Tode der Königin Elisabeth wurde er 1603 als der nächste männliche Erbe auf den Thron von England berufen; seine Urgroßmutter Margarethe war nämlich eine Tochter Heinrich's VII. von England. (S. T ud o r.) Das Ziel seiner unausgesetzten Bemühungen, in denen ihn besonders der Minister Cecil ^ der Jüngere (s. d.) unterstützt hatte, war nun erfüllt; auch die Engländer freuten sich nach dem langen Weiberregiment über den Besitz eines im kräftigen Mannesalter stehenden Herrschers. Der König indessen enttäuschte bald alle Parteien, indem er seine despotischen Grundsätze, die Schwäche und Eitelkeit seines Wesens und die Neigung für Günstlinge nicht lange verbarg. Zufolge seines Hasses gegen jede Freiheitsidee unterdrückte er sogleich die Presbyterianer, in deren Grundsätzen er erzogen worden, und gab sich aus politischen ^ Gründen der bischöflichen Kirche hin. Auch begann er eine unzeitigc Verfolgung der Katholiken, denen er sich bisher sehr zugeneigt hatte. Dies rief die von Jesuiten geleitete Pul- ^ ververschwörung (s. d.) hervor. Dem Parlament setzte I. in einer langen, schwülst!- ^ gen Rede seine Ansicht von den königlichen Prärogativen auseinander. Als dasselbe aber die vorgeschlagene politische Union zwischen England und Schottland verwarf, faßte er, gleich seinen Vorgängern, den Entschluß, absolut zu regieren. (S. Großbritannien.) Zakob H. (König von Großbritannien und Irland) 603 Eigenmächtig unterließ er die Berufung des Parlaments und untersagte demselben jede Verhandlung von Staatssachen; er verlieh Stimmrechte, beherrschte die Wahlen, erhob willkürliche Steuern und strafte die Widerspenstigen, selbst die Richter, mit Gcfängniß und Confiscation; das Parlament aber entgalt ihm solches durch höchst spärliche Zumessung von Subsidien, was für den König um so empfindlicher war, da er durch Verschwendung - und Freigebigkeit sich in tiefe Schulden gestürzt hatte. Dieses Verhältniß dauerte die ganze Regierungsepoche hindurch und begründete, nebst dem harten Verfahren in Kirchensachen, zwischen Volk und Thron eine unheilsvolle Spannung, die unter der folgenden Regierung mit der Umwälzung des Staats endete. Ebenso energielos und dem Interesse und der protestantischen Gesinnung des Volks zuwider war Z.'s auswärtige Politik. Nur mit Mühe > ließ er sich > 603 zu einem Bündnisse mit Frankreich zu Gunsten der Niederlande bewegen, ' vereinigte sich aber schon im nächsten Jahre wieder mit Spanien. Nach Abschluß des Waffenstillstandes zwischen Spanien und den Niederlanden verlobte er sogar den Prinzen von Wales, Heinrich, mit Anna, der Tochter Philipp's ill. von Spanien. Nur der plötzliche Tod des Prinzen, am 16. Nov. l 6! 2, verhinderte diese den Engländern, wie den Schotten verhaßte Verbindung. Eine fast gänzliche Aussöhnung zwischen Volk und König veranlage t 6 l 3 die Vermählung von J.'s ältester Tochter, Elisabeth, mit dem protestantischen . Kurprinzen, dem spätem Friedrich V. von der Pfalz (s. d.). Als aber sein Schwiegersohn die böhm. Königskrone annahm, zog er sich von demselben zurück, weil er dessen Verfahren als rebellisch ansah. Dieses Betragen lud aus I. die Verachtung der ganzen protestantischen Welt, selbst den Spott der katholischen Mächte. Um den Kurfürsten von gänzlichem Untergänge zu retten, wurde eine neue Verbindung mit dem Hofe von Madrid, und die Verlobung des engl. Thronfolgers mit der span. Prinzessin eingeleitet. Allein das Parlament und der unwürdige Günstling B uckingh am (s. d.) legten sich dazwischen und bestimmten I. zu einem Bündnisse mit Frankreich gegen das Haus Ostreich. Ehe indessen , derKrieg ausbrach, starb der wankelmüthige König am 8. Apr. > 625. Ungeachtet der inner» Zerwürfnisse nahmen während dieser langen Friedenszeit England und Schottland in Handel, Gewerbe und politischemBewußtsein einen ungeheuren Aufschwung. Die ame- rikan. Colonien gelangten zur festen Begründung. Nur Irland (s.d.) gerieth durch die gutgemeinten, aber verkehrten Reformmaßregeln J.'s in noch tiefere Zerrüttung. Sein Sohn Karl I. (s. d.) folgte ihm auf dem Throne. Man hat von ihm mehre Schriften, die vom Bischof Montacuti als „Opera" (Lond. I6l9) herausgegeben wurden und für des Königs Charakter und seine Bildung sehr bezeichnend sind. Er vertheidigt darin das absolute Herrscherrecht, eifert gegen den Gebrauch des Tabacks, verficht die Möglichkeit derZau« berei, sowie des Vorhandenseins von bösen Geistern und untersucht sehr umständlich, warum der Teufel am liebsten mit alten Weibern umgehe. Vgl. Nichols, „lüe progresses, procovsionv anck fsstiviliso oiHnA ä. I" (3 Bde., Lond. 1829). Jakob II-, König von Großbritannien und Irland, l685—88, zweiter Sohn Karl's I. (s. d.), ein Enkel des Vorigen, gcb. am 23. Oct. l633, erhielt den Titel als Herzog von Uork und eine sehr sorgfältige Erziehung. Nach der Einnahme der Stadt Park durch das Parlamentsheer, am 23. Juni l636, wurde er mit seinen Geschwistern im Jamespalast zu London unter der Obhut des Grafen von Northumberland gefangen gehalten, entkam jedoch >638 durch eine gefahrvolle Flucht zu seiner Schwester Marie, der Gemahlin des Prinzen Wilhelm s li. von Oranien. Wahrscheinlich erst nach der Hinrichtung seines Vaters ging er zu der Mutter, Henriette, Heinrich'siV.Tochter, nach Frankreich und trat >652, von Allem entblößt, als Freiwilliger unter Turenne's Fahne. Nach dem Frieden von > 655 mußte er aber Frankreich verlassen. Er sammelte hierauf im Interesse seines Hauses die brit. und irischen Flüchtlinge um sich, kämpfte als span. Generallieutenant unter Conde's und Don Juan's Befehl bis gegen Ende des I. 1659 gegen seinen Freund Turenne und erwarb in diesen Feldzügen viel Kriegserfahrung, obgleich er sich nicht durch glänzende Eigenschaften auszeichnete. Nach der Restauration des Hauses Stuart erhielt er von seinem Bruder K ar l li. (s. d.) als Großadmiral den Oberbefehl über die brit. Seemacht, die er zu hoher Blüte brachte. Er war als Präsident der Afrikanischen Compagnie t 665 der Anstifter eines Krieges gegen Holland, über dessen Flotte unter dem Admiral Opdam er am K04 Jakob U. (König von Großbritannien und Irland) 3. Juni in der Nähe von Lowestoffe einen vollständigen Sieg erfocht. Nach dem Tode seiner Gemahlin Anna, der Tochter des Kanzlers Hyde, nachmaligen Grafen von Clarendon (s. d.), erklärte er auf Veranlassung der Jesuiten im I. 1671 offen seinen Übertritt zur katholischen Kirche, der er schon seit seinem Aufenthalt in Frankreich heimlich angehörte. Der Ausbruch des Kriegs zwischen England und Holland gab ihm 1672 Gelegenheit, den allgemeinen Unwillen über den Religionshandel durch Kriegsthaten auszulöschen. Er vereinigte die brit. Flotte mit dem franz. Geschwader unter d'Estre es(s.d.) und lieferte am28. Mai dem Admiral de Ruyter an der Küste von Southwoldbay eine furchtbare Schlacht, in der sich beide Parteien den Sieg zuschrieben. In Folge der berühmten Testbill vom 28. Febr. 1673 legte er aber den Oberbefehl und gleich den übrigen Katholiken alle öffentlichen Ämter nieder. Großen Unwillen erregte dessenungeachtet im Sept. desselben Jahres die Vermählung des Herzogs mit der katholischen Prinzessin von Modena, Maria von Este. Als die angebliche Verschwörung der Katholiken im I. 167!» eine heftige Aufregung verursachte, mußte sich I. nach Brüssel begeben. Während dieser Abwesenheit ging ein förmlicher Antrag zu seiner Ausschließung vom Throne im Unterhause durch, der jedoch vom Oberhanse und vom Könige entschieden zurückgewiesen wurde. Nach der Auflösung des Parlaments, die er durchsetzte, kam er > 681 nach England zurück. Doch wurde er wieder als Statthalter nach Schottland geschickt, wo er gegen die empörten Presbyterianer mit großer Grausamkeit verfuhp. Nach der Rückkehr im Mär; l 682 erlangte er über seinen schwachenBru- der ein solches Übergewicht, daß ihn derselbe trotz der Testacte in den Staatsrath aufnahm und überhaupt die Zügel der Regierung überließ. Von allen Protestanten mit Mistraucn betrachtet, bestieg J.,uach Karl's ll. Tode, am 6. Febr. 1685, den Thron. Er versicherte zwar dem Staatsrathe, daß er die Freiheiten der Nation achten werde, traf aber sogleich alle Anstalten, das Reich in eine absolute Monarchie umzuwandeln und die katholische Kirche herzustellen. Der Herzog von Monniouth, ein natürlicher Sohn Karl's II. und großer Liebling des Volks, den I. nach den Niederlanden getrieben, benutzte die allgemeine Misstimmung zum Versuche, sich des brit. Thrones zu bemächtigen. Er landete am l>. Juni 1685 mit kaum 166 M., die sich bald auf 2666 mehrten, wurde aber schon am 2l>. von dem Grafen Feversham geschlagen und mußte mit seinen Anhängern das Schaffet besteigen. I. schickte nun, durch den Sieg kühn gemacht, eine sogenannte Obedienzgesandt- schrft nach Rom, die um die Aufnahme Englands und Schottlands in die katholische Kirche Litten mußte. Nachdem er das Parlament durch Drohungen eingeschüchtcrt hatte, ließ er 1686 von einem Collegium gefälliger Richter der Krone die Gewalt der Dispensation in Fällen des öffentlichen Rechts zutheilen, und benutzte dann diese Gewalt, die Katholiken in alle geistlichen und politischen Ämter und Würden einzuführen. Noch in demselben Jahre wurde eine sogenannte Hohe Commission eingesetzt, die ohne Weiteres alle dem Hose mis- fällige Geistliche vorlud und sieben Bischöfe, die dagegen protestirten, in den Tower bringen ließ. Endlich wagte der König 1687, erst in Schottland, dann in England, die Publikation einer allgemeinen Toleranzacte, wodurch alle Gesetze gegen die Nonconformisien und der Testeid ausgehoben, mithin die Katholiken gesetzlich eingeführt wurden. Bei der Aussicht, Laß nach J.'s Tode, in Ermangelung männlicher Nachkommen, seine beiden protestantischen Töchter Maria und Anna zur Negierung kommen würden, blieb das Volk ruhig. Allein im I. 1687 verbreitete sich unter dem Jubel der Priester, Höflinge und Papisten Las Gerücht, daß die Königin nach einer I -t Jahre langen unfruchtbaren Ehe schwanger sei- Der Schrecken führte die Protestanten zu dem Argwohn, als sei diese Schwangerschaft erdichtet, zumal da sich der Hof bemühte, alle fremden Personen von der Königin zu entfernen. Am 16. Juni 1688 endlich wurde die Niederkunft der Königin von einem Prinzen dem Volke verkündet; allein das Volk glaubte nicht an die Entbindung/ sondern hielt das Kind für ein untergeschobenes. Die einflußreichen Häupter der Volkspartei wendeten sich nun ernstlich an den Prinzen Wilhelm Hl. von Oranien, den Schwiegersohn des Königs, und beriechen mit demselben einen Einfall in England. Als I. von den Zurüstungen hörte, ge- rieth er in solche Furcht, daß er im.Sept. 1688 plötzlich alle seine verhaßten Verordnungen widerrief, die Katholiken aus den Ämtern trieb, dafür Protestanten einsetzte und auch die Echtheit des Prinzen von zwölf Richtern untersuchen ließ. Der Prinz von Oranien landete 605 Jakob HI (der Prätendent) imNov. 1688. Als sich der König von Allen verlassen sah und selbst auf die Flotte und das Heer nicht mehr rechne» konnte, floh er am 23. Dec. >688 mit seiner Familie nach > Frankreich, wo ihm von Ludwig XlV. das Lustschloß Saint-Germain eingeräumt wurde. Das Parlament erklärte ihn am 22. Jan. 1689 des Thrones verlustig und sprach denselben dem Prinzen von Oranien als Wilhelm III. Von Frankreich aus unterhielt I. eine stete Verbindung mit seinen Anhängern (s. Jakobiten), durch deren Unterstützung er mehre vergebliche Versuche machte, den verlorenen Thron wieder zu erlangen. (S. Irland.) Er starb zu Saint-Germain am >6. Sept. 1701. Jakob IH-, der Prätendent, auch der Ritter Sanct-Gcvrg genannt, der Sohn des Vorigen, geb- am >0. Juni 1688, wurde >701 von Frankreich, Spanien, dem Papste und den Herzogen von Modena und Parma öffentlich als König anerkannt, zu derselben Zeit aber vom brit. Parlament als Hochverräther erklärt und vom Throne von Großbritannien auf immer ausgeschlossen. Ludwig XlV. war anfangs Willens, sich J.'s gar nicht anzunehmen ; allein die Thränen Maria's von Este brachten ihn im Zimmer der Frau von Maintenon gegen die Ansicht der Minister zu anderen Entschlüsse. Fortan bediente er sich dessen als eines Schreckbildes gegen die brit. Macht und stattete ihn mit königlichen Ehren und dem gleichen Jahrgelde seines Vaters aus. Die beabsichtigte Vereinigung Schottlands mit England seit der Thronbesteigung der Königin An na (s. d.) erregte fortwährenden Widerstand und vermehrte die Macht und die Zahl der Jakobiten (s. d.). Ludwig XIV. suchte diesen Zustand, der durch Verschwörungen und Verhandlungen unterhalten wurde, zu benutzen, und im Mär; 1708 verließ eine franz. Flotte von 32 großen Scbif- ^ ftn unter Forbin, ein Heer und den Prätendenten am Bord führend, den Hafen von Dün- " kirchen, um an der schot. Küste zu landen. Allein die brit. Regierung, die den Anschlag erfahren, hatte den Admiral Byng (s. d.) mit einem stärkern Geschwader abgcsendet, und dieser zwang Forbin, unverrichteter Sache umzukehren, während das Parlament einen Preis von 50000, später von 100000 Pf. St. auf den Kopf des Prätendenten setzte. I., 1 wenigstens augenblicklich moralisch zu Grunde gerichtet, machte nun die Feldzüge in Flandern unter dem Marschall Villars mit und kämpfte mit Auszeichnung bis zum Abschlüsse des utrechter Friedens im I. >713. Frankreich mußte in demselben die protestantische Erb- folge in Großbritannien anerkennen und demnach den Prätendenten aus Frankreich verweisen. Die Königin Anna hatte bisher mit ihrem Bruder im geheimen Briefwechsel ge- standen und ihm sogar versprochen, die Regierung zu seinen Gunsten niederzulegen, wenn er anders den katholischen Glauben verlassen wollte. Auch die angesehensten Männer ihres Hofs, wie Marlborough und Godolphin, waren für diesen Plan und standen mitJ. in Ver- bindung. Anna aber starb 1711, ohne diese Gesinnung öffentlich durch die That zu bewähren. Mit ihrem Tode erhoben sich die zahlreichen Jakobiten in England und in Schottland und machten mancherlei Demonstrationen gegen die Regierung Georg 's I. (s. d.), zumal da die Torypartei von demselben verachtet, ja verfolgt wurde. Im Herbst 1715 standen in Schottland 15—20000 Jakobiten, angeführt vom Grafen Marr, unter den Waffen, die auf eine Landung des Prätendenten ängstlich harrten. I., nachdem ihn noch zuvor der Regent von Frankreich, der Herzog von Orleans, aller Hülfsmittel beraubt, erschien am 2. Jan. 1716 fast ohne Begleitung zu Peterhead in der Grafschaft Buchan und wurde i von den Insurgenten als König empfangen. Obschon er das Parlament zusammenrief und mehre Regierungshandlungen vornahm, wagte er sich doch nicht krönen zu lassen, weil es ihm gänzlich an Entschlossenheit und Festigkeit gebrach. Vielmehr gerieth er bald über seine Lage in Verzweiflung; keine auswärtige Macht regte sich, und der Preis, der auf seinem Kopfe stand, konnte leicht einen Verräther locken. I. entwich daher am > 5. Febr. mit geringem Gefolge nach der franz. Küste. Von Allen verlassen und verspottet, suchte er j nun beim Papste Hülfe, der ihn anfangs zu Avignon, dann zu Rom selbst aufnahm und königlich ehrte und unterstützte. Inzwischen leiteten die Jakobiten neue Verschwörungen ein und verbanden sich sogar mit Karl XII. von Schweden, was jedoch dem Cabinct zu Lon- ^ don verrathen wurde. Diesen Entwürfen trat auch das mit England zerfallene Spanien bei. Auf die Einladung des Ministers Alberoni langte I. am 26. März 1719 in Madrid an, wo er vom Hofe ehrenvoll empfangen wurde. Schon vor seiner Ankunft war eine 606 Jakob I. (Kaiser von Haiti) Jakob (Lnkw. Heiur. von) neue, trefflich ausgerüstete, auf zehn Kriegsschiffen 2»»»» M. Landungstruppen führende Expedition gegen die engl. Küste unter Segel gegangen. Noch einmal schien dem Prätendenten die Krone seiner Väter in Aussicht gestellt. Allein die Flotte wurde am Cap Finis- tcrre, gleich der großen Armada, durch einen Sturm zerstreut und mußte im Hafen zu Cadiz Zuflucht suchen. Dieser Unfall machte den Hof gegen den Prätendenten gleichgültig, und, von Niemand zurückgehalten, verließ er im Apg. Spanien und landete am 25, wieder in Livorno. Im Sept. heirathete er, in Hoffnung auf große Mitgift, Maria Clementine, die Tochter des Polen Jakob Sobieski und der Pfalzgräfin Hedwig Elisabeth. Vom Papst und seinen Anhängern reichlich unterstützt, sowie von England scharf überwacht, lebte er fortan in Rom und ergab sich allmälig bei der Hoffnungslosigkeit seiner Lage Ausschweifungen, die ihn nrit.sciner Gemahlin entzweiten. Eine Reihe von Verschwörungsversuchen der Jakobiten ging an dem Prätendenten ohne Thcilnahme vorüber. Erst 1727, nach dem ^ Tode Georg's I., entschloß er sich, sein Glück wieder zu versuchen. Mit Erlaubniß und Un- ! tecstützung des Papstes begab er sich nach Genug, um von da nach England zu gehen, mußte jedoch bald das Unsinnige dieses Schritts einschen. Noch einmal wollte sich endlich ^ der franz. Minister Fleury unter Lndwig XV. der Familie Stuart gegen England bedie- ! nen und ließ in diesem Sinne 174» derselben Vorschläge machen. I., zu alt und zu ver- ! zagt, um an die Spitze einer Expedition zu treten, rüstete >744 seinen Sohn Karl Eduard (s. d.) mit Vollmacht aus. Den Siegen des jungen Abenteurers, der im Sommer >745 in Schottland landete, wurde am 27. Apr. >74» durch die Niederlage bei Culloden (s.d.) und damit allen Hoffnungen der Stuarts (s. d.) für immer ein Ende gemacht. Die letzte Zeit seines Lebens brachte I. in Folge von Etikettenstreitigkciten zu Albano zu. Er starb daselbst am l. Jan. 1768. Jakob I-, Kaiser von Haiti, s. Dessalines (Joh. Jak.). Jakob (Ludw. Heinr. von), ein im Fache der Philosophie und der Staatswiffen- schäften verdienter Schriftsteller, geb. zu Wcttin am 26. Febr. 1759, machte seine vorbereitenden akademischen Studien aus dem Gymnasium zu Merseburg und dem Stadtgym- nasium zu Halle, wo er auch seit >777 Theologie studirte, 178» Lehrer am Stadtgymna- sium wurde, >785 sich habilitirtc und 1791 eine Professur der Philosophie erhielt. Seit I8»v beschäftigte er sich vorzugsweise mit Philosophie des Rechts und der Gesetzgebung, positivem Recht und Staatswissenschaften, und hielt dann zahlreich besuchte Vorlesungen über Politik und Nationalökonomie. Die Auflösung der Universität zu Halle im I. > 808 bewog ihn, I8V7 einem wiederholten Ruf nach Charkow als Professor der Staatswissenschaften zu folgen, wo er sich sehr bald mit der russ. Sprache vertraut machte und von der Regierung den Auftrag erhielt, Lehrbücher für den philosophischen Kursus in den Gymnasien auszuarbciten, deren bis zum I. 18? 2 sechs in russ. Sprache gedruckt erschienen. Zm I. 1809 wurde er nach Petersburg berufen, um an den Berathungcn über Gegenstände der Gesetzgebung Theil zu nehmen, >81» bei der kaiserlichen Gcsetzcommission als Chef der Abtheilung für die Redaction der Criminalgefttze und bald darauf als Mitglied der fünften Abtheilung des Finanzministeriums angestellt. Im I. 1816 nahm er in Rußland seine Entlassung, wobei er den Titel als Staatsrath erhielt und ihm ein Jahrgehalt aus- gesetzt wurde, und folgte dem an ihn ergangenen Rufe als Professor der Staatswiffcn- sckaftcn nach Halle. Er starb im Bade zu Lauchstädt am 22. Jul. 1827. Von seinen Schriften sind zu erwähnen: „Prolegomenen zur praktischen Philosophie" (Halle > 787) und „Grundriß der allgemeinen Logik u. s. w." (Halle 1788; 4. Aufl., > 8»»), durch die er viel für Verbreitung der Kant'schen Philosophie wirkte; . „Lehrbuch der Nationalökonomie" (Halle 18»5; 3. Aufl., 1825), in welchem er zuerst in Deutschland die Theorie des Nationalreichthums als eine von der Staatswirthschaft verschiedene Wissenschaft vortrug; „Grundsätze der Policeigesetzgebung und Policeianstaltcn" (Chark., Halle und Lpz. > 809); „Einleitung in das Studium der Staatswissenschaften" (Halle >819); „Entwurf eines Criminalgeschbuchs für das russ. Reich" (Halle 1818); „Staatsfinanzwissenschaft" (2 Bde., Halle 1821; neue Aufl., von Eiselen, 1836). Die von ihm herausgcgebenen „Lssuis pbilosopbi^uss «ur I'iinnime, ses principaur rapports et sa clestinös" (Halle Jakobiner 607 ! l8l8)sollendenRussenPoletikazumVerfasser haben. — Seine unterdem Namen Talvj als Schriftstellerin bekannte Tochter ist an den Professor E. Robinson (s. d.) verheirathet. E Jakobiner (ä-icodins), heißen zunächst die Mitglieder einer zur Zeit der Revolution über ganz Frankreich verbreiteten, durch ihre Einwirkung auf die Ereignisse berüchtigten Volksgesellschaft. Beim Zusammentritt der Ltats genersux (s. d.) im Z. 1789 zu Versailles stifteten die Abgeordneten der Bretagne zur gegenseitigen Annäherung einen Club (s. d.), der in kurzem die Mehrzahl der Deputaten aller drei Stände umfaßte. Mit der Nationalversammlung wurde auch dieser, bisher wenig beachtete Verein nach Paris verlegt, wo er aber sogleich eine andere Gestalt und Bedeutung erhielt. Der Club sah sich hier, im Mittelpunkte des politischen Fiebers, Von allen Talenten und Leidenschaften umdrängt, die nach irgend einer Stellung in der Bewegung suchten. Am 6. Nov. schon verlegte er seinen , Sitz aus einem Privathausc in den Säal des Jakobinerklosters in der Straße St.-Honore - und nahm dabei den Namen der „Gesellschaft der Constitutionsfreunde" an. Kühne, schwärmerische Advocaten und Publicisten, überhaupt Männer, die unter dem Einflüsse ^ der Zeitideen längst über einer Neugestaltung des öffentlichen Lebens gebrütet, nahmen j nun die Rednerbühne des Clubs ausschlicßend in Besitz. Sie predigten in glühenden Ne- ' den die allgemeinen Menschenrechte und die Zertrümmerung des alten Staats und der alten Gesellschaft, um Raum für die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit zu gewin- ! nen. Bald griff diese schwärmerische Begeisterung für einen neuen Zustand, aber auch die Wuth und der Haß gegen das Alte, in die durch Druck und Elend erbitterten Volksmassen, selbst in die Nationalversammlung hinüber. In den Provinzen entstanden ähnliche Vereine, die sich mit dem Mutterclub verbanden und von ihm den Fanatismus und den demokratischen Radikalismus empfingen. Als politisches Gegengewicht stifteten die früher» Wortführer, Mirabeau, Lafayette und Chapclier, im Kloster der Fern llants (s. d.) die „Gesellschaft von 1789 ", durch die aber der rcvolutisnaire Strom, der aus dem Mutterclub hervorbrach, nicht mehr gehemmt werden konnte. Vielmehr gewann letzterer nach An- s zahl, Talenten, Verbindungen und Hülfsmitteln das Übergewicht über die vielen andern Volksgesellschaften. Die Partei des Herzogs Philipp von Orleans (s. d.), bestehend aus Zlluminanten und bezahlten Sckreiern, stellte sich nun an die Spitze. Rohe, unwissende, verdorbene Subjecte, welche sich dazu drängten, steigerten die wild demokratische Richtung des Clubs und wollten die Lehre von der Gleichheit besonders auf da- Eigcnthum angewendet wissen. Bereits zu Anfänge des I. 1791 war die Revolution von ihrem reforma- torischen Gange abgeleitet, wozu die Jakobiner wesentlich beigetragen. Sie hatten den Massen einen vernichtenden Haß gegen das Bestehende und die Persönlichkeiten, und zu- gleich die überspanntesten Begriffe von Volkssouverainetät bcigebracht. Die Sitzungen des Clubs hielten damals schon gleichen Schritt mit denen der Nationalversammlung; dieJa- -kobiner beriechen alle Fragen, die dort verhandelt wurden, im voraus und faßten Beschlüsse, die den rechtmäßigen Gesetzgebern Vorgriffen. Nach Aufhebung der geistlichen Orden erhielt der Club im Apr. 1791 das ganze Klostergebäude gegen einen Miethzins, der jedoch nie erlegt wurde, zur Verfügung. Er vollendete nun seine Organisation, führte einen offi- ciellen Bericht über die Sitzungen, „äournal cle snciets lies ainis , bestand die Versammlung schon zum Thcil aus Jakobinern. Der Club ergriffin der Politik sogleich wieder die Initiative und verhandelte die Frage um Krieg und Frieden mit dem Auslande. Jndeß stimmten nur die Gemäßigter« für den Krieg; die Ultras, wie Robespierre, waren dagegen, weil sie die Erstarkung des Königthums oder die Militairdictatur Lafayette's fürebteten. Die Unfälle des Feldzugs von 1791, das Manifest des Herzogs von Braun- schweig, endlich die Weigerung des Königs, die Decrete der Nationalversammlung zu bestätigen, versetzten die Volksmaffen so in Aufregung, daß der Jakobinerclub nun ganz offen den Umsturz des Throns und die Errichtung der Republik zu fodern wagte. Nur eine neue Revolution, hieß es, könne Frankreich retten. Im Schoße des Clubs wurde ein förmlicher Jnsurrectionsausschuß gebildet, der die Gemeinde von Paris bearbeitete, die Banden der sogenannten Fedörirten herbeirief und endlich den Aufstand vom 19. Aug. und die Zertrümmerung des Throns in der That zu Stande brachte. (S. Frankreich.) Mit der Phase,' in welche jetzt die Revolution trat, fiel die Nation ganz in die Hände der Clubisten. Aus den Jakobinern ging der revolutionaire Gemeinderath hervor, der in den Metzeleien im Sept. sogleich seinen Charakter offenbarte. Die Beschlüsse des Clubs kamen nun mittels der Schwestergesellschaften, von denen größere Städte oft mehre zählten, als Bittschriften aus allen Theilen des Reichs und der Armee an die Versammlung. Zauderten die Gesetzgeber, diesen Wünschen die Form von Decreten zu geben, so erschienen die drohenden Deputationen der Jakobiner und die bewaffneten Haufen der Gemeinde und gaben den Petitionen Nachdruck. Als am 21. Sept. 1792 der Nationalconvent (s.d.) seine Arbeit begann, ließ sich die Mehrzahl der Deputirten zum Beweise des Patriotismus in den Club aufnchmen. Die Majorität des Convents bildeten unter dem Namen der Bergpartei die entschiedensten Jakobiner. Selbst Dumo uriez (s. d.), als er am 4 . Oct. nach Paris kam, um die Mittel zur Gegenrevolution ausfindig zu machen, mußte sich mit den Jakobinern verbrüdern. „Du wirst, o Feldherr!" redete ihn Danton an, „aufdeiner Laufbahn das Glück haben, mit der Pike des Volks das Scepter der Könige zu zerbrechen und die Kronen vor der rothcn Mütze einer Gesellschaft, die die dich ehrt, in den Staub zu werfen." Mit derGründung der Republik nahmen die Jakobiner den Namen der „Freunde der Freiheit und Gleichheit" an. Die Bestrafung des Königs beschäftigte nun den Mutterclub dert bel Kör nun gert scs) pub den tige pun ^ V°! ' des Die . bem wen tisch tei c netc non ^ Bol ! well gen! l fort heit < Zak belc nur Fra Bel die eine St« keit ! Pen reih ßigi fah Eej Pör . das l leb« dur un! Fei Clr schi imi mu Lar ^ den die c Jakobiner 609 club aufs lebhafteste. In zahllosen Schreiben wurden die Schwcstergesellschasten aufgefo- dert, den „Tod des letzten Tyrannen" zu betreiben; in gleicher Weise sprach man zum Pä- > bel der Hauptstadt. Die vielen, langen Sitzungen, in welchen der Club den Proccß des ^ Königs verhandelte, zeigten das schrecklichste Bild von Roheit, Verwirrung und Fanatismus. Das Geschrei der Volksmenge, wclcbe den Saal, ja das ganze Kloster belagerte, steigerte die Wuth der Sprecher. Wilde Frauen, die sogenannten Strickerinnen (Dricvten- scs), spielten dabei die Hauptrollen. Diese Weiber hatten im Kloster selbst einen Club „republikanischer Frauen" gestiftet. Gleiche Massen mußten in den letzten Tagen desProcesses den Convent und während der Hinrichtung des Königs das Schafot umlagern. Der blutige Sieg, den die Jakobiner mit Ludwig's XVI. Tode errungen, führte sie auf den Höhenpunkt ihrer Macht und ihres Einflusses. Sie beherrschten durch ihre Organisation das Volk und die Armee, durch die Majorität den Convent, durch den Drang und die Gefahr des Augenblicks eigentlich alle Geister, die sich der Revolution mit Ernst hingegcben hatten. Die Unfälle nach außen, der Aufstand des Südens und der Abfall Dumouriez's wurden benutzt, um in einer letzten Revolution die gemäßigte Partei vollends auszurotten. Diese wenigen gebildeten, Schonung und Gesetzmäßigkeit predigenden Geister standen dem politischen Ideal des Clubs, einer wüsten Demokratie, noch entgegen. Während die Bergpartei auf der Nednerbühne des Convents den Kampf gegen die Girondisten (s. d.) eröff- netc, bereiteten die Jakobiner jene Reihe von Deputationen und Aufständen der revolutio- nairen Gemeinde vor, die endlich mit der Katastrophe vom 3 l. Mai 1793 endeten. Ein politischer Club, das Organ des entfesselten, durch langen Druck demoralisirten Bolkswillens, war nun nach einer Reihe fürchterlicher Umwälzungen die einzige Autorität, ! welche das Schicksal Frankreichs bestimmte. Obgleich der Club, wie der Convent, die Tugend und die Rechtschaffenheit zur Tagsordnung erhoben, so beschloß er doch auch, daß fortan die Furcht und der Schrecken die Herrschaft führen sollten, um die errungene Freiheit und Gleichheit gegen die vielen Feinde zu befestigen. Die wirklichen Mitglieder der ' Zakobinergesellschaften mochten sich selbst zu dieser Zeit kaum auf die Zahl von 509000 belaufen; allein der Geist des Jakobinerthums, die Wuth, der Fanatismus und die Schwärmerei für absolute Gleichheit und Volkssouverainetät, beseelten für den Augenblick ganz Frankreich und machten es gegen Europa siegreich. Auch in dem besiegten Auslande, in Belgien, Holland, Deutschland, später sogar in Italien, wurden Jakobinerclubs errichtet, die jedoch, mit Ausnahme der Jakobincrverschworung in Neapel im I. 1794 , keineswegs einen so rasenden Fanatismus entwickelten. Die Verfassung vom 19 . Äug. 1793 , die alle Staatsgewalten aus Urvcrsammlungen hervorgehen ließ und dem Proletariat Wahlfähig- keit zugestand, sollte das Princip verwirklichen, das die Jakobiner wenigstens auf den Lip- ! pen trugen. Die einzelnen politischen Maßregeln, die furchtbaren Gesetze der Schrcckens- zcit, wurden sämmtlich im Club verhandelt, bevor der Convent das Siegel der Gesetzmäßigkeit darauf drückte. So entstand das Rcvolutionstribunal (s. d.), der Wohlfahrtsausschuß (s. d.), das Gesetz gegen die Verdächtigen, die Revolutionsarmee, das Gesetz des Maximums (s. d.), die blutigen Dccretc gegen die Girondisten, gegen die empörten Provinzen und Städte u. s. w. Die Denunciation im größten Maßstabe bildete . das Mittel, womit der Club die öffentlichen Gewalten, die Armee und selbst das Privat- l leben der Einzelnen bcknechtete. Eine furchtbare Inquisition stand damit in Verbindung; Minister, Beamte und Commissare mußten den Jakobinern ihre Register öffnen und über sich selbst und die Untergebenen die strengste Rechenschaft ablegcn. Wer sich eines Feindes, eines Gläubigers entledigen oder sonst Rache nehmen wollte, denuncirte beim Club, und sofort wurde das Opfer ins Gefängniß geworfen, um als Aristokrat oder Verschwörer das Schafot zu besteigen. Die Gefängnisse von Paris enthielten auf diese Weise immer eine Bevölkerung von 5—8000 Köpfen. Durch die Denunciationen des Clubs mußten Hunderte von Beamten und die verdientesten Generale, wie Custine, Houchard, Lamarliere, Brunet, Luckner, Biron, das Schafot besteigen. Sebst die Gerichtshöfe wurden nicht verschont. Der Club denuncirte wiederholt das Cassationstribunal und verlangte die Revision der Urtheile, was endlich dem Präsidenten den Kopf kostete. Zuletzt denun- Conv.-Lex. Neunte Ausl. VlI. 39 610 Jakobiner cirte dep Club alleNeichen als Verschwörer, allcKricgscommiffare als Aristokraten. Mehr- mals erschienen Deputationen vor dem Convent, die demselben Strenge gegen die Verschwörer und Bürgertugend einschärften, oder den Ncgicrungsausschüssen Weichlichkeit ^ in Verfolgung der Aristokraten vorwarfen. Auch die Presse wurde von diesen Despoten furchtbar überwacht; alle misfälligen Schriftsteller erlagen der Verfolgung. Die Preß- freiheit sollte „nur zum Vortheile des öffentlichen Wohls, nicht zu Gunsten der Feinde der Republik" bestehen; Ch ab o t (s.d.) trug bei den Jakobinern sogar auf die Errichtung einer „demokratischen Censurcommission" an. Die Deputaten, auf ihren blutigen Sendungen, verlangten Jakobiner zu Gehülfen, und diese, wie jene, legten bei ihrer Rückkehr dem Club früher als dem Convent Rechenschaft ab, wo sie, wie Carrier (s. d.), für ihre Unkhalen überschwengliches Lob ernteten. Am >8. Nov. 1793 bat der Wohlfahrtsausschuß dm Club, daß er alle zu Ämtern fähige Bürger durch das ganze Land bezeichnen möge. Dm Club schlug zugleich die Untersuchung über das moralische und politische Verhalten aller l Angestellten vor. Endlich trug der Jakobiner Bourdon bei seinen Genossen auf ein Reini- gungsvotum über alle öffentliche Gewalten der Hauptstadt an. Unter ganz besondermEinflüsse der Jakobiner stand das Revolutionstribunal, das aus den wüthendsten Anhängern derselben bestand. Man theilte sich gegenseitig die Proscriptionslisten mit und berieth über die Behandlung der Gefangenen, wie über den Spruch des Richters. Kein bezeichnetes Opfer konnte bei der Formenlosigkeit des Protestes und der Gewissenlosigkeit der Richter dem Bluturtheil entgehen. Endlich sollte auch die Freiheit des Cultus, das erste der Menschenrechte, niedergerissen werden. Am «>. Nov. 1793 federte Bourdon die Abschaffung des katholischen Gottesdienstes. Täglich erschienen nun bei den Jakobinern Priester, die unter der Erklärung, daß sie Betrüger gewesen, ibre Ämter niederlegten und dafür den § rauschendsten Beifall empfingen. Hebert (s. d.) aber, ein charaktcr- und bildungslescr Demagog, vereinigte sich mit seinen Freunden und stiftete den sogenannten Cultus der Vernunft. Hiermit hatte der allgemeine Paroxysmus seine Spitze erreicht. Die Männer des Schreckens, die allen Widerstand im Innern gebrochen, fielen nun einander selbst an und ; die Revolution nahm den Gang gegen ihre bisherigen Träger. Inmitten der Zertrümmerung aller öffentlichen Verhältnisse hatte sich im Wohlfahrtsausschüsse ein neues Organ gebildet, dessen Einfluß und Ansehen um so schneller stieg, je gebieterischer der Kriegszustand einen Mittelpunkt politischer Gewalt erheischte. Unter dm elf Jakobinern, die den Ausschuß bildeten, wußte sich RobesPierre (s. d.), das Haupt und der Abgott der Jakobiner, das Übergewicht zu verschaffen. Dieser Klügste der Schreckensmänner haßte alle Faclionen, alle Persönlichkeiten, alle Organe, die neben ihm Gewalt und Bedeutung erstrebten. Er wollte Alle, und zwar durcheinander vernichten; er unterstützte die Centralisation und die auf Schwächung der Jakobiner berechnete Politik ^ des Ausschusses, um an denselben ein Werkzeug zur Ausrottung zu gewinnen. Zu Anfänge des I. >791 befahl der Wohlfahrtsausschuß Plötzlich die Auflösung aller Volksgesellschaften, mit Ausnahme der Jakobiner; mehr als 49 Vereine, darunter die Corde- liersss.d.), die Nebenbuhler der Jakobiner, mußten unter dem Vorwände, alswärm sie der Sammelplatz von Aristokraten und Föderalisten, auseinandergehcn. Die Jakobiner freuten sich des Zuwachses und des Privilegiums aufPatriotismus; allein im Allgemeinen hakte die Demagogie einen harten Schlag empfangen, denn ganze Massen traten vom po- , litischen Schauplätze, um nie wieder zurückzukehrcn. Hierauf erhob sich Robespierre im Club und denuncirte zwei Parteien als die Verräther am Vatcrlande und der Menschheit die Übertreiber (Lnrsxes) und die Gemäßigten (InäiilAents). Zu Erstem gehörten Hebert, Cloots (s.d.), Chabot und eine Menge Ausländer und Bankiers, überhaupt Alle, welche in der Gemeinde eine wichtige Rolle spielten; zu Letztem Danton (s.d), Fabrc d'Eglantine (s.d.) undCam. Des mo ulin s (s.d.), die gefürchtclsten Nebenbuhler Ko- ^ bespierre's. Tags vorher noch die Koryphäen, wurden sie und mit ihnen viele Andere auf diese , vage Denunciation hin aus der Gesellschaft gestoßen und wenige Wochen nachher auf da- Schafot geliefert. Der Jakobiner Blichet machte sogar den Vorschlag, man solle auch den Convent auffodern, sich selbst von seinen unwürdigen Mitgliedern zu reinigen. Robespierrc, der die Sache noch nicht für reif hielt, spielte über das Antasten der Gesetzgeber den Entrüsteten u> de C> A eil A vo a> ve lü de di st N d' R C w di ch in Si di Z w N! w w VI Z si gl ri ti gl >r Z er ff u C ü d> Z Z ff n ü b d ei Z Jakobiner 611 Mid schickte Brichet als Enragirten auf das Schafot. Dieses Wütheii gegen die Häupter der Revolution erfüllte selbst die Jakobiner mit Zittern. Im Mär; I79l decreiirte der Convent auf Antrag Boulangcr's, daß die Truppen fortan nur dem Convente und dem Wohlfahrtsausschüsse den Eid der Treue schwören sollten. Die Jakobiner stimmten zwar ein, aber das Decret war qradezu die Abdankung der Anarchie und des Nevolutionsrechtes. AufRobespierre's Betrieb mußte nun der Jakobinerclub sogar eine Reinigung seiner selbst vornehmen. Die Denuncirten erschienen auf der Nednerbühne und waren genöthigt, alle an sie gerichteten Interpellationen zu beantworten, ihre Vermögens- und Familienverhältnisse u. s. w. anzugeben. Diese Inquisition, die Robespierre durch seine fürchterliche Autorität in aller Strenge aufrecht hielt, entmuthigte die kühnsten Demagogen. Um den Club mit einem gleichgültigen Gegenstände zu zerstreuen, eröffnete dann Robespierre die Verhandlungen über die Verbrechen der brit. Negierung und die Mängel der brit. Verfassung. Die langen und lächerlichen Debatten, in welchen ein Gerbergesell ernstlich den Neid Robespierre's erregte, wurden plötzlich durch das Attentat des Ladmiral auf Collot d'Herbois und das vermeintliche der Cäcilie Nenauld auf Robespierre unterbrochen. Robespierre misckte in diesen Proceß die Namen aller seiner Feinde im Convent, im Club, ja in ganz Europa, und setzte eine weitverzweigte Verschwörung zusammen, die wiederum Menschen das Leben kostete. Couthon (s. d.) stellte jetzt wieder den Antrag, die Gesellschaft solle über die Erklärung verhandeln, daß die brit. Regierung des Verbrechens der beleidigten Menschheit schuldig sei. Doch Robespierre, der wohl sah, daß Gefahr im Verzüge sei, unterbrach die Komödie und zeigte dem Club ein neues großes, gegen die Republik gerichtetes Complot der Gemäßigten an. Der Schlag sollte Alle treffen, von denen er Widerstand erwartete; es war ein Kampf auf Leben und Tod, der ihm selbst die Sicherheit benahm. Wochenlang beklagte er sich im Club; endlich am 2Z.Messidor (Juni) wagte er die Namen Tallinn (s. d.), Bourdon, Dubois-Crcmce und Fouchc (s. d.) zu nennen. Es zeigte von der Auflösung des jakobinischen Geistes, daß diese Denunciation wenig fruchtete. Erst am 7. Thermidor (Juli) erschien eine Deputation der Jakobiner als „Dolmetscher der Volkswünsche" vor dem Convent und verlangte die ernstliche Verfolgung und Bestrafung der Verschwörer. Am nächsten Tage zeigte auch Robespierre dem Convent sein Zerwürfniß mit dem Ausschüsse an und denuncirte die Gemäßigten. Das düstere Schweigen, welches der Convent beobachtete, brach Robespierre durch die Bemerkung, daß sich die Schlachtopfer nicht willig überliefern würden. Am Abend wußte er die Jakobiner gegen den Convent und den Ausschuß zu entflammen; wilde Männer, wie Dumas, Hen- riot, Coffinhal, Payan, erhoben sich und jagten Collot d'Herbois und die übrigen Depu- tirten aus dem Saale. Payan schlug vor, die Ausschüsse, die versammelt waren, augcn- genblicklich zu überfallen. Robespierre aber, der cs auf den ganzen Convent abgesehen, wollte die Bewaffnung der Massen in den Vorstädten und das sichere Manocuvre vom 9 >. Mai I7!N. Endlich wagte die Majorität des Convents, die für ihrLeben zitterte, die Hand anRobespierre zu legen; am 9. Thermidor (27. Juli) wurde er mit seinen Genossen verhaftet. Bei der Nachricht vomSturze des Tyrannen erklärten sich zwar die Jakobiner in Permanenz und setzten denPöbel in Aufstand; doch derDepntirteLegendrc drang am Abende mit einem Corps entschlossener Männer im Namen des Convents in den Club, leerte den Saal und übergab dem Convente den Schlüssel. Diese plötzliche physische und moralische Ohnmacht der Demagogie war eine Folge der gewaltigen Veränderung, die sich in der Nation im Stillen und unter Zittern vorbereitet hatte. Die Massen sehnten sich nach Ordnung und Sicherheit und begrüßten den Tag, an welchem die gesetzliche Gewalt über die blutigen Werkzeuge der Revolution die Oberhand gewann, mit Jubel; das Verhältniß der Jakobiner zum Volke und zum Staate wurde mit einem Schlage ein völlig anderes. Nicht nur in Paris, sondern auch in den Clubs der Provinzen nahmen Alle den Rückzug, welche bisher Furcht oder politische Überspannung zurückgehalten. Der Bodensatz, welcher blieb, die Subjecte, die aus Roheit, Ehrgeir, Gewinnsucht und Verzweiflung in der Revolution eine Nolle übernommen, und die das Beil der Guillotine verschont hatte, erhielten nun ihre Stellung dem Volke und den öffentlichen Gewalten gegenüber. Selbst die nieder«Massen, 39» 612 Jakobiner die i» Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage immer bereit waren, die Umwälzung zu unterstützen, griffen, enttäuscht und in furchtbares Elend versunken, zu ihrer Arbeit. Mehr als 8« Jakobiner mußten bei dem Sturze ihres Meisters mit dem Leben bezahlen. Am I l. Thermidor erschien vor dem Convente eine Deputation des Clubs, die Nobespierre verleugnete und sich für die „wahren" Jakobiner erklärte; einige Tage darauf empfing der Convent eine Adresse, in welcher die Jakobiner den Fehler eingesianden, das sie aus einem Menschen einen „Götzen" gemacht, und daß sie nun mit geläuterter Einsicht fortfahren würden, den öffentlichen Geist zu leiten. In diesen Demüthigungeu war das Geständniß ihrer Ohnmacht enthalten. Die politische Neaction, die nun allenthalben her- vorbrach, erregte selbst bei den Siegern vom 9. Thermidor Besorgniß; die meisten begriffen nicht, daß sie für mehr als ihr eigenes Leben gestritten. Jakobinische Deputirte, wie Duhem, Vadier,Barere (s.d.), Collot d'Herboisfs.d.), Billaud-Varennes (s.d.), suchten daher dem Club und der Nevolutionswuth, doch vergebens, wiederaufzuhelfen. Amis. Oct. >794 verbot der Convent alle affilnrten Vereine und die Collectivcorrcsponden;en der Volksgesellschaften. Überdies vcranlaßten die Ausschweifungen vieler Provinzialclubs die gänzliche Schließung derselben. Auch die Presse erhob sich zur kräftigsten Verfolgung der Jakobiner. Um den Deputaten Fre'ron (s. d.) scharten sich die jungen Leute des reichen Mittelstandes, um Volk und Convent gegen die Meutereien der Clubisten zu schützen. Ms am 9. Nov. die Jakobiner über Carriers gewaltsame Befreiung berathschlagtcn, wurde ihr Saal von diesen Freiwilligen gestürmt und erobert. Diese Kämpfe gewannen bald einen so gefährlichen Charakter, daß der Convent am 12. Nov. die vorläufige, am 24. Jan. l795 die völlige Aufhebung des Clubs decretirte. Die Neste der Jakobiner begaben sich nun in die Vorstädte St.-Marceau und St.-Antoine, wo sie in den Gesellschaften der Arbeiter Aufnahme fanden. Aus dieser Verbindung ging eine Reihe gefährlicher Empörungen hervor, die bei der allgemeinen Noth des untern Volks für die beginnende Ordnung gefährlich geworden wären, hätte der Convent nicht durch die Wiederaufnahme der 7 3 geächteten Girondisten seinen reactionären Charakter befestigt. Am 2 l. März überfielen die verbundenen Jakobiner und Vorstädter den Convent, wurden aber gänzlicb zurückgeschla- gen. Nach ähnlichen Störungen am l.und 2.Apr. brach endlich am I .Prairial (2».Mai) eine furchtbare Erneute aus, welche den Umsturz des Convents und die Aufrichtung der Verfassung von >793 zum Zweck hatte. Nach dem hartnäckigsten Kampfe unterlagen die Jakobiner. Überall wurden sie nun gleich wilden Thieren verfolgt; gegen 29,nun büßte» in den Kerkern; die noch öffentliche Ämter verwalteten, mußten dieselben aufgebcn. Zu den Provinzen aber zerfielen die noch bestehenden Clubs von selbst. Der Convent ließ schon im Mai den Herd so vieler Revolutionen, das Jakobincrkloster, schleifen und den Raum zu einem öffentlichen Platze (Uarclw cke St.-llonorö) einrichten. Die Milde der Directoml- regiening machte es indeß den Jakobinern wieder möglich, sich in der Hauptstadt in einem neuen Club im Pantheon zu conccntriren. Hungersnoth, Arbeitsmangel und das Sinken der Assignaten zog besonders die arbeitenden Elasten herbei, sodaß der Verein bald auf 40V0 Mitglieder anwuchs. Man setzte sich zum Zwecke, auf-die Herstellung der Berscs- sung von l 793 hinzuarbeiten, dann aber auch die Gleichheit im Besitz, Arbeit und Lebensgenuß, oder die vollständigste Revolution der Gesellschaft herbeizuführen. Das Directorinm schloß am 26. Febr. >796 diese Geburtsstätte des franz. Comm unismus (s.d.) und ließ die Mitglieder verfolgen. Die Häupter des Clubs stifteten hierauf unterBabcnf (s.d.) eine weitläufige Verschwörung, die auf den Sturz der Regierung ausging, aber schon !»' Mai entdeckt und blutig gerächt wurde. Die Steigerung, welche der republikanische Geiß durch die immer drohender hervortrctenden Plane der Royalisten erhielt, brachten nochmals die gänzlich zersprengten Trümmer des Jakobinismus zusammeir. Der sogenannte Club Salm, der dem royalistischcn Club Clichy (s. Dire ctori um) entgegengesetzt war, barg neben den Direktoren selbst die wildesten Elemente vom I. >793. Um den royalistischcn Club zu unterdrücken, wurde im Juli >797 das Verbot aller politischen Vereine erlasse». Nach der Revolution vom 18. Fructidor (s. d.) traten die strengen Republikaner m!l bcn alten Jakobinern zu einem Verein zusammen, der unter dem Namen ICümwu ä» mauere bald die vollständige Einrichtung des früher» Muttcrclubö gewann. Die Directoren Jakobiucrordcn Jakobiten 613 s Molilins und Gohier beschützten den Club als eine Stütze der Republik; allein S icye s (s. d.) - in Verbindung mit Fauche (s. d.) ließ ihn schließen, worauf sich die Mitglieder in die " Straße Bac zurückzogen. Hier wurden endlich die Jakobiner im Aug. > 799 als geschlossene Partei zum lctztenMale zersprengt. Nach den Ereignissen vom l 8. Brumaire (s.d.), wo die politische Gewalt dem früher« Jakobiner Bonapartc zusiel, suchte Fouche die con- spirircnden Überbleibsel der alten Jakobiner mehrmals in ihren Schlupfwinkeln auf und ließ sie ins Gefängniß werfen oder deportiren. Mit Befestigung der monarchischen Gewalt mußte nun der Jakobinismus, der in seinen Bestrebungen, Einrichtungen und Mitgliedern an den alten Nevolutionsclub anknüpfte, gänzlich verschwinden. Der Name Jakobiner ist jedoch seitdem ein stehender Begriff geworden und man bezeichnet damit nicht nur die Wüth- riche einer entfesselten Demokratie, sondern überhaupt alle, die in Fanatismus und Verbrechen den bestehenden öffentlichen Zustand Umstürzen wollen. In diesem Sinne wurden nach der Restauration der Bourbons jene Adelige und Priester Jakobiner genannt, welche die beschworene Verfassung unterdrückten, den Pöbel zu Greueln aufrciztcn, die Deputieren verletzten und das Land durch Kerker und formlose, blutige Proccssc in Furcht und j Schrecken setzten. Vgl. „ivioniteur „Iiiversel" (1790—99), Thiers, „Ilistoiro cke In ! volution t'ran<;aise" (10 Bde., Par. 1823—27) und „1^05 äucnbiiir clepiim I789su5- ^ «pi'a ce jour" (Par. I 822). ' Jakobinerorden nannte man in Frankreich auch die Domini caner (s. d.). Jakobiten nannten sich dieMon ophy fiten (s.d.) nach dem Mönche Jakob Bara- ^ dai oder Zanzalos, gest. 578, der sie, nach ihrer Zerstreuung, unter Justinian's Regierung ^ ui einer selbständigen Neligionspartci wieder vereinigte. Sie hatten in Syrien, Ägyvchn ' und Mesopotamien zahlreiche Gemeinden mit Bischöfen und Patriarchen, und vermochten sich unter der Herrschaft der Araber, die sich seit der Mitte des 7. Jahrh. des Orients bemächtigten, um so eher zu behaupten, da sie sich sowol von der griech. wie von der röm. . Kirche getrennt. Da jedoch die ägypt.Jakobiten später die Gunst der Araber misbrauchtcn, 1 so kam es 135T zu einer Verfolgung, die sehr Vielen das Leben kostete. In ihrer Religionsübung nunmehr eingeschränkt und von ihren asiat. Brüdern allmälig getrennt, bildeten die ägypt. Jakobiten seitdem eine besondere Sekte, die noch jetzt unter dem Namen Kopten (s. d.) besteht. Innere Uneinigkeiten und politische Ursachen veranlaßtcn um dieselbe Zeit eine Absonderung der abyssin. und armen. Monophysiten. Die Jakobiten in Syrien und Mesopotamien, gegenwärtig aus etwa 30 —30,oou Familien bestehend, haben sich, ungeachtet mancher Einigungsversuche der röm. Kirche, bis auf die Gegenwart als eine unabhängige Sekte behauptet. Sie stehen unter zwei Patriarchen, von denen der eine zu Diarbekr die syr., der andere im Kloster Saphran bei Mardin die mesopotam. Ec- ! »winden regiert. Die Gewohnheit der Bcschneidung vor der Taufe und den Lehrsatz von der einigen Natur Christi, weshalb sie Monophysiten heißen, haben sie mit den Kopten und Abyssiniern gemein; in Verfassung und Liturgie aber weichen sie weniger als die übrigen monophysitischen Gemeinden von der orthodoxen griech. Kirche ab. Jakobiten heißen in England die politischen Anhänger des 1689 vom Throne vertriebenen Königs Jakob ll. (s. d.), sowie seines, von den katholischen Mächten als . Jakob III. (s. d.) anerkannten Sohnes, und seines Enkels, des Prätendenten Karl Eduard (s. d.). Viele Engländer und Schotten, die Erstem aus katholischem Interesse, die Letztem aus Liebe für die angestammte Dynastie, gingen mit Jakob ll. nach Frankreich und förderten hier unter Beihülfe des franz. Cabinets die Jntriguen und Expeditionen, welche dem männlichen Zweige des Hauses S t u art (s. d.) die brit. Krone wicdervcrschaf- fen sollten. Die Namen Macdonald, Walsh, Fitzjames, Berwick, Hamilton u. A., sind durch diese Flüchtlinge in Frankreich heimisch geworden. Von größerer Bedeutung als diese 1 Ausgewanderten war indessen die Partei, welche die vertriebene Dynastie unter den engl, s Tories und in Schottland behielt. Der ganze Adel Hochschottlands blieb jakobitisch, indem ^ er das Interesse des Landes mit dem der Dynastie vermischte. Durch den Widerstand der Jakobiten kam die Union zwischen Schottland und England erst >707 zu Stande. Die Königin Anna (s. d.) war, im Einverständniß mit den engl. Großen, gar nicht abgeneigt, ihrem Stiefbruder, Jakob IN-, die brit. Thronfolge vor den, entferntem Hause Hannover 614 Jakobsstab Jamaica zuzuwendenz allein der von katholischen Rathgebern geleitete Prätendent verweigerte standhaft die Rückkehr zur protestantischen Kirche, welche die Königin als Bedingung stellte. Als mit der Thronbesteigung Georg's I. (s-d.) die Whigs ans Staatöruder kamen, wagten die bedrückten Jakobiten in Schottland die Fahne des Aufruhrs zu erheben. Ein Graf Marr stellte sich an die Spitze von etwa 15— 20,000 Schotten, und noch im I. 17 15 erschien Jakob in Person und ließ sich zum Könige ausrufen. Durch den Eifer des brit. Parlaments wurde jedoch dieser Aufruhr leicht gedämpft. Unter der Negierung G e org's II. (s. d.) versuchte der Prätendent Karl Eduard nochmals, den Thron seiner Väter zu erobern. Er erschien 17-15 im Juli in Schottland, und fast das ganze Land griff für ihn zu den Waffen und erkannte ihn als König an. Die Schlacht von Cullodenss.d.) aber machte am 27. April 17-16 auch dieser Schildcrhebung ein blutiges Ende. Nachdem die bedeutendsten Parteihäupter unter dem Schwerte des Henkers gefallen, war die politische Bedeutung der Jakobiten für immer gebrochen. Dafür bewahrten jedoch die Schotten bis in die neuere Zeit eine schwärmerische Verehrung für ihr untergegangenes Königshaus, die sogar ein Element der Volkspoesie wurde. Unter den vielen darauf bezüglichen Dichtungen und Memoiren heben wir hervor „OuIIoclen papers" (Lond. 1815), Hogg's „äucodito velic.," (2 Bde., Edinb. 181kl) und Chambers' „äacobito memnirs" (Edinb. 1831). JakobSstab, s. Orion. Jakuzk, eine russ. Provinz in Ostsibirien, die mit den fünf Bezirken Jrkuzk, Ki- rensk, Nischneudinsk, Werchneudinsk und Nertschinsk, und mit den beiden Küstenverwal- tungcn Ochozk und Kamtschatka gegenwärtig das große Gouvernement Jrkuzk bildet, das auf ungefähr 100,000 lüM. im I. 1838 nur 315,-166 männliche Einwohner enthielt, wovon auf die Provinz Jakuzk selbst nur 35,162 kamen. Korjaken, Jakuten, Jukagiren und Tungusen sind die eigentlichen Bewohner dieser rauhen, fast ganz unwirthbaren Provinz, die außer der Hauptstadt Jakuzk, außer Olekminsk und Wiluisk nur noch wenige feste Wohnsitze zählt, und meist nur von nomadisirenden Völkerschaften der Jagd und des Fischfangs wegen durchzogen wird. Ausgezeichnet ist diese Provinz durch ihren großen Waffer- rcichthum, indem außer der Lena, dem gigantischen Hauptstrom, mit seinen vielen Quell- flüffen, als der Olckma, dem Aldan und der Wilui, noch die ansehnlichen Ströme Ana- bara, Olenck, Jana, Jndigirka, Kvlyma und der Omodon, die sämmtlich ins nördliche Eismeer fallen, dieser Provinz angehörcn.— Die Hauptstadt Jakuzk, an der Lena, von kaum 2V00 E. bewohnt, treibt einen regen Handel und Verkehr einerseits bis nach Ochozk und Kamschatka, andererseits bis nach Jrkuzk und Tobolsk hin, und ist einer der Haupt- lammelplätze für die osisibir. Karavancn und Pelzwaarenlager. Auch ist sic einer jener Bcrbannungsorte, wohin gewöhnlich wichtige politische Verbrecher gesandt werden. Jaläpe, die rübenartige Wurzel der in Mexico heimischen I a lapenwinde (Low volvulus llalsz,») hat einen widrigen, scharfen Geschmack, einen cigenthümlich specifischcn Geruch, besonders in gepulvertem Zustande, und dient als kräftig wirkendes Purgirmittcl. Im Handel kommt sie gewöhnlich in runden Scheiben oder gespalten vor. Aus der echten Jalapenwurzel wird mittels Weingeistes das Jalapcnharz ausgczogen, welches von noch weit stärkerer Wirkung als die Wurzel selbst ist. Mit ihr sind die gemeine und die langblumige Wunderblume (lUirsbilis 2. und L-ongitloru 2.) nicht zu verwechseln, welche gleichfalls den Namen Jalape führen, in Mittelamcrika wild wachsen und ebenfalls pur- girend wirken. Jalapin nennt man das in der Jalapenwurzel entdeckte Alkaloid. Jalta, im russ.GouvernementTauricn, ein in reizender Lage, am südlichen Fclsgestadc der Krim, am Fuße des hohen Tschatyr-Dagh oder Zeltbcrges, mit herrlicher Aussicht auf das Schwarze Meer, amphithcatralisch gelegener und mit jedem Jahr immer mehr und mehr aufblühender Handelsort, dessen Schiffahrt ebenso bedeutend zu werden verspricht, als die des benachbarten Balaklawa, Sudak und Feodosia, mit denen es seit einiger Zeit schon zu rivalisiren beginnt. — Ein anderes Jalta liegt am Asowschen Meere, zwischen Pctrowskaja und Mariupol, im Gouvernement Jekaterinoslaw (s. d.), und verspricht ebenfalls ein bedeutender Handelsplatz zu werden. Jamaica, eine von den großen Antillen, südlich von Cuba, mit einem Flächeninhalt von 270 OiM-, die wichtigste Besitzung der Engländer in Westindien, wurde von Colombo James Jameson (Anna) 615 suf seiner zweiten Reise 1404 entdeckt und San-Jago genannt. Sein Sohn Diego war der erste span. Gouverneur auf derselben. Unter der span. Oberherrschaft wurden die zahl- reichen Urbewohner mit unerhörter Grausamkeit verfolgt und so die Bevölkerung der Insel bedeutend gelichtet, der sich unter Cromwcll >65-1 die Briten bemächtigten, die sie nun Jamaica nannten. Ihre Bevölkerung stieg seitdem wieder, namentlich auch in Folge Dessen, daß viele unzufriedene Königlichgesinnte und mehre Pflanzer aus Barbadoes sich dahin wendeten. Allein ein furchtbares Erdbeben, im I. 1602, das fast der ganzen Oberfläche der Insel eine andere Gestalt gab, und die darauf folgende Pest lichtete die Bevölkerung, die sich gegenwärtig auf 400000 gemehrt hat, worunter nur etwa 37000 Weiße. Das Klima ist ungesund, am Tage heiß, in der Nacht kalt und feucht; der Boden vortreff- , lich angebaut. Er crzeugtmchralsdieHälfteallcsinGroßbritannienverbrauchtenZuckers; ferner Kaffee, Cacao, Indigo und Baumwolle, hat schöne Waldungen, vorzüglich Mahagoniholz und treffliche Weiden, auch gedeiht daselbst derZimmtbaum, der aus Ceylon dahin verpflanzt wurde. I. wird durch einen brit. Gouverneur regiert und hat ein Parlament, dessen Oberhaus aus zwölf vom Könige ernannten Mitgliedern besteht, und zu dessen Unter- Hause -15 Repräsentanten erwählt werden. Im Innern der Insel, im Gebirge, besteht eine kleine Negcrrcpublik, welche dicEngländerl738fürunabhängigerklärthaben. Die Hauptstadt ist San-Jago de la Bega, oder Spanish-Town, der Sitz des Gouverneurs, mit 6000 E., die einigen Handel treiben. Wichtiger ist Kingston mit 33000 E. und einem schönen Hafen. Endlich ist noch zu erwähnen Port-Royal, ebenfalls mit einem guten Hafen und 15000 E., das l 602 durch das Erdbeben ganz zerstört wurde. James (Georg Paync Nainsford), Historiograph von England, gcb. 1801 zu London von alter Familie, crösfnete, durch eine gute Erziehung und Reisen vorbereitet, seine literarische Laufbahn mit einer Reihe von Erzählungen, welche er der Imterar^ kund ro- cie«)- übergab, die sic später unter dem Titel „8trmg ok pearls" (2 Bde.) erscheinen ließ. Demnächst veröffentlichte er, von Washington Irving und Walter Scott aufgemuntert, in überraschend schneller Folge die Romane ,,'1'üe lieaut)- ok^rles"; „kidislieu, a tale ok Lrauco" (>826); „varui«)"; „De I'Orme"; „Lliilipj, KuFustu»"; „Hemrzc klastsr- tcui" und die Fortsetzung „äolin ^lurstoii Ha!!"; „>lar^ ok öurgund)'"; „17is csi a mle"; „One iu-> tkousaiid" (I 835); „Attila" (I 836); ,,'1'üe rodksr"; „Hie lliiFne- iml"; „Omrles 'l'vrro!" (1830); „klorss ,!o I.eon, or tbe LriFsncl" (1841) und „Nor- lu)- Leuste'»,, or tde tenauts ok tüe üeart" (1842). Alle diese Romane wurden ebenso günstig ausgenommen, wie sein Gedicht „lAe ruined citx", sein „Look ok tim passions" und die Schrift „Ou tüe oduratinnal Institution ok german)" (1835), welche von den Erziehungsanstalten in Belgien, Nassau, Baden, Würtemberg undBaiernhandelt. Nicht minder fruchtbar und gewandt zeigte er sich als historischer Schriftsteller. Sein erster Versuch auf diesemFelde war ,,'k!,a üistory ok ckivs!r)"(1830). Ihm folgten „Ido msmoir« vk Freut eouunaiiders" (1832); ,,'l'de iiistor/ okOksrlemagoe" (1832); „Tüs Iii-tor;' ok tüs like ok Ldvrard tüe Olaeü krince" (1336); „dlemoirs ok celedrated svomou" (1837); „I^ives okknrsign «tatesmen" in Lardner's „Ozeclopeckis"; „Püe like and 1ime-> »kl-ouis XlV" (4 Bde.,! 838), „äames Vernon's letterr, trom 1696 Io 1708" (3 Bde., 1811), und „X liistor)- ok tüe like ok Rieüard, Ooeur dsOion, IcinF ok Lngland" (2 Dde., 1812). König Wilhelm lV. ernannte ihn zum Historiographen von England. Jamksvn (Anna), eine bekannte engl. Schriftstellerin, geb. zu Dublin am 19. Mai >707, eine Tochter des Hofmalers der Prinzessin Charlotte, Murphy, widmete sich früh- zeitig dem Erziehungsfachc. Aufsehen erregte zuerst ihr auf einer Reise in Italien geschriebenes Tagebuch, das sic anonym unter dem Titel „viar;, ok an Invalid" herausgab. Nach ihrer Verhcirathung mit N ob. I am eso n ließ sie „Imvss ok tüe poets" (1829), „6ka- racteristics okrvoinen, moral, poetie»! an<1 liistorica!" (1833), „lllemoirs ok celebrated kemale sovoreiFiis" (1834) und „Visits and sleetcües at liome aucl abroad" (4 Bde., > 834), in welche auch ihr schon früher erschienenes treffliches „viar^ ok an enuuzee" ausgenommen ist. Ihre „Oüaracleristics ok tüe ksmale ctisracters ok Lüaüspeare" (deutsch von Ad. Wagner, Lp;. 1834), zu denen sie die meisten Radirungen selbst gezeichnet, wer- den von Allan Cunningham, in seiner skizzirten Übersicht der neuesten engl. Literatur, mit 616 Zamesö» (George) Lamiesorr Recht als Zeugen des feinen Takts der Verfasserin und ihrer genauen Bekanntschaft mit den Geheimnissen ihres Geschlechts gepriesen. Außer Frankreich und Italien besuchte sie zu wiederholten Malen Deutschland, für dessen Literatur und gesellschaftliche Zustände l sie sich lebhaft intercssirt. Längere Zeit verweilte.sie namentlich inWcimar, Wien undDres- den, wo sie mit Goethe und dessen geistreicher Schwiegertochter, mit Metternich, der Prinzessin Amalie vonSachsen und mit vielen andern Cclcbritätcn in nähererBcrührung stand. Durch die Berufung ihres Gemahls zu einer hohen richterlichen Function in Obercanada lernte sie 1834 auch Amerika kennen. Als Resultate ihrer vielseitigen Neisccrfahrungen in beiden Erdthcilen sind ihre „^Vinter-stulliss anll snmmer-rambles in Oanalla" (Land. 1838; deutsch von Amalie Winter, 2 Bde., Braunschw. 1839) und banllbooie to tbe public galleriss ok art" (Lond. 1841) zu betrachten. Ihr Talent und ihre Auffassung der socialen Misverhältnisse der Gegenwart, namentlich der Frage von der Emancipation der ' Frauen, erheben sie zu der Bedeutung einer engl. George Sand, wenn auch, bei der Neigung der Engländer zur Stabilität, sie in ihrem Vaterlande selbst vielfach verkannt wurde. Wie in Nordamerika als Schriftstellerin hochgeehrt, so ist sie für Deutschland ihrer germanischen Sympathien wegen unter allen engl. Schriftstellerinnen die interessanteste Erscheinung. § Jamöson oder Jame sone (George), der schot. Vandyk, geb. 1586 zu Aberdeen, i bildete sich unter Rubens zu Antwerpen und wurde der vorzüglichste Maler, der bis dahin i aus Schottland hervorgegangen war, wo früher, unter den Stürmen roher und kriegerischer Zeiten, die Kunst nicht gedeihen konnte und auch später wenig Begünstigung fand, da die Presbyterianer die Gemälde so streng als die Musik aus ihren Kirchen verbannten. Er zeichnete sich vorzüglich als Portraitmaler aus; doch hat man von ihm auchhistorischcBil- der und Landschaften. Seine besten Bilder fallen in die Zeit nach 1630 und sind im Besitze reicher schot. Familien. Für Edinburg malte er die Reihe der schot. Könige. Er malte anfangs auf Holz, später auf feine Leinwand, die er mit einem besonder» Farbenton grün- , dirte, um die Schattenpartien zu heben. Sein Colorit ist schön und klar- Seitdem Karl l. l den er bei dessen Anwesenheit in Edinburg im I. 1633 im Aufträge des Stadtraths malte, H ihm erlaubt hatte, während der Arbeit sich zu bedecken, malte er nie anders als mit dem Hute auf dem Kopfe. Er starb zu Edinburg 1642. Gestochen sind Bildnisse von ihminPm- kerton's „8cotisb Malier)-, or portraits ns eminent persons ok8cotlanll" (Lond. 1199, Fol.). Jamöson (Rob.), einer der ausgezeichnetsten schot. Mineralogen, geb. zu Lcith um 1780, wurde nachher Professor der Naturgeschichte an der Universität, Aufseher des Museums und Präsident der Werncr'schen Gesellschaft zu Edinburg und erwarb sich frühzeitig als Lehrer und im AuSlande durch seine Schriften einen geachteten Namen. Ein Gegner des Werner'schen Systems in der Mineralogie sammelte er sehr bald in Edinburg eine ansehnliche Schule um sich- Als seine vorzüglichsten Schriften sind zu erwähnen „Outlmes ok tbe Mineraloge os tbe 8betlanll irlanll» ancl tbe islanll os ^rran" (Edinb. 1788); „Outline? ok tbe Mineraloge ok tbe scotisb isles etc." (2 Bde., Edinb. 1800,4.); „Tres- tise on tbe cbaractsr? ok mineral?" (Edinb. 1805) 2. Aust., 1816); „bestem ok Mineralogie" (3 Bde., Edinb. 1804 8.; 3. Aufl., 1820); „blineral travels trougk tlis lle- drille?, Orknex anll 8betlanll islanlls anll blsinlanll ok8cotlänll" (2 Bde., neue Ausl., Lond. 1813, 4.) und „Llements ok geolog)" (Edsttb. 1818). Jamieson (John), berühmter schot. Sprachforscher und Alterthumskenner, auch 1 bekannt als Dichter und theologischer Schriftsteller, geb. 1758, war eine lange Reihe von Jahren Prediger einer von der schot. Kirche getrennten Gemeinde in Edinburg, wo er am 12. Juli 1838 starb. Er trat zuerst als Dichter auf mit den „Tbe sorrnvvs ok slaver)" (1789), denen er später das Gedicht „Lternit)" (1798) folgen ließ, gerichtet an die Freidenker und philosophischen Christen, die er zum Glauben zurückzuführen sich bemühte. Von ^ seinen theologischen Schriften sind die „Vinllication vk tbe lloctrine «kscript»re"(2 Bde., ! 1795) und „Tbe u?e vksacrell bistorx" (2 Bde., 1802) zu erwähnen. Den meisten Ruf aber, auch im Auslande, erwarben ihm seine „Lt>mologicsl llictionar)- ok tbe scotisb language" (2 Bde., 1808—9, 4.) im Auszuge 1818), „ttistorical account ok tbe an- cient eulllee? oklvna anll oktbeir Settlement? in 8cotlanll, blnglaull anll Irelanll" (Lond Zanet Janitscharen 617 1811, -I.), „Hormes Lcz'tiucus, or tli« raäical allimtiss «k tiie greekc ancl latin ionAuuge^ lo tüe gotbic" (1814) und „6r»mmar ok rketnric and polile literature" (1818). i Janet (Franc.), eigentlich Clouet, ein franz. Maler, wurde in Tours zu Anfang des 16. Jahrh. geboren. Sein Lehrer ist nicht bekannt, doch scheint derselbe, nach den Bildern J.'s zu schließen, der flandr. Schule angehört zu haben. Auch sein Todesjahr ist unbekannt. Seine Hauptwerke, meist kleine, höchst geistreiche Portraits von der feinsten Vollendung, fallen um die Mitte des > 6. Jahrh. Mit den damals in Frankreich arbeitenden Italienern hat er in seinem Stile nichts gemein; viel eher mag man ihn den franz. Holdem nennen, obwol in sehr eingeschränktem Sinne, da er nur wenige und unbedeutende historische Bilder gemalt hat. Seine wichtigsten Werke befinden sich im Louvre; Arbeiten von ihm werden gegenwärtig sehr theuer bezahlt. ' Janill (Jules), der farbenreichste, schillerndste, aber auch leichtfertigste aller neuern franz. Tagesschriftsteller, wurde im Dec. 1864 zu Ampuy bei Saint-Etienne von israelit. Altern geboren und kam in seinem 16. Jahre nach Paris. Nachdem er hier im I. 1823 die Schule verlassen hatte, erhielt er sich eine Zeit lang durch Privatunterricht. Der Zu- ! fall führte ihn zur Journalistik, in der er sich bald durch die Beweglichkeit seines Geistes ! hervorthat. Er schrieb zunächst für den „I'iguro", 1828 für die „tzuotidienne", 1829 für j den „AesssAer" und zu Anfänge des I. 183V trat er durch Vermittelung der Herzogin von Bern bei den „vöbsts" ein. Sehr bald vertauschte er das Feld der politischen Diskussion mit dem Feuilleton, das er am meisten gehoben und erweitert hat. In der Besprechung aller beliebigen TagcSerscheinungen, der Theater, der leichtern literarischen Pro- ductionen, hat er eine unerschöpfliche Fülle glänzender Phrasen entfaltet, die ihn zum König der Fcuilletonisten gemacht hat. Liefern literarischen Gehalt haben seine Schriften nicht, und besonders da, wo man Einheit der Conception und stilistische Reife fodern kann, ! wollen seine Leistungen wenig bedeuten. Seine Novellen und Romane, „(lontss krmtasti- gneo" (2 Bdc., Par. > 833), „(lontes nouvsuux" (2 Bde., Par. 1 833), „I>'Lne mort et s la lemme guillotinee" (Par. 1829), „Im coulession" (2 Bde., Par. I83V) und „Ilai - nave" (4 Bde., Par. 1831 — 32), ermangeln durchaus jedes künstlerischen Gehalts. Überhaupt fehlt es ihm zur Hervorbringung größerer Werke fowol an Tiefe als an Ausdauer. Nur da, wo dieselben mehr eine Reihe einzelner Iournalartikel bilden oder wo sie unmittelbar das alltägliche Leben abspiegeln, wie z. B,, sein „län lliver ü karis" (1843) u s. w. zeugen sie für eine ungewöhnliche Virtuosität. Übrigens hat I. eine Menge oberflächlicher Kritiken, wortreicher Einleitungen und blendender Vorreden geschrieben, wie er denn überhaupt seine Feder jeder literarischen Spekulation leiht. Janitschaxen. Diese türk. Miliz wurde 1329 von dem osman. Sultan Orkhan aus jungen zum Übertritt in den Mohammedanismus gezwungenen christlichen Gefangenen errichtet, aber erst vom Sultan Murad I. um I36V vollständig organisirt, mit verschiedenen Privilegien ausgestattet und bis auf die Zahl von 12000 gebracht. Er verordnte, daß sie sich aus den gefangenen Christen recrutiren sollten, von denen je der fünfte Mann für sie bestimmt war und ließ sie von dem heiligen Derwisch Hadschi Bektasch einseg- ncn, der ihnen auch den Namen Jeni-tscheri, d. i. neue Krieger, und, durch Auflegen des , Ärmels seines weißen Filzrocks auf das Haupt eines ihrer Befehlshabers, zu ihren hohen weißen Filzmützen, von denen eine Art Ärmel herabhing, die Veranlassung gab. Die Zahl der Janitscharen nahm bald sehr zu, weil man regelmäßig auch den zehnten Thcil aller Christenkinder der curop. Türkei dazu nahm, die durch eine eigene Erziehung und Disci- Plin zum Eintritt in das Corps vorbereitet wurden. Die Privilegien, deren sich die Jani- tscharcn erfreuten, bewirkten jedoch in der Folgezeit, daß auch eine große Menge jungerTür- ^ kcn in das Corps trat; darum nahm man denn auch keine Kriegsgefangenen mehr dazu, und gegen Ende des > 7. Jahrh. hörte auch der Zehnte der Christenkinder auf. Dazu gab ! man einer Menge Muselmänner aller Classen, ja selbst Christen, die Erlaubniß, sich gegen Erlegung einer Summe in die Musterrolle des Corps einschreiben zu lassen, wofür sic zwar keinen Sold, aber eine Menge Privilegien, z. B. Steuerfreiheit, erblich erhielten, ansässig sein und bürgerliche Gewerbe betreiben durften, und nur im Falle des Krieges zu Kriegsdiensten verpflichtet waren, was übrigens selten geschah. So gab cs zwei Arten von Ja- 618 Janitscharen »itscharen, die regelmäßig organisirten, die in Kasernen in Konstantinopel und einigen an- dcrn Städten untergebracht warey, und deren Anzahl in ihrer Blütezeit auf 60000, zuletzt aber wol nur aus 25000 sich belief, und die unregelmäßigen, Jamaks genannten, die durch alle Städte des Reichs in einer Anzahl von 3—100000 zerstreut waren. Jene waren in Ortas, d. i. Horden, von denen jede ihre eigene Oda, d. i. Kaserne hatte, eingcthcilt, deren anfängliche Zahl von 80 später bis auf > 96 stieg und die sowol in Bezug auf Privilegien, wie auf Mannschaft und Embleme u. s. w. sich mannichfaltig unterschieden. Jede Orta besaß ihre besondere Kaffe, in welche die Güter der' verstorbenen unbeweibten Janitscharen stoffen, und aus welcher die Invaliden Unterstützungen erhielten, und hatte sechs Officiere, von denen besonders der Koch in großer Achtung stand. An der Spitze sämmtlicher Ortas stand als Oberbefehlshaber der Äg a (s. d.), mjt einem Kiaja-Beg oder Unterbefehlshaber. Die Macht des Erstern über seine Untergebenen war fast unbegrenzt und fand nur in der Furcht eines Ausstandes eine Schranke; er hatte Gewalt über Leben und Tod und alle ! Beförderungen hingen von ihm ab. Die Janitscharen erhielten alle Jahre einen weiten ? Nock aus grobem Tuch und im Frieden einen Sold, der, mit Ausnahme der Officiere, je ! nach ihrem Alter von > —20 Asper den Tag, im Kriege aber noch höher stieg; außerdem ! erhielten sie täglich eine starke Portion an NeiS, Brot und Fleisch und aßen an gemein, schaftlichcn Tischen. Sie wurden überhaupt gut unterhalten und waren immer zu Unruhen bereit, wenn für ihre Bedürfnisse nicht hinlänglich gesorgt wurde. In Friedenszciten verrichteten sic die Dienste von Poliecidienern und waren zu dem Behuf nur mit einem laugen Stab versehen; im Kriege aber führten sie eine lange schwere Flinte, einen kurzen Säbel, ein Messer und ein Pistol im Gürtel. Sie dienten nur zu Fuße, bildeten gewöhnlich die Reserve im türk. Heere und waren eine Zeit lang durch den blinden Ungestüm ihres wilden Angriffs berühmt, der jedoch, da sie ohne alle Taktik fochten, nur so lange ihren Gegnern gefährlich war, als diese ihnen keine überlegene Taktik entgegensetzten. Auf ihre Fahnen hielten sie nicht sehr, desto mebr war es Ehrensache für sie, ihre Fcldkessel nicht zu verlieren, die, wie überhaupt Alles, was zum Kochwescn gehörte, eine große Rolle bei ihnen spielten, wie sie denn auch gleichsam als Feldzeichen ihre hölzernen Löffel in einem Futteral an ihren Mützen trugen. Aus den Janitscharen wurden ferner die Leibwachen des Sultans genommen, der selbst in der Musterrolle einer Orta, als deren Chef er gewissermaßen galt, eingetragen war und den Sold derselben bezog. Andere Ortas waren zu dem besondern Dienste in den wichtigsten Festungen oder auf der Flotte bestimmt. In den frühesten Zeiten waren die Janitscharen einer strengen Disciplin unterworfen; als aber die osman. Herrscher immer mehr verweichlichten und zu bloßen Serailsfürsten wurden, erschlaffte diese immer mehr, und die Janitscharen wurden bald die zuchtloseste und zuletzt auch faulste, unkriegerischste Truppe, die das Werkzeug jedes Rebellen war und deren Geschichte neben ihren Kricgsthaten aus einer fortlaufenden Reihe von Empörungen, Ermordungen von Sultanen, Vezieren, Agas u. s. w. und den zügellosesten Greueln aller Art besteht, sodaß sie am Ende den Sultanen gefährlicher wurden als die auswärtigen Feinde. Die Versuche zuRe- formen oder Auslösungen, welche verschiedene Sultane mit ihnen unternahmen, hatten entweder nur einen ungenügenden, bald wieder verwischten Erfolg, oder scheiterten gänzlich und führten zu schrecklichen Serailsrevolutionen. Erst dem Sultan Mahmud II. gelang cs, sie zu vernichten. Die Janitscharen zu Konstantinopel hatten sich nämlich im Mai >820 zu der Errichtung der neuen Miliz (Nizam dschedid) bereit erklärt, dann aber am 15 . Jmu dagegen empört, und verlangten die Köpfe der vornehmsten Staatsbeamten. Allein der ehemalige Janitscharenaga Hussein Aga, an der Spitze der dem Sultan treu gebliebenen Topdschi (Kanoniere), Kumbaradschi (Bombardiere) und Bostandschi (Wächter der großherrlichen Gärten), die durch die Entfaltung der Fahne des Propheten und den vom Mufti und den Ulemas über die Janitscharen ausgesprochenen Bann fanatisirt waren, jchlug die Aufrührer auf dem Platze Atmeidan zurück und ließ ihre Kasernen beschießen und verbrennen, wobei 8000 Janitscharen in den Flammen umkamcn. Eine Kundmachung vom ! >> Juni erklärte das Janitscharencorps für immer abgeschafft und belegte den Namen Jam- tschar mit einem Fluch. Dazu wurde ein Blutgericht zur Vcrurtheilung der übriggeblieb^ nen Schuldigen niedergesetzt und jeder Versuch der Janitscharen, sich wieder zu erheben, im 619 Ianitscharenmusik Jansen Blut erstickt, sodaß die Zahl der Hingerichteten im Sept. 1826 sich auf 15000 und die der Verbannten auf mehr als 20000 belief. Auch in den Provinzen ging die Auflösung der Zanitscharcn nicht ruhig und unblutig vorüber. Vgl. die vom türk. ReichShistoriogra- phen Es-Seid-Mohammed-Essad verfaßte Geschichte der Janitscharenauflösung (Konst. 1828,4.; frunz. von Caussin de Pcrceval, Par. 1833). Ianitscharenmusik oder türkische Musik, eigentlich die wildlärmende Militair- musik der Türken, nennt man überhaupt jede Musik, wo die melodieführenden Blasinstrumente von einer Menge Lärminstrumcnte zur Hervorhebung des Rhythmus begleitet oder vielmehr übertäubt werden. Die hauptsächlichsten dieser Lärminstrumcnte sind die große Trommel, die Becken, der mit Schellen behangene halbe Mond, der Triangel u. s. w., die dieTürken keineswegs erfunden, sondern nach asiat. Weise nur zusammengestellt staben. Schon das Alterthum war reich an solchen lärmenden Nhythmusschlägcrn zu wilder Betäubung. In Europa finden diese Schallwerkzeuge vorzugsweise nur in der Militairmusik Anwendung, in Italien darf aber ein solches Chor von Lärminstrumentcn (Lsmsti) auch in den Orchestern nicht fehlen. Die ausgezeichnetste Ianitscharenmusik hatten Napol con'sHcerc. Jansen (Cornelius), dem der Jansenismus seinen Namen verdankt, ein eifriger Anhänger des Augustinus, geb. 1585, war von >030—36 Professor der Theologie in Löwen, dann Bischof zu Apern in Flandern. Erst nach seinem Tode im I. >638 wurde er zum Reformator. Einer seiner Freunde gab nämlich > 0 t 0 sein Werk „Vugmstii»"" (Löwen, Fol.) heraus. Dieses empfahl die Augustinische Lehre von der freien Gnade alS die wahre Orthodoxie und regte den alten Streit über Augustinische und Scmipelagianischc Lehre zwischen den Dominicanern und Jesuiten aufs neue an; aus dcm Ordenssireite wurde mm ein Kirchenstreit. Ächon >567 waren 76 Sätze vonMich.Bajus (s-d.) in Löwen verdammt worden; > 508 hatte man eine Commission (Conj-reguti« <1« :,»xi!ii- Ki'stiue) mcdergesetzt, welche die Streitigkeiten über die Lehre vomGnadenbeistande schlichten sollte, was ihr aber nicht gelang; 16 1 > endlich war das Gebot gänzlichen Stillschweigens erfolgt, welches durch J.'s Buch wieder gebrochen wurde. Urban Vlll. verbot dasselbe 1632 auf Betrieb der Jesuiten durch die Bulle I» eminonti, doch die Universitär Löwen protcstirte gegen das Verbot. Die Negierung aber entschied sich >6r7 für die Bulle und setzte deren Annahme in Belgien so ziemlich durch. Großen Beifall fand J.'s Werk in Frankreich, wo gleichzeitig der Bcnedictincrabt von St.-Cyran, Jean Duvergicr de Havrannc, gest. 1633, in demselben Geiste wirkte und den Streit unmittelbar gegen die Äußerlichkeit der Jesuiten in Religion und Moral richtete. Durch Gelehrte, w,eAut.Arnauld(s. d.), Pascal(s. d.) Pierre Nicole und Perrault wurde der Jansenismus, der im Kloster Port - Royal (s. d.) seinen Sitz hatte, innerlich vollendet. AlsJnnocenzX. 1653 fünf Sätze von I. verdammte, erklärten Arnauld's Freunde, sie seien von dem Verfasser nicht in dem Sinne geschrieben, n welchem sie verdammt seien; aber > 656 behauptete Alexander Vil., daß sie in dem Sinne gemeint, in welchem sie verdammt seien. Von vier Bischöfen und von Seiten Port-Royals wurde entgegnet, daß die Entscheidung über den Sinn dieser Sätze ebenso sehr der Wissenschaft wie der Kirche angehöre. Clemens IX. versuchte 1660 eine Ausgleichung und Jnnoccnz XI. begünstigte sie; aber Ludwig XIV., bei dem die Jesuiten viel galten, wollte davon nichts wissen. Um der Bedrückung zu entgehen, wanderten viele Jansenisicn nach den Niederlanden, wo ihr eifrigster SprecherArnauld 160-1 starb. Inzwischen hatte seit! 671 Paschasius Quesnel (s. d.) das Neue Testament mit moralischen Betrachtungen allmä- lig erscheinen lassen und so den Jansenismus in die Masse des Volks einzuführen gesucht. Die Jesuiten und der phantasiekranke Ludwig XIV., dem Janscnismus und Aufruhr gleich galten, drangen deshalb auf gewaltsamere Schritte gegen OlueSnel, der nun aus der Reihe der Väter des Oratoriums gestoßen wurde und 1709 zu Amsterdam starb. Auch Port-Royal wurde nicht nur aufgehoben, sondern sogar zerstört. Endlich erließ Clemens Xl. 1713 die von Ludwig XIV. und seinem Beichtvater, dem Jesuiten Letcllier, gefoderte Constitution VimFenitns, in welcher 101 Sätze des Quesnel'schen Neuen Testaments, darunter auch mehre Bibelsprüche und Lehrsätze rcchtgläubig.er Kirchenväter, als ketzerisch, gefährlich und Ärgerniß gebend verdammt wurden. Doch dieselbe erregte nur Unwillen und Spott und mehrte die Zahl der Jansenisicn. Ludwig XlV. suchte sie zwar mit 620 Janssens Janus Gewalt durchzusetzcn, starb aber darüber >715. Jetzt widcrsctzte sich derselben der En- bischof von Paris, Cardinal Noaillcs, mit einem großen Thcil des Klerus und Volkes und appellirte an ein allgemeines Concil. Als hierauf die Minister Dubois und Fleury aus > unbedingte Annahme der Bulle drangen, wauderten abermals viele Jansenistcn nach den Niederlanden. Erst im I. >730 indeß wurde die Bulle als Reichsgesctz registrirt. Der Jansenismus artete später aus in Schwärmerei und wundergläubige Mystik. Am Grabe des Franz von Paris, gest. 1727, geschahen Wunder; die Convulsionairs (s.d.)ge- riethen in förmliche Raserei. In Frankreich hörte der Jansenismus als öffentliche Erscheinung nach und nach auf; Benedict XIV. vermittelte den Frieden durch einen milde» Hirtenbrief. In den Niederlanden hat er sich in einem eigenen, von Nom getrennten und öffentlich anerkannten Kirchenwesen ausgestellt, dem seit 1723 der Erzbischof von Utrecht und die Bischöfe zu Hartem und Deventcr verstehen. — Ein älterer Corncl. I., bekannt ' als Eireget, starb > 571 als Bischof von Gent. Janssens (Abr.), ein berühmter nicdcrländ. Historienmaler, soll ein Zeitgenosse des Rubens gewesen und 1560 zu Amsterdam geboren sein. Leichtsinnig und leidenschaftlich , machte er sich vollends unglücklich durch die Verhcirathung mit einem freudesüchtigcn, verschwenderischen Mädchen, sodaß er zuletzt in Armuth verkümmerte. Sein Todesjahr l ist unbekannt. Viele Kirchen in Flandern besitzen Gemälde von seiner Hand; am berühm- j testen sind seine Grablegung und die Madonna mit dem Kinde in der Karmeliterkirche zu Antwerpen. Auch die Galerien zu München, Wien, Dresden und Berlin bewahren Bilder von ihm. Als Rubens' Nebenbuhler und voll grenzenlosen Hasses gegen ihn, soll er diesen zu einem Wettstreite herausgefodert haben, den aber Rubens, der damals auf dem Gipfel seines Ruhmes stand, ablehnte. I. war allerdings ein tüchtiger Zeichner und trefflichxr Colorist, allein neben Rubens nimmt er nur eine untergeordnete Stelle ein. - CorneliusJ., wahrscheinlich imFlamändischen geboren; inLondon oder in Amsterdam, an welchem letztenOrte er 1665 starb, erwarb er sich den Ruf eines vortrcfflichenPortrait- , j und Historienmalers. — Auch Vict. Honorius I., geb. zu Brüssel >663, gest. daselbst 1 >73S, erwarb sich als Historienmaler einen geachteten Namen. Januar, im Deutschen Jenner, der erste Monat des Jahres, erhielt den Namen nach Janus (s. d.) und wurde im I. 25 1 v. Chr. durch die Deccmvirn an die Spitze des bis dahin aus zehn Monaten bestehenden röm. Jahres gestellt. Januarius, der Heilige, Bischof von Benevent, wurde zu Anfänge des 3. Jahrh. unter Kaiser Diocletian, nachdem er vielen andern Martern nicht unterlegen, zu Puzzuoli enthauptet. Sein Körper ist in Neapel in der unterirdischen Kapelle der nach ihm benannten Hauptkirche beigesctzt; sein Haupt nebst zwei Fläschchen angeblichen Blutes, welches eine fromme Matrone bei der Enthauptung desselben aufgefangen haben soll, wird in einer prächtigen Kapelle verwahrt, welche vierGemälde vonDomenichino schmücken. Das Blut hat die wunderthätige Eigenschaft, auch wenn es noch so hart geronnen, wieder flüssig zu werden, wenn cs in die Nähe des Hauptes gebracht wird. In der Regel wird dreimal im Jahre, namentlich am Sterbetage des Heiligen, den man auf den > 9 . Scpl. gesetzt hat, das Wunder unter dem Herbeistrvmen zahlloser Gläubiger und Neugieriger versucht, au- ßcrdem noch bei besondern Veranlassungen, wie Erdbeben, Epidemien, allgemeinen Ca- lamitäten u. s. w. Fließt das Blut nicht, so gilt dies für ein schlimmes Zeichen, das schon oft Neapel in große Unruhe versetzt hat. I. ist der Schutzpatron des Königreichs Neapel, und ihm zu Ehren stiftete der König beider Sicilien, Karl, der nachherige König Karl Ul. von Spanien, 1738 den Januariusorden, der in Neapel >806 für erloschen erklärt, >813 aber wiederhergestellt wurde. Janus, eine uralte Gottheit der Römer, welche wahrscheinlich pelasgischc» Ursprungs ist. Die Pelasger nahmen nämlich zwei höchste Gottheiten an, in. denen sie die Natur und deren Befruchtung personisicirten und die sie zuweilen als zwei verschiedene Wesen, männlichen und weiblichen Geschlechts, zuweilen aber auch in einem einzigen vereint darstellten. Von den Pelasgern nahmen die Aboriginer oder Lateiner diese vereinigt dargestellte Gottheit an und nannten sie Janus, den sie als Gott der Götter, als Regierer des Jahres und aller menschlichen Schicksale, als Gebieter über Krieg und Frieden verehrten. Man stellte Japan 621 ihn dar mir einem Scepter in der rechten und einem Schlüssel in der linken Hand, auf einem strahlenden Throne sitzend; auch wurde er mit zwei Gesichtern vorgcstcllt, einem jugendlichen und einem bejahrten, von welchem eins vorwärts, das andere rückwärts sah, worin Einige symbolisch die Weisheit des I., die in die Vergangenheit und Zukunft schaut, Andere die Wiederkehr des Jahres und der Jahreszeiten, oder, da man ihn auch mit vier Gesichtern abgebildet fand, die Weltgegenden, noch Andere sein Amt als Oberthürhütcr im Himmel und auf Erden, das ihm Ovid beilegt, angedeutet fanden. Plutarch erklärt sieb die doppelköpfige Darstellung dadurch, daß er I. den Ackerbau aus Thessalien nach Latium bringen und deshalb mit dem einen Gesicht nach Griechenland, mit dem andern nach Latium schauen läßt. Nach einer andern Sage soll I. mit der andern höchsten Gottheit der Urvöl- ker Italiens, mit dem Saturnus, in Eine Person verschmolzen, einer der alten Könige der Lateiner gewesen sein, seinem Volke den Ackerbau gelehrt, zweckmäßige Gesetze und gottesdienstliche Gebräuche eingcführt und den von seinen Kindern vertriebenen, nach Latium fluchtenden Saturnus gut ausgenommen und zu seinem Mitregenten erwählt haben. Unter ihrer Regierung sah Latium sein goldenes Zeitalter- Unter des I. Schutze standen alle Arten von Ein- und Ausgängen. Nach ihm hieß die Thür summ, und jeder unverschlossene gewölbte Durchgangsanus. Er war der Gott des Tages und des Jahrs, und von ihm erhielt der erste Monat seinen Namen. Ihm war der erste Tag deS Jahrs und von jedem Tage die erste Stunde heilig; auch machte man bei allen feierlichen Opfern mit ihm den Anfang. Nomulus baute ihm den berühmten Tempel, der nach der Verordnung Numa's bei dem Anfänge eines Krieges aufgethan wurde, so lange der Krieg dauerte, offen blieb, und nicht eher, als bis in allen den Römern unterworfenen Ländern Friede war, geschlossen wurde. Letzteres geschah in dem langen Zeiträume von 700 Jahren nur dreimal, nämlich unter Numa selbst, nach dem ersten punischcn Kriege und unter Augustus. Japan, von den Einwohnern, nach der größten Insel, Nipon oder Nifon genannt, von den Chinesen Dschi-p en, woraus Japan, d. i. Aufgang der Sonne, entstand, besteht aus unzähligen, von vielen Meerengen und Baien durchschnittenen Inseln und Jnsclchcn in dem mit Klippen, Strudeln und Untiefen angefüllten, stürmischen, und deshalb schwer zugänglichen Japanischen Meere, die innerhalb des 1 l«>—170" östl. L. und 28—-10" nördl. Br. liegen, und im Westen vom chines. Tong-Hai (Ostmeer),-der Straße von Korea, dem Japanischen Meer und dem Tatarischen Sunde, im Osten aber vom Großen Ocean umgeben werden, und deren Flächenraum man auf 12—I:;,oott ülM. berechnet. Alle sind vulkanischer Natur, felsig, und die gräßern mit hohen, zum Thcil die Schncelinie erreichenden Gebirgen bedeckt, in welchen sich mehre bedeutende Vulkane befinden, weshalb vulkanische Ausbrüche und Erdbeben häufig Vorkommen. In Folge dieser Verhältnisse ist der Boden zu einem großen Theile steinig und mager; viele der kleinern Inseln bestehen nur ans kahlen, durch vulkanische Ntzwlutionen entstandenen und zerrissenen Klippen. Das Klima ist wegen ihrer hohen Gebirge und ihrer Lage auf der Osiscirc des alten Continents rauher, als man ihrer geographischen Breite nach vcrmuthcn sollte, besonders in den nördlichsten, wo noch im Mai sich Eisfelder befinden. Selbst auf der Mittlern Insel Nipon fällt im stürmischen Winter oft zollhoher Schnee, und nur in den südlicher» Inseln ist der Winter mild; dagegen ist, die nördlicher» abgerechnet, der Sommer schön und heiß. Wegen ihrer unregelmäßigen, zerrissenen Gestalt bieten die Insel» viele Buchten und Busen und nur unbedeutende Flüsse, aber mehre, zum Thcil nicht unbedeutende Landseen. Das Land-, zum großen Theil an sich zwar nicht sehr ergiebig, entwickelt doch durch den regen Fleiß seiner Bewohner und in Folge der fruchtbaren Sommerregen, je nachseiuen verschiedenartigen klimatifchenVerhältnissen, einen großenNcichthum an den verschiedenartigsten Producten des Pflanzenreichs der gemäßigten Zone. Die wichtigsten davon sind: trefflicher Reis und Getreide aller Art, Sojabohnen, Thce, der jedoch dem chines. nachsteht, Baumwolle, Seide, ausgezeichneten Kampher, schönes Obst und Südfrüchte, Bambus und Maulbeerbäume, überhaupt die Gewächso des nördlichen Chinas und südlichen Europas, und in den südlichsten Inseln auch einige tropische. Das Thierreich ist nicht sehr zahlreich; außer einer Unmasse von Ratten und Mäusen, Hunden und Katzen, findet man nur wenig Ziegen, Schweine, kleine Pferde und Rindvieh, dagegen mehr Büf- 622 Japan fel, Wildprct aller Art, Baren, Wölfe, Affen, zahmes und wildes Geflügel, Seidenrau- z pen, Bienen, Ameisen, Heuschrecken, sowie eine Menge der in den dortigen Gewässern ^ gewöhnlichen Seethiere aller Art, auch Perlen und Korallen. Das Mineralreich liefert , viel Gold und das beste Kupfer, außerdem fast alle übrigen Metalle, Edelsteine, Schwefel, ^ verschiedene Salze, Steinkohlen u. s. w. Die Zahl der Einwohner wird auf ungefähr 35 ^ Mill. angegeben. Mit Ausnahme weniger Ainos undMandschus auf den nördlichen In- § sein, besteht die Bevölkerung aus eigentlichen Japanern, einem aus der Mischung der ? mongolischen mit der malaiischen Nace entsprungenen Volk. Sic gehören zu den civilisirtc- r sten Nationen Asiens, sind intelligent und bildsam, gutmüthig und von edlerm Charakter - als die Chinesen und dabei sehr reinlick, fleißig und industriös; auch genießen die Frauen, ^ deren sie gewöhnlich nur eine heirathen, bei ihnen größere Freiheit, als bei irgend einem ^ asiat. Volke; doch sind sie wollüstig und rachsüchtig. Sie sprechen eine Sprache, die ganz- lieh von dem Chinesischen und dem benachbarten Korcischen und Mandschuischen verschiede» > r und in.zwei Redeweisen noch gangbar ist: in der altern, reinern, auch Jamatosprache ge- ^ nannt, der Gelehrtensprache, die jedoch von Jedermann verstanden und vorzüglich in der ? höher» Literatur, besonders der Geschichtschreibung, der Dichtkunst und am Hofe des geist- , ^ lichen Oberhauptes angewendet wird und in zwei Dialekte zerfällt, »nicken und glwcken c genannt, von denen man jenen für die religiösen Schriften, diesen für die profanen ge- j braucht; und in der neuern, der Vulgärsprache, die von jener sehr abweicht und stark mit ^ chines. Worten gemischt ist, jedoch mehr Wohlklang hat als das Chinesische. Außerdem - bedienen sich die japan. Gelehrten häufig der chines. Sprache, besonders in religiösen Wer- > ^ ken. Für ihre Sprache haben sie dreierlei Arten von Schrift, die aus der chines. entsprossen ^ sind, welche sie im 3. Jahrh. n. Chr. als Bilder - oder Begriffsschrift erhielten, nach und ; nach aber in Phonetische Schriftarten umwandelten. Jene drei Schriftarten sind: das Fi- , rokana für die Schriften in Vulgärsprache, das Katakana, für Glossen und dergleichen, und , die eigentlichen chines. Charaktere mit phonetischem Werth für die höhere Literatur. Seit . § dem l 3. Jahrhundert kennen sie die Buchdruckerei, die sie mit Holztäfelchen bewerkstelli- i j gen, worein die Buchstaben geschnitten sind; sonst schreiben sie, wie die Chinesen, mit Pin- I j sein. Vgl. Klaprvth, „lUenxckre .