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Die I. Legislatur-Periode des deutschen Reichstags
Zn dieser Rede Keudell's ist die Ansicht zum Ansdruck gekommen, der Staatsei die einzige Macht, die berufen und befähigt ist, Organisationen zu schaffen,um die Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichmäßig zu wahren(Stenograph. Ber. S. 79): „Zch wünsche und hoffe, daß unsere höchsten Staats-behörden, mit denen ja die Parlamente in diesem Falle ans das innigste zusammenzu wirken berufen sein werden, sich der herantretenden Aufgabe in Deutschlandgewachsen zeigen werden, und daß es gelingen wird, auf diese Weise die drohendenGefahren zu bannen."
Der Reichskanzler, welcher die Rede Keudell's mit Interesse verfolgt hatte,bemerkte nachher zu demselben: „Ihre Andeutung über die Staatshilfe wird sichschwerlich erfüllen". Aus dieser Äußerung muß man schließen, daß damals nochkein Gedanke an die drei sozialpolitischen Gesetze in seiner Seele ruhte, welche dieNachwelt dereinst als eine seiner größten Thaten preisen wird').
Unter den Neugewählten befand sich auch der Abgeordnete von Helldorfs^),nachmals viele Jahre hindurch der Führer der Konservativen. Helldorff sahBismarck zum erstenmal in Wetzlar, und zwar am lO. August 1867, wo elftererLandrat war, als der Ministerpräsident den Ort mit der Eisenbahn passierte.Bismarck, welcher von Herrn von Kendell begleitet war, hatte das Mißgeschick,daß ihm beim Verlassen des Zuges aus ein Haar die Hand an der Thür desKoupees gequetscht wurdet, so daß das erste Wort, welches Helldorff von Bismarckzu hören bekam, ein kräftiger Fluch desselben war.
Während der ersten Legislatur-Periode des Reichstags (1871 — 1874) knüpfteHelldorff die ersten persönlichen Beziehungen mit Bismarck an. Zu geschäft-lichen Verhandlungen kam es damals noch nicht. Helldorff zählte noch zu denjüngeren Abgeordneten, denen es nicht zustand, die brennenden Fragen mit denMinistern zum Austrag zu bringen.
9 Über die Vielseitigkeit Keudell's, seines neuen Kollegen im Reichstag, hatte vr. Braun-WieSbaden zur Zeit des französischen Krieges geschrieben: „Herr von Kendell ist nicht nurDiplomat, sondern auch Soldat. Er nimmt sich mit seinem frischen und kräftigen Gesicht, denschon etwas ergrauten, scheinbar gepuderten Haaren und dem hochblonden Schnurrbart in derUniform als Landwehr-Kürassier-Offizier sehr stattlich aus und erinnert an seine Ahnen, welcheals deutsche Ritter ausgezogen, um „Kultur nach Osten zu tragen". Er ist der Freund undVertraute Bismarck's und zieht diese Stellung der ungleich glänzenderen einer auswärtigenGesandtschaft vor. Wenn der Bundeskanzler der Riesenarbeit, der Schwierigkeit und derVerantwortlichkeit seiner Stellung, bei der die Hauptdiffiknltäten keineswegs vorzugsweise ansder parlamentarischen Seite zu suchen sind, zu unterliegen droht, so ist es Herr von Kendell,der ihn durch sein musikalisches Talent und seine liebenswürdige Konversation neu zu belebenweiß. Herr von Kendell ist eine Künstlernatur. Alle Welt kennt ihn und alle Welt liebt ihn."
ch von Helldorff, Otto Heinrich, Rittergutsbesitzer, königlicher Kammerherr, Landrat a. D.ans Bedra bei Frankleben, Kreis Querfnrt. Geboren zu Bedra 16. April 1833 (evangelisch).Mitglied des Reichstags von 1871 — 74 und 1876—81. Wahlkreis: Reg.-Bez. Merseburg2. Deutsch-konservativ.
3) Über dieses Mißgeschick, das erfreulicherweise keine Folgen hatte, da Bismarck mit einerleichten Hantschnrfnng davonkam, vergl. die „National Zeitung" 1867, Nr. 371, 1. Beibl. S. 1,Sp. 2 und Nr. 373, I. Beibl. S. I, Sp. 2.