3-19 Humboldt (Karl Wilh.)
nen ließ. Statistik Mid Ethnographie erhielten durch H.'s Reise ungemein große Vermeh-rungen, denn keinem Fremden waren je die Archive der Colonien geöffnet worden. Indes-sen war auch hier die Verarbeitung der Materialien eine eigenthümliche, denn in dem mehreBände umfassenden Musterwerke über das Königreich Neuspanien stehen nicht die trocke-nen statistischen Zahlenreihen allein da, sondern sic sind in Verbindung gebracht mit natur-geschichtlichen Thatsachen, so daß beide sich gegenseitig erklären und verschiedene Lehren derStaatsökonomie unter einem völlig neuen Gesichtspunkte behandelt erscheinen. Vergleicheanzustellen über die Bodencultur unter verschiedenen Klimaten und in weit voneinanderentfernten Ländern, über ihre Einträglichkeit, ihren Einfluß auf die Civilisation und sonachauf die geschichtliche Entwickelung und selbst die späte Zukunft der Völker, die Ebbe unddie Flut metallischer Reichthümer zu erforschen, wie sie nach allen Seiten verändernd sichüber einzelne Welttheile ergießen, je nachdem der Boden irgendwo neu erschlossen oder nemVerbindungswege zwischen Völkern entdeckt wurden, ist eine von H. zuerst geübte philoso-phische und daher höhere Betrachtungsweise der Sätze der ältern Staatswirthschaftslehre.
Es läßt sich denken, daß bei dieser Gewöhnung, keine Frage und kein Factum iso-lirt hinzustellen, sondern ihre Lösung in Combinationen zu suchen, die Werke H.'s Fund-gruben des mannichfachsten Wissens, aber auch bändereich sein müssen; dennoch aberhat H.es möglich gefunden, zahlreiche abgesonderte Untersuchungen theils allein, theilsin Verbindung mit Andern anzustellen, oder mindestens zu ihnen anzuregen. Sein letzte?Werk, die Geschichte der nautischen Geographie im Mittelalter, welche nur ein Historiker,der zugleich Astronom und Naturforscher war, schreiben konnte, seine gemeinsamen Arbei-ten mit Gay-Lussac, die theils chemische waren, theils der Feststellung des magnetischenÄquators galten, seine große Entdeckung der Isothermen, eine Menge von Abhandlungenaus dem Gebiete der physischen Geographie und die Betheiligung an fremden Werken durchLieferung von Beiträgen oder Anmerkungen, sind Beweise einer nimmer rastenden undVieles und Großes in kurzer Zeit leistenden Thätigkeit. Anregend hat H. auf seine Zeitge-nossen einmal durch sein Beispiel gewirkt, und hierdurch die Schule gebildet, die obenerwähnt wurde; außerdem aber hat er sich überall mit den Befähigten in Verbindung ge-setzt und sie entweder auf Untersuchungen geleitet, oder auch ihnen durch seinen bedeuten-den Einfluß und die wohlverdiente Achtung, die er bei Negierungen und gelehrten Körper-schaften genießt, die nöthige Unterstützung verschafft. Die Errichtung von magnetischenObservatorien bis in die entlegensten Colonien der Engländer und bis Sibirien verdanktman ihm; auf seinen Betrieb ließ schon 1828 die Negierung in vielen preuß. Bergwerkenthermomctrische Beobachtungen anstellen, und später wurden diese Forschungen aufBcfchlder russ. Regierung auf dem ewig gefrorenen Boden Nordasiens fortgesetzt. Manchemjünger« Naturforscher verschaffte er zuerst eine bürgerliche Stellung, mancher ungekrnnleoder vom Schicksal gedrückte talentvolle Gelehrte fand an ihm einen eifrigen Beschützer,und das Bedeutende, was Preußen in den letzten Jahrzehnden für die Förderung natur-wissenschaftlicher Studien gethan, geschah größtentheils auf seine Veranlassung. Ein fle-ckenloses Leben, ein edler, von Selbsucht völlig freier Charakter haben ihn, ebenso die Liebeund Achtung aller mitlebenden Naturforscher als die Zuneigung der Fürsten verschafft, mitwelchen er in häufiger Berührung steht; seinen wissenschaftlichen Leistungen wird auch diespäte Nachwelt dankbare Anerkennung zollen.
Humboldt (Karl Wilh., Freiherr von), der Bruder des Vorigen, ehemaligerpreuß. Geh. Staatsminister, einer der gründlichsten Gelehrten und edelsten Staatsmänner,geb. zu Potsdam am 22. Zum 1767, empfing in Berlin eine sehr sorgfältige Vorberei-tung, studirte dann in Göttingen und trat, nachdem er mehre Jahre in Jena, wo er na-mentlich Schiller's Freundschaft und täglichen Umgang genoß, gelebt hatte, > 800 als preuß.Resident am päpstlichen Hofe in die diplomatische Laufbahn. Rom, wo er einige Jahrespäter als außerordentlicher Gesandter bevollmächtigt wurde, gab nicht nur seinem Stu-dium des AlterthumS neuen Schwung, sondern bildete ihn auch zu einem vorzüglichenStaatsmann. Jm J. 1808 wurde er Geh. Staatsrath und Chef der Section für denCultuS, den öffentlichen Unterricht und die Medicinalanstalten im Ministerium des Innern.Mit dem Range eines StaatsmmisterS ging er 1810 als Gesandter seines Hofes nach