-»r I'introckiictin» etc. ckes cbarncteres cbinois null»- § pnn etc." (Par. l 82U). Die beste japan. Grammatik lieferte, durch Bearbeitung der des ; Nodriguez, A. Nemusat (Par. 1825), und das beste japan.-engl. und engl.-japan. Wörter- § buch Medhurst (Batav. I83N), sowie ein chines.-japan. Siebold (Leyd. 18-11). Künste § und Wissenschaften lieben die Japaner sehr und haben sich in mehren derselben vor allen , andern Asiaten hervorgethan; doch sind sie in Folge ihrer Abgeschlossenheit auf einem nie- , drigen Grade der Ausbildung derselben stehen geblieben und größtcntheils in ihnen die § Schüler der Chinesen, insbesondere in den schönen Künsten, in der Zeitrechnung, Astrolo- § gie und Arzneiwissenschafk, obschon der Umgang, den sie mit den Europäern hatten, sie , über Manches besser belehrt hak. AM eifrigsten betreiben sie Geschichte, Geographie, fcr- § uer Astronomie, Botanik und Arzneikunde, die letztere freilich nach sehr rohen Begriffen, ^ obschon sie die Acupunctur und Moxa üben. Außerdem nehmen die Dichtkunst, Musik , und Malerei, in welcher letzter» sie die Chinesen übertreffen, einen hohen Rang unter ih- , re» Liebhabereien ein; auch haben sie theatralische Vorstellungen mit Musik, in denen, was ^ in ganz Asien nicht gewöhnlich ist, Frauen als Schauspielerinnen auftreten. An Schulen fehlt es nicht bei ihnen, inIedo (s. d.) haben sie eine Art Universität und am Hofe des > Dairi besieht eine Akademie, welcher die Abfassung der Reichsannalen und des kaiserii- , chen Almanachs obliegt. Überhaupt sind die Japaner wißbegierig und keineswegs auf ihr , Wissen so eingebildet wie die Chinesen; wie sich denn die japan. Gelehrten viel milder - holländ. Literatur beschäftigen, holländisch sprechen und Landkarten nach Art der europ. , liefern. Das Neujahr fangen sie mit dem I. Febr. an; sic rechnen nach Mondjahren und gleichen, die Differenz mit dem Sonnenjahre durchHinzufügung eines > 3. Schaltmonats aus. - Der Religionen gibt es in I. drei. Die älteste und ursprüngliche ist die Smto oder Sin-siu, die sich auf die Verehrung von Geistern gründet, welche die Aufsicht über / alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge haben und Sin oder Kami heißen. Am höchsten wird von diesen Geistern die Göttin Tea-sio-dai-sin, d. i. großer Geist des himmliichen 623 » I 'Japan Lichts, verehrt, die ihren im -1. Jahrh. n. Chr. erbauten Haupttempel Nai-ku oder Dai-sin- ku in der Provinz Jzc hat; dann folgt der Gott Tajo-kco-dai-sin, der als Schöpfer des Himmels und der Erde und als Schutzgcist des Dairi angesehen wird, und dessen Haupttempel Geku auf dem Berge Nuki-no-ko-jama ebenfalls in der Provinz Jze liegt, und endlich der Gott des Kriegs und Schicksals, der Bruder der erwähnten Göttin, Fatsman, der Orakel crtheilt und seinen 570 n. Chr. erbauten Tempel bei Ufa hat. Das Haupt dieser Religion ist eigentlich der Dairi oder das geistliche Oberhaupt von I., der aber jetzt zum Buddhismus (s. d.) übcrgegangcn ist, der zweiten in I. herrschenden Religion, welche 552 aus Korea dahin verpflanzt wurde und zu der sich jetzt die beiweitcm größere Mehrzahl des Volks bekennt. Dieselbe nahm bald so überhand, daß sie die Regierung zur Staatsre- ligion erklärte, was die völlige Verschmelzung des Sintodienstes mit dem Buddhismus für die Masse des Volks vcranlaßtc, sodaß die Sintogötter in den Buddhatempcln und die Buddhagöttcr in den Sintotempeln angcbetet werden; denn die Gelehrten hüten sich gar sehr, die Unterschiede beider Religionen zu erklären. Einer der berühmtesten buddhistischen Tempel ist in Miako (s. d.). Die dritte in I. verbreitete Religion ist die des Sukdo oder Siudo, eine Nachahmung der philosophischen Lehre des Kon-fu-tse (s.d.), die 284 nach I. aus China verpflanzt worden sein soll. Die Negierung ist im höchsten Grade despotisch mit einer Beimischung von Lchnswesen. Der Form nach besitzt der sogenannte Kaiser, der zu Miako residirt und aus der Familie des ersten Eroberers des Landes, Sin-mu, abstammen soll, die höchste Gewalt. Doch schon seit langer Zeit ist diese nur noch scheinbar, und der Kaiser, bekannt unter dem Namen des Mikado oder Dairi, eigentlich Dairi-sama, d. h. Herr des innern Palastes, da es verboten ist, bei seinen Lebzeiten dessen eigentlichen Namen auszusprechcn, ist jetzt lediglich das geistliche Oberhaupt des Staats und von dem weltlichen oder Kubo ganz abhängig, dessen Politik cs dahin gebracht hat, ihn nach und nach ganz seiner irdischen Gewalt zu entkleiden. Zu diesem Behuf ist er zu einer Art Gottheit gemacht und durch die strengste Etikette vom Volke getrennt worden. Er wird als ein Nachkomme der Göttin Tca-sio-dai-sin angesehen und führt den Titel Teu-sin oder Sohn des Himmels; er darf sich nie dem Volke zeigen und außer seinem Hofstaat und den Beamten des weltlichen Oberhaupts hat Niemand Zutritt zu ihm; nur einmal im Jahre geht er in eine Galerie, die nach unten zu offen ist, sodaß mau seine Füße sehen kann; wenn er im Bereiche seines Ungeheuern, wohlbefestigten Palastes, in welchem er von einem Beamten des Kubo bewacht wird, frische Luft schöpfen will, wird Allen durch ein Zeichen Entfernung geboten, ehe ihn die Träger auf ihre Schultern heben, denn niemals darf er die Erde berühren. In diesem Palaste lebt und stirbt er, mit reichlichen Einkünften versehen, die er noch durch den Verkauf der Ehrentitel vermehrt, der ihm als Vorrecht geblieben ist; auch werden noch die Befehle des Kubo im Namen des Dairi erlassen und er bei allen wichtigen Dingen zum Scheine von diesem befragt. Das Geschlecht des Dairi stirbt nie aus; hat er keine Kinder, so sendet ihm der Himmel eins, d. h. er findet ein, gewöhnlich aus den vornehmsten Geschlechtern des Reichs gewähltes Kind unter den Bäumen bei seinem Palaste. Er hat drei Minister und kann neunmal neun Frauen nehmen; seine Kleider dürfen nur von reinen Jungfrauen gefertigt werden und sein Essen wird ihm jedesmal auf neuem Geschirr gereicht, das man dann zerbricht. Das weltliche Oberhaupt, Kubo oder Dschogun, d. h. Oberfeldherr, genannt, der in Jede residirt, ist der eigentliche Herrscher J.s, obschon er dem Dairi der Form nach den ersten Rang überläßt und sogar Ehrentitel von ihm nimmt, die er durch ansehnliche Geschenke erwiedert. Wenn der Kubo ohne Erben stirbt, so wird sein Nachfolger aus einer der drei Familien- erwählt, die vom Stifter der gegenwärtigen Dynastie abstammen. Unter ihm stehen die Damjos oder Lchnsfürsten der verschiedenen Kokfs oder Provinzen. Früher waren dieselben fast ganz unabhängige, nur durch ein schwaches Lchnsvcrhälkniß dem Kaiser untergebene Herrscher; jetzt sind sie, mit Ausnahme von zweien, welche noch einen Theil ihrer alten Rechte bewahrt haben, nichts als Statthalter des Kubo, welche ab- geseht, verwiesen, ja am Leben gestraft werden können, dabei aber aufs despotischste und willkürlichste in ihren Provinzen, deren ganze Verwaltung ihnen untergeben ist, Hausen. Acht Verwaltungsbehörden oder Ministerien besorgen die Rcgierungsgeschäfte. Alle Am- 634 Japan tcr sind erblich. Der Kubo übt den grenzenlosesten Despotismus aus; Grund und Boden werden als sein Eigcnthum angesehen, und der Landmann muß ost die Halste, ja mitunter zwei Drittel seines Ertrags als Abgabe entrichten. Die Gesetze sind äußerst streng nnd werden ohne Ansehen der Person vollzogen; Jeder ist verpflichtet, den Wächter und Aufpasser des Andern zu machen und der Bürge des guten Betragens seiner Umgebungen m sein; auf die meisten Verbrechen steht die Todesstrafe; für schwere Verbrechen muß selbst die ganze Familie, ja in einzelnen Fällen sogar die Straße oder der ganze Wohnort des Verbrechers büßen. Alle Militairs und Beamte des Kubo sind verpflichtet, nach einem Vergehen auf erhaltenen Befehl sich den Bauch aufzuschlitzen. Ein solcher Tod bringt keine Schande und die Söhne folgen ihren Vätern in Würden und Gütern. Daher üben sich auch die Sohne der Standespersonen Jahre lang in der Kunst, das eigenhändige Bauch- aufschlitzen mit Anstand und Gewandtheit zu vollziehen. Es gibtachtStände, die aber keine Kasten bilden: die Damjos oder Fürsten, den Adel, der im Besitz fast aller Hähern Staats-, sowie der Militairämter ist, die Priester, die Krieger, die Kaufleute, eine sehr zahlreiche, aber nicht geehrte Classe, die Handwerker und Künstler, die Bauern, Arbeitslentc, Fischer und Seeleute und die Sklaven. Die Einkünfte des Kubo bestehen theils in Naturalabgaben aus den fünf sogenannten kaiserlichen Provinzen und einigen Städten, die unmittelbar unter ihm stehen, und aus den Tributen der Lehnsfürsten. Die Kriegsmacht des Kubo besteht aus l00000 M. Infanterie und 20000 M. gepanzerten Reitern, die mit Bogen, Dolchen, Säbeln, zum Theil auch mit Flinten bewaffnet sind, auch schwere Kanonen führen, die sie jedoch noch weniger als die Chinesen zu gebrauchen verstehen. Zu ihnen kommen noch im Kriege die Contingcnte der Lchnsfürsten, die sich auf 368000 M. zu Fuß und 33000 Reiter belaufen. Im Kriege zeigen die Japaner Muth und Tapferkeit, doch wird ihr Land mehr durch seine unangreifbare Lage als durch ihre militairische Geschicklichkeit, in der sie fast noch mehr als die Chinesen zurückgeblieben sind, vertheidigt. Der Ackerbau in I. ist sehr blühend; das Land gut und fleißig, selbst in den magern Landstrecken, bebaut; gute Straßen mit Herbergen durchschnciden es, und die Häuser, wenn auch einfach und wegen der Erdbeben nur aus Bambus und Lehm höchstens zwei Stockwerk hoch gebaut, sind doch überall nett und reinlich; ebenso ist die Kleidung der Bewohner. Der Gewerbfleiß, insbesondere auch der Bergbau und die Metallbereitung, befinden sich ebenfalls in sehr blühendem Zustande. Vortrefflich sind die höchst feinen Seiden- und Baumwollenstoffe, das Porzellan, die lackirten Waaren, das Papier aus der Rinde eines Maulbeerbaums, die Stahl- und Kupferarbeiten, besonders die Säbel und andere Waffen, deren Ausfuhr jedoch, sowie die dcrBücher, vornehmlich solcher, welche Nachrichten über das Land enthalten, Landkarten und Münzen streng verboten ist. Vor Ankunft der Europäer hatten die Japaner zahlreiche Flotten und trieben ausgebreitete Schiffahrt und activen Handel, auf der einen Seite bis Bengalen, auf der andern bis zur Nordwestküstc Amerikas, jenseit der Beringstraße. Allein seit l 585 hat das Land keine Kriegsschiffe mehr, und 1638 wurde, da man den Einfluß der Ausländer zu fürchten anfing, aller Verkehr mit dem Auslande verboten, sodaß selbst Japaner, die durch Zufall in fremde Länder verschlagen worden, bei ihrer Rückkehr einer strengen Aufsicht unterworfen oder gar cingespcrrt wurden. Nangasaki (s. d.) ist der einzige Hafen, welcher den Chinesen und Koreanern mit jährlich zehn Dschonken und den Niederländern mit drei Schiffen zum Handel unter harten Beschränkungen offen steht. Sonst ist der ganze Handel J.s Binnenhandel und die Schiffahrt Küstenschiffahrt, die beide sehr blühend sind und durch Einrichtungen aller Art, z. B. eine Art Handelszeitung mit den Preiscouranten der Waaren, den Messen u.fw-, von der Regierung gefördert werden. Das japan. Reich wird in das Hauptland und in die Nebenländer eingekheilt. Jenes enthält ungefähr 7300 üiM. mit 30 Mill. E-, zerfällt in acht Do, d. i. Wege, oder große Landschaften und in 68 Kokfs oder Provinzen, und bestes außer einer Menge kleinerer aus folgenden drei Hauptinseln: Nip o n oder Nifon, auchH« phon, d. j. Sonnenland, mit 5100 mM. Flächenraum, der Länge nach von einer hohen, in mehren ihrer Gipfel die Schneelinic übersteigenden Bergkette durchzogen, welche die Insel in zwei ungleiche Hälften theilt, die Wasserscheide der nach beiden Seiten Hw ins Meer sich ergießenden Flüsse bildet und die Städte Miako und Jedo enthält; Kiu« si> llß Ze rn, raj we st« V0! e° die ! Co ! niß ! brc beg ! s-kl ^ Di son ^ Di ! Kri ^ f°lj ! rich i nas ten, Ei> ' dyn ^ mei Ku! das imn sche übe! die leib ind lor, M d. i. IS, tige Leh s es d des mm vers > chri , und jPri Leh: , f°lg gest The 8 625 Japan siu, mit 1330 UM. und der Stadt Nangasaki (s.d.) und Sikokfoder Sikok, mit 800 LM. Zu den Nebenländern gehören die von hohen, rauhen Gebirgen durchzogene Insel Jezo, mit den japan. Kurilen (s. d.), die zusammen etwa 2000 lüM. mit 800000 E. enthalten, der südliche, von Ainos und einigen Mandschus bewohnte Theil der Insel Ka- rafko oderSaghalin, im Tatarischen Meere mit 2200 mM., und die Bon inin seln'(s.d-). Die älteste Geschichte J.s, auf einheimischen Annalen beruhend, ist nicht« als ein Gewebe von Fabeln, mit den ungeheuersten Zahlen vom Alter der angeführten Götterdynastien u. s. w. angefüllt. Vgl. Titstngh, „^nnsls!? Oes ompereur» kl» ä.", herausgcgeben von Klaproth (Par. l 834) und Desselben „Nämoires sur In «lxnastie cegnante lies Vjn- gouns", herausgeg. von Abel Remusat (Par. l 820). Nur so viel ist gewiß, daß die Ainos die ersten Bewohner J.s bildeten, und daß schon sehr zeitig, umS I. 500 v. Chr-, chincs. ! Colonien dahin kamen und mit ihnen chines. Civilisation und Cultur, die sich im Verhält- j niß mit der wachsenden Verbindung mit China nach und nach so über das ganze Land ver- ! breiteten und es durchdrangen, daß es jetzt vollkommen den chines. Culturtypus trägr. Die i beglaubigte Geschichte J.s beginnt mit Sin-mu, dem Stifter des japan. Reichs, der, wahr- § scheinlich chines. Herkunft, um 660 aus dem Westen kam, Nipon eroberte und es civilisirte. ^ Die Japaner haben ihn zum Nationalheros gemacht und leiten ihn von den Göttern ab, sowie sie ihre Dairis als eine Fortsetzung seiner Dynastie betrachten und von ihr äbleiten. . Die Geschichte dieser Dynastie bietet im Äußern nichts als die Geschichte verschiedener ! Kriege mit den Chinesen um Korea und mit den Mongolen, die im 13. Jahrh. mehre er- ^ solglvse Versuche, das Land zu erobern, machten. Im Innern besteht sie theils in dem Be- § richte von der Gründung der verschiedenen Einrichtungen u. s. w., durch welche diese Dy- ^ nastie das Land civilisirte, theils in der Erzählung der immerwährenden Thronstrcitigkei- ten, die in ihr wie in allen asiat. Dynastien herrschten. Ein wichtiges Moment war die Einführung von Statthaltern, die in Folge der Zerrüttung im Schooße der Herrscher- dynasiie am Ende zu fast selbständigen Vasallen wurden und bei der immer mehr zuneh- ^ wenden Schwäche der Herrscher Usurpationen versuchten, bis l > 02 einer derselben zum Kubo oder Dschogun sich emporschwang und als solcher, ähnlich den fränk. Hausmeiern, dos Regiment in seine Hand nahm. Diese Dschoguns befestigten sich bald und griffen immer mehr um sich; ein langer innerer Kamps zwischen ihnen und den legitimen Herrschern war die Folge davon, der dahin führte, daß im 14. Jahrh. ihre Macht bereits so überwiegend war, daß sie die Dairis ernannten. Von diesem Zeitpunkte an sind sie als die eigentlichen Herrscher J.s zu betrachten; aber damit begannen auch die Thronstreitigkeiten in ihrer Dynastie, die schon 1334 durch eine andere verdrängt wurde, welche wieder in der Revolution von 1585, in der derDairi den letzten Nest seiner weltlichen Macht verlor, einer andern weichen mußte, indem Fide Jnsi, ein Mann von niederer Herkunft, sich zum Dschogun emporschwang, alle weltliche Macht an sich riß und den Titel Taiko sama, d.i. unumschränkter Herr, annahm. Sein Nachfolger JeJasu oder Gonghin machte 18N die Oberherrschaft in seiner Familie erblich und wurde so der Stifter der gegenwärtigen Kubo-Dynastie, welcher es auch gelungen ist, die Macht der früher so mächtigen Lehnsfürsten ganz zu beschränken und sie sich völlig unterthänig zu machen. Was die Verbindung J.s mit den westlichen Völkern betrifft, so ist es ungewiß, ob 1 es die Alten kannten; die erste Kcnntniß von demselben hatten die Araber. Erst zu Ende des 13. Jahrh. kamen durch Marco P o lo (s. d.) Nachrichten von I., das er Zipangu nannte, nach Europa. Im I. 1542 wurden drei portug. Chinafahrer an die javan. Küste »erschlagen, die eine Niederlassung daselbst anlegten, worauf der Jesuit Franz Taver als ^ christlicher Missionar dahin ging. Die Portugiesen erhielten im ganzen Reiche freien Zutritt j undHandel, und Jesuiten durchzogen als Glaubenspredigcr das ganze Reich. Obgleich die ! Priester dem Christenthum entgegen wirkten, so breitete cs sich doch sehr bald aus, da die i Lchnsfürsten den neuen Glauben unterstützten. Allein die auf die Revolution von > 585 ^ folgende Dynastie der Dschoguns war gegen die Portugiesen und die Missionare feindlich gesinnt, da ihr beide gefährlich schienen. Das Betragen der Portugiesen war auch in der Thal im höchsten Grade unvorsichtig, übermüthig und zügellos. So erfolgte denn endlich Conv.-Lex. Neunte Aufl. VII. 40 -^4 6S6 Japhet Jarnac ihre Vertreibung; die Holländer dagegen erhielten für ihren dabei geleisteten Beistand und auf die Versicherung, daß sie eines andern Glaubens als die Jesuiten seien, I6ltt die Erlaubniß zum freien Handel in allen Häfen des Reichs. Nach langen Verfolgungen wurden endlich 1627 alle Portugiesen mit ihren Missionaren auf ewig aus dem Reiche verbannt, gegen die Christen blutige Strafen verhängt und die Häfen des Reichs allen fremden Völkern verschlossen, mit Ausnahme der Holländer und Chinesen, die sich aber die härtesten Bedingungen mußtrn gefallen lassen und von denen die letzter» 163-1 in Hinsicht ihres Aufenthalts in I. auf die Insel Desima (s. Nangasaki) beschränkt wurden, die sie nicht ohne Aufseher verlassen dürfen. Die Engländer hatten zwar im > 7. Jahrh. eine Niederlassung auf Kirato angelegt und bedeutende Handelsvortheile erlangt; doch ging dieser Handel bald wieder verloren. Den Russen erklärte die japan. Regierung schon 1792 ihre Abneigung, mit ihnen je in Verbindung zu treten, und so ist jeder Versuch Rußlands, z.B. un I. I8«>4, eine unmittelbare Handelsverbindung mit Z. anzuknüpfen, ohne Erfolg geblieben. Vgl. Kämpfer, „Geschichte von I." (deutsch von Dohm, 4 Bde., Lemgo >777— 79, 4.); Meylau, „-I. voor^estelck in nedctsen" (Amst. 1836); Hendrik Dorfs, „üeriime- rinASil uit ll." (Hartem 1833); van Overmeer Fischer, „Lijllragen tot äe Icemüs van iiet znpaniscb rijlc" (Amft. > 833) und Meylau, „Kesebiecllcuntligoverrigt vklnclenbsnäeläer Li.npeen op 3." (Barav. 1833); ferner die betreffenden Abhandlungen in den Schriften der asiat. Gesellschaften zu London und Paris, sowie der Gesellschaft der Künste und Wissenschaften zu Batavia; endlich die wichtigen Werke Sieb old's (s. d.), seine „kichpoo- ^rclüof etc." und seine „Reise nach I. in den I. 1823—36". Japhet, d.i. der Weitverbreitete, war der dritte Sohn Noah's. Seine Nachkommen, die Japhctiten, breiteten sich vorzugsweise im nördlichen Asien und in Europa aus, weshalb er, nach dem Mosaischen Bevölkerungssysteme, als Stammvater der dort verbreiteten Völker, der Armenier, Meder, Griechen, Thrazier u. s. w. genannt wird. In arab. Sagen heißt er der Stammvater der Türken (durch seinen Sohn Turk) und Barbaren; er soll elf Söhne gehabt haben, welche als Stammväter ebenso vieler asiat. Nationen bezeichnet werden. Jareke (Karl Ernst), ein bekannter deutscher politischerSchriftsteller, wurde m Danzig >79" von protestantischen Altern geboren und protestantisch erzogen. Als Jüngling huldigte er leidenschristlich dem demagogischen Schwindel, der nach dem Befreiungskriege dieZu- gend ergriffen hatte. In Bonn, wo er die Rechte studirte, glaubte er im Umgänge eines Katholiken das Höhere, das er bald ängstlich zu suchen begann, im Katholicismus entdeckt zu haben, was ihn bewog, mit seinem Freunde Philipps (s. d.) zur röm.-katholischen Kirche übcrzutreten. Hierauf habilitiere er sich in Bonn als Docent, erhielt den Professortitel und ging dann als Advocat nach Köln. Später erhielt er die Erlaubniß, an der Universität zu Berlin Vorlesungen zu halten, wo er das „Politische Wochenblatt" gründete, das ihn endlich doch so verwickelte, daß er mit Freuden 1832 dem Rufe als Rath in die Hof- und Staatskanzlci zu Wien, wo er auch nachher die Erziehung der Prinzen von Nassau leitete, folgte. Von seinen Schriften sind zu erwähnen das „Handbuch des gemeinen deutschen Strafrechts" (3 Bde., Berl. > 827), die anonym erschienene Schrift „Die franz. Revolution von 1836" und die „Vermischten Schriften" (3 Bde., Münch. 1839). Nächst dem „Politischen Wochenblatt" versorgte er namentlich und noch gegenwärtig den „Ostr. Beobachter" und die „Allgemeine Zeitung" mit zahlreichen Artikeln, die sich an dem hochua- benden Tone des Verfassers leicht erkennen lassen. Jargon (stanz.) nennt man thcils eine verderbt gesprochene, theils eine für besondere Zwecke gebildete Sprache, so z.B. die Bauernsprache, das Jüdisch-deutsch, undd:c Diebssprache. (S.Nothwälsch.) Ein Dialekt (s. d.) ist der Jargon nicht. Jargons heißen die hyacinthähnlichen, kleinen, goldgelben, gelbrothen oder violettblauen Steinchen von der Größe eines Nadelkopfs, die von Puy in der franz. Auvergne m den Handel kommen und zu Verzierungen ve-ii mancherlei Arten Galantericwaaren verwendet werden. Die guten Sorten haben einen starken Glanz und sind vom echten Hya- cinth schwer zu unterscheiden. Täuschend werden sie auch aus Glas gefertigt. Jarnac, eine Stadt im Bezirk Cognac des franz. Departements der Charente, mit 2206 E-, die sich besonders von Branntweinbrennerei nähren, ist berühmt durch die S S- mi stk wc mi mi ge> mi nie fen S> jetz bei Fr mc ' zuf > s-ll bei die , der , Bo ' bm teti sen rar diei noi str! erst her Poe ans 18! den den zur f Vg Ne! dch und gro > nar ! abe von , blei von Zaroflaw Jasmund 627 Schlacht imJ. 1569 zwischen Katholiken und Hugenotten, in der der Prinz von Conde gefangen wurde. In neuerer Zeit hat man auf dem Schlach'tfelde ein Denkmal errichtet. Jaroslaw, die Hauptstadt des russ. Gouvernements gleiches Namens von 897 UM. mit 944990 E. und einer Festung, am Einflüsse des Kotorosl in die Wolga, hat 28900 E., sehr viele Fabriken und nicht unbedeutenden Handel. Sie ist der Sitz eines griech. Bischofs, während der Erzbischof von Z. zu Rostow residirt, und hat 29 Kirchen, ein geistliches Seminar, ein Gouvernementsgymnasium und eine Kreisschule. Das daselbst von einem De- midow gestiftete Athenäum der höher« Wissenschaften mit einer ansehnlichen Bibliothek genießt denRang und die Rechte einer Universität. — Ein anderes Jaroslaw in Galizien, mit 8090 E., treibt lebhaften Handel, besonders nach Danzig. Jasmin (äasminum olNcinals), ein kleiner Strauch mit weißen Blüten und gefiederten Blättern, stammt aus Asten, wächst aber jetzt auch in Südeuropa, Südfrankreich und Italien, ja selbst in der Schweiz verwildert. Die Winter Deutschlands verträgt er nicht und wird deshalb in Töpfen gezogen. Mit ihm darf der Bastardj äsmin oder Pfeifenstrauch (?kils6elpkus coronurius), ein bekannter in Gärten und Anlagen sehr häufiger Strauch, nicht verwechselt werden, dessen Blüten sonst als krampfstillendes Mittel dienten, jetzt nur zur Bereitung des sehr geschätzten und zu Parfümerien verwendeten Jasminöls benutzt werden, aber auch wanzenvertreibend sein sollen. Jasmin (Jacq.) oder Jacquou Jansemin, der berühmteste Patoisdichter Frankreichs, der seit Godolin (s. d.) aufgestanden, ist zu Agen 1798 geboren. Ein humoristisches Bild seiner Jugend gibt er in seinen „8»ubenis". Sein Vater war diesen zufolge ein buckeliger Schneider; sein Großvater zog als Bettler im Lande umher; er selbst fand als Knabe im Chore Aufnahme. Bald aber wurde er loser Streiche wegen wieder entlassen und wählte nun den Stand eines Haarkünstlers, weil Friseurs und Poeten, die beide Kopfarbeit haben, gut zusammenpassen. I. machte sich schnell durch eine Reihe der lieblichsten poetischen Productionen bekannt, die insgesammt im Volksdialekte seiner Vaterstadt geschrieben sind. Gleich eineZ der ersten seiner größer» Gedichte „Dou 6t>ali- bsrx, poems bero'i-comigue burlesppie «n trois ciurnts, en patois agenes" (1825) richtete die Aufmerksamkeit des südlichen Frankreichs auf diesen volksthümlichen Sänger,-dessen Ruhm seitdem im steten Steigen begriffen gewesen ist. Glücklicherweise hat der Weihrauch, der ihm selbst von den bedeutendsten Männern der Hauptstadt, z. B. von Eh. No- dier, gestreut ist, ihm seinen klaren Blick und seinen einfachen Sinn nicht umnebelt. Keine noch so schmeichelhafte Auffoderung, sich in Paris oder in einer der größer« Provinzialstädte niederzulaffen, hat ihn zur Aufgebung seines bescheidenen Standes vermocht. Der ersten Sammlung seiner Gedichte „Das Lapillotvs" (Agen 1835), die manche wunderherrliche Perle der reinsten Poesie enthält, folgte 1842 eine neue Sammlung, welche an poetischem Gehalte jener ersten nicht nachsteht. Die lieblichste Dichtung, welche aus seiner anspruchslosen Feder hervorgesprossen ist, dürfte „D'^kuglo äe Dastel-DuiUö" (Agen 1836) sein, das ein Meisterstück zarter Empfindung und schöner Composition genannt werden kann. Man hat I. den Vorwurf gemacht, daß er sich hier und da in seiner Sprache dem Französischen allzu sehr annähere; indessen fällt dieser Umstand dem Dichter nicht zur Last, ist vielmehr im Entwickelungsgange der südlichen Patois nothwendig begründet. Vgl. Günther, „Abhandlung über die südfranz. Volkspoesie" (Bernb. 1844). Jasmund, eine Halbinsel, welche den nördlichen Theil der Insel Rüg en (s. d.) in Neuvorpommern bildet und mit derselben durch zwei schmale Landstriche zusammenhängt, dehnt sich bei einer Länge von fast 1'/- IHM. mehrmals bis aufM. in die Breite aus und hat eine Menge Buchten, die das sie umgebende Baltische Meer gebildet. Sie ist zum großen Theil mit Wäldern bedeckt, von welchen der riesige Buchenwald, die Stübnitz genannt, der bedeutendste ist. In den Wäldern finden sich kleine Landseen mit zwar klarem, aber fast schwarzem Wasser; so in der Stübnitz der sogenannte Herthasee, der eine Tiefe von 40—50 F. hat. Eine merkwürdige und höchst pittoreske Erscheinung sind ferner die blendenden Kreidefelsen von Stubbenkammer, mit dem höchsten Gipfel, dem Königsstuhl, von welchem sich eine fast senkrechte Wand von 2—300 F. ins Meer herabsenkt, sowie 628 Jaspis Jauregui y Aguilar endlich der hohe Felsen von Arkona (s. d.). Z. hat einen Flächenraum von etwa 2 OM. und etwa 2—3000 E-, die durch Ackerbau und Viehzuckt sich fast sämmtlich in einer sehr günstigen Lage befinden. Der Hauptort ist der Flecken Sagard mit 80V E. Das Gut Spiker war das Stammhaus der Familie von Jasmund, welcher früher die ganze Halbinsel gehörte, die aber bereits im 17 Jahrh. nach Sachsen und Mecklenburg übersie- delte. Nach dem Dreißigjährigen Kriege war sie eine Zeit lang im Besitze des schweb. Generals Wrangel, Hann der Grafen de la Gardie, von denen sie der Fürst Putbus erwarb. Jaspis, s. Quarz. Jaspisporzellan, s. Wedgwood. Jassy, die Hauptstadt der Moldau, am Flusse Bachlui gelegen, die Residenz der Hospodars und Sitz des griech. Metropoliten, sowie der Landesbehörden der Moldgu, mit einer Citadelle, ist ein offener, schlecht gebauter Ort von etwa 2400V E., unter denen sich auch viele Griechen, Deutsche und Juden befinden, die einen nicht unbedeutenden Handel treiben. Unter der Masse elender Hütten, in engen mit Unrath angefüllten Gassen, zeichnen sich ein Dutzend mit abendländischem Luxus ausgestattete Bojarenpaläste, sowie die 45 Kirchen und 26 Klöster aus. I. ist das ässsiorum municipium der Römer, und der von Trajan erbaute sogenannte Fürstenhof stand bis 4783, wo er mit verbrannte. In den Türkenkriegen seit dem 4 8. Jahrh. wurde die Stadt mehrmals von den Russen und Öst- reichern besetzt, aber immer wieder der Pforte zurückgegeben und am 9. Jan. 1792 da- selbst der Friede zwischen Rußland und der Pforte unterzeichnet. Außerordentlich litt Z in dem im 1.1821 hier ausgebrochenen Aufstande der Griechen gegen die Türken, in Folge dessen es am 10. Aug. 1822 von den Janitscharen zerstört wurde. Dies sowie die im letzten russ.-türk. Kriege hier ausgebrochene Pest und >831 die Cholera brachten die Bevölkerung in kurzer Zeit von 40,000 E. auf 18,000 herab. Janer, ein ehemaliges Fürstenthum, im südlichen Theile des gegenwärtig preuß. Regierungsbezirks Liegnitz, grenzte nordwärts an die Fürstenthümer Glogau, Sagen und Liegnitz, ostwärts an Schweidnitz, südlich an Böhmen und im Westen an die Oberlausitz, hatte eine Flächenausdehnung von 55 V, mM. und zerfällt jetzt in die landräthlichen Kreise Jauer, Bunzlau, Löwenberg, Hirschberg und Schönau. Es entstand, als 1314 die Söhne des Herzogs Bolko von Schweidnitz sich in das väterliche Erbe theilten und der mittlere derselben, Heinrich, das Fürstenthum Löwenberg und den um I. gelegenen Theil des Fürstenthums Schweidnitz erhielt, worauf sich derselbe Herzog von Schlesien, Herr zu Fürstenstein und I. nannte und seine Residenz zu I. nahm. Da er sich jederzeit von der böhm. Lchnshoheit frei zu halten gewußt hatte, so ging auch nach seinem im I. > 346 erfolgten Ableben sein Fürstenthum ungehindert an seinen Neffen Bolko II. von Schweidnitz über. Erst in Folge der Verbindung, welche dieser mit dem böhm. Königshause einging , kamen nach seinem und seiner Gemahlin Agnes Tode, 4 392, die Fürstenthümer Z- und Schweidnitz an die Krone Böhmen und von da nachmals durch Friedrich des Großen Eroberung an Preußen. Die gleichnamige Hauptftadtdes Fürstenthums, in lieblicher Hügelgegend gelegen, mit 6000 E., hat eine schöne katholische Kirche, das alte plastische Fürstenschloß aber ist seit der preuß. Herrschaft in ein Zuchthaus verwandelt. DieEinwoh- ner treiben Leinwandweberei, Brauerei u. s. w., ein besonders wichtiges Fabrikat aber sind die weitbekannten jauerschen Bratwürste. Jauregui y Aguilar (Juan de), Dichter und Maler, wurde um 4570 zu Sevilla geboren und lebte um 1607 in Rom, wo er in diesem Jahre seine Übersetzung von Tasso's „^inints" erscheinen ließ. Wahrscheinlich begab er sich dahin, um sich in der Malerkunst auszubilden, in welcher er sich bald einen Namen erwarb. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland wurde er Stallmeister der Königin Jsabella, ersten Gemahlin Philipp's IV., und so an die Residenz gefesselt, wo er den ganzen übrigen Theil seines Lebens zubrachte und im Jan. >641 starb. Die erwähnte Übersetzung von Tasso's „^minta" (mit J.'s „R>mss", Sevilla 1618) ist noch immer eins der vollendetsten Muster dieser Gattung und beiweitem seiner Bearbeitung von Lucan's „kbarzsüa" (Madr. 1684) vorzuziehen, da auch er, früher den classisch-italien. Mustern folgend, hierin dem Gongorismus huldigte. Außerdem legt man ihm noch ein größeres Originalgedicht „Orkeo" (Madr. 1624) bei, obschon das- s-ll sin! Wli Po öst! ma 23: neu les Fer bar Eej mal dan Kai scho zei-l aus > alle sich bedl z tvae hat dm lirig Nie gen det, und kam der Lite Eni sche! aucl gert Tab 1 wür beko rüh> der Nie deii 5P eine nati unk, zen und M. ehr Zut nze sie- Je- der mi! si-h >del ich- die M den da- Z lr- ten ng liß. an er- jM I^t der ,eil zu der er- nd< in- 5 jen her che -h- nd lla o'S nst !a« nd nd ein Ä- !M -s' Java 629 selbe auch unter den Gedichten des Don Augustin de Salazar y Torres sich abgedruckt befindet. I. war mehr Verskünstler als eigentlicher Dichter. Seine sämmtlichen poetischen Werke wurden in der „Oolleccion" des Fernande; (Bd. 6— 8., Madr. >789 und >81«) wieder abgedruckt. Als Maler gehört er der florent. Schule an, und besonders sollen seine Portraits, unter denen sich auch das des Cervantes befand, geschätzt gewesen sein. Java, die schönste der Sundainseln in Ostindien, zwischen >22° 26'und >33° 3V' östl.L. und 5° 52' und 8" -16' südl.Br. gelegen, ist westlich durch die Sundastraße von Sumatra und östlich durch die Balistraße von Bali getrennt und hat einen Flächenraum von L326 lüM- Das Klima, sehr heiß in den nieder» Gegenden, kühler in den höher gelegenen, ist, mit Ausnahme der Nordküste, wo es viele Moräste tödtlich machen, und des Tha- ^ les Guepo-Upa, d. h. Eifkthal, unweit Bathur, wo weder Vegetation stattfindet noch^ Thiere zu leben vermögen, gesund'. Die ganze Insel steht auf einem Herde unterirdischen ^ Feuers, das unaufhörlich thätig ist und seine Wirkungen fast überall und durch die furchtbarsten vulkanischen Ausbrüche aller Art offenbart. Es ist daher auch nur pyroxenisches Gestein, insbesondere Trachyt und Dolerit, welcher überall zu Tage tritt und die Hauptmaste des festen Bodens und Gebirges bildet, das in zwei Ketten, die sich vereinigen »nd dann wieder spalten und absondern, die Länge der ganzen Insel durchzieht, und über dessen Kamm sich kegelförmig Höhen von >6—>466» F. erheben, meist Vulkane, die tbeils schon erloschen, zum großen Theile (38) aber noch thätig sind. Dieses pyroxenische Gestein zeichnet sich in seiner Auflösung in Dammerde durch die außerordentlichste Fruchtbarkeit aus und ist die Ursache der beispiellosen Üppigkeit der Vegetation, durch welche sich I. vor ^ allen andern Ländern der östlichen Halbkugel auszeichnet; nirgend auf derselben finden sich so dichte und überreiche Tropenwälder, als die sind, welche fast überall die Gebirge J.s bedecken. Natürlich ist cs daher, daß die Insel überaus fruchtbar und reich an Naturerzcug- mffen aller Zonen ist, da vermöge ihrer verschiedenen klimatischen Zonen außer den Ge- ; wachsen der Tropenländer auch alle Früchte der gemäßigten Kiimate daselbst gedeihen. I. hat eine Bevölkerung von etwa 7 Mill. Menschen, darunter viele cingewsnderte Chinesen, deren mit Javanerinnen erzeugte Nachkommen Pernaken heißen und eine besondere Mischlingsbevölkerung bilden; ferner Mohren, Buggisen, Malaien, Araber und Europäer, meist Niederländer, deren mit Javanerinnen erzeugten Kinder man Lipplapps nennt. Die eigentlichen Javaner, die Mehrzahl der Einwohner, sind malaiischen Stammes, wohlgebildet, von gelblicher Hautfarbe, sanft, höflich, verständig und dankbar, doch auch rachgierig und abergläubig. Sie zerfallen in verschiedene Stände und lieben Schauspiele, Thierkämpfe, Musik und Tanz. Ihre Zeitrechnung beginnen sie mit der Ankunft des Adl-Saka, der ihnen das Alphabet brachte, mit 73 v. Chr.; auch haben sie eine verhältnißmäßig reiche Literatur. Hauptsprachen sind die javanische in zwei Dialekten, die funkische und die der Europäer. Außerdem ist das Kawi als heilige Sprache der Javaner zu erwähnen. Herrschende Religion ist seitdem l-l. Jahrh der Islam; die christliche Religion ist geduldet, auch gibt es noch viele Heiden. In Folge des von den Holländern mit aller Macht gestei» gerten Anbaus der Insel erzeugt sie außerordentlich viel Kaffee, Zucker, Reis, Indigo, Taback und Thce, außerdem eine Menge seltener und nutzreicher Pflanzen, besonders Ge« ' würz - »nd Farbepflanzen, doch auch mehre giftige, unter denen besonders der Upasbaum bekannt ist. Auch findet man die gewöhnlichen Thiere der tropischen Inseln Asiens, die berühmten Indianischen Vogelnester, und in den Bergen Gold, Kupfer und Salz. Nur etwa der dritte Theil der Insel steht unter eingeborenen Fürsten; alles Übrige ist im Besitze der Niederländer, von deren Generalgouverneur irr Batavia auch jene abhängig sind. Das niederländ. I. ist in >7 Provinzen gctheilt, unter denen Bata via (s. d.), mit der gleichnamigen Hauptstadt die wichtigste ist, und umfaßt gegen 2660 LIM. mit ungefähr i Mill. E. Die nieder!. Regierung ist für das Land höchst drückend, indem sie es nur als eine große Domaine betrachtet, deren Ertrag sie durch alle mögliche Mittel, künstliche wie natürliche, gerechte wie ungerechte, auf den höchsten Grad zu steigern sucht, wie sie denn unter Anderm sich zur Eigenthümerin alles Grund und Bodens erklärt hat, fast den ganzen Anbau des Landes bestimmt, den ganzen Productenverkehr monopolistisch betreibt, und den Eingeborenen nur die Bebauung gegen eine kleine Vergütung überläßt, sodaß 630 Zaxt Jay diese factisch aus Grundbesitzern zu hörigen Frohnbauern oder Meiern geworden sind. Noch gibt es auf der Südseite der Insel zwei sogenannte unabhängige Fürsten, die jedoch in der größten Abhängigkeit von der nieder!. Regierung stehen, den sogenannten Kaiser von Ma- taram oder Susunam, der in Surakarta, und den Sultan, der in Dschokdschokarta regiert; beide stammen von den alten Kaisern von Mataram ab und besitzen ein Gebiet mit fast 2 Mill. Menschen. Außerdem gibt es noch zwei gleicherweise von den Niederländern abhängige Sultane auf der nordöstlich von I. liegenden, 63 OM- großen Insel Madura. I. wurde in den ältesten Zeiten von Indien aus civilisirt und die brahminische Religion daselbst eingeführt. Zeugen dieser frühen Bildung sind die herrlichen Trümmer von Tempeln, Götzenbildern und Grabmälern, die man vorzüglich in den Ländern der beiden unabhängigen Fürsten findet, sowie die durch mündliche Überlieferungen erhaltenen Gesänge der Pontoos oder Sänger der Javaner. Nachdem mehre einheimische Reiche in Z. geblüht, zuletzt in dem von MadschaprN vereinigt, kamen l -166 die Araber auf der Insel an, führten den Mohammedanismus ein und gründeten die Reiche Bantam und Mataram, die bald durch Theilungen und andere Verhältnisse sich mannichsaltig veränderten, sodaß gegen Ende des 16. Jahrh. die Reiche Mataram, Dschakatra, Bantam und Cheribon bestanden. Um >579 landeten die Portugiesen auf J. und ließen sich daselbst nieder, wurden aber schon 1594 von den Niederländern verdrängt, die sich nun selbst ansiedelten und auch die Engländer verjagten, welche sich ebenfalls niedergelassen hatten und ihnen entgegengetreten waren. Von dieser Zeit an bietet die Geschichte J.s nichts als das Bild des Umsichgreifens der Holländer, welche unter fortwährenden Kriegen die einheimischen Reiche Schritt vor Schritt verkleinerten oder gar vernichteten, bis am Ende nichts als die erwähnten Vasallenfürsten übrigblieben. Im I. I8l> wurde die Insel von den Engländern erobert, durch den pariser Frieden aber den Niederländern zurückgegeben, welche sie >818 wieder besetzten. Lange wollte unter der fehlerhaften niederländ. Verwaltung die Colonie nicht gedeihen, bis es endlich den Gouverneurs van der Capellen (s. d.) und Jan »an den B osch (s. d.) durch Förderung des Ackerbaus und andere Maßregeln gelang, die Insel zur höchsten Stufe colonialer Blüte zu erheben. Doch dauerte es lange Zeit, ehe die Niederländer wieder in gesicherten Besitz des Innern der Insel kamen und die Einwohner zum Gehorsam brachten. Wiederholt hatten sie mit Aufständen zu kämpfen, von denen der von Diepo Ncgoro um 1825 der gefährlichste war, und noch gegenwärtig macht sich der Widerwille der hart gedrückten Eingeborenen mitunter durch einen Aufstand Luft. Vgl- Raffles, „üistor^ c>f 3." (2 Bde., Lond. 18 > 7); Roorda van Eijssinga, „äets oveme- tjerlitncl!! Illliia" (Kämpen 1836); Selberg, „über die Lage der Insel I." (Rinteln >848). Jart, ein reißender Fluß, der bei Walxheim im würtemberg. Oberamte Ellwang« entspringt, anfangs in nördlicher, zuletzt aber in südwestlicher Richtung an Ellwang«, Kirchberg, Langenberg und Zaxtberg vorüberfließt, dann eine Zeit lang die Grenze zwisch« Würtemberg und Baden bildet und endlich, nach einem Laufe von 25 Wegstunden, bn Jaxtfeld, Wimpfen gegenüber, in den Neckar mündet. Nach ihm ist der I axtkreis benannt, einer der vier Regierungsbezirke des Königreichs Würtemberg, von 94 OM- mü 375,666 E. und der Hauptstadt Ellwangen (s. d.). Jaxthausen, im würtemberg. Oberamte Neckarsulm, ist berühmt als Stammort des Ritters Göh von Verlieh ingen (s. d.), der in einer der drei daselbst befindlichen Burgen geboren wurde. Noch gegenwärtig im Besitze der Familie Berlichingen, wird es seines historisch-romantischen Interesses wegen häufig von Reisenden besucht. Neuere Ausgrabungen haben ergeben, daß der besonders auch durch seine Lage ausgezeichnete Ort schon unter den Römern bedeutend gewesen sein muß. . Jay (Antoine), ein geistvoller stanz. Schriftsteller, geb. am 26. Oct. 1776 zu Gm- tres im Departement der Gironde, studirte zu Niort und in Nantes, wo Fouche sein Lehrer war, und die Rechte zu Toulouse. Schon damals für Recht und Freiheit gehend, war er später der Sache der Revolution schwärmerisch ergeben; allein der Revolutionsausschu? ließ ihn verhaften. Freigesprochen, erhielt er 1795 eine Verwaltungsstelle zu Libourne, legte sie aber nieder und machte 1796 zu seiner Bildung eine Reise in die Vereinigten Staaten. Nach seiner Rückkehr im 1.1862 wurde er Advocat und übernahm dann den Unter- 1 r Jazygen Jeanne d'Arc 631 richt der Kinder des Ministers Fauche. Seine Beantwortung der von der franz. Akademie im Z. >806 aufgegebnen Preisfrage „Tublsuu litteraire entworfene Adresse der franz. Regierung an die franz. Armee vor den Thoren von Paris, wurde von ihm, Arnault, Galat u. A. am 20. Juni in Davoust's Hauptquartier zu Lavillette übcrbracht. Nach der zweiten Restauration gab er seine brauchbare „Histnire du Ministers dn csrdimd Riebe- iieu" (2Bde., Par. 1815) heraus, und nahm seitdem nebst Etienne Theil an der Nc- daction des „konstitntmnnel" und der von ihm 1818 gegründeten „Mnerve". Die liberale Tendenz der von ihm, Jouy, Arnault und Norvins vertretenen „ Biographie des conteinzmi-kins" zog ihm und Jouy eine Gefängnißstrafe in Ste.-Pelagie zu. Während der Dauer derselben verfaßten sie das vielgelesene Buch bermites en prison ou cou- rolations de 8te.-?Äagie" (2 Bde.). Nach der Julirevolution wurde I. zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften und der franz. Akademie gewählt. Seiner ästhetischen Richtung nach steht er noch auf dem Standpunkte des 18. Jahrh.; er hat cs demnach nicht unterlassen können, die Regungen der romant. Schule in geharnischten Journalartikeln im ,1!nllstitutioimel" sowie in eigenen Flugschriften zu bekämpfen. Jazygen ist der Name eines der sieben Hauptstämme des skythisch-ungar. Volkes. Zu Herodot's Zeit erscheinen sie mit ihren Stammgenossen im südlichen Rußland. Den Römern wurden sie bald nach Christi Geburt als treffliche Bogenschützen bekannt und furchtbar. Damals nämlich drangen sie aus der Moldau nach Ungarn bis an die Theiß vor. Während des magyarischen Völkergedrangcs gegen Westen verschwindet ihr Name unter der allgemeinen Benennung ihres Stammes, doch kommen sie, nachdem die Magyaren zur Ruhe gelangt waren, im 13. Jahrh. wieder in ihren früher« Sitzen an der Theiß zum Vorschein, wo sie auch noch gegenwärtig, etwa >50,000 Köpfe stark, die DistricteJazygien, Groß- und Kleinkumanien inne haben. Sie unterscheiden sich von ihren Landsleuten theils durch ihre Sitten, theils durch ihre besondere Verfassung und viele Freiheiten. Ihr politischer Mittelpunkt ist der Hauptort Jasz-Bere'ny. Jeanne d'Arc, oder die Jungfrau von Orleans, gcb. I -110 in dem lothring. Doxfe Domremy an der Mosel, war die Tochter ehrbarer Landleute. Gleich ihren Ec schwistern wurde sie zu den häuslichen Geschäften angehalten, welche die Verhältnisse ihrer Altern mit sich führten. Sie konnte nähen und spinnen, aber nicht lesen und schreiben-, ihre Rcligionskenntnisse verstiegen sich nicht über den naiven Glauben jener Zeit. Vor andern Mädchen zeichnete sie sich durch Einfachheit, Keuschheit, Fleiß und eifrige Frömmigkeit aus. Im Alter von > 3 Jahren glaubte sie zum ersten Mal eine überirdische, mit einem Lichtglanze verbundene Stimme zu hören, die sie zur Sittsamkcit und zu fleißigem Kirchenbesuch ermahnte. Sie gelobte schon damals, lebenslang Jungfrau zu bleiben. Der Eindruck, den das Elend der Zeit auf das reizbare Gemüth J.'s machte, gab diesen Offenba rungen bald eine andere Richtung. Durch die Eroberungen Heinrich's V. (s. d.) hatten die Engländer mehr als die Hälfte Frankreichs an sich gerissen; ihre Bundesgenossen waren der Herzog von Burgund und Jsabella, die Gemahlin des wahnsinnigen Karl 'sVI. (s.d.). Im südlichen Frankreich behauptete sich nur mitMühe derneunzehnjährigeDauphin, nachmals Karl VII. (s. d.). Das Geburtsdorf J.'s hing Letzterm an, der nächste Ort Mare» dem Burgunder; häufig kam es unter den Bauern zu blutigem Streit. I., von starkem Körperbau und dem Naturgesetz der Frauen nicht unterworfen, mochte 15 I. alt sein, als sie erklärte, die überirdischen Stimmen hätten sich für den Dauphin erklärt, sie müsse für denselben nach Frankreich in den Krieg ziehen. Man suchte sic von diesen Gedanken abzubringen, indem man sie an einen jungen Mann aus Toul verheirathen wollte; allein I. schwur vor dem geistlichen Gericht, daß sie nie die Ehe versprochen, und ihre erzürntenVer- 632 Jeanne d'Arc wandten mußten sie gewähren lassen. Unterdessen war der Dauphin während der Belage- rung von Orleans durch die Engländer im Oct. I >128 in die bedrängkeste Lage gerrthen. Da erhielt I. durch ihre Stimme und in Träumen den Auftrag, jene Stadt zu entsetzen und den Dauphin nach Rheims zur Krönung zu führen. Sie wendete sich heimlich an Bau- dricourt, den Befehlshaber von VaucoulcurS, der ihre Anträge als die einer Närrin erst mehrmals zurückwies, sie aber endlich in männlicher Tracht und Rüstung und unter einiger Bedeckung zum Dauphin nach Chinon sendete. Karl, dem sie hier ihren überirdischen Beruf mittheilte und in Rücksicht seiner Geburt versicherte, er sei der wahreKönig vonFrank- reich, konnte sich dessenungeachtet nicht überzeugen. Erst nachdem zu Poitiers angesehene Männer die Herkunft und den Wandel J.'s geprüft und achtbare Matronen ihre Jungfräulichkeit bezeugt hatten, zweifelte man nicht länger an ihrer höher» Sendung. Nach manchen Verzögerungen zog endlich die achtzehnjährige Jungfrau in Männertracht, mil einem Schwerte aus der Kirche zu Fierbois und einer weißen Fahne ausgerüstet, an der Spitze begeisterter Scharen nach Orleans, das D un o is (s. d.) oertheidigte. Am 29.Axr. 1429 warf sie sich mit Lebensmitteln in die Stadt, und vom 4.—8. Mai vertrieb sie in verschiedenen Ausfällen die Engländer aus ihren Schanzen und nöthigte dieselben, die Belagerung aufzuheben. I. wurde nach diesem wichtigen Siege das Schrecken der Feinde und bei den durch jahrelangen Niederlagen entmuthigten Franzosen der Gegenstand religiöser Verehrung. Begeisterung und Nationalgefühl erwachten durch die wunderbare Erscheinung des Mädchens plötzlich beim Volke und unter den Truppen. Ungeachtet dieser Hul digungen blieb I. weiblich bescheiden. Nur wenn kriegserfahrene Männer ihren kühnen Anordnungen widersprachen, berief sie sich bestimmt auf die göttliche Sendung. Gegen Hohe und Niedere aber wußte sie ihre weibliche Würde streng zu bewahren. Nach der Befreiung von Orleans ging sic an den zweiten Theil ihrer Sendung. Unter ihrer Führung zog der Dauphin von Gien aus mit einem kleinen Heere nach Rheims, indem er unterwegs Auxerre, St.-Florentin und Chälons unterwarf, Troyes aber unter J.'s Befehl eroberte. Am 17. Juli 1429 ging die Krönung vor sich. I. hielt während dieser Feierlichkeit, dem Glanzpunkte ihrer kurzen, wunderbaren Laufbahn, mit ihrer Fahne an der Seite Karl s, warf sich dann vor ihm nieder und begrüßte ihn unter heißen Thränen als König. Zugleich zeigte sie an, daß sie, nachdem die Sendung nun erfüllt, in ihre Heimat zurückkehren wolle. Karl VlI. bestimmte die Jungfrau, die seine Lage so schnell geändert, beim Heere zu bleiben. Da sie aber von Gott durch die innere Stimme keine besondere Weisung empfing, belasteten sie bald traurige Ahnungen. Nachdem sich die wichtigsten Städte der Champagne freiwillig unterworfen, entschloß sich Karl gegen Paris aufzubrechen, während die Jungfrau nur bis St.-Denis vorzudringen rieth. Dessenungeachtet wagte man am 8. Sept. einen fruchtlosen Angriff auf die Hauptstadt, wobei I. am Schenkel schwer verwundet, von dem Grafen von Alenxon fast mit Gewalt vom Schlachtfelde getragen wurde. Sie folgte nun auf das Bitten der Großen dem Heere nach der Loire und zeigte allenthalben, ihre weiße Fahne schwingend und in die Feinde eindringend, eine Tapferkeit, die an Verzweiflung grenzte. Beim Angriff auf St.-Pierre-le Moutier sammelte sie, den feindlichen Hieben bloßgestellt, die zersprengten Truppen und entschied so die Einnahme der Stadt. Dagegen mußte sie, schlecht unterstützt, die Belagerung von La Charite aufgeben. Zu Anfänge des I. 1439 schlug sie in Verbindung mit mehren andern Anführern in der Nähe von Lagny den berüchtigten burgund. Parteigänger Franquet d'Arras, dessen gerechtfertigte Hinrichtung ihr später als Verbrechen angcrechnet wurde. Auf die Nachricht, daß die Engländer und Burgunder vor Compiegne zögen, warf sie sich am 24. Mai mit wenigen Truppen in diesen wichtigen Platz. Bei einem Ausfälle, den sie eines Tages auf die Burgunder machte, wurden die Ihrigen von der Übermacht mehrmals zurückgeschlagen. I deckte mit der letzten Schar den Rückzug und wurde von den Burgundern erreicht, indem ehr voreiliger Verschluß des Stadtthors sie am Eindringen hinderte. Sie ergab sich dem Bastard von Ben- Löme, der sie an Johann von Luxemburg auslieferte, durch den sie dem Herzoge von Burgund übergeben wurde. Als die Engländer die Kunde vernahmen, zündeten sie im Lager Freudenfeuer an und ließen in allen unterworfenen Städten kirchliche Dankfcstc anordnen, während die Franzosen und der träge König zu ihrer Rettung nichts unternahmen. Als Jean Paul Jefferson 633 Z. sah, daß sie den gefürchteten Engländern ausgeliefert werden sollte, suchte sie über die Mauern von Beauvoir zu entkommen, wobei man sie stark beschädigt ergriff. Hieraufwnrde sie nach Rouen, den Sitz der engl. Macht, gebracht und dem geistlichen Gerichte des Bischofs Cauchon von Beauvais als Zauberin und Ketzerin übergeben. Ein laüger, abscheulicher Proceß, dem eine große Anzahl Dvctoren der Theologie and der Rechte aus Paris und Rouen beiwohnten, begann im Jan. 1331 und endete nach vier Monaten mit Verur- theilung der Jungfrau zum Feuertode. I. hatte sich während dieser Zeit, ungeachtet der physischen und moralischen Leiden, die man ihr auflegte, wunderbar standhaft und ergeben benommen. Als sie aber am 2 a. Mai zum Scheiterhaufen abgeführt wurde, entschloß sie sich im Angesichte des Todes und unter dem Drängen der Geistlichen zu einem Widerruf, der ihre Strafe in ewiges Gefängniß verwandelte. Dies lag jedoch nicht in der Absicht her ! Engländer und deren Partei. Man sperrte sie ein, legte in ihr Zimmer drei rohe Soldaten, nahm ihr die weibliche Kleidung, sodaß sie sich zum Gebrauch hingelegter Männcrkleider entschließen mußte und betrachtete dies, wie einige Reden, die ihr in ihrem Jammer entfallen waren, als Rückfall. Schon am 30. Mai wurde sie wieder zum Scheiterhaufen geführt. Der Muth und die fromme Ergebung, die sie bewies, rührte selbst ihre Richter und überzeugte sogar den Henker von ihrer Unschuld. Nach der Volkssage stieg eine weiße Taube aus den Flammen zum Himmel empor. Aus Ansuchen ihrer Familie, die wahrend ihrer Siege von Karl VlI. in den Adelstand erhoben worden, wurde der Proceß schon 1330 revi- dirt und die Anklage 1355 für unbegründet, die Jungfrau für unschuldig erklärt. Zu Rouen und Orleans wurden ihr einfache Denkmäler gesetzt. Unter den vielen Dichtungen, welche die romantische Gestalt J.'s mit mehr oder weniger historischer Treue verherrlichen sollen, erreicht keine im entferntesten die erhabene Tragödie Schiller's. Vgl. Lenglct du Fresnoy, „llistoire cke äeunno 6'^rc" (2 Bde., Par. 1753 — 53); Alverdy, „Polices et extrsits ^ V, Will. E- haben, darunter mehr als 30000 Blinde. Sie wird von zahlreichen Kanälen durchschnitten und unter den nicht minder zahlreichen Brücken ist die aus Cedernhol; erbaute, mit prächtigem Geländer versehene Niponbas die berühmteste, von der aus die Entfernung aller Orte im japan. Reiche berechnet wird. Die mit den gewöhnlichen kleinen ja- pan.Häusern besetzten Straßen durchschneiden sich fast alle in rechten Winkeln. Das Hauptgebäude ist der Palast des Kubo, in der Mitte der Stadt auf einer Anhöhe, mit Gräben und Wällen umgeben, der fünf Stunden im Umfange hat. Er zerfällt in dreiHauPttheile; in dem ersten wohnen die männlichen Nachkommen und Verwandten des Kubo, in dem zweiten die Lehnsfürsten des Reichs, die alljährlich sechs Monate daselbst residiren und deren Familien zum Unterpfande ihrer Treue immer daselbst wohnen müssen, und in dem 1 dritten, der, zum Zeichen der Gewalt, mit einem hohen viereckigen Thurme versehen ist, der Kubo und seine Frauen. Außerdem gibt es noch viele andere sehr weitläufige Paläste ja- > pan. Großen. Auch besteht daselbst eine Buchdruckerei, in welcher unter Anderm die ^große japan. Encyklopädie in 80 Bänden gedruckt ist. Jefferson (Thomas), der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, 1801—9, geb. am 2. Apr. 1733 zu Shadwell in Wrginien, widmete sich anfangs ganz nach seiner Neigung, da er im Besitz eines bedeutenden Vermögens war, der Mathr- ^ matik und den Naturwissenschaften, auch der Malerkunstund wendete sich 17 67 der praktischen . Nechtsgelehrsamkeit zu. Schon 1769 wurde er Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung von Virginien, und bereits damals machte er einen vergeblichen Versuch zur Emancipation der Sklaven. Als sich bald nachher der Geist des Widerstandes gegen die willkürlichen Maß- regeln der brit. Regierung in den Colonien zu regen begann, gesellte sich I. den eifrigen 634 Jeffreys Vaterlandsfreunden bei, die sich gegen den Gebrauch aller aus England eingeführten Maren verbanden; auch trat er l 773 dem Vereine bei, der auf die Berufung eines allgemeinen Kongresses hinarbeitete. Als dieser beschlossen war und auch in Virginien chic Wahl der Abgeordneten stattsinden sollte, schickte er, durch Krankheit zurückgehalten, einen Entwurf zu einer Instruction für die Abgeordneten ein, den aber die Versammlung für zu kühn hielt, wiewol sie den Druck desselben („8ummsrz- vierv vktke rigkts okkritisti America", 1774) beschloß. Zum Deputirten im Kongreß von 1775 gewählt, behauptete er in demselben ununterbrochen den entschiedenen Ton, den er einmal angenommen hatte, und stimmte gegen jeden Vergleich mit dem Mutterlande, der nicht auf der freisinnigsten Grundlage ruhte. Nebst Adams, Franklin, Sherman und Livingston wurde er Mitglied jenes Ausschusses, der J.'s Namen mit der Geschichte der amerikan. Freiheit innigst verbunden hat. Auch entwarf er die von den Virgin. Abgeordneten vorgcschlagene Unabhängigkeits- erklärung, die nach lebhaften Erörterungen mit wenigen Veränderungen vom Kongreß am 3. Juli 1^76 angenommen wurde. Im Oct. desselben Jahres trat er in die Gesetzgebende Versammlung voti Virginien, in der er eifrig daraufhinarbeitete, das übereilt entworfene Grundgesetz dieses Staats umzugestalten. Im I. >779 wurde er Gouverneur von Virginien, gab aber zwei Jahre nachher diese Stelle auf, weil, wie er sagte, zur Zeit des Kampfes ein Krieger an der Spitze des Staats stehen müsse, und war dann Gesandter in Paris, hier > 786 nach London ging, um in Verbindung mit Adams neue Unterhandlungen anzuknüpfen. Nachdem er 1789 nach Amerika zurückgekehrt, wurde er bald nachher Staaks- secretair der neugestalteten. Unionsregierung, in deren Namen er 1792 eine entscheidende Sprache gegen Englands Anmaßungen führte. Er legte dem Kongresse mehre gründliche Berichte über Einheit der Münze, Maße und Gewichte, über die Fischereien und den Handel vor, nahm aber im Dec. >793 seine Entlassung und lebte auf seinem Gute Monticelle in Virginien. Die Parteisucht, welche damals in der Verwaltung herrschte und der stchI. widersetzte, war Ursache, daß man ihn von nun an als den Chef der Opposition betrachtete. In Folge der Erbitterung, welche hieraus auf beiden Seiten entstand, beschuldigte man ihn, er wolle die Constitution stürzen und sich als Tribun an die Spitze des Volks stellen. Doch siel das Falsche einer solchen Beschuldigung nur zu deutlich in die Augen; daher kam es, daß man I. am 17. Febr. 189> an John Adams' (s. d.) Stelle und am 17. Febr. l8b» zum zweiten Male zum Präsidenten ernannte. Als Präsident behauptete er standhaft die Würde des Freistaats gegen England. (S. Vereinigte Staaten.) Pemisylvanim wünschte ihn 1809 abermals zum Präsidenten zu wählen; allein er erklärte, daß er nach den Grundsätzen der Constitution in den Privatfiand zurücktreten werde, und Madison (s. d.) wurde sein Nachfolger. In der Verwaltung begründete er zuerst das System, welches die weiße und rothe Bevölkerung der Vereinigten Staaten nach und nach zu verschmelzen und die letzterer zu civilisiren beabsichtigte. Er führte die Schutzpockenimpfung ein, die er auch unter den Indianern zu verbreiten suchte. Nach der Niederlegung der Präsidcnten- würde nahm er eifrigen Antheil an der Einrichtung der neuen Universität zu Charlotte- ville, wurde 1818 Vorstand des für diese Angelegenheit ernannten Ausschusses und als die Anstalt ins Leben getreten, zu ihrem Rector erwählt. Er lebte den Wissenschaften und dem Ackerbau auf seinem Gute Monticello, gerieth aber zuletzt in solche Verlegenheit, daß er die Legislatur von Virginien um die Erlaubniß bat, seine Besitzungen durch eine Lotterie verkaufen zu dürfen. Er starb am 50. Jahrestage der von ihm 1776 entworfenen und Unterzeichneten Unabhängigkeitserklärung, am 4. Juli 1826, mit John Adams an einem Tage. Von seinen im Druck erschienenen Arbeiten erwähnen wir noch den „Revidirten Code für Virginien" (1779), die „Bemerkungen über Virginien" ( 1782 ), den „Entwurfeiner Fundamentalconstitution" (1 7 83), das „lHanual c>kpsrliamentsrx zirsctice", die „Denkschriften über die fossilen Riesenknochen in Virginien, über die geistigen Anlagen der Neger und über die Unabhängigkeit des Vaterlandes" und die engl. Übersetzung von Destutt de Tracy's „Oommeotsire s»r Zlontescjuieu" (1824). Vgl. Biddle, „blulogv c>n Tbom. 3."(Philadelphia >827), „Nemairz oklbom. 3." (2Bde., 1809), eine Rechtfertigung seines öffentlichen Lebens, und seine eigenen „iLlemoirs ancI correspon 686 trat er in die vom Könige willkürlich errichtete Hohe Commission, wo er sich vor den Übrigen durch rohe Behandlung derwiderspenstigen Bischöfe auszeichnete. Im Widerspruche mit diesem Betragen verwendete er auch oft, wo das Interesse des Hofes nicht im Spiele war, seinen Einfluß, seine Talente und sein schreckendes Wesen im Dienste der Gerechtigkeit und der leidenden Unschuld. So hatten die städtischen Beamten damals die Gewohnheit, jeden Armen, der sich irgend eines geringen Vergehens schuldig gemacht, mit dem Tode zu bedrohen, damit die Angeklagten um Deportation nachsuchten, worauf sie die Unglückli- chen für ihre persönliche Rechnung in die Strafcolonien verkauften. Durch I. wurde dieses Unwesen an das Licht gezogen. Nach Jakob's U. Sturze suchte der gehaßte Exkanzler zu entfliehen; allein man entdeckte ihn in einer Schenke in Matrosenkleidern und setzte ihn in den Tower. Noch ehe er indeß zurRechenschaft gezogen werden konnte, starb er hier I68V. Jehövah, d. i. Der, der da sein wird, der Ewige, wurde von Moses, als er die Israeliten aus Ägypten führte, Gott genannt, wodurch er diesem Volke die erhabene Idee des Bleibenden und Unvergänglichen gab. (S. Mosaismus.) Jekaterinburg oderKatharinenburg, eine Kreisstadt im Permschen Gouvernement, das ehedem zum alten Königreich Kasan gehörte, nach der gegenwärtigen politischen Eintheilung Rußlands aber als selbständiges Gouvernement, welches in Perm seine Hauptstadt und den Sitz seiner höchsten Behörden hat, und als noch zu Europa gehörig betrachtet wird, liegt am Ostsaume des erzreichen Mittlern Ural und ist wegen seiner Lage, inmitten der reichsten Erzschürfe, auch die bevölkertste von sämmtlichen Städten des Perm- schen Gouvernements, die Hauptstadt selber nicht ausgeschlossen. Von den 7V7726 männlichen Seelen, welche nach der Volkszählung vom J. 1838 in sämmtlichen zwölf Kreisen des Gouvernements vorhanden waren, besaß der Jekaterinburgsche allein 1 19332, und während die Hauptstadt Perm im gleichen Jahre IV286 E. beiderlei Geschlechts besaß, zählte I. deren 15779. I. ist der Sitz eines Oberbergamts, unter dem alle uralischen Bergwerke stehen; ferner gibt es daselbst eine Bergwerksschule, eine Kupfermünze, ws 636 Jekatermodar Jemappes ' das im Ural gewonnene Kupfer sogleich zu Kopeken verprägt wird, wichtige Metallfabriken, Eisen- und Drahthämmer, Stcinschleifereien und eine Kanonengießerci, 'sowie ansehnliche Goldwäschen in dem goldreichen Jsset, einem zum System des Ob gehörenden Flusse. Jekatermodar, die Hauptstadt der Tschernomorzcn, oder der Tschernomorischen, d. h. der am Schwarzen Meere wohnenden Kosacken, deren Land nach der neuesten politi- scheu Eintheilung Rußlands zur Provinz Ciskaukasten gerechnet wird, und der Sitz des Atamans und sämmtlicher Militairbehördcn, liegt im Sumpfthale des Kuban, in feuchter, ungesunder Lage und hat ein ziemlich starkes Fort, worin außer einer schönen Kathedrale auch das neue, massiv erbaute, stattliche Kriegshospital für das gestimmte tschernomorische Heer sich befindet. Die Zahl der Bewohner beläuft sich kaum auf 5000. Jekaterinoslaw, ein zum europ. Rußland gehöriges Gouvernement mit gleichna- miger Hauptstadt, welches mit den Gouvernements Cherson und Taurien, der Provinz Bessarabien und dem Lande der Donischen Kosacken nach alter Eintheilung das nahe an 9000 mM. große Süd- oder Neurußland bildet, das meist aus Erwerbungen der letzten beiden Jahrhunderte von den Türken besteht und auf I5l0 IHM. ungefähr 800000 E. beiderlei Geschlechts zählt, ist eine weit ausgedehnte, steppenartige, grasrciche Ebene, die nur im Westen des Dniepr und längs dieses Stroms selbst einige Abwechselung erleidet, wo die 14 unter dem Namen der Porogi bekannten Wasserfälle durch zum Theil romantische und fast gebirgige Gegenden sich schäumend und die Schiffahrt unterbrechend Hindurchstürzen. Bei der südlichen Lage des Landes gedeihen hier alle sonst in Rußland gar nicht ' vorkommenden Früchte, wie Aprikosen, Pfirsichen, Kirschen, Maulbeerbäume, vortrefflich, ja man findet selbst Mandel- und Feigenbäume, wie denn auch die Rebe, Melone und Ar- buse hier im freien Felde gedeihen. Eine in den vielen, zum Theil mit stattlichen Dörfern übersäeten Erdschluchten des Gouvernements besonders häufig vrrkommende Frucht ist der Schlehdan, aus dessen Beeren man hier ein vortreffliches Getränk, den Schlehenwein oder Ternewka, bereitet. An Holz ist großer Mangel und man muß sich in vielen Gegenden des Schilfs und Strohs oder des Kuhmists zur Feuerung bedienen. Dabei aber ist die Jagd durchaus nicht unbedeutend, besonders die mittlere und niedere, da die Ebenen an Trappen, Rebhühnern, Steppenhühnern, Schnepfen und Wachteln und auch an Wölfen, Füchsen, Hasen und Kaninchen reich sind. Selbst Büffel gibt es an einzelnen Stellen, und Jer- boas oder Springhasen sind nichts Ungewöhnliches, wie sich denn auch der Pelikan, ein sonst in Europa nickt leicht vorkommender Vogel, hier häufig einfindet. Besonders bilden in neuester Zeit der Seidenbau, bei dem Gedeihen der Maulbeerplantagen und die veredelte Schafzucht durch span. Merinos das Hauptaugenmerk der Negierung, die den Wohlstand dieser neuerworbenen, meist nur von nomadisirenden Völkersckaften durchzogenen Provinzen sehr zu heben sucht. So find auch in dieser einst so wenig zugänglichen Provinz bereits Hunderte von Colonien aus den verschiedensten Nationen angelegt, und man findet neben Preußen und Sachsen Tataren und Perser, neben Eroßrussen und Kosacken Griechen und Armenier, neben Magyaren und Raizen Moldauer, Walachen, Albaneser und Bulgaren oder Arnauten im bunten Gemisch friedlich nebeneinander wohnend. Chortiz oder Chvrtiz- kaja, auf einer großen Insel des Dniepr, ist der Hauptsitz aller deutschen, Nachitschewan am Don der Hauptfitz aller armenischen Colonien. Die wichtigsten Städte des Gouvernements, welches in neuester Zeit in acht Kreise eingetheilt ist, wozu noch das Gebiet der asow- schen Kosacken kommt, find nächst Taganrog (s. d.) und der Hauptstadt Jekaterinoslaw, die im I. l838 12414 E. beiderlei Geschlechts, 6 Kirchen, 8 Schulen und 32 Fabriken besaß, Nowo-Moskowsk mit 9382, Rostow mit 8609 und Bachmutmit 6596 E. Die wichtigsten See- und Handelsstädte längs dem Küstensaum des Asowschen Meers sind Mariupol und Ialta (s.d.), und die donischen Handelsplätze Nachitschewan, Rostow und Asow (s.d.). Jemappes, ein Dorf unweit Mons oder Bergen in der belg. Provinz Hennegau, ist geschichtlich durch die Schlacht, welche die franz. Republikaner unter Dumouriez (s.d.) am 6. Nov. 1792 gegen die Östreicher unter dem Herzog von Sachsen-Teschen und dem General Clerfayt (s.d.) gewannen. Die Östreicher hattensich, ungefähr 2000«» M.stark, auf den Höhen vor Mons in den drei Dörfern Jemappes, Cuesmes und Berthaimont verschanzt und erwarteten die Franzosen. Clerfayt vertheidigtc die beiden ersten Positionen, 637 Jemen Jena (Universität) Beaulieu das dritte Dorf. Am 5. Nov. gegen Abend erschien Dumouriez mit seinem 30000 M. starken, aber wenig geübten Heere und stellte sich im Halbkreis auf. Der fran;. linke Flügel unter d'Harville sollte Berthaimont umgehen, der rechte unter Fcrrand aberJ. von der Seite angreifen. Im Centrum erhielt Beurnonville den Auftrag, Cuesmcs und ^ der Herzog von Chartres (der jetzige König Ludwig Philipp) I. zu stürmen. Das Gefecht begann am frühen Morgen des folgenden Tags und schien sich gegen Mittag zum Nachtheil der im Centrum mehrmals geworfenen Franzosen zu entscheiden. Da stellte sich Du- mouriez selbst an die Spitze einiger Bataillone und erstürmte mit gefälltem Bayonnet Cuesmes, während der Herzog von Chartres mit gleicher Energie I. angriff. Bald sah ! sich auch Clerfayt genöthigt, die Schanzen , zu verlassen. Von Beaulieu, der gar nicht ins ! Feuer gekommen war, gedeckt, traten die Östreicher den geordneten Rückzug auf Brüssel s an. Sie hatten 500« M. verloren, die Franzosen wol ebenso viel, obgleich Dumouriez einen solchen Verlust leugnete. Dieser erste Sieg, den das revolutionaire Frankreich davon- ! trug, hob den Muth des Volks wie des Heers, und der Weg nach Belgien war nun geöffnet. Jemen, das glückliche Arabien, s. Arabien. Jena, im Großherzogthum Sachsen-Weimar, die Hauptstadt des ehemaligen Her- > zogthums Sachsen-Jena, das von Bernhard, dem Sohne des Herzogs Wilhelm von Sachsen-Weimar, >672 gestiftet, mit dessen Sohne Johann Wilhelm 1690 schon wieder ausstarb, worauf es an die Linie Sachsen-Eisenack und nuch deren Aussterben 1741 an Sachsen-Weimar zurückkam, liegt in einem romantischen Thale am Einflüsse der Leutra in die , Saale, über welche eine steinerne Brücke führt und hat gegen 6000 E. und ein altes Schloß. Ihren weltgeschichtlichen Namen verdankt die Stadt der Universität und der Schlacht am 14. Oct. > 806. Sie ist der Sitz des Oberappellationsgerichts für die großherzoglich und ^ herzoglich sächs. und fürstlich reuß. Lande und einer Lateinischen und einer Mineralogischen Gesellschaft. Der in der Nähe auf dem Hausberge gelegene sogenannte Fuchsthurm ist ein Überrest des alten Schlosses Kirchberg. , Den Gedanken, eine Universität in J.zu stiften, faßte Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthigc von Sachsen, als er 1547 als Gefangener Karl's V. durch I. geführt wurde und hier eine Zusammenkunft mit seinen drei Söhnen hatte. Sie sollte statt der ihm entrissenen Universität Wittenberg die Pflegerin der Wissenschaften und Erhalterin der reinen evangelischen Lehre werden. Drei Klöster mit ihren Gütern wurden sogleich zur Begrün- düng derselben angcwic-sen und bald sammelten sich Lehrende und Lernende, unter ihnen der Philolog Joh. Stigel und der Theolog Victorin Striegel, sodann Ehrh. Schnepf, der i berühmte Arzt Joh. Schröter und Matth. Flacius, sodaß dem Stifter, als er 1552 freige- ! lassen wurde, bereits eine ansehnliche Zahl Studirender entgegenziehen konnte. Durch l Zoh. Schröter, der bei Kaiser Ferdinand I. in großem Ansehen stand, wurde der neuen Anstalt die lange vergeblich erbetene kaiserliche Bestätigung bewirkt und sie hierauf, mit allen Rechten und Freiheiten begabt, am 2. Febr. 1558 feierlich eröffnet. Sie ist gegenwärtig die gemeinsame Universität der herzoglich sächs. Länder, von denen sie auch, nach einer bestimmt festgesetzten Reparation, die nöthigen Gcldzuschüsse erhalt. Ihre Unterhaltungsko- i sten betragen mit Einschluß der Revenuen von der ihr eigenthümlich zugehörenden Herr- I schaft Remda und dem Rittergute Apolda an 40000 Thlr. Ein cigenthümliches, vorzügliches Verdienst hak sie sich fast ununterbrochen dadurch erworben, daß sie die neuen Ansichten, welche von Zeit zu Zeit den Wissenschaften, besonders durch die Philosophie eröffnet wurden, mit bereitwilliger Empfänglichkeit aufnahm und mit regem Eifer förderte und Pflegte. So fand die Kant'sche Philosophie in I. nm frühesten Eingang, und Reinhold, Fichte, Schelling und Hegel lehrten hier zuerst. Auch die erste Literaturzeitung für Deutschland, von Schütz 1785 gegründet, ging von hier aus und trug, wie die seit 1804, nach Übersiedelung der Schütz'schen nach Halle, von Eichstädt besorgte und die seit 1842 unter dem Titel „Neue Jenaische Literaturzeitung" herausgegebene viel zur Verbreitung neuer, geläuterter Ansichten und gründlicher Wissenschaftlichkeit bei. Unter den Professoren, die in I. gelehrt haben und noch lehren, findet sich in allen Facultäten eine große Anzahl berühmter , Namen. Die in I. zuerst angeregte Feier des Wartburgfestes (s. d.) und die Stiftung der Burschenschaft (s. d.) daselbst, sowie der zufällige Umstand, daß Sand (s. d.) zu- 638 Jena (Schlacht) letzt sich in I. aufgehalten hatte, brachten der Universität mannichfache Nachtheile, namentlich auch 1810 das Verbot des Besuchs derselben von Seiten preuß. Unterthanen, das erst >825 wieder aufgehoben wurde. Dadurch ist cs gekommen, daß die Universität, welche nach dem Z. 1815 über 800 Studirende zählte, jetzt kaum 500 hat, obschon sie bis auf die neueste Zeit herab mit besonderer Sorgfalt von Seiten ihrer Negierungen gepflegt wurde. Es bestehen daselbst ein philologisches, theologisches, homiletisches und katechetisches Seminar, mit welchen Prämien und Stipendien verbunden sind; auch hat sie einen botanischen Garten, der durch Hinzugabe des großherzoglichen Gartens erweitert wurde, ein archäologisches Cabinet und eine Sternwarte, in dem ehemaligen Garten Schillert, mit einem meteorologischen Institut. Die Bibliothek, deren erster Kern die ehemalige kurfürstliche zu Wittenberg war, ist durch Ankäufe und Vermächtnisse gegenwärtig zu 1500»«» Bänden angewachsen. Unter den übrigen Sammlungen zeichnen sich die Museen für Mineralogie und für vergleichende Anatomie aus. Mit der Universität steht das Oberappella- kionsgericht in Verbindung, insofern die fünf ersten ordentlichen Professoren der Rechte zugleich Mitglieder des Gerichts sind, dessen übrige Mitglieder die Rechte ordentlicher Ehrenprofessoren genießen. Vgl. Zenker, „Historisch-topographisches Taschenbuch von J." (Jena 1838) und Eichstädt, „^nnuleis ucsclemiue äenensis" (Bd. I,Jena 1823,4.). Die Schlacht bei I. am >3. Oct,, 1806. Preußen, das versäumt hatte, zu rechter Zeit zum Kampfe gegen Frankreich an Ostreich sich anzuschließen, war durch seinen noth- gedrungenen Beitritt zum wiener Vertrage am 15. Dec. 1805 (s. Austeräitz) in eine sehr ungünstige Lage verseht worden. Es hatte Kleve, Ansbach und Neuschatel an Frankreich abtreten müssen und dagegen Hannover erhalten. In Folge dessen mit England und Schweden in Krieg verwickelt und in seinem Handel auf das nachtheiligste gehemmt, zugleich von Napoleon fortdauernd übermüthig behandelt, blieb ihm nichts übrig, als die Waffen gegen Frankreich zu ergreifen, um seine und Norddeutschlands Unabhängigkeit zu sichern. Allein statt bis an den Rhein schnell vorzudringen, Kurheffen, das neutral bleiben wollte, zur Theilnahme zu nöthigen und die zerstreut in Süddeutschland cantonirenden Corps der franz. Armee einzeln anzugreifen, concentrirte der Oberfeldherr, der 72jährige, unentschlossene Herzog von Braunschweig, KarlWilhelmFerdinand(s. d.), daspreuß.- sächs. Heer in Thüringen. Dadurch verlor er nicht nur den rechten Augenblick des Angriffs, sondern auch alle Vortheile seiner Schutz- und Verbindungslinie mit der Elbe, indem er hartnäckig auf seiner Ansicht bestand, Napoleon werde nicht angriffsweise verfahren, °l>- schon Lucchesini, wie früher der Fürst Hohenlohe, und in dein zu Erfurt am 5. Oct. gehaltenen Kriegsrathe Massenbach u.A. ihm entgegentraten und das rechte Saaluser nebst der Straße von Hof stärker zu besetzen anriethen. Nach dem Operationsplane des Herzogs sollte der linke Flügel oder das 36000 M. starke Corps des Fürsten Friedrich Ludw. von Hohenlohe-Jngelfingen (s.d.), mit welchem am 20.Sept. 22000 M. Sachsen unter dem General von Zezschwitz sich vereinigt hatten, über Saalfeld, Schlei; und Hof vorrücken, der rechte unter dem General Nüchel, 21000 M. stark, den Thüringerwald umgehen, und der Herzog selbst wollte das 47000 M. starke Mitteltreffen, bei welchem sich auch der Feldmarschall von Mellendorf befand, und dem eine Avantgarde von 11500 M. unter dem Herzoge von Sachsen-Weimar voranzog, über Meiningen nach Würzburg führen. Dieser Truppenmasse, welche nicht ganz 138000 M. zählte, siand die franz. Armee mit 20<>v»v M. in zwei großen Colonnen, der linke Flügel auf der Straße von Würzburg nach Gotha, der rechte auf der von Nürnberg nach Leipzig, entgegen. Napoleon, der Paris erst am 25. Sept. verlassen hatte und am 8. Oct. m Kronach eingetroffen war, hatte nicht so bald die Schwäche des preuß. linken Flügels, der mehr als fünf Meilen breit ungedeckt stand, erspäht, als er beschloß, diesen Fehler zu benutzen und sich in schnellster Zeit zum Meister des Landes zwischen der Saale, Elbe und Elster zu machen. Demnach marschirten Bernadotte und Davoust, zwischen den beiden Flügeln des franz. Heers, mit 70000 M. von Bamberg über Kronach in das reußische Voigtland. Am 8. Oct. ging Murat mit den Garden und der Reiterei, 25000 M. stark, bei Saalburg, wo ein schwacher preuß. Posten stand, über die Saale. Schon am S. drangen Murat und Bernadotte über Schlei; vor, wo sich dasvom linken Flügel abgeschnittene und umringte, aus 6000 M. Preußen und 3000M.Sachsen di st di F I ai L Si V Si L ;>' s° L re d< zr st te ke d« ni w ui ri lii d< w vi b- st st di 639 ! , Jena (Schlacht) bestehende Corps unter Tauenzien, mit großem Verluste ruhmvoll durchschlug. Gleichzei- kig rückte der rechte Flügel des franz. Heers unter Soult und Ney nebst 10000 M. Baiern unter Wrede, an das neutrale Böhmen gelehnt, 64000 M. stark, am 0. Oct. über Hof und am 10. über Plauen vor. Am >0. Oct. vernichteten die vonKoburgher mit 30000 M. ! ruf dem linken Flügel vorgedrungenen Marschälle Lannes und Augcreau, an der Spitze die Division Suchet, den 6000 M. starken Vortrab des preuß. Heers bei Saalfeld, wo der Prinz Ludwig von Preußen, welcher den bestimmten Befehl hatte, jedes Gefecht zu vermeiden, im Kampfe fiel. So war der linke Flügel des preuß. Heers umgangen. Napoleon, dem jetzt schon Sachsen nebst den Heerstraßen nach Dresden und Berlin offen stand, drang nun ungehindert im Rücken der preuß. Armee bis Naumburg vor, das Davoust am l 3. > Oct. besetzte, während das preuß. Heer noch von I. bis Eisenach sich ausdehnte und der r Herzog sein Hauptquartier vom 10—>2. Oct. zu Weimzr hatte. Auch wurden von den ^ Franzosen die beiden wichtigen Punkte auf dem linken Saalufer, I. und Kahla, besetzt, jenes von Lannes, dieses von Augereau. Napoleon selbst traf von Gera aus am > 3. Oct. in I. , ein. Nachdem das franz. Heer von Hof bis Naumburg vorgerückt, mußte nun das bisher mit dem Gesichte gegen den Thüringerwald gekehrte preuß.Heer mit einem Male sich gegen die Saale hin zurüchwenden. Der Herzog selbffzog am 13. Oct. von Weimar nach Auer- städt (s. d.), um bei Freiburg und Laucha den Übergang über die Unstrut und die Verbindung mit der Reserve wiederzugewinnen, da die Saalpässe bei Naumburg bereits vom Feinde genommen waren. Seine Bewegung zu decken, stellte der Fürst von Hohenlohe- Zngelsingen seine Armee auf den Höhen des linken Saalufers bei I. auf. General Rüchel aber sollte von Erfurt und der Herzog von Sachsen-Weimar vom Thüringerwalde her der Hohenlohe'schen Armee sich nähern. In dieser Lage bot Napoleon dem Könige von Preu- i ßen den Frieden an; allein'der Überbringer seines Schreibens vom 12. Oct. aus seinem ! Hauptquartiere zu Gera, Capitain Montesquiou, fand den König erst am Tage der Schlacht. > So vollendete am > 3. Oct. der Doppelkampf bei Auerstäd t (s. d.) und bei I. taktisch die i Niederlage der strategisch bereits geschlagenen preuß. Armee. Napoleon schien von dem ^ Marsche des Herzogs von Braunschweig auf Auerstädt keine Kunde zu haben, als er in der Nacht zum 14. Oct. auf dem Landgrafenberge bei I. den Angriffsplan entwarf. Er war Meister der.Übergangspunkte auf das linke Saalufer; indem nun auch Bernadotte, und zwar eigenmächtig, weil er nicht unter Davoust stehen wollte, gegen Dornburg heranzog, so wurde das preuß. Heer unter dem Fürsten von Hohenlohe von dem des Herzogs von Braunschweig getrennt. Jener, indem er blos die Chaussee bewachte, die zur Ebene führte, wo er angegriffen werden sollte, hatte unterlassen, die steilen Anhöhen zu besetzen, welche rechts und links das Mühlthal bei I. beherrschen; dagegen hatte dieser die Anhöhen und i den Paß bei Kösen unbesetzt gelassen. Beides benutzte Napoleon, indem er in der Nacht ^ zum >4. Oct. die unwegsamsten Stellen in den engen Schluchten ebenen ließ, um das Ge- ^ schütz auf das Plateau des Wahlplatzes zu bringen. Am andern Morgen verbarg ein dichter Nebel seinen Aufmarsch. Nach und nach führte er 80000 M. in die Schlacht, den linken Flügel unter Augereau, die Garden unter Lefebvrc, das Mitteltreffen unter Lannes, ! den rechten Flügel unter Soult. Später rückte Ney aus dem Hintertreffen in die erste Li- ! nie vor. Drei blutige Gefechte entschieden des Fürsten von Hohenlohe Niederlage. Zuerst j wurde der preuß. Vortrab unter Tauenzien bei Klosewitz geworfen, dann das Hauptcorps unter dem Fürsten von Hohenlohe bei Vierzehnheiligen, endlich bei Kapellendorf der bisherige rechte Flügel des Heers unter dem General Rüchel. Dieser langte nämlich von Mellingen her zu spät an, um den Fürsten von Hohenlohe zu unterstützen, und erneuerte, statt den Rückzug desselben zu decken, das Gefecht, als Murat an der Spitze der Reiterei in die weichenden Linien der Preußen einbrach. Unordnung und Zerstreuung des ganzen Heers > von 50000 M. war die Folge dieses unberufenen Unternehmens des Generals Rüchel. An demselben Tage setzte der Herzog von Braunschweig sein 50000 M. starkesHeer, , bei welchem sich der König, drei Prinzen des Hauses und der Feldmarschall Möllendorf be- ' fanden, in drei Abtheilungen, die erste unter Schmettau, auf der von Auerstädt nach Kösen führenden Hauptstraße in Bewegung. Allein schon hatte wenig Stunden zuvor Davoust, dessen Heer aus Gudin's, Friand's und Morand's Divisionen bestand und etwa 36000 M. 640 Jena (Schlacht) stark war, den wichtigen Paß bei Kosen beseht. Die wiederholten Angriffe der Division Schmettau, welche bei Hassenhausen auf den Feind stieß, und die Cavalerieangriffe des Generals Blücher wurden abgeschlagen, indem die zweite Abtheilung des preuß. Heers, durch die schlechten Wege ausgehalten, nickt zur Unterstützung eintraf. Als nun vollends der Herzog selbst durch einen Flintenschuß in die Augen und der General Schmettau tätlich verwundet worden waren, ging die Einheit der obern Leitung verloren. Der König übertrug den Oberbefehl dem Feldmarschall Möllendorf, der den Rückzug anordnete ; da sich aber die umkehrende erste Abtheilung mit der heraneilenden zweiten verwickelte, so benutzte Davoust die daraus entstandene Unordnung, um einen vollständigen Sieg zu erkämpfen, der ihm den Titel eines Herzogs von Auerstädt erwarb. Noch deckte eine Zeit lang General Kalckreuth den Rückzug des Heers auf der Straße von Auerstädt nach Weimar und Buttstädt. Die Schlacht sollte sich am 15. Oct. erneuern, als der König in Sömmerda des Fürsten von Hohenlohe Niederlage erfuhr. Jetzt mußte das von seiner Verbindungslinie mit Halle, wo unter Herzog Eugen die Reserve stand, gänzlich abgefchnittene, von Napoleon's Scharen überall verfolgte und in Verwirrung gebrachte Heer in kleine CorpS sich auslösen, die unter des Fürsten von Hohenlohe Befehl auf Umwegen über das Harzgebirge nur zum Theil erst am 26. Oct. Magdeburg und die Elbe erreichten. Die Preußen verloren bis zum 14. Oct. über 56N06M. an Tobten, Verwundeten und Gefangenen; die Sachsen über 6066 M. an Gefangenen. Der Verlust der Franzosen wurde von ihnen selbst auf 7600, worunter 270Offiziere, angegeben. Noch größere Verluste erlitt Preußen nach der Schlacht. Schon am > 6. ergaben sich 14000 in Erfurt eingcschlossene Preußen nebst dem Fürsten von Oranien unter Möllendorf mit Kapitulation an Murat zu Gefangenen; die gefangenen Sachsen aber erhielten gegen das Versprechen, nicht mehr gegen Frankreich zu dienen, die Freiheit, worauf Napoleon durch den Großherzog von Berg am 17. die Neutralität des Kurfürstenthums Sachsen erklären ließ; doch wurde der Friede mit diesem erst am 11. Dec. zu Posen abgeschlossen. So hatte Napoleon beim Vordringen nach Berlin seine rechte Flanke gesichert und sich alle Hülfsquellen des von ihm besetzten KurfürstenthumS eröffnet. Rasch drängten nun einander die wichtigsten Ereignisse. Am 18. überfiel Bernadette die 10000 M. starke preuß. Reserve unter dem Herzog Eugen von Würtemberg bei Halle und machte 5000 Gefangene; darauf zog Davoust über Leipzig und Wittenberg, Lannes über Dessau am 25. Oct. nach Berlin, wo Napoleon am 27. eintraf. Dem General Kalckreuth gelang es, einen Theil der preuß. Heersüberreste, etwa 12000 M., hinter die Oder zu führen. Blücher dagegen schloß sich mit den Trümmern der Reserve nicht an den Fürsten von Hohenlohe an, sondern zog, als dieser mit >7000 M. bei Prenzlau am 28. Oct. capitulirt hatte, nach Strelitz, wo unter dem Befehl des Herzogs von Braunschweig-Öls das Corps des Herzogs von Sachsen-Weimar zu ihm stieß, das als Vortrab durch den Thüringerwald gedrungen war und an der Schlacht nicht Theil genommen hatte. Er war jetzt 21000 M. stark, aber von Murat, Bernadotte und Soult verfolgt, mußte er sich am 5. Nov. nach Lübeck werfen und am 7. bei Ratkau capituliren. Inzwischen hatte sich auch ein CorpS von 6000 M. unter General Schimmelpsennig am 29. bei Pasewalk an den General Milhaud und am 31. ein anderes Corps von 400» M- unter dem General Bila bei Anklam an den General Becker ergeben. Betäubt von so vielen Schlägen, welche das preuß. Heer binnen 14 Tagen vernichteten, übergaben auch die Fe- stungscommandanten ihre Plätze dem Feinde; so Stettin der Generallieutenant von Remberg am 29. Oct.; Küstrin der Oberst von Ingersleben am3I.; Hameln der General von Schöler am 19. Nov.; Nienburg der General von Strachwitz am 25. Nov. Magdeburg hatte General von Kleist schon am 8. Nov. den Franzosen unter Ney schimpflich geöffnet. Dadurch geschah es, daß Napoleon, zu neuen Entwürfen erhoben, die schon dem Abschlüsse nahen Friedensunterhandlungen plötzlich abbrach, seine Waffen über die Oder trug, die Polen unter seine Fahne rief und die spät anrückenden Russen an der Weichsel ereilte. Im Besitze des ganzen nördlichen Deutschlands, wonurnochKolbcrg(s. d-)sich hielt, beschloß nunmehr Napoleon, sein Continentalsystem in Berlin und in Warschau aufzurichten, dadurch aber England zur Herausgabe der fr«nz., Holland, und span. Colonicn zu zwingen und zugleich die Unabhängigkeit der Pforte gegen Rußland sicherzustellen. Jenikale Jenner 641 Lgl. Massenbach, „Historische Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Werfalls des preuß. Staats" (2 Bdc., Amst. 1809). Zur Verewigung des Siegs bei I. erhielt in Paris eine Brücke den Namen kont 9e äenu; sie sollte nach dem Einzuge der Verbündeten im I. > 8>4 durch Blücher gesprengt werden, wurde indeß auf die Fürbitte Ludwig's XVIII., die der Kaiser Alexander unterstützte, erhalten und kont Zeiten der Griechen, Römer und des Politischen Reichs, wie man denn durch die Volks- sage und durch die Benennungen mehrer Ruinen vielfach an Mithridates (s. d.), dessen Sitz man hier allgemein annimmt, erinnert wird. Der Handel des Städtchens ist nicht sehr bedeutend, auch zählt es gegenwärtig kaum 2999 E., meist griech. Nation. Jenisei, einer der großen sibirischen, dem nördlichen Eismeere angehörendcnNiesen- firöme, der in nur wenig gekrümmtem Laufe der Länge nach durch die Provinz Jeni- seist (s.d.) fließt, und hier auch seine drei vorzüglichsten Nebenströme, die obere Tunguska oder Angara, und die mittlere und die untere Tunguska aufnimmt. Sein Stromgebiet umfaßt 4799V IHM., folglich 17999 IHM. mehr als das der Wolga, indem mittels der Angara auch das riesige Becken des Baikalsces mit in sein Stromnetz hineingezogen wird. Sein Längenlauf beträgt mit Einschluß der Krümmungen 4 > 9M. Die südlichste Stadt an dem I-, dessen Quellen unter dem 5, l ° nördl. Br. liegen, ist Minusinsk, die nördlichste an seinem Mündungsgolf, dessen nördlichste Spitze den 72° nördl. Br. erreicht, Kantaisk. Innerhalb dieser ganzen Ungeheuern Grenzen liegen nur drei Städte, Krasnojarsk, Jeniscisk ) und Turuchansk, und einige wenige kleine Stationsdörfer und Hütten an dem I., sodaß die ^ wegen der Jagd, des Fischfangs und des Einsammelns von Mammuthknochen und Zähnen an seinem Gestade entlang ziehenden Karavanen oft ganze Tagereisen machen müssen, ehe sie ein gastliches Asyl finden. Jeniseisk, eines der beiden großen Gouvernements, die zusammen Ostsibirien bilden, zerfällt in die fünf Bezirke Krasnojarsk, Jeniseisk, Atschinsk, Kansk und Minusinsk. Auf seinem Ungeheuern Areal, welches Deutschland, Frankreich und England an Größe gleichkommt, zählte es >898 nur >92843 männliche E-, im Norden hauptsächlich aus Samojeden, im Süden aus Tungusen bestehend. Das Land ist meist eine weite wüste Ebene, indem die Bodennatur der jeniseischen bis zur Lena hinüberreichenden Steppe, die vielen Moräste und die arktischeKälte der mittler« und nördlicher« Landstriche dieses Gouvernements fast allen Anbau hindern. Nur im Süden, an der Grenze Chinas, kommen Gemüse und einzelne Strauchfrüchtc gut fort, namentlich gedeiht auch hier die chinesische, 3—4 Pfd. schwere Gurke ganz vortrefflich. Fischfang in den großen Strömen Ta;, Jenisei (s.d), Katanga und Anabara, und in vielen wasserreichen Seen, z. B. dem Pjasino n. s. w., und Jagd sind die Hauptbeschäftigungen der Einwohner. Der Pelzhandel bietet den Haupt- erwerbszweig dar; die Haupthandelsplätze sind Krasnojarsk, Jeniseisk und Turuchansk, 1 besonders bildet die Stadt I. jährlich auf einige Wochen durch ihre große Messe im August den Sammelplatz fast aller Bewohner des großen Steppenlandes. Die Hauptstadt des Landes ist Krasnojarsk-, am Jenisei, mit 6999 E-, während die Stadt I., die dem Gouvernement den Namen gab, nur 5999 E. zählt. Alle übrigen Städte haben kaum > 990 —2999 E. In diesem Gouvernement im äußersten Norden, auf der sogenannten Samojedenhalbinscl, die durch die tief ins Land einschneidenden Jenisei- und Katangagolfe gebildet wird, befindet sich zugleich der nördlichste Felsenvorsprung des asiat. Continents, > das Nordostcap oder Cap-Sjewerowostoknoi, unter dem 78° nördl. Br. ^ Jenner (Edward), berühmt durch die Einführung der Kuhpockenimpfung (s.d.), > geb. am >7. Mai >749 zu Berkeley in der Grafschaft Gloucester, lernte anfangs bei einem Wundarzte in Sudbury bei Bristol und ging dann zur Fortsetzung seiner chirurgischen Conv.