Druckschrift 
2 (1859) Vispered und Yaçna
Entstehung
Seite
210
Einzelbild herunterladen
 

Zarathustra und die Lehren des Avesta.

v»\

210

punkt für diese Ansicht liegt in dem Länderverzeichnisse im erstenCapitel des Vendidad. Mau mag diese Urkunde für einen Berichtüber die Einwanderung der Eränier in ihr heutiges Vaterland haltenoder nicht, der Sachverhalt bleibt für unsere Frage der nämliche.Thatsache ist, dass der Verfasser dieser Urkunde nur die östlichgelegenen Länder kennt, von den westlichen höchstens Ragha in Me-dien; er wird also wahrscheinlich im Osten gelebt haben. Ein nichtminder einleuchtender Beweis findet sich im zweiten Capitel des-selben Buches. Dort wird (Vd. II. 63 67) dem Yima aufgetragen,einen Garten zu bauen an einer immerfort goldfarbigen Stelle (gold-farbig wol von reifen Früchten), dort das Wasser anzusammeln undan diesem Vögel wohnen zu lassen. An diesen Vögeln hat man schonmehrfach Anstand genommen. Wozu sollen eben Vögel da wohnen,fragt man. Der Grund ist, dass der Verfasser hier an die Eigen-tlnimlichkeiten des osteränischen Landes gedacht hat. Von Merw er-zählt Burnes folgendes: 1 )Nach dem nächsten Wege von 150englische Meilen durch die Sandwüste, bringen die ersten entgegen-Uiegenden Vogelschaa r e n (daher Murghäb d. i. Vogellluss) wiedem Schiffer auf dem Oceane, so der schmachtenden Kafila, die erstenOmina der bald überwundenen Trübsal und der Annäherung des Cul-turbodens. Diesen folgen das Grün, die Zelte der zerstreuten Tur-komanenheerden und die Dorfruinen. Nicht blos die Menschen, auchdie Thiere, das Pferd wie das Kameel, durchdringt neue Lebenslust,wenn sie sich aus der Sandwüste dem Stromthale nahen und diegrösste Munterkeit belebt ihre hüpfenden Glieder, sie sprengen zumWasser des Stromes hin. Die Beobachtung seines eigenen Landeshat demnach dem Verfasser des genannten Capitels eingegeben, waser als die wünschenswerlhesteu Eigenschaften jenes Elysiums anzu-setzen habe, dessen Gründung er uns beschreiben will.

Zeugen nun aber diese Stellen allerdings für die östliche Abfas-sung des Avesta, so geht daraus doch noch keineswegs hervor, dassdieses Buch von Zarathustra verfasst sein müsse. Nirgends findetsich meines Wissens irgend eine Stelle, aus welcher man bestimmtschliessen müsste, das Avesta müsse vor der Achämenidenherrschaftgeschrieben sein. 2 ) Man hat dies zwar häufig aus der Nichterwäh-nung der westeränischen Ländergebiete im ersten Capitel des Ven-

1) Cf. bei Ritter Erdkunde v. Asien VI. p. 235.

2) Dass inan nicht etwa in derEnvähnung von HaptaHendu einen solchenvollgültigen Beweis habe, holle ich bald im Commeutare zu Vd. I, 70 darlhunzu können.