Druckschrift 
7 (1846) Heim bis Juwelen
Entstehung
Seite
357
Einzelbild herunterladen
 

Hunger Huugercur 357

geschnitten oder ausgebrannt, oder mit reizenden Stoffen, wie Essig, Salzwasser u. s. w.ausgewaschen wird, wodurch in Folge der vermehrten Blutung und nachherigcn Eiterungdas Gist entfernt werden kann, che es sich weiter im Körper verbreitet. Alle Vorkehrungen,die der Aberglaube erfunden hat, um dnrch gewisse Operationen an gesunden Hunden dieFähigkeit, toll zu werden, auszurotten, haben sich als unnütz und sogar als schädlich erwie-sen, indem dadurch nur der Sorglosigkeit Vorschub geleistet wird.

.Hunger (s-imcs) ist das Gefühl des Bedürfnisses der Nahrung, welches man imgesunden Zustande dann hat, wenn die zuletzt genossene Nahrung aufhört, reizend auf dieVerdauungsorganc zu wirken. Was die nächste Ursache des Hungers sei, ist noch nicht er-kannt; die Erklärungen, daß durch gegenseitiges Aneinandcrreiben der Magenwände oderdurch die unmittelbar auf sie einwirkenden Verdauungssäftc, oder durch die sich in Erman-gelung anderer Objecte auf die Magcnwände selbst richtende Thätigkeit der einsaugendenGefäße der Hunger entstünde, lassen sämmtlich Widerlegungen zu. Al? bloße Eßlust oderAppetit ist der Hunger keine unangenehme Empfindung, als solche kann er selbst durch denGenuß von wenig nahrhaften, sondern nur reizenden, salzigen oder gewurzhaftcn Substan-zen willkürlich erregt werden. Wird diese Eßlnst nicht befriedigt, so beginnt die Empfin-dung unangenehm zu werden und cs treten nun Erscheinungen ein, welche anzcigen, daßerneuerte Nahrung nicht nur Bcdürfniß der Magennerven, sondern des ganzen Organis-mus, daß die Ernährung desselben bereits beeinträchtigt sei. Bei fortgesetzter Enthaltungvon Nahrungsmitteln wird der Magen immer empfindlicher, und diese Empfindlichkeit setztsich auf das Gehirn fort; es folgen heftige Kopfschmerzen, Delirien und Tobsucht und einfürchterlicher Tod endigt diesen Zustand. Die Länge der Zeit, welche der Mensch oder einThier ohne Nahrungsmittel zubringen kann, ist sehr verschieden; kaltblütige Thiere ertra-gen den Hunger viel länger als warmblütige; bei einem übrigens gesunden Menschen trittder Tod bei vollkommener Nahrungslosigkeit ungefähr nach einer Woche ein. Heißhun-gers. d.) nennt man den Hunger nicht nur dann, wenn dieser schon einen hohen Grad er-reicht hat, sondern auch, wenn er seiner Natur und seinen Ursachen nach krankhaft ist. MitJähhunger bezeichnet man ein starkes aber nicht krankhaftes Verlangen nach Speise.

Hungerkur (cura psr inelliili») nennt man im engem Sinne dasjenige ärztlicheVerfahren, welches hauptsächlich durch die Entziehung eines Theils der dem Körper nothi-zen Quantität Nahrung die Heilung einer Krankheit Herbeizufuhren sucht, während zuwei-len auch schon die bloße Versagung gewisser Nahrungsmittel (cur-, per «liactiun, Diätcur)und die Entziehung eines Theils der gewöhnlichen, dem Körper aber nicht unbedingt nöthi-gcn Nahrung (cur-, per aiistineiitmm, Entziehungscur) diesen Namen im weitern Sinneführen. Die Anleitung zu einem solchen Verfahren, welche schon die Natur selbst durch dieAppetitlosigkeit in fast allen acuten Krankheiten gibt, wurde bereits von den Alten aufgc-faßt, und schon Hippokrates bediente sich des Hungers als eines Heilmittels; die Erstenaber, die eine systematische Hungercur anwendcten, waren aus der Schule der sogenanntenMethodiker, mit deren Erlöschen auch die Hungercur bis gegen das Ende des Mittel-alters vergessen worden zu sein scheint. Die in dieser Zeit auftrctenden Übel waren derWiederanwendung dieses Heilverfahrens besonders günstig, und so gelangte cs endlich,namentlich auch durch F. Hoffmann (s. d.), WinSlow, Struve, Pons, Kluge, Louvrierf »nd Rust empfohlen, zu hohem Ansehen. DicQuantität und Qualität der bei der Hunger-kur zu genießenden Speisen ist nach Maßgabe der Verschiedenheit der Krankheiten und der> Kranken und selbst nach den nicht ganz übereinstimmenden Methoden allerdings verschie-de», doch wird fast durchschnittlich die Menge von acht bis zwölf Loth einer leicht verdau-lichen Kost für den Tag nebst einer beliebigen Menge von Wasser oder Holztrank verord-»et, wobei noch andere die Secretivnen der Haut, der Nieren, der Lungen und des Darm-kanals befördernde Mittel hin und wieder gereicht werden, und in dieser Art vier bis achtWochen fortgefahren. Die nächste Wirkung eines solchen Verfahrens ist, daß Alles, was>n den Nahrungskanal gelangt, vollkommen verdaut und sonach ein besserer Nahrungssaftsanzüns) ausgeschicden wird. Da jedoch dieser allein seiner geringen Quantität wegen nichtw> Stande ist, dem Blute hinlänglichen Stoff zur Ernährung des ganzen Organismus zuMähren, so werden, um Nahrungsstoff zu gewinnen, alle Secretionen vermindert und