-Lex. Neunte Aufl. VH. - 41 6-12 Ätphtha Zerdsn Studien >770 nach London, wo er bald n,itZ.H un te r(s.d.) bekannt wurde, durch dessen Vermittelung er die aus Cook's erster Reise um die Erde gesammelten Naturalien zu ordnen bekam. Nachher ließ er sich in seinem Geburtsorte als Wundarzt nieder, wo er neben seiner bald ziemlich bedeutenden Praxis mit naturhistorischen Studien sich viel beschäftigte. Auf die Schutzkraft der in seiner Gegend öfter epizootisch herrschenden Kuhpocken gegen die Menschenblattern schon früher durch die Äußerung einer Bäuerin aufmerksam gemacht, verfolgte er diesen Gegenstand seit dem I. l 7 7 5 und kam auch durch unermüdete Ausdauer im 1.1788 so weit, daß er mit sich selbst über das Verhältniß der Kuhpocke zur Menschenpocke einig wurde. Eine abermals ausbrcchende Epizootie gab ihm Gelegenheit, seine Entdeckung Praktisch anzuwenden. Am 14. Mai 1796 impfte er zum ersten Mal von der Hand eines Milchmädchens, Sara Nelmes, einem Knaben, James Phipps, die Kuhpok- ken ein, und hatte die Freude, daß die dem Knaben später eingeimpftcn Menschenblattern ohne alle Wirkung blieben. 'Dem Aufsätze, den er darüber für die „kkilosnjüücsl tmas- nctions" schrieb, wurde die Aufnahme verweigert; er machte nun seine Entdeckung in der Schrift„Incjliii)- into tüe cause« sne >i>- üuence vk srtiücisi eruption» in certsin ckisesses etc." (Lond. 1822). Jephtha, Richter und Heerführer in Israel, ein natürlicher Sohn Gilead's, wurde als solcher von seinen Halbbrüdern aus dem väterlichen Hause vertrieben und wendete sich nach dem Lande Tob, jenseit des Jordan, wo er bald als Anführer einer Freibeuterschar sich großen Nuferwarb. Daher riefen ihn seine Landsleute, die Gileaditer, als sie von den benachbarten Ammonitern bekriegt wurden, zu Hülfe und stellten ihn an die Spitze ihres Heers. Ehe er jedoch zu Felde zog, that er das Gelübde, wenn Gott ihm den Sieg verleihe, Das zu opfern, was ihm bei scinerHeimkehr zuerst begegnen würde. Dies war seine einzige Tochter, und er opferte sie nach Einigen wirklich, Andere wollen die betreffenden Schriftwort! dahin deuten, als habe er dieselbe nur im Tempel zu ewiger Jungfräulichkeit geweiht. Nachdem er das Volk Israel von äußern Feinden befreit, regierte er dasselbe sechs Jahre lang. Jerdan (William), einer der verdienstvollsten Literaten Englands, geb. im Apr. 1782 zu Kelso in der Grafschaft Roxburgh, studirte in Edinburg die Rechte, entschied sich aber dann für die literarische Laufbahn und redigirte eine Zeit lang das Morgenjournal ,,^uroru9 in London, später das Abendblatt „Sun", bis er die von Hüttner gegründete „lütersrx gsrette" übernahm, welche er noch gegenwärtig mit anerkannter Tüchtigkeit leitet. Zu seinen Verdiensten um Literatur und Literaten gehören demnächst seine freigebige Unterstützung der lütersrz-funck »ocietx, sein Vorschlag, eine Kations! sssocistiun zu gründen, die mit einem Capital von 199,990 Pf. St. die Schriftsteller von den Verlegern emancipiren soll, und der von ihm ausgegangene Plan für die 11o)sl »ocic>> » litersture. Nächst seinen politischen oder wesentlich kritischen Arbeiten, schrieb er auch eine Jeremias Jericho 643 „Vu) i>ge >0 llce islo okchllbu" (1813) und zu Fischer's „Xationul portruit Zuller)' <>!' il lustriniis ancl eniinent porsonage«" (5 Bde., 1830—33,3.) die Biographien. Jeremias, ein hebr. Prophet, der zweite unter den sogenannten Großen Propheten, dessen Weissagungen und „Klagelieder" im Kanon des Alten Testaments erhalten sind, war der Sohn eines Priesters Hilkia und zu Anathoth geboren. Noch im Jünglingsalter, im 13. Jahre der Regierung des Königs Josias, 628 v. Chr., trat er als Prophet auf; später, von seinen Landsleuten verfolgt, begab er sich nach Jerusalem, wo er, die verhäng- nißvolle Lage des Staats in religiöser wie politischer Hinsicht fest im Auge behaltend, trotz Mishandlungen und Gefangniß seinen prophetischen Beruf unwandelbar treu übte. Ze- dekias ließ ihn ins Gefangniß setzen, aus welchem nach der Zerstörung Jerusalems Nebu- kadnezar ihn befreite, der ihm gestattete, zu Mizpa in Judäa zu bleiben, von wo er spater, um den Bedrückungen der Statthalter zu entgehen, mit vielen der noch zurückgebliebenen Juden nach Ägypten zog. Hier starb er in hohem Alter um 570 v. Chr. Die spätere Sage weiß sei» Grab in Kairo; nach den Berichten des Hieronymus und Tertullianus wurde er zu Tode gesteinigt. Seine Lehren und Orakel, die von glühender Vaterlandsliebe und unerschütterlichem Vertrauen zu dem Gott der Väter zeugen, wurden durch seinen Schreiber Baruch ausgezeichnet. Seine „Klagelieder" (metrisch übersetzt von Ricgler, Erl. l 8 l 3) sind Elegien über die Verwüstung Jerusalems und gehören zu den schönsten Erzeugnissen der kebr. Poesie. Eine kritische Ausgabe des J. besorgte Spohn, Vater und Sohn (2 Bde., Lp;. > 703 —>823), und einen „Praktischen Kommentar zum I." Umbreit (Heidelb. 1833). Jerica (Pablo de), einer der anmuthigstcn unter den neuern span. Dichtern, gcb. am 15. Jan. >781 zu Viktoria, studirke zu Onate die Rechte, widmete sich aber nach dem Tode seines Vaters der Leitung der Handelsgeschäfte seines Hauses. Alle Zeit indeß, die er den Geschäften abmüßigcn konnte, verwendete er auf die Lecture span, und franz. Dichter; auch versuchte er sich selbst in verschiedenen Gattungen der Poesie. So übertrug er den größte» Theil von Ovid's „Heroiken" in heroische Romanzen, und der Beifall, womit seine ersten Versuche ausgenommen wurden, bestimmte ihn, seine besten Kräfte der Poesie zu widmen. Er ging >803 nach Cadiz, wo er das Englische, Italienische und Portugiesische erlernte, später nach Eoruna und nach der Vertreibung der Franzosen aus der Halbinsel wurde er Secretair der Ceusurjunta von Galicien. Als aber 1813 die Verfolgung gegen die Anhänger der Constitution losbrach, sah er sich genöthigt, nach Frankreich zu flüchten, wo er nun zu Bayonne und Bordeaux wieder den Musen lebte. Auf Veranlassung des span. Gesandten zu Paris wurde er >815 gefänglich eingczogen, nach Pau gebracht und hier auf Befehl des Präfecten drei Monate lang in strenger Haft gehalten, worauf er sich wieder nach Paris wendete. Im 1.1820 kehrte er in sein Vaterland zurück, wo seine Mitbürger ihn zum Commandanten der Nationalgarde von Viktoria, zum Mitgliede der Provinzialdeputation von Alava und 1823 zum konstitutionellen Alcalden von Viktoria erwählten. Beim Einfalle der Franzosen wurde er abermals gefangen genommen, nachher jedoch wieder in Freiheit gesetzt. Sehr bald von einer neuen inquisitorischen Verfolgung bedroht, entschloß er sich, für immer Spanien zu verlassen, kaufte sich in Frankreich an und erhielt hier die Naturalisation als franz. Bürger. Seinen „Lnouxno poeticos" (Valencia 1813; 2. Ausl., Par. 1817), die in der dritten sehr vermehrten Auflage (Bordeaux 1831) den Titel „kosslus" erhielten, folgten sväter„l^etrills8 fäbulas" (Bordeaux 1838). Eine Auswahl derselben gibt Wolf's „^Inr-estu cie rimus moclernas castellanus". Außerdem erschienen Von ihm „Oolleecion und hatte eine wohlbewässerte, klimatischwilde, fruchtbare, an Palmen, Rosen, Balsam ! und Honig reiche Umgegend. Sic war von Nordosien her der Schlüssel zum Lande, und wurde deshalb von den Israeliten bei der Eroberung Kanaans unter Josua zuerst angegriffen und nach siebentägiger Belagerung erobert und geschleift. Zur Zeit der Richter war ! sie wieder bedroht; später wurde sie vom König Ahab befestige; auch scheint sie nachher der ^ Sitz einer Prophetcnschulc gewesen zu sein. Hcrodes dcrGroße, der hier rcsidirte und starb, verschönerte sie; unter Vespasian wurde sie abermals zerstört, unter Hadrian von neuem aufgebaut. Im Zeitalter der Kreuzzüge traf sie wiederholt das Schicksal der Verwüstung und endlich gänzliche Zerstörung. Ein ärmliches Dorf, Micha, hat ihre Stelle eingcnom- men. — Die Rose von Jericho (^nastatici» Iiierocliunticn), ein rankenartiges Gewächs ! mit einer wohlriechenden, wunderbar gestalteten Blume, die nach der Legende in der Wüste > auf der Stelle hervorsproßte, welche Maria auf der Flucht mit dem Fuße berührte, wurde ! wahrscheinlich zur Zeit der Kreuzzüge von dort nach Deutschland verpflanzt. Jermak Timotejew, ein unruhiger Kosackenhäuptling, wurde, als er wegen einer Empörung mit mehren seiner Gefährten vor dem Zar Iwan Wasiljewitsch flüchten mußte, von Ssemen Stroganow (s. d.) zu einer Unternehmung gegenSibirien gewonnen. Nach mehren mit seinen Kosacken wider die in Sibirien gebietenden Tataren, unternommenen Zügen gelang es ihm 1581 in drei Gefechten den Tatarenkhan Kutschjum zu besiegen und am 26. Oct. durch einen Sturm auf das Hordenlager desselben am Jrtisch die Eroberung seiner Hauptstadt Ssibir zu entscheiden, wodurch Sibirien (s.d.) an Rußland kam. Später unternahm re noch mehre Züge zur Erweiterung seiner Eroberung, auf deren-eincm er l LS-t seinen Tod fand. In Tobolsk ist ihm ein Marmordenkmal errichtet. Jermölow (Alexei Petrowitsch), russ. Feldherr und Diplomat, wohnte den Feldzügen von 1805 und 1807 sowie 1812—13 bei und befehligte im Apr. 1815 das zweite Armeekorps des russ. Heers, das unter Barclay de Tolly aus Polen nach dem Rhein aufbrach. Im I. 1817 wurde er Generalgouvcrneur der transkaukasischen Provinzen und 1 Oberbefehlshaber der kaukasischen Armee, und sodann als außerordentlicher Botschafter an j den pers. Hof geschickt und zwar mit einem Gefolge, welches die Blüte des russ. Adels »er- i einigte, da es darauf abgesehen war, dem brit. Einflüsse daselbst entgegen zu arbeiten und ihn, wo möglich, zu vernichten, was ihm auch vollkommen gelang. Zurückgekchrt in sein Gouvernement, war er eifrigst bemüht, in jenen Ländern russ. Handelsunternehmungen zu befördern, deutsche Colonien zu gründen und die ersten Keime europ. Cultur zu begünstigen. Er schlug 1826 mit seinem seit 1820 auf 100,000 M. vermehrten Heere den Angriff der Perser zurück, welche unter Abbas Mirza den Frieden gebrochen hatten, züchtigte nach mehrjährigen Kämpfen 1827 das räuberische Bergvolk dcr Tschetschenzen und vertrieb den treulosen Amulad-Beg, fiel jedoch im Nov. 1827 mitten in seinen Erfolgen in Ungnade, worauf der General Paskewitsch das Obercommando der Armee gegen Persien übernahm. Seitdem lebt I. zurückgezogen in Moskau von Gram und Alter gebeugt. Seine imponi- rende Persönlichkeit, seine Vertraulichkeit mit den Soldaten, sein vorzügliches Talent zur Ausführung von Kriegsplanen im Großen haben sein Andenken im Kaukasus erhalten, und noch gilt er dort für den tüchtigsten der bisherigen Generalgouvcrneure. Jeroböam ist der Name zweier Könige des Reichs Israel. J.l., 975—95-tv.Chr., 1 war der Sohn Nebath's aus dem Stamme Ephraim und wurde noch bei Lebzeiten Salo- mo's, in dessen Diensten er stand, von dem an der Spitze der Misvergnügten stehenden 'Propheten Ahia als künftiger Beherrscher der zehn Stämme bezeichnet, mußte aber deshalb nach Ägypten fliehen. Als indeß nach Salomo'S Tode Rehabeam das Volk, stakt dessen billige Federungen zu gewähren, noch mehr zu beschweren drohte, rissen sich zehn Stämme von ihm los und wählten I. 97 5 v. Ehr- zu ihrem Könige. I. befestigte Sichem und Pnuel und wählte erstcres zu seiner Residenz, die er jedoch später nach Thirza verlegte. l Aus Furcht, das Volk möchte dem Rehabeam wieder zufallen, hob er die Wallfahrten zum ^ jerusalemischen Tempel, dem Vereinigungspunkte aller Stämme, als beschwerlich für da j Volk auf und errichtete zu Dan und Bethel Separatheiligthümcr, indem er an jedem dieser Orte ein Goldenes Kalb (s. d.) aufstelltc. Da die gesetzlichen Priester und Levüe» n w I ir bl ih w a> in A 3 K z> bl ß- C g' k, vi V! I V zr lc T di S< di ft vi st N ü V di m n a w w h Z tz b d 3 li 4 Jersey Jerusalem 645 zt, I nach Juda auswandertcn, ließ er den Gottesdienst durch Priester aus dem Volke besorgen, m ! wogegen die Propheten warnend und drohend, jedoch vergebens, eiferten. Er starb 05-1. nd J.N., 825 —78l v. Ehr., war der Sohn und Nachfolger des Joas oderJehoaS. Glücklich >e- im Kampfe gegen die Syrer, erweiterte er die Grenzen des Reichs und erhob es in einen ar ! blühenden Zustand; aber ein Sünder in derselben Weise, wie Nebath's Sohn, weissagten er ihm die Propheten Hosea und Amos den Untergang des Reichs durch die Assyrcr. 'b, Jersey, s. Guernsey. m Jerusalem, die berühmte Residenz der jüd. Könige und als solche der bürgerliche, ig wie durch ihren Tempel der religiöse Einigungspunkt des jüd. Volks, ist gegenwärtig eine »> auf den Trümmern der ehemaligen Herrlichkeit schleckt und unregelmäßig gebaute Stadt, Hs ! im Paschalik Damask, mit etwa 20«> Schornsteine, einen traurigen Anblick. Desto reicher ist sie an bedeutungsvollen Erinncrun- m gen, die sich für den dahin Pilgernden an einzelne Örter und hervorragende Gebäude in ihr ck knüpfen. An der Stelle des weltberühmten Salomonischen Tempels, der nach dem Exil a von Serubabel neu aufgerichtet und von Herodes dem Großen stückweise umgebaut und vergrößert wurde, steht des Khalifen Omar Moschee El Haram, deren reich geschmücktes Innere den halbrunden, schwarzen Stein aufbewahrt, welcher Jakob als Kopfkissen und >' ^ Mohammed als Schemel, von dem er zumHimmel gestiegen, gedienthabensoll. DieKirche x ! zum Heiligen Grack (s. d.), in der Nähe des Calvarienberges d ! Brande 18t>8 von neuem, aber in schlechter»» Stile, aufgeführt, umfaßt die heiligen Lei? » ! densorte; nur den letzten Tag vor Ostern ist ihr Besuch freigegcben, sonst wird sie bloS ll' gegen hohe Eintrittsgebühren geöffnet. Den Franken gehört die Kirche St.-Salvakor in dem Franciscanerkloster, in welchem europ. Christen jedweden Bekenntnisses eine gast- " freundliche Aufnahme finden. In seiner Nähe wird die Werkstatt Joseph's gezeigt. Das u große griech. Kloster beherbergt fast den ganzen griech. Klerus. Außer der Kirche desselben haben die Griechen deren noch l:>. Ein Kloster der Armenier gilt für das reichste in der Le- ^ vante; ein anderes armen. Kloster, das zum Gefängniß Christi, soll an des Kaiphas Hau- sts Stelle stehen. Auch die koptischen, abyssinischen und syrischen Christen haben in der '' Nähe der heiligen Grabeskirche Klöster und Versammlungsorte- Von dem Stephansthorc im Osten nach dem Calvarienbergc führte, > 22 t> Schritte lang, die an Erinnerungen reiche f'' Via »Ivlnrnsu oder der SchmcrzcnSweg Christi. Die Stadt hat sieben Thore, von denen '' das an der Moschee Omar's zugemauert ist, weil durch dasselbe, nach einer alten moham- ^ medan. Sage, die Christen einst ihren Einzug in I. halten werden. An Wasser ist die Stadt ^ nicht arm, obwol jetzt alle Quellen, wie Siloah, der Brunnen Mariä, der Teich Gihon, außerhalb derselben liegen. Die Hauptnahrungsquelle ist für den größten Theil der Be- ' l wohner der Verkauf von Reliquien, Amuleten, Rosenkränzen u. s. w. an die Pilger. ^ Über die erste Begründung J.s ist nichts Sicheres bekannt. Die Heilige Schrift nennt " Abrahams Zeitgenossen Melchisedck einen König von Salem, was das nachherige I. ge- ^ wesen sein soll. Beim Eindringen der Israeliten in Kanaan unterJosua, um l 5VU v. Chr., hatten sie die Jcbusiter inne, die sich auch in I. durch ihre feste Burg Jebus auf dem Hügel " Zion hielten, bis David auch diese eroberte, und dahin von Hebron seine Residenz verlegte. Er nannte sie Stadt Davids. Durch Salomo's Tempel wurde sie die EotteSstadt, ^ ^ das wahre Jerusalem, d. i. die Wohnung des Friedens. Salomo erweiterte die Stadt durch ^ ^ den Bau des Tempels auf Moria, einem Hügel östlich vom Zion und von diesem durch das ^ Tyropöon, d. i. Thal der Käsemacher, getrennt, verschönerte sie durch einen königlichen Pa- ^ last und befestigte sie. (S. Heb rä er.) Obgleich sie spätere Könige, wie Usias, Jotham, Hiskias und Manasse, noch mehr befestigten, vermochte sie sich doch wiederholt gegen An- 616 Jerusalem griffe nicht zu behaupten. Zm I. 588 v. Chr. wurde sie von Nebukadnezar mit Sturm ge- nsmmen und zerstört; aber nach dem Exil, von 536 v. Chr. an, aus den Trümmern wie- der aufgebaut. In der folgenden Zeit wurde sie 320 v. Chr. von dem ägypt. Könige Ptolemäus Lagi, l 61 v. Chr. von dem Syrer Antiochus Epiphanes, 6-1 v. Chr. von Pom- pejus erobert, und endlich von Titus im J. 70'n. Chr. zerstört. (S. Juden.) Erst aus dieser Zeit finden sich bei dem jüd. Geschichtschreiber Josephus genauere Nachrichten über die Lage und Bauart. Auf vier Hügeln, Zion, Akra, Moria und Bezetha erbaut, bestand sie aus der Oberstadt mit der Burg Zion, aus der Unterstadt, nördlich von Zion und Moria, auf dem Hügel Akra, und aus der noch nördlicher gelegenen Neustadt. Auf der nordwestlichen Ecke des Tcmpelberges Moria, der durch Brücken mit der Oberstadt zusammenhing, hatte Johannes Hyrkanus die Burg Baris erbaut, welche Hcrodes verschönerte und verstärkte und dem Marcus Antonius zu Ehren Antonia nannte. Sie hatte besondere Zu- --ganze zu dem Tempel, auf den Ecken Thürme, und war fortwährend mit einer röm. Wache besetzt. Als ausgezeichnetes Gebäude ist noch der prächtige Marmorpalast des Herodcs an der nördlichen Seite der Oberstadt zu nennen, der mit einer 30 Ellen hohen Mauer umgeben war. An der östlichen Ecke der Oberstadt lag der geräumige freie Platz st'ystns, der mit Galerien umgeben, durch eine Brücke mit dem Tempel in Verbindung stand. Gärten, Lusthäuser, Teiche und die Todtengrüfte bildeten die nächste Umgebung der Stadt. WasTitus noch verschont hatte, ließ im I. 118 Kaiser Hadrian vollends zerstören; er wollte selbst den Namen vernichten, indem er an die Stelle J.s eine neue Stadt, Älia Capitolina mit einem Tempel des röm. Jupiter setzte, welche zu betreten den Juden bei Todesstrafe verboten war. Zu Anfang des 4. Jahrh. wurde I. durch Konstantin den Großen und dessen Mutter Helena eine christliche Stadt, und die Absichten Julian's, den jüd. Tempel wiederherzustellen, hinderte der Sage nach der Ausbruch unterirdischen Feuers. I. blieb nun unter der Hen - schüft der byzant. Kaiser, bis es der Perserkünig Koshroes II. 614 eroberte. Zwar wurde es dem Kaiser Heraklius 628 nochmals wiedergegeben, aber schon 637 entrissen es ihm unkr dem Khalifen Omar die Araber, von denen es unter die Herrschaft der Turkmanen kam. Aus Gewinnsucht gestatteten die Turkmanen zwar die Wallfahrten zu den heiligen Orten; doch durch die Bedrückungen empört, predigte endlich der fromme Eifer die Kren z- züge (s. d.), welche die Begründung eines christlichen Königreichs Jerusalem zur Folge hatten. Als im ersten Kreuzzuge Gottfried von Bouillon (s. d.) I. am IS. Juli 1099 erobert hatte und zum ersten Könige erwählt worden war, welchen Titel er jedoch nie führte, machte er es zum Mittelpunkt des neuen Königreichs, welches sich anfangs nur über die alt-israelit. Provinzen Judäa, Samaria und Galiläa erstreckte, in der Zeit sei- ner höchsten Blüte aber, in der Mitte des l 2. Jahrh., im Westen von dem Mittelländischen Meere, im Norden von der Grafschaft Tripolis, im Osten von Damast und der syr. Wüste und im Süden von dem steinigen Arabien begrenzt war, und außer diesem unmittelbaren Gebiete auch noch mehre benachbarte christliche Lehnsstaaten in sich begriff. Gottfried s Nachfolger wurde dessen jüngster Bruder, Balduin I. (s. d.), 1100—18, der das Reich beträchtlich erweiterte und zuerst den Königstitel führte. Sein Nachfolger und Vetter Balduin II., 1118—31, fand bei seinen harten Kämpfen gegen die Sarazenen in den unter ihm emporblühenden Johanniter - und Tcmpelherrnorden eine starke Stütze. Balduin's I!. Eidam und Nachfolger, Graf Fulko von Anjou,-1131 —-12, wußte die nach Selbständigkeit strebenden Vasallenstaaten in Abhängigkeit von seiner Krone zu erhalten und ebenso auch dessen älterer Sohn, Balduin III., 1133—62, der in seinem Schwiegervater, dem griech. Kaiser Manuel, einen mächtigen Bundesgenossen gegen innere und äußere Feinde hatte und seinem Staate durch Vervollständigung der von dem Stifter hcrrührendcn, nach europ. Muster entworfenen Verfassung einen größern Halt gab. Dessenungeachtet aber begann schon unter seinem ihm nachfolgenden Bruder Amalrich I., gest. 1173, der Ver- fall des Reichs, welches bald darauf durch den schwachen Usurpator Guido von L»sitz n an (s. d.), der dem kräftigen Sultan Saladdin nicht zu widerstehen vermochte, an den Rand des Abgrunds gebracht würde. Noch zu rechter Zeit, im I. 1190, vertauschte der König Guido seine wankende.Krone gegen die cyprische an Richard Löwenherz, der das Königreich I., welches nur noch ein auf das Gebiet von Tyrus beschränktes Titularkönigreich Jerusalem (Joh. Friedr. Wilh.) JesaiaS 647 war, an Elisabeth's, der Tochter König Amalrich'sl., vierten Gemahl, Heinrich von Cham- pagne, gab. Aber weder dieser, geil. 1196, noch seine Nachfolger Amalrich ll. von Cypern' ' und Johann von Brienne vermochten das Verlorene wieder zu gewinnen. Mil der Tochter des Letztem, Jolantha, erheirathete Kaiser Friedrich II., nicht ohne Widerspruch von Seiten des cyprischen Königshauses, Ansprüche auf die Krone von I. und gelangte auch wirk- lich im vierten Kreuzzuge > 229 in Besitz der heiligen Stadt, die jedoch schon >244 für immer an die Ungläubigen verloren ging. Der letzte Rest der curop. Besitzungen in Palästina, Ptolemais, siel 1292 in die Hände der Sarazenen. Nichtsdestoweniger führten seit Friedrich II. alle deutschen Kaiser und neben ihnen auch die Herzoge von Lothringen wegen angeblicher Erbansprüche, sowie die Könige von Sardinien mit Beziehung auf Guido von I Lusignan, den Titel als Könige von I., und neuerdings hat ihn auch der Kaiser von Öfb- ) reich, als Repräsentant des Hauses Lothringen, wieder angenommen. Den Sarazenen entrissen I. im I. 1982 die cirkassischcn Mamluken. Im I. >917 wurde es von dem türk. Sultan Selim l. erobert, dessen Sohn Soliman II. es >59 i mit der jetzigen Ringmauer umgab. Im Besitze der Pforte blieb nun I., bis sie es mit Syrien > 833 an Mehemed Ali von Ägypten verlor, der es bis > 846 behauptete, wo die drei christlichen Großmächte, England, Frankreich und Ostreich, das heilige Land wieder der Pforte unterwarfen, worauf 184 l England und Preußen ein evangelisches Bisthum in I. errichteten, das in dem engl. Geistlichen Mich. Sal. Alexander, den sic auf gemeinschaftliche Kosten unterhalten, seinen ersten Bischof erhielt. Vgl. Olshauscn, „Zur Topographie des alten I." (Kiel und Hamb. 1833, mit zwei Grundrissen); K. von Raumer, „Palästina" (2. Auf!., Lpz. 1838, nebst Nachtrag, Lpz. >843); Chateaubriand, „Itiuoraive 771 Vicepräsident des Consistoriums zu Wolfenbüttel. Äm Abende seines Lebens traf ihn das Unglück, daß sein innigstgeliebter Sohn, Karl Wilh. I., der zu Wetzlar den Reichshosrathproceß studirtc, sich >773 in einer melancholischen Stunde erschoß, welches Ereigniß für Goethe (s. d.) die Veranlassung zur Herausgabe seiner längst vorbereiteten 7 „Leiden des jungen Werther" wurde. Er starb am 2. Sept. 1789. Einer der aufgeklärtesten Männer seiner Zeit, wirkte er als Kanzclrcdner ganz im Geiste Mosheim's (s. d.). Neben seiner „Sammlung einiger Predigten" (2Bde., Braunschw. 1788—89) sind seine „Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion" (2 Bde., Braunschw. 1785) zu nennen, zu denen seine „Nachgelassenen Schriften" (2 Bde., Braunschw. 1792 —93) die Fortsetzung bilden. Jesaiaö oder Isais, der erste unter den sogenannten Großen Propheten des Alten > Testaments, wirkte unter der Regierung der jüd. Könige Usias, Jotham, Ächas und His- kias, ungefähr 7 59—717 v. Chr., als Volksführer und Prophet. Unter dem Könige Achas ' beschäftigte ihn besonders der Feldzug der Könige Rezin von Damask und Pekach von Israel gegen Achas. Unter Hiskias behandelte er in seinen Reden häufig die drohende Macht der assyr. Könige Salmanassar und Sanherib. Was von den unter seinem Namen 648 Jesuiten l! z !!? -r i im Alten Testamente enthaltenen Orakeln erweislich von ihm selbst herrührt, sichert ihm eine Stelle unter den vorzüglichsten hebr. Dichtern. Seine Sprache vereinigt Einfachheit und Klarheit mit der höchsten Würde und Majestät, und an Fülle und Kraft bei dem schönsten Ebenmaße kommt ihm die Poesie keines andern Propheten gleich. Der Inhalt seiner Dichtungen sind Strafrcdcn und Klagen über die Sünden des Volks, drohende Verkündigungen eines nahen Verderbens und herzerhebcnde Aussichten in eine schönere Zukunft. Hoheit des Gefühls und der Gesinnung spricht aus jedem Zuge, und Alles trägt den Stempel der echten Begeisterung. Der zweite Abschnitt seines Buchs, Cap. 49 — 06 , der an dichterischem Werth dem ersten Theile keineswegs nachsteht, ist wahrscheinlich von einem andern in der babylon. Gefangenschaft lebenden Propheten abgefaßt und wichtig für die neutestamcntlichcn Lehren. Unter den neuesten Übersetzern und Erklären: des I. sind zu erwähnen Gcsenius (3 Bde., Lpz. >820—21 ; Bd. I, 2. Aust., !82S), Hitzig (Heidelb. 1833) und Hendewerk (2 Bde., Königsb. 1838—43). Jesuiten oder Gesellschaft Jesu nannte sich der geistliche Orden, der, ohneKir- chenämter und Prälaturen, durch schlau verdeckte Herrschsucht schnell zu dem Range einer welthistorischen Erscheinung sich emporzuschwingen wußte, die in ihrer Art einzig ist. Der mindeste Theil dieser Größe ging von dem Stifter der Gesellschaft, Ignaz von Loyola (s. d.), aus, der seinen Ruhm mehr der Weltklugheit und der Kraft seiner Nachfolger als sich selbst verdankt. Auf der Universität zu Paris verband er sich am 16 . Aug. 1534 in einer Marienkapelle auf dem Montmartre mit Pierre Lefevre, einem Savoyarden, Franz Laver, einem Navarresen, Jak. Laynez und Nik. Bobadilla, zwei geistvollen Spaniern, und Nodriguez, einem portug. Edelmann, zur Bekehrung der Ungläubigen und zu einer Wallfahrt nach Jerusalem. Da der Krieg mit den Türken die Reise nach Jerusalem hinderte, so zerstreuten sich die Verbündeten auf den Universitäten in Oberitalien, um neue Mitglieder zu werben. Loyola selbst ging mit Lefevre und Laynez nach Nom, wo er seinen Plan zur Stiftung eines neuen, ganz eigenthümlich eingerichteten Ordens 1539 zur Ausführung brachte. Zufolge eines Traumgesichts nannte er denselben Gesellschaft Jesu und verpflichtete die Glieder, deren Stamm jene ersten Verbündeten bildeten, neben den Gelübden der Armuth, Keuschheit und des blinden, beständigen Gehorsams gegen die Obern, noch zu dem vierten, sich in jedes Land, wohin der Papst sie als Missionare sckicken würde, unweigerlich und ohne Lohn zu begeben und ihre Aufträge mit allen möglichen Kräften und Mitteln ins Werk zu setzen. Die Novizen sollten außer andern geistlichen Übungen auch durch die niedrigsten Dienste bei Kranken geprüft werden, indem des Laver Beispiel cs zu einem besondcrn Ehrcnpunkte der geistlichen Ritterschaft gemacht hatte, die ekelhaftesten Geschwüre der Kranken in den Spitälern aufzusaugen. Eine besondere Bulle Papst Paul's III. bestätigte am 27. Sept. 1549 den Orden, dessen Glieder im folgenden Jahre bei einer Versammlung zu Rom den Stifter zum ersten General ernannten, der aber einer Verwaltung im Großen durchaus nicht gewachsen war und dessen rohe Entwürfe, meist durch Laynez ausgcbildet, durch diesen und seine gelehrten Freunde zur Ausführung gebracht wurden. Gleich Paul >11. bewilligte auch Julius III. diesen rcgulirtcn Klerikern Vorrechte, wie sie noch nie irgend eine Körperschaft in der Kirche oder im Staate besessen. Sie sollten nicht nur alle Rechte der Bettelmänche und der Weltgeistlichen zugleich genießen und mit ihren Gütern von jeder bischöflichen und weltlichen Gerichtsbarkeit, Aufsicht und Besteuerung gänzlich befreit sein, sodaß sie außer ihren Ordensobern und dem Papste keinen Herrn aufErden anzucrkenncn hätten; sie sollten auch befugt sein, priesterliche Amtshandlungen jeder Art bei Menschen aus allen Ständen, selbst wahrend eines Jnterdicts, auszuüben; sie sollten von allen Sünden und Kirchenstrafen eigenmächtig absolviren, Gelübde der Laien in andere gute Werke verwandeln, ohne weitere päpstliche Bestätigung überall Kirchen unir Güter erwerben, Ordenshäuser anlegen und nach Befinden der Umstande sich selbst von der Abwartung der kanonischen Stunden, von Fasten und Speisever- botcn, ja sogar vom Gebrauche des Brevier dispensiren können. Überdies wurde ihrem General bci einer unumschränkten Macht über alle Glieder des Ordens frcigestellt, sie mit Aufträgen icder Art, wohin er wolle, zu senden, aller Orten als Lehrer der Theologie anzustellen und mit akademischen Würden zu bekleiden, die denen der Universitäten gleich gelten sollen. Jesuiten 649 Allgemeine Verbreitung in der menschlichen Gesellschaft bei möglichst festem innern Zusammenhänge als Orden war der Hauptgrundsatz der Verfassung der Gesellschaft Jesu. Zufolge derselben theilt sie sich in mehre Klassen oder Stände. Die Novizen, welche aus den talentvollsten, gebildetsten Jünglingen und Männern ohne Rücksicht auf Geburt und äußere Verhältnisse gewählt und zwei Jahre lang in besondern Noviziathäusern durch Übungen der Selbstverleugnung und des Gehorsams geprüft werden, gehören noch nicht unler die wirklichen Glieder. Die geringsten unter diesen sin!) die weltlichen Mitarbeiter oder Koadjutoren, die keine Klostergelübde leisten und daher entlassen werden können. Sie dienen dem Orden tbeils als Untergebene und Gehülfen der Glieder höherer Grade, theils als Verbündete. Vornehme Weltleute, Staatsbeamte und andere einflußreiche Personen, wie;. B. Ludwig XI V. in seinem Alter, hatten bisweilen die Ehre, zu diesem Grade ausgenommen zu werden. Höher im Range stehen die Scholastiker und die geistlichen Koadjutoren, welche gelehrte Kenntnisse besitzen, feierliche Mönchsgelübde leisten und sich insbesondere zum Unterricht der Jugend verpflichten müssen. Ihrer bedient man sich als Professoren, Prediger, Rectoren und Lehrer, Hofmeister und Gewissensräthe in den Familien und als Gehülfen bei den Missionen. Den obersten Stand machen die Professen aus, wozu nur die erfahrensten Glieder erwählt werden, deren Weltklugheit, Kraft und Treue gegen den Orden sich vorzüglich bewährt hat. Sie leisten Profeß, indem sie neben den Mönchsgelübden sich noch zur Übernahme von Missionen aller Art verbindlich machen, und dienen, wenn sic nicht in den Profeßhäusern zusammenleben, als Missionare unter den Heiden und Ketzern, als Regenten der Kolonien in fernen Wclttheilen, als Beichtväter der Fürsten und als Residenten des Ordens an Orten, wo er noch keine Kollegien hat, sind aber von der Verpflichtung zum Jugendunterrichte völlig befreit. Nur die Professen haben eine Stimme bei der Wahl des Ordensgcnerals, der selbst Profeß gewesen sein muß und aus ihrer Mitte die Assistenten, Provinzialen, Superioren und Rectoren wählt. Der General bekleidet seine Würde lebenslang und hat seinen Wohnsitz in Nom, wo ihm ein Admonitor und fünf Assistenten oder Näthc zur Seite stehen, die sonst die sünfHauptnationen, Italiener, Deutsche, Franzosen, Spanier und Portugiesen, bei ihm repräsentirten. Er erhält durch monatliche Berichte von den Provinzialen und vierteljährige von den Superioren der Profeßhäu- ser, den Rectoren der Kollegien und den Noviziatmeistern Nachricht über merkwürdige Or- dcnsbcgebenheiken, über politische Ereignisse und über die Charaktere, Fähigkeiten und Verdienste aller einzelnen Glieder, worauf er verordnet, was zu thun und wie ein bewährtes Subject zu brauchen sei. Alle müssen ihm blindlings und auch wider ihre Überzeugung gehorchen; gegen seine Befehle gilt keine Appellation, ja er kann selbst einzelne Ordensregeln abändern, Mitglieder ohne Untersuchung ausstoßcn oder durch Versendungen exiliren und Strafen verhängen oder erlassen, wie es ihm gut dünkt. , Schon beim Tode des Stifters im I. 1556 zählte die Gesellschaft 1060 Glieder in zwölf Provinzen. Die erste war Portugal, wo Laver und Nodriguez 1540 auf Einladung des Königs Kollegien angelegt hatten. Nicht minder schnell ging es mit der Fortpflanzung der Gesellschaft in den ital. Staaten und in Spanien, wo das Beispiel der Großen, vorzüglich eines der mächtigsten Granden, Franz Borgia, Herzogs von Gandia, wirkte; auch im katholischen Deutschland, namentlich in Ostreich und Baiern, verbreitete sich der Orden sehr schnell hauptsächlich auf den Universitäten zu Wien, Prag und Ingolstadt, wo er ein Übergewicht erlangte, in dessen Besitz er sich zwei Jahrhunderte lang behauptete. In seinen streng hierarchischen Grundsätzen, in seiner rastlosen, begeisterten Thätigkeit und in seiner erfolgreichen Bekehrungsweise erkannten die papistisch gesinnten Fürsten, wie die Päpste selbst, das wirksamste Gegengift gegen den mächtig anwachsenden Protestantismus. Auch dem großen Haufen empfahlen sich die Jesuiten bald als Kinder eines neuen Zeitgeistes, mit dem auch Diejenigen, die den Mönchen sonst abhold waren, sich leicht befreundeten. Wem die Franciscaner zu plump und gemein und die Dominicaner als Moralisten und Inquisitoren zu streng und finster waren, dem sagten die feingebildeten, heitern, umgänglichen Jesuiten desto besser zu. Müßiges Hinbrüten bei Gebet und Gesang konnte ihnen Niemand vorwerfen, nirgend hielten sie sich lange bei ihren Andachtsübungen auf, sorgfältig vermieden sie den Schein des Stolzes auf eine besondere Heiligkeit und in ihrer Klei- 650 Jesmü'n düng glichen sic ganz den Weltgeistlichen, ja sic durften sogar diese Kleidung mit der üblichen Landestracht vertauschen. Überdies war ihnen vorgeschriebe», bei ihrer geistlichen und politischen Wirksamkeit sanft zu verfahren, die Menschen durch Nachgiebigkeit gegen ihre Eigenheiten zu gewinnen und überhaupt keine Leidenschaft blicken zu lassen, sondern ihre Absichten und Maßregeln geheim zu halten und bei äußerer Kälte und Zurückhaltung desto unablässiger im Verborgenen durchzusctzcn, was öffentlich Widerstand erregen konnte. Der Geist dieser Lebenskunst und Gewandtheit für Händel aller Art ging besonders von den staatsklugen Grundsätzen ihres zweiten Generals, Jak. Laynez (s. d.), aus, der, was die Regeln des Stifters noch Düsteres und Mönchisches enthielten, geschickt zu milder» und dem Zwecke des Ordens zeitgemäß anzupassen wußte. Dieser Zweck war ursprünglich kein anderer, als die Rettung und Befestigung der päpstlichen Universalmonarchic gegen jeden Angriff des Protestantismus, der Fürsten und der Nationalbischöfe. Darauf arbeiteten die Jesuiten unter dem Vorwände, die Religion oder die Ehre Gottes zu befördern (in Majoren, Dei Floiia>»,avic die Inschrift ihres Wappens sagt), planmäßig hin, und bemächtigten sich deshalb der Jugend durch Anlegung von Schulen und der Erwachsenen durch Umgang, Beichtstuhl und Predigtamt. Als Laynez > Stil, starb, war diese Richtung und der ihr angemessene kräftige Geist bereits entschieden in das innere Leben des Ordens cingedrungen, sodaß das Beispiel klösterlicher Frömmelei, welcher sich sein Nachfolger Franz Borgia ergab, und das Ansinnen der Päpste Paul's IV. und Pius'V., ihn wie andere geistliche Orden zur Beobachtung der kanonischen Stunden zurückzubringcn, unwirksam blieben. Die folgenden Päpste und Generale gestatteten dem Orden Freiheit von allem mönchischen Zwange, und bald setzten die wichtigen Erfolge die Zweckmäßigkeit des Laynez'schen Systems ins Licht. Einen kaum glaublichen Fortgang hatten die Missionen dc§ Ordens außer Europa, namentlich im portug. Ostindien, wo Franz. Laver (s.d.) 1541 —51 und die ihm nachgeschickten Gehülfen in Goa, Travankur, Cochinchina, Malakka, Ceylon und selbst in Japan, Hunderttausende zum Christenthume bekehrten, sowie in Brasilien und Paraguay, wo andere Jesuiten nicht ohne Erfolg auf die Bildung und Unterwerfung der Eingeborenen hinwirktcn. Nur Afrika zeigte sich widerspenstig; die westlichen Küsten nahmen die Jesuiten nicht einmal auf und im Osten wurden sie von den Kopten verjagt und von den Abyssiniern als Hochvcrräther gerichtet. Dafür nahm ihr Gewicht in Europa selbst desto schneller zu und vollkommen gelang es ihnen, die Spuren, welche die Reformation in katholischen Ländern zurückgelassen hatte, zu vertilgen. Was von den Barnabiten (s. d.), Somaskern, den Vätern der christlichen Lehre und vom Oratorium (s. d.) und zuletzt von den Piaristen (s. d.) nur im Kleinen oder für die niedcrn Volksclaffen zur Verbesserung des Schulwesens begonnen wurde, leisteten sie im Großen und für die Hähern Stände. Claudius Aguaviva, aus dem Geschlechts der Herzoge von Atri, der vierte General der Jesuiten, 1581 — 1615, wurde der Schöpfer ihrer Pädagogik, und seine „Rätin et institntin stullioriim Kocietalis .1«5»" der Lehrplan der Jesui- tcnschulcn (s. d.). Für ihren Orden zogen die Jesuiten aus ihren Schulanstalren den großen Vvrtheil, die besten Köpfe frühzeitig auswahlcn und für ihre Zwecke hcranbilden zu können, und so ist cs auch erklärlich, wie dieGescllschaftJcsu sich so bald durch wissenschaftliche Verdienste bei der gelehrten Welt in Achtung setzen konnte. Ihre unleugbaren Vorzüge verstand aber Niemand besser geltend zmmachen als sie selbst. Dabei mehrten sich ihre Häuser und Besitzungen; ihre Kirchen und Beichtstühle wurden nicht leer", Vermächtnisse nnd Schenkungen fielen ihnen in Masse zu und mit Geschicklichkeit wußten sie jeden Vortheil wahrzunchmen. In ihrer inner» Verfassung wollten sie weder durchschaut, noch überhaupt nachgeahmt sein. Als daher eine Anzahl Frauen und Mädchen in Italien und am Niederrhein um >623 sich bcikommen ließ, unter dem Namen Jcsuitinnen zu einem Orden zusammenzutretcn, der in Verfassung, Ämtern und Graden eine völlige Nachbildung der Gesellschaft Jesu war, wirkte diese 1631 ein päpstliches Breve zur Aufhebung desselben aus. Obschon ihre wiederholten Versuche, sich in England und den nordischen protestantischen Staaten anzusiedeln, gescheitert waren, hatte sich die Zahl ihrer Mitglieder doch bereits 1618 auf 13112 gemehrt, die in 32 Provinzen vertheilt waren. Stolz Jesuiten 651 auf diese Blüte, feierten sie I6lv unter dem General Bitelleschi mit großem Gepränge das , hundertjährige Jubiläum ihres Ordens. ! Doch die Freude dieses Festes konnte nicht ganz ungetrübt sein. Denn ungeachtet des ! großen Beifalls, den die Gesellschaft Jesu an den Höfen und unter dem Volke fand, hatten doch die nichtfesuitische'Gcistlichkeit und die Gelehrten bald das Unheil entdeckt, dessen Keim dieselbe ausstreue. Den Universitäten, Bischöfen und Pfarrern stand sie durch Vorrechte im Wege, und den alten Mönchsorden, deren Neid sie durch Eingriffe in deren Gebiet ebenso sehr als durch ihr Glück gereizt hatte, gab ihr ungcistliches Betragen Stoff genug zu Beschwerden und giftigen Ausfällen. Denn sie beobachtete nirgend eine Grenzlinie gegen den Wirkungskreis anderer Orden und vertrug sich höchstens mit den Larthäusern, .« welche wegen ihres Stillschweigens die einzigen Geistlichen außer ihren eigenen Ordens- ' genossen waren, bei denen die Jesuiten beichten durften. Endlich erregten sie auch das Mis- trauen und die Eifersucht der Staatsbeamten und Juristen durch ihr Einmischen in politische Händel, dessen verderbliche Wirkungen in Portugal schon unter den Königen Johann III. und Sebastian (s. d.), ihrem Zöglinge, weltkundig, und nach des Letztem Tode eine Hauptursache der Überlieferung dieses Reichs an die span. Krone geworden war. Daher wehrten auch in Frankreich das Parlament und die hohe Geistlichkeit die Versuche der Jesuiten, sich einzudrängen, 29 Jahre lang entschlossen ab. Die Universität zu Paris erklärte ihren ganzen Orden für unnütz und unvereinbar mit den Rechten der gallicanischcn Kirche, und nur der Gunst des Hofs hatten sie es zu danken, daß sie endlich, l 562, unter dem Namen der Väter des Collegiums von Clermont, unter Verzichtleistung auf den Gebrauch ihrer wichtigsten Freiheiten, in Frankreich zugelassen wurden. Ungeachtet dieses gedrückten Zustandes wußten sic doch sich in Paris und den südlichen und westlichen Provinzen bald festzusetzen, und während der bürgerlichen Unruhen unter dem Schutze der Guisen den franz. Protestanten Abbruch zu thun, ihre Vorrechte allmalig geltend zu ma- , chen und sich trotz des Verdachts der Theilnahmc an Heinrich's III. Ermordung zu bchaup- I ten. Zwar wurden sie wegen des Attentats ihres Schülers Chatel auf Heinrich IV., ! 59a, als Majestätsverbrecher feierlich aus Frankreich verwiesen, doch hielten sie sich ununter. ! krochen in Toulouse und Bordeaux auf und, auf Fürsprache des Papstes von Heinrich kK. schon 1693 wieder ausgenommen, spielten sie als Beichtväter des Hofs bald wieder die vorige Rolle. Der Theilnahmc an Heinrich's IV. Ermordung durch Ravaillac (s. d.) konnte man fle nicht überweisen; das Buch, worin der span. Jesuit Mariana (s. d.) den KönigSmord vertheidigt, halfen sie selbst mit verurtheilen, und so blieben sie durch List und Schmeichelei gegen den Hof in ungestörtem Besitze. Zu noch viel höherm Ansehen gelangten sie in dem Deutschen Reiche, da FeHinand II. und III. ihnen vollständig vertrauten. Ungemeines politisches Talent entwickelten sie während des Dreißigjährigen Kriegs; sie waren die Seele der Ligue, die ohne ihr Wissen nichts that, und konnten deshalb auch 1629 die zufolge kaiserlichen Mandats von den Necchsständen wieder herausgegebenen katholi- schen Kirchengüter zum Nachtheile der Orden, denen sie gehört hatten, an sich ziehen. Durch Pater Lamormain, ihren Ordensgenossen und Beichtvater des Kaisers,„wurde Wallenstetn gestürzt und durch ihn und seine Gehülfcn das eifersüchtige Baiern bei Ostreich erhalten. Doch während sie in Deutschland als Staatsmänner glänzten, ohne indeß den Sieg ff der Religionsduldung im westfäl. Frieden hindern zu können, brach in Frankreich und den Niederlanden durch die jansenistischen Streitigkeiten ein neues Ungewittcr über sie herein. Der alte Haß der Universität zu Paris, die sich fort und fort gesträubt hatte , ihnen Lehrstühle cinzuräumen, regte sich dabei, mit der moralischen Strenge der Jansenisten zugleich, gegen den notorischen Sennpelagianismus des Jesuiten Molina und seiner Ordensbrüder. (S. Gnade und Jansen.) Unheilbare Wunden schlugen ihnen Pascal's (s.d.) „1i«ttrer provincikllss" (l666), welche bei dem über <>5 Säße jesuitischer Casuisten von Jnnocenz XI. I67S ausgesprochenen Verdammungsurtheil als Zeugniß angeführt wurden und deren kaustischem Witz sie nichts als Schmähungen entgegenzusetzen hatten. Wenig ^ half es ihnen, daß die von den jesuitischen Beichtvätern Ludwig's XIV., Lachaise (s. d.) und Letellier, ausgewirkten königlichen Decrete und päpstlichen Bullen dem Jansenismus Tvdesstreiche versetzten und die berüchtigte Bulle CmFemttx (s. d.) ihnen endlich den vollen 652 Jesuiten Sieg zuwendete; sie blieben der Anhänglichkeit an die von Pascal angeführten Lehrsätze ihrer vornehmsten Casuisten verdächtig, die dem Nachdenkenden über ihr oft so räthselhaf- tes und zweideutiges Betragen nicht geahnete Aufschlüsse darbieten mußten. Eine schlaffe Moral, die, den Neigungen des unsittlichen Zeitgeistes angcpaßt, die Grundsätze des Handelns den Eingebungen einer eigennützigen Klugheit und den äußern Umständen unterwarf und die schlechtesten Mittel um guter Zwecke willen heiligte; der Probabilismus, ein System von Grundsätzen und Lebensregeln für Lasterhafte wie für Tugendhafte, der Alles erlaubte, was sich mit wahrscheinlichen Meinungen vertheidigcn ließ; Beschönigungen für Meineide und Verbrechen aller Art, bald durch willkürliche Wortvcrdrehungen, bald durch zweideutige Ausdrücke und verwirrende Auslegungen, bald gar durch heimliche Vorbehalte freserv-rtlvnes mentale--), wobei man sich nur etwas Anderes zu denken brauchte als man sagte und that, um wegen der gröbsten Sünden vor sich selbst gerechtfertigt zu sein, und Anderes mehr, waren die Vorwürfe, die man ihnen aus Pascal's Briefen und den Schriften der Jesuiten Sanchez, Bauny, Escobar, Suarez und Busembaum (s. d.) machte. Ihre eignen Vertheidigungen dagegen bestätigten den wider ihre Sittenlehre erregten Verdacht, indem sie die Hälfte zugaben, wo das Ganze verwerflich war. Dabei wurden andere Beschuldigungen laut, die sie noch weniger widerlegen konnten. Die Seichtigkeit ihrer Lehrart und das theatralische Unwesen ihrer Schulen hatte ihr Ordensbruder Mariana selbst gerügt; ihr groberOrdcnsegoismus war in Sciotti's/Monarctiiasviipsoriim" öffentlich an den Pranger gestellt, und gegen den Leichtsinn, mit dem sie bei ihren Heidenbckeh- rungen die Verehrung der alten Götzen unter der Bedingung zuließcn, daß die Bekehrten dabei an Christus und die Jungfrau Maria denken sollten, sowie gegen ihre Unverträg- lichkeit mit den übrigen Missionaren in China hatten schon mehre päpstliche Bullen, jedoch ohne Erfolg, geeifert. Überdies entdeckte man hier und da auch eine Übereinstimmung ihrer Sitten mit ihrerMoral, weilsiebei ihren Ausschweifungen nicht immer vorsichtig gcnugzu Werke gingen; daher denn sogar die von ihnen bekehrtcnJrokesensich in einemFriedensschlusse 1682 ausdrücklich die Entfernung der Jesuiten ausbedungen, die Alles thäten, was Jesus nicht gethan. Auch aus einigen Städten in Italien mußten sie wegen verbotenen Umgangs mit dem weiblichen Geschlechte entfernt werden, und allgemeinen Abscheu in ganz Europa erregte 1731 der Proceß gegen den Jesuiten Girard wegen Schändung eines unschuldigen Mädchens im Beichtstühle, und immer allgemeiner lernte man cinsehen, daß sie keineswegs die Beförderung der wahren Religion und Tugend, sondern nur die Verbreitung des Papismus und nebenbei ihren eigenen Genuß und Vortheil beabsichtigten. Den letzten Vorwurf bestätigten die Klagen der Kaufleutc wegen des bedeutenden Handels der Jesuiten mit den Erzeugnissen ihrer außereurop. Missionsplähe. Die von ihnen unter span. Hoheit aus den Eingeborenen in Paraguay (s. d.) und Uruguay gebildete Republik, in der sie unumschränkt herrschten, mochte allerdings das beste Mittel zur Bildung jener Wilden gewesen sein; daß sie aber dem Orden auch als Handelsniederlage und Geldquelle wichtig war, zeigte sich bei Gelegenheit eines Tauschvergleichs, durch den Spanien sieben Pfarr- bezirke dieses Landes 1756 an Portugal überließ. Der Widerstand, den die Eingeborenen ünter Anführung der Jesuiten den portug. Truppen leisteten, nöthigte die betheiligten Mächte endlich, jenen Vergleich aufzuhcben. Trotz ihres Leugnens kamen die Jesuiten in Portugal hierüber in eine peinliche Üntersuchung, die noch nicht beendigt war, als 1758 ein meuchclmörderischer Angriff auf das Leben des Königs Joseph I. ihre Sache verschlimmerte. Der Minister Pombal (s. d.) brachte ihre Mitwirkung dabei zu großer Wahrscheinlichkeit, und wußte endlich durch ein Edict vom 3. Sept. 1759, worin der König sie für Hochverräther erklärte, ihren Orden aus Portugal zu vertreiben. Bis zu dieser ersten Niederlage zählte der Orden 2a Profeßhäuser, 669 Kollegien, 176 Seminarien, 61 Noviziathäuser, 335 Residenzen und 273 Missionen in heidnischen und protestantischen Ländern, und im Ganzen 22589 Glieder aller Grade, worunter die Hälfte geweihte Priester waren. Auch in Frankreich, wo der Minister CH oise ul-Amboise (s. d.) sowol als die Pompsdour (s. d.) gegen die Jesuiten eingenommen waren, brachte ihnen der Handel, den sie allen päpstlichen Befehlen zum Trotze fortführten, den Untergang. Seit 1733 hatten sie durch ihren Abgeordneten, den Pater Lavalette, unter dem Vorwände einer Mission zu Jesuiten 653 Martinique ein Handelshaus angelegt, das den Vertrieb der Erzeugnisse dieser und der benachbarten westind. Inseln fast allein an sich zog und mit den größten Kausleutcn Frank- § reichs in Verkehr trat. Da jedoch zwei Schiffe mit einer Ladung von zwei Mill. an Werth > den Engländern in die Hände sielen, machte das Handelshaus Lioncy zu Marseille, an welches Lavalette diese Ladung an Zahlungsstatt gesendet hatte, weil die Jesuiten keinen Ersatz leisten wollten, einen Proceß gegen sie anhängig, der nicht nur ihre Verurtheilung zur vollen Entschädigung dieses Hauses, sondern auch die Aufdeckung anderer Misbräuche ihres Ordens nach sich zog. Da Loren; Ricci, ihr General, mit der Erklärung: 8int, ut s„nt, mit non sint, d. h. sie bleibe, wie sie ist, oder falle ganz, jede Abänderung der Verfassung des Ordens verweigerte, hob ein königliches Decret 170-1 den Orden als eine blos j politische Gesellschaft auf, und vergebens erließ der Papst Clemens Xllk. gleichzeitig eine ' Bulle, worin er die Jesuiten als die frömmsten und gemeinnützigsten Religiösen empfahl. Aus Spanien wurden sic >767 und bald darauf auch aus Neapel, Parma und Malta verbannt, was unstreitig das Werk Choiseul's und des span. Ministers Aranda (s. d.) war, worauf endlich der Papst Clemens XlV. (s. d.) in der Bulle Dominus sc reckemtor noster vom 21. Juli 1773 die völlige Aufhebung der Gesellschaft Jesu in allen Staaten der Christenheit aussprach. Diese Maßregel wurde allenthalben rasch und gewaltsam ausgeführt, doch waren die bedeutendsten Geldsummen und Actenstücke von den Jesuiten, wie man erzählt, schon vorher bei Seite geschafft worden, und ihre Archive und Kassen befriedigten nicht die Erwartungen. Übrigens geschah den Exjesuiten weiter kein Leid, als daß sie ihre Häuser verlassen, ihr Ordenskleid ablegen, allen Verbindungen miteinander entsagen und sich entweder unter andere Orden oder unter die Aufsicht der Bischöfe begeben mußten. Aus dem Ertrage ihrer eingezogenen Güter erhielten sie Jahrgelder, die nur Portugal nicht verabfolgen ließ. Hier sowie in Spanien gestattete man ihnen auch keinen Auf- enthalt, während sie im Kirchenstaate, in Oberitalien, in Deutschland, wo man bei ihrer Auflösung am schonendsten verfuhr, in Ungarn, Polen und selbst in Frankreich alsPrivat- 1 Personen geduldet wurden. In das allgemeine Einverständniß über die Entbehrlichkeit der ! Jesuiten stimmte zwar Friedrich >l. nicht ein, indeß mußten sie in den preuß. Staaten ihr Ordenskleid und ihre Verfassung aufgeben und sich unter dem Namen der Priester des königlichen Schulinstituts auf Jugendunterricht einschränken. Doch auch diese Anstalt hob Friedrich Wilhelm II. auf und so blieb ihnen nur noch Rußland. Aus diesem Reiche halte sie zwar schon Peter der Große >719 vertrieben; allein mit dem östlichen Theile Polens wurden >772 wieder mehre Häuser ihres Ordens Rußland einvcrleibt. Die Kaiserin Katharina behielt sie auch nach der Aufhebung bei und Czernitschew's und Potemkin's Gunst verschaffte ihnen die Erlaubniß, >782 einen Generalvicar zu wählen. Inzwischen hatten sich die Umstände inNom zu ihrem Vortheil geändert. Clemens XlV. war >77-1 gestorben, und sein Nachfolger Pius VI. zeigte sich bald als Freund der, wenn auch unterdrückten, doch lange noch nicht erloschenen Gesellschaft Jesu. Die Exjesuiten blieben angesehene Geistliche, denen vielgeltende Freunde aus allen Ständen anhingen und wichtige Lehr- und Kirchenämter anvcrtraut wurden. Es gab ihrer in den achtziger Jahren - außer Italien gegen 900»», die nach dem herrschenden Glauben iinmer noch in fester Ver- i bindung und unter geheimen Obern standen; auch sollten sie in das Treiben derRosen - ^ kreuzer (s. d.) eingegangcn sein und sich in die Plane derJlluminaten (s.d.) gemengt haben. Die von Fr. Ni colai (s. d.) in Berlin redigirte „Allgemeine deutsche Bibliothek", welche die Exjesuiten zum Untergange des Protestantismus verschworen wähnte und überall Spuren ihres Einflusses entdeckt haben wollte, machte damals viel von dem Jesuitismus reden, dessen ein Protestant leicht beschuldigt werden konnte, wenn er vertraut mit Katholiken umging. Doch verstand man unter Jesuitismus nicht nur das Widerstreben gegen alle dem Papstthum ungünstige Ideen und Anstalten, sondern überhaupt das Schleichen und Lauern der Hinterlist, das Verfahren nach dem Grundsätze: „der Zweck heiligt die Mittel", und das versteckte Spiel ehrgeiziger Ränke unter der Maske der Leutseligkeit und ^ Religiosität. Ungestört von solchen Angriffen einer oft ungerechten Parteilichkeit, hofften die Exjesuiten inzwischen auf ihre Wiederherstellung. Ein Versuch 1787, als Vicen tili er wieder aufzuleben, schlug ihnen fehl; die Väter des Glaubens aber, ein geistlicher 654 Jesuiten Orden, den Paccanari, ein schwärmerischer Tiroler und ehemaliger päpstlicher Soldat, unter dem Schutze der Erzherzogin Mariana, 1795 meist aus Exjesuiten sammelte und mit Hülfe des Papstes als eine neue Gesellschaft Jesu unter veränderter Regel zu Nom inThä- i tigkeit setzte, wurden von den geheimen Obern der echten Jesuiten nie als ihres Gleichen > anerkannt und daher in Italien und Frankreich unter policeiliche Aufsicht gestellt, in England aber, wo Abbe Broglio ein Collegium derselben bei London errichtet hatte, fast dem Hunger preisgegeben. In erweislichcrm Zusammenhänge mit den Planen der Erjesuitcn stand, was Pius VII. (s. d.) für sie that. Er bestätigte ihren Orden > 801 in Weißrußland und Lithauen, wo er unter dem Generalvicar Daniel Eruber, auf pädagogische und prie- sterlichc Thätigkeit eingeschränkt, fortwirkte, und stellte sie im Stillen 180-1 auf der Insel Sicilien wieder her. Seinen ersten freien Schritt nach dem Sturze Napoleon's bezeich- ! nete Pius VII. durch die Wiederherstellung des Ordens derJcsuiten für die ganze Christen- ' heit in ihrer vorigen Gestalt, mittels der Bulle SuIIicitucin »wnium vom 7. Aug. >814. Schon am 11. Nov. 1814 erfolgte in Nom die feierliche Eröffnung ihres Noviziats. Auch traten sie daselbst 1824 in den Besitz des 6o!lej;',„,n romannm, und ihre Zahl mehrte sich so, daß man 1829 außerhalb der Stadt für ihr Unterkommen Platz suchen mußte. Als daselbst ihr Ordensgeneral Pater Ludwig Fortis, welcher den Pater Vincenz Parani, ehemaligen Provinzial der Gesellschaft Jesu in Italien, zum Generalvicar derselben ernannt hatte, am 27. Jan. 1829 gestorben war, wurde am 9. Juli 1829 unter dem Einflüsse des Cardinal-Staatssecretair Albani der Pater Joh. Noothaan, aus Amsterdam gebürtig, zum General erwählt, dem vier Gehülfcn für die vier Ordensprovinzen Gallien, Spanien, Germanien und Italien beigegeben wurden und der noch gegenwärtig ander Spitze des Ordens steht. In Modena wurde den Jesuiten 1815 ein Collegium cinge- räumt; zu gleicher Zeit fanden sie in Sardinien und Neapel Eingang. Auch erhielten sie >829 in Neapel, außer dem ihnen schon bewilligten Rechte des Unterrichts in Colle- gien, auch das Recht der aussckließenden Erziehung des jungen Adels in einem Lyceum. In Spanien wurden die Jesuiten schon am 29. Mai 1815 durch Ferdinand VIl wieder in den Besitz aller seit >707 ihrem Orden in Spanien entzogenen Rechte und Güter eingesetzt. Die Staatsveränderung Spaniens im März > 820 hatte ihre abermalige Verbannung aus diesem Reiche, sowie die Herstellung der absoluten Gewalt 1823 ihre Rückkehr zur Folge. Endlich im Jahre 1835 erfolgte abermals die Aufhebung des Ordens, des- ' sen Wirksamkeit aber deshalb in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Lande nicht aufgehört hat. Seinen Hauptsih hat er gegenwärtig in Gibraltar, und namentlich scheint es ihm gelungen, in Andalusien festen Fuß gewonnen zu haben. Portugal beharrte standhaft bei der Verordnung vom 3. Sept. 1759, welche die Jesuiten aus dem Reiche verwies. DomMiguel stellte zwar durch das Decret vom 30. Aug. > 832 die Gesellschaft Jesu, jedoch ohne Anspruch auf ihre früher gehabten Güter, Privilegien und Vorrechte wieder Herz durch Dom Pedro aber wurde, nachdem er am 23. Juli 1833 Lissabon erobert, dieses Decret aufgehoben, worauf die Jesuiten genöthigt waren, sich wieder nach Italien einzuschiffen. Nichtsdestoweniger haben sie sich in neuerer Zeit in Lissabon nnd andern Städten wieder eingenistet. Sie flehen mit Gibraltar im Verkehr, wo eine die Arbeiten leitende und vorbereitende Junta besteht, die von Rom aus ihre Befehle erhält. In Frankreich suchten sie vergebens während der Consularregicrung und unter dem Kaiserreiche sich einzuschleichen. Auch nach der ^ Restauration vermochte die Partei der Ultraroyalisten ihnen blyS Duldung zu verschaffen. j Als gesetzwidrig wurden im I. 1828 ihre CoNgregationen und Secondairschulen zu St.- Acheul bei Amiens, Ste.-Anne in der Bretagne, zu Dole im Jura, zu Montmorillon im Departement Vienne, zu Bordeaux, Aix, Forcalquier und Billon, welche 3000 —3500 Zöglinge zählten, aufgelöst, und in Folge der Julirevolution wurde ihr Orden für alle Zeit in Frankreich ausgehoben. Doch ist gegenwärtig auch hier ihr Treiben unverkennbar. Sie sind geschäftig, den Samen der Zwietracht auszustreuen und bemühen sich in der Schule und bei der Universität ihren frühern Einfluß wiederzugewinnen. InBelgien, wo durch die Jesuiten zum Theil die Revolution im I. 1830 herbeigeführt wurde, sind sie seit der Trennung dieses Staats von den Niederlanden immer heimischer geworden, sodaß es ihnen möglich wurde, zu Meckcln am 4. Nov. 1834 eine Universität in ihrem Geiste zu eröffnen, 655 Jesuiten welcher die zu Brüssel am 20. Nvv. dess.J. inaugurirte freie Universität das Gegengewicht zu halten bemüht ist. In England haben sie seit dem Anfänge des lO.Jahrh. zu Stony- hurst bei Preston inLancashire und zuHodderhouseCollegien ihres Ordens mit Erziehungsanstalten. In Irland wurden 1825 Ordenshäuser und Schulen errichtet. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika haben die Jesuiten zu Georgetown ein Erzie- hungshauS und ihre Zahl ist daselbst sehr im Zunehmen; in Centralamerika aber wurden 1800 alle Orden, mit Ausnahme der Bethlehemitcn, aufgehoben. In dem schweizer. Ca n ton Freiburg wurde am > 5.Sept. 1818 das vormals daselbst bestandeneJcsuiten- collegium zu Frciburg zum Unterrichte der Jugend .wiederhergestellt, das im Durchschnitt gegen 400. Zöglinge, hauptsächlich aus Frankreich, Ostreich undBaiern zählt. Auch haben die Jesuiten daselbst ein Pensionat, ein Gymnasium und ein Athenäum und zu Stäfis ein Seminarium. Später wurden sie auch im Canto n Schwyz ausgenommen. Nächstdem entwickelten sie in der Schweiz, namentlich im Canton Luzern, ihre unheilbringende Thätigkcit. Ihre daselbst beabsichtigte Aufnahme versetzte fast das ganze Land in die größte Aufregung und Verwirrung, sodaß sich Frankreich, England, Ostreich und Rußland > 845 veranlaßt fanden, in diplomatischen Noten an die eidgenössische Tagsatzung zur Ruhe zu mahnen, die indessen nicht verhindern konnten, daß die Liberalen, die sich der Jesuitenfragc zu ihren Zwecken bemächtigt, das Volk in Freischaren sammelten, die im Apr. 1845 in den Canton Luzern einsielen, um die Sache mit Gewalt der Waffen zu entscheiden. Mehr als ein Sieg den Freischaren genützt, dürfte die mörderische Niederlage, die sie im offenen Kampfe mit den eidgenössischen Aufgeboten erlitten, den Jesuiten schaden, da man bei der genauem Untersuchung dieser höchst beklagenswerthcn Ereignisse in ihnen sehr bald die ersten Urheber derselben erkennen wird. Deutschland hat zur Zeit die Aufnahme der Jesuiten verweigert und in den Verfassungen einiger deutschen Staaten, wie z. B. im Königreich Sachsen, sind-ausdrückliche Verwahrungen gegen einen derartigen Versuch nieder- gelcgt. Allein Spuren ihrer weitverzweigten Thätigkeit zeigten sich auch hier, z. B. in Hannover, wo 1845 die Wiedereinführung des Katechismus vönCanisius versucht wurde, in den preuß. Rheinlanden, aus die vornehmlich von Belgien aus gewirkt wird, selbst im Königreich Sachsen, wo sich zu Braunau in der Oberlausitz eine Genossenschaft zum Herzen Mariä aufgethan hatte und in dem Altar der 1844 neuerbauten Kirche zu Annaberg Reliquien Loyala's und Franz ikaver's niedergelegt wurden. In Ostreich wirken die Jesuiten fortwährend als Redemptoristen (s. d.) oderLigorianer. Die nach ihrer Vertreibung aus Rußland in Ostreich aufgenommenen Jesuiten wurden zwar 1^25 mit Landesverweisung bedroht, wenn sie sich nicht den Landesbischöfen unterordnen wollten; nichtsdestoweniger waren sie bereits 1827 in Galizien im Besitz von fünf Kollegien, denen 1809 das zu Lemberg als sechstes sich anschloß. InNußland wurden sie ihrer Umtriebe halber durch den Ukas vom l.Jan. >817 zunächst aus Petersburg und Moskau verwiesen; da sie aber ihre Proselytenmachern nach wie vor forttrieben und durch geheime Ränke aller Art der Negierung immer misfälliger wurden, so hob ein Ukas vom 25. März > 820 ihren Orden im russ. Reiche und in Polen für ewige Zeit auf. Was einst der dritte General des Ordens, Franz Borgia, von den Schicksalen desselben sagte: „Wie Lämmer haben wir uns eingeschlichen, als Wölfe regieren wir, wie Hunde wird man uns vertreiben, aber wie Adler werden wir uns verjüngen", ist zum größten Theil in Erfüllung gegangen; doch die riesigen Anstrengungen des Ordens, sich bleibend zu verjüngen, die er gegenwärtig zu machen scheint, und denen Staat und Kirche, um sie zu Nichte zu machen, mit gleicher Energie und in gleichem Interesse entschieden entgegenzutreten berufen sind, werden an dem Geiste scheitern, der jetzt die Welt beherrscht und der sich in bleibende Fesseln nicht mehr schlagen läßt. Aus den besten Quellen ist der „Oteckismo de' ttesuiti" (Lpz. 1820) geschöpft; die Echtheit der ,Mouitu seeretu roeietsti« äesu" (Paderb. 1601; deutsch, Aachen 1826) aber wurde in Zweifel gezogen. Vgl. Wolf, „Allgemeine Geschichte der Jesuiten" (4 Bde., 2. Aust., Lpz. 1803); Schiffer, „Drecis cie l'iürtnirs F^neraie eie In compagnie de äösus, suivi de iAanita secreta" (Par. 1824); de Pradt, „Du äesuit,8ine nncien et moderne" (Par. 1826); Sylv. Jordan, „Die Jesuiten und der Jesuitismus" (Altona 1839); Duller, „Geschichte der Jesuiten, ein Büchlein fürs deutsche Volk" (Lpz. 1840); Ellendorf, „Die 656 Jesuitenschulen Moral und Politik der Jesuiten" (Darmst. 1 840) und „Neueste und vollständige Geschickte der Jesuiten, ein Volksbuch" (Lpz. 1845). Jcsuiteuschulen. Der Jesuitenorden suchte seit seiner Gründung nicht blos durch Predigt und Beichtstuhl, sondern auch durch die Erziehung der Jugend dem neuen Geiste, welcher mir der Reformation sich Bahn zu brechen angefangen hatte, entgegenzuwirken und die katholische Kirche, wie die röm. Hierarchie zu stützen und zu befestigen. (S. Jesuiten.) Eine der ersten Sorgen dcrJesuiten, wenn sie Eingang in einLandsich verschafft hatten, war darauf gerichtet, Collegien für den Jugendunterricht zu gründen und Lehrstühle an Universitäten und Gymnasien zu erlangen. Dies gelang ihnen in den meisten Staaten, namentlich in Portugal, Spanien, Italien, Baiern, Ostreich ganz nach Wunsch; in Frankreich jedoch nach wiederholten Kämpfen nur sehr unvollkommen. Die geregelte Wirksamkeit des Ordens für die Jügenderzirhung begann mit der unter dem General Claudius Aquaviva I5S9 veröffentlichten, von sechs aus verschiedenen Ländern zu diesem Zwecke nach Nom berufenen Patres, zuerst im I. 1588 entworfenen „k»tio et institutio stucko- rum sncielutis äesii", welche die Grundlage seiner Erziehungs- und Unkerrichtsgrundsätze ausmacht. Die Gelehrsamkeit, der Eifer und Fleiß, welche die Jesuiten auf ihre Schulen verwendeten, verschafften diesen bald großen Nus, wozu der Verfall des Jugendunterrichts in den katholischen Ländern, und die durch die Schulverbesserungen der Protestanten auch unter den Katholiken angeregte Sehnsucht nach einer Schulverbesserung nicht wenig beitrugen. Da der Unterricht in den Jesuitcnschulcn ganz im Sinne des damals in den protestantischen Gymnasien und lat. Schulen herrschenden philologischen Formalismus gehalten wurde, so ist es kein Wunder, daß auch einzelne Protestanten dem Eifer und der Methode dcrJesuiten große Lobsprüche zollten, z. B. Bacon (s. d.) von Verulam und Joh. Sturm. Die Schulen der Jesuiten waren theils8t»cks inlei-ior» (Gymnasien), theils 8tu auch wegen der röm. Hierarchie, die sie dadurch mit zu stützen glaubten, zum Mittelpunkte j ihres Unterrichts machten, haben sie viel geleistet, und nach dem Standpunkte früherer Zeiten verdient ihr Unterricht in dieser Hinsicht nur Lob. Kannten doch auch die protestantischen Gymnasien kein höheres Ziel, das sie jedoch meist nicht in dem Grade, wie die Jesui- tenschulen, erreichten. Verwerflich aber muß es genannt werden, daß der Zweck der Jesuiten bei dieser rein formalen philologischen Bildung kein anderer war, als das tiefere Denken zu verdrängen und der Hähern Vernunftbildung entgegenzuwirken. Die Wissenschaft hat diesen formalen Standpunkt des Gymnasialunterrichts bereits gerichtet, und auch ab- > gesehen von dem geheimen Zwecke der Jesuiten, müssen deren Schulen vom Standpunkte ^ der gegenwärtigen Bildung aus verworfen werden. Die Zucht ist stets die dunkelste Seite der Jesuitenschulen gewesen. Sie faßten dieselbe nur rein äußerlich auf, und in dem Wetteifer neben guten Gefühlen die gefährlichsten Leidenschaften geflissentlich aufregend, war es ihnen nur um Gewöhnung zu unbedingtem Gehorsam zu thun, aus welchem die Heuchelei und ein ganzes Heer unsauberer Geister nothwcndig entspringen mußten. Da die Jesuitenschulen für wahre Erziehung und Bildung so wenig leisteten, ja derselben mächtig eutgegcnwirkten, so war die Aufhebung des Ordens für den öffentlichen Unterricht nur für ein Glück zu erachten. Viele Exjesuiten blieben jedoch im Besitz ihrer Lehrstellen an Gymnasien und Universitäten, ja der Orden selbst dauerte insgeheim in einigen Staaten, wie Rußland, sogar öffentlich fort, bis er durch Pius VII. partiell bereits seil > 80 t, allgemein ün J. 181 ä wieder hergestellt wurde. Seitdem hat er von neuem versucht, in allen katholischen Staaten sich fesizusetzen und den Jugendunterricht wiederum an sich zu bringen. Wie er aber nach seiner klugen Weise die Zeiterscheinuugen ausbeutend und Aeitrichtungen sich anbequemend, jetzt nicht blos die röm. Hierarchie gegen die Angriffe und Übergriffe der ^ Ketzerei, sondern auch die weltlichen Fürsten gegen die zerstörende Macht der Revolution ! zu schützen verspricht, so ist zwar von den neuen Jesuiten die alte Grundlage der Jugend- I erziehung ihrem ganzen Wesen nach beibehalten, jedoch in manchen untergeordnetern Punk- ! ten nach den Zeitfoderungen umgestaltct worden, namentlich in Bezug auf die Mutter- spräche und die Realien. Unter die Staaten, in welchen die Jesuiten den Jugendunterricht wieder vollständig an sich zu reißen suchen, gehören vorzüglich einige italienische (das Collegium zu Nom zählt Schüler auS allen Ländern), Belgien, die katholische Schweiz und Frankreich. Doch will es ihnen in Frankreich bis jetzt wenig gelingen, obgleich sie hier, wie in Belgien, wo ihre Bestrebungen größer« Erfolg gehabt haben, die Fahne der Unterrichts- freiheit aufstecken. Um ihren Zweck desto besser zu erreichen, haben sie sich mit einigen weiblichen religiösen Orden, z. B. den Schwestern des Ordens der göttlichen Vorsehung, welche den Unterricht der weiblichen Jugend an sich zu bringen suchen, verbündet. Ihre von dem gesunden Sinne der Mehrzahl der Katholiken zurückgcstoßencn Bestrebungen werden aber sicher ohne allen nachhaltigen Erfolg bleiben. Die vorgeschrittene Bildung ist ihnen ein übermächtiger Gegner; dennoch mögen Katholiken und Protestanten auf ihrer Hut jein. Jesmtenstil nennt man in der Baukunst und Decoration diejenige Behandlungsweise der Formen, welche den Jesuitenkirchen und Jesuitenanstalten seit der Mitte des l 7. ^ Zahrh. vorzüglich eigen war. Die Jesuiten meinten es mit der Architektur so wenig ernst, wie mit irgend einer andern Seite des geistigen Völkerlebens; nur imponiren wollten sie mit ihr. Zunächst bis gegen die Mitte des l 7. JahrDhielten die deutschen Jesuiten mit af- fectirter Ehrbarkeit fest am gothischcn, ja selbst am byzantin. Stil, wie ihre Kirchen zu Koblenz, Bonn und Köln beweisen. Das Innere ihrer Gebäude aus damaliger Zeit ist mit heiterer Pracht ausgestattet, voll Vergoldung und Schnihwerk; besonders sind die Altäre ihrer Kirchen kolossale großentheils vergoldete Zusammensetzungen von Blumen, Wolken, Engeln, Heiligen und Architektur, mit oft drei meist sehr schlechten Gemälden übereinander. Seit der Mitte des >7. Jahrh. treten sie so ziemlich an die Spitze der kirchlichen Baukunst, ' und der ausgearjete ital. Stil wurde nun ihr rechtes Eigenthum. Damals auf der Hohe ihrer Macht, bauten sie ihr.e größten Kirchen, und zwar meist mit großer Solidität und E onv.-Lex. Neunte Aufl. Vll. 42 658 Jesus Pracht. Sehr kostbare Stoffe, Jaspis, Porphyr, Lapis Lazuli u. s. w. wurden, zumal in Italien, zur Decoration gewählt; Decken, Gewölbe, Pilaster u. s. w. mit den reichsten Cas- kettirungen, Laubwerk und FestonS überladen. Ärmlich blieb aber die phantasielose Com- position des Ganzen, so reich und wunderlich man auch Thürmeund Kuppeln verschnörkelte Der große Pomp ihres Kirchenstils bei innerer Armseligkeit riß die ganze katholische Kirchenbaukunst ihrer Zeit mit sich fort, die nach dem Vorgänge der Jesuiten dem rohen Effect Älles, auch das Letzte opferte. Gegenwärtig steht der Jesuitenstil etwa auf dem Standpunkt der Classicität vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Auch in dieser einfacher« Form verschmähen die Jesuiten den Effect nicht, zu welchem Behufe sie z. B. weißmarmorne Ca- pitäle auf schwarze Pilaster setzen, wie sie denn auch geheimnißvolle Lichteffecte durch Gardinen hervorzubringen suchen. Hier und da, z. B. in der neuen Kirche zu Schwyz, nähern sie sich sogar dem münchener Stile. Doch ihre Zeit ist vorüber; die gegenwärtige Kunst läßt sich nicht mehr von ihnen bevormunden. Jesus, der Wortbedeutung nach so viel als Heiland oder Erlöser, war ein im Anfänge der christlichen Zeitrechnung bei den Juden nicht seltener Personenname. — Jesus von Nazareth ist schon als Stifter des Christenthums (s.d.) und als das Ideal des vollkommenen, nach Gott gebildeten Menschen, der merkwürdigste, erhabenste und verchrungs- würdigste der Sterblichen, wenn wir auch absehen von der Würde, die ihm als Christus (s. d.) beigelegt wird. Er wurde unter der Regierung des röm. Kaisers Augustus nach der gewöhnlichen Zeitrechnung im I. 75-1 nach Roms Erbauung, wahrscheinlich aber vier, vielleicht auch zehn Jahre früher geboren, zu Bethlehem in Judäa, von Maria, einem Tprößling aus dem verarmten David'schen Geschlechte, die einem Zimmermann, Joseph, vertraut war. Seine Abstammung aus David's Geschlechte bezeugt auch Paulus und von seinem Volke wurde er für einen Sohn Joseph's und Maria's gehalten. Die historischen Quellen seiner Lebensgeschichte sind außer einigen unbedeutenden Erwähnungen bei den röm. Profanschriststellern, Tacitus, Suetonius und Plinius, und einem sehr ehrenvollen Zeugnisse des jüd. Geschichtschreibers Josephus hauptsächlich die vier Evangelien (s.d.) des Neuen Testament-, deren Glaubwürdigkeit in neuerer Zeit, namentlich von Hegelianern, Dav. Fr. Strauß (s.d.) in seinem Werke „Das Leben Jesu kritisch bearbeitet" (2 Bde., Tüb. 1835) und Bruno Bauer (s.d.) in der „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker" (3 Bde., Lpz. 18-11 und Braunschw. 1833), zwar angegriffen, aber bis jetzt siegreich vertheidigt worden ist. Vgl. Joh. Jak. Heß, „Lehre, Thaten und Schicksale unsers Herrn" (2 Bde., Zür. 1806); Greiling, „Das Leben Jesu von Nazareth" (Halle 1813); K. Hase, „Das Leben Jesu" (3. Aust., Lpz. 1830); A. Neander, „Das Leben Jesu Christi" (Hamb. 1837) und Christoph Friedr. von Ammon, „Die Geschichte des Lebens Jesu" (2 Bde., Lpz. 1832—33). In den Briefen der Apostel finden sich die That- sachen bezeugt, daß I. aus David's Geschlecht abstamme, daß er in niedrigen Verhältnissen gelebt, zwölf Apostel gewählt, die Taufe und das Abendmahl eingesetzt habe, unter Pila- tus gekreuzigt, begraben, aber von Gott am dritten Tage wieder auferweckt und von „den Aposteln und Jüngern lebend gesehen, hierauf aber zu Gott erhoben worden sei. Uber seine Geburt, Kindheit und Erziehung berichten die Evangelisten Marcus und Johannes gar nichts, Matthäus und Lucas aber nur Weniges. Die Erzählung des Lucas vom Verweilen des zwölfjährigen Knaben im Tempel zeigt von seinen hervorstechenden Anlagen und seinem tiefen religiösen Sinne. Wie die hohe Bildung, durch welche er über andere Menschen hervorragte, in einem verbildeten Zeitalter und Volke an seinen Geist gekommen sei, darüber hat man zwar Vermuthungen aufgestellt, aber sie erklären doch die Sache nicht. Wenn schon das Genie in der Kunst und Wissenschaft sich nur von oben ableiten läßt und daS Gcheimniß seiner Entwickelung dem geübtesten Auge entzieht, so können wir uns um so eher mit der Rechenschaft begnügen, die Jesus selbst von seiner geistigen Ausstattung, Thatkraft und Lehre gibt, nämlich daß sie von Gott sei. Es ist uns auch wichtiger zu wissen, was er war, als wie er es geworden ist. Sein öffentlicher Auftritt begann zur Zeit als Johannes am Jordan taufte, und Lucas berichtet, daß Jesus dabei in seinem 30. Lebensjahre gestanden habe. Da nun der Evangelist Johannes ein dreimaliges Hinaufgehen Jesu nach Jerusalem zum Osterfeste erwähnt, so schloß man, daß sein öffentliches Le O da ' Z- dk! ka sei > Mi ! du ' tet äu er siä die ab wi ih. G licl W eir un dei / nu I de' ! pr sch ha mi ' ter s° M eh da tet D all re . ha de 1 de tr> N be M z» T w eil ^ es L Jesus 656 Leben nur drei Jahre gedauert habe. Die Voraussetzungen hierbei sind, daß Jesus zu jedem Osterfeste nach Jerusalem gegangen sei und Johannes von jeder Reise dieser Art Bericht gethan habe. Da aber beide Voraussetzungen ganz ungewiß sind, so kann Jesu öffentliches Leben auch viel länger als drei Jahre gedauert haben. Als Johannes der Täufer am Jordan taufte, ging auch Jesus hin zu ihm und ließ sich von ihm taufen. Er wurde dabei von Johannes, der eine auf ihn herabschwebende Taube als das Sinnbild des auf ihn kommenden Geistes Gottes betrachtete, als der von den Propheten verheißene Messias (s. d.) erkannt und bezeichnet. Jesus selbst war davon und daß er das Reich Gottes stiften sollte, in seinem Bewußtsein aufs innigste überzeugt. Diese Überzeugung war nicht etwa Schwär, merei, denn von dem Charakter eines Schwärmers findet sich in Jesu Leben nichts. Nicht dunkle, verworrene Gefühle beherrschten ihn, sondern er war klar und besonnen; er verachtete nicht das geschriebene Wort der Offenbarung, sondern er ehrte cs; er wollte sich nicht äußerlich mit dem Schein der Religiosität umgeben, sondern tadelte ein solches Verhalten; er machte sich keine Moral, griff nicht zu gewaltsamen Mitteln für seine Zwecke, drängte sich auch nicht zum Märtyrerthume und war nicht gefühllos bei physischen Schmerzen, wie dies bei Schwärmern der Fall ist, sondern that und war das Gegentheil. Noch viel weniger aber kann man ihm beimessen, daß er die Nolle eines Betrügers habe spielen wollen. Dem widersprechen ein reiner und erhabener Charakter, die hohe Ehrfurcht der Apostel gegen ihn und ihr fester Glaube an ihn, seine gänzliche Uneigennühigkeit, sein Vertrauen auf Gottes Schuh und seine gänzliche Verzichtleistung auf politische Mackt und irdische Herrlichkeit. Zwar wurde er, als er sich nach der Taufe in der Einsamkeit zu seinem großen Werke vorbereitete, von dem versucherischen Gedanken, die Erwartung seines Volks von einem politischen Messias für seine Zwecke zu benutzen, betreten; aber er wies ihn sogleich und für immer von sich. Er trat auf vor dem Volke als lehrender Rabbi und Messias mit der ernsten Ermahnung zur sittlichen Besserung und mit der Ankündigung, daß die Eröffnung des Reichs Gottes nahe sei, während er jedoch für seine Person noch alle Pflichten der Mosaischen Religion erfirllte. Seine Belehrungen, die wir in der sogenannten Bergpredigt zusammengestellt finden, waren hauptsächlich moralischer Natur, sowie auch seine schönen Eleichnißreden über das Reich Gottes moralische Zwecke hatten. Seine Wunder, hauptsächlich unvermittelte Heilungen Kranker, waren Wohlthaten, machten das Volk aufmerksam auf ihn und begründeten den Glauben, daß er der Verheißene sei. Sein Charak- ter und sein Leben waren nach dem unverwerflichen Zeugnisse seiner vertrautesten Jünger so rein und fleckenlos, und er bewährte eine so vollkommene Liebe zu Gott und zu allen Menschen, daß wir in ihm mit Recht das verkörperte Jdeäl eines sittlichen Menschen verehren und fein Beispiel für alle Christen für verpflichtend halten. Das Reich Gottes aber, das er stiften wollte, war eine neue religiöse Lebensgemeinschaft zu wahrer und reiner Gottesverehrung, echter menschlicher Tugend und religiöser Hoffnung auf ein ewiges Leben. Diese Lebensgemeinschaft, zu deren Stiftung er die zwölf Apostel (s. d.) bestimmte, sollte alle Völker umfassen, und auf keinem äußern Zwang, sondern blos aus Glauben oder innerer Zustimmung beruhen und nur Taufe und Abendmahl als äußerliche Erkennungszeichen haben. Sowie alles Neue, wenn es auch noch so wahr und gut ist, von Denen, die mit blinder Vorliebe oder aus Interesse am Alten hängen, bekämpft wird, so fand auch Jesus an den Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern heftige Gegner, die ihm nach dem Leben trachteten. Nachdem diese sich seiner Person, als er zum Paffahfeste in Jerusalem war, zur Nachtzeit bemächtigt und ihn noch vor Tagesanbruch zum Tode verurtheilt hatten, übergaben sie ihn dem röm. Landpfleger Pilatus, mit der Anklage, er habe, indem er sich für den Messias erklärt, das Volk zur Empörung gegen die Römer reizen wollen. Pilatus erkannte zwar Jesu Unschuld, war aber dock schwach genug, den stürmischen Anklägern nachzugeben. Das Verhalten Jesu in seinem Leiden ist für alle Christen mit Recht Gegenstand der Bewunderung und Verehrung geworden. Jesus selbst erkannte in seinem gewaltsamen Tode eine Schickung Gottes, die er zum Heile der Welt zu erfüllen habe, und der Erfolg bewährte es, daß sein Tod am Kreuze nicht die Vereitelung, sondern die Vollendung seines großen Werks war. Seine Wiedererweckung aus dem Grabe, wodurch ihn Gott vor allen Sterb- 42* 660 Jesus Sirach §eux Üoruux lichen auszeichnete, war das Siegel seiner göttlichen Sendung und gab seine», durch seinen Tod ganz verschüchterten Jüngern den Muth, nun frei hervorjutrcten, sein Werk fortzusetzen, das Evangelium unter allen Gefahren und Verfolgungen standhaft zu verkündigen und der Treue gegen Jesu selbst ihr Leben freudig zum Opfer zu bringen. Jesus Sirach, s. Sirach. §eux lloruux, d. i. Blumenspiele, heißen die poetischen Wettkämpfe, welche jähr. lich zu Toulouse unter dem Vorsitze der Xcuclemie Oesjeux lloraux gefeiert werden. Die Geschichte dieser literarischen Gesellschaft, wol der ältesten in Europa, zerfällt in drei Perioden. Die erste, vom Anfänge des 14. bis gegen das Ende des 15. Jahrh., beginnt mit dem Versuche einiger Bürger von Toulouse, der mit dem Verfalle des Rittcrthums in Südfrankreich gesunkenen Poesie der Troubadour-(s. d.) durch die zeitgemäße Stif. tung eines gelehrt zünftigen Instituts wieder aufzuhelfen. Sieben derselben vereinigten sich damals unter dem Namen der sept trobuckvrs äe 'I'olos» zu einer poetischen Gesellschaft, von deren öffentlichem Auftreten der am Dienstage nach Allerheiligen des I. 1323 erlassene poetische Einladungsbrief an alle Sänger der Provence der älteste urkundliche Beweis ist. Alle Freunde der sogenannten fröhlichen Kunst oder Wissenschaft «über oder savair) werden darin auf den I. Mai 132-1 nach ihrem in der Augustinervorstadt von Toulouse gelegenen Garten zu einem poetischen Wettstreite entboten, dem Sieger aber ein Preis und der Titel eines „Doctors der fröhlichen Wissenschaft" verheißen. An,and Vidal de Castelnaudary gewann damals den Preis, ein goldenes Veilchen, der später von der Stadt Toulouse gestellt wurde. Schon im folgenden Jahre constituirte sich die Gesellschaft als Ounsistori cle I» seien«» mit einem Kanzler und sieben Man- tenedors. Das Herbeiströmen der Preisbewerber aus ganz Frankreich veranlaßte sie 1355 zu einer Vermehrung der Preise; es wurden nun eine wilde Rose für das beste Sirventes, oder Pastourelle, eine Ringelblume für das beste Tanzlied und zuweilen noch zur Aufmunterung der jüngern Kunstgenossen dem besten kleinern Gedichte eine Nelke, alle drei von Silber, und dem Erwerber des ersten Preises noch außerdem der Titel Bacca- laureus und dem aller drei Preise der Titel Doctor oder Meister (maestre) ertheilt. Vgl. Gatien-Arnoult, „Nonuments 811—13). Auch in Catalonien und Ara- gonien bildeten sich gegen Ende des 14. Jahrh. Filialgesellschaften nach dem Muster der Muttergescllschaft zu Toulouse. Diese hielt, trotz des Verlustes ihres Palastes und Gartens in der bei einer Belagerung geschleiften Augustinervorstadt, ihre, wenn auch später beschränkten Sitzungen im Stadthause ununterbrochen bis 1484 fort. In diesem Jahre wurde aus nicht mehr zu bestimmenden Ursachen das Fest eingestellt und die ganze Einrichtung war in Gefahr zu Grunde zu gehen, als eine reiche Bürgerin von Toulouse, Elemente Jsaure (s. d.), sie durch Anschaffung neuer, kostbarerer Preisblumen wieder belebte und durch eine reiche testamentarische Stiftung Sorge für den Fortbestand der Gesellschaft trug, welche in dieser ihrer zweiten Periode den Namen jeux üorsux annahm. Aber wie früher der Mangel, so störte jetzt der Überfluß die Verfolgung des eigentlichen Zwecks der Gesellschaft. Der Stifterin reiches Vermächtniß wurde nämlich in Festen verpraßt, in Geschenken an die Mitglieder vergeudet, kurz so gemisbraucht, daß endlich der Akademiker Lalou- bere von Toulouse den König Ludwig XlV. um Abstellung des Unfugs und Umgestaltung der Gesellschaft in eine Akademie bat. Mit derBewilligung dieser Bitte im J.1695 beginnt die dritte Periode der Gesellschaft. Sie erhielt den Namen ^eaclemie des jeur üoraux und der König ernannte ihr einen Kanzler, 35 msinteueurs oder Richter und 20 wsitre». DaS Einkommen derselben wurde auf 1400 Livres bestimmt, wovon 1000 zur Anschaffung der Preisblumen und 400 zur Bestreitung der Festkosten und anderer Ausgaben verwendet werden sollten. Den ersten Preis, ein goldenes Tausendschön (Amaranthe), 400 Livres werth, gewann die beste Ode; die andern drei waren wie früher ein Veilchen, eine wilde Rose und eine Ringelblume von Silber. Die silberne Rose gewann der beste Aufsatz in Prosa; sie wurde 1745 in eine goldene umgewandelt und zugleich bestimmt, daß, wer sie dreimal errungen, zum Nsitre e, jeux üorsux ernannt werden solle. Jeder, ohne Unter- Jever Jöcher 861 , schied des Landes und Geschlechts, durfte sich um die Preise bewerben. Im 1.17 73 wurde . das Kanzleramt abgcschafft, das Siegel der Gesellschaft einem beständigen Secretair und , ! das Präsidium einem alle drei Monate unter den Mitgliedern durch das LooS gewählten ! mocleratcur anvertraut. Alle diese Einrichtungen haben sich fast unverändert bis auf die Gegenwart erhalten und nur durch die Nevolutionsstürme von 1790—1806 eine Stö- . rung erlitten. Auch das seit 1696 jährlich erscheinende, die Preisgedichte und Verhand- , lungen der Gesellschaft enthaltende „kecueil annuel 6s I'acaUemie" erlitt um 1700—3 - und I >l>—1806 Unterbrechungen. Vgl. Poitevin Peitavi, „Nemoires xour »ervir ir t I'iii'toire Oes jeux llorsux" (Toulouse 18 l 5). i > Jever, ein Theil des alten Friesenlandes, in der Folge eine eigene Herrschaft, gegen- . I wattig mit der gräflich Bcnlinck'schcn Herrschaft Kniphausen zusammen ein Kreis des , 1 Großherzogthums Oldenburg, liegtan den Jahdemündungen und besteht theils aus sterilem Sandboden, theils aus fruchtbarer Marsch, welche durch eine Menge Siele oder Schleusen ! des überflüssigen Wassers sich entledigt, zugleich aber durch künstliche Deiche vor dem ein- e dringenden Meere gesichert ist. Die gleichnamige Hauptstadt, die mit Inbegriff der am stärk- 5 sten bevölkerten Hafenvorstadt 4000 E. zählt, erhält durch ihre Thvre, Wälle, Gräben und t ihr Schloß ein etwas alterthümliches Ansehen, hat einen Seehafen und ist Sih der Kreis- c behörden. Das Jevcrland zerfiel im Mittelalter in drei verschiedene Häuptlingschaften, > welche aber 1359 inEdo Wimmeke ein gemeinsames Oberhaupt erhielten und unter diesem c Herrschergeschlechts blieben, bis die Erbtochter Maria, die ihr Land 1332 dem brüffeler s Lehnhof aufgetragen hatte, dasselbe 1573 testamentarisch an den Grafen Johann XVI. von . Oldenburg vererbte. Des letzter» Sohn, mit welchem das alte oldenburg. Haus 1663 aus- e starb, vermachte das Land seinem Schwestersohn, dem Fürsten Johann von Anhalt-Zerbst, e nicht ohne heftigen Widerspruch von Seiten Dänemarks, welches, als Erbe von Olden- ) bürg, auch jene Herrschaft sich aneignen wollte. I. blieb nun bei Anhalt-Zerbst, bis zum >, ^ Aussterben dieses Hauses im 1.1793, wo es als Kunkellehn an die Kaiserin Katharina II. - ^ von Rußland, eine geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst, überging, die hierdurch, was von Seiten Rußlands lange vergebens erstrebt worden war, Sitz und Stimme auf dem Deutschen Reichstage erhielt. Kaiser Alexander trat 1807 das Land an das Königreich . Holland ab; >814 aber wurde es zu dem Großherzogthum Oldenburg geschlagen, c Jezira, ein kabbalistisches Buch, s. Kabbala. - Joachimsthaler nennt man die Münzen, die aus dem in den Bergwerken der Gra- c fcn von Schlick zu Joachimsthal in Böhmen zu Ende des > 5. Jahrh. gewonnenen Silber e ^ geschlagen wurden. Sie waren eine Nachahmung der Güldengroschen (s. d.) und ge- . langten bald zu einem solchen Rufe, daß ihr Vorbild verdrängt und ihr Name ein bleiben- k der wurde, nur daß er abgekürzt in Thaler überging. Nach dem auf dem Avers dargestell- > ten böhm. doppeltgeschwänzten Löwen nannte man sie auch Löwenthaler und nach den , Münzherren Schlickenthaler, und lat. Siicni, auch äoscdimici oder Vallenses. : Joanes (Vicente), ein ausgezeichneter span. Maler, geb. 1523, gest. 1579, studirte > wahrscheinlich in Italien nach Rafael und stiftete dann eine eigene Schule zu Valencia, > wo er viel für die dortigen Kirchen arbeitete. Er malte nur religiöse Gegenstände und soll sich auf jedes neue Werk durch den Genuß des Abendmahls vorbereitet haben. Alle seine l ^ Werke athmen einen stillen, einfachen und unschuldigen Sinn, mit dem sich Anmuth, Cor- rcctheit und sprechender Ausdruck verbinden. Seine Richtung Ist im Ganzen die der in Italien gebildeten Niederländer, z. B. des Orley, welcher Rafael's Schüler war, obwol auch ein gewisser Einfluß der florentin. Manieristen sich bei ihm kund gibt. Sein Colorit ist meist etwas stumpf. Die Spanier pflegen ihn mit großem Unrecht Rafael gleich zu stellen. — Sein Sohn, Juan Vicen te I., war ebenfalls Maler, erreichte aber den Vater nicht. Jobssade, komisches Heldengedicht von Karl Arnold Ko rtüm (s. d.). Jöcher (Christian Gottlieb), der Verfasser des „Gelehrtenlexikon", war am 20.Juli 1694zu Leipzig geboren, wo er anfangsMedicin,dann Theologie studirte, 17 > 4 sich habilitirte, ^ 1730 eine ordentliche Professur in der philosophischen Facultät erhielt, >732 Professor der Geschichte, 1742 Universitätsbibliothekar wurde und am 10. Mai >758 starb. Sein „All- gemeines Gelehrtenlexikon" (4 Bde., Lpz. 1750—51, 4.) wurde von Adelung bis zum I 662 Jode Johann (Päpste) (2 Bde., Lpz. >784—87) und von Roternrund bis Rin (Bd. l —6, Abth. 3, Brem. 1819 —22) ergänzt. Seine übrigen Schriften sind ziemlich vergessen. Jode (Peter de), der Alte, ein berühmter Kupferstecher, geb. zu Antwerpen 1570, ! der Sohn und Schüler des Kupferstechers Gerhard de J. (geb. 1521, gest. 1501), ver- ' vollkommnete sich später in seiner Kunst bei H. Goltzius und in Italien. Nach der Rück- kehr in seine Vaterstadt im I. 1601 stach er viele große historische Blätter, unter andern das jüngste Gericht nach I. Cousin, auf zwölf Platten, einen der größten Kupferstiche. Er hielt sich auch einige Zeit in Paris auf und starb zu Amsterdam 1634. — Sein Sohn, Peter de Z., der Zunge, geb. 1606, ebenfalls Kupferstecher, übertraf ihn zwar an Leich, tigkeit der Behandlung, ist aber sehr ungleich in seinen zahlreichen Werken. — Sein Enkel, ! Arnold deZ., geb. 1636, erhob sich als Kupferstecher nicht über das Mittelmäßige. ' Jodelle (Etienne), SieurdeLymodin, geb. zu Paris 1 5 3 2, ist als dramatischer 1 Dichter wichtig, weil er, zuerst die romantische Poesie des Mittelalters verlassend, statt der bis dahin gespielten Mysterien, Moralitäten und Farcen, das sogenannte klassische, in der Form den Griechen und Römern nachgeahmte Schauspiel in Frankreich einführte. Er schrieb die beiden Tragödien „Olöopütre csptive" (1552) und „viclou so sacriLaat" (1553) und eine etwas leichtfertige Komödie „Lugöne ou 1a rencontre", die bald Nachahmung fanden, jetzt aber nur noch literarisches Interesse haben. Bei der ersten Aufführung der „OleoMre" im 1.1552 machte I. die Heldin und einige seiner Freunde, die sogenannten Dichter deS franz. Siebengestirns, spielten die andern Rollen. Heinrich II. ließ ihm dafür eine ansehnliche Summe Geldes auszahlen. Obgleich I. zu seiner Zeit in hoher Achtung stand und ausgebreitete Kenntnisse besaß, so starb er doch in höchst ärmlichen Umständen im Juli 1573. Nach seinem Tode erschienen seine »Oeuvres et wölsnAes poöticzuss" (Par. 1574, 4.; beste Ausgabe, Lyon l 597, 12.). übrigens war er auch Maler, Bildhauer und Architekt. Joel, der Sohn Pethuel'S, ein hebr. Prophet, der zweite unter den sogenannten zwölf kleinen im Kanon des Alten Testaments, weissagte im Reiche Juda und scheint Amos' , Zeitgenosse gewesen zu sein. Über seine Lebensumstände ist nichts Näheres bekannt. In I seinem Buche schildert er eine Verwüstung deS Landes durch Heuschrecken, mahnt kräftigst > zur Buße, verheißt Verherrlichung des Volks durch Gott und spricht die Hoffnung aus, daß die Feinde gerichtet werden sollen. Zum Streite ermahnend, gebietet er, aus den Pflug, scharen Schwerter und aus den Sicheln Speere zu machen. Deutsch übersetzt und erklärt ist Z. von Zusti (Lpz. 1794), Wiggers (Gött. 1799) und Holzhausen (Gött. 1829). Johann ist der Name 23 röm. Päpste. I. I. oder der Heilige regierte 523—26; Z.H. oder Mercurius, 532—35; Z. HI., 560—73; I.IV., 640—42; Z.V., 685 — 86; Z. VI., 701—05, bewog durch Androhung göttlicher Strafe den Herzog von Benevent, Gisulph, zur Rückgabe der dem Exarchat entrissenen Städte ; I. VII., 7 05—07 ; I. VIII., 872—82, versuchte bereits, jedoch noch ohne Erfolg, die geistliche Macht gegenüber der weltlichen zu erheben, mußte den von Hadrian II. gebannten Patriarchen von Konstantinopel, Photius, anerkennen und den Sarazenen Tribut bezahlen; J.IX. regierte 898—900; I. X., 9 l 4—28, kam durch Theodora auf den päpstlichen Stuhl und wurde aufderenToch- ter Marozia's Veranstaltung erdrosselt; Z.XI., 931—33, starb eingekerkertin der Engels- bürg durch seinen Bruder Alberich. Z. XII., 956—64, änderte seinen Manien Octavius um, als er den päpstlichen Stuhl bestieg, was seitdem gewöhnlich wurde; er tief Otto I. ^ gegen Berengar II. nach Italien, krönte 962 den Sieger zu Rom, wurde aber, da er von ihm abfiel, entsetzt, kehrte indeß nach Otto's Wegzuge zurück und wurde im ehebrecherischen Bette nach der Volkssage vom'Teufel erschlagen. Z.XIII. regierte 965—72; Z.XIV., 984—85, starb in der Engelsburg im Kerker; I. XV., 986—96, kanonisirte als den Er. sten den Bischof Ulrich von Augsburg, mußte vor dem Usurpator CrescentiuS fliehen und rief gegen ihn Otto III. zu Hülfe; I. XVI., 997, scheint sehr bald gestorben zu sein und wird deshalb von Manchen gar nicht mitgerechnet; I. XVII., 997—98, Gregor's V. Gegenpapst von des CrescentiuS' Partei, wurde geblendet; Z. XVIII. regierte 1003—4; ^ J. XIX., 1004—9, starb als Mönch; J.XX., 1024-33; Z. XXI., 1276—77, wurde von einer einfallenden Decke erschlagen und hat Briefe, philosophische und medicinische Schriften hinterlassen. Er würde, wenn man I XVI. nicht mitzählt, erst der XX. sein, soll Johann XXU. Johann XXIII. 