346 Humboldt (Friedr. Heinr Alex.)
zwei Richtungen zu gehen. Sie bezweckt entweder die Anhäufung eines reichen Materialsan Sachen,Beobachtungen und speciellen Untersuchungen, oder sie unternimmt dieVerarbci-tung der Resultate eigenerund fremder Forschung zu einem Ganzen, welches entweder un-terstützend und erweiternd an schon Vorhandenes sich anschließt, oder an die Stelle des un-brauchbar gewordenen Alten tritt. Seltener als man meinen möchte, sind die Männer, diemit gleichem Glück nach beiden Richtungen arbeiten, denn es seht die Verfolgung der leh-tern nicht nur tiefe, sondern auch sehr vielseitige positive Kenntnisse, großes Talent der Be-obachtung und die Gabe des Generalisircns voraus, die Fähigkeit nämlich, an Thatsachenschnell und scharf jene wichtigen und bezeichnenden Seiten aufzufasscn, wo sie mit andernsich verbinden lassen, andere unterstützen und sie erklären. H.'S Leistungen sind in beidenBeziehungen sehr groß, aber besonders sind diejenigen seiner Arbeiten merkwürdig undverdienstlich, wo er den Schatz eigener Erfahrungen und Beobachtungen mit den frem-den aller Zeiten bis auf die Gegenwart herab in Verbindung bringt, und mit Klarheit dieüberraschendsten Resultate darlegt. Schon aus einem seiner frühesten, noch vor der Reisenach Amerika verfaßten Werke „Über die gereizten Muskel - und Nervenfasern" (2 Bde.,Berl.! 797—99) spricht dieser Geist, und nach Verlauf von fast einem halben Jahrhunderterkennt die inzwischen weit vorgeschrittene Physiologie die Genauigkeit und Schärfe jenerVersuche über Galvanismus und die Wahrheit der meisten der aus ihnen gezogenen Fol-gerungen. Auf seinen Reisen Höhenmessungen mit Üntersuchung der thermometrische»Verhältnisse und der Beschaffenheit des BodenS verbindend, und neben diesen kiefern Ar-beiten es nicht verschmähend, Herbarien zu sammeln, gelangte H. zu einem reichen Mate-rial, durch dessen geistreiche Combination unter seinen Händen eine neue Wissenschaft, diePfianzengeographie, entstand. Zwar hatten schon Linns und einige seiner Nachfolger mancheder hervorstechendsten Erscheinungen in der Verbreitung der Pflanzenwelt bemerkt, alleinsichnie mit genauer Untersuchung derselben beschäftigt. Es blieb H. das große Verdienst, eineunendliche Menge von Thatsachen, die zum Theil in den entlegensten Erdwinkeln beobach-tet worden waren, mit den eigenen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, ihre Vrr-bindung mit den Lehren der Physik nachzuweiscn und die Gesetze zu erläutern, nach welchendie unendlich formenreiche Pflanzenwelt über den weiten Erdkreis vertheilt ist. Könnensolche Untersuchungen an sich nicht isolirt angestellt werden, so führen sie zumal einen geist-reichen Forscher auf Prüfung mancher scheinbar fernliegenden Frage, und so ist es denngeschehen, daß unter H.'s Händen die in ihrer altherkömmlichen Form ziemlich geistlose Bo-tanik zu einer der anziehendsten der Naturwissenschaften wurde. Es gelang H. nachzuwei-sen, welche gewaltige Einwirkung die stille und passive Pflanzenwelt auf Bildung des Bo-dens, auf den Zustand der Völker und auf die geschichtliche Entwickelung des Menschen-geschlechts seit der Urzeit geübt hat. So viel Anziehendes hat für den Denkenden dichVerbindung der physikalischen Wissenschaften mit der menschlichen Geschichte, und so reichan unerwarteten Ergebnissen ist diese neue Betrachtungsweise, daß den von H- entdecktenWeg alsbald eine bedeutende Zahl von Forschern zu verfolgen begann. Mit allem Rechtedarf man daher H. als den Gründer einer besondern Schule ansehen, die jetzt keineswegsin Deutschland allein wurzelt. Ist es auch nur Wenigen gelungen, dem Vorbilde sich fastgleichzustellen, so durchweht doch gegenwärtig der Geist, den wir nicht anstehen wollen alsden H.'schen zu bezeichnen, die höhern Leistungen aller europ. naturwissenschaftlichen Rei-senden. Je überraschender die Resultate sind, die durch Combination von Wissenschaftenerreicht werden, welchen man ehedem keine engere Verwandtschaft zutraute, je wahrer siesich erweisen, je freier die H.'sche Naturforschung von mystischer Deutung und von Geheim-spräche sich stets erhielt, je klarer und selbst den Mindergeweihten verständlich sie hintritt,um so sicherer wird sie für die Folgezeit ein Muster bleiben. Zu der innern Tüchtigkeit derH.'schen Werke gesellen sich als nicht unbedeutende Nebeneigenschasten die poetische Auf-fassung der Natur, da wo es darauf ankommt, anschauliche Gesammtbilder zu entwerfen,und das Geschmackvolle der Form. Tausende von Lesern, welchen im Übrigen keine spe-cielle Kenntniß der Naturwissenschaften zu Gebote stand, haben sich durch H.'s Naturge-mälde der Tropenländer hingerissen gefüblt.
Die Arbeiten H.'s in einzelnen Fächern sind staunenswerth durch ihren Umfang und