276 Homer
alterchindurch bloS durch mündliches Überliefern erhalten worden. 2) „Ilias" und „Odyssee"rühren nicht von Einem Verfasser her, vielmehr sind sie aus verschiedenem Zeitalter, die„Ilias" älter, die „Odyssee" wenigstens um ein Jahrhundert jünger. 3) Selbst kcins vonbeiden Gedichten, wie es daliegt, ist von Einem Verfasser, jedoch nicht so, daß jedes blo§interpolirt sei, sondern daß jedes aus ursprünglich einzelnen, nicht auf ein Ganzes ange-legten, großen Rhapsodien bestand, welche dann durch Rhapsoden, die die vorgeschriebe»»,Züge weiter verfolgten, ferner durch Diaskeuasten zur Zeit der Pisistratiden, und endlichdurch Kritiker in wohlverbundene Cvmpvsitionen gebracht worden sind, auf deren Autori-tät sich nun der gewöhnliche Text stützt, sodaß wir gar nicht mehr auf die ursprüngliche Ge-stalt, selbst nicht durch kühne Vcrmuthungen, zurückkommen können. 4) Endlich sind diebeiden großen Homerischen Gedichte höchst wahrscheinlich theils aus Dichtungen H.'s selbstals ersten Verfassers, theils aus Dichtungen Homerischer Rhapsoden im Geiste ebendessel-ben Genius entstanden, später jedoch gewiß von Diaskeuasten, zu verschiedenen Zeiten,zu kunstreichen Ganzen schriftlich so zusammengefügt und geordnet worden, wie wir sienoch jetzt haben. Diese Ansicht fand zwar eine große Anzahl von Vertheidigern, aber auchnicht wenige Gegner, wie Ruhnken, Villoison, I. H. Voß, Sainte-Croix, Hug u. A., bisman in neuester Zeit mehr einen vermittelnden Weg gesucht hat, den auch G. Hermannwählte, indem man zwar an der ursprünglichen Einheit beider Gedichte festhält und dieExistenz eines Verfassers von beiden nicht bezweifelt, die vielfachen Änderungen und Ein-schaltungen einzelner Verse und ganzer Äbschnitte aber, die in der Folgezeit hinzugekommensind und jetzt sich schwer von dem Echten ausscheiden lassen, mit Recht als entschiedeneWahrheit aufstellt. Daher mußten auch die Versuche der Engländer Payne-Knight undB randreth, einen voralexandrin. Text herzustellen, mislingen, da wir den Text nur auf dieAristarcheische Recension zu basiren im Stande sind, wie dies Wolf in seinen Ausgaben desH. mit glücklichem Erfolge gethan hat, und worin ihm die meisten übrigen Herausgebergefolgt sind. Die hohen Vorzüge der Homerischen Dichtungen sind zu allen Zeiten aner- ,kannt worden. Das Leben der Homerischen Poesie ist Handlung; nirgend findet sich Dar- 'stellung des Ruhenden oder ein sogenanntes poetisches Gemälde; Alles ist in beständigemFluß und in bewegendem Fortschritte. Doch bleibt die Darstellung selbst, wenn auck seineHelden von den gewaltigsten Leidenschaften fortgerissen werden, stets leidenschafstlos, wiedie epische Form es verlangt. Das Große liegt bei ihm in den Ideen, nicht im Ausdruck,der sich nie ungewöhnlich erhebt. Seine Darstellung charakterisirt sich durch die treuesteAnschauung und sinnlichste Wahrheit, ist schlicht und einfach, wie die Natur, aber zugleichvon der sinnlichsten Mannichfaltigkeit; jeder Gegenstand hat seine Eigenthümlichkeit inTon und Farbe. Seine Gemälde sind reich und ohne Künstelei ausgeführt, und besonderswurden schon von den Alten seine meist aus dem gewöhnlichen Leben entnommenen Gleich-nisse als eine Hauptzierde gerühmt. Ebenso zeichnet sich auch seine Sprache durch Einfach-heit der Construction und des Satzbaucs aus, und der leicht dahingleitende harmonischeVers galt für alle später» Zeiten als Muster. Andere Gedichte, die H. zugcschrieben wer-den, namentlich die „Batrachomyomachie", d. h. der Frösche- und Mäusekrieg, eine Trave-stirung der „Ilias" und „Odyssee"; ferner die „Hymnen", meist zur Gattung der epischenPoesie gehörig und von den Orxhischen wesentlich verschieden, zum Theil nur Bruchstücke >alter cyklischcr Gesänge und Proömien oder Vorspiele der Rhapsoden, endlich die unbedcu- ^lenden „Epigramme", weisen in Sprache und Sitten auf ein weit jüngeres Zeitalter hin.
Unter den zahlreichen Schriften, in denen Wolfs Forschungen theils widerlegt odervertheidigt und berichtigt, theils vervollständigt, und neue Ansichten aufgestellt werden, er-wähnen wir als die vorzüglichsten die von Schubarth, „Ideen über H. und sein Zeitalter"(Berl. 1821); Köppen, „Über H.'s Leben und Gesänge", herausgeg. von Nuhkopf (Han-nov. 1821); B. Thiersch, „Über Zeitalter und Vaterland des H." (Halberst. 1824); Mül-ler, „Homerische Vorschule" (Lpz. 1824; 2. Ausl, von Baumgarten-Crusius, 1838);Kreuser, „Vorfragen über H., seine Zeit und Gesänge" (Franks. >828); Nißsch, „Vsdistoria Homeri" (2 Abthl., Hannov. 1830—37, 4.); Kayser, „ve ciiverss vomeric.osrmioum oi-i^ine" (Heidelb. 1835) und „Vs Interpolators vomerico" (Heldelb. 1842);
Düntzer, „H. und der epische Cyklus" (Köln >839); Eeppert, „Über den Ursprung der