663 sich aber, weil die Sage des >3. Jahrh. eine Päpstin I oh an na (s. d.) als I. VIII. auf Petri Stuhl gesetzt hatte, als der XXl. gezählt haben; am merkwürdigsten sind Johann XXII. (s. d.) und Iohann XXIII. (s. d.). Johann XXI!., Papst >316—34, geb. zu Cahors 1244, hieß vorher Jakob von Offa oder Euse. Nicht minder gewandt wie gelehrt, namentlich ein tüchtiger Kanonist, wurde er Roberts, des Sohnes Karl's II. von Neapel Kanzler, später Bischof zu Frejus, 1310 Erzbischof von Avignon und Cardinal und am 7. Aug. 13 > 6 zu Lyon zum Nachfolger Clemens' V. erwählt. Die Zeit war damals eine sehr bewegte. Vergebens suchte er die Unruhen, namentlich in Niederdeutschland, die schon seinem Vorgänger viel zu schaffen gemacht hatten, dadurch zu beseitigen, daß er >315 die Spiritualen von neuem verdammte. Denn die über sie verhängten Verfolgungen und Strafen brachten dieselben nur zu größerm Ansehen; der große Haufe nahm sehr bald die Widerspenstigkeit für Heroismus und ver- ehrte die Verfolgten als Märtyrer; zur Auswanderung gezwungen, fanden sie in Sicilien willkommene Aufnahme, und bald gewannen sie auch auf die politischen Verhältnisse in Deutschland bedeutenden Einfluß. Lange sah er dem Streite zwischen Ludwig dem Baier und Friedrich von Ostreich zu, welche nach Heinrich's VII. Tode, 1313, als Gegenkaiser sich einander gegenübcrstanden. Erst als 1323 das Glück für Ludwig sich entschieden, trat er gegen diesen auf und überhäufte ihn mit Vorladungen, Bannflüchen und Jnterdicten, ohne sich im Geringsten durch dessen Zr^ nach Nom, wo sick Ludwig durch Bischöfe krönen ließ, sowie durch die unruhigen Bewegungen unter den Römern selbst und Ludwig's Versöh- nungsversuche in seinem Plane stören zu lassen. In eine noch größere Gefahr drohende Lage sah er sich dadurch verseht, daß mehre berühmte Rechtsgelehrte, wie MarsiliuS von Padua, Johann von Gent u. A., dem päpstlichen Stuhle das Recht absprachen, sich in bürgerlichen Angelegenheiten die Entscheidung beizumessen. Auch sie suchte er zu Boden zu schmettern, indem er sie 1327 in einer besondern Bulle mit dem Bann belegte. Mit den Gebannten vereinigten sich indeß immer mehr die freier denkenden Mönche, wie Wilhelm O c c a m (s. d.) u. A., zur Unterstützung des ihnen geneigten Kaisers Ludwig, der hieraus einen ihrer Brüder unter dem Namen Nikolaus V. 13 28 zum Papst ernennen ließ. Doch dies Alles konnte ihn nicht zur Nachgiebigkeit bestimmen. Kaum hatte Ludwig Italien verlassen, so nahm er 1330 Nikolaus V. gefangen, zwang ihn, seiner Würde zu entsagen und trennte hierauf durch ein Edict Italien vom Deutschen Reiche, sodaß bei Ludwig fast der Entschluß, die Krone niederzulegen, zur Reife gediehen war, als I. 1334 starb. Vor seinem Tode sah er sich noch von den Mönchen der Ketzerei beschuldigt; allein viel schwerere Schuld lastet auf ihm hinsichtlich seiner beispiellosen Gelderpressungen, die es ihm möglich machten, einen Schatz von mehr als 22 Mill. Goldgülden zu hinterlaffen. Von ihm rühren die Extravaganten (s. d.) her, mit denen das Oorxns juri» canonici schließt. Johann XXIII., Papst »410— 15, ein Neapolitaner, hieß vorher Balthasar Cossa und hatte zu Bologna die Rechte studirt. Er wurde unterBonifacius IX. Kämmerer, 1402 Cardinal und 1410 auf dem Concil zu Pisa zum Nachfolger Alexander'- V. erwählt, jedoch unter der Voraussetzung, seiner Würde zu entsagen, wenn sich die beiden Gegenpäpste Gregor XII. und Benedict XIII. zu gleicher Entsagung bewegen ließen. Da Huß zu Prag immer kühner auftrat, wurde er von I. nach Rom beschicken, und da er nicht erschien, in den Bann gethan und Prag mit dem Jnterdict belegt. Eine allgemeine Kirchenversammlung sollte die Einigkeit und die Ordnung in der Kirche wiederherstellen; dies wünschte I. ebenso sehr als Kaiser Sigismund; daß aber Konstanz (s-d.) zum Versammlungsorte bestimmt wurde, war ein Meisterstück des staatsklugen Kaisers. Kaum hatte die größte aller Kirchenversammlungen, bei welcher sich I. in Person eingefunden, im Nov. 14 > 4 begonnen, als I. zu spät die schlimme Lage, in der er sich befand, erkannte. Genöthigt, am 2. März 1415 der päpstlichen Krone zu entsagen, verschlimmerte er seine Sache dadurch, daß er am 20. März heimlich mit seinen Anhängern nach Schaffhausen entfloh und hier seine Abdankung widerrief. Der gegen ihn eingeleitete Criminalproceß endete damit, daß er, 70 grober Schandthaten, wie Mord, Blutschande und Unzucht und Räubereien aller Art überwiesen, feierlich abgesetzt wurde. Zu Freiburg festgenommen, wurde er zunächst im Schlosse Tottleben bei Konstanz, dann zu Manheim und später zu Heidelberg in Haft ge- 664 . Johann ohne Land (König von England) halten, bis er sich 1419 loskaufte und nach Italien ging, wo er, vom Papste Martin V. begnadigt und, nachdem er kurz mvor -um Cardinalbischofvon TuScoli und zum Dekan des CardinrlcollegiumS ernannt worden war, im Nov. 14 > 9 zu Floren; starb. Johann ohne Land, König von England, I >09—1216, geb. zu Oxford 1166 , war der jüngste Sohn und der Liebling Heinrich'-II. (f. d.), nahm aber dessemmgcach» tet an den Empörungen Theil, die den Lebensabend jenes großen Königs und schwachen Vaters trübten. Schon 1179 hatte er für seinen Theil Irland erhalten; doch mußte er 1185 von dort abberufen werden, weil sein unkluges Betragen die Bevölkerung in Auf. stand gebracht. AlsKönig Richard!, (s.d.), Löwenherz, der als der ältere von Heinrich's ll. Söhnen den engl. Thron bestiegen, in der Gefangenschaft des Herzogs von Ostreich schmach- tete, verband sich I. 1193 mit Philipp ll. August von Frankreich, um dem Bruder die Krone zu rauben. Der Anschlag scheiterte nur an der Festigkeit der Bischöfe und des Re- gentschaftsraths. I. erhielt nach Richard'- Rückkehr Verzeihung und ließ sich sogar zum Kriege gegen Frankreich bereit finden. Mit Richard's Tode imJ. > l 99 sollte eigentlich die engl. Krone dem zwölstährigen Herzoge Arthur von Bretagne zufallen, einem Sohne Gottfried'-, des verstorbenen ältesten der Brüder. (S. Plantagenet.) AllcinJ. wußte die Großen zu gewinnen und wurde bei der überdies noch wenig bestimmten Thronfolge am 22. Mai 1199 statt seines Neffen als König von England gekrönt. In seinen ftanz. Staaten lernte er hierauf die schöne Jsabella, die Tochter des Grafen von Angouleme, kennen und vermählte sich mit ihr, während er seine erste Gemahlin Hadwise, die Erbtochter des Grafen von Gloucester, verstieß. Der Umstand indeß, daß Jsabella schon dem Grafen de la Marche verlobt war, verwickelte ihn in Krieg mit feinen ftanz. Vasallen. Auch begann 1202 der König Philipp das Interesse seines Eidams, des jungen Arthur, aufrecht zu erhalten und fiel mit einem starken Heere in der Normandie ein. Arthur gerieth hierbei in die Gefangenschaft J.'s und wurde von diesem >2<>2 zu Rouen eigenhändig ermordet. Diese Greuelthat, wie der verächtliche Charakter J.'s überhaupt, bestimmte die ftanz. Vasallen zum Abfall, und die englischen begaben sich in ihre Heimat. Binnen zwei Jahren hatte er alle ftanz. Besitzungen bis auf einen Theil von Poitou und Guienne verloren. Um diese Zeit brachen auch die Streitigkeiten des Königs mit dem allerdingsfrech anmaßlichen Papste Jnnocen; III. aus. Der Papst hatte den Cardinal Stephan Langton eigenmächtig zum Erzbischof von Canterbury ernannt und belegte England, da der König die Bestätigung verweigerte, ! 298 mit dem Interdikt. I. schwur, wie er zu thun pflegte, „bei Gottes Zähnen" Rache, jagte die Geistlichkeit aus dem Lande, zog deren Güter ein und sperrte die Ordensbrüder bei magerer Kost in die Klöster. Da er den Bannfluch erwartete, so ließ er sich von seinen Großen den Treueid erneuern, die sich um so weniger weigerten, als sie selbst von der Priester-Herrschaft hart gedrückt wurden. Als jedoch der Papst im Oct. 1209 wirklich den Bann verhing, wurde I. kleinmüthig, und diese Schwäche, wie Haß und Furcht, brachte auch die Großen zum Abfall. Der Papst wagte deshalb 1212 den König des engl. Throns für verlustig zu erklären, trug Philipp von Frankreich die Vollstreckung dcS Urtheils auf und predigte gegen I. förmlich den Kreuzzug. Während sich der ländersüchtige Philipp rüstete, trat jedoch der Papst, aus Bcsorgniß vor der ftanz. Übermacht, 1213 mitI. zu Dover in Unterhandlung. I. unterwarf sich hier persönlich den schimpflichsten Bedingungen. Er willigte nicht nur in die Einsetzung Langton's, die Restitution aller geistlichen Güter, in eine bedeutende Entschädigungssumme, wovon der Papst sogleich 8009 Pf. empfing, sondern resignirte auch am 25. Mai die Kronen von England und Irland in die Hände des Papstes. Beide Reiche sollten für immer vom päpstlichen Stuhle zu Lehen gehen, und von dem Könige jährlich in zwei Terminen ein Lehnzins von 1000 Mark Silber bei Verlust des Thronrechts erlegt werden. Nachdem I. diesen Vertrag, den erst Heinrich VIll. förmlich brach, beschworen und proclamirt, begann er gegen Frankreich den Krieg, doch mußte er schon >214 Waffenstillstand schließen. Ein Jahr früher hatte ihm der Papst die Absolution ertheilt. Die engl. Geistlichkeit erhob indeß bei der Ausgleichung so ungeheure Koderungen, daß der Papst seinen neuen Vasallen zu schützen genöthigt war, wofür sich Letzterer jedes Recbts bei Besetzung geistlicher Stellen begab. Kaum waren die Händel beigelegt, als ein neuer Streit für das königliche Ansehen einen noch schlimmem Ausgang Z-Haim von Leyden Johann von Luxemburg (König von Böhmen) 6B nahm. Die vom Könige gedrückten und gemishandelten Barone verbanden sich im Jan. 1215 mit der unbefriedigten Geistlichkeit, um das von der Krone allmälig erdrückte öffentliche Recht als allgemeine Schuhmauer gegen Despotie wiederaufzurichten. Der Erzbischof Primas Langton war die Seele des Bundes. Am 27. Apr. erschienen die Verbündeten mit einem starken Heere vor Oxford und stellten dem Könige Fodernngen, welche aus dem Freiheitsbriefe Heinrich's I. und den Gesetzen Eduard's zusammengejragen waren. Als der König dieses Ansinnen verwarf, griffen die Barone zu den Waffen, nahmen London und zwangen den ganzen Adel zum Beitritt. I. ließ sich endlich, von Allen verlassen, bereit finden, am 19. Juni 1215 auf einer großen Wiese zwischen Staines und Windsor die Freiheiten zu bewilligen, die unter dem Namen der lVIu^nu 6K»rt216 mit einem starken Heere, wurde zu London mit offenen Armen ausgenommen und unterwarf sich, bei dem geringen Widerstande, den ihm I. leistete, fast das ganze südliche und östliche England. In dieser Lage starb I. unter ernstlichen Zurüstungen zur Bewahrung seiner Krone am > 9. Oct. 1216. Die hervorragenden Züge seines Wesens waren Treulosigkeit, Habsucht, Grausamkeit und Wollust. „Selbst die Hölle", sagte ein Zeitgenosse, „wurde durch ihn verunreinigt." Mit dem Willen der ganzen Nation, die sich jetzt von Frankreich abwendete, bestieg mm J.'s neunjähriger Sohn, Heinrich lll., unter dem Protectorat des Grafen Wilhelm von Pembroke, den engl. Thron. Johann von Leyden, s. Taufgesinnte. Johann von Luxemburg , König von Böhmen, ältester Sohn des Grafen Heinrich's V. von Luxemburg, des nachherigen deutschen Königs, und Margarethens von Bra- bant, geb. um>295, erbte die Tugenden, aber auch die Fehler seines tapfer», redlichen, aber oft unpolitischen und ewig unstäten Vaters. In seinem 15. Jahre vermählte er sich mit Elisabeth, der Tochter Königs Wenzel III. von Böhmen, des letzten männlichen Sprosses der Przemysliden und erlangte mit ihr, nicht ohne Widerspruch von Seiten des Hauses Habsburg, I 3 > I die böhm. Königskrone. In den Wirren, welche nach seines Vaters Tode im I. 1313 durch die zwiespältige Kaiserwahl verursacht wurden, hielt er sich zur Partei Ludwig des Baiern und folgte diesem ins Feld, so oft nicht die stets wieder emvorlodernde Flamme des Aufruhrs seine Anwesenheit in Böhmen nöthig machte. So war er 1315 in Italien, l 322, nachdem er von den Höfen zu Avignon undParis und aus Luxemburg zurückgekehrt, wieder in Prag. In demselben Jahre nahm er einen vorzüglichen Anthcil an dem Siege bei Mühldorf; auch focht er > 324 für den König von Frankreich in Lothringen und unterstützte l 328 denselben im Kampfe gegen die Flamländer. Dann eilte er mitten im Winter > 329 den deutschen Rittern nach Preußen zu Hülfe, wobei er ein Auge einbüßte und war noch in demselben Jahre wieder in Frankreich, wo ihn König Philipp VI. zum Statthalter von Gascogne einsetzte. Seine enge Verbindung mit Frankreich war eine Folge der Vermählung seines Sohnes, des nachherigen Kaisers Karl's IV. (s. d.), mit Blanca von Valois. Seine Gemahlin ließ er während seiner Irrfahrten in Prag zurück, um das Geld einzusammeln, welches er im Auslande vergeudete. Wenn er aber auf diese Weise seinem neuen Königreiche mehr Schaden als Vortheil brachte, so erweiterte er es doch wenigstens durch die Erwerbung des Herzogthums Breslau im I. >327 kraft des Vertrags mit dem kinderlosen Herzog Heinrich, sowie auch dadurch, daß er fast alle übrigen schles. Fürsten seiner Hoheit unterwarf, und so den Grund zu dem von seinem Sohne Karl IV. innerlich organisirten, großen deutsch-slawischen Ländervereine legte. Als er >339 in dem von innern Zwistigkeiten zerrissenen Italien als glücklicher Eroberer abenteuerte, machte er sich dem Kaiser Ludwig verdächtig, als strebe er nach der Kaiserkrone, verständigte sich aber > 332 mit demselben und begab sich, nachdem er in Prag neue Gelder erhoben, nach Paris und Avignon. Hier vermählte er sich 1334 zum zweiten Male mit Beatrix v«n Bourbon. 666 Johann von Schwaben Johann VI. (König von Portugal) Die seinem Sohne Johann Heinrich von Seiten Ostreichs und mehrer neidischer Fürstin streitig gemachte Erbschaft von Kärnten und Tirol verwickelte ihn 1335 in langwierige Händel und führte zuletzt auch noch einen völligen Bruch zwischen ihm und dem Kaiser herbei; inzwischen sehen wir ihn aber 1338 wieder im Kampfe gegen die Lithauer und gleich darauf in Frankreich. Jm J. 1330 verlor er durch einen rheumatischen Zufall auch sein zweites Auge, weshalb er auch Johann der Blinde genannt wird; doch setzte er nichtsdestoweniger sein unstätes, rauferischer Treiben fort, bis er endlich in der mörderischen Schlacht bei Crecy im I. 1336 einen seines Lebens würdigen Tod fand. Johann von Schwaben, (.Johannes Parricida. Johann VI. (Maria Jos. Ludw.), König von Portugal und Algarbien und Kaiser von Brasilien, geb. am 13. Mai 1767, war der Enkel König Joseph's I. und der Sohn der Königin Maria und des Jnfanten Dom Pedro, der als König Peter III. hieß und >786 starb. Von Mönchen erzogen, erhielt er eine sehr mangelhafte Bildung und verfiel frühzeitig in Trübsinn. Im I. 1790 vermählte er sich mit der Infantin Charlotte Joachime, der Tochter König Karl's IV. von Spanien, mit der er drei Söhne: Dom Antonio, geb. 1795, gest. 1801, Dom Pedro (s. d.) und Dom Miguel (s. d.) und fünfTöchter zeugte: Maria Theresia, geb. 1793, die Witwe des Jnfanten Don Pedro Carlos von Spanien; Jsabella, gest. 1818, die Gemahlin Ferdinand's VII. von Spanien; Maria Francisca, gest. 1833, die Gemahlin des Jnfanten Don Carlos von Spanien; Marie Jsabella, geb. 1801, die vom 10. März 1826 bis 26. Febr. 1828 die Regentschaft in Portugal führte, und Anna da Jesus Maria, geb. 1802, seit >827 mit dem Marquis, nachherigen Herzog von Loule, vermählt. In Folge der Gemüthskrankheit seiner Mutter, wurde er als Prinz von Brasilien am 10. Febr. 1792 Regent von Portugal, im Sept. 1796 als Souverain und am 15. Juli 1799 als wirklicher Regent proclamirt und nach dem Tode seiner Mutter, am 20. März l 816, wirklicher König. Bei der altenHandelsverbindung Portugals mit England ließJ. als Regent den Abgeordneten des franz. Nationalconvents schnöde abweisen und trat 1793 der ersten Coalition gegen Frankreich bei. Schon kurz vorher hatte er der span. Negierung ein Hülfscorps zur Vertheidigung der Pyrenäen überlassen. Nachdem aber Spanien mit Frankreich im Frieden zu Basel 1795 sich geeinigt, sah er sich nun ganz den Feindseligkeiten Frankreichs bloßgestellt, sodaß ihm endlich nichts übrig blieb, als sich unter engl. Schuh zu stellen. Bonaparte aber nöthigte in Folge dessen Spanien zu einem ernstli- chen Angriff auf Portugal, das im Frieden zu Badajoz am 6. Jan. 1801 Olivenza an Spanien und ein Stück Guyanas an Frankreich abtreten mußte. Als nach dem tilsiter Frieden Napoleon von I. verlangte, daß er alle portug. Häfen den Engländern verschließen und alle Engländer in Portugal verhaften und ihr Eigenthum einziehen lasse, dieser aber nur die erste Federung erfüllte, erklärte jener am 11. Nov. 1807 im „Noniteur": „das Haus Braganza hat aufgehört zu regieren", worauf ein franz.-span. Heer in Portugal einrückte. Nachdem I. am 26. Nov. 1807 eine NegierungSjunta niedergesetzt hatte, schiffte er sich am folgenden Tage mit seiner Familie nach Brasilien ein. Von Rio-Janeiro aus hob er am >. Mai 1808 alle bisherige Verträge mit Spanien und Frankreich auf und schloß sich nun enger als je an England, das ihm sein europ. Königreich, von der Tapferkeit des portug. Heers und der Begeisterung des Volkes kräftig unterstützt, wieder eroberte, seitdem aber durch den Marschall Beresford (s. d.) einen entschiedenen Einfluß auf die Verwaltung des Landes auSübte, bis in Folge der Revolution im I. 1820 durch die Cortes, welche I. anerkannt hatte, ein neues Staatssystem begründet wurde. Im I. >821 kehrte er nach Portugal zurück, während sein Sohn, Dom Pedro, in Brasilien blieb, und, nachdem jdie Nationalversammlung am I. Aug. 1822 Brasilien für ein unabhängiges, von Portugal getrenntes Reich erklärt hatte, das I. aber erst 1825 anerkannte, am 12. Oct. 1822 zum Kaiser von Brasilien ernannt wurde. Nachdem er am l. Oct. 1322 die neue freisinnige Constitution beschworen, begannen nun auch alsbald die Machinationen der Anticonstitutionellen, die insbesondere durch seine ränkesüchtige Gemahlin Charlotte, mit der er schon fortwährend in Zwiespalt gelebt hatte, und durch seinen Sohn Dom Miguel geleitet wurden und endlich die größten Wirren herbeiführten. Der schwache König verbannte seine Gemahlin und seinen Sohn, hob aber dann die Constitution auf; er versprach ei k< ri äi gl I u ü n b 8 z n Z n n a c! sl d Z z i u k v r § c 8 s t l i s I ! ! 1 ! l Johann II. Kasimir (König von Polen) Johann Hl. Sobieski 667 eine neue Constitution, berief aber hierauf die Verbannten zurück, wodurch der Partei« kampf der Constitukionellen und der Absolutisten nur gemehrt werden konnte. Ein von seiner Gemahlin und seinem Sohne im I. 1824 vorbereiteter Ausstand, bei dem es auf die Entthronung des Königs und den Untergang der Liberalen abgesehen war, wurde noch zu rechter Zeit vereitelt. (S. Portugal.) Durch engl. Einfluß dazu vermocht, ernannte der König am 6. März 1826 seine Tochter Maria Jsabella für den Fall seines Todes zur Re« gentin von Portugal, bis der rechtmäßige Thronerbe selbst verfügen werde, und starb am io. März 1826. Sein Sohn Dom Pedro betrachtete sich als den Erben des portug.Thro- nes, entsagte aber demselben zu Gunsten seiner Tochter Maria da Gloria (s. d.). Johann n. Kasimir, König von Polen, 1648—68, geb. am 21. März 1609, der zweite Sohn König Sigismund's III. mit seiner zweiten Gemahlin, der Erzherzogin Konstanze von Ostreich, genoß als deren erstes Kind die sorgfältigste Erziehung. Die Machinationen seiner Mutter, die ihm die Nachfolge auf des Vaters Thron zrrwenden wollte, übersehend, schlug er selbst, nach seines Vaters Tode im Z. 1632, bei dem Reichstage seinen Stiefbruder Wladislaw zum Könige vor, und wurde, nachdem dieser den poln.Thron bestiegen, mit ansehnlichen Domainen begabt. Nach mehrfachen Abenteuern auf seinen Reisen in Holland, Deutschland, Frankreich und Italien, ließ er sich 1640 in Rom in den Jesuitenorden aufnehmen und bald nachher durch Jnnocenz X. zum Cardinalpriester er- nennen; doch schon 1646 lebte er wieder in Polen in weltlichen Verhältnissen. Nach seines Stiefbruders Tode am 20.Nov. 1648 zu dessen Nachfolger auf dem poln. Throne gewählt, war seine Regierung ein fortgesetzter Kampf gegen Rußland und Schweden und gegen in- nere Unruhen und Verschwörungen. Den Krieg mit Schweden endete der Friede zu Oliva am 3. Mai 1660, zufolge dessen Polen die Insel Ösel, Esthland und, mit Ausnahme einer einzigen Wojewodschaft, auch Liefland verlor, und den mit Rußland der Friede zu Andrus- sow am 14. Jan. 1667, in welchem es Weiß- und Rothrußland sammt der Ukraine bis an den Dnjepr an Rußland abtreten mußte. Die allgemeinen Zerwürfnisse im Innern des Reichs bestimmten ihn, in der Reichstagsverfammlung am 16. Sept. 1668 dem Throne zu entsagen. Im folgenden Jahre sah er sich genöthigt, nach Frankreich zu gehen, wo ihn Ludwig XIV. mit mehren Abteien beschenkte. Er starb zu Revers am 16. Dec. 1672 und wurde in der Jesuitenkirche zu Paris beigesetzt; im 1.1676 aber in die Kathedrale zu Krakau geschafft, wo man ihm ein prächtiges Denkmal errichtete. Mit seiner Gemahlin, Luise Maria von Gonzaga, der Witwe seines Bruders Wladislaw, lebte er in kinderloser Ehe, und es erlosch mit ihm das Haus der Jagellonen. Johann m. Sobieski, König von Polen, 1674—96, einer der größten Feldherren und Krieger de§ >7. Jahrh., geb. am 2. Jan. 1629, wurde nebst seinem Bruder Marcus Sobieski von seinem durch Tugend und kriegerischen Muth gleich achtung-würdigen Vater, Jakob Sobieski, Castellan von Krakau, auf das sorgfältigste erzogen und sodann auf Reisen gesendet. Beide Brüder hatten Frankreich, England, Italien und Deutschland besucht und waren in der Türkei, als 1648 des Vaters Tod sie in die Heimat rief. Damals hatten die Polen den Russen in der Schlacht bei Pilawiecz unterlegen. Sofort ergriffen beide die Waffen, um das Misgeschick ihrer Landsleute zu rächen. Marcus Sobieski fiel in dem Treffen an den Ufern des Bog; I. wurde durch seinen außerordentlichen Muth und seine Tapferkeit sehr bald der Gegenstand der Bewunderung seiner Nation und derSchrek- ken der Tataren und Kosacken. Er erhielt 1665 das Krongroßmarschallamt, wurde 1667 Krongroßfeldherr und Wojewode von Krakau und, nachdem er am n. Nov. 1673 die Schlacht bei Choczim gegen die Türken gewonnen, die hier 28000 Mann verloren, am 21. Mai 1674 einstimmig zum König von Polen erwählt, worauf er 1676 sich nebst seiner Gemahlin Marie Kasimire Luise, einer Tochter des Marquis Lagrange d'Arquien und Witwe des Wojewoden Johann Zamoiski, in Krakau feierlich krönen ließ. Seine Würdigkeit bezeugten seine nachfolgenden Regierungshandlungen. Als 1683 die Türken Wien belagerten, eilte er mit 20000 Polen herbei und rettete, in Verbindung mit den inzwischen ebenfalls herbeigekommenen deutschen Hülfsvölkern, die Kaiserstadt durch die Schlacht am > 2. Sept. 1683, in der er auch die Fahne Mohammed's erbeutete, die er an den Papst sendete. Bei seinem Einzüge in Wien wurde er von den Einwohnern mit unbeschreiblichem Enthu- K68 Johann der Beständige Johann Friedrich I. (Kurfürst v. Sachsen) siasmus empfangen. Sie drängten sich hinzu, nm-seine Füße zu umschlingen, seine Kleider, sein Pferd zu berühren, und nannten ihn laut ihren Retter und Befreier. Ein Prediger in Wien wählte zur Siegespredigt den Text: „Es ward ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes." Seine spätem Unternehmungen gegen die Türken waren weniger vom Glücke begünstigt. Er starb, vom Schlage getroffen, am l7. Juni 1696, und kaum hatte er die Augen geschlossen, als sich Haß und Neid vereinigten, sein Andenken zu schänden. Mag I. auch seine Fehler gehabt haben, so vermögen sie doch seine Tugenden nicht zu verdunkeln. Er liebte die Wissenschaften, redete mehre Sprachen und war nicht weniger seines sanften Charakters wie seiner angenehmen Unterhaltung wegen beliebt. Seine drei Söhne hinterlicßen keine männlichen Nachkommen. Vgl. „I,ettrss ci» rni 6e kologne äesn 8. ä la reine lVlsris (Hmire, pemlant la csmpsgne cke Vienne" (franz. von Plater, herausgegeben von Salvandy, Par. 1826) und Salvandy, „üistoire <1e kologne avkint et SOUS ie roi äesn 8." (3 Bde., Par. 1829). Seine ihn überlebenden Söhne, Jakob, Konstantin, nnd Alexander zeigten sich gleich der hinterlaffenen Witwe des großen Vaters nicht würdig. — Iakob S., geb. 1667, wurde, als sich ihm nach König August's 11. Absetzung im I. > 7 »4 Aussichten auf den poln. Königsthron eröffneten, nebst seinem Bruder Konstantin, auf Veranstalten August's II. hinterlistigerweise aufgefangen, der sie anfangs in der Pleißen- burg zu Leipzig, dann auf dem Königstein verwahren ließ und erst nach dem Frieden zu Altranstädt wieder freigab. Er starb am 19. Dec. 1737. — Von seinen beiden Töchtern vcr- heirathete sich die älteste, Hedwig, mit Latour d'Auvergne, Herzog von Bouillon, Oberkammerherrn des Königs von Frankreich ;-diejüngere, Marie Clem entine, mit dem brit. Prätendenten Jakob Hl. (s. d.). — Alexander S., geb. 1677, der mit Rücksicht auf seinen gefangenen ältern Bruder und in Betracht der Wankelmüthigkeit des poln. Volkes alle Anträge, die man ihm in Absicht auf die poln. Krone machte, zurückwies, ging später nach Rom, wo er Kapuziner wurde und am 19.Nov. 1714 starb. — Konstantin S., geb. 1686, der sich mit einer Gräfin Wessel verheirathete, starb am 28. Juli 1726 kinderlos. Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen, >525—32, geb. am 30. Juni 1467, ein Sohn des Kurfürsten Ernst (s. d.), folgte seinem Bruder Friedrich dem Weisen (s. d.) in der Regierung. Er war am Hofe seines mütterlichen Verwandten Kaiser Friedrich'« 111. erzogen worden, hatte unter Maximilian 1. gegen die Ungarn gefachten und machte gleich nach seinem Regierungsantritte durch energischeMaßregeln dem Bauernkriege ein Ende. Ein Freund Luther's und eifriger Beförderer der Reformation, verband er sich 1526, als den Evangelischen neue Gefahren drohten, zu Torgau enger mit dem Landgrafen Philipp I. (s. d.) von Hessen, welchem Bündnisse später mehre ansehnliche Städte beitraten, und begab sich dann auf den Reichstag nach Speier, wo man ihm Hoffnung zu einer Kirchenversammlung machte. Jm J. 1528 ließ er eine allgemeine Kirchenvisitation in seinen Landen halten und 1529 protestirte er nebst andern Reichsfürsten gegen den Beschluß des Reichstags zu Speier, daß es fernerhin Niemand freistehen solle, der Reformation sich anzuschließen. Nachdem er sodann noch mehre Zusammenkünfte hinsichtlich der zum Schuhe der evangelischen Lehre zu ergreifenden Maßregeln gehalten, übergab er auf dem Reichstage zu Augsburg, wo er sich mit einem ansehnlichen Gefolge einfand, am 25. Juni I53V die AugSburgische Confession (s. d.). Als er auch hier den Kaiser zu keiner genügenden Nachgiebigkeit bewegen konnte, bemühte er sich nun eifrigst, den Schmal- kaldischen Bund zu Stande zu bringen, der den Zweck hatte, im Falle der Noch Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Nachdem er noch die Freude gehabt, den ersten Religionsfrieden zu Nürnberg zu Stande kommen zu sehen, starb er zu Schweinitz bei Wittenberg am 16. Aug. 1532. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Johann Fri edrich der Großmüthige (s.d ). Johann Friedrich I. oder der Großmüthige, letzter Kurfürst von Sachsen erne- stinischerLinie, > 532—47, der Sohn des Kurfürsten Johann des Beständigen (s. d.) und der Prinzessin Sophie von Mecklenburg, geb. zu Torgau am 30. Juni >563, übernahm nach des Vaters Tode die Regierung in seinem und' seines unmündigen Bruders Joh. Ernst Namen, dem er, als dieser mündig geworden, 1542 die Pflege Koburg abtrat und überdies ein jährliches Einkommen von l 4000 Fl. zahlte. Schon 1533 ließ er durch Spalatin, JonsS und Amsdorf in seinem ganzen Lande eine Kirchenvisitation halten. 669 Johann Friedrich ll (Herzog von Sachsen) Nachdem er > 53-1 Ferdinand I. als röm. König anerkannt, wurde er im folgenden Jahre in Wien feierlich mit der Kurwürde belehnt. Im I. 1538 löste er das der Stadt verpfändete Burggrafthum Magdeburg ein, worauf er seinen übrigen Titeln den eines Burggrafen von Magdeburg beifügte. Mit den schmalkaldischen Bundesgenossen vertrieb er den Herzog Heinrich von Braunschweig, der als Feind des Schmalkaldischen Bundes durch Mordbrenner die Lande seiner Nachbarn heimsuchte. Als er den ohne sein Wissen vom Capitel zu Naumburg erwählten katholischen Bischof Pflugk durch den protestantischen Bischof Nik. von Amsdorf(s.d.) ersetzte, der nun die Reformation im Stifte einführte, die ihm gemeinschaftlich mit seinem Vetter, dem Herzog Moritz (s. d.) von Sachsen, in der Stiftsstadt Wurzen zustehende Negierung sich eigenmächtig anmaßre und die damals zu leistende Türkensteuer daselbst mit Gewalt eintrciben ließ, gerieth er deshalb mit Moritz in Unfrieden. Der in der Charwoche 1512 dem Ausbruche nahe Krieg zwischen beiden wurde indes durch den schleunig herbeiei^iden Landgrafen Philipp von Hessen ohne Blutvergießen beigelegt, sodaß die Heere in Frieden noch den Osterfladcn verzehren konnten, weshalb der Volkswitz den Vorfall den Fladenkrieg nannte. Als Kaiser Karl V., auf dessen Seite der Herzog Moritz von Sachsen getreten war, die schmalkaldischen Bundesgenossen für immer zu Boden zu schlagen beabsichtigte, ließ der Kurfürst l 516 sein Heer mit dem des Landgrafen von Hessen in Franken zusammenstoßen, worauf sich bei Donauwörth auch die übrigen Bundesgenossen anschlossen. Der Herzog Moritz eroberte, da die schmalkaldischen Bundesgenossen in UnentschlossenheitdiegeeignetsteZeitdes Angriffs vorübergehen ließen, mit Ausnahme von Wittenberg, Gotha und Eisenach, das ganze Land seines Vetters. Zwar gelang es diesem, nicht nur seine Erblande wiederzuerobern, sondern auch die gesammten Länder des Herzogs in Besitz zu nehmen. Doch nunmehr vom Kaiser in die Acht erklärt, gerieth er nach derSchlachtbeiMühlbergam2l.Apr. 1517 in dessen Gefangenschaft. (S. Schmal- kaldischer Bund.) Am io. Mai wurde ihm das Todesurtheil gesprochen, jedoch am 18. Mai dasselbe in einen Vergleich verwandelt, zufolge dessen er unter Anderm für sich und seine Nachkommen auf die Kurwürde verzichtete. Nichtsdestoweniger blieb er Gefangener des Kaisers, der bei Halle auch den Landgrafen Philipp von Hessen in seine Gewalt bekam, bis der nunmehrige Kurfürst Moritz von Sachsen, empört darüber, daß er durch seine Fürsprache die Freilassung der beiden gefangenen Fürsten nicht erlangen konnte, 1552 mit 2500V M. in Schwaben cinbrach, worauf der bestürzte Kaiser eiligst die Flucht ergriff, nachdem er zuvor I. freigegeben, welcher im Scpt. nach Thüringen zurückkehrte, wo er mit allgemeinem Jubel empfangen wurde. Im 1. 1553 beerbte er seinen ohne Nachkommen verstorbenen Bruder Johann Ernst. Nach dem Tode des Kurfürsten Moritz bemühte er sich, die Kurwürde wieder zu erlangen, jedoch vergebens. Er starb am 3. März 1551, und ihm folgte in der Regierung sein Sohn Johann Friedrich II. (s.d.) mit seinen Brüdern Joh. Wilh. und Joh. Friedrich III. Johann Friedrich H. oder der Mittlere, Herzog von Sachsen, geb. am 8. Jan. 1520, hatte sich nach der Schlacht bei Mühlberg mit der.ihm ergebenen Mannschaft nach Gotha gerettet und übernahm sodann nebst seinem Bruder Joh. Wilhelm, geb. am 1». März 1530, zugleich im Namen seiner beiden unmündigen Brüder I oh. Friedrich 111-, geb. am 16. Jan. 1538, und Joh. Ernst, gest. 1553, die Administration des zufolge der Wittenberger Capitulation der ernestinischcn Linie zugetheilten Ländertheils und stiftete, durch seinen Vater dazu veranlaßt, 1552 die Universität zu Jena, die er aber erst 1558 einweihen konnte. Nach dem Tode des Vaters sollten zufolge testamentarischer Anordnung seine drei ihn überlebenden Söhne gemeinschaftlich die Regierung führen, doch schon im März 1557 überließen sie die beiden jüngern dem ältern Bruder auf bestimmte Zeit allein. Nach dem kinderlosen Ableben Joh. Friedrichs III. im I. 1565 theilten seine beiden Brüder die Lande in zwei gleiche Theile, den weimarischen und gothaischen, von denen der erste dem ältern, der andere dem jüngern Bruder auf drei Jahre eingeräumt wurde. Lebhaft an den theologischen Streitigkeiten Theil nehmend, zu welchen besonders die beiden Professoren zu Jena, Flacius (s. d.) und Strigel (s. d.), Veranlassung gaben, richtete I. viel Unheil in seinem Lande an, wo eine Menge Geistlicher durch ihn ihrer Ämter entsetzt wurden. Doch in noch viel größeres Unglückstürzte er sich und sein Land dadurch, daß er, durch nichtige 67 » Johann Georg k (Kurfürst von Sachsen) Versprechungen getauscht, Wilh. von Grumbach (s. d.) in seinen Schuh nahm, der von ihm unterstützt, Würzburg eroberte und deshalb >563 in die Acht erklärt wurde. Da I. weder durch Vorstellungen und Bitten, noch durch Drohungen bewogen werden konnte, dem Geächteten und dessen Anhängern seinen fernern Schutz zu versagen, so erklärte der Kaiser ihn selbst 1366 in die Acht und ließ 1367 seine Unterthanen an seinen Bruder Zoh. Wilh. weisen, worauf der Kurfürst August von Sachsen, beauftragt mit der Vollziehung der Acht, am l3. Apr. 1367 den Grimmenstein durch Capitulation einnahm. Grumbach und seine Anhänger wurden sofort hingerichtet, I. aber gefangen zuerst nach Dresden, dann nach Wien und hierauf zu ewigem Gefängniß nach Wienerisch-Neustadt gebracht, wohin ihm 1372 seine Gemahlin Elisabeth, die Tochter Friedrich's IN. von der Pfalz, folgte, die daselbst am 8. Febr. 1594 starb. I. selbst, wegen des Türkenkriegs 1393 nach Steier gebracht, starb hier in Folge eines Falls am 9. Mai 1595. Nebst seiner Gemahlin wurde er nach Koburg geführt und dort beigesetzt. Ungeachtet seine Lande anfangs seinem Bruder Joh. Wilh., der am 2. Febr. 1573 starb, ganz zugetheilt waren, so wurden doch 157V seine Söhne, Joh. Kasimir, geb. 1564, und Joh. Ernst, geb. 1566, unter Vormundschaft in den Besitz des väterlichen Erbes wieder eingesetzt. Bei der hierauf im I. 1572 vorgenommenen neuen Landestheilung erhielt ersterer Koburg, letzterer Eisenach; beide starben indeß ohne männliche Nachkommen, jener 1633, dieser 1638, und ihre Lande fielen hierauf an die Weimar. Linie. Johann Georg 1., Kurfürst von Sachsen, 1611—56, der Sohn des Kurfürsten Christian'S I. und der brandenburg. Prinzessin Sophia, geb. am 5. März 1585, wurde am 23. Juni 1611 der Nachfolger seines verstorbenen Bruders Christian'S II. Er bereiste sehr jung Italien, nahm seit 16V7 an der Regierung Theil und vermählte sich in selbigem Jahre bereits zum zweiten Male mit der Tochter des Markgrafen Albert Friedrich von Brandenburg, Magdalene Sibylle. Den größten Theil der Zeit seiner langen Regierung füllt der Dreißigjährige Krieg (s. d.), in welchem, durch sein zweideutiges Benehmen, Sachsen eine sehr schlechte Rolle spielte und selbst das Gefühl, selbständig etwas zu unternehmen, verlor. Nicht geneigt, seinem Glauben im Falle der Noth Alles zu opfern, war der Kurfürst nur auf augenblickliche Vergrößerung seines Staats bedacht. Durch sein stetes Orakel, den Oberhofprediger Hoe von Hoenegg (s. d.), welcher ganz im östr. Interesse handelte, sehr schlecht berathen, schloß er sich I62V dem Kaiser Ferdinand II. an, unterwarf diesem die Lausitzen, die ihm schon vorläufig als Hypothek zugesichert waren, und 1621 auch Schlesien. Unzufrieden, daß die durch Ächtung Friedrich's V. von der Pfalz erledigte Kurwürde an Maximilian von Baiern übertragen wurde, fing er an, dem Kaiser zu grollen, mit dem er sich erst dann wieder aussöhnte, als ihm 1623 die Lausitz unterpfändlich überlassen wurde. Da indeß der Kaiser immer deutlicher seine Plane durchblicken ließ und Gustav Adolf rasch in Deutschland vorrückte, suchte der Kurfürst zwischen Schweden und Ostreich den Vermittler zu machen. Er gefiel sich, an der Spitze eines unmächtigen Bundes zu stehen, den die protestantischen Stände in Leipzig geschloffen hatten, bis er endlich 1631 durch die Noth gedrungen war, sich Gustav Adolf als Bundesgenosse anzuschließen. Ebendeshalb meinte er es aber auch nicht redlich mit der Sache, die Gustav Adolf verfocht; fortwährend schwankend, was erthun solle, gedieh sein Plan, sich ganz von Schweden loszusagen, zur Reife. Im Frieden, welchen er mit dem Kaiser zu Prag am 3V. Mai 1635 abschloß, erhielt er die ihm bisher verpfändeten Lausitzen erb- und eigenthümlich. (S. Lausitz.) Der neue Friede brachte Sachsen weder Ehre noch Segen. Nachdem der Kurfürst am 6. Oct. 1635 dem Könige von Schweden den Krieg erklärt, wurde sein Land von dem kaiserlichen Heere und nachher von den Franzosen nicht minder wie von den Schweden.auf eine empörende Weise heimgesucht und verwüstet, bis er sich mit Schweden am 27. Aug. 1645 zu Kötzschenbroda bei Dresden zu einem Waffenstillstände vereinigte. Bei den Friedensverhandlungen zu Osnabrück und Münster ließ er durch seine Abgeordneten Erklärungen abgeben, die schwerlich den ersten protestantischen Fürsten verrathen möchten; doch bildete er in mancher Beziehung eine sehr weise Opposition. Im westfäl. Frieden wurde er im Besitz der Lausitzen, sowie der Bisthümer Meißen, Merseburg und Naumburg bestätigt, das Erzbisthum Magdeburg aber nur auf die Lebenszeit des Administrators August ihm überlassen, nach dessen Johann Georg II (Kurfürst von Sachsen) Johann Georg IV. V7I i Tode es an Brandenburg siel. Nach dem Frieden jede durchgreifende Maßregel zur Ver- ! besserung des Zustandes seines durch den Krieg zerrütteten Landes, das durch ihn seinen mo- , > ralischen Halt verlor, aus Bequemlichkeit vermeidend, starb er am 8. Oct. 165«. Zusolge j seines Testaments entstanden durch seine vier Söhne nächst derKürlinie noch drei regierende Linien, Sachsen-Weißenfels, Sachsen-Merseburg und Sachsen-Zeitz. (S. Sachse n.) Johann Georg II-, Kurfürst von Sachsen, 1656—80, der älteste Sohn und Nachfolger des Vorigen, geb. am 3 l. Mai 1613, suchte, da er sein Gebiet durch die Abtretungen an seine Brüder geschmälert sah, durch planlosen Anschluß an das kaiserliche Haus seine Schwäche zu verdecken, während er eifersüchtig auf Brandenburg blickte und in seinen Entschließungen gleich seinem Vater hin- und herschwankte. Die Streitigkeiten mit seinem Bruder wurden 1657 durch Vergleich geschlichtet. In demselben Jahre führte er nach > dem Ableben Kaiser Ferdinand's Hl. das Reichsvicariat und wirkte hauptsächlich mit ^ zur Wahl Leopold's. Im Ganzen sehr wenig kriegerisch gesinnt, unterstützte er doch den Kaiser im Kriege gegen Frankreich. Unter seiner Regierung wurde 1660 das Henneber- gische zwischen den beiden sächs. Linien getheilt, 1667 im Kloster Zinna zwischen Sachsen und Brandenburg eine Münzconvention errichtet und 1671 mit Sachsen-Lauenburg ein Erbvertrag geschlossen. Er starb zu Freiberg, wohin er sich der Pest wegen begeben hatte, am22.Aug. 1680. Er hat das Verdienst, daß er manche zweckmäßige Einrichtung machen und manches wohlthätige Gesetz erscheinen ließ; dagegen opferte er seiner Prachtliebe und seinen Vergnügungen Summen, die das erschöpfte Land kaum zu erschwingen vermochte. Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen, 1880—01, der einzige Sohn und Nachfolger des Vorigen, geb. am 20. Juni 16-17, hatte schon 1673 als Anführer eines sächs. Armeecorps gegen die Franzosen seinen kriegerischen Sinn bewährt. Mit Energie und Willensfestigkeit ergriff er nach des Vaters Tode die Zügel der Regierung, und mit Entschiedenheit trat er gegen die Anmaßungen seiner Vettern aus. In Gemäßheit seines Bündnisses mit dem Kaiser Leopold gegen die Türken, trug er 1683 mit seinen 20000 M. 1 Sachsen im Verein mit den Polen unter Johann Sobieski wesentlich zur Entsetzung Wiens bei. In Person schloß er 1684 mit der Republik Venedig einen Subsidienvertrag, zufolge dessen 3000 M. Sachsen bis 1687 in Morea gegen die Türken fochten; auch unterstützte er 1686 den Kaiser mit einem Heere, welches im gedachten Jahre den Türken Ofen entreißen half. Eine kräftige Opposition übte er namentlich gegen Frankreichs Politik; er war beim Ausbruche des Reichskriegs im J. >688 der erste aller deutschen Fürsten, der gegen Ludwig XIV. aufbrach, doch mußte er sich ohne ausreichende Unterstützung von Seiten der übrigen Fürsten zunächst damit begnügen, die Grenzen zu decken. Um neue Rüstungen zu betreiben, eilte er 1789 nach Sachsen. Im 1.1690 übernahm er das Com- mando der Neichsarmee; doch vermochte er auch jetzt nickt viel auszurichten. Bereits kränkelnd eröffnete er den Feldzug von >691 und starb zu Tübingen am 12. Sept. 1691. Johann GeorgIV., Kurfürst von Sachsen, >691 — 94, der älteste Sohn und Nachfolger des Vorigen, geb. am 18. Oct. 1668, erhielt wenige Tage nach seiner Geburt von seinem Großvater mütterlicher Seite, dem Könige Friedrich III. von Dänemark, den Titel eines Erben von Dänemark und Norwegen. Frühzeitig fesselte ihn die Liebe zu der schönen Magdalena Sibylle von Neitzschütz, geb. 1675, der Tochter des sächs. Genersl- ^ lieutenants Rudolf von Neitzschütz. Ihn andern Sinnes zu machen, wurde er zur Reichs- armee an den Rhein gesendet. Hier befand er sich, als sein Vater starb. Nach Antritt der Negierung schien er anfangs dem politischen Systeme seines Vaters treu bleiben zu wollen und trat deshalb auch 1692 mit dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg in engere Verbindung; doch übel berathen, änderte er sehr bald seine Politik und schloß ISS3 mit dem Kaiser ein Bündniß. Nach dem Wunsche seiner Mutter und auf Andringen des Kurfürsten von Brandenburg mußte er sich > 692 mit der verwitweten Markgräfin von Brandenburg-Ansbach, Eleonore Erdmuthe Luise, einer geborenen Prinzessin von ^ Sachsen-Eisenach, vermählen; doch an der Seite seiner Geliebten, zu der er nun nur in um so heftigerer Liebe entbrannte, empfing er bei der Einholung die Braut, der er sich nie genaht haben und die gänzlich zu verdrängen, er von Seiten der Mutter seiner Geliebten angefeuert worden sein soll. Schon im Febr. 1693 erhob er seine Geliebte zur Gräfin von 672 Johann (Erzherzog von Ostreich) Rochlitz, auch waren mehre vorbereitende Schritte gethan, sie förmlich zu ehelichen, als sie am 4. Apr. 169-1 an den Kinderblattern starb. Der Kurfürst konnte sich von der Kranken wie von der Tobten kaum trennen, ließ sie mit fürstlicher Pracht und den höchsten Ehrenbezeigungen hinter dem Altar in der Sophienkirche bestatten und überlebte sie nur we- nige Wochen. Untröstlich über ihren Verlust, verfiel er in dieselbe Krankheit und starb am 27. Apr. 1694. Ihm folgte in der Regierung sein Bruder August II. (s. d.). Johann (Bapt. Zos. Fabian Sebast.), Erzherzog von Ostreich, .General der Cava- lerie und Generaldirektor des Genie, und Fortificationswesens, geb. am 29. Jan. 1782, ist der sechste Sohn Kaiser Leopold's II. mit der Infantin Marie Luise, der Tochter König Karl's III. von Spanien. Die Ausbildung seines Geistes verdankt er mehr sich selbst als seinen Lehrern. Frühzeitig erwachte seine Neigung für die Kriegskunst, auf welche er, wie auf Geschichte und zugleich auf Naturwissenschaften, seine Studien richtete. Vergebens hatte er gewünscht, 1797 und 1799 den Feldzügen unter seinem sieggekrönten Bruder, dem Erz- Herzog Karl, beizuwohnen; erst nachdem dieser 1806 vom Heere sich zurückgezogen und dessen Nachfolger, Kray, wiederholte Unfälle erlitten hatte, erhielt er an dessen Stelle den Oberbefehl des geschlagenen Heers. Er wußte den Geist der Truppen neu zu beleben und das erste Vorrüchen war glücklich > doch am 6 . Dec. 1 890 wurde er trotz seiner persönlichen Tapferkeit durch die geschickten Manoeuvres Moreaws wahrend eines heftigen Schneegestöbers bei Hohenlinden (s.'d.) geschlagen, und auch eine zweite Schlacht bei Salzburg konnte den siegreichen Moreau nicht aufhalten. Nach dem luneviller Frieden wurde er zum Eeneraldircctor des Genie-und ForkificationScorps und zum Director der durch ihn zur schönsten Blüte erhobenen Jngenieurakademie zu Wien und der Cadettenakademie in Wie- nerisch-Neustadt ernannt. Schon im Sept- 1800 hatte er Tirol bereist, mit dessen Erhebung und Vertheidigung ersieh nun eifrigst beschäftigte. Kurz vor dem Ausbruche des Krieges im I. >805 eilte er nach Tirol, um hier und in Vorarlberg schnell die Bewaffnung des Volks zu bewirken. Dann befehligte er die Heerabtheilung in Tirol, welche die Baiern beim Paffe Strub schlug und die Scharnitz heldenmüthig, wiewol vergebens, vertheidigte. Als Napoleon auf Wien losmarschirte, faßte I. den genialen Plan, über Salzburg sich auf die feindlichen Verbindungen zu werfen, doch der Unfall der Brigade Szenassy verhinderte die Ausführung. Er vereinigte sich deshalb nun in Kärnten mit dem Erzherzog Karl, um mit ihm Wien und die Monarchie zu retten, aber die unglückliche Schlacht bei Austerlitz und der darauffolgende Friede vereitelte auch diese Absicht. Nach dem Verluste Tirols bestimmte er seine.Sammlungen über dieses Land, das er zeither vielfach zum Gegenstände seiner naturwissenschaftlichen und antiquarischen Studien gemacht, der Universität zu Innsbruck, die ihn zu ihrem beständigen Rector gewählt hatte- Von jetzt an richtete er seine Forschungen auf die Norischen Alpen, auf die Alpen von Salzburg, Steiermark und Kärnten, und von Naturforschern, Antiquaren, Zeichnern und Malern begleitet, durchzog er das Land nach allen Seiten, um die Geschichte, Alterthumskunde und den ethnographischen und staats- und landwirthschaftlichen Zustand desselben möglichst vollkommen aufzuhellen. Zugleich faßte er jetzt schon den Plan zur Gründung des Johanneums in Grätz, den er 1811 verwirklichte. Als bald nach dem tilsiter Frieden in Ostreich neue Rüstungen begannen, arbeitete er an einem Systeme des Angriffs und der Vertheidigung für Salzburg und Jnner- vstreich. Unter seinem Vorsitze wurden die großen Maßregeln der Reserven und der Landwehr beschlossen und ausgeführt. Er leitete durch Hormayr (s. d.) die Vorbereitungen zu dem ruhmvollen tiroler Aufstande, befehligte beim Ausbruche des Krieges von 1809 das nach Italien und Tirol bestimmte Heer von Jnneröstreich, siegte beiVenzone und Por- denone, schlug bei Saeile den Vicekänig Eugen und war bis an die Etsch vorgedrungen, als die Unfälle des östr. Heers bei Landshut, Eckmühl (s. d.) und Regensburg ihn zum Rückzuge nöthigten. An der Piave kam es abermals zu einer Schlacht, deren Ausgang für ihn zwar ungünstig, doch ohne große Folgen war, und erst das Treffen bei Tarvis entschied den weitern Rückzug. Sein Plan, die ihm entgegcnstehcnden Feinde einzeln zu schlagen, die verlorene Verbindung mit Tirol zu eröffnen, Jnneröstreich zu befreien und durch einen Marsch gegen Wien Napoleon's Macht zu theilen, wurde vereitelt. Am 14. Juni verlor «r die Schlacht bei Raab gegen den Vicekönig Eugen meist durch die Schuld der ungar. Johann von Ostreich Johann (Herzog zu Sachsen) 673 Znsurrection, worauf er sich nach Komorn und Presburg zog. Bei der Schlacht von W a gram (s. d.) hatte er Befehl, sich mit dem äußersten linken Flügel des Erzherzogs Karl zu vereinigen, was, wenn er es hätte bewerkstelligen können, wahrscheinlich dieser Schlacht eine andere Wendung gegeben haben würde. An dem Kriege von >813—14 nahm er keine» Antheil, dagegen leitete er 1815 die Belagerung der Festung Hüningen, die er, nachdem er die Übergabe erzwungen, schleifen ließ. Darauf ging er nach Paris, besuchte England und kehrte 1816 in die Heimat zurück. Seitdem lebt er zumeist in Grätz, das als Hauptstadt Steiermarks, des Landes, welches er vorzugsweise liebt, ihm und seinem fast bleibenden Aufenthalte daselbst sehr viel zu danken hat. Johann von Oestreich, s. Iwan d'Austria. Johann (Nepomuk Maria Joseph, Prinz), Herzog zu Sachsen, einer der geist- reichsten und gebildetsten aller Prinzen, der Bruder des regierenden Königs Friedrich August ll. (s. d.) von Sachsen, wurde in Dresden am 12. Dec. 1801 geboren als jüngster Sohn des Prinzen Maximilian mit seiner ersten Gemahlin, der Prinzessin von Parma. Seine erste Erziehung leiteten der General von Forell und der Freiherr von Weffenberg; später wurde der General von Watzdorfs sein Führer. Den Religionsunterricht erhielt er nacheinander durch den Abbe de Sylvestre, den Pater Löffler und den nachherigen Bischof Mauermann. In die Mathematik wurde er durch den Oberstlieutenant Fleischer und den Major von Eppendorf, in die juristischen und staatswisscn- schastlichen Studien durch den Hofrath Stübel cingeführt. Gleichzeitig machte er umfassende geschichtliche und sprachliche Studien; auch beschäftigte ersieh eifrig mit schöner Literatur und Musik, namentlich war es die ital. Sprache, die er zu seinem Lieblingsstudium sich erwählte. Um sich mit dem praktischen Staatsleben vertraut zu machen, trat er bereits in seinem 20. Jahre mit Sitz und Stimme in das Geh. Finanzcollegium ein. Eine Reise nach Italien im I. 1821 mit seinem ältern Bruder Clemens, der dort starb, befestigte ihn noch mehr in seiner Vorliebe für die ital. Literatur. Nach der Rückkehr entschloß er sich, vielleicht angeregt durch die Ereignisse in Griechenland, auch noch die griech. Sprache zu erlernen, für die er den Hofrath Böttiger als Lehrer erwählte. So bildete er sich nicht nur zum scharfsinnigen Juristen und gewandten praktischen Staatsmann, sondern zugleich zum feinen Erforscher der ital. Literatur und gründlichen Kenner der griech. Sprache. Im I. 1825 übernahm er neben dem Präsidenten Freiherrn von Manteuffel das Vicepräsidium im Geh. Finanzcollegium. Bald nachher ließ er als eine gereifte Frucht seiner ital. Sprachstudien die ersten zehn Gesänge von Dante's „Hölle" in reimfreien Elfsylbern, mit einem Philalethes Unterzeichneten Vorwort und einigen Anmerkungen, zur Privatvertheilung drucken. Auch nahm er vielen Antheil an dem 1824 gestifteten Königlich sächs. Alterthumsverein, an dessen Spitze er noch gegenwärtig als höchster Vorstand steht. Der Besitz des Ritterguts Jahnishausen veranlaßte ihn sogar, der Landwirthschaft seine Aufmerksamkeit zuzuwcnden. In ungezwungenen Abendgesellschaften versammelte er sehr gern einen Kreis gebildeter Männer um sich. Doch erst durch die Ereignisse des I. 1830 wurde er mehr in die Öffentlichkeit gedrängt und seine Thätigkeit der großen Masse des Volks sichtbarer. Nach der Erwählung seines ältesten Bruders zum Mitregenten trat er an die Spitze der zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe nicdergesetzten Commission; auch übernahm er das Generalcommando der Communalgardcn, das er noch gegenwärtig mit Liebe und Eifer und mit einer heilsamen Mischung von Gesetzesstrenge und Billigkeit führt. Gleichzeitig erhielt er Sitz und Stimme im Geh. Rath, bis dieser aufgelöst wurde, worauf er den Vorsitz im Staatsrathe bekam; auch führte er bis zum Frühjahr 1831 das Präsidium im Geh Finanzcollegium. Die Verfassung, an deren Zustandekommen er den thätigsten Antheil nahm, wies ihm, als Prinzen des königlichen Hauses, einenPlatz in der ersten Kammer a-,, in der er seitdem mit dem beharrlichsten Eifer seine Liebe zum Vaterlande, seine Wäpme für die Sache der Humanität, seine genaue Kenntniß der Bedürfnisse der Zeit und seine seltene Vertrautheit mit Theorie und Praxis des Staatslebens bewährte. Er nahm den regsten, lebendigsten Antheil an Verathungen und Debatten und unterzog sich in den Deputationen, in die ihn die Wahl der Mitstände berief, den mühevollsten Arbeiten. Als Mit- Conv.-Lex. Neunte Aufl. VII. 43 674 Johanna (Päpstin) Johanna I. (Königin von Neapel) glied der Deputation, welche den Entwurf des Criminalgesctzbuchs zu begutachten hatte, trug er als Referent wesentlich zu dem verhältnißmäßig raschen Zustandekommen dieses so umfänglichen Werks bei. Großen Einfluß übte seine Stimme auch bei Berathung des den Ständen 1842 vorgelegten Entwurfs einer Strafproceßordnung, der die Beibehaltung des geheimen schriftlichen Verfahrens bezweckte. In der Kammer wie im Privatleben zeigte er sich als einen entschiedenen Anhänger und eifrigen Verthcidiger der katholischen Kirche. Nach dem Tode seines Vaters, am 3. Jan. >838, trat er in den Besitz der Sccundoge- nitur. Im Sommer >838 machte er abermals eine Reise nach Italien, die er bis nach Sicilien ausdehnte. Einen, schönen Beweis seiner fortgesetzten sprachlichen Studien lie- ferte er in der metrischen Übertragung der „Göttlichen Komödie" mit kritischen und hi- storischen Erläuterungen (2 Bde., Dresd. und Lpz. 1839— 40, 4.). Seine am 21. Nov. 1822 geschloffene Ehe mit der Prinzessin Amalie Auguste, geb. am 13. Nov. >801, der Tochter des Königs Maximilian von Baiern und ältern Schwester der Königin Marie von Sachsen, ist bis jetzt mit drei Prinzen, Albert, geb. >828, Ernst, geb. I83l, und Georg, geb. 1832, und sechs Prinzessinnen gesegnet. Die Erziehung der Prinzen leitete unter den Augen der Ältern der Geh. Rath von Langcnn (s. d.) bis zum I. >845, wo derselbe dieses Auftrags enthoben und zum Wirklichen Geh. Rath und Dircctor des Justizministeriums befördert wurde. Johanna, die Päpstin, welche nach einer im 11. Jahrh. zuerst auftretenden und seit dem 13. Jahrh. allgemein geglaubten Sage, unter dem Namen Johannes Anglicus oder JohannVIII., zwischen Leo IV., gest. 855, und Benedict III., gest.858, den päpstlichen Stuhl innegehabt haben soll, war angeblich engl. Abkunft, in Mainz geboren und studirte als Mann verkleidet in Athen. Später kam sie nach Nom, wo sie zuerst als Notar arbeitete und nach und nach bis zur päpstlichen Würde sich emporschwang, nach drittehalbjähriger Negierung aber durch ihre unvorhergesehene Entbindung auf der Straße bei einer Procession ihr Geschlecht verrieth. Das Unhistorische dieser Erzählung ergibt sich daraus, daß nach Urkunden, Briefen und Münzen des 9. Jahrh. BenedictIII. bereits im I. S55 den päpstlichen Stuhl bestieg, also unmittelbar auf Leo IV. folgte. Der Sinn der Dichtung aber scheint eine Satire entweder auf die ausschweifenden und unter weiblichem Einflüsse stehenden Päpste Johann VIII., X., XI. und XII. oder auf den Ursprung der Pseudo- isidorischen Decrctalen zu sein. Auch wollte man vielleicht auf diese Weise gewisse eigenthümliche Ceremonien bei der Papstweihe historisch begründen. Vgl. Blvndel, „äosnna kapissa" (Amst. 1657). Johanna I., Königin von Neapel, 1 343—82, geb. 1 326, war die älteste Enkelin des Königs Robert von Neapel, aus dem Hause Anjou. Nach dem Tode ihres Vaters, des Herzogs Karl von Calabricn, gest. 1 328, vermählte sie König Robert 1 333 mit Andreas, dem Sohne des Königs Karl Robert von Ungarn, aus dem Hause Anjou. Er ließ ihr, als seiner Nachfolgerin, huldigen, gab seinem Eidam das Herzogthum Calabricn und ernannte einen vormundschaftlichen Rath. Mit Andreas waren Ungarn als Räthe des jungen Fürsten nach Neapel gekommen, die durch Roheit und Willkür sich verhaßt machten. Als nun diese nach König Nobert's Tode, 1 343, verlangten, daß Andreas zugleich mit seiner Gemahlin als König gekrönt werden sollte, widersetzten sich die Anhänger des Hauses Tarent; der Vetter der jungen Königin, der Prinz Ludwig von Tarent, gewann um so leichter deren Vertrauen und Liebe, da sie von Seiten ihres Gemahls einer sehr rohen Behandlung auSgesctzr war. Am 20. Aug. 1345 wurde Andreas in dem Schlosse bei Avcrsa neben der Königin Schlafgemach von Verschworenen erdrosselt. Man klagte dieselbe der Mitschuld an, ohne Solches beweisen zu können, und mehre Verdächtige wurden grausam hingerichtet. Da hierauf der Prinz Ludwig von Tarent das Herzogthum Calabricn, auf welches der mächtigste Anhänger des ermordeten Andreas, der Prinz Karl von Durazzo, Ansprüche machte, in Besitz nahm, so kam es nun zu offenem Streite zwischen der ungar.-du- razzisHen und der tarentinischen Hofpartei. Mitten in dieser blutigen Verwirrung feierte die Königin am 20. Aug. 1 347 ihre Vermählung mit Ludwig von Tarent. Nunmehr überzog König Ludwig I. der Große von Ungarn, um den Tod seines Bruders Andreas zu rächen, Neapel im Dec. 1317 mit Krieg. Die Königin verglich sich nun zwar mit Karl von Du- 675 Johanna H. (Königin von Neapel) razzo; doch von dem siegreichen Ungarkönig geschlagen, mußte sie in die Provence fliehen, worauf sie Schuh bei dem Papste in Avignon suchte. Der Papst erklärte die Königin für unschuldig an der Ermordung des Andreas; auch wurde sie später von einem deshalb nie- dergesehten Gerichte in Avignon 1350 völlig frcigesprochen. Inzwischen hatte der Ungarkönig die Prinzen des Hauses Durazzo in seine Gewalt bekommen und Karl von Durazzo wegen seines Abfalls von der ungar. Partei im Jan. 1348 enthaupten lassen. Allein bald erregte der Druck seiner ungar. Statthalter in Neapel so viel Unzufriedenheit, daß man an eine Zurückberufung der Königin dachte. Nachdem dieselbe, um Geld zu erlangen, im Juni >338 Avignon dem Papste für 80,000 Fl. verkauft hatte, segelte sic nebst ihrem Gemahl im Aug. 1338 mit zehn genues. Galeeren nach Neapel. Der nun beginnende kleine Krieg wurde aber von den Söldnern der Königin so lässig geführt, daß die ungar. Partei, der 1350 der König Ludwig von Ungarn persönlich zu Hülfe eilte, bereits große Fortschritte gemacht hatte, als es dem Papste gelang, 1352 den Frieden zu vermitteln, zufolge dessen der Ungarkönig gegen die versprochene Summe von 300,000 Fl., die aber niemals gezahlt wurde, das Königreich räumte. Doch das Land war erschöpft; die Barone führten die alten Fehden fort; die zwar schöne und geistreiche, aber auch üppige und verschwenderische Königin und ihr ebenso leichtsinniger Gemahl, der zum König gekrönt wurde, waren ohne Ansehen. Die Brüder des enthaupteten Prinzen Karl von Durazzo und andere Große erhoben 1353 die Waffen gegen den Hof, und der Papst that die Königin und ihren Gemahl in den Bann. Nachdem letzterer 1362 gestorben, vermählte sich die Königin noch in demselben Jahre mit dem Titularkönig Jakob III. von Majorca, der aber durchaus keinen Einfluß auf die Negierung übte und die meiste Zeit in Spanien zubrachte, wo er 1373 starb. In Neapel herrschte jetzt zwar Ruhe, aber keine Ordnung. Der Königin eigene Kinder waren gestorben; sie bestimmte daher Margaretha, die Tochter ihrer 1366 verstorbenen Schwester Maria und des ersten Gemahls derselben, des enthaupteten Prinzen Karl von Durazzo, zu ihrer Nachfolgerin und vermählte sie 1368 mit Karl dem Kleinen von Durazzo, dem Sohne des Grafen Ludwig von Gravina, des OheimS der Margaretha. Da indeß Karl der Kleine seit 1370 in Ungarn lebte, der König Ludwig von Ungarn aber wieder Ansprüche an Neapel zu erheben begann, so vermählte sich die Königin >376, um eine neue Stütze zu haben, mit einem Condottiere, dem Prinzen Otto von Braunschweig, und gab ihm das durch den Tod des kinderlosen Philipp 1373 erloschene Fürstenthum Tarent. Hiermit war aber Karl der Kleine von Durazzo sehr unzufrieden; daher reizte ihn der Papst Urban VI., welchen die Königin durch die Aufnahme des Gegenpapstes Clemens VII. beleidigt hatte, zum Kriege gegen Neapel, erklärte die Königin des Thrones für verlustig und that sie in den Bann. Die Königin adoptirte nun am 29. Juni 1380 den Herzog Ludwig von Anjou, zweiten Sohn des Königs Johann des Guten von Frankreich, und setzte ihn zum Erben ein. Ehe dieser aber der bedrängten Königin zu Hülfe kommen konnte, eroberte Karl von Durazzo, der in Rom von Urban VI. mit der Krone von Neapel belehnt worden, durch Ungarn mit Truppen und vom Papste mit Geld unterstützt, am >6. Juli 1381 die Hauptstadt. Der Prinz Otto wurde gefangen, die Königin mußte sich durch Capitulation ergeben und Karl von Durazzo ließ nun auch seine aus Ungarn zurückgekehrte Gemahlin Margaretha krönen. Allein bald erhoben sich mehre neapo- litan. Große für Ludwig von Anjou, welcher mit einem Heere aus dem ober» Italien aufgebrochen war, und Karl beschloß deshalb den Tod der gefangenen Königin. Am 22. Mai >382 wurde sie in dem Schlosse Muro in Basilicata erdrosselt. Ihr Gemahl Otto aber entkam aus der Gefangenschaft und entfloh in die Provence. Johanna II-, Königin von Neapel, 1313—35, war die Tochter Karl des Klemen und Margaretha's von Durazzo, geb. 1371, und Enkelin der Maria, der Schwester der Königin Johanna 1. Nachdem Ludwig von Anjou 1383 gestorben und Karl der Kleine >386 in Ungarn erschlagen worden war, hatte Margaretha ihren unmündigen Sohn La- dislaus zum König von Neapel ausrufeir lassen und als Vormünderin die Regierung übernommen. Dagegen bemächtigte sich die Witwe Ludwig's von Anjou, Marie von Bretagne, als Vormünderin ihres Sohnes Ludwig's II. der Provence, und rüstete ein Heer aus, mit 43 * 676 Johannes der Täufer welchem Otto von Braunschweig im Oct. 1387 nach Neapel zog, wo Margarethas Regierung viel Unzufriedenheit erregt hatte, und die Hauptstadt besetzte. Der Krieg zwischen den Parteien Anjou und Durazzo dauerte nun mit abwechselndem Glücke fort. Ladislaus wurde >399 als König von Neapel gekrönt; dasselbe geschah mit Ludwig ll. durch den Papst Clemens VII. in Avignon. Endlich entschied der Papst Bonifaz IX. am >. Juni 1398 den Streit zu Gunsten des Königs Ladislaus, der nun im I. >499 Neapel mit Ca- pitulation einnahm, worauf Ludwig II. in die Provence zurückkehrte, wo er >417 mit Hinterlassung zweier Söhne, Ludwig's III. und Renatus', starb. Als Ladislaus sein zügelloses Leben am 6. Aug. 1414 beschlossen, wurde seine Schwester als Johanna ll. zur Königin ausgerufen. Sie war 1389 mit dem Erzherzog Wilhelm von Ostreich vermählt worden und hatte nach dessen Tode im I. 1499 in Neapel ein freies Witwenleben geführt. Ihr Liebhaber Pandolfo Alopo erhielt nach ihrer Thronbesteigung die Würde eines Groß- kämmerers; doch sein Einfluß erregte'sehr bald die Eifersucht der Großen, welche die Königin bewogen, 1415 sich mit dem tapfer» Grafen de la Marche, Jakob von Bourbon, zu vermählen. Dieser ließ den tyrannischen Günstling Alopo enthaupten und hielt selbst die Königin in einer Art von Abhängigkeit; allein auch er machte sich den neapolitan. Großen verhaßt, weil er zu sehr seine Landsleute, die Franzosen, begünstigte. In Folge einer Verschwörung der Großen mußte er >417 der königlichen Gewalt ganz entsagen und sich mit dem Fürstenthume Tarent begnügen. Zwar kehrte er 1 > 19 an den Hof zurück, doch fand er sich hier so zurückgesetzt, daß ec das Königreich verließ und als Franciscaner 1438 starb. Darauf erhielt Sforza, ein berühmter Condottiere, die Würde als Großconnetable, Giovanni de Caraccioli aber wurde der Königin Günstling. Die gegenseitige Eifersucht der beiden stolzen Männer erregte bald neue Wirren. Sforza trat, vom Papste Martin V. veranlaßt, in die Dienste Ludwig's III. von Anjou, ließ ihn 1429 zum Könige von Neapel ausrufen und belagerte Neapel. Die Königin adoptirte nun den König Alfons V. von Aragon und ernannte ihn zum Thronerben. Allein ehe dieser tapfere Fürst ihr zu Hülse kommen konnte, mußte sie sich mit Ludwig III. von Anjou, dem Papste und Sforza vergleichen. Alfons trat nun an die Spitze der ehemals ungar.-durazzischen Partei und hielt am 7. Juli 142 l seinen Einzug in Neapel. Hier erregte er indeß bald durch seine Persönlichkeit die Eifersucht Caraccioli's; Jntriguen mischten sich in die Unterhandlungen; seine Partei verstärkte sich durch den Zutritt mehrer Barone von der Partei Ludwig's von Anjou, und aus Furcht vor seiner wachsenden Macht zog sich die Königin in das Castell von Capua zurück. Von Alfons belagert, durch Sforza befreit, erklärte sie hierauf Alfons aller Ansprüche auf Neapel verlustig und adoptirte > 423 Ludwig III. von Anjou. Als AlfonS dringender Angelegenheiten wegen sich nach Aragon begeben, fiel 1424 die Hauptstadt in die GewaltLudwig's von Anjou, und nur das neue Castell blieb von den aragonischen Söldnern besetzt. Aus Eifersucht gegen Ludwig III. wendete sich Caraccioli seit 1429 wieder Alfons zu und vermittelte 1439 einen Vertrag zwischen ihm und der Königin. Allein allmäliz wurde nun auch der übermüthige und nach Landbesitz strebende Caraccioli der Königin, die er sogar körperlich mishandelte, so verhaßt, daß sie ihn fallen ließ. Ohne ihr Wissen und Wollen wurde er 1432 ermordet. Nachdem Ludwig III. 1434 zu Cosenza verstorben und seine Ansprüche auf Neapel auf seinen Bruder Renatus übcrgegangen waren, setzte auch die Königin diesen zum Erben des Königreichs ein. Siestarbam2.Febr.l435. Vgl. Dom. Crivklli, „Deilaprima e üella secoixia (Havanna, regine cli lXapali"(Padua I 832). Johannes der Täufer, der Verwandte und Zeitgenosse Jesu, war der Sohn des jüd. Priesters Zacharias und wurde muthmaßlich im I. 749 nach Noms Erbauung (5 v. Chr.) zu Jutta im Stamme Juda geboren. Er wählte die strenge Lebensart eines Nasiräers und trat im 15. Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius (29 n. Chr.) in der Wüste Juda auf, mit prophetischem Ernste zur Besserung mahnend und durch die Taufe im Jordan dazu verpflichtend. In Jesu, den er ebenfalls taufte, erkannte er nach der Angabe des Evangeliums Johannis den Höher», dem er nur Bahn zu machen habe, doch scheint er zu dem reinern Messiasbegriffe, der in der Seele Jesu lebte, sich nicht erhoben zu haben. Wenigstens führen daraus einige Andeutungen in den übrigen Evangelien, vor Allem aber der Umstand, daß dieSchüler des I. selbst nach dem Tode desselben eine be- Johannes (der Evangelist) Johannes Parricida 677 sondere Sekte zu bilden fortfuhrcn, später gnostische Lehren annahmen und noch gegenwärtig unter dem Namen derIohanni § jüngeroder Sabier (s. d.) im Orient bestehen. Thesis die offene Erklärung des I. gegen die Ehe des Herodes Antipas mit Hero- dias, der Gemahlin seines Bruders Philippus, theils wol auch politische Besorgnisse des Herodes bewirkten, daß er in die Feste MachäruS gebracht und spater enthauptet wurde. Die Kirche hat, mit Ausnahme einiger Sekten des Mittelalters, der Person des Täufers stets Achtung gezollt. (S. Johannista-g.) Auch steht er, da er von Alters her in England als Schußheiliger der Bauleute galt, bei den Freimaurern in hohen Ehren, welche den Io- hannistag als das größte Maurcrfest begehen. Val. Rohden, „I. der Täufer" (Lüb. > 838). Johannes der Evangelist, der vertrauteste Jünger Jesu, war der Sohn eines Fischers, Namens Zebedäus, und der Salome. Früher vielleicht ein Schüler Johannes des Täufers, schloß er sich innig an Jesus an und erfaßte dessen Geist und Plan mit der ganzen Tiefe seines religiösen Gcmüths. Nach dem Heimgange des Erlösers nahm er die Maria zu sich, wirkte für die junge Christengemeinde in Jerusalem und in Samaria, vornehmlich aber in Ephesus als Haupt der Vorderasiat. Gemeinde. Unter Kaiser Domitian nach Patmos (s. d.) verwiesen, soll er unter Ncrva nach Evhesus zurückgekehrt und hochbetagt im I. 10 > n. Ehr. gestorben sein. Sein „Evangelium" stellt die Persönlichkeit Christi mit Berücksichtigung emanatistischer Ideen dar, die in Kleinasien herrschten, und ist gegen ältere und neuere Zweifel als echt anzuerkcnnen, wenn auch vielleicht einzelne Theile desselben eine spätere Überarbeitung erfahren habe». Dagegen hat er die „Apokalypse", welche in prophetisch-symbolischer Form die Zukunft und Vollendung des Gottesreichs schildert und wahrsckeinlich erst nach der Zerstörung Jerusalems abgefaßt ist, entschieden nicht geschrieben. Nach den neuesten Forschungen soll sie gleich dem zweiten und dritten Briefe des I. ein Werk des ephesinischcn Presbyters Johannes, eines Freundes und Nach- folgers des Apostels, sein. Die besten Commentare zu den Schriften des I. sind von Lücke (t. Aust., Bonn >814) und Baumgartcn-CrusiuS (Bd. l, Jena 18.14). Vgl. Schweizer, „Das Evangelium Johannis nach seinem inner» Werthe" (Lpz. 1841). Johannes Chrysorrhoas aus Damask, deshalb gewöhnlich Joannes Da- mascenus genannt, der Verfasser des dogmatischen Hauptlehrbuchs für die morgenländ. Kirche, gcb. um 700, stand als Schatzmeister in Diensten des Khalifen und hieß als solcher Al Mansur. Im I. 7 30 wurde er Mönch im Kloster Saba bei Jerusalem und starb um 760. In seiner „Auseinandersetzung des orthodoxen Glaubens" bearbeitete er die Dogmatik als ein Ganzes nach den dialektischen Grundsätzen des Aristoteles, jedoch nicht ohne manche Platonische Idee cinzumischcn. Außerdem schrieb er eine Dialektik, polemische Schriften gegen die Bilderstürmer und einen Dialog zwischen einem Christen und Sarazenen. Für sein Ansehen spricht schon, daß er selbst in der röm. Kirche heilig gesprochen wurde und daß er noch gegenwärtig in der griech. Kirche als dogmatische Norm gilt. Die beste Ausgabe seiner Werke lieferte Lequien (griech. und lat.; 2 Bde., Par. 1712, Fol.). Johannes Parricida, auch Johann von Schwaben genannt, wurde der Mörder seines Oheims, des Kaisers Albrecht's l. (s. d.). Sein Vater, gleich Albrccht, ein Sohn Rudolfs von Habsburg, war über die östr. Ttammlande mitbelehnt, seiner Mutter Agnes die Grafschaft Kyburg als Morgengabe besonders verschrieben und von ihr, einer böhm. Königstochter, waren nach Wenzel's UI. Tode gegründete Näherrechte auf Böhmen ihm vererbt worden. Als nun J., zur Volljährigkeit herangewachsen, den König wiederholt um sein Erbthcil bat, weigerte sich dieser, ungeachtet der Fürsprache mchrer Bischöfe, besonders des Mainzer Erzbischofs Peter Aichspalter, sogar sein mütterliches Erbland Kyburg, auf das zuletzt I. seine Wünsche beschränkte, demselben auszuliefern. Hierüber erbittert, bcschloßJ. sich zu rächen und verschwor sich mit den oberschwäb. Rittern Walther von Eschenbach, Rudolf von Palm, Rudolf von der Wart, Konrad von Tcgcrfeld, Walter von Castelen u. A., welche gleichfalls Kränkungen erlitten hatten, gegen des Königs Leben. Als nun Albrecht am >. Mai 1308 auf einer Reise von Baden im Aargau nach Brugg bei Windisch über die Neuß übersetzte, drängten sich die Verschwo- renen an ihn und ermordeten, ehe die übrigen Begleiter wlgen konnten, den Kaiser in der Gegend de§ alten Vindonissa auf dem Grund und Boden seines Stammguts. Die Ver- 678 Johannes Secundns Johannisberg schworcnen entflohen /jeder einzeln, I. in Mönchstracht nach Italien, wo er sich lange Zeit in Dunkelheit zu verbergen suchte. Nach Einigen soll er später vom Papst Clemens V. zu Avignon Verzeihung erbeten und erhalten haben und als Augustinermönch zu Pisa gestor- ben sein, nach Andern als Mönch, ohne daß man ihn erkannt, auf dem Stammgute Eigen gelebt und erst bei seinem Tode, 1368, sich als den unglücklichen Herzog von Schwaben zu erkennen gegeben haben. Kaiser Heinrich VII. sprach bald nach seinem Regierungsantritt zu Speier über die Mörder seines Vorfahren die Acht aus. Vorher aber schon hatten Elisabeth, die Gemahlin, und die verwitwete Ungarnkönigin Agnes, die Tochter des Ermordeten, grausame Rache an den Verschworenen und ihren Freunden und Verwandten, deren sie irgend habhaft werden konnten, geübt. Ihre Burgen wurden zerstört, die Besatzungen ermordet, überhaupt mehr als 1666 unschuldige Männer, Weiber und Kinder meist durch Henkcrshand hingerichtct. Palm verbarg sich geraume Zeit in Basel und verschwand dann für immer, Walther von Eschcnbach diente 35 Jahre lang als Hirt im Würtembergischen; nur Rudolf von der Wart, der nach Hochburgund zum Grafen Dietpold von Blamont geflohen war, wurde von diesem ausgcliefert, an dem Schweife eines Pferdes geschleift und lebendig aufs Rad geflochten, wo er nach drei Tagen und Nächten, während seine treue Gemahlin nicht von seiner Seite wich, schmerzvoll starb. Die Königin Agnes stiftete auf dem Felde, wo der Mord geschehen war, ein Mönchs- und ein Frauenkloster, Königs- felden genannt, das mit ansehnlichen Gütern reichlich beschenkt und dessen Hochaltar auf der Stelle angelegt wurde, wo der König gestorben war. Johannes Secundns, eigentlich Jan Nicolai Evcrard, einer der berühmtesten neuern lat. Dichter, wurde am 14. Nov. 1511 im Haag geboren, wo sein Vater, der nachmals unter Kaiser Karl V. in Mecheln Präsident des Hohen Raths von Holland war, als Jurist lebte. Er studirte zu Bourges die Rechte und wurde Doctor derselben; doch grüßen: Reiz hatten für ihn die schöne Literatur und Dichtkunst. Auch zeichnete er sich durch seine Kenntnisse in der Malerei, der Bildhauer - und Kupserstecherkunst aus, was ihn zu Schoreel's Freund machte. Zur Ausbildung seiner Talente reiste er nach Italien, darauf nach Spanien, wo er Secretair des Cardinals Tavera, Erzbischofs von Toledo, wurde, aus dessen Rath er im Sommer 1535 KarlV. auf seinem Zuge nachTunis begleiten sollte. Doch erlaubte ihm seine schwache Gesundheit nicht, den Mühseligkeiten des Kriegs sich zu unterziehen, weshalb er nach den Niederlanden zurückkehrte, wo er am 24.Sept. 1536 zu Utrecht starb. Unter-seincn lieblichen erotischen Dichtungen in klassischem Latein sind seine „vasia" (Utr. 1539 und öft.; deutsch von Passow, Lpz. 1867) am bekanntesten. Seine „Opera poetica", bestehend in Elegien, Oden, Epigrammen und vermischten Gedichten, wurden zuerst von seinen Brüdern, Nik. Gaudius und Andr. Marius, die gleichfalls als Dichter sich auszeichneten (Par. 1541; neue Ausg. Gött. > 748 ), am vollständigsten und besten aber von Bosscha (2 Bde., Leyd. 1821) herausgegeben. Johannisbeere, die Frucht des Johannisbeerstrauchs (Ribss rubrum), erscheint in zwei Hauptsortcn, der rothen und der schwarzen. Von der rothen unterscheidet man wieder folgende, durch die Cultur allmälig hervorgerufenen Spielarten: die kleine ro- the, die eigentliche Stammform und die gemeinste in den Gärten; die große rothe holländische, mit großer, schöner, kirschrothcr Frucht von besonderer Güte; die große rothe mit dutigen Blättern, aus England stammend; die große fleischrothe mit angenehmer Frucht und die große und kleine weiße englische. Wild kommt die Stammform in den Voralpen des südlichen Deutschlands, verwildert im Mittlern und nördlichen Deutschland vor; übrigens gedeiht die Johannisbeere in jedem Boden und in jeder Lage. Von der schwarzen Johannisbeere unterscheidet man die klcinbeerige, die großbeerige und die mit gescheckten Blättern. Wild konzmt die schwarze Johannisbeere in den Gebirgswäldern von Frankreich und Deutschland vor. Die Früchte derselben haben einen wanzenartigcn Geschmack; Blätter und Zweige besitzen eine urintreibende Kraft und dienen abgekocht gegen Gicht und Rheumatismus. Johannisberg oder Bischossberg, ein schönes Bergschloß im Rheingau, im Herzogthum Nassau, oberhalb Nüdcshcim, Bingen schräg über gelegen, hat theils durch den, namentlich auf dem dasigen Schloßberge in einer röthlichen Erde wachsenden trefflichen Rheinwein, theils durch die diplomatischen Zusammenkünfte, die mehrmals hier statt- Johannisbrot Zohanniterritter 679 anden, Berühmtheit erlangt. Das Bergschloß wurde 1722—32 auf den Ruinen eines alten Bencdictinerklosters erbaut, gehörte früher nebst Zubehör zum Bisthum Fulda, wurde , >507 von Napoleon dem Marschall Kellermann geschenkt und >816 vom Kaiser Franz dem Fürsten Metternich zu Lehn gegeben. Die Einkünfte betragen 30000 Fl.; denWein- zehent erhält der Kaiser von Ostreich, der sich die Oberherrlichkeit Vorbehalten hat. — Das Schloß Johannisberg im östr. Schlesien gehört dem jedesmaligen Fürstbischof von Breslau, der hier im Sommer residirt. Zu dem Schlosse führt eine Terrasse von 30V Stufen; von dem Thurme genießt man eine reizende Aussicht-in die malerische Umgegend. Johannisbrot nennt man die-Frucht eines an den Küsten Nordafrikas, Spaniens und Südfrankreichs wachsenden Baums von mittlerer Größe (Oerstoniu siliquss, der in die Familie der Hülsengewächse gehört. Die reifen Hülsen, in den Apotheken 8ili <>»Icos genannt, sind in den Gegenden, wo sie wild wachsen, eine Nahrung der nieder» ! Volksclassen. In Ägypten wird aus ihnen ein Syrup bereitet, in welchem man andere Früchte einmacht. Da sie nährend und zugleich gelind abführend sind, so werden sie auch den Bcusttheen zugesetzt. Johannischristen, s- Sabicr. Johannisfeuer oder Würzfeuer, ein heidnischer in die christliche Kirche überge- gangener Gebrauch. Schon bei den Römern feierte man das Fest der Besta durch ange- zündele Feuer unter Tanz und andern Belustigungen. In den ältesten Zeiten der Kirche pflegte man in der Nacht vor dem Johannistage (s. d.) Feuer anzuzünden, über die man hinwegsprang, um durch den aufsteigenden Dampf den Teufel von sich zu bannen. Zu gleichem Zwecke zündete der Aberglaube später am Johannistage geweihte Kräuter an, die man auf Kohlen verdampfen ließ, und noch gegenwärtig werden in Thüringen und anderwärts am Vorabende des Johannisfestes auf den Bergen Holzhaufen verbrannt. Johannistag heißt das Fest, durch welches die christliche Kirche am 24. Juni das Andenken Johannes des Täufers (s. d.) von Alters her ehrt. Die Katholiken feiern ^ außerdem noch am 20. Aug. die Enthauptung des Johannes. In der evangelischen Kirche, z. B. auch in Sachsen, wird der Johannistag nicht mehr als besonderes Fest begangen, sondern die Feier desselben mit dem Nächstliegenden Sonntag verbunden; nur in Leipzig feiert man ihn noch besonders und schmückt an diesem Tage die Gräber mit Blumenkränzen. Johanniswürmchen, s. Glühwurm. Johanniterritter. Bereits im I. >048 legten Kaufleute aus Amalfi zu Jerusalem eine Kirche nebst einem Mönchskloster an, womit sie bald ein Hospital nebst einer dem heil. Johannes geweihten Kapelle verbanden. Hiervon führten die Mönche, welche verpflichtet waren, kranke und arme Pilger zu verpflegen, den Namen Johanniter oder Ho Spitalbrüder. Dieselben erhielten unter ihrem ersten Vorsteher, Gerhard Tonque, vom Papst Paschalis ll. eine eigene Ordcnsvcrfassung und von Gottfried von Bouillon u. A. bald große Besitzungen. Der zweite Vorsteher, Raimund von Puy, verwandelte im Anfänge des 12. Jahrh. den Orden, indem er zu dem Mönchsgelübde noch die Verpflichtung zum Kampfe gegen die Ungläubigen fügte, in einen geistlichen Ritterorden, nahm den Titel eines Ordcnsmeisters an und theilte sämmtliche Mitglieder in drei Classen: in Ritter zur Kriegführung, in Kapellane zum geistlichen Dienst und in dienende Brüder zur Verpfle- ^ gung der Kranken und Ecleitung der Pilgrime. Der Orden bildete und breitete sich allmä- lig immer mehr aus, gewann in fast allen christlichen Ländern große Besitzungen und Einfluß und erhielt von den Päpsten, die ihn als ein Werkzeug zu ihren Zwecken begünstigten, große Vorrechte. So kam cs denn, daß auch er, nachdem er eine Zeit lang streng seine Gelübde befolgt und tapfer die Ungläubigen bekämpft hatte, bald zu entarten anfing, übermüthig wurde, in böse Streitigkeiten mit den Templern und der Geistlichkeit im Morgenlande ge- rieth, ein ausschweifendes Leben zu führen anfing und dadurch zum Verluste Palästinas mit beitrug. Nach der Eroberung Jerusalems durch Saladdin im I. > >87 verlegte er seinen Sitz nach Ptolemais, und als auch dieses ein Jahrhundert später verloren ging, bega- den sich die Ritter nach Cypern, wo ihnen der König dieser Insel die Stadt Limisso cin- räumte, die sie jedoch' nur > 8 Jahre behielten, indem sie > 309 RhoduS eroberten und hier ihren Hauptsitz aufschlugen, weshalb sie auch Rhodiserritter genannt wurden. Hier 680 Zohamriterrltter hatten sie ernste Kämpfe mit den Türken zu bestehen, und berühmt ist ihre tapfere und glückliche Dertheidigung unter dem Großmeister Peter von Aubusson gegen die Türken unter Mohammed II., welche 1480 die Stadt Rhodus mit einer Ungeheuern Übermacht belagerten. Allein die Angriffe der Türken wiederholten sich, und von Europa verlassen, wurde der Großmeister Philipp be Villiers de l'Jsle Adam nach der hartnäckigsten Gegen- wehr vom Sultan Soliman 0. gezwungen, Nhodus am 24. Oct. 1522 zu übergeben. Die Ritter verweilten nun unstät nacheinander an mehren Orten, bis ihnen Karl V. 1530 die Inseln Malta, Gozzo und Comino unter der Bedingung eines beständigen Kriegs gegen die Ungläubigen und der Seeräuber und der Rückgabe dieser Inseln an Neapel, wenn es dem Orden gelänge, Nhodus wiederzuerobern, eigenthümlich als kaiserliches Lehn überließ, wovon sic nun auch Maltcserritter genannt wurden. Unter Jean de Lavalette, der seit 1537 Großmeister war, die Hauptstadt und Festung Lavalette (s. d.) baute und 1568 starb, schlugen sie >565 einen gewaltigen Angriff Soliman'S II. mit großem Verluste zurück und setzten darauf ihre Seekriege gegen die Türken, in denen sie allerdings mehrmals dem Untergänge nahe kamen, mit so viel Tapferkeit und standhaftem Muthe fort, daß sie bis zur franz. Revolution selbständig sich behaupteten. Allein diese brachte ihnen den Untergang ihrer Selbständigkeit. Schon hatten sie früher, in Folge der Reformation, ihre Güter in England, den Niederlanden und Skandinavien verloren, jetzt war dieses nun auch in Frankreich der Fall, und als sie von Bonaparte auf seinem Zuge nach Ägypten angegriffen wurden, ergab sich unter dem Großmeister Hompesch (s.d.) am lO.Juni >708 Malta ohne allen Widerstand durch verräterische Capitulation. Im I. 1800 eroberten engl. Flotten die Insel, und obschon im Frieden zu Amiens bestimmt wurde, daß sie dem Orden zu- rückgegebcn werden solle, blieb doch England seitdem im Besitz derselben. Zum Besten des Ordens hatte Hompesck, bald nachdem er Malta verlassen, auf seine Würde Verzicht geleistet, worauf am >6. Dcc. >708 der Kaiser Paul l. von Rußland zum Großmeister erwählt wurde; allein seine Wahl fand wegen seiner Religion vielen Widerspruch, besonders beim Papste, und der Kurfürst von Pfalzbaiern, Max Joseph, hob sogar am2I.Febr. 1700, um den Streitigkeiten mit Rußland auszuweichen, den Orden in seinen Staaten gänzlich auf und zog dessen Güter ein, was bald darauf in Folge der Zeitereignisse fast in allen Staaten, wo er noch Besitzungen hatte, geschah, >810—I I auch in Preußen, wo dafür 1812 der prcuß. Johannitcrorden, eine blos für den Adel bestimmte Dekoration, gestiftet wurde. Die einzigen noch übrigen Trümmer der Besitzungen waren das Großpriorat in Böhmen und zwei dergleichen in Rußland. Nach Paul's I. Tode ernannte oder bestätigte der Papst nacheinander mehre Italiener als Großmeister des Ordens, welcher, nach dem Verluste von Malta, zu Catania in Sicilien seinen Sitz genommen hakte. Nach der Vertreibung Napolevn's suchte der Orden auch seine Restauration zu bewerkstelligen, doch mit schlechtem Erfolg; im Gegcntheil kam er immer mehr herunter. Im I. 1826 erlaubte ihm der Pavst den Sitz des Ordenscapitels nach Ferrara zu verlegen und erst in neuester Zeit haben sich ihm wieder günstigere Aussichten eröffnet, besonders in Italien und in Ostreich, das die Balleicn des Ordens im lombard.-venetian. Königreiche wiederhergestellt hat. Das Oberhaupt dieses zur Zeit seiner Blüte beinahe durch ganz Europa, wo er allenthalben große Besitzungen hatte, verbreiteten Ordens wurde frei gewählt und führte den Titel Großmeister des heil. Hospitals zu St.-Johann in Jerusalem und Guardian der Armee Jesu Christi; von auswärtigen Mächten bekam der Großmeister den Titel eUterra emineu- tissims. Er bezog, außer einem Einkommen aus der Ordenskammer, alle Gefälle der ihm eigenthümlich überlassenen Inseln und hatte die weltliche Macht größtenteils in seinen Händen. Die geistliche Gewalt, d. h. die unmittelbaren Ordensangelegenheiten, wurden von dem Capitel geleitet, welches aus acht Abgeordneten der verschiedenen Zungen und den zwei ältesten Rittern, die sämmtlich den Titel Großkreuzr führten, bestand, und in welchem der Großmeister den Vorsitz hakte. Die vornehmsten Stellen in dem Orden bekleideten die Häupter der acht Zungen, in welche die Ritter nach den Nationen, aus denen sie bestanden, eingctheilt wurden. Die Zungen hießen Provence, Auvergne, Frankreich, Italien, Aragon, Deutschland, Castilien und England, welche letztere aber schon 1537 aufgehoben wurde; die Ländereien derselben waren in Priorate, diese in Balleien und diese wiederum John Bnll Johnson (Benjamin) 681 in Commendcn oder Commthurcicn cingetheilt. Unter den Prioraten hatte das deutsche den Vorzug und hieß deshalb Großpriorat. Es wurde von dem Großprior von Deutschland oder dem Johannitermeister durch Deutschland bekleidet, der ein deutscher Ncichsfürst mit Sitz und Stimme im Reichsfürstenrathc war, seine Residenz in Heitersheim hatte, welches mit dem dazu gehörigen Fürstenthum 1886 an das Großherzogthum Baden kam und die Gerichtsbarkeit über das Hcermeistrrthum Brandenburg, sowie über verschiedene andere Prioreien und Balleren in Deutschland besaß, von denen mehre in protestantischen Händen waren. Die Johanniterritter beobachteten die Regel des Augustinerordens; die Protestanten waren jedoch nicht verbunden, cheloS zu leben. Alle Mitglieder mußten von gutem alten Adel sein; außer den Protestanten nahm man in letzter Zeit auch Mitglieder der griech. Kirche auf. Die Ordenspflicht jedes Ritters, wenigstens vier Feldzüge, Karavanen genannt, gegen dieUngläubigenzu machen, wurde in Verletzten Zeit wenig mehr beobachtet, und durch den Frieden vonAmicns hob man sogar alle Feindseligkeitengegen dieTürkcn auf. Die Kleidung der Ritter bestand in FriedcnSzeit in einem langen schwarzen Mantel, mit einem achteckigen weißen Kreuze auf demselben und aufder Brust; im Kriege sollten sie einen rothen Waffenrock mit einem schlichten Kreuz auf der Brust und Rücken tragen. Blos in geistlichen Sachen war der Orden dem Papste unterworfen; in allen weltlichen Dingen besaß er vollkommene Souverainctät. Vgl. Villcneuve-Bargcmont, ,M»mimentr Iiistori. Juni 1573 zu Westminster, mußte, nachdem er in der dasigcn Schule seine erste Bildung erhalten hatte, das Gewerbe seines Stiefvaters, eines Maurers, ergreifen, dessen er jedoch bald so überdrüßig wurde, daß er sich anwerben ließ und den Feldzug in Flandern mitmachte. In seinem 28. Jahre nach England zurückgekehrt, besuchte er die Universität zu Cambridge. Nachdem ihnaberbald dar- aufMangel an Subsistenzmitteln von dort auf die londoner Bühne und ein Zweikampf, in welchem ec seinen Gegner tödtete, ins Eefängniß gebracht hatte, wurde er nach seiner Freilassung Dramaturg und schrieb unter Andern die zwei geistreichen Lustspiele „mn in iüs llumcmr" (1598) und „Llver^ „IUI, c»it nfll'is tmmniir" (1599). Um diese Zeit erfolgte seine Aufnahme in den von Waltep Raleig h (s. d.) gestifteten Club, wo er neben Shakspeare, Beaumont, Fletcher, Donne u. A. durch Witz glänzte. Nach Jakob's l. Thron- besteigung wurden seine poetischen Talente vielfach zu Verherrlichung von Hoffestlichkeiten in Anspruch genommen, und so entstanden seine allegorischen, unter dem Namen Masken (Als-cks) bekannten Gelegenheiksstücke. Neben seinen wenig dramatischen Trauerspielen „8o- jauus" und „<7stilina" schrieb er seit 1685 einige seiner vorzüglichsten Lustspiele, wie „Vnl- pons", „Lpicene" und ,,'llw ulcbzunist". Jakob l. ernannte ihn 1619 zum Hofdichter mit einem Gehalte von >88 Mark, welche Karl!, auf 188 Pf. erhöhte. Durch Krankheit und Ar- 682 Johnson (James) Johnson (Sam.) muth gebeugt, flackerte sein Geist später nur noch einmal auf in dem unvollendeten Schäferspiele „'ä'Ks sali kliepkerä". Er starb am I6.Aug. 1637 und ruht in der Westminstcrabtci. Seine Werke erschienen zu London (6 Bde-, 1716; 7 Bde., 1757), am vollständigsten mit einer Biographie des Dichters von W. Gifford (7 Bde., Lond. 1816) und von Barry Corn- wall(Lond. >838). Vgl. GrafBaudissin, „Benj.J. und seine Schule" (2 Bde., Lpz. 1836). Johnson (James), ein berühmter engl. Arzt, geb. 1 778 zu Ballinderry in Irland, erlernte zu Port Glenone und Belfast die Chirurgie und studirte dann in London. Als Schiffsarzt besuchte er in Staatsdiensten Neufundland, Neuschottland, das Mittelländische Meer, Grönland, die Hudsonsbai, Ostindien und China, auf welcher letztem Neise er drei Jahre zubrachte. Nach seiner Rückkehr wurde er der Expedition nach Walcheren im I. 1869 beigegeben und 1812 zum Flaggenwundarzt der Nordsecflotte ernannt. Im I. 1813 begleitete er den Herzog von Clarencc, der ihn zu seinem ordentlichen Wundarzt machte. Noch in demselben Jahre ließ er sich als Arzt in Portsmouth nieder. Als der Herzog von Clarence nach England zurückgekehrt, ging auch I. wieder nach London. Hier wurde er nach dessen Thronbesteigung im I. 1830 königlicher Leibarzt. Seine Schriften sind zahlreich und betreffen meist diätetische und solche Gegenstände, zu deren Erforschung ihm seine Reisen Gelegenheit gaben; dahin gehören „On tke iiiüuence vf Irnpicul climu- tes" (Lond. 1813; 5. Aufl., 1836); „On tbe nature etc. vf Font" (Lond. 1818; deutsch von Bloch, Halberst. 