Horatins Flaccus 291
glauben, bleibe dahingestellt; genug, H. machte schwerlich jetzt zum ersten MaleBerse, undmachte sie auch jetzt nicht etwa, um Brot damit zu verdienen, welches ihm, wenn auch nurmäßig, die erlangte Stelle eines Quästurschreibers gewährte. Nächst der Poesie beschäftigteer sich mit der Philosophie; deshalb wählte er unter andern eine Gattung der Poesie,.diesich vornehmlich dem philosophisch-dichterischen Geiste eignet, die didaktische, wozu die Sa-kire gehört. Durch natürliche Anlage für diese Gattung vorzüglich geeignet, zog er sehr balddie Aufmerksamkeit und Bewunderung der gebildeten Welt auf sich. Namentlich schenktenihm zwei Dichter des ersten Ranges, Virgilius und Banns, ihre Freundschaft, die ihn beiMäcenas (s. d.) einsührten. Dieser nahm dcnH. nach neun Monaten in seinen vertrau-tem Kreis auf und beschenkte ihn nach einigen Jahren mit dem sabinischen Landgute, des-sen H. in seinen Gedichten so oft gedenkt. Die schönen Erinnerungen an die Zeit der Re-publik und an die Partei, der er gedient hatte, ließen ihn nicht die Gnade des jetzt mächtigenUsurpators nachsuchen; ja er wich dieser vielmehr aus, wie die drei Zuschriften des Augu-sms an ihn beweisen, welche SuctoniuS uns in dcr„Vitu Ikoisti!" aufbewahrthat, und dereneine nicht ohne Empfindlichkeit ist. Selbst den Antrag des Augustus, in seine Dienste zutreten und die Besorgung seiner Privatcorrespondenz z» übernehmen, lehnte H. unter demVorwände geschwächter Gesundheit von sich ab, und ein an Augustus gerichtetes Gedichtmußte dieser im eigentlichen Sinne ihm abdringen. Übrigens war H., der so große Bei-spiele von dem Unbestande der menschlichen Dinge erlebt hatte, weise oder klug genug, sichvom öffentlichen Leben zu Nom entfernt zu halten und die Einsamkeit in seinem Sabinumeinem scheinbar größer» Glücke vorzuziehen, was vielleicht auch seinen Neigungen am mei-sten zusagtc. Fast alle seine Gedichte an Mäcenas drücken Liebe zur Freiheit, Gleichgül-tigkeit gegen ein Glück, das von der Meinung Anderer abhängt, und seine Zufriedenheitnüt einer Lage aus, in welcher er sich über seine Wünsche reich befand. Jndeß trug er eben-so wenig eine Nusticität zur Schau, als ihm strenges, mürrisches Wesen zur Tugend noth-wendig schien; vielmehr zeigte er überall eine echte Urbanität, welche für jedes Verhältnißden angemessenen Ton findet.
Wir besitzen von H. vier Bücher „Oden"; ein Buch sogenannter „ Epoden " (s. d.), -in denen er den ArchilochuS zum Muster nahm; zwei Bücher „Satiren" und zwei Bü-cher „Briefe", deren einen an die Pisonen man öfter als ein eigenes Werk unter demTitel „>rs poeticu" anführt. Um H. als Lyriker richtig zu würdigen, darf man nicktvergessen, daß er unter den Römern der Erste war, welcher die röm. Sprache für die lvri-sche Poesie ausbildete und sie, mit nicht geringer Mühe, in die schwerem griech. Sylben-maße fügte. Durch anhaltendes Studium brachteereinen meisterhaften Versbau zu Stande;doch ist dies keineswegs sein einziges Verdienst, auch an Empfindung und Ausdruck stehtn nicht zurück. Zwar läßt sich nicht leugnen, daß der größte Theil seiner lyrischen Gedichtenur aus Nachahmungen griech. Muster, des ArchilochuS, Alcäus, Ttesichorus,der Sapphou. A. bestehe, und dgrum auch so voll von griech. Bildern, Wendungen und Wortfügungen,ia stellenweise blos Übertragung aus dem Griechischen ist; ganz originell ist er dagegen inleinen „Satiren". Diese, zu denen man auch seine „Briefe" zählen darf, da sie sich von je-nen durch wenig mehr als die Aufschrift und die Richtung an eine Person unterscheiden,hoben mehr oder weniger ein Colorit des Komischen und dürfen nur aus diesem Gesichts-punkte beurtheilt werden. H. will weniger die Laster züchtigen als die Narrheiten in ihrerlächerlichen Blöße zeigen, denn er sieht mehr Narren als Schurken in der Welt ; den Vor-»rtheilen und Jrrthümern setzt er seine Philosophie entgegen, die dem Genuß die Weisheitzum Wächter stellt und alle die Tugenden lehrt, ohne welche der reine Genuß theils unmög-^ch ist, theils ganz verbittert wird. Dieleichte, gefällige Art, womit er philosophirt, dasTrlz, womit er seine Gedanken würzt, die Feinheit und Leichtigkeit, mit denen er sich mit-steilt, verhindern alle Einförmigkeit und gewähren die anziehendste Unterhaltung. SeinVortrag ist der leichteste und ungezwungenste, und H. wußte den Hexameter so zu bearbei-ten, daß er durchaus den natürlichen Schritt der gesellschaftlichen Unterhaltung zu gehenMint. Noch gegenwärtig sind diese seine Darstellungen nicht ohne Anwendbarkeit undZntcresse und darum ist auck H. stets der erwählte Liebling aller Männer von Geist und
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