1819.); ,,'ibc inllnence vf civic life, sedentär^ dsl-il- und intellee- t»sl retinement on kumu» üeultü" (Lond. 1818; deutsch von Breslau, Weim. 1826); „Nbe intluenc« vf tlie utmnspbers innre especiul!)' vftbe britisü i^Ies" (Lond. 1818); „LkittiAe vf->ir" (5. Aufl., Lond. 1837) und ,,'Lke ecvnvm^ nf beultli etc." (3. Aufl., Lond. 1838; deutsch unter dem Titel „Hygiastik" von Calmann, Lpz. 1838). Auch redi- girt er seit 1816 das „illedicul »Nil cbiriirAical jvnrnal und revic>v" und seit 1818 das „bledical und ebirui gicul revie^v und cziiurterl) register". Johnson (Richard), Vicepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, 1837—31, ein Landeigenthümer aus Great Crossings bei Lcxington in Kentucky, ist um 1786 geboren. Im I. 1813, wo er Congreßmitglicd für Kentucky war, wurde er in dem damals von den Vereinigten Staaten gegen die Engländer und Indianer an der nordwest, lichen Grenze geführten Kriege beauftragt, ein freiwilliges Reiterregiment von 1666 M. zu errichten, als dessen Oberst er unter General Harrison's (s. d.) Oberbefehl zu stehen kam. In dem den Feldzug in dieser Gegend siegreich beschließenden Treffen an der Themse in Obercanada entschied er den Kampf durch Sprengung der vom brit. General Proctor fehlerhaft mit Zwischenräumen aufgestellten Jnfanterielinien. Seit dem Frieden lebte er als Pflanzer unter seinen Sklaven und Sklavinnen, welcher letztem Verhältniß zu ihm kei- neswegs das reinste war, wie er denn auch einige mit ihnen erzeugte Töchter gegen die ken- tuckischen Gesetze mit weißen Landleutcn verheirathete. Von der Jacksonsschcn Partei, der er mit Leib und Seele angehörte, seitdem sie die Bundesregierung leitete, wurde er 1837 an van B ure n's (s. d.) Stelle zum Vicepräsidenten erwählt. Als solcher führte er bis 1831, wo er wieder abtreten mußte, wol der Unwissendste unter Allen, die jemals diesen Stuhl eingenommen, den Vorsitz im Bundessenate. Johnson (Sam.), ein ausgezeichneter engl. Publicist und Gelehrter, geb. am 15. Scpt. 1769 zu Lichfield in der Grafschaft Stafford, erwarb sich in dasiger Schule und der zu Stourbridge eine vielseitige Bekanntschaft mit der klassischen Literatur und kam schon in seinem 19. Jahre als Führer eines reichen jungen Mannes nach Oxford. Als dieser jedoch die Universität nach zwei Jahren wieder verließ, zwang ihn seine Dürftigkeit heimzukehren, obschon er unter Anderm durch eine Übersetzung von Popc's „Messias" in lat. Hexametern Proben seines Talents gegeben hatte. Nach dem Tode seines Vaters, >731, völlig mittellos, übernahm er eine Ünterlehrerstelle an der Schule zu Market-Bosworth in der Grafschaft,Leicester, gab sie jedoch bald wieder auf und lebte einige Zeit in Birmingham, wo er eine Übersetzung von Lobo's „Reise nach Abyssinien" heraußgab, die ihm aber nur fünf Guineen eintrug. Nach fruchtlosen Bemühungen, umfassende literarische Verbindungen onzuknüpfen, suchte er 1735 seine Lage durch Verheirathung mit einer ältlichen Witwe zu perbessern, die ihm 806 Pf. St. zubrackte, und errichtete in Birmingham cine Erziehungs- Joinville Joinville (Jean) 683 anstalt. Da er jedoch nur drei Zöglinge erhielt, ging er 1737 mit Garrick, einem derselben, und dem unvollendeten Trauerspiele „Irene" nach London. Hier lieferte er für das „6c»t- leinsn's msgsrine" durch Zeitereignisse veranlaßte polemische Beiträge, Biographien und, vom 19. Nov. 1740 bis 23. Jan. 1743, seine „Verhandlungen des Senats von Lilliput", in denen er vom torystischen Gesichtspunkte aus die damaligen engl. Parlamentsverhandlungen darstellte. Dem bereits früher erschienenen Gedichte „l-omlon" (1738), einer seine Zeit geißelnden Nachahmung der dritten Satire Juvenal's, ließ er das „I-iks okkicbsrU 8svage" (1744) folgen, das seine Tüchtigkeit als Prosaiker und seinen feinen Beobach- tungsgcist beurkundete. Dagegen fanden seine „Mscellaneous observations on tlie traget!)' ok s-lacketü" (Lond. 1745) wenig Beifall. Endlich erschien 1747 der Plan zu seinem engl. Wörterbuche, für welches ihm ein Honorar von 1575 Pf.St. zugestchert wurde. ^ Während der sieben Jahre, welche er an diesem Werke arbeitete, lieferte er noch „'I'lievamt^ osilumsn viskos", eine Nachbildung der zehnten Satire Juvenal's; auch gab er von >750 —52 die fast allein von ihm geschriebene Zeitschrift „Vüe rambler" heraus. Sein „Dictionary ok tbe englisb lauguage" (2 Bde., Lond. 1755, Fol.) erlebte bis 1785 sechs Auflagen, später noch mehre; die neueste besorgte Todd (3 Bde., Lond. 1827). Kurz vor dem Erscheinen desselben hatte ihn die Universität zu Oxford zum Doctor creirt. J.'sLage wurde indeß durch den glänzenden Erfolg seiner Arbeit so wenig verbessert, daß er noch im I. 1756 wegen einer Schuld von 5 Pf. 18 Sch. in Verhaft kam. Die Wochenschrift „Vke itllsr", die er 1758—60 herausgab, enthält meist eilig geschriebene, minder geistreiche Beiträge als der „kambler". Seinen weit verbreiteten politischen Roman „Histor^ ok kasselas, prince ok^ij^ssinia" (Lond. 1759; engl, und franz.vonDufresnes, Par. 1832), schrieb er in sehr kurzer Zeit, um die Kosten des Begräbnisses seiner Mutter und ihre Schulden zu bezahlen. Erst 1765 erschien seine längst angekündigte Ausgabe des Shakspeare, die aber ein tiefes Eindringen in den Geist des Dichters und eine genaue Bekanntschaft mit der Literatur der Zeit Shakspeare's vermissen ließ. Unter dem Ministerium des Grafen Bute ) erhielt er 1762 eine Pension von 300Pf.St., durch welche er, wie seine spätem politischen Flugschriften, „His kalse alarm" (1770) und „laxation no t^rsnn)" (1775), zu glauben berechtigen, günstig für den Hof gestimmt wurde. Eine Reise nach Schottland und den Hebriden imJ. >773 veranlaßte ihn zu seiner „2nurns^ tu tbe gestern isles ok8c«tlanrl" (Lond. >775). Die darin geäußerten Zweifel gegen diy Echtheit der Dichtungen Ossian's verwickelten ihn in eine heftige Fehde mit Macpherson (s. d.). Seine letzte literarische Arbeit waren die „lüves ok tbe most eininont englisl, poets" (Lond. 1770—81; deutsch von Blankenburg, 2 Bde., Altenb. 1781). Nach längerer Krankheit starb er zu London am 15. Dec. 1784. Seine Werke wurden von Hawkins (I > Bde., Lond. 1787) und von Murphy (12 Bde., Lond. 1702; neue Aust, 1824) gesammelt. Eine geistreich aufgefaßte und lebendig erzählte Lebens- und Charakterschilderung J.'s, die zugleich eines der interes- santesten biographischen Werke jener Zeit ist, lieferte Jak. Boswell (2 Bde., Lond. 1701, 4.; neue Aust, von John Wilson Crokes, 5 Bde., Lond. 1831). Joinville, eine Stadt im franz. Departement der Obermarne, in reizender Gegend am Fuße eines Berges und am rechten Ufer der Marne gelegen, über welche hier eine Brücke führt, hat eine sehr alte Kirche, Notre-Dame, ein College und gegen 3000 E., welche 1 durch Manufactur von wollenen Strümpfen, Hüten u. s. w. und Handel sich nähren. Sie war der Hauplort der alten gleichnamigen Baronie, die 1551 von König Heinrich II. zu Gunsten des Herzogs Franz von Guise, seines Cousins, in ein Fürstenthum verwandelt wurde; von ihrem damaligen Glanze sind aber kaum noch die Spuren erhalten. Aufdem nahen Berge stand das prachtvolle, weitläufige Stammschloß der Herzoge von Guise, das 1700 abgetragen wurde. Unter den ältern Baronen von I.ist Jean Sieur deJoin- villc (s. d.) der berühmteste. Gegenwärtig führt der dritte Sohn des Königs Ludwig Philipp von Frankreich, Franz, den Titel eines Prinzen von Joinville. Joinville (Jean, Sire dcX, der erste bedeutende Historiker der Franzosen, der das > Leben Ludwig's IX. mit zauberischer Jndividualisirung des genau aufgefaßten Stoffes in einer für sein Zeitalter trefflichen Sprache beschrieben hat, wurde um 1223 aus einer der ältesten Familien der Champagne geboren und trat früh in den Dienst des Königs Thibaut I V. 684 Jojakim . Jomard von Navarra, der zugleich Graf von Champagne war uno unter den nordfranz. Dichtern des 13. Jahrh. den ersten Rang einnimmt. Er war bereits Scneschal und Großmeister des Grafen von Champagne, als er >235 den Entschluß faßte, sich Ludwig IX. auf dessen > Kreuzzuge anzuschließen. Zur Bestreitung der Ausrüstungskosten verpfändete er einen Thcil seiner Güter und schiffte sich sodann mit neun Rittern und 70» bewaffneten Männern zugleich mit Ludwig IX. in Marseille ein. Da er aber auf der Insel Cypern, wo man anlegte, seinen Rittern und Leuten den Sold nicht mehr bezahlen konnte, so trat er mit seiner kleinen Armee in des Königs Dienst. Mit dem Könige, dessen Freund er geworden, kehrte er 1243 nach Frankreich zurück und lebte von da an oft an dessen Hofe; doch ließ er sich durchaus nicht bewegen, an dessen zweitem Kreuzzuge im I. 1269 Theil zu nehmen, indem er sich damit entschuldigte, daß während seiner frühem Abwesenheit seine Vasallen von den Beamten des Königs gedrückt worden seien. Nachdem er Ludwig'S IX. Ende in j Tunis, im I. 127», erfahren, beschrieb er dessen Leben und starb um 1318. Seine „Ulis tnire lis 8t.-I^ouis", eins der kostbarsten Werke der Literatur des Mittelalters, wurde zuerst zu Poitiers (1547, 4.), dann durch Menard (Par. 1617), von Charl. Dufresne (Par. 1668, Fol.) und neuerdings in der „Lollection coinplete «Iss mömoires" von Pe- titot (Par. >81») und im „?anttie»n littee-üre" von Buchen herausgegeben. Auch wird ihm ein sprachlich nicht uninteressantes „Crello" zugeschrieben, abgedruckt in den ,Me- langes, pnblies par In 8ociete clos biblioplnles lkany." (Par. I 837). Jojäkim, Sohn des Josias, hieß früher Eljakim und wurde mit Hülfe des ägypt. Königs Necho im I. 6»9 v. Chr. König von Juda. Nachdem er im achten Jahre seiner Negierung den Chaldäern zinsbar geworden, suchte er kurz vor seinem Tode im I. 59» seine Selbständigkeit wiederzugewinnen und bewirkte dadurch, daß ein chaldäisches Heer gegen Juda anrückte. Jndeß erlebte er die Eroberung Jerusalems nicht und erfuhr erst im Tode die Mishandlung, welche Jeremias berichtet. Joliba, s. Niger. Jolle nennt man ein kleines, hinten und vorn länglichrund zulaufendes Fahrzeug ^ mit einem, auch zuweilen zwei Masten, deren sich vorzüglich die Norweger, namentlich die ! Lootsen, da es sehr gut in stürmischer See sich bewährt, bedienen. Auch bezeichnet man damit an einigen Orten, z. B. in Hamburg, ein offenes, als Fähre benutztes Boot, das durch den Jollen führer mit Rudern bewegt wird. Zomard (Edmond Franc.), Oberbibliothekar der königlichenBibliothek zu Paris, ein gründlicher Kenner der ägypt. Älterthümer, geb. zu Versailles am 2l.Nov. 1777, begann seine Studien auf der Schule seiner Vaterstadt, besuchte später das College Mazarin zu Paris und nach dessen Aufhebung die Unterrichtsanstalt des Brücken - und Straßenbaus. Er war 1795 einer der Ersten, welche in die neubegründete Polytechnische Schule ausgenommen wurden, und 1798 nahm er an dem Feldzuge nach Ägypten Theil. Ungeachtet schwieriger topographischer Arbeiten, mit denen er dort beauftragt wurde, behielt er doch noch Muße, die alten Denkmäler des Landes zu zeichnen und zu beschreiben. Im I. 18»2 nach Frankreich zurückgekehrt, erhielt er sogleich den Befehl, sich nach Baiern zu begeben und die topographischen Arbeiten längs der böhm. Grenze und in der Obcrpfal; zu leiten. Jm J. 1603 wurde er nach Paris zurückberufcn, um an der Nedaction der „vescriptinii lle LLg^pte" Thcil zu nehmen und nach Conte"ö Tode erhielt er das Secrctariat der damit beauftragten Commission. Nach dem Frieden von 1814 reiste er seiner archäologischen Studien wegen nach England. Nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er mit Degerando, Laborde, Lasteyrie und Gauthier Mitglied des Erziehungsausschusses, der mit Einführung des wechselseitigen Unterrichts beauftragt war; 1818 Mitglied der Akademie der Inschriften und kurze Zeit darauf Ehrenmitglied der Akademien zu Berlin, Neapel, Kopenhagen und Turin. JmJ. 1821 entwarf er die Statuten der Geographischen Gesellschaft. Sein Einfluß auf Alles, was Afrika betraf, wurde von jetzt an immer bedeutender. Er versah Cailliaud, dessen „Vo^sge L l'oasis 816—>819); „parallele entre les sntiguites de I'Inde et de l'silg^pte" (Par. 1819); „8ur les rspparts de l'Ltliiopie svec I'bl^)j,te(Par. 1822); Mperyu des non- veiles decnnvsrtes dnns l'^srigue centrale (Par. 182-1); „8,ir In cninmnniyation du kyiger nvec le Kil" (Par. 1825) und „Reiiiar<;»es sur Iss deconvertes FeoFrnpliigues taites dans I'^frigne centrale" (Par. 1827, 4.). Von der großen Beschreibung Ägyptens gehören ihm allein sechs Bände. Unter den Abhandlungen, welche er zu diesem wichtigen Werke bcigesteuert hat, verdienen besonders die Beschreibung der Hyvogeen von Theben und die Beleuchtung des Maßsystems der Ägypter Erwähnung. Jomelli (Nicolo), ein berühmter ital. Componist, geb. 1714 zu Atclli im Königreiche Neapel, studirte zu Neapel unter Leon und in Bologna unter Martini die Compo- sition. Nachdem er sich ohne allen Erfolg mit dem Satze vou Balleten beschäftigt hatte, schrieb er seine erste komische Oper,,17'errore nmoroso" (1737), die so großen Beifall fand, daß er sich angefeuert fühlte, auf diesemWege weiter zu gehen. Noch größeres Glück machte seine nächste für das Theater zu Florenz geschriebene Oper „Odnardo" (1749). Hierauf ging er 1749 nach Rom, wo er nun als Operncomponist eine ungemeine Fruchtbarkeit entwickelte. Namentlich erwähnen wir Mstianatts", „IliFsnia" und „(7ajo lllario". Um jene Zeit lebte in Nom ein junger Portugiese, Tcrradellas, der ein glücklicher Nebenbuhler J.'s zu werden drohte. Es bildeten sich Parteien und beim Karneval im I. 1747 unterlag I. in der That seinen, Gegner, dessen Oper großes Furore machte, während die seinige durchficl. Die Partei des Portugiesen triumphirte, ließ eine Denkmünze schlagen; da fand man eines Tags den Portugiesen von Dolchstichen durchbohrt in der Tiber. I., den man der Theilnahmc an diesem Morde beschuldigen kann, ging hierauf >748 als Kapellmeister des Herzogs von Würtemberg nach Stuttgart, wo er große Auszeichnung genoß. Nach seiner Rückkehr nach Italien im I. 1765 lud ihn der König von Portugal, Johann V., an seinen Hof ein; doch I. lehnte diesen Ruf ab. Da seine in Nom gesetzte Oper Mclnlle in 8ciro", gleich noch einer andern keinen Beifall erntete, vielleicht gerade, weil I. in Deutschland mehr deutsches Wesen in sich ausgenommen, als seine sinnlich lebendigen Landsleute vertragen mochten, so wendete er sich nach Neapel, wo es ihm aber nicht besser erging und starb daselbst am28.Aug. I77i. Kur; vor seinem Tode componirte er noch ein,Miserere", welches vorzüglich wegen der sich stets gleichbleibenden Verkettung der beiden Chöre Bewunderung verdient. Unter seinen übrigen Kirchenstücken sind besonders ein„6eaedictus", ein „keguiem" und eine Passion berühmt. Seine Musik hat manches Verdienstliche, namentlich war er seinen ital. Zeitgenossen in Hinsicht auf wirksamere Instrumentation, lebhaftere Schattirung des Ausdrucks u. s. w. voraus. Ionrini (Henri, Baron), Generallieutenant in russ. Diensten, früher General des franz. Kaiserreichs, bekannt als militairischer Schriftsteller, wurde am 6. März 1779 zu Paycrne (Peterlingcn)i»l Waadtlandc geboren. Er begann seine Laufbahn in einem franz. Schweizerregiment und widmete sich nach der Katastrophe vdm >9. Äug. 1792 dem Handel. Die Revolution in der Schwei; führte ihn ins Waadtland zurück, wo er im Alter von 29 Jahren Obcrstlieutenant der Miliz und Generalsecretair der Kriegsangelegenheiten wurde. Seines Amtes verlustig, trat er l 893 durch Empfehlung des Generals Ney, dessen Bekanntschaft er in seiner Stellung gemacht, zu Paris in ein Handlungshaus, ohne dabei seine taktischen Studien zu vernachlässigen. Im I. 1804 begann er die Veröffentlichung seines „Uralte des Frandes Operation-, militsires" (2. Aust., 3 Bde., Par. 1899) und wurde daraus zum Bataillonschef und Adjutanten Ncy's, 1895 aber vom Kaiser, der dem Werke Beifall schenkte, zum Oberst befördert. Als Chef im Generalstäbe Ney's wohnte er nun den Feldzügen von 1896 und 1897 in Preußen und Polen bei, wurde Baron und folgte 1898 Ney nach Spanien. Da man indeß Ney hinterbrachte, daß sein Stabschef sich 686 Jona Jonathan alle Erfolge des Armeeeorps zueigne, so stellte er denselben >80!) zur Disposition und ließ ihn ohne Beschäftigung. I. verlangte deshalb > 8I«> seinen Abschied und stand im Begriff, als Generalmajor in russ. Dienste zu treten, als Napoleon ihn zum Brigadegeneral beförderte. Später zum kaiserlichen Historiographen ernannt, erhielt er beim Beginn des Feldzugs von >81-2 den Auftrag, die Geschichte der Großen Armee zu schreiben; doch wurde er dann während des Krieges selbst auf andere Weise verwendet. Er war erst Gouverneur von Wilna, dann von Smolensk, und entwickelte auf dem Rückzüge die größte Thätigkeit. Nach der Schlacht von Lützen trat er wieder in den Generalstab des Marschalls Ney und trug viel zum Siege bei Bautzen bei. Ney brachte ihn hierauf als Divisionsgeneral in Vorschlag; aHein Napoleon setzte ihn wegen angeblicher Nachlässigkeiten im Dienst außer Thä- tlgkeit. Uber diese nicht verdiente Behandlung erbittert, übrigens seines etwas rauhen Wesens wegen nicht beliebt, verließ Z. nach dem Waffenstillstände von Plaswih heimlich die franz. Fahnen und ging zu den Verbündeten über. Von einem sranz. Kriegsgerichte wurde er deshalb zum Tode verurtheilt, Kaiser Alexander aber erhob ihn zum Generallieutenant und Adjutanten. Doch nahm I. an dem Kriege gegen Frankreich keinen thäti- gen Antheil; auch schwieg er, wie Napoleon später selbst zugestand, über die Operationsplane, die er kannte. Im I. > 8 l 5, folgte er dem Kaiser Alexander nach Paris und erhielt von Ludwig XVIll. das Ludwigskreuz. In der Folge machte er sich sehr verdient um die Gründung der Militairakademie zu Petersburg. Zur Rechtfertigung seines oft heftig angegriffenen Abfalls von Frankreich veröffentlichte er die „(ünri-espanckalice «»Ire le general ä. et le general Karrs-in snr ln eamziagn« 815); „(lorrespvnckance «in general 3. avec Is baren kllonuisr" (Par. >821) und „lettre 6u general 3. ä blr. Oapeligne" (Par. 1841). In der neuern Kriegsliteratur erwarb er sich einen ausgezeichneten Namen durch die „blistoire critigne et Mllitaire ckss csmpsgnes cks la revolutina" (5 Dde., Par. 1806; 6. Aust, unter Mitwirkung des Oberst Koch, >5 Bde., Par. 18 l 9—2-1); „Vis palitiezue et militaire cke Napoleon, raenntee par Iiii-meme au tril,»- aal ckeLerar, ck'XIsxanckrs et ckeKreckeric" (4Bde., Par. >827 ; deutsch vonBatz, 4 Bde., Tüb. >828—29); ,,1'a!>Iea» »nsl)tir>ne ckes principales canibinaisons üe Is gnerre et cks lenrs rapports nvec ln pnlitigns Oes etats" (Petersb. >830; 5. Aust., Par. 1937 ; deutsch von A.Wagner, Bcrl. >831, und von Bilderling, 2 Bde., Lp;. >837—39.) Jona, hebr. Prophet, der Sohn des Amitthai, stammte aus der Stadt Eath Ha- chefer im Stamme Sebulon und trat beim Beginne der Negierung Jerobeam's ll. auf. Die wunderbare Erzählung, welche das unter seinem Namen im Kanon befindliche Buch enthält, ist vielleicht eine Überarbeitung des phöniz. Mythus von Hercules, der die Hesione von einem Meerungeheuer dadurch befreit haben soll, daß er in den Nachen desselben sprang und drei Tage und drei Nächte lang die Eingeweide des Ungeheuers zerfleischte. Mit diesem Mythus verstockt der Verfasser den Bericht von derSeereise desI.und von dcrBekehrung der heidnischen Niniviten, um den Hebräern den Beweis zu führen, daß Gott allen Bußfertigen ohne Unterschied der Nation gnädig sei. Noch gegenwärtig wird das angebliche Grab des Propheten in der Gegend des alten Ninive gezeigt. Übrigens gehört das nach ihm benannte Buch der vorexilischen Zeit an. Vgl. Friedrichscn, „Kritischer Überblick der Ansichten vom Buch Jona" (Altona >817). Jonas (Justus), einer der thätigstenNeformationsgenoffen, wurde am 5.Juni >493 zu Nordhausen geboren. Nachdem er bereits >521 zum Professor der Theologie und Provst in Wittenberg ernannt worden war, entfaltete er den regsten Eifer für die Sache der Kirchenverbesserung; er begleitete Luther nach Worms, unterstützte ihn bei der Übersetzung des Alten Testaments und bei der Kirchenvisitation, nahm an dem Marburger Gespräche, sowie an der Abfassung der sogenannten Torgauer Artikel Theil und war auch auf dem Reichstage zu Augsburg gegenwärtig. Zugleich wirkte er durch eigne und durch Übertragung fremder Schriften. So übersetzte er Mehres von Luther, vor Allem aber die „Apologie der Augsburger Confesfion" von Melanchthon ins Deutsche. Im I. >541 wurde ihm die Superintendentur in-Halle und > 546 die in Koburg anvertraut. In dieser Stellung starb er am 9. Oct. >555 zu Eisfeld. Vgl. Knapp, „Narratin Oe 3»sio 3." (Halle, 18>7). Jonäthan , der Sohn des Judenkönias Saul ist ein LieblingSheld der alttestament- 687 Jones (Sir Jnigo) Jones (John Paul) lichrn Sage, die ihn mit allen ersinnlichen Vorzüge» ausgestattek hat; namentlich hat man seine innige Freundschaft mit dem jungen Helden David, dem Nebenbuhler seines Vaters, ^ zum Gegenstand der zartesten, anziehendsten Schilderungen gemacht. Er fiel, sammt seinem Vater und seinen Brüdern in der großen Schlacht gegen die Philister bei Giiboa. — Jonathan Apphus oder der Makkabäer, der Sohn des Matathias, ein tapferer Heerführer, besiegte die Galaditer und wurde nach feines Bruders Judas Makkabäus Tode im I. 158 v. Ehr. Heerführer der Juden.' Jones (Sir Jnigo), engl. Architekt und Dekorationsmaler, geb. zu London >572, verrieth als Tischlcrlehrling ein so hervorstechendes Talent für Malerei und Baukunst, daß Graf Pembroke ihn in beiden unterrichten ließ und dann mit sich nach Frankreich, Flandern, Deutschland und Italien nahm. I. verweilte längere Zeit in Venedig, studirte in > Vicenza dieMeisterwcrke des Palladio und machte sich bald durch seine Arbeiten so bekannt, - daß Christian IV. von Dänemark ihn als Hofbaumeister nach Kopenhagen berief. Im Gefolge der Schwester desselben, der Gemahlin Jakob's VI. von Schottland, kam er an des letzter» Hof und wurde Baumeister in dessen Dienste. Nachdem er später noch einmal Italien besucht hatte, wurde er vom nunmehrigen Könige Jakob I. von England, zum Oberaufseher der königlichen Gebäude bestellt. Seine Anhänglichkeit an Karl I. brachte ihn ins Gefängniß-, aus welchem er sich durch Aufopferung des größern Theils seines Vermögens und einer Buße von -100 Pf. St. befreite. Bald nach Karl s Hinricbtung starb er am 21. Juli I65>. Als Schöpfer der engl. Baukunst heißt er der Vitruv Englands. Seine bedeutendsten Bauwerke sind der Banketsaal im Palaste Whitehall, das Hospital zu Greenwich, die Säulenhalle an der St.-Paulskirche, die alte londoner Börse, das Schloß des Grafen Pembroke zu Wilton in Wiltshire und der Palast Ambersbury in derselben Grafschaft. In seinem Stile erscheint er als Nachahmer Palladio's, doch nicht ohne jene eigen- j thümliche herbe Kraft, welche die nordischen Nachfolger der ital. Schule bezeichnet und oft an die besten Zeiten der Renaissance erinnert. Eine Sammlung seiner Zeichnungen 1 gab Will. Kent (Land. 1727; beste Ausg. mit Erläuterungen in franz. und engl. Sprache, 2 Bde., Lond. >770). Er selbst schrieb auf Jakob's I. Befehl eine Abhandlung über die Denkmäler auf der Ebene von Salisbury, on StonebenFe", die erst 1655 erschien (neue Aust., 1725 und 1815). Jones (John Paul), Seeheld und Begründer der Marine der Vereinigten Staaten von Nordamerika, der Sohn eines Gärtners, wurde am 6. Juli 17-17 zu Arbigland in Schottland geboren. In seinem zwölften Jahre kam er zu einem Kaufmann nach White- haven in Cumberland in die Lehre, der einen lebhaften Handel nach Amerika unterhielt, und schon ein Jahr später reiste er im Aufträge seines Herrn nach den amerikan. Colonien. Nach beendigter Lehrzeit widmete er sich dem Sklavenhandel; doch empört über dieses Geschäft, entschloß er sich zur Rückkehr nach Schottland. Da der Capitain des Fahrzeuges, auf dem er die Reise machte, unterwegs starb, so übernahm I. dessen Functionen und wurde nach glücklicher Rückkehr vom Eigcnthümer zum Supercargo ernannt. Fortan widmete er sich ganz dem Seedienstc und machte als Kauffahrer verschiedene Reisen in die westind. Gewässer. Beim Ausbruche des Unabhängigkeitskrieges der nordamerik. Colonien bot ec 1775 dem Congreß seine Dienste an. Er erhielt den Grad eines Lieutenants am Bord der ^ Brigg Alfred, bald darauf den Befehl als Capitain über das Schiff Providence. Mit der kleinen, aus etwa sechs Schiffen bestehenden Flotte des Congresses begann er nun jene ersten Kämpfe gegen die brit. Seemacht, die an kühnen Thaten und reicher Beute wol kaum ihres Gleichen haben. Im Mai 1777 wurde er nach Frankreich geschickt, um daselbst ein größeres Commando zu übernehmen. Da jedoch die franz. Regierung mit der Kriegserklärung an England zögerte, so unternahm I. am 10. Apr. 1778 von Brest aus mit einer kleinen Brigg von 18 Kanonen einen kühnen Kreuzzug gegen die nördlichen brit. Küsten auf eigne Hand. Er landete in Whitehaven, zündete daselbst mehre Schiffe an, vernagelte die Kanonen und nahm das Schloß des Grafen Selkirk, wo sein Vater Gärtner war. Die Gräfin, die sich allein befand, mußte ihre Kostbarkeiten hcrgeben, erhielt dieselben jedoch ftgleich mit einem romantischen Briefe zurück. Die Expedition endete mit Wegnahme der brit. Sloop Drake an der irländ. Küste. Im Aug. 1779 erhielt I. ein großes Schiff von 688 Jones (Mr William) 40 Kanonen und wurde Commodore einer aus franz. und nordamerik. Schiffen zusammengesetzten Escadre. Der eigentliche, gegen Liverpool gerichtete Anschlag scheiterte. Doch setzte I. die ganze brit. Küste in Schrecken und nahm am 22. Sept. nach einem furchtbaren Kamvf?das überlegene brit. Schiff Serapis. Mit 80« Kriegsgefangenen und reicherBeutc kehrte er nach Brest zurück. Sowol zu Versailles, wie bei seiner Rückkehr im folgenden Jahre zu Philadelphia, empfing man ihn ckit der größten Auszeichnung. Die übrige Zeit des Krieges brachte er mit Genehmigung des Kongresses, wegen seiner genauen Bekannnt- schaft in den amerikan. Gewässern, auf der franz. Flotte zu. Nach dem Frieden suchte er mit John Lcdyard (s. d.) einen Pelzhandel zwischen der Nordwestküste von Amerika und China zu begründen, was jedoch mislang. Auf Einladung der Kaiserin Katharina trat er hierauf als Contreadmiral in russ. Dienste und trug 1788 wesentlich zum Siege über die türk. Flotte bei; doch die Eifersucht Potemkin's und des Prinzen von Nassau bewog ihn, schon im nächsten Jahre Rußland wieder zu verlassen. Nachdem erohneErfolg seineDienste Ostreich angeboren, zog er sich unzufrieden nach Paris zurück und starb daselbst fast vergessen am 18. Juli >792. Die Gesetzgebende Versammlung ehrte seine Bestattung durch eine Deputation. Die unter seinem Namen erschienenen „Äämoires" (Par. >789; 2 Bde., Edinb. >830) dürften wol kaum authentisch sein. Seine Biographie lieferte Sherburne (Washington 1826). In Romanen behandelten sein abenteuerliches Leben Cooper, in „l'tce pilot" (1823), Allan Cunningham in „?aul ävnes" (3 Bde., Lond. > 828 ; deutsch, Lpz. 1827—28) und Dumas in „n cspitain ?a»I" (Par. 1838). Jones (Sir William)» einer der größten Orientalisten, geb. am 28. Sept. 1746 zu London, besuchte die Schule zu Harrow und die Universität zu Oxford, wo er sich dem Studium der morgenländ. Literatur und zunächst der arab. und der pcrs. Sprache widmete, während er gleichzeitig mit dem Italienischen, Spanischen und Portugiesischen sich beschäftigte. In seinem 19. Jahre wurde er Erzieher des jungen Grafen Spencer; zwei Jahre später fing er an die chines. Sprache zu erlernen. DerWunsch, sich eine unabhängigere Lage zu bereiten, bestimmte ihn 1770 das Amt als Erzieher aufzugeben und die Rechte zu stu- diren, wobei er aber das Studium der morgenländ. Literatur eifrig fortsehte. Als praktischer Rechtsgelehrter fand er dann sehr bald viele Beschäftigung. Doch seinem Wunsche, in Indien eine Anstellung zu erhalten, trug die Negierung Bedenken zu entsprechen, da er zu unverholen seine freisinnigen Ansickten, namentlich in einer Ode an die Freiheit (1780) zu Tage legte. Erst unter dem Ministerium Shelburne wurde er >783 zum Oberrichter in Kalkutta ernannt und bei dieser Gelegenheit in den Ritterstand erhoben. In Indien widmete er alle Mußestunden, welche sein Amt ihm ließ, der wissenschaftlichen Forschung des politischen und gelehrten Zustandes des Landes; er gründete >784 die Asiatische Gesellschaft in Kalkutta; auch studirte er die Sanskritsprache, nachdem er dieselbe als ein unentbehrliches Hülfsmittel zur Kenntniß der alten Geschichte Indiens hatte kennen lernen. Sein ganzes Leben war von dem großen Gedanken beseelt, den Orient und Occident in engere geistige Verbindung zu bringen, die Literaturschäße des Morgenlandes dem verfeinerten Europa mitzutheilen und die Morgenländer sowol an ihre eigne Literatur zu erinnern als für europ. Mittheilungen und Fortschritte empfänglich zu machen. Er starb zu Kalkutta am 27. Apr. 1794. Die Ostindische Compagnie ließ sein Standbild in Kalkutta aufstellen; auch erhielt er Denkmäler zu London in der St.-Paulökirche und zu Oxford. Von seinen gelehrten Arbeiten erwähnen wir nächst der „ Crammsr os tbe persisu lun- guage" (Land. 1771; 9. Aust. >809, 4.), die „koeseas uslat. commenturii"(Lond. >774; wieder abgedruckt von Eichhorn, Lpz. 1777); die Ausgabe und Übersetzung der „NosIIakat, or seveu arabian poems (Lond. 1783, 4.); die Übersetzungen von „Medschnun und Leila" nach Halefi (Kalkutta 1788), Kalidasas' „Sakuntala" (1789) und der „Gesetzvcrordnun- gen" des Menu (Kalkutta 1794) und seine zahlreichen Beiträge zur Geschichte, Alterthums- kunde und Literatur Indiens und Asiens in den von ihm für die Asiatische Gesellschaft in Kalkutta herausgegebenen „^sistic mlscellanx" (3 Bde., Kalkutta 17 85 — 88) und „etsis- lic resesrcbes" (Kalkutta 1788 fg.). Eine vollständige Ausgabe seiner Schriften besorgte seine Witwe (6 Bde., Lond. 1799, 4.). Die von ihm nachgelassenen Sammlungen kamen an Colebrooke (s. d.), der daraus unter Anderm die „tilgest ok llincloo law" heraus- . -? Jongleurs Jordaens 689 gab. Vgl. Teignmouth, „iVlemnirs oftlie like, vvritings .nick corresponcksnce of8ir Will. > 3." (Lond. 180-1; neue verm. Ausg.von Wilks, 2 Bde., Land. 1840). 1 Jongleurs, von dem mittellat. soculuwr, provencal. jnglsr, jngluckor, altfranz. jougleie oderjnuglear, hießen bei den Provcncalen und Nordfranzosen die Spielleute von Profession, zum Unterschiede von den gelehrten und höfischen Kunstdichtern, den Troubadours (s. d.) und Trou vercs (s.d.) im engern Sinne. Diese letzter« hatten meist Jongleurs in ihren Diensten, um ihre Lieder vorzutragen, d. h. zu singen und zugleich auf einem Instrumente zu begleiten; denn höfische Kunstdichter sangen mol manchmal selbst ihre Lieder, hielten es aber für unanständig, sich zugleich auf einem Instrumente dazu zu begleiten. 1 Auch die Könige, die großen und kleinen Dynasten hielten an ihren Höfen solche Spielleute, die, wenn sie zugleich selbst Dichter waren, mit Rücksicht auf ihr Verhältniß als dienende i Hofkünstler in Nordfrankrcich, Alenestrels, in England Llmstrels hießen. Endlich gab cs auch ganz Herrnlose Jongleurs, fahrende Sänger, die sich nicht bloß an den Höfen und in den Burgen in der adeligen Gesellschaft, sondern auch auf Märkten und in Schenken unter dem Volke Herumtrieben, wie die 'I'ul»o>ire»rs, d. i. Trommler, die Bänkelsänger der Dorfschenken, das letzte Glied dieser Sänger- und Musikantenschar. So trieben die Jongleurs, außer ihrer ursprünglichen Beschäftigung als Spielleutc, auch das Gewerbe von Erzählern oder Vsrträgernblos gesagter Gedichte (s. Fableor), ja sie waren auch oft zugleich Seiltänzer, Taschenspieler und Gaukler, führten weibliche Kunstgenossinnen (äongleressss) und abgerichtctc Thiere mit sich, und gaben überhaupt gymnastisch-mimische Vorstellungen und sogar schon eine Art dramatisch dargcstellter komischer Scenen oder Zänkereien, Witz- und Räthselspiele (äon^eries oder Kioto«); auch ließen sie sich als Liebesboten und Gclegenheits- macher gebrauchen. Dadurch und durch ihre eigene, meist unordentliche Lebensweise zogen sie sich mehrmals den Kirchenbann und Landesverweisung zu und sanken so sehr in der öffentlichen Achtung, daß der Name Jongleur gleichbedeutend mit Possenreißer, Lügner und Betrüger wurde, während sie in früherer Zeit geehrt, reich beschenkt und sogar mit Grund- > besitz belehnt waren. Doch hielten die Höfe noch lange eigene Jongleursbanden, die dann gewöhnlich unter einem k<>> Oes inönestrols, Dircctor-oder Kapellmeister, standen und in den Städten bildeten die Spielleute eine besondere Zunft (nrutinu ck«s ineuetricrs), die durch Ordnungen geregelt war. Vgl. das „bubliun ck«ss cksux I'rnvöors ribaus", herausgegeben von Robert (Par. 1831) und Bernhard, „kseberclies sur I'Iiistvire cke lu Corporation lies menetriers cke In vilis ile Inaris" in der Zeitschrift „Uibliotbegue o zuerst durch mehre Flugschriften bekannt, in welchen er für die katholische Religion und gegen die constitutionelle Kirche sprach. Als seine Vaterstadt das Joch des Convents abschütteln wollte, stellte er sich an die Spitze der Bewegung; nach der Einnahme der Stadt mußte er nach der Schweiz entweichen. Später ging er nach London, wo er mit den Männern der brit. Opposition in enger Verbindung stand. Erst 1796 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er nun als Deputirter von Lyon in den Rath der Fünfhundert trat, in welchem er sein seltenes Nednertalent entfaltete und als royalistisch Gesinnter die Aufhebung der Ges tze gegen die Priester durchsetzte, welche den constitutionellen Eid verweigerten. Bei der Revolution am ! 8. Fru ctidor (s. d.) mußte er sich als Geächteter verbergen. Doch konnte er sich nicht enthalten, eine zornige Adresse, „ä. ü ses eoinmettants sur Is rä voluti»» <1,1 18 krueticlor etc.", zu erlassen, was ihn nöthigte, nach Basel zu entfliehen. Auch hier nicht sicher, begab er sich nach Tübingen, von da nach Weimar, wo er seine Muße dem Studium der deutschen Literatur widmete. Nach dem 18. Brumaire (s. d.) kehrte er nach Frankreich zurück, zeigte sich aber ungeachtet der Anerbietungen Bonaparte's als heftiger Gegner des Consulats. Unter dem Titel „Hi seus 6» vote national ponr Ic con-uilat ä vis" veröffentlichte er 1892 eine Schrift, in der er zwar den hohen Eigenschaften und Verdiensten des ersten Consuls Gerechtigkeit widerfahren ließ, aber auch dessen ehrgeizige Bestrebungen an das Licht brachte und den künftigen Despotismus voraussagte. Gegen Erwarten wurde er selbst nicht zur Rechenschaft gezogen, wiewol man die Schrift confiscirke. I. lebte nun bis zum Sturze des Kaiserreichs äußerst zurückgezogen und machte Studien über die Moralphilosophie, über Klopstöck und die deutsche Literatur. Nach der ersten Restauration trat er in den Stadtrath von Lyon. Mit einer Deputation wurde er nach Dijon an den Kaiser von Ostreich gesendet, um für seine Provinz eine Verminderung der Contribu- tionslasten zu erbitten. Ob er auch den Auftrag hatte, für Herstellung der Bourbons zu sprechen, ist zweifelhaft. Am 8. Aug. 1814 wurde I. in den Adelstand erhoben. Nach der Rückkehr des Kaisers war er unter dem Zorne der Bevölkerung zu Lyon für den Grafen Artois thätig. Bei der zweiten Restauration wies er jedoch aus Misvergnügen über das ausschweifende Betragen des Hofs jede öffentliche Mitwirkung von sich. Erst 1816 trat er für das Aindevarkement in die Kammer. Nachdem er für die Ausnahmgeseße gegen die Freiheit der Person und der Presse gesprochen, Halfer 1817 das freisinnigere Wahlgesetz durchführen. Das willkürliche und grausame Schalten des Pre'votalhofs zu Lyon öffnete ihm endlich gänzlichüberdieMinisterialpolitikdieAugen, und fortan näherte ersich den Doctrinaires und gehörte zur Opposition. I. verlor hierauf die ihm 1816 ertheiltc Würde eines Skaats- raths; um »der seine Unabhängigkeit ganz zu wahren, wies er auch die Pension zurück. Jndeß konnte er wegen Kränklichkeit in der Sitzung von > 82» wenig wirken. Er starb am 19. Mai i82>. Ein Hauptzug seines Charakters war das religiöse Element. Seine vielen Flugschriften sind jetzt ohne Bedeutung; eine Sammlung seiner wichtigsten Reden erschien zu Paris >826. Jordan (Dora) Jordan (Sylvester) 091 Jordan (Dora), geb. 1762 zu Watcrford in Irland, wo ihre Altern, Namens Blond, Schauspieler waren. In gleicher Eigenschaft kam Dora 1782 nach England. Sie nannte sich anfangs Miß Fcrnandis, später Miß Jordan und spielte mit großem Beifall in Jork, mit noch grüßerm 1785 auf der Drurylane-Dühne in London. Hier gewann sic der reiche Advocat Ford sich zur Geliebten. Als aber >799 der Herzog von Clarencc, der.nach, malige König Wilhelm IV., um ihre Gunst warb, stellte sie Ford die Wahl, ob er sie hcira- then oder im Besitze des Herzogs sehen wolle. Da er das erstere nicht that, geschah das letz, tere, und sie lebte nun, ohne das Theater zu verlassen, mit dem Herzoge in glücklichem Ver- hältnisse, von seinen Brüdern geehrt und fast als rechtmäßige Gattin geachtet. Jm J. >81 t löste sich jedoch dieses Verhältnis und mit einer für sich und ihre Töchter genügenden Pen- sion trat sie von der Bühne ab. Misbrauchtes Vertrauen stürzte sie in Geldverlegenheit. Sie flüchtete nach Paris und starb daselbst >815. Jordan (Sylvester), Professor der Rechte zu Marburg, geb. am 3V. Dec. >792 zu Omes, einem zum Dorfe Axams gehörigen Weiler unweit Innsbruck, der Sohn eines armen Schuhmachers, unter acht Kindern das jüngste, verdankte den Anstoß zur Selbstbil- düng seines Vaters Bruder Franz I., der als Volksdichter unter dem Namen des axamer Schusters in ganz Tirol bekannt war. Nach einer im älterlichen Hause höchst traurig ver- lebten Jugend, in der er neben dem Schuhmacherhandwerk, zu welchem er angehalten wurde, die schwersten wirthschaftlichen Arbeiten auf dem Felde der Altern verrichten mußte, fortwährend den Mishandlungen des in seinem Mismuth gegen seine Familie wüthcnden Vaters ausgesetzt, kam er endlich, nachdem er bereits in eine schwermüthige Stimmung versunken, durch Vermittelung dcS Pfarrers zu Axams >806 auf das Gymnasium zu Innsbruck, wo sich sein Verstand allmälig aufhellte. Seinen Gymnasialcursus beendete er seit 1811 in München, worauf er 1813 die Universität zu Landshut bezog und die Rechte studirte. Nachdem er 18 > 4—15 eine Hofmeisterstelle in Wien bekleidet, ging er zunächst nach Salzburg und wurde hierauf von Baiern beim Landgerichte zu Nosenheim angestellt. In der Absicht, die Seinigen und die Geistlichen in Tirol, die ihn bereits als einen Gottesleugner förmlich in den Bann gethan, mit sich zu versöhnen, ging er noch einmal in die Heimat; doch der Fanatismus der Geistlichkeit näthigte ihn zur schleunigen Flucht. Nachdem er seine Stelle in Nosenheim aufgegeben, ging er 1815 wieder nach Landshut, wo er 1817 die juristische Doctorwürde erhielt und nun als Sachwalter austrat. Im Apr. >818 ging er als Sachwalter nach München, 1820 auf kurze Zeit nach Frankfurt am Main und 1321 nach Heidelberg, wo er nun als Privatdocent auftrat. Bereits im Sept. 1321 folgte er dem Rufe als außerordentlicher Professor der Rechte nach Marburg, wo er im folgenden Jahre ordentlicher Professor und Beisitzer des Spruchcollegiums wurde und 1825 das Prorectorat bekleidete. Im Oct. 1830 von dem akademischen Senate als Vertreter der Universität in die kurhess. Ständeversammlung gewählt, trat er nun in die glänzende Laufbahn, auf der er als muthiger und redlicher Kämpfer für Volksrechte sich den Dank und die Achtung aller deutschen Volksstämme erworben hat, die aber ihn dem Kerker und dem politischen Tode zuführte. Als Vorstand und Referent des Ausschusses, dem die PrüfMg des von der Negierung den Ständen vorgelegtcn Entwurfs der Verfassungsurkunde aufgetragen wurde, erwarb er sich um die Gestaltung derselben die entschiedensten Verdienste, die erst dann recht glänzend hervortreten, wenn man den der wesentlichsten constitutionellen Bürgschaften ermangelnden Entwurf mit der Verfassungsurkunde von >83> vergleicht. Auch in der ersten constitutionellen Ständeversammlung von 1831 nahm er als Abgeordneter der Universität an den Verhandlungen über das Preßgefttz, die Bürgerbewaffnung, das Ne- krutirungsgesetz, die Semeindeordnung und die Ablösung der Grundlasten den thätigsten Antheil. Nach Auflösung des Landtags in Folge der Verhandlung über die Bundestagsbeschlüsse von 1832 wurde I. zwar von der Universität wieder zu ihrem Vertreter gewählt, doch das Ministerium bot nun Alles auf, um ihn von dem Landtage auszuschließen, und «erlangte, daß er als Staatsdiener die Genehmigung zum Eintritt in die Ständeversammlung nachsuche. In Übereinstimmung mit einer Entschließung des akademischen Senats- erschien er, ohne sich durch Strafauflagen schrecken zu lassen, zur anberaumten Zeit in Kas» '.V 692 Iordanes Zöra sel. Als nun hierauf auch die Ständeversanunlung de» Beschluß faßte, daß dem Eintritte J.'s kein Hinderniß im Wege stehe, wurde der Landtag am >8. März >833 aufgelöst. Hiermit endete J.'s parlamentarische Laufbahn. Als öffentliche Anerkennung seiner Verdienste wurde durch freiwillige Beiträge ein Stipendium für seine Familie zu Marburg gestiftet. In Folge einer Nachwirkung der in Würtembcrg stattgefundenen Untersuchungen wegen politischer Umtriebe, wurde 1.1839 mit großem Eclat suspendirt und bald nachher ins Criminalgcfängniß abgeführt, um einer Untersuchung wegen Demagogie, Hoch- und Landesverrath zu unterliegen, in die ein Apotheker Döring in Marburg aus persönlichem Haffe durch ein schmähliches Gewebe von Lug und Trug ihn verwickelt haben soll. Die Chikanen und Verunglimpfungen, denen er sich seit 1833 ausgesetzt sah; die Härte, mit der er seit seiner Festnehmung behandelt wurde; die strenge Bewachung, der er unterlag; die Schicksalsschlägc, die ihn in dieser Zeit trafen; die ungewöhnlich lange Dauer seines Processes, seine Verurtheilung in erster Instanz im I. 1833 zu Cassation und fünfjähriger Fcstungsstrafe; endlich der allgemeine Glaube an die Schuldlosigkeit eines Mannes, der nie einer politischen Verbindung angehört, nie einem politischen Festmahlebeigcwohnt hatte, nie eines Vergehens gegen die Staatsgesetzc geziehen worden war, der alle demagogische Umtriebe als die politische Entwickelung gefährdend haßte und die Reformen des Staats nur auf dem gesetzlichen Wege herbeigcführt wissen wollte: — dieses Alles hatte für I. in ganz Deutschland die lautesten Sympathien, die sich in Frankreich und Amerika kundgaben, erregt, als er im Mär; 1843 ans Verfügung des Oberappellationsgcrichts zuKassel gegen Caution und unter der Verbindlichkeit, bis zur Erlassung seines Urtheils in oberster Instanz, das Weichbild der Stadt Marburg nicht zu überschreiten, auf freien Fuß gesetzt wurde. Vgl. außer seiner „Selbstvertheidigung in der wider ihn geführten Criminalunter- suchung" (Manh. >813), die drei Verteidigungsschriften J.'s von A. Boden (Franks. 1833—33). In seiner akademischen Laufbahn bewährte er sich durch gründliche Kenntniß des öffentlichen Rechts und freisinnige Grundsätze. Außer mehren Gelegenheitsschriften und andern Beiträgen in juristischen Zeitschriften sind namentlich hervorzuheben seine „Versuche über allgemeines Strafrecht" (Mark. 1818) und sein „Lehrbuch des allgemeinen und deutschen Strafrechts" (Mark. >831). Seine interessante Schrift „Die Jesuiten und der Jesuitismus" (Altona >839) ist der Abdruck eines Artikels für das „Staatslexikon". Jordänes auch Jornandes genannt,.ein Geschichtschreiber des 6. Jahrh-, war von Geburt ein Gothe und bis zu seiner Bekehrung Notar bei einem alanischen Fürsten. Fälschlich wird er als Bischof von Ravenna aufgeführt, ja es fragt sich, ob er überhaupt Bischof gewesen. Sein Werk „De 6etarui» sive 6»1Ilorum nrigins et rebns gestis", das mit dem I. 552 schließt, ist, wie er selbst angibt, ein Auszug aus dem verloren gegangenen Werke des Cassiodorus, unkritisch und in barbarischem Latein abgefaßt; nichtsdestoweniger aber insofern sehr schätzbar, als es von der frühern Geschichte nach einheimischen Überlieferungen Manches aufbewahrt hat, was nirgend anders sich findet. Die beste Ausgabe ist die bei Muratori in den „8criptc>res rer. Italic." (Theil I, Bd. I), wo auch die zweite Schrift des I., „De regnerum et tem;><>r»m snccessinne", ein Abriß der Weltgeschichte bis auf Justinian, abgedruckt ist, der aber wenig Brauchbares enthält. Jörg (Joh. Christian Gottfrch, Hofrath und ordentlicher Professor der Geburtshülfe an der Universität zu Leipzig, Dircctor der Eebäranstalt und Hebammenschule daselbst, geb. am 23. Dec. 1779 zu Predcl bei Zeitz im preuß. Herzogthum Sachsen, besuchte seit l792 die Stistsschule zu Zeitz, studirte seit 1899 zu Leipzig die Heilkunde, ging 1803 nach Wien, um Boer zu hören, und erhielt >895 in Leipzig die medicinische Doctorwürde, wo er nun auch als praktischer Geburtshelfer, Orthopäd und Privatdocent auftrat. Nachdem er 1809 einen Ruf nach Königsberg als Professor der Anatomie und Chirurgie abgelehnt hatte, wurde er 1819 zu der Stelle berufen, die er noch gegenwärtig einnimnit. Wenn auch seine Ansichten sich meist auf die seines Lehrers Boer stützen, so sind seine Verdienste um die Eeburtshülfe und die Erkenntniß des physiologischen und pathologischen Lebens des Weibes doch so selbständig und ausgebreitet, daß er sich einen dauernden Namen in der Geschichte seiner Wissenschaft erworben hat. Als Schriftsteller war er sehr fruchtbar; mit Übergehung vieler kleinern Schriften führen wir nur an das „Lehrbuch der Josefiiws Joseph 693 Hcbammenkunst" (l.Aufl., Lpz. >811); „Handbuch der Geburtshülfe" (3.Aufl., Lpz. 1833); „Handbuch der Krankheiten des Weibes" (3. Aufl„ Lp;. 1831); „Handbuch der specicllen Therapie für Ärzte und Geburtshelfer" (Lp;. 1833); .Handbuch zum Erkennen und Heilen der Kinderkrankheiten" (2. Aust., Lpz. 1833); „Der Mensch auf seinen kör- perlichcn, gemächlichen und geistigen Entwickclungsstufcn" (Lpz. 1828); „Die Zurechnungsfähigkeit der Schwängern und Gebärenden" (Lpz. 1837) und „luckieibuo lueckicis- gne turensibus viam ac rstionem pcccuta ab. obstetricilnis vcl meckicin in curunckio gra- vi Aust., Lpz. 1816) gaben mit die Veranlassung zu den vielen Forschungen über diesen wichtigen Zweig der Chirurgie, welche die neuere Zeit auszeichnen. Mit Tzschirncr (s. d.) arbeitete er die Schrift „Die Ehe aus dem Gesichtspunkte der Natur, der Moral und der Kirche" (Lpz. -819). Josesinos oder Afrancesados nannte man diejenigen Spanier, welche 1868 der Constitution von Bayonne und dem König Joseph Bonaparte cid- und dienstpflichtig wurden. Nach der Rückkehr Ferdinand's VII. wurden sie mit gleicher Härte wie die Anhänger der CorteS verfolgt und da die Angesehensten nach Frankreich geflüchtet, durch das Decret vom 36. Mai 1813 gleich allen andern Ausgewanderten geächtet. Auch von der Amnestie, die 1816 erlassen, 1817 aber zurückgenommen wurde, waren sie ausgeschlossen. Erst nachdem Ferdinand VII. 182V die Constitution der Cortes angenommen hatte, erhielten sie die Erlaubniß, wieder in Spanien, mit Ausnahme Madrids, ihren Aufenthalt zu nehmen, worauf sie durch Beschluß der Cortes vom 21. Scpt. 182V in den Genuß ihrer bürgerlichen Rechte und in den Besitz ihrer Gütc-r, nicht aber in ihre Würden, Stellen und Pensionen wieder eingesetzt wurden. Reuen Verfolgungen sahen sie sich nach der Wiederherstellung der absoluten Regierung im I. 1823 ausgesetzt und erst die 1832 von der Königin Christine in der Zeit der Krankheit des Königs erlassene allgemeine Amnestie gestattete ihnen Allen ohne weitere Einschränkung die Rückkehr ins Vaterland. Joseph, der spätgeborene Sohn Jakob's (s. d.) und der Rahcl, wurde von seinen Brüdern, die ihn wegen der Liebe des Vaters beneideten, an midianitssche Sklavenhändler verkauft, durch welche er in das Haus Potiphar's, eines vornehmen Staatsbeamten in Ägypten, kam. Der keusche Widerstand gegen die Zumuthungen der Frau Potiphar's brachte ihn zwar ins Gefängniß, doch die trostvolle Auslegung, die er dem gleichfalls verhafteten königlichen Mundschenken von einem Traume gab, bahnte ihm den Weg zum Glücke. Denn da der Mundschenk wieder zu Gnaden gekommen, erinnerte er sich bei Gelegenheit eines Traumes, den Pharao gehabt hatte, des Traumdeuters im Kerker. I. wurde gerufen, erklärte den Traum des Königs von den sieben fetten und sieben magern Kühen mit Geistesgegenwart und Kenntniß des Landes von sieben fruchtbaren und sieben unfruchtbaren Jahren, die Ägypten nacheinander zu erwarten habe, und gab dabei so zweckmäßige Vorschläge zur Sicherung des Volks vor Mangel, daß Pharao ihm die Ausführung derselben übertrug. Wegen der Verdienste, die er sich um Ägypten erwarb, nannte ihn der König „Erretter der Welt" und machte ihn zu seinem Großvezier. Verheirathct mit Asnath, der Tochter des Oberpriesters zu Heliopolis, die ihm zwei Söhne, Manaffe und Ephraim, gebar, im Besitze der höchsten Gewalt nach dem Könige, sowie der Liebe des Volks, zog I. auch die Seinen nach Ägypten und räumte ihnen das Land Gosen ein, wofür sein Vater Jakob den beiden Söhnen desselben gleiche Rechte mit den übrigen Brüdern gab. (S. H e- bräe r.) Die Erzählung seines Lebens ist unstreitig eine der schönsten Partien in den Mosaischen Schriften, weshalb auch I. ein Lieblingsstoff der Kunst wurde. Joseph, der Gatte der Maria (s. d.) und Pflegevater Jesu, wird bei Matthäus der Sohn des Jakob genannt. Nach der gewöhnlichen Annahme trieb er das Handwerk eines Zimmermanns und Tischlers, während ihn die jüd.Sage für einen Soldaten ausgibr, der seine Verlobte, Maria, geschwängert habe. Aus dogmatischem Interesse bildete sich in der christlichen Kirche die Ansicht, I. habe erst als 80jährigcr Greis und als Vater von 694 Joseph von Arimathia Joseph H (röm.-deutscher Kaiser) sechs Kindern, die er mit der Salome erzeugt, die Maria zum Weibe genommen. Übrigens ist er wahrscheinlich schon vor dem öffentlichen Auftreten Jesu gestorben. Die merkwürdig, sten Sagen über ihn finden fich in der arabisch geschriebenen, apokryphischen „Ui-Uoria äo- »Cjilii sabri IiFiiarii". (S. Apokryphen.) Joseph von Arimathia, d. i. von Ramathaim im Stamme Benjamin, war Bei. fitzer des Synedriums zu Jerusalem und scheint ein geheimer Freund der Sache Jesu gewesen zu sein, da er diesen im Tode ehrte und den Leichnam desselben einbalsamirt in dem Felsengrabe, welches er in seinem Garten hatte anlcgen lassen, beisetzte. Die Lage dieses Gartens und somit des heiligen Grabes ist von der Sage willkürlich bestimmt worden und läßt sich kaum mehr ausmitteln. Der wirklichen Tradition nach hat J. zu den 70 Jüngern gehört und in England zuerst das Evangelium verkündigt. (S. auch Eraa l.) Joseph I-, röm.-deutscher Kaiser, >705—11, der ältere Sohn Leopold's I. ss. d.), geb. zu Wien am 26. Juli l678, empfing schon 1650 die ungar. und 1690 die röm. Kö- nigskrone. Durch seinen Oberhofmeister, den Fürsten von Salm, freisinnig und fern von mönchischer Einwirkung erzogen und später durch Befreundung mit Eugen für dessen freie Ansichten über Staat, Leben und Kirche gewonnen, beschränkte er sogleich nach seinem Ne- gierungsantritt den Einfluß der Jesuiten, entfernte sie vom Hofe und gestattete dagegen den Protestanten in Ungarn und Böhmen Begünstigungen, die seine Vorfahren denselben - verweigert hatten. Mit Kraft und Eifer setzte er den von seinem Vater überkommenen span. Erbfolgekrieg (s. d.) gegen Frankreich fort und es gelang ihm, durch Eugen's (s. d.) undMarlborough's (s. d.) Siege die Franzosen nach und nach aus Italien und den Niederlanden zu vertreiben und Ludwig XIV. so gefährlich in seinen eigenen Grenzen zu bedrohen, daß er wiederholt um Frieden bitten mußte. Um aber während der Zeit des Kampfes nicht gehindert zu werden, verglich er sich, unter Englands Vermittelung, mit dem Schwedenkönig Karl Xll., der 1706 auf dem Wege von Polen nach Sachsen rücksichtslos seinen Weg durch Schlesien genommen hatte, und gewährte in den mit ihm 1707 gcschlos- scnen Tractaten den schles. Protestanten Religionsfreiheit und die Rückgabe von 120 ih. nen von den Jesuiten früher entrissenen Kirchen. Zugleich zwang er den Papst, der sich parteiisch zu Frankreich hinneigte, mit Waffengewalt, seinen Bruder Karl als König von Spanien anzuerkennen. Er sprach über die Kurfürsten von Baicrn und Köln 1706, und über den Herzog von Mantua 1708, weil sie ihren Reichspflichten zuwider mit dem Reichs- feinde Ludwig XIV. sich verbunden hatten, die Acht aus, bemächtigte sich, nicht ohne heftigen, gewaffneten Widerstand der Einwohner unter Meindl und Plinganser, des Kurfür- stenthums Baiern und begann dessen Länder zu zerstückeln und zu verthcilen. Auch gelang es ihm den Aufstand der Ungarn, der noch bei Lebzeiten seines Vaters, von Frankreich angeschürt sich erneuert hatte, zu besiegen. Seine Fürsorge für das Reich bewies er dadurch, daß er die Fortdauer des Reichstags von Rcgensburg befestigte, die seit 1704 in Folge heftiger Mishclligkeiten unter den Mitgliedern gehemmte Thätigkeit des Reichskammergerichts neu belebte und die Reichsstandschaft der im Dreißigjährigen Kriege durch Baiern media- tisirten Stadt Donauwörth wiederherstellte. Für seine Staaten sorgte er durch Errichtung einer kaiserlichen Staatsbank und durck Stiftung der Akademie der Wissenschaften und Künste zu Wien; auch erbaute er das Schloß Schönbrunn und suchte dem Bauernstände bereits manche Erleichterungen der Leibeigenschaft zu verschaffen. I. war ein kenntnißrei- cher und einsichtsvoller Herrscher, voll deutscher Gesinnung bei aller persönlichen Anhänglichkeit an die Lehren und Gebräuche seiner Kirche, gegen Andersdenkende tolerant und trotz seiner ernsten Würde und seiner Vorliebe für strenges Hofceremoniel und prachtvolles Hofgepränge mild und leutselig. Leidenschaftlich liebte erdieJagd. Erstarb am I7.Apr. 1711 an den Blattern. Ihm folgte als Kaiser sein Bruder Karl VI. ss. d.). Joseph II-, röm.-deutscher Kaiser, 1765—90, Sohn Franz's l. (s. Franz Stephan) und der Maria Theresia (f. d.), wurde am 13. Mär; 1741 geboren, zu einer Zeit, wo seine Mutter in solcher Bedrängnifi war, daß sie kaum eine Stadt zu ihrem Wochenbette zu haben fürcbtete. Unter Leitung des Fürsten Bathyany und des StaatssecrctairS von Bartenstein sorgfältig unterrichtet, zeigte er frühzeitig einen lebhaften, heitern Geist, schnelle Fassungsgabe und ein glückliches Ecdächtniß, zugleich aber auch oft einen gewissen, Joseph II. (röm.-deutscher Kaiser) 695 störrischen Eigensinn und großen Widerwillen gegen längerer Stillsitzcn und gegen alles Auswendiglernen. Obgleich er daher im Ganzen hinter seinem Bruder Leopold zurückblicb, so machte er doch ziemlich rasche Fortschritte in den Sprachen; auch trieb er mit vieler Lust Fcldmeß - und Kriegskunst, besonders aber Musik. Im Umgänge mit tüchtigen und trefflichen Männern war er zum Jüngling herangereist, als der Siebenjährige Krieg ausbrach. Einen Augenblick lang hegte Maria Theresia den Plan, ihren Sohn an demselben Thcil nehmen zu lassen, doch bald daraus von der Ansicht geleitet, ihn seinen Studien nicht zu entziehen^ nahm sie diesen Entschluß wieder zurück. Im I. >760 vermählte er sich mit der geist- und gemüthvollen Prinzessin Maria Luise von Parma, die er zärtlich liebte, aber schon 1763, nachdem sie ihm eine Tochter geschenkt, die der Mutter bald nachfolgte, durch den Tod wieder verlor. Auch seine zweite Gemahlin, die bair. Prinzessin Josephe, starb nicht lange nach der Vermählung. Nach dem Hubertusburger Frieden und gewissermaßen in Folge desselben wurde I. >764 zum röm. König erwählt, und nach dem Tode seines Vaters, am >8. Aug. >765, Oberhaupt des Deutschen Reichs. Zwar erklärte ihn Maria Theresia zugleich zum Mitregenten der ostr. Staaten, doch behielt sie die eigentliche Regierung derselben ungeschmälert in ihrenHänden und überließ ihm nur das Großmeisterthum allerNitter- orden, die Verwaltung der Armee und die wirkliche Oberleitung des gesammten Kriegswesens. Sofort machte er in dieser Stellung mit Hülfe des Grafen Lascy, zum Theil nach dem Muster Friedrich's ll., viele zweckmäßige Einrichtungen in der Militairökonomie; er verbesserte daS LooS der gemeinen Soldaten und führte jährlichcHeersrevuen ein. Mitgroßmü- thiger Freigebigkeit ließ er 22Mill. Fl. Staatspapiere oder sogenannte Coupons, die er aus seinesVaters Erbschaft erhalten hatte, verbrennen und gab demStsateauch die von seinem Vater als Privateigenthum angekauften Domainen zurück. Zugleich drang er, mit seinem eigenen Beispiel vorangehend, auf Vereinfachung der Hofhaltung, auf Einschränkung der Kleiderpracht, verbot streng alle Schleichwege zu Ämtern und Ehrenstellen und wußte dem Princip der Bevorzugung der Inländer gegen die Ausländer bei Amtsbesehungen wieder Geltung zu verschaffen. Die Hazardspiele wurden verboten, eine neue Policeiordnung eiugeführt, die Tortur abgeschafft, mildere Verordnungen über die Bestrafung der Zauberei Beschuldigten erlassen, die Heirathen erleichtert, um die durch den letzten Krieg zusammengeschmolzene Bevölkerung wieder zu heben und mit dem Adel wegen Erleichterung der immer drückender werdenden Frohnen unterhandelt. Theils weil seine überströmende Thatkraft bei der Selbstregierung seiner Mutter nicht genug Spielraum fand, theils um sich für seinen Negentenberuf umfassender vorzubereiten, reiste er ohne Gepränge, als ein schlichter Privatmann, meist unter dem Namen eines Grafen von Falkenstein. So besuchte er von feinen eigenen Ländern Ungarn, Böhmen, Mähren, von fremden, Italien, Spanien, Frankreich, Holland, und benutzte eine dieser Reisen, um am 25. Aug. 1768 Friedrich dem Großen im Lager bei Neiße einen Besuch zu machen, den derselbe im folgenden Jahre im Lager zu Mährisch-Neustadt ihm erwiderte. Aller Herzen gewann er durch sein leutseliges Wesen, namentlich bei seinem Besuche in den Niederlanden 1776 und bei seiner Anwesenheit zu Paris 1777. Ein Beweis seiner landesväterlichen Fürsorge war es, daß er bei Gelegenheit einerHungersnoth in Böhmen und Mähren 1776, diedurch wucherische Preiserhöhung der reichen Gutsbesitzer und Getreidehändler noch gesteigert wurde, die Kriegsmagazine öffnen, wohlfeiles Getreide aus Ungarn nach Böhmen einführen und die reichen Landbesitzer gegen festgesetzte baare Zahlung zur Auslieferung eines bestimmten Quantums Korn zur Vertheilung an die Armen zwingen ließ. Zur Unterstützung dieser kräftigen Maßregeln fügte er selbst ein Geschenk von 66666 Fl. hinzu, die Fürst Kaunitz in Mähren vertheilen mußte, dem bald darauf eine gleiche Summe der Kaiserin Maria Theresia folgte. Was ihm mitBaiern (s.Erbfolgekrieg) nicht gelungen war, das gelang ihm bei der ersten Theilung Polens im I. 1772, durch welche Ostreich, ohne rechtliche Ansprüche zu haben, Galizien, Lodomerien und die Grafschaft Zips, im Ganzen einen Zuwachs, von i a»6 n>M. mit 3 Mill. E. erhielt. Ein ähnlicher Schritt der Gewaltthätigkeit war es, daß I. den Hochstiften Paffau und Salzburg, 1783 und >783, Alles, was zu deren Sprengel» im Östreichischen gehörte, willkürlich entzog. Erbittert übrigens auf Preußen, weil es ihn von der Besitznahme Baierns abgehalten hatte, suchte er 1780 bei Gelegenheit einer 696 Joseph II. (rörn.'-eutscher Kaiser) Reise durch einen großen Thcil von Europa, die Kaiserin Katharina II. von Rußland zu Mohilew am Dniepr auf und wußte durch die Gewandtheit und Anmukh seines Wesens die Kaiserin und ihren allmächtigen Günstling Polcmkin statt ihrer zeitherigcn Verbindung mit Preußen zu einer Allianz mit Ostreich zu bestimmen, und ihr gegen das Versprechen seines Beistandes bei Vertreibung der Türken aus Europa, die Verheißung des Besitzes von Italien und ihre Zustimmung zur Erwerbung Baierns bei einem künftigen Jncidenz- salle abzudringen. Als er nun ! 780, nach dem Tode seiner Mutter, in den vollen Besitz seiner Erbstaaten trat, begann er im weitesten Umfange seine längst gehegten und nur un- ,gern zurückgehalteucn Umgestaltungen. Als ein stiller Bewunderer Friedrich deS Gro- ße» ausgewachsen, durch die Philosophie seiner Zeit geleitet und die damals gepriesenen Schriften der Franwscn über Staatseinrichtungen und Staatswirthschaft gebildet, wollte er, wie dieser, seine Staaten als Selbstherrscher leiten und in ihnen das Staats- und Kirchenwesen , das bürgerliche und geistige Leben auf alle Weise verbessern. Um demzufolge zunächst die Abgesondertheit und verschiedentlich«: Gestaltung der einzelnen Staaten, die der Anwendung gleichmäßiger Berwaltungsprincipien und Reformen vielfach hinderlich war, aus dem Wege zu räumen, verband er zum ersten Male diese Länder zu einem einzigen , in l3 Regierungsbezirke gethcilten Staat, und suchte nun durch Gleichheit der Einrichtungen, der Verwaltung, der Sprache, der Sitte, denselben zu einem gleichförmigen Ganzen zu bilden. Er verordnet«: Begründung der Abgaben auf die Grundsteuer, nach Umfang und inncrn Werth des Bodens, drang auf Aufhebung der Leibeigenschaft, setzte die gegenseitige Freizügigkeit in den böhm.-östr.-deutschcn Landen fest, und veranstaltete seit >783 die Ausarbeitung einer allgemeinen Gerichts- und Concursordnung und neuer Gesetzbücher, in denen Gleichheit vor dem Gesetze und statt der Todesstrafen Zwangsarbeit und Brandmarkung und hartes Anschlüßen im Gefängnisse anbefohlen wurden. Sein Hauptangriff aber war gegen die Hierarchie gerichtet. Wenn ihm das Kirchenwesen, wie eszeither bestanden, schon an sich der Denk - und Glaubensfreiheit entgegen, überladen mit unnützen Klöstern und die Fürstengewalt beschränkend erschien, so wurde diese üble Meinung, welcheKaunitz zugleich theilte, noch durch die besondere Abneigung gegen die Geistlichkeit selbst verstärkt, da er dieselbe oftmals die andächtige Denkungsart seiner Mutter hatte misbrauchen sehen. Er erklärte sich daher zuvörderst vom Papste unabhängig, indem er keine Bulle desselben in seinen Staaten mehr gelten ließ, die er nicht durch sein placet regium bestätigt hatte, befahl namentlich, die Bullen Lin i gen it»s (s.d.) und ln eo onu (lomini (s.d.) aus allen Ritualen hcrauszuneh- men; hob nach und nach innerhalb acht Jahren 700 Klöster auf, minderte die Zahl der Ovdensgeistlichcn von 83000 auf27000, und stellte die ältern Mönchsorden unter die Aufsicht der Bischöfe, denen er auch alle zeither vor das Forum des Papstes gehörigen Dispensationen in Ehesachen übertrug. Zugleich erließ er am IS. Oct. 178t einToleranz- edict, das den Protestanten und nichtunirten Griechen freie Religionsübung »erstattete, und von dem nur die Deisten ausgeschlossen waren. Selbst den Zustand der Juden verbesserte er, und in den katholischen Kirchen wurden deutsche Gesänge des Exjesuiten Denis eingeführt. Papst Pius VI. glaubte vielleicht durch eine persönliche Besprechung mit dem Kaiser diesen reißend schnellen Gang der Reformen und Neuerungen hemmen zu können, und kam zu Ostern 1782 selbst nach Wien; er wurde glänzend und mit Achtung ausgenommen, vermochte jedoch nichts über den Kaiser und nahm blos den Trost mit hinweg, daß das Volk beiweitem noch nicht reif für diese Verbesserung sei. Eine gleiche Fürsorge wie den kirchlichen Verhältnissen widmete I. auch den Interessen der Gewerbe und des Handels. Er ließ neue Fabriken anlegen, ermunterte die Verbesserung der schon vorhandenen durch Ecldvorschüsse und Belobungen, hob fesselnde Monopole auf, mackteFiume zu einem Freihafen, legte einen neuen Hafen zu Carlopago in Dalmatien an und verschaffte seinen Unterthanen die freie Schiffahrt auf derDonau bis ins Meer. Ebenso beförderte er Künste und Wissenschaften, belebte die Akademie der bildenden Künste durch ausgesetzte Preise; er stiftete Bibliotheken, Sternwarten, Wohlthätigkeitsanstalten und eine Menge Schulen für Bürger und Landmann, gründete die Universität zu Lemberg und die Mcdicinisch-chirurgische Militairakademie zu Wien und hob den Preßzwang auf, indem er die Bücher- «»7 Joseph H. (rörn.-deutscher Kaiser) eensur aus den Händen der Geistlichen in die aufgeklärter Gelehrten brachte und freie Ur- theile gestattete. Aber dieser so rege und aufrichtige Eifer für das Wohl seiner Staaten wurde nicht anerkannt, noch weniger unterstützt. So fand die 1766 beabsichtigte Verbesserung dcsNeichsgerichtswesenS und die demgemäß angeordnete Visitation, die neuo Jahre, 1767—76, dauerte, in der Menge von Weitläufigkeiten ein so!bedeutendes Hcmmniß, daß diese Maßregel ohne Erfolg blieb. In Ungarn hatten seine Reformen einen verheerenden Aufruhr der Wachen zur Folge, welchen er nur durch Hinrichtung der Anführer H o riah (s. d.) und Kloska und 15V Anderer zu dämpfen im Stande war. Der für die Abrundung seiner Staaten vortheilhaftc Plan, ganz Baiern gegen die Abtretung der ent- legenen Niederlande einzutauschcn, scheiterte an Friedrich des Großen Widerstande, der zur Hintertreibung dieses Entwurfs 1785 den Fürstenbund (s.d.) gründete. Mit glücklichem Erfolge dagegen, obwol nicht ohne Willkür und Gewaltthätigkeit, setzte er 1782 gegen die Holländer die Aufhebung des Barriere tractats (s. d.) durch und ließ die Befestigungen sämmtlicher Barriereplätze schleifen; auch erzwang er >785 im Streite mit den Holländern über die Eröffnung der Schelde eine Verglcichssummc von 8 Mill.Fl. und eine Gebietsabtretung. Nicht lange darauf erklärte er am 16. Febr. 1788, in Folge seines Bündnisses mit Rußland, den Türken den Krieg, der in den ersten Monaten eine günstige Wendung fürÖstreich zu nehmen schien, dann aber desto unglücklicher geführt wurde. Das Heer mußte sich nach dem Überfall bei Lugosch, am 26. Sept. >788, der zugleich J.'s Ge- fundheit zerstörte, zurückziehen und verlor nach und nach durch Seuchen und Gefechte 76660 M. Krank und niedcrgcbcugt kam J.im Dcc.in Wien an, und obgleich in dem folgenden Feldzüge London (s. d.) und der Prinz Josias (s. d.) vonSachsen-Koburg durch die Eroberung von Belgrad und die Siege bei Fokschani und Martinestic das Kriegsglück wiederherstellten, so trafen den Kaiser von anderer Seite her neue harte Schläge. Die Niederländer, erbittert über seine Eingriffe in ihre Gerechtsame, Freiheiten und Sitten, und geleitet von dem Advocaten van der Noot (s. d.), dem Domherrn van Eupen und dcni Offizier van der Mersch erklärten sich für frei und vertrieben die kaiserlichen Truppen aus allen Provinzen; nur Luxemburg blieb in des'Kaisers Gewalt. Mit ähnlicher Empörung drohten die Ungarn und selbst in Böhmen und in Tirol, allenthalben durch den Einfluß des ihm feindlich gesinnten Klerus und Adels angeregt oder unterstützt, erhoben sich bedenkliche Unruhen. Du erklärte I. im Jan. >786 alle während seiner Regierung in.Ungarn erlassenen Verordnungen, mit Ausnahme des Toleranzedicts, für aufgehoben. Ähnliche Erklärungen richtete er auch an die Belgier, Tiroler und Böhmen; aber die Belgier blieben im Aufstande, und die Ungarn bezeigten eine beleidigende Freude über die erzwungene Nachgiebigkeit des Kaisers, während das bittere Gefühl der Verkennung seiner wohlgemeinten Absichten und diese demüthigenden Erfahrungen seinen Tod beschleunigten, der am 26. Febr. 1780 erfolgte. I. war ein schöner Mann, von mittlerer Größe, von lebhaftem Temperament, mit hoher Stirn und blauen, scelcnvollen Augen. Voll des edelsten Willensund der reinsten, wohlmeinendsten Absichten, fehlte er einzig darin, daß er in Ausführung derselben zu hastig und herrisch verfuhr, und zu schonungslos Verfassungen und Privilegien der Nationen, wie Rechte und Sitten der einzelnen Stände antastetc, und daß er die Völker seiner Staaten mit einem Schlage in den Besitz verbesserter Einrichtun- gen setzen wollte, für die ihnen die Vorbereitung und Reife abging. Seine rastlose Tätigkeit, die Einfachheit seines Wesens, die strenge Wirthschaftlichkeit, die Menschenfreundlichkeit und Leutseligkeit, die jedem Ünterthan Zutritt »erstattete und überall gern half, wo sie konnte, und seine Regentensorgfalt, machen ihn zum Muster jedes Fürsten. Friedrich der Große sagte von ihm in einem Briefe an Voltaire: „Er ist an einem bigoten Hofe geboren und hat den Aberglauben abgeworfen, im Prunk erzogen und hat einfache Sitten angenommen, mit Weihrauch genährt und ist bescheiden." Auf dem ehernen Standbilde, das ihm sein Neffe Kaiser Franz I. 1867 in Wien durch den Bildhauer Zauner setzen ließ, stehen die treffenden Worte: „äosepko «ecurxl-), cpii suliiti publica« v ixit non ckin sock to- Vgl. „Anekdoten und Charakterzüge von Kaiser J.1I." (Ulm 1730) ; Pezzl, „Charakteristik J.'s II." (Wien 1796); „Briefe J.'s ll." (2.Aufl., Lpz. >822); Groß-Hof- 698 Joseph (Herz. v. S.-Altenbucg) Josephine (Kaiserin d. Franzosen) singer, „Die Alleimegierung J.'s II." (Stuttg. 1837) und Burckhardt, „Kaiser Z. in seinem Leben und Wirken" (Meiß. > 837). Joseph (Friedrich Ernst Georg Karl), Herzog von Sachsen-Altenburg, geb. zuHild- burghausen am 27.Aug. 1789, ist der älteste unter den jetzt noch lebenden vier Söhnen des Herzogs Friedrich von Sachsen-Altenburg (vormals von Sachscn-Hildburghauscn), mit Charlotte, der Tochter des Großherzogs Karl von Mccklenburg-Strclitz. Er erhielt eine sorgfältige Jugendbildung und Erziehung und besuchte 1806—9 die Universität zu Erlangen. Als Major in preuß. Diensten machte er den Feldzug von 1815 mit. Nach Beendigung des Krieges gegen Frankreich verweilte er einige Zeit an den Höfen zu Berlin und Stuttgart. Am 23. Apr. 1817 vermählte er sich mit der Prinzessin Amalie von Würtem- berg, geb. am 28. Juni 1799, der Tochter des Herzogs Ludwig. Aus der Ehe mit ihr stammen die vier Prinzessinnen: Marie, geb. 1818, seit 1343 vermählt mit demKronprin- zen von Hannover, Therese, geb. 1823, Elisabeth, geb. 1826 und Alexandra, geb. 1830. Bereits seit 1830 nahm er wesentlichen Antheil an den Negierungsgeschäften seines Vaters, dem er bei dessen Ableben, am 29. Sept. 1834, in der Regierung folgte. Als Gatte und Vater ist der Herzog ein Muster für seine Unterthanen. Er ist freigebig und ein abgesagter Feind aller Schmeichelei. Sehr religiös und bibelgläubig zeigt er doch durchaus gegen Andersdenkende sich tolerant. Ein persönlicher Freund des Militairs, sorgt er eifrig für dessen Ausbildung. Industrie und Handel, Künste und Wissenschaften, Schule und Kirche nehmen seine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch. Seine ältere Schwester Charlotte, geb. 1787, ist mit dem Herzog Paul vonWürtembcrg vermählt; die jüngere, Therese, geb. 1792, die Gemahlin des Königs Ludwig von Baicrn. Sein Bruder, der Prinz Georg, geb. am 24. Juli 1796, vermählte sich 1825 mit der Prinzessin Maria von Mecklenburg-Schwerin, geb. am 31. März 1803, aus welcher Ehe die beiden Prinzen Ernst, geb. 1826, und Moritz, geb. 1829, stammen. Sein zweiter Bruder, der Prinz Friedrich, geb. 1801, ist unvermählt. Sein jüngster Bruder, der Prinz Eduard, geb. 1804, vermählte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin 1842 wieder mit der Prinzessin Luise von Neuß-Greiz, geb. 1822, die ihm den Prinzen Albert, geb. 1343, gebar, nachdem seine beiden Prinzen aus erster Ehe 1844 wenige Tage nacheinander verstorben waren. Josephine (Marie Rose), Kaiserin der Franzosen, erste Gemahlin Napoleon's, geb. am 23. Juni 1763 auf der Insel Martinique, wo ihr Vater, Tascherdela Pagerie, königlicher Hafencapitain war. Ihre Familie stammte aus der frühern franz. Landschaft Blai- sois(BloiS); ihre Mutter, die jede Auszeichnung verweigerte, starb erst 1807. Obschon I. nur die in den Colonien gewöhnliche Bildung erhielt, glänzte sie doch frühzeitig durch natürliche Anmuth des Geistes und Herzens. In dem Alter von >5 Jahren kam sie nach Frank- reich und hcirathete am 13. Dec. 1779 ihren Landsmann, den Vicomte Alex. Beauharnais (s. d.). Die Sprößlinge dieser nicht glücklichen Ehe waren Eugen, der nachmalige Herzog von Leuchtenberg (s.d.), und Hortensia, die nachherigeGemahlin des Königs Ludwig Bonaparte von Holland. Ihr Gemahl wurde während der Schreckenszeit ins Gefängniß geworfen und hingerichtet. Die Schritte, die sie zu seinecBefreiung that, zogen ihre Verhaftung nach sich. Schon sollte sie vor dem Revolutionstribunal erscheinen, als die Katastrophe vom 9. Thermidor eintrat. Im Gefängniß hatte sie die Bekanntschaft der nachherigen Gattin Tallien's, der spätern Fürstin Chimay (s.d.), gemacht. Auf Verwenden derselben zog Tallien auch sie am andern Tage aus dem Gefängnisse, verschaffte ihr wieder einen Theil ihrer confiscirten Güter und machte sie mit B arraS (s.d.) bekannt, der fort« an ihr Freund und Beschützer wurde. BarraS, in dessen leichtfertigen Gesellschaften sie als Hauptzierde glänzte, vermittelte auch ihre Vermählung mit Napoleon Bonaparte. Dieser damals noch unberühmtc General hatte für die weniger durch regelmäßige Schönheit als durch Anmuth ausgezeichnete Frau eine lebhafte Neigung gefaßt. Der Civilact wurde am 9. März 1796 vollzogen; die kirchliche Einsegnung soll erst 1804, drei Tage vor der Krö- nung, auf Verlangen des Papstes durch den Cardinal Fesch (s. d.) stattgefunden haben. Zwölf Tage nach der Vermählung begab sich Bonaparte als Oberbefehlshaber zur Armee von Italien. Mitten in den Schlachten und Siegen konnte er aber seine Gattin so wenig vergessen, daß er sie durch Junot nachführcn ließ. I. war nun die Königin aller Triumphe, Josephus 699 die man ihrem Gemahl bereitete. Nur mit Mühe konnte sie abgehaltcn werden, denselben auch nach Ägypten zu begleiten. Sie lebte während dieser Zeit zu Malmaison, das sie an sich gebracht hatte. Nach der Rückkehr Bonaparte's schloß sic sich noch enger an ihn. Sie regelte ihr Betragen und half durch Einfluß und Verbindungen die politischen Erfolge desselben vorbereiten. Nach dem 18. Brumaire (s. d.) bezog sie mit ihm den Palast Luxembourg und im I. 1800 die Tuilerien. An ihren kleinen Hof wußte sie nach den Absichten Bonaparte's selbst die royalisiische Partei zu fesseln. Mit Geschmack entfaltete sie einen außerordentlichen Luxus, der zwar die Industrie belebte, ihr aber schon damals die größten Geldverlegenheiten bereitete. Bonapartc war stolz und glücklich in dem Glanze und dem Zauber seiner Gemahlin. In Malmaison, dessen Gärten sie mit exotischen Blumen anfüllte, entfaltete sie in auserwählter Gesellschaft ihre geselligen Talente und verbrachte die Zeit mit Spiel, Musik, Literatur und dramatischen Darstellungen. Gern hörte sie Bonaparte vorlesen; auch benutzte er oft ihr außerordentliches Gedächtniß. Dagegen suchte sie die politischen Härten ihres Gemahls auszugleichen und nicht ohne Erfolg mahnte sie von Gewaltthaten ab. Viele Emigranten verdankten ihr die Rückkehr ins Vaterland, Ämter und Pensionen. „Wenn ich Schlachten gewinne", sagte einst Bonaparte, „so gewinnst du die Herzen." Zn der Familie Bonaparte's, die immer nur mit Neid auf sie sah, machte sie gewöhnlich die Friedensstiftcrin. Der Anlauf, den Bonaparte zum Throne nahm, erfüllte sie mit Bcsorgniß und dem Vorgefühl des Unglücks. Im Verein mit Fo u ch e (s. d.) bot sie Alles auf, den letzten Schritt wenigstens hinauszuschieben. Auch soll sie die Anknüpfung der Unterhandlungen von Seiten der Bourbons mit ihrem Gemahl begünstigt und sich dadurch das Wohlwollen Ludwig's XVIII. zugezogen haben. Am 2. Dec. >80-1 setzte ihr Napoleon (s.d.) die Kaiserkrone eigenhändig auf. Jndeß verbarg sie sich nicht, daß diese Erhöhung auch ihre baldige Entsagung nach sich ziehen werde. Ihre Ehe war unfruchtbar geblieben; die Befestigung der neuen Dynastie hingegen machte einen Thronerben um so wünschenswerther. Z. wußte lange ihr Schicksal hinauszuhalten. Endlich wurde es durch persönlichen Zwist mit dem Kaiser beschleunigt. Man hatte sie mit einer Etikette umgeben, die ihr freies Wesen belästigte; Napoleon aber beklagte sich über ihre großen Verschwendungen. Nach dem I. 1807 ließ er ihr den Vorschlag machen, sie solle die Ehescheidung von ihm verlangen; doch hierzu war sie nicht zu vermögen. Napoleon suchte ihr nun fortgesetzt, doch ohne Härte, die Nothwendigkeit einer Trennung im Interesse Frankreichs und seiner politischen Schöpfungen einzureden. Endlich nach schrecklichen Scenen und harten Kämpfen gab sie ihre Einwilligung. Die Trennung der Ehe wurde am 16. Dec. I80S gesetzlich ausgesprochen. Es ist gewiß, daß nicht nur I., sondern auch Napoleon dem kaiser- lichen Ehrgeize hiermit ein großes Opfer brachte. Seine Anhänglichkeit und Neigung für die Gefährtin seiner wunderbaren Laufbahn war, wenn auch nicht mehr so lebendig, doch nicht erloschen. I. lebte nun mit kaiserlichem Titel und Luxus zu Navarre in der Nähe von Evreux, erst sehr eingezogen, bald aber umgeben von ihren alten Hofleuten. Sie bewahrte eine schwärmerische Neigung für Napoleon, blieb mit demselben in Briefwechsel und empfing mehrmals dessen Besuche. Auch sah sic zuweilen den jungen König von Rom. Gegen die Kaiserin Marie Luise (s. d.) lobte Napoleon bei jeder Gelegenheit die guten Eigenschaften seiner ersten Frau. Der Untergang und das Unglück des Kaisers brachen ihre geistige und physische Kraft. Noch von Brienne schrieb ihr Napoleon: „Ich habe den Tod im Gefecht gesucht; er würde mein Wohlthäter sein; allein dich möchte ich noch einmal sehen." Die fremden Monarchen, besonders der Kaiser Alexander, bewiesen ihr große Rücksichten. Die Gunst, den Gefallenen nach Elba zu begleiten, sollte ihr jedoch nicht gewährt werden. Nach der Rückkehr von St.-Leu, wo ihre Tochter Hortensia den Souverainen ein großes Gastmahl gegeben, fühlte sie sich zuerst von dem Übel ergriffen, dem sie bald unterlag. Sie starb am 29. Mai 18 l 4 an einer Halsentzündung. In der Kirche zu Ruel, unweit Malmaison, wurde sie bestattet. Ihre Kinder errichteten ihr daselbst 1822 ein Denkmal, auf dem sie in knieender Stellung dargestellt ist. Vgl. „lettre» «1e Napoleon ä ä»re- pbiae pernlant la Premier« Campagne ck'ltalie, Is consulat et I'empire" (Par. 1827) und „lettre» tle äoseplnne ä Napoleon et ä sa kille" (2 Bde., Par. 1833). Josephus (Flavins), jüd. Geschichtschreiber, geb. 37 n. Ehr. zu Jerusalem aus dem 709 Josias Jost Sil! Priestcrsiande, gehörte zu der Sekte der Pharisäer und war eine Zeit lang Statthalter von Galiläa. Später hielt er als jüd. Feldherr in der Festung Zotapata eine siebcnwöchent- liche Belagerung unter Vcspasian und Titus aus. Als die Festung durch Vcrrath über- liefert worden war, floh er in eine Höhle, wurde aber entdeckt und dem röm. Feldherrn überliefert. Dieser wollte ihn dem Nero übersenden, als es, wie man sagt, I. gelang, durch die Prophezeiung, daß Vcspasian einst Kaiser werden würde, sich-dessen Gunst'und die Freiheit zu verschaffen. Dies bewog ihn auch, als er mit Titus vor Jerusalem gezogen war, seine Landsleute zur Unterwerfung aufzufodern. Nach der Eroberung Jerusalems ging er mit Titus nach Rom und schrieb seine „Geschichte des jüd. Kriegs" in sieben Büchern, hebräisch, dann griechisch, ein Werk, das unter allen Geschichtsbüchern dem Livius am nächsten kommt; ferner die „Jüd. Alterthümcr" in 2» Büchern, enthaltend die Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis gegen das Ende der Negierung Nero's, und die zwei Bücher vom „Alterthumc des jüd. Volks", gegen Apion, einen alexandrin. Grammatiker und erklärten Widersacher der Juden, gerichtet und kostbare Bruchstücke aus alten historischen Schriftstellern enthaltend. Die beste Ausgabe seiner Werke, unter denen sich auch eine Sclbstbiographie befindet, ist die von Havercamp (2 Bde., Amst. >728, Fol.); später wurden sie herausgegcben von Oberthür (3 Bde-, Lpz. 1782—85) und von Richter (6 Bde., Lpz. 1825—27). Im Ganzen ist J. ein unbefangener und glaubwürdiger Historiker. Das in den „Jüd. Alterthümern" enthaltene Zeugniß von Jesu rührt in seiner jetzigen Gestalt nicht von I. her, sondern ist entschieden interpolirt. Josias, Prinz von Sachsen-Koburg, geb. am 26. Dec. 1737, der dritte Sohn des Herzogs Franz Josias, trat früh in östr. Kriegsdienste, machte den Siebenjährigen Krieg mit und stieg bis zum Feldmarschall. Als solcher befehligte er 1788 die östr. Armee gegen die Türken und besetzte zunächst die Moldau. Nach der Eroberung von Choczim und dem in Gemeinschaft mit Suwarow erfochtenen Siege bei Fokschani, schlug er das türk. Hauptheer bei Martinestie und nahm den größten Theil der Walachei mit Bukarescht ein. Im franz. Revolutionskricge besiegte er als commandirender General in den Niederlanden 1793 und 1791 die Franzosen bei Aldenhoven und Ncerwinden und brachte Belgien wieder in östr. Gewalt. Noch eroberte er 1794 die franz. Plätze Conde, Valenciennes, Qucs- noy und Landrecies, wurde aber dann bei Maubcuge und Fleurus geschlagen und mußte Belgien räumen. Er zog sich darauf, da er bei seinem vorgerückten Alter sich nicht in das neuere Kriegswesen hincinfinden konnte, nach Koburg zurück, wo er 1815 starb. Josquin Desprez oder des Prc's, lat. änüocus pratensis, vielleicht der größte Contrapunktist dervorpalestrinascheu Zeit und der merkwürdigste Schüler Ockenheim 's (s. d.), war weder zu Cambray geboren, noch aus dem Hennegau gebürtig, sondern ohne Zweifel ein Picarde und höchst wahrscheinlich aus der Stadt St.-Quentin. Sein Ruf als Contrapunktist brachte ihn unter Papst Sixtus IV. 1471 ^84 nach Rom, um den Italienern die neue Kunst zu lehren. Ungeachtet der Auszeichnung, die man ihm überall in Italien zu Theil werden ließ, ging er später nach Cambray, wurde hier einige Jahre darauf, 1498, als Musikdirektor an der Hauptkirchc angestellt, erhielt dann eine ansehnliche Pfründe zu Conde, wahrscheinlich durch Kaiser Maximilian I., dessen Kapellmeister er genannt wird, und muß wenigstens 1512 noch gelebt haben. Er hatte viele Schüler und hinterließ zahlreiche Compositionen, die den damaligen Flor der niederländ. Schule bekunden. Jost (Israel Marcus), Oberlehrer der jüd. Realschule zu Frankfurt am Main, geb. im Febr. >793 zu Bernburg, kam nach seines Vaters Tode als zehnjähriger Knabe M seinem mütterlichen Großvater nach Wolfenbüttel, der ihm eine gute Erziehung geben ließ, und besuchte von 1889 an das Gymnasium zu Braunschweig und 1813—15 die Universitäten zu Göttingcn und Berlin, wo Eichhorn, Wolf, Böckh seine Lehrer waren. Bereits 1816 übernahm er die Leitung einer Schule in Berlin, der er, obwol dieselbe >817 durch den befohlenen Austrittder christlichen Schüler einen harten Stoß erlitt, bis 1835 Vorstand, wo er dem Rufe nach Frankfurt am Main in seinen noch gegenwärtigen Wirkungskreis folgte. Einen Namen und ein bleibendes Verdienst erwarb er sich durch seine „Geschichte der Israeliten" (9 Bde., Bcrl. 1826—28), den Zeitraum von >69 n. Chr.— >815 umfassend, die er auch im Auszuge (2 Bde., Berl. 1832) mit Weglassung alles gelehrten Josua Jonbert 701 Apparats erscheinen ließ. Außerdem hat er Beleuchtungen der die Juden betreffenden Werke von Chiarini (1839) und von Strcckfuß (18!!:;), „Legislative Fragen, die Juden betreffend" (Berl. 1812), historische und kritische Aufsätze in den von ihm l 839 —41 redi- guten „Israelit. Annalen" geliefert, eine Übersetzung der Mischna (9Bde., Berl. 1832,1.) herausgegebcn und sich auch in andern Gebieten als einen Mann von Talent gezeigt. Josua, der Nachfolger des Moses als Oberfeldherr der Israeliten, war der Sohn Nun's, aus dem Stamme Ephraim, wurde von Moses erzogen und zeichnete sich schon früh bei einer Auskundschaftung des Landes Kanaan aus. Daher ernannte ihn Moses auf dem Zuge nach Palästina vor seinem Tode zum Anführer des Volks. Als solcher eroberte er einen großen Lheil Kanaans, das er unter die Stämme Israels vertheilte. Er stand dem jungen Staate 25 Jahre vor und starb im l 19. Lebensjahre. Das im Kanon befindliche Buch, welches J.'s Namen trägt, ist weder von ihm noch in seiner Zeit verfaßt, sondern erst in der David'schen Periode zusammengetragen worden. Die Samariter haben ein Buch Josua, welches die Ereignisse von dem Tode des Moses bis zur Zeit des röm. Kaisers Alexander Severus chronikenartig erzählt und nur zum Theil mit dem alttesta- mentlichen Buche gleiches Namens übereinstimmt. Joubert (Barthe'lemy Catherine), Obergeneral der sranz.Republik, wurde am > 4. Apr. 1769 zu Pont-de-Vaux im Departement Ain geboren. Aus Neigung für den Soldatenstand trat er im Alter von 15 Jahren eigenmächtig in ein Artillerieregiment, aus dem er aufVerlangen seines Vaters wieder ausschciden mußte. Beim Ausbruche der Revolution befand er sich zu Dijon. Er sollte daselbst die Rechte studiren, verfolgte statt dessen aber die politischen Ereignisse und bereitete sich mit Eifer theoretisch und praktisch auf eine kriegerische Laufbahn vor. Im I. 1791 trat er in ein Bataillon Freiwilliger, wurde 1793 Lieutenant und gerieth bei einer kühnen Waffenthat auf kurze Zeit in sardin. Gefangenschaft. Als Eencraladjutant erhielt er >794 eine Anstellung in der Armee von Italien. Keller- mann, der den seltenen Muth J.'s bewunderte, verschaffte ihm 1795 den Rang eines Obersten und den Befehl über eine Brigade. Bald darauf stieg I. nach der Schlacht von Loano zum General. In dieser Stellung nahm er unter Bonaparte den gewichtigsten Antheil an dem Feldzuge von >796. Er kämpfte im Apr. bei Montcnotte, half die feindlichen Schanzen bei Millesimo stürmen, zwang mit dem General Mestard ein Corps Ostreicher unter Provera bei Coffaria zur Niederlegung der Waffen und wohnte allen den Gefechte» bei, die binnen einigen Monaten Sardinien zum Frieden nöthigten und der franz. Armee die Lombardei öffneten. Gleichen Ruhm erntete er bei Lodi, Mailand, Verona und am Gardasee. Gegen Ende Juni behauptete er mit seiner Brigade einen ganzen Tag lang das De- file von Corona gegen das 39099 M. starke Corps Wurmser's. Nach den nun folgenden siegreichen Gefechten bei Fano, Lonado, der Schlacht bei Casiiglione, bei Arcole, Campara, Montebaldo u. s. w. wurde er zum Divisionsgeneral erhoben. Von Strapazen aufgerieben, an schweren Schußwunden leidend, pflegte er hierauf mehre Monate der Ruhe zu Brescia. Im Jan. 1797 eröffnete er den Feldzug, indem er sich dem aus Tirol hcrvor- brechenden General Alvinzy entgcgenwarf. Nach einem heftigen Gefechte am 12. entspann sich am >4. die blutige Schlacht auf dem Plateau von Nivoli, wo der verzweifelte Muth J.'s den Sieg für die Franzosen entschied. Schon am andern Tage setzte er dem Feinde nach und eroberte am 3. Febr. Trient. Am 29. März brach er an der Spitze dreier Divisionen ins Innere von Tirol ein. Unter den blutigsten Gefechten mit den Generalen Loudon und Kerpen ging er über Botzen, Klausen und Brixen das Etschthal hinauf, erzwang durch den kühnsten Angriff die Pässe ins Dravethal, während er den Feind auf den Brenner warf, und vereinigte sich endlich am Ursprünge der Drave am 8. Apr. mit der Großen Armee unter Bonaparte. Gegen 7999 Gefangene, einige Fahnen und Kanonen waren die Siegeszeichen dieses durch schnelle Märsche und kühne Angriffe ausgeführten Zugs, der auf den Friedensschluß mächtig wirkte. I. wurde mit den Fahnen nach Paris geschickt, wo sich die Parteien seiner zu bemächtigen suchten. Nachdem er kurze Zeit den Befehl in Holland, dann in Mainz geführt, übernahm er im Oct. >798 an Brunc's Stelle das Com- mando der Armee von Italien. Bei dem nahen Ausbruche des Kriegs mit Ostreich und der feindlichen Stimmung des sardin. Hofs brach er plötzlich, wol nicht ohne Zustimmung 702 Jonffroy Zoujou des Directorium«, im Dec. auf, nahm Turin und mit Hülfe der republikanischen Partei die übrigen festen Plätze in Piemont, worauf er in Form eines Friedens den König zur Abdankung bewog. Nach dem Beispiele Bonaparte's gedachte er die Nepublikanisirung Italiens forkzusetzen und stand schon im Begriff, dieselbe Operation auch gegen Toscana zu wiederholen. Allein das Direktorium hatte den Muth, dieser eigenmächtigen Soldatenpolitik entgegenzutretcn. Misvergnügt kehrte er nach Paris zurück und ließ sich von der durch Sieyes vertretenen Partei gewinnen, die mit Hülfe eines populairen Generals das Direktorium (s. d.) und die Verfassung zussiürzen und eine kraftvollere Staatsgewalt herzustellen suchte. Um ihm vorerst noch mehr Kriegsruhm zu verschaffen, gab man ihm an Moreau's Stelle den Oberbefehl über das Heer in Oberitalien. Nachdem er sich zu Paris vermählt, reiste er in den ersten Tagen des Aug. 1 799 zur Armee, mit dem Entschluß, eine bedeutende Schlacht zu liefern oder zu sterben. Er zog die Truppen aus Unteritalien an sich und concentrirte seine ganze Streitmacht hinter Novi, um Tortona zu entsetzen. Allein zu seinem Erstaunen wurde er am 15. Aug. plötzlich von dem Anzuge der ganzen russ.-ostr. Armee unter Suwarow überrascht. Während er schwankte, ob er unvorbereitet die Schlacht annehmen oder in die Apenninen zurückgehen sollte, eröffneten die Russen am > 6. Aug. das Gefecht. Verstört stürzte sich I. unter seine Tirailleurs, um dieselben zu einem Banon- nctangriff zu sammeln und wurde dabei von einer feindlichen Kugel in die Brust getroffen. Moreau, der auf J.'s Bitten beim Heere geblieben war, mußte schnell den Befehl wieder übernehmen. Die Gebeine des Gefallenen ließ später Bonaparte in dem Fort La Malgue bei Toulon beisetzen, das seitdem den Namen J.'s trägt. Jouffroy (Theodore Simon), doctrinaircr Publicist und Philosoph, gcb. am 7. Juli 1798 zu Pontets, einem Dorfe des Jura, widmete sich, nachdem er seine vorbereitenden Studien zu Dijon beendigt hatte, seit >814 auf der Normalschule unter Cousin's Leitung mit so großem Eifer der Pflege der Philosophie, daß er schon 1817 durch Noyer- Collard's Vermittelung zum lUaitrs cke cnnsersnces an der Normalschule und zum Suppleant der philosophischen Professur am College Bourbon ernannt wurde. Seine schwache Gesundheit nöthigte ihn 1821 die letztere Stelle niederzulegen, und als im darauffolgenden Jahre die Normalschule aufgehoben wurde, veranstaltete er Privatvorlesungen, zu denen sich eine beträchtliche Anzahl von Zuhörern fand. Im 1.1824 gründete er in Gemeinschaft mit Paul Fran^. Dubois (s. d.) und Damiron (s. d.) das einflußreiche Journal „I-e xlabe", welches nach allen Richtungen hin im hohen Grade anregend wirkte. Im Jan. 1829 wurde er als Suppleant von Milon zur Professur der alten Philosophie berufen, bis ihm nach dec Julirevolukion als Adjunct von Royer-Collard die Vorlesungen über die Geschichte der modernen Philosophie übertragen wurden. Zu gleicher Zeit erhielt er auch wieder bei der Normalschule als Lehrer der Philosophie eine Anstellung. Im I. > 832 wurde er am College de France Nachfolger Thurot's und >833 Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften. Seine Kränklichkeit, welche er durch eine Reise nach Italien zu heben gehofft hatte, zwang ihn indcß im I. 1837 seine Professur am College de France wieder niederzulegen. Als Cousin Minister des Unterrichts wurde, ernannte er I. zum Mitglied des Univerfitätsraths. Als Deputirter von Pontarlier, im Departement Doubs, das er seit 1831 in der Kammer vertrat, gehörte er zu den D octrinaires (s. d.). Vorzugsweise schloß er sich an Guizot an. Unter seinen schriftstellerischen Leistun- gen verdienen seine Studien über die schot. Philosophie, die er vorzüglich berücksichtigt hat, hervorgehvben zu werden. Dahin gehören die „Lsguisses <1e pkilosapdio morsls" von Dugald-Stewart (Par. 1326; 3. Ausl., 1841), die „Oeuvres" von Neid (6 Bde., Par. 1836), welche er mit werthvollen Einleitungen begleitete. Seine „iUelanges ptiilosopiii- guos" (Par. 1833; 2. Aufl., 1838), von denen nach seinem Tode eine neue Folge erschien (1843), enthalten die wichtigsten Artikel, welche von ihm im „6I»be" erschienen waren. Von seinen Vorlesungen an der Sorbonne erschien der „Oours cle 3roit uature!" (2 Bde.,Par. 1834—35). Erstarb am I. März 1842. Joujou war ein Spiel, welches in den neunziger Jahren des vorigen Jahrh. von Jung und Alt, Vornehmen und Niedern in Gesellschaften wie auf Spaziergängen, kurz wo sich nur Zeit dazu bot, mit einer wahren Manie gespielt wurde. Das Spielzeug selbst be- 703 Jour Jourdan (Jean Baptiste) stand aus zwei dünnen hölzernen Scheiben, etwa zwei Zoll im Durchmesser, die durch einen kleinen Cylinder verbunden waren, an dem sich eine lange Schnur befand, die mittels einer Öse am Finger hing, und die Pointe des Spiels war, die abrollcnde Schnur mittels eines Nückes, bevor sie noch ganz abgerollt, sich selbst wieder aufrollen zu lassen. Jour. Wenn ein Offizier oder Unteroffizier zu einem Dienst commandirt wird, der nur einen Tag dauert und am nächstfolgenden von einem Andern übernommen wird, so sagt man, derselbe ist cku jo„r. Der Stabsoffizier «ln sour hat die Pflicht, die Wachen zu visitiren; der Unteroffizier cku jo,ir besorgt die Bekanntmachung der im Laufe des Tages an die Mannschaften der Compagnie zu ectheilenden Befehle u. s. w. Muß ein und der- selbe Mann den gleichen Dienst auf längere Zeit übernehmen, so ist die Benennung Onjour unpassend, ob sie gleich zuweilen vorkommt. Auch pflegt man bei Civilbehörden von Dem- 1 jenigen, der sich an bestimmten Tagen zur Besorgung der fortlaufenden Geschäfte im Bu- reau aufhält, zu sagen, daß er <1» jo»r sei. Jourdan (Jean Baptiste, Graf), Marschall und Pair von Frankreich, geb. am 29. Apr. l 762 zu Limoges, wo sein Vater Chirurg war, trat sehr jung in ein Jnfanterieregi- ment, das nach Amerika geschickt wurde, um den Vereinigten Staaten die Unabhängigkeit erkämpfen zu helfen. Hier für Freiheitsideen begeistert, wendete er sich der franz. Revolution beim Ausbruche derselben mit Eifer zu. Er trat 1790 als Capitain an die Spitze der reitenden Nationalgarde zu Limoges und führte im folgenden Jahre ein Bataillon Freiwilliger in der Nordarmee. Die Volkerepräsentanten erhoben ihn wegen bewiesener Ge- schicklichkeit und Tapferkeit am 27. März 1792 zum Brigade-, und am 30. Juli zum Divisionsgeneral. Nach der Niederlage Houchard 's (s. d.) bei Courtray mußteer sogar den Oberbefehl über die Nordarmee übernehmen. Er suchte nun die völlig zügellosen Truppen einigermaßen zu discipliniren und warf am 16. Oct. 1793 die feindliche Hauptmacht beim Dorfe WattignieS. Da er aber bei vorgerückter Jahreszeit die Operationen mit dem entblößten Heere nicht fortsetzen wollte, setzte ihn der Convent außer Thätigkeit. Schon im > Frühjahre 1794 trat er wieder an die Spitze der auf 87000 M. verstärkten Maas- und Sambrearmee. Er schlug mit derselben am 26. Juni den Feind bei Fleurus, drängte denselben über die Roer, nahm Mons, Brüssel, Lüttich, Conde, Valenciennes, und gewann am 2. Oct. an der Roer eine Schlacht, welche die Ostreicher über den Rhein zurückzugeken nöthigte. Am 6. Sept. 1795 vollzog er unter dem feindlichen Feuer den kühnen Rheinübergang bei Düsseldorf. Doch von Pichcgru nicht unterstützt, mußte er vor dem östr. General Clerfayt wieder zurückgehen. Bei Eröffnung des Feldzuges von 1796 unterstützte er erst den Nheinübergang Moreau's bei Kehl, am 25. Juni, und setzte dann am 2. Juli zwi- schen Neuwied und Düsseldorf über den Fluß. Er nahm mit seinem Corps am 16. Juli Frankfurt und drang über Würzburg hinaus, wurde aber, von Moreau gänzlich getrennt, nach mehren heftigen Gefechten vom Erzherzog Karl aufs linke Rheinufer zurückgetrieben. Diese für den ganzen Feldzug entscheidende Niederlage, die eine Folge des schlecht combi- nirten Operationsplans war, bestimmte I-, das Kommando niedcrzulegen. Er trat nun in den Rath der Fünfhundert und machte sich als Berichterstatter sehr verdient um das Con- scriptionsgesetz, wodurch zum ersten Mal jeder Franzose für eine Periode seines Lebens zum Soldaten erklärt wurde. Im Frühjahre 1799 übertrug ihm das Directovium den Ober- 1 befehl über die Armee an der Donau. Er überschritt den Rhein bei Basel am >. März und drang zwischen der Donau und dem Bodensee vor, wurde aber am 22. März bei Ostrach vom Erzherzog Karl nach harter Gegenwehr geworfen, und am 25. bei Stockach völlig geschlagen. Er eilte nach Paris und beklagte sich über die schlechten Maßregeln, welche diese Niederlage eigentlich herbeigeführt hatten. Bei den Wahlen im Mai wurde er wieder in den Rath der Fünfhundert gewählt. Wegen seiner Opposition gegen den Ge- walkstreich vom 18 . Brumaire (s. d.) ausgestoßen, übertrug ihmindeßdoch der erste Con- sul im I. > 800 die Reorganisation und Verwaltung Piemonts, wobei er mit seltener Uneigennützigkeit das Interesse des Landes berücksichtigte. Im I. 1803 trat I. in den Senat ^ und l 804 erhielt er bei Gründung des Kaiserreichs die Würde eines Marschalls und Sitz im Staatsrathe. Ein selbständiges Commando mochte ihm Napoleon nie znertheilen. Indessen gab er ihn dem König Joseph in der Eigenschaft als Generalmajor zur Seite, und 704 Jourdau (Mathieu Jouve) Journal als solcher war er in Neapel, besonders aber in Spanien thätig. Auch nach Napoleou's Rückkehr von Elba blieb I., der seine Dienste anbot, außer Thätigkeit. Ludwig XVIll. erhob ihn 1815 i,, den Grafenstand. Als Vorsitzender in den Kriegsrath berufe-n, der Ney ver- urtheilen sollte, siel er in Ungnade, als sich dieser Nath für incompetent erklärte. Jm J. 1816 erhielt er das Gouvernement derlsiebenten Militairdivision und 181!« die Pairswürde. Als Republikaner wendete er sich mit Begeisterung der Julirevolution zu. Er übernahm einige Tage das Ministerium des Auswärtigen und wurde am I I. Aug. 1830 Gouverneur des Jnvalidenhauses. Arm, wie er gelebt, starb er am 23. Nov. 1833. Herausgegeben hat er „Operatlnns cle l'urmeo leiu»ii es puur ssrvir ü I'Iuütvire lle lu cumpsgne cle 1796" (Par. 1819). Jourdau (Mathieu Jouve), genannt der Kopfabschneider, ein durch seine in der franz. Revolution verübten Greuel berüchtigter Mensch, geb. 17 -19 im Dorfe St.-Just im ehemaligen Vivarais, war erst Hufschmiedlehrling, dann Fleischerknecht, Soldat und endlich Pascher. Als solcher zum Tode verurtheilt, versteckte ersieh unter dem Namen Petit zu Paris und ging in Dienste. Beim Ausbruch der Nevolution lebte er als Schcnkwirth. Schon bei den ersten Mordscenen im 1.17 89 spielte er den bezahlten Anführer. Nach der Einnahme der Baslilie, am i -t. Juli, erwürgte er den Gouverneur derselben, Launay. In den Unruhen am 5. und 6. Oct. zu Versailles schnitt er den beiden Gardisten, die das Gemach der Königin vertheidigten, die Köpfe ab und steckte dieselben auf Piken. Von dem Blutgelde legte er hierauf zu Avignon einen Handel mit Färberröthe an. Als man 1791 die Vereinigung der Grafschaft Venaissin, die dem Papste gehörte, verhandelte, bildete sich in dem Ländchen d?r päpstlichen Partei gegenüber eine revolutionaire Rotte aus Deserteurs, Paschern und Abenteurern, die unter dem Namen der Armee von Vaucluse Raub, Mord und Brand verübte. Nachdem dieses Corps seinen Anführer, den Chevalier Patrix/ ermordet, stellte sich I. an die Spitze. Nach vielen andern Gewalrthaten wagte derselbe sogar die förmliche Belagerung der Stadt Carpentras, mußte jedoch mit Verlust von 599 M. wieder abziehen. Als zu Avignon das Volk am 19. Oct. 1791 den Secretair des Gemeinde- raths, Lescuyer, einen wüthenden Revolutionsmann, ermordet hatte, erschien I. sogleich zu blutiger Rache. Er ließ 73 Personen, darunter 13 Frauen, in das Ncgierungsgebäude, die Glaciere, schleppen und dieselben in der Nacht des 16. und am 17. Oct. sämmtlich mit Eisenstangen todtschlagen. Auf die Nachricht dieser als „Nassucre cke la glaciöre ck'^vi- 2 »,»," bekannten Ereuelthat befahl zwar die Gesetzgebende Versammlung die Verhaftung der Anstifter; allein die Jakobiner wußten auch auf diese Mörder die Amnestie vom März 1792 auszudehncn, und I. setzte seinen Handel fort und stürzte Die, welche gegen ihn ausgesagt, ins Verderben. Gegen Ende des I. 1793 wurde er sogar Befehlshaber der Gendarmerie im Departement Vaucluse. In dieser Eigenschaft lieferte er der zu-Drunge nie- dergesctzten Nevolutionscommission unzählige Schlachtopfer. Während seiner Anwesenheit zu Paris zu Anfänge des I. > 793 trat er, dafür mit Lobsprüchen überhäuft, in den Jakobinerclub. Nach seiner Rückkehr wagte er den Volksrepräsentanten Pelissier, per mit ei- nepi Urlaubsschein des Convents versehen war, zu verhaften. Dies zog ihm eine Anklage vor dem Revolutionstribunal zu. Er erschien vor demselben am 27. Mai mit einem großen Bilde Marat's auf der Brust. Dessenungeachtet wurde er aber als Enrage (s.Jakobi- n e r) verurtheilt und noch denselben Tag hingerichtet. Journal, eigentlich ein Tagebuch, nennt man in kaufmännischen Geschäften das Buch, in welches aus den vorläufig angelegten Nebenbüchern, Memoriales, Strazzen u. s. w. die Geschäfte von Zeit zu Zeit übersichtlich geordnet und rubricirt aufgeführt werden. — Das Sch iffsj ournal hat die Bestimmung, alle während der Reise vorkommenden Begebenheiten getreu aufzubewahrcn. Es wird von dem Schiffsführer oder Steuermann von einem Mittage zum andern geführt und enthält in verschiedenen Rubriken die Windesrichtung, den eingeschlagenen Weg, die Schnelle der Fahrt, die durch das Loth erforschten Tiefen des Meers, die astronomisch-nautischen Beobachtungen, Bemerkungen über die Stärke des Windes, die Segelführung und den durch Länge und Breite bestimmten Ort des Schiffs im Mittage. Es hat bei Unfällen und daraus hervorgehenden Havereien (s. d.) die Beweiskraft des kaufmännischen Hauptbuchs; aus ihm wird die Verklarung oder Erklärung Zouvener Iouy 705 über dergleichen Unfälle im Auszuge entnommen und diese von der Mannschaft beeidigt.— Über4iterarische und andere Journale s. Zeitschriften und Zeitungen. Jouvknet (Jean), franz. Historienmaler, geb. zu Rouen 1647, erhielt den ersten Unterricht in der Malerei durch seinen Vater, NoelI., einen mittelmäßigen Künstler, und machte dann in Paris seine Studien, wo er sich bald vielen Ruf erwarb. In seinem 29. Jahre malte er die Heilung der Gichtbrüchigen als Votivtafel für die Kirche Notre-Dame. Bereits 1875 in die Akademie erwählt, lieferte er als Aufnahmestück das Gemälde Esther vor Ahasverus. Bald darauf wurde er auch zum Professor, nachher zum beständigen Di- rector der Akademie gewählt. Er starb 1717. Die Hauptgemälde aus seiner Blüteperiode waren die Bilder für die Kirche St.-Martin aux Champs, die zwölf Apostel für die In- validenkirche und seine berühmte Kreuzabnahme für die Kapuzinerkirche. In seinem 69. Jahre durch Schlagfluß an der rechten Hand gelähmt, gewöhnte er sich mit der linken zu malen, worin er es zu einer solchen Fertigkeit brachte, daß er noch das Magnificat im Chor von Notre-Dame malte. Seine bedeutendsten Gemälde, darunter auch die Kreuzabnahme, befinden sich gegenwärtig im Louvre. Sein Stil ist sehr ungleich, selbst in den vor seiner Lähmung gemalten Bildern. Im Ganzen besitzt er die corrccte Zeichnung der damaligen franz. Schule; in der Kraft des Ausdrucks, zumal des schmerzlichen, ist er zuweilen den übrigen Nachfolgern Poufsin's und Lebrun's überlegen; auch ist sein Colorit hier und da von der größten Schönheit und Wärme; gewöhnlich aber ließ er sich gehen und erscheint als Manierist. Jouy (Vict. Jos. Etienne de), ein geistvoller Sittenmaler und fruchtbarer franz. dramatischer Dichter der classischen Schule, wurde 1769 in dem Flecken Jouy nahe bei Versailles geboren. Kaum 13 I. alt, begleitete er den zum Gouverneur des franz. Guyana ernannten Baron von Besner alsUnterlieutenant nach Cayenne, kehrte jedoch im folgenden Jahre nach Frankreich zurück und setzte seine Studien zu Versailles fort. Zwei Jahre später verließ er Frankreich zum zweiten Male und ging als Offizier im Regimente Luxemburg nach dem franz. Vorderindien. Im I. 1799 nach Frankreich zurückgekehrt, schloß er sich der Sache der Revolution an, wurde Capitain und schwang sich zum Generaladjutanten von O'Moran empor. Indessen zog er den Argwohn der Schreckensmänner auf sich und mußte nach der Schweiz flüchten. Nach Robespierrc's Stur; kehrte er 1794 zurück und wurde als Chef des Generalstabes der pariser Armee angestellt. In Folge mehrfacher Verdächtigungen, denen er ausgesetzt war, nahm er endlich seinen Abschied, um sich ganz der Literatur zu widmen. Im I. 1815 wurde er Mitglied der franz. Akademie. Unter seinen dramatischen Leistungen fanden seine Opern eine besonders günstige Aufnahme; dies gilt vorzüglich von „o vestsle" (1897) und „Or6ilisn6 Orter" (gedichtet mit Esme'nard, 1899), die beide von Spontini componirt wurden. Außerdem erwähnen wir noch „Os bszmcleres" (1819, componirt von Catel), „Os ^nmrcmes cm la fcmclaticm 6e Dlitzt-es" (1812, comp, von Mehul), „I^es ^dencerrsFes" (1813, comp, von Cherubini) und „6>KII?mme I'ell" (mit Bis geschrieben, 1829, comp, von Rossini). Unter seinen Trauerspielen hatte nur „8)6>s" (Par. 1822; 6. Aufl. 1824) einen bedeutenden Erfolg, während „I'ippo-Saeb" (1813), „Lelissr" (181 8) und „äulien clsns Iss Oules" (1827) fast spurlos vorübergingen. Seine vorzüglichsten Lustspiele sind „I/sriütre, cm les ccmsiiltsticm» cle l'un VIl" (mit Longchamps, 1799); „Ocvicis üeritier, cm I'böritier ssn« bciritaxe" (1897) und „O manage p»r imzirucience" (1899). Den meisten Werth haben seine Sittenschilderungen und Genrebilder, in denen er eine äußerst gewandte Darstellungsgabe entfaltete. Eine Sammlung der von ihm der „Oretts 6e krauce" mitgetheilten „I/i>er- mite 6s >L Oaussee 6'äcntin" Unterzeichneten Artikel ist das geistreiche Buch „Oiermite 6e I-c Oaussee 6'^ntin" (5 Bde., Par. 1812—14). Als schwache Fortsetzung desselben sind zu betrachten „Ouillmime, le sr-mc-psrleur" (2 Bde., Par. 1814; 7. Aufl., 1817) und „I/Kermite äs I-c Oiaue" (3 Bde., Par. 1816); „I^'üerwite SN province" (14 Bde., Par. 1818—27) ist eine Sammlung von Aussätzen verschiedener Verfasser, die geringen Werth hat. Dagegen fanden seine beiden mit Iay (s. d.) herausgegebenen Werke „Os llermites SN priscm" (2 Bde., Par. I 823) und „Os kermites SU liherte" (2 Bde., Par^ Conv. - Ler- Neunte Aufl. U. 45 706 Iovellauos 1824) wieder die günstigste Aufnahme, besonders bei dem liberalen Publicum. Inzwischen verrathen alle diese Schilderungen, sowie die Romane „(7ecile ou lss passion»" (5 Bde., Par. 1827) und „I-e ceotenaire" (2 Bde., Par. 1833) einen Schriftsteller, der bei allem Talent und Gewandtheit doch über den Bildungsgrad der Voltaire'schen Periode nicht hinausging. Eine Gesammtausgabe derSchriften J.'s erschien in 2 7 Bänden (Par. 182 3—2 8). Jovellanos (Don Gaspar Melchor de), eigentlich Jove-Llanos, einer der bedeutendsten Staatsmänner und Schriftsteller des neuern Spaniens, geb. am 5. Jan. 1744 zu Gijon in Asturien von angesehenen Altern, wurde, als jüngerer Sohn, für den geistlichen Stand bestimmt und erhielt auch, nachdem er die Universitäten zu Oviedo und Avila verlassen, 1757 die nieder» Weihen und die Würde eines Licentiaten deskanonischenRechts. Bald darauf wurde er Mitglied des Collegiums von San-Jldefonso zuAlcala deHenares, Baccalaureus und supplirender Professor an der dortigen Universität. Don Juan Alias Saavedra bewog ihn >767, die geistliche Laufbahn mit der richterlichen zu vertquschen und verschaffte ihm die Stelle eines Beisitzers des Criminalgerichts an dem obersten Gerichtshöfe vonSevilla, und schon 1774 wurde er durch Beförderung zumAuditorbeidemAcuerdo von Sevilla in den Kreis der höher» Verwaltung verseht. In Sevilla trat er nicht nur als thätiges Mitglied der „Gesellschaft der Vatcrlandsfreunde", sondern auch als Dichter auf und zwar mit dem Lustspiele „LI rielincuenle tlvnraäo "; dann schrieb er „kelaxo", eine Tragödie im franz.-classtschen Geschmacke; auch übersetzte er das erste Buch von Milton's „Verlornem Paradies" und gab unter dem Namen Jovino seine „Ocios suvsniles", lyrische und satirische Gedichte, heraus. Mehr jedoch als durch diese, wenngleich sprachlich klassischen Schriften, wirkte er für die damals sich vorbereitende Restauration der span. Poesie durch seinen Einfluß auf die begabtesten Jünger der aufblühenden Dichterschule von Sa- lamanca. Im 1. 1778 zum Beisitzer des obersten Criminalgerichtshofes in Madrid befördert, befreundete er sich hier mit den einflußreichsten Staatsmännern, wie Camp oma- nes(s. d.), Cabarrus (s. d.), und wurde Mitglied der drei Akademien und anderer gelehrter Gesellschaften von Madrid, in welchen er sich durch gediegene und musterhaft geschriebene Abhandlungen und Reden auszeichnete. Nachdem er 1780 Mitglied des Ordensrathes, der obersten administrativen Behörde der geistlichen Ritterorden geworden, sammelte er auf den Visitationsreisen, die er zu machen hatte, den Stoff zu dem im Aufträge der Gesellschaft der Vaterlandsfreunde an den Hohen Rath von Castilien gerichteten meisterhaften Gutachten über rin neu einzuführendes Ackerbaugesetz „Inkorme »obre I» lex agraria" (deutsch von Begueliy, Berl. 1816). Da er sich seines Freundes Cabarrus annahm, der «.lS eines der ersten Opfer der Umwälzungen fiel, die nach dem Negierungs- antritt Karl's IV. (s. d.) erfolgten, so wurde er >790 unter dem Vorwände eines Auftrages, die Studienreform des Ordenshauses von Calatrava in Salamanca und den Betrieb der Kohlengruben inAsturien zu beaufsichtigen, aus derNesidenz verbannt. Während des Aufenhaltes in seiner Provinz bemühte er sich, derselben möglichst nützlich zu sein; na>. 'mentlich gründete er in seiner Vaterstadt eine höhere wissenschaftliche Unterrichtsanstalt, das Real instituto ssturiano, für dessen Erhaltung er bis an seinen Tod besorgt war. Im I. 17S4 erhielt er endlich die ihm seit Jahren schon gebührende Titularstelle im Hohen Rathe von Castilien; 1797 aber ernannte ihn der unumschränkt herrschende Günstling Godoy, in dessen Interesse es lag, die Reformen scheinbar'zu begünstigen, zum Gesandten in Petersburg und gleich darauf, da er diese Beförderung ablehnte, zum Justizminister. Bald aber verwandelte sich Godoy's Gunst in so heftigen Haß, daß er sogar versucht haben soll, I. vergiften zu lassen; er entsetzte ihn seines Amtes, verbannte ihn 1798 wieder nach Gijon, ließ ihn 1801 nach der Karthause von Valdemuza auf der Insel Majorca abführen und 1802 in das Staatsgefängniß von Bcllver bringen. Hier schrieb er unter Anderm poetische Briefe über das Leben in der Zurückgezogenheit („8okre la vicka retiracka") und über die eiteln Wünsche und Bestrebungen der Menschen („8ol»re los vanos cleseos x e»tu- <1io-> <1e Io» llorndres") an seine Freunde Carlos Gonzalez de Posada und Cean Bermudez. Endlich in 1. 1808 erlangte er in Folge des Aufstandes von Aranjuez und des Einrückens der Franzosen seine Freiheit, und zog sich nun nach seiner Vaterstadt zurück. Er widerstand nicht nur allen glänzenden Anerbietungen Joseph Bonaparte's, sondern wurde sogar ein Jovimanus Juan 7«7 eifriges und thätiges Mitglied der den Kamps gegen dieUsurpation leitenden Centraljunta, Als diese sich zu Anfang des Z. 1810 in unordentlicher Flucht auflöste, war es I., der durch Besonnenheit und unermüdete Anstrengung so viele Mitglieder noch vereinigte, um rechtsgültig eine Regentschaft ernennen und die Zusammenbcrufung der außerordentlichen Cortes verordnen zu lassen. Nach diesem sein Vaterland rettenden Schritte mußte I., durch dessen Hände die aus Amerika übermachten Schätze gegangen waren, von seinem Diener die zur Heimkehr erfoderliche Summe sich borgen. Undank und Verfolgung waren der Lohn für seine Aufopferung und Uneigennützigkeit und zwangen ihn, sich nach Muros zu- rückzuziehcn, wo er, zur Vertheidigung der Centraljunta, seine berühmte „Denkschrift an seine Genossen" (2 Bde., Coruiia 18ll, 4.) schrieb. Als die Franzosen Asturien räumten, kehrte er 181 l nach Gijon zurück, wo er imTriumphe, unter Glockengeläute undKanonen- > donner mit dem Rufe: „Es lebe der Vater des Vaterlandes! der Wohlthäter der Stadt ^ und der Provinz!" empfangen wurde. Die bald aber stattfindende abermalige Besetzung der Provinz durch die Franzosen nöthigte auch ihn wieder zur Flucht. Erstarb am 27. Nov. 1811. Die Cortes, welche einen Monat später endlich ihre Sitzungen eröffneten, erklärten am25.Jan. 1812 durch einmüthigenBeschlußJ. für hochverdient um dasVaterland. Vgl. Cean Bermudez, „Nemorms para I» vülu,Ieä." (Madr. >814); JsidoroAntillen, „No- ticia» üistorioas cls .1." (Palma >812) und die Biographie J.'s von Huber in den „Zeitgenossen" (Dritte Reihe, Bd. 3). Eine Sammlung seiner Werke besorgte Don Ramon Maria Canedo (7 Bde., Madr. 1830—32, 4.; verm. Aust., 8 Bde., Barcelona 1830). JovjniäMls, ein röm. Mönch, trat ums I. 388 gegen die in der Kirche um sich greifende Überschätzung äußerlicher Werke mit großer Kraft auf und verdient deshalb als einer der frühesten Zeugen evangelischer Wahrheit genannt zu werden. Wie wir aus einem Briefe des Ambrosius, besonders aber aus mehren Gegenschriften desHieronymus (s.d.) wissen, bekämpfte I. die Verdienstlichkeit des Fastens und des Mönckthums, sowie den Cölibat des Klerus und überhaupt jede nicht mit heiliger Gesinnung verbundene Ascese. s Freilich sprach er dabei auch unhaltbare Sätze aus, wie den, daß die durch die Taufe Wic- dergeborenen nicht wieder dem Böse» verfallen könnten. Er wurde vom röm. Bischof Siri- cius, bald darauf auch von Ambrosius verdammt und so der Erfolg seines reformatorischen Strebens durch die Hierarchie vereitelt. Vgl. Lindner, „Do 3. et Vigilanti»" (Lpz. 1839). Joyeuse (Herzoge von), ein aus Aquitanien stammendes, altes franz. Dynastengeschlecht, welches seinem Vaterlande, besonders in den Zeiten der Religionskriege, mehre bedeutende Männer geliefert hat. — Guillaume, Vi comte de I., der, anfangs Geistlicher , später in Kriegsdienste trat, zeichnete sich 1362 im Kampfe gegen die Protestanten aus und wurde I582Marschall von Frankreich. — SeinSohn, Annas, Herzog von Z., der Günstling König Heinrich's III. und Gemahl der Margarethe von Lothringen, that sich ebenfalls als Gegner der Hugenotten hervor und wurde Admiral von Frankreich. — Nicht minder ausgezeichnet war des letzter» Bruder, Franz, Cardinal und Erzbischof von Toulouse und Rouen, gcst. 161S, der unter Heinrich III. und IV. und Ludwig Xlll. die wichtigsten diplomatischen Geschäfte leitete und auch die erste Idee zu dem Canal von Languedoc, als einem Verbindungsmittel des Atlantischen Meeres mit dem Mittelländischen gab. — Der jüngste Bruder der beiden letzter«, Heinrich, anfangs Soldat, dann nach dem Tode sei- 1 ner Gemahlin, 1587, Kapuziner, vertauschte 1592, als einziger Stammhalter, die Kutte wieder mit dem Harnisch und trat an die Spitze der Ligue, versöhnte sich aber 1596 mit König Heinrich IV. und kehrte noch vor seinem Tode, der im Z. 1600 erfolgte, in das Kloster zurück. — Auch in den Kriegen Ludwig's XIV. zeichnete sich ein Sprößling dieses Geschlechts ,JeanArmanddeZ.,gest. 1710, als Heerführer aus. 4o)VU8e mtree, flämisch Blyde Jnkomst, d. i. fröhlicher Einzug, hießen die wichti- gen Privilegien der Stände von Brabant (mit Einschluß von Antwerpen) und Limburg, welche die Herzoge bei der Huldigung vor dem Einzuge in die Residenz beschwören mußten. Ihr wichtigster Punkt war, daß, sobald der Herzog eins derselben aufheben würde, kein Unterthan weiter zum Gehorsam gegen ihn verpflichtet sein sollte. (S. Brabant.) Joyou, d. i. Jos. Cadoudal, s. Cadoudal (Georges). Juan, s. Don Juan. 45 * 708 Juan d'Austria Juan d'Austria (Don) oder Jo Hann von Ostreich, ein natürlicher Sohn Kai. ser Karl's V., wurde am 21 . Febr. 15-16 entweder zu Regcnsburg, oder, was wahrscheinlicher ist, in einer Stadt Belgiens geboren. Als seine Mutter wird gewöhnlich Barbar» Blomberg, eine schöne regensburger Patricicrtochter, genannt; doch behaupten andere Chronisten, I. sei der Sohn einer flandr. Gräfin oder einer brüsselcr Bäckerin, noch andere sogar, er sei die Frucht eines verbotenen Unigangs des Kaisers mit seiner Schwester Mari» von Ungarn gewesen. Das Kind wurde frühzeitig nach Spanien gebracht und dort in der Nähe von Valladolid von des Kaisers vertrautem Hofmarschall Ouixada als dessen Sohn heimlich erzogen und zeichnete sich sehr bald durch Schönheit, Geschicklichkeit in ritterlichen Übungen und einnehmende Sitte aus. Nach des Kaisers Tode wurde er zuerst seinem Halbbruder Philipp II. bei einer Jagd im Waldgebirge Toros, dann von diesem 1566 bei einem Hoffeste zu Valladolid den Großen deS Reichs als Karl's V. Sohn vorgestellt und erhielt von nun an eine standesgemäße Umgebung und gemeinschaftlich mit dem Prinzen von Parma und dem Jnfanten Don Carlos sorgfältigen Unterricht. Obgleich zum geistlichen Stande bestimmt, zog ihn doch frühzeitig schon ein unwiderstehlicher Drang zum freien Kriegsleben hin. Erst später, zum Lohne für die treue Anhänglichkeit, die er dem Könige durch Entdeckung der heimlichen politischen Umtriebe seines Sohnes Don Carlos mit den Niederländern bewies, gab Philipp II., wiewol ungern, Do» Juan's Neigung nach, ernannte ihn zum Anführer eines Geschwaders Galeeren zur Beschühung der Küste gegen die Seeräuber und übertrug ihm bald darauf, l '>69, den Oberbefehl des gegen die aufrührerischen Morisken zu Granada bestimmten Heers. In kurzer Zeit stellte er hier dasKriegs- glück, das durck die Uneinigkeit der früher» Heerführer verloren gegangen war, wieder her; er besiegte, theils durch Klugheit und Tapferkeit, theils aber auch durch Grausamkeit und Hinterlist die Morisken, und beendigte 1576 den Krieg mit gänzlicher Vertreibung und Ausrottung dieses unglücklichen Volks. Eine ehrenvollere und glänzendere Laufbahn er- öffnete sich für Don Juan, als >572 die vereinigten Seemächte des Mittelmeers, der Papst, Spanien und Venedig ihm die Führung der Galcerenflotte übertrugen, welche die glücklichen Eroberungen der Türken unter Sclim II. aufzuhalten bestimmt war. Nachdem er zu Messina die Schiffe der Bundesgenossen gesammelt und geordnet, eilte er die Flott! der Feinde aufzusuchen, traf sie bei Lepanto (s. d.), griff sie trotz ihrer Überlegenheit sogleich heftig an und erfocht über dieselbe am 7. Oct einen glänzenden Sieg. Zwietracht unter den Bundesgenossen hinderte jedoch die weitern Unternehmungen gegen die Türken. Daher trennte sich I. von ihnen, wendete sich mit seiner Flotte gegen Tunis, eroberte dich Stadt, legte eine 8660 M. starke Besatzung hinein und beschäftigte sich insgeheim mit demPlane, hier auf der nordafrik. Küste einen eigenen Staat zu gründen. Philipp II. aber, schon früher auf seines Halbbruders Ruhm eifersüchtig, wurde nicht sobald durch seine Späher hiervon unterrichtet, als er ihn zur Beobachtung der unruhigen Genueser nach Mailand sendete und bald daraus des Statthalters Nequesens Tod benutzte, um ihm 157« die Statthalterschaft der Niederlande zu übertragen. Er suchte anfangs durch Nachgcbe» und mildes, freundliches Betragen die Niederländer sich geneigt zu machen, sah aber bald, besonders da er von Philipp ll. ohne Hülfe gelassen und von dem Prinzen Wilhelm von Oranien bei dem Volke planmäßig verdächtigt wurde, seinen Einfluß wieder schwinden. Die Geusen (s. d.) gewannen die Oberhand, bemächtigten sich durch List der Citadclle von Antwerpen und I. sah sich genöthigt, ihnen auch Brüssel zu überlassen, bis die Ankunft des Prinzen von Parma mit Truppen, vorzüglich aber der Sieg bei Gemblours, am 3>, Jan. 1578, die Sache der Spanier wieder hob. Die fortwährenden Unruhen, mehr nock der Kummer und Verdruß über die stets sich erneuerndeUnzufriedenheit und das Mistrauen seines Bruders, der sogar zuletzt fürchtete, I. möchte sich zum Könige der Niederlande erheben, vielleicht auch Gift, zerstörten die Gesundheit des jugendlichen Helden; er starb im verschanzten Lager bei Nanlur am 1. Oet. 1578. Seinem Wunsche gemäß wurde sein Leichnam nach Spanien gebracht und im Escurial neben seinen Vater bestattet. Vgl.Dus- menil, „Ikistoire ä»i«ii cl'Xutricbo" (2.Aufl., Par. 1828).— Ein anderer Don Juan d'Austria, geb. 1629, der Sohn Philipp'- lV. von Spanien und einer Schauspielerin, Maria Calderona, durch geistige Anlagen ausgezeichnet, wurde im 1.16-17 Oberbefehls- 709 Juba Jucken kai- :in- >ere >erk in» der sh» hen >lb- lem ielt l wn hen ien >ige den erzen üb- gs- er; md >nd erber , die I ein Ute )ei! cht e». ^est nil -er, ine ack 7« >e» ld, on en. Äe 1 »st !1, ock len er- iin !l» is- ni lN, s- habcr der span. Truppen in Italien und brachte dort das aufrührerische Neapel wieder zum Gehorsam, sodann kämpfte er 1652—54 gegen die Franzosen, die in Spanien wiederholte Einfälle machten, siegreich und wurde in Folge dessen > 656 mit Leitung des Kriegs gegen die Franzosen in den Niederlanden beauftragt. Obgleich hier anfangs vom Glücke begünstigt, unterlag er, als Turenne gegen ihn gesendet wurde, in der Schlacht in den Dünen am 14. Juni 1658. Ebenso endigte sein Feldzug gegen Portugal, der 1660 glücklich begonnen hatte, mit einer Niederlage. Durch die Cabalen des Beichtvaters der Regentin wurde er nach Consuerga verbannt, nachher aber, als er die Verbannung des erster» durchgesetzt hatte, zum Statthalter in Aragon ernannt. Karl ll. rief ihn später an den Hof und ernannte ihn zu seinem Minister. Erstarb >679. Juba, König von Numidien, der Sohn Hiempsal'sll., eines Urenkels des Masinissa, stand i» dem Kampfe zwischen Cäsar und Pompejus auf der Seite des leßtern. Cäsar's Legat, Q- Curio, wurde mit zwei Legionen, die er nach Afrika übergeführt hatte, durch ihn und den Pompcjaner Attius Varus im I. 46 v. Chr. vernichtet. Nach der Schlacht bei Pharsalus sammelten sich bei ihm unter O.. Metellus Scipio die Pompcjaner; mit ihnen unterlag er in der Schlacht bei Thapsus im I. 46, nach deren Verlust er sich selbst tödtete, den Waffen Cäsar's. (S. Afrikanischer Krieg.) — Sein Sohn, Juba ll., wurde in Nom erzogen. Augustus, der ihn mit der jüngern Klcopatra, einer Tochter des Trium- vir Antonius und der Klcopatra von Ägypten verhcirathetc, gab ihm im I. 25 einen Theil des väterlichen Reichs, das röm. Provinz geworden war, mit dem Gebiet des mauritani- schen Fürsten Bocchus zur Beherrschung. Durch geographische vom altern Plinius benutzte und historische Schriften, die uns verloren sind, erwarb er sich vorzüglichen Ruf. Jubeljahr oder Ablaßjahr ist eine Nachahmung des jüd. Halljahrs (s. d.). Papst Bonifa; VIII. (s. d.) war es, der zuerst das Jahr 1566 für ein Jubeljahr erklärte, in welchem Alle, die bußfertig nach Rom wallfahrten und fromme Spenden darbringen würden, einen vollkommenen Ablaß (s.d.), und zwar die Römer von 36, die Fremden von 15 Tagen, erhalten sollten. Eine Unzahl von Menschen strömte in Processionen in Rom zusammen. Theils der Gewinn, den die röm. Curie hiervon machte, theils der Wunsch, daß möglichst viele Christen dieser kirchlichen Wohlthat in ihrem Leben einmal theilhaftig werden wollten, bestimmten im I. 1343 Clemens VI. jedes 56., Urban VI. im I. I38S jedes 33. und endlich Paul >l. im I. >476 jedes 25. Jahr für ein Jubeljahr zu erklären. Freilich wurden nun die weltlichen Regenten auf das viele Geld, avelches in den Jubeljahren nach Rom getragen wurde, eifersüchtig, sodaß Paul II., um sie zu beschwichtigen, sich genvthigt sah, auf den Grund hin, daß auch Diejenigen, welche nicht persönlich nach Rom kommen könnten, der Wohlthat des Äblaffes theilhaftig werden sollten, in den verschiedenen Ländern bestimmte Kirchen den Ablaß ertheilen zu lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß der Hauptertrag an die apostolische Kammer abgeliefert werde. Das Geld selbst wurde theils zum Türkenkriege, theils zum Bau der Peterskirche verwendet, welche letztere Bestimmung seit dem 16. Jahrh. die alleinige geblieben ist. Die Reformation, zu der das Ablaßwesen den ersten Anstoß gegeben hatte, schmälerte die Einkünfte der Jubeljahre bedeutend. Das von Benedict XlV. für >756 ausgeschriebene Jubeljahr zog nicht einmal mehr 266666 Menschen, und zwar meist Arme und Bettler, nach Rom, die nicht nur nichts einbrachten, sondern eine wahre Plage waren. Das Jubeljahr im 1.1866 wurde durch die Politischen Ereignisse ganz verhindert und daS 1825 von Leo XII. ausgeschriebene Jubeljahr wurde zwar in Rom selbst mit großem Enthusiasmus gefeiert, im Auslande aber, obschon man es bis 1827 verlängerte, wenig beachtet. Vgl. Hoche, „Ge- schichte des päpstlichen Jubeljahrs" (Halberst. >825) und Paulus, „Geschichtliche und rechtliche Prüfung des Jubclablasscs" (Heidelb. 1825). Jubilate, s- Sonntag. Juchten, s. Juften. Jucken (pruritus) nennt man eine eigenthümliche Empfindung auftder äußern oder der Schleimhaut, welche immer eine leichte Reizung der von ihr befallenen Theile anzeigt. Die Ursachen davon können theils von außen kommen, theils in dem betreffenden Körper- theile selbst liegen, wie bei vielen Hautkrankheiten, bei denen das Jucken manchmal fast un- 710 Juda Juden erträglich wird. Von diesem Gefühle hat man auch eine eigene Hautkrankheit, das Haut - n jucken (pmrigo) genannt, bei welcher sich oft nur ein sehr geringer, mit dem heftigen allge- x, meinen Jucken in keinem Verhältniß stehender Ausschlag von kleinen Blätterchen finde! w und die hauptsächlich bei unreinlichen Personen vorkommt. Die Krankheit ist ziemlich d> hartnäckig und gibt auch, wenn sic vernachlässigt wird, zu weitern Hautkrankheiten Anlaß. dl Juda, Stamm und Königreich, s. Juden.' Judäa, s- Palästina. Judas Jscharioth, so genannt von seiner Vaterstadt Karioth im Stamme Juda, war der Sohn Simon's und einer der zwölf Apostel. Auf den Reisen Jesu hatte er das Amt des Kassenführers, nicht ohne Manches, wie Johannes berichtet, zu veruntreuen. Daß er später den Heiland für 30 Sekel, d. i. 20 Thalcr, an das jüd. Synedrium verrieth, erklärt sich aus der Ungeduld, mit welcher er, der noch am irdischen Ruhme und Besitz Haftende, den öffentlichen Hcrvortritt Jesu als Messias erwartete und wünschte. Wäre I. ein vollendeter Bösewicht gewesen, so würde er weder von Jesu in den Kreis der Jünger ausgenommen, noch drrrch den Erfolg seiner That zu jener Verzweiflung getrieben worden sein, in welcher er sich erhenkte. Das hat man in älterer und selbst neuerer Zeit nicht immer gehörig beachtet. Bei der Einsetzung des Abendmahls scheint I. nicht mehr zugegen gewesen zu sein. r Judas Makkabai oder Makkabäus, d.i. Hammer, jüd.Held, stammte aus dem i Geschlechts der Hasmonäer und leitete nach dem Tode seines Vaters, des Priesters Mat- , tathias, den Befreiungskampf der Juden gegen den syr. König Antiochus Eviphanes und r seine Nachfolger. Von dem I. 166 v. Ehr. an schlug er die syr. Feldherren Gorgias, Ly- r sias und Nikanor in mehren Schlachten und war eben im Begriff, mit den Römern ein d Bündniß ahzuschließen, als ihn ein übermächtiges Heer der Syrer zu einem neuen Kampfe s nöthigte, in welchem er, 160 v. Ehr., sein Leben verlor. In den zwei Büchern d er Mak- s kabäer, die zu den Apokryphen des Alten Testaments gehören, findet sich ein doppelter, . « zum Theil verschiedener Bericht über seine Kriegsthaten. . ( Judas Thaddäus oder L ebbäus, einer der zwölf Apostel, war vermuthlich ein ! j Sohn des Alphäus und Bruder des jünger» Jakobus. Während ihn die kirchliche Sage , des Abendlandes in Persien predigen und den Märtyrcrtod erleiden läßt, soll er nach der < morgenländ. Tradition in Arabien, Syrien und Palästina gewirkt haben und in Edessa ge- < storben sein, oder, wie Andere hinzusetzcn, später noch Assyrien besucht und in Phönizier, , sein Ende gefunden haben. Der nach ihm benannte, im Kanon befindliche Brief scheint, da , Manches in demselben auf nachapostolische Zustände und Lehren hindeutet, nicht von I. her- zurühren. — Ein anderer Thaddäus, nach der Sage einer der 70Jüngcr, war der, welchen Jesus an den edessanischen Fürsten Abgar (s. d.) gesendet haben soll. Juden heißen die Israeliten oder Hebräer (s. d.) seit dem babylon. Exil als Nachkommen ihrer Vorfahren aus dem Königreiche Juda. Seit 536 v. Ehr. waren nach und nach mit Erlaubniß der pers. Könige Tausende von Juden aus den babylon. Staaten nach Palästina zurückgekehrt. Hier hatten sie 521—516 den Tempel wiedererbaut, »die verödeten Städte allmälig wieder bevölkert, das Mosesthum neu begründet und auf Veranstalten Nehemia's Jerusalem im I. 444 mit einer Mauer umgeben. Von Hohenpriestern und Beamten regiert, lebten die palästin. Juden, gleich ihren beiweitem zahlreicher» Brüdern in Babylonien, bis auf Alexander des Großen Eroberungen im I. 331 ungestört 1 unter pers. Hoheit, dann unter Antigonus und Seleukus, und seit Ptolemäus Lagi, welcher nach der Eroberung Jerusalems im I. 301 eine starke Colonie nach Alexandrien abführte, fast hundert Jahre unter ägypt. Herrschaft. Die syr. Könige, denen nunmehr Judäa anheimfiel, suchten die Juden mit Erpressungen und seit 174 selbst mit Religionsverfolgungen heim. Antiochus Epiphanes ließ den olympischen Jupiter im Tempel aufstellen, verbot die Beschneidung, befahl Schweine zu opfern, verwüstete das Land und ließ viele dem Gesetze treu Bleibende hinrichten. Solches Elend weckte Begeisterung. JudasMak- kab ai (s. d.) sammelte die Rechtgläubigen um sich, schlug die Syrer, zog siegreich in Je- ^ rusalem ein und stellte 165 den Tempeldienst wieder her. Nach seinem Tode im I. 161 vollendeten seine Brüder Jonathan und Simon das Bcfreiungswerk; der König von Syrien mußte Frieden schließen, und im J. 145 wurde das Synedrium (s. d.) wieder er- 71 Juden richtet. Simon's Sohn, Johannes Hyrkanus (s. d.) erweiterte als König und Hohcr- xriesicr, 130 -105, das Gebiet seines unabhängigen Landes durch Eroberungen in Sa- maria und Jdumäa; doch schon unter seinen Enkeln, Hyrkanus >1. und Aristobulus, büßte das Land seine Unabhängigkeit wieder ein. Pvmpejus, durch die um den Thron streitenden Brüder hcrbcigerufcn, eroberte im I. 63 Jerusalem (s. d.) und machte Judäa vom röni. Syrien abhängig. Hierauf plünderte M. LiciniusCrassus im I. 5 t dcnTempclschatz. Antigonus, ein Sohn des gefangen abgcführten Aristobulus, errang zwar mit Hülfe der Parthcr im I. 32 die Königswürde wieder; allein Her ödes (s- d.), der Sohn des Land- Verwesers Antipatcr aus Jdumäa, behauptete sich mit Hülfe der Römer, eroberte im I. 3',' Jerusalem, ließ den Antigonus und dessen Anhänger hinrichten und endlich im I. 3V auch den alten Hyrkanus, den letzten männlichen Sproß des Hauses der Makkabäer. Nur durch Unruhen, Druck und ausländischen Beistand sich aufrechthaltend, blieb der Fremdling verhaßt, vbwol er im 1.10 den Tempel prächtig aufbaute. Sein Sohn und Nachfolger Archelaus wurde imJ. 8 n. Ehr. vom KaiscrAugustus abgescht und Judäa zu Syrien geschlagen, von wo aus cs seine Landpflcgcr erhielt. Kaiser Claudius ertheilte allen Juden des röm. Reichs das Bürgerrecht; allein die Willkürlichkeitcn der Römer, Parteicnhaß, innere Zerrüttung und die Antipathie zwischen Juden und Griechen mehrten die Unzufriedenheit, die im I. 00 n. Ehr. durch eine Zclotenpartei in offene Empörung gegen Rom ausbrach, welche nach einem hartnäckigen Kampfe im Aug. 70 mit der Eroberung Jerusalems durch Titus, der Einäscherung des Tempels, der Niedcrmehelung und Wegführung vieler Hundert- tauscnde von Juden endigte. Die Ländereien Judäas , wurden zum Theil veräußert, und die Juden, die bereits in Persien, Arabien, Kleinasien, Ägypten, Cyrene, Griechenland und Nom ziemlich zahlreich waren, vollends nach allen Ländern hin zerstreut. Vom Kaiser Ncrva geschützt, hatten die asiat. Juden unter Trajan eine um so härtere Behandlung zu erdulden. Ihre letzten Versuche, das röm. Joch abzuschükteln, in Cyrene im 1.1 > 5, auf Cypcrn im I. 110, in Mesopotamien im I. > > 8, in Palästina unter B ar Co ch b a (s. d.) seit 130 endeten im I. >35 unter dem Kaiser Hadrian mit einem entsetzlichen Blutbad und der Verödung Judäas. Viele ihrerLehrer wurden hingerichtet und scharfe Verordnungen gegen Juden und Judenthum erlassen, jedoch zum Theil durch Antomnus Pius wieder aufgehoben. Gegen Ende des 2. Jahrh. traten zwar wieder bessere Zeiten für die Juden ein; seitdem aber mit dem Kaiser Konstantin im I. 330 das Christenthum zur Herrschaft gelangte, wurden sie durch kaiserliche Edicte und Concilienbcschlüsse immer härter betroffen. Um diese Zeit schon finden sich die Juden in Jllyrien, Spanien, Minorca, Gallien und in einigen Städten am Rhein; sie trieben Ackerbau, Handel und Gewerbe, besaßen Grundstücke, wurden zu Ämtern und Militairdienst berufen und hatten eigene Gerichtsbarkeit. Im I. 318 wurden sie vom Militairdienst ausgeschlossen; auch erfolgte 320 die Aufhebung des Patriarchats zu Liberias, und immer mehr sahen sie sich im Laufe des 5. Jahrh. eingeschränkt. Ungleich war ihr Loos in den verschiedenen Ländern nach dem Untergänge des weström. Reichs. Während sie in Italien, Sicilicn und Sardinien ziemlich unangefochten lebten, hatten sie im byzantin. Reiche viele Bedrückungen und in Frankreich und dem westgoth. Spanien im 6. und 7. Jahrh. grausame Verfolgungen zu erdulden. Im parthiscben und seit 220 im pcrs. Reiche war, ungeachtet einzelner Verfolgungen im 5. und 0. Jahrh., ihr Loos erträglich. Die Juden in Palästina, welche mit Hülfe der Perser im I. 610 Jerusalem einnahmen, träumten sogar die Wiederherstellung der alten Selbständigkeit, wurden jedoch vom Kaiser Heraklius gedemüthigt. Die Herrschaft des Islam, der nach Besiegung der Judenstämme von Chaibar, 627, sich Westasien, Persien, Ägypten, Afrika, Spanien und Sicilien nach und nach unterwarf, änderte wesentlich die Lage der Juden in jenen Ländern. Abgesehen von einzelnen Bedrückungen und Verfolgungen, wie in Mauritanien im I. 700 und in Ägypten im I. 1010, lebten sie unter den Khalifen und. arab. Fürsten in ziemlicher Ruhe und nahmen im maurischen Spanien an Zahl und Bildung seit dem 8. Jahrh. zu. Mancher unterrichtete Jude war Rath, Schreiber, Astrolog oder Leibarzt der maurischen Könige, und die Stürme, die sie z. B. in Granada imJ. 1063 und i» Cordova im 1.1157 trafen, waren meist nur eine Folge anderer politischer Ereignisse. Jüd. Gemeinden gab es im 0. Jahrh. auch in Kairwan, Fez und Marokko; in Ba- 712 Inden i bylonien verringerte sich ihre Zahl seit dem l l. Jahrh., dagegen stieg sie in Palästina durch ' häufige Ansiedelungen; selbst bei den mongol. Khans standen sic in Ansehen. Trauriger war ihr Schicksal in dem christlichen Europa, zumal in den halbcultivirten unter Lehnswesen, Faustrecht und Priestergewalt stehenden Westländern. Im byzantin. Reiche hatten sie im Anfänge und gegen Ende des 8. Jahrh. Verfolgungen zu erleiden, die ihre Übersiedelung in das Land derChazaren, eines hunnischen Volksstamms an der Wolga veranlaßten. Günstiger war für sie das folgende Jahrhundert; dagegen hatten sie zu Anfänge des l l. Jahrh. unter Kaiser Basilius II. wieder harte Stürme zu bestehen. In Italien war gegen beträchtliche Eeldopfer ihr Zustand leidlich; glückliche Zeiten verlebten sie in Neapel, wo sie nur im I. 126 l verfolgt wurden, in Trani, Otranto, Salerno, Rom, Lucca und, besonders in späterer Zeit, in Toscana, der Lombardei und Savoyen, wo erst 1435 eine Verfolgung gegen sie ausbrach. Die Päpste nahmen sich fast durchgehende ihrer an. Seit 1 dem 13. Jahrh. mußten sie indeß Absonderungszeichen tragen und seit dem 15. in eigenen Quartieren (glletti) wohnen. Auf Steili en, wo sie Grundeigenthum und eine geregelte Communalverfafsung besaßen, wurden sie weder von den Arabern noch von den Normannen bedrückt und auch von Friedrich II. geschont. Später aber mußten sie schwere Abgaben zahlen und seit 1296 auch Abzeichen an ihrer Tracht tragen. Nachdem man seit 1428 vergebens sie zu bekehren versucht hatte, wurden sie 1493 auf Befehl Ferdinand des Katholi- scheu, 199900 Seelen an der Zahl, aus der Insel vertrieben und wendeten sich nach Neapel, während die heimlichen Juden oder neuen Christen noch bis 1570 von der Inquisition verfolgt wurden. In Sardinien gab es vom 10—15. Jahrh. Juden; auf Gozzo lebten deren seit 1390, auf Malta seit 1479 und auf P antellaria schon vor 1496. Im blühenden Zustande befanden sie sich im 8. und 9.Jahrh. in Frankreich, namentlich in Paris, Lyon, Languedoc und Provence; sie hatten Grundbesitz und ein Magister 2uäaeo- rum verwaltete ihre Angelegenheiten. Seit 877 aber fing die unter den schwachen Karo- lingern emporstrebende Geistlichkeit an sie zu bedrücken, weshalb sic unter den Capetingern i häufig aus den Bisthümern in die Baronien auswandertcn- Königen, Bischöfen, Lchns« i besitzern und Städten mußten sie zugleich später das Recht ihrer jämmerlichen Existenz ab- kaufen. Zur Rechtfertigung wiederholter blutiger Aufstände und Hinrichtungen, seit dem I l. bis in die Mitte des 14. Jahrh., wurden Geschichten von Hostiendurchstechungen, gemordeten Christenknaben und Brunnenvergiftungen gegen sie ersonnen. Abwechselnd ver- trieben und wieder ausgenommen, erhielten sie enolich gegen hohe Summen Schutz und die Verlängerung ihrer Privilegien, doch schon 1395 wurden sie für immer aus dem Mittlern Frankreich vertrieben. InEngland, wo sie schon im 9. Jahrh. Vorkommen, brach am Krönungstage des Königs Richard Löwenherz, im I. 1189, ein blutiger Tumult gegen sie . aus. Auch hatten sie trotz ihres von Johann ohne Land für 4000 Mark Silber erkauften ? Freibriefs unter Heinrich III. viel zu leiden, mit welchem Richard von Jork, Prinz Eduard und die Universität zu Oxford wetteiferten. Man nahm ihnen Habe und Synagoge und 1270 die Befugniß des Grundbesitzes, suchte sie seit 1200 zu bekehren und wies sie endlich 1290 aus dem Lande, worauf sie meist nach Deutschland und Frankreich auswandcrten. Im Deutschen Reiche waren die Juden als sogenannte Kammerknechte Eigen- ? thum derKaiser, die sie verkauften und abtraten. Man findet sie im 8. Jahrh. in den Rhein- städten, im 10. in Sachsen und Böhmen, im 11. in Schwaben, Franken und Wien, im 12. 1 in Brandenburg und Schlesien; sie mußten Leibzoll, Kopf-, Gewerbe - und Krönungs- steuer und andere Abgaben zahlen und wurden von den Landesherren willkürlich verpfändet, verschenkt und verjagt. Großes Elend brachten über sie die Kreuzzüge, Pöbelaufstände is und Austreibungen in Leobschütz 1163, Wien 1196, Mecklenburg 1225 und 1330, Bres- ^ lau 1226 und 1319, Brandenburg,1243, Frankfurt 1241 und 1346, Pforzheim 1271, München 1285, Weißensee > 303, Überlingen 133I,Nördlingen 1290 und 1384, Deggendorf 1337, Weißenfels 1368, Nürnberg 1300, Prag 1391 und 1422, Regensburg 1476, und Pasta» 1478, und insbesondere die Verfolgung bei Gelegenheit des Schwarzen ! > Tod es ^s. d.), 1348—50. Ostreich ausgenommen wurde Deutschland damals von Juden ^ R fast entvölkert; sie wurden zu Tausenden gemordet, verbrannt und viele stürzten sich selbst in die Flammen der brennenden Synagogen. Bald darauf siedelten sie sich wieder im rhcin. 713 Juden und frank. Kreise, in Hessen, Sachsen und Brandenburg an. Blutige Verfolgungen in Schlesienveranlaßtc der Franciscaner Capistranus(s.d.)t 452—55. Seit dem 13. Jahrh. war ihnen eine auszeichnende Tracht auferlcgt und wiederholt wurden seit dem 14. Jahrh. alle ihre Federungen durch die Kaiser für nichtig erklärt. Nur hier und da hatten sie Bürgerrechte und unbewegliches Eigenthum; im Allgemeinen waren ihnen blos Handel und Wucher gestattet, und selbst das Gesetz hatte für sie härtere Strafen; doch wurde der Leibzoll abgeschafft. In verschiedenen Orten mußten sie in eigenen Judenstraßen wohnen, und aus mehren Reichsstädten, zumal seit dem 15. Jahrh., wurden sie völlig verwiesen, so aus Ulm 1380,Magdeburg >384,Augsburg 144»,Liegnitz 1447,Bamberg 1475,Glatz 1492, Salzburg 1498, Nürnberg 1499 und Negensburg 1519. In der Schweiz, wo sie sckon im >3. Jahrh. erwähnt werden, durften sie liegende Gründe besitzen; doch auch hier begannen >348 die Verfolgungen. Im I. >401 wurden sie in Winterthur und Schaffhausen bedrängt und >424 aus Zürich gewiesen, wo sic jedoch >451 und > 49V wieder sich aufhalten durften. Das Concil zu Basel befahl 1434 allen Juden das Chcistenthum zu predigen. Aus Genf wurden sie 1490, aus Thurgau 1491 vertrieben. Mehr Ruhe und Schutz, ja seit 1264 sogar gewisse Vorrechte genossen sie in Polen und Lithauen. Von König Kasimir III. begünstigt, vermehrte sich ihre Zahl seit 1348 ansehnlich durch die aus der Schwei; und Deutschland einwandernden Flüchtlinge. In Rußland findet man sie im >0. sowie im 14. Jahrh.; doch wurden sie in späterer Zeit ausgewiesen. In Ungarn, wo sie seit dem I I. Jahrh. Vorkommen und Grundbesitz haben durften, wurden sie in den letzten Jahren des 14. und 15. Jahrh. verfolgt. Im christlichen Spanien blieben dieJuden bisindiezweiteHälstedes 14.Jahrh. in ziemlich ungestörtem Genüsse ihrer nicht unbedeutenden Vorrechte; sie fanden Anstellung und waren von den Königen bevorzugt, hatten eigene Gerichtsbarkeit und Ländereien. Doch mit der Armuth des Adels, der Macht der Priester und den aus den Wuchergeschäften der Juden entstandenen Misbräuchcn wuchsen Haß und Verfolgung. Allmälig nahm man ih- neu die Befugniß, beliebig zu wohnen, schmälerte ihre Rechte und erhöhte ihre Steuern. In Aragon wurden sie zur Zeit eines Regenmangels aus den Städten verwiesen; in Sevilla, Cordova, Toledo, Valencia, Katalonien und Majorca richtete ein Aufstand in den I. >391 und 1392 eine große Niederlage unter ihnen an; nur durch die Taufe oder durch die Flucht nach Afrika vermochten sie sich zu retten. Das ganze 15. Jahrh. waren Verfolgungen, gewaltsame Bekehrungen und Jnquisitionstyrannei gegen die Getauften, die nicht auswandern durften, an der Tagesordnung. Zu Lausenden seit 1480 verbrannt, wurden sie endlich 1492 gänzlich vertrieben. Von den 300000, die nach Portugal, der Provence, Italien, Afrika und der Türkei auSwanderten, hatte nach achtJahren etwa der zehnte Theil, arm und elend, eine Zufluchtstätte gefunden. In Portugal, wo sie schon im 11. Jahrh. Vorkommen, lebten sie unter einem Großrabbinen in sieben Districte vertheilt; eine absondernde Kleidung mußten sie seit 1429 anlegen. Im 1.1492 wurden 80000 aus Spanien geflüchtete Juden gegen acht Goldpfennige Kopfgeld auf acht Monate in Portugal ausgenommen, nach deren Ablauf die Ärmern zur Taufe, die Wohlhabenden zur Auswan- derung sich genöthigt sahen. König Emanuel befahl 1495 die Verweisung aller Juden aus Portugal und ließ den Armen die Kinder unter 14 Jahren wegnehmen und nach den Schlangeninseln einschiffen. Über 2000 getaufte Juden wurden 1506 in Lissabon ermordet. Die Leiden der heimlichen Juden auf der pyrenäischen Halbinsel währten ohne Unterbrechung bis zur Aufhebung des Auswanderungsverbots im I. 1629 und auch noch später, z. B. 1655, kamen Autos da Fe vor. Erst 1773 ward der Unterschied zwischen alten und neuen Christen aufgehoben. So war zu Anfang des 16. Jahrh. das westliche Europa beinahe von Juden entvölkert; die meisten lebten noch in Deutschland, Italien, Polen, in den osman. und asrikan. Staaten. Nicht sehr beträchtlich war ihre Zahl in den entferntern asiat. Reichen, in Arabien, wo es noch gegenwärtig unabhängige Juden in Hedschas, schwarze in Mokka, weiße in Sennaar gibt; in Persien, wo sie unter Druck in Unwissenheit leben; in Afghanistan, wo sie von Kabul aus bis nach China handeln; in Indien, wo sie in Cranganor schon ums I. 500 erwähnt werden; in Cochin-china, wohin sie vermuthlich mit den Por- 714 Juden tugiesen kamen, Ackerbau und Handwerke treiben; in der Bucharci, wo sie bürgerliche Freiheiten genießen und viele Seiden - und Mctallwaarcn fertigen; in dcr Tatarci, in China, in Abyssinien, wo sie seit vielen Jahrh. heimisch sich bis ><»«>8 in Unabhängigkeit behaupteten; in Sudan undLoango. Im nördlichen Afrika, namentlich in Algier, Tlcmezen,Oran, Tetuan, Tunis u. s. w., machten sich in Folge der Ereignisse in Spanien in den I. >301 und l492 neben den bereits bestehenden altern jüd. Gemeinden sehr viele der zahlreichen Flüchtlinge neben den altern Juden ansässig. In Fez erhielten sie 1591 ein eigenes Quartier in der Neustadt. Namentlich begünstigte sic in Fez und Tafilclt um die Mitte des 17. Jahrh. Mulcy Archey. In Marokko, wo ein Scheikh mit >2 Abgeordneten der Städte über die jüd. Bevölkerung gesetzt ist, bekleiden Juden, die hicrHandcl und Gewerbe treiben, nicht selten die obersten Bcamtenstellcn. In der Bcrbcrci litten sie 1799 an mehren Orten i» Folge politischer Fehden. In Algier lebten sie unter dem schmählichsten Drucke, aus dem sie erst durch die Franzosen seit 1939 befreit wurden. Bei weitem günstiger war ihre Lage in der Türkei, wo sie, durch zahlreiche Ankömmlinge aus allen Ländern Europas vermehrt, bis auf die Erpressungen der Paschas, die Insolenz der Janirscharen und Kricgsleiden, namentlich in Morea, selten Anfechtungen erlitten. Beträchtlich sind ihre Gemeinden in Konstantinopel, AdrianopchSalonichi, Smyrna, Aleppo und Damast. In Palästina, wohin aus Polen viele Juden ausmanderten, lebten sic bis auf die Gegenwart in großer Ar- muth. Sie theilen in der Türkei mit den Osmancn gleiche bürgerliche Rechte, und auch in Ägypten ist ihre Stellung bedeutend günstiger geworden. In dem christlichen Europa traten in Folge des Aufblühens der Wissenschaften und der Reformation bessere Gesinnungen gegen Juden ein; doch erst seit dem letzten Viertel des 19. Jahrh. wurden sic in verschiedenen Ländern als Bürger ausgenommen. Gegen die Juden in Italien wütheten vom >9. bis ins 17. Jahrh.Inquisition nndPäpste; wöchentlich wurden seit >584 für sie zu Nom christliche Bclehrungspredigten gehalten, die sie anzuhören gezwungen waren. Häufig wurden sie bis 157» aus einzelnen ital. Städten verwiesen, wie z. B. aus Neapel 1549. Mehr Freiheit genossen sie in Venedig, Padua, Florenz, Pisa, und seit 199!» in Livorno, wo sie noch gegenwärtig gute Schulen haben. In sehr vielen Städten sind ihnen Ghctti angewiesen. In Sardinien können sie in den Ghetti Handel, Künste und Gewerbe treiben, aber keinen Grund und Boden erwerben. In Modena sind sic den Beschränkungen, die 1814 aufgehoben wurden, seit 1831 wieder unterworfen. Auch in der Lombardei und in Dalmatien gibt es jüd. Gemeinden und zwar in ersterer mit bürgerlichen Rechten. In Frankreich wurden bereits seit » 559 span, und portug. Inden in Bayonne und'Bordeaux ausgenommen; die in Elsaß und Lothringen behielten unter der franz. Herrschaft so ziemlich ihre ältere Verfassung. Jm J. 1784 wurde der Leibzoll abgeschafft und durch die Revolution im I. 1791 den Juden, die man seitdem Israeliten nannte, das Bürgerrecht zugesprochcn. Zur Befestigung dieser neuen Verhältnisse wurden im 1.1896 eine Versammlung jüd.Notabcln und ein Syncdrium einberufen. Die Beschränkungen des I. 1898 waren nur temporair. Durch die Verfassungen von >814 und 1839 und das Gesetz von 1831, kraft dessen der Staat die Nabbincn besoldet, würde die Emancipation der franz. Juden vollendet. Gleiche Grundsätze herrschen inBelgien, wo sie ebenfalls vollständig emancipirt sind. Die seit 1655 wieder in England zugclasse- ncn Juden erlangten 1723 das Recht, Grundeigenthum zu erwerben; die Naturalisationsacte für sie von 1753 wurde zwar später wieder zurückgenommen; dennoch .lebten sie in ungestörter Freiheit. Seit 1839 zu den Corporationcn und seit 1833 zur Advocatur zu- gclassen, ging im März 1845 im Oberhause auch die Bill durch wegen ihrer Zulassung zur Aldermanswürde. In dem frcigcwordenen Holland fanden 1693 die portug. Juden ein Asyl; sie sowol als die deutschen Juden lebten hier frei, wiewol vom Bürgerthum ausgeschlossen, das sie erst seit 1796 erhielten. Das Staatsgrundgesetz von 1814 bestätigte ihre vollständige Emancipation. JnDänemark, wo sie seit 1609 auftraten, erhielten sie 1738 viele Freiheiten und 1814 fast unbeschränktes Bürgerrecht. In Schweden gibt es erst seit 1776 Juden zu Stockholm und in drei andern Städten; nur einzelne von ihnen er. halten als Auszeichnung das Bürgerrecht. Norwegen versagt ihnen bis jetzt jeden Ein. tritt'in das Land. Aus dem eigentlichen Rußland, jwo Peter I. sie wieder aufgenom Juden 715 men hatte, wurden sie, 35666 Seelen an Zahl, unter der Kaiserin Elisabeth >743 vertrieben. Unter der Kaiserin Katharina ll. fanden sie sich wieder ein; von Alexander I. wurden sie mit gewerblichen Freiheiten begünstigt, von Nikolaus ». vertrieben. Dagegen wohnen sie unter dem russ. Sceptec in Kurland, in der Krim (Odessa und Cherson), inGrusien, we im Mittelalter die Zudenstadt Aspaubani vorkommt, in Kaukasien und den ehemals pvln, Landesthcilen. Eine Art stufcnmäßigcr Emancipation der Juden in Rußland ist seit 183.°» im Werke; auch wurden neuerdings Schulen für sie angelegt und sie für militairpflichtig erklärt. Im Königreich Polen, wo sie ganze Städte und Dörfer inne haben und zwischen Adel und Bauernstand das Mittelglied bilden, fanden sie bei der Regierung Schuß, ob- gleich sie durch den Druck des Adels, die Vorurtheile des nicht gebildeten Volks und zuweilen durch Aufstände, wie I «'»30 in der Ukraine und 1654 in Lithauen, viel zu erdulden hatten. Unter eigener Gerichtsbarkeit, vom Staatsleben ausgeschlossen, als Handeltreibende, Branntweinschenken, auch als Landleute und Handwerker, meist in Armuth, von halben Barbaren und Sklaven umringt, gestaltete sich hier ihre Lebensweise und Weltanschauung auf eigene Art, sodaß sie den span, und gewissermaßen auch den deutschen Inden nachsianden; doch sind auch sie seit dem letzten Dccennium des vorigen Jahrh. in Bildung weiter vorgeschritten. In der poln. Revolution zeichneten sich mehre Juden als Militairs aus. Vielleicht gerade politische Bedenken bewogen die russ. Regierung im I. >844 zu manchen harten Maßregeln gegen die Juden in Polen, namentlich hinsichtlich ihrer Wohnsitze an den westlichen Grenzen. Gesicherter ist die Lage der zahlreichen Juden in der preuß. Provinz Posen und in dem östr. Galizien. In Ungarn, wo sie >685 Ofen vertheidigcn halfen, genießen sie bedeutende Rechte und den Schutz der Magnaten. Auch inSieben - bürgen gibt es Juden. In der Schwei-z waren sie bisher nur in Endingcn und Langenau geduldet; sie wurden >543 und, nachdem sie wieder Eingang gefunden, 1616 aus Basel, > 622 aus Appenzell, 1634 aus Zürich, 1655 aus Schaffhausen entfernt und erst in neue- stet Zeit haben einige Canrone Schritte zu größerer Duldung gethan. InSpanien, wo sie erst seit 1837 wieder geduldet sind, gibt es äußerst wenige Juden. In Portugal, wo sie keine Staatsbürgerrechte haben, gibt cs fast nur deutsche Juden. Durch Engländer und Holländer wurden die Einwanderungen der Juden in Amerika veranlaßt, so >625—54 in Brasilien und 1639—64 in Cayenne. Als freie Bürger leben sie in Surinam, wo sic 1664 cinwanderten, in Jamaica, wo sic 1650 sich ansiedelten und 1831 emancipirt wurden, in Canada, wo 1832 ihre Emancipation erfolgte, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo sie in den meisten Staaten schon 1778 allen übrigen Confcssionen gleichgestellt wurden. Auch inSydney haben sich Juden angesicdclt. Das mannichfaltigste, aber traurigste Bild gewährte seit dem 16. Jahrh. das Loos der Juden in Deutschland. VonEhre und Bürgcrthum, Grundbesitz und Zünften, selbst von vielen Handelszweigen ausgeschlossen, zu Wucher und Kleinhandel genökhigk, stets von harten Gesehen gehemmt, erkauften sie ihre Existenz mit erniedrigenden, unter mehr als 66 Benennungen ihnen auferlegtcn Abgaben. In mehren Orten wurden sie gar nicht geduldet, aus andern vertrieben und selten wieder zugelasscn. Meist nahm man nur eine festgesetzte Zahl auf, und das Gesetz theilte sie in zahllose Classen, z. B. privilcgirte, tole- rirte, unvergleitete, Hof-, Schutz-, Stamm-, Grenz-, Schacherjuden u. s. w. Obgleich ihnen Kaiser Karl V. 1536 und 1541 den Reichsschuh gewährte, wurden sie dock aus verschiedenen Staaten getrieben, namentlich 1551 aus Baiern, 1555 aus der Pfalz, 1573 aus der Mark Brandenburg und 1676 aus den östr. Erblanden. Auch gab cs gegen sie gerichtete Volkstumulte, z. B. 1574 in Mähren, 1614 und >615 in Frankfurt am Main und Worms, 1730 in Hamburg und I77S im Elsaß. Nur hier und da erhielten sie Vergünstigungen; seit 1528 wurden sie in Fürth, seit etwa 1664 in Hamburg und Altona (die portug. Juden mit Bürgerrechten) und 1676 in der Mark Brandenburg ausgenommen. In Ostreich gab es um diese Zeit geadelte Juden; die jüd. Gemeinde in Prag erhielt 1649 wegen ihres Wohlverhaltcns bei der Vertheidigung der Stadt einige Privilegien; auch gab es seit >697 wieder eine jüd. Gemeinde in Wien, und in Ansbach wurde 1737 der Leibzoll aufgehoben. Im Ganzen aber dauerten die harten unduldsamen SchutzpriLile- gien und Judenordnungen, z. B. in Leipzig von 1682, in Preußen von >736 und I75V, 716 Juden in Baiern von 1732, in Elogau von >7-13, in Dresden von >736 und 1772, in Lothringen von 1753, in Ostreich von 1755 und in Schwarzburg von 1756, sowie die kränkendste Behandlung der Juden fort, bis die Philosophie eine neue Civilisation begründet hatte und politische und religiöse Freiheit als Gemeingut anerkannt wurden. Namentlich traten L essin g (s. d.), Mendelssohn (s. d.) und Dohm (s. d.) seit 1778 kräftig für die Juden auf, und das östr. Toleranzedict von 1782 hatte in mehren deutschen Staaten eine Reihe wohlthätiger Verordnungen für die Juden zur Folge. In München erhielten sie 1787 die Erlaubniß, ihr Lauberhüttenfest zu feiern, auch wurde seitdem den Jüdinnen gestattet dort niederzukommen. In demselben Jahre schaffte Preußen den Leibzoll, fünf Jahre hernach die Autonomie der Rabbinen und die Solidarität ab; >797 wurde die Stellung der Juden auch in Böhmen verbessert und seit 1803 in ganz Deutschland, Heldburg in Meiningen ausgenommen, der Lcibzoll aufgehoben. Eine noch bessere Zukunft eröffnetc sich den Juden in Folge der Auflösung des Deutschen Reichs. Nachdem Westfalen ihnen 1808 das Bürgerrecht und eine Gemeindeverfassung verliehen, folgten ähnliche Schritte in Hessen im I. 1808, in Baden im I. 1808 und 1811, in Anhalt-Dessau und Waldeck 18VS, in Wür- temberg, Sachsen-Weimar, Sachsen-Meiningen und Frankfurt 1810 und I8II, in Mecklenburg und Baiern 1813. Das prcuß. Edict vom l >. März >812 gewährte ihnen eine beinahe vollkommene Gleichstellung; im Königreich Sachsen wurde nichts verbessert. Allein seit 1814 erfolgten in verschiedenen deutschen Staaten hinsichtlich der Juden Rückschritte, obgleich die wiener Bundesacte die Aufrechthaltung der denselben verliehenen Rechte aussprach. Sie wurden in Hessen, Sachsen-Weimar und Mecklenburg in ihren Rechten beschränkt, in Hannover, Hamburg und Frankfurt des Bürgerthums beraubt, aus Lübeck und Meiningen vertrieben, und >810 sogar mit Pöbeltumulten heimgesucht. In Preußen wurden sie von Lehr- und Gemeindeämtern wieder entfernt, von der Beförderung im Mi- litair und in den Rheinlanden vom Geschworenengericht ausgeschlossen, auch ihnen 1824 untersagt, Verbesserungen im Gottesdienste vorzunehmen, und 1834 sogar in Berlin Bekehrungspredigten für sie eingeführt. Ungeachtet dieser Reactioncn geht jedoch der bessere Geist siegend vorwärts, wie, außer einzelnen Verordnungen, vornehmlich die ständischen Verhandlungen in Baden, Baiern, Würtemberg, Hessen, Braunschwcig, Sachsen und Hannover und die Anträge auf mehren preuß. Provinziallandtagcn in den I. >843 und 1845 darthun. In Würtemberg wurde ihnen mit wenigen Einschränkungen durch das Gesetz vom 25. Apr. 1828 das volle Bürgerthum ertheilt; in Kurhessen wurden sie >833 emancipirt. Auch in Braunschweig, Hannover und Sachsen geschah Einiges zur Verbesserung ihrer Lage; doch begnügte man sich mit halben, zu keinem Ziele führenden Maßregeln. Offenbare Rückschritte machte die Sache der Juden in Baiern. (S. Emancipa - tion derJuden.) Dasruss. Project einer Ansiedelung israelit. Christen, im I. >817, konnte ebenso wenig Erfolg haben, als die 1825 von Neuyork aus proclamirte Gründung eines jüd. Staats. Nicht Beschränkungen und Bekehrungsanstalten, zu denen man in neuester Zeit in Preußen wieder seine Zuflucht nimmt, sondern Emancipation und innere Entwickelung sind die Mittel, die jüd. Bevölkerung in den Organismus der christlichen Staaten ohne Nachtheil einzureihen. (S. auch I u d e n t h u m und JüdischeLitcratur.) Die Gesammtzahl der Juden dürste sich auf 3,570000 belaufen. Deutschland zählt ungefähr 336000, nämlich Ostreich 84000, Preußen 100000, Baiern 58000, Hannover, Würtemberg, Baden, beide Hessen und die freien Städte 72006 und die übrigen Staaten 28000; die Schweiz 1100; Italien 4700«, nämlich im lombard.-venetian. Königreiche I25VV, in Toscana 15000 und im Kirchenstaate I6V0V; Frankreich 60000; Holland 53000; Belgien 4000; England 30000; Dänemark 4000 ; Schweden 1000; das russ. Reich mit Einschluß des asiat. Theils 60000; Polen 1,700000, nämlich im russ. Polen 1,100000, im Königreich Polen 385,000, in Galizien über 200000, in Posen 88000 und in Krakau 8000 ; Ungarn und Siebenbürgen gegen 240000; Griechenland und die Jonischen Inseln 7000; die europ. Türkei über 300000 ; also in Europa zusammen über 2'/rMill.; Asien 138000, Afrika 504000, Amerika 20000 und Sydney 500. Vgl.über di^eschichte und Verfassung der Juden, außer den Schriften des Jose phus (s. d.), die Werke von I ost (s. d.), ferner Depping, „I^es juik cksnr le m<^en »ge" (Par. 1834, Judenkirsche Judenthum 717 deutsch Stttttg. 1834) und Capefigue, „üistuirs pliilysopbigu« «las jmls depuis In deca- dence des Älaccrdiees susgu'ü n»s jours" (Par. 1838); für die neueste Zeit die Zeitschriften „Sulamith", „Der Jude" (vonNießer), „Allgemeine Zeitung des Judenthums" (von Philipps»»), „Israel. Annalen" und „Xrckives israeiites". Judenkirsche, auch Schlutte (kk)'salis alleeleenAi), heißt ein in verschiedenen Gegenden Deutschlands in Gärten, Weinbergen, an Zäunen und Waldrändern nicht seltenes , einjähriges Gewächs mit schmuzig weißen Blüten und sonderbaren Früchten. Die schön glänzendrothe reife Beere ist nämlich von einer weiten mennigrothen Blase umgeben, die aus dem Kelche der Blume erwächst. Die Beeren selbst schmecken angenehm säuerlich, müssen aber mit Vorsicht von der Kelchblase befreit werden, ohne damit dieselben zu berühren , indem der im Kelche befindliche rothe Staub äußerst bitter schmeckt. Dieser Umstand hat die Meinung veranlaßt, daß die Judenkirsche durch Berührung mit den Fingern vergiftet würde. Wie schon in früherer Zeit, so wenden gegenwärtig wieder die homöopathischen Ärzte Kraut, Beeren und Samen der Judenkirsche als Heilmittel an. Judenmedaillen nennt man cine Classc goldener und silberner Schaustücke im mittelalterlichen Stile, die von einem Goldschmied in Strasburg oder in Prag gefertigt sein sollen. Sie find jetzt selten, meist von bedeutendem Metallwerth, von vorzüglicher Arbeit und die Legenden in Mönchsschrift, wodurch man den Glauben an ein hohes Alter derselben veranlassen wollte. — Judenköpfe heißen die von dem Kurfürsten Friedrich dem Sanftmüthigen im 15. Jahrh. geschlagenen Münzen, die auf der einen Seite das alte meißn. Helmkleinod tragen, bestehend in einem bärtigen Kopf mit spitzem Hut, das allerdings einem Judenkopf ähnlich sieht. Judenpech, s. Asphalt. Judenthum bezeichnet den Glauben und den durch selbigen bedingten Inhalt der Gesetze und Religionsideen der Juden (s-d.). Von den nach dem babylon.Exil austretenden Propheten wurden nicht Wiederherstellung des Mosaischen Staats und politische Selb- ständigkeit, sondern Treue gegen Gott und das Gesetz und eine von religiöser Heiligung abhängcnde Weltherrschaft der wahren Lehre gepredigt. Als das Prophetenthum erlosch und durch Esr a (s. d.) und seine Nachfolger allmälig im 2. Jahrh. v. Chr. das kanonische Ansehen der heiligen Schriften begründet wurde, mußte eine merkliche Verschiedenheit gegen den alten Hebraismus sicbtbar werden, sowol in den sich entwickelnden religiösen Begriffen, als in der Praxis, wie solche aus dem Widerstreite des nunmehrigen Zustandes und seinem Erfodernisse mit dem Wort des alten Gesetzes hcrvorging. Andererseits wurden durch die Bekanntschaft mit dem Leben und den Schriften der Perser und Griechen die Geister angeregt, ältere Einrichtungen in Folge nothwcndiger Verhältnisse durch jüngere Autoritäten geändert und durch die Tyrannei der Römer, die Laster der Heiden und die anhaltenden Verfolgungen gewisse Ansichten und Observanzen vorherrschend. Die neuen Elemente mußten Kampf und Spaltungen erregen (s. Christenthum, Pharisäer undSadducäer) und daher sich bald eine bestimmte Form schaffen. Nach und nach nahmen altere Überlieferungen und jüngere Auslegungen (s. Talmud) und alte Institutionen mit neuen Begriffen die Stelle des Mosaischen Buchstabens und der hebr. Lehre ein und wurden im 3. Jahrh. ergänzende Theile des neben dem schriftlichen auch ein mündliches Gesetz anerkennenden Judenthums. Dasselbe hatte früher bei heidnischen Fürsten und Familien Eingang gefunden; jetzt aber war es theils durch das Christenthum verdrängt, theils durch bestimmte ausgeprägte Lehrmeinungen und das jüdische Leben vielseitig durchdringende Vorschriften unzugänglicher geworden. Indessen ist doch MehreS aus dem Judenthum in den Mohammedanismus (s. d.) übergegangen. Die Grundlage, welche das Judenthum im 3.-5. Jahrh. durch den Talmud erhielt, hat sich, ungeachtet des Widerspruchs der Karäer (s. d.) und anderer bald wieder verschwundenen Sekten, bei der großen Mehr- heit der Juden behauptet und im k>.—10. Jahrh. von Palästina und Babylonien, später von Italien aus, über alle von Juden bewohnte Länder, vielleicht China und Indien ausgenommen, verbreitet. Schon von Philo (s. d.) und später seit dem 9. Jahrh. philosophisch bearbeitet, nachher durch Polemik gestählt und bis in die neueste Zeit durch Gesetz- lehrer und Philosophen, wie Maimonides (s. d.) und Mendelssohn (s. d.), aufrecht 718 Jüdisch-Deutsch Jüdische Literatur gehalten, hat es demselben weder an Entwickelungen noch an inner» Fehden gefehlt. (S > Jüdische Literatur, Kabbala, Chasidim und Synagoge.) Es sind aber im Judcnthum -u unterscheiden der dogmatische Bestandtheil oder das Verhältnis Gottes zum Menschen; ferner der historische und symbolische odsr der Bund Gottes mit Israel und die damit zusammenhängenden Institutionen und religiösen Handlungen; und endlich der sittliche und der juridisch-sociale. Die dogmatischen Elemente, aus dem strengsten Monotheismus hcrvorgehend, wurden auf mannichfache Weise ausgcbildet; ebenso nahm das Studium der Religionsquellen sehr verschiedene Richtungen, gleich wie die Lehren vom Messias, von der Seele und der Geisierwelt wesentliche Modificationen erfuhren. Auch begegnet man, zumal in den Productionen fern voneinander liegenderEpochen,schr,verschie- denenAnsichten über Welt und Leben, über Wissenschaft und Wichtigkeit einzclnerGebräuche. Unzählige Meinungen geriethen in Vergessenheit, Ceremonicn veralteten und Lehren wechselten oder blieben unbeachtet. Selbst die Erziehung (s. Jüdisch es Schulwesen), das Studium, der Gottesdienst mußten die Einflüsse jener Entwickelungen erfahren; die Gesetze über jüd. Recht sind in vielen Staaten großentheils abgeschafft und die socialen verwandelt. Daher ist die wirkliche Praxis im Judenthume dym Buchstaben oft fremd, ja entgegengesetzt und zu einer Bekanntschaft mit demselben bedarf es der Kenntnis der jüd. Lehren, ihrer Entwickelung und der praktischen Ergebnisse. An Anschuldigungen hat cs nie gemangelt und auf solchem Grunde ruhen zum Thcil die rohen Gesetze und Anstalten, die gegen die Juden ins Leben treten. Die bigote, wie die fanatische Verfolgung der Juden, namentlich in Damask im I. 1840, einerseits, und der Meinungskamps unter den Juden selbst andererseits haben in neuester Zeit die Entwickelung des Judenthums, hauptsächlich in Deutschland, wesentlich gefördert. Eine unbefangene Würdigung des jüd. Lebens hat dargethan, daß die Bekenner des Judenthums andern Staatsbürgern nicht nachstehen und durch ihre Glaubensvorschriften an den Pflichten des Menschen und des Bürgers nicht verhindert werden. Dogmatisch behandeln das Judenthum Formstecher, „Die Religion des Geistes" (Franks. 1841); S. Hirsch, „System der religiösen Anschauungen der Juden" (Bd. I, Lpz. 1841—42), Steinheim u. A. Vgl. auch „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judcnthums" (Berl. 1823). Jüdisch-Deutsch heißt der Dialekt der deutschen Juden, in welchem hcbr., eigene jüd. und veraltete deutsche Ausdrücke und Formen in ziemlich gleicher Menge vorhanden sind. Durch die abgeschlossene Existenz der Juden seit mehren'Jahrhunderten befördert, scheint jene Mundart gegenwärtig sich in Deutschland zu verlieren; wenigstens ist das Jüdisch-Deutsche aus den Schulen, Vorträgen und Büchern der Juden verschwunden, wie- wol es in verdorbener Weise bei den gemeinen Juden, zumal in Polen, noch angetroffen wird. Vgl. Ree, „Die Sprachverhältnisse der heutigen Inden, im Interesse der Gegenwart und mit besonderer Beziehung auf Volkserziehung" (Hamb. 1845). Vieles aus dem Jüdisch-Deutschen ist in das Nothwälsch (s. d.) übergegangen. Jüdische Literatur. Demselben Zeitalter, welches den Übergang aus dem He- braismuS zum Jud enthum (s. d.) bildet, gehört der Anfang der jüd. Literatur, die auf der hcbr. wurzelnd ((.Hebräische Sprache und Literatur), und meist in der hebr. Sprache fortschreitend, bald pers. Religionsbegriffc, griech. Weisheit und röm. Recht, wie später arab. Poesie und Philosophie und europ. Wissenschaft in sich ausnahm, was aber Alles dem väterlichen Glauben sich unterordnen mußte. Seit jener Zeit thätig hat die jüd Literatur, welche man unpassend auch die rabbinische nennt, obwol ohne äußere Auf munterung, an der Ausbildung des menschlichen Geistes Antheil genommen, und in den noch lange nicht gebührend erkannten Schätzen dieser Thätigkeit liegt ein Neichthum aller Jahrhunderte und ein Voxrath der mannichfaltigsten Erzeugnisse verborgen. Nationale und fremde Weisheit gehen in derselben einen Gang ununterbrochener Entwickelung und man kann sie in neun Perioden theilen. Die erste Periode reicht bis 143 v. Ehr. Durch Esra vorbereitet, schloß die Intelligenz des jüd. Volkes sich immer fester an den Inhalt des Pentateuchs und der Propheten an. ES wurden Auslegungen und Zusätze der ältcrn Geschichte (Midraschim), sowie griech. Übersetzungen gefertigt und mehre der sogenannten Hagiographa (s. d.) einzelne Psal- Jüdische Literatur 719 men(s.d.), die „Sprüche" Salomo's (s.d.), Koheleth (s.d.), die „Bücher der Chronik", Theile von Esra (s. d.) und Ne Henna (s. d.), Esther (s.d.) und Daniel (s.d.) geschrieben. Ebenso gehören die Leistungen der großen Synagoge (st d.) dieser Epoche an, gegen deren Schluß, >90—170 v. Ehr., auch Schriftsteller in ihrer Persönlichkeit, z. B. Sir ach (st d.) und Aristobulus (s. d.) auftraten. Die Lehrer hießen Sofcrim oder Weise, und das Aramäische war endlich Volksdialckt in Palästina geworden. Die zweite Periode von >40 v. Ehr. —>35 n. Ehr. Der Midrasch oder die Erforschung der heiligen Schriften thcilte sich in Halacha und Hagada; jene begriff die Ausbildung des Gesetzes zu praktischen Resultaten, diese war der Inbegriff der religiösen und geschichtlichen Auslegungen. Beide, anfangs von den Weisen vorgetragen, schufen sich allmälig schriftliche Denkmäler. Diese Entwickelung beförderten die öffentlichen Schrifterläuterungen in Schulen und Synagogen, die Selbständigkeit des Synedriums, der Sektenkampfund die Einwirkungen der alexandr. Cultur. Zn diesen Zeitraum fallen verschiedene griech.und die älteren aramäischen Versionen (st Targum), sämmtliche biblische Apokryphen (s.d.) und die ersten christlichen Schriften; auch wurden Gebete, Auslegungen, Lieder und Spruchsammlungen verfaßt. Zu bemerken sind derDichter Ezechiel (s.d.), der Verfasser des ersten Buchs der Makkabäer, Jason, Josephu§ (st d.), Philo (st d.), Johannes (st d.), und als Gründer der mündlichen Gesetzlehre Hillel (st d.), Scha- mai, Jochanan ben Saccai, beide Gamaliel (s. d.), Elieser ben Hyrcan, Josua den Cha- nanja, Jsmael und der berühmte Akiba (st d.). Rabbi (st d.) oder Weisheitsscbüler wurde ein Ehrenname der Gesetzkundigen. Außer makkabäischen Münzen haben sich auch einige von Juden hcrstammende griech. und lat. Inschriften aus dieser Zeitperiode erhalten. Die dritte Periode, von >35—475. Die Unterweisung in Halacha und Hagada wurde das Hauptgeschäft der namentlich seit Hillel blühenden Schulen in Galiläa, Syrien, Rom, und seit 2>9 in Babylonien; die hervorragendsten Männer waren diejenigen, welche die Mischna (std.) und den Talmud (s.d.) durchRechtsbcscheide, Unterricht und Sammlungen gründeten, z.B. Elieser ben Jakob, Jehuda, Jose, Meir, Simeon ben Jochai, Jehuda der Heilige, Nathan, Chija, Nab, Samuel, Jochanan, Hunna, Rabba,Nawa, Papa, Asche und Abina. Als letzte Autorität in dieser Beziehung ist Mar ben Asche, gest. am 25. Sept. 467, zu betrachten. Nächstdem wurden Auslegungen, Zusätze zum Sirach, ethische Abhandlungen, Erzählungen, Fabeln und.Geschichtliches geschrieben, die Gebete bereichert, das Targum zu Pentateuch und Propheten vollendet und durch Hillel imJ.340 das Kalenderwesen festgestellt; auch fehlte cs nicht an masorethischen Leistungen (s. Ma- sora) und Versuchen im Fache der Heilkunde und Astronomie. Die meisten palästin. Lehrer verstanden Griechisch, und fast alle apokryphische Bücher waren den Juden bekannt. Nach dem Untergange der Akademien in Palästina wurde Persien, namentlich die Schulen zu Sura, Pumbeditha und Nahardea, der Mittelpunkt jüd. Lehre. An Sabbath- und Festtagen hörte man in den Schulen oder Bethäusern belehrende und erbauliche Vorträge; die Gesetzlehrer hießen Tanaim, die Vortragenden Weise und die Erklärer Emoraim. Von der Literatur der griech. Juden dieser Periode haben sich nur Fragmente, z. B. von Aquila (std.) und Symmachos (std.), erhalten. Mit dieser Epoche schließt die alte Zeit unmittelbarer Überlieferung. Die vierte Periode von 475—740. Damals redeten die Juden längst nicht mehr hebräisch, sondern die jedesmalige Landessprache. Im 6.Jahrh. wurde„der babylon. Talmi, d (s. d.) abgeschlossen. Wenig hat sich von den Leistungen der jüd. Ärzte des 7. Jahrh. und der ersten Geonim oder Vorsteher der babylon. Schulen (seit 589) erhalten. Dagegen wurde vom 6.—8. Jahrh. in Palästina (Liberias) die Masora (st d.) ausgebildet, auch wurden einzelne Vocalzcichen und Accente eingeführt, verschiedene biblische Bücher mit dem palästin. oder jerusalemschen Targum ausgestattet, und außer den Sammlungen älterer Hagadas, z. B. Bereschith rabba, auch selbständige Auslegungen verfaßt, z. B. die Pesikta, die Abschnitte des Elieser, um 7 00, u. st w. Die fünfte Periode, von 740—>040. Die Araber, welche die wissenschaftlichen Leistungen von Indien, Persien und Griechenland sich aneigneten, erweckten die Nacheiferung der morgenländ. Juden, unter denen Ärzte, Astronomen, Grammatiker, Schrift. 720 Jüdische Literatur erklärer und Chronisten erstanden. Auch wurden religiöse und geschichtliche Hagada's, Sittenbücher und Erläuterungen des Talmud verfaßt. Gleichzeitig mit Anan, um 750, dem ersten Schriftsteller der K aräer (s. d.), sind die ältesten talmud. Compendien. Die ältest«. Gebetordnung wurde um 800 und das erste talmud.Wörterbuch um 000 verfertigt. Die berühmtesten Geonim späterer Zeit waren Saadia, gest. 041, gleich bekannt als arab. Übersetzer und Erklärer der Schrift, Nechtslehrer, Grammatiker, Theolog und Dichter; Scherira, gest. 998, und dessen Sohn Hai, gest. 1038, der ein Wörterbuch lieferte und um die Gesetzkunde sich vielfältig verdient machte. Aus Palästina stammte die Vollendung der Masora und des Vocalsystcms; zahlreiche Midraschim, die hagiographischen Targums und die ersten Schriften theologischer Kosmogonie (s. Kabbala) wurden dort ausgearbei- let. Vom 9.—l I. Jahrh. gab es in Kairwan und Fez berühmte Lehrer und Schriftsteller, z. B. Isaak den Soleiman als Arzt, Jakob den Nissim als Theolog, Chefez als Rechtslehrer und Lexikograph, Nissim als Rechtskundiger und Ethiker, Chananel als Verfasser der Commentare zum Talmud und Pentateuch; ferner die Grammatiker ben Koraisch, Dunasch, Chajudsch. Auch Italien hatte gelehrte Nabbinen seit dem 8. Jahrh., z. B. Julius in Pavia, der astronomische Schriften, Schabthai Donolo aus Aversa, geb. 913, der Geschichtsbücher, und Josippon, der Midraschim zu den Psalmen und poetische Festgebete (Piutim) lieferte, in welcher letztem Beziehung sich vornehmlich Eleasar ben Jakob Kalir um 970 auszeichnete. Bari und Otranto waren damals die Sitze jüd. Gelehrsamkeit. Salmon, Jesehua um 920, Jefet um 953 waren berühmte karelische Lehrer. Nach dem Untergange der babylon. Akademien, 1040, wurde Spanien, das schon im 10. Jahrh. jüd. Schriftsteller aufzuweisen hatte, z. B. Menachem ben Seruk als Lexikographen, Hassan als Astronomen, und Chasdai als Arzt und Forscher, der Hauptsitz jüd.Cultur. Nach Mainz, Lothringen und Frankreich kam das Wissen im 10. Jahrh. aus Italien. Aus diesem Zeitraum stammen auch die ältesten erhaltenen hebr. Codices, die bis zum 9. Jahrh. hinaufreichen, der Reim (900) und die neuere Prosodie der hebr. Verse (1000). Die sechste Periode, von 1040—1204. In dieser glänzendsten Epoche des jüd. Mittelalters beschäftigten sich die span. Juden neben der Nationalliteratur, der Theologie, Exegese, Grammatik, Poesie und Gesetzkunde, auch mit Astronomie, Chronologie, Mathematik, Philosophie, Rhetorik und Medicin. Es wurden Predigten, ethische und geschichtliche Arbeiten geliefert. Man schrieb arabisch, rabbinisch und hebräisch, und die Gesetzkundigen waren meist auch in andern Fächern bewandert. Wir führen hier nur an die Gesetzlehrer Samuel Halevi, gest. >055; Isaak Alfasi, gest. 1103; den Chronographen Abraham ben David, 1161; die Grammatiker Abulwalid, 1050, und Salomo Parchon, >160; die philosophischen Theologen David Mokamcz, im 1 >. Jahrh., und Joseph ben Zadik, gest. 1159; den Sittenlehrer Bechai, ebenfalls im 11. Jahrh.; den Astronom und Geographen Abraham ben Chija, 1123; den Reisenden Benjamin von Tudela, 1160; die Dichter Salomo Gabirol, 1050, und Moses ben Esra, 1120; die ausgezeichneten Gelehrten und Dichter Jehuda Halevi, gest. 1142, Ab en Esra (s. d.), gest. 1168, undenklich den gefeierten Maimonides (s. d.), dessen Tod diesen Zeitraum beschließt. Mehr national und großentheils in den Grenzen der Halacha und der Hagada war die Thätigkcit der fram. Rabbinen. Im l t. Jahrh. schrieben talmud. und biblische Commentarien, auch Festgebete Gerschom, 1030, und dessen Bruder Machir, der auch ein talmud. Wörterbuch verfaßte; Simeon ben Isaak, Joseph tob Elem, Jehuda Hacohen und der gepriesene Salomo ben Isaak, genannt Raschi (s. d.); im 12. Jahrh. wurden, nächst biblischen Commentarien von Samuel ben Meir, Menachem ben Salomo und Moses aus Pontoise, wichtige Zusätze zum Talmud (Tosafot) verfaßt von Isaak ben Ascher, Jakob ben Meir, genannt Tam, Isaak ben Samuel und Simson ben Abraham. In der Provence, welche Spaniens und Frankreichs literarischen Charakter vereinigte, wo in Lunel, Narbonne und Nimes Akademien bestanden, treffen wir Talmudisten, wie Serachja Halevi, Abraham ben David, Abraham ben Nathan; Hagadisten, wie MosesHaddarschan, 1066; Grammatiker, wie Joseph und Moses Kimchi; Übersetzer, wie Juda Tibbon; Kommentatoren u. f. w.; in Deutschland, besonders in Mainz und Regensburg, herrschte große talmud. Gelehrsamkeit; namentlich zeichneten sich hierin aus Simeon, der Verfasser des „Jalkut", Joseph Kara als Jüdische Literatur 721 Exeget, Eliesex ben Nathan und Baruch den Isaak, sowie Samuel der Fromme als religiöser Dichter, und als Neisebeschreiber Petachia, I l87. Die berühmtesten ital. Nabbmen ivaren Nathan ben Jechiel, gest. I > 00, und Hillel ben Eljakim. Nur wenige Namen werden aus Griechenland und Asien genannt, doch hatten die Karäer einen tüchtigen Schriftsteller an ZudaHadasst, ! I 48. Der grüßte Theil der Festgebcte war vor Maimonides vollendet. Übrigens sind von den Werken aus der Zeit von 740 bis zu Ende dieser Periode viele wichtige verloren gegangen. Die siebent^vmode, von 1204 — 1492. Die durch des Maimonides und seines Zeitalters Leistungen yervorgerufene Thätigkcit wurde theils im Gebiete der theologisch-exegetischen Pbilosophie, theils in der Bearbeitung des nationalen Gesetzes sichtbar. Mit einer mystischen Religionslehrc wuchs zugleich der Meinungsstreit zwischen Talmudisten, Philosophen und Kabbalisten. Die ausgezeichnetsten Männer lebten in Spanien, spater in Portugal, in der Provence und in Italien. Spanien gehören an, im l 3^ Jahrh., die Dichter Jchuda Chavisi (s. d.), Abraham Halevi und Isaak Sahola; die Übersetzer Samuel, Moses und Jakob Tibbon; die Astronomen und Philosophen Isaak Lattef, Juda Cohen und Isaak aben Sid, der Verfasser der Alfonsinische» Tafeln; die Gesetzlehrer Mcir Halevi, Moses ben Nachman oder Nachmanides (s. d.) und Salomo Addereth; der Naturkundige Gerschom ben Salomo; die Kabbalisten Todros ben Joseph und Moses de Leon; die Sittenlehrer und Theologen Jona Gcrundi, Scheintod Palguera und Bechai ; im 14. Jahrh. die Astronomen Isaak Israeli und Isaak Alchadev; die Philosophen Levi ben Gersvn, Joseph Vakar und Moses Vidal; die Gesetzlchrer Jomtob, Nissim, Vidal, Isaak ben Schescheth, der Theolog Chasdai Kreskas und der Kabbalist Joseph Gccatilla; Josua Schock, Schcmtob Sprot, David Abudarham, Joseph Caspi und David Cohen. Im 15. Jahrh. wurde ein Sinken bemerkbar; hcrvorzuheben sind Joseph Aldo, Scheintod ben Joseph und Isaak Abuab, sowie in Portugal Abraham Catalan. Hebr. Bücher wurden zuerst zu Jxar in Aragon 148.7 und zu Lissabon 1489 gedruckt. In der Provence wa- rcn als Dichter und Philosophen berühmt Joseph Hazobi, Jedaja ben Bonet, Calonymos und Moses ben Abraham; als Grammatiker David Kimchi und Prosiat Dura», genannt Ephodaus; als Gesetzlehrer und Commcntatoren Menackem ben Salomo, David Kimchi und Jerucham, ferner Isaak de Lattcs, Abr. Farissol, Meir ben Simeon und Isaak Na- than, > 437, der Verfasser der hebr. Concordanticn. In Italien waren jüd. Gelehrte mit Übersetzungen arab. und lat. Werke beschäftigt; dort gediehen die eigentlich ästhetischen Werke, wie die Leistungen von Immanuel ben Salomo, der die ersten hebr. Sonette lieferte, Moses de Nieti, Messir Leo» u. A. beweisen. Auch gab es Gesetzlehrer, wie die beiden Jesaia de Trani und Joseph Kolon; Philosophen, wie Hillel ben Samuel, Juda ben Moses und Jochanan Alman; Kabbalisten, wie Menachem Necanatc; Astronomen, wie Immanuel ben Jakob; Grammatiker, wie Joseph Sark und Salomo Urbino, und in Padua hielt Elia del Medigo aus Kandia, gest. 1493, öffentliche Vorträge über Philosophie. Seit 1475 wurden in Italien auch hebr. Bücher gedruckt. Während aus Frankreich nur wenige Gesetzlehrer, wie die Sammler der Josafot, Moses de Coucy und Jechiel ben Joseph, Exegeten und Dichter, wie Bcrachja, bekannt sind, brachte Deutschland zahlreiche Bearbeiter des Gesetzes, wie Eliesex Halevi, >2 io, Meir aus Rothenburg, >280, Morde- chai, Ascher, nachher in Toledo, dessen Sohn Jakob, 1339, und Jsserlin, >450, hervor; ferner den Kabbalisten Elasar aus Worms, den Theologen Menachem Kara und den Apologeten Lippmann aus Mühlhausen. In Griechenland zeichnete sich aus Mordechai Com- tino als Astronom und Commentator, 1470; in Palästina TanchuM ben Joseph, um 1260, durch sein talmud. Wörterbuch, und Jakob Sikeli; in Afrika Abraham, der Sohn von Maimonides, Juda Corsani und Simeon Duran; unter den Karäer» aber Aaron ben Joseph, 1294, Aaron ben Elia, l 346, und ElickBeschitzi, gest. l 490. Die meisten vorhan- denen hebr. Handschriften stammen aus diesem Zeitraum; aber ein großer Theil der mittelalterlichen jüd. Literatur liegt ungedruckt in den Bibliotheken zu Nom, Florenz, Parma, Turin, Paris, Oxford, Leyden, Wien und München. Die achte Periode, von 1492—1755. Die Zerstreuung der aus dem westlichen und Conv.-Lex. Neunte Aufl. VII. 46 732 Jüdische Literatur südlichen Europa vertriebenen Juden und die durch die Buchdruckerkunst begünstigte Verbreitung der Geisteswerke änderten Schauplatz und Charakter der jüd. Literatur. Während die Cultur der span. Juden aufden Orient und der Aufschwung klassischen Wissens aufJta- licn einwirkte, 'verdüsterte der durch Bedrängnisse genährte Mysticismus die Gemüther, und die poln. Juden ergaben sich einem kleinlichen Talmudstudium, das ihre geistigen Kräfte nutzlos erschöpfte. Daher jene Masse des Mittelmäßigen in der biblischen Exegese, der Kabbala und der talmud. Dialektik im >7. Jahrh., während Poesie, Grammatik und Wissenschaft fast daniederlagen. Mehr wurde die homiletische SchristauÄegung und die Gebiete der Ncchtsgutachtcn und populairer Belehrung angebaut. In Italien und dem Orient (>492), in Deutschland und Polen (1550), sowie endlich in Holland (l620) wirkten jüd. Schulen, Druckereien, z. V. zu Smyrna, Venedig, Livorno, Amsterdam, Prag und Krakau, sowie zahlreiche Schriftsteller, die hebräisch, rabbinisch, lateinisch, spanisch, portugiesisch, italienisch und jüdisch-deutsch schrieben, und unter denen große Talente und ausgezeichnete Gelehrte sich hervorthaten. Hier können nur angeführt werden: >) von 1192—>5-10 der Theolog und Philosoph Isaak Abravanel (s. d.) und dessen Sohn Je- huda („Oialoj-Iii runore"); die Philosophen Abraham Biba und Saul Cohen; der Mathematiker und Commentator Elia Misrachi; der Theolog und Commentator Isaak Arama; der hagadische Ausleger Jakob Chabib; die Gesetzlehrcr Jakob Berab, Joseph ben Leb, David den Simra und Levi Chabib; die Grammatiker Abr. de Balmes, Elia Levita (s. d.) und Salomo ben Melech; der Masoret Jakob ben Chajim; der philosophische Commentator Obadia Sforno und die Karäer Kaleb Afandopulo und Juda Eibbor. 2) Von 1540—>600 die Historiker Sam. Usque und Jos. Cohen; der Literarhistoriker Gedalia Jachia; der Dramatiker Jehuda Sommo; die Dichter Sal. Usque und Israel Nagara; der Kritiker Asaria de' Rossi (s. d.); der talmud. Lexikograph Moses Pigo; der Medicincr Amatus; der Lexikograph und Apologet David de' Pomi; der Chronist und Astronom David Gans; der Grammatiker Sam. Arkcvolte; der Antiquar Abr. Portaleone; der Chorvgraph und Ethiker Moses AlmvSninv; der Apologet Isaak Troki; der theologische Philosoph Jehuda Muscato; die Kabbalisten Isaak Luria und Moses Cor- duero; die Commentatoren, Prediger und Gcsetzkundigen Joseph Karo, Moses Alschcch, Samuel de Medina, Moses Israels, Mordcchai Jafe, Salomo Luria, Lowe ben Bezalcl, Ephraim Lentschütz; ferner der Polyhistor Hendel Manoach und der Textkritiker Menachem Lonsano. S) Von 1600—50 die Gesetzlehrer Jomtob Heller, Chajim Benbenaste, Joseph Trani, Joel Sirks; die Theologen Jesaia Hurwi; und Abr. Cohen Herera; der Kabbalist Chaji-m Vital; die Textkritiker Sal. Norzi und Sal. Adern; Abraham ben Rüben (span. Mischna); die Mediciner Roderich de Castro und Abr. Zacut; Jnlanuel Aboab („1>lninn- ioFia"); der Statistiker Simcha Luzzato; der Antiquar Jak. Jeh. Leo; der span. Übersetzer Saadia Asnekot; der Dichter Abenatar; der Poetiker Jakob Roman; Joseph dcl Medigo (s. d.); der Theolog Menasse ben Israel; der Literarhistoriker David Conforte; der Dichter und Lexikograph Leo de Modena und derKaräer Sam.Jemsel. 4) Von > 650 —1700 der Prediger und Apologet Saul Mortera; der Polemiker Js. Orobio; die Ge- sehlehrer Schabthai Cohen, Samuel Edcls, Abr. Able und Hiskia Silva; ferner die Mediciner Simcha ben Gerson, Aaron ben Samuel und Jakob Zahalon; Spinoza (s. d.'); de BarrioS; der Bibliograph Schabthai ben Joseph; die Lexikographen Benjamin Mus- saphia und de Lara; der span. Übersetzer Jak. Cansinv; der Apologet Isaak Cardoso; Thomas de Pinedo, der Herausgeber des Stephanus Byzantinus; Joscl Witzenhausen, der Übersetzer des Alten Testaments ins Jüdisch-beutsche; der span. Übersetzer Jak. Aben- dana; der Philosoph Moses Chefez; Gerson Chesez, der Verfasser eines „Reimlexikons" und der Literarhistoriker der Karäer Mordcchai ben Nisan. 5) Von 1700—55 die Gesetz- lehrer Jehuda Nosanis, Elia Cohen, Dav. Fränkel und Jonathan Eybeschütz; ferner der Apologet und Philosoph David Nieto; der Bibliothekar Dav. Oppenheimer; die Mediciner Abr. Cohen, Schabthai Marini Und Tobia Cohen; der Grammatiker Salomo Hanau; Jak. Emden; der Grammatiker und Apologet Jehuda Briet; Mos. Chajim Luz- zato; Jechicl Heilprin ben Salomo; Isaak Lamperonte, der Verfasser des talmud. Re«l- lexikons; Pcreyra und der Karäer Simcha Isaak. Jüdisches Schulwesen 723 Die neunte Periode, von 1755 bis auf die Gegenwart. Von dem Geiste des 18. Jahrh. unterstützt, eröffnete Mendelssohn (s-d.) seinen Glaubensgenossen eine neue Ara, in welcher, nicht unähnlich dem 1 >. und dem l<>. Jahrh., eine junge Kraft der nationalen Literatur neue Bahnen brach. Es änderten sich Charakter, Inhalt, Ausdruck und Sprache. Es wurden Dichtkunst, Sprachen und Sprachkundc, Kritik, Erziehungslehre, jüd. Geschichte und Literatur angebaut, die heiligen Bücher in die europ. Sprachen und fremde Werke in das Hebräische übertragen, und Mehre nahmen an Europas wissenschaftlichem Leben thätigen Änthcil. Werke aus allen Gebieten des Wissens und eine anhaltende Polemik, meist in hobr., deutscher und franz. Sprache, waren die Resultate der bürgerlichen und geistigen Fortschritte der europ. Juden, wicwol im russ. Polen zugleich eine neue Mystik sich auSbreitetc. Viele ältere jüd. Werke wurden in Italien und Polen hcrausgegeben. Zum Beleg für jene literarische Thätigkeit nennen wir von den bereits Verstorbenen die Gesetzlehrer Ezechiel Landau, Elia Wilna, Maleachi Cohen und JesaiaBerlin; denNechts- lehrerI. D. Meyer; die Philosophen Mendelssohn, Sal. Maimon, Bendavid (s. d.); die Dichter Franco Mendez, Ephr. Luzzato, Herz Wessely („Moseide"), Sal. Cohen und Simcha Calimani; die deutschen Dichter Ephr. Mos. Kuh (s. d.), Büschenthal und Mich. Be er (s. d.), den Prediger de Sollas; die Prosaisten, Ästhetiker, Grammatiker und Übersetzer Joel Löwe, Isaak Euchel, Bensev, David Levy, Dav. Friedländer (s. d.), Salom. Pappenheimer, Isaak Satanow, Simon Bondy und Lswisohn; den Ichthyologen Bloch (s.d.); die Ärzte van Laar, Marcus Her; und Mich. Fricdländer (s.d.); die Mathematiker Raphael Levi, Baruch Sklow und Abraham Cassel; ferner Salomo Dubno, Saul Levin, S. P. Gans (s.d.), A. L. Davids (s. d.), Asulai, Nubinstein, Heydenheim,, Peter Beer, Jeitteles und Creizenach; von Lebenden in Deutschland Meier Hirsch, A.' Haindorf, Jost (s.d.), Johlson, A. Geiger (s. d.), Sal. PleZner, Lebrecht, Napoport, Salonion (s d.), Saalschutz, Ephr.Ungcr, Steinheim, Gabr.Nießer,Zunz, Formstecher, Hirsch, Fürst, S. Stern, M. Stern, L. Dukas, Berthold Auerbach, Z.Frankcl, A.Frankl, M. Sachs, Ärnheim, P. Rieß, Holdheim, Kley und G. Weil; und im Auslande Simson Bloch, Mich.Beer, Leon Halcvy, Isaak d'Jsraeli (s.d.), Luzzato,Reggio, Salvador, Löwensohn, Munk, Slonimski und Valentin. Die Übersichten der jüd. Literatur in den Werken oon Bartolozzi, Wolf, de Rosst betreffen vornehmlich die sechste bis achte Periode. Jüdisches Schulwesen. In den Zeiten, wo der theokratische Staat der Juden in Selbständigkeit blühte, mußte sich die gesammte Erziehung auf eigenthümliche Art entwickeln, inFolge des religiösen Princips, aufwelchemdas ganze öffentliche Leben dcrJuden beruhte. Die häusliche Erziehung trug den Charakter der Einfachheit, des Ernstes und der Frömmigkeit an sich. DieheiligeGeschichtebildete den Gegenstand der frühesten Belehrung in allen Familien, und die Übung der Kinder in den Geboten und Vorschriften des Gesetzes nahm die ganze Sorgfalt der Altern in Anspruch. Die Nationalität in Religion und Sitte bildete den Mittelpunkt der ganzen Erziehung. In der früher» Zeit des hebr. Staats beschränkte sich der gewöhnliche Unterricht darauf, daß der Vater seinen Kindern die heilige Geschichte und das Gesetz durch mündliche Mittheilungen lehrte und daß dem Volke die Schrift in der Synagoge, welche gewissermaßen die Stelle einer öffentlichen Schule vertrat, erklärt wurde. Der höhere Unterricht über Religion, Cultus und Staatsverfassung war Sache einzelner Männer, in der Regel aus dem Priester- und Levitenstande, welche lernbegierige Schüler um sich versammelten. So entstanden in frühem Zeiten die Propheten- schnlen (s. Propheten), in spätem die Schulen der Nabbinen (s. N abb i). Nachdem durch Vermehrung der Abschriften der heiligen Bücher das Lesen Bedürfnis? geworden war, lernten die Knaben gewöhnlich schon vom vierten Lebensjahre an durch Äuchstabiren lesen; indeß beschränkte sich die Erlernung des Lesens und Schreibens wol in der Regel auf die Söhne derPriester und Leviten. Der Vater war meist der einzige Lehrer seiner Kinder und besondere Erzieher mag es nur in vornehmen Familien gegeben haben. Äuf andere Unterrichtsgegenstände, außer dem Inhalt der heiligen Schriften, erstreckte sich, wie es scheint, der Unterricht nicht, und nur wenige Kenntnisse aus der Arzneikunde und Mathematik fanden sich in dem Priesterstande. Die Töchtererhielten zwar gar keinen eigentlichen Unterricht, wurden ^ 5 , * 724 Jüdisches Schulwesen jedoch mit vielerSorgfaltzu frommen, sittsamen, treuen und geschickten Hausmüttern, aber auch zu geselligem Anstand und feiner Sitte erzogen. Mit derZerstreuungdes jüd. Volks über alle Thcile der Erdemusite Erzieh,ung und Unterricht bei demselben eine ganz andere Gestalt annehmen. In Babylonien und Ägypten eigneten sich die Juden fremdes Wissen an und bezogen es auf die Auslegung der heiligen Schriften. Dadurch entstanden die Rabbinenschulen, welche aber über unfruchtbare Grübeleien oder phantastische Gnosis nicht hinauskamen. In besonder»! Ansehen standen die Schulen zu Jerusalem, Babylon und Alexandria; aber auch andere erlangten auf einige Zeit Ruhm. Öffentliche Schulen im gegenwärtigen Sinne waren sie aber nicht. Theologische und juristische Gesetzfragen bildeten den Gegenstand des Unterrichts. Nach der Zerstörung Jerusalems gab es zwei Hauptgegenden dieser jüd. Gelehrtenschulen oder Akademien, nämlich die palästinensische und die babylonische. Dort blühten die Schulen in Liberias, Japhne, Beth-Horon, Sepphoris, Nisibis bis ins 3. Jahrh-, worauf in Babylonien zu Sura, Pumbeditha und Nahardea berühmte Akademien der Juden entstanden. Als der Talmud entstanden war und Ansehen erlangt hatte, bildete das Studium desselben den Mittelpunkt des Unterrichts, die heiligen Schriften selbst aber traten in den Hintergrund. Daneben wurden jedoch auch die eigentliche Jurisprudenz, Natur- und Arzneikundc betrieben. Spater, vom «>. Jahrh. an, entstanden im Orient und im Occident neue jüd. Schulen, welche Berühmtheit erlangten, und die Juden waren gleich den Arabern eine kurze Zeit hindurch den Christen in der Liebe und dem Eifer für Wissenschaften überlegen. Die Einrichtungen und Gebräuche auf den jüd. Akademien hatten viel Ähnlichkeit mit den der später» christlichen Universitäten, z. B. in Bezug auf Privilegien und Immunitäten der Lehrer, Stipendien der Schüler, akademische Ämter und Würden, und die letzter» werden allgemein von jenen abgeleitet. Unter den jüd. Lehrern und Gelehrten des Mittelalters hat keiner großer» Nuhm erlangt, als Maimonides (s- d.). Die Verfolgungen, welchen die Juden in der zweiten Hälfte des Mittelalters in allen christlichen Ländern ausgesetzt waren, wirkten ungünstig auf ihr Erziehungs- und Unterrichtswesen ein. Dasselbe verfiel nach und nach gänzlich. Die höher» Studien gingen über den Talmud nicht hinaus und die Jugend des Volks wuchs in der Regel ohne allen Unterricht auf. Erst mit Friedrich II. und Joseph ll., welche sich die Verbreitung der Aufklärung und Bildung auch unter den Juden angelegen sein ließen, trat eine Änderung zum Bessern ein. Noch mehr Einfluß erhielten die Bestrebungen Mendels sohn's (s. d.), den alleinigen Gebrauch der hebr- Sprache zu verdrängen. Neben den alten Schulen, in welchen außer dem Lesen und Schreiben des Hebräischen, dem Studium des Talmud und einem dürren formalen Religionsunterrichte so gut wie kein anderer Unterricht vorkam, entstanden einzelne bessere jüd. Unterrichtsanstalten in Prag, Dessau, Hamburg, Seesen und an andern Orten, welche das Gute der christlichen Pädagogik in sich aufzunchmen strebten. Zuerst in Hessen, dann in andern deutschenStaaten, entstanden besondere Anstalten zur Bildung israel. Lehrer, durch deren Wirksamkeit es möglich wurde, da, wo die Juden zahlreich genug waren, eigene Schulen für die Kinder der untern Stände zu errichten. Wo dies nicht anging, besuchten die Judenkinder christliche Schulen und erhielten nur be- sondern Unterricht in ihrer Religion. Deshalb und da auch die für Israeliten allein bestimmten Schulen von den christlichen nur durch den Religionsunterricht sich unterscheiden, die höher« allgemeinen Studien aber von den Juden auf christlichen Gymnasien und Universitäten betrieben werden, kann gegenwärtig, wenigstens in Deutschland, von einem eigen- thümlichcn jüd. Schulwesen gar nicht mehr die Rede sein. In Bezug auf die Religions- kenntniß sind die künftigen Rabbinen meist an Privatunterricht oder Selbststudium gewiesen. Der Besuch christlicher Schulen von Seiten der israel. Jugend, welcher von vielen Juden gcmisbilligt wird und gewiß auch auflösend auf das Judenthum wirkt, wird durch die jüd. Ceremonialgesetze sehr erschwert. Die häusliche Erziehung ist bei den gegenwärtigen Juden in Folge der Aufhebung früherer Abgeschlossenheit von den Christen durch erfolgte Emancipation oder doch durch Zugestehung größerer Rechte, sowie durch mehr und mehr sich verbreitende freiere religiöse Ansichten und durch den damit zusammenhängenden religiösen Jndifferentismus von der alten Einfachheit und frommen Sitte vielfach abgewichcn, ohne im Ganzen deshalb gerade schlecht geworden zu sein. Vielmehr erkennen auch die Jndica Zugendschriften 725 Israeliten den Segen einer sorgfältigen Erziehung mehr an als in srühern Jahrhunderten. Durch ihre'Wirksamkeit für eine bessere öffentliche Erziehung ihres Volks haben sich in neuerer Zeit Verdienste erworben Philkppson in Dessau, Salomvn in Hamburg, Budinger in Kassel, Heß in Frankfurt, Auerbach und Friedländer in Berlin u. A. Zudica, s. Sonntag. Judith wird in dem nach ihr benannten apokryphischen Buche des Alten Testa- ments als Tochter eines gewissen Merari und als Witwe des Manasse zu Bethulicn auf- geführt. Der Erzählung zufolge rettete sie ihre von Holofernes, dem Feldherr« des Ne- bukadnezar, hart bedrängte Vaterstadt Bethulicn dadurch, daß sie schöngeschmückt in das feindliche Lager ging, den Feldherrn durch listige Vorspiegelungen sowie durch ihre Schönheit bethörte und ihm, dem Berauschten, den Kopf abhieb, worauf dann die Belagerten einen Ausfall machten und das seines Führers beraubte Heer schlugen. I. lebte, wie der Bericht hinzufügt, noch'lange hochgeehrt in Bethulicn und wurde 105 Jahre alt. Da sich dieses von Josephus nicht erwähnte Ereigniß in die jüd. Geschichte durchaus nicht ein- reihen läßt, überdem in dem Buche Vieles unwahrscheinlich und ungeographisch ist, so muß das Ganze als Erdichtung gelten. Irrsten, nicht, wie man gewöhnlich zu sagen pflegt, Juchten, ist eine Art lohgares Leder, welches in Polen, hauptsächlich und vorzüglich aber in Rußland gefertigt wird und dessen Bereitung, eine Erfindung der Bulgaren, obwol dieselbe durchaus kein Gehcimniß ist, in Deutschland bis jetzt noch nicht vollständig hat gelingen wollen. Der.Name dieser Lederart kommt von dem russ. Worte äusti, d. i. ein Paar, her, weil die Felle nicht allein paarweise, mit Bast zusammengcnäht bearbeitet, sondern auch im Großhandel so verkauft werden. Das Zuften zeichnet sich durch große Weichheit, Biegsamkeit und Wasserdichtigkeit aus. In Hinsicht der Farbe hat man weiße, schwarze und rotheJuftcn, doch sind die rothen die vorzüglichsten. Was die Bereitungsart betrifft, so nimmt man in Rußland nur Felle von halbgewachsenem, d. h. dreijährigem Rindvieh und gerbt sie ganz nach dem gewöhnlichen Processe der Lohgerber, oder auf Marokinart. Sobald die Häute aus der letzten Lohbrühe kommen, werden sie auf der Fleischseite mittels eines wollenen Lappens mitBirkcnöl oder Birkenthcer eingerieben, wodurch sic ihren eigenthümlichen Geruch erhalten. Der Grund für die Farbe wird mit Alaunwassec gegeben. Nach wiederholtem Alaunen werden mit einer gekerbten Walze die Narben auf der Narbenseite gezogen und dann die Häute mit einem Fernambukabsud, dem etwas Potaschc zugesctzt ist, gefärbt. Juaendschriften nennt man im Allgemeinen diejenigen Schriften, welche nicht für den Schulgebrauch, sondern dazu bestimmt sind, der Jugend außer der Schulzeit eine erheiternde und belehrende Unterhaltung zu gewähren. Im Besonder» versteht man darunter diejenigen dieser Schriften, welche die schon etwas reifere Jugend im Auge haben, und unterscheidet dann von ihnen die für ein jüngeres Alter geeigneten Kinderschriften, eine Unterscheidung, die jedoch sehr unbestimmt ist. Daß die Jugend in ihrer Bildung ungemein gefördert wird, wenn sie Gelegenheit und Anleitung zur Lecture von Schriften erhält, die in angemessener Darstellungs- und Ausdrucksweise Gegenstände vorführen, für welche sic Interesse empfinden kann und welche in irgend einer Beziehung ihre Anschauungen, Vorstellungen und Gedanken berichtigen, verdeutlichen und deren Kreis erweitern, darüber kann kein ernstlicher Zweifel gehegt werden. Dagegen läßt es sich aber auch nicht leugnen, daß durch Lecture ohne Auswahl oder durch Viellesern der Jugend ungemein geschadet und die Romanleserei vorbereitet wird. Niemals darf das Lesen von Jugendschriften das Kind von der wirklichen Welt, von der Natur und von Spielen abüchen oder ernstere Beschäftigungen verleiden; es darf nicht eine tägliche Beschäftigung, sondern nur mit Unterbrechungen nach der Arbeit oder wenn Umstände den Aufenthalt in der freien Natur oder im Kreise von Gespielen nicht zulassen, gestattet werden. Die Gegenstände der Jugendschristen können sehr mannichfaltig sein; sie wechseln von Zeit zu Zeit wie die der Romane. Im 18. Jahrh., wo die Jugendschriften erst anfingen größere Bedeutung zu erhalten, obgleich schon früher einzelne sich finden, waren es zunächst Märchen und Fabeln, in und nach der philanthropinistischen Zeit Robinsonaden, Reiscbeschreibungen und Darstellungen aus der Länder- und Völkerkunde, moralische Erzählungen, Familiengemälde, gemeinnützige 726 Zugurtha Belehrungen aller Art, welche der Jugend zur Lecture dargebsten wurden. In und kurz nach der Zeit des deutschen Befreiungskriegs bildeten Darstellungen aus dem deutsche» Nationalleben vorzugsweise den Gegenstand von Jugcndschriften, bis mit Christoph S chmid (s. d.) und seinen zahlreichen Nachahmern die religiös-moralische Erzählung im Gewände des Kinderrsmans allgemein beliebt wurde. Die Anzahl der Kinder- und Jugendschriften hat sich in der neuern Zeit so sehr vermehrt und in Bezug auf ihren Inhalt eine solche Mannichfaltigkeit erlangt, daß es gegenwärtig schwer ist, einen vorherrschenden Charakter darin zu unterscheiden. Uber den Werth der verschiedenen Gegenstände der Jugcndschriften sind die Meinungen immer getheilt gewesen, je nach dem Geschmacke der Zeit und der Einzelnen. Namentlich hat das Märchen sehr verschiedene Urtheilc erfahren und ist erst in neuerer Zeit wieder zu Ehren gekommen. Kinderdramcn wurden zuerst von den Franzosen bearbeitet, die in Bezug auf Jugcndschriften überhaupt lange einen Vorzug vor den Deutschen behaupteten, der erst seit einigen Dccennien aufgehört hat. Von dort wurden sie auch nach Deutschland verpflanzt. Es läßt sich für und gegen jeden Gegenstand etwas Vorbringen. Die vorherrschende Lecture von Reisebeschreibungen und Robinsonaden treibt die Phantasie ebenso zu abenteuerlichen Bildern und Planen, wie die stete Beschäftigung mit Märchen, und moralische Erzählungen können nicht minder wohlthätig wirken als andere Darstellungen; Abwechselung allein schützt vor Einseitigkeit und daraus entspringenden Gefahren. In Deutschland wird bei Jugcndschriften leider oft zu wenig Sorgfalt auf Correctheit des Stils verwendet und die ihnen gewöhnlich beigegcbenen Bilder beleidigen nicht selten den ästhetischen Sinn. Beides ist ein Übel. Gute und vielgelescne Jugcndschriften lieferten Christian Felix Weiße, Campe, Salzmann, Glatz, K. PH. Funke, die Brüder Grimm, Houwald, Jacobs, Christoph Schmid, von Schubert, Heinr.Rebau u. A. Jugurtha, König von Numidien, der Sohn des Mastanabal, eines unehelichen Sohnes des Masinissa, erhielt an seines Vaters Bruders, Micipsa, Hofe, der dem Masi- nissa in der Herrschaft über Numidien folgte, eine so sorgfältige Erziehung wie dessen eigene Söhne Adherbal und Hiempsal. Er war schön und stark von Körper, mit großen Talenten begabt und bildete sich früh zum Krieger. Vor Numantia, wohin ihn Micipsa, der ihn zu fürchten begann, lZ4v. Chr. den Römern zu Hülfe geschickt hatte, erwarb er sich durch Klugheit und Tapferkeit deren und ihresFeldherrn, des jungen Scipio, Achtung und Freundschaft. Als er zurückgekehrt war, suchte ihn Micipsa durch Güte zu fesseln, nahm ihn an Kindesstatt an und erklärte ihn mit seinen Söhnen zum gemeinschaftlichen Erben seiner Krone. J.'s kein Mittel scheuende Herrschsucht zeigte sich bald nach Micipsä's Tode. Bereits im I. 116 v. Chr. ließ er den Hiempsal ermorden, Adherbal aber floh vor ihm nach Rom. Der dahin durch I. geschickte Gesandte gewann durch Bestechung den größten Theil des Senats. Die röm. Gesandtschaft, die unter L. Opimius nach Numidien zur Ordnung der Verhältnisse geschickt wurde, entschuldigte, von ihm gewonnen, Hicmpsal's Ermordung und gab bei der Theilung Numidiens zwischen Adherbal und I. diesem die bessere Hälfte. Nach ihrer Abreise fiel I. wieder in Adherbal's Gebiet ein, eroberte, obwol zweimal durch die Römer von der Belagerung abgemahnt, im I. 112 die Stadt Cirta, in die er den Adherbal cingeschlossen hatte, und ließ diesen, sowie die dort ansässigen Römer grausam tödtcn. Da setzte der Tribun MummiuS es in Rom durch, daß ihm der Krieg erklärt wurde, den der Consul L. CalpurniuS Piso Bestia und sein Legat, der Consular M. Ämilius Scaurus, mit Erfolg führten, bis sie beide von I. durch Bestechung gewonnen wurden. Doch wurde der Friede in Nom nicht ^stätigt, I. vielmehr auf den Antrag des Mummius nach Nom vor das Gericht des Volks beschicken. Er stellte sich, als er sich aber verantworten sollte, legte ihm der Tribun C. Bäbius, den er erkauft hatte, Stillschweigen auf und vereitelte so eine Entscheidung der Sache. I. trieb seinen Übcrmuth in Rom so weit, daß er den Massiv«, einen unehelichen Sohn des Gulussa, Bruders des Micipsa, in welchem er einen Nebenbuhler durch Gunst der Römer fürchtete, ermorden ließ. Als er, dem das versprochene sichere Geleit gehalten wurde, hierauf Nom verließ, soll er sich oft umgeschaut und endlich gesagt haben, käuflich sei die Stadt und frühzeitig werde sie nntergehen, wenn sich ein Käufer finde. Der Krieg gegen ihn wurde im I. > lv vom Consul Spurius PostumiuS Albi- nus ohne Erfolg fortgesetzt, ja nach dessen Abreise gelang es dem I., zu Anfänge des I. Julep Juliauus (röm. Kaiser) 727 lvS des Consuls Bruder, Aulus Postunnus, sammt dem Heere einzuschließen und durchs Joch gehen zu lassen. Q. Cäcilius Metellus, der nun als Consul nach Nnmidien kam, blieb allen Bestechungskünsten unzugänglich, I. wurde von ihm im I. > 09 in der Schlacht bei Neuthul geschlagen und im J. >08 nach einer zweiten Schlacht und der Eroberung von Thala genöthigt, zum mauritan. Könige Bocchus zu flüchten. Nachdem auf den Betrieb des Marius (s. d.) Metellus zurückberufcn worden war, führte jener den Krieg wider I. und Bocchus; sie Hürden bei Cirta im I. >07, noch einmal im I. 106, geschlagen und hierauf lieferte Bocchus den I. anSulla (s. d.), des Marius Quästor, aus. Bei dem Triumph, den Marius am l. Jan. l 04 in Rom feierte, wurde I. als Gefangener aufge. führt, dann in den Kerker geworfen und dem Hungcrtode preisgegeben. Eine meisterhafte Geschichte des jugurthinischen Kriegs besitzen wir durch SallustiuS (s. d.). Julep (äulujrium) ist eine sonst mehr als jetzt gebräuchliche Arznei, welche aus zuckerhaltigen, kühlenden und beruhigenden Flüssigkeiten besteht und gewöhnlich vor Schlafengehen, um der Störung der Nachtruhe durch Husten vorzubeugen u. s. w., in zwei bis drei Gaben genommen wird. Julia, die einzige Tochter des Kaisers Augustus von seiner zweiten Gemahlin Scri- bonia, geb. 39 v. Ehr., ausgezeichnet durch Schönheit, Geist, Bildung und Leutseligkeit, wurde im I. 25 an des Augustus Schwestersohn Marc. Claudius Marcellus, nach dessen Tode im I. 22 an Marc- VipsaniuS Agrippa verhcirathct, dem sie drei Söhne und zwei Töchter gebar. Ihre Stiefmutter Livia, die ihr von ihrer Ehe mit Marcellus her verfeindet war, durch welche sie ihre Plane für ihren eigenen Sohn Tibcrius gefährdet sah, bewog nach des Agrippa Tode den Augustus, seine Tochter im I. l l an Tiberius zu vermählen, um diesem die Hoffnung auf Nachfolge in der Herrschaft zu sichern. Die Ehe bestand, trotz gegenseitigen Widerwillens der Gatten, bis zum I. 2 v. Chr., wo Augustus plötzlich dem Senat anzeigen ließ, daß seine Tochter sich so weit vergessen habe, das Forum zum Schauplatz ihrer nächtlichen Ausschweifungen zu machen, und sie nach der Insel Pan- dataria (jetzt Ventotiene) bei Neapel verbannte. Mehre angesehene Männer, die als ihre Buhlen bezeichnet wurden, erlitten Verbannung oder den Tod. Es scheint sicher, daß Livia, ihren Haß zu befriedigen, durch übertriebene Schilderung der Vergehungen der J., von denen sie an sich nicht frcigesprochen werden mag, und durch die unwahre Beschuldigung, daß an diese Vergehungen sich Verbindungen gegen die Herrschaft und das Leben des Augustus knüpften, diesen, der seine Tochter immer zärtlich geliebt hatte, zu dem raschen, von den Römern beklagten Schritt gegen dieselbe bewog. Von Pandataria, wohin ihre Mutter Scribonia sie begleitet hatte, wurde I. später nachRhegium (Reggio) geführt, wo sie, von Tiberius in Mangel und Dürftigkeit gelassen, im I. >4 n. Chr. starb, bald nachdem Tiberius ihren Sohn Agrippa hatte tödten lassen. Ihre beiden andern Söhne Cajus und Lucius Cäsar waren schon der erstere im I. 4, der zweite im I. 2 n. Chr. gestorben. Ihre Töchter überlebten sie, die ältere, In lia, starb im I. 28 n. Chr. auf der Insel Tri- metus an der apulischen Küste, wohin sic zwanzig Jahre früher wegen Ehebruchs von Augustus verbannt worden war; die jüngere, die tugendhafte Ag rippina (s. d.), starb im I. 33 durch Tiberius nach Pandataria verbannt. Julianshaab, die bedeutendste Niederlassung an der Südspitze Grönlands unter 60° 4(0 nördl.Br., wurde >773 durch Dänen begründet und besteht gegenwärtig aus etwa >800 Menschen, welche auch einiges Vieh halten. Sie soll der Punkt sein, wo schon im Mittelalter durch die Isländer eine Colonie angelegt wurde. Julianus (FlaviuS), röm. Kaiser 36>—363 n. Chr./ von den Christen wegen seines Abfalls vom Christenthum Apostata, d. i. der Abtrünnige, benannt, war am >6.Nov. 331 geboren und der Sohn des Julius Konstantius, eines BrudersKonstantin des Großen. Als nach des letzter« Tode im I. 337 dessen Söhne ihre Vatersbrüder und Neffen aus dem Wege räumten, wurde I. und sein Bruder Gallus verschont. Beide erhielten seit dem I. 345 auf einem Schloß in Kappadocien eine mönchische Erziehung, unter welcher Gallus verdumpft wurde, während sich in I. Widerwille gegen das Christenthum und eine lebhafte Liebe zu der griech. Poesie und Philosophie, vornehmlich der »euplatonischcn, entwickelten. Der Gunst der Eusebia, der Gemahlin seines Oheims Konstantius' ll., hatte 728 Jülich er es zu danken, daß er seine Studien eine kurze Zeit in Konstantinopel, dann in Nikome- dia, wo der Rhetor Li baniu s (s. d.), mit dem er im Geheimen verkehrte, auf ihn wirkte, und in Athen fortsetzen durfte, und daß er, nachdem Gallus, den Konstantius 351 zum Cäsar ernannt und mit der Verwaltung des Orients beauftragt hatte, 354 hingerichtet worden war, von Konstantius 355 zu Mailand zum Cäsar ernannt und nach Gallien ge- schickt wurde, um dieses Land gegen die Einfälle der german. Völker zu schützen. Die Alemannen (s. d.) wurden von ihm namentlich in dein Haupttre^fen bei Argentoratum (Strasburg) im I. 357 zurückgeschlagen, die Franken zum Frieden genöthigt, und dreimal ging er, die Feinde zu schrecken, über den Rhein. Auch sür die innere Verwaltung Galliens wirkte er wohlthätig durch gute Rechtspflege und Milderung und Ordnung der Abgaben. Im März des I. 360 riefen ihn seine Truppen, deren thcilweisc Entlassung Konstantins mistrauisch verlangt hatte, zum Augustus aus; sein Verlangen, als solcher von Konstantius anerkannt zu werden, wurde von diesem zurückgewiesen, und I. brach nun mit seinem Heere aus Gallien auf und drang im folgenden Jahre bis Naissus in Mosten vor, wo er die Nachricht von des Konstantins am 3.Nov. 36 l in Cilicien erfolgtem Tode erfuhr. Mäßig und gerecht wie er war, und dem Marc Aurel nacheifernd, schaffte er als Alleinherrscher viele Misbräuche ab und linderte, namentlich durch Beschränkung des Hofstaats, die Steuerlast desVolks; die geschichtliche Bedeutung und innere Macht des Christenthums aber verkannte er ebenso sehr, wie die Versunkenheit des Heidenthums bei seinem erfolglosen Streben das letztere zu reinigen und herzustellcn, durch welches er sich jedoch nicht zu eigentlichen Verfolgungen der Christen Hinreißen ließ. Um den Krieg gegen die Perser glücklich zu enden, machte er im I. 362 zu Antiochia große Rüstungen und drang im I. 363 bis Ktcstphon und weiter über den Tigris vor; Mangel an Lebensmitteln nöthigte ihn zum Rückzug, auf welchem er von den Feinden verfolgt wurde und an einer im Treffen erhaltenen Wunde am 20. Juni 363 starb. Jovianus, der von den Truppen als sein Nachfolger ausgerufen wurde und im Februar 364 starb, rettete das Heer durch einen schimpflichen Frieden, den er mit Sapor, dem pers. Könige, schloß, und hob die Verordnungen des I. gegen das Christenthum wieder auf. J.war auch fruchtbarer Schriftsteller; verloren sind seine Gedichte, die Geschichte seiner Feldzüge gegen die Germanen, und, bis auf die Stellen, die in des Bischofs Cyrillus Widerlegung aufgenommen sind, seine Schriften gegen das Christenthum; die erhaltenen tragen das Gepräge der damaligen Tophistik und zeichnen sich durch glänzenden Stil, durch Belesenheit und Witz mehr aus als durch Kraft, Wahrheit und Reichthum an innerm Gehalt; sie sind kheils sophistische Aufsätze, die er Reden nennt, theils Briefe, unter denen vornehmlich der Brief an die Athener über seinen Abfall von Konstantius werkhvoll ist, endlich zwei Satiren, die eine, „Oesurss" genannt, eine Beschreibung der Saturnalienfeier im Olympus und der Bewirthung der von den Römern vergötterten Kaiser am Tische der Götter; die andere, „^iitiocbileos" oder „5li- sopogon" gegen die Antiochier und ihre Verspottung des cynischen Äußern, das I. liebte, gerichtet. Seine gesammelten Werke sind von Martinius und Cantoclarus (Par. l583), von PetaviuS (Par. 1630), von Spanhemius (Lpz. 1696), die „Ossäres" von Sylburg (Franks, i 590), Heusinger (Gotha 1 736), Harlcß (Erlang. 1785) herausgegeben.— Marc. Didiu s Salviu s Julianus hieß der reiche Senator, der die röm. Kaiserwürde von den Prätorianern um etwa 300 Mill. Sestertien (ungefähr 12—13 Mill. Thaler) erkaufte, die sie, nachdem sie den Pertinax (s.d.)am 28. März 193 n.Chr. ermordet hatten, an den Meistbietenden versteigerten; er behielt sie nur bis zum l. Juni desselben Iah- res, wo er beim Änrücken des Septimius Severus ermordet wurde. Jülich, ein auf dem linken Rheinufer gelegenes, im Deutschen Reiche zum westfälischen Kreise, jetzt zur preuß. Rheinprovinz gehöriges, vormaliges Herzog thum, mir gleichyamigcr Hauptstadt, umfaßt in seiner größten Ausdehnung 75 IHM. mit 210000 E. Dasselbe entwickelte sich zunächst aus dem Jülichgau, der von Grafen verwaltet wurde, die seit dem l I.Jahrh. zum erblichen Besitze ihrer Grafschaft und mit dem Verfall des Herzogthums Niederlothringen, welchem sie untergeben waren, zu reichsunmittelbarcr Selbständigkeit gelangten. Unter diesen, den Gerhardingern, zeichnete sich nachmals besonders Graf Wilhelm V. aus, der 1336 von Kaiser Ludwig lV. in seiner Reichsstand- . -? ^ ^ Julius Julius (Päpste) 729 schast bestätigt und zum Markgrafen und Reichssccpterträger, welchen letzter» Vorzug er jedoch mit Brandenburg theilen mußte, erhoben wurde und von Kaiser Karl IV. 1357 den Herzogstitel erhielt. Von seinen Söhnen erheirathcte der eine, Gerhard, die Grafschaft Berg, der andere, Wilhelm VI., der ihm 1362 in Jülich nachfolgte, die Grafschaft Geldern, welche Ländermassen unter Herzog Adolf I -126 miteinander vereinigt wurden. Der letzte männliche Sproß dieses Fürstenstammes, Wilhelm VIII., hinterließ 151 > sein Land seiner Erbtochter Marie, welche an Johann den Friedfertigen, Herzog von Kleve, verheirathct war, und so wurden, als dieser 1521 in Kleve zur Negierung gelangte, Jülich und Berg, nicht ohne lebhaften Widerspruch von Seiten der albertinischen Linie in Sachsen, die eventuell damit belehnt war, mit Kleve (s. d.) vereinigt. Nach dem Ausster- bcn dieses klcveschcn Fürstenhauses, mit Herzog Johann Wilhelm am 25. März > 606, begann der sogenannte Jü lichsche Erb folg estreit, welcher, nach mancherlei Wechselfällen und vorläufigen Vergleichen, im 1.1666 definitiv dahin beigelegt wurde, daß Sachsen den Titel, Kurbrandenburg aber Kleve nebst Mark und Ravensberg und Pfalz-Neuburg , das schon seit 1614 in seinem fackischen Besitze befindliche Herzogthum I. nebst Berg erhielt. Nach dem Erlöschen dieser pfalz-neuburgischen Linie im I. 1742 gedieh Jülich sammt der übrigen Verlassenschast derselben au die pfalz-sulzbachische, nachmals kur-bairische Linie und blieb nun mit Baiern vereinigt, bis cs >801 durch den luneviller Frieden an Frankreich abgetreten und zum Departement der Roer geschlagen wurde. Durch den wiener Congreß fiel >814 das Herzogthum I., mitAusnahme einiger zuLimburg geschlagenen Parzellen, Preußen zu, und der Hauptkern desselben, etwa 5)5 lUM. mit 35306 E., bildet nunmehr einen Kreis des preuß. Regierungsbezirks Aachen. Die Kreisstadt Jülich, an der Roer, mit 3000 E., ist eine Festung dritten Ranges. Julius , jetzt der siebente Monat des Jahres, war nach der alten Zeitrechnung der Römer, die ihr Jahr mit dem März begannen, der fünfte und hieß daher tzmntilis, sowie derAugust (s. d.) 8extili», bis er zu Ehren des C. Julius Cäsar, der in diesem Monate geboren war, seit 45 v. Ehr. den gegenwärtigen Namen erhielt. (S. Kalender.) Julius ist der Name eines röm. Geschlechts, das schon in der Geschichte des Romu- lus erwähnt wird, und dessen Abstammung der Diktator C. Julius Cäsar von Julus oder Ascanius, des Äneas Sohn und Enkel der Venus und des Anchisrs herleitete. Unter den patricischen Familien, die zu dieser Gens gehörten, sind besonders die mit den Beinamen Julus und Cäsar bezeichnten bekannt. Mehre Glieder der erster» bekleideten in dem ersten Jahrhundert derRepublik die höchsten Staatsämter. Der Beiname Cäsar wird verschieden, namentlich aus der pun. Sprache abgeleitet, wo er Elefant bedeuten soll; durch einen Julius, der ein solches Thier selbst getödtet, soll er auf die Familie gekommen sein und durch den großen Cäsar (s. d.) erlangte er Unsterblichkeit. Unter den geschichtlich bekannten Männern dieses Geschlechts ist Sextus Julius Cäsar, der 208v.Chr. Prätor war, der erste, der ihn trägt. Außer dem Diktator, der durch Adoption im I. 44 v. Chr. seinen Schwestercnkel Cajus Octavius, darauf Cajus Julius Cäsar Octavianus genannt (s. Angustus), in das julische Geschlecht hereinzog, ist vornehmlich Lucius Julius Cäsar bekannt, der als Consul im I. 60 v. Chr. mit ungleichem Glück gegen die Sammler focht, und, um den Abfall aller Bundesgenossen zu verhindern, das Gesetz beantragte, welches den treugebliebenen Italern und Latinern das Bürgerrecht verlieh (Dex äuliu ,Ie rivitate). Im I. 87 wurde er als Gegner des Marius und Cinna ermordet mit seinem Bruder Cajus Julius Cäsar S trab o, der im I. 80 die curulische Ädilität bekleidet und als Redner und Tragödiendichter sich Ruf erworben hatte. Julius Cäsar, s. Cäsar (Cajus Julius). Julius hießen drei röm. Päpste. — I. I. war 336—52 röm. Bischof und ist sonst weder berühmt noch berüchtigt. — I-II., >503—13, eigentlich Julianus della Roverc, aus Albizola, der Nepoke Papst Sixtus' I V., wurde von diesem zum Bischof und Cardinal und am l. Nov. 1503 auf den päpstlichen Stuhl erhoben. Weniger zum Oberhaupt der Kirche geeignet, war er dafür ein um so größerer Krieger und Politiker. Fast seine ganze RegierunaSzcit füllten Kriege für die Unabhängigkeit und die Vergrößerung des päpstlichen Gebiets. Dabei war er ein Freund der Künste und Wissenschaften und aller Werke des 730 Julius (Nik. Heinr.) Juncker Friedens. Weder seil für Gold, noch dem Nepotismus ergeben und vor keinem Feinde zitternd, hätte er vielleicht noch Größeres auszuführen vermocht, wenn er weniger dem Trünke ergeben gewesen wäre. Er vertrieb den Cesare B org i a (s. d.), eroberte Bologna und andere Städte, that den Herzog von Ferrara in den Bann, brachte das empörte Florenz wieder zur Nutze und schloß gegen die Republik Venedig mit dem Kaiser Maximilian und dem König Ludwig XII. von Frankreich die Ligue von Cambray. Kaum aber hatte Venedig ihn durch Abtretung einiger Städte zufrieden gestellt, so vereinigte er sich mit dieser Republik gegen Frankreich zu einem neuen Bündniß, der heiligen Ligue, der auch Spanien, England und die Schweiz beitraten. In eigner Person führte er nun den Krieg gegen Frankreich, gegen das er in seiner Erbitterung sogar ein türk. Hülfsheer aufbot. Dem von Ludwig XII. und dem Kaiser Maximilian behufs einer Reform des Papstthums l 51 > nach Pisa berufenen Concil stellte er l 5 l 2 eine allgemeineKirchenversammlung im Lateran entgegen. Mitten unter großen Entwürfen starb er am 21. Febr. 1521. — I. III., 1550—55, hicßci- gentlich Gianmaria dei Medici, nannte sich aber nachher del Monte, nach dem Stammorte seiner Familie. Er war einer der ausschweifendsten und liederlichsten Menschen. Unter Paul III. im I. 1536 zum Cardinal erhoben, wurde er als Principallegat zum Concil nach Trient gesendet, wo er mit Eifer das päpstliche Interesse vertrat. Zn seinem 66. Jahre zum Papst gewählt, erhob er bald nachher zum Ärger aller Cardinäle seinen Liebling und frühem Affenwärter zum Cardinal. JmJ. 1551 eröffnete o? wieder in Trient das Concil, das aber schon im folgenden Jahre von neuem auseinandergehen mußte. Ein Bündniß mit dem Kaiser gegen Frankreich gab er bald nachher wieder auf; mit Venedig gerieth er wegen der Inquisition in Streit, mit den Nestorianern verhandelte er wegen einer Union. Er starb 1555. Julius (Nik. Heinr.), ein um das Gefängnißwcsen sehr verdienter Gelehrter und Schriftsteller, geb. am 3. Oct. >783 in Altona bei Hamburg, erhielt in letzterer Stadt in dem Hause seiner Altern, welche dem bemittelten Kaufmannsstande angehörten, eine sehr sorgfältige Erziehung, und kam dann zu seiner weitern Ausbildung nach Berlin. Im I. 1803 ins älterliche HauS zurückgekchrt, konnte er sich doch nicht, wie es sein Vater wünschte, zum Kaufmann bestimmen; vielmehr studirte er von 1807 an in Heidelberg und dann in Würzburg Medicin, worauf er sich 1809 als praktischer Arzt in Hamburg niederließ. In der hanseatischen Legion diente er 1813 und 1811 als Stabs- und Brigadearzt und im Feldzuge von >815 als Lieutenant und Adjutant des freiwilligen Jägercorps. Nach dem Frieden kehrte er zum ärztlichen Berufe nach Hamburg zurück, von wo aus er > 825 eine Reise durch die drei brit. Reiche machte, auf der er neben der Untersuchung aller Wohl- thätigkeitsanstalten, auf Hufeland's Rath, seine Aufmerksamkeit vorzugsweise den dort so sehr vorgeschrittenen Gefängnissen zuwendete. Seitdem hat er das Studium derselben und der mit ihnen nahe verwandten Nettungshäuser für die verwahrloste und verbrecherische Jugend sowie die sittliche Besserung ihrer Bewohner zur Aufgabe seines Lebens gemacht. Durch die in Berlin, wohin er sich 1827 wendete, gehaltenen Vorlesungen, die unter dem Titel „Vorlesungen über die Gefängnißkunde" (Berl. 1828) im Druck erschienen, begründete er selbständig die von ihm also genannte Gefängnißkunde, für die er auch mit Unterstützung der Regierung ein eigenes Organ in den „Jahrbüchern der Straf- und Besserungsanstalten u. s. w." (Bd. I—1, Berl. 1829—15) schuf, die er gegenwärtig mit Fr. Nöllner und G. Varrentrapp herausgibt. Die Resultate seiner später für die Zwecke der Gefängnißkunde unternommenen Reisen in Amerika, den beiden Canadas, Frankreich, Belgien, Süddeutschland, Polen und England legte er zum Theil in den Werken „Nordamerikas sittliche Zustände" (2 Bde., Lpz. > 839) und „Beiträge zur brit. Jrrenheilkunde" (Berl. 1811) nieder. Die deutsche Übersetzung der Schrift des Kronprinzen Oskar von Schweden „Über Strafe und Strafanstalten" (Lpz. >811) begleitete er mit Einleitung und Anmerkungen. Juncker (Friedr. Aug.), ein verdienter Schulmann, geb. 1753 in Halle, wo sein Vater Schneidermeister war, erhielt seine Bildung in der Schule des Waisenhauses und später aus der Universität seiner Vaterstadt, wo er sich besonders an Knapp, Nösselt und Meier anschloß. Er wurde 1775 ordentlicher Lehrer am königlichen Pädagogium, >780 Fcldprrdiger in Magdeburg, und folgte 1799 dem Rufe als Garnisonprediger und Wai- 731 Jung (Joachim) Jung (Ioh. Heinr.) senhausdirector nach Braunschweig, wo er am 8. Jan. 1816 starb. Er 'zeichnete sich als Schulmann mehr durch die Klarheit seines Unterrichts und praktischen Takt als durch Eingehen in neue Ansichten und Methoden aus. Die von ihm herausgegebenen Schulbücher fanden zum Theil große Verbreitung, namentlich sein „Biblischer Katechismus", der 1834 in der 16. Auflage erschien, und das „Kleine Schulbuch für Anfänger im Lesen und Denken", welches mehr als 70 Auflagen erlebt hat. — Ioh. I., geb. zu Lehndorf bei Gießen am 23. Sept. I67S, gest. als Professor der Medicin an der Universität zu Halle am 25. Der. >759, war einer der eifrigsten Anhänger G. E. Stahl's (s. d.) und ist zugleich zu bemerken als der Verfasser der„Hallischcn griech. Grammatik" (1705; 33. Aufl., 1821), die ziemlich allgemein bis zum Erscheinen der Vuttmann'schen griech. Grammatik in allen Schulen eingeführt war. — Christian I., geb. am 16. Oct. 1668 in Dresden, gest. als Dircctor des Gymnasiums zu Altenburg am 19. Juni 1714, ist, außer andern historischen Schriften, insbesondere durch seine noch gegenwärtig brauchbare „Anleitung zu der Geographie der Mittlern Zeiten" (Jena >712, 1.) bekannt und verdient. Jung (Joachim), einer der scharfsinnigsten Männer des 17. Jahrh., geb. zu Lübeck am 22. Oct. >587, widmete sich anfangs mit besonder»» Eifer der Mathematik und wurde 1606 Professor derselben zu Gießen, legte aber 1614 seine Professur nieder, studirtc Medicin und promovirte 1618 zu Padua. Im I. >624 wurde er wieder Professor der Mathematik zu Rostock. Die Professur der Medicin in Helmstedt anzutreten, zu der er >625 den Ruf erhielt, hinderten ihn die Unruhen des Dreißigjährigen Krieges. Hierauf lebte er in Braunschweig, dann wieder in Rostock, bis er 1626 Rector ain Johanneum zu Hainburg wurde, wo er am 23. Sept. 1657 starb. Seines Scharfsinns wegen, den er besonders bei Bekämpfung der scholastischen Philosophie zeigte, stellte ihn Leibnitz dein Kopernikus und Galilei zur Seite und wenig niedriger als Descartes. Die Botanik verdankt ihm die erste richtige Feststellung der Begriffe Art und Gattung und die Grundlagen einer Kunstsprache, die aus scharfsinnigen Untersuchungen hervorging und erst nach seinem Tode und nach einer Abschrift seiner Dictaten (denn er selbst hat nichts drucken lassen) von Ioh. Va- gct in „äoricki. äungsii issgoz-e jiir^tascojiicu etc." (Hamb. 1678, 4.) bekannt gemacht und später von Linne ausgebildet wurde. Jung (Ioh. Heinr.), genannt Stillin g, ein durch seine Lebensschicksale merkwürdiger, phantasiereicher, freilich aber auch sehr überspannter Schriftsteller, wurde zu Jm- Grund im Nassauischen von armen Altern am 12. Dec. > 740 geboren. Er wollte anfangs Kohlenbrenner werden, lernte dann als Schneider, beschäftigte sich nebenbei mit höher» Dingen und suchte endlich ein Schullehreramt zu erlangen. Da aber solches ihm nicht gelang, so kehrte er zu seinem Handwerke zurück, von dem er jedoch, weil Jedermann leicht für ihn Zutrauen und Neigung faßte, bald wieder abgerufen wurde, um eine Hauslehrer- stelle anzunehmen. Nachdem er sich etwas erspart, studirte er Medicin zu Strasburg, wo er im nähern Umgänge mit Goethe lebte, ließ sich dann zu Elberfeld als Arzt nieder und zeichnete sich besonders als Operateur des Stsars aus. Er wurde 1778 an der Kameral- schule zu Lautern angestellt und bei Verlegung dieser Anstalt nach Heidelberg als Professor der Landwirthschaft mit ihr dahin versetzt. Im I. 1787 folgte er einem Rufe als Professor der Ökonomie und Kameralwissenschaftcn nach Marburg, kehrte aber 1804 als ordentlicher Professor der Staatswissenschaften nach Heidelberg zurück und lebte zuletzt ohne öffentliche Anstellung zu Karlsruhe, wo er als bad. Geheimrath am 2. Apr. 1817 starb. Seine schriftstellerische Laufbahn ervffnete er mit der an tiefen Anschauungen reichen Erzählung seines Lebens „Heinrich Stilling'sJugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft"(3 Bde-, Berl. 1777—78), der er später „Heinrich Stilliug's häusliches Leben" (Berl. 1789) folgen ließ. Beide Werke ließ er dann in einer neuen Gestalt unter dem Titel „Heinrich Stil- ling's Leben, eine wahre Geschichte" (5 Bde., Berl. 1806) erscheinen; den Schluß dazu macht „Heinrich Stilling's Alter" (Heidelb. 1817), herausgegeben von seinem Enkel W. Schwarz. Seine kameralistischen Werke waren für ihre Zeit sehr verdienstlich, berühmter aber machten ihn seine zahlreichen, etwas mystischen Schriften, wie „Theobald oder die Schwärmer" (2 Bde., Lpz. 1797; 3. Aufl., Lpz. 1828); „Das Heimweh"; „DerVolks- lehrer"; „Der christliche Menschenfreund"; „Der graue Mann, eine Volksschrift" (Nürnb. 732 Jmrg-Bunzlau Junges Deutschland 1795 — 1816); „Das Schahkästlein"; „Theorie der Geisterkunde" (Nürnb. 1808); „Apologie der Theorie der Eeisterkunde" (Nürnb. 1899) und „Scenen aus dem Geister- reiche" (Franks. 1803), welche letztere Schriften das größte Aufsehen erregten und den heftigsten Widerspruch fanden. Von seinen srühern Romanen sind zu nennen: „Geschichte des Herrn von Mergenthau" (2 Bde., Berl. >779) und „Geschichte Florcntin's von Fah- lendorn"(3 Bde., Berl. 1781); zuletzt ließ er „Erzählungen" (3 Bde., Franks. > 81-r —15) erscheinen. Eine schöne Charakteristik J.'s gibt Goethe, „Aus meinem Leben" (Bd. 2). Jung-Bunzlau, Hauptstadt des gleichnamigen Kreises im Königreich Böhmen, am linken Ufer der Jser, mit 5200 E., sechs Kirchen, von denen eine früher dem Malteserorden gehörte, einem Piaristenkloster, einem Gymnasium, einer Hauptschule und einem Schlosse, das jetzt als Cascrnc benutzt wird, hat Tuch- und Lederfabriken, Kattundruckereien, etwas Weinbau und treibt, durch ihre vortheilhafte Lage im Mittelpunkte gewerb- fleißigerOrte begünstigt, einen ergiebigen Handel. Ihre Gründung verdankt sie den Herzogen Wratislaw und Boleslaw I. zu Anfänge des 10. Jahrh. Nach der Ermordung des Herzogs Wenzeslaw durch seinen Bruder Boleslaw, den der Kaiser Otto I. nicht anerkennen wollte, wurde sie von letzten» im I. 938 genommen. Dieses Alt-Bunzlau wurde im Hussitenkriege und im Dreißigjährigen Kriege gänzlich verwüstet und an seiner Stelle erhob sich nun das nahgelegene Klein- oder Jung-Bunzlau. Jünger (Joh. Friede.), deutscher Lustspieldichter, geb. am 15. Febr. >759 zu Leipzig, wo sein Vater Kaufmann war, widmete sich, nachdem er eine gute Vorbildung erhalten, anfangs eine Zeit lang dem Handel und studirtc dann die Rechte, wendete sich indes später ganz den schönen Wissenschaften zu. Nachdem er kurze Zeit Hofmeister zweier Prinzen gewesen, ging er nach Weimar und >787 nach Wien, wo er >789 als Hoftheaterdichter angestellt, 1791 jedoch, nachdem das Theater eine Veränderung erlitten, wieder entlassen wurde. Seit dieser Zeit lebte er von dem spärlichen Ertrage seiner Schriften so einsiedlerisch fleißig, daß er in Folge hiervon einer tiefen, oft an stillen Wahnsinn grenzenden Melancholie verfiel, trotzdem aber die psychologisch merkwürdige Erscheinung bot, daß er gerade in jener hypochondrischen Zeit die heitersten Geisteserzeugnisse lieferte. Er starb am 25. Febr. 1797. Seinem ersten Romane „Huldreich Wurmsamen von Wurmfeld" (3 Bde., Lpz. 1781—87) schloß sich in schneller Folge eine Reihe anderer Romane an, die mit dem vielgelesenen „Fritz" (1 Bde., Lpz. >796—97) endeten. Sie empfehlen sich durch eine frische, leichte und gefällige Erzählung; die tiefere komische Kraft aber geht ihnen ab. Am beifälligsten wurden ausgenommen „Der kleine Cäsar", ein komischer Roman nach dem Englischen (3 Bde., Lpz. 1781—87) und „Vetter Jakob's Launen" (6 Bde., Lpz. >786 —92). Größere Verdienste als im Roman erwarb sich I. um die deutsche Bühne. Zwar fehlte es ihm an selbständiger Erfindungsgabe; doch wußte er sich mit Glück fremde Stoffe zu eigen zu machen. Sein Witz, das Lustige und Feine seiner Jntriguen und ein leichter, natürlicher Dialog in der Gesellschaftssprache berechtigen ihn zu einem ehrenvollen Platze unter den deutschen Theaterdichtern damaliger Zeit. Seine Lustspiele erschienen in drei Sammlungen als „Lustspiele" (5 Bde., Lpz. >785—90), als „Komisches Theater" (3 Bde., Lpz. 1792—95) und als „Theatralischer Nachlaß" (2 Bde., Regcnsb. 1803—1); seine „Gedichte" wurden von Eck herausgegeben (Lpz. >821). Junges Deutschland, anfangs das Neue Deutschland genannt, war ein über die Schweiz und einige franz. Städte verbreiteter Zweigverein des Jungen Europa (s. d.), mit welchem er, zufolge der l 831 entworfenen und später in einigen Punkten abgeänderten Statuten, gemeinschaftliche politische Zwecke verfolgte. Der leitende Ausschuß, von wenigstens fünf Mitgliedern, bestand meist aus politischen Flüchtlingen, von denen jedoch verhältnißmäßig nur wenige an der Verbindung Theil nahmen; die übrigen bei derselben betheiligten Personen, deren Zahl nie 300 überstiegen haben soll, waren meist deutsche Handwerker. Die Verbindung zerfiel in besondere Clubs von mindestens fünf Personen; an der Spitze jedes Clubs stand ein eigener Präsident, der mit dem Ausschüsse corre- spondirte. Die Verbindung sollte eine eigene Gerichtsbarkeit über alle strafbaren Handlungen der Mitglieder ausüben und jeder Verrath als todeswürdig angesehen werden. Zur Vollstreckung des Urtheils war jedes vom Ausschüsse ernannte Mitglied verpflichtet. Die Junges Deutschland 753 Bundeskasse sollte aus freiwilligen Beiträge» der Clubs für ihre Stiftungskartell gebildet werden, sowie aus den freiwilligen Eintrittsgeldern und monatliche» Beiträgen der Mit- glieder. Jndeß hat diese Organisation fast durchweg nur auf dem Papiere bestanden und auch die unabhängig vom Jungen Deutschland in der Schweiz entstandenen Bildungsvcr- eine für deutsche Handwerker blieben der Verbindung wenigstens so weit fremd, daß keine völlige Verschmelzung mit dieser erfolgte. Man dachte indeß an Ausdehnung der Gesellschaft und zugleich an Trennung vom Jungen Europa, als einige Vorfälle in der Schweiz, wie der an Ludw. Lessing am -i. Nov. >835 nahe bei Zürich verübte politische Mord, die Versammlung deutscher Handwerker im Steinhölzli bei Bern, sowie Gerüchte von einem beabsichtigten bewaffneten Einfalle in Deutschland, den schweiz. Negierungen Veranlassung gaben, eine cursorischc Untersuchung über die geheimen politischen Verbindungen einzuleiten. In Folge derselben wurden auch die hauptsächlichsten Theilnehmer am Jungen Deutschland ausgewiesen, womit dann zugleich der Verein selbst zerfiel. JungeSDeutschlandist auch der ziemlich willkürlich auf einige jüngere Schriftsteller angewendete Name, bei dem man nicht im entferntesten an irgend etwas zu denken hat, was einer politischen Verbindung ähnlich wäre. Theils Selbstüberschätzung und Eitelkeit, theils gedankenlose Hitze von Seiten der Schriftsteller selbst, theils zu große Ängstlichkeit und vielleicht selbst persönliche Geneigtheit von der andern Seite haben dieses Phantom geschaffen, woran jedenfalls der Name das Furchtbarste war. Dieses Junge Deutschland beschränkte sich keineswegs aus die fünf Schriftsteller, denen man die Ehre zu Theil werden ließ, jenen Namen zu tragen, vielmehr stimmten fast alle jüngere Schriftsteller, welche aus der Quelle der durch die Julirevvlution bewirkten allgemeinen politischen Aufregung schöpften, darin überein, gegen das alte Deutschland, d. h. gegen Alles, was wirk- lich veraltet war oder ihnen veraltet zu sei» schien, nach besten Kräften anzukämpfen. Von Einigen wurde dieser Kampf in Flugblättern und Flugschriften, von Andern in politisch, lyrischen Gedichten oder in Tendenznovellen oder in kritisch-ästhetischen Naisonncments zu führen gesucht.. Sehr bald wendeten indeß einige Stimmführer im Verein mit Andern, welche den Willen hatten, an der literarischen Oberherrschaft Theil zu nehmen, aus eigener Machtvollkommenheit jenen später so verdächtigten Namen auf sich und ihre literarischen Freunde an und gründeten so eine Art literarischer Fünfherrschaft, die bei den geringen Sympathien der Einzelnen untereinander und bei der demokratischen, keine Oberherrschaft duldenden Richtung der jungen deutschen Literatur überhaupt sehr bald von selbst in sich zerfallen wäre, während das gegen sie nachmals erlassene Jnterdict ihnen eine Art Nachwirkung und einen Schein von Märtyrerthum verlieh. Wienbarg (s. d.) harte zuerst >833 seine in Kiel über Ästhetik gehaltenen Vorlesungen dem Jungen Deutschland gewidmet, nämlich der Gemeinschaft, der jugendlichen Geister, welche auf dem friedlichen Wege der Jdeenentwickelung in der Ästhetik und Poesie, wie in den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen eine neue Heilsordnung der Dinge hcrbeizuführen für nöthig oder wünschenswerth hielten. Unter demselben Collectivnamen stellte Kühne (s.d.) in der „Zeitung für die elegante Welt" die Schriftsteller Heine (s. d.), Laube (s. d.), Gutzkow (s. d.), M undt (s. d.) und Wienbarg zusammen als Diejenigen, in denen der neue Geist der deutschen Jugend seinen entsprechendsten Ausdruck fand oder wenigstens finden sollte. Die Zeit hat bewiesen, wie gering die Sympathien zwischen den Genannten waren, obgleich sie allerdings der Tendenz und der formellen Erscheinung nach etwas Verwandtes hatten. Sie gehörten weder zu den reinen Politikern noch zu den reinen Dichtern und Ästhetikern, vielmehr suchten sie ihre Tendenzen in ein poetisirendes Gewand zu hüllen und andererseits ihre Dichtungen mit dem Stachel einer Tendenz zu versehen. Auch dies ist ihnen Allen gemeinsam, daß siebe! der Politik nicht stehen blieben, sondern damit noch einen mehr oder minder unklaren Begriff von einer Neformnothwendigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse verbanden, daß sie namentlich dabei die Ehe, die Emancipation deS Weibes, die sogenannte Emancipation des Fleisches, womit man es übrigens nicht so arg meinte als es scheint, und andere, jetzt mehr oder weniger vergessene oder bis zur Ermüdung durchge- sprochenc Dinge im Auge hatte. Dazu legten sie sich das Christenthum in Hegel'scher Weise aus, entsagten jedoch freiwillig jeder Wirkung auf die Masse und stützten sich viel- 1 734 Junges Europa mehr, wie auch ihr bildernder oder witzelnder, stets aber eleganter und anniuthiger Stil beweist, auf die höhere ästhetisch gebildete Gesellschaftsklasse. Diese Merkmale waren so ziem- lich Allen gemeinsam, aber in Bezug auf Talent, Gehalt und Gesinnung waren die Unterschiede zwischen ihnen nicht gering, und nichts kann einander dem Wesen nach fremder sein als z. B. die geniale Frivolität und Zügellosigkeit Heine's und die keusche und gesunde, im Grunde echtdeutsche Gesinnung Wienbarg's. Daß sie in ihren kecken Behauptungen vielfach zu weit gingen, kann nicht geleugnet werden, dagegen haben sic aber auch in dem Kreise, auf welchen sie wirkten, durch geistreiche Auffassung und Behandlung der Zeitfragen manche Anregung verbreitet, manche veraltete Ansichten beseitigt; namentlich haben sie dahin gewirkt, dem deutschen Stil eine neue Seite, die der gesellschaftlichen Eleganz, abzu- , gewinnen. Bon den später« Radikalen unterscheiden sie sich in durchaus wohlthucndcr und c anzucrkennender Weise dadurch, daß sie nicht allein der Kunstschönheit ihr Recht angcdei- I hen ließen, sondern ausdrücklich dahin arbeiteten, die schöne Kunstform für das Leben und die Wirklichkeit selbst zu retten. Indem sie aber, statt still zu wirken, vorlaut ein Programm der Zukunft aufstellten und häufig statt der Sache die Personen angriffen, hatten sie nach vielen Seiten hin Anstoß und Argerniß gegeben, und es bedurfte nur der berüchtigten De- nunciation des früher mit Einem derselben innig verbundenen Menzel's (s. d.), um gegen die genannten Schriftsteller die Negierungen selbst aufzurufen und zu dem Verbote ihrer Schriften und literarischen Unternehmungen, ja selbst ihrer künftigen, Anlaß zu geben. Diese Maßregel, welche im Publicum nur um so größere Sympathien für die mit dem Ban» belegten Schriftsteller erweckte, ließ sich für die Dauer nicht durchführen, wurde jedoch Veranlassung, daß das innere Zerwürfniß zwischen de» Genannten nun offen zu Tage kam, wie sich aus den Erklärungen Einzelner und aus ihren gegenseitigen Befehdungen ergab. Die meisten Schriftsteller dieser Kategorie wendeten sich nun der reinen Kunstpro duction zu; Einer oder der Andere suchte sich in seinen Naisonnements mehr und mehr dem Bestehenden zu nähern; Wienbarg verstummte fast gänzlich. Die eigentliche Opposition ^ gegen das Bestehende ging nun in viel radikalere Hände über, welche die Negation an sich * zu ihrem Banner erhoben und die absolute Lehre predigten. Dennoch hört man den gegenwärtig bedeutungslosen Parteinamen Junges Deutschland als Verdächtigungsruf immer noch wiederklingen und man unterläßt nicht, selbst solche Schriftsteller darunter zu begreifen, die mit dem Jungen Deutschland vielleicht einzelne unter zeitgenössischen,Schriftstellern gar nicht zu vermeidende Berührungspunkte boten, im Ganzen aber von dem Jungen Deutschland selbst als ihnen nicht angehörig oder sogar feindselig bezeichnet worden sind. Im weitern Sinne wird es zwar immer ein Junges Deutschland geben, so lange es Fortschritts- idcen gibt, an denen sich die leicht erregbaren jungen Geister berauschen, und selbst Goethe und Schiller haben in ihrer Jugend einem solchen Jungen Deutschland angehört, aber in dem angegebenen cxceptionellen Sinne bezeichnet der Name ein an sich wesenloses Phantom, welches allein dadurch, daß man ihni eine dem Bestehenden Gefahr drohende Wichtigkeit beilegte, eine crhöhtere Bedeutung gewinnen konnte. Junges Europa. Nach dem vereitelten Savoycrzuge machte Mazzini (s.d.) zur Vorbereitung weiterer Plane den Vorschlag geheimer Verbindungen unter den Gleichgesinnten verschiedener Nationen, die miteinander im Zusammenhänge stehen und einen gemeinschaftlichen Centralcomite haben sollte». Neben dem Jungen Italien (s. d.) con- ^ stituirte sich im Frühjahre >83-1 ein Junges Polen und das Neue Deutschland. (S. Junges Deutschland.) Diese drei Verbindungen traten durch Abgeordnete am >3. Apr. >83-1 in einer in den Sprachen der drei Nationen abgcfaßten Verbrüderungsacte -um Jungen Europa zusammen, mit dem Wahlspruche: „Freiheit, Gleichheit, Humanität." Die Acte selbst enthält ein vag gehaltenes Bckenntniß des Glaubens der Verbündeten an eine Gleichheit und Verbrüderung der Menschen und Völker zu freier und harmonischer Entwickelung. Diese zu verwirklichen, seien die drei republikanischen Verbindungen in ein Offensiv - und Defcnsivbündniß getreten. Jede derselben solle frei und unabhängig bestehen, aber die allgemeinen Grundsätze befolgen, wie sie in einer von den Ausschüssen der drei Nationen gemeinschaftlich abzufassenden Urkunde würden niedergelcgt werden. Die Vereinigung der Nationalausschüsse oder der Bevollmächtigten der drei Ausschüsse bilde 735 Junges Italien ber Centralcomite des Jungen Europa als gemeinschaftliche Bundesbehörde. Für sämmt- liche Mitglieder solle vom Centralcomite ein gemeinschaftliches Symbol angenommen und jeder öffentliche Erlaß durch eine gemeinschaftliche Devise erkennbar gemacht werden. Auch jedes andere Volk, das der Verbindung beitreten wolle, habe sich zur Annahme der in dieser Acte niedergelegtcn Grundsätze zu verpflichten. Die Thätigkeit des so constituirten Jungen Europa war zunächst auf Stiftung neuer Verbindungen unter den republikanisch Gesinnten anderer Nationen gerichtet. So wurde eine Auffodcrung an die schweiz. Patrioten zur Gründung einer Jungen Schweiz erlassen. Eine phrasenreiche Einleitung bezeichnet die Bestimmung des „Jungen Europa der Völker" dahin, daß es an die Stelle des „Alten Europa der Könige" treten wolle, und stellt eine curop. Völkerversammlung mit gleicher Vertretung für alle Völker in Aussicht. Am 10. Apr. >835 kam zu Lausanne zwischen den Abgeordneten der damals in St.-Pclagik zu Paris verhafteten franz. Republikaner und denen des Jungen Europa ein Vcrbrüderungsvertrag zu Stande. Eine weitere Verbreitung erhielt die Verbindung durch de» am 23. Jan. >830 ebenfalls zu Lausanne abgeschlossenen Vertrag mit den ehemaligen Carbonari des Dikasteriums von Ajaccio. Von einer förmlichen Verbrüderung mit der Jungen Schweiz ist dagegen nichts bekannt geworden. Die Thätigkeit im Interesse der Gesammtverbrüderung beschränkte sich fast ausschlicßend auf die Ausschreibung einer Versammlung aller Nationen aus den 3>. Mai 1835, wobeiMazzini einige nicht angenommene Vorschläge zur öffentlichen Con- stituirung der Jungen Schweiz machte. Ein von dem franz. Flüchtlinge Gramer herausgegebenes Journal „n proscrit" diente eine Zeit lang den Zwecken des Jungen Europa. Seit den Wegmessungen aus der Schweiz im 1.1830 ist eine fernere Wirksamkeit des Jungen Europa verschwunden. Nur ein poln. Verein scheint noch in neuester Zeit mit den nach England ausgewanderten Häuptern des Jungen Italien in Berührung geblieben zu sein. Junges Italic» (kinvinc: Italin). In den I. >831 und >832 hatte der mislun- gene Versuch, Mittelitalien in Aufstand zu versetzen, mehre ital. Flüchtlinge nach der Schweiz geführt, wo durch Mazzini (s. d.) eine engere geheime Verbindung unter ihnen entstand, die sich bald in Italien selbst verzweigte. Die in Nom erscheinenden „lVotiräe 832 vom Plane einer Nationalassociation zur Befreiung Italiens, welche Nom zum Mittelpunkte des Jungen Italien machen wolle und gaben Bruchstücke einer aufgefangenen geheimen Correspondenz mit Vorschlägen zur Verbreitung republikanischer Grundsätze und Errichtung bewaffneter Guerrillasscharcn. Bald darauf wurde in Piemont eine Verschwörung entdeckt, die zahlreiche Verhaftungen und Hinrichtungen nach sich zog. Etwa gleichzeitig war man in Neapel einer Militairconspira- tion auf die Spur gekommen. Im Oct. > 832 wurde zu Rhodez im Depot der ital. Flüchtlinge einer derselben, Emiliani, von Landsleuten getödtet. Es verbreitete sich sehr bald das Gerücht, diese Thal sei durch ein von dem Jungen Italien gefälltes Todesurtheil hervorgc- rufen, wogegen Mazzini in seiner in Genf erschienenen Zeitschrift „l.-c ^iovino ItaiM" pro- testirte. Später indeß erfuhr der königliche Procurator in Nhodez, daß der Ausschuß der geheimen ital. Gesellschaft zu Marseille über die Italiener Emiliani und Sturiatti Todes- urtheile gefällt, weil sie Schriften verbreitet, die gegen die heilige Gesellschaft der ital. Patrioten gerichtet seien, und Mazzini sollte diese Urtheile unterzeichnet haben. Die gerichtliche Untersuchung nach der wirklich erfolgten Ermordung beider ergab indeß nichts über ein Verhältniß der Vioviue Italiu oder Mazzini's zu diesem Ereigniß. Letzterer war damals Mitglied der (llisrbonnsrie cköinocrilt'xjue, die in Paris ihren Mittelpunkt hatte, und auch das JungeJtalicn scheint zu jener Zeit nur ein Filial der Carbonaria gewesen zu sein. Allein unzufrieden mit der Unthätigkcit und dem neutralisirenden Despotismus derselben, veranlaßt Mazzini die Trennung des Jungen Italien, wodurch dieses in eine unabhängige, aber zugleich feindselige Stellung zur Carbonaria kam. Es entwickelte eine große Thätigkeit und suchte sich zur Vorbereitung des Unternehmens gegen Savoyen in Oberitalien zu verzweigen, revolutionaire Schriften zu verbreiten und die Truppen zu gewinnen. Auch in Mailand hatte das Junge Italien Theilnehmer gefunden und 20 Individuen verschiedenen Standes wurden daselbst des Hochverraths schuldig erklärt. In Modena, wo es noch leichter Eingang fand, wurden im Apr. und Aug. >835 zehn Mitglieder desselben 736 Jungfrau Jüngster Tag einer Verschwörung gegen die Negierung des Herzogs auf Jndicicn schuldig erklärt, und in Piemont hatte man gegen Ende des 1. 1 836 eine besonders von Genua aus angesponncne Verschwörung entdeckt, wonach etwa 36 Personen verschiedenen Standes verhaftet wurden. Die Untersuchung in der Schweiz und in ihrer Folge die Auswanderung der Häupter des Jungen Italien nach England unterbrach die Thätigkeit der Verbindung ; doch hat diese im I. 1833, durch die wol hauptsächlich von London aus veranlagten JnsurrectionSver- suche in Neapel undj im Kirchenstaate Zeichen ihres fortwährenden Bestands gegeben. Jungfrau, ein berühmter Gletscherstock im berner Oberlande, 12872 F. über der Meeresfläche, auf der Nord - und Westseite von ungeheuer» Abgründen umgeben, wurde zuerst 1805, >81 l und 1812 durch die Brüder Meyer aus Aarau, 1828 von sechs Bewohnern aus Grindelwald und >831 von dem Naturforscher Agassi; (s.d.) bestiegen. I Jungfrau von Orleans ,-s. Jeanned'Are. ) Jungfrauen (die eilfrausend) sollen nach einer Legende, deren erste Spuren im v. Jahrh. sich vorfinden, die aber völlig ausgebildet erst um die Mitte des 12. Jahrh. auf- ! tritt, zwischen dem I. 352 und 366 von den Hunnen unter Attila bei Köln überfallen und wegen ihres Christenglaubens niedergemetzelt worden sein. Ihre angeblichen Reliquien wurden im I. >156 durch Gerlach, Abt von Deutz, entdeckt und durch die heilige Elisabeth, Äbtissin in Schönau, die besondere Offenbarungen empfangen haben wollte, als echt anerkannt. Zugleich wurde damals ihre Geschichte durch Visionen dieser Elisabeth und Anderer ausgeschmückt. Am wahrscheinlichsten ist es, daß die Fabel aus Misverstand der alten Martyrologien entsprungen, in denen man die Worte „XI. 5l. Virgines", d. i. I > Märtyrerjungfrauen, für „Xl. Mille Virgines", d. i. 1 l 600 Jungfrauen, genommen hat. Übrigens halten selbst Katholiken, wie schon Baronius, die Erzählung für erdichtet. Jungmann (Jos. Jak.), slaw. Sprachforscher, geb. zu Hudlitz in Böhmen am 16. Juli 1773, wurde zunächst in der Schule seines Geburtsortes unterrichtet. Die Kenntniß > der deutschen Sprache erwarb er sich in der Piaristenhauptschule zu Beraun; die Humaniora studirte er im neustädter Gymnasium, Philosophie und die Rechte auf der Universität ^ zu Prag. Im I. > 799 wurde er am Gymnasium zu Leitmerih angestellt, wo er anfangs die Grammatik, später die Rhetorik und Poetik lehrte, 1815 als Humanitätslehrer an das alt- städter Gymnasium in Prag verseht und hier 1833 zum Präfectcn erhoben. Bei der Universität bekleidete er 1828 und 1839 das philosophische Dekanat und 1830 war erRector. Während die gewissenhafte Erfüllung seiner amtlichen Verpflichtungen allerdings seine meiste Zeit in Anspruch nahm, beschäftigte er sich in seinen Mußestunden mit neuern Sprachen, namentlich mit slawischer Philologie. Auch gab er in Leitmerih mehre Jahre lang unentgeltlich Unterricht in der böhm. Sprache, wofür ihn die Stadt mit dem Bürgerrechte beschenkte. Seine erste literarische Arbeit war eine Übersetzung von Milton's „Verlorenem Paradies", die indeß erst >811 im Druck erschien (2. Äufl., 1832). Wichtiger und verdienstlicher waren seine theils poetischen, theils prosaischen Arbeiten in böhm. Sprache, die er aus ihrer Zerstreutheit in periodischen Schriften in seinen „Gesammelten Schriften" > (Bd. I , Prag 1831) zu sammeln angcfangen hat. Auch lieferte er eine „Böhm. Chresto- j mathie" (1820; 2.Aufl., 1835) und eine „Geschichte der böhm. Sprache und Literatur" j (1825). Sein Hauptwerk ist indeß das mit Unterstützung einiger Freunde gesammelte ! und von ihm mit rastloser Mühe ausgearbeitete „Böhm, -deutsche Wörterbuch" (5 Bde., ^ Prag 1835 —39,3.), das an tiefer Sprachkenntniß und Vollständigkeit alle ähnlichen Werke i übertrifft und einen klassischen Werth hat/ Ein liebenswürdiger Greis, verbindet I. mit der glühendsten Liebe zu seiner Nation eine seltene Uneigennühigkeit und Bescheidenheit. Jüngster Tag oderTag desHerrn bezeichnet das mit der allgemeinen Todten- erwcckung und dem Weltgerichte eintretendc Ende der gegenwärtigen Weltperiode. Hatten die alten Propheten, zum Theil freilich nur bildlich, von einer Auferstehung der Tobten und von einem Gerichte bei der Ankunft des Messias gesprochen, so erscheint die jüd. Ansicht über . diese Punkte zur Zeit Jesu viel ausgebildeter. Man dachte sich, der Messias werde zunächst die Frommen erwecken und mit diesen, sowie mit den noch lebenden Gerechten und den inzwischen zu Jehova sich Bekehrenden in dem irdischen Messiasreiche tausend Jahre lang leben. Am Schluffe dieser Periode sollte ein neuer, furchtbarer Kampf mit dem Satan los- Jlinius Zunills 737 brechen, doch mit dem Siege des Messias enden, und nun die allgemeine Auferstehung der Tobten und das jüngste Gericht über die Völker erfolgen, damit aber das ewige, göttliche Reich mit dem neuen Himmel und der neuen Erde seinen Anfang nehmen. Jesus selbst hat diese jüd. Vorstellungen theils ausdrücklich vergeistigt, indem er jene erste Messianische Todtenerweckung nur von seiner Macht, die Menschen sittlich wiederzubelebcn, erklärt, theils hat er, wo er von seiner einstigen, sichtbaren Wiederkunft und der damit zusammenhängenden Weltveränderung spricht, wol nur den Sieg seiner heiligen Sache symbolisch darstellen wollen. Die Apostel dagegen, namentlicy Paulus und der Verfasser der Apokalypse, sowie die gesammte Urkirche haben jene Wiederkunft Jesu sicher erwartet. Auch ist bekannt, wie später, besonders vor Ablauf des n>. Jahrh. und selbst in neuerer Zeit der Eintritt des jüngsten Tages von Apokalyptikern (s. d.) berechnet und verkündigt worden ist. Junttls, jetzt der sechste Monat, war nach dem alten röm. Kalend er (s. d.), in welchem das Jahr mit dem März anfing, der vierte und erhielt seinen Namen, wie die Alten selbst angeben, entweder von der Juno (s. d.), daher er auch von Ovid mei>5is lu- nanius genannt wird, oder von dem ersten Consul L. Junius Brutus (s. d.) Jumtts ist der Name eines röm. Geschlechts. Die Behauptung Niebuhr's, daß schon Luc. Junius Brutus (s. d.), der erste Consul, Plebejer gewesen, scheint nicht haltbar; er war Patricier und sein Stamm ging mit seinen Söhnen Titus und Tiberius, die er hinrichten ließ, aus. Die übrigen Junier, die in der röm. Geschichte erwähnt werden, gehören insgesammt dem plebejischen Eeschlechte an, das zuerst mit Luc. Junius Brutus, der bei der ersten Decession der Plebs thätig und im I. -163 v. Chr. Volkstribun war, auftritt, und aus welchem Viele in den höchsten Staatsämtern erscheinen. — Zu erwähnen sind außer Marc. Junius Brutus (s. d.), dem Mörder Cäsar's, als dessen Ahnherr jener patri- cische Begründer der röm. Republik freilick von Manchem dargcstellt wurde, zunäckst die Brüder Decimus und Marc. Junius Brutus, die 26-1 v. Chr. beim Leicken- bcgängniß ihres Vaters Decimus Junius Brutus Scäva zuerst in Rom Gladiatorenspiele gaben. — Decimus Junius Brutus, Galläcus genannt, weil er, als er nach Bekleidung des Consulats im I. 138 v. Chr. das jenseitige Spanien verwaltete, die Ealläker (in Galicien) unterwarf, nachdem er in Lusitanien siegreich gewesen und hier, der erste Römer, bis an den westlichen Ocean, nach Überschreitung des Flusses Lethe oder Oblivio, gedrungen war. Mit dem jüngern Scipio, dem Sieger von Numantia, feierte er im 1.132 den Triumph. — Decimus Junius Brutus Albinus zeichnete sich als Anführer zur See in Cäsar's gallischen und bürgerlichen Kriegen aus, in welchem letztem er v. Chr. Massilia von der Seeseite belagerte. Obwol von Cäsar begünstigt, schloß er sich doch der Verschwörung gegen ihn an, erhielt nach Cäsar's Ermordung im I. -1-1 die ihm von diesem schon bestimmte Provinz des cisalpinischen Galliens, und gcrieth, da er sich weigerte, dieselbe dem M. Antonius gegen Macedonien abzutreten, mit diesem in Kampf. In Mutina (Modena) eingeschlossen, wurde er durch Hirtius, Pansa und Octa- vian im Apr. 43 entsetzt (öelluin mntinense); als aberAntonius mit Lepidus vereint gegen ihn zog und Luc. Munatius Plancus zu diesem von ihm abfiel, beschloß er, der auf Anstiften Octavian's in Rom zufolge des pedischen Gesetzes wegen der Ermordung Cäsar's angeklagt und verurtheilt worden war, sich nach Macedonien durchzuschlagen, wurde jedoch von seinen Truppen verlassen und von den Reitern des Antonius, die ihn in den Alpen cinholten, niedergehauen. — Die mit dem Beinamen Silanus bezeichnet«: Familie des Junischen Geschlechts erscheint zuerst mit Marc. Jun. Silanus, der im zweiten puni- schen Kriege Prätor war; ihr gehörte Decimus Junius Silanus, der 62 v. Chr. Consul war, an, der Stiefvater des berühmten Marc. Jun. Brutus, dessen Mutter Ser- vilia er nach dem Tode ihres ersten Gatten geheirathet hatte; seine Tochter Junia Tertia wurde an Caj. Cassius Longinus, des Brutus Freund, vermählt und starb erst unter Tiberius 22 n. Chr. — Junius Eracchanus, der sich durch seine Forschungen über die Geschichte der röm. Verfassung bekannt machte, erhielt diesen'Bcinamen von seiner Freundschaft mit dem jüngern Gracchus. Junius (Briefe des) sind eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der politischen Conv.-Lex. Neunte Aufl. VII, 47 738 Iunke Juno Literatur der Engländer. Dieselben erschienen unter dem pseudonymen Namen Junius im „kiiblic mivertiser" vom 21. Jan. 1769 — 21. Jan. 1771 und griffen die Mitglieder des Cabinets und andere Staatsbeamte, die Tribunale, das Parlament, selbst die Person des Königs schonungslos, aber mit Talent, Sachkenntniß und Bercdtsamkeit an. Ein deshalb wider den Herausgeber, den Buchdrucker Woodfall, > 77V von der Negierung erhobener Libcllproceß wurde niedergeschlagen. Gesammelt wurden sie zuerst im I. 1772; eine theils mit bisher ungedruckten, theils nicht unter dem Namen Junius gedruckten Briefen vermehrte Ausgabe erschien >812 in drei Bänden. Auch gab sie Woodfall's, des ersten Verlegers, Sohn, aus seines NatersPapieren mit einer Einleitung und,Anmerkungen heraus. Selbst den Engländern sind diese Briefe ohne Commentar gegenwärtig kaum verständlich. Namentlich werden darin angegriffen der Herzog von Grafton und die Lords Mansfield, > Hillsborough, North, Barrington, Chatam und Camden, auch die Häupter der dama- 1 ligen Opposition, Wilkes, Horne Tooke u. A.; nur Fox, Lord Holland und wenige Andere werden mit Tadel verschont, und Delolme ist der Einzige, der gelobt wird. Übrigens sind ^ sie, trotz des darin zu Tage gelegten republikanischen Cynismus, ganz im monarchischen Geiste der brit. Verfassung geschrieben. Die Schreibart ist gedrängt, zuweilen epigrammatisch, nie unklar, im Ausdruck sicher und fest, sparsam in Metaphern und Schmuck und dabei sorgfältig genau, sodaß man den Verfasser den ersten Prosaisten Englands beizählen kann. Von dem Verleger, der dessen Namen nie gekannt zu haben scheint, foderte und erhielt er kein anderes Honorar als ein schön gebundenes Exemplar und zwei andere Exemplare. Das Publicum erschöpfte sich in Muthmaßungen über die Person des Verfassers. Man schrieb sie General Lee, Glover, Edm. Burke, dem Genfer Delolme, dem Herzog von Portland, Lord Temple u. A. zu; doch die Grundlosigkeit dieser Vermuthungen erwies sich bei dem Erscheinen der Ausgabe derselben im I. 1812. Später bezeichnet« man den >818 verstorbenen Sir Philipp Francis, den aus dem Siebenjährigen Kriege bekannten Lord George Sackville, den Kritiker und Philologen, Horne Tooke (s. d.), für den Verfasser, » weil man nach dessen Tode sowol das Originalmanuscript der Briefe von seiner Hand als die gedachten Honorarexemplare in seiner Bibliothek gefunden haben wollte, und den Ir- länder Hugues Boyd als den Verfasser derselben. Fünf im Archiv der Familie Grcnville zu Scvwe niedergelegte Briefe sollen denselben unwiderlegbar bezeichnen. Neuerdings endlich wollte Brewster in Macpherson dm Verfasser entdeckt haben. Iunke heißt ein chinesisches Fahrzeug, welches 15V—300 Lasten tragen kann und dessen Bauart höchst schwerfällig ist. Es hat gewöhnlich drei Masten und die untern Segel bestehen aus Matten, die an Bambusröhre geheftet sind, während die obern, leichtern Segel ans einem Baumwollenzeuche gefertigt werden. Juno, bei den Griechen Here, nächst dem Jupiter (s. d.) die höchste und mächtigste Gottheit der Griechen und Römer, war eine Tochter des Saturnus oder Kronos und der Rhea, die Schwester Jupiters und zugleich dessen Gemahlin. Arkadien, Argos und Samos rühmten sich ihre Geburtsstätte zu sein. Nach Homer wurde Here vom Okeanos und der Tethys, nach Andern von den Horen erzogen. Die Vermählung des Zeus mit ihr auf der Insel Kreta verherrlichten„alle Götter durch ihre Anwesenheit. Nach Homer umarmte sic Zeus ohne Wissen ihrer Altern; nach Spätem soll er sie durch List in seine Ge- , walt bekommen und auf der Insel Samos sich mit ihr vermählt haben. Nachdem er sie nämlich schon lange geliebt, ohne Gegenliebe zu finden, sah er sie einst, von ihren Begleiterinnen getrennt, lustwandeln und sich dann niederlassen. Schnell schickte er ein Gewitter und stürzte sich während desselben in Gestalt eines von Nässe und Kälte zitternden Kuckucks zu ihren Füßen. Mitleidig hüllte Here denselben in ihren Mantel, worauf Zeus wieder seine wahre Gestalt annahm und, um ihrer Umarmung zu genießen, ihr die Ehe versprach, die aber keine glückliche wurde. Die stolze, eifersüchtige Here konnte die öftere Untreue ihres Gemahls nicht gelassen ertragen; dieser aber behandelte sie mit aller Härte. Als sie den Hercules, ihres Gemahls Liebling, durch Sturm nach Kos verschlagen hatte, wurde Zeus , so ergrimmt, daß er sie mit gebundenen Händen, die Füße mit zwei Ambosen beschwert, im Olymp aufhängte. Als sie während des trojan. Kriegs den Zeus eingeschläfcrt hatte, um inzwischen den Griechen Sieg zu verleihen, entging sie nur mit vieler Mühe den Schlä- . 1 ^ . Zunot Jupiter 739 gen, welche ihr derselbe bei seinem Erwachen zugedacht hatte. In den ältesten Gedichten wurde Here als eine dem Hercu les (s. d.) feindliche Gottheit geschildert, die ihm schon bei seiner Geburt Unheil brachte und nachher allen seinen Unternehmungen sich feindlich zeigte. Diese Idee machte Homer allgemeiner und schuf daraus eine feindselige Göttin, die er stets da eintreten läßt, wo irgend ein Plan zu vereiteln ist. Auch war Here die feindselige Verfolgerin aller der Frauen, von denen Zeus Gunstbezeigungen empfangen hatte, z.B.der Latona (s. d.), Jo (s. d.), Semele (s. d.), Europa (s. d.) und Alk- mrne (s. d.), und der Kinder, welche er mit diesen gezeugt, namentlich des Hercules und Bacchus (s. d.). Selbst die Thebaner waren ein Gegenstand ihres Hasses, weil Hercules bei ihnen geboren war, und Athamos nebst seiner Familie, weil er Bacchus erzogen hatte. Auch traf ihre Rache alle Diejenigen, welche sich oder Andern einen Vorzug vor ihr gaben. Ihre Schönheit war erhaben, majestätisch und Ehrfurcht einflößend. Im trojan. Kriege war sie die Schutzgättin der Griechen, zu deren Gunsten sie sich zuweilen selbst mit in den Kampf mischte. Die Kinder, welche sie dem Zeus geboren hatte, waren Hebe (s. d.), Jli- thyia ss. d.), Mars (s. d.) und Vulcan (s. d.); welchen letzter» sie ohne Begattung, gleichsam dem Zeus zum Trotze, geboren haben soll, weil dieser dieMinerva (s. d.) aus seinem Haupte hatte hervorgchen lassen. Nach einigen Schriftstellern brachte sie auch das Ungeheuer Typhon (s. d.) hervor. Sie wurde in ganz Griechenland verehrt, vorzugsweise aber zu Argos, in dessen Nähe sich ihr berühmter Tempel, Heräon, befand und zu Samos, dem Orte ihrer Geburt und Vermählung, weshalb sie auch, unter vielen andern, den Beinamen Samia führt. Als ehrwürdige und durchaus keusche Matrone war I. Göttin der Ehe, und als solche wurde sie namentlich in Rom verehrt. Auf den erhaltenen Denkmälern sehen wir sie als Jungfrau, Braut und Gemahlin, stets aber in den edelsten Formen dar- gcstellt. Ihr Antlitz, zeigt die Formen einer unvergänglichen Blüte und Reise der Schönheit, sanft gerundet ohne Überfülle, Ehrfurcht gebietend ohne Schroffheit. Die Stirn, von schräg herabfließenden Haaren umgeben, bildet ein sanftgewölbtes Dreieck; die gerundeten und offenen Augen schauen gerade vor sich hin. Die Gestalt ist blühend, völlig ausgebildet und durchaus mangettos. Das Costum besteht in einem Chiton, der nur Hals und Arme bloß läßt, und einem Himation, das um die Mitte der Gestalt liegt; der Schleier ist in Statuen der vollendeten Kunst meist nach dem Hinterhaupt zurückgeschoben oder auch ganz weggelaffen. Seit alten Zeiten nämlich war der Schleier das Hauptattribut derselben. Die Kolossalstatue des Polyklet, der jedenfalls die meisten Darstellungen der Göttin nachgebildet sind, hatte eine Art Krone, Stephanvs genannt, mit den Relieffigurcn der Horen und Chariten, und trug in der einen Hand die Frucht des Granatbaums, in der andern einen Scepter mit einem Kuckuck auf der Spitze. In Rom waren ihr alle ersten Tage jedes Monats und der ganze Iunius (s. d.) geweiht. ZUNvt (Andoche und Josephine), s. Ab ranke S (Herzog und Herzogin). Junta, d. i. Bereinigung, heißt in Spanien, ungefähr dem im übrigenEuropa gebräuchlichen Comite entsprechend, jede zur Erledigung irgend einer politischen oder Staatsangelegenheit von selbst zusammengetretene oder niedergesetztc Versammlung. In frühem Zeiten nannte man so vorzugsweise die ohne Zusammenberufung des Monarchen eigenmächtig zusammengetretenen Versammlungen der Volksvertreter und mitunter auch die ordentlich cinberufenen Cortes (s. d.) selbst. Karl II. ernannte aus Staatsmännern eine Große Junta zur Bestimmung der Competenz der Inquisition. Am berühmtesten aber ist die von Napoleon 1808 nach Bayonne zusammenberufeue Junta und die von den ausgestandenen Spaniern gebildete Ccntraljunta mit ihren Provinzialjunten. (S. Spanicn.) Junta oder Junti, s. Grünti. Jupiter, bei den Griechen Zeus, der Sohn des Saturnus oder Kronos, daher auch kronion und Kronides genannt, und der Rhca, der Bruder der Vesta, Ceres, Juno, des Neptun und Pluto, wurde in den verschiedencnZeiten in Griechenland auch verschieden aufgefaßt. Die Pelasger verehrten ihn von der frühesten Zeit an als das Symbol der Natur, und sein Orakel war zu Dodona (s. d.), weshalb er auch derdodonäischeoderpelas - gischeKönig hieß. In der orphischen Mythe bedeutete er als physisches Symbol die obere 47 * 740 Jupiter Lust, den Äther, und demzufolge war Here oder Juno (s. d.), als das Symbol der untern Luft, ihm Schwester und Gemahlin. In einer Hähern Auffassung galt er für den Vater der Götter und der Menschen, wie ihn schon Homer nennt; doch liegt hierin noch keineswegs der Begriff eines höchsten Wesens und Wcltschöpfcrs, der erst später entstand. Mehr gehört hierher der Bcgriffdes Z e us H erkcios, der der Beschützer des Hauses, der Fami- lim und ihres Eigenthums, auch wol eines gewissen Bezirks und selbst eines ganzen Volks war. Er ist ferner der Regierer und Lenker der menschlichen Schicksale und hält in seiner Hand eine Wage, womit er Gutes und Böses zuwägt. In seinem Palasie stehen zwei Urnen; in der einen ist das Böse, in der andern das Gute; beides theilt er nach Willkür unter die Sterblichen aus. Nichtsdestoweniger ist er selbst wieder dem Fatum, einem unbekannten, in Dunkel sich hüllenden Wesen, unterworfen. Er ist der weiseste aller Götter und Menschen; Athene oder Minerva (s. d.) sitzt stets zu seiner Seite; er faßt seine Entschlüsse ohne Anderer Bcihülfe, und wem er sie nicht offenbart, dem bleiben sie unerforsch- lieh; den Sterblichen steht er mit seinem Nathe bei. Er ist wahrhaftig und seine Versprechungen sind unwiderruflich und untrüglich; er kennt alle Schicksale der Menschen; er hört die Eide der Sterblichen, die sie bei ihm schwören, und rächt als Z eu s Horkios den Meineid aufs Strengste. Jede Ungerechtigkeit und Härte ist ihm verhaßt. Wer dem um Vergebung bittenden Beleidiger (Hiketes) nicht vergibt, den straft Zeus Hiketesios. Er ist gütig und liebreich und will, daß die Menschen ebenso einander begegnen sollen, daher heißt er auch Zeus -k e nios, der Schützer der Fremdlinge. Diese Ideen vom Zeus, die man, obgleich noch auf Örtlichkeiten eingeschränkt, schon bei Homer und den Dichtern seines Zeitalters findet, wurden in der Folge immer mehr entwickelt, als die Bildung der Griechen sortschritt und eine reinere Philosophie sich zu verbreiten begann. Man verband nun damit die historische Sage. Ihr zufolge wurde Zeus auf der Insel Kreta, und zwar auf dem Berge Ida (s. d.) geboren und erzogen; denn ein Orakel des Uranus und der Gäa hatte der Nhea den Rath ertheilt, ihren Sohn auf jenem Berge zur Welt zu bringen, damit er nicht vom Kronos oder Saturnus (s. d.) verschlungen werde. Andere Sagen lassen ihn zu Messene, Theben, Olenos in Atollen, Ägäa in Achaja, Lyktos in Kreta oder auf dem Berge Lykäos in Arkadien geboren sein- Nach Homer erzog ihn Gäa und verbarg ihn während der Nacht in einer Höhle des waldigen Gebirges Argäus, wo Tauben ihm Ambrosia brachten. Nach einer andern Erzählung übergab ihn die Mutter den Kureten itn!ii»,s, von dem Berge gleiches Namens, auf dem in Rom sein prächtigster Tempel stand; Vmli» als Beschützer der Wege; l-ati»Iis als Beschützer Latiums; kkospitslis u. s. w.; im Gebete hieß er Optiwus maxinms. Gewöhnlich opferte man ihm Stiere; besonders heilig waren ihm Eichen und Buchen. Im zweiten Monat jedes fünften Jahres wurden ihm zu Ehren in Griechenland die Olympischen Spiele (s. d.) gefeiert. Sein gewöhnliches Attribut ist der Blitzstrahl, den er entweder selbst in der Hand hält, oderdurch denÄdler halten läßt, der stets neben ihm seinen Platz hat, was zuweilen auch mit dem Ganymedes der Fall ist. Außerdem ist er noch durch eine Patera oder Schale, den Scepter, oder die Siegesgöttin auf der Hand kenntlich. Durch den Kranz des wilden Ölbaums unterscheidet sich der olym- pische ZeuS von dem dodonäischen, dem ein Eichenkranz das Haar umgibt. Das berühmte Wunderwerk Griechenlands, die Bildsäule des olympischen Zeus von P hidia S (s. d.), ist 742 Jnra Juristenrecht zwar für uns verloren gegangen; aber höchst wahrscheinlich sind uns in den vortrefflichen Jupitersköpfen auf Gemmen die Hauptzüge desselben aufbchalten. Wenn er auf seinem Throne sitzend abgebildet wird, ist der Untertheil des Leibes bekleidet; stehend aber wird er meist ganz nackt abgebildet. Sein Blick verräth Ernst und Majestät, mit Güte und Heiterkeit vermischt. Außer den Hymnen des Homer und des Orpheus auf Zeus sind uns auch die Hymnen, durch welche Kallimachus und Kleanthes ihn verherrlichten, erhalten. Übrigens unterschieden die Alten mehre Jupiter; Varro gibt deren 300, Cicero drei als die vornehmsten an, nämlich den Sohn des Äther, des Cölus und des Sgturnus, in welchem letztem Älles vereinigt wurde, was die Sage von den einzelnen berichtete. Vgl. Emeric David, „äupiter, recüordies sur ce die», sur son eilte et mir les ivonumens, gui le repre- seutent" (2 Bde., Par. 1833). Juru oder Leb erb erg (äursssus) heißt gewöhnlich der Gebirgszug, der von der franz.-savoyischcn Grenze aus Wcst-Süd-West anfangs zwischen Frankreich und der Schweiz sich hinzieht, dann vom Canton Neuenburg an in den nördlichen Theil der Schweiz und nack Ost-Nord-Ost nach Deutschland hin sich verläuft. In geognostischer Beziehung hat indeß dieses Gebirge eine viel größere Ausdehnung und begreift in seinen Ausläufern auch die Vogesen (s. d.) und die Alb oder Alp ff. d.) in Schwaben und Franken. Der eigentliche Jura, aus mehren parallel nebeneinander fortlaufenden Ketten bestehend, erstreckt sich von dem westlich von Genf gelegenen Vouache, in einer Länge von 60 und einer Breite von 2—6 Stunden, bis in den Canton Schaffhausen. Tein höchster Rücken ist der den Alpen zunächst liegende, der überall als giebeldachartiger Kamm von den schweiz. Seeufern oder der Ebene aus auf einmal emporsteigt. Das ganze Gebirge ist vielfach zerklüftet, voll großer und langer Höhlen und besteht aus dichtem, muscheligem, auch splitterigem Kalksteine von graulich-weißer oder gelblicher Farbe. Zu den ausgezeichnetsten Punkten gehören der Dole, der westlichste Schwcizerberg, 5170 F. über der Meeresfläche, nach der Ostseite steil abfallend und eine herrliche Äussicht nach dem Genfersee und den Älpen gewährend; der MontTendre, 5180 F.; der Dentde Vaulion, -1570 F.; der Chasseron, 3960 F.; der Chaumont, 361» F.; der Chasseral oder Gesiler, 3970 F.; der Weißenstein, der vom Wirthshause 395» F., sowie von seinem höchsten Gipfel, der 3320 F. hohen Hasenmatte aus, eine der schönsten Fernsichten gewährt; und der Lägern, 3030 F., gleichfalls mit einer der ausgedehntesten Nundsichten unter den leichter zugänglichen Schweizerbevgen. Der Jura wird von 19 Straßen ganz durchschnitten, unter welcken die über St.-Cerguc aus Frankreich nach dem Waadtlande führende, die Straßen von Basel nach der innern Schweiz über den großen und kleinen Hauenstein, und die Hauptstraße zwischen Basel und Zürich über den Bötzberg die wichtigsten sind. Jurisdiction, s. Gerichte und Gerichtsverfassung. Jurisprudenz, s. Rechtswissenschaft. Jurburg oder Eeorgenburg, ein kleines Städtchen an der Grenze von Polen und dem ruff. Gouvernement Wilna, auch nahe der ostpreuß. Grenze, am rechten Ufer der Memel, offen und flach gelegen, ist wichtig durch seine Flußschiffahrt, besonders aber durch seinen Transithandel, indem hier das Hauptzollamt des wilnaer Gouvernements oder des alten Samogitiens sich befindet, dem die beiden andern Zollämter Polangen und Tauroggen untergeordnet sind. Jm J. 1839 betrug die Ausfuhr zu Wasser allein 7,300719 Rubel an Werth, während die Einfuhr an Zollgebühren gegen 1V- Mill. Nub. eintrug. Juristenrecht. Außer dem Gesetz und Gewohnheitsrechte ist namentlich in neuester Zeit von vielen angesehenen Juristen auch das»wissenschaftliche oder sogenannte Juristenrecht als eine besondere Rechtsquelle anerkannt und hervorgehoben worden. Überall, wo sich ein besonderer Stand der Juristen bildet, in den sich die Kenntniß und Fortbildung des Rechts aus dem Volke mehr oder weniger zurückzieht, muß auch das vonden Juristen durch ihre verschiedenartige Thätigkeit dargestellte und hervorgebrachte Recht von Bedeutung werden, dessen Wichtigkeit nur so lange sich verkennen läßt, als man das Gesetz und das Gewohnheitsrecht für alleinige Nechtsquellen gelten lassen will. Während nun seit der Aufnahme des röm. Rechts in Deutschland die Juristen fast die alleinigen Träger des Rechts überhaupt geworden waren und lange Zeit fast nur aus ihren Schriften das an- 743 Inssieu wendbare Recht geschöpft wurde, daher auch von der einen Seite die sogenannten opinio- uss 6oetorum in dem größten Ansehen standen, verwarfen selbst Landesgesehe dieselben häufig, indem sie hauptsächlich nur das Gesetz als Nechtsquelle angesehen wissen wollten. Auch noch gegenwärtig wollen viele Juristen von einem Juristenrccht, wenigstens dem Namen nach, nichts wissen, obschon sie den Einfluß der Juristen auf die Rechksbildung nicht verleugnen können. Das Juristenrccht ist zunächst nur Erkenntnißquelle des schon durch Gesetz oder Gewohnheitsrecht gegebenen Rechts, indem dasselbe durch die Juristen nur die wissenschaftliche Form und Begründung erhält. Sodann werden aber auch durch das Juristenrecht neue Rechtssätze geschaffen oder gleichsam aufgeschlossen, insoweit die andern Rechtsquellen keine Normen darbieten, aber doch die Unterlagen oder Quellen für dieses Juristenrecht vorhanden sind. Dasselbe entsteht sowol durch die Entscheidungen der Gerichte, den Gerichtsgebrauch, der aber auch Erkenntnißquelle des Gewohnheitsrechts fein kann, als auch durch rein wissenschaftliche Forschungen der Juristen. Das Juristcnrecht wird zwar zunächst auf geschichtlichen Unterlagen, es wird aber auch ohne diese durch juristische Konsequenzen und Analogien gebildet und nimmt dann die Stelle ein, die Viele dem Naturrecht anweisen wollen. Das Juristenrecht beruht nicht, wie das Gesetz, auf einer äußern Autorität, sondern auf seiner wissenschaftlichen Begründung und innern Wahrheit; es kann daher auch nicht die Mehrzahl der sogenannten juristischen Autoritäten entscheiden. Dasselbe ist für alle einzelnen Zweige des Rechts Rechtsquelle, doch natürlich für die weniger, für welche ausführliche Gesetze vorhanden sind; nur in Betreff des deutschen Bundes- rechtS hat die Bundesversammlung durch Beschluß erklärt, daß sie demselben keine auf die Bundesbeschlüsse einwirkende Autorität gestatten und keiner Berührung auf selbiges oder neuen Theorien bei ihren Verhandlungen Raum geben werde. Jllssseu, eine berühmte Familie erblicher Botaniker, von welchen A n t o i n e d e I., geb. zu Lyon am 6. Juli l 686, gest. zu Paris am 22. Apr. 1758, der erste war. Von botanischen Reisen in Spanien und Portugal im I. 1716 zurückgekehrt, trat er als Schüler und Nachfolger Tournefort's am botanischen Garten zu Paris auf und-bekleidcte die botanische Professur bis zu seinem Tode. Außer mehren Abhandlungen gab er eine neue Auflage von Tournefort's „Institution«« botsnicue" (Par. 1719, -I.) heraus. — Sein Bruder, Vernarb de I., geb. zu Lyon am 17. Aug. 1699. gest. zu Paris am 6. Nov. 1776, ein Zeitgenosse Linne's und diesem vollkommen ebenbürtig, studirte zuerst in Lyon unter den Jesuiten, wendete sich dann nach Paris und begleitete seinen Bruder nach Spanien. In Montpellier studirte er später die Arzueikunde und wurde dort 1729 Doctor. Da ihm in- deß sein weiches Gemüth an praktischer Ausübung der Meinem hinderte, so ließ er sich 1722 von seinem Bruder als Untcrlehrer der Botanik anstcllen. Er erwarb sich unvergängliches Verdienst durch Aufstellung eines natürlichen Systems, welches seinen Namen erhielt, und allen spätem von gleichen Ansichten ausgegangenen Anordnungen zur Grundlage gedient hat. Seine Werke sind nicht zahlreich und bestehen in ausgezeichneten, für die Akahcmie geschriebenen Abhandlungen, die ebenso wie sein System auf einer staunrnswerthcn Kennt- niß botanischer Einzelheiten beruhen. Die Ergründung der Pflanzenverwandtschaften blieb die Aufgabe seines Lebens. Als geistreicher Forscher überragt er weit die meisten mitlebenden, in dürrer Systematik sich gefallenden Botaniker. — Der jüngste Bruder, Joseph deI., geb. zu Lyon am 3. Sept. 1794, gest. zu Paris am I >. Apr. 1779, hakte ursprünglich Medicin studirt, wendete sich aber der Mathematik zu und schloß sich als Botaniker der Expedition an, welche Maurepas zum Behuf der Gradmessung unter dem Äquator 17 35 nach Quito abgehen ließ. Während ihrer Dauer zu ärztlichen Leistungen genöthigt, blieb er nach ihrem Schlüsse allein in Peru zurück, um zu botanisiren, bereiste die Cordilleren bis Potosi, wurde aber, als er in Lima sich einzuschiffen versuchte, von den Spaniern gewaltsam zurückgehalten und zu Jngenieurdiensten gezwungen. Er verfiel in Folge dieser Behandlung in eine Geisteskrankheit, die ihn nie verließ, obgleich er nach 36jähriger Abwesenheit 1771 in sein Vaterland zurückkehrte. Über seine großen Reisen hat er nicht vermocht irgend etwas bekannt zu machen, jedoch gelangten seine Sammlungen nach Paris und in die Hände seines Neffen Ant. Laurent de I-, geb. zu Lyon 1748, gest. zu Paris am 17. Sept. 1836, welcher ursprünglich auch Medicin studirt hatte, aber seit 1779 die Pro- 744 Jussuf-Bey ^ii8te milieii feffur der Botanik am Pflanzengarten in Paris bekleidete, die er jedoch >785 niederlegte. Seit 1773 Mitglied der Akademie, seit >777 zum Director des Gartens ernannt, wurde er unter Napoleon Titularrath der kaiserlichen Universität. Unter Ludwig XVlU. wirkte er als Professor der Arzneimittellehre in der medicinischen Facultät und als Professor der Botanik am Museum der Naturgeschichte. Die Botanik verdankt ihm außerordentlich Vieles; namentlich wurde erst unter seiner Hand das von Bernard de Z. aufgestellte System zur wirklichen und praktisch brauchbaren Classification. Die Ansichten, welche er in seinem berühmtesten Werke: „Oenera plunturum secullllum oillinem naturalem tlisz-ositu" (Par. >789), entwickelt, werden zu allen Zeiten als bestimmte Gesetze gelten. Seine Untersuchungen waren ebenso gründlich als zahlreich, denn bis zu seinem Ende war er bemüht, die natürlichen Verwandtschaften der Pflanzen immer weiter zu verfolgen und sein System nach Maßgabe neuer Entdeckungen zu verbessern. Auch die eigentliche Phytographie vernachlässigte er nicht, wie eine Menge von Abhandlungen beweisen, die man als Muster geistreicher Bearbeitung eines sonst trockenen Stoffs betrachtet. — Sein Sohn, A drien de I., geb. zu Paris I79>, ebenfalls Doctor der Medicin, Professor der Botanik am Pflanzengarten und Mitglied der Akademie, hat sich durch viele tüchtige Arbeiten in den Gesellschaftschriften und durch Monographien als würdiges Glied der seit 190 Jahren in der Pflanzenkunde berühmten Familie erwiesen, deren Andenken schon Linne eine artenreiche exotische Pflanzengattung (äussiueu) gewidmet hat. — La u re n t Pie r re de I., der Neffe Ant. Laurent de J.'s, geb. zu Lyon am 7. Febr. >792, hat sich vorzüglich um die Einführung des wechselseitigen Unterrichts in Frankreich verdient gemacht. Von seinen Schriften, die alle eine moralische Tendenz und die günstigste Aufnahme gefunden haben, thcilweise auch von derAkademie gekrönt worden sind, nennen wir das in mehren Auflagen verbreitete und in viele Sprachen übersetzte treffliche Volksbuch „Simon 9 im südlichen Frankreich geboren und, kaum fünf Jahre alt, an der Küste der Provence von tunesischen Seeräubern entführt worden sein. Gewiß ist nur, daß er seine Altern nicht kennt und daß er nach Tunis gebracht wurde, wo ihn wegen seiner Schönheit der Bey kaufte, der ihn unter den Frauen seines Harems zum Muselmann erziehen ließ und bald zu seinem Liebling machte. Herangewachsen, wurde er in das Corps der Leibwache des Beys versetzt, in welcher Steilung er eine Liebschaft mit dessen Tochter Kabura anknüpfte. Als die Liebschaft am Ende von dem Bey entdeckt wurde, mußte I. >839 auf eine franz. Brigg flüchten, die ihn nach Algier brachte, wo er in franz. Dienste trat und sich bald so auszeichnete, daß ihm als Rittmeister eine Befehlshaberstelle in dem neuerrichteten Corps eingeborener Reiterei, denSpa- hiS, übertragen wurde.. In dieser Stellung erwarb er sich ebenso durch seinen Muth und seine Geschicklichkeit, wie durch scineKenntniß der algierischen Zustände und seinen Einfluß auf die Eingeborenen große Verdienste, insbesondere bei der Einnahme von Bona im I. >832. Im I. >836 schlug er bei dem Zuge gegen Tlemezen Abd-el-Kader vollständig und wurde vorläufig zum Bey von Konstantine ernannt, konnte aber diese Stellung nicht antre- ten, weil die Expedition gegen diese Stadt im Nov. > 839 mislang. Im I. >837 begab er sich nach Paris, wo er durch seine männliche Schönheit, sowie durch sein einnehmendes ritterliches Wesen Aufsehen erregte. Gegen Ende des Jahrs nach Algier zurückgekehrt, erhielt er in Oran den Befehl über eine Abtheilung Spahis, später aber als Oberst den Oberbefehl über das ganze Corps, mit dem er unter dem Generalgouvernement Bugcaud's die meisten Feldzüge mitmachte und viel zur Unterwerfung des Landes beigetragen hat. Zu Anfang des I. > 835 kam er wieder nach Paris, trat zum Christenthume über und verhei- rathete sich mit einem Fräulein Weyer, einer Nichte des verstorbenen Generals Euilleminot. ^U8te Nttsseu, d. h. die rechte Mitte, beim moralischen Handeln überhaupt das Mittelmaß zwischen den Extremen, ist in neuester Zeit zum politischen Schlagwort geworden. Nach der Julirevolution von >839 erklärte nämlich der König Ludwig Philipp bei mehren Gelegenheiten, daß Frankreich die durch die Staatsveränderung errungenen Vortheile nur 745 öu8te inilieu bewahren könne, wenn die Negierungsgewaltcu den Parteien gegenüber das äuste willen oder den Grundsatz des Mittelmaßes bewahrten. Man griff sogleich das Wort auf und be- zcichnete damit, bald im guten, bald im bösen Sinne, das politische Princip des Königs und des Hofs. Gewissermaßen begann auch die schon ihrem Ursprünge nach in der Volksmitte, dem wohlhabenden Bürgerstande (bourgeois!«-) beruhende Julidynastie nach jener politischen Maxime zu regieren. Sie stellte sich zwischen die extremen Bewegungsparteien, die streng royalistische und republikanische; sie machte jeder unwesentliche Zugeständnisse; sie bediente sich einer gegen die andere, gestattete aber keiner entscheidenden Einfluß auf den Gang der Negierung, sondern suchte vielmehr jede Bewegung der Parteien zu deren Schwächung und Unterdrückung zu benutzen- Die beiden Männer, welche dieses System befestigten und ausführten, waren Casimir Peri er (s. d.) und, wiewol nach einem andern Princip, Guizot ss. d.). Unter dem Schilde des Justcmilicu ging aber Ludwig Philipp bald viel weiter. Seine Politik widerstand allen politischen Doctrinen, allen Absichten und Beschlüssen der gesetzgebenden Körper, allen Persönlichkeiten, die ihn, den sogenannten „unbeweglichen Gedanken", mit einem entschiedenen Eingriff auf das Staatsleben, mit einer Veränderung oder Reform bedrohten. Daher die häufigen Ministerwechsel, selbst die Entlassung der Doctrinaires (s. d.), welche nur vom Hofe ausgingcn; das öftere Verharren der Minister in ihren Ämtern bei keiner oder zweifelhafter Majorität in der Volkskammer; daher die mancherlei inconstitutionellen Maßregeln des Hofs, wie z. B. die Bedrohung der Deputirten, welche zugleich Beamte waren, um sich der Entschließungen der Kammer zu bemächtigen. Auch die auswärtige Politik erhielt eine dem ähnliche Richtung. Ludwig Philipp federte kein Cabinet, kein politisches Princip heraus, bevorzugte aber auch keines entschieden und anhaltend. Alle Spannungen und Sympathien mußten ihm zur Befestigung seines Throns, dem letzten Ausgangspunkte dieses Verhaltens, dienen. Nach der Julirevolution, als die Vertreter der alten Legitimität (s. d.) unwillig drohten, bot er seine Hand dem konstitutionellen England und ging 1834 die Quadrupelallianz ein, welche die Aufrcchthaltung der constitutivnellen Regierungen in Spanien und Portugal bezweckte. Zugleich näherte er sich, wie in der Frage um Belgien und um Italien, den Höfen von Wien, Berlin und Petersburg und ließ bei Verwickelungen in der Folge sogar die Möglichkeit einer Verbindung Frankreichs mit Rußland durchblicken. Als endlich das konstitutionelle Princip in Spanien nach Beilegung des Bürgerkriegs unter heftigen Krisen eine Entfaltung begann, die leicht das Maß der Orleanistischen Politik überschreiten konnte, wurde der Hof zu Paris der Mittelpunkt jener reactionairen Bestrebungen, welche das span. Verfassungswerk neuerdings überhaupt wieder in Frage stellten. Da der Krieg den Volks- und Parteigeist entfesseln und den Hof zu entschiedener Parteinahme nach innen und außen zwingen würde, so war es die Hauptaufgabe Ludwig Philipp's, den europ. Frieden um jedenPreis zu bewahren. Nur in den Fällen, in welchen, wie bei derBesetzung von Ancona, der Belagerung der Citadellc von Antwerpen, dem Feldzuge gegen Mexico und der Aufrechthaltung der afrikan. Besitzungen, nicht so leicht eine allgemeine Verwickelung zu befürchten war, ließ sich der König von dem Interesse oder vielmehr von der öffentlichen Meinung Frankreichs zu kriegerischen Maßregeln bewegen. Dagegen verharrte er schon rücksichtlich Polens, trotz der öffentlichen Stimme, beim Frieden; er löste 1830, nachdem er in den oriental. Wirren so weit als möglich gegangen, das kriegerische Ministerium Thiers auf; er wendete in der Folge das Möglichste an, um da§ brit. Cabinet über die Fortschritte der franz. Macht in der Südsec und in Afrika, wie über den Angriff auf das marokkanische Reich zu beruhigen. Ob durch alle diese klugen Combinationen die Dynastie Orleans in Frankreich feste Wurzel geschlagen, muß die Fosge lehren. Daß aber Ludwig Philipp durch seine persönlichen Bestrebungen in der Verwickelung von 1840 den Frieden bewahrte, dafür ist ihm Frankreich und die europ. Welt gewiß verpflichtet. Im Allgemeinen jedoch darf eine Politik, die zur Begründung der dynastischen Gewalt nur auf die Vermeidung und Abschwächung aller theoretischen wie praktischen Gegensätze und Mächte im Volks- und Staalslebcn ausgeht, nicht als ein wahres, positives, schöpferisches Princip zelten. Soll diese, nur für eine beschrankte Zeitlage gerechtfertigte Richtung nicht in völlige Unterdrückungspoiitik oder Macchiavellismus ausarten, so muß sie dem vollen Interesse der 746 Justi Justinianus I. (Kaiser des byzantin. Reichs) Nation Platz machen, das den europ. Frieden immer nicht ausschließt. Die Hindernisse, di welche Frankreich seit der Julirevolution durch das sogenannte Justcmilieu, das man auch bi als Schaukel- oder Bascul esystem (s. d.) bezeichnet, erfahren hat, laufen in einen Punkt di zusammen. Um seinen persönlichen Einfluß auf die Gesetzgebung zu begründen, sah sich s< Ludwig Philipp genöthigt, die Umbildung des Wahlgesetzes, die Grundlage aller constitu- 2 tionellen Staatsordnung, zu verhindern. Dadurch wurde das Wahlgesetz der Nestauration d> aufrecht erhalten, welches theils einer absetzbaren Beamtenhierarchie, theils dem reichen, fl nach seinen Privatverhältnissen oft befangenen und conservativen Bürgerstande das Pri- ü vilegium der Gesetzgebung und Volksvertretung gestattet. Dieses Verhältnis, das zwar H der Hofpolitik den weitesten Spielraum gewährt, streitet ebenso sehr gegen die leitenden § Grundsätze.der reformirten Charte, als es den Verhandlungen und Entschließungen der l< Kammer einen Charakter aufdrückt, der den Standpunkt der Partei und des Sonderinteres- 1 2 ses nicht immer verleugnen kann. (S. Frankreich.) d Justi (Karl Wilh.), protestantischer Theolog, geb. am 14. Jan. >767 zu Mar- s bürg, empfing seine Bildung theils auf dem Pädagogium und auf der Universität da- k selbst, theils in Jena. Nachdem er einige Jahre Hauslehrer in Wetzlar gewesen war, s wurde ihm im I. 1799 das Amt eines Predigers an der protestantischen Pfarrkirche - zu Marburg und seit 179.7 zugleich eine ordentliche Professur der Philosophie übertra- o gen. Im I. 189 l zum Archidiakonus und bald darauf zum Superintendent und Con- l sistorialrath erwählt, empfing er 1896 die theologische Doktorwürde, wurde 1814 Ober- i Pfarrer und >822 ordentlicher Professor der Theologie. Als solcher erklärte er Vorzugs- 1 weise die Schriften des Alten und Neuen Testaments und folgte dabei der Methode ^ Eichhorn's und Herder's. Sehr vielseitig war seine schriftstellerische Thätigkeit, denn abge- > sehen davon, daß er durch sein Dichtertalent schon im 1.1782 Bürger's Aufmerksamkeit > erregte und später mehre Gedichtsammlungen herausgab, so lehrten seine Bearbeitungen § mehrer Propheten des Alten Testaments, seine „Nationalgesänge der Hebräer" (3 Bde., ! Lpz. 1893—18), die vermehrte Ausgabe von Herder's „Geist der hebr. Poesie" (Lpz. 1829) ! und die „Sionitischen Harfenklänge" (Lpz. 1829) ihn den Geist der hebr. Dichtkunst tiefer erfassen. Auch zeichnete er sich durch Monographien und Aufsätze über die Geschichte Hessens im Mittelalter, z. B. über „Elisabeth die Heilige" (neueste Ausl., Mark. 1835) aus und setzte Strieder's „Hessische Gelehrten - und Schriftstellergeschichte" fort. Justitia hieß in den frühem Zeiten der Hofrichter der Könige von Aragon. In den Kämpfen zwischen den letztem und ihren Ständen gewann er immer größeres Ansehen, und unter Peter IV. um die Mitte des 14. Jahrh. wurde ihm die Entscheidung der Streitigkeiten zwischen König und Ständen aufgetra^en. Seine Macht war nun entscheidend; er war der eigentliche Hüter der allgemeinen Freiheit, und durfte daher nicht aus den Baronen, sondern nur aus den Rittern gewählt werden. Die Könige mußten vor ihm kniend die Reichsgesetze beschwören, und er durfte sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie dieselben übertraten; er entschied alle Streitigkeiten, die an die Stände gebracht wurden und erklärte dunkle Gesehstellen; alle königlichen Richter waren ihm untergeordnet, und die Be- rusung auf ihn hob jedes weitere Verfahren auf. Im I. 1412 wurde bestimmt, daß er nicht von dem König abgesetzt werden könne, sondern daß er nur dem Urtheil der Stände ' unterworfen sei. In Valencia gab es einen besondern Justicia, dessen Gewalt aber minder ^ bedeutend war. Natürlich war cs, daß die Könige von Aragon eine solche Staatsgewalt nicht gern über sich sahen und viele Versuche machten, sie abzuschaffen; dies gelang jedoch erst Philipp II. vollständig, der den letzten Justicia, de la Neica, hinrichten ließ. Justinianus I-, Kaiser des byzantin. Reichs, 527—565, geb. 483 in Thrazien, stammte aus einer slawischen Familie und hieß mitseinem slawischen Namen Uprauda. Seinem Oheim Justinus I., der sich vom Bauer zum Kaiser aufgeschwungen und ihn erzogen hatte, folgte er am I.Aug. 527 auf dem Throne, nachdem er bereits am 1. April desselben Jahres von ihm zum Mitregenten ernannt worden war. Großen Einfluß übte auf I. seine Gemahlin Theodora, früher Schauspielerin, ein schönes, talentvolles, aber buhlerisches, lei- ^ denschaftliches Weib, bis zu ihrem Tode im 1.548 aus. Sie vornehmlich regte ihn zu den lange fortgesetzten, doch vergeblichen Bestrebungen an, die MonopHy fiten (s. d.) mit Iustinus (Marcus Justinianus) 747 der orthodoxen Kirche zu vereinigen; auch der furchtbare Aufruhr der Factionen der Rennbahn (s. Byzantinisches Reich), der, als I. 532 ihre Streitigkeiten mit Gewalt unterdrückenwollte, seinen Thron erschütterte und sein Leben bedrohte, der aber durch Beli- sar (s. d.) mit blutiger Gewalt gestillt wurde, war namentlich durch die Gunst, welche Theodora der Partei derBlauen erwies, verursacht worden. Nach außen wurde die Macht des Reichs unter J.weit ausgebreitet, vornehmlich durch seine großen Feldherren Belisar und Narses (s.d.); im Osten zwar mußte derFriede von dem Perserkönig ChosroesNushirvan immer von neuem erkauft werden; dagegen fiel im Westen durch die Zertrümmerung der Herrschaft der Vandalen (s. d.), die Belisar in den 1.534 und 535 vollbrachte, Afrika, Sardinien und Corstca, durch die Zerstörung des ostgoth. Reichs (s. Gothen), die nach langem von Belisar begonnenen Kriege durch Narses 553 vollendet wurde, Sicilien und Italien dem byzantin. Reiche wieder zu, und auch in Spanien wurde um 55V ein Theil des Küstenlandes den Westgothen abgewonnen. Die größte Berühmtheit hat Z. durch sein für die Dauer der Herrschaft des röm. Rechts so folgenreiches Werk der Gesetzgebung erlangt, das von Tribonianus (s. d.) und Andern in den Z. 528—533 durch die Abfassung der später unter dem Namen 6orpu»j»ri» civilis (s. d.) vereinten Bücher der Institutionen, der Pandekten und des Constitutioncncodex, dem seit 535 Novellen folgten, ausgeführt wurde. (S. Römisches Recht.) Durch große Bauten wurde die Abgabenlast freilich gesteigert, doch dienten sie nicht allein der Verherrlichung der Kirche, wie denn in Konstantinopel 25 neue Kirchen, unter ihnen im Zeiträume von sechs Jahren durch I vvvv Arbeiter die prächtige Sophienkirche, erbaut wurden, sondern auch dem Nutzen des Staats, wie namentlich die Reihe.von Festungswerken, durch welche er die nördliche und östliche Grenze zu schützen suchte. Überreste der alten Zeit schwanden unter I. durch die von ihm befohlene Schließung der neuplatonischen Hörsäle in Athen und durch das Aufhören des Consulats im I. 54l. I. starb am 14. Nov. 565, acht Monate nach dem Tode Beli- sar's, der noch im I. 559 seine Hauptstadt gegen den Andrang der Bulgaren geschützt und dem er mit Undank gelohnt hatte. Zu den verschiedenen Ansichten über des I. Charakter hat vornehmlich der Widerspruch beigetragen, der zwischen des Pro copius (s. d.) officiel- lcr und desselben geheimer Geschichte seiner Regierung staltsindet. Gewiß ist, daß er Sinn für Bildung, Thätigkeit und Streben nach Ordnung des Reichs besaß, ebenso aber, daß es ihm häufig an Ausdauer fehlte und daß er eitel und habsüchtig war. Den Namen des Großen, der ihm beigelegt worden, verdankt er mehr den Thaten der Männer, die ihm dienten, als sich selbst. Auf dem Throne folgte ihm sein Neffe Iustinus II. Iustinus (MarcusJustinianus), auchMarcus Iustinus Frontinus genannt, ein lat. Historiker, der wahrscheinlich zu Rom im 3. oder 4. Jahrh. n. Chr. lebte, obgleich ihn Andere in das Zeitalter des Antoninus, um 150 n. Chr., versetzen, ist der Verfasser eines Auszugs aus dem verloren gegangenen größer» Geschichtswerke desTrogusPom- pejus, eines Galliers, der zur Zeit des Augustus lebte und in 44 Büchern die allgemeine Geschichte von den ältesten Zeiten an, insbesondere aber die des makedonischen Königs Philipp und der macedonischen Herrschaft vom 7.—41. Buche ausführlich behandelte, weshalb er auch seinem Werke den Titel „Historiae ?kilippics«" gab. Dieses ursprüngliche Werk, auf dessen Umfang wir noch aus den sogenannten Prologen oder Jnhaltsanzei- gen der einzelnen Bücher, die meist in den Ausgaben des I. enthalten sind, schließen können, ist zeitig verloren gegangen, vielleicht weil der Auszug, der ebenso überschrieben und eingetheilt ist, wie das Hauptwerk, durch die Gedrängtheit und Kürze, mit welcher er namentlich die ältere Geschichte bespricht, mehr Beifall fand. Dennoch ist, wenn auch mehre gröbere Verstöße bei I., namentlich in der jüd. Geschichte, auf die Unlauterkeit der Quelle hindeuten, dieser Verlust sehr zu beklagen. Die Darstellung des I. selbst ist im Ganzen nicht ungefällig, doch vermißt man oft die gehörige Einfachheit und Correctheit des Aus- drucks. Außer dem erstenDrucke (Rom 147V, 4.) und den frühem Ausgaben von Grävius (4.Aufl., Leyd. 17V1) und Abrah. Gronov (2 Bde., Leyd. 1719 und 176V) erwähnen wir die mit den Anmerkungen der ältern Erklärer versehene von Frotscher (3 Bde., Lpz. 1827—28), die in kritischer und historischer Hinsicht wichtige Bearbeitung von Dübner (Lpz. 1831), die von Dübner und Johanne»» (2 Bde., Lpz. 1838), und die treffliche Schulausgabe von 748 Justinuö (der Märtyrer) Jütland Benecke(Lpz. 1830) und Fittbogcn (Halle 1835). Deutsche Übersetzungen lieferte Kolbe, (2 Bde., 2. Aufl., Münch. > 82 - 1 —28), Schaumann (5 Bde., Prenzl. l830—32) und Schwarz (6 Bde., Stuttg. 183-1 — 36). Jnsttnus, der Märtyrer, Kirchenlehrer und Apologet des Christenthums, stammte aus Sichern oder Flavia Neapolis in Samarien und trat, nachdem er die Wahrheit in verschiedenen philosophischen Systemen, zuletzt im Platon'schen, gesucht hatte, als Greis zum Christcnthum über. Zum Schutze desselben schrieb er eine Apologie an Antonyms Pius, eine andere an Marcus Aurelius, und wurde, weil er in letzterer den cyni- schcn Philosophen Crescens geschmäht hatte, ums I. > 65 in Nom enthauptet. I. war der erste, der eine Ausgleichung der Philosophie mit dem Christenthum versuchte. Seine Schriften, zu denen außer jenen zwei Apologien ein „Dialog,is cum Trvz>llouej>,ckaeo", aber nicht die „Lpistola all Diognetinn" gehört, sind früher von Maranus (Haag 17-12, Fol.) herausgegeben worden, und neuerdings hat Otto (2 Bde., Jena 1842—44) eine neue Ausgabe besorgt. Vgl. Semisch, „I. der Märtyrer" (2 Bde., Bresl. 1840—42). Justirmaschine, s. Adjustiren. Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, bei den Griechen die Asträa (s. d.), Themis (s. d.), oder Dike genannt, war bei den Römern mehr ein vergöttertes Abstractum. Auf Münzen erscheint sie häufig als Jungfrau mit einer Stirnbinde oder einem Diadem, bisweilen mit Schwert und Wage oder auch mit einer Schalx, ihre Gewissenhaftigkeit andeutend , in der einen Hand, und mit einem Sceptcr in der andern. Justitium nennt man den gänzlichen Stillstand der Rechtspflege, der dnrch außerordentliche Begebenheiten, wie Krieg, Pest, Erdbeben u. dergl. auf kurze Zeit eintreten kann. Während eines wirklichen Justitium laufen keine Fristen und gehen also durch deren Ablauf keine Rechte verloren. Justizhoheit nennt man die oberste Gewalt des Staats in allen ihren Zweigen und Functionen, angewendet auf die Rechtspflege und zwar sowol die bürgerliche (Civil- justizhoheit) wie die strafende (Criminaljustizhoheit). Justizmord Pflegt man den Misbrauch der Criminalgewalt durch Bcrurtheilung eines Unschuldigen zum Tode zu nennen. Solcher Misbrauch kann, als vom bösen Willen der Richter ausgehend, nur unter tyrannischen Negierungen Vorkommen. Ungerechte Ver- urtheilungen aber, welche aus Jrrthum der Richter entstehen, können, wie furchtbar auch ihr Erfolg sein mag, mit diesem Namen nicht belegt werden, denn über Jrrthum ist der Mensch in keinem Gebiete erhaben. Noch weniger paßt dieser Ausdruck auf Verurtheilungen zum Tode, welche einem Gesetze gemäß erfolgen, welches nach der Meinung Einzelner oder auch Mehrer zu hart, oder überhaupt dem Begriffe des Vergehens nicht angemessen ist. Am allerwenigsten aber kann man die Todesstrafe (s. d.) überhaupt einen Justizmord nennen, so lange nicht erwiesen ist, daß die Strafgewalk des Staats, wenn sie das Leben selbst aufhebt, der Gerechtigkeit widerspreche. Jüterbogk, Kreisstadt im Regierungsbezirk Potsdam der preuß. Provinz Brandenburg, mit 4500 E. und einem Schlosse, bedeutenden Woll- und Flachsmärkten, auch etwas Weinbau, ist geschichtlich merkwürdig durch die daselbst im Dreißigjährigen Kriege 1644 gelieferte Schlacht, in welcher der General Torstenson die Kaiserlichen schlug, sowie durch das Gefecht zwischen den Preußen und Franzosen am 6. Sept. >813. Das Land, woraus der gegenwärtige Kreis gebildet ist, ursprünglich eine von slaw.Lutiziern bewohnte sandige Ebene, verdankt seine Cultur vorzüglich den flämischen Colonistcn, welche seit dem 12. Jahrh., wo die Gegend an das Erzftift Magdeburg gedieh, sich daselbst, namentlich in dem nach ihnen benannten Fläming, nicdcrließen. (S. Flämische Colonien.) In der Folge kam dieser erzbischöflich magdeburgische Bezirk, jedoch mit Ausnahme von Luckenwalde und Zinna, im prager Frieden von > 635 an Kursachsen. Dald darauf wurde es zu dem für die Sachsen-Weißenfelser Nebenlinie gebildeten Fürstenthum Ouerfurt geschlagen, mit dem es später wieder an die Kurlinie zurückfiel, 1815 aber an Preußen abgetreten und wiederum mit Luckenwalde zu einem Kreise von 24°/, IHM. mit 40000 E. vereinigt. Jütland, dän. Jylland, ist eine dän. Provinz, welche, den nördlichen Theil der cimbrischen Halbinsel bildend, westlich von der Nordsee, nördlich vom Skagerrack, östlich 1 5 IuvenaliS 749 vom Kattegat und südlich von Schleswig begrenzt wird, welches letztere die Dänen anmaß licherweise häufig als Südjütland bezeichnen. Es enthält 449'/. mM. Flächeninhalt, wird in der Mitte nach Osten hin von dem niedrigen Höhenzuge, welcher die ganze cimbri- sche Halbinsel ihrer Länge nach durchstreicht und in der jütländ. Aalhaide im Himmelsberg bis aus 530 F. sich erhebt, durchzogen, ist auf der Ostseitc hügelig und steil ins Meer abfallend, aus der westlichen und nördlicben aber flach und längs derKüste von niedrigen Dünen und einem Streifen Flugsand umgeben, welcher sich sanft, nur von einigen Haffbildungen unterbrochen, in das seichte Meer hinabsenkt. Der Boden des Landes, auf einer Unterlage von Gyps und Kreide beruhend, welche auf der Ostseite, durch viele malerische Einschnitte (Ziords) zerrissen, bis ans Meer hinantreten, ist auf dieser Seite höchst fruchtbar und mit schönen Laubholzwaldungen bedeckt, während die Mitte viele Moore und Haiden, doch zwischen ihnen auch wohlbebaute Strecken hat, und die flache, kahle West - und Nordscite steril ist und viel von Flugsand leidet. Der nördlichste ödeste Thcil von I., der in der Landspitze Skagenshorn endigt, ist durch den Durchbruch der Landenge, welche auf der Westseite das tief in das Land eindringende Lymfiord von der Nordsee trennte, zur völligen Insel geworden. Das Land hat mehre kleine Flüsse, von denen der Enden der bedeutendste ist, und einige zum Thcil sehr schöne Landseen. Das Klima kommt mit demDänemarks undSchles- wigs überein, ebenso die übrigeNaturbeschaffenhcit und dieProducte, wobei nur zu erwähnen, daß die Ostseite J.s sehr reich an Getreide, Rindvieh und Pferden ist, welche zusammen die Hauptgcgcnstände der Ausfuhr bilden, daß man überall vortrefflichen Torf findet und daß an den Küsten, wo cs auch Bernstein gibt, dieFischerei nicht unbeträchtlich ist. Der Gewerbfleiß ist, einige Leinweberei und Töpferei abgerechnet, höchst unbedeutend und blos aus den innern Verbrauch beschränkt. Die Bevölkerung beläuft sich auf 600,000 E-, welche, einige deutsche Kolonisten abgerechnet, dän. Stammes sind und mit den übrigen Dänen Religion, politische Verfassung, Sprache und den Stand der Bildung theilen. Das Land wird in vier Stifte getheilt, benannt nach den Städten Aalborg (s. d.), Viborg (s. d.), Aarhuus (s.d.) und Nipen. In den ältesten Zeiten sollen die Cimbern in I. gewohnt haben, nach denen noch die ganze exialbinsel benannt wird. In der historischen Zeit finden wir es von den Jüten, einem skandinav., von eigenen Königen beherrschten Volke, bewohnt, die an dem Zuge der Sachsen nach England Thcil nahmen. Sie führten, als Verbündete der Sachsen, Kriege mit Karl dem Großen und verwüsteten, mit unter dem Namen der Normannen bekannt, nachher noch oft die deutschen und franz. Küsten, bis sich gegen Ende des 0. oder zu Anfang des >0. Jahrh. der dän. König Gorm der Alte nach dem Tode des letzten jütländ. Königs Halfdan des Landes bemächtigte, das seitdem fortwährend einen Bestandtheil des Königreichs Dänemark (s. d.) ausgemacht hat. ZuvenäliS (Decimus Juniuk), einer der kräftigsten und beißendsten röm. Satirendichter in der letzten Hälfte des I. Jahrh. n. Ehr-, aus Aquinum im Volskischen gebürtig, widmete sich anfangs der Beredtsamkcit mit vielem Eifer und erst in seinen spätern Jahren der Dichtkunst, besonders der Satire. Da er in Rom, wo er sich aufhielt, durch die Tyrannei des Domitianus an der Veröffentlichung seiner dichterischen Productc behindert wurde, so bleibt die von den Alten selbst mit vielen Abweichungen mitgetheilte Nachricht sehr zweifelhaft, daß er in Folge einer gehässigen Anspielung auf den am Hofe damals beliebten Pantomimen Paris noch im Greisenaltcr von jenem Kaiser unter dem Scheine einer Ehrenbezeigung als zirset'sctuz cnlrortis in das äußerste Ägypten verwiesen wurde und erst unter Trajan nach Rom zurückgekehrt sei, wo er im 82. Jahre starb. Wir besitzen unter seinem Namen > <> Satiren, deren letzte jedoch allgemein für unecht gehalten wird und in denen er die Thorheitcn und Sittenvepdcrbniß seiner Zeit hart züchtigt. Sein Ausdruck ist nicht so gewählt, sein Charakter nicht so heiter und launig als der des Horatius, aber auch nicht so dunkel und ernst als der des Persius, und verräth oft den Rhetor. Außer den ersten Ausgaben seiner schon von den alten Grammatikern in fünf Bücher abgetheilten Satiren (Ven. 1-170 und Rom 1470, Fol.) erwähnen wir als die vorzüglichsten die von Henninius (Utr. >685, 4.; Leyd. 1695, 4.), Nuperti (2 Bde., Lpz. 1801 ; 2. Ausl. 1819—20), Heinrich (Bonn 1839) und den „11electu8 sutirurum" von Schmidt (Bielef. 1835). Eine Sammlung der alten Kommentatoren undScholiastenzuJ. besorgte Kramer (Hamb. 1823). 75V Juvencus Juwelen Gute deutsche Übersetzungen lieferten Haugwitz (Lpz. >818), Donner (Tüb. 1821), bcson- ders aber W. E. Weber (Halle 1838). Vgl. Z. V. Francke „Le vita ä»venalis"(2 Abth., Altona und Dorp. 1820—27). Juvencus (Casus Vettius Aquilinus), ein lat. christlicher Dichter, war Presbyter in Spanien und starb im I. 331. Nächst einer poetischen Umschreibung der Genesis in Hexametern lieferte er in demselben Versmaße eine Geschichte Jesu „Listm-ia evsnj-eliea", meistnach Matthäus. Die beste Ausgabe seinerWerke besorgte Gebser (2 Bdc., Jena 1827). Juventa oder Juventas, bei den Römern die vergötterte Jugend, ist aber nicht mit derHebe (s. d.) der Griechen zu verwechseln, die ein individuelles, kein abstractes Wesen war. Sie hatte auf dem Capitol eine Kapelle, und ihr zu Ehren wurde von den Jünglingen in Nom ein besonderes Fest begangen. Auf Münzen sieht man sie mit einer Opfer- schale in der Linken, mit der Rechten Weihrauch auf einen Dreifuß streuend. Juwelen nennt man im engern Sinne die echten geschliffenen Edelsteine (s. d.) und Perlen (s. d.), dann überhaupt alle mit solchen besetzte Geschmeide und Kleinode. Berzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. H. Seite ^eim(Ernst Ludw.—Joh. Ludw.—GeorzChristoph Ant. Christoph — Fr. Timotheus—Joh. Christoph). > Heimat. 2 Heimburg (Gregor).— Heimfall. 3 Heimliches Gericht, s. Femgerichte . Heimskringla, s. Sturluson (Snorro). Heimweh. Heine (Heinr.). -1 Heineccius (Joh. Gottlieb - — Joh. Christian Gottlieb) . 5 Heineccius (Joh. Mich.) .. — Heinccken (Christian Heinr. —Karl Heinr von).... — Heinefetter (Sabine— Klara — Kathinka). 6 Heinicke (Samuel). — Heinrich I., deutscher König 7 Heinrich II., röm.-deutscher Kaiser. 8 Heinrich IN-, röm.-deutscher Kaiser. 9 Heinrich IV., röm.-deutscher Kaiser. 10 Heinrich V., röm.-deutscher Kaiser. II Heinrich VI., röm.-deutscher Kaiser. >5 Heinrich Vll., röm.-deutscher Kaiser. >6 Heinrich II-, König von Heinrich III., König von Frankreich. 18 Heinrich I V., König von Frankreich. 20 Heinrich II., König von England. 22 Heinrich IV., König von England. 23 Heinrich V., König von England. 24 Seite Heinrich VII., König von England.23 Heinrich VIII., König von England.27 Heinrich der Seefahrer, Jn- fant von Portugal.29 Heinrich Raspe, Landgraf von Thüringen. 30 Heinrich der Erlauchte, Markgraf von Meißen.. — Heinrich I., Landgraf von Hessen. 31 Heinrich der Löwe, Herzog in Sachsen. 32 Heinrich der Jüngere, Herzog von Braunschweig.. 33 Heinrich II., Herzog von Schlesien und Großfürst von Polen. 34 Heinrich, Prinz v. Preußen — Heinrich, Herzog von Anhalt-Köthen. 35 Heinrich XX., Fürst Reuß zu Greiz. 36 Heinrich I. XII., Fürst Reuß zu Schleiz (H. I-XVII.) — Heinrich I-XXII., Fürst Reuß zu Lobenstein- Ebcrsdorf.37 Heinrich (Karl Friedr.)... — Heinrich von Alkmaar, s. Reineke Fuchs. — Heinrich von Meißen, der Minnesänger, s. Frauenlob. — Heinrichsorden.— Heinroth (Joh. Christian Friedr. Aug.). 38 Heinsc (Joh. Jak. Wilh.) . — Heinsius (Dan. — Nikol.) 39 Heirath, s. Ehe und Aussteuer.40 Heiserkeit. — Heißhunger.— Heister (Lorenz).— Hekatäus. 41 Hekate. — Hekatombe.— Seite Hekatoncheiren, s. Centima- nen. 42 Hekla.— Hektare, s. Maße und Gewichte . 42 Hektik. — Hektar,.— Hel oder Hela. — Heldenbuch. — Heldengedicht, s. Epos.... — Heldmann (Friedr.).— Helena. 43 Helena, die Heilige.— Helenus. 44 Helgoland. — Heliaden. 45 Heliand. — Helike. — Helikon. — Heliocentrisch. 46 Heliodor.— Hcliogabalus, röm- Kaiser — Heliometer.— Heliopolis, s. Baalbek.... — Helios. — Helioskop. 47 Heliostat. — Heliotrop, s. Chalcedon... — Heliotrop. — Hclischer Aufgang. — Heljand, s. Hkliand. 48 Hellanißos.— Hellas. — Helldunkel.— Helle. — Hellebarte. — Hellenen. 49 Hellenismus. — Hellenisten. — Heller.— Heller (Jos.).— Hellcspont.50 Hellschen, s. Somnambulismus . — Heilung.— Hellvig (Amalie von).— Helm...— Helm. 51 752 Verzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. Seite Helmers (Jan Frederik) - - 52 Helmintholithen und Helminthologie, s. Würmer. — Helmold. — Helmont (Joh. Bapt. van —Franciscus Mercurius van). — Helmstedt. 53 Heloise, s. Abälardus (Petrus) . — Heloten. — Helsingborg. — Helsingfors. — Helsingör. 5-1 Helft (Bartholom- van der) — Helvetier..-..— Helvetius (Claude Adrien) 55 Helvoetsluis. 56 Hemans (Felicia Dorothea) — Hernikranie, s. Migraine. - — Hemipteren oder Halbflügler, s. Insekten.— Hemisphäre, s. Halbkugel. — Hemling oder Hemlingk (Hans), s. Memling... - — Hemmen. — Hcmprich (Friedr. Wilh.). 57 Hemsterhuis (Liberias — Franz).— Hendekasyllaben. 58 Hendiadys. — Hengist und Horsa.— Hengstenberg (Ernst Wilh.) 59 Henke (Adolf Christian Heinr.). 60 Henke (Heinr. Phil. Konr.) — Henke(Hcrm.Wilh.Eduard) 61 Henneberg. — Hennegau . 62 Henvtikon.63 Henrici (Christian Friedr.) — Henriette (Anna), Herzogin von Orleans. — Henriot (Franx.).64 Henry (Patrick). 65, Hensel (Wilh.). 66 Henselt (Adolf).— Hephästion. 67 Hephästos, s. Bulcan.— Heptachsrd. — Heptagonalzahlen, s. Figu-' rirte Zahlen. — Heraklea. — Hcrakliden. — Heraklides. 68 Heraklit. — Heraldik. 69 Herat. — Herault. 70 Hcrault de Sechelles (Jean Marie). — Herbarium. 71 Herbart (Joh. Friedr.) ... — Herbelot (Barthclemy d'). 75 Seite Herberstein (Sigism., Freiherr von). 75 Herbert ofCherbury(Eduard Herbert, Lord—Georges) — Herbst. 76 Herbstnachtgleiche, s. Äquinoktium . — Herbst (Joh. Friedr. Wilh.) — Herculanum. — Hercules.77 Herculesbäder.... 80 Herculessäulen.81 Hercynischer Wald.— Herder (Joh. Gottfr. von). — Herder (Siegm. Aug. Wolf- gang, Freiherr von).... 83 Here, s. Juno.84 Heresburg, s- Eresburg .. — Herford. — Hering. — Heringsdorf.85 Herisau. - Heristall. — Herkommen, s Observanz. — Hermandad.— Hermanfried.89 Hermann.— Hermann 1., Pfalzgraf von Sachsen. 87 Hermann Contractus.... 88 Hermann (Friedr. Bened. Wilh.). — Hermann (Joh.Gottfc.Jak.) 89 Hermann (Karl Friedr.).. 91 Hermann (Karl Heinr.;... — Hcrmannstadt. 92 Hermaphroditismus.— Hermaphroditus. 93 Hermas. — Hermathene . — Hermbstädt (Sigism. Fr.). 94 Hermelin. — Hermelin (Sam. Gust., Freiherr von). — Hermen. — Hermeneutik. 95 Hermes, s. Mercur.— Hermes Lrismegistus.... — Hermes (Georg). — Hermes (Joh. Aug.).96 Hermes (Joh. Limoth.) . 97 Hermesianar. — Hermetisch. — Hermias. — Herminonen. 98 Hermione.— Hermitage. — Hermogenes. — Hermunduren. Hero. — Hero aus'Alexandria.... — Herodes der Große, König in Judäa—H.Archelaus —H. Antipas—H. Phi- . Sene lippus — H. Agrippa 1. — H. Agrippa 11. 99 Herodes (Liberins Claudius) . Herodian — Älius H. ... IW Herodot. — Heroen—Heroisch. 101 Herolde. — Herold. 102 Herold (Joh. Mor. Dav.) — Herold (Louis Jos. Ferd.) 103 Heronsball — Herons- brunnen. Hersphilus. 104 Herostratus. — Herrenbank. — Herrenhausen. 105 Herrera (Fernando de) .. — Herrera (Antonio). — Herrera (Francesco, «l > e> 51ono — H., ei ltukw — Alfonso de — Sebastians H. Rar- nuevo — Antonio).... Herrgott (Marquard)... 106 Herrnhut. 107 Herschel (Friedr. Wilh.). Herschel (Sir John Frc- dcrick Will., Baronet). 108 Hersfeld. Hertford. 109 Hertha. — Hertz (Henrik). — Hertz (Joh. Mich.). 110 Heruler.-. — Herwcgh (Georg). — Herwyn (Pierre Antome, Graf von Ncvele).... III Herz. 112 Hcrzberg (Ewald Friedr., Graf von). 114 Herzegowina. H5 Herzog.. — Herzogenbusch. 116 Hesekicl, s. Ezechiel. >17 Hesekiel (Friedr.). — Hesiod. — Hesione. 118 Hesperiden. — Hesperus. — Heß (Heinr.). — Heß (Joh. Jak.). 119 Heß (Karl) . — Heß (Karl Adolf Heinr.). 7? Heß (KarlErnstChristoph) 120 Heß (Ludw.) Hessen (Vorgeschichte)... 121 Hessen-Kassel. 122 Hessen-Darmstadt. 130 Hessen-Homburg. 138 Heffen-Philippsthal .... 139 Hessen - Rheinfels - Rotenburg. 140 l 1 Verzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. 753 Seite Heffengau. 142 Heßhusius (Tilemann)... — Hessus (Helms EobanuS) — Hesychasten. 143 Hesychiu«. — Hetären. 144 Hetäria. — Heterodox. 145 Heterogen und Homogen. — Heteronomie, s. Autonomie Heterosis, s. Enallagc... — Hetman. — Hetze. — Hetzer (Ludw.).146 Heu. — Heubner (Heinr. Leonh.). — Heumann (ChristophLug.) — Heumann von Leutschen- brunn(Joh-). 147 Heun (Karl Gottlob Sam.) — Heuristik. 148 Heuschrecken.149 Heusde (Phil. Wilh. van —Joh. Adolf Karl van) — Heusinger (Joh. Mich. — Friedr. — Jak. Friedr. — Konrad). — Heusinger (Karl Friedr.). 150 Hevelius (Johannes).... — Heveller. 151 Hexachord. — Hexagon. — Hexameter. — Hexapla. 152 Hexen und Hexenprocesse. — Heyden (Friedr. Aug. von) 153 Heijden (Jan van der)... 154 Heydenreich (Karl Heinr.) — Heijn (Peter Petersen).. 155 Heynatz (Joh. Friedr.). - — Heyne (Christian Gottlob) 156 Heyne (Christian Lebrecht — Friedr. Adolf). 157 Heyse(Joh.ChristianAug.) — Heyse (Karl Wilh. Ludw.) 158 HeyteSbury (William, Baron). — Hiatus. 159 Hibernia. — Hibrida. — Hidalgo. 160 Hiefhorn. — Hierapolis. — Hierarchie. — Hieratische Schrift, s. Hieroglyphen . 163 Hieratischer Stil. — Hieres. — Hierol-, von Syrakus... 164 Hiero I >., von Syrakus.. — Hierodulen. 165 Hieroglyphen. — HierokleS. 168 Hieronymiten. — Conv.-Lex. Neunte Ausl. Vll. Seite Hieronymus (Sophronius Eusebius). 169 Hieronymus von Prag.. — Hierophant. 170 Highwaymen. — Hilarius der Heilige.... — Hildburghausen. 171 Hildebert von Tours.... — Hildebrandismus. — Hildebrandslied. — Hildebrandt (Ferd.Theod.) 172 Hildebrandt (Georg Fr.). — Hildegard, die Heilige - -. 173 Hildesheim. — Hill (Sir Rowland, Ba- ronet von Almaraz und von Hawkstone, Viscount) . »... 174 Hillel.. >75 Hiller (Gottlieb). — Hiller (Joh. Adam). — Hiller (Joh., Freiherr — Joh. Lug. Friedr., Freiherr H. von Gärtringen) 176 Himalaja. — Himbeere. 178 Himera. — Himerius. — Himly (Karl Gust.—Ernst Aug. Wilh.). — Himmel. 179 Himmel (Friede. Heinr.). 180 Himmelfahrt. — Himmelfahrtsinsel, s. Ascension. — Hindenburg (Karl Friedr.) — Hindvstan, s. Ostindien.. 181 Hindus. — Hinken. 182 Hinkmar, Erzbischof von Rheims. >83 Hinrichs (Herm. Friedr. Wilh.). — Hinterhalt, s. EmbuScade 184 Hintersassen. — Hiob. — Hipparchus, von Athen .. — Hipparchus. — Hippasus. 185 Hippel (Lheod. Gottlieb v.) — Hippias, von Athen. 186 HippiaS, der Sophist.... — Hippiatrik. — Hippo. — Hippocentauren, s. Centauren . 187 Hippodamia. — Hippodromos. — Hippogryph. —. Hippokampen. — Hippokoon. — Hippokrates. — Hippokratisches Gesicht. - 188 Hippokrene.. Seite Hippolyte. 188 Hippolytus, s.Phädra... 189 Hippolytus a Lapide.... — Hippomrdon. — HippomeneS. — Hipponax. — Hipponoos. — Hippophagi. — Hirn, s. Gehirn. — Hirsch. — Hirschau. 180 Hirschberg. — Hirsch« (Joh. Bapt. von) 191 Hirschfeld (Christian Cay Lorenz) . — Hirse. — Hirt(Aloys). >92 Hirtenbrief..... — Hirtenpfennige. — Hirtius (Aulus). — Hirzel (Hans Kaspar — Salomon—Hans Kasp. — Jak. — Heinr. — Konr. Welch.— Ludw. — Bernh.). 193 Hiskias. 194 Historisch. — Historische Malerei. 195 Historische Vereine. 196 Histrionen. 201 Hittorff (Jak. Jgn.). — Hitzig (Jul. Eduard).... 202 Hjerta (Lars Joh.). — Hjort (Peter). 203 Hlubek(Franz LaverWilh.) — Hoang-Ho. 204 Hobbcma (Meindert) ... — Hobbes (Lhom.). Hobhouse(SirJohn Cam) Hochamt, s. Messe. Hochätzkunst. Hochberg (Markgrafen von). Hochdruck. )e(Lazare). >ebenr.. Gericht. »eim. ckirch. ckirche. lland. — Meister.214 >st. - lstaden. — ftädt. 215 werrath. — »wald.216 »wild.. — Hochzeit. — Hodegetik. 217 Hoditz (Älb.Jos., Grafvon) — Hodometer. 218 Holk von Hoenegg (Matthias)... — 48 205 207 208 209 210 ,754 Verzeichniß der im siebente» Bande enthaltenen Artikel. Seite Hoeks. 219 Hof. — Hof, in der Meteorologie. 226 Hof, auch Stadt zum Hof — Hofer (Andr.). — Hoff (Karl Ernst Adolf v.) 222 Hoffmann (Andr. Gottlieb) — Hoffman» (Christoph Ludw.). 223 Hoffmann (Clementine).. — Hoffmann (Ernst Emil).. — Hoffmann (Ernst Lheod. Amadeus). 224 Hoffmann (Friedr.). 226 Hoffmann (Heinr. Aug.). 227 Hoffmann (Joh. Gottfr.). 228 Hoffmann (Karl Alex.). - 229 Hoffmann (Karl Friedr. Vollrath). 236 Hoffmannsegg (Joh. Cen- turius, Graf von).... — Hoffnung. 23 l Hofgerichtc. — Hofmann (Aug. Konr., Freiherr von). — Hofmann (Heinr. Karl).. 232 Hofmannswaldau (Christian Hofmann von).. - 233 Hofnarren. — Hofrath. 234 Hofrecht. — Hofwyl. — Hogarth (William). 235 Hogendorp (Gijsbert Karl, Graf von — Dyrk von) 236 Hogg (James — James) 237 Hogland. — Hitze. 238 Hohe Geistlichkeit. — Hoheit. — Hohenegger (Laurenz)... 239 Hohenems. — Hohenfricdberg. — Hohengeroldseck, s. Geroldseck . 246 Hohenheim—Kleinhohenheim. — Hohenheim (Franziska Theresia, Reichsgräfin von). — Höhenkreis. — Hohenlinden. — Hohenlohe. 241 Hohenlohe-Jngelfingen (Friedr. Ludw., Fürst von).... 242 Hohenlohe - Waldenburg- Bartenftein (Ludw. Aloysius, Fürst von). Hohenlohe - Waldenburg- Schillingsfürst (Aler- Leop. Franz Emmerich, Prinz von). 243 Hihenmeffungen. 244 Seite Höhenrauch.244 Hohenschwangau.245 Hohenstaufen (deutsches Fürstengeschlecht) .... — Hohenthal (gräfliches Geschlecht).'..248 Hühenzollern (Hechingen — Sigmaringen) .... — Hoher Priester. 251 Hohes Lied. — Hohl, s. Concav. — Hohl oder Holl. — Höhlen. — Hohlflöte. 252 Hohlmünzen, s. Bracteaten — Hohlpfeife. — Hohlspiegel, s. Spiegel. - — Hohnstein.». — Hohöfen. 253 Holbach (Paul Heinr. Dietrich, Baron von)..... — Holbein (Hans), der Ältere 255 Holbein(Hans), derJüngcre — Holbein (Franz von—Julie von). 256 Holberg (Ludw., Freiherr von). 257 Hölderlin (Joh. Christian Friedr.). 258 Holland. 259 Holland (Henry Rich. Vassall, Lord—Henry Edw. For, Lord). — Holländer. 266 Holländerei.26t Hollar (Wencesl.). — Hölle. — Höllenmaschine. 262 Höllenstein. — Hollunder . — Holm. 263 Holman (James). — Holofernes. — Holothurien. — Holstein. — Holtei (Karl von — Luise von — Julie von) .... 266 Hölty (Ludw. Heinr. Christoph). 267 Holtzendorff (Karl Friedr. von). 2l>8 Holwell (John). — Holyrood. — Holz (Holzhandel). 269 Holzbock. — Holzminden. 276 Holzsäure. — Holzschneidekunst. — Holzwurm, s. Borkenkäfer 273 Homann (Joh. Bapt. — Joh. Christoph). — Homburg vor der Höhe.. — Home (Sir Everard)... - 274 Home (Henry) Lord Kaimes — Seite Homer. 274 Hoineriden. 277 Homiletik . — Homilic. 278 Homilius /Gottfr. Aug.). — Hommel (Karl Ferd.) ... — Homoccntrisch .... 279 Homogen, s. Heterogen.. — Homoioteleuton. — Homoiusia und Homoiusia- sten, s. Arianer. — Homologumena, s. Antile- gomena und Kanon ... — Homonymen, s. Synonymen . — Homöopathie. — Homousia und Homöusianer, s. Arianer. 28t Hompesch (Ferd., Freiherr von—Joh.Wilh. von). — Hvndekoeter (Familie — Ägidius — Gijsbert — Melchior).282 Honduras. — Hone (Will.). — Hocne-Wronski. — Honig. 283 Honigberger (Mart.) ... — Hönigern. 284 Hsnigthau. — Honneurs.. — Honorar. 285 Honorius, röm. Kaiser .. — Hsnorius (l. - IV., Päpste) — Hontheim (Joh. Nie. von) 286 Honthorst (Gerhard).... — Hood (Sam.— Alex.)... — Hoost (Pieter). 287 Hooghe (Pieter de — Romein de). — Hoogstraten (Dav. van) . 288 Hoogstratcn (Dijrk van — Sam. van — Jan van) — Hoogstraten (Jak. van).. — Hook (Theod. Edw.) .... — Hoorn (Philipp II. von Montmorency - Rivelle, Graf von Floris). 289 Hope(Thom.). — Hopfen. — Hopital (l'), s. L'Hopital (Michel de). — Horapollo. — Horatius (röm. Geschlecht) 296 Horatius Flaccus (Quin- tus). — Hordenschlag. 292 Horeb. — Horen. — Hören, s. Gehör und Sinne 293 Horiah. — Hörigkeit. — Horizont. — Horizontal. 294 I Verzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. 755 Seite Hörmaschinc, s. Hörrohr. 29-l Hormayr (Jos., Freiherr von). — Horn. 295 Horn. 296 Horn (Cap). — Horn (Gust., Graf von).. — Horn (Ernst). — Horn (Franz Christoph). 297 H-rN (Joh. Gottlob).... — Horne Tooke (John) .... 298 Horncck (Ottokar von)... — Hornemann(Friedr.Konr-) 299 Hornemann (Jens Wilken) — Horngroschen. — Hornhaut. — Hornpfeise. — Hornsilber... 369 Hornstein.'. — Hornthal (Franz Ludw. von). — Hornwerke, s. Außenwcrke — Horoskop, s. Nativität.. - — Hörrohr. — Horsa, s. Hengist. 301 Horst. — Hortensia. — Hortensius (Quintus)... — Horus. — Hosen. 392 Hosea. — Hosenbandorden. — Hosianna. 393 Hosius.» — Hosius (Stanislaw). — Hospinian (Rud.). — Hospital. 394 Hospitalbrand.. — Hospitalfiebcr, s. Typhus 395 Hospiz. — Hospodar. — Hoßbach (Wilh. Heinr.). — Höst (Jens Kragh). — Hostien . 396 Hotho (Heinr. Gust.).... — Hotomann (Franz). — Hottentotten. 397 Hottinger (Joh. Heinr. — Joh. Jak.'. 308 Houbracken (Arnold — Jak.). - Houchard (Jean Nicol.). 399 Houdetot (Elisabeth Fran- yoisc Sophie de Salive de Bellegarde, Gräfin von) — Houdon (Jean Antoine) - — Henris. — Houston (Samuel). 319 Houtman (Cornelius)... — Houwald (Christoph Ernst, Freiherr von). <311 Howard (Charl.), Graf vonCarlisle. — Howard (George), s. Sar- Scite lisle (George Howard, Graf von). 311 Howard (John). — Howard (Katharina)....' 312 Howard (Luke). — Howe (Richard, Graf) .. — Howitt (Will.—Richard) — Hoya. 313 Hoyer (Joh. Gottfr. von) — Hoym (Karl Georg Heinr., Graf von). 314 Hrabanus Maurus. — Hrosuita. — Huarie(Juan). 315 Huber (Franz). — Huber (Ludw. Ferd. — Victor Aime).. — Huber (Maria)....... - 316 Huber (Mich.)..... — Huber (Sam.)... 317 Huber (Therese). — Hubertus der Heilige.... 318 Hubertusburg. — Hübner (Joh.). — Hübner (Rud. Jul. Benno) 319 Hübsch (Heinr.). — Hücker. 329 Hudibras. — Hudson (Hendrik). — Hudson (John). — Hudson Lowe (Sir).321 Hudsonsbai. — Hue.- - - -, 022 Huehuetlapallan.' — Huerta (Wie. Garcia de la) — Huet (Pierre Dan.).323 Hufe. — Hufeland (ChristophWilh.) — Hufeland (Gottlieb) .... 32-1 Hüffell(Joh.Heinr.Ludw.) 325 Hüfte. — Hug (Joh. Leonhard). - - - 326 Hügel (Ernst Eugen, Freiherr von). — Hügel (Karl Alex. Anselm, Reichsfreiherr von)--- — Hugenotten. 328 Hugo von Trimberg .... 334 Hugo (Gust.). 335 Hugo (Victor Maria — Abel). — Hugo Capet, s. Capetinger 337 Hugtenburgh (Jan van). — Huhn. — Hühnen, s. Hünen. — Hühnerauge. — Huissirrs. 338 Huldigung. — Hüll. — Hullin (Pierre Aug., Graf) 339 Hüllmann (Karl Dietr.). 349 Hülsenfrüchte. — Hulthem (Karl Jos. Emmanuel van). — Seite Human. 341 Humanität. — Humann (Jea» Georges) 342 Humboldt (Friedr. Heinr. Alex., Freiherr von) .. 343 Humboldt (Karl Wilh., Freiherr von). 348 Hume (Dav.). 349 Hume(Jös). 359 Hummel (Joh. Nepomuk) — Hummer. 351 Humor. — Humoralpathologie. 352 Humus. — Hund.,. 353 Hundert Tage. 354 Hundesh-gen (Joh. Christian). — Hundetragen. — Hundsgrotte. — Hundsrück.355 Hundstage. — Hundswuth. — Hunger. 357 Hungercur. — Hünen. 358 Hüningvn. — Hunnen. 359 Hunt (Henry). 369 Hunt (James Henry Leigh-) — Hunter (Will.—John).. — Hunyad (Joh. — Ladislaw — Matthias). 361 Hupfeld (Herm.). 362 Hurd (Rich.)....., — Huronen. 363 Hurter (Friedr.). — Husaren. 364 Huschke (Georg Phil. Eduard).. — Huskiffon (Will.)....... — Huß (Johannes).365 Hussttcn. 366 Husten. — Hut. 367 Hutcheson (Francis) .... 368 Hütte. — Hutten (Ulrich von). — Hüttenkotze.379 Hüttenkunde. — Hüttenrauch. — Hüttenwerke. — Hutter (Leonhard). — Hutton (Charles). — Hutungsrecht. 371 Huxham(John). — Huy. — Huijdecoper (Balthasar). — Huyghens (Christian)... 372 Huysum (Jan van — Justus van—Nikol, van— Jak. van). — Hveen. 373 Hyacinthe. — 48 * 756 Berzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. Elite Hyacinthus. 373 Hyaden. — Hyalith . 374 Hyalosiderit, s. Chrysolith — Hyalurgie. — Hyäne. — Hydrids, s. Hibrida. — Hydaspes. — Hyde (Anna und Edward), s Clarendon (Edward Hyde, Graf von). — Hyde de Neuville (Paul, Graf von). — Hyderabad. 375 Hyder Ali. 378 Hydra. — Hydraulik.. — Hydrocephalus oder Wasserkopf, s Wassersucht. 377 Hydrodynamik, s. Hydraulik . - Hydrogen, s. Wasserstoff. — Hydrometer. — Hydrooxygengas-Mikroskop— Hydrophobie, s. Wasserscheu . 378 Hydropisch. — Hydrostatik, s. Hydraulik — Hydrostatische Wage, s. Aräometer. — Hydrothionsäure. — Hyeres, s. HiereS. — Hygiastik. — Hygiea. — Hyginus (Casus Julius). — Hygrometer. 37!) Hylas .-.. — Hylozoismus. — Hymen. — Hymenopteren, s. Insekten 388 Hymcttus.. — Hymne. — Hypallage. — Hypata. — Hypatia. — Hyperbaton. — Hyperbel (Geometrie)... 381 Hyperbel (Rhetorik) .... — Hyperboloid. — Hyperboreer. — Hyperides . 382 Hyperion. — Hypermeter. — Hypermnestra. — Hypertrophie. — Hypnos. — Hyphasis. — Hyphen. — Hypochondrie. — Hypocykloide,s.Epicyklvide 383 Hypomochlium. — Hypotenuse. — Hypothek. — Hypothese. 384 Seite Hypotypose. 384 Hypsipyl«. — Hypsistarier. — Hyrkanus (Johannes) — Hyrkanus U. — Hysterie. — Hysterologie. Hysteroplasmen. I. ÄamblichuS. — Jambus. — Janina. — Japetus. 387 Jarbas. — Järta (Hans — Karl Lhom.). — Jasion. — Jason. — Jacralipten. 388 Jatrochemiker. — Jatromathematiker. Jaxartes. — Jbarra (Joachim). — Jbell (Karl Friedr. Justus Emil von). — Iberis. 390 Ibis. — Jbn Roschd, s. Averrhoes- — Jbn Sina, s. Avicenna... — Ibrahim Pascha. . Ich . 392 Ichneumon. 393 Jchthyolith. — Ichthyophagen. — Jcilius. — Jeilius (Quintus), s. Gui- schard (Karl Gottlieb). — Jcolmkill.l... — Jda. 394 Jdalium. Jdas. — Jdäus. — Ideal. — Idealismus. — Idee. 398 Jdcenassociation, s. Association der Ideen. — Jdeler (Christian Ludw.) — Jdeler (Jul. Ludw.).... 397 Identität. — Jdentitätssystem, s. Schilling (Friedr. Wilh. Jos. von). — Ideologie. — Idiom, (.Idiotismus... — Idiopathisch. — Idiosynkrasie . 398 Idiot. — Idiotikon. — Leite Idiotismus.398 Jdmon. 399 Jdololatrie. — JdomeneuS. — Jdria. — Jdumäer. — Jdunna. - Jdus, s. Kalender. — Idylle..... . — Jfferten, s. Pverdun -... 498 Jffland(Aug.Wilh.).... — Igel. 48l Jglesias de la Casa (Jose) — Ignatius der Heilige .-.. 482 Ignaz von Loyola, s. Loyola — Jguvium. — Jkarius. — Ikarus. — Jkonium. — Jkonodulen. — Ikonographie und Jkono- logie. — Ikosaeder. 483 Jldefonso (San). — Jlefeld. — Ilgen (Karl Dav.). — Ilias, s. Homer. 484 Mschc Lasel. — Jlithyia. — Jlium. — Illegal und illegitim, s. Legal und Legitimität... — Illinois. — Jllüminaten. 405 Illusion. — Zllustrirte Ausgaben.... 406 Jllyrien. — Jllyrische Sprache und Literatur, s. Serbische Sprache und Literatur 487 Ilmenau. — Zlmensec. 408 Iltis. — Zlus. — Imagination. — Imam. — Jmatrafall. — Jmandrasee.489 Jmaus. — Jmbert (Barthelemy)... — Imitation, s. Nachahmung — Immanent. — Jmmediatstände. — Immen, s. Bienen. 410 Jmmermann (Karl Lebr.) — Immobil. 4!I Immobilien. — Immunität. — Jmola. — Jmola (Jnnocenzo da)... — Jmpanativn. — Imperativ.412 Imperator. — Jmperfectum. — i ( Berzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. 757 Seite Seite Seite Imperial. 412 Znfant.. 436 Instruction. 459 Imperium. — Jnfantado (Herzig von). — Instrument. — Impfen, s. Kuhpockenim- Infanterie. 437 Instrumentale Arithmetik 46« pfung und Pfropfen... 41.1 Infarkten. — Instrumentalmusik. — Imponderabilien. — Znferien. 438 Insubordination. — Jmpost. — Jnfibulation. — Insurrektion. 461 Impotenz..... — Infinitesimalrechnung... — Jntaglien. — Imprägnation. 414 Infinitiv. — Integralrechnung. — Impromptu. — Jnflexion. — Intellektuell.. 462 Improvisatoren. — Influenza, s. Grippe.... 439 Intelligenz. — Imputiren. 415 Znful. — Jntelligenzblätter. 463 Jnachus. — Infusion. — Jntelligibcl. — Jnauguraldisputation, s. Infusorien. — Intendant. — Disputation. 416 Zngävonen. 44« Intensiv». — Inauguration. — Ingelheim. — Intensität. — Incarnat. — Ingemann (Bcrnh. Seve- Jntenflvum. ,- Inccst, s- Blutschande... — rin)... 441 Intention. 464 Inchbald (Elisabeth).... — Ingenieure. — Jntercession. — Inklination — Zncliniren — Jngermanland. 442 Jnterdict. — Zncognito reisen. — Ingersleben (Karl Heinr. Interesse. — Jncolat, s. Indigenat.... — Ludw. von). -77- Jnteressenrechnung. 465 Inkommensurabel. — Jnglis (Henry Dav.).... 443 Interim. — Inkompetenz. — Ingolstadt. — Interimistikum. 466 Zncomplexr Größe. 417 Ingres (Jean Aug. Do- Jnterimswirthschast.... — kn eoonu äoiwni. — minique). — Interjektionen. — Zncrement. — Ingwer. 444 Interlokut . — Inkubation. . — Initiative . — Intermezzo. — Incubus, s. Alp . — Injektion, s. Einspritzung — Jnternuntien . 467 Inculpat . — Injurie. — Interpoliren. — Inkunabeln. — Inkas. 445 Interpretation, s. Eregese 419 and Hermeneutik . Inäoi. Jnnocenzl. — XIII. 446 Interpunktion. — Indiana . 42« Innsbruck . — Interregnum .. 468 Indikativ . — Inschriftenkunde oder Epi- Jnterrex . — Zndicienbeweis, s. Anzeige 421 graphik, s. Epigraphe. 447 Intervall . — Jndiction. . . — Innung, s. Zünfte . — Interventionen . — Indien . — Ino . — Jntestaterbfolge . 47« ZndifferentiSmus . — Inokulation, s. Kuhpocke»- Intoleranz, ss. Indifferen- Jndifferenzpunkt . 422 impfung und Pfropfen. — tismuS und Religion«- sreiheit . _ Intonation . 423 449 Jntrade . 471 Indisches Feuer . Jnrotulation der Acten .. 45« Jntrigue. Indische Kunst..... — Insekten. — Jntrodu ction. — meer. 425 Inseln der Seligen. Jnventarium. 472 Indische Religion. Inseln des grünen Borge- Inverneß. — Indische Sprachen. 427 birges, s. Grünes Bor- Inversion. — Indische Vogelnester .... 428 gebirge. 454 Jnvestiturstreit. 473 Individuell. 429 Insignien. — Jnvocavit, s. Sonntag.. — Indo-germanische Spra- Insinuation, s. Citation.. — Inzucht. — chen. — In »oliäum, s. Solidarisch. — 2°. — Indolenz. 43V Insolvenz, s. Bankrott... — Jod. 474 Indossement. -- Inspektion. — Jokaste. — Induktion. — Jnspicirung. — Jolaus. — Jndulgenz, s- Ablaß. 431 Inspiration. — Jole. — Indult. —- Instanz. 455 Jolkos. — Zndu«. — Instinkt. — Jon. — Industrie. — Institut . 456 Zonien . 475 Industrie- oder Arbeit«- Institut (königliches) von Jonikus, s. Rhythmus ... 476 schulen. 434 Frankreich. — Jonische Inseln. — ZneS de Castro. 435 Institutionen, s. 6orpu, Ionischer Meer. 477 ZnsallibilitLt. 436 juri», Gajus und Römi- Jonische Schule. 478 Infamie. — scher Recht. 459 Iota, .. Verzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. 758 Verzeichniß der Seite Jpecacuanha. 478 Jphigenia. — JphikleS . — Jphikrates.— Jphimedea. 479 Jpsara. — Jpsus. — JrakAdschemi. — JrakArabi... — Iran. — Jreland (John).480 Jrenäus. — Irene, griech. Kaiserin.. — Jreton (Henry). — Jriarte (Juan de). 481 Jriarte (Tomäs de). — Iridium. 482 Iris — Jrissteine. — Irkutsk. — Irland. — Jrmensäule. 496 Irokesen. 497 Ironie. — Irrational. — Irrationalität. — Jrregulair. 498 Irrenanstalten. 499 Irritabilität. Irrlicht. — Jrrthum. — Irus. 500 Irving (Edward). — Irving (Washington) ... — Isaak. 501 Jsabella von Castilien (Kö- nigin von Spanien)... Zsabella H. (Maria Luise) Königin von Spanien. 502 Jsabey (Jean Bapt. — Eugene). Zsambert (Frany. Andre) Isar. Zsaure (Clemence). Jsäus. Zschia. Ischl. Isegrim. Jselin (Isaak) Isenburg.... JsidoruS Hispalensis.... Jsidorus Pelusiota. Ist«. Islam und Jslamismus, s. Mohammedanismus.. Island. Seite Zsle de France (Insel)... 5II Zsly. — Zsmaeliten. — Ismail. — Isny. — Jsobarometrische Linien.. — Isochron.512 Jsographie. — Jsokratcs . — Zsola-bella, s. Borromei- sche Inseln.513 Jsolani (Joh. Ludw- Hek- tor, Graf von). — Zsoliren. — Isomerische Körper. — Isometrisch. — Isomorphismus. — Isoperimetrisch. 514 Isothermen, s. Erdwärme — Jsouard (Nicolo). — Zspahan. — Israel und Israeliten, s. Hebräer und Juden... — Israeli (Isaak d')- Iffus. Zstävonen . Zster. Isthmus. Istrien. Zsturiz (Don Javier de) Italien. 517 Italienische Kunst. 531 Italienische Musik.545 Italienische Schule.547 Italienische Sprache und Literatur. — Jtalinsky (Andr.).577 Jterativum. — Jthaka. — Jthome.578 515 516 Seite Jablunka.582 Jacht. — Zack Büdding, s.Hanswurst 583 Jackson (Andrew). — Jäck (Heinr. Joach.) .... 585 Jacob (P. L-), öibliopkile, s. Lacroix (Paul). — Zacobäa von Holland.... — Jacobi (Friedr. Heinr.).. 586 Jacobi (Zoh. Georg).... 587 Jacobi (Jak.). — Jacobs (Christian Friedr. Wilh.). 588 Jaconncts. 580 Jacotot (Jos.). — Jacqueminot (Baron) ... 500 Zacquerie..... — Jacquin (Nikol. Jos., Freiherr von — Jos. Franz, Freiherr von). 591 Jaen. — Jaffa. — Jagd. 592 Jagdrecht -.594 Iagello.595 Jagcllonen. — Jagemann (Christian Jos. — Ferd. — Karoline) - — Jäger. 596 Jägerndorf. — Jaguar, s. Unze. 597 Jahn (Friedr. Ludw.)... — Jahn (Jos.). 598 Jahn (Joh. Christ.). — Jahr. — Jahr und Lag, s. Frist... 600 Jahreszeiten. — Jahrringe. — Jakob. — Jakob 1., König von Schott- ZSle de France (Gouvernement). — Jturbide (Don Augustin land. 601 503 de), Kaiser von Mexico — Jakobi., König von Groß- — Jtschil. — britannien und Irland. 602 — Jtys. — Jakob II., König von Groß- —- Itzehoe. — britannien und Irland. 603 504 Jtzstein (Joh. Adam von) 579 Jakob III., der Prätendent 605 — Jviza.-. — Jakob l., Kaiser von Haiti, — Jvrra. 580 s.Deffalines(Joh.Zak.) 608 505 Jvry. — Jakob (Ludw. Heinr. von) — Iwan >.—II., russ. Groß- Jakobiner. 607 — fürsten; I.—II-, Wasil- Jakobinerorden. 613 - - jewitsch—Alerjewitsch Iakobiten (Monophystten) — 506 -I. III., Zare. — Jakobiten (in England).. — — Zwein. 531 Jakobsstab, s. Orion .... 614 — Jxion. — Zakuzk.l. — — Iynx. — Zalape. — 508 Jalta. — — Jod. Jamaica. — James (Georg Payne 509 Rainsford). 615 — ^Zablonowski (fürstl. Fa- Jameson (Anna). — 510 milie—Stanislaw—Jos. Jameson (George). 616 Alex.—Anton—Maxim. Jameson (Rob.). — 511 — Ludw.). 582 Jamieson (John). — Verzerchniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. 759 Seite Janet (Franx.). 617 Zanin (JuleS). — Janitscharen. — Janitscharenmusik. 616 Jansen (Cornel.—Cornel.) — Janffens (Abr. — Cornel. — Bict. Honorius)... 620 Januar. — Januarius. — Janus. — Japan.621 Japhet.626 Jarcke (Karl Ernst) Jargon. — Jargons. — Jarnac. — Jaroslaw. 627 Jasmin. — Jasmin (Jacq.). — Jasmund. — Jaspis, s. Quarz. 628 Jaspisporzellan, s. Wedgwood . 3affy. Zauer. Jauregui y Aguilar (Juan de). Java. 629 Zart. 630 Jaxthausen. — Jay (Antoine). — Jazygen.631 Jeanned'Arc. — Jean Paul, s. Richter (Jean Paul Friedr.).633 Jedo. - Jefferssn (Thomas). — Jeffreys (Sir George). - - 63-1 Jehovah. 635 Jckaterinburg. — Jckaterinodar.636 Jekaterinoslaw. — JemappeS. — Jemen, s. Arabien.637 Jena. — Jenikale.6-11 Jenisei. — Jeniseifk. — Jenner (Edward). — Jephtha.612 Jerdan (William). — Jeremias. 613 Jerica (Pablo de).. — Jericho—Rose von I... - — Jermak Timotejew.611 Jermolow (Alexei Petro- witsch). — Jerobeaml. — II. — Jersey, s. Gucrnsey.615 Jerusalem. — Jerusalem (Joh. Friedr. Wilh.). 617 Jesaias. — Jesuiten. 618 Seite Jesuitenschulen. 656 Jesuitenstil. 657 Jesus. 658 Jesus Sirach, s. Sirach. 660 leux klorsux. — Jever. 661 Jeziraj. — Joachimsthaler. — Joänes (Vicente—Juan Bicente). — Jobsiade. — Jöchrr (Christian Gottlieb) — Jode (Peter de—Peter de Arnold de). 662 Jodelle (Etienne). — Joel. — Johann I.—XXIII., Päpste — Johann XXII., Papst ... 663 Johann XXIII., Papst .. — Johann ohne Land, König von England. 661 Johann von Leyden, s. Taufgesinnt« . 665 Johann von Luxemburg, König von Böhmen... — Johann von Schwaben, s. Johannes Parricida .. 666 Johann VI. (Maria Jos. Ludw-), König von Portugal . — Johann II. Kasimir, König von Polen.667 Johann III Sobieski, König von Polen — Jakob S. — Hedwig — Marie Clementine — Alex. — Konstantin. — Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen - 668 Johann Friedrich I-, Kurfürst von Sachsen .... — Johann Friedrich II., Herzog von Sachsen. 669 Johann Georg I., Kurfürst . von Sachsen. 670 Johann Georg II., Kurfürst von Sachsen.671 Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen .... Johann Georg IV., Kurfürst von Sachsen .... Johann (Bapt. Jos. Fabian Sebast.), Erzherzog von Ostreich.672 Johann von Ostreich, s. Juan d'Austria.673 Johann (Nepomuk Maria Joseph, Prinz), Herzog zu Sachsen. — Johanna (Päpstin).671 Johanna I., Königin von Neapel. — Johannall., Königin von Neapel.675 Seite Johannes der Läufer.. -. 676 Johannes (der Evangelist) 677 Johannes Chryssrrhoas . — Johannes Parricida. — Johannes Secundus .... 678 Johannisbeere. — Johannisberg. — Johannisbrot. Johannischristen, s. Sa- 679 bier.. — Johannisfeuer. — Johannistag. Johanniswürmchen, s. Glühwurm. — Johanniterritter. '- John Bull. 681 Jehnson (Benjamin).... — Johnson (James). 682 Johnson (Richard). — Johnson (Sam.). — Joinville. 683 Joinville (Jean, Sire de). — Jojakim.. 681 Joliba, s. Niger. — Jolle. — Jomard (Edmond Frans.) — Jomelli (Nicole). 685 Jomini (Henri, Baron).. — Jona. — Jonas (Justus). Jonathan—Jonathan Ap- phus. 687 Jones (Sir Jnigo). Jones (John Paul). — Jones (Sir Will.). 688 Jongleurs. Jonson (Ben), s. Johnson 689 Benjamin). — Jordaens (Jak.). — Jordan, (.Palästina.... Jordan (Camille de).... 690 — Jordan (Dora). 691 Jordan (Sylvester). — Jordanes. Jörg (Joh. Christian 692 Gottfr.). — Josesinos. 693 Joseph. — Joseph. — Joseph von Arimathia... Joseph 1., röm. - deutscher 691 Kaiser. — Joseph II-, röm.-deutscher Kaiser). — Joseph (Friedrich Ernst Georg Karl), Herzog von Sachscn-Altenburg 698 Josephine (Marie Rose), Kaiserin der Franzosen — Josephus (Flavius).699 JosiaS, Prinz von Sachsen- Koburg.. 700 Josquin Desprez. — Jost (Israel Marcus)... — 76V Berzeichniß der im siebenten Bande enthaltenen Artikel. Seite Seite Seite Josua. 701 Judenpech, s. Asphalt.. . - Junke. 738 Joubert (Barthe'lemy Ca- Judenthum. Juno..., — therine). — Jüdisch-Deutsch. . 718 Junot (Andoc>e und Jo- Jouffroy (Theodore Si- Jüdische Literatur. scphine), s. Abrantes mon). 702 Jüdisches Schulwesen .. . 723 (Herzog und Herzogin) 739 Joujou... — Judica, s. Sonntag - - - - Junta. — Jour. 703 Judith. Junta oder Junti, s. Giunti — Jourdan (Jean Baptiste, Juften. Jupiter. — Graf). Jourdan (Mathieu Jouve) 704 Journal. — Jouvenct (Jean). 705 Jouy (Vict. Jos. Etienne de). — Jovellanos (Don GaSpar Melchior de). 706 Jovinianus. 707 Joyeuse (Herzoge von — Guillaunie, Vicomte de Anna«, Herzog von — Franz — Heinrich Jugendschriften Jugurtha, König von Ru- midien.726 Julep. 727 Julia. — Julianshaab. — Julianus (Flavius), röm. Kaiser—Marc. Didius SalviuSJ. — Jülich. 728 Julius. 720 Julius (rLm. Geschlecht) . — Julius Cäsar, s. Cäsar (Ca- 730 Jean Armand de)... - ilo^sui« sntrs«. Joyou, s.Cadoudal (Geor- geS) . — jus Julius). Julius (1, — III., Päpste) Julius (Nik. Heinr.) .... Juncker (Friedr. Aug. — Juan, s. Don Juan. — Joh. — Christian).... Juan d'Austria (Don) - .. 708 Jung (Joachim). Juba, König von Numidien 709 Jung (Joh. Heinr.). !! > Juball. Jung-Bunzlau . Jubeljahr . — Jünger (Joh. Friedr.) . .. Jubilate, s. Sonntag. - - - — Junges Deutschland . Juchten, s. Juften. — Junges Europa. ' Jucken. - Junges Italien. Juda. 710 Judäa, s. Palästina. — Judas Jscharioth. — Judas Makkabai. — Judas Thaddäus. — Juden. — Judenkirsche. 717 Zudenmedaillen — Juden- ttpfe. — Jungfrau von Orleans, s. Jeanned'Arc. — Jungfrauen. — Jungmann (Jos. Jak.)... — Jüngster Lag. — Zunius . 737 Junius (röm. Geschlecht) — Zunius (Briefe des). — Jura. 742 Jurisdiction, s. Gerichte und Gerichtsverfassung — Jurisprudenz, s. Rechtswissenschaft . — Jurburg. — Juristenrecht. — Jussieu (Antoine de—Ber- nard de — Jos. de — Adrien de — Laurent Pierrede).743 Jussuff-Bey. 744 Milieu. — Justi(Karl Wilh.). 746 Justicia. — Justinianus l. (Kaiser des byzantin. Reichs). — Justinus (Marcus Justi- nianus).747 Justinus (der Märtyrer). 743 Justirmaschine, s. Adjusti- ren. — Justitia. — Justitium. — Zustizhoheit. — Justizmord. — Jüterbogk. — Jütland. — Juvenalis (Decimus Junius)......749 Juvencus (Cäjus Vettius Aquilinus).750 Juventa. — Juwelen...- § fk.'w. 2p? . H Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen: SH.VM - LVI.4S zum Conversations - Ferikm. VoHstLlläix 5VV 81g.it iv üllLri, ill 120 Uekeruvxev zu dem Preise von 6 Ngr. --- 22 Kr. Rh. -----18 Kr. C.-M. Erschienen ist die erste bis vier«il-zwanzigste Lieferung (Taf. 1—104), mit Darstellungen aus folgenden Abtheilungen: I. ^ktttoUuox. Mathematische und Naturwissenschaften (39 Tafeln). Zoologie: Affen. Säugende Seethiere. Wiederkauende Säugthiere. Raubthiere. Schwimmvögel. Hühnervögel. Stelzenvögkl. Reptilien. Fische. Frösche. Classification des Thierreichs nach Cuvier's System. — Botanik: Classification der Pflanzen nach Jussieux's System. — Anthropologie: Menschenracen und ihre Vertheilung auf der Erde. Anatomie des Menschen. Knochenlehre. Ncrvenlehre. Bänderlehre. Muskellehre. Kranioskopie. — Mathematik: Geometrische Körper. Geometrische Aufgaben, Geometrische Figuren. — Astronomie und Äosmographie : Darstellung der scheinbaren Bewegungen der Sonne. Theorie der täglichen und jährlichen Bewegungen der Erde. Parallele Sphäre. Gerade Sphäre. Die 13 Durchgänge des Merkur über die Sonne im 19. Jahrh. Die Erscheinungen des Durchgangs des Merkur vom 1. Mai 1786 für verschiedene Punkte der Erde. Sonnenflecken. II ^dtkvUrurA. Geographie der Gegenwart (6 Tafeln). Städteplane: Plan von Madrid. Barcelona. Saragossa. St.-Petersburg. Warschau. Rom. Mailand. Konstantinopel mit seinen Vorstädten. Livorno. Florenz. Ancona. Modena. UI. IkktdoUuirx. Völkerkunde der alten Welt und des Mittelalters (8 Tafeln). Kreuzzüge, Ritterwesen und Turniere: Ritterschwur. Ritterschlag. Prachtrüstungen. Englische und deutsche Ritter m Turnierrüstungen. Der Kampfrichter. Ein Kampf von Kreuzrittern mit den Saracenen. Kreuzpredigt unter den Mauern von Jerusalem. Rückkehr der Kreuzheere aus Palästina. Ein Turnier in Deutschland. Auszug von Kreuzrittern nach Palästina. Eine Falkenjagd in Frankreich. — Heraldik: Formen, Farben und Thcilung der Wappenschilde. Kronen. — Gottesgerichte, Inquisition u. s. w.: Die Strickprobe. Die Wasserprobe. Die Feuerprobe. Ein Auto-da-Fee in Spanien. — Etrusker und Römer: Römische Imperatoren. Kaiserinnen. Senatoren mit der Loga. Ein röm. Philosoph. Ein Lictor. Bürger und Bürgerinnen. Röm. Frauen. Kopfputz röm- Frauen und Mädchen. Kopfbedeckung der Römer. IV. Völkerkunde der Gegenwart (12 Tafeln). Nationaltrachten der Asiaten: Auszug des Rajah von Kutsch. Volksscene in Kattiawar. Kopfbedeckungen der Orientalen. Syrischer Scheik und seine Frau. Frauenkleidung in der Levante. Tracht der Maro- niten. Tracht der Mädchen in Naplus und der Nazarener. Tracht der Araber. Armenischer Kaufmann. Armenisches Mädchen. Türke aus Mardin. Russische Völkerschaften. Kaukasus-Völker. Der Kaiser von China im Kaiscrornate. Die Kaiserin. Chines. Mandarinen, Hofdamen, Bonzen und Chinesen aus dem Volke. Choreaner. Thibetaner. Japaner. Der Schah von Persien. Pers. Khane, Hofoffiziere, Damen und Perser und Perserinnen aus dein Volke. Beludschen, Usbeken, Afghanen, Kurden, Kirghisen, Georgier, Migrclier -und Bergbewohner des Kaukasus. Ein Jmmerethischer Fürst. Spanische Tracht in Mexiko. Männer- und Frauentrachten in la Puebla, Guatemala, Bolivia und Lima. Vornehme Mulattin- Tracht der brasil. Mestizen. Indianerin. Viehhüter. — Nationalsitten der Haupt- Völker Asiens: Chines. Gaukler. Chines. Theater. Chines. Bastonade. Chines. Marionettentheater. Chines. Mandarin, Besuche abstattend. Chines. Quacksalber. Das Pflanzen und Zubereiten des Lhees in China. Die Behandlung der Seidenwürmer in China. Ein chines. ReiShändler. Türkische öffentliche Frauenbäder. Das Innere eines türk. Frauengemachs. Der Jftar. Ceremonie im Lhronsale des Sultans. Tanz türk. Derwische. Gebet und Ab. Waschung der Mohammedaner- Ein büßender Derwisch. Sitten der Perser. — National- fltten der Hauptvölker Amerikas: Menschenopfer der alten Mexikaner. Anthropopha- gen in den Wäldern von Paraguay. Das Zubereiten des Cacuingetränks bei den Anthro- pophagcn. Kriegstanz der brasil- Tupinambas. Gefangene der Tupinambas zum Tode geführt. Bcgräbnißfeicr der Tupinambas. V. LbtdoUuNA. Kriegswesen, Armeen und Waffen (15 Tafeln). Deutsche Bundestrup- pen: Militairordcn des östreichischen Kaiserreichs. Militairordcn des Königreichs Preußen.— Osmanen und Perser: Türkischer Pascha mit Gefolge. Zeltlager eines türk. Paschas mit drei Roßschwcifen. Araber aus der Gegend von Acre. Türk. Feldlager. Das Tomakspicl der Ztsch-Oghlans. Das Djeridspicl der türk. Dschindis. Janitscharcnoffizicr. Ägyptische schwere und leichte Reiterei. Artillerieoffizier. Viceadmiral. SchiffScapitain. Milizsoldatcn. Rcgulaire Linicninfanterie. — Kriegswesen des Alterthums: Waffen der Griechen. Waffen der Römer. Waffen der Etrusker. Der Leichenwagen Alexander des Großen. Lriumphzug röm. Feldherren. Waffen der Ägypter, der Karthager, Meder, Perser und Inder. Waffen der Gallier und Franken, der Germanien, Britten, Angelsachsen und Angcldänen. Sattelformen. Taktik und Strategie der Griechen und Römer. Röm. Imperator. Röm- Heerführer. Gefolge des Imperators. -Sarmatischc gepanzerte Reiter. Röm. Legaten beim Heere. Röm. Tribunen. Röm- Ritter. Legionarische Reiterei. Röm. Legionsadler, Fahnen und Feldzeichen. Röm. Lriumphkrone, Belagerungskront, Bürgerkrone, Mauerkrone, Myrren- krone, Wallkronc und Schiffskrone. Siegesmünzen, Siegeszeichen und Siegessäule. Kriegsopfer und Lodesmahl der Griechen. Röm. Feldherr mit Gefolge. Der Kriegselefant im Gefechte. Sichclwagcn. Röm. Fußvölker und Hülfstruppen. Röm. Lagcrstcllung. Röm. Hecrsordnungen. Vk. Schiffsbau und Seewesen (7 Tafeln). Seewesen der neuern Zeit und der Gegenwart: Kriegsgericht am Bord eines Schiffs. Das Kiclbolcn. Das Aufhisscn der großen Flagge auf einem Admiralschiffe. Ein Brand auf dem Meere. Einrichtung eines Kriegsschiffs. Engl. Linienschiff von 120 Kanonen, salutircnd. Franz. Linienschiff von 84 Kanonen, alle Flaggen im Schau. Ein Schiff die Flagge im Schau, in den Hafen einlaufend. Kriegsbrigg nach-einem Gefechte, die Flage streichend. Nachtsignale. Die Ausgucker auf dem,großen Mast während eines Gefechts. Die Wachtrolle der Matrosen. Dis- ciplinarstrafen. Altere curop. Kriegsschiffe. Galeeren. — Schiffsequipage: Franz., russ. und engl. Marineoffiziere, Matrosen und Schiffsjungen. — Außereurop. Marine: Hafen und curop. Factoreien in Canton. Fahrzeuge der Chinesen, Japaner, Malaien, Indier. — Seewesen der Alten: Kleines Lastschiff. Phöniz. Frachtschiff Schiffsziehcr- Staatsschiff des Königs Hieron von Syrakus. Kampfschiff in der Naumachie. Thurmschiff. Kleine Drcirudcrer. Großes dreiruderiges Kriegsschiff der Römer. Großes vierruderiges Kriegsschiff. Kriegsschiff der Normänner. Ein Seckampf. Verzierung am Hintertheil der Schiffe- Schiffsschnäbel. — Schiffsdampfmaschinen: Dampfmaschinen von 100 und von 450 Pferdckräften. Ausrückungsapparat für große Dampfmaschinen. Exhaustionsapparat. Dampfschiff mit Schaufelrädern. VII. AbtdoiluriA. Denkmale der Baukunst (7 Tafeln), klassisches Alterthum: Denkmale der etruskischen und röm. Baukunst. Das Forum zu Rom, vom Capitol aus gesehen. Denkmale der griech. Baukunst. Das alte Athen mit seinen Denkmälern. Säulenhallen. — Theoretische Baukunst: Toscan. Säulenweite. Dorisches Gebälk und Säulenknauf. Dorische Säulenweite. Ionischer Säulcnknauf. Ionische Säulenweite. Korinth. Säulenknauf. Korinth. Säulenwcite. Vermischter oder röm- Säulenknauf. Die Säulenordnungen. -Geländer zu den fünf Säulcnordnungen. Verdünnung der Säulen. Aufriß der Pforte der Kirche St.-Lorenzo in Florenz und des Kanzleipalastes in Rom. Gesims und Säulcnknauf am großen Tempel zum Pästum. Säulenfuß und Basis zu den fünf Säulenordnungen. Gesims und Säulenknauf zu den fünf Ordnungen. VIII. Religion und Lultur (1 Tafel). Gottheiten der Griechen und Römer: Basrelief aus dem Britischen Museum, die neun Musen darstellend. Apollon als Mu- senführcr. Kalliope, die Muse des EpoS. Klio, die Muse der Geschichte. Terpsichore, die Muse des Tanzes. Polyhymnia, die Muse der Beredtsamkeit und der Mimik- Euterpe, die Muse der Musik. Urania, die Muse der Sternkunde. IX. Schöne Künste (ll Tafeln). Bildhauerkunst des classischen Alter- thumS: AntinouS- Apollon. Der ruhende Faun. Gcrmanicus. Hercules mit dem Knaben Lclephos. Der Knabe mit der Gans. Die Gruppe des Laokoon mit seinen beiden Söhnen. Meleager. Minerva. Die Mcdiceische Venus. Die Venus von Milos. Die Venus im Museum zu Dresden. Die Venus von Capua. Die Capitolinische Venus. Diana als Jägerin. Salustia Barbia Urbiana. Julia Soämias. Der Schlaf als Knabe. — Bildhauerkunst der neuern und neuesten Zeit: Die drei Grazien von Germain Pilan. Der gefesselte Sklave von Michel Angele. Die büßende Magdalena und die Tänzerin von Canova. Statue des Jason und Statue des Apollon von Thorwaldsen. Cincinnatus von Chaudct. Der neapolit. Tänzer von Duret. Spartacu« von Foyatier. Die Zungfrau von Orleans von Prinzessin M. d'Orleans. X. -xktboiluiix. Nützliche Künste und Gewerbe (6 Tafeln). Öffentliche Bauten: Atmosphärische Eisenbahn. Eisenbahnen. — See- und Flußfischfana: Die Thunfischerei an Len Küsten von Sicilien. Der Wallfischfang an Len Küsten von Grönland. Die Hering- sischcrei an den Nordküstcn von Schottland. — Maschinenbau: Einfache Säugpumpe. Einfache Druckpumpe. Bergwerkspumpe. Pumpe mit abgesondert wirkenden Kolben. Saug- und Druckpumpe von Cetestu. Waffersäulenmaschine zu Klausthal von Jordan. Wassersäulenmaschine zu Jllfang in Baicrn. Krahn in Holz und Gußeisen von Cave. Drehkrahn von Gußeisen mit Verschiebung der Last. Beweglicher Drehkrahn von Gußeisen, mit Gegengewicht. Beweglicher Krahn zum Übersetzen der Diligencen auf Eisenbahnwagen. Getreidemühlen nach amerikanischen System. LL" Ein erläuternder Text zn diesem Werke wird später gratis geliefert werden. Dieser Atlas, kein gewöhnliches Bilderwerk, sondern eine wissenschaftlich geordnete und auf das sorgfältigste ausgeftattete Jkouographische Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, sMepr fich an alle die zahlreichen Originalausgaben, Nachdrücke und Nachbildungen des Conversations - Lexikon an, zunächst an die jetzt erscheinende neunte Auflage desselben, und bildet zugleich mit dem dazu gehörigen erläuternden Texte ein selbständiges Ganzes. Die Fortsetzung erscheint regelmäßig monatlich in wenigstens zwei Lieferungen. AE" In allen Buchhandlungen sind die bis jetzt erschienenen Lieferungen vorräthig, und ich fodere um so mehr auf, sich dieselben zur Ansicht vorlegen zu lassen, als nur hierdurch ein richtiger Begriff von dem Reichthum und der Man- nichfaltigkeit des Inhalts erlangt werden kann. Es wird dann gewiß Jedermann die Uebcrzeugung gewinnen, daß dieses Werk - durch feinen fyftematifche« Atän'und die artistische Ausführung als einzig in seiner Art dafteht, und daß der Preis desselben bei solchen Leistungen ein ungemein billiger genannt werden muß. Leipzig, im Mai I8t5. F A. Srockhaus. Neuestes und vollständigstes Fremdwörterbuch, zur Erklärung aller aus fremden Sprachen entlehnten Wörter und Aus- drühe, welche in den Künsten und Wissenschaften, im Handel und Verkehr Vorkommen, nebst einem Anhänge von Eigennamen, mit Bezeichnung der Aussprache bearbeitet von Or. I. H. Kaltschmidt. Gr. 8. Geh. 2 Thlr. 12 Ngr. (Kann auch in 9 Heften a 8 Ngr. bezogen werden). I-eipriß, bei k. L. öiMkdLUs. Vollständigkeit, gute typographische Einrichtung und ein verhältnißmäßig sehr billiger Preis sind die Eigenschaften, wodurch dieses Werk sich vortheilhast auS- zeichnct und als ein praktisches Handbuch empfiehlt. Vom Zahre 1845 an erscheint im Verlage von F. A. Brockhau« in Leipzig und werde« Bestellungen hierauf bei allen Buchhandlungen und Postämtern angenommen: Deutsches Vottsblatt. Eine Monatschrist Für das Volk und seine Freundes Herausgegeben von Pfarrer I)i . Robert Haas. Gr. 8. 12 Hefte. Preis des Jahrgangs 24 Ngr. Als selbständige Beilage hierzu erscheint: Centeakblatt, ein Organ sämmtlicher deutscher Vereine für Volksbildung und ihrer Freunde. Gr. 8. Jährlich 4 Hefte. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Das Deutsche Bolksblatt, ein eigentliches Volksbuch zur Bildung und Erheiterung, wird anregende und belehrende Aufsätze aus allen Gebieten des menschlichen Wissens, Geschichtliches, Lebensbeschreibungen, Erzählungen, Lieder u. s. w. enthalten und in monatlichen Heften zu drei Bogen erscheinen. Vom Ventralblatt erscheint vierteljährlich ein Heft zu vier Bogen; Aussätze über Volksgcsellschasten und Volksbibliotheken, Erörterungen über Volksleben, Volkssitten, Volksfeste, geschichtliche Nachrichten über Entstehung, Fortgang und Wirksamkeit der Vereine für Volsbildung, die Jahresberichte der Vereinsvorstände u. s. w. werden den Hauptinhalt desselben bilden. 8L" Die erschienenen Hefte find in allen Buchhandlungen einzusehen. Volks - Bibliothek. Erster Band: Joachim Nettelbcck, Bürger zu Colberg. Eine Lebensbeschreibung von ihm selbst ausgezeichnet, und herausgegeben von 2. LH. L Haken. Mit dem Kildnisse UcUelbeck's und einem Plane -er Gegend um Cstberg. Gr. 8. Geh. 1 Thlr. Mit der zweiten Auflage dieser trefflichen Werkes beginnt eine Sammlung, die durch Inhalt und billigen Preis den Namen Kolk««Bibliothek rechtfertigen wird. Nettelbeck's Lebensbeschreibung, die in erster Auflage 3 Thlr. kostete, wird hier bei weit besserer Ausstattung dem Publicum für 1 Thlr. geboten, um dieses anerkannt gute Buch auch den weniger Bemittelten zugänglicher zu machen. AL" Allen Vereinen zur Verbreitung guter Volksschriften wird diese Volks-Bibliothek zu gefälliger Beachtung empfohlen. Leipzig, im Mai 1845. F. yr. Blockhaus. O Q. rv